Einsegnungsstunden 1916/2. Stunde

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2. Stunde
am Donnerstag, den 23. November, nachmittags 4 Uhr.
Von der grundlegenden Liebestat der Schöpfung.
Lied 250. Psalm 104, 1–16, 29–35. Kollekte 224, 52.
 Es gibt eine religöse Richtung, welche den ersten Glaubensartikel zu sehr heraushebt auf Kosten des 2. und 3.; ja die den Christenglauben oder die Religion der Hauptsache nach auf denselben beschränkt. Das war einst die Richtung des alten Rationalismus, der von der geoffenbarten Wahrheit nur das gelten ließ oder nur das vortrug, was der menschlichen Vernunft noch am meisten einleuchtete, der insbesondere auch die Wunder leugnete und sie umdeutete auf natürliche Vorgänge, wie sie im Laufe der Erhaltung und Regierung der Welt und der Menschheit je und je geschehen. Es ist anzuerkennen das große Maß von Gottvertrauen, das der Rationalismus den von ihm Geführten einzupflanzen wußte und das sich zum Beispiel in den Kriegen vor 100 Jahren schön betätigt hat. Aber freilich die Hauptwahrheit fehlte, daß man durch Christum allein zum Vater kommt. Christus ist vom alten Rationalismus tatsächlich nicht gepredigt worden und damit ist sein Urteil gesprochen. Der neue Rationalismus, die moderne Richtung, steht im Grunde ähnlich. Wenn er auch nicht in diesem Maße Christum zurücktreten läßt, so stellt er ihn doch ebenso entschieden auf Seite der Menschheit. Die Wunder leugnet auch der neue Rationalismus durchaus; er beschränkt sich auch in wesentlichen auf die Wahrheiten, die der menschlichen Vernunft am leichtesten eingehen. Daraus erklärt sich der Beifall, den er in weiten Kreisen zumal bei den Gebildeten findet; denn das Aergernis des Kreuzes, kann man sagen, schafft er beiseite.| Er führt und hat manche geführt zu einer religiösen Gesinnung – das ist anzuerkennen –, aber Christum den Sohn Gottes predigt er nicht. Daß der Christenglaube im wesentlichen auf den 1. Artikel beschränkt wurde, das war beim alten Rationalismus der Fall und das ist die Religion des neuen Rationalismus. Es ist dies aber doch zugleich auch die Religion und Art des natürlichen Menschen, sozusagen des großen Haufens. Diejenigen Schwestern, die selbst vom Lande stammen oder mit Landleuten in ihrem Beruf zusammengeführt wurden, werden oft beobachten können ein bewundernswertes Maß von Gottvertrauen, das die Landbevölkerung in schwierigen Jahren zeigt und das sie in schönen Sprichwörtern ausprägt, wie ich es einmal in einer Notzeit von einem Bauern hörte: „Der ober uns hält schon länger Haus.“ Aber freilich damit ist Christus und der Weg zum Vater noch nicht gezeigt. In Stadt und Land, das wird besonders an Krankenbetten oft bemerkt werden können, sehen die meisten Jesum doch nur von seiten des Vorbildes an, daß er – wie die Leute naiv sagen – auch soviel hat ausstehen müssen. Da fehlt die wahre Erkenntnis Jesu Christi und es wird immer die Pflicht der Schwestern gegenüber den Kranken sein, sie weiterzuführen zu dem Standpunkt, daß wir durch Christum allein den Vater haben. Wer den Sohn aber nicht hat, der hat auch den Vater nicht. Man wird gegenüber dieser religiösen Stellung der Mehrzahl unserer Gemeindeglieder mit Vorsicht vorzugehen haben, von dem ausgehen was sie haben, aber ihnen zeigen müssen, daß sie das feste Kindesvertrauen auf den Vater nur durch Christum allein und seine Gerechtigkeit gewinnen können.
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 Aber es gibt nun auch den entgegengesetzten Irrtum, es gibt auch eine Zurückstellung des 1. Glaubensartikels und des Schöpfungswerkes. In den Kreisen der Gemeinschaft, das wird jedem aufgefallen sein, der mit Gliedern derselben nähere Fühlung hat, heißt es immer: der Herr, nämlich also Jesus, auch wo von Gott dem Vater und Schöpfer zu reden wäre. Beachten wir, daß der Apostel seine Gebete für gewöhnlich und meist an den Vater richtet und daß zu Christo eben gebetet wird, wenn wir ihn um seine mittlerische Fürsprache anrufen oder die Angelegenheiten der Kirche ihm vortragen oder unserer Dankbarkeit für seine teuere Erlösung sonderlich Ausdruck geben wollen; aber sonst lehrt uns Christus selber durch ihn zum Vater beten. Es liegt bei diesem Neupietismus, wie man die Gemeinschaftsrichtung wohl nennen kann, eine gewisse Verkennung der Schöpfungsordnung zugrunde. Hinsichtlich der natürlichen Gaben heißt es da nicht mit dem Grundsatz des Apostels: „Es ist alles euer“, sondern da wird in gesetzlicher Weise gesagt: Du sollst dieses und jenes nicht tun, dieses und jenes nicht anrühren. Oft tritt uns auch eine Verkennung der dem Christen obliegenden| Pflicht eigener Ueberlegung und Besinnung entgegen, wenn es heißt: „Der Herr hat es getan“ auch bei Dingen, die durch menschliches Ueberlegen und Tun zu vollbringen sind. Darin tritt etwas von Schwärmerei zu Tage, wovon diese Richtung nicht ganz freizusprechen ist.

