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Autor: E. Marlitt
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Titel: Im Schillingshof
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 14–39
Herausgeber: Ernst Ziel
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1879
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Im Schillingshof.
Von E. Marlitt.


1.

„Der Schillingshof“ hieß es, das herrliche, alte Haus, nahe der Benediktinerkirche; im Volksmund aber war und blieb es „das Säulenhaus“, ob auch die Neuzeit ganze Straßenfronten mit Säulen und Säulchen schmückte und so eigentlich die Auszeichnung aufhob. Ein Benediktinermönch hatte das Haus gebaut.

In jenen Zeiten, wo die Beherbergung von Reisenden noch kein städtisches Gewerbe war, nahmen sich die Klöster und Ritterburgen der durchziehenden Fremden an. Mancher Klosterorden errichtete zu diesem Zweck ein Hospiz auf seinem Grund und Boden – so war das Säulenhaus entstanden. – Das Kloster war ein sehr reiches, und Bruder Ambrosius, der Baumeister und Bildhauer, war schönheitstrunken von Italien heraufgekommen; zudem galt es, ein standeswürdiges Logement zu schaffen für gefürstete Häupter und hochgräfliche Herren, die mit Ehegemahl und Gefolge oft des Weges daherzogen und gern an das Klosterthor klopften. Dies Alles machte, daß sich neben dem plumpen Giebelbau des Bruderhauses jene köstliche Façade erhob, die auf einem hallenartigen, weitgeschwungenen Säulengang ein Obergeschoß mit halbrundbogigen Fenstern trug und in jeder Bogenfüllung, auf Consolen und Friesen und auf den Pfosten der mächtigen Rundbogenthür, innerhalb der offenen Halle, den bewunderungswürdigen Schmuck einer ganzen steinernen Vegetation zeigte.... Während der Oberbau zu beiden Seiten zurücktrat, lief das Erdgeschoß mit seinem Säulengang um je drei Fenster flügelartig weiter; so stieß nur dieses untere Stockwerk hart an die südliche Klosterwand und bildete, durch Steinbalustraden gekrönt, zwei luftige Seitenterrassen, auf welche verschiedene Thüren des Obergeschosses mündeten.

Was dieser Fremdling auf deutschem Boden in jenen versunkenen Zeiten erlebt und gesehen, davon wußte das neunzehnte Jahrhundert nur wenig. Damals hatte das Benediktinerkloster außerhalb der Stadt, im freien Felde gelegen; nur einige Lehmhütten hatten sich wie versprengt am gegenüberliegenden Saume der Heerstraße in das Strauchwerk geduckt und kaum die Holzladen ihrer Fensterlöcher gelüftet, wenn Abends Pferdegetrappel und herrische Stimmen vor der gewaltigen, die Klostergebäude umschließenden Mauer laut geworden waren.

Der grell auftauchende Flammenschein der Pechfackeln im Hofraume, der infernalische Lärm, den die tobenden Klosterhunde und die Reisigen mit ihren wiehernden und stampfenden Rossen verursachten, erlosch nach kurzem wie ein toller Spuk, und die Hüttenbewohner krochen neidisch in ihre Höhlen zurück; denn so viel wußten sie, daß das Kloster einen herrlichen Wein schenkte und seine Schlöte Tag und Nacht dampften.... Drin aber, hinter den teppichverhangenen Fenstern der weiten Säle flimmerte das Licht dicker Wachskerzen von den eisernen Reifen der Deckenleuchter, und die hochgeborenen Herren und Frauen, der beengenden und verhüllenden Reitertracht ledig, sammelten sich um die langen, mit dem fürstlich reichen Silbergeschirr des Abtes beladenen Eichentische. Da kreisten die Becher oft bis weit über Mitternacht; die Würfel klirrten, und die fahrenden Spielleute, denen drüben im Bruderhause zur nächtlichen Rast Stroh auf die Steinfließen geschüttet worden, sie durften kommen und aufspielen, so lange die müden Finger und Kehlen aushielten.

Sie kamen oft, von verschiedenen Seiten her, die großen und mächtigen Herren, um in dem durch Klosterschutz gefeiten Säulenhause geheime Vereinbarungen zu treffen; manche wichtige Urkunde aus jenen Zeiten bezeichnet das Benediktinerkloster als den Ort ihres Ursprunges. Und die Herren Benediktiner hatten sich nicht schlecht dabei gestanden. Sie waren stets, ohne im Säulenhaus gegenwärtig zu sein, lediglich vermöge ihres Scharfsinnes, ihrer feinen Combinationsgabe, den geheimen Verhandlungen ihrer Gäste gefolgt, und dieses oft an das Wunder grenzende Wissen hatte ihnen einen unberechenbaren Einfluß ist die Hände gespielt.

Später, zu Ende der Reformation, wanderten die Klosterbrüder aus. Das Säulenhaus und den größeren Theil von Wald, Wiesen und Feld brachte das Geschlecht Derer von Schilling an sich, die kleinere Hälfte aber und das Kloster selbst mit seinen Wirtschaftsgebäuden kam in die Hände des Tuchwebers Wolfram. Die von Schilling brachen die hohe Mauer weg, die das Säulenhaus von der Heerstraße trennte, und verlegten sie, so hoch sie war, zwischen ihr Grundstück und das des Tuchwebers, denn dazumal war eine freundnachbarliche Gemeinschaft undenkbar.... Die Lehmhütten verschwanden; der betriebsame Geist der Stadt sprengte die enggewordenen Stadtmauern; er schob neue Straßen wie Fangarme in das Feld hinaus, und nach Verlauf kaum eines Jahrhunderts lag das Säulenhaus inmitten eines stattlichen, volksbelebten Stadtviertels, wie ein wunderseltenes Goldkäferlein, verstrickt in die Netzfäden einer fleißigen Spinne.

Und die Herren von Schilling waren mit diesem neuen Geist gegangen. Ein Nürnberger Meister hatte ihnen an Stelle der niedergerissenen Mauer die Straße entlang ein kunstreiches Eisengitter, klar und durchsichtig wie ein Brabanter Spitzenmuster, aufgestellt; den ehemaligen grünen Anger dahinter durchkreuzten schmale, mit farbigem Sand bestreute Gänge und theilten ihn in einzelne Rasenstücke und Blumenbeete voll Rosen, Salbei und bunter Nelken; vor der Säulenhalle sprangen Brunnen aus einem hochgethürmten, schönen, schneeweißen Steingebild, und seitwärts schatteten seltene Zierbäume. Die Tuchweber nebenan aber waren viel conservativer, als die Ritterlichen im Schillingshof. Sie rissen nicht nieder und bauten nicht; sie stützten nur, und wo ein Stein wankte, da wurde er mit ängstlicher Sorgfalt wieder eingekittet; deshalb zeigte das „Klostergut“, wie sie ihr Besitzthum fort und fort benannten, nach fast drei Jahrhunderten noch vollkommen die Physiognomie, die ihm die Mönche gegeben. Altersdunkel, dazu in der gewaltigen Balkenlage ein wenig verschoben und scheinbar tiefer in die Erde gesunken, hob sich der Giebelbau ungeschlacht und finster wie immer hinter der Straßenmauer. Und diese Mauer war eitel Flickwerk, wie das eichene Bohlengefüge in ihrem hochgewölbten Thorbogen, wie das Pförtchen zur Seite der großen Einfahrt, an welchem einst die müden Fußgänger um Einlaß geläutet, und das heute noch wie damals in denselben Lauten rasselte und schnarrte, wenn um sechs Uhr Abends die Leute aus allen Gassen und Straßen herbeikamen, um, ebenfalls wie seit alten, alten Zeiten, die Milch bei den ehemaligen Tuchwebern zu holen; denn die Wolframs hatten sehr bald den Webstuhl mit der Ackerwirtschaft vertauscht und emsig, wo sie irgend konnten, Grund und Boden und Triftgerechtigkeiten der Stadtflur käuflich an sich gezogen. Sie kargten und sparten, und zäh, hartköpfig und beständig von Charakter waren sie Alle, wie sie nach einander kamen. Die Männer scheuten sich nicht, hinter dem Pflug herzugehen, und die Hausfrauen, eine nach der anderen, standen zur Abendzeit pünktlich auf ihrem Posten am Milchschanktisch, auf daß kein Pfennig durch ungetreue Mägde in fremde Hand komme.

Und sie thaten recht daran, die Wolframs, wie es sich im Lauf der Zeiten auswies. Ihr Reichthum wuchs und mit ihm das Ansehen; sie wurden, fast ohne Ausnahme, in den Rath der Stadt gewählt, und endlich, nach abermals hundert Jahren kam auch die Stunde, wo die Herren von Schilling es für angezeigt hielten, zu bemerken, daß sie einen Nachbar hatten. Von da an entspann sich ein freundlicher Verkehr. Die hohe Mauer blieb zwar stehen – sie hatte sich inzwischen vom Schillingshofe her mit dem undurchdringlichen Geflecht einer köstlichen Weinrebensorte bedeckt, und drüben umklammerte sie dunkler Epheu mit zähen Armen – aber der Geist einer humaneren Zeit schlüpfte über sie weg; die von Schilling fanden es nicht mehr unter ihrer Würde, einen kleinen Wolfram über das Taufbecken zu halten, und wenn sie den nachbarlichen Senator zu Tische luden, so fiel es ihm nicht ein, besondere Ehre darin zu sehen. Ja, es trat die Macht des Wechsels allmählich, im Lauf des letzten Jahrhunderts, so hart an beide Geschlechter heran, daß, während die einst mißachteten Tuchweber mit Patriciernimbus vor ihren Truhen voll verbrieften, reichen Besitzthums standen, die Kästen Derer von Schilling sich in erschreckender Weise leerten. Sie hatten zu vornehm, in stolzer Ueppigkeit gehaust, und der letzte Senior der Familie, der Freiherr Krafft von Schilling, stand bereits voll zitternder Angst mit einem Fuße über dem Abgrund des selbstverschuldeten Unterganges, als der Vetter starb, dem sie Hab und Gut verpfändet hatten. Und das war die Rettung des sinkenden Geschlechtes – der einzige Sohn des Freiherrn heirathete die hinterlassene einzige Tochter des Verstorbenen und mit ihr alle Güter an das Schilling’sche Haus zurück. Das geschah Anno 1860.

In dieses rettende Jahr fiel aber auch ein Ereigniß, das im Nachbarhause mit einem wahren Jubel begrüßt wurde. Durch mehrere Generationen hindurch hatte die Familie Wolfram immer nur auf zwei Augen gestanden, seit fünfzig Jahren aber war kein männlicher Erbe auf dem Klostergute geboren worden. Der Letzte des Stammes, der Rath und Oberbürgermeister der Stadt, Franz Wolfram, war in Folge dessen zum finstern, wortkargen Eheherrn umgewandelt, dem der Groll sichtlich am Herzen nagte. Fünf Töchterlein hatten nach einander das Licht der Welt erblickt, alle so „unausstehlich“ flachshaarig wie die Mutter, alle mit der Neigung im kleinen, bangen Herzen, sich vor dem gestrengen Vater in dunkle Winkel zu verkriechen, bis sie nach kurzem Dasein die helllockigen Köpfchen erlöst und friedfertig auf das weiße Kissen des Todtenschreins betten durften.... Die Frau Räthin waltete befangen und schweigend, wie eine Schuldbewußte, neben dem erbitterten Eheherrn; nur sein näher kommender Schritt jagte ihr stets die Flamme heftigen Erschreckens über das blasse Gesicht; sonst glich sie einem wandelnden Steinbild mit ihrem stillen, freud- und klanglosen Wesen.

Und nun, sieben Jahre nach dem Tode ihres letzten Töchterleins, lag sie wieder droben in der Hinterstube, unter dem schneeweißen Betthimmel; draußen zogen schwere, dunkle Wolken vorüber, aber ein einzelner Sonnenblitz durchzuckte sie und spielte über der Stirn der blassen Dulderin.

„Ein Sohn!“ sagte feierlich die alte Wartfrau.

„Ein Wolfram!“ brach es wie ein Jubelschrei von den Lippen des Rathes. Er warf zwei Goldstücke in das Bad, das die braunen Glieder des Kindes benetzte, dann trat er an das Bett und küßte zum ersten Male nach zwanzigjähriger Ehe die Hand der Frau, die seinem Sohn das Leben gegeben.

Da kam ein Tag, wie ihn das Klostergut wohl noch nicht gesehen hatte.

Es war nicht die Art der Wolframs, mit Hab’ und Gut zu prunken; sie entzogen im Gegentheil ihre Silber- und Leinenschätze, das Familiengeschmeide, die alten kostbaren Weine in ihren Kellern sorgfältig der Oeffentlichkeit – ihnen genügte es, sich im Besitze zu wissen; in den Nachmittags- und Abendstunden jenes Tages indessen breitete sich in der sogenannten großen Stube, dem ehemaligen Refectorium der Mönche, der öffentlich verleugnete Glanz des Hauses in seinem ganzen Umfange aus. Auf der mächtigen, damastgedeckten Speisetafel funkelte das Jahrhunderte hindurch aufgespeicherte Silbergeräth, die Schalen und Schüsseln, Kannen und schlanken Becher, die riesigen Salzfässer, und rings auf den braunen holzgeschnitzten Wänden vielarmige Leuchter, Alles gediegen, in herrlich getriebener Arbeit. Und in der kleineren Stube nebenan stand der Tauftisch. Die Wolframs waren keine Blumenfreunde; nie hatte sich ein Blumentopf auf den Fenstersimsen breit machen dürfen, und im Obst- und Gemüsegarten hinter den Wirthschaftsgebäuden blühten kaum einige wilde Rosensträucher, die sich freiwillig angesiedelt, in den Ecken – heute aber umstand eine duftende, den Treibhäusern der Stadt entliehene Orangerie den weißbehangenen Tisch mit dem Taufgeräth; den Täufling umrauschte das alte Familienerbstück, eine Taufschleppe von dickem, apfelgrünem Atlas, und auf dem dunkelhaarigen Köpfchen saß die dazu gehörige altfränkische Mütze mit einer kaffeegelben Mechelner Spitzengarnitur und Stickereien von indischen Staubperlen.

Die alte Wartfrau saß derweil droben in der Wochenstube am Bett und erzählte der Frau Räthin von der Pracht drunten, von der stolzen Gevatterschaft in Sammt und Seide, von dem Wein, den man wie Gewürz durch das ganze Haus röche, und daß das „Rathssöhnchen“ wie ein Prinz unter Rosen- und Myrthenbäumen getauft worden sei.

Das vergrämte Gesicht der Wöchnerin lächelte in bitterer Wehmuth; ihren kleinen Mädchen hatte die Taufschleppe nicht gebührt – sie war von der Urahne nur für die männlichen Nachkommen gestiftet worden – es hatten auch keine Rosen und Myrthen um das Taufbecken gestanden, und der Silberschatz des Hauses war unter seinen schützenden Lederdecken verblieben. Auf den Wangen der blassen Frau begannen auch Rosen aufzublühen, dunkle Fieberrosen, und während drunten die Gläser klangen zum Wohl und Gedeihen des heißersehnten Stammhalters, theilten sich droben die weißen Bettvorhänge, und fünf Kinder schlüpften herein – sie waren alle da bei der Mutter, die kleinen Mädchen, und sie herzte sie heißinbrünstig und spielte mit ihnen Tag und Nacht in seliger Mutterlust, und die Aerzte standen rathtos um die unaufhörlich flüsternde Frau, bis sie mit müdem, seligem Lächeln den Kopf in das Kissen drückte und einschlief für immer. –

Ihr Heimgang hinterließ keine bemerkenswerthe Lücke. Der kleine Veit hatte eine Amme, und wenige Stunden nach dem letzten Athemzuge der Hausfrau kam die Schwester des Rathes, die schöne bitterernste Frau, aus ihrem Wohngelaß im oberen Stockwerke herab, um die Schlüssel und mit ihnen die Leitung des verwaisten Hauswesens zu übernehmen.

Sie war eine echte Wolfram in ihrem ganzen Thun und Wesen, wie in der äußeren Erscheinung, an welcher sechsundvierzig Lebensjahre fast spurlos vorübergeglitten. Nur einmal in ihrem Leben hatte sie die Leidenschaft über die anerzogenen strengen Principien siegen lassen, und das war ihr „folgerichtig“ zum Unheil ausgeschlagen. Sie war neben dem Rath die einzige Miterbin des Wolfram’schen Besitzthums und dabei ein selten schönes Mädchen gewesen. Im Schillingshofe hatte man das Nachbarkind wie eine eigene Tochter gehätschelt, und dort hatte sie auch den Major Lucian aus Königsberg kennen gelernt, mit welchem sie sich dann verheirathete, allen Ermahnungen des Bruders, ja, der eigenen inneren Warnstimme zum Trotz. Und sie hatten in der That zusammengepaßt, wie Wasser und Feuer, die herbe, in ihre Familientraditionen verbissene Wolfram’s-Natur und der elegante, leichtlebige Officier. Sie hatte darauf bestanden, ihn in ihre Lebensgewohnheiten zu zwingen, und er war dem „Spießbürgerthum“ mit scharfem Spott entschlüpft, wo er gekonnt. Das hatte zu bösen Conflicten geführt, und eines Abends war die Majorin, ihr fünfjähriges Söhnchen an der Hand, aus Königsberg zurückgekehrt – sie war heimlich abgereist, um fortan auf dem Klostergut zu bleiben.

Der kleine Felix hatte den Kopf ist ihren Reisemantel gedrückt, als sie ihn an jenem Abend durch ihr Vaterhaus geführt. Die Treppe, die in die verlassene Stille der oberen Stockwerke lief, mit ihrem fratzenhaft geschnitzten Geländer und ihren kreischenden Stufen voll ausgetretener Astknorren, die lagernde Dämmerung in den klaftertiefen Thürbogen, und in den Schiebefenstern die bleigefaßten, glanzlosen Scheiben, an denen aufgescheuchte Nachtmotten lautlos taumelten, und durch welche das Abendsonnenlicht gelb und träge wie Oel auf das zersprungene Estrich des Vorsaales floß – das war dem Knaben spukhaft erschienen, wie das Menschenfresserhaus im Wald. Und das schlanke, feingliederige Kind in seinem blassen Sammetröckchen, seinem glänzenden, goldgelben Gelock war auch wie verirrt gekommen – sie bringe ihm einen buntscheckigen Colibri in das alte Falkennest, hatte ihr Bruder, der Rath, finster mit scheelem Blick gesagt.

Fremden Blutes war und blieb der kleine Entführte auch. Die kühle Luft des Klostergutes blies ihm umsonst gegen die Idealgestalten in Kopf und Herzen – er war eine poetische, warmblütige Natur wie sein Vater. Der verlassene Mann in Königsberg hatte übrigens Alles aufgeboten, seinen Knaben wieder in die Hand zu bekommen; allein an der juristischen Meisterschaft des Herrn Rath Wolfram waren alle Versuche gescheitert – die geschiedene Frau war im Besitze des Kindes geblieben. In Folge dessen hatte Major Lucian seinen Abschied genommen; er war aus Königsberg verschwunden, und nie hatte man erfahren, wohin er sich gewendet.

Seitdem bewohnte die Majorin wieder, wie in ihren Mädchenjahren, das große, nach der Straße gelegene Giebelzimmer. Sie paßte mit Leib und Seele zwischen diese einfach gestrichenen Wände, vor deren tief eingelassenen Schränken breite, braungebeizte Flügelthüren lagen; sie saß wie vordem auf dem steiflehnigen Lederstuhl in der tiefen Fensterecke und schlief hinter dem dickfaltigen, härenen Thürvorhange der anstoßenden Kammer, zu welchem einst ihre Großmutter die groben Fäden eigenhändig gesponnen. Den Schillingshof aber hatte sie nie wieder betreten – sie floh jede Erinnerung an ihren geschiedenen Mann wie einen mörderischen Feind. Der kleine Felix dagegen war sehr bald heimisch drüben geworden; der einzige Sohn des Freiherrn Krafft von Schilling war sein Altersgenosse. Beide Knaben hatten sich vom ersten Augenblicke an zärtlich geliebt, und die Majorin war mit diesem Verkehre einverstanden gewesen, jedoch nur unter der ausdrücklichen Bedingung, daß ihr Kind nie mit einem Wort an seinen Vater erinnert werde.

Später waren die jungen Leute auch Studiengenossen in Berlin gewesen. Sie hatten Beide Jura studirt. Arnold von Schilling hatte die Staatscarriere in Aussicht genommen, und Felix Lucian sollte, ganz in die Fußstapfen seines Onkels tretend, anfänglich ein städtisches Amt bekleiden und später das Klostergut übernehmen; denn seit auch die letzte der kleinen, flachshaarigen Cousinen gestorben, hatte ihn der Rath zu seinem Erben und Nachfolger bestimmt, vorausgesetzt, daß er seinem väterlichen Namen den Namen Wolfram anfüge. Da änderte, wie bereits erwähnt, das Jahr 1860 alle Familienverhältnisse im Schillingshofe und Klostergut – Arnold von Schilling kam heim, um auf die Bitten seines kränkelnden Vaters hin mit der Hand seiner Cousine die Schilling’schen Güter wieder zu übernehmen, und auf dem Klostergute blies der Spätling, der kleine Veit Wolfram, mit seinem schwachen Lebensathem die Erbansprüche seines Vetters Felix über den Haufen.




2.

Die Frau Räthin Wolfram war an einem schneestöbernden Aprilmorgen im Familienbegräbnisse beigesetzt worden. An jenem Tage hatte Felix Lucian nur auf wenige Stunden in die Heimath eilen können, um der verstorbenen Tante das letzte Geleit zu geben. Heute nun, nach zwei Monaten, wo der Syringenduft der ersten Junitage die Lüfte erfüllte und der abgeschüttelte Schnee der Baumblüthe weiß auf dem Rasen lag, kam er wieder auf das Klostergut zu einer mehrtägigen Erholungszeit, wie er seiner Mutter geschrieben hatte.

In derselben weiten Hausflur, die er Nachmittags betrat, hatte die todte Hausfrau die letzte Rast gehalten. Noch war es ihm, als müsse Weihrauchsduft das Deckengebälk bläulich verschleiern und der Geruch der Buchsbaumguirlanden, zwischen denen die schlank hingestreckte Frau mit dem schlichten Flachshaar an den Schläfen so friedsam gelegen, ihm durchdringend entgegenschlagen. Aber es waren heute nur wirbelnde Stäubchen, die in einem Lichtreflex an der Decke spielten; aus der offenen Küche quoll der Duft schmorenden Geflügels, und am Milchschanktische stand seine Mutter und zählte Eier in den Korb der Magd, die nach altem Brauche wöchentlich zweimal mit Eiern und frischgeschlagener Butter die Runde bei bevorzugten Stadtkunden machen mußte.

Einen Moment erstrahlten die Augen der Majorin wie unbewacht in nicht verhehltem Mutterstolze, als der schöne, hochgewachsene Jüngling auf sie zuschritt, aber sie hielt in jeder Hand fünf Eier, und so reichte sie ihm behutsam über die Schulter hinweg die Wange zum Kusse. „Gehe einstweilen hinauf, Felix!“ sagte sie hastig, in der Besorgniß, sich zu verzählen oder ein Ei zu zerbrechen.

Er zog schleunig die Arme zurück, die er um ihre Schultern geschlungen, und stieg die Treppe hinauf. Von der Wohnstube her klang ihm plötzliches Kindergeschrei nach – der neue Erbherr des Klostergutes schrie häßlich und boshaft auf wie eine junge Katze. Dazu krähten die Hähne im Hühnerhofe, und oben über den Vorsaal schlich der riesige, fette Hauskater. Er kam vom Kornspeicher, von der Mäusejagd, und rieb und drückte sich behaglich an der eleganten Fußbekleidung des Heraufsteigenden hin – der junge Mann schleuderte ihn weit von sich; er stampfte voll Abscheu mit den attakirten Füßen, als schüttele er Schnee ab.

Im Zimmer der Majorin standen die Fenster offen, und die weiche Frühlingsluft strömte herein, aber nicht sie trug den köstlichen Veilchenduft im Athem, der die ganze Stube erfüllte – er kam aus den offenen Flügelthüren eines Wandschrankes. Wie Silberschein flimmerte es in diesen tiefen Fächern; so glänzend thürmte sich das Leinenzeug auf einander, und zwischen diesen Packeten dorrten Tausende von Veilchenleichen. Nie hatte der kleine Knabe der Majorin ein Veilchensträußchen zu seiner Augenweide in ein Glas Wasser stellen dürfen – es stand ja nur im Wege und konnte umgeschüttet werden –, wohl aber mußten er die kleinen Kelche zur Verherrlichung der Leinenschätze von den Stielen zupfen. Diese weißen Lagen, mit denen die Mutter immer einen förmlichen Cultus getrieben, waren ihm deshalb stets verhaßt gewesen; er warf auch jetzt einen finsteren Blick nach dem Schranke.

Die Majorin war augenscheinlich beim Revidiren gestört worden; da, auf dem breitbeinigen Ahorntische im Fensterbogen, lag das Buch, in welches sie ihre Notizen zu machen pflegte. Felix kannte diese Hefte voll der verschiedenartigsten Rubriken sehr gut, aber die aufgeschlagene Blattseite hier war ihm neu in ihrer Bezeichnung. „Mitgabe an Hauswäsche für meinen Sohn Felix“ stand obenan. Sein eigener künftiger Hausstand! Er wurde roth wie ein Mädchen bei dieser Vorstellung. Diese Dutzende von Gedecken, Handtüchern, Bettbezügen reihten sich breit und wichtig an einander, als seien sie die erste Grundbedingung des künftigen Familienglückes. Und dieses ernsthafte, langweilige Register sollte in dem übermüthigsten, tollsten Lockenkopfe haften, der je auf weißen Mädchenschultern gesessen? „O Lucile, wie würdest Du lachen!“ flüsterte er, und lachte selbst in sich hinein.

Mechanisch ließ er die Blätter durch die Finger laufen. Hier, in dieser „Zinsen-Einnahme“, summirten sich Tausende und Tausende. Welcher Reichthum! Und dabei dieses unbeirrte Sammeln und Sparen, diese Angst, daß mit einem zerschlagenen Ei ein paar Pfennige verloren gehen könnten! Der junge Mann stieß das Heft wie im Ekel fort, und mit beiden Händen ungeduldig durch das reiche Blondhaar fahrend, trat er an das Fenster. Mit seiner vornehmen Erscheinung, dem leisen Hauch feinsten Odeurs, der sie umschwebte, mit den ungesucht eleganten Manieren stand er auch heute so fremd zu dem „alten Falkennest“, wie die feinen Handschuhe, die er lässig abgestreift und hingeworfen, auf den plumpfüßigen, weißen Ahorntisch, die glänzenden Lackstiefel auf den groben, ausgetretenen Dielenboden paßten.

Er drückte die Stirn an das Fensterkreuz und sah hinaus. Wie ein Anachronismus steckte das Klosterhaus zwischen den geschmückten Neubauten. Jenseits der Straßenmauer lief jetzt die eleganteste, mit rothblühenden Kastanien besetzte Promenade der Stadt hin. Er schämte sich, daß die feine Welt täglich an dem geflickten Mauerwerk vorüber mußte; er fühlte sich gedemüthigt angesichts des gegenüberliegenden schloßartigen Hauses, von dessen bronzeumgitterten Balcons man den Hof übersehen konnte, der zwischen dem Klosterhaus und der Mauer lag. Wohl waren es vier herrliche, alte Lindenwipfel, die seine Mitte füllten – sie strotzten auch heuer wieder in maienhaftem Grün, von keinem dorrenden Aestlein entstellt – allein die altehrwürdigen Steinsitze zu ihren Füßen und der Porphyrtrog des Laufbrunnens, den sie beschatteten, waren garnirt mit dem frischgescheuerten Holzgeräth der Milchkammer. Dazu der Oekonomie-Lärm! Eben wurde frischer Klee eingefahren. Der Knecht fluchte über die enge Passage des Thorweges und hieb auf die Pferde ein; die barfüßige Stallmagd scheuchte zwei störrige Kälber, die sich in den Vorhof verlaufen, schimpfend aus dem Wege; Taubenschwärme flogen auf, und das andere Federvieh stob schreiend aus einander – „Bauernwirthschaft!“ murmelte Felix zwischen den Zähnen und wandte das beleidigte Auge zur Seite.

Dort breitete sich das schöne Parterre des Schillingshofes hin, und er athmete wie erlöst auf – dort war er ja immer heimischer gewesen, als auf dem Klostergute. Ueber die epheubewachsene Mauer hinweg sah er allerdings nur ein Stück des Rasenspiegels, in dessen Mitte die Wasser vor dem Säulenhause sprangen; er sah auch nur beim Hinausbiegen seitwärts einen Schein der Spiegelscheiben zwischen den Steinornamenten der Rundbogen blinken, aber dieser trennenden Mauer gegenüber schlossen drei Reihen prächtiger Platanen den Schillingshof von dem jenseitigen Nachbargrundstück ab. Sie konnte er vollkommen überblicken; sie liefen als Doppelallee vom Straßengitter aus neben der Südseite des Säulenhauses hin tief in den eigentlichen Garten hinein. Diese herrliche Baumhalle war einst der Haupttummelplatz für ihn und seinen kleinen Freund Arnold gewesen; sie behütete treulich die grüne Dämmerung, die frische Kühle drunten, und für den Freiherrn Krafft war sie an heißen Sommertagen eine Art Salon; er empfing da Besuche, hielt seine Siesta und trank den Nachmittagskaffee unter den Bäumen.

Auch jetzt stand die Kaffeemaschine auf dem Tische, aber nicht die wohlbekannte messingene – sie hatte einer silbernen Platz gemacht. Es gruppirte sich überhaupt viel Silbergeschirr dort; auch kleine, mit Liqueur gefüllte Krystallkaraffen funkelten dazwischen – so war der Kaffeetisch früher nie besetzt gewesen. Damals hatte man auch auf weißgestrichenen Gartenbänken von Holz gesessen; heute standen große Arrangements eleganter gußeiserner Möbel zwischen den Bäumen; Schlummerrollen und farbenglänzende Kissen lagen umher, und aufgestellte reichdecorirte Wandschirme bildeten behagliche, vor dem Zugwind geschützte Plauderwinkel.

Das Fremdartigste aber war die Dame, die in diesem Augenblicke neben dem Säulenhause hervor kam; sie ging, offenbar wartend, langsam auf und ab. Arnold’s Mutter war früh gestorben; eine Schwester hatte er nie gehabt, darum war das weibliche Element, so weit Felix zurückdenken konnte, immer nur durch die gute, dicke Wirthschaftsmamsell vertreten gewesen.... Nun schimmerte eine blauglitzernde Seidenschleppe durch den Alleeschatten, und Frauengeist und Frauenwille durften nach fast zwanzig Jahren wieder neben dem Regiment des alten Freiherrn ebenbürtig im Schillingshofe walten.

Als Felix vor zwei Monaten zur Beisetzung der Tante auf dem Klostergute gewesen war, da hatte zur selben Zeit auch Arnold’s Hochzeit in Coblenz stattgefunden – der Freund hatte vorher nur kurz und trocken angezeigt, daß er „das lange Mädchen“, die Coblenzer Cousine heirathe.... Das war sie nun, die junge Frau, die neue Herrin des Schillingshofes, eine überschlanke Gestalt mit schmalen Schultern, an Brust und Rücken flach und dürftig, vornüber geneigt, wie die meisten großen Leute, und doch vornehm, sichtlich eine Dame von Stande in jeder ihrer lässig schleppenden Bewegungen. Das Gesicht konnte er nicht voll erfassen; in scharfer Profilstellung erschienen ihm die Züge langgestreckt, von englischem Typus und blaß angehaucht, doch besaß die junge Frau einen herrlichen Schmuck in dem reichen, hellblonden Haar, das zwar elegant, aber so locker aufgesteckt war, als schmerze und beschwere diesen jungen Kopf peinlich jede Haarnadel.

Sie sah öfter mit leisen Zeichen der Ungeduld abwechselnd nach den Fenstern und der Thür unter der Säulenhalle und ordnete und rückte wiederholt an den Tassen und Kuchenkörben.

Dann kam eine junge Person in weißem Latzschürzchen, augenscheinlich die Kammerjungfer, aus dem Hause. Sie legte ihrer Gebieterin einen weichen Shawl um die Schultern und zog ihr Handschuhe an. Und die Dame stand da wie ein Automat; sie hielt die langen, schlanken Hände unbeweglich hingestreckt, bis jedes Knöpfchen geschlossen war; sie regte sich nicht, als das Mädchen vor ihr niederkniete und eine aufgesprungene Spange an dem farbigen Schuh wieder befestigte. Sie sprach auch nicht und zog nur schließlich, trotz der durchsonnten, köstlich warmen Juniluft, fröstelnd den Shawl über der Brust zusammen. „Verwöhnt und nervös!“ dachte Felix, während sie sich anmuthig in die mit rothen Kisten ausgepolsterte Ecke einer Bank sinken ließ.

Inzwischen war Adam, der langjährige Diener des alten Freiherrn Krafft, aus der Thür des Säulenhauses gekommen. Er wohnte im Schillingshofe, war Wittwer und hatte sein einziges Kind, ein zehnjähriges Mädchen, bei sich. Das führte er jetzt an der Hand.

Die Kammerjungfer ging mit einem schnippischen Achselzucken an ihm vorüber, und die Dame auf der Bank sah nicht, daß er grüßte. Felix hatte den stillen, ernsthaften Diener sehr gern, dessen äußere Ruhe und Gelassenheit im Schilling’schen Hause sprüchwörtlich waren. Deshalb befremdete ihn die aufgeregte Hast, mit welcher der Mann den Rasenplatz umschritt und den Schillingshof verließ, um nach wenigen Minuten in den Hof des Klostergutes einzutreten. Sein kleines Mädchen schrie ängstlich auf und klammerte sich an ihn fest – ein großer Puter lief zornig kollernd auf sie zu, als wolle er ihr das rothe Röckchen vom Leibe reißen. Der Mann scheuchte das erboste Thier fort und sprach beruhigend in das Kind hinein, aber das geschah in athemloser Aufregung, und die Wangen glühten ihm, als sei er betrunken.

Felix sah nur noch flüchtig, wie der alte Freiherr, auf den Arm seines Sohnes gestützt, in die Platanenallee trat und sich mit einer chevaleresken Handbewegung neben seiner Schwiegertochter niederließ – ein Gefühl inniger Theilnahme trieb ihn vom Fenster weg, in die Hausflur hinab. Auf der unteren Treppenwendung blieb er einen Augenblick stehen. Die Magd hatte mit Eierkorb und Buttergelte das Haus verlassen, und seine Mutter zog eben das Geflügel aus der Bratröhre.

„Mein Bruder ist nicht zu Hause, Adam,“ sagte sie zu dem Manne, der an der Küchenthür stand. Sie setzte die dampfende Pfanne auf den steinernen Spültisch und trat an die Schwelle. „Ich will doch nicht hoffen, daß Sie ihn noch einmal mit der dummen Geschichte incommodiren –“

„Ja, Frau Majorin,“ unterbrach er sie höflich, aber fest, „ich komme deswegen. Nur der Herr Rath kann mir noch helfen; er weiß am besten, daß ich unschuldig bin – er wird der Wahrheit die Ehre geben.“

„Sie sind nicht bei Sinnen, Mann,“ entgegnete die Majorin scharf und streng. „Soll der Herr Rath vielleicht beschwören, daß er mit der Dienerschaft des Herrn von Schilling niemals intim verkehrt hat?“

„Was ist denn das für eine Differenz zwischen hüben und drüben?“ fragte Felix erstaunt hinzutretend.

„Ach, Herr Referendar, die Differenz bringt mich um Brod und Ehre,“ sagte Adam mit brechender Stimme. Sonst hatte er den jungen Mann bei dessen Heimkunft immer freudestrahlend begrüßt – heute schien er gar nicht zu wissen, daß er ihn lange nicht gesehen. „Eben hat mich mein alter gnädiger Herr einen Duckmäuser, einen miserablen Spion genannt; er hat mir sein

[229] schönes Mundglas nachgeworfen, daß es in tausend Stücken auf dem Erdboden ’rumgeflogen ist –“

„Sind ja recht schöne, adlige Manieren,“ warf die Majorin trocken ein. Sie hatte währenddem einen Bratenteller aus dem Küchenschranke genommen und hielt ihn, seine Sauberkeit prüfend, gegen das Fensterlicht.

Ihren Sohn empörte diese unbeirrte Geschäftigkeit angesichts des tiefalterirten Mannes. Er reichte ihm herzlich die Hand. „Ich begreife nicht, was den alten Herrn dermaßen erbittern mag, daß er sich zu Tätlichkeiten hinreißen läßt,“ sagte er teilnehmend. „Noch dazu seinem treuen Adam gegenüber – er hat Sie ja immer vor allen Anderen hochgehalten –“

„Nicht wahr, Herr Lucian, das wissen Sie auch? – „Ach, du mein Gott, ja – und das ist nun Alles aus,“ rief der Mann, in Jammer ausbrechend, und Thränen füllten seine Augen. „Ich ein Spion - ich! – Ich soll gehorcht haben der Steinkohlengeschichte wegen, die mich auf der Gotteswelt nichts angeht.“

Felix sah seine Mutter verständnißlos und fragend an.

„Er meint das Kohlenlager im kleinen Thale,“ berichtigte die Majorin in ihrer wortkargen Weise. „Der Alte im Schillinghofe ist von jeher ein anmaßender Patron gewesen – er denkt, was er ausklügelt, das kann keinem Anderen einfallen.“

„Der gnädige Herr hat’s ja nicht selber ausgedacht, Frau Majorin –“ sagte Adam – „das ist’s ja eben.... Sehen Sie, Herr Referendar, er sagt immer, die Schillings und die Wolframs hätten seit Jahrhunderten die Klosteräcker am kleinen Thale gehabt, [230] und es wär’ bis auf den heutigen Tag Keinem eingefallen, von dem großem steinigen Grund nebenan, der den Gotters von alten Zeiten her gehört, eine Handbreit auch nur geschenkt zu nehmen, geschweige denn zu kaufen – es ist zu elender Boden; der alte Gotter hat ihn oft genug selber verwünscht; er hat’s so wenig gedacht, wie seine Nachbarsleute, die jahraus, jahrein daneben gepflügt und geackert haben, daß was Gescheidteres drunter stecken könnte. Da ist aber der fremde Ingenieur hierher versetzt worden, der hat gleich auf den ersten Blick gewußt, daß gerade unter dem Grunde ein großes Kohlenlager ist – die Kohlen lägen ja geradezu am Tage, hat er gesagt –“

„Ist auch so gewesen,“ fiel die Majorin vom Küchentische herüber ein. Sie entfaltete ein schneeweißes Tellertuch und rieb und wischte an der Bratenschüssel.

