Zwei Mönche einer protestantischen Hochschule

Textdaten
<<< >>>
Autor: Friedrich Hofmann
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Zwei Mönche einer protestantischen Hochschule
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 1, 36, S. 7–11, 568–570
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1869
Verlag: Verlag von Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
korrigiert
Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal Korrektur gelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite


[7]

Zwei Mönche einer protestantischen Hochschule.

1. Banz und der Pater Roman.

Aus der schönsten Frühlingszeit des Lebens und des Jahres erzählt man so gern eine liebe Erinnerung.

Als Koburger Gymnasiast, schon in der obersten Classe, wo der Sehnsuchtsblick nach der akademischen Herrlichkeit aufgeht, wohnte ich mit dem in den dreißiger und vierziger Jahren besonders bekannten und beliebten Novellisten und Reiseschriftsteller Gustav von Heeringen unter einem Dache. Der kleine, zarte, allezeit glattrasirte und feine Mann mit den großen schönen Augen hinter der Brille gehört zu den guten Geistern meiner Jugend; sein Bild steht unverblaßt in meiner Seele. Er war damals gewiß der seltsamste Kammerjunker des koburgischen Hofes und vielleicht aller Höfe; im äußern Dienst zeigte er sich wie jeder andere seines Ranges, aber im Innern hegte und pflegte er das schnurgeradeste Gegentheil von dem, was sein Dienstkleid andeutete. Talent und Bildung allein hätten das nicht verursacht, beide vertrugen sich gar wohl mit seiner Hofstellung; aber in ihm lebte zugleich der wahre Dichtergeist, für welchen Volk, Vaterland und Freiheit heilige Güter sind, und deren Cultus hielt er um so höher, je heimlicher er ihn begehen mußte. Seinen Patriotismus konnte er zwar in seinen Schriften vorsichtig bekennen; für seine Freude an einem gesunden Volksleben zeugen besonders, seine „Fränkischen Bilder“, welche eine Fülle kräftiger Schilderungen aus demselben aufbewahren; nur sein Freisinn mußte der kalten Hoflust gegenüber ein Zimmergewächs bleiben, aber um so sorglicher hat er’s gehütet und um so freudiger gezeigt, wenn das Vertrauen ihn schützte.

Er stand damals im dreiunddreißigsten Jahre, ich im zwanzigsten; er war ein adeliger Hofherr und ich ein armes „Studentle“, wie man damals in Koburg die Gymnasiasten noch nannte; aber mit einem Paar Dutzend Gedichte hatte ich mir’s verdient, daß er mich näher zu sich stellte. – Das Haus, wo wir wohnten, steht in einem Garten vor dem Judenthor. Er nahm die erste Etage der Hauptseite ein, ich ein Erkerstübchen nach hinten.

Da stand ich an einem Maiabend des Jahres 1834 am Fenster, das Auge dem grünen Adamiberg zugewandt mit seinem Gartenhäuschen, in welchem einunddreißig Jahre früher meine selige Mutter als Aufwartemädchen das sinnreiche Gespräch über Donner und Blitze mit Jean Paul gehalten hatte,[1] und lauschte dem Abendläuten, das vom Thurme der Heiligen-Kreuzkirche herüberschallte, – als plötzlich der freundliche rothwangige Kopf mit der goldenen Brille sich zur Thür hereinneigte und mit hausgenößlicher Vertraulichkeit rief: „Gar zu herrlicher Abend heut’! Kommen Sie, Fritz, machen nur eine Fußpartie nach Banz!“

Freilich war der Abend gar zu herrlich: wir hatten so viel zu betrachten und zu loben, und das Schöne lag überall so nahe auf unserm Gang in den reizenden Itzgrund hinein, an der Finkenau vorüber, wo der alte gute Johann Peter Uz einst so manches Lied gedichtet, daß noch eine Stunde vor Banz uns die Nacht erreicht hatte. Wir blieben in einem Dorfwirthshause, um in aller Frühe durch den Banzer Forst nach unserm Ziel zu wandeln. So geschah’s. Aus dem Itzgrund zu einem Morgen im Walde emporzusteigen, in diesem zu schwelgen und dabei das Wiedersehen alter Klosterpracht und des köstlichen Mainthals in der Erwartung vor sich zu haben, das war wirklich für ein Paar so leicht zu beglückende Poeten fast zuviel auf einmal.

Endlich standen die letzten Stämme des Waldes hinter uns und auf etwa Büchsenschuß-Entfernung vor uns, jenseits einer leicht abwärts geneigten breiten Ackerfläche in grünem Saatschmuck, erhob sich das mächtige Viereck der Gebäude, Paläste und Parkmauern von Banz, der einst hochberühmten Benediktiner-Abtei und nun dem Sommerschlosse des Cither-Herzogs Max in Baiern. – Da gähnte das hohe Thor, in welches am siebenten Juli vor achthundert Jahren die ersten Mönche eingezogen waren. Der große aufsteigende Hof mit der fürstlichen Auffahrt zum ehemaligen Abteipalast war noch über die Thormauer sichtbar, zur Rechten und Linken des Hofes dehnten die in gelbem Anputz paradirenden Beamtenwohnungen sich aus und zur Rechten des Palastes ragten die Doppelthürme der Kirche mit ihrem Bildsäulenschmuck empor, und dies Alles war begrenzt und zum Theil durchzogen von maifrischer, blüthenfröhlicher Baumpracht.

Man hat mit Banz auch ein reiches Stück Geschichte vor Augen. Schon die Kämpfe zwischen Kaiser und Papst wurden bis hierher verspürt. Die Frömmigkeit der benachbarten fränkischen Edelleute brachte das Kloster hoch in Flor. Aber zweimal, nach dem Bauern- und nach dem dreißigjährigen Kriege, mußte es sich fast völlig neu aus dem Schutte erheben. Dann stieg die Sonne wissenschaftlichen Ruhmes über demselben auf; Gregor Stumm hieß der merkwürdige Abt, welcher ungeheure Summen auf Bücher-, Naturalien-, Münz- und Kunstsammlungen verwendete und gegen Gelehrte jedes Glaubens, die derentwegen hier einsprachen, ausgedehnteste Gastfreundschaft übte. An der Erbschaft dieses Ruhmes hielten auch die folgenden Aebte fest, obgleich, wie wir nachher ganz genau erfahren werden, hier schon Vieles faul war, als im Jahre 1802 auch dieses Kloster aufgehoben und in den beneidenswerthen Sitz eines Landgerichts Und eines Rentamts umgewandelt wurde. Nach den Franzosenkriegen brachte es die [8] baierische Herzogsfamilie um eine fabelhafte Summe (sämmtliche Klostergebäude sammt mehreren Dörfern, Höfen, Feldern, Wiesen und großen Waldungen um 309,000 Gulden!) durch Kauf an sich. Seitdem erfüllte neuer Glanz die alten Prachträume. Sechs Jahre vor meinem heutigen Einzug mit Gustav von Heeringen hatte ich als ungeladener Gast allen Feierlichkeiten der Vermählung des jungen Herzogs Max mit seinem Bäschen Ludovica, der Tochter des Königs Maximilian des Ersten, beigewohnt; die Hofcapelle von Koburg war für Kirchen-, Tafel- und Concert-Musik dazu befohlen, und ich trug als meines Vaters kluger Sohn ihm die Posaune nach und dadurch zu all diesen Herrlichkeiten wesentlich bei. – Zehn Jahre nach dem heutigen Tage stand ich wieder vor diesem Thor. Da kam mir ein halbes Dutzend Kinderchen entgegen, von Gouvernanten und Hofmeistern geführt und von Bedienten begleitet. „Das sind dem Max Seine“ erhielt ich auf meine Frage von einem Wegmacher zur Antwort. Zwei Knaben dabei und ein Wickelkind; das lieblichste Bild gewährten zwei Mädchen, von etwa sieben und drei Jahren, die sich an den Händchen führten und mit köstlichen Augen die ganze Welt und mich auch anlachten. Du lieber Gott! Jetzt ist die größere schon fünfzehn Jahre Kaiserin von Oesterreich, und wie viel hat die kleine schon, als unglückliche Königin von Neapel, einsame Thränen vergossen!

