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Autor: Verschiedene
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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Adolf Kröner
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Entstehungsdatum: 1888
Erscheinungsdatum: 1888
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Die Gartenlaube (1888) 389.jpg
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Die Alpenfee.
Roman von E. Werner.

Hoch über den schneegekrönten Häuptern der Berge stand ein leuchtender Regenbogen. Das Gewitter war vorübergezogen; noch grollte es fern und dumpf in den Schluchten und an den Bergwänden lagerten dichte Wolkenmassen, aber der Himmel war bereits wieder klar, die Hochgipfel hatten sich entschleiert, und jetzt begannen auch dunkle Wälder und grüne Matten langsam aufzutauchen aus dem Nebel- und Wolkenmeer.

Das mächtige, von einem Wildwasser durchbrauste Alpenthal lag tief im Gebirge, so einsam und abgeschieden, als sei es der Welt und ihrem Treiben gänzlich entrückt, und doch hatte die Welt den Weg zu ihm gefunden. Auf der stillen Bergstraße, wo sich sonst nur selten ein Wagen oder ein wandernder Fußgänger zeigte, herrschte jetzt reges Leben und Treiben. Ueberall sah man Gruppen von Ingenieuren und Arbeitern; überall ward besichtigt, gezeichnet, vermessen; die Eisenbahn sollte schon in den nächsten Jahren ihre eisernen Arme in diese Bergeseinsamkeit strecken und die Vorarbeiten dazu waren im vollen Gange.

Oberhalb der Bergstraße, am Rande einer Schlucht, deren felsige Wände schroff abfielen, lag ein Gehöft, das sich auf den ersten Blick nicht viel von den anderen unterschied, die hier und




Die Gartenlaube (1888) b 389.jpg

Sonnwendfeuer am Donauufer bei St. Michael.       Originalzeichnung von W. Gause.

[390] da am Bergeshang zerstreut waren, beim Näherkommen aber entdeckte man bald, daß es kein Bauernhof war, der da auf der weiten grünen Matte lag. Das Haus hatte festgefügte steinerne Wände und niedrige, aber breite Fenster und Thüren; die beiden halbrunden Erker, die mit ihren spitzen Dächern wie Thürmchen aufragten, gaben ihm ein noch stattlicheres Ansehen, und über dem Eingange prangte, kunstvoll in den Stein gemeißelt, ein Wappenbild.

Es war einer jener alten Herrensitze, wie sie sich bisweilen noch ganz vereinzelt im Gebirge finden, schlicht und einfach, mit einem halb bäurischen Anstrich, grau und verwittert, aber kräftig dem Verfall trotzend, dem schon manche stolze Burg zum Opfer gefallen war. Der aufsteigende Bergwald gab ihm einen äußerst malerischen Hintergrund und darüber hinaus ragte ein mächtiger Berggipfel mit nackten starren Felswänden und schneegekröntem Haupte einsam und stolz empor.

Das Innere des Hauses entsprach seinem Aeußeren. Durch einen gewölbten Flur mit Steinfliesen gelangte man in ein weites, niedriges Gemach, das fast die ganze Vorderseite des Gebäudes einnahm. Das altersbraune Wandgetäfel, der riesige Kachelofen, die hochlehnigen Stühle und der schwere geschnitzte Eichenschrank, das alles war derb, einfach und zeugte von langjährigem Gebrauche. Die Fenster standen weit offen und boten einen prachtvollen Ausblick auf das Gebirge, aber die beiden Herren, die am Tische saßen, achteten nicht auf die sich immer mehr entschleiernde Landschaft, sie befanden sich in lebhaftem Gespräche.

Der eine, ein Mann von etwa fünfzig Jahren, war eine Hünengestalt, mit breiter Brust und kraftvollen Gliedern. Durch das volle Haar und den dichten blonden Bart zog sich noch kein einziger Silberfaden und das wettergebräunte Gesicht strotzte von Leben und Gesundheit, wie die ganze Erscheinung. Sein Gefährte mochte in dem gleichen Alter stehen, aber die schmächtige Gestalt mit den scharfen, klugen Zügen und das schon völlig ergraute Haar ließen ihn weit älter erscheinen. Das Antlitz und die hohe Stirn, in die sich manche tiefe Falte grub, sprachen von rastlosem Sorgen und Ringen, freilich auch von einer Energie, die diesem Ringen gewachsen war; aber es lag zugleich ein Zug von Hochmuth darin, der nichts weniger als angenehm berührte, und in Haltung und Sprache verrieth sich das Selbstbewußtsein eines Mannes, der gewohnt ist, seine Umgebung zu beherrschen.

„So nimm doch Vernunft an, Thurgau,“ sagte er in einem Tone, dem man die Ungeduld anhörte. „Dein Sträuben hilft Dir nichts, Du mußt unter allen Umständen Deine Besitzung abtreten.“

„Ich muß?“ rief Thurgau heftig. „Das wollen wir doch abwarten! So lange ich lebe, wird kein Stein angerührt auf dem Wolkensteiner Hofe.“

„Der Hof liegt uns aber direkt im Wege. Gerade hier soll die große Brücke ihren Ausgang nehmen und die Bahnlinie geht mitten durch Dein Eigenthum.“

„Dann ändert Eure verwünschte Bahnlinie! Führt sie, wohin Ihr wollt, meinetwegen über den Wolkenstein da oben, aber mein Haus laßt in Ruhe. Gieb Dir keine Mühe, Nordheim; ich bleibe bei meinem Nein.“

Nordheim lächelte, halb mitleidig, halb sarkastisch.

„Du scheinst es in Deiner Einsamkeit vollständig verlernt zu haben, mit der Welt und ihren Anforderungen zu rechnen. Bildest Du Dir denn wirklich ein, ein Unternehmen wie das unsrige würde Halt machen, weil es dem Freiherrn von Thurgau beliebt, uns einige Quadratruthen seines Bodens zu verweigern? Wenn Du dabei beharrst, dann bleibt uns nichts übrig, als von unserem Zwangsrechte Gebrauch zu machen. Du weißt ja, daß uns die Vollmacht dazu längst ertheilt worden ist.“

„Oho, mein Recht ist auch noch da!“ rief der Freiherr, indem er dröhnend mit der Faust auf den Tisch schlug. „Ich habe protestirt und werde protestiren bis zum letzten Athemzuge. Der Wolkensteiner Hof bleibt stehen und wenn die ganze Eisenbahngesellschaft, mit dem Herrn Präsidenten Nordheim an der Spitze, sich auf den Kopf stellt.“

„Aber wenn man Dir das Doppelte des Werthes bietet –“

„Meinetwegen das Zehnfache! Ich schachere nicht mit dem letzten Erbe meiner Väter. Der Wolkensteiner Hof bleibt stehen, Punktum!“

„Dein alter Starrsinn, der Dir schon so vieles im Leben verschüttet hat,“ sagte der Präsident gereizt. „Ich hätte es voraussehen können, aber angenehm ist es mir allerdings nicht, wenn mein eigener Schwager die Gesellschaft, an deren Spitze ich stehe, zu einem gewaltsamen Vorgehen zwingt.“

„Deshalb hast Du Dich auch höchstselbst heraufbemüht,“ spottete Thurgau, „zum ersten Male seit Jahren.“

„Ich wollte es noch einmal versuchen, Dir Vernunft zu predigen, da meine Briefe wirkungslos blieben. Uebrigens weißt Du ja, wie sehr ich mit meiner Zeit geizen muß.“

„Ja, das weiß der Himmel! Ich würde mich bedanken für die ruhelose Hetzjagd, die Du Leben nennst. Was hast Du denn eigentlich von Deinen Millionen und von Deinen unglaublichen Erfolgen? Bald bist Du hier, bald da, immer im Fluge, immer mit einer Last von Geschäften. Das geht vom frühen Morgen bis zum späten Abend, und Nachts, wenn vernünftige Leute sich zu Bette legen, setzest Du Dich noch stundenlang an Deinen Schreibtisch. Daher stammen Deine grauen Haare und die Falten auf Deiner Stirn. Sieh mich an!“ Er richtete sich empor und reckte die mächtigen Glieder. „Ich bin ein volles Jahr älter als Du!“

Nordheim blickte auf seinen Schwager, dessen Stirn allerdings noch keine Falten zeigte, aber seine Lippen zuckten spöttisch dabei.

„Ganz recht, aber es ist nicht jedermanns Sache, hier oben bei den Murmelthieren zu leben und Gemsen zu schießen. Du hast ja schon vor zehn Jahren Deinen Abschied genommen, obgleich Dir Dein alter Name die Karrière überall verbürgte.“

„Weil ich nun einmal nicht für den Herrendienst tauge. Die Thurgaus haben alle nicht dafür getaugt – deshalb sind sie auch so heruntergekommen, meinst Du? Ich sehe das an Deinem Spottlächeln. Ja, viel ist freilich nicht übrig geblieben von der einstigen Herrlichkeit, aber ich habe doch wenigstens noch ein Dach über dem Kopfe, und der Grund und Boden, auf dem ich stehe, ist mein: da hat mir niemand zu befehlen und dreinzureden, am wenigsten Deine verwünschte Eisenbahn – Nun, nichts für ungut, Schwager, wir wollen uns nicht zanken über die Geschichte, und vorzuwerfen haben wir uns beide nichts, denn wenn ich starrsinnig bin, so bist Du ein Tyrann. Du regierst Deine hochlöbliche Gesellschaft ja, daß ihr Hören und Sehen vergeht, und wenn Dir einer widerspricht, wird er einfach gemaßregelt und hinausgeworfen.“

„Was weißt Du denn davon?“ fragte Nordheim, der bei den letzten Worten aufmerksam wurde. „Du kümmerst Dich ja nie um unsere Angelegenheiten.“

„Nein, aber ich sprach neulich ein paar von den Ingenieuren, die hier in der Nähe die Vermessungen vornehmen und natürlich keine Ahnung von unseren verwandtschaftlichen Beziehungen haben. Sie schimpften wie die Rohrsperlinge auf Dich und Deine Tyrannei und die Günstlingswirthschaft, die Du eingeführt hättest; es waren recht erbauliche Dinge, die ich da zu hören bekam.“

Der Präsident zuckte gleichgültig die Achseln.

„Vermuthlich die Ernennung des Oberingenieurs für diese Strecke, die den Herren nicht genehm ist. Sie drohten allerdings in eine förmliche Revolte auszubrechen; sie fühlen sich in ihrer Ehre gekränkt, weil man ihnen einen jungen Mann von siebenundzwanzig Jahren zum Vorgesetzten giebt, der mehr in seinem Kopfe hat als sie alle zusammen.“

„Sie behaupten aber, er sei ein Streber, dem jedes Mittel recht sei, um emporzukommen,“ sagte Thurgau derb. „Und Du als Präsident des Verwaltungsrathes hättest Dich überhaupt nicht darum zu kümmern; der Chefingenieur hätte allein das Recht, seinen Stab zu ernennen.“

„Offiziell allerdings und es geschieht auch nicht oft, daß ich meinen Einfluß auf seinem Gebiete geltend mache; thue ich es aber einmal, so erwarte ich auch, daß meinen Wünschen Rechnung getragen wird. Genug, Elmhorst ist Oberingenieur und wird es bleiben. Wenn das den Herren nicht paßt, so mögen sie ihre Entlassung nehmen, ich kümmere mich sehr wenig um ihre Meinung.“

In den Worten lag das ganze hochmütige Selbstbewußtsein eines Mannes, der gewohnt ist, seinem Willen unbedingt und rücksichtslos Geltung zu verschaffen. Thurgau wollte antworten, aber in diesem Augenblick wurde die Thür geöffnet oder vielmehr aufgerissen. Es stürmte etwas herein, das mit nassen Kleidern und wehenden Locken an dem Präsidenten vorüberflog und sich ungestüm an den Hals des Freiherrn warf, dann folgte ein zweites, zottiges Etwas, ebenso naß, das gleichfalls auf den Herrn des Hauses zustürzte und mit lautem Freudengeheul an ihm emporsprang. Die unerwartete und lärmende Begrüßung glich [391] beinahe einem Ueberfall, aber Thurgau mußte wohl daran gewöhnt sein, denn er sträubte sich nicht im mindesten gegen die feuchten Liebkosungen, die ihm reichlich von beiden Seiten zu theil wurden.

„Da bin ich, Papa!“ rief eine helle Mädchenstimme. „Naß wie eine Wassernixe! Das ganze Wetter habe ich ausgehalten droben am Wolkenstein; sieh nur, wie wir aussehen, ich und der Greif!“

„Ja, man merkt es, daß Ihr direkt aus den Wolken kommt,“ sagte Thurgau lachend. „Aber siehst Du denn nicht, Erna, daß wir Besuch haben? Erkennst Du ihn noch?“

Erna richtete sich empor; sie hatte den Präsidenten, der bei dem Einbruch der beiden aufgesprungen und seitwärts getreten war, noch gar nicht bemerkt und schien einige Sekunden lang ungewiß zu sein über seine Persönlichkeit, dann aber jubelte sie auf. „Onkel Nordheim!“ und eilte auf ihn zu, aber er streckte abwehrend die Hände aus.

„Kind, ich bitte Dich, Du sprühst ja förmlich Nässe bei jeder Bewegung! Du gleichst wirklich einer Wassernixe – um Gotteswillen, halte mir den Hund vom Leibe! Wollt Ihr mich hier im Zimmer noch nachträglich mit einem Gewitterregen erfreuen?“

Erna ergriff lachend den Hund am Halsbande und zog ihn zurück. Greif zeigte allerdings Lust, nähere Bekanntschaft anzuknüpfen, was bei dem gänzlich durchweichten Zustande, in dem er sich befand, nicht gerade angenehm für den Betreffenden gewesen wäre. Uebrigens sah seine junge Herrin nicht viel besser aus: ihre Bergschuhe, die derb und plump den kleinen Fuß umschlossen, das hochgeschürzte Kleid von dunklem Lodenstoff und das schwarze Filzhütchen, alles triefte von Nässe. Sie schien sich aber sehr wenig darum zu kümmern, sie warf den Hut auf den ersten besten Stuhl und strich mit beiden Händen die feuchten Locken zurück, aus denen noch einzelne Tropfen rannen.

Erna glich ihrem Vater sehr wenig; nur die blauen Augen und das blonde Haar hatte sie von ihm; sonst existirte nicht die geringste Aehnlichkeit zwischen der hünenhaften Gestalt des Freiherrn, seinen gutmüthigen aber ziemlich ausdruckslosen Zügen und der Erscheinung des etwa sechzehnjährigen Mädchens, das, schlank und geschmeidig wie eine Gazelle, trotz seines ungestümen Auftretens doch in jeder Bewegung eine unbewußte Grazie verrieth. Das Gesicht zeigte die ganze rosige Frische der Jugend; für schön konnte es nicht gelten, wenigstens jetzt noch nicht. Die Züge waren noch sehr kindlich und unentwickelt und um den kleinen Mund lag ein Ausdruck, der auf herben Kindertrotz deutete. Schön waren eigentlich nur die Augen, deren tiefes dunkles Blau an die Farbe der Bergseen erinnerte. Das Haar wurde von keinem Bande, keinem Netze festgehalten; vom Sturme zerzaust, vom Regen durchnäßt, fiel dies wilde üppige Gelock fessellos auf die Schultern nieder. Das Mädchen sah allerdings nicht gerade salonfähig aus, sondern wie ein lebendiggewordener Frühlingssturm.

„Fürchtest Du die paar Regentropfen, Onkel Nordheim?“ fragte sie übermütig. „Was hättest Du denn angefangen in dem Wolkenbruch, dem wir ganz schutzlos preisgegeben waren? Ich machte mir freilich nicht viel daraus, aber mein Begleiter –“

„Nun, ich dächte, dem Greif wäre der Pelz auch oft genug gewaschen worden,“ fiel der Freiherr ein.

„Greif? Den hatte ich, wie gewöhnlich, bei der Sennhütte zurückgelassen; er kann ja nicht klettern und von da an heißt es, mit den Gemsen um die Wette steigen. Ich meine den Fremden, mit dem ich unterwegs zusammentraf. Er hatte sich verstiegen und konnte in dem Nebel den Rückweg nicht finden; hätte ich ihn nicht geführt, er säße noch droben am Wolkenstein.“

„Ja diese Stadtherren!“ sagte Thurgau ärgerlich. „Das kommt hierher mit den großen Bergstöcken, mit den nagelneuen Touristenanzügen und thut, als ob ihm unsere Alpengipfel nur ein Spiel wären; aber bei dem ersten Regenguß kriecht es in eine Felsspalte und holt sich den Schnupfen. Es hat sich wohl sehr gefürchtet, das Herrchen, als das Wetter losbrach?“

Erna schüttelte den Kopf, aber auf ihrer Stirn erschien eine Falte.

„Nein, furchtsam war er nicht; er hielt ganz gelassen neben mir aus unter Sturm und Blitzen und auch beim Abstieg hat er sich tapfer gezeigt, obgleich man sah, daß er die Sache nicht gewohnt war. Aber es war ein abscheulicher Mensch. Er lachte, als ich ihm von der Alpenfee erzählte, die jeden Winter die Lawinen in das Thal niederschickt, und als ich böse wurde, sagte er so ganz von oben herab: ‚Ja freilich, wir sind hier in der Sphäre des Aberglaubens, das hatte ich ganz vergessen!‘ Ich wollte, die Alpenfee hätte ihm gleich auf der Stelle eine Lawine über den Hals geschickt, und das habe ich ihm auch gesagt.“

„Das hast Du einem fremden Herrn gesagt, den Du zum ersten Mal sahst?“ fragte der Präsident, der bisher schweigend, aber mit befremdeter Miene zugehört hatte.

Erna warf trotzig den Kopf zurück.

„Gewiß that ich das! Wir mögen ihn nicht leiden, nicht wahr, Greif? Du hast ihn auch angeknurrt, als ich mit ihm bei der Sennhütte anlangte, und das ist brav von Dir, mein Thier, sehr brav! – Aber jetzt muß ich wirklich sehen, daß ich in trockene Kleider komme; Onkel Nordheim bekommt sonst den Schnupfen von meiner bloßen Nähe.“

Sie eilte fort, ebenso stürmisch wie sie gekommen war; Greif machte Miene, ihr zu folgen; da ihm aber die Thür vor der Nase zufiel, so besann er sich eines anderen. Er schüttelte sich, daß die Tropfen nach allen Richtungen hin sprühten, und lagerte sich dann zu den Füßen seines Herrn.

Nordheim hatte sein Taschentuch hervorgezogen und fuhr damit demonstrativ über seinen feinen schwarzen Rock, obgleich er glücklich von der Douche verschont geblieben war.

„Nimm es mir nicht übel, Schwager, aber es ist wirklich unverantwortlich, wie Du Deine Tochter aufwachsen läßt,“ sagte er scharf.

„Was?“ fragte Thurgau, der augenscheinlich höchst erstaunt darüber war, daß man an seinem Kinde irgend etwas auszusetzen fand. „Was fehlt dem Mädel denn?“

„Nun, ich dächte so ziemlich alles, was man von einem Fräulein von Thurgau erwarten darf. Was war das für ein Aufzug, in dem sie hier erschien! Und Du duldest es, daß sie stundenlang in den Bergen umherschweift und mit dem ersten besten Touristen eine Bekanntschaft anknüpft?“

„Pah, sie ist ja noch ein Kind!“

„Mit sechzehn Jahren? Es war ein Unglück, daß sie so früh die Mutter verlor; seitdem hast Du sie förmlich verwildern lassen. Freilich, wenn ein junges Mädchen in solchen Umgebungen aufwächst, ohne Unterricht, ohne Erziehung –“

„Bitte sehr,“ unterbrach ihn der Freiherr gereizt. „Ich habe damals, als ich beim Tode meiner Frau nach dem Wolkensteiner Hof übersiedelte, einen Lehrer mitgenommen, den alten Magister, der erst im letzten Frühjahr gestorben ist. Erna hat bei ihm alles Mögliche gelernt, und erzogen habe ich sie. Gerade so habe ich sie gewollt; denn eine zarte Treibhauspflanze wie Deine Alice können wir hier oben nicht brauchen. Mein Mädel ist gesund an Leib und Seele; frei ist sie aufgewachsen, wie der Vogel in der Luft, und soll es bleiben. Wenn Du das ‚verwildern‘ nennst – meinetwegen! Mir ist mein Kind recht.“

„Dir vielleicht, aber Du wirst doch nicht immer die einzig maßgebende Persönlichkeit in ihrem Leben sein. Wenn sich Erna dereinst verheirathet –“

„Ver–heirathet? “ wiederholte Thurgau mit starrem Entsetzen.