 Wir wollen den Christenglauben so lassen wie er ist und wollen bedenken, daß die 3 Bekenntnis-Sätze zu Vater, Sohn und Geist Artikel, d. h. Glieder des christlichen Glaubens heißen; da darf keines fehlen, wenn nicht das Ganze Schaden leiden soll. Wir stellen die Glaubenslehre unter dem Gesichtspunkt der heiligen Liebe dar und wenn wir nun vom Schöpfungswerk zu reden haben, so wollen wir demselben seine grundlegende Stellung lassen und nicht vergessen, daß dieser Artikel von dem Vater und der Schöpfung der erste ist und bleibt. Unter den Gesichtspunkt der heiligen Liebe aber befaßt, werden wir nun reden dürfen

von der grundlegenden Liebestat der Schöpfung.

 Wir fassen ins Auge:

1. Die Schöpfung als Tat Gottes an der Schwelle der Zeit,
2. Die Schöpfung als Offenbarung des ewigen Liebesrates,
3. Die Schöpfung in ihrer Abzielung auf den Menschen und
4. Die Schöpfung als Begründung eines Liebesverhältnisses zwischen Gott und der Menschheit.


I.
 Zuerst betrachten wir die Schöpfung als eine Tat Gottes an der Schwelle der Zeit. Erinnern wir uns an jene merkwürdigen Vorgänge, die uns im Büchlein des Propheten Jona berichtet werden, als Jonas floh vor dem Herrn, weil er nicht nach Osten gehen, nicht der großen Stadt Ninivepredigen wollte in der Besorgnis, sie möchte sein zur Buße mahnendes Wort annehmen, während Israel es verwarf. Als er da zum äußersten Meer fahren wollte nach Tartessus in Spanien, da sagte er den Schiffsleuten wohl, er fliehe vor seinem Gott; aber die Schiffsleute fanden darin nichts Sonderliches. Nach heidnischer Anschauung hat jedes Volk seine eigenen Gottheiten und wenn jemand sich dem Einfluß der heimischen Gottheit entziehen wollte, dann floh er eben in ein anderes Land. Als nun aber Gott den widerspenstigen Propheten fand und ihm durch den gewaltigen Gewittersturm zeigte, daß er ihn treffen könne überall; als die Heiden merkten, daß einen unter ihnen die Gottheit verfolgte durch die sonderliche Art des Sturmes, der das Schiff nicht aus seiner Macht ließ und als das Los Jona getroffen hatte und sie ihn fragten, wer er sei: da erschraken sie aufs tiefste, weil sie hörten, er verehre den Gott, der den Himmel gemacht| hat und die Erde und das Meer. Daß man vor einem Gott floh, das erschien ihnen als nichts Sonderliches, aber daß es einen Gott gebe, der Himmel und Erde und alles, was darinnen ist, geschaffen hat und daß einer wage sich wider solch einen Gott aufzulehnen, das setzte sie in tiefsten Schrecken. Solchen Eindruck machte auf unbefangene heidnische Gemüter die Botschaft, daß Gott der Schöpfer Himmels und der Erde ist. Wie beschämten sie den Propheten! Ja, es ist etwas Großes, dieser erste Satz der Bibel: „Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde!“

