Einsegnungsstunden 1916/3. Stunde

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3. Stunde
am Freitag, den 24. November, vormittags ½10 Uhr.
Lied 266, 1–3, 8. Psalm 14. Kollekte 160, 1.
Vom Sechstagewerk haben wir gesprochen, aber noch nicht vom 7. Tag. Was ist von ihm gesagt? Gott ruhete am siebenten Tag. Selbstverständlich bedeutet das nicht ein Ausruhen; denn| Gott wird nicht müde noch matt, er schläft noch schlummert nicht. Sondern dieses Ruhen Gottes ist zunächst gemeint im Gegensatz zu seinem Schaffen, das er nun als ein vollendetes ansieht. Es ist wiederum nicht so gemeint, als ob nun Gott überhaupt kein Werk mehr täte. Wir kennen das bedeutsame Wort des Herrn Johannes 5: ,Mein Vater wirket bisher und ich wirke auch.“ In Gott ist beides vereint: tätig sein und Ruhe haben. Es ist nur der Unterschied, daß bald mehr das eine bald mehr das andere der Welt gegenüber hervortritt, so wie es sich ähnlich verhält mit den Erweisungen seiner Heiligkeit und seiner Liebe, von welchen er auch bald mehr die eine, bald mehr die andere Seite den Menschen gegenüber hervorkehren muß und will. So ist denn auch dies Wort vom Ruhen Gottes unseretwegen, um der Menschen willen gesagt. Gott wollte den Menschen damit zeigen, was nunmehr ihre Aufgabe sein sollte: ruhen in Gott und wirken für Gott, bald mehr das eine, bald mehr das andere. Wären die Menschen in dieser Linie des Wirkens für Gott und des Ruhens in Gott geblieben, wie würde dann ihr Leben sich vollendet haben zu dem herrlichen Ziel, das wir jetzt freilich erst am Ende dieser Weltzeit erwarten dürfen, wo einst all unsere Ruhe Arbeit und all unsere Tätigkeit Ruhe sein wird. Aber in dieser Linie, die der Herr ihnen wies, sind die Menschen nicht geblieben. Ach, wie ist jetzt die Tätigkeit des Menschen oftmals geworden zu einer unruhigen Hast und wie sinkt das Ruhen des Menschen oft zur Trägheit, zur Bequemlichkeit herab. Hier sehen wir schon deutlich: was Gott mit den Menschen gewollt, das ist nicht geworden. Den Weg, den er ihnen deutlich gezeigt hat, haben sie nicht beschritten. Und noch auf etwas anderes dürfen wir hinweisen. „Gott sah an alles, was er geschaffen hatte und siehe da, es war sehr gut.“ Ja, freilich, die Schöpfung war gut und vollkommen, als sie aus der Hand des Schöpfers hervorging. Wir haben schon wiederholt von der Zweckmäßigkeit der Schöpfung, von der weisen Ordnung in der Natur geredet. Es kann auch auf die Schönheit der Welt und dieser Erde hingewiesen werden. Die Erde ist so schön überall, auch jetzt noch. Schön ist die Ebene, in welcher der Aufgang und Untergang der Sonne Himmel und Erde mit den schönsten Farben malt. Schön ist das Hochgebirge, wo die Berge des Herrn gen Himmel ragen. Schön sind die lachenden Täler, schön der ernste Meeresstrand. Schön ist die Welt beim Licht der leuchtenden Sonne, schön bei Nacht, wenn des Mondes geheimnisvoller Glanz sie bestrahlt oder die Sterne wie Lichter einer höheren Welt vom Himmel herabblicken. Schön ist die Erde in den Eisbergen, zwischen denen das Nordlicht hervorstrahlt und in der Glut der tropischen Sonne, die die herrlichsten Farben hervorzaubert. Ich hörte einmal eine ergreifende Schilderung aus dem Munde eines Missionars von der Schönheit der tropischen Gegenden Indiens,| wie zumal bei Abend, wenn die Leuchtkäfer wie fliegende Brillianten durch die Büsche schwirren, der Reiz sich erhöht. Und doch, das führte er nach allen Seiten aus: was lauert dahinter? Der Tod. Der Tod durch die giftigen Schlangen, der Tod durch die reißenden Tiere, der Tod durch die Unbilden des Klimas. Diesen Eindruck haben auch wir in unserer bescheidenen Gegend. Wie kann der Reif in einer Nacht der Blütenpracht des Frühlings ein Ende bereiten. Wird man demnach auch jetzt noch sagen können, daß die Welt und die Erde sehr gut sei? Gut ist sie zwar hervorgegangen aus der Hand des Schöpfers; aber es ist etwas dazwischen hineingetreten, etwas Störendes, das auf Schritt und Tritt sich bemerklich macht außer uns und noch mehr in uns. Es herrscht der Tod in der Welt und der Tod ist in die Welt gekommen durch die Sünde und in uns selbst ist die von Gott gewollte Harmonie durch die Sünde gestört.