„Allerdings, Du mußt doch erwarten, daß früher oder später sich ein Bewerber meldet.“

„Das soll sich einer unterstehen! Dem Kerl schlage ich Arme und Beine entzwei!“ schrie der Freiherr in voller Wuth.

„Du versprichst ja ein liebenswürdiger Schwiegervater zu werden,“ bemerkte Nordheim trocken. „Ich dächte, es wäre die Bestimmung der Mädchen zu heirathen, oder glaubst Du vielleicht, daß ich von meiner Alice fordere, sie solle unvermählt bleiben, weil sie meine einzige Tochter ist?“

„Das ist etwas anderes,“ sagte Thurgau langsam, „etwas ganz anderes. Du magst Deine Tochter liebhaben – nun ja, warum denn nicht – aber Du würdest sie sehr leichten Herzens hingeben. Ich habe nichts auf der weiten Gotteswelt als mein Kind, das Einzige, was mir geblieben ist, und das gebe ich nicht her, um keinen Preis. Sie sollen mir nur kommen, die Herren Freier, ich werde sie schon heimschicken, daß sie das Wiederkommen vergessen.“

Der Präsident lächelte; es war jenes kalte, mitleidige Lächeln, mit dem man auf die Thorheiten eines Kindes herabsieht.

„Wenn Du Deinen Erziehungsgrundsätzen treu bleibst, wirst Du überhaupt nicht in den Fall kommen,“ sagte er sich erhebend. „Aber noch eins – Alice trifft morgen in Heilborn ein, wo ich sie erwarte; der Arzt hat ihr die dortigen Bäder und die Alpenluft verordnet.“

[392] „In dem eleganten langweiligen Modenest wird kein Mensch gesund,“ erklärte Thurgau verächtlich. „Du solltest uns das Mädel hierher schicken, da hat sie die Alpenluft aus erster Hand.“

Nordheims Blick glitt mit einem nicht mißzuverstehenden Ausdruck durch das Zimmer, über den schlafenden Greif hin und blieb zuletzt auf seinem Schwager haften.

„Du bist sehr freundlich, aber wir müssen uns wohl an die ärztliche Vorschrift halten. Wir werden uns doch sehen in den nächsten Tagen?“

„Natürlich, Heilborn ist ja kaum zwei Stunden entfernt!“ rief der Freiherr, dem das Kühle und Gezwungene der Einladung völlig entging; „ich komme jedenfalls mit Erna hinüber.“

Er stand gleichfalls auf, um den Gast zu geleiten; die Meinungsverschiedenheiten, denen er bisweilen einen so drastischen Ausdruck gegeben hatte, waren in seinen Augen gar kein Hinderniß für die verwandtschaftliche Zuneigung, und er entließ den Schwager mit der derben Herzlichkeit, die ihm eigen war. Jetzt kam auch Erna wie ein wilder Vogel die Treppe herabgeflattert und alle drei traten auf den Vorplatz des Hauses.

Hier fuhr soeben der Bergwagen vor, der vor einigen Stunden den Präsidenten gebracht hatte und auf den grundlosen Wegen nicht ohne Mühe bis zum Wolkensteiner Hofe vorgedrungen war. Gleichzeitig trat ein junger Mann durch das Eingangsthor und näherte sich grüßend dem Herrn des Hauses.

„Guten Tag, Doktor!“ rief dieser jovial, während Erna mit der Freiheit und Unbefangenheit eines Kindes dem Ankömmlinge entgegeneilte und ihm die Hand bot, und zu seinem Schwager gewendet setzte er hinzu: „Das ist unser Aeskulap und Leibarzt! Dem solltest Du einmal Deine Alice anvertrauen, der Mann versteht seine Sache.“

Nordheim, der mit deutlichem Mißfallen jene vertrauliche Begrüßung seiner Nichte bemerkt hatte, griff nachlässig an seinen Hut und beehrte den jungen Landarzt, der eine etwas unbeholfene und linkische Verbeugung machte, kaum mit einem flüchtigen Blick. Er reichte seinem Schwager die Hand, küßte Erna auf die Stirn und stieg ein; wenige Minuten später rollte der Wagen davon.

„Jetzt kommen Sie herein, Doktor Reinsfeld,“ sagte der Freiherr, dem es erst nach dieser Abfahrt recht behaglich zu werden schien. „Aber da fällt mir ein, daß Sie meinen Schwager so noch gar nicht kennen – den Herrn, der soeben fortfuhr.“

„Präsident Nordheim – ich weiß,“ entgegnete Reinsfeld, während sein Blick dem Wagen folgte, der soeben in einer Biegung des Weges verschwand.

„Merkwürdig!“ brummte Thurgau. „Alle Welt kennt ihn und er ist doch seit Jahren nicht hier gewesen. Es ist gerade, wie wenn ein Potentat durch die Berge fährt!“

Er trat in das Haus; der junge Arzt zögerte noch einen Augenblick, ehe er folgte. Er sah sich nach Erna um, aber diese stand auf der niedrigen Mauer, die das Gehöft umgab, und beobachtete die nicht ganz unbedenkliche Niederfahrt des Wagens.

Doktor Reinsfeld mochte sechs- oder siebenundzwanzig Jahr alt sein; er hatte nicht ganz die riesige Gestalt des Freiherrn, war aber immerhin eine kraftvoll derbe Erscheinung. Hübsch war er allerdings nicht; eher hätte man das Gegentheil behaupten können; aber es wurde einem unwillkürlich warm ums Herz, wenn man in diese blauen Augen schaute, die so klar und kindlich vertrauend in die Welt blickten, in dies Gesicht, dem die Herzensgüte an der Stirn geschrieben stand. Die Haltung und das Auftreten des jungen Mannes verriethen freilich die vollste Unbekanntschaft mit den gesellschaftlichen Formen und auch der Anzug ließ manches zu wünschen übrig. Die graue Gebirgsjoppe und der alte graue Filzhut hatten offenbar schon manchen Tag gesehen, manchen Regenguß miteinander ausgehalten und die Bergschuhe mit ihren nägelbeschlagenen Sohlen trugen reichliche Spuren des durchweichten Bodens. Sie gaben Zeugniß davon, daß dem Herrn Doktor für seine Besuche nicht einmal ein bescheidenes Reitthier zu Gebote stand; er wanderte zu Fuß, wohin seine Pflicht ihn rief.

„Nun, wie geht es, Herr Baron?“ fragte er, als sie im Zimmer einander gegenüber saßen. „Alles in Ordnung? Der Anfall von neulich hat sich doch nicht wiederholt?“

„Alles in Ordnung!“ lachte Thurgau. „Ich bin wieder ganz der Alte. Ich begreife überhaupt nicht, daß Sie von dem kleinen Schwindelanfall so viel Aufhebens machen. Eine Natur wie die meine giebt Ihnen und Ihresgleichen nicht viel zu thun.“

„Wir dürfen die Sache doch nicht zu leicht nehmen! Gerade in Ihren Jahren muß man vorsichtig sein,“ meinte der junge Arzt. „Ich hoffe allerdings, daß es nichts auf sich hat, wenn Sie nur meinen Rathschlägen folgen: vermeiden jeder Erhitzung und Aufregung, eine möglichst einfache Diät, eine theilweise Aenderung Ihrer gewohnten Lebensweise – ich habe Ihnen ja die einzelnen Vorschriften bereits gegeben.“

„Ja, das haben Sie gethan, aber ich befolge sie nicht,“ erklärte der Freiherr ganz gemächlich, indem er sich in seinen Stuhl zurücklehnte.

„Aber, Herr von Thurgau –“

„Lassen Sie mich in Ruhe, Doktor! Das Leben, das sie mir vorschreiben wollen, ist überhaupt gar kein Leben mehr. Ich soll mich schonen, ich, der ich gewohnt bin, den Gemsen nachzusteigen bis auf den höchsten Grat, der sich weder um Sonnengluth, noch um Schneesturm gekümmert hat und immer der Erste war, wenn es etwas Gefährliches gab in unseren Bergen! Ich soll meine geliebte Jagd im Stiche lassen, soll Wasser trinken und mich ängstlich hüten vor jeder Aufregung, wie ein nervenschwaches Frauenzimmer? Unsinn! Fällt mir gar nicht ein!“

„Aber ich habe Ihnen nicht verhehlt, daß jener Anfall bedenklich war, daß die Folgen gefährlich werden können.“

„Meinetwegen! Der Mensch entgeht seinem Schicksale doch nicht und ich tauge nun einmal nicht für ein solches Jammerleben, wie Sie es mir in Aussicht stellen. Lieber ein rasches seliges Ende!“

Reinsfeld sah nachdenklich vor sich hin und sagte halblaut:

„Eigentlich haben Sie recht, Herr Baron, aber –“ er kam nicht weiter, denn Thurgau schlug ein lautes Gelächter auf.

„Das nenne ich mir einen gewissenhaften Arzt! Wenn man ihm erklärt, daß man sich den Kuckuck um seine Verordnungen scheert, sagt er: Sie haben ganz recht! Ja, ich habe auch recht, das sehen Sie selbst ein.“

Der Doktor wollte sich gegen diese Auffassung seiner Worte verwahren, aber Thurgau lachte immer unbändiger und jetzt kam auch Erna herein mit Greif, ihrem unzertrennlichen Begleiter.

„Onkel Nordheim ist glücklich über die Brücke gekommen, obgleich sie halb überschwemmt war,“ berichtete sie. „Die Ingenieure stürzten allesammt herbei und halfen den Wagen vorwärts bringen, und dann bildeten sie Spalier zu beiden Seiten und verbeugten sich, so tief.“

Sie ahmte in komischer Weise die Ehrfurchtsbezeigungen der Beamten nach, aber der Freiherr zuckte ärgerlich die Achseln.

„Recht gesinnungsstüchtige Leute, diese Herren! Da schimpfen sie über meinen Schwager und sagen ihm alles mögliche Schlimme nach, und sobald er in Sicht ist, bücken sie sich bis zur Erde. Da soll der Mann nicht hochmüthig werden!“

„Papa,“ sagte Erna, die an den Stuhl ihres Vaters getreten war und jetzt den Arm um seinen Hals legte, „ich glaube, der Onkel Nordheim mag mich nicht, er war so kühl und gemessen.“

„Das ist so seine Art,“ meinte Thurgau, sie an sich ziehend. „Aber an Dir, Du Wildfang, hat er freilich genug auszusetzen.“

„An Fräulein Erna?“ fragte Reinsfeld mit einer so erstaunten und entrüsteten Miene, als ob das mindestens eine Majestätsbeleidigung sei.

„Jawohl, sie soll durchaus ein Fräulein von Thurgau vorstellen; hat er mir doch früher schon einmal angeboten, sie in sein Haus zu nehmen, um sie mit seiner Alice zusammen von den Bonnen und Gouvernanten für die Gesellschaft dressiren zu lassen! Was sagst Du zu dem Vorschlage, Kind?“

„Ich will nicht zu dem Onkel, Papa,“ erklärte Erna trotzig. „Ich will überhaupt nicht fort von Dir, ich bleibe im Wolkensteiner Hofe, mein Leben lang.“

„Ich wußte es ja!“ rief der Freiherr triumphirend, „und da behaupten sie, Du würdest eines Tages heirathen, würdest davongehen mit einem wildfremden Menschen und Deinen Vater in seinem Alter allein lassen! Wir wissen es besser, gelt Erna? Wir zwei gehören zusammen und wir bleiben auch bei einander.“

Er streichelte die wilden Locken seines Kindes mit einer Zärtlichkeit, die bei dem derben rücksichtslosen Manne etwas Rührendes hatte, und Erna schmiegte sich mit leidenschaftlicher Innigkeit an ihn. Die beiden gehörten in der That zusammen, das sah man; eins hing an dem anderen mit ganzer Seele.




(Fortsetzung folgt.)

[393] 

Die Gartenlaube (1888) b 393.jpg

Feier der Johannisnacht an der oberen Donau
Originalzeichnung von W. Gause.

[394]
Nachdruck verboten.     
Alle Rechte vorbehalten.
Vom Nordpol bis zum Aequator.
Populäre Vorträge aus dem Nachlaß von Alfred Edmund Brehm.
Eine Reise nach Sibirien.[1]

Die volksbelebten Straßen St. Petersburgs, die goldstrahlenden Kuppeln Moskaus lagen hinter uns, die Thürme Nischni-Nowgorods am jenseitigen Ufer der Oka vor uns. Dankerfüllt waren wir aus den beiden Hauptstädten des russischen Reiches geschieden. Von Sr. Majestät, unserem ruhmreichen Kaiser Wilhelm, huldvoll verabschiedet, vom auswärtigen Amte Deutschlands warm empfohlen, von dem deutschen Botschafter in St. Petersburg aufs freundlichste empfangen, hatten wir in Rußland wohl eine gute Aufnahme erhofft, eine solche aber gefunden, welche unsere kühnsten Erwartungen bei weitem übertreffen mußte. Die besten Empfehlungen, deren Gewichtigkeit uns erst später erkennbar werden sollte, begleiteten uns.

Bis Nischni-Nowgorod hatten uns die Verkehrsmittel der Neuzeit gefördert; fortan sollten wir erfahren, wie man im russischen Reiche Entfernungen von Tausenden von Kilometern oder Wersten durchmißt – durchmißt im Winter wie im Sommer, des Nachts wie am Tage, im grollenden Unwetter wie im lachenden Sonnenscheine, im klatschenden Regen oder eisigen Schneesturme wie bei stäubender Dürre, im Schlitten wie im Wagen. Vor uns stand der riesige und massige, in allen Fugen verklammerte, durch weit auslegende Streben gegen das Umfallen, durch ein Verdeck gegen Schnee und Regen geschützte Reiseschlitten, und das Glöcklein erklang im Krummholze des Dreispanns.

Auf der krystallnen Decke der Wolga begannen wir am 19. März 1877 die hier rasch fördernde, aber doch nicht ungehinderte Fahrt. Thauwetter hatte uns begleitet von Deutschland nach Rußland, Thauwetter uns aus Petersburg und Moskau vertrieben, Thauwetter blieb unser beständiger Gefährte, als wären wir Boten des Frühlings. Mit Wasser gefüllte Löcher im Eise, an die gähnende Tiefe unter uns bedrohlich mahnend, durchnäßten Pferde, Schlitten und uns oder nötigten zu unliebsamen Umwegen, welche, des knarrenden und dröhnenden Eises halber, gefährlicher schienen, als sie waren, machten auch Kutscher und Postmeister so besorgt, daß wir schon nach kurzer Fahrt die glatte Eisbahn mit der bisher noch nicht befahrenen Sommerstraße vertauschen mußten. Sie, die Straße, auf welcher nicht allein Tausende von Frachtwagen, sondern ebenso viele der Verbannten dem gefürchteten Sibirien zuziehen, für letztere eine Seufzerstraße , wurde auch uns zu einer solchen. Meterhoch lag der noch lockere, aber bereits wassergesättigte Schnee auf ihr; rechts und links rannen und rauschten Bächlein überall da, wo sie rinnen und rauschen konnten; in beklagenswerther Weise quälten sich die jetzt in langer Reihe vor einander gespannten Pferde, um festen Fuß zu fassen, sprungweise versuchten sie, die Spuren der ihnen vorausgegangenen zu erreichen, und bis an die Brust sanken sie bei jedem Fehlsprunge ein in den Schnee, in das eisige Wasser. Hinterher polterte der Schlitten, in allen Fugen krachend, wenn er mit jähem Schwunge aus der Höhe herab in die Tiefe geschleudert wurde; stundenlang blieb er zuweilen, der unglaublichsten Anstrengungen der Pferde spottend, in einem Loche sitzen, und wehmüthig fast klagte das wölfescheuchende Glöcklein. Vergeblich mahnte, bat, beschwor, krächzte, kreischte, schrie, brüllte, fluchte und peitschte der Kutscher; in den meisten Fällen gelang es erst durch fremde Hilfe wieder flott zu werden.

Qualvoll dehnten sich die Stunden, zu vier- und fünffacher Länge die Wegstrecken. Vom Schlitten aus nach rechts und links zu schauen, verlohnte sich kaum der Mühe; denn reizlos und öde liegt das flache Land vor dem Auge; nur in den Dörfern bot sich viel Erbauliches und Beschauliches, aber auch bloß dem, welcher beobachten wollte und konnte. Noch hielt hier der Winter die Leute zurück in ihren kleinen, zierlich angelegten, meist aber arg vernachlässigten Blockhäusern; nur bepelzte Knäblein liefen barfüßig durch den wässerigen Schnee und kothigen Schmutz, welchen ältere Knaben und Mädchen mit Hilfe von Stelzen zu überwinden strebten; nur alte weißbärtige Bettler umlagerten Posthäuser und Schenken, Bettler aber, welche jeder Maler ebenso entzückend gefunden haben müßte, wie ich sie fand. Auch die Thierwelt trat in den Dörfern mehr hervor als auf den Feldern und selbst in den Wäldern, welche wir durchzogen. Draußen hielt der Winter noch alles thierische Leben gefesselt, war noch alles still und todt, bemerkten wir, außer der Nebelkrähe und der Goldammer, fast keinen Vogel, im Schnee kaum die Spuren eines Säugethieres; in den Dörfern bewillkommten uns wenigstens die reizenden Dohlen, der Blockhausdächer anmuthigster Schmuck, die Kolkraben – bei uns zu Lande scheue Gebirgs- und Waldbewohner, hier des Dörflers vertrauenselige Genossen –, Elstern und andere Vögel mehr, ganz abgesehen von den Hausthieren, unter denen vor allen die frei umherlaufenden Schweine unsere Beachtung auf sich ziehen mußten.

Nach viertägiger, ununterbrochener Fahrt, ohne erquicklichen Schlaf, ohne stärkende Ruhe, ohne genügende Nahrung, an allen Gliedern wie zerschlagen, erreichten wir, nachdem wir zu Fuße die vielfach geborstene Eisdecke der Wolga überschritten, Kasan, die alte Hauptstadt der Tataren, deren sechzig Thürme uns schon gestern freundlich entgegengeleuchtet hatten. Ich glaubte mich zurückversetzt in das Morgenland. Von den Minarets und den sie hier und da vertretenden spitzdachigen Holzthürmen herab klang mir wiederum in arabischen Lauten der Ruf zum Gebete entgegen, zu welchem der Islam seine Bekenner fordert; zwischen turbantragenden Männern huschten, ängstlich vor diesen sich verschleiernd, neugierig vor uns sich enthüllend, schwarzäugige Frauen dahin, der zierlichen und durchlässigen Saffianschuhe halber besorglich die übertrauften Stege längs der Häuser suchend; im Gewühle des Bazars trieb sich zwanglos Alt und Jung umher: alles ganz ebenso wie im Morgenlande. Nur die vielen pomphaften Kirchen, unter denen die des Klosters der „nicht von Menschenhänden gefertigten schwarzen Gottesmutter von Kasan“ durch Lage und Bauart hervortritt, wollten zu diesem morgenländischen Bilde nicht passen, so wenig sich auch verkennen ließ, daß hier zu Lande Christen und Mohammedaner einträchtiglich mit einander leben.

Mit leichteren Schlitten, auf womöglich noch grundloseren Wegen zogen wir weiter, Perm, dem Ural entgegen. Durch tatarische und russische Dörfer und die sie umgebenden Fluren, durch weitausgedehnte Wälder führt die Straße. Die tatarischen Dörfer stechen meist vortheilhaft von den russischen ab und machen sich nicht allein durch das Fehlen der als unrein geltenden Schweine, sondern, und mehr noch, durch den stets wohlgepflegten, mit hohen Bäumen bestandenen Friedhof kenntlich; denn der Tatar ehrt die Ruhestätte seiner Todten. Die Wälder sind, obschon forstlich eingeteilt, doch nichts anderes als Urwälder, welche wachsen und gedeihen, altern und vergehen, ohne Zuthun des Menschen; sie liegen viel zu weit ab von schiffbaren Flüssen, als daß sie sich jetzt schon verwerthen ließen.

Zwei große Flüsse, die Wjätka und Kama, kreuzen unsere Straße. Noch hält jene der Winter in starren Banden; aber der heranwehende Frühling beginnt bereits die eisige Decke zu lösen. Wasser überfluthet die Uferränder und zwingt die Pferde der Frachtfuhrleute, welche die über solche Stellen geschlagenen Nothbrücken verschmähen, schwimmend den hinter ihnen wie ein Boot treibenden Schlitten durch das Wasser zu ziehen.