„Und weil er mit meinem gnädigen Herrn von früher her bekannt war,“ fuhr Adam fort, „so hat er ihm den Vorschlag gemacht, mit ihm in Compagnie den Grund zu kaufen und ein Kohlenbergwerk anzulegen. Mein Herr ist auch mit tausend Freuden drauf eingegangen, und sie haben Alles ganz im Geheimen abgemacht. Weil aber gerade zu der Zeit die Hochzeit in Coblenz sein sollte, so ist der Ankauf des Grundstücks bis nach der Reise an den Rhein verschoben worden. Es ist ihnen ja nicht im Traume eingefallen, daß ihnen ein Anderer zuvorkommen könnte – es hat ja keine Seele drum gewußt – so haben sie wenigstens gemeint – ja Prosit! – wie sie nachher zum alten Gotter gekommen sind, da hat der geflucht und gewettert: er hätte sich überrumpeln lassen; er hätte dem Herrn Rath Wolfram seinen Grund um ein Spottgeld verkauft – und nun seien ja Kohlen die schwere Menge drunter, und der Herr Rath habe schon bei der Behörde auf das Grundstück Muthung eingelegt – ist das nicht die reine Zauberei, Herr Lucian?“

„Ein merkwürdiges Zusammentreffen auf alle Fälle!“ rief der junge Mann überrascht.

„Das sage ich auch; es ist eben Glück dabei gewesen, und der Onkel kann nicht dafür, wenn es andere Schlafmützen verpassen,“ setzte seine Mutter hinzu. „Uebrigens lügt der alte Gotter, wenn er von Ueberrumpeln und von einem Spottgeld spricht; er hat sich zu Anfang in’s Fäustchen gelacht, weil er seinen sauren Wiesengrund so vorteilhaft losgeworden ist.“

Das klang so kühl und nüchtern, so fertig und abgeschlossen im Urtheil. Dabei war diese Frau doch, trotz ihres schlicht bürgerlichen Gebahrens, eine vornehme Erscheinung. Sie war noch schlank und hatte über dem schönen Gesicht nußbraunes Haar, so voll und kräftig wie das eines jungen Mädchens, und die ehemalige Officiersfrau vergaß bei allem Bienenfleiß ihre Stellung nicht; sie war sorgfältig frisirt und sehr gut gekleidet, wenn auch der schöne Fuß im festen Lederstiefel steckte und eine breite, blauleinene Küchenschürze augenblicklich das elegant sitzende Kleid umhüllte.

„Da iß, Kind!“ sagte sie und reichte dem kleinen Mädchen des Dieners ein Stück Kuchen aus dem Fliegenschranke. Die Kleine wandte mit finsteren Augen den Kopf weg und wehrte die Gabe ab.

„Die nimmt nichts, Frau Majorin,“ sagte ihr Vater weich. „Sie hat heute noch keinen Bissen gegessen; sie kann’s nicht sehen, wenn die Leute nicht gut mit mir sind, und heute hat ja das Quälen und Zanken den ganzen Tag nicht aufgehört. … Herr Lucian, ich hab’ viel ertragen in der letzten Zeit. Der gnädige Herr bleibt dabei, die Sache sei nicht mit rechten Dingen zugegangen; er habe irgend einen ‚falschen Christen’ in seinem Hause, der gehorcht und geklatscht hätte, und weil ich, wie die Herren beisammen saßen, ein paar Mal mit Wein ab- und zugegangen bin, da fällt nun auf mich armen Kerl der Verdacht. Das ewige Sticheln hab’ ich geduldig verbissen, ich wollte ja mein Brod nicht verlieren, Hannchens wegen“ – er strich mit der Linken zärtlich über die dicken Haarflechten des Kindes – „aber seit gestern, wo die Leute von nichts Anderem sprechen, als von dem großen Glück, das der Herr Rath mit seinem Unternehmen hat – es sollen ja Kohlen sein, so gut wie die besten englischen – da kennt sich der gnädige Herr nicht mehr vor Wuth und Aerger. Ich wollte nun den Herrn Rath noch einmal ganz gehorsamst bitten, daß er’s meinem Herrn begreiflich macht –“

„Das geht nicht, Adam; so viel sollten Sie sich selbst sagen,“ unterbrach ihn die Majorin kurz. „Mein Bruder wird sich schwerlich herbeilassen, den Leuten auch noch gütlich zuzusprechen, die ihn heimlich anfeinden, weil er ebenso gescheidt gewesen ist, wie sie; das schlagen Sie sich aus dem Sinn und sehen Sie zu, wie Sie sich selbst heraushelfen!“

Der Mann biß die Zähne zusammen; er kämpfte schwer mit seiner Erbitterung. „Hätt’ es freilich wissen sollen!“ sagte er achselzuckend mit einem tiefen Seufzer; „zwischen zwei großen Herren fällt so eine armselige Bedienten-Ehre allemal auf den Boden. Da bleibt einem armen Teufel wie mir ja wirklich nichts Anderes mehr übrig, als – in’s Wasser zu gehen,“ fuhr es ihm verzweiflungsvoll heraus.

„Ach nein, das thust Du nicht, Vater. Gelt, das thust Du nicht?“ schrie das kleine Mädchen auf.

„Reden Sie doch nicht so gotteslästerlich, Mann!“ schalt die Majorin streng und entrüstet. Felix aber nahm den Kopf des Kindes, das in ein unaufhaltsames Weinen ausbrach, sanft zwischen seine Hände. „Sei still, Herzchen,“ beruhigte er, „das thut Dein Vater nicht; dazu ist er viel zu brav. Ich will in den Schillingshof gehen und mit dem alten Herrn sprechen, wenn Sie es wünschen, Adam.“

„Ach nein, ich danke Ihnen, Herr Referendar,“ versetzte der Mann; „ich weiß, Sie meinen es gut mit mir, aber das macht Ihnen nur Ungelegenheiten und mir hilft es doch nichts.“ Er grüßte, schlang den Arm um sein kleines Mädchen und führte es nach der Hausthür. „Komm her, wir gehen zu Deiner Großmutter.“

„Ja, Vater,“ sagte das Kind, augenblicklich sein Schluchzen niederkämpfend; „aber Du bleibst auch dort, gelt? Du gehst nicht fort in der Nacht, Vater?“

„Nein, mein gutes Hannchen.“

Sie gingen durch den Hof, und der Puter lief wieder auf das Rothröckchen zu, aber die Kleine beachtete ihn nicht; ihre Füßchen suchten Schritt mit dem Vater zu halten, wobei sie weit vorgebogen ihm beweglich unter das Gesicht sah – sie traute seiner mechanisch gesprochenen Versicherung nicht. „Ich schlafe die ganze Nacht nicht – paß’ auf!“ drohte sie mit ihrem angstbebenden Stimmchen. „Ich sehe es, wenn Du fortgehst.“ Und als die Hofthür schon hinter ihnen zugefallen war, da hörte man noch über die Mauer her die unsäglich angstvolle, kindliche Drohung: „Ich schlafe nicht; ich lauf’ Dir nach, wenn Du fortgehst, Vater.“

3.

Die Majorin kehrte mit einem Achselzucken an den Küchentisch zurück.

„Mit dieser Art Leuten ist nicht viel anzufangen – sie sind gleich außer Rand und Band,“ sagte sie gelassen wie immer.

„Nun, den möchte ich doch sehen, der sein inneres Gleichgewicht behält, wenn er ungerecht beschuldigt wird und darüber auch noch sein Brod verliert!“ rief ihr Sohn tieferregt. „Sei nicht böse, Mama – aber auf dem Klostergute werden seit Jahrhunderten nur reiche, kluge Leute geboren – kein warmblütiges Menschenherz.“

„Wir backen ‚seit Jahrhunderten’ wöchentlich sechs Armenbrode, mag das Korn gerathen oder nicht,“ entgegnete sie, ohne auch nur eine Miene ihres ernsten Gesichts zu verziehen. „Wir unterstützen auch vielfach auf andere Weise, wenn wir das auch nicht an die große Glocke hängen. Aber wir sind bedächtiger Natur und rennen nicht mit jedem Kopf, der oben’naus will.... Du bist allerdings nicht auf dem Klostergute geboren“ – die gelassene, gleichmütige Stimme konnte sehr spitz werden – „Du bist auch so ein neumodischer Brausekopf, der den Einen in den Himmel hebt und dabei das gute Recht eines Anderen zertritt. Meinst Du wirklich, der Onkel solle öffentlich erklären, daß er um ‚das Geheimniß’ des Herrn von Schilling nicht gewußt hat?“

„Das durchaus nicht, aber –“

„Es würde auch dem wunderlichen Menschen, dem Adam, nichts nützen, so wenig wie dem alten Mann im Schillingshofe zu helfen ist,“ fiel sie ihm in’s Wort. „Die ‚brillante’ Heirath hat die verpfändeten Güter nicht so unbedingt an die Familie wieder zurückgebracht. Der Vormund der jungen Frau, ein schlauer Fuchs, hat einen Ehecontract aufgestellt, der den Schillings sehr viel zu wünschen übrig lassen soll – daher die grimmige Laune, die der Alte drüben nun an der Dienerschaft ausläßt.“

„Der arme, alte Papa Schilling!“ rief Felix bedauernd. „Da mag er freilich tief erbittert sein und um den gescheiterten Plan doppelt grollen – der Kohlenfund hätte ihm jedenfalls wieder zu eigenem Vermögen verholfen. Es thut mir unsäglich leid – er büßt doch zumeist für die Sünden seiner Vorfahren.“

Die Majorin räusperte sich vernehmlich – sie wußte es jedenfalls besser – aber sie erwiderte kein Wort; sie widersprach nur, wenn sie im eigenen Interesse mußte, dann aber auch energisch. Während ihr Sohn einigemal mit raschen Schritten die Hausflur durchmaß, schälte sie eine frische Gurke zum Salat.

„Wunderbar aber ist und bleibt es, daß zwei Köpfe fast zur selben Stunde den gleichen Gedanken hegen, einen Schatz zu heben, an welchem alle Vorfahren und sie selbst so lange Zeit ahnungslos vorübergegangen sind,“ sagte der junge Mann nach einem augenblicklichen Schweigen gespannt und trat wieder auf die Schwelle der Küchenthür.

„Hm – ich frage den Onkel sehr selten und lege mir alle Vorkommnisse selbst zurecht,“ entgegnete seine Mutter, ohne von ihrer Beschäftigung wegzusehen. „Der Onkel wird schon längst ebenso klug gewesen sein, wie der Herr Ingenieur, aber er hat wohl die Unruhe und das Risico des Unternehmens gescheut. Nun ist der kleine Veit angekommen – die Wolframs blühen wieder auf, und da wird jeder neue Erwerb zur Pflicht.“

„Mein Gott, soll denn dieses fieberhafte Erwerben bis in alle Ewigkeit fortgehen, Mama? Ich sollte doch meinen, Deine Familie hätte längst übergenug.“

Die Majorin fuhr wie entsetzt herum, und ein langer, unwillig überraschter Blick maß strafend den Sohn – es glimmte doch auch nicht ein Funke des Wolfram’schen Familiengeistes in ihm. „Uebergenug haben!“ Den vermessenen Gedanken hatte man auf dem Klostergute noch nicht gedacht, geschweige denn laut werde lassen – wie den Schlafwandelnden, so schreckt ja ein unbesonnener Anruf das scheue Glück vom Wege und macht es stürzen.

„Ueber die Vermögensverhältnisse spricht man in unserer Familie nicht – das merke Dir!“ wies sie ihn scharf und schneidend zurecht. Sie drehte an einem Hahn über dem Spültisch und ließ sich das frische Brunnenwasser über die Hände laufen.

„Dein spätes Mittagbrod ist fertig – gehe in die Stube! Ich komme gleich nach,“ sagte sie kurz über die Schulter.

Das war ein barsches Commando. Felix biß sich zornig auf die Unterlippe und schritt an seiner Mutter vorüber in die anstoßende Stube. Da hatte zu allen Zeiten der Eßtisch gestanden, und der tiefe Fensterbogen war der unbestrittene Platz der Hausfrau gewesen. Die Fenster gingen, wie die der Küche, auf den Hinterhof, den die Wirthschaftsgebäude und nach dem Schillingshofe zu eine Mauer umschlossen. Vor dem oberen Stockwerk der Gebäude hin lief ein bedeckter Gang; eine Reihe kleiner Fenster, von schmalen Thüren unterbrochen – einst die Mönchszellen – mündeten auf ihn; das waren jetzt die Heu- und Kornböden, die Obstkammern. Spreusiebe und Rechen hingen an den Außenwänden, und auf dem Holzgeländer trockneten Getreidesäcke und Pferdedecken.

Der überhängende Gang verfinsterte den Hof und ganz besonders die Stube, vor deren Fenstern auch noch eine uralte Rüster ihren mächtig entwickelten Wipfel ausbreitete. In diesem grüngefärbten, ungewiß hereinfallenden Licht stand das Nähtischchen, und hier hatte die stille Frau Räthin die Erholungsstunden ihres an Liebe so karg bemessenen Ehelebens verbracht. Das Krähen und Gackern des Hühnervolkes auf der Düngerstätte, die Brummstimmen der Kühe von den Ställen her, die Hantirung der ab- und zugehenden Knechte und Mägde – das war das Lebensgeräusch für die Einsame gewesen.

Felix erinnerte sich noch, daß sie eines Sonntag-Nachmittags die Korbwanne mit ihrem schlafenden Töchterchen neben sich gestellt hatte, in der Meinung, ihr gestrenger Eheherr sei ausgegangen. Da war der Rath plötzlich eingetreten. Die Frau war jäh emporgefahren, die Gluth des Ertapptseins auf dem blassen Gesicht; Fingerhut, Scheere und Nadelbüchse waren auf die Dielen gepoltert, und der finstere Mann hatte mit einem halben Blick nach dem Korbbettchen beißend gesagt, hier sei sein Eßzimmer und nicht die Kinderschlafstube.

An diesen Vorfall wurde Felix beim Eintreten lebhaft erinnert; denn fast auf derselben Stelle schlief jetzt auch ein Kind, aber nicht in der primitiven Korbwanne, zwischen buntgewürfeltem Bettzeug – ein elegantes Wiegenbettchen stand da; grüne Seide spannte sich über das Verdeck, und ein langer grüner Schleier fiel über die kleine, flockenweiche und weiße Bettdecke. Und am Nähtisch, auf dem Platz der sanften, schlanken Frau, saß eine vierschrötige Person, mit dem bäuerischen Kopftuch über dem dummdreisten, strotzenden Gesicht, und strickte an einem groben Strumpfe. Sie erhob sich nicht von ihrem Sitze, als der junge Herr eintrat, und fuhr fort, mit der Fußspitze die Wiege zu schwenken – sie war sich wohl bewußt, daß die Amme augenblicklich die Herrschende auf dem Klostergute sei.

Felix hätte gern einen Blick durch den Schleier geworfen, um das Gesicht des kleinen schlafenden Vetters zu sehen, allein der Anblick des Frauenzimmers auf dem Platze der verstorbenen Tante empörte und verletzte ihn. Er setzte sich schweigend an den Eßtisch und zog ein Lederetui aus der Tasche, das er öffnete, um ein zusammengeklapptes Eßbesteck von Silber herauszunehmen.... Das war das einzige von den Lucians herstammende Stück, das die erzürnte, unversöhnliche Frau aus dem Königsberger Hausstand mit heimgebracht hatte, das Pathengeschenk des Großvaters, des längstverstorbenen Oberst Lucian, für seinen Enkel Felix, den er selbst aus der Taufe gehoben. Das Etui war seitdem in der dunkelsten Ecke des Silberschrankes droben im Giebelzimmer verblieben. Bei seinem letzten längeren Aufenthalt auf dem Klostergute aber hatte der junge Eigenthümer durch Zufall das geflissentlich verborgene großväterliche Geschenk entdeckt; er hatte es sofort mit heimlich aufjauchzendem Herzen wiedererkannt und, trotz des mütterlichen Protestes, als sein Eigen reclamirt.

Nun schob er das einfache, holzstielige Besteck des Hauses beiseite und legte das silberne auf die hingebreitete Serviette.

In diesem Augenblick trat die Majorin ein. Sie trug ein gebratenes Hähnchen und den Gurkensalat auf einem Präsentirbrett und war eben im Begriff, einen gewärmten Teller vor ihren Sohn niederzusetzen, als ihr Blick auf das Silberbesteck fiel. Sie wurde dunkelroth im Gesichte und blieb regungslos stehen.

„Nun, ist Dir unser Eßzeug nicht blank oder stolz genug?“ fragte sie kurz, wie mit zugeschnürter Kehle.

„Das nicht, Mama,“ versetzte der junge Mann und legte mit einem fast zärtlichen Gesichtsausdruck die Hand auf den Messergriff, der den groß eingravirten Namen Lucian trug, „aber ich bin so glücklich, etwas aus der alten Zeit im Gebrauch zu haben – von diesem Andenken trenne ich mich nie. Ich weiß noch genau, wie er aussah, mein schöner, stolzer Großpapa, obgleich ich nicht viel über vier Jahre alt gewesen bin, als er gestorben ist. Der Papa –“

Ein Schmettern und Klirren machte ihn emporfahren; zugleich erschrak er über sich selbst; denn zum ersten Male nach vieljähriger, von der strengen Mutter ihm auferlegter Selbstbeherrschung war ihm wie unbewußt das theure, seinem Gedankengang so geläufige Wort „Papa“ über die Lippen geschlüpft – und nun stand sie vor ihm, die Zürnende, mit funkelnden Augen; aus dem eben noch roth überflammten Gesicht war jeder Blutstropfen gewichen, und die jäh aufzuckende Hand hatte unwillkürlich den Teller zu Boden geschleudert. Die Amme kreischte auf, und das Kind in der Wiege stimmte aus Leibeskräften ein.

„Aber, Frau Majorin, wenn das jetzt der Herr Rath wüßte! Veitchen kann ja Krämpfe kriegen vor Schrecken,“ sagte die Amme in frech zurechtweisendem Ton und nahm das schreiende Kind aus dem Bettchen.

Zum höchsten Erstaunen des Sohnes erwiderte die stolze, strenge Frau keine Silbe. Sie half den Schreihals beruhigen; dann raffte sie die Scherben von den Dielen auf und ging hinaus in die Küche. Felix wußte, wie heiß sein Onkel und auch seine familienstolze Mutter einen directen Erben des Wolfram’schen Namens ersehnt hatten, aber er ahnte doch nicht, welche Macht dieser kleine Junge im Wickelkissen auf dem Klostergute war. – Der junge Mann starrte mit einem heimlichen Schrecken nach dem borstigen schwarzen Haarbüschel, der unter dem verschobenen Mützchen hervorkam.

Hätte die Frau Räthin, die ihre fünf kleinen Mädchen, eines wie das andere, mit kornblumenblauen Augen aus zarten Schneewittchen-Gesichtern angesehen hatten, in ihr irdisches Heim zurückblicken können, sie wäre jedenfalls sehr betroffen gewesen über das zigeunerhafte Kerlchen, zu welchem sich der mit ihrem Leben erkaufte Sohn entwickelte – ein braunes, faltig mageres Gesichtchen zwischen weit abstehenden Ohren, und lange, dürre Fingerchen, die wie Spinnenfüße auf dem weißen Steckkissen krabbelten – das war der Erbe des Klostergutes.

„Schlaf’, Kindlein, schlaf’ – schlaf’ sanfter als ein Graf!“ sang die Amme in rucksenden Tönen. Sie ging am Eßtisch vorüber, und den Tact auf das Steckkissen patschend, stieß sie eine Thür auf und marschirte in die anstoßende Stube. Das war das Geschäfts- und Arbeitszimmer des Herrn Rathes – es that sich auf wie ein weiter Saal, und sein mächtiges Bogenfenster ging auf den Vorderhof.

Das Kind war still, und die Amme schlug drüben den Fensterflügel zurück und rief den draußen beschäftigten Knechten plumpe Witzworte zu – das war nun etwas ganz Unerhörtes auf dem Klostergute. So schlicht bürgerlich auch der Zuschnitt des gesammten Hausstandes war – das Gesinde wurde in strenger Zucht, in sclavischer Demuth, fast wie Leibeigene, zu Füßen der Herrschaft niedergehalten; die Wolframs verstanden es, sich in Respect zu setzen.

Die Majorin, die inzwischen wieder hereingekommen war und einen anderen Teller auf den Tisch gesetzt hatte, streifte mit einem Seitenblick das Fenster, an welchem es so geräuschvoll zuging, aber sie sagte kein Wort. Die gleichmütige Ruhe, die ihr schönes Profil wieder angenommen, erschien dem Sohne heute zum ersten Male unnatürlich und unheimlich – er wußte seit wenigen Augenblicken, daß alle Nüchternheit und Besonnenheit, aller Schutt der Alltäglichkeit eine verstohlen glimmende Stelle in der Seele seiner Mutter nicht zuzuschütten vermochten; ein einziges Wort hatte Flammen aufschlagen lassen.

Dem Eßtisch gegenüber wölbte sich der plump gemeißelte steinerne Rundbogen einer Thür; hinter ihr, durch die klafterdicke Mauer hindurch, hatte einst eine Treppe nach dem erhöhten Parterre, in den Corridor des Säulenhauses geführt; sie war der Verbindungsweg zwischen der Klosterküche und den Speisesälen des Hospizes und überhaupt der einzige gewesen, der die zwei Häuser mit einander verbunden hatte. Bei der Theilung des Klosterbesitzes war der Thürbogen in seiner ganzen Tiefe massiv vermauert worden, die praktischen Wolframs aber hatten ein wenig Raum als flachen Wandschrank hinter der Thür belassen. Diesen Schrank schloß die Majorin jetzt auf. Die Haushaltungsbücher lagen drin, und auf dem schmalen Regal stand ein lackirter Blechkasten – da hinein floß der Erlös für Geflügel und dergleichen, sowie das Milchgeld.

Felix sah mit verfinstertem Gesicht zu, wie seine Mutter eine derbe Ledertasche vom Gürtel nahm und den Inhalt, lauter kleine Münzen, in den Kasten schüttete. Sie mußte also jetzt auch, wie vordem die arme Frau Räthin, am Schanktisch stehen und die Milch nöselweise verkaufen; sie mußte das verlangte Geflügel in Hühnerstall und Taubenschlag zusammensuchen und den fremden Köchinnen im Gemüsegarten Salat und Kohlrabi abschneiden und sich die Groschen und Pfennige dafür in die Hand zählen lassen. Dem jungen Mann quoll der Bissen im Munde vor Verdruß; zudem kreischte in diesem Augenblick die Amme laut auf vor Vergnügen. Er warf Messer und Gabel hin und sprang auf.

„Ist es Dir wirklich möglich, so viel Gemeinheit in Deiner Nähe zu dulden, Mama?“ rief er entrüstet.

„Wenn ich unverständig wäre, dann empörte ich mich wahrscheinlich auch dagegen,“ sagte sie, gelassen den Schrank schließend. „Das Kind ist schwach und elend; sein Leben liegt in der Hand der ungeschliffenen Person; da heißt es, schlucken und schweigen.“

Ihr Sohn fühlte, wie ihm das Blut nach dem Kopfe schoß – welche große innere Opfer brachte diese Frau dem Kinde ihres Bruders, und ihr eigenes hatte sie vaterlos gemacht, weil sie nicht schweigen wollte! Er erinnerte sich noch der Scenen zwischen seinen Eltern; er wußte noch, daß die Mutter dem aufbrausenden Manne gegenüber kalt und unerbittlich stets das letzte Wort behauptet hatte, bis er wie rasend vor Ungeduld aus dem Zimmer gestürmt war.

Sie hatte schwerlich eine Ahnung von der unsäglichen Bitterkeit, die augenblicklich in ihrem Sohne aufwogte, sonst wäre sie wohl nicht so gleichmüthigen Blickes an ihm vorüber in das anstoßende Zimmer gegangen.

„Wir wollen doch lieber das Fenster schließen, Trine,“ sagte sie mit ruhiger Freundlichkeit, „die Zugluft könnte dem Kinde schaden.“

„Ach bewahre, es zieht nicht. Da müßte ich doch auch was spüren,“ entgegnete Trine impertinent. „Ich bin die Amme, Frau Majorin; unsereins muß doch wohl am besten wissen, was es zu thun und zu lassen hat.“

Sie mußte übrigens doch schon ihre Erfahrungen bezüglich der Entschiedenheit der Dame gemacht haben, denn während die Majorin, die grobe Antwort völlig überhörend, unbeirrt die Fenstergriffe fester zudrehte, kehrte sie brummend an die Wiege zurück, legte das Kind ist die Kissen und nahm ihren Strickstrumpf wieder auf.

Indessen war auch Felix ist das Zimmer des Onkels getreten, zu seiner eigenen Verwunderung mit derselben beklemmenden Scheu, die er als Kind empfunden. Diese holzbekleideten Wände schlossen stets dieselbe widerlich dumpfe, mit dem Geruch alter, lederner Büchereinbände erfüllte Luft und einen abgesperrten, gleichmäßig häßlichen Dämmerschein des Tageslichtes in ihr langgestrecktes Viereck. Zur Zeit seiner Amtstätigkeit – der Rath hatte seit einigen Jahren sein Amt als Oberbürgermeister der Stadt niedergelegt – war das Zimmer die sogenannte Amtsstube und damit ein Gegenstand der Furcht für alle Hausgenossen gewesen. Da waren oft bitterböse Worte zwischen heftig streitenden Männern gefallen; die leidenschaftlich gesteigerten Stimmen hatten draußen von den Wänden der Hausflur widergehallt, und Mancher war mit zornrothem Kopf fortgestürzt und hatte die Thüren schmetternd hinter sich zugeschlagen, denn der Rath hatte nicht gut mit den Bürgern der Stadt gestanden, er war verhaßt gewesen seiner herrischen Willkür, seiner oft bis zur Härte gehenden Unbeugsamkeit, seines beißenden Hohnes wegen.

Felix hatte das Zimmer als Kind fast nur betreten dürfen, wenn die Mutter ihn schickte, einen Verweis des Onkels in Empfang zu nehmen, und doch blieb er meist wie mit magischer Gewalt festgebannt noch einige Augenblicke nach Beendigung der Strafpredigt an der Schwelle stehen, bis ihn der Rath barsch hinausscheuchte.

An der ganzen Südseite – derselben Wand, welche einst drüben im anstoßenden Zimmer der Verbindungsweg zwischen Kloster und Säulenhaus durchbrochen hatte – lief nämlich eine Gallerie hin; ein hölzernes Treppchen von wenigen Stufen führte hinauf und theilte ihr geschnitztes, vor Alter schwarz gewordenes Geländer ist zwei Hälften. Die Wand war bedeckt mit Holzschnitzereien, plumpen, unkünstlerischen, in Felder eingetheilten Darstellungen aus der biblischen Legende. Aber nicht diese Heiligengestalten mit ihren verrenkten Gliedmaßen und der plumpen Scheibe des Glorienscheins hinter den Köpfen zogen den sehnsüchtigen Blick des Knaben auf sich – die Orgel war es, zu der die Stufen direct führten.

Sie war uralt und von der primitivsten Art; sie hatte nur wenige zinnerne Pfeifen und sehr breite Tasten; ein vollstimmiger Choral hätte nicht darauf gespielt werden können. Auch sie sollte ein Mönch gebaut haben, und zwar der Abt selber, dessen „Klause“ dieses weite, saalartige Zimmer einst gewesen. – Die Wolframs hatten die ganze raumversperrende Einrichtung dennoch unberührt gelassen – sie hatte heiligem Gebrauche gedient, und die Besorgniß, mit der Profanirung den Segen von ihrem Besitzthume zu verscheuchen, beseelte sie Alle, wie sich ja nur zu oft die Gottesfurcht in der egoistischen Menschenseele mit der Furcht, weltliche Güter zu verlieren, verbindet – freilich niemals eingestandenermaßen.

Jetzt sah der junge Mann auf den ersten Blick, daß die Orgel verschwunden war. Stumm vor Ueberraschung zeigte er auf das neue, braungebeizte Feld, das sich an Stelle der Orgelpfeifen zwischen die Heiligen geschoben und mit seiner ungeschmückten, glatten Holztafel seltsam genug aussah inmitten der krausen Schnitzereien.

„Ja, Du wunderst Dich,“ sagte die Majorin, die sich eben vom Fenster wegwendete. „Das war ein heilloser Schrecken . . . . Die Pfeifen hatten freilich schon lange verschoben gestanden, aber wir hatten das nicht weiter beachtet, und da brach sie am Tage nach Veit’s Geburt mit einem furchtbaren Poltern in sich zusammen. Sie war freilich immer eine spukhafte Mäuseherberge; aber es ging uns doch nahe, denn in Ehren haben wir sie Alle gehalten. – Die Trümmer sind auch von keiner fremden Hand angerührt worden; der Onkel hat die Ordnung selbst wieder hergestellt; auch nicht das kleinste Brettchen ist in’s Küchenfeuer gekommen.“

Der junge Mann stieg auf die Gallerie und öffnete das neueingesetzte Feld, das sich als eine Thür auswies. In der ziemlich tiefen dunklen Maueröffnung, die einst die Orgel ausgefüllt, waren in der That die Ueberreste sorgsam aufgeschichtet. Da lagen die zinnernen Pfeifen, die dickbäuchigen Holzengel, welche sie umringt hatten, die aus einander gesprengten Theile der Tastatur – es schien allerdings jeder Splitter so ängstlich aufgelesen worden zu sein, als hänge Unsegen und Verderbniß für das ganze Klostergut an seiner Verschleppung.

Wenn der Rath ganz allein die Ordnung wieder hergestellt hatte, dann rührten auch die Reparaturen an den beschädigten Innenwänden von seiner Hand her. Felix bog sich tief in den dämmernden Raum und betrachtete ein neues Stück Bretterverschalung. „Der Onkel hat ja trotz einem Zimmermann gearbeitet,“ rief er lächelnd seiner Mutter zu, die eben hinausgehen wollte.

In diesem Momente wurde die nach der Hausflur führende Thür geöffnet und ein fester Fuß trat auf die Schwelle. „Nun, was hast denn Du da oben zu suchen?“ scholl es scharf, in hörbar unliebsamer Ueberraschung herein.

Felix fuhr empor – dieser Ton in des Onkels Stimme berührte stets sein ganzes Nervensystem wie das plötzliche Schrillen von Metall. Er sprang nichts desto weniger rasch die Stufen herab und reichte mit einer leichten, eleganten Verbeugung dem Eingetretenen die Hand hin.

„Willst Du nicht die Freundlichkeit haben, zuvor den Schrank wieder zu schließen, den Du so wißbegierig durchstöberst?“ fragte der Rath abermals mit finsterem Blick, ohne die dargebotene Hand zu ergreifen. „Und seit wann ist es denn Sitte bei uns, daß Du mich in meinem eigenen Zimmer bewillkommnest?“

Der junge Mann war mit einem Satze wieder zurückgesprungen und bemühte sich, die verquollene Schrankthür zuzudrücken. „Seit Deine Dienstboten den Weg frei gemacht haben, Onkel,“ entgegnete er, nicht ohne Schärfe, über die Schulter und zeigte durch die offene Thür nach der Amme, die sich grüßend vom Stuhl erhoben hatte.

„Veitchen schläft immer nur drüben ein – der Herr Rath wissen’s ja,“ sagte die Person, ihres angemaßten Rechtes sicher.

Der Rath warf schweigend seinen Hut auf den nächsten Tisch. Hochgebaut, nicht breit von Schultern, aber ein Bild zäher Kraft in der ganzen Haltung, war er ein Mann, der, auf dem Hintergrunde der alterthümlichen Wandbekleidung, in Koller, Spitzenkragen und Federhut eine prächtige Wallenstein-Figur abgegeben hätte. Das starke, kurz verschnittene, leicht übergraute Haar bog sich als scharfgezeichnete Schneppe tief in die Stirn des geistreichen, schmalen Gesichts, das Luft und Sonne mit der gesunden, braunen Haselnußfarbe angehaucht hatten.

Er ging, den Schall seiner Schritte möglichst dämpfend, sofort hinüber an das Wiegenbettchen, hob mit vorsichtigem Finger den Schleier auf und bog sich horchend über das Kind. „Was ist das, Trine? Der Kleine athmet aufgeregt – das Köpfchen scheint auch heiß zu sein,“ fuhr er wie athemlos vor Bestürzung empor – dieses Männergesicht voll Selbstbewußtsein war kaum wiederzuerkennen mit dem Ausdruck zitternder Angst.

„Veitchen hat sich erschreckt, Herr Rath,“ sagte die Amme, die Hände über dem Leib faltend, in anklagendem Tone. „Er kann eben gar keinen Spectakel vertragen, und die Frau Majorin hat vorhin einen Teller auf den Erdboden fallen lassen – ich war halbtodt vor Schreck und dachte mir’s gleich, daß Veitchen krank würde; er schrie zu fürchterlich, Herr Rath.“

Der Rath schwieg und streifte mit einem finsteren Seitenblick seine Schwester, die, ganz bleich vor Grimm und Aerger, langsam am Eßtisch hinging und zwecklos verschiedene Gegenstände aufnahm, um sie wieder hinzulegen. Jetzt trat sie rasch an die Wiege und legte die Hand prüfend auf die Stirn des schlafenden Kindes. „Du siehst Gespenster – dem Kinde fehlt nichts,“ sagte sie in ihrer kurzen, entschiedenen Weise, aber, wie man sah, selbst erleichtert durch das Resultat ihrer Untersuchung.

„Gott sei Dank!“ rief der Rath tiefaufathmend. „Ich weiß, Du verstehst Dich darauf, Therese. – Aber es wäre jedenfalls praktischer gewesen, Felix hätte oben in Deinem Zimmer gegessen. Trine hat Recht, Veit kann kein starkes Geräusch, nicht einmal lautes Sprechen vertragen; wir werden uns deshalb, so lange Dein Sohn hier ist, im vorderen Eckzimmer aufhalten. Für jetzt muß das Kind in seine Schlafstube – die Luft hier ist zu dick, voller Speisedunst.“

Er ergriff die Wiege am Kopfende und winkte der Amme, die entgegengesetzte Seite aufzunehmen, aber die Majorin legte selbst Hand an, und so trugen die beiden alternden Geschwister den neuen Träger des Wolfram’schen Namens – ihrem Familienbewußtsein und Dünkel nach ein Menschenkind, kostbar wie ein Königssohn – durch Küche und Hausflur, und die Amme folgte, hochmüthig das fette Doppelkinn präsentirend, breitspurig mit ihrem Strickstrumpfe.




4.

Die Thüren blieben offen, und Felix fühlte den lebhaften Wunsch, auch hinauszugehen und das „alte Falkennest“, aus welchem der klägliche, kümmerliche Sproß da drüben schon jetzt mit seinen Spinnenfingerchen jeden Insassen anderen Namens stieß, auf Nimmerwiederkehr zu verlassen. Von Neid und Mißgunst war keine Spur in der Seele des jungen Mannes; er hatte im Gegentheil laut aufgejubelt bei der Nachricht, daß ein Wolfram geboren sei; denn ihm war der Gedanke, einst auf dem Klostergute hausen zu müssen, immer ein verhaßtes Schreckgespenst gewesen. Freilich hatte er sich nicht träumen lassen, daß sich mit dem ersten Athemzuge des kleinen, mißgestalteten Burschen eine Wandlung vollziehen würde, die das Leben auf dem Klostergute geradezu unerträglich und ihn damit gewissermaßen heimatlos machte. Der Onkel hatte ihm eben noch die Rolle eines Ueberflüssigen zugewiesen, der in jede beliebige Ecke gesteckt wurde, wenn seine Anwesenheit den schwachen Nerven des Wickelkindes nicht zusagte. So hart und streng der Rath den phantasievollen Knaben einst behandelt, dem angehenden jungen Manne gegenüber war er doch in den letzten Jahren rücksichtsvoller, gleichsam vertraulicher gewesen. Felix stampfte in zorniger Scham mit dem Fuße auf – das hatte nicht ihm, seinem aufrichtig gemeinten Streben, seinen erworbenen Kenntnissen gegolten, wie er fest geglaubt; es war die Rücksicht für den Einzigen gewesen, in dessen Adern noch Wolfram’sches Blut floß, die Achtung vor dem späteren Besitzer des Klostergutes. Nun schüttelte der Rath „das nothwendige Uebel“, den Lückenbüßer ab – in der seidenbehangenen Wiege lag ja sein eigen Fleisch und Blut; er trat wieder brüsk und herrisch auf, wie er einst mit dem fremden, jung einfliegenden Vöglein, dem armen „Colibri“ verfahren.

