Ein Dilettanten-Verein und sein Dirigent

Textdaten
<<< >>>
Autor: Johann Christian Lobe
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Ein Dilettanten-Verein und sein Dirigent
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 36, S. 564–567
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1869
Verlag: Verlag von Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
korrigiert
Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal Korrektur gelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite
[564]

Ein Dilettanten-Verein und sein Dirigent.

Von Prof. J. C. Lobe.

Wohl fünfundzwanzig Jahre mögen verflossen sein, daß der geistreiche französische Componist und Schriftsteller Hector Berlioz seine große musikalische Rundreise durch Deutschland unternahm, über welche er nachher so pikante Briefe veröffentlichte. Manches fand er zu tadeln, Manches zu loben. In hohem Grad erfreut aber sprach er sich aus über die große Anzahl blühender Chorgesangvereine, welche er in Deutschland vorfand. In der That, es dürfte nicht schwer fallen, jetzt nur an gemischten Gesangchören einige Hundert in unserm Vaterlande nachzuweisen, einige Hundert aus freier Vereinigung singender Dilettanten hervorgegangene Institute, welche ihre Liebe zur Musik durch eine künstlerische Selbstthätigkeit bekunden, die zugleich dem Gedeihen der Kunst frommt.

Unter diesem reichen Kranze ragt durch seine mehr als locale Bedeutung der jetzt in ganz Deutschland bekannte Riedel’sche Verein zu Leipzig unbedingt als der weitaus gediegenste und ausgebildetste vor allen übrigen im großen Vaterlande mächtig hervor. Er bietet in seinem Entstehen, in seiner stufenweisen Herauf- und Ausbildung, in seinen eigenthümlichen Einrichtungen, in seinen gediegenen Leistungen, seinen ausführenden Mitgliedern und endlich und vorzüglich in seinem Dirigenten so viel des Merkwürdigen und Ausgezeichneten, daß eine Schilderung desselben auch für die Leser der „Gartenlaube“ von Interesse und Nutzen sein dürfte. – Seine Tendenz kennzeichnete vor Kurzem ein Leipziger Localblatt treffend, wie folgt: „Der Riedel’sche Verein ist von jeher bestrebt gewesen, die Werke der alten Tonmeister, d. h. das Ewigbleibende aus der Vergangenheit, der Gegenwart wieder theilhaftig zu machen. Er hat den unvergänglichen Tongebilden alter Zeit Leben für die Jetztzeit neu gegeben, hat das, was für wenige Forscher blos zugänglich war, uns Allen neu erschlossen.“

[565] In der That, man braucht nur die Namen der Componisten zu nennen, deren Hauptwerke sowohl a capella als in Verbindung mit dem Gewandhaus-Orchester und theilweiser Heranziehung auswärtiger Solosänger seit einem Decennium an uns vorüber geführt worden sind, um diesen Ausspruch vollkommen gerechtfertigt zu finden. Außer Bach und Händel sind in den reichhaltigen Programmen u. A. vertreten die früher nur den Namen nach bekannten Italiener Palestrina, Lotti, Allegri, Nanini, Clari, Caldara, Astorga, Vittorin, Marecllo, Pergolese, Gabrieli, Durante und Leo; nicht weniger die gänzlich unbekannten Componisten Deutschlands aus, dem sechzehnten und

Die Gartenlaube (1869) b 565.jpg

Karl Riedel.

siebenzehnten Jahrhundert, Enard und Stobens, Prätorius und Leo Haßler, Melchior Frank und Heinrich Schütz. Von allen diesen Schätzen alter Kirchenmusik, die sich seit mehr als vier Jahrhunderten angesammelt haben, hätten wir in Leipzig ohne jenen Verein, aller Wahrscheinlichkeit nach, und wie die Verhältnisse nun einmal lagen, keine Note zu hören bekommen. Das war nur möglich durch einen Verein, als dessen hervorragendste Eigentümlichkeit es betrachtet werden muß, daß er mit Unerschrockenheit, mit Liebe und Sorgsamkeit sich derjenigen Werke annimmt, welche seitens der Sänger ihrer schwierigen Ausführung wegen, seitens des Publicums wegen schweren Verständnisses oder wegen noch nicht feststehender Anerkennung durch die Kenner und die Kritik, als undankbare Aufgaben bezeichnet zu werden pflegen.