 Wir sprechen heute

von der Zerreißung des Liebesbandes zwischen Gott und den Menschen.
1. Die tiefste Ursache: Die Selbstliebe.
2. Der traurige Vorgang: Erregung der Kreaturenliebe.
3. Die bedauerliche Folge: Mangel an Gottesliebe
4. Das Gericht der göttlichen Heiligkeit: Zorn statt Liebe.
  Zu den schwierigsten Problemen auch des christlichen Denkens gehört die Frage nach der Entstehung des Bösen. Unser Bekenntnis, die Augsburgische Konfession, beschränkt sich auf die richtige und wichtige Aussage in Artikel 19, daß die Ursache des Bösen nie und nimmer liegen könne in Gott selber, sondern nur in dem verkehrten Willen der Kreatur. In Gott selbst darf die Ursache des Bösen nie gefunden werden. In der gröblichsten Weise wollte der Manichäismus, jene Mischung aus heidnisch-persischen und christlichen Gedanken, die Manes um 270 aufgestellt hat und die von einem Doppelgott, einem bösen und einem guten fabelte. In ähnlicher Weise hatten die Gnostiker das Böse aus der Entstehung der Welt selber zu erklären gesucht, aus einer Mischung von Gottesgedanken und -Werken und den niederen schon vorhandenen Bestandteilen der Hyle (des Stoffes) wie sie es nannten. In oberflächlicher Weise hat eben so der alte Rationalismus die Sünde hinstellen wollen lediglich als verzeihliche Schwachheit oder als Zugehörung der sinnlichen körperlichen Natur des Menschen. Dann käme sie doch dem auf Rechnung, der die Menschen so schwach schuf; das ist nichts anderes denn die Ursache der Sünde in der Natur des Menschen suchen, die der Schöpfer ihm gab. In freventlicher Weise wird die Ursache der Sünde in Gott gesucht, wenn man| sagt, dem Menschen sei das Recht gegeben, sich auszuleben, so wie er eben ist. Das sagt nicht nur jener antichristliche Philosoph Nietzsche, der am Ende des vorigen Jahrhunderts lebte und schrieb. Das sagen auch die vielen Christen, die sich in ihrer Verkehrtheit entschuldigen wollen mit der Rede: ich bin eben einmal so. Da wird auch die Schuld der Sünde auf Gott selber geschoben. Viel ernster und tiefer geschieht das in der Lehre von der absoluten Prädestination oder Gnadenwahl, von der wir gestern sprachen und schon zeigten, wie sie den klaren Aussagen der Schrift widerspricht. Die Sünde hat ihre Ursache in dem bösen Willen der Kreatur und die Schrift zeigt uns als Urheber des Bösen den Satan (d. i. Feind), den Teufel (d. i. Verkläger oder Verleumder, wohl auch im Sinn des Widersachers gemeint). Und der Teufel, so ist mit Sicherheit aus der Schrift zu entnehmen, ist selbst von Gott abgefallen und also der Urheber des Bösen geworden. Dieser Vorgang, der Abfall des Teufels von Gott, wird uns in der Schrift wenigstens angedeutet. Den Judasbrief lassen wir dabei außer Betracht, weil die Stelle, die von dem Fall des Satans zu handeln scheint, auf einen später vorgekommenen Fall innerhalb der Engelwelt, den 1. Mose 6 berichtet, bezogen werden kann. Aber ein klares Wort des Herrn haben wir Johannes 8, wo der Herr sagt: „Er ist nicht bestanden in der Wahrheit.“ In welcher Wahrheit mag er nicht bestanden sein? In der Wahrheit, daß er unter Gott stand, von Gott bestimmt war, Ihm zu dienen, verpflichtet, Ihm zu gehorchen. Er wollte aber selbst herrschen, etwas sein ohne Gott, gegen Gott, ja statt Gott. Er hat sich gegen Gott empört, um sich an Gottes Stelle zu setzen. So ist er der Urheber des Bösen geworden und weil er, der Feind Gottes, ihm selbst nichts anhaben kann, da er in der Herrlichkeit thront, so sucht er Gottes Werk auf Erden unter den Menschen zu stören. Die Frage bleibt immer: Warum hat das Gott zugelassen? Warum hat er diesen Empörer nicht alsbald der verdienten Verdammnis oder Vernichtung übergeben? Derartigen Fragen können Schwestern in ihrem Beruf häufig begegnen; denn es ist bekannt, daß der Unglaube oft seinen Anfang nimmt darin, daß man das Dasein des Teufels leugnet, wie man so leicht die Redensart hören kann: „alles will ich glauben, was in der Bibel steht, außer das eine, daß es einen Teufel gibt.