Schon vor Perm müssen wir den Schlitten mit dem Reisewagen vertauschen, und in ihm rollen wir dem Europa und Asien trennenden Ural zu. Ueber langgestreckte, sanfte, aber mehr und mehr ansteigende Hügelreihen zieht sich die Straße. Das Gepräge der Landschaft ändert sich; zwar nicht großartige, aber doch hübsche Gebirgsbilder stellen sich dem Auge dar. Kleine Wäldchen mit dazwischen liegenden Feldern und Wiesen erinnern an die Vorberge der Alpen Steiermarks; die meisten Wälder sind arm und dürftig, denen der Mark vergleichbar, andere reicher und bunt, auch auf weithin geschlossen. Dort bilden sie niedrige Kiefern und [395] Birken, hier zeigen sie beide Bäume mit dazwischen eingesprengten Linden, Erlen, Espen, Schwarz- und Weißpappeln, über deren runde Krone die cypressenartigen Wipfel der herrlichen Pichta oder sibirischen Tanne wie Kerzen emporragen. Die Dörfer sind durchschnittlich größer, die Häuser stattlicher als in den bisher durchreisten Gegenden, die Wege aber über alle Begriffe schlecht. „Mit müder Qual“ schleichen Tausende von Frachtwagen auf oder richtiger in tiefkothigen Geleisen dahin, langsam und verdrießlich auch wir, bis wir endlich, nach dreitägiger Fahrt, die Wasserscheide der beiden großen Stromgebiete der Wolga und des Ob erreichen und durch einen Denkstein, auf dessen Westseite das Wort „Europa“, auf dessen Ostseite das Wort „Asien“ eingegraben ist, erfahren, daß wir die Grenze des heimatlichen Erdtheils überschritten haben. Unter dem Klange der Gläser gedenken wir der fernen Lieben.

Das freundliche Jekaterinburg mit seinen Goldschmelzen und Steinschleifereien darf uns, trotz der Gastlichkeit seiner Bewohner, nur kurze Zeit fesseln; denn mächtiger und eindringlicher regt sich der Frühling, und weicher und morscher wird das Eis der Flüsse und Ströme, welches bis nach dem fernen Omsk uns noch als Brücke dienen soll. Rastlos eilen wir weiter durch die Gefilde des asiatischen Theiles des Permschen Gouvernements, bis wir dessen Grenze und damit Westsibirien erreichen.

Hier, im ersten Posthause, erwartet uns der Kreishauptmann von Tjumén, um uns im Namen des Statthalters zu begrüßen und durch seinen Kreis zu geleiten; in der Hauptstadt desselben finden wir das Haus eines reichen Mannes zu unserem Empfange bereit. Fortan lernen wir erfahren, was russische Gastlichkeit bedeutet. Auch bisher hatte man uns allerorten gastlich empfangen, gastlich bewirthet; von jetzt an sind überall die höchsten Beamten des Kreises, der Provinz zu unseren Gunsten rege und thätig, die vornehmsten Häuser zu unserer Aufnahme geöffnet. Wie Fürsten hat man uns behandelt, bloß weil wir wissenschaftliche Zwecke verfolgten. So dankbar wir dies auch anerkennen, warm genug zu danken vermögen wir nicht, denn dazu fehlen uns die Worte.

Hinter oder jenseit Tjumén, woselbst wir drei Tage verweilten, um die Gefängnisse der Verbannten, die Lederfabriken und andere Sehenswürdigkeiten der ersten sibirischen Stadt in Augenschein zu nehmen, zeigten uns die Bauern, wie sie sogar die Flüsse zu bemeistern wissen. Der kommende Frühling hatte auch das Eis der Pyschma gelöst, und die Schollen begannen sich in Bewegung zu setzen, wir aber sollten vorher noch über den Fluß setzen. Unser harrend, stand die Bewohnerschaft des Dorfes Ramanoffskoje entblößten Hauptes vor der Pyschma; unser harrend, mußte auch diese sich gedulden, bevor sie ihre krystallenen Fesseln abschütteln durfte. Mit ebenso viel Geschick wie Kühnheit hatte man eine Noth- und Hilfsbrücke über den theilweise bereits eisfreien Fluß geschlagen, ein größeres Boot als mittlere Unterlage benutzend, die des Abgangs verdächtigen Eisflötze oberhalb und neben dieser Brücke aber mit starken Tauen und Stricken festgebunden. Geschäftige Hände entschirrten die für die heutige Fahrt erforderlichen Fünfgespanne, packten Achsen und Speichen, griffen handfest zu und führten einen Wagen nach dem andern über die schwankende, wellenförmig sich biegende, knarrende und ächzende Brücke. Sie hatte ihren Zweck erfüllt; drüben ging’s lustig weiter durch Wasser und Schnee, Schlamm und Koth, über Knüppeldämme und Eis.

Minder fügsam erwies sich der Tobol, welchen wir am Karfreitage den 14. April und dem ersten eigentlichen Frühlingstage überschreiten wollten. Auch hier hatte man alle erforderlichen Vorkehrungen getroffen, um uns überzusetzen, sogar einen unserer Wagen bereits ausgespannt und auf die Eisdecke gerollt, als diese krachend sich theilte und zu schleunigstem Rückzuge nöthigte. Fröhlich waren die Glöcklein im Krummholze erklungen, als wir Jalutaroffsk verlassen; traurig läuteten sie uns wieder nach dieser Kreisstadt zurück, und erst am Ostertage konnten wir den großen Fluß mit Hilfe einer Fähre überschreiten.

So ging es weiter; vor oder hinter uns warfen die Flüsse ihre Winterdecken ab, nur der gefürchtete Irtisch lag noch erstarrt und sicher unter uns, und so erreichten wir Omsk, die Hauptstadt Westsibiriens, nach mehr als monatiger Reise ohne weitere Zwischenfälle.

Nachdem wir in Omsk gesehen, was zu sehen war: die Straßen und Häuser, das Kadettenhaus, Museum, Krankenhaus, das Kriegsgefängniß und anderes mehr, fuhren wir auf der längs des rechten Irtischufers sich dahinziehenden, die Dörfer der sogenannten Kosakenlinie verbindenden Straße nach Semipalatinsk weiter. Schon zwischen Jalutaroffsk und Omsk hatten wir eine Steppe, die von Ishim, durchreist; jetzt umgab sie uns von allen Seiten, und allnächtlich fast rötheten die Flammen ihres in Brand gesteckten vorjährigen Grases und Krautes den Himmel. Längs des Irtisch zogen die Wandervögel dahin, unmittelbar hinter dem nordwärts treibenden Eise her; die Wasservögel erfüllten alle Altwässer und Steppenseen mit ihrer Menge; verschiedene Lerchenarten trieben sich in starken Flügen am Wege umher; die niedlichen Falken der Steppen hatten ihre Sommerstände bereits wieder bezogen: der Frühling war zur Wahrheit geworden.

In Semipalatinsk hatten wir das Glück, in dem Gouverneur, General von Poltorattski, einen warmen Freund und Beförderer unserer Bestrebungen, in seiner Gemahlin die liebenswürdigste Wirthin zu finden, welche wir überhaupt hätten finden können. Nicht zufrieden damit, uns in Semipalatinsk die gastlichste Aufnahme bereitet zu haben, beschloß der General, uns in der ansprechendsten Weise mit dem Haupttheile der Bevölkerung seines Gebietes, den Kirgisen, bekannt zu machen, und veranstaltete zu diesem Zwecke eine großartige Jagd auf Archare, Wildschafe, deren Größe die unserer Hausschafe fast um das Doppelte übertrifft.

Am dritten Mai brachen wir zu dieser Jagd auf, setzten über den Irtisch und fuhren auf der Poststraße nach Taschkent in die Kirgisensteppe hinein. Nach sechzehnstündiger Fahrt hatten wir das Jagdgebiet, ein felsiges Steppengebirge, erreicht; bald darauf standen wir vor dem unseretwegen errichteten Aul oder Jurtenlager, freundlich begrüßt von der uns gestern vorausgeeilten Frau Generalin, herzlich auch von einigen zwanzig kirgisischen Sultanen, Gemeindevorstehern und deren zahlreichem Gefolge.

An den drei folgenden Tagen ging’s hoch her in den Arkatbergen. Für die stets nach Festlichkeiten verlangenden Kirgisen waren Feiertage angebrochen, für uns nicht minder. Das Thal und die Berge wurden laut unter dem Hufschlage der achtzig Reiter oder mehr, welche an den beiden nächsten Tagen zur Jagd hinauszogen; die Sonne blitzte, so oft sie sich zeigte, auf bunte, fremdartige Gewänder herab, welche bisher unter Pelzen verhüllt gewesen waren; lebendiges Gewimmel erfüllte Berge und Thalschluchten. Mit ihren besten Rennpferden, ihren werthvollsten Kostgängern, gezähmten Steinadlern, Windhunden und Kamelen, mit Citherspielern und Stegreifdichtern, Ringkämpfern und sonstigen Recken waren sie erschienen, die einst so gefürchteten Kirgisen, deren Name nichts anderes als Räuber bedeutet, heute die gefügigsten, getreuesten und zufriedensten Unterthanen des russischen Reiches. In Gruppen und Haufen saßen sie beisammen; einzeln und in Scharen sprengten sie hin und her, in Lust und Uebermuth ihre Rosse tummelnd; mit regster Aufmerksamkeit folgten sie dem Ringkampfe, mit Begeisterung den von Knaben gerittenen Rennpferden; mit Geschick und Verständniß leiteten sie die Jagd, mit Entzücken lauschten sie auf die Worte des Stegreifdichters, welcher diese Jagd besang. Ein Kirgise hatte schon vor unserer Ankunft einen Archar erlegt; mir führte das Jagdglück einen zweiten vor die sichere Büchse. Dieses Jagdglück war es, welches den Stegreifdichter begeisterte. Seine Verse waren zwar nicht besonders inhaltreich und tief gedacht, jedoch immerhin so eigenartig, daß ich sie aufzeichnete, um die erste Probe kirgisischer Dichtung zu sammeln. Während der Mann sang, übersetzte der Dolmetscher ins Russische, der General ins Deutsche, und als der Sänger geendet, hatte auch ich seine Worte eilschriftlich zu Papier gebracht.

„Sprich nur, rothe Zunge, sprich so lange du noch Leben hast; denn nach dem Tode wirst du stumm sein.
Sprich nur, rothe Zunge, die mir Gott gegeben, nach dem Tode wirst du schweigen.
Worte wie jetzt dir entklingen, nach dem Tode werden sie dich nicht verlassen.
Leute, ragend wie die Berge, seh’ ich vor mir; ihnen will ich Wahrheit sagen.
Berge, Felsen glaube ich vor mir zu sehen; mit dem Rennpferd mag ich sie vergleichen.

[396]

Sie, die großer sind als Boote, wie ein Dampfschiff auf des Irtisch Wellen.
Seh’ ich doch in dir, o Herrscher, nach des Kaisers Majestät, den höchsten, einem Berge zu vergleichen, werthvoll wie ein Rennpferd, das im Paß geht.
Eine Mutter war es, die mich hat geboren; meine Zunge aber hat mir Gott gegeben.
Wenn vor dir ich jetzt nicht rede, zu wem sonst soll ich wohl sprechen?
Vollste Freiheit habe ich zu reden, ebenso als ob zu meinem Volk ich spräche.
Glück dir, Herr, und Heil und Segen deinen Gästen, unter denen hochgestellte Leute, ob Sie jetzt auch auf der Seite liegen.
Jeder Gast des Generals ist auch der unsere, uns’rer Freundschaft sicher.
Gott nur gab mir meine Zunge, mag sie weiter reden.
In den Bergen sahn wir Jäger, Schützen, Treiber; doch nur mit einem war das Glück.
Wie des höchsten Berges Spitze über alle andern ragt, so überhob es diesen einen über alle, denn er schoß dem Archar wohlgezielt zwei Kugeln durch den Leib und brachte ihn zur Jurte.
Aller Jäger Wunsch war, Beute zu gewinnen; doch nur einer sah den Wunsch erfüllt: uns zur Freude, auch zur Freude dir, o hohe Frau, zu welcher jetzt ich rede.
Alles Volk ist hocherfreut, dich allhier zu sehen, zu begrüßen; alles Volk wünscht dir nur Freude, tausend Jahre Leben und Gesundheit.
Laß es dir gefallen, nimm die Huldigung entgegen! Ob du gleich viel besser Volk gesehen; treuer aber hat dir keines Gruß und Gastlichkeit gespendet.
Möge Gott dich segnen, segnen auch dein Haus und deine Kinder! Viel zu wenig Worte mag ich finden, dich zu preisen; aber meine Zunge hat mir Gott gegeben, und sie sprach, die rothe Zunge, was im Herzen keimte.“

Wir verließen die Arkatberge und bald darauf auch das Verwaltungsgebiet unseres Gastfreundes, von welchem wir uns auf dem Jagdplatze getrennt hatten, wurden in Sergjopol von Oberst Friedrichs empfangen, im Namen des Generalgouverneurs begrüßt und zogen nunmehr in seiner Gesellschaft unseres Weges weiter. Kirgisenhäupter gaben uns das Ehrengeleite und stellten uns Zugpferde, welche freilich vorher noch niemals als solche benutzt worden waren und anfänglich stets wie toll mit dem schweren Wagen davonjagten; Kirgisensultane erwiesen uns Gastfreundschaft, sorgten unterwegs für Obdach und Nahrung, stellten Jurten auf an allen Orten, wo wir rasten wollten oder ruhen sollten; Kirgisen fingen für unsere Sammlungen Schlangen und ander kriechendes Gethier, warfen zu Gunsten dieser Sammlungen Netze in den Steppenseen aus und folgten uns auf unseren Jagdzügen wie treue Hunde. So durchreisten wir die jetzt im vollsten Frühlingsschmucke prangende Steppe, verweilten, jagend und sammelnd, am Ala-kul oder „bunten See“, zogen durch blühende Thäler und über lachende Berge der am Alatau, einem der großartigsten Steppengebirge, gelegenen Kosakenstaniza Lepsa zu, durchstreiften die Umgegend der Ansiedelung, ein kleines Paradies, in welchem Milch und Honig fließt, erklommen die Hochberge, erlabten uns hier an rauschenden Gebirgswässern, grünen Alpseen und köstlichen Fernsichten, und wandten uns sodann, in nordöstlicher Richtung weiterreisend, der chinesischen Grenze zu, um auf dem kürzesten und bequemsten Wege durch einen Theil des Reiches der Mitte nach dem Altai zu gelangen.

(Fortsetzung folgt.)



Die Sonnwendfeier an der oberen Donau.
Mit Illustrationen von W. Gause.
Die Gartenlaube (1888) b 396.jpg

Höhenfeuer auf der Ruine Dürnstein.

Zu jener Zahl von Volksfesten, welche, noch heute in Uebung, mit ihrem Ursprung in die frühesten Tage unserer altheidnisch germanischen Vorzeit zurückweisen, gehört auch die Sonnwend- oder Johannisfeier. Schon in ihren beiden Namen liegt zugleich ihr Sinn, wie ihre Geschichte angedeutet. Einst war sie die bedeutungsvolle Naturfeier der sommerlichen Sonnenwende (der Umkehr des feurigen Sonnenrades); die junge christliche Kirche verlegte aber an ihre Stelle das Fest Johannis des Täufers. Für unsere Tage hat sich wohl keine der beiden Bedeutungen mehr recht lebendig erhalten; die uralte nationale Bezeichnung der „Sunawentfeuer“ ist aber an Volksthümlichkeit heute noch der offiziellen „Johannisfeier“ entschieden über, und wenn auch mancherlei Sitte und Meinung, die sich an dieselben knüpften, nun meist verschollen sind: noch immer lodern, wie vor mehr denn zwei Jahrtausenden, in der späten Abenddämmerung des 23. Juni freudig jene sommerlichen Opferflammen von unzähligen Höhen des deutschen Landes empor. Zumal im bergigen Süden, im bayerischen Hochgebirg, in Schwaben, Franken und nicht zuletzt in den österreichischen Bergen und an der oberen Donau. Der eben genannte Theil dieses Stromes, etwa von Krems bis Melk reichend, im engeren Sinne die Wachau geheißen, ist durch den hohen Reiz seiner Naturscenerie und eine dichte Reihenfolge von malerischen, alten und erlebnißreichen Orten, Kirchen, Klöstern und Burgen eine der schönsten deutschen Stromlandschaften überhaupt; er bildet so gewiß auch den wirkungvollsten Schauplatz für die Entfaltung unserer Sonnwendfeier. Und zu der Schönheit des Ortes gesellt sich der Zauber der Zeit, denn in eine schönere fällt wohl keines von allen Festen des Jahres. Die Erde prangt in ihrer vollsten frühsommerlichen Herrlichkeit und allen Hoffnungen auf eine goldene Erntezeit kann noch ihre Erfüllung werden. Der Wein, eine Hauptkultur der Wachau, ist eben im Verblühen, aus den Gärten weht noch der süße Rosenhauch, und im Laubwalde blüht und duftet die hohe, grünlichweiße Platanthera, die schönste der Orchideen, die ja einst als „Frigga- (Freya)- Gras“ der Göttin der Liebe geweiht waren. In den Abendstunden aber klingt aus dem dunkeln Föhrenwalde in langgezogenen, weichen Tönen das Lied der Amsel herüber, und durch die laue Dämmerluft fliegen die leuchtenden kleinen „Sunawendkäferln“ wie aussprühende Licht- und Feuerfunken dieser gluthvollen Zeit und Vorboten der großen Freudenflammen, die nun bald auflodern sollen.

Die Vorbereitungen zu denselben bilden natürlich schon einige Tage vorher eine Hauptfreude der Jugend. Kurze Verslein singend, sammeln die Schulkinder, von Haus zu Haus ziehend, Holz aller Art, Reisigbündel (Bürteln), Scheite, alte Besen, Strohwische für die großen Scheiterhaufen. Karl Stieler, der warmherzige Kenner und Schilderer des süddeutschen Berglebens, sagt, daß auch dieses Absammeln und Singen in seiner Heimath

[397] bereits in Vergessenheit gerathen sei. In der Wachau sind beide noch aufrecht, und noch im Vorjahre hörten wir dort die Strophen:

„Der heilige Sankt Veit
Thät bitten um a Scheit,
Wer uns ka’ Scheit net gibt,
Hat mit’n Feur a ka’ Glück!“

Gewiß eine hübsch anklingende und zugleich etwas artigere Variation zu den ebenfalls bajuvarischen Versen, die Stieler anführt:

„Wir kommen vom Sankt Veit,
Gebt’s uns auch a Scheit,
Gebt’s uns auch a Steuer
Zu unserm Sonnwendfeuer;
Wer uns ka Steuer will geben,
Soll das nächste Jahr nimmer erleben!“

Die Gartenlaube (1888) b 397.jpg

Auf der Donau.

Mit dem Hereinbrechen des Abenddunkels am Festtage selbst wird es überall im Thale und auf den freien Höhen lebendig von erwartungsvollen Zuschauern und erregten Mitthätern. Bald prasselt und qualmt es hier und dort lustig aus den leichten Reisighäuflein einiger „Schulerbubn“ oder aus solider angelegten Holzstößen auf – endlich flammt vom Berge drüben über der Donau eine erste mächtige Feuergarbe empor, der nun rasch unzählige andere große und kleine in Nah und Fern, auf den Höhen wie im Thale, so selbst den Strom auf kleinen Flößen herabtreibend, folgen, von immer lauter werdenden Jubelrufen begrüßt und begleitet. Die gewaltigsten dieser Feuer brennen alljährlich draußen schon am Ausgange der Thalenge, auf dem Klosterberge des Stiftes Göttweih und auf der Spitze des hohen Jauerlings (956 Meter), einer berühmten Aussichtswarte, die in dieser Sonnwendnacht oft von 3- bis 400 Menschen erstiegen wird. Das Schauspiel der beiden dort brennenden, wahrhaft riesigen Holzstöße ist aber auch ein dämonisch fesselndes: die leidenschaftliche Wuth, das Knattern, Zischen, Lodern, Knallen, ja Heulen der hochaufschlagenden Flammen, rings um die beiden Feuerherde ein weiter bunter Kreis von halb bewundernden, halb grausig erregten Zusehern: Landleute, Touristen, Sommergäste, nicht wenige schöne Wienerinnen unter ihnen – alle mit dem Wechsel des Windhauchs bald in hellen Gluthschein, bald in tiefe Schatten getaucht. Tritt man aus diesem tobenden Feuerkreis hinweg ins stille Nachtdunkel hinaus, so ist es dann wieder ein ganz einziger Anblick, das weite Bergland ringsum wie übersäet mit unzähligen Höhenfeuern zu sehen, die flammend, glühend, zuckend bis in die letzten Fernen hinausziehen. Das lauteste und mannigfaltigste Treiben aber entfaltet sich doch unten im Bereiche der Menschenwohnungen. Wie phantastisch leuchten nun dort im Wandelscheine dieser Feuer alle die alten und malerischen Orte an Strand und Berglehne auf: die befestigten Kirchen von Sankt Michael und Weißenkirchen, die geborstenen Mauern der Kuenringer Burg Dürnstein, die zackigen Wallmauern und Thürme des gleichnamigen Städtchens zu ihren Füßen. Am hellschimmernden Donaustrande werden leere Pechfässer angezündet und in den Strom hinausbugsirt, angetriebene brennende kleine Flöße hier jubelnd ans Land gezogen, dort wieder abgestoßen; hochgeschwungene glimmende Besen fahren wie Feuerräder durch die Luft, hier und da zischt eine Rakete auf; überall wird einzeln oder paarweise mit mehr oder weniger Geschick über die Flammen gesprungen. Die Thalwände hallen von all dem Schreien, Jubeln, Lachen und Aufkreischen der jugendlichen Stimmen wieder. Aber auch diese Lust geht zu Ende – schon lange vor Mitternacht ist auch das letzte Feuer erloschen, der letzte Ruf verhallt. Ueber Thal und Berg herrscht ungestört die kurze, die kürzeste Sommernacht mit dem stillen Prangen ihrer ewigen und unzählbaren Himmelslichter. Auch dieser Gegensatz gehört noch mit zum Bilde einer solchen Sonnwendfeier, die dem Betrachtenden gewiß eine schöne und bedeutsame Erinnerung bleiben wird, lebensvoll und das Nachdenken beschäftigend.