Und die Mutter? Der Sohn zweifelte nicht an ihrer mütterlichen Liebe, wenn sie auch mit den äußeren Zeichen derselben kargte, wie beim Geldausgeben – sie verachtete jede lebhaftere Gefühlsäußerung als „geziertes Wesen“. Von dem Verstand und Charakter ihres Bruders hatte sie die höchste Meinung; seine unbeugsame Härte und Strenge gehörte zum Manne, wie der Ordnungssinn und die Häuslichkeit zur Frau – sie ging blindlings mit ihm. In Bezug auf das Haus aber, dem sie entstammt, sollte sie geradezu spartanisch hart denken; das Interesse ihres Sohnes käme erst in zweiter Linie, behaupteten die wenigen näheren Bekannten, die auf dem Klostergute verkehrten. Das vermeintliche Aussterben der länger als drei Jahrhunderte hindurch blühenden, hoch angesehenen Familie war ihr stets ein nagender Kummer gewesen; sie hatte die kleinen, flachshaarigen Nichten nie geliebt, und für die Mutter, die ihnen das Leben gegeben, eine Art Mißachtung im Herzen getragen. Das wußte Felix so gut, wie er stets den tiefen Schatten beobachtet hatte, der über ihre Stirn hinzog bei der Bemerkung Anderer, daß die Namen Lucian-Wolfram dereinst vereint dem Besitzthum ihrer Familie vorstehen sollten – die unversöhnliche Frau gönnte diese Auszeichnung dem Namen dessen nicht, der „sie unglücklich gemacht hatte“. – Sie war mithin am wenigsten geeignet, die schlimmen Eindrücke, die ihr Sohn eben empfangen, zu mildern, ihm im Hause des Bruders den Boden unter den Füßen wiederzugeben. Aber wozu denn auch? Er brauchte und wünschte diese ungastliche Heimath nicht mehr!

Der junge Mann, der eben noch in zorniger Aufwallung den Fuß zum Fortgehen auf die Schwelle gesetzt hatte, kehrte rasch zurück und trat an das Fenster der Wohnstube – trotzig und empfindlich durfte er jetzt nicht sein; er war ja nicht zu seiner Erholung, wie er fälschlich geschrieben, sondern zu einer dringenden Besprechung gekommen.

Eine heiße Angst machte ihm plötzlich das Herz heftig schlagen; er hatte sich in Berlin diese Unterredung bei weitem leichter gedacht; jetzt, wo er die zwei ernsten, verschlossenen Gesichter auf dem streng einfachen Hintergrund eines bürgerlich geregelten Hausstandes wiedergesehen, erschien ihm sein Vorhaben riesengroß an Schwierigkeit. „Lucile!“ flüsterte er aufseufzend, und sein Blick irrte durch das laubbeladene Geäst der draußen stehenden Rüster, das die Spätnachmittagssonne hier und da in prangendem Maiengrün transparent aufleuchten machte. Und wie auf seinen Ruf hergelockt, schlüpfte über diesen goldgrünen Grund hin die geschmeidige Gestalt mit den lang über den Nacken rollenden Locken, jeden Nerv voll prickelnden, siebenzehnjährigen Uebermuthes, die lieblich geschwungenen Lippen übersprudelnd von Tollheiten und Mutwillen. Er fühlte die weißen warmen Kinderarme um seinen Nacken verstrickt, fühlte das Wehen ihres Athems auf seiner Wange, und der ganze Rausch der Liebesseligkeit, der ihn seit Monden trunken machte, kam über ihn und gab ihm Kampfesmuth und die Zuversicht seiner jugendlich idealen Lebensanschauung zurück.


Unterdessen war die Majorin in die Küche zurückgekehrt; sie hatte einen Brodlaib aus dem Schranke genommen und schnitt tüchtige Stücken für ein paar im Flur stehender Bettelkinder ab. Auch der Rath kam herein; Felix hörte seinen festen Schritt auf den Steinfließen der Küche; er ging auf die Wohnstube zu, blieb aber plötzlich wie auf einen Ruck stehen.

Das eine Küchenfenster stand offen, und draußen im Hofe sagte ein Tagelöhner zu der Magd, die eben mit einem Arm voll frischen Klees nach den Ställen ging: „Du, der Alte drüben im Schillingshofe hat ja den Adam Knall und Fall fortgejagt; der Kutscher sagte es eben – dem thut’s leid.“

„Geh’ an Deine Arbeit! Für Eure Klatscherei zahle ich keinen Taglohn!“ rief der Rath hinaus. Der Mann fuhr zusammen, als träfe ihn diese herrische Stimme wie ein Messerstich.

Klirrend schlug der Rath das Fenster zu und griff nach einem der Trinkgläser, die sich spiegelblank auf einem Mauersims an einander reihten. „Leidest Du es denn, daß die Leute vor Deinen Augen die Zeit todtschlagen und schwätzen?“ fragte er finster seine Schwester.

„Die Frage war überflüssig; Du weißt, daß ich auf die Hausgesetze halte so gut wie Du,“ versetzte sie abweisend, wenn auch ohne alle Empfindlichkeit. „Aber Adam hat das Gesinde rebellisch gemacht. Er ist der Kohlengeschichte wegen doch noch entlassen worden und war auch hier im Hause, um Dir abermals vorzulamentiren; der Mensch drohte in seiner kopflosen Bestürzung mit einem Sprung in’s Wasser –“

Felix war währenddem auf die Schwelle der Wohnstube getreten; er sah von der Seite, wie der Onkel mechanisch an seinem dünnen Kinnbart drehte und das gegenüberliegende Ganggeländer mit den trocknenden Pferdedecken und Kornsäcken hin- und herirrenden Blickes so angelegentlich musterte, als höre er nur mit halbem Ohr, was seine Schwester sagte.

„Bah – Larifari!“ fiel er ein, ihre Rede kurz abschneidend. „Wer’s sagt, der thut’s nicht.“ Er hielt das Trinkglas unter das Brunnenrohr und trank das frische, perlende Wasser mit einem Zuge aus. „Ich werde übrigens diesem Herrn von Schilling schließlich doch ein wenig auf den Mund klopfen müssen; er treibt mir’s zu bunt in seiner kindischen Wuth,“ fügte er hinzu, das leere Glas niedersetzend. Er fuhr sich mit dem Taschentuch über Kinn- und Lippenbart, aber auch wiederholt über die Stirn, als sei auch sie feucht geworden.

„Das wäre ja dann die Rechtfertigung, die Adam verlangt, Onkel; er will nichts anderes, als das auffallende Zusammentreffen von Deiner Seite aus beleuchtet wissen“ rief Felix hinüber.

Der Rath fuhr nach ihm herum. Er hatte große, graublaue Augen, welche mit dem Selbstbewußtsein eines Mannes, der nie um einen Schritt vom Rechtsboden weicht, durchdringend, in das Gesicht anderer Menschen zu sehen pflegten; aber sie konnten auch versteckt unter den überhängenden Brauen hervorglimmen wie verhaltene Funken. Dieser halbverschlossene Blick glitt an dem Neffen empor, der in eleganter Kleidung hoch und schlank und sehr vornehm auf der erhöhten Schwelle stand, und streifte dann vergleichend an der verschossenen Joppe nieder, die der Herr Rath selten mit einer besseren vertauschte.

Die Bemerkung des jungen Mannes blieb unbeantwortet. Der Onkel lächelte nur sarkastisch; er schlug mit dem Taschentuch hängengebliebene Halme, Erd- und Kohlenreste von seinen Kleidern, die dicke Staubschicht von den Stiefeln, und dabei mit dem Kopfe nach Felix hindeutend, sagte er beißend zu seiner Schwester:

„Er steht da, wie das leibhaftige Modenkupfer, Therese – so frisch vom Schneider weg, so glatt und geleckt! Das flotte Röckchen da müßte sich famos in Scheuer und Kohlenschacht ausnehmen, Felix.“

„Es ist auch nicht dazu gemacht, Onkel; was gehen mich Scheuer und Kohlenschacht an!“ versetzte Felix, seine Empfindlichkeit unter einem flüchtigen Lächeln verbergend.

„Ach wie – so rasch und willig findest Du Dich mit der großen Wandlung in Deinem Leben ab? Da siehst Du nun, Therese, was ich immer sage: diese idealen Köpfe sind reicher als wir; sie werfen Hunderttausende von sich wie Kieselsteine und verziehen keine Miene dabei. Hm, mein kleiner Veit hat Dir einen schlimmen Streich gespielt, Felix – das Klostergut ist kein Pappenstiel.“

Das Ohr des jungen Mannes war von jeher peinlich geschärft für die Modulation in des Onkels an sich wohlklingender Stimme; er hörte auch jetzt einen fast wilden Triumph über die Geburt des Kindes, Schadenfreude und den Wunsch, ihn zu reizen, aus den Bemerkungen heraus.

„Gott sei Dank, ich habe kein neidisches Herz; möchte das Kind zu Deiner Freude heranwachsen!“ sagte er ruhig, und sein schönes, offenes Gesicht trug das Gepräge der Wahrhaftigkeit, des reinen Bewußtseins. „Wenn Du aber glaubst, Geld und Gut seien mir gleichgültig, dann irrst Du; nie habe ich lebhafter gewünscht, ein reicher Mann zu sein, als gerade jetzt –“

„Hast Du Schulden?“ fiel der Rath scharf ein und trat gespannt auf den Sprechenden zu.

Der junge Mann warf stolz den Kopf zurück und verneinte.

„Nun denn – wozu? Hält Dich Deine Mutter zu kurz? Und möchtest Du noch mehr solch überflüssigen Firlefanz in Dein Knopfloch hängen, wie Du ihn hier trägst?“ Er war auf die Thürstufe getreten und fixirte die Berloques, die an dem Uhrkettenring des Neffen hingen. Mit spitzem Finger zog er ein kleines goldenes Rund hervor, von welchem ein farbiges Funkeln ausging. „Alle Wetter, die Steinchen sind ja echt! – Ist das Dein Geschmack, Therese?“ rief er über die Schulter in die Küche zurück.

Die Majorin hatte eben ihre blauleinene Küchenschürze abgenommen und hing sie an einen Nagel. Sie kam gelassen, ohne jedwedes Zeichen von Interesse herüber.

„Ich kaufe nie dergleichen moderne Spielereien,“ antwortete sie mit einem prüfenden Seitenblick auf das Schmuckstück, dann aber heftete sie ihr dunkles Auge durchdringend und mit dem Ausdrucke des Untersuchungsrichters auf das wie mit Blut übergossene Gesicht des Sohnes. „Von wem ist die Kapsel?“ fragte sie kurz.

„Von einer Dame –“

„Mein Sohn, junge Mädchen haben selten so viel Geld zu verschenken,“ warf der Rath ein, indem er das Steingefunkel wohlgefällig hin- und herspielen ließ; „will Dir sagen, Felix, von wem das kostbare Andenken ist – von Deiner alten Freundin, der Baronin Leo in Berlin; eine ehrwürdig graue Locke ist drin – wie?“

„Nein, Onkel, eine glänzend braune,“ entgegnete der junge Mann rasch, als sei ihm diese falsche Vorstellung unerträglich – ein stolz glückseliges Lächeln irrte dabei um seinen Mund, aber gleich darauf stockte ihm der Athem; er hatte die Entscheidung herbeigeführt, ohne alle Vorbereitung, und nun standen ihm diese zwei Eisenköpfe gegenüber – Malice und Sarkasmus auf den Lippen des einen, und der andere mit dem unwillig überraschten, durchbohrenden Blicke; nie war Felix diese Wolfram’sche Familienseele in beiden Gesichtern so vernichtend entgegengetreten, wie in diesem peinlichen Moment.

„Ich möchte den Namen der Dame wissen,“ sagte seine Mutter lakonisch und genau mit der Beichtigermiene, die sie vor Jahren angenommen, wenn ihr Knabe in Gesellschaft eines fremden Kindes betroffen worden war. Sie las in den Zügen ihres Sohnes mit der ganzen Schärfe ihres Verstandes und Urtheils; sie sah auch jetzt, wie er mit qualvollen Gefühlen kämpfte, und gerade das ließ sie ohne Rücksicht, unerbittlich vorgehen.

„Mama, sei gut!“ bat er weich und flehentlich: er ergriff ihre beiden Hände und zog sie gegen seine Brust. „Lasse mir Zeit –“

„Nein!“ unterbrach sie ihn entschieden und zog die Hände aus den seinen. „Du weißt, ich mache stets sofort reinen Tisch, wenn ich eine Differenz zwischen uns bemerke – und hier liegt eine bedenkliche. Glaubst Du, ich lasse mich herbei, eine ganze, lange Nacht über den dunklen Weg zu grübeln, den Du offenbar gehst? – Ich will den Namen wissen.“

Die großen, blauen Augen des jungen Mannes funkelten auf in tiefverletztem Gefühl, aber er schwieg und strich sich, nach Fassung ringend, wiederholt mit der Rechten über die Stirn und die prachtvollen, aschblonden Haarwellen, die sie umrahmten.

„Bist ja ein Hauptheld!“ warf der Rath derb und ironisch hin. „Thust ja gerade, als ginge es Dir und dem braunen Lockenkopf an den Kragen. – Hm – ein Bettelmädchen ist’s nicht; sie hat Brillanten zu verschenken, aber mit der Familie, mit der Herkunft hat es seinen Haken – wie? – Du hast alle Ursache, die Sippe zu verleugnen – Du schämst Dich –“

„Schämen? Ich sollte mich meiner Lucile schämen?“ fuhr der junge Mann rückhaltslos auf – um seine Selbstbeherrschung war es geschehen. „Lucile Fournier! – Fragt nach ihr in Berlin, und ihr werdet hören, daß ihr der ganze junge Adel zu Füßen liegt, daß sie sofort in eines der ersten Grafengeschlechter heirathen könnte, wenn sie es nicht vorzöge, mir zu gehören. Aber ich weiß sehr gut, daß eine exotische Blume nicht in den deutschen Ackerboden paßt; ich weiß ebenso, daß Alles, was Kunst heißt, auf dem Klostergute schlecht angeschrieben ist; ich habe mit hartnäckigen Vorurtheilen zu kämpfen, und das machte mich für einen Augenblick befangen, nicht für mich selbst, sondern weil ich sicher bin, daß in der ersten Ueberraschung verunglimpfende Worte über mein Mädchen fallen werden – und die ertrage ich absolut nicht.“

Er schöpfte tief Athem und sah jetzt fest und furchtlos in das Gesicht seiner Mutter, welche, die Hand auf die Tischecke gestemmt, die erblaßten Lippen in den Winkeln tiefgesenkt, starr wie von Stein, ihm gegenüber stand. – „Lucile’s Mutter ist eine berühmte Frau,“ setzte er kurz und entschlossen hinzu.

„So?!“ fragte gedehnt der Rath. „Und der Herr Vater? Ist der nicht berühmt?“

„Die Eltern leben getrennt, wie“ – der junge Mann wollte sagen: „wie die meinen“ – aber ein wildes Auflodern im Auge der Majorin ließ ihn die letzten Worte verschlucken. Nach einem kurzen Schweigen sagte er rasch, wie um der unsäglich peinlichen Spannung sofort ein Ende zu machen: „Madame Fournier ist die Ballerina –“

„Ach was, sprich doch deutsch, Felix!“ fiel der Rath mit cynischem Sarkasmus ein. „Sage, die Tänzerin, die mit kurzem Röckchen und nackter Brust Abends über die Bretter fliegt – brr“ – er schüttelte sich und lachte höhnisch auf – „das wird die künftige Schwiegermutter sein, Therese!“ – Mit strengem Vorwurf erhob er den Zeigefinger gegen die Schwester, und sein scharfgeschnittenes Gesicht erstarrte förmlich in dem menschenfeindlich finsteren Gepräge, das seine Mitbürger an ihm haßten. „Weißt Du noch, was ich Dir vor fünfundzwanzig Jahren prophezeit habe?“ fragte er. „Du wirst die unverständige Wahl Deines Gatten in Deinen Kindern verwünschen – sagte ich nicht so, Therese? Da ist’s nun – das ist sein Blut, das leichte Soldatenblut – Nun schüttle das verhaßte Element ab, wenn Du kannst!“

„Das kann ich freilich nicht mehr,“ antwortete sie tonlos; „aber die leichte Waare, die es mir in’s Haus bringen will, die werde ich abschütteln – darauf verlasse Dich!“

Ein Geräusch in der Küche machte sie verstummen. Eine Magd war unterdessen mit einem Korbe voll Spinat eingetreten und schickte sich an, das Gemüse auf dem Küchentische vorzurichten. Die Majorin ging hinüber, schickte das Mädchen hinaus und schob den Riegel vor die Thür, die nach der Flur führte, dann kehrte sie zurück.

Dem jungen Mann klopfte das Herz zum Zerspringen, als diese Frau im langwallenden Trauerkleid, mit dem völlig entfärbten, aber in jedem Zuge entschlossenen Gesicht festen, raschen Schrittes auf ihn zukam, um „kurzen Proceß zu machen“. Unwillkürlich fuhr seine Hand nach dem Medaillon.

Ein kaltes Lächeln glitt bei dieser Bewegung um die Lippen seiner Mutter.

„Kannst ganz ruhig sein! Das unanständige Präsent da berühre ich ganz gewiß nicht mit meinen ehrlichen Händen – man weiß, woher die Brillanten der Tänzerinnen zu stammen pflegen.... Du wirst so verständig sein, auf meinen Wunsch und Willen hin das Geschenk eigenhändig abzulegen; wenn nicht – dann wird nach schlimmen Erfahrungen eine Stunde kommen, in welcher Du es voller Ekel von Dir wirfst –“

„Nie!“ rief er stürmisch, unter einem halb bitteren, halb jubelnden Auflachen; er hatte das Medaillon losgenestelt und drückte es inbrünstig an seine Lippen.

„Narrenspossen!“ murmelte der Rath grimmig zwischen den Zähnen, während die Augen der Majorin plötzlich in verhaltener Leidenschaft flimmerten. Eifersucht durchschütterte diese anscheinend in Kaltsinn und nüchterner Berechnung gefestete Natur. „Narrenspossen!“ wiederholte der Rath, als Felix das Andenken in der Brusttasche barg und mit zärtlich innigem Blick die Hand darauf preßte, als drücke er sein Mädchen selbst an das Herz. – „Schämst Du Dich gar nicht, vor uns ernsthaften Leuten solche Theaterstückchen aufzuführen? Ich begreife überhaupt nicht, wo Du den Muth hernimmst, hier auf dem Klostergute, Deiner respectablen Familie gegenüber, solche Liaisons zu erwähnen, von welchen andere junge Leute aus gutem Hause nicht zu reden pflegen –“

„Onkel!“ unterbrach ihn der junge Mann, seiner nicht mehr mächtig.

„Herr Referendar?!“ höhnte der Rath kalt zurück. Er schlug die Arme unter, und sein blitzendes Auge fixirte unverwandt und verächtlich das glühende Gesicht des Neffen.

„Du machst Dich lächerlich mit Deiner sittlichen Entrüstung mein Sohn,“ sagte die Majorin und griff gelassen nach der Rechten, die Felix in unwillkürlicher Drohung gehoben hatte. Sie war wieder der Gleichmuth selbst; weder Sohn noch Bruder hatten die unheimliche Flamme in ihrem Blick bemerkt. „Der Onkel hat Recht – es gehört Muth dazu, vor uns von dieser Menschenclasse zu sprechen –“

„Mehr Muth ganz gewiß nicht, als meine arme Lucile braucht, um ihrer Familie die Liebe zu mir einzugestehen,“ unterbrach sie der junge Mann erbittert. „Madame Fournier macht ein Haus in Berlin wie eine Fürstin; ihre alte Mutter aus vornehmer, wenn auch verarmter Familie präsidirt im Empfangssalon, den Persönlichkeiten aus den ersten Ständen aufsuchen. Arnold von Schilling kann Dir am besten sagen, daß wir Beide in der glänzenden Gesellschaft meist sehr unbedeutende Nebenfiguren gewesen sind.... Und in diesem Kreise ist Lucile seit einem Jahre der Mittelpunkt, der Abgott Aller. Sie ist schöner noch als ihre Mutter und ebenso talentvoll; für Mutter und Großmutter ist sie ein aufgehender Stern –“

„Willst Du mir nicht sagen, welche Rolle die Ehefrauen der Besucher in Madame Founier’s Salon spielen?“ unterbrach die Majorin kurz und schneidend die Schilderung.

Ihr Sohn schwieg bestürzt, und seine Augen suchten unsicher den Boden. „Die meisten dieser Herren sind unverheirathet –“

„Und die verheiratheten lassen ihre ehrbaren Frauen zu Hause,“ ergänzte sie mit einem unbeschreiblichen Gemisch von unterdrücktem Groll und eisiger Verachtung. „Wenn Du glaubst, mich mit der forcirten, kläglich nachgeäfften Vornehmheit dieser Tänzerinnensalons zu blenden, so irrst Du Dich gründlich – ich kenne die Lockerheit, den Sumpf hinter der gemalten Leinwand, und diese Kenntniß habe ich theuer genug erkauft.“

Felix schrak zusammen vor dem grellen Licht, das diese Worte in das Dämmerdunkel seiner Kindererinnerungen, über gewisse unbegriffene Vorgänge im Königsberger Elternhause warfen – jetzt verstand er sie; jetzt wußte er, weshalb sich die Mutter, bis zur Unkenntlichkeit vermummt und verschleiert, spät Abends von seinem Bettchen weggestohlen hatte; sie war heimlich dem Vater nachgegangen.... Diese Erkenntniß raubte ihm den letzten Rest von Hoffnung – es galt nicht allein mehr gegen „spießbürgerliche Vorurtheile“ anzukämpfen, die beleidigte Ehefrau, die sich in ihren Rechten durch jene „Menschenclasse“ beeinträchtigt gesehen hatte, stand in starrer Unversöhnlichkeit vor ihm. Ihn überkam eine Art von Verzweiflungsmuth.

„Ich darf und will Dein strenges Urtheil nicht anfechten, weil ich nicht weiß, was Du erlebt hast,“ sagte er, sich die äußere Fassung erzwingend. „Im Grunde denke ich ja ähnlich – obgleich ich schwören kann, daß im Fournier’schen Hause Anstand und Sitte nie verletzt werden, aber ich will auch mein Mädchen nicht von der Bühne weg heirathen, und deshalb bin ich jetzt hierher gekommen. Lucile hat die Bretter noch nicht betreten, obgleich sie bereits als vollendete Künstlerin gilt. Madame Fournier, deren Stern im Erbleichen ist, hat sie selbst unterrichtet; sie glaubt so fest an eine große Zukunft ihrer Tochter, die sie allerdings mit auszubeuten wünscht, daß sie selbst die ernstgemeinten Bewerbungen des Grafen L. um Lucile’s Hand ignorirt. Lucile soll in der nächsten Zeit debütiren, und dem muß ich um jeden Preis zuvorkommen –“

„Tanzt das Mädchen gern?“ warf die Frau Majorin trocken ein.

„Ja, leidenschaftlich gern. Aber sie will der eigenen Lust am Beruf, dem Ruhm und Glanz einer solchen Laufbahn entsagen um meinetwillen“ – seine Stimme sank und nahm den Klang unendlicher Weichheit und Zärtlichkeit an – „Du kannst darnach ermessen, wie lieb sie mich hat, Mama.“

Ein anspruchsvolles, spöttisches Kopfnicken der Majorin war die Antwort.

„Und die ausbeutelustige Mama in Berlin hat, wie mir allmählich klar wird, keine Ahnung von diesen beglückenden Plänen und Wünschen?“ fragte der Rath.

„Nein,“ antwortete Felix gepreßt – es lag so viel aufreizender Hohn in jeder Bewegung, jedem Ton des Inquirirenden. Dennoch bezähmte er sich und setzte hinzu: „Ich muß als ehrlicher Mann erst feststellen, was ich Madame Fournier’s eigenen Plänen und den Bewerbungen des anderen Freiers gegenüber in die Wagschale legen darf.“

„Nun darüber kannst Du doch unmöglich im Unklaren sein,“ sagte der Rath. „Ich dächte, Deine Besoldung als Referendar ließe sich unschwer beziffern – sie dürfte just ausreichen, um Mademoiselle Fournier’s Stecknadelbedarf zu bestreiten.“

Eine Flamme der Entrüstung, der zornigen Scham schlug über das Gesicht des jungen Mannes hin, aber noch hielt er an sich.

„Ich bin entschlossen, aus dem Staatsdienste zu scheiden und mich hier in der Stadt als Notar niederzulassen –“

In diesem Augenblicke legte sich die Hand der Majorin schwer auf seine Schulter, und noch nie hatte ihm die Stimme seiner strengen Mutter so unerbittlich, so vernichtend geklungen, wie jetzt, wo sie sagte:

„Besinne Dich, Felix! Ich vermuthe, Du sprichst im Fieber. Um die Nebel in Deinem Kopfe gründlich zu zerstreuen, will ich Dir souffliren, was Du dieser Madame Fournier, die ein Haus macht wie eine Fürstin, die eine hochadlige Partie für ihre Tochter zurückweist und millionenfachen Reichthum von den Balletsprüngen ihrer Schülerin erwartet, der strengen Wahrheit gemäß zu sagen haben wirst: ,Ich habe keine Carrière vor mir, besitze keinen Heller eigenen Vermögens und muß von dem leben, was mir meine Clienten einbringen. Ihre Prinzessin Tochter wird die Kochschürze umbinden und wohl oder übel schadhafte Wäsche ausbessern müssen; ihre gesellschaftlichen Talente kann sie bei mir nicht verwerthen; denn die gute Stube eines unbemittelten Notars ist kein Empfangssalon, in welchem sich hochgräflicher Besuch einzufinden pflegt – meiner Mutter aber darf ich sie nie vor die Augen bringen.’“

„O Mutter!“ rief der junge Mann.

„Mein Sohn,“ fuhr sie fort, ohne den Aufschrei von Schmerz und Qual zu beachten, „Du wünschtest vorhin reich, sehr reich zu sein, und, wie ich jetzt verstehe, hattest Du allen Grund dazu, denn ein ‚fürstlicher’ Haushalt braucht Batzen. Du meinst nun, das Vermögen Deiner Mutter falle bedeutend in die Wagschale, und darin hast Du vielleicht nicht ganz Unrecht, aber dieses Vermögen ist Pfennig um Pfennig, Groschen um Groschen von einer braven, ehrlich arbeitenden Familie drei Jahrhunderte hindurch sorgfältig aufgesammelt worden, und das sage ich Dir“ – sie hob die Rechte, und ihre ebenmäßige, hohe Gestalt reckte sich in unerbitterlicher Strenge imponirend auf – „ehe ich das Vermächtniß meiner Familie in einer liederlichen Theaterwirthschaft verprassen lasse, eher vermache ich es bei Heller und Pfennig an den Namen Wolfram zurück – darnach richte Dich!“

„Das ist Deine endgültige Entscheidung, Mutter?“ fragte der Sohn mit blassen Lippen, und seine schönen blauen Augen blickten wie erloschen.

„Meine endgültige Entscheidung. Schlage Dir das Mädchen aus dem Sinne. Du mußt es können – das sage ich Dir ein- für allemal. Ich will nur Dein Bestes – später wirst Du mir’s danken.“

„Für zerstörtes Lebensglück dankt man nicht,“ versetzte er, und jetzt erhob sich seine Stimme in unaufhaltsam hervorbrechendem Groll zu einem allmählich anwachsenden Sturm, den er selbst nicht mehr zu beschwören vermochte. „Schütte Du Deine Capitalien immerhin dem kleinen Wolfram in die Wiege! Sie sind Dein Ererbtes; Du kannst damit schalten und walten, wie es Dir beliebt. Dagegen hast Du Deinen Einspruch in meine Herzensangelegenheit verwirkt. Du greifst stets egoistisch in mein Leben ein, als sei ich Deine Sache, ein Gegenstand ohne Blut und Leben, ein Stück Wachs, das Du im Wolfram’schen Geiste beliebig ummodeln könntest. Du hast einst meinem Schicksalsgang eigenmächtig eine Wendung gegeben, die ich einen unverantwortlichen Raub nenne. Ich war damals ein Kind, das an Deiner Hand mitgehen mußte, wohin Du es führtest. Jetzt aber habe ich meinen eigenen Willen – ein zweites Mal lasse ich mich nicht in unmenschlicher Grausamkeit berauben.“

„Jesus!“ stöhne die Majorin auf, als habe sie einen Todesstoß erhalten. Sie hatte eine halbe Wendung, wie zur Flucht, nach der Thür zu gemacht – dort stand sie mit unwillkürlich erhobenen Händen und starrte voll Entsetzen nach dem Sohn zurück. Dem Rath aber lief eine dicke Zornader über die Stirn hin; er ergriff den jungen Mann am Arme und rüttelte ihn in brutaler Weise.

„Was ist das für eine Sprache, Du armseliger Bursch!“ schalt er. „Was hat man Dir gestohlen, Du Habenichts? Wirst Du mir wohl erklären, inwiefern Du beraubt worden bist?“

„Als man mir das Vaterhaus nahm,“ entgegnete Felix mit erschütterndem Klang der Stimme, indem er durch eine energische Wendung die Hand des Onkels von sich schüttelte. „Wenn ein Vater stirbt, so ist das eine Fügung des Himmels, der sich die Kinder unterwerfen müssen – niemals aber sollten Menschen Vater und Sohn auseinanderreißen; denn sie sollen sich ergänzen; sie gehören zusammen, weit mehr noch als Mutter und Sohn.... Und mein Vater hat mich unsäglich lieb gehabt. Ich weiß heute noch, was ich gefühlt habe, wenn er mich in stürmischer Zärtlichkeit an sich preßte, an sein starkschlagendes Herz, der schöne, stolze, herrliche Soldat, den man leichtsinnig schilt, weil er kein Philister gewesen ist.“

Er schwieg und athmete tief auf, als sei das Ausgesprochene eine die ganzen Jugendjahre hindurch getragene Bergeslast gewesen. Seine Mutter hatte bei seinen letzten Worten die Thürstufe, auf der sie gestanden, verlassen; er hörte, wie draußen ihr Gewand schwer und langsam über die Steinplatten der Küche hinschleifte; er hörte, wie sie die schmale nach dem Hinterhof führende Glasthür öffnete – dann sah er sie mit gesenktem Kopfe über den Hof gehen und in dem gegenüberliegenden Hintergebäude verschwinden. Dort führte eine Thür nach dem Garten.

„Verlorener Sohn!“ stieß der Rath mit vor Ingrimm erstickter Stimme hervor. „Das verzeiht Dir Deine Mutter nie. Geh, mache, daß Du aus meinem Hause kommst! Hier ist kein Raum mehr für Dich. Ich kann den Himmel nicht genug preisen, daß er die Wolframs in meinem Kinde neu aufblühen läßt und ihr altes Stammhaus vor der fremden Kukuksbrut bewahrt.“

Er ging hinüber in sein Zimmer und schlug die schwere, metallverzierte Thür klirrend hinter sich zu, während der junge Mann schweigend, mit fliegenden Händen das einzige Erbe aus dem Vaterhause, das silberne Eßbesteck, zusammenraffte, um ebenfalls die Wohnstube zu verlassen.



5.

Wie betäubt ging er durch die Küche und schob den Riegel der Thür zurück. Beim Oeffnen scholl ihm Stimmengeräusch entgegen; es hatte sechs geschlagen; die Hausflur war mit Frauen und Kindern erfüllt, und über den vorderen Hof her kamen sie immer noch geströmt, die Abendkunden des Klostergutes, die blechernen und irdenen Henkeltöpfe oder den Steinkrug in der Hand. Die Stallmagd hatte eben zwei Eimer voll schäumender Milch auf den Fußboden niedergesetzt und sah sich staunend um, denn der Platz am Schanktisch war noch leer – zum ersten Mal, seit sie auf dem Klostergute diente; selbst am Sterbe- und Begräbnißtage der seligen Frau Räthin war der Posten pünktlich eingenommen worden in dem Augenblick, wo die Milch von den Ställen hergebracht wurde.

Felix schritt rasch durch die versammelten Leute. Sonst hatte ihn der „Milchhandel“ dergestalt angewidert, daß er stets um diese Zeit über ein verstaubtes Hintertreppchen gegangen war, um dem Menschenandrang in der Hausflur auszuweichen. Heute sah er mit zerstreutem Blick über die Köpfe der Wartenden hinweg; er bemerkte nicht, wie er gegrüßt wurde, wie sich die Frauen und Mädchen heimlich anstießen und den bildschönen jungen Herrn mit den Augen verfolgte, während er flüchtigen Fußes die kreischende Treppe hinaufsprang – zum letzten Mal. Nie, nie wieder wollte er zurückkehren in das dunkle Haus, in diesen von Mönchen gebauten und von einer engherzigen, phantasiearmen Familie durch alle Generationen hindurch sorglich conservirten Sarg, dem die Menschenseelen angepaßt wurden, indem man jede schüchtern hervorwachsende Schwinge abschnitt, jeden traditionswidrigen Geistesfunken mit dem Fuße austrat.

Die kleine Reisetasche des Ausgewiesenen lag noch droben im Giebelzimmer auf dem Tische; die mußte er holen. Er wollte mit dem Nachtzuge nach Berlin zurück; vorher aber seinen Freund Arnold im Schillingshofe sprechen. Das waren die einzigen klaren Entschlüsse, die sich empor rangen aus den aufgestürmten Wogen namenloser Erbitterung, aus dem Wirbel, in welchem sein furchtbar erregtes Gehirn kreiste. Bis hinunter zu dem Grundgedanken, wie es nun werden sollte, kam er nicht – immer wieder wälzte sich das Geschehene durch seinen Kopf.... Er war vorgestern von Berlin abgereist – Madame Fournier, die augenblicklich in Wien gastirte, hatte ihrer alten Mutter geschrieben, daß der Hoftheaterintendant auf ihren Wunsch, Lucile demnächst auf der Bühne des Kärnthnerthor-Theaters debütiren zu lassen, einzugehen scheine; diese Nachricht hatte ihn tief erschreckt, den er verhehlte sich nicht, daß ihm die Geliebte halb und halb verloren sei, wenn sie einmal ihren Triumphzug begonnen habe. Und sie selbst hatte ihn in leidenschaftlicher Ungeduld gedrängt, seine Verhältnisse sofort zu ordnen und dann nach Wien zu gehen, um persönlich mit ihrer Mutter zu verkehren – und nun war Alles in den ersten Stunden gescheitert. –

Er preßte die Hände gegen die heftig klopfenden Schläfen, als könne er mit dieser einen verzweifelten Bewegung seinen zerrütteten, aus der Bahn geschleuderten Gedankengang wieder einlenken, einen leitenden Faden in dem ungewissen Dunkel finden, in das er aus der Sonnenhelle seiner sanguinischen Hoffnungen mit geblendeten Augen gestürzt war.... Er hatte sich mit seiner Mutter entzweit für immer. Das sagte der Onkel nicht allein, er fühlte es selbst, daß sie ihm die unzerstörbare, enthusiastische Liebe zu seinem verschollenen Vater nie verzeihen, noch weniger aber die Rücksichtslosigkeit vergessen werde, mit der er endlich seinem stillschweigend getragenen kindlichen Schmerz Luft gemacht hatte.

Wie schroff und hart, wie unbeugsam war sie ihm aber auch gegenüber getreten! So war es immer gewesen. Da hatte es nie ein mütterlich sanftes Zureden und Vorstellen, nie, so lange er denken konnte, jenes teilnehmende Mitversenken in des Kindes Freud’ und Leid gegeben, das die Lust heller erglühen macht und das Weh sänftigt, wie das Streicheln einer weichen, linden Hand – ihre ganze Erziehungsweise war ein barsches Commando gewesen.... Und wie blitzschnell war sie vorhin mit dem Entschlusse, ihr einziges Kind zu enterben, fertig geworden – ja, zu schnell, selbst für eine augenblickliche Eingebung! – Das war wohl schon vorher gedacht worden. – Und jetzt kroch ein finsterer Argwohn schlangengleich an dieses arglose, bis dahin im idealen Vertrauen förmlich aufgehende Herz des Jünglings heran und packte es wie ein Dämon. Wie, wenn der Familienfantismus seiner Mutter so weit ging, daß ihr der Vorwand nicht unwillkommen gewesen war, ihr großes Erbtheil den Wolframs wieder zuzuwenden?

Er lief, wie von Harpyien verfolgt, im Giebelzimmer auf und ab.... Nimmermehr! Ein solch entsetzlicher Verdacht entwürdigte ihn selbst; er war eine Befleckung seiner eigenen Seele, eine Art von unedler Revanche, die ihm die Schamröthe auf die Wangen trieb.... Da lag noch das Schreibeheft auf dem Tische; das Verzeichniß der aufgeschlagenen Blattseite bewies unwiderleglich die treue Sorge, mit der die Mutter seiner Zukunft gedacht hatte; freilich war die verzeichnete Wäsche nur für den Ausstattungsschrein einer jungen Frau im Sinne der Majorin, einer vornehmen Beamtentochter, oder der Erbin eines reichen Fabrikherrn bestimmt gewesen; aber das that doch dem Impuls keinen Abbruch. Und dort im Fensterbogen hing das Bild ihres Sohnes; wenn sie arbeitend am Tische saß, mußte sie bei jedem Aufblicke in sein Gesicht sehen. Nein, liebeleer war ihr Herz nicht, wenn auch ihre starren Vorurtheile, ihre geradezu männliche Strenge gegen sich selbst und ihre Angehörigen ihr den Anschein völliger innerer Kälte gaben.

Zögernd griff er nach seiner Ledertasche und warf den Riemen über die Schulter – er war zum Fortgehen gerüstet. Dennoch blieb er stehen und horchte gespannt, ob nicht wohlbekannte Schritte über den Vorsaal kämen.... Es verstand sich von selbst, daß er das Klostergut auf Nimmerwiederkehr verließ, aber schmerzbewegt gestand er sich, daß es ihm unmöglich sei, von seiner Mutter für immer zu gehen, ohne ihr gesagt zu haben, wie ihm seine leidenschaftliche Heftigkeit ihr gegenüber leid thue; er mußte sie noch einmal sehen, selbst – wenn sie sein Abschiedswort in verächtlichem Schweigen anhören und nicht erwidern sollte.

Es war sehr schwül geworden. Am südlichen Himmel stieg eine schiefergraue Gewitterwand auf; sie rückte allmählich wie mit bleierner Schwere vor; Linie um Linie erstickte das glanzvolle Abendlicht hinter ihr, und in die Häuser sank ein immer tieferes Dämmern, als bräche eine frühe Nacht herein.