“ Und doch ist die Leugnung des Satans, des persönlichen Urhebers und Vertreters des Bösen, durchaus nicht gleichgiltig. Wer das Dasein des Teufels leugnet, erkennt die Macht er Sünde nicht, die uns selber anficht. Wer das Dasein des Teufels leugnet, kennt auch die Größe der Erlösung nicht, denn dazu ist der Sohn Gottes gekommen, daß er die Werke des Teufels zerstöre.
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 Aber, was soll man nun sagen auf die Frage: warum ließ| Gott das zu, warum läßt er dem Teufel heute noch die Macht der Verführung? Es wird darauf geantwortet werden dürfen: darum, weil Gott das Gericht hinausschieben will, zum Beweis seiner göttlichen Geduld und auch um unsertwillen, damit wir noch Zeit und Möglichkeit der Buße hätten. Es wird ferner gesagt werden müssen: Weil nach Gottes weisem Willen auch das Böse in der Welt sich ausleben und schließlich sich selbst gleichsam zunichtemachen sollte. „Lasset beides miteinander wachsen bis zur Ernte“, so hat der Herr von dem Unkrautsamen gesagt, den auch in die Kirche Christi dem bösen Feind auszustreuen gestattet ist. Und weiter noch: Darum läßt Gott die Versuchung des Argen heute noch zu bei Engeln und bei Menschen, die Gott ausgestattet hat mit der Gabe eines freien Willens, die er dazu bestimmt hatte, daß sie aus freiem Willen heraus in der Liebe ihm dienen sollten, weil er den Engeln und den Menschen die Probe des Gehorsams nicht ersparen wollte. So kommt es, daß der Arge auch jetzt noch Macht hat zu versuchen. Wir sehen aus dem, was wir von des Satans Fall gehört haben: Die tiefste Ursache des Falles ist Selbstliebe und Selbstsucht. Wo etwas von Liebe, von wahrer Liebe in einem Menschen wohnt, da ist auch etwas von göttlichem Leben, von Einwirkung des göttlichen Geistes noch vorhanden. Wer Liebe hat, der ist von Gott geboren und kennet Gott. Wo aber die kalte Selbstsucht vorherrscht, wo man nur das eigene Selbst entscheiden lassen will, da gestaltet sich die Sünde schließlich zum satanischen Haß wider alles, was dagegensteht, wider alles, was dem eigenen Ich zu nahe tritt. Diese kalte Selbstsucht mag uns in dem gegenwärtigen Weltkrieg besonders auf Seiten des Volkes entgegentreten, das von unsern Gegnern am höchsten von Gott begnadigt ist, äußerlich und innerlich, leiblich und geistig, bei den Engländern. Sie mischten in kalter Berechnung, das es so ihrem Vorteil am meisten gemäß sei, sich in den Weltkrieg ein, ja sie haben ihn durch ihre Beteiligung geradezu ermöglicht. Das ist überhaupt das Satanische, der Sünde tiefstes Wesen, wenn man Sünde tut um der Sünde willen, das Böse um des Bösen willen. Das zeigt sich besonders darin, daß man Freude daran haben kann, wenn andere mit in die Sünde hereingezogen werden, wenn ein unschuldiges Wesen in die Sünde hineingeführt wird und sich verführen läßt. Das ist das Widerspiel der Liebe; denn Liebe ist Hingabe an andere, Sünde ist Selbstsucht, für sich leben. Positiv ist das Gegenteil der Liebe der Haß, negativ sozusagen die Selbstsucht. Laßt uns aber ja nicht übersehen, daß die Selbstsucht auch sehr feine Formen annehmen kann, besonders bei Christen und wiederum besonders