Eduard Zetsche.      





Nachdruck verboten.     
Alle Rechte vorbehalten.
Das Eulenhaus.
Hinterlassener Roman von E. Marlitt. Vollendet von W. Heimburg.
(Fortsetzung.)


Claudine war den steilen Schloßberg hinauf gefahren und stieg an dem Portale des Flügels ab, den die Herzogin-Mutter bewohnte. Die aufgehende Sonne tauchte eben die verschneiten spitzen Giebeldächer, die Thürmchen und Mauern in Purpurgluth, und in demselben Moment entrollte sich das herzogliche Banner auf dem Hauptthurm der Stadt, die unten noch in grauer Dämmerung lag, ein Zeichen, daß die Herrin heimkehre, ja – heimkehre, um zu sterben.

Claudine fand im zweiten Stockwerk ein paar gemütliche Zimmer zu ihrer Verfügung und ward noch im Laufe des Vormittags zur alten Hoheit beschieden. Die freundliche Dame hatte verweinte Augen; sie saß an dem bekannten Erkerfenster und blickte über die Dächer ihrer guten Stadt hinweg, weit in das verschneite Land hinein. O, wie oft hatte Claudine hier vor ihr gesessen in dem lauschigen Zimmer, mit den steifen kostbaren Möbeln der ersten Kaiserzeit und den vielen, vielen Bildern an den Wänden, und hatte sich mit ihrer Gebieterin der herrlichen Aussicht gefreut. In der gegenwärtigen Stunde hatten sie beide kein Auge für diese Schönheiten. Sie sahen dort hinaus, wo der Schienenstrang aus dem Walde hervortrat, auf dem der Zug daherkommen sollte, der die arme Kranke brachte.

[398] Die Herzogin hatte einen neuen Blutsturz gehabt in Cannes; sie wollte nur noch Eins – ihre Kinder wiedersehen und Verschiedenes ordnen vor ihrem Sterben. Die kleinen Prinzen waren daheim geblieben, sie sollten der Mutter nicht zuviel Unruhe machen; der Arzt hatte es so gewünscht, obgleich sie dagegen gekämpft. „Herr Doktor, ich sterbe ja vor Sehnsucht!“

Die alte Hoheit schüttelte nur immer leise das greise Haupt, während sie dies alles erzählte: „Es ist hart, es ist so besonders hart für Adalbert; sie hatten sich ganz und vollständig gefunden; sie waren auf dem besten Wege, ein glückliches Paar zu werden. Er schreibt so liebevoll von ihr, und nun?“ Sie seufzte; – „Gott mag wissen, was man noch alles erlebt!“

Die Herrschaften hatten sich jeden Empfang verbeten, aber die alte Hoheit wollte doch mit dem Erbprinzen hinunterfahren zum Bahnhof und befahl, Claudine möge sie begleiten. Gegen zwei Uhr fuhren sie den Schloßberg hinab; ein trüber Novemberhimmel hing über der Stadt und sandte große dicke Schneeflocken hernieder. Aber trotz des schlechten Wetters standen Hunderte von Menschen in der Straße, die zum Bahnhof führt.

Der Landauer der Herzogin hielt dicht vor der Rampe des fürstlichen Wartezimmers; die Polizei bemühte sich, der Menge zu wehren, die sich stumm herzudrängte. Alle standen denn auch ruhig in weitem Bogen um die Equipagen. Auf dem Perron befanden sich einige Herren; der Schnellzug, der die herzogliche Familie bringen sollte, war bereits signalisirt. Endlich brausten die Wagen unter die Halle, es entwickelte sich plötzlich ein buntes Treiben auf dem Perron. Der Herzog war zuerst ausgestiegen; er küßte seiner alten Mutter die Hand; dann hob er selbst die leidende Gemahlin aus dem Wagen. Aller Augen waren auf ihr bleiches schmales Antlitz gerichtet, dessen große Augen den Erbprinzen suchten. Sie umarmte die alte Herzogin und küßte ihr Kind mit einem traurigen Lächeln. „Da bin ich wieder,“ flüsterte sie matt. Kaum vermochte sie die paar Schritte zum Wartezimmer zu gehen; der Erbprinz und der Herzog stützten sie; freundlich, müde erwiderte sie die Grüße. Prinzeß Helene und ihre Hofdame, Frau von Katzenstein und die Kammerfrau, die Herren vom Gefolge, alle hasteten durch einander.

Als sie Claudine sah, zuckte es in ihrem Gesicht; sie winkte mit der Hand und deutete auf den Wagen.

Das schöne Mädchen eilte hinüber. „Hoheit,“ stammelte sie ergriffen und beugte sich über die Hand der Herzogin.

„Komm, Dina!“ flüsterte diese, „fahr’ mit mir; und Du, mein Herz,“ wandte sie sich an den Erbprinzen. „Adalbert wird mit Mama fahren.“ Und als man sie in den Wagen gehoben, sagte sie, während sie durch die schweigende ehrfuchtsvoll grüßende Menge fuhr: „Grüße, mein Kind, grüße sehr freundlich; die Leute wissen alle, wie krank ich bin.“

Sie selbst bog sich mit Anstrengung ein wenig vor und wehte matt mit dem weißen Tuche.

„Das letzte Mal! Das letzte Mal!“ murmelte sie. Dann faßte sie des Mädchens Hand. „Wie gut, daß Du da bist!“ – Oben am Portale entließ sie die Freundin. „Wenn ich geruht, so lasse ich Dich rufen, Dina.“

Claudine suchte ihr stilles Zimmer auf und schaute in den winterlichen Schloßhof hinab, der plötzlich das Gepräge der Einsamkeit verloren hatte. Equipagen fuhren ab und zu; die Wache zog auf und die großen Gepäckwagen kamen langsam den Berg herauf. Dort unten läuteten die Glocken der Marienkirche, vielleicht zu einer Hochzeit; hier und da blitzten schon Lichter auf, trotz der frühen Nachmittagsstunde, und es schneite, schneite immerzu.

Stunden vergingen. Man servirte Claudine den Thee in ihrem Zimmer. Sie betrachtete, in einem Fauteuil sitzend, das zuckende blaue Flämmchen unter der Maschine und dachte an Lothar und wie er ihr seine Einsamkeit und Sehnsucht auf dem verlassenen Schlosse in Sachsen geschildert. O ja, es ist schwer, sehr schwer, allein zu sein mit den marternden Gedanken, der schrecklichen Ungewißheit. Ungewißheit? Sie war fast zornig auf sich; ach Gott, sie wußte es so nur zu gewiß!

Prinzessin Helene hatte gut ausgesehen, ihr Gesicht hatte einen etwas anderen, günstigeren Ausdruck gezeigt. Das Leidenschaftliche, Unruhige war von ihr gewichen – sie hatte wohl Hoffnung, gegründete Hoffnung!

Was wollte nur die Herzogin von ihr selbst? Ach, es war ja klar! Sie würde, nachdem sie Lothars Antwort erhalten, zu ihr sagen: „Claudine, sei großmüthig, gieb Du ihm sein Wort zurück! Er fühlt sich gebunden.“

Freilich, das wußte sie, er würde die Verlobung nicht lösen, nie! Er war auf ihre Großmuth angewiesen. Ein heißer leidenschaftlicher Trotz erfüllte sie. „Und wenn ich jetzt nicht will? Und wenn ich lieber elend an seiner Seite werden will, als elend ohne ihn? Wer kann mich hindern?“ Sie schüttelte den Kopf. „O nimmermehr! Nein!“

Die altmodische Uhr auf der Spiegelkonsole schlug Neun. Heute war die Herzogin sicher zu angegriffen gewesen; es war wohl keine Hoffnung mehr, sie zu sehen. Es fror sie plötzlich in dem dunklen Zimmer; das Flämmchen unter dem Kessel war längst erloschen; im Kamin glühte nur noch ein schwacher rother Schein. Sie begann umherzuwandern; bis zehn Uhr wollte sie noch warten, dann zur Ruhe gehen. Vielleicht konnte man ja schlafen. Aber gegen zehn Uhr kam doch die Kammerfrau und beschied sie hinunter.

Sie ging die Korridore entlang und über verschiedene Treppen und Treppchen, bis sie in das wohldurchwärmte und hellerleuchtete Vestibül gelangte, vor den Gemächern Ihrer Hoheit. Sie war früher selten hier gewesen; bei den Festlichkeiten, die im Schlosse stattfanden, hatte sie die Herzogin-Mutter immer nur in die Prunksäle begleitet, und die kleinen Gesellschaftsabende in den Salons Ihrer Hoheit zu vermeiden gesucht. Aber sie empfand auch heute wieder den eigenthümlichen Zauber dieser prächtigen Räume. Ueberall dieses satte Roth auf Wänden, Teppichen und Vorhängen, überall das gedämpfte Licht röthlich verschleierter Ampeln und Lampen, überall Gruppen üppiger exotischer Pflanzen, und überall prächtige farbenglühende Gemälde in breiten funkelnden Goldrahmen.

„Krankhaft! fieberhaft wie der Geist, der diese Räume bewohnt,“ hatte einst Se. Hoheit gesagt, der, an die raue Waldluft gewöhnt, in dieser schweren duftdurchhauchten Atmosphäre zu ersticken gemeint. Es lag etwas Wahres darin. Ein heißes Verlangen, die arme Wirklichkeit zu verschönern, die Sehnsucht nach Leben und Glück sprach sich aus in dieser den Gemächern eines Feenschlosses gleichenden Umgebung.

Die Herzogin lag in ihrem Schlafzimmer, in dem niedrigen, mit schweren rothen Vorhängen umgebenen Bette, deren Falten oben am Plafond ein vergoldeter Adler in seinen Krallen hielt. Auch hier eine röthliche Beleuchtung, die das bleiche Gesicht mit trügerischen Rosen überhauchte.

„Es ist spät, Dina,“ sagte die Kranke mit verschleierter Stimme; „aber ich kann nicht schlafen, fast nie mehr, und ich kann nicht allein sein, ich fürchte mich. Ich habe nur darum einen Vorhang des Bettes so legen lassen, daß ich die Thür nicht sehe. Mich erfaßt mitunter eine unerklärliche Angst, es möchte irgend etwas Schreckliches über die Schwelle kommen, unser Hausgespenst, die weiße Frau, die mir melden will, was ich so schon weiß: daß ich sterben muß. Lache mich nicht aus, Dina; ich lag sonst so gern im Dunkeln. Erzähle, Claudine, erzähle mir alles; ich meine, oft wird es nicht mehr sein, daß ich Dir zuhören kann. Wie erging es Dir, Dina? Sprich!“

Claudine meinte, sie müsse hinauseilen aus diesem reichen Zimmer mit seinem vergoldeten Plafond und dem betäubenden Maiblumenduft, der vom Wintergarten herüberzog.

„Mir geht es gut, Elisabeth, ich bin nur traurig, daß Du leidest,“ sagte sie und nahm Platz zur Seite des Bettes.

„Claudine,“ begann die Kranke, „ich habe noch so vielerlei zu schreiben und zu ordnen, und wenn erst mein Vater hier ist und meine Schwester – sie werden bald eintreffen – und wenn ich die Angst wieder bekomme, die erstickende Angst, dann ist’s zu spät. Hilf mir ein wenig dabei.“

„Elisabeth, Du regst Dich unnöthig auf.“

„Nein, o nein; ich bitte Dich, Dina!“ Und sie wandte ihr abgemagertes Gesicht um und blickte das Mädchen an mit den großen glänzenden Augen, als wollte sie in das Herz der Freundin schauen. „Du bist eine so seltsame Braut, Claudine,“ begann sie nach einer Weile flüsternd, „und seltsam ist auch Euer Brautstand. Er dort, Du da. Claudine – gestehe, es war ein frommes Opfer von Dir, als Du Deine Hand verschenktest an jenem gräßlichen Tage! Sprich, Claudine, Du liebst ihn nicht?“

Mit wahrhaft verzehrender Angst hingen ihre Blicke an dem blassen Antlitz des Mädchens.

„Elisabeth,“ sagte dieses nach einer Pause und legte die Hände auf ihre Brust. „Ich liebe Lothar, ich habe ihn geliebt, [399] als ich noch nicht wußte, was Liebe ist; als halbes Kind schon habe ich ihn geliebt!“

Die Herzogin schwieg, aber sie athmete rasch.

„Glaubst Du mir nicht, Elisabeth?“ fragte Claudine leise.

„Ja, ich glaube Dir, Dina; aber liebt er Dich? Sage, liebt er Dich auch?“ flüsterte die Herzogin.

Sie senkte die Wimper. „Ich weiß es nicht,“ stammelte sie.

„Und wenn Du wüßtest, er liebt Dich nicht, würdest Du trotzdem sein Weib werden wollen?“

„Nein, Elisabeth!“

„Und Du würdest Dich nie entschließen können, einem Andern Deine Hand zu schenken, der Dich unsäglich liebt?“

Das schöne Mädchen saß wie ein Steinbild, ohne zu antworten.

„Claudine, weißt Du, weshalb ich gekommen bin?“ fragte die Herzogin leidenschaftlich erregt – „um mit der letzten Lebenskraft demjenigen, der mir am theuersten ist auf dieser Welt, ein heißersehntes Glück zu retten. Als ich fortging nach Cannes,“ sprach sie weiter, „da kämpfte noch meine thörichte Schwachheit, mein verwundetes eitles Herz mit der besseren Einsicht. Claudine, der Herzog liebt Dich – mich hat er nie geliebt. Er liebt Dich mit aller Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit, deren sein edles Herz fähig ist. Ich habe während der Jahre unserer Ehe in jedem Zuge seines Gesichtes lesen gelernt – er liebt Dich, Dina! Und er wird Dich nie vergessen. Sitze nicht so stumm da; um Gotteswillen, antworte!“

„Du irrst Dich!“ rief Claudine angstvoll und streckte abwehrend ihre Hand gegen die Herzogin aus. „Du irrst Dich; Se. Hoheit liebt mich nicht mehr, es ist ein Wahn von Dir! Du darfst nicht grübeln über solche Hirngespinste, Du durftest deshalb nicht kommen.“

„O, glaubst Du, Dina, daß man die Liebe auszieht wie ein Kleid?“ fragte die Herzogin bitter, „daß man sich vornehmen kann, etwa als wolle man einen Spaziergang machen: von heute ab wird nicht mehr geliebt – Punktum!? So ist das Herz nicht beschaffen.“

Claudine schwieg. „Ich werde mich nie verheirathen,“ sagte sie dann leise und bestimmt, „wenn nicht beider Herzen sich einander zuneigen, nie! Verzeihe, Elisabeth, ich darf Dir keine trügerischen Versprechungen machen. Verfüge über alles, alles! Ueber mein Leben, wenn es sein muß, nur verlange das nicht!“

Die Herzogin blickte mit weinenden Augen an Claudine vorüber. Ein Weilchen blieb es ganz still im Gemach.

„Armer Mann! Ich hatte es mir so schön gedacht für Dich,“ sagte sie dann mehr zu sich selbst. „Es soll nicht sein!“ Und etwas lauter: „Welche Verwirrung – Du liebst Lothar, und er – arme kleine Prinzessin!“

„Elisabeth!“ schrie Claudine auf und ihre erblaßten Lippen zitterten. „Ich will ja sein Glück nicht hindern – was denkst Du von mir? Nie! Nie! Erweise mir eine Liebe,“ fuhr sie hastig fort, „gieb ihm in meinem Namen seine Freiheit zurück – ich weiß, Du sprichst mit ihm über diesen Punkt.“

„Morgen,“ sagte die Herzogin.

„So gieb ihm das!“ Sie zog heftig den Brautring von ihrem Finger. „Hier ist das Glück der Prinzessin, nimm es und – laß mich meine eigenen Wege gehen, allein, fern von allem, was mich an ihn erinnert!“

Sie sprang empor und ging zur Thür hinüber.

„Claudine,“ bat die Herzogin mit ihrer schwachen Stimme und ihre kranken Hände umschlossen den Ring, „Dina, geh’ nicht so von mir! Wer ist die Aermere von uns beiden? Hilf mir lieber, daß noch etwas Segen aus alledem werde.“

Claudine kam zurück. „Was soll ich noch thun?“ fragte sie resignirt.

Die Herzogin bat um Wasser. Dann hieß sie Claudine eine Schatulle bringen, öffnete dieselbe und reichte dem Mädchen ein Stück Papier.

„Es ist ein Verzeichniß der kleinen Andenken, die ich nach meinem Tode vertheilt wissen will. Bewahre es – es ist eine Abschrift, das Original hat der Herzog.“

„Du sollst Dich nicht so entsetzlich aufregen, Elisabeth.“

„O, ich werde ruhiger sein, wenn alles geordnet ist, Dina. Lies noch einmal laut, ob ich auch nichts versäumte. Es soll niemand sagen: Sie vergaß mich!“

Mit bebender Stimme las Claudine. Zuweilen machte ein Thränenflor ihren Augen die Schrift unleserlich; es war alles so zart ausgewählt, es zeugte jedes Einzelne von einem so innigen tiefen Gemüth.

„Meiner lieben Claudine gehöre der Schleier aus Brüsseler Spitzen, den ich getragen als Braut –.“

Eine flammende Röthe schlug über des Mädchens vergrämtes Gesicht – sie wußte, was die Herzogin gemeint.

„Nimm es zurück, nimm es zurück!“ schluchzte sie und knieete am Bette nieder.

„O wie schlimm! O wie schlimm!“ sagte die Herzogin, „Du und er – unglücklich. Ihr meine beiden liebsten Menschen!“

Claudine küßte die heißen Hände der Kranken und eilte hinaus; der Schmerz tobte zu heftig in ihr. Im Wintergarten unter den Magnolien und Palmen weinte sie sich aus; das leise Geplätscher des Springbrunnens zu ihren Füßen beschwichtigte ihre wilde Verzweiflung; sie war nach einigen Minuten so weit gefaßt, daß sie ruhig „Gute Nacht!“ wünschen konnte. Als sie durch die seidenen Vorhänge hinüber spähte zu dem Bette, lag die Kranke anscheinend im Schlummer, einen gramvollen Zug um den Mund.

Im Vorzimmer traf Claudine den alten Medizinalrath, er begrüßte sie freundlich.

„Ist es denn wirklich so nahe, das Ende?“ fragte das erschütterte Mädchen.

