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Durch Indien ins verschlossene Land Nepal/In den Hauptstädten Nepals

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Die Audienz bei Deb Schumscher Dschung Durch Indien ins verschlossene Land Nepal
von Kurt Boeck
Der Tempel des fünfköpfigen Lingam und seine sonderbaren Heiligen
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Tempel mit Garuda-Standbild und Durbar mit goldener Tür in Patan.[WS 1]

Einundzwanzigstes Kapitel.
In den Hauptstädten Nepals.

An die blutigen Gewaltmaßregeln, mit denen Jan Bahadur und andere Machthaber in Nepal ihre Herrschaft erringen und behaupten mußten, wurde ich recht lebhaft erinnert, als ich am nächsten Tage der Landeshauptstadt einen Besuch machte und das niedrige, goldne Pförtchen des Hanuman Dhoka-Palastes[WS 2] betrachtete, durch das so mancher Große des Reichs gebeugten Hauptes in den Palast eingetreten ist, ohne je wieder daraus zum Vorschein zu kommen. Der Schauplatz der großen Metzelei vom 14. September 1846, wobei dreißig einflußreiche Gegner Jan Bahadurs niedergemacht wurden, war jedoch das Kriegsratsgebäude, der Kot[WS 3], und nicht dieser Palast, vor dem, zur rechten Seite des Tores, das nur für den Maharadschah in ganzer Höhe geöffnet wird, stets ein Gorkhasoldat ohne Gewehr mit einem langen Knüppel die Wacht hält, während auf der anderen Seite eine bunte Bildsäule des grotesken Affenanführers Hanuman mit schneeweißem Gesicht unter einem riesigen roten Sonnenschirm aufgestellt ist. Schwerlich kann man sich einen interessanteren Eingang zu einem asiatischen Fürstenhof denken!

Diesem Palast gegenüber stehen auf einem weitläufigen Platz zahlreiche Tempel mit den üblichen aus mehreren Stockwerken bestehenden Dächern, deren Ausschmückung mit skandalösen Holzschnitzereien in anderen Ländern unerhört wäre und nirgends geduldet werden würde.[WS 4] Gelehrte Nepaler, die ich fragte, warum derartige unpassende Szenen denn gerade an den Außenseiten von Tempeln angebracht würden, widersprachen sich recht auffällig; die einen erklärten sie als Darstellungen der galanten Abenteuer Krischnas,[WS 5] sozusagen des [265] brahminischen Liebesgottes, andere betrachteten sie als Mahnung an die Tempelbesucher, ihre weltlichen und sündhaften Gedanken hübsch außerhalb des Tempels zu lassen, und noch andere sagten ganz naiv, diese Gruppen seien dort, weil sie den Nepalern besonderen Spaß machten und die lieben Leutchen zum Tempel hinzögen. Diese und andere oft sehr kunstvolle Holzschnitzereien an Tempeln und Häusern haben die Gorkhas dick mit Kalk übertünchen lassen, um ihnen den Anschein von Steinmetzarbeit zu geben; auch hieraus erhellt, wie sehr die Newaris den Gorkhas an Kulturverfeinerung überlegen waren.

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Newari-Tempel mit Holzschnitzereien vor dem Königspalast in Katmandu.[WS 6]

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Marktplatz in Katmandu.[WS 7]

Der dem Palast zunächst stehende Tempel erhebt sich auf einem Sockel aus Steinblöcken, auf denen ein Spruch in sämtlichen Sprachen Asiens eingemeißelt ist und auf dem sich, als ich ein Bild des Tempels aufnehmen wollte, sofort eine Rotte von Newaris und Gorkha-Soldaten aufstellte, die mich dann auf Schritt und Tritt umschwärmten und wie ein Wundertier angafften.

Von ähnlichen Tempeln ist nun Katmandu, wie alle Städte Nepals, gradezu überfüllt, doch sind viele derselben unvollendet als Ruinen zerfallen; dies hängt mit dem allgemeinen Glauben zusammen, daß derjenige, der ein Werk zu beendigen wagt, dessen Unternehmer vor der Fertigstellung stirbt, demselben binnen drei Monaten in den Tod nachfolgen muß. In diesen überall verstreuten zahllosen Tempelruinen liegt eine der Ursachen, die Katmandu, und mehr noch die beiden anderen alten Hauptstädte Patan und Bhatgaon, zu den malerischesten Städten der Welt machen. Man darf nie vergessen, daß diese dicht beieinander liegenden Städte Residenzen von Newari-Fürsten waren, die nach Nachbarart vielfach miteinander in Unfrieden lebten.

Die ganze Anlage der Stadt mit ihrem scheinbar planlos und wirr durcheinander laufenden Netz schmaler Gassen, die unter allen möglichen Winkeln zusammenstoßen und dadurch enge, winklige Plätze bilden, ist dem malerischen Gesamteindruck außerordentlich günstig. Überdies ist das Aussehen der Häuser im höchsten Grade malerisch und gefällig, da nur das untere Stockwerk aus ockerfarbigen Ziegeln besteht, das obere aber mit altersschwarzem, geschnitztem Holzwerk bekleidet ist. Dadurch nun, daß diese Holzwände nebst ihren Fenstern häufig schräg über die untere Mauer hervorstehen, werden die engen Gassen nach oben hin fast überbrückt, so daß zwischen den einander gegenüberliegenden geschnitzten Dachfirsten nur ein schmaler Himmelsstreifen sichtbar bleibt. Wie außergewöhnlich phantastisch sich eine solche Stadt im Dunkel der Nacht beim flackernden Lichte hin und her getragener Lampen und Fackeln ausnimmt, bedarf wohl keiner Erwähnung.