 Wo Paulus vor Juden predigte, wie etwa im pisidischen Antiochien, da knüpfte er an die Erwählung Israels durch Abrahams Berufung an. Wenn er aber vor Heiden redete, wie in Lystra und in Athen, da ging er jedes Mal auf diese Grundlage zurück, daß Gott die Welt und die Menschheit geschaffen hat. „Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde.“ Hier haben wir den Unterschied zwischen der geoffenbarten Religion und allen heidnischen Religionen. Auch die heidnischen Völker haben ihre Schöpfungsgeschichten und Schöpfungssagen und einige von denselben haben da und dort Aehnlichkeit mit dem Schöpfungsbericht der Bibel. Aber wie ganz anders sind sie in der Hauptsache! Kurz gesagt: sie enthalten nicht nur Kosmogonie, sondern Theogonie, sie berichten nicht nur von der vermeintlichen Entstehung der Welt, sondern im Zusammenhang damit auch von dem Entstehen und Werden der Gottheit. Es erscheint da die Erde selbst und der Himmel als eine Gottheit, wie auch bei den Griechen. Der Gedanke ist bei den Heiden überall: Der Stoff selber, aus dem die Erde und die Welt besteht, ist ewig; die Götter sind mit demselben geworden und üben nur eine ordnende und regulierende Tätigkeit aus. Ja, im tiefsten Hintergrund liegt überall bei den Völkern, die dem Naturdienst obliegen, der Pantheismus zu Grunde, d. h. die Meinung: das Weltall selber sei Gott. Und so denken es sich auch die meisten unter unsern Gebildeten; auch ihre Meinung ist: die gewaltige, einheitliche Kraft, die in der Natur wirkt, die ist eben die Gottheit.