Heeringen schrieb damals an seinen „Fränkischen Bildern“, und deshalb war er auch mit mir nach Banz gewandelt; es verlangte ihn besonders wieder einmal nach dem Rundblick von der Glockenstube der Kirchthurme aus. Ein eisgraues Männchen stellte sich als Führer vor. „Nein, alter Vater,“ sprach Heeringen, ihm einige Geldstücke in die Hand drückend, „Ihr sollt nicht mit da hinaufsteigen! Ich kenne ja die Treppe genau. Seht, am Trinkgeld schadet Euch’s nicht, wenn Ihr hier am sonnigwarmen Portal so lange ausruht, bis wir wieder herunterkommen.“ –

„Das geht schon net, gnädiger Herr!“ erwiderte der Alte mit einem Aufblick, der die Verletzung einer Amtswürde spüren ließ.– „Der gnädige Herr wissen’s ja, daß ich der alt’ Glöckner bin, und der gehört zu seinen Glocken, wenn Gäst’ zu ihnen kommen. Das Gestell thut’s auch noch, trotz seiner Sechsundsiebenzig.“ Damit stieg er, sein Führerrecht in jeder Beziehung wahrend, zum Thurm hinauf voran; ganz verständig hielt er, so oft ihm das Athmen unbequem wurde, und vergütete uns und namentlich Heeringen die verlorene Zeit mit allerlei für diesen nutzbaren Bemerkungen aus seinem Klosterleben. Ich darf mich hier nicht in dieselben vertiefen, wie verlockend es auch ist, sonst kommen wir in unserer Geschichte eher rück- als vorwärts. Endlich standen wir unter den Glocken. Heeringen eilte gleich zu den Schalllöchern, den hohen Thurmfenstern, um die verschlossenen Holzläden aufzureißen und die Blicke in’s Mainthal hinunter und auf die fränkischen Berge hinüber zu jagen; ich half ihm, und der Alte ließ uns stillschweigend gewähren. Unsere Schwärmerei über „die schöne Aussicht“ schien ihn nicht zu berühren, und Heeringen, der fränkische Ortskundige, bedurfte seiner hier nicht.

Als wir uns endlich dem Innern der Glockenstube wieder zuwandten, standen wir Beide betroffen vor dem Anblick, der sich uns darbot. Der Alte lag hingelehnt an der größten der zu unterst hängenden Glocken; mit der Rechten hielt er sich au der Krone fest, den linken Arm schlang er um das kalte Erz und preßte das Haupt darauf, ganz als galt es hier ein Wiedersehen oder Scheiden vom liebsten auf der Welt.

„Alter Vater, ist Euch nicht wohl?“ rief Heeringen und trat besorgt zu ihm. Dieser aber ließ die Rechte von der Glockenkrone los und stand wieder aufrecht da. Er war tief erregt, sein Auge feucht, wie nach bestandenem oder vor nahendem innern Sturm. Ich habe nie einen solchen Alten wieder gesehen, bei dem man über dem Anschauen des Gesichts alle nebensächliche Äußerlichkeit, wie Kleidung und dergleichen, rein vergaß.

„Sehen Sie, gnädiger Herr“ – er wandte sich immer nur an meinen vornehmen Gefährten, dessen Stand und Stellung er wohl kannte, während an meinem Außenmenschen seinem erfahrenen Auge der arme Teufel schwerlich lange verborgen geblieben war – „hier stehe ich wie auf der Schädelstätte meiner Kinder. Was ich in diesen Glockenstuben, dahier und drüben im andern Thurm, erlebt habe, das schreit zu Gott in alle Ewigkeit. Es sind über dreißig Jahr’ seitdem hingegangen, ich war ein starker Mann, als sie’s hier vollbrachten, Alles ist an mir alt und mürb’ geworden, nur das Herzeleid, gnädiger Herr, das ist so stark geblieben, wie’s Sie haben mit dem Kopf geschüttelt, gnädiger Herr, wie’s zuerst war. Sie halten mich für einen alten Faseler. Aber schauen Sie sich doch um in der hohen Glockenstube, ist’s denn da, wie es sein soll?“

Jetzt erst sahen wir nach dem mächtigen Gebälke empor und fanden allerdings manchen leeren Glockenstuhl. Heeringen bemerkte dies dein Alten, der aber schlug die Hände zusammen und rief aus:

„Herrgott Jesus Maria und Joseph, das ist’s ja! Gnädiger Herr, Sie sind ein lutherischer, aber Glocken haben Sie doch wenigstens auch und wissen, was ein richtiges Geläute besagen will. Nun fragen Sie im ganzen Maingrund auf und ab die Aeltesten, Alle wissen’s: ein Geläute, wie das vom Kloster Banz, ist nicht wieder gehört worden von hier bis Rom. Und ich bin der Glöckner gewesen. Wer aber kein Glöckner gewesen ist, der versteht’s nicht, wie Einem die Glocken an’s Herz wachsen und wie man eine immer lieber haben kann wie die andere. Dort oben hat meine Saneta Cäcilia gehangen, das war meine Ave-Maria-Glocke, die hatte eine so rührende Stimme in Es, daß mir beim Läuten oft das Beten in die Hände kam. Und da ist der leere Stuhl der Sancta Maria mit ihrer vollen reinen Stimme in C, nach der sehnte ich mich, wenn ich sie eine Zeitlang nicht gehört hatte. Und gar dort meine Sancta Anna –“

„Aber, lieber Alter, wohin sind denn all die schönen Glocken gekommen?“ unterbrach ihn Heeringen.

„Wohin?“ – rief er und in seine Augen trat ein fürchterlicher Ingrimm. „Als sie der Klosterherrlichkeit ein Ende machten, da sind die Herren gekommen von München und von Bamberg und haben ausgeladen, was ihnen wohlgefiel, von den Gemälden und aus den andern Sammlungen und von den Büchern, und was ihnen an Büchern nicht gefiel, ist fuderweis verkauft worden. Ich sah das Alles von dem Thurm da mit an und heulte. Endlich kamen sie auch da herauf mit ihren Packknechten, und weil sie die schweren Glocken nicht so leicht hinabschaffen und aufladen konnten, so holten sie Schmiede mit ihren schwersten Hämmern herbei und die schlugen meine Glocken in Stücke, eine um die andere; vergeblich lag ich vor ihnen auf den Knieen und schrie wie ein Pater, dem man die Kinder hinschlachtet – alles vergeblich, ein Stück um’s andere flog hinab in den Hof – nur diese eine blieb verschont, sie ist noch meine einzige liebe Klosterglocke.“

Er legte die Hand auf sie und streichelte sie wie ein geliebtes Wesen, während er auf die anderen Glocken einen geringschätzenden Blick warf: „Die dort sind später erst wieder neu angeschaffte, und wie Stiefkinder wachsen sie nicht mehr an’s Herz. Ja ja, gnädiger Herr, ich komme nicht oft mehr herauf, aber allemal verlebe ich da wieder eine schwere Stunde, – und das Alles und das ganze Unglück des Klosters ist das göttliche Strafgericht für den Pater Roman –“

„Pater Roman?“ – fragte Heeringen –„ist das nicht der Doctor Johann Baptist Schad?“

„Ja, derselbige ist’s, so hieß er vom Vaterhaus aus. Er ist von Mürsbach im Itzgrund gebürtig. Wir sind von gleichem Alter und zwanzig Jahre sind wir zusammen in diesem Kloster gewesen. Wie hat mein Herz an dem Menschen gehangen! Denn er war zu Anfang der Frömmsten Einer in der Zucht und Buße. Und doch ist der Satan Herr über ihn geworden durch die“ – er bekreuzigte sich – „verdammten Bücher“. Wie oft hat er sich mit seinen Büchern da herauf verkrochen und im Sinniren Alles vergessen, bis er ertappt wurde und zur Strafe den Hundetisch mit Wasser und Brod bekam. Ich hab’s wohl gemerkt: zehn Jahre lang hat er gerungen mit dem Teufel, bis er sich ihm ergeben hat, denn von der Höh’ herunter, wo der Pater Roman in stockfinstrer Nacht aus dem Kloster entsprungen ist, hätt’ Jeder den Hals gebrochen. Den hat der Teufel heruntergetragen –“

„Haltet ein, Alter!“ rief da Heeringen, den der Gegenstand offenbar tief ergriff. „Kommt, zeigt uns die Stelle, wo der Pater entsprang.“

Während wir treppab stiegen, sprach er leise zu mir: „Das, ist ein denkwürdiges Stück Menschenleben, das des Paters, und wahrlich das des Glöckners auch. Kennen Sie die Geschichte des Paters Roman?“

Ich mußte es verneinen.