Und nun vergegenwärtige man sich das bunte, aus allen Stämmen Nepals und den Besuchern aus Indien, Tibet und Afghanistan zusammengewürfelte Menschengedränge, das sich früh und spät durch diese Gassen quetscht und auf dem Marktplatz oder vor den Kramläden in den niedrigen Höhlungen der unteren Häuserteile staut, aus denen plumpe Leitern in die engen, aber überraschend reich ausgestatteten Magazine der Großkaufleute hinausführen; dazu denke man sich zugleich das Stimmengewirr und den Tag und Nacht aus allen [266] Tempeln schallenden, betäubenden Lärm von Tamtams, Klingeln und Muschelhörnern, und man kann sich ungefähr ein Bild dieser nepalischen Städte machen. Eins freilich kann ich mit Worten nicht gebührend schildern, das ist der Mangel an Sauberkeit auf den Gassen, auf die jeder das hinschüttet, was er in seinem Hause nicht gern sieht, und der aus dieser grauenhaften Schmutzerei entstehende, unsagbar widerwärtige Geruch, der dadurch nicht an Lieblichkeit gewinnt, daß das Leibgericht der Nepaler tatsächlich in Fäulnis übergegangene Rettiche sind, denen ich noch schmeichle, wenn ich versichere, daß ihr Duft, wenn auch nicht an ein Veilchenbeet, so doch an Schwefelkohlenstoff erinnert.[WS 8]

Leider entbehren die neueren, unter den Gorkhas entstandenen wenigbedeutenden Gebäude des ansprechenden Schmuckes durch Holzbildhauerwerke, und es scheint, als ob diese ganze Kunstindustrie unter den jetzigen Landesherrschern, denen die Grazien wohl nicht so hold wie den Newaris sind, für immer untergegangen ist; alle mit dem vierzehnten Jahrhundert in Nepal entstandenen bedeutenderen Bauten wurden von Newari-Königen errichtet.

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Hautpstraße in Katmandu.
Links ein Teil des Königspalastes, davor das schwarze Steinbild der der Cholera-Göttin Kala Bhairab.[WS 9]

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Tibeter vor dem Kolossalbilde der Cholera-Göttin Kala Bhairab;
Sie handeln mit Goldsand, Edelsteinen, Gebirgskräutern und Harz für Rauchopfer

Von allen Plätzen in Katmandu schien mir der am „Kot“ den bezeichnendsten Hintergrund zu haben. Ich meine damit nicht den hinter allen nepalischen Städten und Landhäusern am Horizont sichtbaren Schneewall des Himalajagebirges und seines allerhöchsten Gipfels, sondern das an einer hohen Steinmauer angebrachte und pechschwarz angestrichene Riesen-Reliefbild der Todesgöttin Kali[WS 9]. Keine andre Figur kann besser an die zahllosen Opfer erinnern, die in Nepal von jeder Epidemie wegen der herrschenden Unsauberkeit und des schlechten Wassers hinweggerafft werden. Aber schon die im Jahre 1892 fertig gestellte Röhrenleitung, die der Stadt Katmandu aus den höheren Bergen reines Quellwasser zuführt, hat für diesen Ort hierin tatsächlich Wandel geschaffen, und die bei meiner Anwesenheit dort bereits begonnene Kanalisierung wird die gesundheitlichen Verhältnisse wohl noch wesentlich verbessern. Bis dahin hielten es die Eingebornen für einen schweren Frevel, dem Wüten der Todesgöttin durch praktischere Mittel als Opfer und Bußübungen Einhalt tun zu wollen!

Katmandu ist aber doch nicht ganz der richtige Ort, um in Nepal die Vorstellung des indischen Altertums zu gewinnen; Patan und Bhatgaon sind die Städte, wo dies in viel eindringlicherer Weise möglich ist.

Der halb-europäische Bastardstil, den die neuesten der von den Gorkhas in Katmandu errichteten modernen Baulichkeiten aufweisen, gibt dieser Stadt hie und dä einige Ähnlichkeit mit einer von Engländern bewohnten indischen Stadt, wozu namentlich der östlich vor der Stadt liegende große Thandi Kahl, ein von Kasernen, Geschützgießereien und Zeughäusern umringter Exerzierplatz, nicht wenig beiträgt.

Die militärischen Übungen werden genau nach englisch-indischer Schablone abgehalten, da ja die meisten nepalischen Unteroffiziere eine zehnjährige Dienstzeit in englischem Solde durchgemacht haben, wobei vorzugsweise die Stämme der Khas und noch lieber die der Magars und Gurungs angeworben werden; dagegen sind die kriegerischen Gorkhas genötigt, sich ihren Waffenbedarf, [267] so gut oder schlecht es gehen will, mit ihren einfachen Hilfsmitteln und ohne den Beistand europäischer Präzisionsmechanik im Lande selbst anzufertigen, da England die Einfuhr von Waffen in Indien durch Zollmaßregeln von äußerster Schärfe fast unmöglich gemacht hat. Natürlich liegt den Nepalern unter diesen Umständen ganz besonders viel daran, neue, der modernen Technik entsprechende Feuergewehr-Modelle in die Hand zu bekommen und sollen namentlich die alle fünf Jahre aus Nepal durch Tibet nach Peking ziehenden Gesandtschaften die Übermittler derartiger Erzeugnisse der europäischen Kulturfortschritte sein. Allerdings pflegen diese Gesandtschaften in Tibet, mit oder ohne Wissen Chinas, eingedenk der Kriege zwischen diesen Ländern und Nepal nicht gerade gut aufgenommen, und gelegentlich auch, jedoch merkwürdigerweise immer erst auf dem Heimwege, von Räubern ausgeplündert zu werden; Nepal sah sich sogar genötigt, seinen Gesandten beim Dalai Lama in Lhasa wegen fortgesetzt übler Behandlung im Jahre 1876 ganz abzurufen. Hätten übrigens die Engländer, als die Tibeter sie im Jahre 1792 bei einem Einfall der Gorkhas in ihr Land zu Hilfe riefen, diesen die erbetene Hilfe gewährt, so wären für sie jetzt zweifellos Tibet wie Nepal offene Länder; daß England vorhatte, das goldreiche Süd-Tibet an sich zu reißen und nur durch den Boerenvernichtungskrieg veranlaßt wurde, die Ausführung dieser Absicht zu vertagen, ist kein Geheimnis mehr.

