Evangelien-Postille (Wilhelm Löhe)/Epiphanias

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Am Erscheinungsfeste.

Evang. Matth. 2, 1–12.
1. Da JEsus geboren war zu Bethlehem im jüdischen Lande, zur Zeit des Königs Herodes, siehe, da kamen die Weisen vom Morgenlande gen Jerusalem, und sprachen: 2. Wo ist der neugeborne König der Juden? Wir haben seinen Stern gesehen im Morgenlande und sind kommen ihn anzubeten. 3. Da das der König Herodes hörete, erschrack er, und mit ihm das ganze Jerusalem; 4. und ließ versammeln alle Hohepriester und Schriftgelehrten unter dem Volk, und erforschte von ihnen, wo Christus sollte geboren werden. 5. Und sie sagten zu ihm: Zu Bethlehem im jüdischen Lande. Denn also stehet geschrieben durch den Propheten: 6. Und du Bethlehem im jüdischen Lande, bist mit nichten die kleinste unter den Fürsten Juda; denn aus dir soll mir kommen der Herzog, der über mein Volk Israel ein Herr sei. 7. Da berief Herodes die Weisen heimlich, und erlernete mit Fleiß von ihnen, wann der Stern erschienen wäre. 8. Und weisete sie gen Bethlehem und sprach: Ziehet hin und forschet fleißig nach dem Kindlein, und wenn ihrs findet, so saget mirs wieder, daß ich auch komme und es anbete. 9. Als sie nun den König gehöret hatten, zogen sie hin. Und siehe, der Stern, den sie im Morgenlande gesehen hatten, gieng vor ihnen hin, bis daß er kam und stand oben über, da das Kindlein war. 10. Da sie den Stern sahen, wurden sie hoch erfreuet, 11. und giengen in das Haus und fanden das Kindlein mit Maria, seiner Mutter, und fielen nieder, und beteten ihn an, und thaten ihre Schätze auf, und schenken ihm Gold, Weihrauch und Myrrhen. 12. Und GOtt befahl ihnen im Traum, daß sie sich nicht sollten wieder zu Herodes lenken, und zogen durch einen andern Weg wieder in ihr Land.

 IN den Tagen, in welchen unser HErr geboren ist, war nicht bloß unter den Juden, sondern auch unter den Heiden ein allgemeines Geschrei, daß ein Erlöser und Helfer aller Welt aus Juda kommen sollte. Die Juden, das wißen wir, erwarteten ihn längst mit sehnlichem Verlangen, und die heidnischen| Völker fanden schon in den Uebeln, welche dazumal die Welt belasteten, Grundes genug, sich am Verlangen Israels zu betheiligen. Die allgemeine Erwartung hatte sich von dem heiligen Lande aus nicht blos auf die beweglicheren und bewegteren Abendlande verbreitet, sondern auch die stilleren Länder gegen Morgen waren von ihr ergriffen. Insonderheit konnten diejenigen Gegenden des Morgenlandes von jener wunderbaren Sehnsucht des menschlichen Geschlechtes leicht erfaßt werden, in denen sich einst die Juden während ihrer Verbannung aufgehalten hatten, und in welchen so viele Juden auch dann noch zurückgeblieben waren, als König Kores ihrem Volke die Erlaubnis zur Heimkehr gegeben hatte. Das waren aber gerade die Gegenden, in welchen es solche Weise gab, wie sie in unserm Texte erwähnt werden, − es waren die Gegenden von Persien und den umliegenden Landen, die Heimath der Magier. Dort war einst Daniel über alle Magier erhöht und gesetzt gewesen, und von ihm her, dem großen Propheten Christi und Seiner Tage, konnte sich ganz wohl die Hoffnung auf einen kommenden Helfer aus Juda unter den Magiern und im ganzen Lande erhalten haben. Diese alte Hoffnung aber machte den Boden empfänglich für die Saat der Gnaden, die da kommen sollte, und in den Tagen Christi auch wirklich kam. Der HErr, welcher unter Nebucadnezar und Kores jenes ferne Morgenland mit dem Lichte Seines alten Testamentes so merkwürdig heimgesucht hatte, gedachte an Seine alte Barmherzigkeit und verkündigte den dortigen forschenden Weisen die nahende Geburt Seines Sohnes, durch einen wunderbaren Stern. Da sie den Himmel und seine Sterne betrachteten, wie sie gerne thaten, fanden sie einen Stern, den sie nicht gesucht hatten, Seinen Stern, den Stern des Erlösers. Es ist eine wunderbare Rede, welche die Weisen führten, als sie nach dem heutigen Evangelium nach Jerusalem kamen, „Wir haben Seinen Stern gesehen im Morgenlande,“ sagen sie, ohne näher zu erklären, warum sie den Stern Seinen Stern nennen. Der Ausdruck ist für uns dunkel und geheimnisvoll, aber nichts desto weniger spricht aus ihm die gewisseste Zuversicht, welche sich nur denken läßt, − eine Zuversicht, welche untrügliche Zeichen, ja Offenbarungen voraussetzt, daß der Stern auf Christum deute. − Glückselige Magier, gesegnete Weise aus Morgenland! Sie haben Seinen Stern nicht allein gesehen, sondern auch unter göttlicher Anweisung erkannt. Und sie haben ihn nicht blos erkannt, sondern auch verstanden, warum grade sie zu so wunderbarer Erkenntnis gelangen; sie fühlen sich zu Dem gerufen, von welchem das Licht des Sternes mit beredtem Schweigen predigt; sie müßen Ihm entgegengehen. Die Magier, meine Freunde! waren durch den Stern zu Christo berufen.