Drunten im Vorderhofe herrschte jetzt beruhigende Stille. Das große Thor war geschlossen; seine Wölbung sah aus wie bekränzt durch die Kleebüschel, die das bröckelnde, zerklüftete Mauerwerk vom hochbeladenen Fuder weg an sich gerissen. Auch das Rasseln des Mauerpförtchens schwieg, nachdem der letzte, verspätete, kleine Kunde mit seinem ängstlich behüteten Milchtopf das Klostergut verlassen hatte. Vor dem Hühnerstall lag der Riegel; die Pfauen und Truthühner hockten auf ihren Stangen unter niederem Dach, und nur auf dem Rande des Brunnentrogs flatterten noch badelüsterne Tauben.

In der Platanenallee des Schillingshofes rührte und regte sich auch kein Leben mehr; alle farbenbunte und blinkende Ausstattung der eisernen Möbel war fortgeräumt, und die Baumhalle erhob sich mit ihren unbewegten Wipfeln und den regelmäßig aufsteigenden Stämmen wie aus dunklem Stein geschnitten unter den hochgethürmten Gewitterwolken. Von den blühenden Bosquets her aber wogte der Duft über die epheubewachsene Mauer in den Klosterhof, der in alten Zeiten, da noch die Mönche auf den Steinbänken unter den Linden saßen, auch ein undurchdringliches Dickicht von Heckenrosen, Weißdorn und Flieder, voll singender und brütender Vögel, in seinen tiefen, geschützten Ecken beherbergt hatte.

Eine Viertelstunde um die andere verging, und noch wanderte Felix, wartend im Giebelzimmer auf und ab. War es wohl je so grabesstill im alten Klosterhause gewesen, wie jetzt, wo er mit schwerbeklommenem Herzen und hämmernden Schläfen auf ein Lebenszeichen horchte. Wieder trat er an das offene Fenster und sah in die Abenddämmerung hinaus – da, endlich kam es die Treppe herauf, über den Vorsaal her. Die Thür wurde geöffnet, und der Luftzug hob leise das Lockenhaar an der Schläfe des jungen Mannes, aber er wandte sich nicht um; er zögerte, in das zürnende Gesicht seiner Mutter zu sehen.

Ein schwaches Rauschen, als streife ein Vogel mit flatterndem Flügel an den Wänden hin, huschte hinter ihm über die Dielen; der Luftzug brachte plötzlich einen köstlichen Rosenhauch mit – dann legten sich sammetweich und kühl, wie Blumenblätter, zarte Finger auf die heißen Augen des Aufhorchenden, und – ein lähmender Schrecken machte ihn vom Wirbel bis zur Sohle erstarren – „Lucile!“ stieß er schwach, wie mit verlechzender Kehle hervor.

Im Nu waren seine Augen befreit, und das reizendste Elfenkind, das je die Welt gesehen, hing wie ein Kobold lachend an seinem Halse, hinter der Thür aber, die sich eben schloß, sah er noch das schmunzelnde, breite Gesicht der Stallnymphe verschwinden – sie hatte „den Besuch“ heraufgeführt.

„Um Gotteswillen, Lucile, was hast Du gethan!“ rief er außer sich.

Die weichen Mädchenarme glitten augenblicklich von seinem Nacken, und das liebliche Gesichtsoval der jungen Dame verlängerte sich in namenloser Betretenheit – sie sah ihn mit halb erschrockenen, halb bösen Augen an.

„Was ich gethan habe?“ wiederholte sie trotzig und schmollend. „Echappirt bin ich. Ist das so schlimm?“

Er schwieg und horchte angstvoll nach dem Vorsaal hin – jetzt durfte seine strenge Mutter nicht kommen. Ihm war, als sei sein Kleinod, sein Abgott in eine Löwengrube gestürzt.

„Ich bitte Dich, Felix, stehe nicht da, als sei Dir die Butter vom Brode gefallen!“ sagte Lucile ungeduldig und zog mit einem heftigen Ruck das gelockerte Strohhütchen fester in die Stirn. „Bah, der Spaß ist verunglückt, wie ich sehe – ich hatte mir das amüsanter gedacht. Meinetwegen –“ sie zuckte nachlässig die Achseln – „ich kann auch wieder gehen, wenn ich dem gestrengen Herrn nicht gelegen komme.“

„Nein, o nein!“ rief der junge Mann, und jetzt zog er das Mädchen stürmisch an sein Herz und bedeckte ihr zartes Gesichtchen mit leidenschaftlichen Küssen.

„Puh!“ schüttelte sie sich und entschlüpfte ihm lachend und geschmeidig. Sie warf Hut und Taschentuch auf den Tisch und schleuderte eine lange über den Busen gefallene Locke in den Nacken zurück. „So, nun bist Du wieder vernünftig, Schatz,“ sagte sie. „Gestern hättest Du bei uns sein sollen – na, das Durcheinander! Du machst Dir keinen Begriff. Mama telegraphirte, sie habe sich den Fuß vertreten, müsse deshalb ihr Gastspiel abbrechen, und die Intendanz gestatte, daß ich an ihrer Stelle nächsten Montag die Gisella in den ‚Willi’s’ tanze; ich solle sofort abreisen. Ich saß gerade auf dem Balcon und knabberte mit dem Kakadu allerhand Gutes aus der Bonbonnière, die Du mir mitgebracht hast – ich sage Dir, wie eine zerplatzende Bombe fiel das Telegramm in’s Haus – die Jungfern, die Bedienten, das Küchenpersonal, Alles wimmelte wie ein Ameisenhaufen durch einander.“

Ihre Schilderung gipfelte in einem kurzen, melodischen Auflachen, während sie die goldene Uhr wieder befestigte, die sie bei einer ihrer lebhaften Gesten unabsichtlich aus dem Gürtel gerissen hatte.

„Ich wünschte nur, Du hättest die Großmama gesehen,“ fuhr sie fort. „Sie hat wieder die Neuralgie im linken Beine und sitzt wie festgenagelt im Fauteuil ... Du weißt, sie hat so einen großen, altadeligen Blick, der furchtbar imponirend ist, und wenn sie von ihrer Familie, den längst vermoderten Marquis Rougerole, anfängt, da wird mir immer himmelangst. Sie zählte richtig wieder alle die Henris und Gastons, die sich immer in der Erde umdrehen müssen, der Reihe nach an den Finger her, stampfte erbost mit dem gesunden Fuße auf, und sagte, die Mama sei nicht recht klug, daß sie mich – nämlich den letzten Sproß der alten Ahnenreihe – mit dem dummen Ding, der Kammerjungfer Minna, allein in die Welt hineinreisen lasse – na, so sehr Unrecht hatte sie nicht.“ Lucile kicherte schelmisch in sich hinein. Bei jeder ihrer unbeschreiblich graziösen Bewegungen klirrten die kostbaren Armbänder an ihren Handgelenken; das silbergraue Taffetkleid rauschte in jeder Falte, und der starke Rosenduft, der ihrer Erscheinung entströmte, hatte längst den Veilchenhauch des Wäscheschrankes unterdrückt.

Jetzt sah sie flüchtig prüfend mit den großen Augensternen, in denen helles Braun mit einem feurig schillernden Grün fortwährend um die Herrschaft stritt, zu dem jungen Mann empor. Er stand, die Hand auf den Tisch gestemmt, wie in stummer Verzückung da. Der augenblicklichen, unheildrohenden Situation und dem altfränkisch ausgestatteten Raum, welcher das Zimmer seiner tödtlich beleidigten Mutter war, im Geiste vollkommen entrückt, sah und hörte er nur das thaufrische, quecksilberige Geschöpfchen, auf dessen volllockigem Scheitel die Grazien ihren ganzen Feenzauber ausgeschüttet. Sie las die trunkene Zärtlichkeit in seinen Blicken und warf sich an seine Brust.

„Närrischer Felix Du!“ sagte sie und zupfte ihn neckend am Ohr. „Was hattest Du nur vorhin, als ich ankam? Und ich kam so stolz, weil ich den gloriosen Gedanke gehabt hatte, durchzubrennen. Und gar so leicht war das durchaus nicht, mußt Du wissen. Ich habe nun einmal von Mama her in Blut und Nerven von meinem tollen Kopf an bis in die allerkleinste Zehe hinab das prickelnde Verlangen, zu schweben, zu gaukeln, und zwar am allerliebsten vor tausend Augen und tausend bärtigen Lippen, die ‚Bravo!’ rufen bis zur Athemlosigkeit – und das sprach auch mit, Schatz – mehr als Du denkst.“

Mit einer schlangengewandten Biegung ihres schlanken Leibes entschlüpfte sie ihm wieder; seine starken, blonden Brauen hatten sich plötzlich finster zusammengezogen. Sie lachte und strich mit der Hand glättend darüber hin. „Großmama schalt wohl über das Telegramm,“ fuhr sie rasch, den fatalen Eindruck verwischend, fort; „aber sie befahl doch sogleich, daß im Eßsalon vor ihren Augen gepackt werde – o du Gerechter – war das eine Wirthschaft! Minna und Großmama’s alte, sauertöpfische Kammerjungfer schleppten die halbe Garderobekammer herbei, und es dauerte nicht lange, da verschwand die Großmama sammt ihrem Fauteuil hinter einem ganzen Berg von Gazeröcke, und ich sah nur noch manchmal die citronengelbe Schleife auf ihrer Haube wackeln, wenn sie schalt und commandirte. Ach, Felix, es prickelte mir unsäglich verführerisch in den Fußspitzen, bei all den flimmernden Theaterherrlichkeiten, die Mama allmählich für mich angeschafft hat, und als das Costüm der Gisella gebracht wurde – ein hinreißendes Costüm, sage ich Dir – da – da traten mir die Thränen in die Augen. Na, sei nur ruhig – was will ich denn machen? Ich stecke ja bis über beide Ohren in der fabelhaft dummen Liebe zu Dir, und da verschluckte ich denn auch tapfer meine Thränen und lachte heimlich über ‚Madame Lazare née de Rougerole’, die gerade in dem Augenblicke zu meiner Jungfer sagte: ,Minna, daß Sie sich nicht etwa unterstehen, auf den Bahnhöfen familiär neben Fräulein Fournier herzugehen! Sie haben sich hinter ihr zu halten, und in Wien wird nicht ausgeplaudert, daß Sie die einzige Reisebegleitung gewesen sind – das bitte ich mir aus!“ Ha, ha, ha – in Wien! Bei mir stand es bereits bombenfest, daß ich – zu meinem Schatz gehen würde.... Und da hast Du mich nun, Felix! – Minna sitzt mit Koffern und Schachteln im Hôtel, zwischen Weinen und Lachen und hat schreckliche Angst vor Mama und Großmama – willst Du sie nicht holen lassen?“

Er schrak in sich hinein, als bräche die Zimmerdecke über ihm zusammen – da war die schreckensvolle Wirklichkeit wieder. „Nein, hierher darf sie nicht kommen,“ versetzte er gepreßt; „und auch Du kannst nicht dableiben, Lucile.“

Jetzt erst sah sie sich um und schlug kichernd die Hände zusammen.

„Ach, das ist kostbar, Du bist wohl in die Leinenkammer Deiner Mutter gerathen?“ rief sie und zeigte nach dem offenen Wäscheschrank. „Aufrichtig gestanden, für immer möchte ich auch um keinen Preis hier bleiben,“ setzte sie nach einer weiteren Musterung hinzu; sie schüttelte sich, während ihr scheuer Blick an dem tiefen Thürbogen hinglitt, in welchem bereits intensive Finsterniß lagerte. „Ich fürchtete mich zu Tode, sage ich Dir. Wenn Du mir vom Klostergute gesprochen hast, dann mußte ich immer an Marmorsäulen, mächtige Bogengänge und Springbrunnen im Klosterhofe denken. Und nun führt mich der Lohndiener vor dieses scheußliche Nest und besteht darauf, daß es das Klostergut sei – ich habe mich beinahe mit ihm gezankt. Ach Gott, und das Entrée! Ich fiel um ein Haar über ein paar Eimer, die im Wege standen, ein kleines Kind schrie und krähte wie ein Hähnchen – wohl das hoffnungsvolle, kleine Wolfrämchen? Die ganze Hausflur roch nach gebratenem Speck – puh, Speck! Und nun gar das Prachtstück, das mich heraufgeführt hat und, wie mir scheint, Portier, Lakai und Hausjungfer in einer Person ist! Sie grinste mich verständnißinnig an und patschte mir gönnerhaft den Rücken – oh!“

In ihre glänzend weiße Stirn gruben sich ein paar leichte Falten der Besorgniß, während sie halb ängstlich, halb drollig hinzufügte:

„So viel weiß ich nun, Felix – Mama und Großmama dürfen nie hierher kommen. Das gäb’ einen gräßlichen Skandal, und die unglücklichen Rougerole’s müßten sich en tour in ihren Särgen umdrehen.“

„Beruhige Dich, Lucile! Mama und Großmama werden nie in diese Verlegenheit kommen,“ entgegnete der junge Mann schwerathmend. „Komm jetzt! Auch wir wollen gehen –“

„Wie, noch diese Abend?“ unterbrach sie ihn mit großen Augen. „Ohne Deiner Mama –“

„Meine Mutter ist nicht darauf eingerichtet, einen Gast wie Dich zu empfangen.“

„Aber, mein Gott, ich bin ja doch nicht so anspruchsvoll. Du sagst selbst immer, ich äße und nippte wie ein Vögelchen – freilich, für Speckeier danke ich. Aber Frau Wagner, unsere alte Köchin, behauptet stets, ein wenig Mayonnaise ober Aspic oder dergleichen, was ich so sehr gern nasche, müsse immer in einem anständigen Speiseschrank zu finden sein.“

Er preßte die Lippen fest auf einander, und ohne ein Wort zu erwidern, nahm er das Strohhütchen von dem Tische und drückte es sanft und vorsichtig auf das braune Gelock des jungen Mädchens.

„Nun, wie Du willst,“ sagte sie achselzuckend und steckte den Hut mit einer goldenen Nadel fest. „Gehen wir in das Hôtel?“

„Nein. Ich bringe Dich in den Schillingshof zu unserem Freunde, dem Baron Arnold.“

„O, das ist mir sehr lieb, das freut mich, Felix. Der nette Baron Schilling. Ich bin ihm gut! Werde ich auch seine junge Frau sehen? Ich sterbe vor Neugier, ob sie schön ist – das ist mir nämlich stets die Hauptsache, mußt Du wissen.“

Bei den letzten Worten hob sie ihre Gestalt, so hoch sie konnte, auf den Zehen, um in dem zwischen den Fenstern hängenden winzig kleinen Spiegel zu prüfen, ob der Hut „anständig“ sitze, aber lachend, mit einer schüttelnden Handbewegung, gab sie den Versuch auf.

„Großmama hat den Papa der jungen Baronin, den alten Herrn von Steinbrück in Coblenz, gut gekannt,“ plauderte sie weiter, „sie behauptet, er habe seine einzige Tochter im Kloster erziehen lassen.“

„Die Großmama hat Recht,“ sagte er und zog ihr den Schleier über das Gesicht. Die Arabesken und Ranken der schwarzen Spitze ließen kaum an einigen klaren Stellen die weiße Sammethaut Lucile’s durchscheinen; nur die Augen, diese groß aufgeschlagenen, schillernden Sterne, blitzten wie Steingefunkel durch einen schmalen Streifen dünnen Spitzengrundes.

„So, nun wären wir fertig,“ sagte sie und griff nach ihrem Taschentuch.

Felix reichte ihr den Arm.

„Liebes Herz,“ bat er, unter der Thürwölbung den Schritt anhaltend, mit gedämpfter Stimme, „sprich nicht, so lange wir im Hause sind, und gehe möglichst geräuschlos die Treppe hinab!“

„Aber, mein Gott, weshalb denn? Wir sind doch keine Spitzbuben?“ fragte sie verwundert. „Ach, das kleine Kind ist wohl krank?“

„Nicht krank, aber sehr schwachnervig.“

„Ah, ich verstehe.“

Sie traten hinaus auf den Vorsaal. In dem jungen Mann wogte ein nicht zu beschreibender Aufruhr. Seine Hände ballten sich wie im Krampfe, und der fieberhaft angstvolle Wunsch: „Nur keine Begegnung zwischen ihr und meiner Mutter!“ wurde mit jedem Schritt weiter in die dräuende Tiefe hinab immer mehr zur inbrünstigen, gen Himmel gerichteten Bitte.




6.

Ein tiefes Dämmern war hereingebrochen. Drunten in der Hausflur mußte schon die Wandlampe brennen – ein blasser Schein lief die Treppenwand herauf; er genügte gerade, um die Holzfiguren des Geländers in’s Grauenhafte zu verzerren, den weiten, schwarzen Schlund eines ausgedienten Kamins und die Wölbung einer offenen Thür zu zeigen, die in den unergründlich dunklen Bodenraum eines Hintergebändes führte und an welcher die Hinabsteigenden vorüber mußten.

„Um Gotteswillen, Felix, wie hältst Du es hier in dieser Hexenküche auch nur für eine Stunde aus?“ flüsterte Lucile, die Augen furchtsam schließend, dicht an seinem Ohr.

Er drückte beschwichtigend ihren Arm fest an sich. Sein elastischer Tritt war fast ebenso leicht, wie die huschenden Füßchen seiner Begleiterin, und doch seufzten die Stufenbretter in schreckhafter Weise und geriethen in schütternde Bewegung. Zu seiner großen Beruhigung aber sah der junge Mann sehr bald durch das Geländer, daß die erleuchtete Hausflur vollkommen leer war, und keine der Thüren offen stand – nur noch wenige Augenblicke, und er war aus der herzbeklemmenden Situation erlöst.

In diesem Moment des heimlichen Aufathmens sprang plötzlich ein dunkler Körper tigerartig aus der unbeleuchtete Ecke der unteren Treppenwendung und schoß mit einem riesigen Satz dicht neben Lucile hin, um lautlos im oberen Stockwerk zu verschwinden – es war der verhaßte große Kater, der in seinem Lieblingswinkel eine Abendsiesta gehalten hatte.

Das junge Mädchen stieß einen gellenden Schrei aus, riß sich von ihrem Begleiter los und lief wie toll die Treppe hinab.

Sofort öffneten sich verschiedene Thüren. Aus der einen trat die Amme, den kleinen Veit im Arme; durch die breite Spalte der Küchenthür guckten die Köpfe zweier Mägde, und auf der Schwelle der „Amtsstube“ stand die Majorin, vollbeleuchtet von der schräg gegenüber hängenden Wandlampe.

„Was giebt’s?“ fragte sie in ihrem gewohnten kurzen, herrischen Ton, ohne die Thürstufe zu verlassen.

Felix war der jungen Dame nachgesprungen und hielt die an allen Gliedern Zitternde in den Armen. „Beruhige Dich, Lucile! Wie magst Du Dich über eine harmlose Katze dermaßen erschrecken!“

„O – eine Katze? Wer’s glaubt!“ stammelte sie, Zorn und halbverschluckte Thränen in der Stimme. „Dieses entsetzliche, alte Klosternest! Mönchsseelen sind’s, die in den Ecken hocken und Einem den Tod einjagen.“

Die Mägde kicherten, und die Amme kam ungenirt herbei, um sich die furchtsame Dame näher anzusehen, die den alten Hauskater für ein Mönchsgespenst hielt. Diese dreiste Ungehörigkeit, die auch die anderen Mägde ermuthigte, aus der Küche zu treten, war nicht zu dulden. Die Majorin verließ die Schwelle, durchmaß mit raschen, festen Schritten die Hausflur, schob die erschrockenen Mägde in die Küche hinein und schloß hinter ihnen die Thür.

„Und Sie gehen augenblicklich in die Schlafstube zurück, wo Ihr Platz ist, Trine!“ gebot sie, und die widerstrebende, frech stehenbleibende Person ohne Weiteres mit kraftvollen Händen an den breiten Schultern fassend, dirigirte sie dieselbe nach dem verlassenen Zimmer.

Die Hausflur war leer.

„Und nun mache dem Skandal ein Ende!“ sagte die Majorin zu ihrem Sohne und zeigte gebieterisch nach dem Ausgang.

Jetzt erst sah er, wie ihr todtenbleiches Gesicht in Grimm und Schmerz förmlich versteinert war – dieser Anblick erschütterte ihn in tiefster Seele.

„Mama!“ rief er in flehender Bitte.

„Wie, Felix, ist das Deine Mama?“ fragte Lucile, sich erstaunt aus seinem Arm windend, und blickte mit großen Augen zu der Frau empor, die, ein so prachtvolles Haardiadem über der weißen Stirn, so modern und elegant gekleidet, in imposanter Schönheit neben dem Sohne stand. „Geh, ich bin böse, Felix! Du hast mir nie gesagt, daß Du eine so wunderhübsche Mama hast. Ich habe Sie mir nie anders, als mit krummem Rücken und einer großen Haube auf dem Kopfe denken können, Madame.“ Sie lachte lustig auf – das Mönchsgespenst war vergessen. „O, wie ganz anders sehen Sie aus! So präsentable, so sehr stolz und vornehm! Und da hat mir Felix weißmachen wollen, Sie seien durchaus nicht dazu angethan, einen Gast wie mich zu empfangen.“

„Er hat die stricte Wahrheit gesagt, Fräulein,“ versetzte die Majorin mit eisiger Kälte, und sich gemessen abwendend, sagte sie mit einer leichten, aber bedeutungsvollen Neigung des Kopfes nach der jungen Dame hin zu ihrem Sohne:

„Die beste Illustration zu meinen heutigen Aussprüchen! Als mir der ungebetene Besuch in meinem Zimmer angezeigt wurde, da kam mir der lebhafte Wunsch, von meinem guten Recht in nicht sehr sanfter Weise Gebrauch zu machen. Aber ich sagte mir, daß einem Manne von Ehre, der auf Wahrung der Frauenwürde und Reputation hält, von selbst die Augen aufgehen würden bei einer so beispiellosen Dreistigkeit. Hoffentlich bist Du für immer geheilt. Jetzt gehe! Und kömmst Du allein zu mir zurück, dann – soll Alles – vergeben und vergessen sein.“

Die letzte Sätze sprach sie mit erhobener Stimme, und in den strengen Befehlston mischte sich ein Klang, den Felix noch nie von diesen Lippen gehört hatte, die Bitte eines angstzitternden Mutterherzens.

Während sie sprach, hatte Lucile vergeblich versucht, den Schleier zurückzuschlagen – die große, goldene Hutnadel hatte ihn gefaßt, er lag festgespannt über dem Gesicht; sie fühlte das brennende Verlangen, der imponirenden Frau mit dem bitterernsten Gesicht zu zeigen, wie schön sie sei. Bei diesen Bemühungen hörte sie anfänglich nur mit halbem Ohr auf das, was die Majorin sagte – ein Verständniß dafür hätte sie aber auch bei ungetheilter Aufmerksamkeit absolut nicht gehabt. Sie, die Gefeierte, Vergötterte, um die sich die aristokratischen Gäste im eleganten Salon der Mama huldigend drängten, sie, das Schooßkind des Glückes, auf dessen Wink die Dienerschaft flog, das daheim unter einem rosa atlassenen Betthimmel schlief, sie hätte sich doch nicht träumen lassen, daß sie hier in dieser nie gesehenen spießbürgerlichen Umgebung eine Niederlage erlitte, wie sie demüthigender nicht gedacht werden konnte. Bei den letzten mit so großem Nachdruck gesprochenen Worten der Majorin aber fuhr sie plötzlich empor; ihre Hände sanken an dem widerspänstigen Schleier nieder; sie schob ihren Arm in den ihres Begleiters und schmiegte sich weich und geschmeidig wie ein schmeichelndes Kätzchen an seine hohe Gestalt.

„Was hat denn mein armer Felix verbrochen, daß Sie von Vergeben und Vergessen sprechen?“ fragte sie. „Und allein soll er wiederkommen? Das geht nicht, Madame. Er führt mich jetzt in den Schillingshof, und dort, in dem wildfremden Hause, kann er mich doch unmöglich allein lassen – das werde Sie einsehen.“ Der ganze Uebermuth, der in ihrem frischen, heißen Blut schäumte, das unzerstörbare Selbstbewußtsein des von der Natur mit kostbaren Gaben überschütteten Menschenkindes sprachen aus der graziös trotzigen Geberde, mit der sie in diesem Augenblick den reizenden Lockenkopf hob. „Ich erlaube es ihm auch gar nicht, müssen Sie wissen, und es bleibt ihm auch keine Zeit. Wir werden uns sofort trauen lassen, wo und in welcher Kirche,

[501]

Der junge Mann erwiderte keine Silbe auf den Spott des Onkels; nicht mit einem Blicke streifte er den Sprechenden. Bitter lächelnd ließ er die Rechte sinken, die seine Mutter zurückwies.

„Sieh mich an!“ gebot sie, sich gewaltsam bezwingend. Dieses „Sieh mich an!“ war einst die Formel gewesen, mit der sie die Sünden des heimlichen Versemachens, des verbotenen Komödienspielens mit anderen Kindern auf dem Hausboden des Schillingshofes aus dem weichherzig nachgiebigen Knaben herausgelockt hatte – und so kam ihr das geläufige Wort auch jetzt wie unwillkürlich auf die Lippen. „Sieh mich an, Felix, und dann frage Dich selbst, ob Du mir, mir eine Frau zuführen darfst, die –“

„Mama, vollende nicht!“ unterbrach er sie mit tiefem Ernst. „Ich dulde nicht, daß ihr auch nur ein Haar gekrümmt werde, noch weniger aber soll sie eine Beleidigung anhören, die ihr das arglose Herz vergiftet.“ Zärtlich beschützend legte er seine Hand auf das braunlockige Köpfchen, das sich, mit furchtsamem Seitenblicke nach dem unheimlichen Amtszimmer, an seine Brust gelehnt hatte.

Die Majorin zuckte zusammen. In die natürliche mütterliche Eifersucht mischte sich die gekränkte Eigenliebe einer selbstsüchtigen Frauennatur, die vom Sohne herrisch verlangte: „Du sollst nicht andere Götter haben neben mir!“ Es war nicht allein mehr die verachtete Tänzerin, es war weit eher noch das schöne, an seinem Herzen ruhende weibliche Wesen, das sie mit unauslöschlichem Hasse verfolgte – zu ihrem eigenen Befremden; denn bis dahin hatte ihr der Gedanke an eine Wahl ihres Sohnes das Herz nicht berührt. Und nun dieser furchtbare innere Sturm, der ihr den letzten Rest äußeren Gleichmuthes raubte!... Sie wußte, daß hinter jeder Thür gespannte Ohren, an jedem Schlüsselloche wißbegierige Augen lauerten; sie mußte sich sagen, daß morgen die Familienscene in der Hausflur des Klostergutes durch das Gesinde nach allen Richtungen in die Welt hinausgetragen würde, und doch ließ sie der Leidenschaft, die ihre Stimme erschütternd anschwellte, die Zügel schießen.

„Da sieht man, wie schnell ein Kind seine Mutter verläßt,“ rief sie mit zuckenden Lippen. „Bei so schwarzem Undanke muß jeder Frau der Wunsch vergehen, einem Kinde das Leben zu geben. Habe ich deshalb die Nächte an Deinem Krankenbette verwacht, nur deshalb Dich mit Mühen und Opfern großgezogen, damit ich der ersten besten, jungen Creatur weichen muß, welche die Kinderschuhe kaum ausgetreten hat?... Wenn auch nur ein Funke von Dank, von Rechtsgefühl in Dir lebt, so hältst Du zu mir – ich will keine Tochter.“

In scheuer Bestürzung streifte der Blick des jungen Mannes die empörte Mutter – bei dieser plötzlich und maßlos hervorbrechenden, ungerechtfertigten Eifersucht, dieser unerhörten Beschlagnahme des ganzen Menschen als ihres angeketteten Eigenthums, mußte er an seinen unglücklichen, verschollenen Vater denken; der grenzenlose Egoismus seitens der Frau mochte die Ehe gesprengt haben. Diese Ueberzeugung stählte seine Widerstandskraft.

„Dein Appell an meine Kindespflicht ist weit härter und ungehöriger, als wenn Du verlangtest, ich soll mir aus Liebe zu Dir die Augen ausstechen lassen –“

„Phrase!“ rief der Rath herüber.

„Wie kannst Du mich noch einmal einer Wahl gegenüberstellen, die längst entschieden ist?“ fuhr er, den höhnischen Einwurf vom Amtszimmer her völlig ignorirend, mit gesteigerter Stimme fort. „Lucile hat sich unter meinen Schutz gestellt – ich habe zu ihr zu halten von Gottes und Rechtswegen. Oder willst Du mich zum Schurken machen, der ein liebevoll vertrauendes Mädchen hülflos in Nacht und Nebel hinausstößt, damit er am warmen geschützten Herd der Mutter bleiben darf?... Mutter!“ bat er nochmals weich und flehend. „Wenn Du ihr die Aufnahme verweigerst, so verlierst Du Deinen Sohn.“

„Lieber gar kein Kind, als ein entartetes.“

„Aber ich begreife Dich nicht, Felix – wie magst Du Dich so maltraitiren lassen?“ rief Lucile aufgebracht und resolut. Sie hatte längst den furchtsam an seine Brust geschmiegten Kopf erhoben „Madame, Sie sind eine herzlose Frau.“

„Lucile!“ unterbrach sie der junge Mann erschrocken, indem er sie an sich zu ziehen suchte.

„O nein, Felix, lasse mich! Das muß gesagt sein,“ – rief sie und schob seine Hände zurück. – „Es ist zu lächerlich, zu unglaublich, aber ich sehe und höre es doch mit meinen eigenen Augen und Ohren – und da muß es wohl so sein ... Madame, Sie bilden sich offenbar ein, ich müsse es für eine Ehre halten, hier aufgenommen zu werden – großer Gott! – in diesem Hause! ... Und wenn Sie mir alle Schätze der Welt versprechen wollten, ich bliebe nicht bei Ihnen.“ – Sie zog ihren Hut zornig in die Stirn, bei welcher Bewegung die steinbesetzten Armbänder am Handgelenk im Lampenlichte auffunkelten. „Sie haben mich vorhin eine junge Creatur genannt – o, ich muß sehr bitten – so schilt man in unserem Hause nicht einmal die Spülmagd ... Danken wir Gott, Madame, daß mich die Großmama nicht in dieser Situation erblickt! Sie würden Ihnen sofort klar machen, wer von uns Beiden sich herabläßt.“

Die Majorin starrte das Mädchen wortlos an, dessen jugendliche Stimme ihr Gefühl wie ein feingeschliffenes Messer berührte; der Rath brach in ein schallendes Gelächter aus.

„O, lachen Sie immerhin mein Herr – ganz wie es Ihnen gefällt!“ rief die junge Dame erbittert hinüber. „Madame Lucian ist doch die Verlierende. Felix ist mein – wir lassen nicht von einander.“

„Still, Lucile!“ gebot Felix und zog tief erblaßt, mit ernst verweisender Miene ihren Arm fest in den seinen. „Mama, dieses nicht zu billigende Auftreten meiner Braut hast Du selbst provocirt – Du hast sie unverantwortlich gereizt.“

„So mag sie gehen, die – Theaterprinzessin –“

„Nicht ohne mich! – Komm, mein Kind!“

Die Majorin hob unwillkürlich die Arme, und ihr Blick flog, wie Beistand suchend, zu ihrem Bruder hinüber.

„Lasse sie laufen Therese! Du verlierst nichts – sie sind Beide keinen Schuß Pulver werth,“ rief er ihr brutal und verächtlich zu.

Sie trat zurück und gab den Weg frei, und als ob die rohe Verurtheilung seitens ihres Bruders sie urplötzlich beschämend aus ihrem Leidenschaftsrausch aufgerüttelt und ihr die kalte Besonnenheit zurückgegeben habe, streckte sie den Arm gegen den Ausgang hin und sagte mit unnatürlicher Ruhe zu ihrem Sohne. „Gut – Du kannst gehen, mit wem und wohin es Dir beliebt. – Nur sorge dafür, daß ein weiter Raum zwischen uns liegt! Denn ich will Dich nie wiedersehen, nie!... Selbst nach dem Tode nicht! – Fort mit Dir!“

Damit schritt sie rasch und ohne sich umzusehen die Treppe nach dem oberen Stockwerk hinauf, während die Thür des Amtszimmers zuflog.

„Gott sei Dank, daß wir diese Mördergrube im Rücken haben!“ sagte Lucile zu dem jungen Manne, der stumm und schwerathmend mit ihr den Vorderhof durchschritt. Ihre kindlich helle Stimme klang noch bitterböse, und die nach dem Hause zurückdeutende Hand ballte sich zur kleinen drohenden Faust. Aber sie duckte sich auch sofort wieder furchtsam nieder, denn noch waren sie im Bannkreise der „Mördergrube“, aus deren tiefen Fensterhöhlen sich jeden Augenblick noch der Knochenarm eines büßenden Mönches unendlich lang herüberstrecken und ihr Genick eiskalt berühren konnte; noch trennte die hohe finstere Mauer den Klosterhof von der offenen Straße, und seitwärts unter den dichtverschränkten Lindenwipfeln ballten sich die Schatten der Nacht zu hockenden Gestalten – es rauschte leise von dort her wie verdächtiges Stimmengemurmel, und der Wasserstrahl des Laufbrunnens glitzerte durch das nächtliche Dämmerdunkel wie ein breites, gezücktes Schlachtmesser.

Die kleine Klosterpforte war rasselnd hinter ihnen zugefallen, und nun, ihre kleine Person in vollkommener Sicherheit wissend, blieb Lucile stehen.

„Puh, was für Menschen!“ rief sie und rüttelte und schüttelte unter drollig trotzigen Geberden die biegsame, seidenrauschende Gestalt, als wolle sie aus jeder Kleiderfalte den dicken Klosterstaub und von der Seele die häßlichen Eindrücke schütteln. „Armer Felix, Du bist ja in einem wahren Zuchthause aufgewachsen! Eine schöne Verwandtschaft – das nimm mir nicht übel! – Und das nennt sich Mutter! Und der schreckliche Mensch, der immer wie Samiel im ,Freischütz’ so teuflisch aus der Coulisse lachte –“

„Mein Onkel, Lucile!“ unterbrach sie Felix nachdrücklich, wenn auch mit vor Aufregung erstickter Stimme.

„Ach was! – Für einen solchen Onkel danke ich,“ entgegnete sie ungeduldig. „Du bist viel zu gut und sanft, Felix; Du hast Dir jedenfalls stets zu viel gefallen lassen, und nun sollst Du nicht einmal heirathen, und die Frau Mama möchte Dich alles Ernstes als alten Junggesellen in’s Haus stiften, der ihr zeitlebens das Garn wickelt und beim Gemüseputzen hilft – o, da sind wir auch noch da, Madame!... Was für eine hochmütige Frau! Vermuthlich, weil sie noch hübsch ist – bah, was nützt das bei solchem Alter! Und alt ist sie, alt wie die Mama, die auch schon längst mit der Puderquaste die Löcher in der Haut ausfüllt.... Jung sein – ja, das ist die Hauptsache, und wir sind jung, Felix, gelt? – Und darum beneiden uns die Alten.“

Er antwortete nicht. Ihm, für den sonst die übermüthige Silberstimme der Geliebten ein Quell berauschender Melodien war, ihm flog ihr Geplauder in diesem Augenblick unverstanden und wirkungslos am Ohr hin – der Schmerz über die stattgehabten Auftritte mit seiner Mutter und die schwere, unsäglich bange Sorge, wie es nun werden sollte, stürmten durch seine Seele.

Sie gingen unter dem tief niederhängenden Gewitterhimmel hin, von welchem sich bereits einzelne schwer auf dem Pflaster zerschellende Regentropfen lösten. Ein heißer Brodem füllte die menschenleere Straße, an deren äußerstem Ende eben die erste Gasflamme auftauchte. Trotz der einbrechenden Nacht sah man hinter dem herrlichen alten Eisengitter des Schillingshofes die Verschlingung der Sandwege, die mächtigen Päonienbeete voll großgeöffneter, feuriger Blüthen im Vordergrund des eleganten Rasenparterres; man sah das prächtige Brunnenmonument mit seinen scheinbar unbeweglich stehenden silbernen Wassersäulen, und dahinter, wenn auch halb verwischt, die Façade des italienischen Hauses.

Das war freilich ein anderes Entrée als auf dem Klostergute – so viel vornehme Ruhe, wie sie eben ein venetianischer Prachtbau oder eine florentinische Villa um sich behaupten. Das Gitterthor drehte sich geräuschlos in den Angeln, und das Fallen des Brunnenwassers kam als ein so weiches, melodisches Plätschern herüber, daß man daneben jeden vereinzelten, klatschenden Schlag der Regentropfen auf den großen Ricinus- und Rhabarberblättern, das Rieseln des Sandes hörte, den Lucile’s Schleppe streifte.

Die junge Dame fühlte sich wieder in ihrem Element. Der schweigende Mann an ihrer Seite ging ihr viel zu langsam; sie hätte das Rasenrund umfliegen mögen, um so schnell wie möglich wieder Parquet unter den Sohlen und schwebende Lüstres über dem Lockenkopf zu haben. Da stockte ihr Fuß plötzlich – dicht am Wege, unter einer Taxusgruppe geduckt, kauerte ein kleines Mädchen.

„Was thust Du da, Kind?“ fragte die junge Dame.

Es erfolgte keine Antwort.

Felix bog sich nieder und erkannte in der Kleinen, die sich scheu noch tiefer in das dunkle Gebüsch wühlte, Adam’s Töchterchen.

„Du bist’s, Hannchen?“ sagte er. „Ist Dein Vater wieder drin beim alten Herrn?“ Er zeigte nach dem Säulenhaus.

„Ich weiß nicht,“ stieß das Kind hervor – es rang unverkennbar mit einem Jammerausbruch.

„Hat er Dich hierher geführt?“

„Nein – ich bin allein fortgelaufen.“ Sie weinte in sich hinein; man hörte das keuchende Kämpfen der kleinen Brust. – „Die Großmutter versteht’s nicht – sie sagt, ich sei dumm und schlecht, weil ich so ’was von meinem Vater dächte.“

„Was denn, Kind?“ fragte Lucile.

Die Kleine weinte laut auf, aber sie antwortete nicht.