Jedenfalls sucht sich Nepal auf alle Möglichkeiten vorzubereiten und traut England nicht über den Weg. Die äußerlich so oft betonte Freundschaft zwischen beiden Ländern kann naturgemäß nicht ehrlich und aufrichtig sein, da andernfalls Nepal wohl schon längst den Engländern seine so mißtrauisch versperrten Tore soweit wie möglich geöffnet haben würde. Die Nepaler wissen gar wohl, daß sie ihre zur Zeit etwa zwanzig Millionen Mark betragenden Regierungseinkünfte ungeheuer vermehren könnten, wenn sie die in ihren Bergen und Wäldern und Feldern verborgenen Werte durch europäische Sachverständige prüfen und zu Tage fördern ließen; ebenso weiß die Regierung sehr gut, daß das Tal von Pokhra,[WS 10] das noch größer als das von Katmandu ist, durch Umwandlung der darin enthaltenen Seen in Bewässerungsanlagen ebenso fruchtbar wie jenes gemacht werden könnte, so daß an demselben Boden jährlich zwei bis drei Ernten an Weizen und Reis eingeheimst werden könnten, aber Nepal führt lieber Getreide aus Indien ein, ehe es sich dazu entschließt, die zu den erforderlichen Vermessungs- und Regulierungsarbeiten nötigen Europäer in das Land zu lassen! „Zuerst kommen bescheidentlich Missionare mit der Bibel oder Ingenieure mit dem Meßtisch, dann Kaufleute mit der Branntweinflasche und schließlich die Soldaten mit ihren Feuerschlünden,“ ist das in Asien allgemeine Sprichwort in Bezug auf das Eindringen von Europäern.

Die Volksempfindung in Nepal ist noch immer die gleiche wie im Jahre 1851, wo Jan Bahadur das Anerbieten des englischen Gesandten Erskin,[WS 11] gute Straßen aus Indien in das Land bauen zu lassen, mit dem Hinweis ablehnte, daß dies einen ungeheuren Volksaufstand zur Folge haben würde, obgleich [268] er persönlich von dem Nutzen einer solchen Verkehrserleichterung ebenso überzeugt sei, wie von der Macht der Engländer, sich im Notfalle einen Weg aus Indien nach Nepal durch die Berge hindurch bohren zu können. „Kämpfen können wir so wenig mit England, wie dies eine Katze gegen einen Löwen kann; wohl aber kann die Katze,“ so fügte er hinzu, „dem Löwen in einem engen Winkel die Augen zerkratzen.“

Eine große Partei unter den Gorkhas, die den Verlust der Provinz Kumaon an die Engländer nicht verwinden konnte, ging sogar so weit, jede Bewunderung der überlegenen Leistungen der Europäer und selbst die Reise Jan Bahadurs nach England, von der er später viele erfolgreiche Neuerungen heimbrachte, ingrimmig als ein folgenschweres Unheil zu betrachten und wiederholt Verschwörungen gegen das Leben dieses klugen Premierministers zu unternehmen, unter dem Vorwande, daß dieser durch das Speisen und Weintrinken mit Europäern seine Kastenvorrechte eingebüßt habe und nicht mehr fähig sei, einen leitenden Rang zu bekleiden. Jan Bahadur, der ein unendliches Vertrauen zu seinem Glücksstern besessen haben muß, weigerte sich zum Erstaunen des Volkes, die Rädelsführer dieses gegen sein Leben angezettelten Komplottes hinrichten zu lassen; er glaubte sie wohl am meisten dadurch zu strafen, daß er sich im Jahre 1853 aus dem Paradeplatz ein stolzes Denkmal in Gestalt seiner vergoldeten Figur in Lebensgröße errichtete, an demselben Fleck, wo bisher ein Pulvermagazin gestanden hatte, das durch einen Blitzschlag explodiert war.

Zwischen diesem Platz und der Stadt liegt der Palast eines früheren Premierministers, des Generals Bhim Sen,[WS 12] neben dem sich eine etwa zweihundert Fuß hohe Säule ohne bestimmten Zweck erhebt, die vom Volksmunde kurzweg Bhim Sens Narrheit genannt wird;[WS 13] dieses auf Seite 255 abgebildete Haus gibt durch seine Bauweise und den Gegensatz der Palmen in seinem Garten zu dem im Hintergrunde hoch in den blauen Himmel hinaufragenden schneeweißen Himalajariesen ein für Nepal sehr bezeichnendes Landschaftsbild ab. Doch auch noch in anderer Weise erinnert dies Gebäude, der eben erwähnten Mäßigung Jan Bahadurs gegenüber, an Vorgänge, die von der bei früheren Parteikämpfen in Nepal üblichen Barbarei sprechen. Als nämlich der eben genannte Premierminister Bhim Sen im Jahre 1839 gestürzt und Ranjang Pandi[WS 14] durch die Partei der Pandis mit seiner Macht bekleidet werden sollte, versuchte man, ihn in seinem Palast durch ausgesuchte Folterqualen zu dem Geständnis zu zwingen, bereits im Jahre 1837 einen jungen Prinzen vergiftet zu haben. Diese Maßregeln waren an beispielloser, echt asiatischer Scheußlichkeit: man beraubte ihn und seine Frauen durch ebenso schmerzhafte wie schmachvolle Quälereien des Kastenranges und marterte vor seinen Augen den mit ihm innig befreundeten Hofarzt, der an dem Giftmord mitschuldig sein sollte, an dem aber, weil er zur Brahmanenkaste gehörte, kein Blutvergießen gewagt werden durfte, indem man ihm mit glühenden Eisen die Stirne sengte, bis das Gehirn freilag, während man einem eben so unschuldigen anderen Freunde, ohne ihn [269] zuvor zu töten, das Herz aus dem Körper riß und ihn so in die Erde vergrub. Der greise General blieb zwar standhaft und gab die von seinen Feinden erfundene Beschuldigung nicht zu, tötete sich jedoch schließlich aus Gram über die entehrenden Beschimpfungen, indem er sich mit seinem Kukrimesser die Adern öffnete. Der zu seinem Stamm gehörende Jan Bahadur rächte seinen Tod im Jahre 1846, indem er sämtliche Angehörige der Pandisippschaft im Kot zu Katmandu niedermetzeln ließ, wodurch er sich freilich noch lange nicht alle Widersacher vom Halse geschafft hatte.