„Desto besser,“ sagte er, „ich will sie Ihnen nachher am geeignetsten Ort dazu, auf der großen Terrasse, erzählen.“

[9] Der Alte führte uns vor das ehemalige Krankenhaus des Klosters, das in einem Garten lag, der rings von einer hohen Mauer umschlossen war. Hier zeigte er nach einem Fenster im zweiten Stock.

„Von dort oben,“ sagte er, „ist der Pater Roman herunter gekommen, ohne Stange, ohne Strick, ohne Leiter. Und da unten waren damals viele kleine Gärtchen, jedes einzelne mit spitzigen Latten eingehegt. Das hat er genau gewußt: er hätt’ sich lebendig gespießt, wenn er herabgefallen wäre. O, warum haben Das die Heiligen gelitten, daß der Teufel ihm hat helfen dürfen, den in Ewigkeit Ver –“

„Versündigt Euch nicht, alter Vater!“ unterbrach Heeringen, der die Höhe schaudernd noch immer betrachtete, den Eiferer, um ihn zu besänftigen.

Der aber fuhr noch heftiger fort: „Gnädiger Herr, mit Verlaub, Sie sind ein Lutherischer und verstehen Das nicht. Meinetwegen mag die ganze Welt lutherisch werden – wenn aber ein Benedictiner von Banz aus der heiligen Kirche wie ein Dieb entspringt und geradewegs in’s ärgste Ketzerland läuft, nach Sachsen hinein und auf eine Schule, wo sie, wie alle Leute sagen, am schlimmsten sind, da muß ihn Gottes Fluch verfolgen durch das ganze Leben –“

„Alter, Alter,“ rief da Heeringen in großer Erregtheit, „flucht doch einem armen Todten nicht!“

„Was? Roman ist todt?“ fragte erschrocken und halb ungläubig der Alte, und mit bewegter Stimme versicherte es ihm Heeringen:

„Ja, alter Vater. Vor wenigen Monaten, am fünfzehnten Januar, haben sie in Jena den sechsundsiebenzigjährigen Professor der Philosophie Dr. Johann Baptist Schad in einem Armensarge begraben. Und nun geht, alter Vater, mit versöhnterem Herzen und überlaßt den letzten Richterspruch Dem dort droben.“ Er reichte dem greisen Mann die Hand; der drückte sie ihm heftig. Offenbar betroffen von der Todesnachricht, brachte er kein Wort mehr hervor, sondern nickte nur wie still bejahend und schlich dann, von Zeit zu Zeit den grauen Kopf schüttelnd, aus dem Garten.

Wir Beide eilten zur sogenannten Terrasse. Die Banzer Terrasse, ein basteiartiger Vorbau vor der Seite der Kirche, wo der Banzberg steil zum Maimhale abfällt, ist weit und breit berühmt als Standpunkt reizendster Umschau im Paradiese Frankens. Heute waren wir von letzterer schon auf dem Thurme gesättigt und durch den Glöckner vom Genuß der Natur zur Betrachtung eines Menschenschicksals hingeleitet. Wir suchten uns ein traulich Plätzchen; fühlten wir uns doch Beide mächtig angeregt, ich zum Hören und Heeringen zum Mittheilen über die Leidensgeschichte eines in den Banden unglaublicher Seelentyrannei nach Erkenntniß und Freiheit ringenden Geistes.

„Sie, junger Freund,“ – begann Heeringen, „können sich schwerlich einen Begriff machen, bis zu welcher Höhe die religiöse Schwärmerei besonders in denjenigen Theilen Deutschlands, wo, wie hier in Franken, Katholiken und Protestanten hart neben einander wohnen, damals getrieben worden ist und – Gott besser’s! – ja noch getrieben wird. Der arme Schad liefert uns nur ein Beispiel davon, das eben offenkundig geworden ist. Die Erziehung zum starrsten Glauben begann für ihn schon in seinem Vaterhaus zu Mürsbach im Itzgrund. Die Lehre, daß alle Ketzer, ohne nur irgend denkbare Ausnahme, in Ewigkeit verdammt seien, wurde ihm täglich eingeschärft. Wie unerschütterlich streng sein Vater dies trieb, sehen wir an dem einen Vorfall. Ein bildschönes lutherisches Mädchen war kurz nach der Confirmation gestorben. Der damals siebenjährige Knabe Schad war untröstlich darüber, daß auch dieses gute Kind verdammt sein solle. Da belehrte ihn der Vater so: ‚Wäre dieses Mädchen nur ein Vierteljahr eher gestorben, so wäre sie ganz gewiß selig geworden. Allein da sie vor einem Vierteljahr das erste Mal von ihrem Pfaffen den umheiligen Brocken (das Brod im Abendmahl!) genommen, so ist sie verdammt, und das mußt Du glauben, wenn Du nicht selbst ewig verdammt sein willst?‘

Neun Jahre alt kam der Knabe als Chorsänger hieher in’s Kloster, und wie die junge Seele hier erfüllt wurde von den Wundern der Heiligenlegenden und dem Glauben an eine durchaus sündige und verlorene Welt, durch welche allein der Priester und Mönch rein hindurch zur ewigen Herrlichkeit eingehe, das hat er in Bamberg, wo er vom vierzehnten Jahre an studirte, durch die Thal bewiesen. Trotz der an der Hand der Jesuiten eifrig getriebenen klassischen Studien und musikalischen Hebungen blieb sein Geist in religiöser Hinsicht so verdüstert, daß er sich dort heimlich eine Geißel und ein Cilicium (einen Bußgürtel) angeschafft und nächtlich, nach Art der Heiligen, die scheußlichsten Selbstpeinigungen an sich verübt hat, um die mit der körperlichen Entwickelung aufsteigenden sinnlichen Regungen in sich abzutödten. Ja, um ein für allemal mit diesem Theil des Irdischen fertig zu sein, wählte Schad als siebenzehnjähriger Jüngling die heilige Maria zu seiner Braut und vermählte sich im Geiste förmlich mit ihr. Er kaufte sich einen silbernen Ring und opferte denselben dem Wunderbilde der Madonna, das in der Collegienkirche zu Bamberg aufgestellt ist. Zu diesem Trauungsacte hatte er sich durch Beichte und Abendmahl eingeweiht und er legte dabei heimlich das Gelübde der ewigen Jungfrauschaft ab, um sich selbst in die Unmöglichkeit zu versetzen, seine eheliche Verbindung mit der heiligen Jungfrau-Mutter Maria je wieder aufzulösen.

Diese gefährliche geistige und geistliche Spielerei hatte die schlimmsten Folgen. Die im Heiligkeitshochmuth verachtete menschliche Natur rächte sich; was durch die wunderliche stille Hochzeit unterdrückt oder gar vernichtet werden sollte, erwachte nun erst recht, und Schad, welcher als Weltpriester zur Ketzerbekehrung hatte in die Welt hinaus ziehen wollen, entfloh dem unerträglichen Kampfe endlich in einen Beichtstuhl, aus dem ihm der Rath entgegenscholl: vor der höllischen Schlange der Verführung sich in das einzige ihr verschlossene Paradies, in den Klosterstand, zu retten.

[10] So ist Schad zum Mönch geworden. Im Frühjahr 1778 zog er in Banz ein. Er freute sich, wie er später sagte, unaussprechlich auf den Himmel, der ihm auf Erden verheißen war. Und wem, wie jetzt uns, diese Klosterpracht im schönsten Land vor Augen steht, sollte der nicht meinen, hier sei eine Herberge reinsten Menschenglücks gegründet? Dennoch verstand man es hier, allem Menschlichen solchen Zwang und solche Schmach anzuthun, daß schon nach zehn Jahren derselbe Schad als unglücklicher Pater Roman zu dem Ausruf getrieben wurde: ‚Nichts Verruchteres auf Erden als der Mönchsgeist!‘“

Hier wurde Heeringen, der sich in eine liebenswürdige Aufregung hineingesprochen hatte, unterbrochen, indem eine prächtige Ueberraschung über uns kam. Frische, lustige Stimmen wurden laut, und herein zur Terrasse prasselte förmlich eine Schaar von Knaben und Jünglingen, lauter rothbäckige, kerngesunde Bursche mit richtigen Funkelaugen, die einen wahren Waldduft um sich verbreiteten. Rasch machten sie sich über die Aussicht her, sie wußten ziemlich Bescheid, die jungen Leute und ihre Führer, Heeringen half freundlich zum Fehlenden, und so wurde das Stück Natur mit kräftigen Zügen und ohne sentimentalen Aufschrei abgenossen. Zum Dank dafür sang die Schaar, vierstimmig und rein, ein Turnerlied in die schöne Gegend hinein und zog dann, mit flottem Gruß, so flink ab, wie sie hereingekommen war. Sie hatten wirklich Thüringer Waldluft mitgebracht, denn es waren Keilhauer Schüler, wie wir nachher im Wirthshaus erfragten.