„Die Großmutter wird es wohl auch besser wissen, Hannchen,“ sagte der junge Mann beruhigend. – „Ist Dein Vater ausgegangen?“

„Ja – und er war so roth. Die Großmutter schalt mit ihm, weil er nicht mehr beim gnädigen Herrn ist, er war aber still und hat nur gesagt, er hätte seine schlimmen Kopfschmerzen und wollte sich Tropfen in der Apotheke holen – und da wollte ich mitgehen, weil“ – sie verstummte für einen Moment, in Thränen aufgelöst – „und das litt die Großmutter nicht; sie war böse und hat mir Schuhe und Strümpfe ausgezogen“ stieß sie schließlich heraus.

„Da bist Du ohne Erlaubniß und barfuß fortgelaufen?“ fragte Felix.

„Ich war war in der Engelapotheke,“ antwortete sie, die directe Frage umgehend, während sie die nackten Füße unter das kurze Röckchen zog, „aber sie sagten, der Vater sei gar nicht dagewesen.“

„So war er jedenfalls in einer andern; geh’ nach Hause, Hannchen!“ mahnte der junge Mann. „Dein Vater ist ganz gewiß schon wieder bei der Großmutter und wird sich um Dich ängstigen.“

Die Kleine rührte sich nicht von ihrem Platze und wandte nur zornig die Augen weg; denn die Leute waren auch wie die Großmutter – sie „verstanden’s nicht“. Und nun gingen sie auch durchaus nicht fort und quälten sie, und sie mußte immer wieder sprechen und antworten. „Der Hausknecht muß gleich kommen; er geht um die Zeit die Abendwege,“ sagte sie mit abgewendetem Gesicht, jetzt selbst im Ton die finstere Entschlossenheit verrathend, die schon heute Nachmittag das schmale, kluge Kindergesicht so herb und drohend gemacht hatte. „Deswegen bin ich hergelaufen; der hat den Vater lieb – der sucht ihn mit mir.“

„Aber es wird gleich regnen,“ rief Lucile. „Schau, es fallen schon große Tropfen!“ Sie schüttelte lächelnd den Kopf, als das Kind schweigend und unbeweglich in seiner kauernden Stellung verblieb und nur die nackten Aermchen unter die Schürze steckte. „Was für ein trotziges, kleines Ding! – Da, wickle Dich hinein!“ sagte sie und warf ihr den Crêpe de Chine-Shawl zu, der über ihrer linken Schulter hing, aber das kleine Mädchen rührte keine Hand, um das kostbare, weiche Gewebe heranzuziehen; es sah nur seitwärts darauf nieder, wie es auf dem rothen Röckchen lag, zum größten Theil aber schneeflockenweiß den Kiesweg bedeckte und bereits von dem jetzt intensiver niedersprühenden Regen besprengt wurde.

Und nun floh Lucile selbst, lachend und die Kleider zusammenraffend, dem Säulenhause zu; denn sie wollte sich nicht mit „windelnassem Nixenhaar“ statt ihrer herrlich wallenden Locken im Schillingshofe vorstellen.




7.

Felix zog die Hausglocke, und die mächtige Rundbogenthür unter der Säulenhalle that sich geräuschlos auf. Früher hatte hier von der Decke der Flurhalle eine einfache Glasglocke mit der dürftigen Flamme eines Oellämpchens an langer Kette tief niedergehangen; ihr Schein hatte gerade hingereicht, dem spiegelnden Mosaikfußboden einen kleinen, blassen Reflex zu entlocken und den Weg in die dunklen Eingänge der Seitencorridore zu zeigen – heute aber schrak das Auge zurück vor der Lichtfluth, die den Lampentulpen der Wandleuchter entströmte. Feierlich sahen die ernsten, schönen Mädchengesichter der den Plafond tragenden schlanken Karyatiden hernieder; feierlich vornehm klang der Schritt des in sehr reservirter Haltung hervortretenden Bedienten auf der hallenden Steinmosaik. Felix zögerte beklommen an der Schwelle. Der einst nothwendiger Weise nach bürgerlich gemüthlichem Zuschnitt geführte Haushalt im Schillingshofe, der ihn so sehr angeheimelt, hatte, in jäher Wandlung der äußeren Verhältnisse, sofort das aristokratische Air wieder angenommen, das dem alten Geschlecht der Freiherren von Schilling von Rechtswegen zukam.

„Ist Baron Arnold von Schilling zu Hause?“ fragte der junge Mann den Bedienten.

„Ja, Felix!“ rief eine schöne, vollklingende Männerstimme aus dem nächsten Zimmer herüber, dessen Thür sich eben aufthat. Der Sprechende trat heraus, aber er fuhr bestürzt zurück, als Lucile wie eine Libelle auf ihn zuflog.

O, cher Baron, was machen Sie für ein komisches Gesicht!“ lachte sie. „Genau wie Felix – der stand auch wie Lot’s Weib da.“

Ihre lustig laute Stimme scholl wie Flötenton von den hohen polirten Steinwänden der Flurhalle zurück. Unter ungeduldigem Aufstampfen mit dem Fuße begann sie abermals den Kampf mit dem widerspenstigen Schleier, und jetzt flog er in Fetzen herunter – das reizende Gesicht mit seinem pikantesten Ausdruck kam in mattweißer Frische wie eine Theerosenknospe zum Vorschein.

„Grüße von Mama und Großmama bringe ich Ihnen selbstverständlich nicht, denn“ – sie legte die Hand auf den Mund; der lustige Schalksstreich durfte nicht auch von den Wänden wiederklingen – „denn ich bin durchgebrannt, müssen Sie wissen.“

Baron Schilling sah tief betroffen und forschend über ihren Kopf weg in das Gesicht seines Freundes, das so bleich und verstört erschien.

„Kann ich Dich und Deinen Vater für eine halbe Stunde allein sprechen?“ fragte Felix; in der fliegenden Hast, mit der er sprach, malte sich die ganze Bedrängniß seiner Seele.

„Komm, der Papa ist noch in seinem Zimmer,“ versetzte Arnold und wandte sich rasch nach den Gemächern seines Vaters.

Felix zögerte.

„Ich möchte Dich bitten, vorerst Lucile bei Deiner jungen Frau einzuführen.“

„Bei meiner Frau?“ Das klang überrascht, verlegen und auch, als müsse er sich erst etwas ganz Erstaunliches zurechtlegen, aber schnell entschlossen setzte er hinzu, nicht ohne daß ein charakteristisches flüchtiges Lächeln seine Lippen umflog: „Auch das, wenn Du es wünschest, Felix. Gehen wir!“

Lucile steckte die Reste ihres Schleiers in die Tasche, schüttelte die Locken in den Nacken und hing sich vertraulich an den dargebotenen Arm des Baron Schilling. Er führte sie, von Felix begleitet, nach dem Corridor, oder besser gesagt, nach der Gallerie linker Hand; denn dieser Gang entsprach in seinen bedeutenden Dimensionen dem entgegengesetzten, nach Süden hinlaufenden, in welchem seitwärts eine breite, prächtig ausgeführte Wendeltreppe nach den oberen Stockwerken stieg. Zwischen den halbrundbogigen Fenstern, die sich, hoch und weit wie Thüren nach dem Garten zu aufthaten, vertieften sich Nischen in der Wand, die Pater Ambrosius, der Benedictinermönch, in nichts weniger als asketischer Verzückung mit nackten Marmorgestalten der griechischen Götterwelt ausgefüllt hatte. Dieser Ausschmückung gemäß war auch später unter dem zugemauerten imposanten Steinbogen der einst in das Klosterhaus führenden Thür eine Laokoongruppe aufgestellt worden.

Lucile schritt wie beflügelt an den weißen Götterbildern hin – ihr war, als gehe sie durch Foyer und Gallerien eines Opernhauses. Hinter diesen Marmorleibern, an der entgegengesetzten Wandseite, reihten sich die Bretter des Wandschrankes über einander – hier ein von Licht verschwenderisch übergossenes Kunstgebild, und jenseits, nur durch eine Schicht Backsteine getrennt, die abgegriffenen Haushaltungsbücher, der Blechkasten mit dem Milchgeld im Schrankdunkel!

Wenige Stunden voll erbitterten Wortstreites hatten dort drüben den Verstoßenen aus seiner Bahn in das Dunkel einer unsicheren Existenz hineingeschleudert, und sie, die Verwöhnte, in schwelgerischem Luxus Erzogene, sein vergöttertes Mädchen, das da so elfenhaft vor ihm hinschwebte, riß er mit sich in den Strudel, der ihn erfaßt.

Baron Schilling lenkte seine Schritte nach dem sogenannten Familiensalon am Ende der Gallerie. Das war immer das Lieblingszimmer des alten Freiherrn gewesen. Es machte, trotz seiner saalartigen Weite, einen anheimelnden, warmen Eindruck durch die mächtigen mit Schnitzwerk verzierten freiliegenden Deckenbalken und die holzgeschnitzten Felder, die breit die Wand hinaufliefen, sodaß sie wie Fensterwölbungen die schmalen, graugetünchten Zwischenräume der eigentlichen Wand umschlossen. Diese Schnitzereien lagen zierlich durchbrochen, in künstlerisch verschlungenen Arabesken, wie Spitzen auf glattem Untergrund – sie waren von hohem Kunstwerth und wurden ängstlich behütet.

Der alte Freiherr hatte der Originalität des Zimmers wenig Rechnung getragen; er hatte einige Jagdstücke in glattem Goldrahmen auf die freien Mauerstreifen gehangen und es sich mit modern behaglichen Polstermöbeln bequem gemacht. Mit dem Einzug der neuen Herrin des Schillingshofes war auch das anders geworden. Die leeren Flächen zwischen dem Schnitzwerk füllte Wandmalerei auf lichtgrauem Grunde; Stühle, hochlehnig und durchbrochen geschnitzt, und vierbeinige Schemel standen umher, und die Kissen, die auf den Sitzen lagen, deckte ein dunkelgrüner, mit Silberfäden durchzogener, gewirkter Seidenstoff. Dieser starre Brocat rauschte auch breit an den Fenstern nieder; Spitzenvorhänge von uraltem Niederländer Muster lagen darüber, und das dunkelglänzende Grün hob jede Rankenverschlingung, jede Blumenform hervor, als sei sie hingemalt. An der tiefen Wandseite aber, zu beiden Seiten der Thür, standen Credenztische mit hohem Aufsatz – den mittelalterlichen „Tresuren“ entsprechend – und sie zeugten am deutlichsten von dem Reichthume, den die junge Frau den Schillings zugebracht; sie waren mit Silber- und Krystallgefäßen so beladen, daß sich selbst das Tafelgeschirr des reichen Benedictiner-Abtes, welches das Säulenhaus einst bei fürstlichen Gelagen gesehen, wohl hätte verstecken müssen.

Von einem der Deckenbalken hing eine Ampel nieder, die ein mildes Licht verbreitete, aber auf dem kleinen Tische, hinter welchem die junge Frau saß, stand eine Kugellampe und beleuchtete voll den blonden Kopf, der sich über eine Handarbeit beugte.

Lucile verzog spöttisch die Lippen, denn das Gesicht, das sich jetzt langsam den Eintretenden zuwendete, war das eindrucksloseste, das sie je gesehen – graublond das Haar und grau der Teint, das Gesichtsoval langgestreckt, ohne jedwede liebliche Rundung, die sonst der Jugend eigen – und doch sollte diese Frau kaum zwanzig Jahre alt sein.

„Liebe Clementine, ich bringe Dir hier meinen Freund Felix Lucian und seine Braut, Fräulein Fournier, aus Berlin“ – sagte Baron Schilling mit der ihm eigenen höflichen Kürze und Nonchalance – „und möchte Dich bitten, die junge Dame in Deinen Schutz zu nehmen, während wir den Papa in seinem Zimmer aufsuchen.“

Die Baronin erhob ihre schlanke, schmächtige Gestalt ein wenig und neigte begrüßend den Kopf. Ihre blondbewimperten Augen blieben einen Moment an den reizenden Zügen des jungen Mädchens hängen, und das kühle Lächeln auf ihren Lippen erlosch. Sie ließ sich auf den Stuhl zurücksinken und zeigte mit einer anmuthigen Handbewegung einladend auf den Schemel, der neben ihr stand. Das geschah stillschweigend; man hörte das Knistern des seidenen Rückenpolsters unter dem flechtenbeschwerten Kopfe, der sich hinlehnte.

Baron Schilling bückte sich und hob eine Mappe vom Teppich auf – verschiedene Blätter, die ihr entfallen, raffte er zusammen – er war dabei sehr roth geworden „Meine Skizzen haben keine Gnade vor Deinen Augen gefunden, wie ich sehe,“ sagte er und schob die Blätter in die Mappe.

„Verzeih’ – das angestrengte Vertiefen in Deine Ideen macht mich nervös, wenn ich allein bin“ – sie hatte eine angenehme Stimme, aber in diesem Augenblicke klang doch auch eine hörbare Gereiztheit durch; „ich kann mich überhaupt nur hineinfinden, wenn Du erklärend neben mir sitzest.“

„Oder wenn ich erklärend wie jener unglückliche Stümper darunter schreibe: Das soll ein Hahn sein etc.!“ lachte Baron Schilling scheinbar amüsirt auf. „Da siehst Du nun, wie wirkungsvoll meine Entwürfe sind, Felix!... Und da wolltet Ihr mir immer weiß machen, ich habe Talent. – Aber wir müssen gehen, wenn Du den Papa noch vor dem Thee sprechen willst.“

Sie gingen hinaus, wobei Felix einen ängstlich besorgten Blick auf sein Mädchen zurückwarf. Sie saß offenbar plauderlustig, in unverkennbarem Triumphe der Schönheit neben der seltsam schattenhaften Frauenerscheinung, die sich so frostig verhielt. Er sah noch, wie Lucile den Hut abnahm, während die Baronin mit ihren langen, elfenbeinweißen Fingern wieder nach der Handarbeit griff.

„Sie erlauben, gnädige Frau,“ sagte Lucile und warf ungenirt ihren Hut auf einen ziemlich fernstehenden Schemel.

Die Baronin sah mit einem großen, verwunderten Blick auf und verfolgte den Bogen, den das federgeschmückte Strohhütchen in der Luft beschrieb – es fiel zur Erde. In diesem Augenblicke rauschten die Brocatvorhänge des einen Fensters aus einander, ein Aeffchen schlüpfte heraus und griff nach dem Hute.

Lucile schrie auf – das Ding sah aus wie ein kleiner schwarzer Teufel.

„Hierher, Minka!“ befahl die Baronin und drohte mit dem Finger. Minka hielt sich mit beiden Armen den Hut über den Kopf und lief so auf ihre Herrin zu. Das sah über alle Beschreibung lächerlich aus. Lucile vergaß ihren Schrecken und lachte wie ein Kobold , während die junge Frau keine Miene verzog und dem Thierchen seinen Raub abnahm.

„Ich bedaure, daß das Thier Sie erschreckt hat,“ sagte sie und legte den attakirten Hut auf den Tisch, dicht vor dem jungen Mädchen nieder. „Mein Mann kann Minka nicht leiden – das weiß sie und verhält sich stets ruhig in ihrem Verstecke, so lange er im Zimmer ist. Ich hatte vergessen, daß sie in der Nähe war.“

„O, solch ein kleiner Schrecken schadet mir nicht – ich bin ja nicht nervenschwach wie Mama, ich bin jung und gesund,“ entgegnete Lucile frisch und fröhlich, indem sie das Aeffchen mit den zärtlichsten Geberden an sich zu locken suchte. Ja, jung und gesund, bezaubernd schön und graziös war das Mädchen, an welchem die grauen Augen der Baronin mit einem langen, versteckten Seitenblick hinglitten. „Da habe ich mich vorhin weit schlimmer alterirt – auf dem Klostergute stieß mich ein vorbeispringendes Ungethüm beinahe über den Haufen – Felix behauptet, es sei eine Katze gewesen.“

„Sie sind besuchsweise auf dem Klostergute?“

„Ich? Gott soll mich bewahren!“ rief Lucile, förmlich entsetzt, mit aufgehobenen Händen protestirend. „Mich überläuft es eiskalt, wenn ich mir denke, ich sollte auch nur eine Nacht ist dem Hause schlafen. – Waren Sie je drüben?“

Die junge Frau schüttelte den Kopf. „Ich bin nicht gewöhnt, Nachbarschaften zu cultiviren.“

„Nun, dann können Sie sich freilich keinen Begriff machen, wie es drinnen aussieht. Es ist mir ein völliges Räthsel, wie es Felix aushalten mag in diesen Stuben voll urweltlicher Möbel, zwischen die wir nicht einmal unsere Domestiken stecken würden, und so grob und unbeholfen mag wohl auch das Bettzeug sein. Man ist ja das doch nicht gewöhnt – o, was für ein süßes, närrisches Geschöpfchen!“ unterbrach sie sich und liebkoste das Aeffchen, das ihr auf den Schooß geklettert war und in fast menschlicher Art die kleinen Arme um ihre Schultern legte.

Sie löste mit flinken Fingern vom Handgelenk ein Bracelet, auf dessen elastisches Band steinbesetzte, goldene Schilder gereiht waren, und legte es Minka um den dünnen Hals, und auf den kleinen haarigen Schultern drapirte sie ihr Battisttaschentuch, das sie mit einer Brosche auf der Brust zusammensteckte. Sie lachte wie toll, als der Affe auf den Boden zurücksprang und mit fletschenden Zähnen an dem Taschentuche zerrend die Spitzenkante zerriß, während man zugleich hörte, wie das Thier mit seinen Nägeln das unwillkommene Halsband bearbeitete.

Mit sichtlichem Verdruß in Zügen und Geberden befreite die Baronin das Thierchen, das sich schließlich zu ihr flüchtete.

„Ich fürchte, das Armband ist verdorben,“ sagte sie eiskalt, indem sie die Sachen neben den Hut legte.

„Bah, was schadet das? Das Bracelet ist vom Fürsten Konsky, den ich absolut nicht leiden kann,“ entgegnete Lucile verächtlich und steckte Tuch und Armband nachlässig in die Tasche.

Die junge Frau sah überrascht auf. „Den Fürsten Konsky kenne ich,“ sagte sie. „Verkehrt er viel im Hause Ihrer Eltern?“

„O ja,“ antwortete Lucile, „den Fürsten Konsky sehen wir tagtäglich bei uns; das heißt bei Mama – denn der Papa lebt in Petersburg. La grand’ mère hält große Stücke auf ihn, weil er so vornehm ist und unseren Empfangsabenden Lustre giebt. Aber der Mama geht es wie mir: sie macht sich nicht viel aus ihm – er ist so alt und so geckenhaft, wissen Sie. Mich füttert er wie ein Baby mit Confitüren, und die Mama erstickt er stets am Morgen nach der Vorstellung förmlich mit Blumen –“

„Wann?!“ fragte die Baronin, als höre sie nicht recht.

„Mein Gott – nach der Vorstellung! Ach so – Sie wissen nicht? – Ist Ihnen denn mein Name nicht aufgefallen?“ rief Lucile naiv belustigt. „Oder waren Sie nie in Berlin?“

„Da bin ich gewesen.“

„Nun, dann ist es undenkbar, daß Sie Mama nicht kennen sollten. Die berühmte erste Tänzerin, Manon Fournier –“

„So?!“ schnitt die junge Frau lakonisch die lebhafte Rede ab und rollte ihre Arbeit zusammen. „Ich besuche sehr selten das Theater,“ fügte sie gedehnt und trocken hinzu – eine leichte Röthe war in ihre Wangen getreten, und ihre Augen vermieden es, die Sprechende anzusehen. Sie stand auf und ging nach dem bereits hergerichteten Theetisch, der inmitten des Zimmers unter der Ampel stand und mit seinem eleganten Geschirr in dem niederfließenden Licht blitzte und flimmerte.

„Himmel, wie lang!“ sagte Lucile’s weitgeöffneter, erstaunter Blick, mit welchem sie die lautlos dahingleitende, schmale Gestalt verfolgte. Das bequeme, staubfarbene Hauskleid schlotterte über der flachen Büste und dem stark vorgeneigten Rücken und fiel als lange Schleppe weich auf den Teppich. Aber trotz ihrer häßlich langen Arme, ihrer nachlässig müden Haltung waltete die junge Frau doch mit vornehmer Grazie am Theetisch. Sie entzündete den Spiritus unter der silbernen Maschine, musterte mit kritischem Blick die Tassen, die aufgestellt waren, und maß von peinlicher Sorgfalt die Theeportion ab. Kein Blick fiel mehr auf das junge Mädchen, das, mit der versöhnten Minka spielend, dennoch aufmerksam das Thun und Walten der jungen Frau beobachtete.

„Zu Hause ist das mein Amt,“ plauderte sie. „Alle Welt lobt meinen Thee; nur Baron Schilling hat mir immer das Leben schwer gemacht – er ist der penibelste Theetrinker, den ich kenne.“

Jetzt fuhr der gesenkte blonde Kopf wie mit einem Ruck empor – es war, als spanne sich jeder Muskel dieser scheinbar apathischen Frau in athemlosem Aufhorchen „Mein Mann ist im Hause Ihrer Mutter aus- und eingegangen?“

„O, sehr viel! Wissen Sie das nicht? Felix sagte immer, er mache als Maler seine Studien in Mamas Salon. Wir sehen sehr viele hübsche und interessante Frauen bei uns. Er hat ja auch die Mama gemalt –“

„Er hat die Tänzerin Fournier gemalt, sagen Sie?“

Dem jungen Mädchen ging plötzlich ein Licht auf. Die Frau dort sprach mit einer Stimme, als koche es in ihrer eingesunkenen Brust – und mit welcher schneidenden Mißachtung sie die „Tänzerin Fournier“ betonte! Dabei klirrte das Geschirr unter ihren lebendig gewordenen, überschlanken Händen, als solle es sammt und sonders im nächsten Augenblicke auf den Boden rollen..... Wie, diese lange, häßliche Person unterstand sich auch noch, eifersüchtig zu sein? Wie die meisten gefeierten, schönen jungen Mädchen, war Lucile erbittert gegen die Unschönen, die sich anmaßten, gleichberechtigt zu sein. Ihre großen Augen schillerten plötzlich im entschiedensten Grün – das Sprühteufelchen der Bosheit glühte darin auf. Sie erhob sich, strich lächelnd ihr Kleid glatt und trat dem Theetisch um einige Schritte näher, eine Bewegung, welche die Baronin sofort in ihre krankhaft gebeugte und doch so unnahbare Haltung zurücksinken machte.

„Ist es denn gar so verwunderlich, daß Baron Schilling eine schöne Frau gemalt hat?“ fragte Lucile zurück, und hinter den grausam lächelnden Lippen blinkten die kleinen, spitzen Perlzähnchen. „Man sagt, es sei Race in Mamas Erscheinung – sie ist weder verschwommen blond, noch lang und dürr in ihren Formen. Sie hat das reichste schwarze Haar, das sich denken läßt, und die Linien ihrer Schultern und Arme sind berühmt unter den Künstlern. Baron Schilling hat sie nicht in einer ihrer Rollen, sondern als Desdemona gemalt – es ist geradezu sinnberückend, wie der weiße Atlas von der einen Schulter gleitet, wie der Arm sich von der Harfe hebt.“

Sie hielt einen Moment inne – ihr fiel gerade ein, wie verächtlich hingeworfen die Skizzenmappe zu den Füßen der „gnädigen Frau“ gelegen hatte.

„Baron Schilling malt sehr schön,“ fügte sie hinzu, und ihre Augen strahlten triumphirend auf; denn über die graubleichen Wangen dort jagte fortwährend die Röthe inneren Aufruhrs hin. „Professor W. sagt von ihm, er habe den Dilettanten längst hinter sich – er sei ein eminentes Talent und werde sich einen großen Namen machen.“

Die Baronin hatte sich währenddem auf einen hinter ihr stehenden Stuhl gleiten lassen. Die Rechte über die Augen gelegt und mit der Linken den Ellenbogen stützend, lehnte sie sich schweigend zurück.... Sie war ohne Zweifel eine eigensinnige, nervöse Natur, vielleicht als einziges Kind vom Vater, und im Hinblick auf ihren dereinstigen Reichthum auch von den Klosterschwestern verwöhnt und verhätschelt. Lucile, im Vollgefühl ihrer Schönheit und Jugendkraft, musterte feindselig den schmallippigen Mund, der nicht zu lächeln verstand, diese zusammengeschmiegte, grämliches Nachsinnen und Grübeln verrathende Stellung, das fast fleischentblößte Gelenk des langen Armes, das so spitz und wachsbleich aus dem unaufhörlich zitternden Spitzenvolant des Aermels ragte. Was hatte diese völlig Reizlose in der Welt zu suchen? Sie hätte getrost im Kloster bleiben und Nonne werden sollen.

Das eingetretene Schweigen war ein erdrückendes. Man hörte das Summen und Singen der Theemaschine und gedämpft den jetzt draußen niederrauschenden Gewitterregen. Lucile nahm ihren Platz nicht wieder ein; sie schob die Vorhänge des ihr zunächstliegenden Fensters aus einander, um in die Mauernische zu treten; sie sah nicht, wie ihr die grauen Augen durch die vorgehaltenen Finger in kaum zu bemeisternder Erbitterung nachstarrten, wie der Fuß der schweigenden Frau ungeduldig den Teppich trat – ein Gefühl von Groll und Aerger gegen Felix quoll in ihr auf, weil er sie mit dieser Fremden, dieser bis an den Hals zugeknöpften, unausstehlichen Herrin vom Schillingshof so lange allein ließ.

In dem Moment, wo sie die Vorhänge aus einander schlug, fuhr ein blendender Blitz nieder. Sein rosenfarbenes Licht irrte secundenlang über das Parterre draußen; es erfüllte in zitternder Bewegung auch das Zimmer und verschlang den weißen Schein der Lampen, dann folgte ein krachender Donnerschlag, und nun stürzten die Wassermassen nach, als wollten sie die mächtigen Spiegelscheiben des Hauses eindrücken und die Säulenhalle draußen wegschwemmen.

Die Baronin war entsetzt emporgefahren – sie bebte sichtlich und griff, förmlich Sturm läutend, nach der Tischglocke.

Ein Bedienter trat ein.

„Ich lasse die Herren dringend bitten, sofort herüber zu kommen – der Thee ist fertig,“ sagte sie trotz ihres Schreckens im ruhigen Tone des Befehles.



8.

Bald darauf hörte man draußen Männerschritte langsam durch die Gallerie kommen. Minka, die sich bei dem Donnerrollen halb und halb in die Kleiderfalten ihrer Herrin verkrochen hatte, schlüpfte schleunigst und Grimassen schneidend in ihre dunkle Fensterecke; auf dem Theetisch klirrte der silberne Kessel in den Händen der jungen Frau, und Lucile trat vom Fenster zurück und ließ die Gardinen wieder zusammenfallen, hinter denen das Unwetter draußen weiter tobte – sie fürchtete sich nicht. So abergläubisch und furchtsam sie war in Bezug auf unheimliches, nächtliches Spuken und Treiben zwischen Himmel und Erde, so wenig zitterte sie vor dem Walten der Naturkräfte. Je toller es zuging, desto „amüsanter“ war es; sie fühlte sich als unbetheiligte Zuschauerin, denn an sie konnten doch unmöglich Tod und Vernichtung herantreten.

Sie war vor der niederhängenden Gardine stehen geblieben; vorteilhafter konnte sich das feingliedrige Elfenkind mit den herabrollenden Locken voll goldbraunen Glanzes nicht präsentiren, als auf diesem grün und metallisch schimmernden, malerischen Faltenwurf, den das Spitzenmuster gleichsam weiß überschneite.

Der alte Freiherr Krafft von Schilling trat in die durch den Bedienten weit zurückgeschlagene Thür. Er stützte sich, wie es schien, mit seiner ganzen Schwere auf Felix Lucian’s Arm; denn ein Schlaganfall hatte ihm das rechte Bein gelähmt. Trotzdem war er eine gewaltige Erscheinung mit seiner breiten Brust und dem frisch gerötheten Gesicht voll Humor und Lebenslust.

„Sapperment! Die kleine Ausreißerin dort wär’ auch nach meinem Geschmack, Felix!“ rief er, überrascht auf der Schwelle stehen bleibend – er strich sich schmunzelnd den starken, graumelirten Lippenbart. „Ein ganz charmantes Kind – eine berückende kleine Hexe!“

Die derbe Schmeichelei, ja, schon der Klang dieser ungenirt lauten, kräftigen Männerstimme brachten das erbitterte junge Mädchen sogleich wieder in das gewohnte Fahrwasser. Wie eine hingewirbelte Schneeflocke huschte sie über den Teppich und knixte schelmisch à la Goßmann vor dem alten Herrn.

Sein Blick hing wie verzaubert an ihr. „Schau, solch ein seltenes Zugvögelchen hat der Schillingshof seit Menschengedenken nicht gesehen! Das erquickt einem alten, einsamen Patron wie mir Herz und Augen! Na, es ist in’s rechte Nest geflogen – wollen schon weiter helfen – nur Courage!“

Er lenkte seine Schritte nach dem Theetisch. „Nun sage mir aber, Clementine, weshalb Du uns ganz außer Athem da herüber jagst – brennt’s? Oder hast Du gar Angst vor dem Gewitter? Das thut Dir nichts – wir haben einen Blitzableiter auf dem Dache.“ Das Alles sagte er scherzend, in seiner drastisch jovialen Manier, aber in Blick und Haltung lag auch eine entschiedene Auflehnung gegen das Commando der Frau Schwiegertochter.

Die Baronin goß Thee in eine Tasse und hob dabei flüchtig die Augen nach der alterthümlichen Standuhr. „Es ist unsere Theestunde – nicht um eine Minute früher,“ sagte sie mit ihrer stillen Miene.

Er zog die dicken, graubereiften Brauen finster zusammen. „Ganz schön, mein Kind,“ versetzte er mit hörbarem Aerger. „Als alter Soldat bin ich auch ein Freund der Pünktlichkeit, aber ich hab’ mich nie nach dem Hausbrauch drillen lassen – auch von meiner guten Frau nicht – und der dort“ – er deutete nach dem Uhrzeiger – „darf mich nicht tyrannisiren, am allerwenigsten aber, wenn ich mitten in einer Besprechung bin, wie vorhin – verstanden, junges Frauchen?“

Langsam ließ er seine schwere Gestalt in einen hochlehnigen Armstuhl am Theetisch sinken und winkte Lucile auf einen Schemel an seine Seite. Bei diesem Anblicke griff die Baronin, die Lider senkend, nach der Tischglocke und befahl dem eintretenden Bedienten, noch zwei Couverts aufzulegen – auffallender konnte es nicht an den Tag gelegt werden, daß die Hausfrau bis zu diesem Augenblicke nicht auf Gäste gerechnet hatte.

Baron Schilling saß neben ihr, seinem Vater schräg gegenüber. Vater und Sohn sahen sich sehr ähnlich – sie waren wie alle Schillings nicht durch besondere Schönheit ausgezeichnet. Oben im Mittelsaale über dem Portale des Säulenhauses hingen Bilder aus der Zeit, da das alte Geschlecht noch auf seiner Ritterburg gehaust hatte. Schon damals waren die zu volle, kirschrothe Unterlippe, die kantige Stirn und die starke, charakteristisch deutsche Nase die Familiensignatur gewesen – es waren kraft- und lebensvolle Trotzköpfe auf wahren Reckengestalten, die dazu geboren schienen, in schwerer Rüstung zu kämpfen. Auch die zwei Letzten gehörten in jeder Linie zu ihnen, nur war das ursprünglich starre, gelbe, dem reifenden Weizenfelde gleichende Haar beim alten Freiherrn zum dunklen, jetzt graugesprenkelten Blond geworden, während der Sohn mit seinem krausen, schwarzbraunen Kopf- und Barthaar nahezu für einen Südländer gelten konnte. Das große, feurigblaue Auge aber, das oben auf den Bildern durch einen stolzen, sicheren Falkenblick imponirte, hatten Beide gemein; beim alten Herrn strahlte es schalkhaft, sinnlich glühend, voll Leichtlebigkeit in die Welt hinein – der Sohn hielt es meist gesenkt, als schaue es nach innen.

Seine junge Frau reichte ihm eine Tasse Thee hin, und mit einem prüfenden Aufblicke nach ihrem Gesichte hielt er die spendende, schlanke Hand einen Augenblick fest. „Dir spielt das Gewitter mit, Clementine – Du leidest?“ fragte er freundlich theilnehmend.

Sie zog ihre Hand zurück und stellte die Tasse auf den Tisch vor ihm nieder, während sie den Kopf mit dem Ausdruck des Widerwillens seitwärts bog. „Ich habe Schwindel – Du bringst wieder einmal den unleidlichen Farben- und Oelgeruch aus Deinem sogenannten Atelier mit,“ sagte sie erregt.

Der alte Freiherr wurde dunkelroth im Gesicht. „Hm – läßt sich vielleicht dieses geringschätzende ‚sogenannte’ in ‚lächerliche Dilettantenanmaßung’ übersetzen, Clementine?“ fragte er scharf, und sich mit beiden Händen auf die Armlehnen stützend, richtete er den Oberkörper gespannt und herausfordernd in die Höhe.

„Du hast Clementine mißverstanden, Papa; sie will damit nur das allerdings nothdürftige Arbeitslocal bezeichnen, das mir vorläufig die Dachstube mit dem rasch improvisirten Oberlicht sein muß,“ sagte sein Sohn mit Nachdruck, und sein weit aufgeschlagenes Auge fixirte stolz das Gesicht der jungen Frau.

Sie hielt den Blick mit einem schattenhaft um den Mund irrenden, spöttischen Lächeln aus und schüttelte den Kopf, als sei sie entschieden nicht gewillt, den eigentlichen Sinn ihrer Worte auch nur um ein Jota verdrehen zu lassen. Es war überraschend zu sehen, wie ein starrer Eigenwille jeden Muskel dieser scheinbar schlaffen, energielosen Nonnengestalt urplötzlich spannte und belebte.

„Da hast Du’s, Arnold!“ lachte der Freiherr grimmig auf. „Nun kannst Du Dich abermals aufsetzen und noch dazu gegen Frauenvorurtheil – o je!“ – Er fuhr sich mit komischer Verzweiflung in das dicke, volle Grauhaar hinter dem Ohr. „Hab’s übrigens nicht besser gemacht. – Schau’, Clementine, ich bin blind – deutsch herausgesagt – ein Einfaltspinsel gewesen, weil ich Arnold’s Begabung nicht verstanden habe. Na, gar so verwunderlich ist’s im Grunde nicht, denn wir Schillings haben eigentlich immer zu den schönen Künsten gepaßt wie der Esel zum Lautenschlagen.... Gerade aus dem Grunde habe ich aus Leibeskräften gegen die ‚Klexerei’ protestirt, und da hat’s der arme Kerl hinter meinem Rücken thun müssen. Nun schreiben sie mir von Berlin aus, mein Sohn werde eine große Carrière machen, und ich muß mich schämen vor den Leuten, schämen wie ein begossener Pudel. Hätte ich nur die blasse Ahnung davon gehabt, was in meinem Jungen steckt, da – na, da wär’ Vieles anders gekommen.“

Ein dunkler Seitenblick aus den grauen Augen traf ihn.

„Ach so, Du meinst, Papa, der Malerpinsel hätte die letzten Schillings reichlich ernähren können?“

„Clementine!“ unterbrach sie der junge Mann rasch, mit tiefverfinstertem Gesicht.

„Ich bitte Dich, brause doch nicht auf, Arnold!“ klagte sie und fuhr mit der Hand leicht nach dem Ohr, als berühre sie der Klang dieser schönen, tönenden Männerstimme peinvoll. Sie war offenbar nervenleidend und augenblicklich in sehr gesteigerter Aufregung, aber sie schwieg nicht. „Sage doch selbst, ob Du von dem Honorar leben könntest, das die Leute aus der – der Demimonde zu zahlen vermögen? Zum Exempel, was hat Dir die ‚Desdemona im weißen Atlaskleide’ eingetragen?“ Unter der nervös zuckenden Oberlippe glänzten perlweiße, aber lange Zähne.

Jenes charakteristische Lächeln, das schon in der Flurhalle um den Mund des jungen Mannes gespielt hatte, erschien flüchtig wieder. Er sah ausdrucksvoll ironisch nach Lucile hin, der es sichtlich in allen Fibern prickelte, der „langen grauen Person“ für die „Demimonde“ eine allerliebste Sottise in’s Gesicht zu sagen.

„Das Bild hat mir nach vielen gescheiterten Versuchen das Glücksgefühl eingetragen, die rührende Gestalt der unglücklichen Dogentochter doch annähernd so veranschaulicht zu haben, wie sie in meiner Phantasie lebt,“ sagte er mit heiterer Ruhe. „Madame Fournier hat ein herrliches Profil, und ihre Aufopferung, ihre Geduld, sich während der Sitzungen zu langweilen –“

„Zu langweilen?!“ wiederholte die Baronin unter einem leisen, hysterischen Auflachen. „Es ist schlimm, Arnold, ja, es führt zu Täuschung und Betrug in der Ehe, wenn vor der Verheirathung Eines vom Andern so wenig erfährt, wie zum Beispiel wir Beide,“ setzte sie gleich darauf hinzu – ihre schwache Stimme erstickte fast in Bitterkeit.

Der Freiherr war eben im Begriff, ein Ei aufzuklopfen – wie auf einen Ruck hielt er inne; mit seinem mächtigen Kopf, in welchem die Augen unter den tiefgefalteten Brauen grimmig funkelten, sah er aus wie ein zornig knurrender Löwe. Er hatte offenbar eine sehr derbe Antwort auf den Lippen, aber er bezwang sich.