 Es sind also gleich von Anfang an, seit den Tagen der Geburt Christi, Juden und Heiden, Heiden sowol wie Juden berufen, denn die Magier sind ja Heiden. Die Juden haben predigende und lobsingende Engel, sie haben die Hirten, sie haben Joseph und Maria, sie haben Simeon und Hanna, sie haben die Sonne selber in ihrer Mitte, den neugeborenen Christus. Die Heiden haben geheimnisvolle Offenbarung und einen wunderbaren Morgenstern. Einerlei berufende Gnade erstreckt sich auf Juden und Heiden. Aber der Ruf ergeht offenbar an die Juden stärker als an die Heiden. Die Engel, die Hirten, Joseph und Maria, Simeon und Hanna reden deutlicher und stärker, als ein stiller Stern, man kann sagen, den Juden leuchtete Christus wie Sonnenlicht, den Heiden wie Sternenlicht. Weit bevorzugter waren also die Juden in jenen Tagen, als die Heiden, wie auch vorher, in der Zeit der Vorbereitung, jene eine ungleich größere und mächtigere Gnadenströmung erfuhren, als diese. Wir wollen sehen, wo der Ruf eine größere Bereitwilligkeit, einen treueren Gehorsam fand, bei den Juden oder bei den Heiden.


 Die Weisen hätten den Stern sehen, erkennen, bewundern, sich freuen und daheim bleiben können. Sie hätten dem ihnen angekündigten großen König der Juden im Herzen die Ehre geben, sich gelegentlich nach Ihm erkundigen und damit zufrieden sein können. Eine Reise zu dem König, ein persönliches Nahen zu Ihm hätten sie sich erlaßen können; sie waren ja so ferne und das Reisen hat im Morgenlande so gar große Unannehmlichkeit und Beschwerde. Aber nein! Sie haben den Stern gesehen, nun sind sie nach dem Anschauen der Sonne begierig. Die Person, auf welche der Stern deutet, ist groß, hehr, hochwichtig für die ganze Welt und für jede einzelne Menschenseele insonderheit: ihr Gerücht ist Jahrhunderte vor ihr hergegangen −| kein erträumter Stern, auch keiner, wie man ihn sonst am Himmel sieht, der unschuldig bei den Menschen eine Deutung findet, welche er im Himmel nicht hat, sondern ein Stern deutet ihre Ankunft an, der einzig ist in seiner Art und die Theilnahme des HErrn und Seiner Himmel an ihrer Erscheinung auf Erden auf das kräftigste beurkundet. Darum zaudern die Weisen nicht, sie stehen auf und reisen aus ihrer weiten Ferne, wohl Hunderte von Meilen her zu dem Heimathland des Neugeborenen. Sie kommen und bringen aus der Fremde her nach Jerusalem die Kunde von dem, was in Jerusalems nächster Nachbarschaft unbeachtet geschehen war. Sie bringen durch ihr bestimmtes Fragen, durch ihre zweifellose Erwartung Herodes und Jerusalem in Aufregung aus dem sichern Schlafe eines weltlichen Lebens. Aus dem allen ist gewis, daß bei den Weisen das Evangelium des Sternes gezündet hat. Laßt uns sehen, wie es von Israel aufgenommen wird.