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Rani Pokri-Teich.

So dramatisch diese Abschlachtung der Pandipartei auch vor sich gegangen ist, zumal dabei als Machtführerin die Königin, die Gönnerin des genialen Premierministers Jan Bahadur, in eigener Person auftrat und eingriff, so genügt wohl die kurze Erwähnung derselben, um den Leser die Empfindungen ahnen zu lassen, mit denen ich durch diese Gassen und Paläste ging; auf Schritt und Tritt raunte mir der mich häufig neben meinen beiden Wächtern begleitende gelehrte Babu das Geheimnis irgend einer furchtbaren Tat zu, so daß mir der Boden der Straßen und Palasthöfe bald wie mit Blut getränkt vorkam. Auch das am meisten in die Augen fallende unter den in modernem anglo-indischen Baustil errichteten, reich mit Stuck geputzten Gebäuden am Rani Pokri-Teich[WS 15] gehörte einem dieser im Jahre 1846 ermordeten Großen namens Gul Radunat Singh[WS 16]; selbst dieser Teich hat seine düstere Geschichte, denn in sein Wasser wurden bei Gottesgerichten die Angeklagten eine Zeitlang niedergedrückt, da man annahm, daß nur Unschuldige lebend wieder emporzutauchen vermöchten.

[270] Die Tore und Befestigungen der nepalischen Städte sind jetzt gefallen, aber noch immer besteht die Sitte, daß sich Leute ohne Kaste, vor allem Ausfeger, Metzger und Scharfrichter, wie in Indien am Rande der Vorstädte niederlassen müssen, weshalb ein Gang um die Stadt meist nur Bilder der Dürftigkeit bietet.

Unstreitig ergeben in Katmandu die Straßen und Märkte, die Paläste und Gerichtshöfe überaus malerische Szenen, ja nicht zu vergessen die Tempel, unter denen ich den Talliju[WS 17] für den schönsten und besterhaltenen Hindu-Tempel, den Bodhmandal- und Kathisambu-Tempel[WS 18] für die eindrucksvollsten buddhistischen halte, während der Mehenkal-Tempel[WS 19] von Hindus wie Buddhisten als ihrem Kult zugehörig beansprucht und besucht wird; doch werden diese Eindrücke in den beiden anderen Newariresidenzen Patan und Bhatgaon für den Europäer dadurch noch weit ungewöhnlicher und merkwürdiger, daß dort auch nicht eine Spur von europäischem Einfluß zu verspüren ist.

Warum ich während meines Aufenthalts in den Städten Nepals keine einzige andere europäisch gekleidete Gestalt zu Gesicht bekommen konnte, habe ich bereits im neunzehnten Kapitel auseinandergesetzt. Es konnte daher nicht fehlen, daß ich überall einen sehr unliebsamen Troß von neugierigen Jungen um mich hatte, die mir namentlich bei meinen Aufnahmen durch ihr dichtes Herandrängen an den Apparat oder dadurch lästig fielen, daß sich die zuerst scheuen, allmählich aber immer übermütiger werdenden Burschen rittlings auf die Steinfiguren der Löwen, Elefanten und Ungeheuer setzten, die neben den zu den Hindutempeln emporführenden Treppen stehen. Zum Glück ließ sich der eine meiner beiden Wächter für Geld und gute Worte bestimmen, seine Aufmerksamkeit vor allen Dingen darauf zu richten, daß mir das Volk soweit wie möglich vom Halse blieb, aber immerhin sieht dadurch zum Beispiel die von mir hier abgebildete Hauptstraße in Patan weit volkreicher ans als sie gewöhnlich ist.

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Hauptstraße in Patan.[WS 20]

In Patan, das nur etwa drei Kilometer von dem südöstlichsten Ende Katmandus entfernt ist, wußte ich tatsächlich nicht, wo ich meine Augen zuerst hinwenden sollte, so unwiderstehlich sind die malerischen Reize dieser Stadt! Allerdings ist der Aufenthalt darin wegen der grenzenlosen Unsauberkeit so entsetzlich, daß mir daneben das auch nicht etwa reinliche Katmandu mit seiner Wasserleitung und mit seinen Anläufen von Kanalisation und Straßenpflaster fast wie ein Himmel erschien. Die in der Stadt gerade mit wütender Heftigkeit grassierende Cholera trug auch nicht dazu bei, Patan gemütlicher zu machen. Die Einwohnerzahl von etwa 60 000 Seelen mag wohl bei beiden Städten gleich sein, aber trotzdem hat man sofort das Gefühl, daß Patan eine tote Stadt und für die jetzigen Bewohner viel zu groß ist, weil sich der ganze Verkehr der Hauptstadt Katmandu zugewendet hat. Man spürt, daß sich die Stadt selbst heute noch nicht von dem grauenhaften Blutbade erholt hat, das hier 1768 durch die siegreichen Gorkhas unter Prithi Narayan[WS 21] veranstaltet wurde, der alle früheren Newarireiche mit dem Wohnsitz der Gorkhas, der nach [271] ihnen genannten festen Stadt Gorkha, zu dem Königreiche Nepal vereinigte; allerdings muß das Gemetzel und die völlige Zerstörung der Gebäude seitens der Gorkhas noch viel grimmiger in der von Patan abhängigen, unbezwinglich hoch auf einem Bergrücken liegenden Stadt Kirtipur[WS 22] ausgefallen sein, die in den Jahren 1756—57 nicht weniger als drei Anstürmen der Gorkhas heldenhaft widerstand und wohl niemals gefallen wäre, wenn sie sich nicht durch trügerische Versprechungen allgemeiner Schonung und Straflosigkeit hätte blenden lassen. Dort blieb buchstäblich kein Stein auf dem anderen, und die wenigen nicht getöteten Männer, Weiber und Kinder wurden durch Abschneiden der Nasen, Ohren und Lippen geschändet; diesem Schicksal entrannen nur diejenigen, die zufällig in der Lage waren, Blasinstrumente spielen zu können und deshalb als Musiker in das Gorkhaheer eingereiht wurden.