Fragen wir zunächst: Wer sind die Sänger, die zum Beispiel Bach’s „Hohe Messe“, dessen Actus Tragicus, seine „Trauerode“, Beethoven’s „Missa solemnis“, Liszt’s „Grauer Messe“, welche Bach’s Motetten, ohne Begleitung, welche a capella die Werke der alten Deutschen und Italiener, die dreichörigen Gesänge eines Gabrieli, das doppelchörige „Stabat mater“ von Palestrina, das berühmte „Miserere“ von Allegri – Aufgaben der strengsten und allerschwierigsten Art für den gemischten Chorgesang – fast durchgängig in trefflicher, innerlich warmer, künstlerisch würdiger Weise zur Darstellung bringen? so darf man sich wohl verwundern, wenn man hört: es sind meistens Dilettanten, wohl über zweihundert Männer, Frauen, Jünglinge, Jungfrauen und Knaben, die den verschiedensten Berufskreisen angehören – vornehme Stände, bürgerliche Familien, Mittelstand, selbst ärmere Classen sind vertreten. Hier herrscht keine gesellschaftliche Exklusivität, vielmehr die wahre Demokratie auf dem Gebiete der Kunst! Oft schon hat man das schnelle Emporblühen des Riedel’schen Vereins, seinen Fleiß, sein energisches Vorwärtsstreben guten Statuten zugeschrieben, indessen, so wenig man auch im Allgemeinen Gesangvereine ohne feierliche Namengebung und Statutenentwerfung, ohne General-Versammlungen und Diskussionen sich vorstellen kann, der Riedel’sche Verein hat zur Zeit nicht einen Paragraphen Statute, er hat keine Besprechungen, keine Haupt- oder General-Versammlungen, ebenso wenig einen Vorstand, ein Comité oder ein Direktorium – er hat blos einen Dirigenten, welcher dies Alles in Allem ist.

Jedermann begreift, daß es nicht so leicht gewesen sein muß, einen aus so verschiedenen Bildungskreisen zusammengesetzten Verein zu errichten, zu vergrößern, zusammenzuhalten, ihn dahin zu bringen, ein den Neigungen des gewöhnlichen Dilettantismus so sehr widersprechendes Princip mit Eifer zu verfolgen.

Faßt man alle diese Umstände zusammen, so wird Niemand bestreiten, daß wir hier der That nach den Dilettantismus in der edelsten und achtungswerthesten Erscheinung vor uns haben. Wahrlich, wenn einer, so darf dieser Verein mit Stolz auf sein reines und uneigennütziges Streben blicken, das weit über all’ jenem Thun steht, welches die Musik nur als Luxus-Artikel betrachtet und lediglich zu leichtem Vergnügen betreibt.

Wie aber, muß man fragen, hat sich eine anfänglich so bedeutungslose Gesellschaft von Musikdilettanten in verhältnißmäßig kurzer Zeit zu so hervorragenden, wirklich künstlerischen Productionen emporschwingen können? Gewiß nicht ohne eine an der Spitze stehende, ungewöhnlich begabte, leitende, lehrende, organisirende Kraft. Eine solche besitzt der Verein in seinem Dirigenten Karl Riedel. Aber sonderbar! Wie die in musikalischer Hinsicht geringen Elemente, aus denen sich der Verein zusammenthat, anfänglich nichts weniger als die hohen Leistungen ahnen ließen, zu denen sie sich später erhoben, so schien auch der junge Gründer des Vereins – eben der jetzige Dirigent – seinen Antecedentien zufolge auf den ersten oberflächlichen Blick in der Musik kaum eine besondere Wirksamkeit gewinnen zu können. Sein Lebensgang lag in der Jugend so weit ab von seiner späteren Bestimmung, daß weder er selbst, noch irgend Jemand hätte vermuthen können, er werde sich aus dem Felde der Kunst einen Namen erwerben.