bei denen, die sich in den Dienst des Herrn und seiner Gemeinde stellen. Selbstsucht in Beziehung auf unser Erkennen ist das Eingebildetsein auf eigene Klugheit. Es ist nichts| anderes als das Betonen des eigenen Selbst und ein Sich-Entgegenstellen gegen das, was Gottes und anderer ist. Selbstsucht in Beziehung auf das Empfinden ist Selbstgefälligkeit, Gefallen an sich selber haben. Wie leicht mischt sich dieses Gefallen an uns selber ein in die heiligsten und höchsten Betätigungen. Wenn Gott uns auf irgend einem Gebiet etwas gelingen läßt, wie sehr haben wir da gegen die Erregung der Selbstgefälligkeit zu kämpfen. Wenn der Diakonissenstand gerühmt wird, wenn die Diakonissen mit Engeln verglichen werden in ihrer Bereitwilligkeit andern zu helfen, wie leicht stellt sich da die Selbstgefälligkeit ein. Die Selbstsucht in Beziehung auf den Willen ist Eigensinn, das Bestreben immer das durchführen zu wollen, was das eigene Selbst für gut erkennt, ohne nach dem Andern, nach dem Höchsten zu fragen. Wir können auch sagen: Die Selbstsucht in Beziehung auf die göttliche Wahrheit ist der Unglaube und der Vernunftglaube, das Meistern des Wortes. Selbstsucht in Beziehung auf das göttliche Leben ist die Schwärmerei, das Spielen mit Gefühlen und Empfindungen. Die Selbstsucht in Beziehung auf unsern Gnadenstand ist die Selbstgerechtigkeit, mit der wir alle immer wieder so viel zu kämpfen haben.


II.
 Aber wir gehen einen Schritt weiter und reden von dem traurigen Vorgang, der sich vollzog in der Erregung der Kreaturenliebe. Manche wichtige Schriftwahrheiten empfangen eine gewisse menschliche Bestätigung. So haben wir etwa für die Tatsache, daß die ersten Christen Christum göttlich angebetet und verehrt haben, heidnische Zeugnisse, wie in dem bekannten Brief des Statthalters Plinius an Trajan, in dem auch Diakonissen zum ersten Mal in heidnischem Munde genannt werden, in welchem ausgesagt wird: „sie singen Lieder Christo als einem Gott zu Ehren.“ Die Sintflut wird bestätigt durch manche Beobachtung am Erdinnern, besonders aber durch das Zusammenstimmen der Völkersagen, die fast alle von einer großen Flut etwas wissen. Der Sündenfall wird auch von Alters her bestätigt durch mancherlei Sagen, in denen die Schlange überall eine Rolle spielt. Aber besonders wird der Sündenfall bestätigt durch die innere Wahrheit des Vorgangs, indem wir deutlich sehen: so und nicht anders muß es gewesen sein. Welchen Weg schlug der Versucher ein? Vor allem, er versteckte sich hinter einem Geschöpf, wie er auch jetzt nicht in eigener Person den Christen sich naht, sondern die Welt und das Fleisch benützt, das Böse außer uns und das Böse in uns, die arge Lust und den verkehrten Willen der Menschen zu seinem Werkzeug erwählt. – Er wendet sich an den schwächern Teil, das Weib, und er sucht in ihr vor allem Zweifel an der Güte Gottes| zu erregen. Da lernen wir, daß es gilt, stets auf der Hut zu sein und ein offenes Auge zu haben gegenüber jeder Art der Versuchung, besonders gegen die, die gerade uns zum Fall werden kann und vor allem gilt es festzustehen in Gottes Wort. – Noch stand das Weib fest, indem sie Gottes Wort anführt: „Wir essen von allerlei Bäumen im Garten, aber von den Früchten des Baumes mitten im Garten hat Gott gesagt: Esset nicht davon, rühret’s auch nicht an, daß ihr nicht sterbet.“ Nun wagt es die Schlange, Gottes Wort unmittelbar als unwahr hinzustellen und weiß zugleich die Lust zu erregen indem sie die verbotene Frucht hinstellt als etwas hoch Begehrenswertes, was geradezu Gott gleich mache. Und nun erwachte die Lust und das war der entscheidende Augenblick. Die Lust erwachte gleich in dreifacher Gestalt; in der Augenlust: „ein lustiger Baum, lieblich anzusehen“, Fleischeslust: „gut zu essen“ und Hoffart: „weil er klug mache, Gott gleich.