 Es ist wunderlich, meine Freunde. Nicht ohne Grund, nicht ohne sicheren Bericht aus dem grauen Altertume habe ich im Eingang dieser Betrachtung gesagt, die Juden hätten mit sehnlichem Verlangen auf die Erscheinung ihres Christus gewartet, sie seien durch Weißagungen von immer zunehmender Klarheit auf Seinen Empfang vorbereitet gewesen. Ich darf wohl auch dazu setzen: sie haben gewußt, daß die Zeit Seiner Ankunft vorhanden war, − und den Ort wußten sie auch, wie die Antwort der Hohenpriester und Schriftgelehrten in unserm Evangelium beweist. Nun kommen die Magier, die Weisen aus Morgenland und bringen auf eine auffallende, sich von selbst einprägende Weise die längst ersehnte Botschaft − und was lesen wir nun? Wir lesen zuerst: „Herodes erschrack“ − und das ists nicht, was ich wunderlich nenne. Das versteht sich, daß Herodes erschrack; er hatte Ursach zu erschrecken. Man hätte ihm freilich zusingen können:

Was fürchtst du Feind Herodes sehr,
Daß uns geborn kommt Christ, der HErr?
Er sucht kein sterblich Königreich,
Der zu uns bringt sein Himmelreich!

 Aber er hätte es doch nicht verstanden. Ein Herodes kann nur erschrecken, wenn ihm etwas Himmlisches und Gutes begegnet, geschweige wenn ihm der allein gute König des Himmels in den Weg tritt. Aber das ist verwunderlich, daß es heißt: „Herodes erschrack und mit ihm das ganze Jerusalem.“ Das ganze Jerusalem! man erschrickt wohl auch sonst vor dem, was man wünscht, wenn es unerwartet hereintritt. Es ist, als ob man das Gute, von dem man so gerne singt und sagt, doch nicht im vollen Ernste glaubete: so auffallend ist oft das Erschrecken vor dem längst ersehnten Glücke, wenn es nun endlich erscheint. Aber man pflegt sich doch sonst von einem solchen Schrecken wieder zu erholen und dann desto herzlicher und brünstiger das erschienene Heil zu umfaßen, während in Jerusalem der Art nichts sich kund gibt. Herodes forscht und fragt, die Hohenpriester und Schriftgelehrten antworten und zwar ganz richtig, so daß den Weisen der richtige Weg gezeigt werden kann, den sie noch zu wandeln haben. Aber das ist auch alles, wenn man nicht, um sich durch Erwähnung gegentheiliger Umstände und eine traurige Vollständigkeit den Schmerz zu erhöhen, hinzufügen will, daß Herodes den Weisen das Wiederkommen befohlen und gleisnerisch eine Nachfolge ihrer Anbetung verheißen hat. Bis zu den Thoren Jerusalems, bis zum Wege nach Bethlehem geleitet man sie, aber niemand geht mit. Wie echte Gelehrte dieser Welt sind Hohenpriester und Schriftgelehrten mit dem puren Wißen von dem, der kommen soll, zufrieden, ohne sich im Mindesten um das Auffinden des Erkannten selber zu bemühen. Natürlich! Was wären denn sie, wenn es nichts mehr zu fragen und zu antworten, nichts mehr zu disputiren gäbe, wenn Seine Erscheinung allem Fragen und Schwatzen von Ihm ein Ende machte? Ihnen ists genug, zu wißen, wenn sie auch nicht haben. Sie sind mit dem Bilde zufrieden, die lebensvolle und lebendigmachende Person begehren sie nicht. Buchstabens voll, haben sie keinen Platz für Den, von Dem der ganze Buchstabe des alten Testamentes Zeugnis gibt. Es ist zum Erstaunen, wie gar keine Neugierde dies Volk in seiner höchsten Angelegenheit äußert. Während man die Weisen mit jenem Kaufmann vergleichen könnte, der Perlen suchte, und als er Eine köstliche Perle fand, alles ließ, um sie zu kaufen; sind die Juden Leute, welche einen unermeßlichen Schatz im Acker haben, wißen, kennen, nicht mögen, stehen und liegen laßen, wie wenn sie gar nicht merkten, daß sie berufen waren, ihn zu heben und sich seiner zeitlich und ewig zu freuen. Sie merken ihre Berufung zu Christo gar nicht, so laut, so deutlich sie| an ihr Ohr gelangt, so leicht sie ihr folgen können, so ganz und gar in der Annahme ihr Glück gelegen ist. Da hieß es in der That: „ER kam in Sein Eigentum und die Seinen nahmen ihn nicht auf.“