[272] Aber auch zahllose Ruinen und andere Spuren der Verwüstung geben der jedes fröhliche Leben entbehrenden Stadt Patan ein unsäglich melancholisches, wenngleich überaus malerisches Gepräge. Der früher den Newari-Tempeln zugehörige und für ihre bauliche Instandhaltung dienende Landbesitz wurde von den Gorkhas eingezogen und blieb nur für die dem Gorkhakultus dienenden Hindu-Tempel bestehen. Doch darf man ebensowenig hier wie in den anderen nepalischen Städten die zur Unterkunft von Mönchen und Pilgern dienenden Wiharas, deren es in Patan über hundert gibt, mit zu den Tempeln zählen, obgleich auch ihre Dächer häufig in dieselben glockenförmigen Knopfspitzen auslaufen, wie die der Newari-Tempel; sie haben jedoch nicht den dreizackigen Spieß, das Attribut Mahadeos, zur Seite, der auf den Tempeln nicht zu fehlen pflegt, oft genug aber bei der Zerstörung der Stadt ebenso geplündert worden ist, wie die zahlreichen bei jedem Windzug erklingenden Metallglöckchen und andere als Opfergaben unter den Rändern der vorspringenden Dächer aufgehangenen Bronzegeräte. Die Hauptglocke jedoch, an der jeder Newari seinen Tempelbesuch und das Darbringen seiner Opfergabe durch Anschlagen mit einem Knüppel kundzutun hat, hängt unbeweglich in einem neben dem Tempel stehenden Gerüst, wie dies besonders deutlich auf meiner Darstellung des Deo Falk-Tempels ersichtlich ist.

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Marktplatz am Deo Talli-Tempel in Patan.[WS 23]

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Tempelruine in Patan.
Links schlägt eine Frau Wäsche, rechts von ihr Newari-Kinder.

Von den zahlreichen, einst von glaubenseifrigen Pilgern belebten Wiharas dienen jetzt kaum noch zehn ihren eigentlichen religiösen Zwecken, die anderen hundert sind zu Kaufmannsgewölben und Wohnungen umgewandelt, jedoch unter Innehaltung der indischen Einfamiliengewohnheit, so daß also 30—40 miteinander verwandte Kaufmannsfamilien in demselben Gebäude um einen gemeinschaftlichen Hof herum wohnen, der, wie es mir wenigstens vorkam, wohl seit Uranfang nie gereinigt worden ist; es schüttelt mich noch jetzt, wenn ich an den Anblick und Geruch dieser Brutstätten von Miasmen und Pestilenzen zurückdenke!

[273] Der Sitz der Regierung, der Durbar, ist in den drei Hauptstädten Nepals ein überaus weitläufiges Gebäude, in, dessen Innerem ein Zurechtfinden für den Fremden wegen der zahllosen Höfe schlechterdings unmöglich ist. Über dem von der Straße hineinführenden Haupttor ist auch in Patan ein dem nepalischen Baustil eigentümlicher bogenförmiger Aufsatz aus Gold angebracht, in dem in getriebener Arbeit zahlreiche mythologische Figuren und Sinnbilder dargestellt sind. Auch die seitlichen Türsäulen und die als Torwächter aufgestellten Leogryphen ergeben mit den reichgeschnitzten Holzfenstern über dem Tor und dem von einem drolligen Gottheitsbilde gekrönten Doppeldach eine auffallende dekorative Wirkung. Da die Herrscher Nepals dem brahminischen Zweige der Newaris angehörten und nicht gleich der Hauptmasse von etwa zwei Dritteln der Gesamtbevölkerung dem buddhistischen, haben sie in der Nähe ihres Durbars nur Tempel ihrer Glaubensrichtung erbaut und geduldet, so daß die sofort an ihrer halbkugelförmigen Kuppel, der Tope, oder dem Garb[WS 24] kenntlichen buddhistischen Tempel zumeist in den Vorstädten ihren Platz gefunden haben, während die großen Plätze durch Newaritempel mit in drei oder vier Etagen übereinander angebrachten Dächern geziert sind.

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Standbild des Königs Narendra Mullah und seiner Gemahlin.[WS 25]

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Säule mit Garuda-Figur vor dem brahminischen Dschain-Tempel in Patan.[WS 26]

Die allermerkwürdigsten Ausschmückungen der Hauptstraße in Patan sind jedoch einige der Zerstörung entgangene hohe Säulen, deren sehr eigenartige, an eine sich entfaltende Lotosknospe erinnernde Kapitäle als Sockel für riesige Bronzefiguren dienen; diese stellen entweder Newari-Könige vor, die den Tempel, vor dem sie aufgestellt sind, erbaut haben, oder den Göttervogel Garuda, jenes fabelhafte, mit Vogelgefieder, häufig auch mit einem Papageiengesicht ausgestattete Wesen mit menschlichen Gliedmaßen, das als Vermittler zwischen der Gottheit und den Bitten der Menschen angesehen wird und deshalb ebenfalls gegenüber einem Tempelzugang in betender Stellung angebracht ist. Überaus bezeichnend für die bei den brahminischen Völkern übliche Anschauung von der überlegenen Begabung des Mannes ist auf einem derartigen Denkmal die neben dem knieenden Newarikönig Narendra Mullah ebenfalls in betender Stellung dargestellte Königin nicht in demselben, sondern in einem beinahe winzigen Maßstabe ausgeführt, so daß das Denkmal trotz der die Herrschergewalt andeutenden ungeheuren, hinter dem hohen Paar kerzengerade emporsteigenden fürchterlichen Kobraschlange für unser Gefühl eine etwas komische Wirkung erzielt.

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Nepalische Tempelleuchter. ½.
Der Griff des links abgebildeten, sowie die fünf Arme des rechten Leuchters werden aus Schlangen gebildet; vor letzterem ein betender Newarikönig.