„Zum Kukuk auch, da höre ich ja etwas ganz Neues!“ sagte er anscheinend humoristisch. „Also Arnold weiß nicht genug von Deiner Vergangenheit? Wozu denn aber auch, kleine Frau? Die Verheirathung ist ja doch kein Eintritt in ein Geschäft oder dergleichen, bei welchem man einen schriftlichen Lebenslauf abzugeben hat! Du bist zwar bis zu Deinem neunzehnten Jahre im Kloster erzogen worden, aber wir setzen trotzdem anständiger Weise voraus, daß da Alles mit rechten Dingen zugegangen ist – oder nicht, Clementine? Wie?!“

Die Baronin war bis dahin, selbst bei ihren schneidend und maliciös accentuirten Bemerkungen, ihren Obliegenheiten als Herrin am Theetisch pünktlich nachgekommen – jetzt zog sie ihr Taschentuch hervor und drückte es mit zitternder Hand wiederholt an Mund und Stirn, als alterire sie die anzügliche, derbe Ausdrucksweise ihres Schwiegervaters bis zur Ohnmacht, oder auch, als befürchte sie Blutspucken.

Baron Schilling sah seinen Vater vorwurfsvoll bittend an und zog die Hand seiner Frau liebreich an sich.

„Du darfst meiner Vergangenheit ebenso ruhig vertrauen, wie der Zukunft, die Du an meiner Seite verleben wirst,“ sagte er mild und freundlich, wie ein treuer, zartfühlender Bruder, der über die weiblichen Schwächen einer Schwester nachsichtsvoll hinwegsieht. „Du wirst Dich auch allmählich in die Ueberzeugung einleben, daß mich mein Streben mit allen Schichten der menschlichen Gesellschaft in Berührung bringen muß. Darf irgendwo der Satz, ‚der Zweck heiligt das Mittel’ Anwendung finden, so ist es in der verklärenden Kunst. Ihre Motive sucht sie im Boudoir, wie in der Dachstube, und wenn mich ein Charakterkopf interessirt, so gehe ich ihm nach, und sollte es bis in die Höhle des Verbrechens sein. Diese Duldung muß jede Künstlerfrau üben, und auch Du wirst sie lernen.“

„Nein, Arnold. Derartige sanguinische Hoffnungen lasse Dir nur gleich vergehen!“ erklärte sie mit einer Ruhe, die nach der eben an den Tag gelegten beängstigenden Nervosität förmlich frappirte. „Ich bin streng wahrhaftig erzogen und verstehe nicht zu lügen. Zu den Madonnenbildern bete ich, und in der Messe harre ich aus bis zum letzten Ton – als gute Katholikin muß ich das – sonst aber ist mir alles, was Malerei, Musik und dergleichen heißt, in tiefster Seele zuwider.“

Sie sprach mit gesenkten Augen völlig leidenschaftslos und eintönig und zupfte dabei mechanisch an der Spitzenecke ihres Taschentuches. Aber ihre Brust dehnte sich wie befreit unter den verletzenden Worten ihres Bekenntnisses, das einer kaltblütigen Rache für die Malersünden des jungen Ehegemahls sehr ähnlich sah.

„Du siehst, ich habe auch den Muth der Wahrhaftigkeit, Arnold,“ fuhr sie in demselben Tone fort und hob die Lider. „Ich mache es nicht wie viele meines Geschlechts, die nicht einen Schritt weit gehen würden, um einen Raphael zu sehen, oder Beethoven’sche Musik zu hören, wenn sie nicht das Anathema der Kunstnarren fürchteten – sie heucheln, ich aber bekenne offen, daß Gemälde für meine angegriffenen Augen Farbenklexe sind, und Zeichnungen mich langweilen, daß die Musik an meinen Nerven schmerzhaft reißt, daß ich eine ausgesprochene Idiosynkrasie hege gegen alles, was sich Künstler nennt – und deshalb darf es Dich nicht wundern, bester Arnold, wenn ich wohl die Gemahlin des Baron Schilling, auf keinen Fall aber eine Malerfrau sein will und die gewünschte Duldung niemals üben werde.“

„Das wird sich finden,“ sagte Baron Schilling kurz; er war bleich geworden, und seine Stirn furchte sich, aber seine ruhige stolze Haltung bewies unwiderleglich, wer schließlich „der Herr“ sein würde.

Die junge Frau blickte vor sich nieder – diesmal augenscheinlich betroffen; der rauh gebieterische Ton schien ihr erschreckend neu zu sein; sie hatte vielleicht von ihrer „Wahrhaftigkeit“ einen anderen Effect erwartet.

Während dieser Wechselreden hatte Felix Lucian schweigend zwischen Baron Schilling und Lucile gesessen. Neben der eigenen Angst und Sorge quoll tiefe Wehmuth in seiner Seele auf – was war aus dem trauten Schillingshofe geworden! Ein vornehmer Adelsitz, auf’s Neue angestrahlt vom zurückgewonnenen alten Nimbus. Aber früher war es bei leerer Casse, in spärlicher Beleuchtung, doch hell und lustig im Säulenhause gewesen – Groll- und Schmollwinkel hatte es damals nicht gegeben, und das Nachtgethier böser Launen hatte sich nie breit machen dürfen – während jetzt, bei aller Lichtfluth, Hochmuth, Bigotterie und versteckte Bosheiten wie Eulen und Fledermäuse aus den Ecken schwirrten. Und der neue Hausgeist, in Gestalt der halbgeknickten, nervösen Frau dort, rang um die absolute Herrschaft; er legte die langen todesblassen Hände beschlagnehmend auf Menschenseelen, Schiff und Geschirr, und auf der eigensinnigen Stirn stand ihm lesbar geschrieben: „Es ist Alles mein!“... Auch hier der despotische Frauenwille, der ihn selbst eben heimathlos gemacht!

Wer sah es dem kalten Gesicht mit den beharrlich und nonnenhaft gesenkten Lidern an, daß diese Frau den jungen Gatten geradezu errungen hatte? Vor Jahresfrist war der Freiherr mit seinem Sohn in Coblenz bei dem schwererkrankten Vetter gewesen. Nach der Zurückkunft hatte er Felix lachend in’s Ohr geflüstert, daß man ihm insgeheim hinterbracht, die reiche Erbin sei „bis über die Ohren verliebt in seinen Jungen“ – um seinetwillen würde sie ihr Vorhaben, nach Ableben ihres Vaters für immer in das Kloster zurückzukehren, freudig aufgeben. Dann war Baron Steinbrück seinem Leiden erlegen; die Tochter hatte dem Freiherrn den Todesfall angezeigt und seitdem eifrig mit ihm correspondirt. Sie mußte gut zu schreiben verstanden haben, denn seit der Zeit war es ein glühender Wunsch des alten Herrn gewesen, seinen Sohn mit ihr zu vereinigen und damit zugleich sein altes Geschlecht in den Besitz der verpfändeten Güter wieder einzusetzen. Der Schlaganfall, der ihn selbst an den Rand des Grabes gebracht, war sein Helfershelfer bei der Verwirklichung des Planes geworden. Arnold, der mit inniger Zärtlichkeit an dem Vater hing, hatte am Krankenbett scheinbar ohne jedweden inneren Kampf in Alles gewilligt, um den alten schwerleidenden Mann beruhigt zu sehen.

Und wie fand er sich nun in sein Geschick, das ihn so jung mit der kaum gesehenen „langen Coblenzer Cousine“ für immer zusammengekettet hatte? Liebte er sie? – Felix fühlte ein Grauen durch seine Nerven schleichen bei dem Gedanken, daß der Freund mit den Idealgestalten hinter der Stirn in seltsamer Geschmacksverirrung das Skelet dort voll Manneszärtlichkeit an sein Herz schließen könnte – unmöglich! Und doch verrieth nicht ein Zug seines interessanten Gesichts, daß er sich unglücklich fühle. Er hatte einen eisernen Willen; schon als Knabe war es ihm nie in den Sinn gekommen, irgend Jemand, auch seinen Vater nicht, für seine Entschlüsse mit verantwortlich zu machen – das mochte ihm auch jetzt seine unzerstörbare heitere Seelenruhe geben.

Anders schien es um den alten Freiherrn zu stehen. Er befand sich offenbar in steter Kriegsbereitschaft der Schwiegertochter gegenüber, die den lustigen, alten Haudegen in ihren Briefen gründlich zu düpiren gewußt hatte. In seinen Zügen malte sich augenblicklich ein Gemisch von Ingrimm, tiefer Reue und Jammer um den Sohn, aber er schwieg; mit schwerem Geschütz durfte er nicht kommen, wenn er nicht die bösesten Nervenzufälle am Theetisch heraufbeschwören wollte, und das Plänkeln hatte er satt. Er schob, nachdem er hastig einige Bissen genossen, Tasse und Eierbecher fort, zog ein kleines Paket, das er beim Fortgehen in seinem Zimmer eiligst zu sich gesteckt hatte, aus der Tasche und legte es auf den Tisch. Sein Gesicht hellte sich auf; er schien sichtlich froh, auf ein anderes Thema zu kommen.

„Schau, in dem Papier da liegt die Erledigung Deiner Angelegenheit,“ sagte er zu Felix, indem er seine Brille aus dem Futteral nahm und sorgfältig an ihren Gläsern wischte. Dann setzte er sie auf und schlug das Papier aus einander – ein in Seidenpapier gewickelter flacher Gegenstand und ein viele Bogen starker, in engen Linien geschriebener Brief lagen darin. – „Also Alles, was Du mir drüben anvertraut hast, kurz zusammengefaßt, hat Dich Deine Mutter verstoßen, will Dich selbst nach dem Tode nicht wiedersehen – dummer Schnickschnack! – und Dein Hundsfott von Onkel hat natürlich mit tausend Freuden seinen Segen dazu gegeben – Punktum!“ hob er an. „Du bist vogelfrei erklärt, die Majorin Lucian hat keinen Theil mehr an Dir, und damit – ist auch mir der Riegel vom Munde genommen.“

Er stützte die Hände auf den Tisch, und sich weit vorbeugend, sah er über die Brillengläser hinweg mit seinen großen, feurigen Augen durchdringend in das Gesicht des jungen Mannes.

„Hab’ ich je mit Dir von Deinem Vater gesprochen?“

Felix schüttelte den Kopf; er war todtenbleich geworden – jähes Erschrecken und athemlose Erwartung machten ihn sprachlos.

„Gut, mein Sohn, also nicht!“ sagte der alte Herr, indem er sich in den Armstuhl zurücksinken ließ. „Durfte auch nicht, obgleich mir’s manchmal in den Fingern gejuckt hat, Dich einzupacken und heimlich über’s Meer zu schicken, wo Du von Gott und Rechtswegen hingehörtest; denn die auf dem Klostergute haben Dich gestohlen, gestohlen, sage ich – der Sohn gehört zum Vater – damit basta!“

Er schlug mit den Knöcheln so hart auf den Tisch, daß die Platte dröhnte – seine Schwiegertochter las alterirt, mit bebenden Fingern verschiedene Pfeffer- und Salzlöffelchen zusammen, die klirrend umherflogen.

„Aber ich hatte Deiner Mutter mit Handschlag versprechen müssen, daß in meinem Hause vor Deinen Ohren nie von Deinem Vater gesprochen werden sollte,“ fuhr der Freiherr fort. „Was wollte ich denn machen? Ich mußte wohl, sonst hätte ich Dich nie vor die Augen gekriegt, und ohne mich wärst Du da drüben in dem Unkenloche vertrauert und versauert, und sie hätten sich aus dem jungen Lucian’schen Blute schließlich doch noch einen Wolfram’schen Mistfinken zurechtgeknetet. Deinem Vater aber hätte ich nie nähere Mittheilungen über Dich machen können –“ er verstummte in sichtlicher Bewegung; er hatte wohl selbst den furchtbaren inneren Aufruhr nicht vorhergesehen, den der Vatername in des jungen Mannes Seele weckte.

Felix war aufgesprungen, und auf den Sprechenden zustürzend, umklammerte er dessen Rechte und zog sie stürmisch gegen seine Brust. „Sie wissen von meinem Vater? Lebt er? Denkt er an mich?“ stammelte er in halberstickten Tönen.

„Ruhig Blut, mein Junge!“ ermahnte der alte Herr, aber seine Augen wurden feucht vor Rührung. „Thut mir leid, daß er Dich nicht so sehen kann – das Herz im Leibe müßte ihm lachen – er hat seinen Jungen ebenso lieb, wie ich den meinen.“ – Ein verstohlener, trüber Blick streifte den Sohn, wobei ein Seufzer seine Brust hob.

„In der schönen Jugendzeit waren wir treue Cameraden und sind es bis auf den heutigen Tag verblieben,“ setzte er nach einem augenblicklichen Verstummen hinzu. „Lucian war ein ebenso flotter Kerl, ein so lustiges Haus wie ich, und im Schillingshofe besser daheim, als bei seinen Verwandten – wär’ freilich besser für den armen Teufel gewesen, er hätte das Säulenhaus nie gesehen, und den Eiszapfen, die schöne Therese Wolfram, dazu.... Als er Deutschland verließ, da war er noch eine Nacht verstohlener Weise hier bei mir im Schillingshofe. Er war wie toll vor Sehnsucht nach Dir und hatte die verrücktesten Pläne in seinem Kopfe ausgeheckt – entführen wollte er Dich, und Gott weiß was Alles thun, um mit Gewalt zu seinem Rechte zu kommen, aber er mußte einsehen, daß dem alten, verwünschten Klosterneste und dem Rechtsverdreher darin auf keine Weise beizukommen war. Und da ist er gegangen – über dem Meere drüben hat er sich eine neue Heimath gesucht und auch gefunden. Er hat sich wieder verheirathet mit einer sehr vornehmen Spanierin und ist glücklich mit ihr gewesen.... So lange sie lebte, waren seine Briefe ruhig – er hat die Frau lieb gehabt und schien mit seinem Schicksale ausgesöhnt, nun ist sie aber gestorben, und da muß ihn wohl die Sehnsucht nach seinem Jungen wieder gepackt haben –“

Er hielt inne und schüttelte lächelnd den Kopf, indem er die Hand auf das Schreiben legte. „Närrischer Zufall! Just gestern kam der Brief da in meine Hände.... Lucian kränkelt auch, wie ich armer Lazarus, und kann deshalb nicht reisen. Er bittet mich dringend, nunmehr mit Dir über ihn und seine Lebensverhältnisse zu reden – na, was braucht’s da der vielen Worte und Saalbadereien – Du packst eben auf und gehst zu Deinem Vater – jetzt ist Amerika Deine Heimath.“

Felix war einige Male erregt im Zimmer auf- und abgeschritten – Röthe und Blässe, Jubel und Wehmuth kämpften abwechselnd auf seinem schönen Gesicht – jetzt blieb er vor Lucile stehen. Sie sprang auf und warf sich mit leidenschaftlicher Heftigkeit an seine Brust.

„Und wirst Du mit mir gehen, Lucile?“ fragte er mit erschütterter Stimme.

„Ja, natürlich, Du närrischer Felix!“ lachte sie. „Sofort, stehenden Fußes, wie ich da bin! Himmel, eine Seereise! Das wird ja noch viel toller und lustiger, als ich mir je hätte träumen lassen. Nach Amerika gehen wir? Doch jedenfalls nach dem brillanten New-York?“

„Nein, schönes Kind, direct nach den Südstaaten, nach dem reichen Plantagenstaat Südcarolina. Freund Lucian ist ein Baumwollenbaron geworden; er hat von seinem Schwiegervater bedeutende Besitzungen ererbt. Diese Herren Pflanzer spielen dort eine Rolle, vor der sich unsere heutige Aristokratie verkriechen muß – sie sind in Wirklichkeit Feudalherren. Lucian’s Schwiegervater ist ein Spanier aus Florida gewesen, und der Schilderung nach hat das Leben auf der Plantage einen stolzen Zuschnitt, wie kaum ein deutsches Fürstenhaus.“

Mit einem ausdrucksvollen Lächeln winkte er Felix näher an sich heran. „Siehst Du, mein Junge, das mütterliche Erbtheil, das sie Dir hundsföttischer Weise entziehen, kannst Du ruhig verschmerzen – Dein Vater sammelt und legt seit Jahren für Dich zurück, und wenn er Dir auch nicht die Plantagen selbst hinterlassen kann“ – er hielt inne, schlug das Seidenpapier aus einander und nahm eine Elfenbeinplatte heraus – „denn Du hast eine Schwester, Felix; es ist eine dreizehnjährige Tochter zweiter Ehe da – das ist sie.“

Mit diesen Worten hielt er dem freudig bestürzten jungen Mann ein Miniaturgemälde hin. Lucile kam geflogen und drängte Felix in athemloser Spannung und Neugier fast zur Seite; auch Baron Schilling sprang auf und näherte sich; nur die junge Frau blieb gleichmüthig sitzen. Sie wiegte die Augen tief gesenkt, mechanisch den Theelöffel auf der Fingerspitze, und wäre ihr nicht eine leichte Röthe innerer Bewegung auf Wangen und Schläfen getreten, so hätte man meinen können, sie habe keine Ahnung von dem, was um sie her vorgehe.

„Ist sie nicht ein reizendes Kind, diese kleine Mercedes?“ fragte der alte Freiherr.

„Das ist doch kein Kind!“ murrte Lucile. „Ein dreizehnjähriges Mädchen soll sie sein und sieht Einen doch an mit einem Hochmuth, einer Ernsthaftigkeit, wie ein stockgelehrter Professor! Geh, Felix! Ich bin eifersüchtig,“ schmollte sie. „Wirst Du sie lieben?“

„Ja, Lucile, das werde ich, wenn ich auch fürchte, daß sie mir kein Herz entgegenbringt; ihre Züge sind herb und stolz –“

„Nicht wahr? Und bucklig ist sie auch – darauf kannst Du Dich verlassen, Felix. Wer eine hübsche Gestalt hat, der läßt nicht blos seinen Kopf malen – das thut Keine – da will ich gleich meinen kleinen Finger verwetten. Der Kopf da schwimmt ja wie abgehackt auf den Wolkenpartien –“

„Nein – er taucht aus den Wolken in engelhafter Schönheit,“ sagte Baron Schilling, ohne den Blick von der längst unmodern gewordenen, aber köstlichen Malerei zu wenden. „Das kleine Bild ist ein Meisterstück.“

„Ein alter Künstler, der bei Lucian lebt und von ihm hochgeschätzt wird, hat es gemalt,“ bemerkte der Freiherr. „Ich sage auch, das ist ein Kopf, der’s Einem anthut. Mir armem, altem Krüppel wurde gestern ganz warm und weh um’s Herz bei den jungen Augen da. – Von ihrem Vater hat sie übrigens keinen Zug –“

„Von Felix auch nicht!“ warf Lucile tiefbefriedigt ein. „Die gelbe Haut, und das fabelhaft dicke, schwarze Haar –“

„Mit seinen aufgestreuten blaufunkelnden Lichtern findet man nur unter den Tropen,“ ergänzte Baron Schilling. „Für mich wäre das ein Studienkopf von unschätzbarem Werthe.“

„Kannst das Bild behalten, Arnold; hast auch Theil dran,“ sagte der alte Herr lebhaft – über seine Stirn lief es wie ein düsterer Schatten hin. „Der gute Lucian, er glaubt, im Schillingshof sei noch Alles beim Alten – unsere Correspondenz hat längere Zeit gestockt; die Krankheit seiner Frau war schuld – nun schreibt er mir, sehr post festum, Du möchtest die Juristerei und den deutschen Edelmann an den Nagel hängen und zu ihm kommen; er habe so allerlei sehnsüchtige Wünsche und Hintergedanken; ich solle Dir, so gut wie Felix, seine Mercedes zeigen und – nun, das Uebrige kannst Du Dir schon denken.“

Eine Blutwelle schoß bis unter das krause Haar des jungen Mannes; er legte die Elfenbeinplatte vorsichtig, aber so schnell auf das Seidenpapier zurück, als glühe sie ihm an den Fingerspitzen. Eine Hand hatte sich einen Moment schwer auf seine Schulter gelegt – seine Frau glitt, mit einem Seitenblick das Bild streifend, hinter ihm weg, um ihre Handarbeit von dem kleinen Tische zu holen.


9.

Sie blieb plötzlich wie angewurzelt stehen, und auch die anderen Anwesenden schwiegen aufhorchend. Draußen gellte wiederholt das Aufschreien eines Kindes, so jammernd, so schmerzvoll, daß sich selbst der Freiherr erschreckt erhob und, auf Felix gestützt, mühsam nach dem Fenster schwankte, das sein Sohn bereits geöffnet hatte.

Das Gewitter schien sich mit dem gewaltigen Donnerschlage vorhin für eine Zeit erschöpft zu haben; es fiel kein Regentropfen mehr, aber ein feuchter, kühler Odem füllte die vor den Fenstern hinlaufende Säulenhalle, und der Himmel breitete sich sternlos, in drohender, tiefer Schwärze über die Stadt hin. Die Gascandelaber vor dem Säulenhause beleuchteten voll das Parterre mit seinen springenden Wassern und seinen riesigen Blumenbouquets auf dem Rasenteppich; kein blüthenbeschwerter Zweig der Gebüsche bewegte sich; kein Menschenfuß beschritt den Kies, aber draußen, jenseits des Eisengitters standen Leute, und über das Gemurmel von Männerstimmen hinweg hörte man das hier und da von einem Aufweinen unterbrochene Schelten einer Frau – das Kind schrie nicht mehr.

Während die Herren und Lucile hinaushorchten, ging die Baronin an den Theetisch zurück und nahm ihren Platz wieder ein. Der Freiherr hatte vorhin beim Aufstehen, ohne es zu wissen, das Seidenpapier mit seinem Inhalte von der Tischkante gestoßen – es war unbemerkt und lautlos auf den Teppich gefallen. Die Baronin ging hart daran vorüber; sie sah es liegen, aber sie rührte keinen Finger, es aufzuheben – das war unter ihrer Würde. Nun hielt sie ihre Arbeit wieder zwischen den wächsernen Fingern; in regelmäßigem Tempo wurde der weiße Faden aus- und eingezogen, und die Augen unter den langen, Lidern hafteten unverwandt auf der Stickerei. Nur einmal irrten sie seitwärts auf den Teppich nieder – Minka schlüpfte, nach vorheriger Recognoscirung, geräuschlos aus ihrem Versteck, raffte das Papier auf, drückte es zärtlich an ihre Brust und verschwand wieder hinter dem Vorhang.

Die junge Frau zuckte mit keiner Wimper; nicht ein Zug ihres Gesichts veränderte sich. Sie senkte nur den Kopf etwas tiefer und stickte still weiter. Sie ahnte nicht, daß dort hinter dem Rücken der Herren ein Paar Mädchenaugen durch den Spalt der Gardine lauschten – Lucile lachte zum Ersticken in sich hinein; die Frau mit ihrem eifersüchtigen Haß gegen alle Malerei war zu amüsant, und nebenbei war es kein Unglück, wenn dem Mädchen aus dem „Tropenlande“ das gelbe Gesicht ein wenig zerkratzt wurde.

Der Lärm draußen verstummte; man sah, wie sich der Menschenhaufe zertheilte, wie die Leute allmählich aus einander gingen, und beruhigte sich in dem Gedanken, irgend ein kleiner Ausreißer sei von der verfolgenden Mutter erwischt worden und habe sich geweigert, mit heimzugehen. Baron Schilling schloß das Fenster, während die Anderen an den Tisch zurückkehrten.

Beim Niederlassen in den Armstuhl ließ der Freiherr seine Blicke suchend über den Tisch hinschweifen; er schob ungestüm das umherstehende Geschirr zurück und nahm tastend und schüttelnd seine hingeworfene Serviette auf. „Zum Kukuk, wo ist denn das Bild hingekommen?“ fragte er ärgerlich. „Hast Du es weggelegt, Clementine?“

„Ich habe gestickt,“ sagte sie mit ihrer leisen, hohen, eintönigen Stimme, schnitt gelassen den Faden ab und legte die Scheere vor sich auf den Tisch, ohne auch nur aufzusehen.

Baron Schilling trat hinzu; er hatte die Lampe genommen und beleuchtete ringsum den Teppich, und Felix, wie auch Lucile, die sich die Lippen fast wund biß, um nicht laut aufzulachen, halfen ihm suchen.... Da scholl ein mehrmaliges leises, aber intensives Knirschen und Knacken, als ob dürres Holz zerbrochen würde, von dem einen Fenster her – Baron Schilling stellte hastig die Lampe nieder und schlug die Gardinen aus einander; mit einem Griffe packte er die zappelnde und kläglich schreiende Minka, trug sie durch das Zimmer und warf sie zur Thür hinaus.

„Wirst Du mir nie den berechtigten Wunsch erfüllen, das boshafte Thier wegzugeben, Clementine?“ fragte er finster und grollend. „Es fügt uns und unseren Leuten durch seine Zerstörungswuth den bittersten Schaden zu.“

Die junge Frau warf den Kopf zurück; zwischen ihren strohblonden Brauen vertieften sich zwei Linien, und jetzt waren selbst die schmalem geschlossenen Lippen graubleich wie das ganze Gesicht. Schweigend drückte sie auf die Tischglocke. „Die Kammerjungfer soll Minka in mein Schlafzimmer bringen und ihr dort das Abendbrod reichen,“ befahl sie dem eintretenden Diener und nahm ihre Arbeit wieder auf, als sei nichts vorgefallen.

Der Freiherr stampfte ergrimmt mit dem Fuße auf, und wüthend an seinem Schnurrbarte zerrend, zerdrückte er sichtlich einen Fluch zwischen den Lippen, indeß sein Sohn nach dem Fensterbogen zurückging und die Splitter der Elfenbeinplatte zusammenlas.

„Es hat ein glücklicher Zufall dabei gewaltet,“ sagte er froh zu Felix, der ihm gefolgt war; „das Gesicht ist unversehrt. Nur ein Theil der Haarwellen ist weggebrochen, aber was schadet das? Ich halte die Seele hier, den Aufblick der Augen, der mir zu denken geben wird, so lange ich künstlerisch schaffe. Uebrigens lassen sich die Splitter wieder an einander fügen – die Risse wird man freilich sehen, aber um so eher darf ich mir es auch aneignen – es ist mein; ich gebe es nicht wieder aus der Hand.“ Er legte die einzelnen Stücke behutsam zwischen das weiche Papier und schob sie in die Brusttasche.

Lucile machte ein bitterböses Gesicht. „Mein Gott, so viel Lärm um den dreizehnjährigen Backfisch!“ grollte sie. „Das fängt gut an! Wenn die kleine Bucklige mit ihren schwarzen Zigeuneraugen schon im Bilde so schrecklich dominirt und regiert, wie mag’s da erst in Natura sein! Hab’ Acht, Felix, das giebt schon in der ersten Stunde Zank und Streit; denn ich lasse mich nicht unterdrücken, à tout prix nicht! O, sie mags’s probiren!“ Sie machte halb drollig, halb böse so allerliebst und graciös die Geberde des Augenauskratzens, daß der Freiherr in ein enthusiastisches „Famos!“ ausbrach und Felix die agirenden rosigen, kleinen Hände erfing und sie in trunkener Zärtlichkeit gegen seine Brust zog.

„Ich werde ja bei Dir sein, Lucile,“ sagte er innig.

„Und Freund Lucian wird dem reizenden Puck da so wenig widerstehen, wie sein Sohn,“ lachte der Freiherr, und seine feurigen Augen verschlangen förmlich die geschmeidige Mädchengestalt in den Armen des jungen Mannes. „Und nun, wann wird marschirt, Felix?“

„Am liebsten sofort!“

„Gut – dann tapfer hinaus, gleich morgen Mittag! Die nöthigen Papiere besorgen wir früh,“ bestimmte der alte Herr. „Die Zofe, die noch lamentirend im Hôtel sitzt, geht selbstverständlich mit.“

„Und willst Du Deutschland wirklich auf diese Weise verlassen, Felix?“ fragte Baron Schilling ernst. „Ohne die Mutter Deiner Braut zu –“

„Um Gotteswillen, cher Baron, was fällt Ihnen ein?“ unterbrach ihn Lucile ganz entsetzt. „Sie kennen die Mama nicht. Wenn wir uns in Wien blicken lassen, so sind wir verloren, geschiedene Leute für immer, sag’ ich Ihnen! Mama schlägt sofort Lärm; sie bringt die ganze Polizei auf die Beine und ist im Stande, Felix hinter Schloß und Riegel setzen zu lassen. Sie giebt ihre Einwilligung nie – lieber steckt sie mich in’s Kloster – puh! Gräßlich! – Felix, ich bitte Dich fußfällig, lasse Dich nicht irre machen! Gelt, wir gehen direct auf’s Schiff?“

„Ohne Aufenthalt,“ bestätigte er fest und entschlossen. „Magst Du mich verurtheilen, Arnold! Es thut mir weh, aber ich muß es ertragen! Mein Glück lasse ich mir nicht entschlüpfen. Ich werde von drüben aus Alles aufbieten, um zu versöhnen und gutzumachen – darauf verlasse Dich!“ Er wandte sich unmuthig ab, denn der mißbilligende Ausdruck in den ernsten Augen des Freundes milderte sich nicht. „Du kannst mich freilich nicht verstehen, Du –“ er wollte sagen „Du liebst nicht“ – aber er verschluckte die Worte mit einem Blick nach der jungen Frau, die sich eben ziemlich geräuschvoll erhob, indem sie ihren Stuhl zurückstieß.

Sie hatte während der letzten Erörterungen sehr erstaunt und indignirt dreingeschauet. Nun ging sie nach einer Art Ruhebank, die, mit seidenen Kissen belegt, dicht an der Wand stand. Dort ließ sie sich nieder und lehnte den Kopf an das Schnitzwerk der Wandfläche. Dabei löste sich eine der lockergesteckten Flechten am Hinterkopf und fiel ihr über die Brust – selbst das verschönte sie nicht. Einem blühenden Gesicht hätte man dies herrlich üppige Blond zugestanden, hier aber sah es aus wie geborgt, als gehöre es nicht zu der Frau. So saß sie mit im Schooße gefalteten Händen, einen Zug schweigender Verachtung um den Mund und die Augen halb geschlossen – der personificirte Protest gegen die Mitgehörigkeit in den Kreis der Verhandelnden.

Der Freiherr[WS 1] streifte sie mit einem halb belustigten, halb ärgerlichen Seitenblick.

„Ich bitte mir’s aus, daß Du den Kindern das Leben nicht schwer machst, Arnold,“ rief er in seiner leichtlebigen[WS 2], jovialen Weise. „Felix ist ein famoser Kerl – hat kein Froschblut in den Adern. Ich hätt’s um kein Haar anders gemacht in meiner Brausezeit. Ein Schwachmatikus, der da fackelt und das Glück nicht beim Schopfe nimmt, wenn’s ihn anlacht!... Geh, schelle, mein Sohn! Adam soll Champagner bringen –“

„Adam, Papa? – Du hast ihn ja heute Nachmittag fortgeschickt.“

Der alte Herr fuhr mit weitgeöffneten, erstaunten Augen herum, als höre er nicht recht – dann schlug er sich erinnernd vor die Stirn. „Verfluchte Geschichte! Ich kann den Kerl nicht entbehren,“ polterte er erbost. „Ist er im Ernste fortgelaufen, der dumme Mensch?“

„Ja, Vater – auf Deinen ausdrücklichen Befehl,“ sagte Baron Schilling. „Du hast ihm heute allzu schlimm mitgespielt.“

„Bah – soll ich den Mosje mit Handschuhen cajoliren, wenn er schlechte Streiche macht und seinen alten Herrn verräth?“

„Ich habe Adam gesprochen,“ sagte Felix mit warmer Fürbitte; „er war ganz außer sich vor Schmerz.... Ich begreife nicht, wie gerade er in einen solchen Verdacht kommen konnte. – Der Verrath ist zu gemein, und auch mein Onkel –“

„Silentium! – Er ist ein Filou, der Herr Onkel!“ brauste der Freiherr mit seiner Löwenstimme auf, und eine dunkle Zornröthe schlug über sein Gesicht hin. „Er hat mich bestohlen, so gut wie er Dich um Dein Erbe bringen hilft.... Wie und wo er mein Geheimniß an sich gerissen hat, wer kann’s rathen bei solch einem Rechtsverdreher, der’s faustdick hinter den Ohren hat! Da tappt man zeitlebens im Finstern, aber erhorcht, erschlichen hat er’s, damit basta!“ – Er lehnte sich in seinen Stuhl zurück. „Wenn der Herr Adam sich noch nicht herabgelassen hat, wieder heimzukommen, so soll Christian den Champagner bringen,“ befahl er in ruhigerem Tone.

Baron Schilling öffnete die Thür und rief den Befehl hinaus. Man hörte einen Moment Stimmengeräusch von der Flurhalle her, aber Niemand im Zimmer achtete darauf. Die Thür wurde zu rasch wieder geschlossen.... Bald nachher trat der Bediente mit dem Präsentirbret in den Salon, und nun kam der Lärm verstärkt mit ihm herein – es lag etwas Aufregendes in den Lauten der Bestürzung und des Schreckes, die sich vereinzelt aus dem Gemurmel erhoben.

„Zum Henker – es scheint, wir haben jetzt den Straßenscandal von vorhin bei uns im Hause!“ rief der Freiherr aufhorchend. Er richtete sich, die Hände auf die Armlehnen stützend, gespannt empor und sah dem herantretenden Diener, dem das Gläserbret bedenklich in den Händen klirrte, unter das Gesicht „Kerl, wie siehst Du denn aus?“ rief er. „Du bist ja leichenblaß und schlotterst wie ein armer Sünder! Was ist los draußen?“

„Es ist wegen des Adam,“ stotterte der junge Mensch.

„Wegen des Adam?... Ist er wieder da, der Schlingel?“

„Nein, gnädiger Herr, nur sein Hannchen; es hat sich an den Fritz, den Hausknecht, angeklammert und will nicht heim zu Großmutter –“

„Da hat das Mädel auch nichts zu suchen; sie gehört zu ihrem Vater, und der ist im Schillingshofe zu Hause. – Warum meldet er sich nicht zurück? – Er soll auf der Stelle hereinkommen.“

„Gnädiger Herr – sie haben den Adam vorhin aus dem Wasser gezogen – es ist aus und vorbei mit ihm.“

Der Herr sank in den Stuhl zurück, als habe ihn ein Schlaganfall niedergeworfen.

In diesem Augenblick stieß die Baronin einen Schrei des Entsetzens aus. Sie sprang auf, stürzte auf ihren Mann zu und flüchtete in seine Arme.

„Da, da!“ stammelte sie und deutete nach der Wand, an der sie mit dem Rücken gelehnt hatte. „Dort tappt es; dort hat es laut geathmet, wie ein Mensch aus tiefster Brust – es hat mich eiskalt angehaucht.“ –

Bei diesen Schreckensrufen retirirte Lucile mit einem Sprung zu Felix. Ihr liebliches Gesicht war schneebleich und die Hände auf die Ohren drückend, um das entsetzliche Geräusch nicht auch zu hören, schielte sie mit erschreckten Kinderaugen furchtsam nach der spukhaften Wand. – Im Punkte des Fürchtens schienen das oberflächliche Weltkind und die Nonnen-Elevin vollkommen zu harmoniren.

„Du weißt, daß Dein Gehör überreizt ist, Clementine,“ beruhigte Baron Schilling; seine Stimme bebte vor innerer Bewegung in Folge der eben gehörten erschütternden Meldung des Dieners. „An dieser Seite hört man oft Geräusche; die Mäuse kommen vom Klostergute herüber –“

„O nein, ich weiß es besser; es ist die arme Seele,“ rief sie verstört – die hagere Gestalt zuckte in sich zusammen, wie von Krämpfen geschüttelt. „Der Selbstmörder ist für seine Todsünde auf immer in den Schillingshof gebannt. Arnold, hier können wir nicht bleiben.“

„Das sind abscheuliche Klosterreminiscenzen,“ sagte der junge Mann bitter lächelnd, „mit denen Du mir nicht kommen darfst, Clementine.“ Er befreite sich von ihren umschlingenden Armen und drückte die zitternde Frau in den nächsten Armstuhl.

„Hannchen ist draußen, sagtest Du?“ wandte er sich an Christian, der, wie schreckerstarrt, vergessen hatte, die Champagnerflasche niederzustellen, die er noch in der gehobenen Hand hielt.

„Ja, gnädiger Herr,“ antwortete er sich sammelnd, „Adam hat sie heute Nachmittag zu seiner Schwiegermutter gebracht und ist nachher fortgegangen. Weil er aber so lange ausgeblieben ist, da hat das Hannchen Angst gekriegt und ist heimlich fortgelaufen. Sie hat draußen im Garten auf den Fritz gewartet; er solle ihr helfen, ihren Vater zu suchen, und das hat er auch gethan, denn er ist selber in großer Sorge gewesen. Sie sind – trotzdem es wie mit Mulden geregnet hat – durch alle Straßen gelaufen, zuletzt bis hinaus auf die Meiringer Landstraße – und da haben sie gerade den Adam gebracht. Er ist nicht weit von der neuen Actienmühle in den Fluß gegangen.“

„Ein verrückter Streich! Ein schlechter Streich! Hätt’ nie gedacht, daß mir der Adam das anthäte!“ murmelte der Freiherr tonlos. Sein robust gefärbtes, kräftig kühnes Antlitz war fahl und schlaff geworden.

„Er hat nicht gewußt, was er thut, gnädiger Herr,“ entschuldigte Christian schüchtern und mitleidig. „Der Obermüller, der mit Adam bekannt war, hat ihn angeredet; dem ist’s gleich klar geworden, daß der Mann nicht bei sich gewesen ist – er hat dumme Sachen gesprochen, hat einen schrecklich rothen Kopf gehabt und ist nachher weiter gelaufen, als ob ihm Einer auf den Fersen säße. Und da ist ihm der Obermüller mit seinem Burschen von ferne, am Wasser hin, nachgegangen; ehe er sich’s aber nur versehen hat, ist Adam ’neingesprungen. Der Obermüller sagt, ertrunken sei er nicht, denn sie hätten ihn gleich wieder ’rausgefischt und auf’s trockene Land gebracht, aber der Schlag hätte ihn gerührt – er sei zu sehr erhitzt in’s kalte Wasser gesprungen.“

„Das Hannchen soll herein kommen,“ befahl der Freiherr, indem er sich aufrichtete.