 Es ist etwas ganz Eigenes, meine Freunde, wenn man sich so recht lebendig in die Geschichte versetzt und nun die Weisen vor den Thoren der heiligen Stadt, auf dem Wege nach Bethlehem so allein, ohne alle jüdische Begleitung sieht. Das Benehmen des Volks Israel war doch gewis auffallend und ganz der Erwartung zuwider, welche die Weisen aus ihrem Vaterlande mitgebracht hatten. Während sie das Land des Neugeborenen in Freuden und Frohlocken zu finden erwarten konnten, finden sie alles todt. Sie kommen voll Begier anzubeten aus weiter Ferne, und da mag niemand nur ein paar Stunden nach Bethlehem gehen und sehen, ob etwa wirklich dort der Segen der Welt geboren ist. Was Wunder, wenn die Weisen selbst irre und bedenklich geworden wären, nach Bethlehem zu gehen? Aber nichts von dem! Das Benehmen der Juden ficht die Weisen, scheint es, gar nicht an. Sie können es ganz gut vertragen, nach eingeholter Weisung allein nach Bethlehem zu gehen. Sie haben Seinen Stern gesehen und die Juden haben nichts gesehen: sie sind voll Ruh, voll Zuversicht, voll Sehnsucht, voll Erwartung. Das ist, meine Brüder, das erste Beispiel jenes Glaubens der Heiden, welchen Christus am Hauptmann von Capernaum und am cananäischen Weiblein so hoch rühmte und ihm die ewige Gesellschaft Abrahams, Isaaks und Jacobs zusprach, das ist der Glaube, der Israel beschämt, der JEsum und Seine Engel in Verwunderung setzt. Da ists geschehen, was niemand hoffte: wir sehen auf dem Wege gen Bethlehem die heidnischen Weisen allein im Lichte Zions wandeln, und Nacht und Dunkel deckt Zion selber. Da ist wahr geworden an den Bewohnern von Jerusalem und an den Weisen, was St. Paul spricht: „Das ist nicht ein Jude, der auswendig ein Jude ist, auch ist das nicht eine Beschneidung, die auswendig im Fleische geschieht, sondern das ist ein Jude, der inwendig verborgen ist, und die Beschneidung des Herzens ist eine Beschneidung, die im Geiste und nicht im Buchstaben geschieht, welches Lob ist nicht aus dem Menschen, sondern aus Gott!“ (Röm. 2, 28. 29.)