“ Nun mußte es sich entscheiden, ob der Glaube an Gott und sein Wort, ob die Liebe zu Gott, der die Menschen seiner Liebesgemeinschaft gewürdigt hatte, ob der Dank gegen Gott obsiegen würde oder die Lust. Das ist es auch, was St. Jakobus uns angibt. Versucht wird man, wenn man von der eigenen Lust gereizet und gelocket wird und dann, wenn die Lust empfangen hat, gebieret sie die Sünde. Wenn mit der bösen Lust der Wille des Menschen sich vermählt, dann kommt die sündige Tat zum Vorschein. So ist es beim ersten Fall der Menschen gewesen, so ist es heute noch, so ist es oft genug in unserem eigenen Leben. Das ist immer die Entscheidung. Die dankbare Liebe zu Gott sollte uns beherrschen und bewahren. Solange dankbare Liebe zu Gott in uns wohnt, finden wir die rechte Stellung zur Kreatur und können mit dem Apostel sagen: „Alle Kreatur Gottes ist gut und nichts verwerflich, was mit Danksagung empfangen wird,“ und „so ihr esset oder trinket, so tut es alles zu Gottes Ehren.“ Wenn die dankbare Liebe zu Gott in uns wohnt, kann man auch Menschen lieb haben, weil Gott sie uns an die Seite gestellt hat. Wir können Liebe haben zu irdischen Dingen, die als Gottes Gabe anzusehen sind, können Liebe haben zum Vaterland, Verehrung hegen für Menschen, Freundschaft haben mit anderen, wenn nur immer die dankbare Liebe zu Gott das Beherrschende ist. Sündig wird aber alles, sobald die Kreaturenliebe losgelöst wird von Gott. Das ist dann der Fall, wenn wir irgend etwas lieben ohne Gott oder gar wider Gott. Es gibt da verschiedene Stufen der feinen Abgötterei: Die unheilige Liebe zu andern Dingen, die man über Gott stellt, dann das Dahinleben ohne Gott in Welt- und Fleischesdienst, schließlich gar die Feindschaft wider Gott, die absichtliche Wegwendung von ihm. „Niemand kann zwei Herren dienen,“, sagt der Herr ausdrücklich. „Gott ist ein eifriger Gott,“ so bezeugt Gott schon im alten Bunde. Gott will uns| ganz haben. Denken wir an das grundlegende Wort 5. Mose 6: „Höre, Israel der Herr unser Gott ist ein einiger Herr, und du sollst Gott deinen Herrn liebhaben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von allem Vermögen.“ Weil Gott, der einige Herr, der höchste ist, darum muß er auch in unserem Herzen der höchste sein, von uns über alles hochgehalten werden. Sobald aber die Kreaturenliebe die Liebe zu Gott verdrängt, so ist das Liebesband zwischen Gott und uns zerrissen. So war es auch damals beim Sündenfall. Als die Kreaturenliebe ins Herz eindrang, nämlich das Verlangen etwas zu haben ohne Gott, ja wider Gott, alsbald war auch die Sünde da, denn alles was wider Gott ist, ist Sünde. Sünde ist Unrecht, sagt St. Johannes. Sie ist Gesetzlosigkeit, Uebertretung des göttlichen Gebotes. Sünde ist damit ein verkehrtes Handeln und ist zugleich eine Schuld; denn dem Menschen ist das Gebot Gottes wohl bekannt, wie auch die Heiden sich selbst ein Gesetz sind. Sünde ist damit ferner Geschiedenheit von Gott. Wie hat sich das alsbald bei den ersten Menschen gezeigt. Als sie die Sünde getan hatten, war ihr Verhältnis zu Gott ein ganz anderes. Sie sahen auch sich selbst mit ganz andern Augen an. Bisher war des Menschen Reinheit und Heiligkeit sein Kleid und Gewand gewesen. Jetzt muß der Mensch sich vor sich selbst schämen. Daraus sehen wir: Die ursprüngliche Reinheit und Heiligkeit war dahin.