Er reichte ihr zutraulich die Hand. „So lange noch Athem ist, gnädiges Fräulein, ist auch Hoffnung. Aber nach menschlichem Ermessen – Hoheit wird auslöschen wie ein Licht, wird vor Erschöpfung einschlafen eines Tages.“

Claudine deutete unwillkürlich nach ihrem Arme – „Herr Rath?“

„Ach, gnädiges Fräulein,“ sagte der alte Mann gerührt, „das hilft nicht mehr. Hier ist’s vorbei, hier!“ Und er deutete auf die Brust. „Ich will noch zum Herzog, um Nachricht zu bringen von dem Befinden Ihrer Hoheit“, sprach er leise, indem er neben der jungen Dame den Korridor entlang ging. „Seine Hoheit hat übrigens gleich eine sehr unerfreuliche Ueberraschung hier vorgefunden. Sie wissen doch schon? Palmer ist verschwunden und hat eine große Konfusion hinterlassen.“

„Nach Frankfurt fuhr er diese vergangene Nacht,“ sagte Claudine betroffen „er wollte vermutlich den Herrschaften entgegen reisen; ich sah ihn auf dem Bahnhofe in Wehrburg.“

„Dieser Schuft,“ murmelte der alte Herr, „er ist längst jenseit der Grenze. Entgegenfahren? Wer hat Ihnen das vorgefabelt, gnädiges Fräulein?“

„Ich hörte, wie er zu Frau von Berg davon sprach.“ Und Claudine stand still; das ganze merkwürdige Erlebniß wurde ihr plötzlich klar.

„Die passen füreinander,“ lachte der Arzte „ich will’s aber doch beiläufig Seiner Hoheit erzählen. Da werden wir morgen die Nachricht erhalten, daß auch die Gnädige verreist ist, mit Hinterlassung von allerhand Allotriis und Konfusionen. Man soll nicht schadenfroh sein, aber Ihrer Durchlaucht gönnte ich es; sie hat auf eine wunderbare Art die Dame protegirt. Gute Nacht, gnädiges Fräulein!“

Es war so. Am andern Morgen erfuhr man im Schlosse, daß Frau von Berg plötzlich verschwunden sei. Sie hatte weiter keine „Allotria und Konfusionen“ hinterlassen, als ein Paket Briefe, an die Herzogin gerichtet, und einen Brief an Seine Hoheit. Aber der Schutzengel, der an der Schwelle des Krankenzimmers Wache hielt in Gestalt der Frau von Katzenstein, ahnte sofort, daß der Inhalt des Päckchens nicht geeignet sein könnte für Ihre Hoheit, sie übergab es daher resolut dem Herzog. Die alte Dame kam just in dem Moment, als Seine Hoheit mit der Zornader auf der Stirn einen Haufen Papiere durchstöberte; der Polizeidirektor war ebenfalls im Zimmer anwesend.

Der Herzog mochte glauben, Frau von Katzenstein bringe ihm Nachrichten von Ihrer Hoheit. Statt dessen reichte ihm die alte Dame nun ernsthaft ein mit himmelblauem Seidenbande umwundenes Päckchen Briefe hin, dessen oberster, unverkennbar von der Handschrift Seiner Hoheit, die Adresse der Frau von Berg trug.

Der Herzog ward blaß.

„Und das sollte man Ihrer Hoheit übergeben?“ fragte er bewegt und sah schier fassungslos die Zeugen einer lustigen Junggesellenzeit an, von damals, wo man so gern bei Herrn und Frau von Berg soupirte und Bakkarat spielte in dem blauen koketten Salon der schönen Frau. Dieses Weib, das niemals in einem Raume mit der Frau, deren Lebenszeit nur noch Tage zählte, der man diese Tage durch eine Infamie zu qualvollen [400] gemacht, hätte athmen dürfen – dieses Weib wagte, noch an den Frieden des Sterbebettes zu rühren?

„Ich danke Ihnen, gnädige Frau!“ sagte der Herzog erschüttert. Und er nahm die Briefe und warf sie in den Kamin, und jene andern Papiere warf er ebenfalls nach. Unwillkürlich wischte er sich hinterher die Finger an dem Batisttuch. „Lassen Sie den Schuft laufen, Herr von Schmidt,“ sagte er dann verächtlich und machte eine liebenswürdige verabschiedende Bewegung zu dem Polizeidirektor.

Der Herzog ging, nachdem jener sich entfernt hatte, sehr erregt im Zimmer auf und ab. Einer der Briefe, ein kleines Billet, war da liegen geblieben vor dem Kamin; der Herzog bemerkte es erst nach einer Weile und hob es auf. Es war Herrn von Palmers wohlbekannte Handschrift.

„Gestern Abend,“ las er, „habe ich der schönen Claudine ein Billet des Herzogs überreichen müssen; ich stahl es ihr, als ich ihr beim Einsteigen half. Anbei übergebe ich Ihrem eminenten Dispositionstalent das werthvolle Blättchen zu beliebiger Verwendung. Nun, mein Schätzchen wird die Mine so geschickt zu legen wissen, daß die kluge, uns beiden so freundlich gesinnte Dame in die Luft fliegt –“

„Also Palmer auch schuldig hierin!“ Er lächelte bitter und dachte an das heißblütige dunkeläugige Geschöpfchen, dem man die Zündschnur zu dieser Mine in die Hand gab. Die Mine war explodirt, das erste Opfer lag da drüben und – die Verbrecher waren entkommen.

Dieser schlaue Mensch hatte sich wenigstens vorgesehen, hatte verstanden zu betrügen mit lächelnder Natürlichkeit, wie es bis jetzt noch an keinem Hofe vorgekommen sein mochte. Es war kein Bediensteter unter dem gesammten Personal des Hofhaltes, der nicht rückständige Gage zu fordern hatte; kein Hoflieferant, welcher Art es sei, der seit zwei Jahren einen Pfennig bekommen. Die Beamten des Herzogs hatten alle Hände voll zu thun, um zu erfahren, bei wem er etwas schuldig war. Im herzoglichen Rentamt drängten sich die Leute mit Forderungen, nachdem die Flucht Palmers bekannt geworden. Der Herzog mußte zornig lachen, als er die Details erfuhr.

Die in Geldsachen sehr peinliche Herzogin-Mutter war darüber empört, einen Landauer zum zweiten Male bezahlen zu müssen, und ertrug dennoch nur mit Mühe den Gedanken, daß sie in eben diesem Wagen ganz ruhig an dem Hause des Fabrikaten vorüber gefahren sei, der so oft unterthänige Mahnbriefe an Palmer geschickt hatte. Die ganze Residenz war außer sich und wünschte dem Entkommenen Zuchthaus und Galgen; aber so schlaue Vögel entwischen in der Regel.

Claudine erfuhr dies alles durch die Zofe; es erregte kaum flüchtig ihr Interesse. Sie dachte nur an das, was das Heute ihr bringen würde, an die Entscheidung ihres Schicksals. Die Nachrichten über das Befinden der Herzogin lauteten nicht schlechter; sie hatte verschiedene Stunden geschlafen, aber noch nicht die Gegenwart der Freundin gewünscht.

Claudine stand am Fenster und sah hinaus in den grauen Novemberhimmel. Es schneite noch immer; so düster lag die Welt vor ihren Blicken, so todt, und drückte ihr bekümmertes Herz noch tiefer nieder. Eine dunkle Röthe überzog plötzlich ihr Antlitz. – Ein Wagen rollte in den Hof und hielt vor dem Portal des Flügels, den die Herzogin bewohnte. Da ihr Zimmer in dem Mittelbau lag, in dem die Prachträume sich befanden, konnte sie deutlich sehen, wer dem Wagen entstieg und das Schloß betrat. Er war es; eben verschwand Lothars hohe Gestalt hinter den spiegelnden Glasscheiben der inneren Thür. Er kam, Ihrer Hoheit die Antwort zu bringen!

Sie mußte sich fest aufstützen, so stürmte es auf ihre Seele ein; was wollte der thörichte Hoffnungsstrahl noch immer in ihrer gequälten Seele? Jedes Wort, das sie von ihm gehört, seitdem sie sich zum ersten Male wiedersahen im Neuhäuser Garten, seit dem Tage, wo sie herüber gekommen, um Beate von dem Wachsfunde zu benachrichtigen, war verwundend gewesen, scharf wie ein geschliffener Stahl. Er hatte ihr Mißtrauen und Nichtachtung gezeigt, wo er gekonnt; er liebte sie nicht, nein, nein! – Einmal, einmal hatte ihr Herz thöricht in Wonne geklopft, das war in jener dunklen Sommernacht, als er daher geritten kam, um nach ihrem Fenster zu lauschen – einen Augenblick, einen einzigen süßen herzverwirrenden Augenblick. Aber die Ernüchterung folgte auf dem Fuße; es war eine militärische Angewohnheit von ihm; er revidirte, ob auch alles in Ordnung – die Familienehre auch nicht in Gefahr!

Sie wandte sich vom Fenster weg und ging zu dem Tische, auf dem noch das Frühstück stand. Sie ergriff die winzige Karaffe, mit Sherry gefüllt, und goß sich ein halbes Glas ein; sie liebte diesen Wein sonst nicht, sie fühlte sich nur so erbarmungswerth schwach in diesem Augenblick. Ein leises Klopfen an die Thür ließ sie das Glas hinsetzen, noch ehe sie es ausgetrunken. „Herein!“ sagte sie so tonlos, daß der Außenstehende es unmöglich hören konnte. Aber Frau von Katzenstein öffnete trotzdem die Thür und kam freundlichernst über die Schwelle. Sie hielt ein Körbchen, mit weißem Seidenpapier verdeckt, in der Hand.

„Meine liebe Gerold,“ sagte sie herzlich, „Ihre Hoheit beauftragt mich soeben, Ihnen dieses zu überreichen.“ Sie stellte den Korb auf einen Seitentisch und trat Claudine näher. „Die Herzogin erwartet Sie in einer halben Stunde,“ fügte sie hinzu und drückte dem Mädchen die Hand. „Verzeihen Sie nur, wenn ich mich nicht verweile, ich kann die Kranke eben nicht lange verlassen.“

„Wie geht es ihr?“ brachte Claudine über die zitternden Lippen.

„Sie klagt heute nicht; sie sagt, es sei ihr leichter und freier auf der Brust,“ erwiderte die alte Dame, die noch athemlos vom Treppensteigen war.

„O, und Sie bemühten sich selbst,“ sprach Claudine zerstreut; aber Frau von Katzenstein ging schon wieder zur Thür hinaus.

Claudine dachte kaum an das Körbchen. In einer halben Stunde sollte sie erfahren, ob er ihren Ring genommen – man würde ihr doch die Wahrheit sagen?

Sie begann unruhig umher zu wandern, obgleich die Füße sie kaum trugen. Dann trat sie ans Fenster; die Wache hatte „Heraus!“ gerufen; der Herzog fuhr eben im Jagdschlitten über den Schloßhof; zwei andere Schlitten folgten; er suchte wohl dem Aerger und der Sorge zu entfliehen? Auch sie fühlte den Drang, hinunter zu laufen in den Park und in der Schneeluft die heiße Stirn zu kühlen, sich müde zu gehen, Schlaf und Vergessen zu finden. Mechanisch war sie vor dem Körbchen stehen geblieben, das die Herzogin ihr geschickt; ein Reisegeschenk vermutlich – die hohe Frau versäumte ja nie, Freude zu bereiten.

Sie hob das Papier ein wenig auf; in einigen Minuten mußte sie hinunter, sich zu bedanken; man wollte doch wissen wofür? In dem mit hellblauer Seide gefütterten Körbchen lag auf kostbarem echten Spitzengewebe ein Zweig blühender Myrthe, und dieser Myrthenzweig war durch ihren Verlobungsring gezogen. –

Das bleiche, heftig athmende Mädchen befand sich plötzlich auf der Treppe; sie durcheilte die Korridore, und erst im Vorzimmer der Herzogin fühlte sie, daß sie die Füße nicht mehr tragen wollten. Dort stand der Medizinalrath und flüsterte mit Frau von Katzenstein. Die alte Dame deutete mit der Hand auf eines der Nebenzimmer und legte den Finger auf den Mund. „Hoheit schlafen eben ein wenig,“ sprach sie leise.


     (Schluß folgt.)


Aus dem Leben Ludwigs I. von Bayern.

Einem berühmten Verstorbenen gerechtzuwerden, vermögen seine eigenen Zeitgenossen am wenigsten. Räumliche wie geistige Größe erfordert zur richtigen Betrachtung eine gewisse Distanz, und erst nach Jahrzehnten erreicht das Bild eines großen Todten die ruhigen, unverzerrten Linien, die der Nachwelt dann als die bleibenden erscheinen. Ob für den „teutschen“ König Ludwig, der bei Lebzeiten ebenso erbitterte Gegner wie bewundernde Verehrer besaß, diese Zeit ruhiger Betrachtung schon gekommen ist, mögen diejenigen entscheiden, welche berufen sind, ein umfassendes Bild seiner Regierung, seiner politischen und künstlerischen Bestrebungen zu zeichnen. Hier sollen die nachfolgenden Züge, die sämmtlich aus besten Quellen geschöpft sind, dazu dienen, das persönliche Gedächtniß des Fürsten aufzufrischen, der ein merkwürdiger und eigenartiger Mensch war, auch wenn man alles wegdenkt, was die Gunst des Schicksals und die Schmeichelei der Menschen seiner Erscheinung äußerlich hinzugefügt haben.

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Die Gartenlaube (1888) b 401.jpg

Im Felde.
Originalzeichnung von H. Schwenzen.

[402] Dieser Maßstab wäre manchem fürstlichen Haupte gefährlich; König Ludwig aber kann ihn sich ruhig gefallen lassen; er war unter allen Umständen, auch wo er irrte und fehlte, ein nach dem Höchsten strebender Mensch, voll Begeisterung für große Zwecke, und was der Wille des einzigen Mannes in wenig Jahrzehnten bei beschränkten Mitteln geschaffen hat, das muß heute Vewunderung erwecken, ganz abgesehen von dem ästhetischen Genuß an seinen Werken selbst. Auch den bei Lebzeiten Ludwigs stets wiederholten Vorwurf, daß er die Straßen und Brücken im übrigen Königreich verfallen lasse, um München herauszuputzen, werden wir heute nicht mehr erheben. Straßen und Brücken sind inzwischen längst von andern gebaut worden; aber niemand würde heute König Ludwigs Kirchen und Museen bauen!

Der junge Prinz hatte das Glück, früh mit den Wechselfällen des menschlichen Lebens bekannt und dadurch ein selbständiger Mensch zu werden. Seine Kindheit fiel in böse Zeiten: sieben Jahre war er alt, als sein königlicher Pathe in Paris geköpft wurde, und vor den herandrängenden Sansculotten flüchtete sein Vater, Prinz Max von Zweibrücken-Birkenfeld, der künftige Thronerbe Bayerns, seine Familie nach Mannheim. Dort besuchte ein halbes Jahrhundert später der alte Ludwig noch pietätsvoll das Haus am Theaterplatz, das einst seine Kinderstube enthielt, und erging sich in Erzählungen von der höchst einfachen Kost und Kleidung, die er und seine Geschwister gehabt, sowie von der Ruthe hinterm Spiegel, welche seine Erzieherin, Demoiselle Weyland, mit Kraft und Geschicklichkeit zu führen wußte. „Ich sage Ihnen,“ schloß er seinen Bericht gegen den ihn begleitenden alten Mannheimer Verehrer, „ wir waren streng gehalten. Aber das war gerade recht. Kinder müssen eine tüchtige Zucht haben. Die Schläge meiner alten Weyland haben mir nicht geschadet, im Gegentheil.“

Und er nahm sofort eine Droschke und fuhr nach dem weit entlegenen Kirchhof, am das verfallene Grab des alten Fräuleins aufzusuchen und für Herrichtung desselben und ein schönes Gitter zu sorgen. Er dankte ihrer strengen Erziehung die große Einfachheit und Bedürfnislosigkeit, die ihn zeitlebens zu einem von seiner Umgebung unabhängigen Menschen machten.

Es ist bekannt, mit welchen Gefühlen der Jüngling nach der Thronbesteigung seines Vaters das napoleonische Joch ertrug, wie er mit den Tirolern sympathisierte, die er bekämpfen mußte, und wie in seinem Herzen das Ideal „Deutschland“ brannte, während die besten Geister unseres Volkes mit einem traurigen Weltbürgerthum sich über ihre Vaterlandslosigkeit hinwegzutäuschen suchten.

Nach Napoleons Sturze, als die Welt wieder friedlich geworden war, konnte endlich der Kronprinz einen längeren Aufenthalt in Italien nehmen, das er 1804 zum ersten Male gesehen. Schon in München hatte er mit den wenigen Gelehrten und Künstlern verkehrt, die es dort gab, und in ihrem Umgang, wie man bei Hofe glaubte, die ungraziösen Manieren und die ungestüme Lebhaftigkeit erworben, die ihm zeitlebens zu eigen blieben. In Wirklichkeit war sein selbständiger und lebhafter Geist wenig mit äußerlichen Dingen beschäftigt; er überließ die Sorge darum gern seinem schönen und graziösen Bruder Karl, der den Ruf eines vollendeten Kavaliers genoß. Ludwig war mehr als mittelgroß; er hielt sich aber vornübergebeugt und schoß im abgetragenen Böcklein eiliger auf der Straße dahin, als der Würde königlicher Majestät angemessen sein mochte. Seine Züge waren nicht unschön, die Augen hell und lebhaft; aber die stete Unruhe seines Wesens kam auch im Gesicht zum Ausdruck, das überdies in seinen späteren Jahren durch einen ziemlich starken Auswuchs auf der Stirn entstellt war. Aber eine gewinnende Erscheinung war er trotz alledem, und die liebenswürdige Wärme, die er zeigte, wenn ihn jemand interessirte, nahm die Herzen für ihn ein, besonders in jenen schönen römischen Tagen, wo er, jung und vertrauensvoll, in den Kreis hochbegabter Künstler und tüchtiger Menschen eintrat, welcher damals die eine Seite der Fremdenkolonie ausmachte, während die andere den ganzen Trümmersturz napoleonischer Herrlichkeit umfasste, Brüder, Schwestern und die alte Mutter des so unerhört Gestiegenen und Gefallenen.

In zufälligem Zusammentreffen hatten sich dort Cornelius, Veit, Overbeck, Schnorr und Schadow gefunden; Ludwig trat in ihren Kreis ein, in dem er alle fürstliche Prätension bei Seite legte und mit Geist und Humor als gleicher unter gleichen lebte. Ein sprechendes Zeugniß davon liefert heute noch ein Bild von Capel in der neuen Pinakothek, eine der höchst einfachen Kneipereien darstellend, die der lustige Kreis in der Osterie eines alten Spaniers, Don Raffael d’Anglade, abzuhalten pflegte. Die Gesellschaft sitzt in dem räucherigen Flur um einen alten Holztisch; der dicke Wirth strebt mit zwei Flaschen, so schnell es seine kurzen Beine erlauben, dem ungeduldig winkenden Kronprinzen entgegen, während der Leibarzt Ringreis seinen Trinkspruch bereits begonnen hat, und Schnorr, Klenze, Catel, der Bildhauer Wagner, wegen seiner entsetzlichen Grobheit von den Römern „il mangia-christiani“ (der Menschenfresser) genannt, mit den Kavalieren des Königs den Frutti di mare zusprechen, die auf dem ungedeckten Tisch servirt sind.

Eine Augenzeugin jener Tage, die geistvolle Henriette Herz, berichtet in ihren Erinnerungen folgende anziehende Einzelheiten:

„Eine der angenehmsten und liebenswürdigsten Erscheinungen war mir und gewiß allen der Kronprinz Ludwig von Bayern. Er, der äußerlich so Hochgestellte, welchem bei dem Alter des Königs der Thron schon winkte, war gleichwohl der Anspruchsloseste, welchen ich jemals gekannt habe … wie er denn überhaupt seiner Würde nichts zu vergeben glaubte, wenn er weder sich noch andern Zwang auferlegte, noch selbst den Prinzen kundgab. – ‚Noch zu Hause?‘ rief er mir wohl von der Straße herauf, wenn es in Rom irgend etwas Besonderes zu sehen gab … Und ein Abend, im Freundeskreis mit dem Prinzen sehr heiter verlebt, ist mir besonders im Gedächtniß. Es war bei Signora Buti, einer achtungswerthen Witwe, welche meist deutsche Künstler logirte, bei welcher auch Thorwaldsen wohnte. Es ging da in interessanter Gesellschaft sehr heiter zu, und Frau von Humboldt, eine andere Freundin und ich hatten uns einmal für den Abend anmelden lassen. Dem Kronprinzen war ein Wink davon geworden und unerwartet stellte er sich mit seinem Gefolge auch ein. Der Abend zog sich bis zwei Stunden nach Mitternacht hin. Man denke sich die bunte Zusammensetzung der Gesellschaft, vom Kronprinzen bis zu den Töchtern des Hauses, die man dem Stand der Arbeiterinnen beizählen durfte, weil sie, um der Mutter die Bürde zu erleichtern, für Geld nähten und wuschen, durch die verschiedenen Nüancen der Stände und Bildungen durch! Aber solch ein buntes Gemisch ist auch nur in dem glücklichen Süden möglich, wo Grazie, Takt und gute Sitte in der Regel auch dem Geringsten innewohnen …

Mir erschien der Prinz von solcher Vortrefflichkeit, daß ich für ihren Bestand fürchtete. Als ich in solcher Stimmung einst in seiner Begleitung die spanische Treppe heraufsteigend ihn fragte: ‚Werden Sie denn auch als König so bleiben, wie Sie setzt sind? ‘ antwortete er mir, die Schillersche Zeile parodirend:

‚Was der Jüngling verspricht, leistet der Mann auch gewiß.‘

Als dann Ludwig nach mehrmonatigem Aufenthalt wieder nach Deutschland zurückmußte, gaben ihm zu Ehren die Künstler ein großartiges Abschiedsfest im lorbeergeschmückten Saale, zu dem Cornelius und die andern die Transparente gemalt hatten. Alle Nationen waren unter den Gästen vertreten; Ludwig bewegte sich heiter und glücklich unter ihnen, tanzte mit den schönen Frauen und saß zuletzt in ihrem Kreis, während die Künstler deutsche Lieder sangen und ein unsichtbares Orchester begleitete. Der Rheinwein funkelte in den Gläsern; durch Fenster und Balkone drang die warme Nachtluft, blickte der dunkelblaue südliche Himmel mit seinen Sternen, und unter der hochgelegenen Villa breitete sich schweigend das ewige Rom aus …

Es ist wohl begreiflich, daß Ludwig für alle Zeiten seine geistige Heimath dort fühlte. Er ist im ganzen zweiundfünfzigmal in Rom gewesen.