 Die Weisen sind auf dem Wege nach Bethlehem und wer weiß, ob es ihnen nicht doch ein wenig fremd und unheimlich gewesen ist im Lande des großen Königs! Dazu wißen sie nun zwar die Stadt, wo Er zu suchen, aber wo in der Stadt wird Er nun zu finden sein? So viel konnte ihnen aus den bisherigen Erfahrungen schon klar geworden sein, daß der neugeborene König nicht in den Palästen zu suchen war. Wie wenn Er nun in Bethlehem so wenig bekannt gewesen wäre, wie in Jerusalem? Wie wenn selbst die Kundigsten, die Hirten von Bethlehem von einem neugeborenen König der Juden keine Auskunft hätten geben können; wenn sie das Kind, das Engel vor ihren Ohren besangen, unter dem Titel eines Judenkönigs nicht wieder erkannt hätten!? Wie wenn − denn möglich können wir uns das doch denken − in Bethlehem auf die Frage der Weisen keine Antwort gewesen wäre?! Wenigstens die Weisen konnten in ziemlicher Verlegenheit sein, wenn schon wir Rath und Antwort uns denken können. Doch harre! Der Gott, der sie, wie einst Abraham, in ein Land geleitet hat, das sie nicht wußten, der sie aus dem fernen Heidenlande sicher bis zur Stadt des Ersehnten geführt hat, wird sie nun nicht unberathen laßen. Der den Hirten das Wahrzeichen der Windeln und der Krippe gegeben, wird auch den Weisen ein Zeichen geben, das sie ihres Heilands gewis machen kann! Er wirds thun, ja er thuts! Denn siehe, da ist der Stern, der wohlbekannte, den sie im Morgenlande gesehen hatten, − und siehe, „er gieng vor ihnen hin, bis daß er kam und stand oben über, da das Kindlein war.“ So sagt die Schrift. − Es war ein wunderbarer Stern. Die Weisen reisen wohl bei Tag die wenigen Stunden bis Bethlehem − der Stern leuchtet also bei Tag, da andere Sterne nur bei Nacht sichtbar werden, er ist ein sonnenheller Tagesstern. Im Morgenlande hatten sie ihn gesehen, dann war er ihnen verschwunden, hier kam er wieder: er kam und gieng, je nach der Weisen Bedürfnis. Er geht vor ihnen her den Weg entlang von Jerusalem nach Bethlehem − also nicht kreißförmig, grade, nicht mit wirbelnder Schnelligkeit, sondern als ein Führer und Begleiter langsamer Menschenkinder. Er geht und bleibt endlich über dem Hause kenntlich stehen, in welchem Der war, welchem zu Ehren er im Morgenlande und hier leuchtete. Er bleibt nicht stehen, wie manchmal ein heller Stern gerade über| dem Thurm zu stehen scheint und aus einer weiten Ferne leuchtet, wenn man zum Thurme kommt: dieser Stern gieng wirklich desselben Weges, wie die Weisen, und stand wirklich fest und unbeweglich über dem Hause seines HErrn und goß seine lichten Strahlen auf dasselbe nieder. Bei dieser Beschaffenheit des Sternes ist es in der That eine Thorheit, durch astronomische Berechnung seiner gewis werden zu wollen. Es war kein Stern, wie ein anderer Stern. Wann oder wo gehen Sterne des Himmels und stehen, wie Menschenkinder? Es war ein Stern, zu besonderem Zwecke gegeben aus der Hand des HErrn, gekommen und entschwunden, wie es sein Beruf erheischte, den Weisen wohlbekannt, seit jener Zeit von niemand mehr gesehen und erkannt, − der Leitstern der Weisen, der Lieblingsstern aller Heiden. Als sein helles frommes Licht in die Augen der Weisen fiel, wurde es in ihren Herzen hell und sie wurden, wie der Text sagt, „hocherfreut“. Nun war es wieder heimathliches Morgenland auf dem Wege nach Bethlehem, Morgenland in Bethlehem, süße Heimath im Hause, über welchem der Stern stand. Da war der Stern und den er bedeutet, Weißagung und Erfüllung reichten einander die Hand. Jetzt mochte Israel, Jerusalem, Herodes sagen, denken, fühlen, was und wie sie wollten − jetzt konnten Windeln oder sammetne und seidene Gewande das Kindlein decken, es war alles gleich; ER war ja doch der neugeborene König, das neugeborene Heil der Welt war sicher und glücklich gefunden!

 O ihr gesegneten Magier, wer bei euch gewesen wäre! Ihr seid die glücklichsten unter allen Heiden, welche in den jugendlichen Tagen JEsu lebten! Euch konnten eure Mütter, Weiber, Kinder oder Freunde Glück wünschen bei eurer Heimkunft! In Zions Licht habt ihr den Weg gefunden zum Aufgang aus der Höhe und ihr konntet nun anbetend sprechen: „In deinem Lichte sehen wir das Licht!“ − Diese Weisen sind belohnt für ihren Gang, für ihre weite Reise. Israel, Jerusalem, Herodes haben ihnen alle Freuden abgetreten, welche sie selber hätten haben können. Israels Armuth ist hier zum ersten Male der Heiden Reichtum geworden, hier sind die Erstlinge in der Erfüllung von Jesaia sechzig. Ihr Erstlinge, gehet ein zu den stillen, seligen Pforten Seines Hauses, zu welchen kein Jude, kein Herodes, keine Bosheit nahen darf, zu welchen ihr selbst Herodem nicht führen dürfet, die ihr alleine kennet und euer Geheimnis tief verborgen heimtragen müßet in euer Heimathland!