Ein wunderschönes Denkmal anderer Art, auf dem der König Bhupatindra Mullah[WS 27] in einer sehr seltsamen Kopfbedeckung mit Schwert und Schild nicht unter dem Schutz einer Brillenschlange, sondern unter einem glockenförmigen Sonnenschirm sitzt, fand ich in Bhatgaon, ebenfalls einer Residenz von Newarikönigen, die von ihrem Nachbarherrscher in Katmandu zwar weiter als die in Patan aber auch nicht mehr als 13 Kilometer entfernt waren; sogar auf den fünfarmigen bronzenen Tempellampen, in deren Näpfchen geschmolzene Butter mit Hilfe eines Dochtes aus roher Baumwolle verbrannt wird, und die an einem Handgriff vor den Götterbildern, denen geopfert werden soll, hin- und hergeschwungen werden, befindet sich in Nepal häufig an Stelle des in Indien üblichen Götterfigürchens ein knieender Newarikönig mit dem Stirnzeichen des von ihm besonders hochgehaltenen Gottes auf der Stirn. Auf die malerische Linienführung und Gestalten anderer nepalischer Opfergeräte habe ich auch in den folgenden Kapiteln und bereits in meinen „Indischen Gletscherfahrten“ auf Seite 455 und 470 hingewiesen.

[275] Die vorhin erwähnte Denkmalssäule steht in Bhatgaon neben einem Glockenstuhle auf einem Platz, den ich für den eigenartigsten nicht allein in Nepal sondern in ganz Indien, wenn nicht gar Asien erklären möchte. Und doch kann man die Einzelheiten dieser Architekturen nicht als völlig selbständige bezeichnen, wenigstens versichern die Chinesen, daß das Vorbild der kostbaren, mit vortrefflich erhaltenen Reliefdarstellungen des Göttervogels Garuda und siebenköpfiger Schlangen umrahmten, am Anfange des achtzehnten Jahrhunderts errichteten goldenen Pforte, die sich links auf dem Bilde befindet und den Eingang zu dem dahinter sichtbaren Durbarpalaste bildet, bereits im vierzehnten Jahrhundert im Nankaupaß[WS 28] in China gestanden haben soll.

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Durbar mit goldener Pforte und Standbild des Königs Bhupatindra Mullah in Bhatgaon;
dazwischen der Verfasser und eine Horde von Tibetern.

Von der ungeheuren Weitläufigkeit des Durbargebäudes, das nicht weniger als 99 Höfe umschließt, gibt der auf dem Bilde sichtbare Teil keine Vorstellung, wohl aber von dem reichen Schmucke mit Holzschnitzereien, die jeden Fenstersims zieren. Zu meinem Leidwesen ist diese Aufnahme notgedrungen etwas zu kurz „exponiert“,[WS 29] wie der schöne deutsche Photographenausdruck lautet; die Gruppe von Tibetern, die mich auf dem Bilde umgibt, war nämlich viel zu mißtrauisch gegen die für sie unverständlichen, beängstigenden Maßregeln bei der Aufnahme, um für eine „Zeitaufnahme“ still zu halten, so [276] daß ich das Bild in größter Schnelligkeit mittelst eines Augenblicksverschlusses machen mußte, was zwar für alle vom grellen Sonnenschein beleuchteten Teile genügte, für eine gründliche Lichteinwirkung der in tiefem Schatten liegenden Gegenstände jedoch nicht ausreichend war. Hätte ich sogenannte hochempfindliche Trockenplatten zur Verfügung gehabt, so wäre es trotz der Nähe der schattenreichen Gebäude ein gut durchgearbeitetes Momentbild geworden, aber durch ein, nun ich will sagen Versehen des Händlers, bei dem ich in Kalkutta die Platten gekauft hatte, waren mir „langsame Platten“ eingepackt worden, die man eigentlich nur zu Aufnahmen ruhiger Architekturen verwenden kann. Unter Anwendung ganz besonderer chemischer Kunstgriffe gelang es mir aber doch, noch ziemlich viel aus diesen ungeeigneten Platten herauszuholen.

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Geheimkamera des Verfassers 1/12

Da es vielleicht die Amateurphotographen, sowohl Damen wie Herren interessiert, will ich bei dieser Gelegenheit noch etwas ausführlicher verraten, wie es bei solchen Reisen zugehen kann, wenn man gleich mir den Ehrgeiz hegt, seine Werke nicht mit fremden photographischen Federn zu schmücken. Wie auf allen außereuropäischen Reisen hatte ich, um ganz sicher zu gehen, auch diesmal einen beträchtlichen Vorrat ganz frischer Platten der vorzüglichsten Fabriken, jede Dutzendschachtel vorsorglich in eine Blechkapsel eingelötet, aus Deutschland mitgenommen und nebst meinen übrigen photographischen Ausrüstungskisten an einen Spediteur nach Genua vorausgesendet. Von besonderer Wichtigkeit war es mir stets, und muß es für jeden in solchen Ländern Photographierenden sein, jederzeit eine möglichst große Anzahl von in Doppelkassetten eingelegten Platten bei der Hand zu haben, da die zum Einlegen nötige Dunkelkammer nicht immer herzurichten ist; für wichtige Aufnahmen in größerem Format kommen selbstredend die Taschenkameras mit „bei Tageslicht auswechselbaren Filmspulen“ nicht in Betracht. So hatte ich denn zwanzig ansehnliche Doppelkassetten im Besitz und ebenso eine Geheimkamera, die ich unter Aufwand beträchtlicher Mühen und Kosten unter dem geschickten Beistande des Feinmechanikers Albrecht in Dresden für die „Reise ins verschlossene Land“ hergestellt hatte, da die von mir früher in Indien benutzte, ebenfalls von mir selbst in Form eines vollkommen unauffälligen Kastens gebaute Spiegelkamera den Mangel besaß, daß ich darin das Bild auf der Einstellscheibe nur bis zum Augenblick vor der Aufnahme, nicht aber auch noch während derselben beobachten konnte. Ich brachte deshalb in einem durch keinerlei blinkende Metallteile auffallenden Kasten in Gestalt einer Reisetasche zwei vollständig gleiche Kameras mit genau übereinstimmenden Objektiven unter, die beide gleichzeitig von derselben versteckten Triebschraube bewegt wurden, entsprechend [277] dem Bilde, das ich mit Hilfe des einen Objektivs und eines im Winkel von 45° geneigten Spiegels auf einer horizontal liegenden Mattscheibe einstellen und fortwährend beobachten konnte, während die andere Kamera ein Objektiv mit stets gespanntem Verschluß und die beständig ausgezogene Kassette mit der Platte enthielt, so daß sie jederzeit schußfertig war.