„Das war eine Erquickung!“ begann Heeringen wieder. „Nun wird’s uns noch schwerer werden, nach solch einem Anblick an all das Klosterelend zu glauben, welches Schad als Banzer Geheimnisse der Welt verrathen hat. Ich will es kurz machen. Das Knaben-Ideal von Mönchsherrlichkeit verzerrte sich zu einer Wirklichkeit von wahrhaft kindischem Despotismus. Blinder Glaube und blinder Gehorsam ward ihm als erstes Ordensgebet vom Novizenmeister eingeschärft: blinder Gehorsam selbst gegen unmoralisch-erscheinende Befehle der Oberen, denn in diesen hatte er die Stellvertreter Gottes zu verehren und anzubeten, wie ihnen denn überhaupt jede Dienstleistung knieend dargebracht wurde. Der sogenannten Mönchssünden waren unzählige, denn jedes unbedeutendste Versehen galt als eine solche und mußte bekannt werden, indem der Sündige mit dem ganzen Leibe sich vor dem Oberen auf den Boden warf. Trotz dieser Menschenentwürdigung blieb Schad seinem Vorsatz getreu und legte mach seinem Novizenjahr die Klostergelübde als Pater Roman ab.

Anstatt nach diesem letzten Schritt endlich den inneren Frieden zu finden, versank er in einen immer trostloseren Zustand, indem ihn bald sein Dünkel der Mönchsheiligkeit als einen Hochgeweihten über dem allgemeinen Sündenpfuhl der Welt schweben ließ, bald die siegende Sinnlichkeit ihn bis nahe zum Selbstmord trieb. Wie weit die Peinigung in Folge unterdrückter Triebe der Natur ging, ist fast unglaublich. Sogar der Chorgesang ward zur Versuchung, wenn an großen Marienfesten das Brevier mit gewissen Stellen aus dem Hohen Liede ausgeschmückt war. ,Oft‘ gesteht er, ,verfolgte mich der weltliche Sinn der Worte bis zum Throne der Gottheit, denn wenn mir in der heiligsten Umarmung der Braut des heiligen Geistes einfiel, daß dieselbe ebenfalls eine weibliche Brust habe, so mußte ich selbst vor meinem Heiligsten als vor einer sündigen Versuchung fliehen!’

Dieser durch heilige Bilder und Gesänge erregte Kampf gegen die sinnlichen Eindrücke war im Kloster ein sehr verbreiteter, nur äußerte er sich in verschiedener, oft geradezu unfläthiger Weise. Ein schamloser Eiferer gegen Frauen und Frauentracht erwarb sich den den Lieblingsgegenstand seines Hasses genug bezeichnenden Spottnamen: der Brustflecksprediger. Die Meisten suchten den Teufel der Verführung durch heftiges Ausspucken zu vertreiben. – Wenn nun schon die Bilder der schönen Madonnen, das Hohe Lied Salomonis und die ländlichen Kirchenbesucherinnen in ihrer volksthümlich-sittsamen Tracht den Mönchen soviel sinnliche Anfechtungen bereiteten, so können Sie, junger Ketzer, sich einen Begriff von dem Sturm machen, den damals ein fürstlicher Besuch im Kloster herovrrief. Die Herzogliche Familie von Koburg kam zu Gaste zum Prälaten von Banz, und zwar mit dem Herzog und der Herzogin auch deren älteste drei Töchter: die neunzehnjährige Prinzessin Sophie, nachmals Gräfin Meusdorfs, Antoinette, die achtzehnjährige Braut des Herzogs von Würtemberg, und Juliane, damals sechszehn Jahre, später Großfürstin von Rußland, – alle drei von Antlitz und Gestalt in bezauberndster Schönheit strahlend. Vor solchen Gästen, an die sich noch ein Gefolge von Hofherren und Damen schloß, strich der galante Abt alle Paragraphen der Ordensstatuten. Die so entsetzlich gefährliche Gesellschaft flatterte von Zelle zu Zelle, die nie ein weibliches Füßchen betreten, und schließlich sogar in’s Nefectorium, wo eben sämmtliche Mönche zu Tische saßen. Und da geschah denn das Ungeheuere, daß all diese Teufelsspucker und Brustflecksprediger die weiblichen Reize, die sie an der Madonna, nur gemalt und verhüllt, schon zu so erbittertem Kampfe mit dem unheiligen Fleisch entzündeten, nun von frischestem Leben pulsirend und in nächster Nähe vor sich sehen mußten! Viele Wochen lang wirkte das Unheil, das dadurch angestiftet wurde, nach, und wenn je, so bot diesmal der Verdammungslehrsatz ihnen die einzige und letzte Rettung. Mehr ist nie vor- und nachher im Kloster ausgespuckt worden, und täglich hörte man den schwerentpreßten Ausruf: ‚Und sie sind doch nur Ketzer und Teufel, Teufel, Teufel!‘

Der Frevel – Mensch zu sein, erschien als der ärgste in diesen frommen Hallen. Daher waren schon die Klosterpönitenzen dazu angethan, alles Gefühl für Ehre, Selbstachtung und Vernunftwürde gleich im jungen Mönche zu ersticken. Die gewöhnlichste Strafe war das Bodensitzen, bei welchem der Delinquent, während die übrigen Mönche bei Tische saßen, die ihm zugetheilten Speisen wie ein Hund auf dem Boden des Speisesaals verzehren mußte. Der Glöckner hat uns verrathen, daß Schad dazu sehr oft verurtheilt wurde.

Zum Frevel – Mensch zu sein, gehörte ferner die Benutzung der Augen zum Sehen. Die himmlisch schöne Aussicht von den Fenstern der Clausur zu Banz war nur zur Versuchung der Mönche da: wer bei dem Genuß dieser Aussicht ertappt wurde, dem war der Hundetisch sicher. Das Mönchsverdienst dieser Abtödtung der Sinne bezog sich auch auf die Stimme; Vergehen gegen das Schweiggebot wurden ebenfalls streng bestraft.

Die Krone der Entmenschung bestand aber in der doppelten Pflicht, nicht nur jede Lüge, Verleumdung und Lästerung von Seiten der Oberen über sich ergehen zu lassen, sondern auf ihren Befehl sich selbst zu lästern. Und auch dieser Mönchspflicht ward zu Banz im geheimen Innern gehuldigt, während man nach außen sorgfältig die Glorie der Aufklärung wahrte.

Sieben Jahre lang hatte Pater Roman auf diesen Wegen des blinden Glaubens und der Autorität seine Seelenruhe gesucht und nichts als einen zerrütteten Leib und Geist gefunden; da warf eine schwere Nervenkrankheit ihn auf das Lager – und mit seiner leiblichen Genesung trat er in seine geistige Krisis. Zum ersten Mal wagte er, zu prüfen! Die Grundsätze des Mönchsstandes waren der erste Gegenstand, dessen kritische Zerlegung er noch zitternd vornahm. Mit dem Erfolg wuchs ihm der Muth, Schritt vor Schritt gerieth er weiter und endlich bis zu den unfehlbaren Glaubenslehren der Religion selbst. Schon im Jahre 1788 war er an der Hand der Philosophie soweit gekommen, daß er in einem Liede jubelnd ausrufen konnte: ‚Nun bin ich wieder Mensch!