 Sie gehen ein, − sie beten an, − sie opfern. − Laßt euch, Brüder, von niemand glaubhaft sagen, daß die Anbetung der Weisen eine solche gewesen sei, wie man sie im Morgenlande gemäß der Sitte jedem König darbringt. Daß dieser JEsus kein Erdenkönig ist, beweist sich von selbst aus des Hauses, aus der Mutter Armuth, aus allen Seinen Umständen. Daß er auch kein bloßer Erdenkönig, kein zweiter König David nach der irdischen Gewalt und Größe werden wird, daß die Weisen auch keinen bloßen Erdenkönig suchten, das beweist ihre ganze Führung von der ersten Erscheinung des Sternes bis zur zweiten, beweist die Offenbarung, die sie hatten, beweist der wunderbare Stern, beweist der große, wunderbare Eindruck, den sie von allem und allem in ihr Herz bekamen. Das alles war viel zu groß für jeden werdenden Erdenkönig, selbst für den größten. Die ganze Geschichte ist Bürge, daß die Weisen, wenn auch noch unbestimmtere, doch aber weit und hoch reichende Hoffnungen von diesem Kindlein hatten, daß sie einen Gesalbten Gottes, einen ewigen König und Erlöser in Ihm gefunden zu haben versichert waren: ihre Anbetung ist die ahnungsvolle Anbetung eines großen Gottessohnes. Sie beteten an − und was ihnen von den Hirten, von Joseph, von Marien selbst mitgetheilt wurde, wird ihre Seele auf eine Höhe des Glaubens erhoben haben, von welcher sie hernachmals die langjährige tiefe Stille des Gerüchtes von JEsu so wenig wird herabgestürzt haben, als das Gerücht von dem Blutbade Herodis in Bethlehem oder, wenn sie das erlebten, das Gerücht von dem Tode Christi am Kreuze. Ohne Zweifel lernten die ernsten Männer an der Krippe, an der Wiege Christi den Hochgelobten viel zu gut kennen, als daß sie durch irgend etwas um die Zuversicht hätten gebracht werden können, er könne nimmermehr umsonst geboren, nimmermehr unverrichteter Dinge gestorben sein. Laßen wir uns durch nichts der Weisen Licht und Glauben verringern! Erkennen wir fröhlich in ihnen Glaubensgenoßen, Christen aus den Heiden, wie wir selbst sind, und freuen wir uns, daß wir in ihnen so frühe Stellvertreter fanden, die dem HErrn unsere und aller Heiden anbetende Huldigung bringen durften. − Sie brachten| dem HErrn Gold, Weihrauch und Myrrhen dar. Ob sie Ihm diese Dinge darboten, weil sie dieselben grade hatten, oder ob sie Ihm diese ihre Gaben mit Absicht und mit Sinn und tiefer Deutung gaben, das wißen wir so wenig, als andere Umstände unsrer Textgeschichte, als z. B. der Weisen Namen, Zahl und Stand. Aber mögen sie ihre Gaben gedeutet haben oder nicht, wir deuten sie jeden Falls richtig, wenn wir mit der heiligen Kirche von den Weisen singen:

„Sie zeigen mit den Gaben drei,
Dieß Kind Gott, Mensch und König sei.“

Jeden Falls liegt in dieser Deutung der Weisen und aller gläubigen Heiden volle Herzensmeinung ausgelegt, − und der Deutung beistimmend, möchte man gerne, wenn es möglich wäre, den Weisen zu ihren längst dargebrachten Opfern und Gaben freudigen Zuruf bringen. Reichet, liebe Weisen, reichet dem heiligen Knäblein Gold − denn dieß ist der König der Juden, dem der HErr den Thron Seines Vaters David gegeben hat, der da herrschen soll von einem Meer bis zum andern. Reichet dem Könige Gold, − Gold ziemet den Königen! − Bringet Ihm Weihrauch dar, ja Weihrauch! Und wenn ihr nur so recht, so völlig klar gewußt hättet, was wir seit dem ersten Ostertage wißen, ihr hättet Ihm den Weihrauch nicht kalt dargebracht, ihr hättet ihn angezündet: denn dieß Knäblein ist der wahrhaftige Gott und das ewige Leben, und der Weihrauch, der zu Ihm kommt, muß drum brennen und kommen zugleich mit dem, was er andeutet, nemlich mit den Gebeten der Heiligen! Und ja, vergeßets nicht, gebt dem Könige, dem hochgelobten Gottessohne, gebt Ihm Myrrhen, bittre Myrrhen. Das that drei und dreißig Jahre später auch Nikodemus, er brachte Myrrhen und Aloe untereinander bei hundert Pfunden, Seinen Leichnam zu salben. (Joh. 19, 39.) Thut, wie Nikodemus, bringet Myrrhen dem frommen Lamme, denn Sein Leib wird gequält werden und sterben und begraben werden, bittere Salben werden den bitter Gequälten umduften auf Seinem Ruhebette am großen Sabbath. Da wird mans merken, daß der König, der Gottessohn auch Mensch sein mußte, ein leidenvoller, sterbender Mensch, − und das weißagend gebet Ihm Myrrhen!