Die Uebernahme der Regierung 1826 gab ihm endlich die Möglichkeit, seine künstlerischen Pläne in größerem Maßstabe als bisher auszuführen. Freilich war es nicht immer leicht, die dazu notwendigen Mittel zu finden; der Hofhalt war unter dem guten Vater Max zu unglaublicher Verschwendung gediehen und jede versuchte Ersparungsmaßregel verletzte liebgewordene Gewohnheiten der hohen und niederen Schmarotzer. Der Kontrast war allerdings schmerzlich für sie: Max Joseph war ein äußerst lebenslustiger Herr von bequemem Wesen, der die lascive Spaßweise des alten Frankreich, in dem er aufgewachsen, mit der Gemütlichkeit eines gut bürgerlichen Familienvaters vereinigte. Er gewährte leicht und gern und wurde deshalb aufs äußerste mißbraucht.

[403] Wer in München Lust nach einem guten Punsch hatte, verschaffte sich einen der zahllos ausgegebenen Scheine zur freien Benutzung der königlichen Hofapotheke und holte sich dort ruhig seine Flasche Rum, Zucker und Citronen. Die von seinen Beamten bei Max Joseph allerunterthänigst erflehte Unterstützung zu einer kleinen Badereise des abgearbeiteten Familienoberhauptes fiel leicht so reichlich aus, daß dieses mit Frau und Kindern den Sommer in Tegernsee zubringen konnte, und der gute König sah darin nichts Unangemessenes, sondern freute sich, wenn er den Leuten dort begegnete, wo er in dem schöngelegenen Schlosse die herrlichsten Zeiten zubrachte, aber auch riesenhafte Summen verbrauchte.

Und nun auf einmal dieser sparsame, nüchterne Monarch, der die Augen überall hatte und sich in einer unerhörten Weise um Dinge kümmerte, welche die Majestät nichts angehen! Nächst der freien Apotheke war die freie Wäsche in der königlichen Hofwaschküche ein sehr angenehmes Privilegium für alle die, welche auch nur die entfernteste Beziehung zu einer Hofcharge hatten, sei es der Oberhofmarschall oder der Ofenheizer. Nun stand, wie mir ein Zeuge jener Tage einst erzählte, in der ersten Karwoche seiner Regierung König Ludwig am Fenster nach den inneren Residenzhöfen zu und sah, in Gedanken verloren, auf die Wagen, die, mit Bündeln schmutziger Wäsche beladen, durch das Thor der Residenzstraße herein rollten, den Hof passirten und in der Region der Waschküche verschwanden. Endlich fiel ihm doch die überaus große Anzahl dieser Wagen auf, die eine förmliche Kette bildeten; er ließ den Schloßverwalter rufen und hörte von diesem die demüthige Auskunft, daß der höchstselige König einigen bedürftigen und würdigen Personen erlaubt habe, ihre Wäsche in der Hofwaschküche waschen zu lassen.

„Einigen Personen?!“ fuhr ihn Ludwig an. „Ich stehe nun bald eine Stunde am Fenster, und noch ist kein Ende. Das ist ein Unfug, ein heilloser Unfug, das muß aufhören!“

Und es erging strenger Befehl, die Bündel ungewaschen zu lassen, die Waschküche zu sperren bis Osterdienstag und vorher kein Stück, dann aber alles schmutzig zurückzuliefern, mit einem strengen Abschreckungswort, jemals wiederzukommen.

„Und sehen Sie,“ schloß mein alter Gewährsmann diese ergötzliche Geschichte, „an jenem Ostersonntag hatte halb München kein sauberes Hemd anzuziehen!“

Bei den Ersparungen an der Hoftafel aber sollte Ludwig die Grenzen der königlichen Allmacht innewerden. Er theilte wohl seinem Hofmarschall als neue Entdeckung mit, daß man in bürgerlichen Häusern aus altem Brot Knödel mache, und befahl auch, solche auf die Tafel zu bringen, begegnete aber einer so entrüsteten, stummen Renitenz seiner Hofherren, als das harmlose Nationalgericht wirklich erschien, daß er es aufgab, sie dazu zu bekehren.

Aber wenn auch die Knödel von der Speisekarte verschwanden, so konnten die Herren doch nicht hindern, daß der unter Vater Max so reichliche Küchenzettel bedeutend vereinfacht wurde. Der König betrachtete das Essen als Nebensache; seine Tagesordnung war viel mehr auf Arbeit, als auf Genuß gerichtet. Sein Licht glänzte allmorgendlich um halb fünf Uhr als das erste am Residenzplatz auf, und bis der späte Wintermorgen hell wurde, hatte der König schon Stöße von Berichten und Akten erledigt. Dann begab er sich zum Frühstück. Daß ein Herrscher, der es mit seinem Beruf so ernst nahm und bedeutende Geisteskräfte in sich spürte, sich zu starker Selbstherrlichkeit entwickelte, ist natürlich, und in Ludwigs genauer Biographie dürfen die Schattenseiten einer so absoluten Herrschaftsführung nicht fehlen, die recht oft sein Bild zu einem abstoßenden machen. Aber die großen Wirkungen seiner energischen Persönlichkeit in anderer Richtung stehen ebenso fest, der geniale Blick, mit dem er oft viel weiter sah als seine Zeitgenossen. Wie prophetisch war sein Wort. „Ich will aus München eine Stadt machen, die Deutschland so zur Ehre gereicht, daß keiner Teutschland kennt, wenn er nicht auch München gesehen hat.“

Die Kritik schlug damals ein Hohngelächter auf über eine solche Anmaßung: die Pinakothek wurde Dachauer Gemäldegalerie, der Obelisk auf dem Karolinenplatz der Nymphenburger Grenzpfahl genannt; Saphir witzelte über die paar Häuser, die in München zusammengekommen seien, um „Stadt zu spielen“.

Andere bewiesen dann ernsthaft, daß München niemals so wachsen könne, um die überall in die Steinwüsten hinaus verstreuten Denkmale einzuschließen, abgesehen davon, daß diese Denkmale buntscheckig in allen Stilen, also ein ästhetisches Unding seien. Und heute liegt ein dichter Kranz von Häusern und Villen rings um diese Bauten und über ihre Stilberechtigung denkt niemand mehr nach, weil sie bereits historisch geworden sind und die Erinnerungen von zwei Generationen daran haften. Aber ihre weise Vertheilung nach allen Richtungen hin hat die gleichmäßige Ausbreitung von München bedingt.

Auch das Geschrei über Ludwigs Geiz beginnt zu verstummen. Sein oft ausgesprochener Grundsatz: im Kleinen zu sparen, um es dann im Großen für ideale Zwecke verwenden zu können, hat zu sichtliche Wirkungen geübt. Lächeln macht es uns heute freilich, die Einzelheiten seines Sparsystems zu betrachten. Heigel erzählt z. B., daß der König einen alten Rock vierzig Jahre lang unverdrossen immer wieder flicken ließ und stets zum Rasiren anzog, auch daß er, wenn beim Ausgehen Regen drohte, schnell einen Lakaien schickte, seinen alten Regenschirm zu holen, um den neuen zu schonen: „’s ist schade darum, er hat sieben Gulden gekostet.“

Sehr charakteristisch in dieser Hinsicht ist eine mir von Augenzeugen berichtete Geschichte, welche ins Jahr 1856 fällt, um welche Zeit der junge Kaiser Franz Joseph nach München zur Brautwerbung kam. König Ludwig, als Inhaber eines österreichischen Regimentes, fühlte die Verpflichtung, dessen Uniform zum Empfang des jungen Monarchen zu tragen; als man aber das ehrwürdige Kleidungsstück hervorholte, erwies es sich, daß das kurze Schwalbenschwanzfräckchen sehr bedeutend von dem nunmehrigen österreichischen Waffenrock abstach; auch wollte der alte Tschako die Stirn mit dem Auswuchs durchaus nicht mehr decken. Einerlei – der Gedanke, für den einen Tag eine neue Uniform machen zu lassen, konnte vernünftigerweise nicht gedacht werden, und so legte denn der alte Herr trotz verzweifelter Gegenwehr seines Kammerdieners harmlos und fröhlich die Reliquie aus den Befreiungskriegen an, hielt die Linke mit dem Tschako auf den Rücken und stieg an der Seite des jungen Kaisers die Ludwigsstraße hinunter, lebhaft mit der Rechten gestikulirend und die Honneurs seiner Straße machend. Er hatte es durchgesetzt und zog am Abend hochvergnügt das alte Fräcklein aus: hundert Gulden zum mindesten waren erspart!

Bekannt ist auch, daß er es durchaus nicht liebte, als König mehr zahlen zu sollen, als andere. Kleine Bouquets und dergleichen ließ er sich gern durch Farbenreiber aus den Ateliers bei der nächsten Blumenfrau holen, weil er meinte: „Mir verlangt man zu viel dafür ab!“ und der Botenlohn dafür entsprach jedenfalls viel mehr den Verhältnissen des Farbenreibers als denen des Königs.

In den Ateliers war er ständiger Gast, nicht immer zum Entzücken der Inhaber, die sein lebhaftes Dreinreden beim Beginnen der Arbeit gern entbehrt hätten. Allein er ließ nicht nach und wanderte so unermüdlich auf den Gerüsten von Cornelius, Heß und anderen umher, daß ihn seine Künstler scherzweise den Oberpolier nannten.

Wie sie aber innerlich doch zu ihm standen, das zeigte das große historische Künstlerfest des Jahres 1840, das erste seiner Art und, wie heute die Siebziger stolz versichern, das schönste, welches jemals dagewesen. Einzig war es jedenfalls durch die intime Theilnahme des Königs an der Feier, welche im Hoftheater stattfand und die Begegnung Kaiser Maximilians in Augsburg mit Albrecht Dürer zum Gegenstand hatte. Die Kostüme waren mit solcher Treue hergestellt, daß z. B. im ganzen langen Zug kein einziger Knopf zu sehen war, alles mit Nesteln geschlossen, wie es vor Erfindung der Knöpfe üblich. Ueber die Person des Kaisers war das Komitee lange Zeit rathlos – in der ganzen Münchener Künstlerschaft wollte sich Maximilians bartloses Gesicht mit der großen Nase nicht finden, bis plötzlich in der elften Stunde ein eben mit dem Eilwagen angekommener Hamburger Maler Namens Lichtenheld in die Künstlerkneipe trat, ahnungslos über alles, was darin berathschlagt wurde, und sich plötzlich von allen Seiten angeschrieen hörte. „Da ist ja der Kaiser, da haben wir ihn!“ Als der junge Mann begriffen hatte, daß er nicht unter Wahnsinnige gerathen sei, nahm er die oberste Würde der Christenheit mit Vergnügen entgegen; die Aehnlichkeit soll denn auch in der That eine frappante gewesen sein. Als eine Woche später der große Festzug sich unter Musik und Jubel [404] vom Theater durch die königliche Loge bewegte, da ehrte König Ludwig sich und die Künstler dadurch, daß er den Pseudo-Maximilian mit vollendeter Kourtoisie als kaiserliche Majestät behandelte, zu seiner Rechten sitzen ließ und dem strengen Ceremoniell entsprechend anredete. Und alle Augenzeugen stimmen überein, daß der Kaiser seine Rolle ebenso tadellos gespielt habe wie der König. Ein Umzug durch die vielen Gänge der Residenz und ein großes Festbankett schloß die Feier, welche unvergänglich in den Herzen der alten Münchener Künstlerschaft lebt. Freilich sind es heute nur noch sehr wenige, die aus eigener Erfahrung davon sprechen können!

König Ludwigs Berührungen mit seinen Künstlern waren allerdings nicht immer so freundlicher Natur. Es gab Mißhelligkeiten genug zwischen dem hitzigen König und dem hitzigen Cornelius, die den letzteren bewogen, von München zu scheiden. Beide aber hörten darum nicht auf, sich gegenseitig hochzuhalten. Kaulbach mit seiner ironischen Höflichkeit kam im ganzen gut mit ihm aus, und der stärkste Verdruß, den sie hatten, betraf nicht gerade die Kunst, sondern ihre Beziehung auf den empfindlichen Punkt: Lola Montez. Kaulbach, der immer den Drang fühlte, sich seine Entrüstungen vom Herzen herunter zu malen, hatte während der aufgeregten Zeiten von 1847 rein zu seiner Satisfaktion die Vielberufene auf die Leinwand gebracht als Zauberin, die Schlange um den Leib, den Giftbecher in der Hand. Das blieb selbstverständlich dem König nicht verborgen und eines Tages schoß er herein:

Die Gartenlaube (1888) b 404.jpg

König Ludwig I. von Bayern.

„Kaulbach, was höre ich, was haben Sie gemacht! Das ist eine Beleidigung, gegen mich auch! Warten Sie nur, das wird Ihnen die Lola gedenken!“

Und ohne das Bild näher zu betrachten oder Kaulbach zu Worte kommen zu lassen, war er wieder hinaus. Jener aber, welcher wußte, wie schnell die heißblütige Tochter des Südens zum Angriff mit der Reitpeitsche überging, legte sich ein tüchtiges Scheit Holz neben die Staffelei, um kommendenfalls gerüstet zu sein. Er hatte nicht lange zu warten. Eine Stunde später wurde die Thür wieder aufgerissen und Lola Montez erschien mit dem großen Hunde, der sie stets begleitete, hinter ihr der König. Kaulbach ergriff sein Holzscheit und trat ihr entgegen; im nächsten Augenblick hatte sie den Hund auf ihn gehetzt; zu gleicher Zeit aber schoß hinter der Staffelei sein eigener riesiger Neufundländer heraus und dem andern an die Kehle. Nun fuhren die beiden Bestien heulend und beißend hinaus in den tiefen Schnee des Hofes, Lola in Angst und Zorn hinter ihrem Hunde drein, der König ihr nach, und hinter ihm Kaulbach. Und so nahm dieser Auftritt, der so bedrohlich begonnen, plötzlich ein lächerliches Ende. Die beiden Hundebesitzer hatten die größte Mühe, im tiefen Schnee hin- und herrennend, ihre vierbeinigen Vertheidiger aus einander zu bringen, und ein allgemeiner Rückzug nach verschiedenen Seiten schloß die bewegte Scene. Ich füge hinzu, daß mir diese Begebenheit von einem alten Freunde Kaulbachs erzählt wurde, dem er sie am nächsten Tage mittheilte.

Daß ihm Ludwig die Sache nicht weiter nachtrug, als Kaulbach das Bild dem allgemeinen Anblick entzogen hatte, beweist noch nichts für seine Mäßigung im allgemeinen. Von seinem berühmten Wahlspruch „Gerecht und beharrlich“ hielt er nur den letzten Theil unverbrüchlich und konnte im übrigen manchmal rachsüchtig genug sein, wo er sich beleidigt glaubte. In ihm war ein Gemisch von königlichem Größenbewußtsein und bürgerlicher Einfachheit, welches die widersprechendsten Aeußerungen zu Tage förderte. Man war nie sicher, welche Seite gerade herauskam: einmal schlug er einem Studenten, der ihn nicht grüßte, die Mütze vom Kopf; ein anderes Mal winkte er im starken Regenwetter schon von ferne ab: „Nicht, nicht! Zu schlechtes Wetter für Höflichkeiten!“ Einem Malergehilfen, der, um ihn vor dem Sturz von der ins Schwanken gerathenen Leiter zu retten beisprang und ihn unter den Armen faßte, rief er noch taumelnd mit einer Art von Entsetzen zu. „Majestät nicht anrühren!“ Und dann ließ er sich wieder von dem oben genannten alten Wagner Dinge sagen, die sich ob ihrer aristophanischen Derbheit jeder Wiedergabe entziehen, welche aber jedenfalls kein anderer Monarch und wenige Privatmänner ruhig angehört hätten. Er war eben von dessen unerschütterlicher Ergebenheit und Rechtlichkeit überzeugt und sagte höchstens: „Den Wagner muß man reden lassen; er kann nicht anders.“

Das war nun in der That richtig; keine Macht der Erde hätte der Elementargewalt von Wagners Grobheit gebieten können; außerdem aber war er für Ludwig unentbehrlich als der kunstverständige, tätige und schlaue Agent, der ihm die heute unschätzbaren Antiken der Glyptothek zu äußerst billigen Preisen einkaufte und ihre Auslieferung unter tausend Schwierigkeiten durchzusetzen wußte, mitten im Getümmel der aufgeregten Kriegszeiten. So sind die Aegineten, das hochbedeutsame Mittelglied zwischen archaistischer und freier Kunst in Griechenland, um 20 000 Skudi erworben worden und der glückliche Besitzer wies alle verzweifelten englischen Nachgebote hohnlächelnd ab, indem er zugleich die Zahlungsbedingungen so zu regeln wußte, daß an den Zinsen noch die Fracht herauskam.

Es würde viel zu weitläufig sein, hier auch nur eine einfache Aufzählung alles dessen zu geben, was König Ludwig in seiner reichen Kunstthätigkeit geschaffen, von den Münchener Monumenten an bis zur herrlichen Regensburger Walhalla und den zahllosen über das ganze Land verstreuten Kirchenbauten. Dies alles ist auch weltbekannt. Aber gerade für unsere Zeit ist es eigenthümlich rührend zu lesen, daß er bei seinen unzähligen Gaben an deutsche Schulen und Kirchen in allen Weltteilen immer den deutschen Gesichtspunkt hatte und überall die Konsuln anwies, darauf zu achten, daß die Deutschen über dem Meer ihrer Nationalität treu blieben. Niemals war ein Herz stolzer auf diese, als das König Ludwigs, und daß er diese Gesinnung in den elenden zwanziger und dreißiger Jahren stets behielt und unermüdlich aussprach: das ist ein Verdienst, welches viele seiner Fehler aufwiegt.