Riedel war von Haus aus Seidenfärber. Die Färberei hatte er, ein geborner Rheinpreuße, in Crefeld erlernt, von wo er nach längerer Beschäftigung in der Schweiz sich Lyon zuwenden wollte, als das verhängnißvolle Jahr 1848 ihn zurücktrieb. Die Geschäftslosigkeit, welche in Folge der in Frankreich ausgebrochenen Revolution entstanden, war für ihn Veranlassung, einen anderen, ihm mehr zusagenden Beruf zu wählen, als den nun fünf Jahre lang betriebenen. Er entschied sich für die Musik, von der er zwar Gründliches noch nicht wußte, zu welcher er sich aber sehr hingezogen fühlte. Diese Neigung war besonders durch die Lieder [566] von Franz Schubert geweckt worden, die ein mit hübscher Tenorstimme begabter Mitarbeiter ihn kennen gelehrt hatte. Ein nur halbjähriger Unterricht bei einem tüchtiger Musiker, dem bekannten jetzt in Schmalkalden lebenden Componisten Karl Wilhelm, brachte ihn so weit, daß er 1849 in’s Leipziger Conservatorium eintreten konnte, dessen Cursus er durchmachte, um darnach neben seiner bereits errungenen Stellung als Musiklehrer die Leipziger Universität zu frequentiren. Während er mit Energie und eisernem Fleiße seiner neuen Thätigkeit sich hingab, fühlte er sich immer wie von einem dunkeln Punkte durch die damals noch sporadischen Nachrichten angezogen, welche er über die Compositionen Palestrina’s und der alten Italiener vernahm. Es wuchs in ihm der Drang, durch eigene Wahrnehmung sich Kenntniß zu verschaffen von der als wunderbar gepriesenen Wirkung dieser Schöpfungen, und schon 1853 faßte er den Entschluß, einen Männergesängverein zu dem Zwecke gründen. Die Ausführung gelang indessen nicht.

Riedel machte sich die gewonnene Erfahrung gleich zu Nutze. Mit einem im Mai 1854 zusammengetretenen einfachen gemischten Quartett, welches sich unter seine Leitung stellte, übte er gute, in die Ohren fallende Gesänge von Hauptmann, Mendelssohn, Schumann ein und vermied es, eine andere bestimmte Tendenz auszusprechen, als die, guten musikalischen Genuß zu verschaffen. Dabei wurde der Grundsatz aufgestellt, sich ganz anspruchslos zu geberden und alles Ostensible fern zu halten. Von nun an entwickelte sich schnell Riedels Lehr-, Directions- und Organisations-Talent. Am Ende des ersten Vereinsjahres war die Gesellschaft bereits von vier auf sechsunddreißig Mitglieder angewachsen und mit drei sorgfältig einstudirten Programmen vor Privatkreisen hervorgetreten. Mit der wachsenden Mitgliederzahl und dem gewonnenen Erfolge stellte sich Riedel wiederum das höhere, ideale, nicht vergessene Ziel vor Augen. Seinem Blick blieb nicht verborgen, daß in Leipzigs Musikleben, so reich es schon lauge nach allen Seiten der weltlichen Musik sich entfaltet hatte, die Pflege der religiösen Tonkunst, besonders der alten Kirchenmusik vernachlässigt war. Diese Lücke mit seinem Verein auszufüllen, entsprach ja ganz und gar seinen geheimen Neigungen und würde ihm immer mehr bestimmtes Ziel. Doch manches Hinderniß stellte sich der Verwirklichung seines Planes noch entgegen.

Das nächste und schwerste bereiteten ihm die Mitglieder selbst. So lange diese nur weltliche Quartette ausführten, wozu ihre musikalische Bildung und ihr gegenwärtiger Geschmack hinreichten, deren Studium ihnen zudem verhältnißmäßig leicht wurde, fanden sie Vergnügen und Befriedigung an ihrer Thätigkeit und waren leicht dabei festzuhalten. Wie aber dieselben geneigt und willig machen, dies angenehme, Allen verändliche Gebiet der Modernen Gesangmusik zu verlassen und dafür das ernste, schwere, „gelehrte“ der kirchlichen Tonkunst zu betreten, das Allen so ferne lag, dem der sinnlich heitere Reiz abging, für das sie noch keine Bildung und wenig Verständniß hatten? Welche Mittel standen Riedel zu Gebote, um einen solchen totalen Umschwung zu bewirken? Die Mitglieder wurden ja nicht besoldet, sie konnten durch kein Gebot gezwungen werden, sie waren lauter selbstständige Personen, denen der Dirigent nicht das Geringste zu befehlen hatte, denen nur durch Wünsche beizukommen war. Riedel’s Befürchtungen waren in der That nicht unbegründet. Als er versuchsweise die Stimmen zu Palestrina’s Motette „die Improperien“ vorlegte (welche jeden Charfreitag in der Sixtinischen Capelle zu Rom gesungen wird, und die durch ihre einfache, rührende Schönheit Palestrina’s Ruhm gegründet), mußte er die Uebung abbrechen, weil die Damen ob dieses ihnen ganz sonderbar und ungewohnt vorkommenden Musikstyls in lautes Lachen ausbrachen und vor Heiterkeit nicht weiter singen konnten. Diese Motette ist jetzt, ein Lieblingsstück des Riedel’schen Vereins.