 Wie es einem wohlthut, geliebte Brüder der Heiden Gaben also deuten zu dürfen und mit ihnen im Geiste gemeinschaftliche Sache zu machen. Wir sind so ganz in einer und derselben Lage! Gewis, wenn wir Ihn kennen und Ihn lieben, wie wir sollen, wir möchten Ihm, der um unsertwillen arm geworden ist, so gar arm bis in den Tod hinein, gerne alles unser Irdisches darbringen, damit wir um Seinetwillen wären, wie ER um unsertwillen war. Aber Er weist nun unsern Gaben einen andern Weg, und allein den Weisen war es gegönnt, Ihn persönlich mit ihren irdischen Gaben zu ehren. Nun ist ER längst gesetzt zur Rechten der Majestät in der Höhe, und der Vater hat Ihm gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden und all Seinen Reichtum und all Seine Kinder, auch uns − und wir sind nun Sein und selber mit Leib und Seele, mit Hab und Gut Sein kleines Opfer und können Ihm mehr nicht geben. Möchten wir uns nur von ganzem Herzen freuen, Sein Opfer und Sein Eigentum zu sein!


 Wir haben uns, liebe Brüder, die Begebenheit vergegenwärtigt, welche wir heute feierlich begehen, welche man schon über fünfzehn hundert Jahre feiert, welche man im Altertum mit höchsten Freuden begieng. Es ist eine schöne, eine liebliche Geschichte, so voll Lebens und doch so stille geschehen; aber warum feiert man sie so sehr? Es ist eine Offenbarung, eine Epiphanie d. i. eine Erscheinung des HErrn, nach St. Pauli Worten: „Es ist erschienen die heilsame Gnade Gottes allen Menschen.“ Allen Menschen − das glaubten die Juden nicht gerne. Viele Juden meinten, wenn der Messias käme, würde Er die Völker bezwingen und alle Heiden zu Judensclaven machen, die an Israels ewigem Erbe kein Theil bekommen dürften. Andere meinten, es müßten dann die Heiden wenigstens erst Juden werden, ehe sie an dem Heile des Messias Theil bekämen. Das ist nun alles anders, wie wir sehen. Hier sind Heiden, nicht beschnitten, nicht in Gemeinschaft mit Israel, und doch Sein, von Ihm wunderbar berufen, zu Ihm wunderbar geleitet von Ihm reich gesegnet, Ihm ganz ergeben, ganz Sein. Hier sehen wir im Anfang und im Kleinen, was hernach im Großen geschah und noch geschieht; es fallen die Zäune, aus Zweien wird Eins; da ist kein Jude noch Heide, sondern aus Juden und Heiden eine selige Kirche Gottes. St. Pauli begeistertes Gotteslob,| das von ihm gepriesene Geheimnis von Anfang her, welches im neuen Testamente offenbar geworden ist: die Theilnahme der Heiden an Christo durch den Glauben, durch den Glauben allein ohne des Gesetzes Werke, hier ist es zum ersten Male erschienen. Aus mancherlei Zungen und Sprachen Eine Heerde − und für dieselbe Ein Hirte: hier sehen wir es vorgebildet, wo neben der jüdischen Gottesmutter, neben dem jüdischen Pfleger Joseph die frommen Heiden knieen und den neugeborenen König anbeten. Das ist gewis der Feier werth. Das soll Israel feiern und die Heiden sollen darob jubilieren, und wir sind ja auch Heiden von Stamm und drum sollen auch wir jubilieren.