Schon damals hatte er einen so lichtvollen Standpunkt gewonnen, daß er die Fesseln des Mönchthums, die er innerlich bereits abgeworfen hatte, auch äußerlich hätte abwerfen können. ‚Jetzt aber,’ sagt er, ‚entschloß ich mich, diese Fesseln nun mit voller Geistesfreiheit zu tragen, um meinen Glaubensgenossen und Ordensbrüdern nützlich zu werden.’ Im Jahre darauf ging er mit einer Volksschrift gegen das Klosterunwesen heraus, in welcher er namentlich alle Opferstöcke des gewinnsüchtigen Aberglaubens der Mönche umwarf und ihre Thorheiten mit der Geißel der Satire peitschte. Von diesem Augenblick an ward das bisherige Fegefeuer des Klosters ihm zur Hölle, die er selbst durch jede neue Schrift nur stärker heizte. Man zieht den Hut ab vor einem Helden der Ueberzeugung, der noch zehn Jahre lang den Kampf im Kloster gegen die gefährlichsten Feinde, seine mächtigen Oberen, kühn und offen fortsetzte. Zu welchen Mitteln diese Oberen endlich griffen, um den lästigen Mönch – nicht etwa los zu werden, denn dagegen setzten sie jede Vorsicht in Bewegung, sondern zum Schweigen zu bringen, das erzähle ich Ihnen heute nicht, das lesen Sie später selbst in seiner ,Lebens- und Klostergeschichte’, in welcher der Befreite eine erschütternde Beichte über seine Vergangenheit vor der ganzen Nation ablegt. Erst als Schad sein Leben selbst gefährdet [11] erkannte, als man ihn in jenes Krankenzimmer einsperrte, um ihn andern Tags nach irgend einem stillen Gefängniß zu schaffen, da entschloß er sich, in der Mitternacht des 12. November 1798, als der Glöckner eben das Fest aller heiligen Mönche einläutete, zu jener waghalsigen Flucht, die, Dank der Kletterfertigkeit des ehemaligen Bauernjungen, so glücklich gelungen ist.“

„Gottlob!“ rief ich, Heeringen dankend die Hand für seine Mittheilung reichend, – „es wird Einem selber wohl in dem Mitgefühl dieser so schwer gewonnenen Freiheit. Die Banzer Klosterpracht aber sickert arg zusammen vor diesem Lebensbild. Ich glaube, wir werden heute unsere alte Veste Koburg mit ihrer bescheidenen Lutherstube viel stolzer begrüßen.“

„Und das wollen wir, nachdem wir uns erst gründlich gestärkt,“ erwiderte Heeringen. – So geschah es, und das war die Maifahrt nach Banz, die ich erzählen wollte.

Im Herbst desselben Jahres stand ich als glücklicher Jenenser Student an dem Grabe des armen Mönchs und Professors der Philosophie. Das Leben hatte ihm noch die höchsten Freuden gegönnt. Damals über Koburg und Ebersdorf nach Jena entkommen, trat er hier als Privatdocent auf, die Studenten strömten ihm zu, und wie im Hörsaal blühte auch in der Familie, die er nun gründen konnte, ihm das Glück. Es war ein gerechter Stolz, mit welchem er von sich sagte: „Nackt ging ich gleichsam aus dem Kloster, und nun habe ich Alles, was ich bedarf. Alles, was ich bin, bin ich durch mich selbst geworden. Wie in mich selbst gewurzelt, erhob ich mich zu der Blüthe des Glücks, dessen ich mich mit meiner Familie erfreue.“ Zu seinen zahlreichen philosophischen Schriften und Vorlesungen stellte er sich anfangs auf die Seite Fichte’s, des kraftvollen Denkers und freimüthigen Forschers, wandte sich aber bald der Schelling’schen Schule zu, die er mit seinem immer noch regen religiösen Bedürfnisse leichter in Einklang zu bringen vermochte. Später folgte er einem Rufe als Professor und Collegienrath nach Charkow, wurde aber 1816 wegen einer freisinnigen Aeußerung aus Rußland verbannt und kam als Sechszigjahriger, von einer neuen Zeit Ueberflügelter nach Jena zurück. Er erhielt zwar eine Professur, aber die Jugendleiden rächten sich nun am Alter, und nach fast dreizehnjährigen Krankenlager, die bittere Armuth zum Genossen, war er am dreizehnten Januar desselben Jahres gestorben, in dessen Mailuft wir den alten Glöckner seinen Tod verkündeten.

Auch der edle Gustav von Heeringen ruht nun schon seit fast achtzehn Jahren im Grabe. Still und einsam, wie er, mit redlichem Fleiß bis an sein Ende, gelebt hatte, so ging er heim. Seine durch Erfindungsgabe, Adel der Gesinnung und Anmuth der Darstellung ausgezeichneten Schriften haben es ihm verdient, daß sein Andenken vom deutschen Volke geehrt und seine Grabstätte ihm erhalten werde. Wer in Koburg vom Residenzschloß her durch die sogenannte untere Anlage zum alten Gottesacker geht, sieht an der höchsten Stelle die Mauer desselben durchbrochen. Ein Schritt hinein, und wir stehen vor der Stätte, wo der Dichter zwischen Mutter und Schwester ruht. Eine Steinplatte an der Mauer nennt die lieben Namen. Ein anderes Denkmal schmückt sein Grab nicht. Möge dieses Blatt als ein solches gelten, das ihm Dankbarkeit und treue Freundschaft gewidmet hat!

[568]
2. Ein Jesuitenzögling und Jünger vom heiligen Barnabas.

Der k. k. Arsenal-Inspektor Reinhold in Wien war ein tapferer Mann von fröhlichem und gutem Herzen. Im Heere der Kaiserin Maria Theresia hatte er als Subalternofficier den österreichischen Erbfolgekrieg mitgemacht, war am Arm schwer verwundet und dann als kriegsuntüchtig, aber wohlverdient, mit einem Inspectorposten am Wiener Arsenale belohnt worden. Wenn der Vater Uniform und einen Degen trägt und selbsterlebte Kriegsgeschichten erzählen kann, so fährt den Knaben, der Familie von selbst der Soldat in alle Glieder, ja sogar die Mädchen nehmen etwas Militärisch-Frisches in ihrem Wesen an. Wie war es möglich, daß von den sieben Kindern Reinhold’s gerade der älteste Sohn, allem Kriegerischen abhold werden und sich mit entschieden ausgesprochener Neigung dem geistlichen Stände zuwenden konnte?

Der Arsenal-Inspector Reinhold huldigte, nach der im ganzen Süden Deutschlands herrschenden Sitte, war seine Amtspflicht erfüllt, den Freuden der Geselligkeit außer dem Hause, die ohnedies in der fröhlichen „Kaiserstadt“, von je verlockender waren als irgendwo. Er liebte seine Familie, sein gutes Herz hing an seinen Kindern und er that für die Ausbildung derselben, was er vermochte indem er das nöthige Geld dazu hergab, aber das Uebrige der Mutter und das Lehrern überließ. Der Mutter Trost und Stolz war natürlich der älteste Sohn, sein Verständniß harmonirte zuerst mit dem ihren, er mußte als Aeltester den Vater im Hause ersetzen, ihm schüttete sie ihr Herz aus, ihre Wünsche wurden die seinen und wenn es der Mutter höchster Stolz und seligste Zukunft war, ihren Karl Leonhard einst als geweihten Priester am Hochaltar zu schauen, sollte der sanfte, fromme Sohn einen höheren Wunsch kennen? – Der junge Reinhold war im Geiste längst Priester, ehe er in seinem vierzehnten Spätherbst 1772.aus der obersten Classe des Gymnasiums als Novitius in das Probhaus des Jesuitencollegiums zu St. Anna in Wien überging.

Daß dieser Uebergang den Eltern und dem Knaben möglichst leicht gemacht wurde, dies eröffnet uns den ersten Blick auf das klügste Gewebe, welches je ein Netz zum Geisterfang vollendet hat. Auch unter den Lehrern des Gymnasiums waren Jesuiten, offenbar mit der besondern Verpflichtung, aus der Schülerzahl die tüchtigsten Köpfe für ihren Orden zu gewinnen. Des jungen Reinhold Lernbegierde, Fassungskraft und hingebende Frömmigkeit versprachen genug, um ihn nicht aus dem Auge zu lassen.

Der Sohn war aus dem Elternhause geschieden. Hatte die Mutter bei ihrer einsamen Lampe, wenn sie ihre Kleinen zur Ruhe gebracht, und wenn ihr Geist den liebsten Sohn in ihrer Zelle heimsuchte, wohl eine Ahnung, daß es eine Gewalt und eine Hinterlist in der Welt gäbe, welche sich an das Unglaubliche wagte, das Bild, das Andenken der Mutter aus dem Herzen dieses Wahns zu reißen? – Und doch war dies möglich, ja es war vollkommen gelungen, und zwar binnen kürzerer als Jahresfrist!