Dem hervorstechendsten derselben, der herrschsüchtigen Anmaßung, alles selbst am besten wissen und selbst ordnen zu wollen, hält doch auch die außerordentliche Gewissenhaftigkeit die Wage, mit der er trachtete, diese über die Kräfte des Einzelnen gehende Aufgabe zu erfüllen. Heigel giebt in seinem sehr schönen und lesenswerthen Buch über König Ludwig eine Auswahl seiner eigenhändigen Randbemerkungen über Strafvollzug, Straferlaß und Begnadigung, aus denen überall der ernste Wille spricht, das Rechte zu finden, sorgfältige Erwägungen anzustellen, ob der zu Begnadigende Aussicht auf Besserung biete, ob er wieder Arbeit finden werde, etc. Wie schön klingt folgender Beschluß: [405] „Ich bin gewiß nicht lax, aber wir sind menschlich. Wer keine Arbeit bekommt, kein Geld bekommt, wem beides abgeschlagen wurde und wer den ganzen Tag gehungert, der nimmt Brot, und dieses zu bestrafen wäre – wenigstens – sehr hart. Die ganze Strafe laß ich dem P. St. nach, der jedoch wohl zu warnen ist vor Wiederholung.“

Auch wo ihn momentan der Aerger ergriff, kam oft die mildere Ueberlegung nach. Am Rande eines sehr schlecht geschriebenen Berichtes findet sich die Note: „Der dies geschrieben, scheint auch zu allem eher zu passen, als zum Schreiber. Will diese Schrift nicht mehr sehen“ Zwei Tage später aber fügt er den Zusatz bei: „Damit soll aber nicht gesagt sein, daß er des Dienstes entlassen wird, zumal wenn er Familienvater.“

Das letztere Wort ist charakteristisch. Der König war in seinen Verfügungen für Witwen- und Waisenpensionen stets bedacht, „daß sie auch wirklich davon leben können“. Freilich, Luxus treiben durften sie nicht, wie die folgende mir von einem Augenzeugen berichtete Begebenheit zeigt. Er hatte einer Majorswitwe in Rücksicht auf ihre zahlreichen Kinder einen Zuschuß zur Pension aus seinen Mitteln verwilligt und sich ihren thränenüberströmten Handküssen rasch entzogen. Am Oktoberfest desselben Jahres aber, als er seiner Gewohnheit gemäß mit der Königin am Arm unter der dichten Volksmenge auf der Theresienwiese einherspazierte, erkannte sein scharfes Auge die Bittstellerin und zwar in einem neuen, eleganten Hute. Sofort drängte er, die Königin gewaltsam nachschleppend, durch die Wand der Bauern durch, pflanzte sich vor der Witwe auf und sagte mit unheimlicher Freundlichkeit. „Schön, daß ich Sie sehe, Frau Majorin; scheint Ihnen gut zu gehen, haben einen sehr schönen Hut auf. Nichtwahr, Therese, wenn Du einmal einen solchen Hut hättest?!!“ schrie er im Abschwenken der Königin zu. Die erstarrte Witwe sah, keines Wortes mächtig, dem königlichen Rücken nach, erhielt aber noch am selben Abend die Ankündigung, daß ihr die Pensionserhöhung wieder entzogen worden sei. Der König blieb unerbittlich trotz allen Flehens; vielleicht wirkte zu dieser Härte ein geheimer Haß gegen neue Hüte im allgemeinen mit; denn er selbst hatte, soweit sich die Münchener zurückerinnern konnten, nur alte und sagte bei Gelegenheit einer Gesellschaft, wo man ihm den Hut holen wollte, gutgelaunt: „Sie haben nicht lange zu suchen; nehmen Sie nur den schlechtesten, das ist der meinige.“

Viele Züge dieser Art kursiren noch heute in München und halten das Gedächtniß an Ludwigs Wunderlichkeiten frisch. Auch kann jeder im Hofgarten Spazierende stets von neuem den hoffnungslosen Versuch machen, die über Rottmanns Bildern stehenden allerhöchsten Hexameter zu skandiren, die schon soviel Anlaß zur Heiterkeit boten. Ein schalkhafter Kopf (Fernbacher) hat ihren holperigen Gang schon vor 30 Jahren sehr glücklich parodirt:

„O Hofgarten, der du genannt bist Garten des Hofes,
     Hofgarten bist du genannt, weil du der Hofgarten bist.“

Oder:

„Näher als Menterschweig nicht ist Hesselohe dem Münchner,
     Doch, weil die Eisenbahn geht, glaubt er halbweges sich heim.“

Ludwigs Distichon lautet:

„Näher der Heimath nicht als in Sicilien ist Reggio dem Deutschen,
     Doch weil dazwischen kein Meer, glaubt er halbweges sich heim.“

Ludwig selbst sah sehr wohl da und dort das siebente Füßlein aus seinen Hexametern gucken, ohne sich darüber zu betrüben. Einst stand ein Fremder kopfschüttelnd vor dem Bilde „Monte Cavo“ und skandirte angestrengt:

ˉ ˘ ˉ ˘ ˘ ˉ ˘ ˉ
„Steine warfst du Berg aus, einstens“ …

Nein, so kann es nicht sein.

ˉ ˘ ˉ ˘ ˉ ˘ ˉ ˘
„Steine warfst du Berg aus, einstens“ …

Nein! Da klopfte ihm eine lange Gestalt im grauen Ueberrock auf die Achsel und schrie ihm freundschaftlich ins Ohr: „Geben Sie sich keine Mühe; es hat’s noch keiner herausgebracht, Sie kriegen’s auch nicht heraus!“

Trotz solcher stellenweisen Erkenntniß und trotz seiner grausamen Partizipialformen hielt sich Ludwig doch für einen Dichter und ritt sein Steckenpferd mit der Ausdauer und Begeisterung des echten Dilettanten.

Die Nachwelt wird seinen langen und formlosen Gedichten keine Kränze reichen, aber sie wird doch zugestehen müssen, daß heiliges Feuer in seinem Herzen loderte, und daß er der Poesie wärmer und voller zu eigen war, als mancher Berufspoet. Die Klassiker aller Völker und Zeiten bildeten seine stete Lektüre, Schiller und Goethe kannte er auswendig. Nichts anderes auch, als die Begeisterung für die alten Griechen triebe ihn an, die Sache ihrer unterdrückten Enkel zu seiner eigenen zu machen und in Wort und Schrift unermüdlich dafür zu wirken.

„Nach Deutschlands Befreiung, unter Napoleons Zwingherrschaft gebeugt, glühte ich für nichts so, als daß Hellas siegen möge … Thätig war ich, thätig bin ich, daß Unterstützung ihm werde …“

Er ließ bei seinen häufigen Rundreisen überall sich den feierlichen Empfang und die Beleuchtungen verbitten, aber zugleich auffordern, die dafür beabsichtigten Summen ihm für Griechenland zu geben. Junge begabte Griechen ließ er nach München kommen und auf seine Kosten studiren, ohne sich an das Gerede von Menschen zu kehren, die, wie er sehr richtig sagte, „es ganz in der Ordnung fänden, wenn ich diese paar tausend Gulden jährlich auf meinen Marstall verwendete.“

Er wiegte sich in der Illusion, daß die Neuhellenen bald ihrer großen Ahnen würdig sein würden, und überhörte geflissentlich Fallmereyers Warnungsrufe über die slavisirte Rasse. Als dann, nachdem das große Werk gelungen und Griechenland befreit war, Thiersch und andere den Prinzen Otto von Bayern für den griechischen Thron in Vorschlag brachten, da hielt sich König Ludwig ganz zurück, er wollte auch den Schein meiden, mit dieser großen Sache einen Vortheil für sich und sein Haus bezweckt zu haben. Er hat auch wahrlich keinen damit erreicht: in dem Jahre, als er die Propyläen, das Siegesdenkmal für Griechenland, vollendete, jagten die Griechen seinen Sohn aus dem Lande und den Vorschuß von 1 800&npsp;000 Fl., den er ihnen einstens gegeben, mußte er der Staatskasse aus seinem Vermögen ersetzen. Von Rückzahlung an ihn aber war keine Rede mehr.

Diese schlimme Erfahrung mit dem einstigen Ideal schlug ihn aber nicht nieder; sein Herz war und blieb begeisterungsfähig bis in die späten Jahre, wo er, der Regentenpflichten ledig, einer seligen Freiheit genoß unter den Palmen und Cypressen der Villa Malta in Rom, deren Erdgeschoß er dem alten Wagner als Atelier eingeräumt hatte und wo er interessante Fremde und Einheimische zu kleinen Diners um sich versammelte, bei denen es, trotz der störenden Schwerhörigkeit des Königs, heiter genug zuging. Er war unerschöpflich in Erzählungen und Erinnerungen. Wenige Herrscher, seit Diocletian, haben es verstanden, mit solcher Heiterkeit die Krone zu entbehren, und Ludwig erreichte sogar in seinen späteren Jahren in München einen Grad von Popularität, wie er ihn in der Vollgewalt seines absoluten Königthums nicht gehabt hatte. Jeder freute sich, den alten Herrn im Odeonskonzert seine gewohnte Runde machen zu sehen, nach allen Seiten sprechend und grüßend. Allerdings verfiel er dabei gelegentlich wieder in seine alte Unart, Damen und besonders verblühte Damen, die ihm ein ästhetisches Aergerniß waren, in Verlegenheit zu setzen. Eine sehr schöne Frau pflegte er früher regelmäßig zu begrüßen. „Ah, Frau N…, freue mich, freue mich; was macht der Gemahl, ist er recht eifersüchtig?“ und ihr „Nein, Majestät“ hartnäckig zu ignoriren. Nach jahrelanger Abwesenheit ihrerseits sah er sie wieder im Odeonssaal, schoß auf sie zu und rief, wie früher: „Freue mich, lange nicht gesehen, haben sich sehr verändert. Was macht der Gemahl, ist er immer noch so eifersüchtig?“

„Nein, Majestät!“

„Glaub’ ich gerne,“ rief der König lachend, „hat es jetzt auch nicht mehr nöthig!“

Derlei ungezogene Späße konnte er sich nun einmal nicht versagen, aber im ganzen kamen doch bei zunehmendem Alter die liebenswürdigen Seiten seiner Natur überwiegend zum Vorschein; er bewegte sich mit jugendlicher Rüstigkeit und guter Laune unter den Menschen und pflegte auf den Künstlerbällen, wenn gegen Mitternacht das junge Königspaar verschwand, lachend zu rufen: „So, Kinder, jetzt ist der Hof fort, jetzt wollen wir unter uns lustig sein!“ In der Pfalz, in Berchtesgaden, wo er abwechselnd seine Sommer zubrachte, hing das Volk mit aufrichtiger Liebe an ihm, der stets ein freundliches Wort und eine offene Hand für die Armen und Geringen hatte.

Deshalb war die Trauer tief und aufrichtig, als am 29. Februar 1868 die Nachricht aus Nizza kam, daß nach längerem [406]

Leiden ein sanfter Tod den Hochbetagten erlöst habe. Je mehr seither die Erinnerung an seine herben Seiten erlosch, um so mächtiger richtete sich das Bild seines reichen Wirkens empor und die Beurtheilung König Ludwigs I. ist heute eine ganz andere wie vor einem Menschenalter. Als das Jahr 1886 die hundertste Wiederkehr seines Geburtstages bringen sollte, da rüstete sich das ganze Bayernland, voran die Stadt München, um in einer großen Centennarfeier den Dank seines Volkes zum Ausdruck zu bringen. Damals ließ das furchtbare Schicksal seines unglücklichen Enkels jeden Gedanken an eine Freudenfeier verstummen. Aber aufgegeben wurde er darum nicht, und im Juli dieses Jahres, wo die große Münchener Ausstellung Tausende aus ganz Deutschland zusammenführt, wird von den Künstlern und der ganzen Bevölkerung mit allem erdenklichem Glanz das Fest des Mannes vorbereitet, der es nicht nur verstand, München groß zu machen, sondern durch sein Wollen und Wirken sich einen Ehrenplatz in der Geistesgeschichte der Menschheit errungen hat, der ihm unverlierbar für alle Zeiten bleibt.
R. Artaria.     








Die größte Blüthe der Welt.
Von B. Stein.

Während das Auge des Laien über die das Niveau der Mittelmäßigkeit nicht übeschreitenden Erscheinungen der Pflanzenwelt gleichgiltig dahinschweift, wird es regelmäßig gefesselt durch diejenigen Formen, welche durch Massenentwickelung sich auszeichnen, sei es durch die Kolossalgröße von ganzen Stämmen z. B. der Riesenfichten Kaliforniens oder nur einzelner Pflanzentheile, wie etwa der enormen Blätter und Blüthen der südamerikanischen Victoria regia. Lockt aber schon die jährlich in fast allen unseren botanischen Gärten ihre fußgroßen Blumen entfaltende Victoria mit immer neuer Zugkraft Zehntausende neugieriger Beschauer heran, welche Scharen würden sich dann erst in unsere Gärten drängen, wenn es möglich wäre, die Riesenblüthen der Philippinen, denen gegenüber die Victoriablüthen zu wahren Zwergen herabsinken, lebend vorzuführen. Leider ist aber hier der gärtnerischen Kunst voraussichlich noch für lange Zeiten ein Riegel vorgeschoben, und wir müssen uns begnügen, diese Riesenblüthen durch Wort und Bild zur Anschauung zu bringen. Selbst in botanischen Kreisen faßte man die erste Kunde über derartige, alle bekannten Größenverhältnisse unendlich überschreitenden Blüthen anfänglich mit Mißtrauen auf. Es klang wie eine schlecht ersonnene Fabel, als der Begleiter des Sir Stamford Raffles, des englischen Gouverneurs von Sumatra, Dr. Josef Arnold, von einer Blüthe berichtete, welche er 1818 auf der Insel Lebbar, im Gebüsch an den Ufern des Manna-River gefunden und welche einen Umfang von fast neun Fuß besessen habe. Dabei war es nicht die Blüthe eines starken Strauches oder einer tiefwurzelnden Staude, sondern ohne jede Spur eigenen Blattwerkes schmarotzte der wunderbare Gast aus den am Boden hinkriechenden Reben eines hartbeerigen Weinstockes. In das weiche Holz dieser Reben hatte er sein schwaches Wurzelsystem eingesenkt, gleichwie unser Mistelbusch es auf Pappeln, Ahornen, Fichten etc. thut, und aus dem ihm massenhaft zuströmenden Rebensafte entnahm er die Stoffe zum Aufbau der kolossalen Blume.

Die Gartenlaube (1888) b 406.jpg

Rafflesia Schadenbergiana.

Am 30. Juni 1820 beschrieb der damals bedeutendste englische Systematiker Robert Brown diese wunderbare neue Pflanze und verewigte die Namen der beiden Entdecker, indem er ihr den Namen Rafflesia Arnoldi beilegte. Zu Browns Bedauern hatte Dr. Arnold nur eine männliche Blüthe aufbewahrt; trotz ihrer Riesengröße sind die Rafflesien nämlich getrennten Geschlechtes. Ehe es gelang, die weibliche Blüthe der Rafflesia Arnoldi auszufinden, was erst 1834 glückte, wurde noch eine Anzahl anderer Rafflesiaarten entdeckt, aber die zuerst erwähnte schien auch die größte Art zu bleiben, bis im April die Entdeckungen eines deutschen Forschers ihr den Rang streitig machten.

Zwei Deutsche waren es, welche als Pioniere der Wissenschaft im Februar bis April 1882 die südöstlichste Insel der reichen Philippinengruppe, das noch wenig bekannte Mindanao, durchforschten. Dem botanischen und ethnographischen Sammeleifer des Dr. Alexander Schadenberg, Hofapothekers in Glogau, stand der Fleiß würdig zur Seite, mit welchem sein Vetter Otto Koch, der letzte kaufmännische Verwalter des deutschen Konsulats in Manila, die Interessen der Ornithologie und Entomologie bei der Durchforschung Mindanaos wahrnahm. Beide Reisende waren durch längeren Aufenthalt auf den Philippinen, Koch als Chef eines großen Handelshauses auf Cebu, Dr. Schadenberg als geprüfter spanischer Pharmaceut, vorzüglich für die Erforschung der großen Insel vorbereitet, deren höchster Gipfel, der Vulkan Apo, bis zu 3300 Meter sich erhebt. Versuche zur Ersteigung des Vulkans waren schon früher gemacht worden, besonders der in Davao an der Küste residirende spanische Gouverneur Sennor Rajal hatte 1880 eine große Expedition nach dem Apo in Begleitung von über hundert Mann Trägern und Führern unternommen. In neun Tagen drang die Truppe bis zum Vulkan vor, und zwei Begleiter des Gouverneurs, ein Franzose Dr. Montano und ein Spanier Martinez, erreichten den vorletzten Gipfel von 3150 Metern, aber erst der Ausdauer unserer beiden Landsleute war es beschieden, den Gipfel selbst zu erklimmen und seine Höhe auf 3300 Meter zu bestimmen.

Der Besteigung des sehr thätigen Vulkans stellt sich besonders hindernd der Aberglaube der Eingeborenen in den Weg, welche ihren bösen Geist, Mandarangan, auf dem sie oftmals beunruhigenden Apo thronen glauben. Ehe daher ein Anstieg von den Eingeborenen – um aus den Solfataren Schwefel zu holen – versucht wird, bringen sie dem Mandarangan Menschenopfer, und es kostete die deutschen Reisenden endlose Mühe, Ueberredungskünste und Geschenke, dieses Menschenopfer zu umgehen.

Auf dem Berge Parag, einem der dem Apo vorgelagerten Gipfel, fand nun Dr. Schadenberg in 800 Metern Höhe jene kolossale Blüthe, welche unser Bild wiedergiebt. Der Forscher glaubte seinen Augen kaum trauen zu dürfen, als er mitten im Buschwalde reihenweis, riesigen bräunlichen Kohlköpfen gleich, die Knospen der Riesenblüthe sah. Weitere Umschau ließ ihn bald auch blühende Exemplare finden, welche über 80 Centimeter Durchmesser hielten, also die Größe eines Wagenrades hatten!! Diese mächtigen Blüthen saßen auch hier wieder auf den am und im Boden kriechenden Stämmen einer Rebenart (Cissus). Den Eingeborenen, welche Dr. Schadenberg begleiteten, waren die Riesenblüthen nicht unbekannt, sie nannten dieselben Bo-o. Da eine Wage nicht zur Hand war, wurde das Gewicht der Blüthen mittelst einer selbst hergestellten Naturwage bestimmt und als Gewichte die beiden Büchsen der Reisenden und eine Anzahl Patronen benutzt. Eine spätere Kontrolle dieser ungeaichten Gewichte ergab, daß die großte Blüthe etwas über 11 Kilogramm gewogen hatte. Da an einen weiten Transport der frischen Blüthen ihrer weichen, handdicken, fleischigen Blüthenblätter wegen um so weniger zu denken war, als schon an Ort und Stelle die Blüthen nach kurzer Zeit in Fäulniß übergingen, so photographirten Koch und Schadenberg die Blumen und trockneten eine Anzahl derselben rasch am Feuer. Photographien und Trockenmaterial erhielt der königliche botanische Garten in Breslau von Dr. Schadenberg geschenkt. Geheimrath Goeppert, der langjährige hochverdiente Direktor des Gartens, erkannte in dem Material sofort eine neue Rafflesia, welche er nach dem Entdecker, einem seiner Schüler, Rafflesia Schadenbergiana taufte. Goeppert selbst war es nicht mehr beschieden, das von Schadenberg gesammelte Material genau untersuchen zu können, allein die von Professor Hieronymus in Breslau veröffentlichte eingehende Beschreibung aller Theile dieser neuen Rafflesia hat ergeben, daß wir in ihr wirklich eine neue Art und zwar wahrscheinlich die größte der bisher bekannten Rafflesien erhalten haben.

Rafflesia Schadenbergiana treibt ihr Wurzelsystem ausschließlich im Holzkörper der von ihr befallenen Reben. An zahlreichen Stellen dieser Stämme, oft dicht neben einander, entstehen knotige Anschwellungen, aus welchen die rasch sich vergrößernde Knospe der Rafflesia ungestielt hervorbricht; gleichzeitig bilden sich aus der Rindenschicht der Rebe ein bis handtellergroßer, korkartiger Kelchbecher. Aus diesem sprossen, spiralig gestellt, gleich den Blättern eines Kohlkopfes dicht über einander gepreßt, zahlreiche, von außen nach innen an Größe zunehmende, braunhäutige, trockene Schuppenblätter hervor, welche die Knospe bis zur vollen Entwicklung überdecken. Mit der Vergrößerung der Knospe werden diese Trockenblätter zurückgedrängt und die eigentliche Knospe tritt als riesige Halbkugel hervor. Geht nun das Aufblühen normal vor sich, so klappen die fünf Blumenblätter flach aus einander, bleiben einige Stunden ausgebreitet und krümmen sich dann vollkommen zurück, so daß die Blüthe nur etwa halb so groß erscheint. Sehr oft aber kommt es aus noch unbekannten Ursachen nicht zu dieser regelmäßigen Entfaltung, sondern es entwickelt sich in der Knospe eine Gasmasse – Kohlensäure? – so rasch und energisch, daß die fünf über einander liegenden Blumenblätter [407] ringsherum abgesprengt und in Form einer Kappe herabgeschleudert werden.