 Jedoch sehen wir in diesem Evangelio nicht bloß der Heiden Beruf und ihren Theil an Christo, sondern wir sehen in der Geschichte, welche erzählt wird, auch noch in einem anderen Betracht den Anfang späterer Zeiten. Wir sehen ja nicht bloß die Heiden in gleicher Gnade der Berufung wie die Juden, sondern wir sehen sie vor den Juden zu Christo kommen, die Juden sich verspäten, Jerusalem regungslos, während das ferne Morgenland anbetende Boten sendet. So ist also schon zur Zeit der Geburt Christi Blindheit Israels Theil geworden, und schon damals gewannen die Heiden einen Vorsprung vor den Juden! Es beginnt also bereits mit Christi Geburt der Heiden selige Zeit, die erfüllt sein muß, ehe sich Jerusalem aus dem Staube hebt und Israels Uebriges zu seinem Heiland kommt. Es beginnt unsre Zeit und Stunde, denn wir sind Heiden. Es beginnt die Stunde, die noch währt; denn noch immer wandelt die Stimme des HErrn um die Erde und beruft alle Völker, und immer mehr sammelt es sich von allen Enden zu dem Neugeborenen. Es kommt die Königin von Mittag, die Niniviten kommen, der Kämmerer von Mohrenland, aus allen vier Winden kommen Gottes Pilgrime heidnischer Abkunft und sammeln sich in den Vorhallen des ewigen Hochzeitsaales, um in das hochzeitliche Gewand der Gnade gekleidet zu werden. Alles, was getrennt war, wird vereinigt durch Ihn, durch Seinen Glauben, Seine Taufe und Sein heiliges Mahl: es sammelt und einigt sich, was Eins sein kann und soll, bis endlich der Tag kommt, wo die letzten kommen, welche die ersten waren, die Kinder Israel. Und den Beginn dieser Zeit, diesen schönen, seligen und heiligen Beginn sollte man nicht feiern? − Wenn man ihn nicht feiern könnte, wie stünde es mit uns armen Heiden? Wenn die Heiden die letzten wären, wenn uns Blindheit ergriffen hätte, wie wir sie an Israel gewahr werden! Oder wenn wir gar nicht eingeleibt würden in Gottes Kirche! Wenn es keine allgemeine Kirche Christi gäbe, wenn wie am alten, so am neuen Testamente nur die Juden Theil hätten! Da müßte Japhet trauern und Ham verzweifeln und Sems Hütten wären leer, und der Heiden Zeit wäre ein Vorhof der Hölle. Wie ganz anders aber ist es nun, da Japhet in Sems Hütten wohnt und Ham, der verlorene Sohn, sich wieder findet − und alle zusammen ein Fest der Erscheinung göttlicher Gnade für alle Menschen feiern! Darum laßt uns freuen und fröhlich sein an diesem Festtage JEsu und Seiner Braut, an diesem schönen Feste der keimenden, sproßenden, wachsenden, blühenden, reifenden Kirche!

 Brüder, uns leuchtet kein Stern zu Dem, des wir bedürfen! Uns hat Sein eigenes, helles Sonnenlicht umfangen, schon da wir aus Mutterleibe gezogen wurden. Sein freundliches Wort, Sein gnadenreiches Sakrament, durch beide Seine unaussprechliche Liebe hat uns umfaßt, dieweil wir leben. Wir mußten nicht zu Ihm und Seiner Krippe wandeln; Er kam zu uns, da wir noch in der Wiege lagen; Er hat uns wiedergeboren, da wir kaum geboren waren; ja wir sind Ihm in zahllosen Gebeten und in erbarmungsvoller Erhörung geweiht und zu eigen übergeben, noch ehe wir geboren waren, und man hat uns Ihm verlobt, noch ehe wir ja und Amen dazu sprechen konnten. Also nicht suchen gehen wir zu Ihm, aber danken und anbeten gehen wir, jedoch nicht nach Bethlehem, sondern nach Zion, nicht nach Herodis Zion, sondern nach dem ewigen Zion JEsu. Daß wir nur nicht beim hellen Schein der Gnaden die Wege verlieren, die dorthin führen, und des Glaubens nicht überdrüßig werden, der zum Schauen fördert, nicht überdrüßig, emporzusteigen zu dem heiligen Gipfel des Berges Zion, zu welchem die Weisen und ein großes Heer seliger Heiden gekommen sind! Daß wir nur nicht im tiefen Thale und in Sünden bleiben, nicht von der Anbetung aller seligen Kreaturen ausgeschloßen werden, welche dort geschieht! (Offb. 4. 5.) Daß nur nicht dermaleins um Gottes Tische sitzen Leute aus allen Völkern und Zungen, während etwa wir in dunkler, freudenloser Ferne dem allen mit verschmachtendem Auge zusehen! − Ach HErr, sehnsüchtiger als unser Sehnen war das Sehnen der| Juden und sie versäumten dennoch zu bedenken, was zu ihrem Frieden diente. Laß uns doch nicht fehlen in Abrahams, Isaaks und Jacobs Gesellschaft! Gib uns doch, wenn wir am hellen Tage der Gnaden den Weg unter den Füßen verlieren wollen, treue Leitsterne, wie wir sie bedürfen, Hirten und Aelteste, die uns arme Schäflein sicher führen und unsrer Schwachheit und Krankheit zu Statten kommen, daß wir nicht müde werden, zu wallen, bis wir bei Dir sind, wo ewiges Licht ist und in diesem Deinem Lichte Deine Heiden, Deine Juden, Deine heilige Kirche und alle ihre Glieder! Amen.




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