 „Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde.“ Hier wird gewaltig festgestellt der Unterschied zwischen Gott und der Welt. Gott ist ewig, die Welt hat einen Anfang genommen; es wird uns gezeigt das rechte Verhältnis zwischen Gott und der Welt, daß Gott der Schöpfer dieser gegenwärtigen Welt ist. „Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde“, d. h. er hat die Welt ins Dasein gerufen, er hat sie gemacht durch sein Wort aus Nichts. Wir reden von der Erschaffung aus Nichts. Mit Recht hat man darauf aufmerksam gemacht, daß diese Erschaffung nur auf die Erschaffung der Welt selber geht, nicht der einzelnen in der Welt vorhandenen Kreaturen., Der Mensch ist nicht aus dem Nichts geschaffen worden, sondern aus dem feinsten Erdenstaub; auch die Tiere und die Pflanzen| wurden nicht etwa aus nichts geschaffen, sondern die Erde ließ sie hervorgehen. Man unterscheidet deshalb eine creatio prima und eine creatio secunda. Die creatio prima, die erste Schöpfung, ist eben die Tatsache, daß Gott das Weltall ins Dasein gerufen hat, und daß diese Welt demnach einen Anfang hat. Das haben wir festzuhalten. Die Welt hat einen Anfang genommen, es ist nicht etwa ein ewiger Kreislauf der Dinge, ein Werden und Vergehen und Wiederwerden. Man kann das auch dem natürlichen Denken einigermaßen einleuchtend machen. Es steht fest, die Erde selbst bezeugt es durch das Erdinnere, durch die Bildung der Gesteine, daß diese Erde eine Entwicklung genommen hat, die aber bis zu einem bestimmten Ziel geführt worden ist. Sie steht jetzt still; eine weitere Entwicklung der Schöpfung, der Erde, über das hinaus, was jetzt seit Bestehen der Menschheit vorhanden ist, gibt es nicht. Ist also die gegenwärtige Welt und Schöpfung bis zu einem bestimmten Ziel geführt worden, so wird sie auch einen Anfang genommen haben. Uns steht es jedenfalls fest: Die Welt hat einen Anfang genommen, Gott hat sie ins Dasein gerufen. Was man die creatio secunda, die 2. Schöpfung, nennt, ist dann die Ausgestaltung der erschaffenen Welt in den Zustand, in dem wir sie jetzt vorfinden. So erzählt es uns ja nacheinander der Schöpfungsbericht. „Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde“ und der zweite Vers sagt, daß die Erde wüste und leer war, daß es finster war auf der Tiefe, der Geist Gottes schwebete auf dem Wasser. Dann kommt erst das weitere Tun Gottes, das zum jetzigen Zustand der Dinge geführt hat. Ob zwischen der 1. und 2. Schöpfung eine lange geschichtliche Entwicklung mitten inne liegt, das wissen wir nicht. Es ist eine vielfach gehegte Vermutung, daß die Erde ursprünglich der Wohnsitz von Engeln gewesen sei, die dann unter des Satans Einfluß von Gott abgefallen seien, daß dadurch eine Zerstörung, eine richtende, der ersten Welt statt gefunden habe und daß dann die jetzige Schöpfung, die auf den Menschen abzielte, sie wieder emporheben sollte; sodaß dem Menschen von Anfang die Aufgabe gestellt gewesen wäre, die Erde wieder zu Gottes Eigentum zu machen. Das ist lediglich eine Vermutung, die wir ja nicht mit Sicherheit vortragen dürfen. Hier gilt es sich zu bescheiden. Wir bleiben dabei: Gott hat die Welt aus dem Nichts ins Dasein gerufen.