Auch der Nichtphotograph wird ermessen können, wie unbändig ich mich freute, als der Spediteur bei der Abfahrt meines Dampfers ganz ruhig erklärte, diese wichtigen Kisten seien noch nicht zur Stelle, ich möchte jedoch getrost abfahren, sie würden mir sicher mit dem nächsten Schiffe nach Ceylon nachgeschickt werden! Wie sehnsüchtig wartete ich in Kolombo Woche für Woche vergeblich auf diese Sendung! Überdies staute sich in Kolombo der Strom der nach Kalkutta Reisenden in bedenklicher Weise, da alle Schiffsplätze wegen der in Bombay damals gerade mit unerhörter Heftigkeit wütenden Pest bereits von England aus durch Beamte oder Offiziere besetzt waren, die sonst die schnellere Beförderung über Bombay vorgezogen haben würden; ich mußte es als eine Art von Wunder betrachten, daß ich auf einem ganz ausschließlich mit englischen Missionaren und deren Familien beladenen Dampfer der City-Linie ein Plätzchen fand, mit dem ich gerade noch rechtzeitig genug in Kalkutta eintraf, um die mir zum Besuche Nepals gewährte Frist wahrnehmen zu können.

Es galt nun, meinen ausgebliebenen Apparat schleunigst durch einen anderen zu ersetzen; kein einziger der in Kalkutta in den Handlungen auf Lager befindlichen Apparate war jedoch größer als Halbplatte oder hatte mehr als drei angepaßte Doppelkassetten, so daß ich ein durch beständiges Plattenwechseln höchst unerfreuliches photographisches Arbeiten vor Augen hatte. Da erfuhr ich, daß ein steinreicher Bankier als Amateur im Besitze einer überaus kostbaren Ausrüstung größten Maßstabes sei, und ich war überglücklich zu hören, daß die Kamera zwölf Doppelkassetten für Platten etwas größer als 24X80 cm besaß. Angesichts des sehr beträchtlichen Wertes der dazu gehörigen großen Dallmeyer-Objektive[WS 30] fand ich es nicht für unbillig, daß mir eine Summe von 100 Pfund Sterling als Pfand abverlangt wurde, sondern war froh, überhaupt wieder ein brauchbares Gewehr zu besitzen; Patronen, d. h. die dazu passenden Platten, besaß aber der Eigentümer nicht mehr, und auch die Photographen Kalkuttas konnten nicht aushelfen oder wollten ihren knappen Vorrat nicht schmälern; nur ein einziger Händler vermochte mir schließlich drei Dutzend zu verschaffen, die er zwar als für Momentbilder präpariert ausgab, die sich aber schließlich als zum Teil sogar bereits durch das indische Klima verdorbene „langsame“ Platten erwiesen. Außerdem hatte ich von Haus aus eine kleine Handkamera und einen Klappkodak mit, von denen die erstere schon infolge der heißen Seeluft aus dem Leim ging, und den Kodak durfte ich nach meinem allerdings etwas gewagten Attentat auf die Haremsdamen nicht mehr in Tätigkeit setzen.

Ich mußte also mit allergrößter Sparsamkeit haushalten und vor jeder Aufnahme lange überlegen, ob sie auch die schöne große Platte wert sei; und [278] doch bot gerade Bhatgaon einen Überfluß an fesselnden Motiven! Der Grund dafür liegt darin, daß die Bewohner von Bhatgaon nicht wie die von Patan zu zwei Dritteln, sondern nur zu einem Drittel aus Buddhisten, also überwiegend aus Newaris der brahminischen Richtung bestehen, weshalb die brahminischen Gorkhas bei der Eroberung und Zerstörung der besonders durch Harh Singh im sechzehnten Jahrhundert[WS 31] vergrößerten und verschönerten Residenz größere Schonung walten ließen als in Patan.

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Newariknaben beim Opfergesang

Aber nicht nur die Architekturbilder sind in dieser Stadt, zumal in der Nachbarschaft des Taumari-Platzes[WS 32] und des Goldfischteiches Siddha Pokri[WS 33] besonders reizvoll, sondern auch die auf 50 000 Seelen geschätzte Bevölkerung ist hier wesentlich ansprechender, lebhafter und munterer als in den anderen Städten Nepals. Trotz der geradezu lächerlichen Angst, die hier jedermann vor dem Photographiertwerden zu haben schien, ist es mir gelungen, aus einem Versteck eine Schar Newarimänner und Knaben während eines gemeinschaftlichen Gesanges abzubilden, den sie beim Darbringen einiger Schüsseln voll Pfeffer und anderer Opfergaben vor einem Biar oder Wihara[WS 34] anstimmten, in dem ein berühmter heiliger Pilger Unterkommen gesucht hatte. Noch heute gellt mir das durchdringende Schreien dieser mit größter Inbrunst singenden Leute in den Ohren, worein sich das scharfe Klingen der von drei Knaben bearbeiteten kleinen Messingbecken, das Dröhnen der langgestreckten Handtrommeln und das kreischende Tuten aus langen, dünnen Kupferhörnern mischte; diese waren an langen Stäben festgebunden, damit sie nicht zusammenrutschten, denn sie bestehen, des leichteren Transportes wegen, aus mehreren [279] ineinanderschiebbaren Teilen; auf dem Bilde sind jedoch mit diesen Trompeten nicht etwa die beiden riesigen Wasserpfeifen zu verwechseln, durch deren eiförmige Wasserbehälter zwei von den Männern ihren Tabaksrauch hindurchsaugen, statt kräftig in den geräuschvollen Chorus mit einzustimmen. Auffallend ist auch die Form der bei den Opferschüsseln stehenden dreiarmigen Lampe, an der sich, ebenso wie auf den oft mehr als meterhohen Newari-Tempellampen, eine Figur des elefantenköpfigen Weisheitsgottes Ganesch befindet, der ein sehr populärer „Gott für Alles“ in Nepal zu sein scheint.