Riedel ließ sich durch diese Erfahrung nicht abschrecken. Denn es ist eine falsche Annahme, wenn man der Menge im Allgemeinen Unempfänglichkeit und Theilnahmlosigkeit für höhere künstlerische Interessen vorwirft. Es komme nur der rechte Mann, der sie dafür zu erwärmen, zu entzünden und die Flamme dann zu unterhalten versteht, so schmilzt das spröde Material und läßt sich in die gewünschte edlere Form bringen. Ein solcher Mann ist Riedel.

Nachdem auch der zweite Versuch mißglückt war, fing er die Sache auf andere Weise an. An den gewöhnlichen Uebungen setzte er nach wie vor die Quartette von Hauptmann, Gade etc. auf die Tagesordnung und wußte seine Mitglieder in der besten Laune zu erhalten. Sonntags Nachmittags aber versammelte er einige wenige Mitglieder um sich, auf deren ernsten musikalischen Sinn und persönliche Anhänglichkeit er vertrauen konnte. In Wahrheit folgten sie ohne irgend welches Schwanken Riedel’s musikalischer Leitung in eine ihnen ganz neue Welt, und halfen ihm die „große Revolution“ vollbringen, durch welche der Riedel’sche Verein zu wirklich musikalischer Bedeutung gelangte.

Nachdem dieser Nebenverein Bestand gewonnen hatte, wurden auch zu ihm ganz vereinzelt und mit großer Vorsicht andere Mitglieder hinzugezogen und für „das neue Streben nach dem Alten“ gewonnen. Ein vollständiges Concertprogramm wurde vorbereitet. Als Riedel sich so den Rücken gedeckt hatte, offenbarte er in einer Uebung des größeren Vereins, daß er mit mehreren Mitgliedern eine Aufführung alter Kirchenmusik veranstalten werde, daß er sämmtliche Mitglieder zur Betheiligung einlade, und die Uebungen zeitweise nur für diese Absicht bestimme. Dieser bereits halb zur Thatsache gewordene Versuch fand nun ganz andere Theilnahme und viel mehr Beifall, als die früheren Sondirungen. Wer auch etwa innerlich, der „trockenen“ alten Musik glaubte abhold sein zu müssen, mochte doch nicht bei einer Unternehmung zurückstehen, welche jedenfalls Interesse zu erregen geeignet war.

Das Concert fand an einem Novembermorgen 1855 in der Centralhalle vor einem gewählten Publicum statt, gelang vollkommen, rief große Sensation hervor, fand allgemeinen Beifall und war für die Pflege der alten Kirchenmusik in Leipzig von durchschlagendstem Erfolge. Jetzt hat Riedel seine Sänger im richtigen Fahrwasser, und seitdem vertraute die Masse derselben seiner Leitung unbedingt, wenn es auch noch manchmal galt nach unbekannten Zonen zu steuern. Dennoch verfuhr er vorsichtig. Die weltliche Musik setzte er nicht so leicht bei Seite und wählte von alter Musik anfänglich nur solche Sachen, welche ein Anknüpfen an das Empfindungsleben des jetzigen Publicums gestatteten. Auf dem Programm gab und giebt er biographische und musikalische Notizen über die Componisten und deren Werke, wo nöthig, über Letztere Erläuterungen, statt des lateinischen Textes der älteren Compositionen ließ er deutsche Worte singen, welche Uebersetzungen er selbst unterlegte (eine Arbeit, deren Mühe Kenner zu schätzen wissen werden); vorzüglich dadurch gewannen Sänger und Hörer, deren kleinster Theil nur Latein verstand, ein warmes Interesse für die alten Tonstücke. Obwohl selbst die besten deutschen Uebersetzungen dem Säuger nicht die Schönheit und Bequemlichkeit der lateinischen Spräche ersetzen können, so ist doch die lebendig wirkende Muttersprache bei Weitem mehr geeignet, die Sänger in ein neues Werk sich einleben zu lassen und den Hörern das schnelle unmittelbare, nicht erst durch Vergleichung mit der beigedruckten Uebersetzung gesuchte Verständniß zu erleichtern, als die schönste fremde Sprache.