Am zwölften September 1773 wurde in Wien, die Aufhebung des Jesuitenordens durch den Papst Clemens den Vierzehnten verkündet, in Folge deren auch die Zöglinge von St. Anna ihren Familien zurückgegeben werden mußten. – Am folgenden Tage schrieb der junge Reinhold aus dem Probhaus seinem Vater einen Brief, in welchem er uns so unbefangen in diese Anstalt einführt, als müßte Jedermann in ihr das Heiligthum sehen, als welches sie vor seinen Augen stand. Wir bewundern die Darstellungsgabe des fünfzehnjährigen Jünglings, auch wo wir auf Aeußerungen, stoßen, an deren Wahrheit wir zweifeln möchten, wenn nicht die Wahrhaftigkeit des Mannes, welchem wir die Veröffentlichung dieses Briefes verdanken und den wir später noch zu nennen haben, jeden Zweifel zurückwiese. Da der Inhalt dieses Briefs zugleich den Hauptgegenstand unsres Artikels ausmacht, so muß ich alles Wesentliche wörtlich. aus demselben mittheilen. Er beginnt:

„Gnade und Friede unseres Herrn sei mit Ihnen, bester Herr Vater!

„Nun ist denn also das Strafgericht, das dem Unglauben und der Sittenlosigkeit unser heutigen Welt und leider auch der Lauigkeit unserer Novizen so lange her angedroht wurde, endlich über uns ausgebrochen! Unsere heilige Mutter, die Gesellschaft Jesu, ist nicht mehr! – – Aber der Herr ist gerecht, und wir werden nicht ungewarnt gezüchtigt. Die Weissagung an die gesammte Christenheit: ‚Ich werde den Hirten schlagen und die Schafe werden Zerstreut werden‘, und die Drohung an unsere Novizen: ‚Weil ihr weder kalt noch warm seid, will ich euch aus meinem Munde ausspeien‘, waren doch so deutlich. Unser Pater Rector hat sie uns wohl hundertmal wiederholt, und wer hat sich daran gekehrt? Ich kann und will meinen Nächsten nicht richten; aber von mir selbst muß ich’s zu meiner wohlverdienten Schande sagen, daß mein ungeistliches Betragen allein sträflich genug war, um der Langmuth Gottes ein Ende zu machen.“ –

So spricht ein junger Mensch von fünfzehn Jahren! Welche Ungeheueres hat wohl der Arme verbrechen können, um der Langmuth Gottes ein Ende zu machen, er, der, durch die Mauern der frommen Anstalt von der sündigen Welt abgesperrt, keinen anderen Umgang hatte, als den mit seinen eben so streng bewachten Genossen und den Lehrern und Oberen des Hauses?

Offenbar war der stets bestunterrichtete Orden über den bevorstehenden Act seiner Aufhebung längst nicht mehr in Zweifel. Um so notwendiger war es gewesen, in den Novizen ein Vorgefühl des drohenden Unheils zu erzeugen. Wie man dies anfing, darüber haben wir soeben eine Andeutung erhalten: die Hinweisung auf die abscheuliche Sündhaftigkeit der Welt. Wir werden von Reinhold aber noch näher unterrichtet. Schon einige Monate vorher wurde den Novizen im Refectorium eine „Encyklika“ des Pater Generals vorgelesen, „welche durch alle Welttheile herumgeschickt wurde und Alle zum gemeinschaftlichen Gebete und zu außerordentlichen Bußwerken aufforderte, um ein großes Uebel, welches dem Orden und der Christenwelt bevorstände, abzuwenden.“

Nun galt’s, in den Novizen die Ueberzeugung zu befestigen, daß sie selbst zur Rettung des Ordens wesentlich beitragen könnten, Es war Regel, daß der Pater Provincial bei seiner gewöhnlichen Visitation ihnen einen vollkommenen Ablaß ankündigte. Diesen Ablaß, ihr heiliges Besitzthum, sollten nun die Novizen sammt dem noch besonders erworbenen „hohen Verdienst ihrer heimlichen Gewissensrechenschaft“ – für die Zwecke des Pater Generals aufopfern. Den „Ketzern“ unter unsern Lesern wird es schwer werden, sich in diesem Sünden-Conto zurechtzufinden. Die Zöglinge besaßen also die Vergebungszusicherung für ihre begangenen Sünden und noch einen Vorrath von „Verdienst“ als eine Art Credit von Vergebung für zukünftige Sünden. Diesen gesammten Gewissensschatz sollten sie aufgeben und mit ihren gesammten Sünden behaftet bleiben – Alles zur Rettung ihres Ordens aus dem nur durch die größten Opfer zu versöhnenden Zorn Gottes. Um dies den jungen Leuten noch eindringlicher zu machen und ihnen zu einer Gewissenserleichterung zu verhelfen, ließ der Pater Rector ein wunderthätiges Madonnenbild auf der Treppe des zweiten Stockwerks des Probhauses auf das Prächtigste ausschmücken und die Novizen vor demselben durch drei Tage und Nächte Betstunden halten. Während dieser ganzen Zeit nahmen die Novizen ihre Speisen auf dem Fußboden sitzend und die Patres knieend ein. Dazu setzten alle Büßer Strohkränze oder Eselskronen auf, wie solche überhaupt von den Jesuiten bei der Tafel statt der Baretts auf dem Haupte zur Bußübung getragen wurden. Endlich erhielt jeder Novize außer den öffentlichen allgemeinen Dorsaldisciplinen, d. h. den Geißelstreichen, welche er sich auf den Rücken, zwischen den Schultern selbst zu versetzen hatte, noch die besondere Erlaubniß auf alle Tage für eine „spanische Disciplin“, bei welcher die Geißelstreiche ein paar Spannen tiefer anzubringen waren.

Nach solchen Vorbereitungen konnte man die jungen Seelen für genügend befähigt halten, die Aufhebung des Ordens zu erfahren ohne Schaden für ihre fernere Hingebung an denselben. Bei der Erzählung dieser Thatsachen erfahren wir zugleich, daß es nicht blos in einigen verwahrlosten Alpendörfern oft gerügte und ebenso oft bestrittene Unsitte ist, Gebete wie Spielmarken zu mißbrauchen und die Verpflichtung zum Ableisten derselben als Gewinn und Verlust beim Karten und Kegeln zu verwerthen, sondern daß hier in der Jesuitenschule dieser Unfug mit aller Salbung prakticirt wurde Reinhold erzählt:

„Wir brachten den letzten Donnerstag, wie gewöhnlich [569] außerhalb der Stadt in unserem Garten zu und waren Alle unter einander recht fröhlich im Herrn. Ich gewann auf dem Billarde zwölf Ave Marias, die Strottmann, und auf dem Bosselplatze (d. h. auf der Kegelbahn) wiederum fünf andere, welche Poller für mich beten mußte.“

Welcher Mutter, die die reinste Andacht mitfühlt, wenn sie ihr Kind beten lehrt, schaudert es nicht in tiefster Seele vor solcher Entwürdigung der schönen frommen Erhebung zu Gott im Gebet! Herausgespielte und herausgekegelte Gebete unter priesterlicher Leitung! Welche „Fröhlichkeit im Herrn“! –

Als diese jungen Gebetspieler von ihrem christlichen Vergnügen um sieben Uhr Abends nach Hause gingen, überraschte es sie nicht wenig, gleich beim Eintritt an der Pforte ihren Pater Rector und alle Patres und Fratres mit ihren Flügelröcken angethan in zwei Reihen aufgestellt zu finden. Die Regel des Stillschweigens, die mit dem ersten Tritte in die Stadt auch an Recreationstagen den Novizen auferlegt ist, verbot ihnen, nach der Ursache dieser seltsamen Erscheinung zu fragen. Es gehörte zur gründlichen Zerknirschung der jungen Seelen, den Leidensbecher tropfenweise zu leeren. Stillschweigend, obwohl der peinigendsten Neugierde voll, gingen sie in das „Museum“, wie der Saal genannt wurde, in welchem die Novizen sich den Tag über aufhielten. Hier erschien der „charissimus Manuductor“ (wörtlich: der theuerste Handleiter), derjenige Novitius, welchem die untergeordnete Aufsicht über alle seine Mitbrüder anvertraut war und der ihnen jede von dem Pater Rector auferlegte Verrichtung in ganz besonderer Weise zu verkündigen hatte. Er klingelte nämlich erst einmal, woraus alle Novizen von ihren Stühlen aufstanden, dann klingelte er noch einmal, und da mußten Alle auf die Kniee fallen und den Befehl erwarten, den er nach dem dritten Klingeln gab, und welche hochwichtige Dinge waren es, die eine solche demuthsvolle Vorbereitung bedurften? Sie wurden entweder zum Lesen, oder zum Tafeldecken, oder zum Auskehren der Gänge etc. aufgefordert! – Wir finden hier dasselbe Herabwürdigen des Menschengefühls, unter welchem unser Benedictiner von Banz gelitten! – An jenem Abend sagte der „Manuductor“ Lesung der Lebensgeschichten der Heiligen des Ordens an. „Ich meinerseits,“ gesteht in seinem Briefe Reinhold, „konnte vor Unruhe und Neugierde keine Zeile Sinnes auffassen.“