Liegt die Blüthe normal offen, so präsentiren sich die fünf Blumenblätter als matt braunrothe Ovale mit zerstreuten weißgelblichen zollhohen warzenartigen Hervorragungen der dickfleischigen Blattmasse. Die innere Blumenröhre ist eine außen ebenso gefärbte Halbkugel von etwa fünf Centimetern Wandstärke. Das oberste Sechstel dieser Halbkugel ist wie weggeschnitten und diese Oeffnung von einem dunkelfleischfarbenen Wulst umringt. Die innere Kugelwand ist schwarzviolett, bedeckt mit unzähligen gleichfarbigen saftigen Haarauswüchsen von etwa einem Centimeter Länge. Aus dem Grunde der Kugel erhebt sich auf einer etwa fünf Zentimeter hohen Säule eine zwölf bis fünfzehn Zentimeter breite Scheibe, deren im Centrum hellviolette, in mehreren abwechselnd hell- und dunkelvioletten Ringen abgetönte Fläche am Rande zierlich kerbigwellig ist, während aus ihrer Mitte zahlreiche kegelförmige bis bandförmige, zwei bis drei Centimeter lange Griffel hervorsprossen. Diese langen braunvioletten Griffel sind in den weiblichen Blüthen kräftig und fruchtbar, in den männlichen Blüthen schmäler und unfruchtbar. Die männlichen Organe, die Staubbeutel, sitzen von außen dem Blicke vollkommen verdeckt in der Hohlkehlung des obern Ringes der Scheibensäule. Die weiblichen Blüthen entwickeln sich zu einer großen weichbeerigen Frucht, in deren leicht faulendem Fleische die winzigen Samen massenhaft sitzen. Die Befruchtung selbst erfolgt offenbar nur durch Aasinsekten, denn der Duft der sich öffnenden Blüthe ist der vollkommenste Aasgeruch, und zwar ist der Gestank nicht nur für die menschliche Nase demjenigen faulenden Fleisches täuschend ähnlich, sondern auch Schmeißfliegen, Aaskäfer und verwandtes Gelichter werden durch denselben massenhaft angelockt. Die Lebensdauer der Blüthe ist eine sehr kurze; nach ein- bis zweitägigem Blühen sinkt die enorme Masse in sich zusammen und geht rasch in Fäulniß über, so daß auch die Larven der Aasinsekten in dieser faulenden organischen Masse ihre Rechnung finden. Wie die Frucht ausreift, wie die Samen keimen und ihren Wurzelsproß in die Rebe versenken, um dort aus dem System der Wurzelfasern neue Knospen zu bilden: das sind Fragen, welche vorläufig noch unbeantwortet sind und erst ihre Erledigung finden werden, wenn an Ort und Stelle neue Forschungen über diese riesigste aller Blüthen werden angestellt werden können. Da Dr. Schadenberg wiederum nach den Philippinen abgereist ist, so wird eine oder die andere Frage schon in den nächsten Jahren ihre Antwort wohl finden.

Sehen wir uns nun unter den Pflanzen, welche uns bekannter sind, nach Verwandten der riesigen Rafflesien um, so müssen wir eingestehen, daß wir in unserer europäischen Flora nichts haben, was sich mit diesen Tropenkindern vergleichen ließe. Allerdings giebt es in Italien aus den Wurzeln der Cistrosenbüsche eine Schmarotzerpflanze, welche, botanisch angesehen, in dieselbe Familie der Cytinaceen wie die Rafflesien gehört, aber sie bildet nur daumendicke, wenige Centimeter hohe Kegel, auf denen winzige, dunkelrothe Blüthchen sitzen, und nur ihr innerer Bau zeigt dem Gelehrten, daß man auch hier Kleines mit Großem vergleichen kann.

Dr. Schadenbergs botanische Funde auf Mindanao, welches dem Flächenraum nach die zweitgrößte Insel der Philippinen ist, gipfeln allerdings in der Entdeckung der ungeheuerlichen Rafflesia Schadenbergiana; aber auch unter den übrigen von ihm gesammelten Pflanzen war eine reiche Zahl neuer oder doch hochinteressanter Pflanzen. Mächtige, beerentragende Myrthenbäume fand er in der Nähe des Rafflesiaplatzes, welche, in der Botanik als Glaphyria Annae fortlebend, den Namen seiner damaligen Braut und jetzigen Gattin und treuen Reisebegleiterin verherrlichen. Eine kolossale Aroidee, deren Blatt neun Meter Umfang maß, brachte er lebend mit, und außerdem zwei wunderschöne Alpenrosen, von denen die eine bei 2000 Metern Höhe am Vulkan Apo schneeweiß erblühende Wälder bildet und nach seinem Reisekameraden „Rhododendron Kochii“ getauft ward, während die zweite den Namen des Apo trägt, unter dessen Spitze sie die letzte strauchartige Pflanze ist.

Unmittelbar nach dem Bekanntwerden der reichen und werthvollen Pflanzenschätze, welche Dr. Schadenberg auf Mindanao erschloß, gingen englische Sammler dahin, um die dort wachsenden Orchideen für England auszubeuten. So vollzog sich auch hier das, wie es scheint, unabänderliche Schauspiel: der ideale Deutsche bahnt den Weg, zeigt die Schätze, welche daliegen, und der geschäftskundige Engländer folgt seiner Spur und macht das Geschäft!




Blätter und Blüthen.




Professor Karl Riedel †. In unserem Blatte (Jahrgang 1869, S. 564) haben wir das Porträt und die Lebensskizze des hervorragenden Musikers gebracht, der am 3. Juni d. J. in Leipzig verstorben ist. Wir wiederholen hier aus jener Lebensskizze, daß Karl Riedel in der preußischen Rheinprovinz in Cronenberg als Sohn eines aus Thüringen stammenden Apothekers am 6. Oktober 1827 geboren wurde, so daß er also ein Alter von 61 Jahren erreicht hat. Nach einer aus Volks- und Realschulen erlangten Bildung wurde Riedel Lehrling, später Geselle in einer Seidenfärberei; bald zog ihn indeß sein Herz zur Musik. Als Schüler Karl Wilhelms, des Komponisten der „Wacht am Rhein“, in Krefeld begann er seine musikalische Laufbahn, die er dann am Konservatorium der Musik in Leipzig fortsetzte. Schon früh widmete er sich dem Studium der altitalienischen und altdeutschen Meisterwerke; aus einem im Jahre 1854 begründeten einfachen Gesangsquartett erwuchs der berühmte Riedelsche Verein, über dessen Tendenzen und Schicksale bis zum Jahre 1869 wir bereits Auskunft ertheilt haben.

In den letzten zwanzig Jahren ist der Verein mit seinen großen Zwecken gewachsen; sowohl die Zahl der Theilnehmer, als auch sein musikalisches Repertoire, sein Ansehen in Leipzig und auswärts hat zugenommen: es ist dies durchaus das Verdienst des unermüdlichen Leiters, der lange Zeit hindurch selbst finanzielle Opfer nicht scheute. Im Mai 1872 sang der Riedelsche Verein zusammen mit dem Sternschen und Reblingschen Gesangverein in Bayreuth zur Feier der Grundsteinlegung des Festspielhauses unter Wagners Leitung, und zwar trug er dort die Chöre aus der neunten Symphonie Beethovens, dem Kaisermarsch und den „Meistersingern“ vor. Dann sang der Verein 1877 zu Nürnberg, 1883 in Berlin, 1884 in Bremen. Riedel gehörte außerdem zu den Begründern des Allgemeinen deutschen Musikervereins, dessen Vorsitz er 1868 übernahm; seiner Anregung ist es vorzüglich zu verdanken, daß die Tonkünstlerversammlungen in Altenburg, Weimar, Magdeburg, Kassel und Halle stattfanden.

Für die Pflege des ernsten Chorgesangs, sowohl was ältere Meisterwerke, als die neuen Schöpfungen von Liszt, Berlioz u. a. betrifft, hat Karl Riedel ausnehmend viel gethan; eifrig, ausdauernd, von hoher Begeisterung für seine Kunst und gerade für die ernsteste Richtung derselben erfüllt, besaß er außerdem ein großes organisatorisches Talent und was er ins Leben gerufen und gestaltet hat, wird noch nach dem Tode des wackern Meisters reiche Früchte tragen.
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Die Landbriefträger. Die Briefträger gehören im ganzen zu den beliebtesten Personen. Der Menschen Sinn ist einmal auf das Neue gerichtet und mit Spannung sehen sie den Nachrichten entgegen, welche die verschlossenen Kouverts enthalten. Die Hoffnung auf irgend einen besonderen Glücksfall ist bei den Sterblichen nicht auszurotten und wer kann davon Kunde bringen, als der Post- oder Telegraphenbote? Für den Geschäftsmann sind die Nachrichten, welche diese bringen, in der Regel das Schwungrad, welches den ganzen Betrieb in Bewegung setzt; für die Liebenden aber trägt der erstere in seiner Mappe verschwiegene Mittheilungen, beseligende Geständnisse. Darum wird er, wo er erscheint, in der Regel mit einer gewissen freudigen Aufregung, bisweilen freilich auch mit banger Erwartung begrüßt. Er mag es wohl fühlen, daß er eine wichtige Person ist, aber bei den Strapazen seines Dienstes hat er keine Muße, mit Behagen darüber nachzudenken. Wenn er an heißen Hundstagen Straße auf, Straße ab laufen, die Treppen hinaufklettern muß bis ins vierte oder fünfte Stockwerk und in Schweiß gebadet sich keine Ruhe gönnen darf, so ist er gewiß nicht in der Stimmung, den Eindruck nachzuempfinden, den er bei den Empfängern seiner Briefe hervorruft.

Ist dieser Dienst aber schon in der Stadt ein beschwerlicher, so ist er’s noch mehr auf dem Lande, wo der Briefträger weite Entfernungen durchmessen muß bei jedem Wetter, den Gewitterstürmen und Schneestürmen ausgesetzt ist und selbst räuberischer Anfällen bei seinem einsamen Gang durch die Wälder und über die Felder. Daß es sich hier nicht um romanhafte Phantasiegebilde handelt, das beweist die Statistik mit ihren unerbittlichen Zahlen, denen sich nichts abhandeln läßt. Während der zwei Jahre Oktober 1885 bis 1887 sind im Post- und Telegraphenbetriebe im ganzen 83 Unfälle eingetreten, von denen 26 auf den Landbriefträgerdienst und auf die Bestellung von Telegrammen auf dem Lande kamen; darunter waren 16 Todesfälle. Fünf jener Unglücksfälle erfolgten durch Ausgleiten bei herrschender Glätte, einer durch das Umstürzen eines Landbriefträgerwagens auf glatten Wegen, zwei durch Einbrechen auf dem Eise, sechs durch Erfrieren, zwei durch Verirren bei herrschender Dunkelheit, einer durch Schneetreiben und Nebel, zwei durch Hitzschlag. Auch wurden ein Landbriefträger und ein Posthilfsbote ermordet.

Der Winter besonders erweist sich den Landbriefträgern gefährlich, deren Dienst weder durch die größte Kälte, noch durch den dichtesten Schneefall, noch durch die lichtloseste Dunkelheit Unterbrechung erleiden darf. Mögen daher die Postboten auf dem Lande wegen ihres aufopfernden Dienstes überall mit der Freundlichkeit behandelt werden, welche den Menschen gegenüber am Platze ist, die mit Erfüllung schwerer Pflichten uns willkommene Dienste leisten.
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Die wiedererstandene Bastille. Unsere Leser erinnern sich unserer Mittheilungen über die Bastille im Jahrg. 1886 (S. 857 u. 910). Es wird sie interessiren, zu erfahren, daß in Paris diese Bastille neu erbaut worden ist und zwar nicht aus Pappe oder Papiermaché, sondern aus Steinen. Zwei Pariser, der Baumeister Colibert und der Großindustrielle Perrusson haben dies im Juli 1789 zertrümmerte Bauwerk, wie es kurz vor der Zerstörung aussah, wieder ins Leben gerufen und zwar auf dem Marsfelde beim Ausgang der Avenue Suffret, und nicht bloß die Bastille, sondern auch einen Theil der zu ihr führenden Rue Antoine mit 30 kleinen einstöckigen Häusern und an Schnüren hängenden Oellampen, welche die Straße erleuchten. Da sieht man das alte Hôtel Mayenne mit einem Café im Parterre, wo die Wirthin sitzt im Kostüm Louis’ XVI., kleine Schusterläden, Modengeschäfte, Wirthshäuser, Goldschmiedläden mit Silberfiligranarbeiten; hier hausen Schreiber, Friseure, Bäcker; durch die Straße ziehen Soldaten, Blumenmädchen, Gaukler und Seiltänzer, alles im Kostüm der Zeit, in den Läden und Wirthshäusern sieht man Mädchen mit weißen Perücken, breiten Tüllkragen und der Frisur der Marie Antoinette. An die Bastille selbst lehnen sich kleine Buden mit Büchern und Antiquitäten. Im Innern allein ist der historische Charakter nicht vollständig durchgeführt. Es sieht hier nicht so unheimlich düster aus wie früher; an der Stelle des ersten großen Hofes liegt ein Festsaal um einer kleinen Bühne, auf welcher bei der Eröffnung eine Operette Grétrys aus dem Jahre 1769 aufgeführt wurde. Daß diese Bastille nur eine geringe Zahl von Gefangenen zu beherbergen vermochte, haben wir bereits früher erwähnt und das neuerstandene Bauwerk liefert den Beweis dafür.

Ein merkwürdiges Volk, die Franzosen! Mit solchen architektonischen Spielereien illustriren sie ihre Geschichte, und doch sind sie nicht sicher davor, daß gelegentlich eine ernstgemeinte Bastille in Paris aus dem Boden wachse; denn es ist hier nicht recht geheuer und es spukt etwas wie das Gespenst einer Säbelherrschaft.
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[408] Kaiser Wilhelm ein Freund des Turnens. Zu der Abhandlung des Dr. Euler in Nr. 19 dieses Blattes, welche diesen Titel trägt, wird uns ein kleiner Zusatz mitgetheilt, welcher einen neuen Beweis für die Gunst giebt, die Kaiser Wilhelm dem Turnen zuwendete. Ein Turnlehrer, der in Heddernheim bei Frankfurt am Main wirkte, hätte mit seinen Kollegen für ihre beiden Gruppen gern zwei Trommeln gehabt; doch wollten sie die Gemeindekasse mit solchen Ausgaben nicht belasten. Auf den Rath des Vorsitzenden des Schulvereins, sich doch an den Kaiser zu wenden, sandte 1887 der oberste Knabe ein Gesuch um zwei Trommeln ab und ihm wurde der Bescheid, Seine Majestät habe das Gesuch zur Erledigung den beiden nassauischen Regimentern Nr. 87 und 88 in Mainz zugestellt. In der That kamen auch in kurzem von dort zwei Trommeln an, welche unsere Turnerscharen bei kriegerischem Aufmarsch begeisterten. So zeigte sich auch im Kleinen des Kaisers Vorliebe für das Turnwesen.
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Die „Kibitze“. Die Kibitze sind, wie vielen unserer Leser gewiß bekannt ist, die Schlachtenbummler des Kartenspiels, heimisch in allen öffentlichen Lokalen. In Wien ist nun ein Kibitzgesetz in den Kaffeehäusern zur Nachachtung ausgehängt. Dasselbe beginnt mit einer Begriffsbestimmung: „Als Kibitz ist derjenige zu betrachten, der, ohne sich’s etwas kosten zu lassen, an der Aufregung, welche alle Spiele verursachen, theilnimmt, und findet das Gesetz über Gewerbefreiheit auf Kibitze keine Anwendung, nicht einmal das Gesetz zum Schutze der persönlichen Freiheit. Kibitz darf künftighin nur derjenige sein, welcher nachweisen kann, daß er nichts mehr zu verlieren hat; er kann auf der Börse ausgeblieben sein, darf aber noch nicht im Kriminal gesessen haben.“ Wohl aber soll nach dem neuen Gesetz der Kibitz etwaigen Falschspielern auf die Finger sehen und sie anzeigen, die an seinem Platz beim Mischen oder Geben herabfallenden Karten rasch aufheben und immer genügende Auskunft darüber geben, wer die Vorhand hat.

In Norddeutschland ist der „Skatkibitz“ die verbreitetste Species. Verkennen darf man nicht, daß die Kibitze phantasievolle Naturen sein müssen; denn ohne selbst betheiligt zu sein, müssen sie sich als Zuschauer in die Leidenschaft der Spieler hineinempfinden können. Wohl giebt es auch scharfsinnige Kibitze, welche bei gespannter Aufmerksamkeit nicht nur die schärfste Kritik üben, sondern auch die wissenschaftliche Theorie des Skats zu fördern suchen und, soweit dies möglich ist, den schwer ergründlichen Geheimnissen des Zufalls, der ja bei allen Kartenspielen sich geltend macht, auf die Spur zu kommen suchen.
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Damespiel-Aufgabe
Von Dr. E. S. Freund.
Die Gartenlaube (1888) b 408.jpg

Weiß zieht und gewinnt.

Damespiel-Briefkasten.

A. H. in Stettin. Einen empfehlenswerthen Leitfaden zur Erlernung der wichtigsten Arten des modernen Damespiels hat Jean Dufresne unter dem Titel „Der Freund des Damespiels“ (Wien, A. Hartlebens Verlag) herausgegeben. Sie werden danach das Damespiel ganz gut erlernen können, wenn Sie zugleich den Grundsatz im Auge behalten, daß gute Spielkenntnisse nur durch Uebung erlangt werden.



Kleiner Briefkasten.
(Anonyme Anfragen werden nicht berücksichtigt.)

Abonnent in Odessa. Es giebt in Deutschland nur eine „Seifensiederschule“, und zwar in Chemnitz (Sachsen). Außerdem veranstaltet jedoch die „Königliche Centralstelle für Gewerbe und Handel“ in Stuttgart Fachkurse für Seifensieder.

L. M. in Nürnberg. Die gewünschte Auskunft finden Sie in „Bocks Buch vom gesunden und kranken Menschen“.






E. Marlitt’s gesammelte Romane und Novellen. Illustriert.
ca. 70 Lieferungen á 40 Pfennig oder 10 Bände á 3 Mark, 4 Mark elegant gebunden.

Schon im Sommer vorigen Jahres, nach dem Ableben der in den weitesten Kreisen bekannten und beliebten Gartenlaube-Erzählerin, wurden wir von zahlreichen Verehrern und Verehrerinnen derselben aufgefordert, eine Gesamt-Ausgabe der Marlitt’schen Romane zu billigem Preise herauszugeben und so die Anschaffung derselben Allen, auch den weniger Bemittelten, möglich zu machen.

Wir kommen diesen vielfach an uns gelangten Wünschen nach und veranstalten von

E. Marlitt’s Romanen und Novellen
eine Illustrierte Gesamt-Ausgabe.
Diese erscheint vollständig in ca. 70 Lieferungen zum Preise von je 40 Pf. (alle 14 Tage eine Lieferung)
Auch in 10 Bänden zum Preise von 3 Mark eleg. geheftet, 4 Mark eleg. Gebunden zu beziehen.

Die neue Ausgabe beginnt mit: Bd. 1. Das Geheimnis der alten Mamsell; demselben folgen: Bd. 2. Das Haideprinzeßchen“. – Bd. 3. Reichsgräfin Gisela“. – Bd. 4. Im Schillingshof“. – Bd. 5. Im Hause des Kommerzienrathes“. – Bd. 6. Die Frau mit den Karfunkelsteinen“. – Bd. 7. Die zweite Frau“. – Bd. 8. Goldelse“. – Bd. 9. Das Eulenhaus“.– Bd. 10. „Thüringer Erzählungen“ (Inhalt Amtmanns Magd“, „Die zwölf Apostel“, „Der Blaubart“, „Schulmeisters Marie“).

Die Illustration der neuen Ausgabe haben wir einer Anzahl der tüchtigsten Künstler übertragen und ebenso für musterhafte Ausführung der Bilder in Holzschnitt und Zinkographie, für guten Druck und eleganteste Ausstattung gesorgt.

Es ist somit allen alten Freunden E. Marlitt’s, wie auch der jüngeren Generation, welcher zum Teil noch viele ihrer Werke fremd sind, die günstige Gelegenheit geboten, mit dem geringen Aufwand sich in den Besitz einer schönen, illustrierten Ausgabe der sämtlichen Romane und Novellen der unvergeßlichen Erzählerin zu setzen und so auf billige und bequeme Weise eine in hohem Grade anregende und fesselnde Lektüre für viele Mußestunden zu erwerben.

Beinahe alle Buchhandlungen sind in den Stand gesetzt, Bestellungen entgegenzunehmen und die erste Lieferung zur Ansicht vorzulegen. Wo der Bezug auf Schwierigkeiten stößt, wende man sich direkt an die

Verlagshandlung von Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig.

  1. In Anbetracht des Interesses, welches in letzter Zeit die geplante „russische Pacificbahn“ und die Eröffnung der ersten Strecke derselben bis Tjumen in weiteren Kreisen erregt haben, dürfte dieser Reisebericht A. E. Brehms unseren Lesern um so willkommener sein, als er die früheren Zustände in denjenigen Ländern schildert, welche jetzt zum Theil dem Dampfroß erschlossen worden sind. D. Red.