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 Es ergeben sich daraus für unser christliches Denken der Fragen manche. Dürfen wir die Frage aussprechen: Wie haben wir es zu denken, daß Gott von Ewigkeit her gewesen ist vor der Welt und ohne die Welt? Was tat Gott vor der Schöpfung der Welt? Sie kennen wohl die scherzhafte Antwort Luthers: „Er ist in einem Birkenwäldlein gesessen und hat Ruten geschnitten für unnütze Frager.“ Das mag man einem Kind| im Scherz einmal sagen; wir werden aber antworten dürfen: In Gott ist eine solche Fülle göttlichen Lebens, wie wir heute Vormittag schon sagten, und Gott hat Geister um sich, wie er sie haben will, reine selige Geister, die ihm dienen, daß wir die Frage wahrlich nicht zu stellen brauchen. Haben wir ein Recht zu der Frage, wie es sich mit der Entstehung der Engelwelt verhielt? Daß sie von Gott geschaffen ist, steht uns fest; darum bekennen wir im Nicaenum Gott als den Schöpfer aller sichtbaren Dinge und unsichtbaren. Wann sie aber geschaffen ist, das wissen wir nicht. Manche meinen auf Grund des soeben gebeteten 104. Psalms etwa am 2. Tag zugleich mit dem Himmel im Unterschied von der Erde. Allein es ist zu bemerken, daß der betreffende Vers des Psalms wohl eigentlich umgekehrt zu verstehen ist: Er macht die Winde zu seinen Boten und Feuerflammen zu seinen Dienern. Jedenfalls mit Sicherheit läßt sich daraus nichts entnehmen über die Frage, wann die Engel geschaffen sind. Ob mit der Welt oder vor der Welt, wissen wir nicht. Mit der Welt – dafür könnte etwa sprechen, daß sie die Diener Gottes in der sichtbaren Welt sind. Daß sie vielmehr vor der Welt geschaffen sind, dafür kann man sich auf die Hiobstelle berufen: „Wo warest du, da mich die Morgensterne lobten, und jauchzten alle Kinder Gottes“, nämlich die Engel. Da erscheinen die Engel als Zeugen und Mithelfer des Schöpfungswerkes, so daß für das eine, wie für das andere dies und jenes angeführt werden mag. Aber weiter die Frage: Wann ist die Welt geschaffen? 4000 Jahre vor Christo etwa setzen wir nach den Angaben der Schrift die Erschaffung des Menschen. Ob nun die erste Erschaffung der Welt überhaupt nur 6 Tage vorher geschehen ist? Und kann man eine bislang dauernde 6000jährige Weltzeit annehmen? Es führt uns das zur Frage nach der Dauer der Schöpfungstage. Lesen wir einfach den Bericht im 1. Mosebuch – diese gewaltige Urkunde von der Schöpfung, die wohl auf den Eindruck zurückgeht, den der erste Mensch von der erschaffenen Welt hatte, der durch die Offenbarung gereinigt wurde von sagenhaften Bestandteilen, die er im Lauf der Zeiten in sich aufgenommen hatte, – so müßten wir freilich den Eindruck haben „da ward aus Abend und Morgen ein Tag“, daß eben Tage gemeint wären, wie wir sie gegenwärtig haben. Doch ist dagegen zu sagen, daß die 3 ersten Tage unmöglich Tage jetziger Dauer gewesen sein können, da erst am 4. Tage die Sonne zum Lichtträger der Erde gesetzt wurde. Wiederum ist das Ruhen am 7. Tage auch sozusagen etwas Unbegrenztes; so können recht wohl Welttage, Gottestage, unter den 6 Schöpfungstagen gemeint sein. Wir werden niemand zu dieser Annahme nötigen, aber auch berechtigt sein, diese Annahme hegen zu dürfen. Jedenfalls, soweit wir uns auf die Forschungen, die sich auf die Entstehung der Erde beziehen, verlassen dürfen, so muß| eine längere Weltdauer als nur 6000 Jahre angenommen werden. Die Entstehung der Steinkohlen, die doch aus verkohlten Gewächsen entstanden sind, oder die Entstehung des Muschelkalks setzen eine längere Zeit des Bestehens der Erde voraus. Wir werden aber auch sagen dürfen: Eine längere Dauer der Welt an sich läßt sich wohl mit dem biblischen Schöpfungsbericht vereinigen. In dem Vers: „Und die Erde war wüste und leer und es war finster auf der Tiefe“ kann man alle diese Zeiten, die erforderlich scheinen nach den Forschungen der Gegenwart, unterbringen, wenn man nicht die Schöpfungstage als längere Gottes- und Welttage annehmen will. Das wird gesagt werden dürfen über den Schöpfungsbericht selber.