III.
 So ist alles anders geworden und es zeigen sich die bedauerlichen Folgen der Sünde. Es ist keine Liebe zu Gott mehr im Herzen, sondern vielmehr Lust zum Bösen. – Was wir damit aussagen, das ist kurz die Erbsünde, die wir nicht minder aufzufassen haben aus dem Gesichtspunkt des zerrissenen Liebesbandes zwischen Gott und Menschen. Der sündige Zustand, in den der erste Mensch gekommen war, vererbte sich fort. Das zeigte sich alsbald bei dem ersten Menschen, der geboren wurde, er ist mit der Erbsünde geboren und er ward ein Brudermörder. Das zeigt sich heute noch. Gewiß ruht auf den kleinen Kindern ein Widerschein der ursprünglichen Unschuld; aber wie so bald merken wir auch an ihnen die Sünde in Form des Eigensinns und Eigenwillens. Diese üble Neigung darf ja nicht übersehen werden und Schwestern, die, wie öfter geschieht, ein Kind annehmen und erziehen wie ein eigenes, und Gefallen finden an der verhältnismäßigen Unschuld, müssen sich davor hüten, nur das Gute und Liebenswürdige beidem selben zu sehen und es damit zu verziehen. Wo man freilich Kinder in größerer Zahl beisammen hat, besteht diese Gefahr weniger; da ist eher das Gegenteil der Fall, daß man das eben doch auch vorhandene Gute übersieht und zu wenig überlegt, was für Einflüsse| auf die Kinder eingewirkt haben. Täte man es, dann würde man manches Verkehrte in ihnen richtiger, liebevoller und barmherziger beurteilen.

 Wie kommt es nun, daß die Sünde sich forterbt? Gott hat die Menschen als Einheit geschaffen im Unterschied von den Engeln und hat die menschliche Natur nur einmal ins Dasein gerufen in Adam. Diese eine Menschennatur pflanzt sich fort, an ihr haben alle teil. Darin liegt die Einheit des menschlichen Geschlechtes und darauf beruht auch das Nächstenverhältnis. Weil jeder Mensch teil hat an der einen selben Menschennatur, so ist jeder Mensch auch unser eigen Fleisch und Blut. Aber freilich: Damit erbte sich auch die Sünde fort; die Schrift bezeugt die allgemeine Sündhaftigkeit aller Menschen. Das alte Testament weist das schon klar und deutlich auf, wie z. B. in dem Psalm, den wir gebetet haben. Und das neue Testament bestätigt das kräftig besonders in der Römerstelle: „Durch einen Menschen ist die Sünde gekommen in die Welt und ist zu allen Menschen hindurchgedrungen, da sie (unter diesem Verhängnis) alle gesündigt haben.“ Ein schweres Verhängnis bleibt es. Das empfinden wir auch, wenn der Geist Gottes schon sein Werk an uns hat. Ja dann gerade, wenn wir uns bestreben, im neuen Leben zu wandeln, empfinden wir, solang wir leben, die Macht der Sünde, die in uns wohnt. Wir dürfen aber vorausgreifend jetzt schon sagen: Was ein schweres Verhängnis für uns ist, das ist auch ausgeglichen durch die Gnade. Weil das Menschengeschlecht diese Einheit darstellt, so ist auch wie durch eines Menschen Sünde die ganze Menschheit sündig geworden, wiederum durch eines Menschen Gehorsam das ganze Menschengeschlecht versöhnt. Es sind viele in dem einen gerecht worden und jeder Mensch darf in Christo dem Versöhner seinen Bruder, seinen Vertreter, seinen Erlöser erkennen. Trotzdem erkennt auch der Christ die Erbsünde als Schuld an, ob auch nicht als seine persönliche Schuld, so doch als Gesamtschuld der Menschheit, wie das Paulus im Römerbrief darlegt. In Adam hat die ganze Menschheit gesündigt. Es ist schon der Zustand der Erbsünde, in dem wir geboren werden, ein Zustand, der Gott nicht gefallen kann; denn die Menschen sind heilig geschaffen. Es ist darum auch für die Erbsünde Vererbung nötig und nicht umsonst kommt es in jedem richtigen Sündenbekenntnis vor, daß wir in Sünden empfangen und geboren sind.