Und als Reinhold vor dem Schlafengehn an der Schatzkammer vorbeiging, fand er sie mit einem großen kaiserlichen Siegel besiegelt, – und „nun ahndete ihm nichts Gutes mehr.“ – Trotzdem verlief den Zöglingen noch der ganze andre Tag ohne Erlösung aus der Ungewißheit, und erst als sie am Abend aus dem Dormitorium (Schlafsaal) von der „spanischen Disciplin“ zurückkamen, wurde von einem Domherrn der Metropolitankirche auch ihnen die päpstliche Bulle verlesen und ihre Entlassung aus dem Probhause angekündigt.

Alle brachen in lautes Wehklagen aus, und in diesen sattsam aufgelockerten Boden streute nun der Pater Rector den Samen seines Trostes und seiner Ermahnung. Er beschwor die Jammernden, auch der todten heiligen Mutter treu zu bleiben, mit Hinweisung auf deren mögliche Auferstehung, und warnte sie vor der Verführung aus dem Orden. Es hatten nämlich mehrere Prälaten, Aebte und Pröpste anderer Klöster in das Noviciat geschickt und denjenigen Novizen, welche geistlich bleiben wollten, ohne Weiteres ihre Ordenskleider angeboten. – „Wieder eine Schlinge des arglistigen, sich in einen Engel des Lichts so oft verstellenden Teufels, der ja wohl weiß, wie der Pater Rector sagte, daß die Gesellschaft Jesu keinen, der einmal das Kleid eines andern Ordens getragen hat, vermöge ihrer Grundverfassung unter die Ihrigen aufnehmen könne!“

So fest steht der junge Jesuit! Aber vollständig zeigt er sich erst in dem Folgenden, in welchem wir das Kind, den Sohn, den Menschen am furchtbaren Abgrund sehen. Er schreibt:

„Mir fiel nun wohl ein, daß ich wieder zu meinen lieben Eltern nach Hause müßte. Allein da mich das Gesetz der Liebe noch immer an meine heilige Regel hielt, so wagte ich es nicht, mit Wissen und Willen an Sie (seinen Vater, an welchen ja der Brief gerichtet ist) und an das elterliche Haus zu denken. – – Ein so eifriger Christ, wie Sie, mein bester Papa, weiß beinahe so gut als ein Geistlicher, daß es heiligere Bande giebt, als jene der sündhaften Natur, und daß ein Mensch, der dein Fleische abgestorben ist und nur noch dem Geiste lebt, eigentlich keinen andern Vater mehr haben könne, als den himmlischen, keine andere Mutter als seinen heiligen Orden, keine andern Verwandten als seine Brüder in Christo, und kein anderes Vaterland als den Himmel.

– – – Die Anhänglichkeit an Fleisch und Blut ist, wie alle Geistlehrer einstimmig behaupten, eine der stärksten Ketten, mit denen uns Satan fest an die Erde schmieden will. Ich hatte auch wirklich mit diesem Erbfeinde unsrer Vollkommenheit gestern Abend, die Nacht und den heutigen Morgen über einen fast eben so beschwerlichen Kampf, als gleich im Anfang meines geistlichen Standes. Denn alle Augenblicke zauberte er (NB. der Teufel!!) mir Papa und Mama, Brüder und Schwestern, Onkel und Tanten, selbst unser Stubenmädchen nicht ausgenommen, vor die Augen des Geistes. Sie können sich die Gewissensangst vorstellen, die ich aus zustehen hatte, bis endlich heut neun Uhr Morgens der Mannductor ankündigte: der Pater Rector erlaube uns allen, an unsre Angehörige zu schreiben und sie aus unsere Zurückkunft vorzubereiten. Zu größerer Beruhigung meines Gewissens begehrte ich für meine Person vom Manuductor insbesondre Erlaubniß, nicht nur beim Schreiben, sondern auch sonst den Tag über an meine nächsten Blutsfreunde denken zu dürfen. Ich erhielt sie auch, die Zeiten der Meditation, der geistlichen Lesung und des Angelus Domini (,der Engel des Herrn’ – Früh, Mittag- und Abendgebet) ausgenommen. Den leidigen Versucher noch mehr zu quälen und mir noch obendrein das Verdienst des Gehorsams zu machen, ging ich vor dem Schreiben zu unserm Pater Rector selbst aus die Stube und ersuchte ihn, mir das Nachhauseschreiben in Kraft des heiligen Gehorsams zu befehlen.

Diese Stelle des Briefs habe ich vollständig mittheilen müssen, denn noch nirgends ist das innerste Geheimniß der furchtbaren Gewalt des Jesuitismus über die Seinen offener, ehrlicher dargelegt, als von diesem Jüngling mit der vom blindesten Glauben völlig befangenen Seele. Vater, Mutter, Vaterland, Menschheit – Alles geht im Orden und im „heiligen Gehorsam“ auf! – Zu naiv, um zu verletzen, aber immerhin andeutend genug, was bei gehöriger Ausbildung aus ihm hätte werden können, trat auch der geistliche Hochmuth des Fünfzehnjährigen gegen die Familie auf.

„Zu Hause,“ schreibt er, „werde ich nach aller Möglichkeit indessen (d. h. bis zu der gehofften nahen Wiedererstehung des Ordens) die Lebensart fortsetzen, die ich hier nun, Gottlob! so ziemlich erlernt habe. Ich bitte Sie daher, mir das Zimmer mit dem besondren Eingang in den Vorsaal, wo jetzt unser altes Hausgeräth steht, einzuräumen und zwar dasselbe durch unsern Johann zurechte machen zu lassen. Von nun an soll weder Hausmagd noch Stubenmädchen, noch auch eine meiner Schwestern selbst hineinkommen. Meine liebe Mama aber lasse ich erinnern, daß der heilige Alohsins seiner fürstlichen Mutter niemals in’s Angesicht sah. – – – Ich werde in der Welt leben, ohne der Welt zu leben. – Ich weiß, wie bereitwillig Sie mir zu meinen guten Absichten Ihre Hände bieten werden. Sie werden auf diese Weise auch Vater von der Seele werden, wie Sie es bisher nur von dem Leibe waren Ihres gehorsamsten Sohnes und Dieners in Christo.“

So schrieb der Sohn an den Vater, so behandelte er die Schwestern, so die einst angebetete Mutter! Soweit hatte es der Jesuitismus bereits mit dem fünfzehnjährigen Karl Leonhard Reinhold gebracht!

Wer Reinhold’s Namen und Bedeutung in der Wissenschaft nicht kennt, der kann wohl hier ausrufen: „Dieser junge Mensch ist für Wahrheit, Recht und Licht für immer verloren!“ Unsere Ueberschrift verräth jedoch schon das Gegentheil, und für diesen Kreis unserer Leser setzen wir gleich die volle Wahrheit her: zehn Jahre später entflieht dieser Jesuitenzögling als freisinniger philosophischer Schriftsteller aus Wien nach Leipzig, im folgenden Frühling (1784) begiebt er sich, weil sein Aufenthaltsort von Leipziger Jesuiten nach Wien verrathen ist, nach Weimar, zwei Jahre darauf ist er Wieland’s Schwiegersohn, wird dann Professor in Jena, später in Kiel, und hinterläßt nach einem langen, glücklichen Familienleben den Ruf eines der edelsten Menschen, der tiefsten Denker und eines Schriftstellers, der am Himmel unserer philosophischen Literatur für alle Zeit als einer der hellsten Sterne glänzt.