Es ist nicht die Aufgabe dieses Buches, jedes bemerkenswerte Gebäude in den mir geöffneten Städten Nepals der Reihe nach durchzumustern; was ich gezeigt habe, dürfte genügen, um den Gesamteindruck, das für Nepal bezeichnende Neben- und Durcheinanderfluten indischer und tibetischer Volkswahrzeichen wiederzuspiegeln. Daß es aber auch Stätten gibt, wo diese beiden Kulturen und der mit einer jeden verbundene Kultus in voller Reinheit zu Tage treten, werden die beiden folgenden Kapitel erweisen.

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Ganesch,
der Gott der Weisheit, aus Bronze. ½

Anmerkungen (Wikisource)

  1. WS: Tempel, Garuda, Durbar: vergleiche Patan Durbar Square (en); Auf dem Bild zu sehen sind von links nach rechts: Vishwonath-Tempel, Garudasäule, Mani Keshar Chowk (Bilder)
  2. WS: Hanuman Dhoka: vergleiche Hanuman Dhoka (en) (sowie Hanuman)
  3. WS: Kot: vergleiche Kot massacre (en)
  4. WS: skandalöse Holzschnitzereien: beispielsweise wohl diejenigen mit Analverkehr, erotischer Massage, Verkehr zu dritt oder zu viert (Bilder). Andere Newar-Schnitzereien im Umfeld zeigen teilweise entblößte Figuren und Figurenpärchen, aber auch Pflanzen, Tiere und Fabelwesen.
  5. WS: Krischna: vergleiche Krishna
  6. WS: Newari-Tempel: vergleiche Jagganath-Tempel, weitere Newari-Tempel dieser Gruppe sind Vishnu und Indrapur geweiht.
  7. WS: Marktplatz: vergleiche Durbar-Platz (Kathmandu), das Gebäude im Bild ist der auf S. 270 erwähnte Taleju-Tempel
  8. WS: in Fäulnis übergegangene Rettiche: vergleiche Nepalesische Küche; beliebt ist fermentiertes Gemüse (hier: Winterrettich bzw. Sinki, en - mit derselben Berechtigung ist auch Sauerkraut „in Fäulnis übergegangener“ Kohl)
  9. a b WS: Kali / Kala Bhairab: Vereinigung der Götter Kali und Bhairava. Vergleiche auch Kal Bhairav in Kathmandu
  10. WS: Tal von Pokhra: vergleiche Pokhara Valley (en)
  11. WS: Erskin: vergleiche John Erskine, 4. Baron Erskine (1804-1882; Zivilbeamter in Indien 1826-1853)
  12. WS: Bhim Sen: vergleiche Bhimsen Thapa (regierte als Nachfolger von Damodar Pandi, 1806-1837)
  13. WS: Volksmund; Bhim Sens Narrheit: Vergleiche Anmerkung auf S. 255. Ausdrücklich als Wachturm und im Namen von Königin Tripurasundari errichtet, war der Dharahara-Turm zugleich als antikoloniales Wahrzeichen gedacht
  14. WS: Ranjang Pandi: vergleiche Rana Jang Pande(en, regierte 1837-1840, Sohn des von Bhimsen gestürzten Damodar Pandi)
  15. WS: Rani Pokri-Teich: vergleiche Ranipokhari (en)
  16. WS: Gul Radunat Singh: nicht identifiert
  17. WS: Talliju: vergleiche Taleju Temple
  18. WS: Bodhmandal- und Kathisambu-Tempel: waren zwei Chaityas/Schreine (?) mit angrenzendem Vihara im Viertel Lagan Tole und nach dem Bericht von Lt. Col. George Hart Desmond Gimlette (Nepal and the Nepalese) aus den 1880er Jahren in „ruinösem Zustand“.
  19. WS: Mehenkal: Mahankali ist ein Avatar von sowohl Mahandeva-Shiva wie Kali, siehe auch Anmerkung zu Kal Bhairav. Nach Gimlette war dieser Tempel klein und sehr alt.
  20. WS: im Bild links der Krishna-Tempel.
  21. WS: Prithi Narayan: vergleiche Prithvi Narayan Shah (regierte 1768-1775)
  22. WS: Kirtipur: vergleiche Kirtipur
  23. WS: Deo Talli-Tempel: vergleiche Degutale-Tempel
  24. WS: Tope, Garb: Tope meint Stupa, Garb(a) meint wohl vedisch dhātu-garbha (vgl. auch Dagoba) und wäre dann synonym zu Tope
  25. WS: Narendra Mullah: vergleiche Yogendra Malla (Bilder)
  26. WS: Dschain-Tempel: vergleiche Krishna Mandir (Bilder)
  27. WS: Bhupatindra Mullah: vergleiche Bhupatindra Malla (en)
  28. WS: Nankaupaß: vergleiche Juyongguan, zu dem auch Nankou (südliche Öffnung) gehört
  29. WS: zu kurz exponiert: vergleiche Unterbelichtung
  30. WS: Dallmeyer-Objektive: vergleiche John Henry Dallmeyer (en)
  31. WS: Harh Singh im sechzehnten Jahrhundert: vergleiche Harisimhadeva (en; Hari Simha, Hari Singh Deva, frühes 14. Jahrhundert); ab dem 15. Jahrhundert regierte die prosperierende Malla-Dynastie (en), deren direkte Abstammung von Hari Simha fragwürdig ist. Weitere Malla-Herrscher in den drei Hauptstädten trugen ebenfalls Namen (wie Narasimha), die für eine Verballhornung in Frage kämen.
  32. WS: Taumari-Platzes: vergleiche Taumadhi Square (Bilder)
  33. WS: Siddha Pokri: vergleiche Ta Pukhu (Siddha Pokhari) in Bhaktapur (en)
  34. WS: Biar oder Wihara: vergleiche vorherige Anmerkung zu Vihara, Biar/Bihar leiten sich hiervon ab.