Ein Hauptmittel ferner, freilich ein mit großen Opfern für ihn verbundenes, schuf Riedel sich dadurch, daß er die musikalischen Kräfte seiner Mitglieder steigerte und so durch die Erkenntniß der großen Fortschritte, welche sie in der Ausführung ihrer schweren Aufgabe machten, ihren Eifer weckte, erhöhte und festete. Er gründete Vorbereitungscurse und besonders wöchentliche Privat-Uebungen für die Damen, zog Knaben aus Bürgerfamilien herbei, um für diejenigen alten Compositionen, welche für tiefe Stimmlagen geschrieben sind, die richtige Klangfarbe in Sopran und Alt zu gewinnen, gab vielen der Knaben unentgeltlichen Unterricht und ließ sie nach absolvirtem Vorbereitungscursus in den Verein treten. Manchen diesen Knaben erblickte man nach seiner Mutation als eifrigen und geschickten Sänger im Tenor oder Baß des Riedel’schen Vereins. Als Beweis, wie unablässig er sann, seine Mitglieder weiter zu bilden und sie für das Edle in der Musik immer mehr zu erwärmen und zu begeistern, mögen auch die Kammermusik-Unterhaltungen dienen, welche er seit einer Reihe von Jahren an Sonntagnachmittagen eingeführt hat. Hier werden gute Werke der weltlichen Musik, Streichquartette, Claviertrios, kleine Chöre, Lieder von ausgezeichneten Musikern, Virtuosen und Gesangssolisten blos für die activen Mitglieder und deren nächste Angehörige aufgeführt. Riedel’s Absicht ist dabei: die Vereinsmitglieder mit den besten musikalischen Erzeugnissen der Instrumental-Kammerinusik sowie des großen deutschen Liederschatzes aus alter und neuer Zeit bekannt zu machen, ihr Interesse und ihren Geschmack auch nach Seite der weltlichen Musik hin zu erweitern und zu veredeln, sie dadurch vor der Einseitigkeit zu bewahren, welche eine zu ausschließliche [567] schließliche Beschäftigung mit Kirchenmusik herbeiführen könnte, dann auch, ihnen für die mannigfachen Anstrengungen in den Proben eine angenehme und zugleich würdige Erholung als genießendes Publicum zu gewähren.

Während Riedel im Laufe der Jahre noch oft mannigfache Bedenken seiner Mitglieder zu beschwichtigen hatte, gelang es ihm doch, die Uebungen fortwährend auf nahe Ziele hinzulenken, eine Aufführung nach der anderen vorzubereiten, diese dem größeren Publicum zugänglich zu machen und seine Mitglieder an die frische Luft der Oeffentlichkeit zu gewöhnen. Die Programme des Riedel’schen Vereins weisen es aus, daß nichts Bedeutungsloses mehr unternommen wurde. Jedes Programm wurde genau überlegt und zusammengestellt, musikalisch sorgfältig vorbereitet und gut ausgeführt. Nach jeder beendeten Aufführung, begannen sofort die Vorbereitungen zur nächsten, und dem Umstande, daß der Riedel’sche Verein seine Kräfte niemals vergeudet hat, daß er sie niemals hat erschlaffen lassen, daß jede seiner Aufführungen – man darf es wohl sagen – von hohem, oft höchstem Interesse war, daß bei aller Strenge und Einheit im Ganzen es an Abwechselung nicht mangelte, daß sowohl dem Alten wie dem Neuen Rechnung getragen wurde, diesem Umstande, dieser Intensität, seines Wirkens hat es der Riedelsche Verein zuzuschreiben, daß sein Alter scheinbar ein weit größeres ist, als in Wirklichkeit.