 Wir haben nun erstlich die Schöpfung ins Auge gefaßt als Tat Gottes an der Schwelle der Zeit. Es ist die Schöpfungstat Gottes die Betätigung Gottes, die von der Ewigkeit zur Zeit gleichsam herüberreicht. Aber was ist nun die Bedeutung dieser Gottestat für das Verhältnis Gottes zur Menschheit und insbesondere für sein Liebesverhältnis zum menschlichen Geschlecht?


II.
 Wir sagen zunächst: Die Schöpfung ist die Offenbarung des göttlichen Liebesrates über das Menschengeschlecht. Es gibt einen Gedanken, der bei uns etwas zu sehr zurücktritt, nämlich die ewige göttliche Erwählung. Die Schrift spricht ausdrücklich davon, daß wir erwählt sind schon vor Grundlegung der Welt. Das bezeugt der Apostel Epheser 1 und auch Römer 8, wenn wir auch absehen müssen von der schwierigen Stelle Röm. 9, in welcher die zeitgeschichtliche Erwählung des Volkes Israel gemeint ist. Man wird leicht irre an diesem großen Gedanken einer ewigen Erwählung, durch das Mißverständnis und die Mißdeutung, die dieser Gedanke gefunden hat in der Lehre von der Prädestination, wie sie von Calvin nach seiner ganzen Art des Denkens auf die Spitze getrieben worden ist. Derselbe lehrte wie bekannt geradezu, daß Gott von Ewigkeit her eine bestimmte Anzahl von Menschen für die Seligkeit erwählt habe, um an ihnen seine Liebe zu verherrlichen, und andere zur Verdammnis, um an ihnen seine Heiligkeit zu zeigen, ja er geht soweit, daß er auch den Sündenfall als von Gott voraus gewollt angesehen hat. Dem stehen doch die klaren Worte gegenüber: „Gott will, daß allen Menschen geholfen werde und alle zur Erkenntnis der Wahrheit kommen.“ „Er will nicht daß jemand verloren werde, sondern daß sich jedermann zur Buße kehre.“ Und wenn man dem gegenüber auf das Wort hinweist: „Viele sind berufen, wenige sind auserwählt“, so wird das nicht allzu schwer in Einklang zu bringen sein auf dem Wege, den schon unsere Väter uns gezeigt haben, nämlich: Gott hat alle Menschen sicherlich zur| Seligkeit bestimmt und erwählt, aber nicht anders als in Christo. Er beruft und erwählt uns zur Seligkeit unter der Voraussetzung des Glaubens an Christum. Wer nicht zu Christus und dem Glauben an ihn sich führen lassen will, macht selbst seine Erwählung damit zunichte. Der rechte Gebrauch aber der Lehre von der ewigen Erwählung, daß Gott uns in Christo schon vor Grundlegung der Welt erwählt hat, ist der, daß wir dadurch zu völliger Gewißheit und Sicherheit des Heilsstandes kommen dürfen und zu der Gewißheit, Gott wird sein Werk an uns auch vollenden. So sieht es auch der Apostel Römer 8 an: „Welche er aber verordnet hat, die hat er auch berufen; welche er aber berufen hat, die hat er auch gerecht gemacht; welche er aber gerecht gemacht hat, die hat er auch herrlich gemacht.“ Gott also, der uns von Ewigkeit her, schon vor Grundlegung der Welt erwählt hat zu seinen Kindern, der führt sein Werk soweit es an ihm liegt an uns hinaus, wenn wir es nicht selber hindern und zunichte machen. Die Schöpfung steht an der Schwelle der Zeit, voran aber ging der göttliche Liebesgedanke. Was hat derselbe gewollt? Gott wollte, daß wir etwas seien und werden zu Lob seiner Herrlichkeit, vor allem zum Lob seiner Macht, wenn wir denken an die gewaltigen Kräfte, die in der Welt wirksam sind, alle von Gott geschaffen, an die gewaltige Ausdehnung des Weltalls, auf die die göttliche Erschaffung und Erhaltung sich beziehen, wenn wir daran denken, daß dieses alles geworden ist durch den göttlichen Willen und sein gewaltiges Wort: „So er spricht, so geschiehts; so er gebeut, so steht es da.“ Gott hat die Welt gewollt, damit sie etwas werde zum Lobe seiner Macht, nicht minder zum Lobe seiner Weisheit. Wir haben heute früh schon darauf hin gewiesen, wie die Weisheit Gottes auch im kleinsten in dem Maße sich uns zeigt, in dem wir eindringen in das geheimnisvolle Leben in der Natur, in der Pflanzen- und in der Tierwelt und in die wunderbaren Kräfte, die die Bewegung der Himmelskörper im Gange halten. Er hat aber auch etwas werden lassen wollen zum Lobe seiner Güte und seiner Liebe. Allen seinen Geschöpfen tut er Gutes. „Der Herr ist allen gnädig und erbarmet sich aller seiner Werke“, wie der Psalmist sagt. Er hört auch das Schreien der jungen Raben, die ihn anrufen. Er speist, wie der Heiland sagt, auch die Vögel unter dem Himmel und es fällt nicht ein Sperling vom Dach ohne sein Wissen, aber noch viel mehr wollte er seine Liebe verherrlichen an uns. Und wenn wir uns auch nur auf den festen Grund der Schöpfung stellen, daß Gott eine Welt ins Dasein gerufen hat, um seine Liebe an uns Menschen zu verherrlichen, wie getrost und fröhlich können wir sagen: Auch ich bin von den Lieben, weil Gott die Welt geliebt. Und dürfen wir nicht immer die Erfahrung machen, daß Gott die Erschaffung weiterführt und betätigt durch die Erhaltung und durch die Regierung? Darum ist es ein| so großes Wort, das Luther einfügt in die Auslegung des 1. Artikels „und noch erhält.“ In diesem Noch, was liegt da für ein bewundernder Blick auf die göttliche Erbarmung und die Güte, die er uns stets beweist und zugleich auf unsere Unwürdigkeit, daß wir es nicht wert sind.