[570] Wie ward solch’ ein Wunder möglich? – Auch diese Frage beantwortet sich einfach: die Freiheit' hat’s gethan!

Als nach Jahresfrist die vorn schlauen Pater Rector von Sanct Anna in Aussicht gestellte Wiederbelebung der todten „heiligsten Mutter“ nicht in Erfüllung ging, trat Reinhold, welcher dem gewählten Berufe treu bleiben wollte, in das Barnabitencollegium, das neben der demselben anvertrauten Michaeliskirche in Wien wohl noch heute seinen Sitz hat. Dieser Orden war 1536 in Mailand gestiftet, nach der ihm dort eingeräumten Kirche des heiligen Barnabas genannt und wurde durch den redlich verfolgten Zweck, „zur Verbesserung der Sitten und der Kenntnisse des katholischen Clerus beizutragen“, für Reinhold zur geistlichen und geistigen Heilanstalt. Später, als völlig freier Mann und in einer Schrift „zur Ehrenrettung der lutherischen Reformation“ hat Reinhold den Orden als einen „unmönchischen“ gerühmt, in dessen Schooß er für seine Geistesbildung nur Aufmunterung und Belohnung gefunden habe. So kluge und treue Hände mußten dem armen Verirrten zu Hülfe kommen, um ihn aus der Verstrickung zu erlösen, in welche die Jesuiten jede Thätigkeit seines Seelenlebens gelegt hatten. Und nachdem in ihm der Mensch wieder zu Ehren gebracht und der Muth des Denkens geweckt war, trieb das angeborene Talent ihn so rasch vorwärts, daß er, der Zweiundzwanzigjährige, zu Michaelis 1780 zum Novitienmeister und Lehrer der Philosophie an diesem Collegium ernannt werden konnte.

Dennoch war er noch bergetief von seiner späteren wissenschaftlichen Höhe entfernt. Wäre in diesem Jahre, wo Maria Theresia das Zeitliche segnete, ein Metternich’sches oder Bach’sches System zur Regierung gekommen, so würde Reinhold schwerlich bis zum Abwerfen der letzten geistlichen Fessel vorgeschritten sein. Da ging die Sonne der ewig erhebenden „josephinischen Zeit“ über Oesterreich auf; „Aufhebung der Censur“ erscholl es aus des Kaisers Hofburg, und nun war der Augenblick da, wo die begabten Köpfe des Volks sich emporreckten, die verwandten Geister sich suchten und zu freudigem Wirken sich aufrafften. Eine Schaar Gesinnungsgenossen, zum Theil ehemalige Mitdulder von Sanct Anna, trat jetzt mit Reinhold zu einem Bund zusammen, der, die Form der Freimaurerei annehmend, sich „Loge zur wahren Eintracht“ nannte und in der „Wiener Realzeitung“, in einem eigenen „Freimaurerjournal“ und in besonderen Schriften einen kühnen Kampf gegen Aberglauben und Schwärmerei und vor Allem gegen das Mönchswesen begann. Zu diesem Bund gehörten der Sprachgelehrte und Dichter Denis (Sined), Johann Baptista von Alxinger, Franz Joseph von Raschky, Verfasser des seiner Zeit berühmten heroisch-epischen Gedichts „Melchior Striegel“, Blumauer, Gottfried von Leon, Herausgeber des „Wiener Musenalmanach“, Lorenz Leopold Haschka und vor Allen Ignaz von Born, „ein Wohlthäter der Menschheit in vieler Hinsicht“, denn er glänzt nicht blos als einer der größten Mineralogen und geologischen Forscher aller Zeiten und Völker, sondern der ehemalige Jesuit hat durch seine „Neueste Naturgeschichte des Mönchthums“ als „Ignaz Loyola Kuttenpeitscher“ über den verhaßten Orden ohne Zweifel die schärfste Geißel geschwungen, die derselbe je zu empfinden hatte, und die er um so bitterer empfand, als diese Schrift damals in viele Sprachen übersetzt wurde, so daß ihre Geißelhiebe über halb Europa reichten.

Reinhold’s Thätigkeit in diesem Kreise war die der wissenschaftlichen Kritik. Unter Blumauer’s Redaction (seit 1781) lieferte die Wiener Realzeitung eine vollständige Uebersicht der neuesten österreichischen Literatur in Anzeigen oder Beurtheilungen. Fertigte man unter der Ueberschrift „Maculatur“ oder gar „Erzmaculatur“ schlechte Producte kurz genug ab, so zeichneten sich dagegen die ausführlichen Recensionen um so mehr durch Gediegenheit des Urtheils und weise Mäßigung aus; die über Theologie und Kirchenwesen sind durch drei Jahrgänge sämmtlich aus Reinhold’s Feder geflossen.

Nichts lag näher, als daß dem jungen, redlich strebenden Manne das Mißverhältniß zwischen den Standpunkten und Berufspflichten seines inneren und seines äußeren Menschen immer auffallender und lästiger werden mußte. Er hatte die angeborenen Menschenrechte durch geistliche Gelübde in einem Alter aufgegeben, wo er ihren Werth noch nicht zu erkennen vermocht; jetzt erkannte er es als seine Pflicht, diesem falschen Zustande ein Ende zu machen. Seine Eltern lebten nicht mehr, seine Geschwister bedurften seiner Hülfe nicht, seine Freunde mußten ihm beistimmen. So benutzte er denn 1783 die Herbstferien des Barnabitencollegiums zu einer Erholungsreise, die er bis nach Leipzig ausdehnte und von der er nicht wiederkehrte.

Hier stehen wir am Schluß unseres Artikels. Der Leser weiß bereits, daß auch aus diesem Mönch ein Professor der Philosophie und sogar au zwei protestantischen Hochschulen geworden ist. Ein Eingehen auf die literarische Thätigkeit dieses großen Philosophen liegt nicht in der Aufgabe der Gartenlaube. Ist es doch kaum möglich, dem nicht zu den philosophischen Fachleuten gehörigen Publicum der Gegenwart die Bedeutung dieser Wissenschaft zu Ende des vorigen und Anfang dieses Jahrhunderts vollkommen klar zu machen. Daß die Erscheinung von Kant’s „Kritik der reinen Vernunft“ ein Ereigniß für die Bewegung der Geister und die Entwickelung des Geistes war, so groß wie irgend eine der großen Entdeckungen und Erfindungen, begreift jetzt Niemand mehr. Die ganze Zeit war von dem Streben in die Tiefe und zu den Ideen durchdrungen und die studirende Jugend ist dieser Zeit lebendigster Ausdruck. Als Reinhold im Herbst 1793 die Berufung nach Kiel angenommen, richtete der größte Theil der akademischen Bürger Jena’s, fast tausend Studenten, ein Schreiben an ihn, in welchem er in wahrhaft ergreifenden Worten beschwören wurde, seinen Entschluß aufzugeben; die Studenten erboten sich, selbst seinen Gehalt zu erhöhen, um sich den geliebtesten Lehrer der Philosophie zu erhalten. So hoch stand der Mann und so hoch damals seine Wissenschaft! –

Wohl mochte es Einzelne geben, welche, wie der Weltgeschichts-Chronolog Kohlrausch so schön andeutet, vielleicht eine Gefahr darin sahen, daß die Betrachtung und das Wort zu sehr auf Kosten des Lebens und der That gepflegt wurde; als aber die Zeit der Noth über das deutsche Vaterland kam, haben die Gelehrten und die Studenten jener Tage gezeigt, daß die Ideen auch Kraft zum Handeln geben. –

Karl Leonhard Reinhold ist am 10. April 1823 in Kiel, fünfundsechszig Jahre alt, gestorben. In jeder Beziehung glücklicher als sein Leidens- und Strebensgenosse Johann Baptist Schad, der Märtyrer von Banz, der das Bild seines Lebens selbst mit schmerzendem Griffel zeichnen mußte, hat Reinhold in einem ebenbürtigen Sohne nicht nur später einen Nachfolger auf seinem Lehrstuhle der Philosophie in Jena, sondern auch einen Biographen gefunden, der des Vaters „Leben und literarisches Wirken“ auf das Würdigste darzustellen vermochte: Ernst Reinhold, dem ich als meinem Lehrer Dank und Verehrung schulde. Auch er gehört nun schon seit vierzehn Jahren zu den vielen großen Todten des kleinen Jena.

Friedrich Hofmann.