„Gnädiger Herr,“ sagte zögernd der Bediente, „das Unwetter draußen hat die Kleine schrecklich zugerichtet – die Kleider kleben ihr am Leibe, und sie ist barfuß. Mamsell Birkner weint und schreit und sagt –“

„Was die Birkner sagt, geht mich nichts an; das Mädel soll herein kommen,“ wiederholte der alte Herr, über den Einwurf ergrimmt. „Die Birkner soll sie selber bringen.“

Der Diener eilte hinaus, und gleich darauf wurde die Thür geöffnet, und Mamsell Birkner, die langjährige Wirthschafterin im Schillingshof, trat ein, Hannchen vor sich herschiebend.

Das Kind war nicht wieder zu erkennen. Das rothe Röckchen und die sturmzerwühlten Haare klebten ihm, triefend von Nässe, in der That auf dem schmächtigen Körper, und die kleinen nackten Füße starrten vor Straßenschmutz. Auf einen Wink des Freiherrn führte Mamsell Birkner, der die dicken Thränen über die blühenden Wangen rollten, die Kleine tiefer in das Zimmer.

„Geh weg, geh weg!“ rief die Baronin nervös und weinerlich abwehrend, wie ein geängstigtes Kind, und zog die Schleppe an sich, damit das Barfüßchen sie nicht streife.

Die Kleine beschrieb einen weiten Bogen um „die gnädige Frau“ und blieb in der Nähe des Freiherrn stehen. Das von Weinen dick verschwollene Gesichtchen auf die Brust gesenkt, pflückte sie an den eigenen, bebenden Fingern, als zerzupfe sie im krampfhaften Eifer eine Blume.

„Du willst nicht zu Deiner Großmutter zurück, Hannchen?“ fragte der alte Herr, seine Stimme mühsam zur Festigkeit zwingend – man sah, der Anblick des verwaisten Kindes spielte ihm furchtbar mit.

Die Kleine sprach nicht – sie hob nur die schweren Lider, um sie mit einem finstern Blick wieder zu senken.

„Nein, sie will durchaus nicht, gnädiger Herr,“ antwortete Mamsell Birkner für sie. „Die alte Frau ist mitgegangen bis an den Schillingshof und hat sie mit Gewalt fortbringen wollen, aber das hat drüben auf der Straße einen wahren Aufruhr gegeben – Fritz hat das arme Ding um keinen Preis fortschleppen lassen. Nun ist er freilich in Angst, was die Herrschaft dazu sagen wird, daß er die Kleine in’s Haus gebracht hat –“

„Es ist gut so; er kann ruhig sein,“ sagte Baron Schilling. Er bog sich zu dem kleinen Mädchen nieder. „Ist die Großmutter so böse?“ fragte er und hob ihr das Köpfchen sanft empor.

Diese weichen, guten Laute der schönen Männerstimme lösten den starren Schmerz des Kinderherzens.

„Sie ist schuld,“ stieß sie hervor. „Sie hat mit dem Vater gezankt, weil ihn der gnädige Herr fortgeschickt hat, und – wie sie ihn gebracht haben, da hat sie gescholten und die Thür vor ihm zugeschlagen – o!“

„Bleibe Du bei uns!“ unterbrach Baron Schilling das furchtbare Aufweinen, in das die Kleine bei den letzten Worten verfiel.

„Arnold, was willst Du thun?“ fuhr die Baronin empor.

„Was ich auch thue, Frau Schwiegertochter,“ fiel der Freiherr mit seiner alten Kraft in Stimme und Haltung ein. „Das Kind bleibt bei uns – es wird im Schillingshof erzogen und damit Punctum!... Birkner, wollen Sie sich der Kleinen annehmen?“

„Ach, wie gern! Mit tausend Freuden, gnädiger Herr!“

„Nun, dann ziehen Sie ihr die nassen Kleider herunter und bringen Sie das arme Ding in’s warme Bett!“

Die Wirthschafterin führte das Kind hinaus, und die Baronin erhob sich schweigend. Die lange, graue Gestalt durchschritt langsam schleppenden Ganges das Zimmer und zog sich mit leichtem Kopfneigen und einem schwach geflüsterten „Gute Nacht!“ in ihre Appartements zurück....

In der dritten Nachmittagsstunde des anderen Tages verließ ließ der geschlossene Wagen des alten Freiherrn den Schillingshof. Das große Thor des Klostergutes stand weit offen; die Stallmagd hantierte da mit dem Besen, und das Hausmädchen wollte eben, den Marktkorb am Arm, heraus auf die Straße treten, als der Wagen vorüberfuhr. Felix bog den Kopf weit vor, und sein schmerzvoller Blick überflog suchend den Klosterhof.

Die Mägde stießen sich kichernd an.

„Da fahren sie hin,“ sagte die Hausmagd – sie hielt den Kopf steif und blinzelte mit den Augen nach rückwärts. „Die Frau steht hinter uns, drüben am Fenster; sie muß den jungen Herrn gesehen haben. Das wird sie freilich wurmen – so schlecht ist sie doch noch nicht angekommen mit ihrem Starrkopf, die stolze Frau Majorin; sie denkt immer, es könnte ihr gar nicht fehlen. Es geht ihr aber schrecklich nahe, Christel, wenn sie auch keine Miene verzieht. Sie ist gestern Abend, bis in die späte Nacht ’nein, von einem Fenster zum anderen gelaufen, weil sie immer noch gedacht hat, der junge Herr müßte wiederkommen ohne seinen Schatz – in’s Bett ist sie auch nicht gegangen, ich fand es heute früh noch so, wie ich’s gestern zurecht gemacht hatte.“

Am Bogenfenster in der Amtsstube stand währenddem die Majorin. Sie hielt den Fenstergriff umklammert und starrte hinaus durch den Thorbogen, wo eben noch einmal das tieferblaßte Gesicht des scheidenden Sohnes aufgetaucht war. Kein Seufzer hob ihre Brust – sie verharrte auf dem Platze wie eine Bildsäule. Da trat der Rath hinter sie.

„Er ist Dir für immer verloren, Therese – der elende Bursche geht zu seinem leichtsinnigen Vater,“ sagte er kalt.

Sie fuhr herum, als habe er ihr einen Dolch in das Fleisch gestoßen, aber sie fragte nicht. „Woher weißt Du das?“ – Sie warf ihm nur einen wilden Blick zu, biß die Zähne wie im Krampfe zusammen und ging hinaus. –




10.

Man schrieb das Jahr 1868. In dem Zeitraum von acht Jahren hatten sich gewaltige Ereignisse in zwei Welttheilen abgespielt; es war viel Blut geflossen in Schleswig-Holstein und Böhmen, und auf dem Boden der Vereinigten Staaten hatte der große Secessionskrieg, in welchem der Racenhaß und der langjährige Widerstreit zwischen Ackerbau- und Pflanzerstaaten endlich zum Austrag kamen, in vier Jahre langer Wuth und Erbitterung getobt.

Diese acht Jahre waren verhängnißvoll gewesen für Millionen von Menschenseelen, auch für das Geschick des Verstoßenen, der an einem schönen Junitage das deutsche Vaterland verlassen, um mit seinem Mädchen über das Meer, zu dem wiedergefundenen Vater zu flüchten – verhängnißvoll auch für den Schillingshof, in welchem der Senior des Hauses, der alte Freiherr Krafft, nach einem abermaligen Schlaganfall die lustigen, feurigblickenden Augen für immer geschlossen hatte; in Folge dessen stand das herrliche alte Säulenhaus oft verwaist und verlassen – scheinbar unberührt aber war das Klostergut geblieben; der Wechsel war an ihm vorbei geschritten, als läge es ihm zu weit abseits vom Wege.

Nach wie vor, pünktlich um dieselbe Abendstunde, rasselte das Seitenpförtchen in der Straßenmauer, und die Leute kamen, um die gute, unverfälschte „Klostermilch“ zu holen. Im Hofe hantierten dieselben Knechte und Tagelöhner und fuhren mit Egge, Pflug und Aexten hinaus in das weite Wolfram’sche Acker- und Waldgebiet, und durch das große Thor schwankten die Erntewagen, die Holzfuhren zurück – Alles nach jahrhundertaltem Brauch und abhold jeder Veränderung. Und in das Hühnervolk, in die Taubenschwärme durften sich keine fremden Arten mischen; es waren immer dieselben Formen und Farben im Hofe und auf den Dächern des Klostergutes – unveränderlich, meinten die umwohnenden Leute, wie die alte, mißfarbene Joppe des Herrn Rathes, wie die stolze Haltung und das verschlossene, kalte Gesicht der Frau Majorin. Aber sie mußten doch zugeben, daß die Gestalt mit dem steifgetragenen Haupt an den Schultern spitz geworden war, daß die braune Flechte auf dem Scheitel ein starker Silberschein überspielte und die ganze Frauenerscheinung an Energie und Raschheit der Bewegungen bedeutend verloren hatte.

Wenn etwas an der altüberlieferten Physiognomie des Klostergutes störend befremdete, so war es der wilde Junge, der oft plötzlich die rasselnde, kleine Pforte aufriß und herausspringend die Spaziergänger erschreckte. Er stand auch wohl im offenen Hofthor, schlug mit der Peitsche nach den vorübergehenden Kindern, zupfte die promenirenden Damen an den Kleidern, trat auf ihre Schleppen und machte ihnen lange Nasen nach. Und wenn er in den Hof zurücklief, dann rannte ganz gewiß das geängstigte Federvieh schreiend in alle Ecken, der grimme Kettenhund schlich mit eingeklemmtem Schwanze nach seiner Hütte, und selbst die grobe Stallmagd wich scheu zur Seite, denn vor der stets vibrirenden Peitschenschmitze oder dem Knüppel in der Hand des Mosje Veit war nichts sicher.

Für den Spätling des Wolfram’schen Geschlechts war von dem gesunden Mark, der robusten Körperkraft der Ackerbau treibenden Vorfahren nicht viel verblieben – er hatte ein reizbares Nervensystem und neigte zu Krämpfen. Bis zum elften Monat war er im Wickelkissen getragen worden, und dann hatte es der kostspieligsten Stärkungsmittel bedurft, um ihn auf die dürren Spinnenbeinchen zu bringen. Unglaublich dünn und mager war dieses Piedestal auch heute noch; das braune, kleine Gesicht zwischen den abstehenden Ohren hatte sich nicht gerundet, und der unheimliche Haarbusch, der, wie bei dem Rath, als Schneppe hartlinig und tief in die Stirn hineinschnitt, umstarrte noch ebenso borstig den schmalen Kopf.

Aber Veit war ein hochaufgeschossener Junge geworden – er war seinen Jahren voraus an Körperlänge und Gliedergeschmeidigkeit. Er kletterte affenartig an den Weinspalieren der

[501] Hintergebäude empor und lief über die Dächer und auf den schmalen Kanten der Firste hin. Keine Leiter war ihm zu steil und weitsprossig, kein Winkel zu dunkel – er kroch durch die Dachluken auf die Kornspeicher und Heuböden, spürte wie ein Iltis den verschleppten Hühnernestern nach und schlürfte die Eier aus. Er wußte, daß sich Alles vor ihm fürchtete, denn er stand auch an Intelligenz weit über seinem Alter, und das machte ihn zu einer wahren Geißel – mit seinen Streichen hielt er wie ein rumorendes Teufelchen das ganze Haus in Athem.


Der Rath sah seinen Knaben mit Lust und Stolz aufwachsen, wie aber die Majorin über das unruhige Blut, die seltsamen Gewohnheiten und die Charakteranlagen dieses doch gewiß echten Wolfram’s dachte, darüber schwieg sie, wie über Alles, was ihren Bruder anging. Es war ihr nur einmal eine rügende Bemerkung über die Gemüthsart des Knaben entschlüpft, und da hatte der Rath spitz geantwortet:

„Auch an den Wolfram’s modeln die Zeitverhältnisse; mit dem stillen Arbeiten und Sparen, der Principienreiterei im engen Kreise ist’s nicht allein mehr gethan, meine gute Therese – jetzt heißt’s, den Mitlebenden die Stirn bieten, die Zähne weisen, und dazu ist mein Junge wie geschaffen, er wird seiner Zeit gewachsen sein.“

Seitdem beschränkte sie sich auf die leibliche Verpflegung des Knaben, und wenn ihr auch oft, bei berechtigten Klagen des Gesindes, die Augen zornig glühten, so antwortete sie doch nur mit Achselzucken oder einer stummen Handbewegung nach der Amtsstube, als der höchsten Instanz, hin.

Sie war überhaupt noch wortkarger geworden als zuvor; die Milchholenden behaupteten, selbst der kurze Abendgruß werde ihr blutsauer. Drunten in der Wirthschaft ruhten und rastete ihre fleißigen Hände nicht einen Augenblick, aber oben im Giebelzimmer lagen sie meist feiernd im Schooße, als seien sie todtmüde. Dann saß sie hinter dem weißen Ahorntische und sann; in den ersten Jahren sah sie befriedigt, ja, mit einem rachegesättigten Ausdruck auf die leere Stelle im hellgetünchten Fensterbogen, wo früher das Bild des Sohnes gehangen; denn es war, als habe sie aus dem ganzen Dasein ihres Kindes nur einen einzigen Eindruck in ihrer Seele zurückbehalten – den Moment, wo das verschleierte Mädchen an seiner Seite über die Mutter triumphirt hatte. Später aber suchten ihre Augen diese Stelle nicht mehr; sie irrten vorüber und starrten ziellos hinaus in’s Weite, diese eigensinnigen, strengen Augen, die früher geflissentlich nie über das Weichbild ihrer Häuslichkeit in’s Leere hinausgesehen hatten – denn ein müßig verschleuderter Augenblick hatte ja Geldwerth. Nur das Nachbargebiet vermieden sie consequent; die Majorin wußte sehr gut, daß ihr Sohn die letzte Nacht im Schillingshofe verbracht hatte und dort in seiner Opposition gegen den mütterlichen Willen bestärkt worden war.

Es existirte überhaupt nicht der geringste Verkehr zwischen dem Schillingshof und dem Klostergut; nicht einmal das Ableben des alten Freiherrn war drüben angezeigt worden. Einmal aber hatte Baron Schilling den Weg der Majorin gekreuzt, und zwar in der Absicht, sie zu sprechen. Sie war, was eigentlich nicht oft geschah, in der Kirche gewesen, und auf dem Heimwege hatte er sie angeredet und ihr nach einer längeren Einleitung, die sie in regungslosem Schweigen angehört, einen Brief von Felix hingereicht. Sie hatte nur die Farbe gewechselt und sich steif emporgereckt – der junge Mann behauptete damals, sie sei förmlich gewachsen vor seinen Augen – hatte ihn von oben bis unten mit einem vernichtenden Blick gemessen und eisig höflich gesagt: „Ich verstehe nicht, von wem Sie reden, Herr Baron, und habe durchaus keinen Grund, einen Brief anzunehmen, denn ich correspondire mit Niemand.“ Damit hatte sie abweisend nach dem Schreiben gedeutet und war weiter gegangen, und er hatte es verschworen, diesen Eiszapfen, wie der alte Freiherr die Frau genannt, nie wieder zu behelligen.

So erfuhr sie nie, unter welchem Himmelsstrich ihr Sohn lebte. Sie wußte nicht, daß sein Vater ihn und sein junges Weib in der That mit offenen Armen empfangen und das junge Paar sofort mit wahrhaft fürstlichem Glanz und Reichthum umgeben hatte – und es war gut so; sie wäre gestorben an dem Seelensturm der Erbitterung, der rachsüchtigen Wallungen und doch auch – des Mutterschmerzes. Sie erfuhr aber auch nicht, daß der amerikanische Bürgerkrieg seine Wogen am verheerendsten über das reiche Südcarolina wälzte, so verheerend, daß die Pflanzer-Aristokratie des Südens, unter deren Banner ja auch Major Lucian stand, Schritt für Schritt kämpfend, auf dem eigenen Grund und Boden zurückweichen mußte, um schließlich zu unterliegen.

Vielleicht hätte die Nachricht von dem Ende des Mannes, dessen Namen sie trug, erlösend auf die innere Erstarrung dieser Frau gewirkt – denn mit dem Schluß eines Menschenlebens pflegt der Tod die Gläser zu zerbrechen, durch welche die verfolgenden Leidenschaften den Gegner im Leben gesehen; in dem Wörtchen „todt“ zischen die nachzüngelnden Flammen aus, wie das glühende Metall beim Niedersturz in die Wassertiefe – aber es kam ihr nie zu Ohren, daß Major Lucian, schon länger gebrochen an Kraft und Gesundheit, inmitten jener Kämpfe gestorben war. Sie gedachte noch täglich des Spruches: „Des Vaters Segen bauet den Kindern Häuser, aber der Mutter Fluch reißt sie nieder“ mit Genugthuung, und steifte sich in ihrem grollerhitzten Sinnen und Grübeln hartnäckig darauf, daß jene biblische Verheißung sich erfüllen müsse – während ihr unglücklicher Sohn, bei Vertheidigung seines Herdes schwer verwundet, bereits seit Langem auf dem Leidensbette einem frühen Tode entgegenging.

Nach einem stillschweigenden Uebereinkommen zwischen dem Rath und seiner Schwester wurde der Name des Verstoßenen nie wieder laut; er war für das Klostergut und seine sämmtlichen Insassen verschollen und verpönt, wie der seines Vaters.

Im Schillingshof dagegen flogen anfangs häufig Nachrichten aus Amerika ein – enthusiastische Schilderungen, glückstrahlende Berichte, die aber schon im Jahre 1861 durch die Schatten böser Vorahnungen getrübt wurden. Dann blieben sie ganz aus, und erst im Jahre 1865, nachdem mit der vollständigen Unterwerfung des Südens der amerikanische Bürgerkrieg beendet worden war, schrieb Felix von seinem Schmerzenslager aus an den Freund im Schillingshofe und meldete ihm den Tod seines Vaters und die völlige Verwüstung und Verödung seines Besitzthums. In diesem Briefe hatte auch das Schreiben gelegen, das die Majorin zurückgewiesen. Seitdem war der Briefwechsel ein regerer geworden; denn Baron Schilling war und blieb dem Fernen ein treuer Freund.

Sein eigener Lebensgang war inzwischen – den Tod seines Vaters ausgenommen – in keiner Weise durch wuchtige Stöße des Schicksals erschüttert worden. Stetig emporwachsend, wurde sein Künstlername weit über die Marken Deutschlands hinaus gefeiert; das mächtige Talent des Barons war ein Goldquell, der ungeahnt hervorbrach und, wie der alte Herr noch kurz vor seinem Ende in schmerzlicher Selbstanklage und bitterem Sarkasmus sagte, „die nichtswürdige, unväterliche Opferung des armen Isaak“ als überflüssig stempelte.

Baron Schilling lebte fast ausschließlich seiner Kunst. Er hatte sich ein schönes Atelier im Garten des Schillingshofes gebaut und eingerichtet, das aber oft verlassen stand; denn er reiste viel, lebte abwechselnd in Italien, Frankreich, vorzugsweise gern auch in Skandinavien, je nachdem seine Ideen und Entwürfe die unmittelbare Anschauung des Bodens erheischten, auf dem sie fußen sollten.... Immer aber, wo er auch gesehen wurde, ob in den Straßen von Rom, Paris oder Stockholm – immer hing ihm die lange, blasse, blonde Frau, höchst elegant, aber mit Vorliebe in Grau gekleidet, am Arme.

Sie hatte es scheinbar aufgegeben, gegen das künstlerische Wirken ihres Mannes anzukämpfen, nachdem sie jahrelang glühenden Haß gegen „die Pinselwirthschaft“ in dem altadeligen Hause gepredigt, den Bau des Ateliers um jeden Preis zu hintertreiben gesucht und vergebens die ganzen Requisiten ihres schwächlichen Nervenlebens aufgeboten hatte. Nicht einmal auf den heiteren Gleichmuth, die verbindlich ruhige äußere Haltung ihres Mannes hatten diese Bemühungen zu wirken vermocht, geschweige denn, daß sie seine Schaffenslust, seine Begeisterung berührt hätten; dieser junge Kopf war zu ihrem Erstaunen noch weniger lenksam, als ihr alter, strenger Beichtvater, der finstere Eiferer. – Das Atelier wurde vor ihren Augen fertig, ein herrliches Bild um das andere vollendet; die verhaßten Modelle gingen ungenirt an der „gnädigen Frau“ vorüber, und der noch weit mehr angefeindete „Erwerb durch den Pinsel“ kam direct an die vornehme Adresse des Baron Schilling.... So zog es die junge Frau denn vor, das Berufsleben ihres Mannes mit seinen Gefährlichkeiten wenigstens zu überwachen – ein Posten, den ihr schon allein ihre halbverschwiegene, leidenschaftliche Liebe zudictirte. Ihre schwache Gesundheit verbot ihr von selbst alle angreifenden Reisen, aber sie ging nichtsdestoweniger mit. Sie ließ ohne Widerrede ihrerseits, aber auch ohne Aufforderung von seiner Seite einpacken, sobald er den Tag seiner Abreise festgesetzt hatte; sie durchwanderte mit ihm die Museen und Gemäldegallerien, stieg in Schluchten hinab und auf die Bergesgipfel empor und setzte sich schweigend, mit der ewigen Stickerei in der Hand, seitwärts nieder, sobald er zu zeichnen begann....

In den Künstlerkreisen war die Baronin verhaßt durch die souveräne Art, mit der sie jegliches Verständniß für die specielle künstlerische Begabung ihres Mannes, wie auch für die Kunst überhaupt entschieden ablehnte, und als Baron Schilling im Jahre 1866 auf den Kriegsschauplatz nach Böhmen eilte und, halb im Johanniterdienst, halb um seiner Studien willen, den Feldzug mitmachte, da jubelten die befreundeten Künstler, daß „der nebenher schleppende, lange, blonde Schatten“ doch einmal von seiner Seite hatte weichen und zu Hause bleiben müssen.... Die vornehme Gesellschaft dagegen fand die Frau zwar nicht hübsch, um ihrer stolz selbstbewußten Manieren willen aber „comme il faut“; auf ihrer Visitenkarte vereinigten sich zwei Namen von gutem Klange; sie hatte den reich begüterten Baron Steinbrück allein beerbt und galt für streng, ja fanatisch im Punkte ihres römisch-katholischen Glaubens – lauter Gründe, die ihr viel Auszeichnung, besonders in Rom, verschafften....

Es war für die umwohnenden Leute eine seltene Erscheinung gewesen, daß während der letzten Wintermonate die Schlöte auf dem Säulenhause Tag für Tag gedampft und die Gascandelaber im Vorgarten allabendlich gebrannt hatten, und nun war der Frühling nahezu vorüber und noch hob sich mit jedem Morgen die monoton graue Rouleauxreihe in der Beletage und ließ die Spitzen- und Seidendecorationen hinter den Scheiben sehen. Man wußte, daß Baron Schilling an einem großen Werke arbeite und sich deshalb aus der Welt in den stillen Schillingshof zurückgezogen habe. Im Vorgarten wurde er selten gesehen, noch weniger aber an den Fenstern der Beletage, welche die Baronin bewohnte.... Mitunter machte er zu Pferde Ausflüge in die Umgegend; er war ein einsamer Reiter, der oft in die unwegsamsten Pfade einlenkte, um einem schöne Baume oder einer Felsenpartie das Profil abzugewinnen.

Sein Atelier stand auf dem Gartengrundstück, das sich hinter dem Säulenhause ausbreitete und inmitten eines großen Stadttheiles mit dichtgedrängter Bevölkerung einen grünen Fleck Landes bildete, weit genug, um in seiner Mitte die tiefe Stille eines einsamen Parkes zu behüten. Im siebenzehnten Jahrhundert hatte der Stolz der Ritterlichen das Schilling’sche Wappen in grünem Buchsbaum riesengroß vor der Ostfronte des Säulenhauses hinbreiten lassen; Rosmarin- und Eibenhecken waren zu Vasen, Pyramiden, ja zu großen Vogelgestalten verschnitten gewesen und hatten im steifen Gemisch mit Muschelgrotten und abnormen Steinfiguren abgewechselt. Von allen Nachkommen war die geschmacklose Schöpfung respectirt worden, bis der Freiherr Krafft kam und mit seinem gesunden Sinn den ganzen Plunder cassirte. Die verstümmelten Bäume und Sträucher durften in’s Kraut schießen, so viel sie Luft hatten; köstliche Wiesenflächen wurden angelegt, schöne, starke Bäume gepflanzt, und alle die Brünnlein und Wasserstrahlen, die aus Vogelschnäbeln und Krötenmäulern zu Tage gesprungen waren, kamen jetzt natürlich quellend aus moosigem Gestein und rieselten lustig als volle Silberader durch das Rasengrün bis zum Teiche, den ein Kreis junger, kräftiger Linden umstand. Hier waren sie alle heimisch, die Amseln und Drosseln, die Finken und der scheue Pirol; die süßen Wiesenkleeblüthen hingen voll summender Bienen und Hummeln, und für das schmarotzende Schmetterlingsvolk waren Beete voll Sommerblumen da. An der Ostseite schloß eine Mauer den Garten von einer stillen Straße ab. Ein Dickicht von Fichten, mit Laubbäumen vermischt, maskirte die steile Steinwand, und vor diesem Wäldchen erhob das Atelier seine helle, stuckverzierte Façade und sah in diese grüne Oase voll Duft und Vogelgesang hinein.



11.

Die Glasthür, die aus den oberen Gemächern nach der südlichen Plattform des säulengeschmückten Erdgeschosses führte, stand weit offen. Der Morgenwind strich frisch und kräftig vom Nadelwald der nächsten Bergzinne herüber, aber in den offenen Salon quoll er doch südlich träge, wie mit beschwertem Flügel; er blieb draußen halb und halb in der blüthenbedeckten Orangerie hängen, die das mächtige, balustradenumschlossene Viereck der Terrasse füllte. Diese hochgetragenen, vollentwickelten Blätterkuppeln drängte sich so intensiv an einander, daß es von dieser Seite her stets, selbst unter dem blendend goldenen Morgenlichte, in das Zimmer hinein tief dunkelte und schattete.

Der Frühstückstisch stand seitwärts in einer Ecke, da, wo hinter einer starkstämmigen Magnolie die vollblätterige Waldrebe an der Hauswand emporkletterte, während ein anderer Theil ihrer Rankenwucht sich über die Balustrade warf, um drunten mit ihren schaukelnden, grüngefiederten Ausläufern nach der nächsten Säule zu haschen. Bunte Ara-Papageien schwangen sich ungestüm auf ihren Ständern unter den Orangenbäumen und reckten die Hälse kreischend nach den Kuchenkörben; das lüsterne Spatzenvolk kam von der Zinnenkrone des Oberbaues und rückte auf dem Geländersims attakirend gegen den Frühstückstisch vor, und jetzt schlüpfte auch Minka heraus, so verdächtig scheu und hastig, als sei sie durch eine offengelassene Thür desertirt.

Minka zerpflückte nach wie vor mit Passion jeden Brief, jede Photographie, alles Zerreißbare, was sie erwischen konnte, in Atome; sie zerbrach die Fächer und Sonnenschirme ihrer Herrin, bearbeitete leidenschaftlich mit ihren Nägeln die Rockschöße der Bedienten und verschleppte Schmuckstücke und Nippes in die unzugänglichsten Ecken. Aber mit demselben schweigenden, lächelnden Gleichmuth, wie Baron Schilling vor seinem emporsteigenden neuen Atelier, hatte die Frau Baronin allzeit schützend vor ihrer Minka gestanden. Sie kaufte sich mit unzerstörbarer Ruhe immer wieder neue Fächer und Schirme, bezahlte den klagenden Domestiken ohne eine Miene zu verziehen, den erlittenen Schaden und stieg selbst mit bis auf den Dachboden, wenn es galt, die versteckten Gegenstände zusammenzusuchen.

Das boshafte Thier war noch genau so behende und geschmeidig, wie vor acht Jahren. Es verjagte zunächst mit einem grotesken Sprung auf den Geländersims die aufschreienden Spatzen, stopfte sich zum Aerger der Aras die Backentaschen voll Kuchen, und schlüpfte, immer auf der Flucht, nach dem entgegensetzten Ende der Terrasse. Dort erhoben sich die Wipfel der dicht vorüberlaufenden Platanenallee hoch über der Balustrade, und ihre Laubmassen quollen wie eine grüne Fluth auf die Plattform herein; der Affe sprang auf das Geländer und begrub versinkend den kleinen, dunklen Leib in dem wohlig kühlen Geäst.

Gleich darauf kam die Baronin auf die Terrasse. Sie war nicht allein; eine Dame, noch jung, von imposanter, kräftiger Gestalt, mit brünettem Gesicht unter dicken, scharf aus der Stirn gestrichenen, schwarzen Haaren, folgte ihr auf dem Fuße. Sie hing einen weichen Plaid über einen Korbstuhl in der geschützten Ecke und breitete ein dickes, zottiges Fell auf die Steinfließen; das geschah fürsorglich geschäftig, aber nicht mit der Beflissenheit einer Kammerjungfer, sondern würdevoll und freundlich, in freiwilliger Pflege, wie sie eben eine Jugendfreundin der anderen angedeihen läßt – denn Jugendfreundinnen waren sie, die Baronin Schilling und Fräulein Adelheid von Riedt. Sie waren im Klosterpensionat zwei Unzertrennliche und später treue Correspondentinnen gewesen; es war demnach begreiflich, daß die Frau Baronin im Jahre 1866, zu derselben Stunde, wo ihr Gemahl seine Abreise nach dem Kriegsschauplatze unwiderruflich beschlossen, „die Langentbehrte“ aufgefordert hatte, zu ihr zu kommen, „weil sie nicht allein bleiben wolle“. Seitdem kam Adelheid öfter und blieb monatelang, um die kränkliche Freundin zu pflegen – sie konnte das, ohne andere Pflichten zu verletzen, denn sie war Stiftsdame in B. und stand verwaist, fast allein in der Welt.

„Ich bitte Dich, Adelheid, bringe die gefräßigen Schreier zur Ruhe!“ sagte die Baronin verdrießlich und zeigte nach den kreischenden Aras. „Arnold hat eine wahre Passion, mir Unvernünftiges und Unausstehliches zu schenken, und ich muß es dann aus Höflichkeitsrücksichten zu meiner Qual um mich dulden.“ Sie seufzte tief auf.

Ihre Stimme hatte eine tiefere Lage angenommen als früher; sie war gleichsam in Bitterkeit gesättigt; der Teint der Baronin war grauer als je, und unter den Augen, wie an den Schläfen hin liefen zahllose feine Runzelandeutungen, Spuren der rastlosen, inneren Arbeit verheimlichter Leidenschaft und eines allzu frühzeitigen Alters.

Ein weißer, mit breiten Stickereien und blauseidenen Schleifen garnirter Schlafrock fiel weitfaltig, in glänzender Frische und Eleganz an der hageren Gestalt nieder, und eine Brüsseler Barbe mit dicker blauer Bandcocarde lag auf dem lose gesteckten blonden Haar und vervollständigte die provisorische Morgentoilette, die seltsam abstach von dem schwarzen Seidenanzuge der Stiftsdame. Man sah, diese Dame hatte bereits Toilette gemacht für den ganzen Tag; an dem knappsitzenden Kleide wurde sicher keine Schleife verändert, aus dem spiegelnden Scheitel und dem festgeflochtenen Haarknoten am Hinterkopfe war Nachts keine Nadel gezogen – dieser ernsten, dunkeläugigen Erscheinung lagen Sichgehenlassen und Bequemlichkeit offenbar fern.

Während sie einige Biscuits für die Aras zerpflückte, trat ein junges Mädchen aus der Glasthür und brachte auf einer Platte einige verdeckte Schüsseln mit warmen Speisen und heißes Wasser im Theekessel.

Die Augen der Baronin verfinsterten sich. „Wo steckt die Birkner? Wie kommt es, daß Sie das Frühstück besorgen, Johanna?“ fragte sie verdrossen.

„Mamsell Birkner läßt sich für einige Stunden bei der gnädigen Frau entschuldigen – ihr schlimmes Kopfweh hat sich eingestellt,“ versetzte das junge Mädchen ruhig. Ihre ernsten Augen unter den dunklen, das jugendliche Gesicht stark verdüsternden Brauen senkten sich nicht vor dem kalten Blicke der Dame, und weder ihr Gesichtsausdruck noch irgend ein Farbenwechsel zeugten von verletzter Empfindlichkeit.

Sie erfüllte pünktlich ihre Obliegenheiten am gedeckten Tisch.

„Ich sehe nur zwei Couverts!“ schalt die Baronin.

„Der Herr Baron hat im Atelier gefrühstückt und ist schon vor zwei Stunden ausgeritten,“ lautete die Antwort.

Die Baronin biß sich auf die Lippen. Sie sank in den Lehnstuhl; den Ellenbogen auf den Geländersims stützend, und schweigend weggewendet, schob sie die Rechte unter das Kinn und blickte ziellos hinaus in’s Weite.

In diesem Augenblicke erhob sich ein klägliches Geschrei drunten im Vorgarten. Minka rannte wie besessen um den großen Rasenplatz und rieb sich unter fortwährendem Jammern den Rücken, und drüben auf der weinumsponnenen Klostermauer hüpfte und sprang ebenso toll ein zweites koboldartiges Wesen, dem das starrende Haar tief in die Stirn hing und dessen flinke, dürre Beine wie Holzstäbchen aus den kurzen weiten Sammethosen ragten. . . . Mosje Veit balancirte in der einen kleinen Faust ein Blasrohr, und mit der andern hielt er sich die Seite vor Lachen – er hätte sich am liebsten überschlagen mögen vor Vergnügen über den Effect seiner Thonkugel.

Die Domestiken kamen auf den Lärm hin aus dem Säulenhause gelaufen und nahmen, nach der Mauer hinauf scheltend, die völlig zerknirschte und gebeugte Minka in ihre Mitte. Aus dem Giebelfenster des Klostergutes bog sich die Majorin – von der Terrasse aus sah man deutlich ihr alterndes, aber immer noch schönes Profil. Ein starkes Gefühl des Aergers mochte in ihr aufwallen, denn sie drohte dem boshaften Burschen mit der gehobenen Hand und ertheilte ihm einen derben Verweis.

Da erschien auch der Rath Wolfram über der Mauer; er stieg auf der Leiter empor, die Veit im Klosterhofe angelegt hatte. „Bemühe Dich nicht, Therese! Ich glaube, das ist meine Sache,“ rief er seiner Schwester zu. „Uebrigens sehe ich nicht ein, weshalb Du Dich ereiferst. Wer solch gräuliches Geziefer um sich leiden mag, der soll’s thun, aber es gehört sich, daß er’s zwischen seinen vier Pfählen behält und nicht zum Skandal und Schreckniß Anderer frei herumlaufen läßt. Ich strafe meinen Sohn ganz gewiß nicht für die wohlverdiente Lection.“

Der Kopf der Majorin verschwand, und der Rath umschlang seinen zappelnden, langbeinigen Sprößling und trug ihn die Leiter hinab.

Man hatte jedes Wort der sonoren, impertinent geschärften Stimme des Raths klar und deutlich drüben auf der Terrasse gehört. „Der Unverschämte!“ klagte die Baronin ganz erschrocken und betreten. „Und ich kann Arnold nicht einmal um Genugthuung bitten, weil es sich um die arme Minka handelt!“

Sie zog sich tief hinter die Magnolie zurück.

„Das abscheuliche Thier,“ klagte sie und lehnte den Kopf alterirt an die Wand. „Minka ist wieder einmal desertirt – zum Gaudium der Domestiken – o, ich kenne diese kleinen, stillen Bosheiten sehr gut. Man hat, meinem stricten Befehl entgegen, die äußere Thür meiner Appartements offen gelassen,“ ein Seitenblick voll bitteren Grolles suchte die servirende Dienerin, die eben mit dem leeren Tablet die Terrasse verlassen wollte. „Ich vermuthe, Sie sind es gewesen, Johanne.“

Das Mädchen wandte sich auf der Schwelle um, und jetzt stieg ein lebhaftes Roth in ihr Gesicht.

„Dagegen muß ich mich entschieden verwahren, gnädige Frau,“ sagte sie bescheiden„ aber fest, „eine solche Pflichtwidrigkeit lasse ich mir ganz gewiß nicht zu Schulden kommen.“

Sie blieb noch einen Augenblick in Erwartung eines Befehles oder einer Bemerkung höflich auf der Schwelle stehen; dann verschwand sie geräuschlos im anstoßenden Salon.

„Mit diesem ‚Hannchen’ hat mir Arnold auch eine Pönitenz auferlegt, und ich seufze machtlos unter derselben,“ sagte die Baronin unmuthig, während ihr die Stiftsdame wie einem hülflosen Kinde die Theetasse füllte und zurecht machte. „Kann ich dafür, daß mich ein Schauder schüttelt, wenn sie in meine Nähe kommt? Ich spüre den Hauch einer begangenen Todsünde um ihre ganze Person – sie ist und bleibt Adam’s Kind ... Dazu diese antipathische Physiognomie! Das Gesicht ist wie von Stein, als läge eine todte Seele dahinter, und doch steckt das Mädchen voll unheimlicher Leidenschaft – damals nach der gräulichen Katastrophe mit ihrem Vater hat sie sich lange wie toll geberdet.“ Die Baronin zuckte die Schultern. „Man hat meiner Selbstüberwindung stets sehr viel zugemuthet; in diesem Schillingshofe kommt man überhaupt nie zur ersehnten inneren Ruhe.“

Ein kaltes Lächeln stahl sich um den feinen, schmallippigen Mund der Stiftsdame.