 Was schließt nun aber die Erbsünde in sich? Man kann kurz sagen: einen Affekt und einen Defekt. Es ist etwas nicht da, was da sein sollte und es ist etwas da, was nicht da sein sollte. Wir sehen, wie sich hier alles auf das Liebesband zwischen Gott und uns bezieht. Liebe zu Gott sollte in unserem Herzen sein; sie ist nicht in uns, statt dessen die Liebe zur Kreatur.

|  Betrachten wir die Erbsünde nach diesen beiden Seiten hin. Vor allem als Defekt. Sie ist Untüchtigkeit zum Guten, es ist nicht da, was da sein sollte. Wie oft wird die kirchliche Lehre von der Erbsünde nach dieser Seite hin mißdeutet und mißverstanden. Wenn wir sagen: Der Mensch ist von Natur untüchtig zum Guten, so ist nicht das menschlich Gute gemeint. Menschlich Gutes, menschlich Großes kann der Mensch aus eigener Kraft immer noch vollbringen, denn er hat Vernunft und freien Willen. Aber freilich was vor Gott gut ist, vermag der Mensch aus eigener Kraft nicht, nämlich Furcht und Liebe zu Gott im Herzen zu haben. Das zeigt Luther so unübertrefflich schön in der Auslegung der Gebote. Furcht und Liebe zu Gott müssen im Menschen sein, wenn man das Böse meiden und das Gute vollbringen will. Immer müßte der Christ den heiligen und allwissenden Gott vor Augen haben, da würde er nie und nimmer sündigen. Er müßte auch immer den Gott, der die Liebe ist, im Herzen haben, dann triebe ihn die Gegenliebe zur Erfüllung des Gesetzes; ja sie ist schon selbst des Gesetzes Erfüllung. Aber das ist nicht da, wie die Augsburgische Konfession im 2. Artikel ausdrücklich sagt, daß von Natur Furcht und Liebe Gottes nicht im Herzen wohnt. Vielmehr ist im Herzen ein verkehrter Affekt, die Lust und Neigung zum Bösen, die Lust zum Verbotenen. Wie leicht mußte das der Christ erkennen. Wir haben schon auf die dreifache Gestalt der bösen Lust aufmerksam gemacht: Augenlust, Fleischeslust, Hoffart des Lebens. Wo der Apostel 1. Joh. 2 davon spricht, bringt er es selbst mit der Liebe in Verbindung. Er ermahnt zur Liebe zu Gott und sagt im Gegensatz dazu: „Habt nicht lieb die Welt, noch was in der Welt ist.“ Diese dreifache Gestalt der bösen Lust kann man wohl in Verbindung setzen mit dem leiblichen, seelischen und geistigen Leben des Menschen. Fleischeslust geht auf des Menschen leibliches Dasein; sie ist Genußsucht, Befriedigung leiblicher Bedürfnisse losgelöst von Gott. Augenlust geht auf das seelische Leben, Eitelkeit, Oberflächlichkeit gehören besonders auch dazu. Die Hoffahrt aber geht auf das geistige Leben. Gott gegenüber zeigt sie sich als Unglaube, Meistern des Wortes, den Menschen gegenüber als Erhebung über andere, Hochmut, Zorn und Feindschaft. Aus ihr kommt dann die furchtbarste Frucht der Sünde, die gleich beim ersten Menschen, der geboren ist, bei Kain, sich zeigte: der Mord. Das alles sind grauenvolle Folgen der Zerreißung des Liebesbandes zwischen Gott und den Menschen.


IV.