Es soll hier nicht die Geschichte des Riedel’schen Vereins geschrieben werden, obschon dieselbe jedem von Interesse sein würde, dem es Freude gewährt, die energisch und intelligent betriebene Durchführung einer glücklichen Idee aus den kleinsten Anfängen bis zu bedeutungsvoller Entwickelung zu verfolgen. Es kann deshalb auch nicht näher dargelegt werden, wie Riedel seine ideellen Bestrebungen immer mehr praktisch verwirklichte, wie er sich ein Dilettanten-Orchester schuf, andere Orchester heranzog, als ersteres nicht mehr ausreichte, endlich mit dem berühmten Gewandhaus-Orchester sich verband, Solokräfte von nah und fern – viele mit berühmten Namen – aber nie zur Ostentation, sondern stets so verwandte, wie es allem der musikalische Zweck erforderte; wie er die mannigfachsten, immer neu emportauchenden Hindernisse – und oft Unglaubliche – überwand; wie es ihm durch geschickte Organisation gelang, auch die äußeren Verhältnisse des Vereins immer fester zu begründen,und andererseits aus den ab- und zuströmenden Sängerschaaren eine immer größere Anzahl heranzubilden, welche ihren Dirigenten auch innerlich unterstützte, seine Gedanken zu ihrem Eigenthum machte und Gehülfen seines Strebens wurden, des Strebens, sowohl die bedeutendsten größten und interessantesten monumentalen Werke der religiösen Tonkunst dem Volke zu vermitteln, als auch „Mitgliedern verschiedener Stände, besonders aber dem Mittelstande den veredelnden Einfluß ernsten künstlerischer Selbstthätigkeit zu erschließen“.

Damit die Aufführungen des Riedel’schen Vereins nicht nur betreffs der musikalischen Seite, sondern auch ihren äußeren Einrichtungen nach nicht als Luxus-Concerte erscheinen und wirken möchten, verlegte Riedel diese fast sämmtlich in die Kirche, wo bekanntlich jene äußeren Reizmittel selbst berühmter Concerte, z. B. Toiletten-Entfaltungen der Solistinnen wie der Zuhörenden, gänzlich wegfallen; die Kirche gestattet ferner im Gegensatz zu den weniger Raum bietenden Sälen die Zulassung von vielen tausend Hörern. Die von Riedel eingeführte Einrichtung, daß jedes seiner activen Mitglieder eine reichliche Anzahl Billets zum Vertheilen an Verwandte und Bekannte ausgiebt, sichert zugleich den thätsächlichen Einfluß der von ihm vertretenen Musik auf die große Menge und sogar auf diejengen, denen die theueren Saal-Concerte von selbst sich verschließen. Diese Zulassung großer Massen zu Chor-Concerten ist zugleich auf die richtige Erkenntniß berechnet, daß es leichter ist, an der Hand eines Allen verständlichen Textes selbst schwer aufzufassende Chorwerke einem ausgedehnten Kreise verschiedenster Zusammensetzung populär zu machen, als ernstere Instrumentalwerke symphonischen und polyphonen Charakters. Die oben auseinandergesetzte Beschaffenheit der von Riedel ausgegebenen Programme trägt noch wesentlich dazu bei, sowohl das Publicum von vornherein für die aufzuführenden Werke zu interessiren, als das Verständniß derselben zu erleichtern.

Jedermann, der sich jemals mit Zustandebringen symphonischer Concerte beschäftigt hat, weiß, daß deren Herstellung ungemeine Kosten verursacht, daß aber Chor-Concerte, welche ja längere Vorbereitungen und mehr Proben erfordern, noch weit größere Summen in Anspruch nehmen. Nicht ohne Interesse ist es zu erfahren, in welcher Weise das Budget des Riedel’schen Vereins sich herstellt. Zuvor aber sei es gestattet, noch einmal auf den zu Anfang dieses Artikels erwähnten Schriftsteller Hector Berlioz zurückzukommen und eines seiner Aufsätze im „Journal des Débats“ zu gedenken, in welchem er unter Anderem folgende Fragen und Bemerkungen aufstellt: „Giebt es irgendwo in der Welt eine einzige der Musik oder der dramatischen Kunst geweihte Anstalt, die nicht zugleich eine Billet-Bude ist? die blos auf die Schönheit der Werke und die gewissenhafte treue Ausführung derselben sieht? deren Verwalter oder Direktor von vornherein auf die Einnahme verzichtet? Die Alten hatten in Hinsicht auf die großen Werke des menschlichen Geistes ganz andere würdige und erhabene Ideen, für sie war die Kunst kein Handelsgegenstand, keine feile Waare, deren Werth je nach dem Zudrang des Volkes zum Kaufen stieg oder fiel.“ – Der Riedel’sche Verein,“ dessen Existenz dem Herrn Berlioz wohl hätte bekannt sein dürfen, der Verein, welcher den Muth hatte (denn dazu gehört heutzutage – leider! – noch Muth), zum ersten Male des Franzosen großes Requiem vollständig und öffentlich in Deutschland aufzuführen, ist eine glänzende Beantwortung seiner Frage. Kein Direktorium ist vorhanden, welches für die Kosten einsteht; die Geldbeiträge der Sänger und einer verhältnißmäßig geringen Anzahl inactiver Mitglieder (Beiträge, deren Höhe nicht entfernt mit dem Einkommen etwa der großen Berliner Gesang-Institute zu vergleichen ist) bilden die regelmäßige Einnahme, reichen aber bei weitem nicht zur Deckung der Ausgaben hin; die Theilnahme des außerdem zahlenden Publicums ist nicht der Rede werth.