 So dürfen wir sagen: die Schöpfung ist die Offenbarung des göttlichen Liebesgedankens über das menschliche Geschlecht. Und wir dürfen das mit vollstem Recht hervorheben; wir dürfen aus der Schöpfung der Welt schließen auf einen Liebesgedanken mit der Menschheit. Warum? Weil das ganze Schöpfungswerk deutlich abzielt auf den Menschen hin.


III.
 So betrachten wir weiter das Schöpfungswerk in seiner Abzielung auf den Menschen. Gott ja hätte zweifellos vermocht die Welt in einem Augenblick fertig hinzustellen. Er hat das nicht gewollt, sondern er hat sie erstehen lassen in allmählichem Werden. Ja, wie hat sich da Gott zu uns herabgelassen! Für ihn gibt es keine Zeit; vor ihm sind 1000 Jahre wie ein Tag; aber er ist doch der Herr der Zeit und die Zeit ist ein Geschenk, eine Gabe, die er uns darreicht. Sie ist die uns verstattete Möglichkeit etwas zu sein und zu werden zum Dank seiner Liebe. Gott hat nicht nur die Zeit gemacht und gegeben, er geht auch selbst in die Zeit ein, steht als das A und O am Anfang und Ende der Entwicklung und der Geschichte der Welt. So ist denn Gott bei der Schöpfung der Welt so verfahren, daß er sie in allmählichem Werden entstehen ließ. Wir sprachen schon von der ersten und zweiten Schöpfung, wie unsere Väter sagten, und wiesen auch schon hin auf das Sechstagewerk; es ist von vielen belächelt und als etwas Undenkbares erklärt worden, und ich erinnere mich wohl der Worte eines Theologen, der sagte: „Den Schöpfungsbericht kann man doch nicht mehr aufrecht erhalten. Wer ist es der ihn noch als Mann der Wissenschaft aufrecht festzuhalten wagt?“ Doch wir sagen: Erstaunliche Wahrheiten liegen im Schöpfungsbericht, nicht nur religiöse, sondern auch naturwissenschaftliche sind im 1. Buch Moses niedergelegt, auf welche damals als es geschrieben wurde noch kein Mensch in der Welt gekommen war. So der Gedanke des stufenweisen Werdens der Welt, dann daß die Pflanzen älter sind als die Tiere, was heute der Wissenschaft völlig feststeht, daß ferner die vierfüßigen Tiere jünger sind als die Vögel und Fische, was auch die Wissenschaft anerkennt und schon aus dem Schöpfungsbericht deutlich hervorgeht. Wir geben zu, daß einzelne Schwierigkeiten vorliegen, so den 4. Tag anlangend, daß da erst Sonne, Mond und Sterne geschaffen worden wären, während doch die Erde von der Sonne abhängig ist, und sich um sie bewegt, von| ihr das Licht empfängt. Doch wird man denken können, daß die Erde etwa zuvor von einer eigenen Lichthülle umgeben gewesen sein kann, wie die Sonne selber und daß erst im Verlauf der Zeit die Sonne der Lichtträger für die Erde geworden ist, denn als Lichtträger, Zeichen und Zeiten, Tag und Jahre zu geben hat Gott am 4. Tage Sonne, Mond und Sterne bestimmt. Und wie wunderbar und tiefsinnig ist doch die Reihenfolge der Schöpfungstage! Am ersten ruft Gott das Licht ins Dasein aus der Finsternis – ein großer Gedanke: der, der selbst Licht ist, ließ das Licht erst werden, aber aus der Finsternis heraus; denn alles was werden soll, entwickelt sich im Finstern, im Verborgenen, und was wächst, was etwas werden darf, kommt ans Licht und das Ziel ist das Licht der Verklärung und der Weg dazu ist wiederum das Licht. Am 2. Tag schuf Gott die Feste, d. h. die Ausdehnung zwischen den Wassern und schied damit das Wasser über der Feste von dem Wasser unter der Feste. Es wird unter dem Wasser über der Feste doch wohl die atmosphärische Luft gemeint sein, die von dem Wasser auf Erden sich dadurch unterscheidet, daß sie elastisch-flüssig, dieses aber tropfbar-flüssig ist, wie die Wissenschaft sich ausdrückt. Und am 3. Tage ließ er die Erde erstehen aus dem Wasser; das ist wiederum auch nach den Forschungen der Wissenschaft nicht anders gewesen, die Gebirge hoben sich und durch Zurückfluten des Wassers hat die Erde sicherlich ihre letzte Gestalt erlangt und das Schöpfungswort, das Gott damals sprach, wirkt fort in die Gegenwart, daß heute noch die Wasser alle meerwärts eilen, im Meer sich sammeln. Merkwürdig ist ja freilich, daß für die Erschaffung der Pflanzenwelt kein besonderer Schöpfungstag genannt wird, sondern daß sie auch am 3. Tag im Anschluß an das Hervortreten des Festlandes erschaffen wurde. Das sollte zeigen, daß die Pflanzenwelt zur Erde gehört und daß die Erde dazu erschaffen wurde, um Gewächs hervorzubringen zu Nutz dessen, auf den überhaupt das ganze Schöpfungswerk abzielt. Diese 3 ersten Tage sind die erste Hälfte des Sechstagewerkes und dem entspricht die 2. Hälfte desselben aufs genaueste. Wie Gott am 1. Tag das Licht geschaffen hat, so am 4. Tag die Lichtträger. Wie Gott am 2. Tag geschieden hat Wasser und Luft, so erschuf er am 5. Tag die Tiere im Wasser und in der Luft. Hier kommt auch zum ersten Mal der Erhaltungssegen vor in Beziehung auf lebende Wesen, wie zuvor in Beziehung auf die Pflanzenwelt, daß die Erde aufgehen lasse Gras und Kraut, das sich besame, und fruchtbare Bäume trage. Wie Gott am 3. Tag ins Dasein gerufen hatte das feste Land, so am 6. Tag die Tiere auf dem festen Land. Wie Gott am 3. Tag der Erde ihren Schmuck gab in der Pflanzenwelt, so hat er am 6. Tag den Menschen ins Dasein gerufen, auf den die ganze Schöpfung abzielt, der ihr Schmuck und ihre Krone ist. So| zielt die ganze Schöpfung deutlich auf den Menschen ab und die Erschaffung des Menschen macht daher den Schluß der Schöpfung. Es ist ein großes Wort, das die Schrift sagt: „Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde,“ aber nicht minder groß ist das Wort von der Erschaffung des Menschen.