 Aber, wir dürfen davon nicht reden, ohne auch noch zu sprechen von dem Gericht der göttlichen Heiligkeit: Zorn statt Liebe. Wir haben schon davon geredet, daß die Erbsünde auch| als Schuld erkannt sein will. Jedenfalls müssen wir festhalten, daß Gott die Sünde überhaupt nicht gleichgiltig ist. Wir haben schon andeutend von den sogenannten Eigenschaften Gottes gesprochen, wie Gott, der Vollkommene, Ewige sich betätigt gegenüber der Welt und gegenüber dem Menschen. Gegenüber der Welt in der Doppelheit: Erhabensein über die Welt und Einwirken in die Welt. Gegenüber dem Menschen auch wieder in der Doppelheit, daß er, der heilige Gott, sich unterscheidet vom sündigen Menschen und daß er, der Gott der Liebe, sich des sündigen Menschen annimmt. Beides, seine Heiligkeit und Liebe, ist zusammengefaßt in der Vollkommenheit Gottes, denn der die Fülle alles Lebens in sich schließt, erschließt sich dem Menschen in der Liebe. Er schließt sich aber auch ab von allem, was Sünde ist. So gibt es in Wahrheit einen Zorn Gottes, den man nie wird verwechseln wollen mit dem Zorn des Menschen, der nicht tut, was recht ist. Es mag bemerkt werden, daß es in dieser Jakobusstelle 1, 20 heißt: „Des Menschen Zorn wirket die Gerechtigkeit Gottes nicht.“ Es steht nach der Schrift fest: es gibt einen Zorn Gottes. Erstmals 2. Mose 4 heißt es: Der Herr ward zornig über Mose. In Gottes Mund findet sich der Ausdruck Zorn erstmals 2. Mose 22, 23. 24. „Mein Zorn wird über sie entbrennen,“ wenn etwa die Witwen und Waisen bedrängt würden. Wie oft ist weiterhin bei den Propheten vom Zorn Gottes die Rede, der über die Sünder entbrennt. Und im neuen Testament wird das bestätigt. An der Schwelle desselben spricht schon Johannes der Täufer davon: „Der Zorn Gottes bleibet über ihnen.“ Der Herr Jesus hat nicht nur bildlich in Gleichnissen vom Zorn Gottes geredet, „daß der Herr zornig ward, also daß er seine Heere aussandte gegen die Uebeltäter.“ Er redet ausdrücklich vom „zukünftigen Zorn“, der über Israel kommen wird (Luk. 21). Er selbst, der Sanftmütige, hat das achtfache Wehe in mächtigem Zorn gegen die Pharisäer ausgesprochen. Von ihm selbst heißt es einmal: er schaute sie an voll Zorn, als sie es wagten, durch den Menschen mit der verdorrten Hand ihn zu versuchen. (Marci 3). Sie wollten seine Erbarmung mißbrauchen, um eine Sache wider ihn zu finden. Auch die Apostel schreiben davon. Paulus nennt im Römerbrief besonders deutlich den Zorn Gottes wider die Sünde und auch im letzten Buch der Bibel klingt dies ernste Zeugnis uns noch entgegen. Es gibt einen Zorn Gottes, das ist eine Erregung in Gott wider die Sünde. Gerade weil die Gottesliebe so energisch ist, so tätig sich beweisen will, so wendet sie sich im Zorn gegen die, die diese Liebe mißachten. Darum ist Gott ein eifriger Gott, er will die Sünde nicht ungestraft lassen; es ist in ihm eine gewaltige Erregung gegen dieselbe vor der wir uns fürchten sollen. Luther erklärt: „Wir sollen uns fürchten vor seinem Zorn und nicht wider solche Gebote tun.“ Das| beweist auch das Gericht nach dem Sündenfall, dieses erste Gericht, das uns als Vorbild des letzten Gerichtes erscheinen kann. Warum wartet der Herr den Abend ab, ehe er sich einstellt? Weil am Abend der Welt das große Gericht eintreten soll und weil der Mensch an jedem Abend mit sich selbst ins Gericht gehen muß. Adam muß vor Gott erscheinen auf den Ruf: „Adam, wo bist du?“ Am Tage des Gerichtes müssen auch alle Sünder vor Gott offenbar werden. Adam wird gefragt: „Was hast du getan?“; nicht, als ob Gott es nicht wüßte, sondern er wird dadurch zur Rechenschaft über sein Tun gezogen. Adam will sich entschuldigen, kann es nicht, er muß das Gericht hinnehmen, der Strafe sich unterstellen. Nur ein Unterschied besteht zwischen diesem ersten Gericht, das Gott über die ersten Menschen abhielt und dem letzten großen Endgericht. Beim ersten Gericht tritt uns die Gnade Gottes alsbald entgegen; beim Endgericht gibt es nur Ungnade und Zorn über die, die Böses tun.

 Ja, liebe Christen, es gibt nur ein Doppeltes: entweder ein Liebesband zwischen Gott und uns oder es ist dies Liebesband zerrissen, dann bleibt der Zorn Gottes über uns. Darum „Heut lebst du, heut bekehre dich.“

Ps. 37, 7–18. Lied 339, 6. 7.





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