Während bei anderen musikalischen Instituten der Dirigent nur den rein musikalischen Theil zu besorgen, die Wahl der Tonstücke, die Proben, die Aufführungen zu leiten hat und dafür eine seine Existenz sichernde Besoldung erhält, während ihm die Ausführungsmittel, Orchester, Sänger gestellt und bezahlt werden und dafür seinen Anordnungen gehorchen müssen, fehlen Riedel alle diese Bedingungen. Er erhält kein Honorar, keine Geldentschädigung, er hat nicht nur die musikalische Directive, nicht nur die gesammte technische Verwaltung, sondern auch das ganze pecunäre Risico übernommen und behandelt in der That die Deckung des jährlichen Deficits als seine Privatangelegenheit. Und dies nur deshalb, damit der aus seiner Idee hervorgegangene Verein in seinem Streben sich rein erhalte, damit dessen Aufführungen kein Gegenstand der Spekulation, damit die aufzuführenden Werke nicht als „ Handelsgegenstand“ vom Beifall der Menge, abhängig gemacht, sondern nur aus rein künstlerischen Gründen gewählt werden können. Und hierbei handelt es sich nicht um die Deckung von Kleinigkeiten, sondern höchst bedeutender Summen!

Die Thätigkeit, welche die gesammte Leitung und Verwaltung des Riedel’schen Vereins erfordert, ist der Natur der Sache nach eine weit umfassendere als die anderer Concert-Institute, welche nur mit den üblichen Werken sich beschäftigen. Welche Arbeit allein ist aufzuwenden, ehe nur ein kleiner jener alten Chorsätze in Besitz gebracht, richtig herausgefunden, mit deutscher Uebersetzung, mit den rechten Vortragszeichen versehen, in Chorstimmen hergestellt worden ist und so dem Sänger zum Beginn des Studiums vorgelegt werden kann! Man denke sich diese Vorbereitungsarbeit auf ein ganzes Programm ausgedehnt, auf ein umfangreiches Werk! Und dies ist nur ein kleiner Theil der nothwendigen Thätigkeit!

Aus allem bisher Mitgetheilten geht hervor, mit welcher gewaltigen Energie, mit welcher Opferfreudigkeit, Conseqnenz und Beharrlichkeit, mit welchem Aufwande enormer geistiger und körperlicher Kraft Riedel gewirkt haben muß, um einer geliebten Idee Lebensfähigkeit zu geben und zu erhalten. Ein solches Streben, der Chormusik die verbreitetste und idealste Wirkung abzugewinnen, würde auch dann, wenn Riedel dadurch seinen Lebensunterhalt sich erwürbe, etwas höchst Achtungswerthes nicht blos, sondern Erhebendes und Bewunderung Abnöthigendes haben. Um wie viel höhere Anerkennung zollen wir ihm aber, wenn wir erfahren, daß Riedel diesem Streben nur seine freien Stunden widmen kann, daß es nur eine Nebenbeschäftigung neben seinem Erwerbsberuf als Musiklehrer ist, der wir dies Alles verdanken! Möge dieses Verdienst seine Krone aus der Hand des Volks nicht entbehren, fürstlicherseits hat der kunstfreundliche Herzog von Altenburg Riedel zum Professor ernannt.