 Bei dieser Erschaffung, weil auf sie alles abzielt, hat Gott zuerst den Ratschluß ausgesprochen: „Lasset uns Menschen machen“ und dann selbst das Werk in die Hand genommen – ohne Zweifel durch der Engel Dienst, den Körper des Menschen gebildet aus Erdenstaub, selbst ihm den Geist eingehaucht und ihn gemacht zu einer lebendigen Seele. So ist der Mensch von der Erde genommen, aber ihm wurde auch ein Geist, den Gott selbst ihm gab. Also gehört der Mensch der sichtbaren und der unsichtbaren Welt zugleich an, ihm eignet ein sichtbares Teil, das ihn mit dieser Welt verbindet, und ein unsichtbares Teil, das ihm ermöglicht zu Gott sich aufzuschwingen. Es gibt so viele, die über dem sichtbaren ihr unsichtbares Teil vergessen; wir wollen auch über dem Unsichtbaren und Ewigen das Sichtbare nicht vergessen. Wir wollen nicht etwa die irdischen Dinge gering achten, sondern auf dem Boden bleiben, auf den Gott uns gestellt; zur Arbeit in dieser Welt sind wir bestimmt. Man soll nicht durch verkehrtes Verlangen nach dem Ewigen sich die Tätigkeit im Irdischen schwieriger oder sorglicher machen, sondern beides in richtiger Weise verbinden. Schwestern sind vielleicht manchmal in der Gefahr zu sehr den Boden unter den Füßen zu verlieren, sich zu sehr zu verlieren in höhere Gedanken und darüber die Tätigkeit nicht genugsam zu beachten und hochzuschätzen. Beides muß miteinander verbunden bleiben. Aber wir dürfen noch mehr sagen: Gott hat durch die Schöpfung seinen eigenen Liebeswillen erstmals kund getan. Da ist Gott herausgetreten aus der Unsichtbarkeit, er der Urquell aller Dinge, und hat sich durch diese Schöpfungstat andern bezeugt; die Schöpfung zielt auf den Menschen ab. Aber


IV.
sie begründet zugleich das Liebesverhältnis Gottes und der Menschheit. Es ist ein wichtiger Satz: „Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde.“ Es ist ein nicht minder wichtiger Satz: „Gott schuf den Menschen ihm zum Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn.“ Als das göttliche Ebenbild hat Gott den Menschen geschaffen zunächst zu dem Zweck damit der Mensch herrschen sollte über die Erde. Wie Gott die Welt beherrscht, so der Mensch die Erde; er sollte sie zu Gottes Eigentum machen. Das kann der – Mensch, weil er denken und wollen kann; durch sein Denken kann er Gott in der Natur erkennen und durch sein Wollen kann er sie in seinem Dienst nehmen. Das Denken und Wollen des| Menschen ist ein bewußtes. Das unterscheidet ihn von den Tieren, bei denen auch nicht jede höhere Fähigkeit fehlt; aber Bewußtsein von sich selber haben die Tiere ganz und gar nicht. Der Mensch weiß von sich selbst; er vermag sich selbst zu bestimmen, er ist sich seiner Selbstverantwortlichkeit vor Gott bewußt. So ist der Mensch von Gott ausgestattet worden in der Richtung auf Gott hin sein Leben zu führen. Er sollte die Erde Gott und sich selbst untertan machen; er sollte eine große Aufgabe erfüllen; sein Denken und Wollen sollte stets auf Gott gerichtet sein im steten Bewußtsein seiner Verantwortlichkeit vor Gott. Und dazu hat Gott den Menschen seiner väterlichen Gemeinschaft von Anfang an gewürdigt, er hat mit ihm verkehrt wie ein Vater mit den Kindern. Er hat ihnen eine Stätte zugewiesen, das Paradies, die würdig war der Gemeinschaft zwischen Gott und den Menschen. Ob schon alle Todesmächte in der Natur damals ausgeschlossen waren, das wissen wir nicht; es wäre jedenfalls die Aufgabe des Menschen gewesen, sie völlig zu überwinden und die ganze Erde zum Paradiese umzuschaffen, zum Leben und zum lebendigen Liebesverhältnis mit Gott. Zum Liebesverhältnis mit Gott ist der Mensch geschaffen, und wenn er darin geblieben wäre, wie wäre dann die Erde schon alsbald zum Paradies umgestaltet worden, das wir jetzt erst zu erwarten haben auf der neuen Erde. Aber jedenfalls soll aus dem heute Vorgetragenen das klar geworden sein, wie die Schöpfung die grundlegende Tat unseres Gottes ist und daß wir viel mehr auch für die Erschaffung der Welt und unsere eigene Erschaffung Gott danken sollen.

 Der sein Werk begonnen mit der Menschheit am Tage der Schöpfung, der wird auch sein Werk nicht lassen, bis der, der an der Schwelle von Zeit und Ewigkeit sich offenbaret hat, dies sein Werk aus der Zeit einst vollenden wird zur ewigen Herrlichkeit.

Amen!
Ps. 146. Lied 13, 4. 8.





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