„Soll das eine Anklage sein, Clementine?“ fragte sie, und ihre dunklen Augen sahen ernst, ja strafend auf die gegenüber sitzende Frau herab. „Wer sein Schicksal so eigenmächtig eine heiß gewünschte Bahn gelenkt hat, wie Du, der muß es dann auch nehmen, wie es kommt. Wärst Du Deinem frommen Entschluß nicht treulos geworden, dann lebtest Du jetzt unter Gottes unmittelbarer Hut, im seligen Frieden. Uebrigens,“ lenkte sie ein, denn das blutlose Frauengesicht war noch fahler, aber auch herber geworden – Eigensinn und Aerger überwogen offenbar weit das Schuldbewußtsein, an welches leise gerührt wurde – „übrigens thut Johanne musterhaft ihre Pflichten und ist eine nicht zu entbehrende Stütze der Hausmamsell. Sie soll in der fixen Idee, daß die Unschuld ihres Vaters doch noch an den Tag kommen müsse, förmlich aufgehen –“

„Ja, das versichert die gute Birkner, die das Mädchen gründlich verzieht, stets mit unleidlichem Pathos,“ fiel die Baronin ein, während sie sich apathisch langsam aufrichtete. „Lächerlich! Das alberne Ding, die Johanne, thut alles Ernstes, als sei ein edles altes Wappenschild befleckt worden.“ Sie schob die Haarmassen, an denen die Blätter der Waldrebe gezaust hatten, aus den Schläfen, wies eine der warmen Schüsseln, die ihr die Stiftsdame hinreichte, voll Widerwillen zurück und bröckelte etwas mürbes Gebäck in ihren Thee. „Bah, alte verjährte Geschichten! Wer mag sich noch dafür interessiren! Mein Schwiegervater hat durch Adam’s Klatscherei das Nachsehen gehabt, und das war ganz gut für mich; mit dem alten Manne wäre kein Auskommens gewesen, wenn er durch die Kohlen ein Millionär geworden wäre, wie der da drüben.“

Sie deutete nach der Richtung, wo vorhin der graue, maliciös ausdrucksvolle Kopf des Rathes über der Mauer erschienen war. Ihre matten Augen flimmerten einen kurzen Moment in stechendem Glanze – aus der indolenten Nachbarin war urplötzlich eine unversöhnliche Feindin geworden.

„Eine grundgemeine Nachbarschaft, dieses Klostergut!“ murmelte sie. „Und aus dieser grobkörnigen Familie hat sich Arnold seinen Spielcameraden geholt, ‚seinen einzigen Freund’, wie er stets zu sagen beliebt.“

„Ja, Felix Lucian, der eine Tänzerin entführt hat!“ warf die Stiftsdame mit zugespitztem Tone hin. „Das Weltleben hat seltsame Elemente an Dich herangespült, Clementine.“

Das Gesicht der Baronin verdüsterte sich.

„Sie haben mich nie berühren dürfen, diese Elemente; ich wehre mich stets gegen solche Gemeinschaft,“ fiel sie mit erregter Stimme ein. Aber sieh sie Dir an, die viereckigen Köpfe der Schillings, drüben im Mittelsaal! Auf allen liegt dasselbe Gepräge derber Neigungen – Arnold nennt es Kraft und Kühnheit – dagegen hilft kein Ankämpfen. Reserve, ein consequentes Sichfernhalten, das sind die einzigen schwachen Waffen, die den Schilling’schen Ehefrauen verbleiben. Bis jetzt habe ich Dir noch gar nicht gesagt, daß mein Mann Mitverschworener eines Familiengeheimnisses ist, in Folge dessen ich vielleicht schon in der Kürze Menschen um mich dulden muß, die voraussichtlich wüsten Lärm in mein stilles Leben bringen – der Schillingshof wird Gäste beherbergen, die –“

Die Stiftsdame horchte gespannt auf, aber ein Geräusch von der Glasthür her machte die Baronin verstummen; sie sah seitwärts und streckte sofort in lebhafter, ungnädiger Abwehr die Hand aus. Ein Bedienter war aus dem Salon getreten; er trug Minka auf dem Arm.

„Ich wollte der gnädigen Frau nur melden, daß das arme Thierchen wieder wohlauf ist,“ stotterte er ganz verblüfft über die hinausweisende Geberde.

„Es ist gut,“ sagte die Baronin stirnrunzelnd. „Die Strafe kann dem Thier nicht schaden. Minka hat für den ganzen Tag strengen Arrest – sie soll mir heute nicht mehr vor die Augen kommen.“

Der Diener reichte ihr eine Postmappe hin, die er mitgebracht hatte, und entfernte sich schweigend. Im Salon lachte er sich in’s Fäustchen – sonst wurde bei dergleichen Vorkommnissen die im ganzen Hause grimmig gehaßte „schwarze Canaille“, die er eben vor den Ohren der Gnädigen in mitfühlendem Tone „das arme Thierchen“ genannt hatte, sorgfältig untersucht und gepflegt – und nun diese plötzliche Ungnade! Was der Unwille des Hausherrn, die Lamentationen der Dienerschaft nicht bewirkt, das hatte eine grobe Beleidigung von außen her fertig gebracht – die ging denn doch „über den Spaß“.

Die Postmappe, welche der Bediente gebracht, war eine praktische Einrichtung der Frau Baronin; „damit keine Zuschrift durch die Fahrlässigkeit der Domestiken abhanden komme“, gingen alle im Schillingshofe einlaufenden Briefe durch die Hand der Herrin. Sie schloß die Mappe auf und sortirte alles Eingegangene. Das geschah mit gewohnter Pünktlichkeit, mit den graciös lässigen, diese Frau charakterisirenden Bewegungen, bis plötzlich bei einem jäh aufsteigenden Wangenroth die langen, dünnen Finger zuckten, als sei aus einem der Couverts eine flinke Spinne über sie hingehuscht. Dieses Couvert war schwarz gerändert und zeigte ein schön ausgeprägtes Wappen auf dem Siegel.

„Also doch!“ murmelte sie tonlos. „Und ich hoffte mit jedem Tag mehr, daß die Geschichte wieder einschlafen würde.“ Sie war jedenfalls sehr unangenehm berührt, aber sie verbarg das unter einem erzwungenen Lächeln. „Lupus in fabula!“ sagte sie, der Stiftsdame den Brief hinhaltend; er war an Baron Schilling adressirt. „Ich sprach Dir von Gästen; das dünne Briefblättchen in diesem Couvert ist jedenfalls der Courier, der ihr unvermeidliches Erscheinen sicher für die allernächsten Tage feststellt. Wirst Du es ertragen, mit einer ehemaligen Tänzerin unter einem Dache zu leben?“

Das brünette, kluge Gesicht der Stiftsdame erstarrte förmlich in eisiger Zurückhaltung. „Die Tänzerin wird kommen? Zunächst muß ich fragen, Clementine, wie magst Du so unsäglich schwach sein, Dir dergleichen aufbürden zu lassen?“

Die Baronin schlug die Augen nieder und strich wiederholt einige Kuchenkrümchen von der Tischdecke – sie war verlegen „In diesem Falle hat mein Mann mich gebeten – er bittet sonst nie.“

„Ach so, das ist freilich überwältigend.“ Der allerstrengste Beichtvater, der eine büßende Menschenseele unter der Hand hat, konnte nicht unerbittlicher aussehen, als diese ironisirende Dame; aber der Eindruck war nicht der gewünschte. Die „distinguirte Frau“ da vor ihr wandelte sich, wie so oft, zum eigensinnigen Kinde und sagte gereizt und lächerlich. „Ach, geh doch, Adelheid – schulmeistere nicht immer! Ich weiß recht gut, wie ich mich zu verhalten habe, und reservire mich streng auch dieser dummen Geschichte gegenüber. Mein Gott, was geht’s mich an, daß dieser Felix Lucian gestorben ist? Was habe ich damit zu schaffen, daß er durch den Krieg Hab und Gut verloren hat? Ich sehe darin nur die rächende Hand Gottes an dem sündigen Sohne, der sich in abscheulicher Verblendung gegen die eigene Mutter aufgelehnt hat.“

„Das ist die alte Frau drüben auf dem Klostergute, die wir am Fenster sahen?“

„Ja; sie will bis auf den heutigen Tag nichts von dem verstoßenen Sohn hören – mit allem Recht! Sie weiß nicht um seinen Tod, nicht daß er zwei Kinder hinterlassen hat, und spart und mehrt ihr großes Vermögen einzig und allein für das Kind ihres Bruders, das kleine fratzenhafte Gerippe, das vorhin dort auf der Mauer herumsprang. Dem verzogenen, boshaften Jungen könnte es im Grunde nicht schaden, wenn ihm diese Erbschaft entzogen würde; er erbt so wie so übergenug! Aber wie gesagt, was kann die Gesellschaft da drüben mich interessiren?... Ich habe stets ein gerütteltes Maß Geduld nöthig gehabt, wenn Arnold von dem amerikanischen Freund sprach – wie ,der arme Mensch’ auf seinem Leidensbette keinen anderen Wunsch habe, als der gekränkten Mutter seine vergötterten Kinder zuzuführen wie es sein ausdrücklicher letzter Wille sei, daß nach seinem Tode die junge Wittwe mit ihnen nach Deutschland zurückkehre, und Gott weiß was Alles! Ich habe immer nur mit halbem Ohr hingehört.... Nun sollen aber alle diese Träume und Pläne verwirklicht werden, und dabei stößt man auf große Schwierigkeiten. Rath Wolfram hält geflissentlich Alles fern, was seine Schwester an den Sohn erinnern könnte; er muß mithin völlig ahnungslos bleiben, und die Großmutter soll ihre Enkel anfänglich kennen lernen, ohne zu wissen, wer sie sind – wie die guten Leute das anfangen wollen, das mag der Himmel wissen; lange genug wird’s dauern. Das Terrain dieser Manöver aber wird der Schillingshof sein, den Arnold leider in seiner überschwenglichen Freundschaft dem Verstorbenen und seiner Wittwe zur Verfügung gestellt hat.“

„Und in dieser Intrigue wirst Du trotz alledem und alledem Deine Hand haben – Du wirst das Geheimniß mit behüten müssen –“

Mit einem müden Kopfneigen und allen Zeichen des Verdrusses bestätigte die Baronin; „Wenn ich meine Einwilligung nicht zurücknehmen will, allerdings, selbst vor unseren Leuten – mit Ausnahme der Birkner, die diese ehemalige Mademoiselle Fournier gesehen hat und sie jedenfalls wiedererkennen würde.“

Adelheid deutete auf das Couvert, das eine feste Hand beschrieben hatte. „Ist der Brief von der jungen Wittwe selbst?“

Die Baronin verzog geringschätzend die Lippen. „Ich vermuthe, daß diese Tanzvirtuosin keinen anständigen Brief zu schreiben versteht; deshalb mag wohl Lucian’s Halbschwester, eine Frau Mercedes de Valmaseda, die Präliminarien in die Hand genommen haben. Sie schreibt stets wenige, kurz zusammengefaßte Zeilen, und so sehr von oben herab, daß ich Arnold’s Indolenz bewundere, mit der er sich das gefallen läßt. Ihr Herr Gemahl mag wohl ein steifleinener Grande sein, ein edler Hidalgo, der sich stolz in seinen gestickten Mantel hüllt – denn furchtbar verarmt sind sie alle durch den Krieg, diese Herren Sclavenhalter der Südstaaten.“

Sie fuhr plötzlich wie elektrisirt aus ihrer nachlässigen Stellung empor. Man hörte Pferdegetrappel, und das eiserne Gitterthor wurde klirrend zurückgeschlagen – Baron Schilling ritt in den Garten.

Die Frau mit dem müden Leib und der matten Seele war für einen Moment das Bild leidenschaftlicher Erwartung; dann sank sie mit einem lauernden Seitenblick nach der Freundin in ihre frühere Apathie zurück.




12.

In der Nähe des Hauses sprang Baron Schilling vom Pferde. Ein Stallbedienter eilte herbei, das Thier in Empfang zu nehmen, und auf einen Wink des Gebieters kam auch Hannchen vom Säulengange her. „Hier, mein Kind, das trägst Du in das Atelier – Du weißt schon, wo die anderen liegen.“ Er nahm einige kleine Baumschwämme aus der Tasche und warf sie dem Mädchen in die Schürze. „Und diese hier“ – behutsam nahm er ein Sträußchen frischaufgeblühter Heckenrosen aus dem Knopfloch – „die giebst Du der Birkner und sagst ihr, ich hätte auch heute nicht vergessen, die ersten, die ich gesehen, für sie zu pflücken, was ich mir schon als kleiner Junge nicht habe nehmen lassen.“

„Er ist verrückt!“ murmelte die Baronin, die jedes herüberklingende Wort aufgefangen hatte, und jetzt bog sie sich wieder über die Balustrade und fixirte mit zorniger Verachtung die Gruppe drunten. Noch stand Baron Schilling neben dem Pferde, dessen Zügel der Stallknecht hielt; er liebkoste das edle Thier und gab ihm mit der weichsten Modulation seiner schönen Stimme sanfte Schmeichelnamen.

„Mein Gott, das sieht sich ja an wie eine Trennung für’s ganze Leben,“ sagte die Frau droben in trockenem Tone. „Welcher Mensch mit gesundem Empfinden mag eine solche Liebesverschwendung an ein Thier ruhig ertragen!“ Sie ergriff ein Paket Zuschriften und hielt es über die Geländerbrüstung. „Arnold, ich habe Briefe für Dich,“ rief sie hinab – ihr Ton klang scharf, hell und hochliegend wie eine grelle Kinderstimme.

Baron Schilling sah hinauf. Er zog grüßend den Hut unter einer leichten Verbeugung – dann schritt er auf das Haus zu.

Die Stiftsdame schob das gebrauchte Geschirr zusammen, prüfte die eine der verdeckten Schüsseln, ob sie noch warm genug sei, und war im Begriff, einen frischen Teller aufzustellen, als ihre Hand mit einem unwilligen Druck weggeschoben wurde.

„Lasse das!“ raunte die Baronin ihr gebieterisch zu. „Ich biete ihm nie etwas an, wenn er sich von der gewohnten Ordnung emancipirt und allein gefrühstückt hat, mag er noch so hungrig heimkommen.“

Mit raschen Schritten trat der Baron auf die Terrasse. Er hatte den Hut im Salon abgelegt, und der Zugwind hob leicht die dunklen Ringel, die sich stets eigenwillig aus dem zurückgestrichenen, mühsam gebändigten krausen Haar lösten, von der breiten, gebräunten und kantigen Stirn, nach welcher die Frau Baronin die Schilling’s als viereckige Köpfe bezeichnete. Im Uebrigen wich dieser letzte Vertreter des ritterlichen Geschlechts jetzt bedeutend von denen ab, die im Mittelsaal die alten, gewundenen und vergoldeten Holzrahmen mit ihren herkulischen Gestalten füllten. Er hatte sich verändert; er war nicht mehr vollwangig, wie vor acht Jahren; das Vertiefen in seine Kunst hatte an ihm gezehrt; sie hatte die Schilling’schen Züge, in denen sich drüben bei dem alten Haudegen und den gewaltigen Jägern vor dem Herrn viel Jovialität und derbe Genußsucht widerspiegelten, verschärft und veredelt; sie hatte der hohen Figur jede Spur jener stattlichen Behäbigkeit genommen und dafür die Bewegungen geschmeidigt.

Er reichte seiner Frau die Hand, während die Stiftsdame seinen höflichen, aber sehr kühlen Gruß ebenso reservirt und frostig erwiderte und sich ziemlich entfernt von den Beiden niedersetzte, um eine angefangene Arbeit – Silberstickerei auf violettem Tuch – wieder aufzunehmen.

„Donna de Valmaseda hat geschrieben,“ sagte die Baronin mit malitiöser Betonung des fremdklingenden Namens und schob den Brief auf die Tischecke.

Baron Schilling öffnete das Couvert und überflog die wenigen Zeilen, die das Briefblatt enthielt. „Wir können unsere Schützlinge in acht bis zehn Tagen erwarten,“ berichtete er, „aber Du wirst Dein Einquartierungsprogramm ein wenig verändern müssen, Clementine. Frau von Valmaseda wird ihre Schwägerin begleiten, weil, wie sie hier zum ersten Male ausspricht“ – er deutete auf die Zeilen – „Felix das ganz ausdrücklich gewünscht habe –“

„So ... Gott mag wissen, wie viel Wünsche dieser gute Felix noch gehabt hat, die zu erfüllen wir nolens volens verpflichtet sein sollen,“ unterbrach ihn die Baronin gereizt. Sie verharrte nichtsdestoweniger in ihrer nachlässigen Haltung, aber die im Schooße liegende Rechte drehte unaufhörlich ein paar abgerissene Rebenblätter zwischen den Fingern. „Für diesen anmaßenden Menschen ist eben der Schillingshof stets eine Art Hôtel gewesen; das haben wir ja schon erlebt, als er uns vor acht Jahren mit seiner Entführten ohne Umstände in das Haus fiel. Ich protestire ganz entschieden gegen einen solchen Zuwachs, Arnold – genug, daß ich mich herbeilasse, die Wittwe mit ihren lärmenden Kindern in unserem stillen Hause zu dulden.“

Baron Schilling hatte sich in einem Korbstuhle niedergelassen. Er sah dieser Opposition gegenüber sehr unbewegt aus. Zu Anfang seines Ehelebens hatte noch der Ausdruck fürsorglicher Güte und des Strebens nach Verständigung dieses Männergesicht beseelt – jetzt zeigte es in jeder Linie eine unanfechtbare Gleichgültigkeit. Er schob den Brief in das Couvert und sagte gelassen: „In diese Aenderung werden wir uns finden müssen.“

„Mit nichten! Es ist beispiellos aufdringlich von der Frau, daß sie ihre Schwägerin durchaus begleiten will –“

„Ich sagte Dir, daß sie das muß,“ versetzte Baron Schilling stirnrunzelnd.

„Gleichviel – für uns ist es absolut kein ,Muß’, sie zu beherbergen. Der Schillingshof ist nicht groß genug für eine solche Menschenkarawane.“ – Sie richtete sich ist steigender Erregung empor und streute mit hastigen Händen die Reste der zerzupften Blätter in die Luft.

„Wir haben so viel Raum, daß Du mit den Fremden gar nicht in Berührung zu kommen brauchst, so wenig wie ich,“ entgegnete er. „Clementine, sei gut und verständig. Bedenke, daß wir mit berufen sind, verwaisten Kindern zu ihrem guten Rechte zu verhelfen –“

„Ja, mit dieser rührenden Perspective hast Du mir auch meine Einwilligung abgelockt. Aber ich bin mir inzwischen bewußt geworden, daß ich Unrecht thue, wenn ich mich an dem Plan betheilige – frage Adelheid, als was sie ihn bezeichnet –“

„Als eine unerlaubte Intrigue!“ rief die Stiftsdame mit ihrer sonoren Stimme herüber.

Baron Schilling sah über die Schulter nach ihr zurück. „Ah, daher die plötzliche Umkehr!“ sagte er halb zornig, halb sarkastisch. „Ich hatte nicht an Deinen geheimen geistlichen Rath gedacht, Clementine.“

„Clementine wird mir bezeugen,“ entgegnete die Stiftsdame, „daß ich mich jeglichen Rathes enthalten habe –“

„Schön!“ unterbrach er sie kalt; „ich würde mir Ihre Einmischung auch ganz entschieden verbitten, Fräulein von Riedt.“

Auf diese strenge scharfe Zurechtweisung hatte die Stiftsdame nur ein ausdrucksvolles Achselzucken, die Baronin aber fuhr auf:

„Ich bitte mir aus, daß Du nicht fremden Schultern aufbürdest, was ich nach eigener Einsicht beschlossen habe. Ich nehme mein gegebenes Wort zurück – ich will nicht mehr, durchaus nicht! – und nun bitte ich Dich, schweige, Arnold, treibe mich nicht zum Aeußersten!“

„Inwiefern?“ fragte er mit unzerstörbarer Ruhe. Ihre Augen wichen seitwärts unter seinem fragenden Blick. Allein an ein kluges Einlenken war hier nicht zu denken; sie sagte mit trotziger, wenn auch etwas unsicherer Stimme:

„Du darfst nicht vergessen, daß ich verbriefte Rechte an den Schillingshof habe!“

Baron Schilling erblaßte leicht, aber er blieb ganz ruhig.

„Ich vergesse das so wenig, wie mein gutes Recht, kraft dessen ich Herr im Hause bin. Jetzt werde ich mit der Birkner über die Aufnahme der Kommenden verhandeln.“

„So gehe! Selbstverständlich wirst Du nicht über die mir zustehenden Logirräume verfügen. Es fällt mir nicht ein, diese – diese spanische Bettlerfamilie unter den kostbaren Gardinen meiner Gastbetten schlafen zu lassen. Mag sie sich doch drunten in den spukhaften Zimmern einquartieren –“

„Das war bereits beschlossen,“ unterbrach er sie mit einer Handbewegung, die jedes weitere Wort abschnitt. „Hoffentlich ist diese Fremde nicht so gut klösterlich erzogen, um so unverantwortlich abergläubisch und unwissend zu sein, wie –“ Er stand auf, ohne zu vollenden, schob die für ihn eingegangenen Briefe in die Brusttasche und ging hinaus.

Die Baronin hatte sich inzwischen erhoben und stand einen Augenblick unbeweglich, als besinne sie sich – sie blickte zu der Stiftsdame hinüber, die scheinbar indifferent ihre Silberfäden durch das Tuch zog; dann flog sie zur Thür hinaus, ihrem Manne nach. Wie flink diese Füße laufen konnten! Wie die Barben der Morgenhaube flatterten und die weiße Schleppe den Fußboden fegte! Baron Schilling stieg eben die untersten Stufen der breiten Wendeltreppe hinab, als seine Frau droben erschien.

„Arnold!“ rief sie hinab.

„Was wünschest Du?“

Eine Pause erfolgte. Die Baronin hörte, wie ihr Mann unbeirrt die letzte Stufe verließ und auf dem hallenden Steinfußboden weiterschritt.

„Arnold, komm! Ich will gut sein ich will – abbitten,“ rief sie halblaut, und in diesem unterdrückten Ton lag so viel Gluth, er klang so verrätherisch sehnsüchtig, daß man sich unwillkürlich die ausgestreckten Arme dazu vergegenwärtigen mußte.

„Wozu das? – Ich zürne nicht,“ scholl es herauf, dabei aber verdoppelten sich unten die eilenden Männerschritte. Die Thür nach dem großen Garten wurde geöffnet, und Baron Schilling trat hinaus auf die Freitreppe. In diesem Augenblick stand aber auch seine Frau neben ihm.... Sie war so lautlos hinter ihm hergeschlüpft, als habe sich die lange, schwanke Gestalt zu einem Schatten verflüchtigt. Ihren Arm fest um den seinen schlingend, sah sie ihm unter das Gesicht und ertappte noch den Ausdruck einer stillen Verzweiflung, eines unbezwinglichen Widerwillens auf diesen Zügen.

„Arnold,“ murrte sie drohend, da er, durch ihr plötzliches Erscheinen überrascht, eine unwillkürliche Bewegung machte, als wolle er sie wie ein unheimliches Traumgespenst von sich schütteln. „Versündige Dich nicht! Denke an den Ausspruch der Aerzte, der Dich verpflichtet, mich um meines schwächlichen Nervenleidens willen vor jedem Aerger zu behüten.“

Er antwortete nicht. Seine Zähne gruben sich tief in die Unterlippe und er stieg langsam die Freitreppe hinab.

Seine Frau ging mit. Sie hing noch an seinem Arme und hatte die Hände verschränkt – für fernstehende Beobachter mußte das Paar, das langsam wandelnd in die schattige Platanenallee einlenkte, das glückliche Bild ehelicher Eintracht sein.

„Arnold, verzeihe! Es war eine Unbesonnenheit von mir, Dich an die Ansprüche der Steinbrücks zu erinnern,“ hob die Baronin wieder an. Ein Zug von Ungeduld ging durch sein Gesicht, als er, von ihr weggewendet, seine Blicke durch das Geäst der Platanen gleiten ließ.

„Lasse doch das auf sich beruhen, Clementine – verdirb mir nicht mit dem leidigen ,Mein und Dein’ den strahlenden Morgen!“

„Aber ich will Dir ja nur sagen, daß ich im Grunde an diese Ansprüche so wenig denke, wie Du,“ entgegnete sie hartnäckig.

„Darin irrst Du wieder. Ich denke sehr oft daran; so oft, als ich unter diesen lieben, alten Bäumen hingehe und den Blick auf das Säulenhaus richte, so oft ich durch eine neue Sparsumme das Capital erhöhe, das Deine Hypothek von diesem Grundstücke wenigstens, von meinem Vaterhause, ablösen soll.“

„Unsinn! Bist Du nicht Mitbesitzer alles dessen, was mir gehört?“

„Nein. Ich habe mich nur in diese Rolle zu finden gesucht, so lange mein Vater lebte. Du führst Deine Bücher musterhaft und wirst deshalb auch ohne diesen meinen Protest wissen, daß ich seit seinem Tode mich auch nicht für eine Stunde länger als Mitbesitzer gerirt habe.“ Bei diesen Worten klärte sich sein verfinstertes Gesicht auf. Diese zurückkehrende unanfechtbare Ruhe war der nebenhergehenden Frau sicher noch verhaßter, als sein Widerspruch.

„Es ist ja recht liebevoll von Dir,“ sagte sie, indem sie ihren Arm aus dem seinen zog, „mir so unverschleiert in’s Gesicht zu sagen, daß ich Dir entbehrlich bin –“

„Dein Geld, Clementine –“

„Wie richtig ist der Instinct gewesen, mit welchem ich gleich zu Beginn unserer Ehe in Deiner Kunstausübung meine Todfeindin gesehen habe!“ fuhr sie unbeirrt in wachsender Leidenschaftlichkeit fort. „Du pochst auf das, was sie Dir einbringt.“

„Meine heilige Kunst!“ sagte er, und ein schönes sanftes Lächeln glitt flüchtig um seinen Mund. „Wenn ich in ihre Sonnenaugen sehe, wie bergestief liegen da materielle Interessen unter mir! Aber Du hast Recht. Zu ihren Segnungen gehört allerdings auch die, daß sich ein Frauenfuß nicht so tyrannisch auf meinen Nacken setzen darf, wie er gern möchte. Uebrigens lasse Dir sagen, Clementine, auch wenn ich Stift und Pinsel nicht zu führen verstände, Du gelangtest doch nie und nimmer zu dieser Herrschaft, denn ich bin auch ein fleißiger Jurist gewesen – Mittel genug für den Mann, um aus eigener Kraft zu existiren.“

Sie blieb bei seinen letzten Worten stehen und richtete sich hoch auf.

„Nun, da wären wir ja fertig!“ warf sie in seltsam trockenem Tone hin. „Du wiederholst es mit gründlicher Beweisführung, daß ich in Deinem Leben ein Nichts bin, und ich bin auch albern genug, Dir so lange pflichtschuldigst zuzuhören. Aber ich wäre eine Thörin, wenn ich Dich nicht auch einmal fühlen ließe, wo ich Dir fehlen werde – ich verreise. Du hast meine Fürsorge, mein Walten in Bezug auf Deine häusliche Ordnung und Bequemlichkeit bisher ohne Dank hingenommen, als verstände sich das ganz von selbst, und auch die Art und Weise, wie ich unser Haus repräsentire, hat Dir nie auch nur das mindeste Beifallszeichen entlockt, während die gute Gesellschaft das ganz anders zu würdigen weiß. Gut denn! Lerne einmal erkennen, was es heißt, wenn die Frau im Hause fehlt! Sieh, wie Du allein fertig wirst mit den fremden Hungerleidern, die den Schillingshof überschwemmen werden, und mit unserer stupiden Wirthschaftsmamsell, deren Verstand nicht weiter reicht, als ihr kleiner Finger! – Ich trete morgen früh meine längst beabsichtigte Wallfahrtstour nach Rom an.“

„Thue das nicht, Clementine!“ erwiderte er lächelnd. „Du weißt am besten, daß diese Wallfahrtsaufregungen wahres Gift für Dich sind! Du bringst stets schlimme Nervenzufälle mit heim.“

„O, das ist wieder einmal eine Deiner Blasphemien! Was man zur Ehre Gottes thut, das kann niemals schaden. Ich reise morgen.“

„So gehe Du in Gottes Namen! Ich mache keinen Versuch mehr, Dich zurückzuhalten.“

Er schritt gleichmüthig weiter; seine Hand faßte spielend in den krausen dunklen Kinnbart, und der aufleuchtende Blick suchte das Atelier, das eben hell und fensterblitzend, anheimelnd und genußverheißend zwischen dunklem Taxusgebüsch hervortrat. Sie lenkte um; einen Moment wandte sie zögernd das Gesicht zurück und schien zu hoffen, daß auch sein Auge in Reue sie suchen werde; dann aber ging sie hastig nach dem Säulenhause zurück. In ihrem Ankleidezimmer schellte sie der Kammerjungfer und befahl das sofortige Herbeischaffen der Reisekoffer; bald darauf erschien sie wieder auf der Terrasse.

„Packe Deine Altardecke zusammen, Adelheid!“ rief sie mit fliegendem Athem. „Dein heißester Wunsch wird erfüllt – wir gehen morgen nach Rom.“

Die Stiftsdame ließ augenblicklich ihre Arbeit in den Korb sinken und erhob sich. Sie stand in ihrer ganzen imposanten Höhe vor der aufgeregten Frau; ein düsteres Feuer glomm in ihren Augen.

„Hüte Dich, Clementine!“ warnte sie mit aufgehobenem Finger. „Du spielst um Deine Seele! Deine unselige Liebesleidenschaft treibt Dich von einer Sünde zur andern. Du gehst nicht nach Rom in Glaubensinbrunst – weit entfernt – Trotz und Zorn treiben Dich fort, und der geheime Wunsch, durch Deine Abwesenheit Sehnsucht in dem Herzen Deines kalten, gleichgültigen Mannes zu wecken –“

Die Baronin fuhr auf, aber ihr stolzes Gegenüber stand da wie in den Boden gewurzelt. „Mich täuschest Du nicht,“ sagte die Stiftsdame, und ihre schwarzen, kräftig gezeichneten Brauen hoben sich und gaben den großangelegten Zügen den Ausdruck eiserner Strenge, „so wenig wie unseren gemeinschaftlichen Seelsorger, den ehrwürdigen Pater Franziskus – wir sehen voll Schmerz, wie Du Dich in dem Bemühen verzehrst, Macht über den Mann zu gewinnen, der seine armselige Kunst zum Götzen macht.... Und wenn Dir Dein Mühen glückte? Geh – was für ein erbärmlicher Sieg! Kämpfe lieber gegen Dich selber! Du hast allen Halt verloren, bist eine launenhafte Frau geworden, die in einem Athem Entschlüsse faßt und verwirft, jetzt aber sage ich Dir – autorisirt durch Pater Franziskus und die frommen Schwestern, die Deine Kindheit behütet haben – ‚bis hierher und nicht weiter!’ Hast Du die Pilgerfahrt nach Rom in Folge grenzenloser Selbstsucht beschlossen, so kannst Du diese Sünde nur büßen, indem Du das unlautere Feuer in Deiner Brust bekämpfst und die Reise wahrhaft reuig antrittst. Ein ‚Zurück’, wie Du es Dir seit Jahren erlaubst, giebt es hier nicht mehr. Nicht Laune, nicht Trennungsschmerz, nicht einmal Krankheit werden Dich zurückhalten – nöthigenfalls lässest Du Dich morgen in den Reisewagen tragen. Abreisen werden wir um jeden Preis.“

Wie verscheucht war die Baronin bis zur Glasthür zurückgewichen. Diese Frau trug eine Kette am Fuß, deren äußerster Ring in den Boden des Klosterinstitutes festgenietet war. Directen Mahnungen von dorther erlag sie meistens, aber in diesem Augenblicke bedurfte es der Mahnung nicht. „Wer sagt denn, daß ich meinen Entschluß ändern will?“ rief sie mit leidenschaftlicher Entschlossenheit, indem sie sich auf der Schwelle umwandte. „Ich reise, und sollte ich mich todtkrank von Ort zu Ort schleppen.“

Damit ging sie, um das ganze Haus, behufs ihrer Reisevorkehrungen, zu alarmiren.




13.

Seit diesem stürmischen Morgen waren nur wenige Tage verstrichen. Im oberen Stockwerk des Säulenhauses umschlossen die herrlichen, steingemeißelten Halbrundbogen der Fenster das leblose, eintönige Grau der herabgelassenen Rouleaux und deuteten das tiefe Schweigen an, das in den Räumen herrschte; denn sie lagen hinter Schloß und Riegel; kein Menschenfuß betrat sie; nicht einmal lüften sollte man droben, hatte die Frau Baronin bei ihrer Abreise der Dienerschaft streng anbefohlen.

Baron Schilling stand Nachmittags in seinem Atelier. Draußen hatte ein rasch vorüberziehendes Gewitter Millionen funkelnder Regentropfen versprüht: ein frischer Windhauch lief hinter den Wolkenresten her; er schaukelte und schüttelte das tropfende Gezweig und löste den Bann der Schwüle und Gewitterfurcht von den Vogelkehlen; und der Himmel blaute wieder, als sei die thränenschauernde Wolkenwand zwischen ihm und der Erde nie gewesen.

Diese Wandlung draußen im Garten bemerkte der Mann vor der Staffelei nicht. Er sah in eine schwüle, von Fackellicht durchzuckte Sommernacht hinein. Die röthlichen Tinten quollen tief im Hintergrunde aus den Fenstern eines Palastes so täuschend zwischen riesigen Parkbäumen hindurch, daß man meinen konnte, sie müßten im raschen Vordringen auch das Atelier füllen und sein leises Dämmern durchleuchten. In das Atelier fiel augenblicklich nur das Oberlicht, aber auch gedämpft. Dabei herrschte lautlose Stille, nur unterbrochen von dem eintönigen, traumhaften Plätschern fallender Wasser hinter einem zugezogenen dunkelgrünen Velourvorhang von grandiosem Faltenwurf, der die ganze Schmalseite des Ateliers nach Süden hin vorkommen bedeckte. Auch dieses verborgene melancholische Rauschen und Rieseln schien sich zu mischen mit dem unheimlich schwülen Athem der Sommernacht auf der köstlich belebten Leinwand – der durch Alleen und Gehölz irrende Fackelschein glühte da und dort hochaufspringende Fontainenstrahlen an, und lockte sie wie plötzlich hervortretende Geistererscheinungen aus dem tiefen, verschwiegenen Dunkel.

Wie traumverloren, der Wirklichkeit vollkommen entrückt, arbeitete der Künstler. Er sah nicht, daß seitwärts durch eine aufgehende Thür das sonnige Tageslicht breit hereinfiel; er hörte nicht die leichten Tritte, die sich ihm näherten, bis eine zaghafte Mädchenstimme. neben ihm laut wurde.

„Herr Baron, die Fremden sind eben vorgefahren,“ meldete Hannchen.

Er fuhr zusammen „Lucian’s Kinder!“ flüsterte er und eilte in den Garten.

Als er die Flurhalle des Säulenhauses betrat, stand die gegenüberliegende, nach dem Vorgarten führende Hauptthür weit offen. Die Dienerschaft des Hauses trug Koffer um Koffer herein, leichtes, jedenfalls nur Damengarderobe enthaltendes Gepäck, wie die mühelose Beförderung bewies.

Neben einem Haufen Gepäckstücke, den die Leute bereits auf einander gethürmt hatten, kniete die Kammerjungfer Minna. Sie hatte einen halbzertrümmerten Hutkoffer vor sich; Spitzen und Bänder quollen aus dem geborstenen Gefüge, und auf der Faust der Zofe balancirte ein vollständig zerquetschter Damenhut, den sie aus dem Gemenge von Holzstangen und Lederfetzen gezogen hatte.

Und die flötenweiche Stimme, die an dem ereignißvollen Abend vor acht Jahren so lustig und silbern von den polirten Steinwänden widergehallt, sie war auch wieder da – sie schalt und lachte wie ein Kobold in einem Athem.

„Dumme Menschen! Einem die Effecten so zu malträtiren! Das kann eben nur im guten, biderben Deutschland passiren. Aber ich werde mich beschweren – der Hut war ganz reizend; ich war wie vernarrt in ihn. Gott, wie er in der Verfassung aussieht! Ha, ha, ha! – Bah, schneide doch nicht gar so verdrießliche Grimassen, Minna! Bin ich etwa Schuld an dem Unheil?“

Die feine Fußspitze der Sprechenden stieß eine kornblumenblaue Seidenbandrolle, die über das Steingetäfel des Fußbodens gerollt war, nach dem Gepäck zurück; um die ganze bewegliche Gestalt zitterte ein leises Geräusch von klirrendem Kettenschmuck und knisternden Stoffen, und die Hände mühten sich, die zerdrückten Locken aufzuschütteln, aber sie fuhren plötzlich herab, um sich dem eintretenden Herrn des Hauses entgegen zu strecken – die kleine Frau flog mit einem freudigen Ausruf auf ihn zu.

„Da sind wir, cher Baron!... Ach Gott, wie muß ich an den armen Felix denken, wenn ich Sie sehe!... O, nicht wahr, wer hätte damals sagen sollen, daß ich so jung Wittwe werden würde? So jung! – Der Arme, nun liegt er drüben so allein! Und was hat er leiden müssen! Es war furchtbar, sag’ ich Ihnen.... Wissen Sie, für mich ist Felix eigentlich schon gestorben in dem Augenblick, wo er die schwere Wunde erhalten hatte. Ich kann Niemand leiden sehen; eine Krankenstube ist mir fürchterlich wie die Hölle – so dunkel und dumpf; dazu das schmerzliche Stöhnen, dazu die schleichenden Tritte, die gedämpften Stimmen der Pflegenden – das Alles wirkt so furchtbar deprimirend auf mich, daß ich auf und davon laufe.“

Sie unterbrach sich und wandte den Kopf zurück – ein metallbeschlagener Koffer wurde eben über die Stufen der Säulenhalle gehoben; er war gewichtiger als die anderen; man hörte das an dem Keuchen und den schwerfällig schwankenden Schritten der Diener, die ihn heraufschleppten.

„Wir beanspruchen viel Raum, nicht wahr?“ fuhr die kleine Frau lebhaft fort und deutete lächelnd auf das Gepäck. „Wir haben auch Malheur gehabt. Sehen Sie das unbeschreibliche Etwas, das meine Jungfer dort so trübselig hin- und herwendet – das war einmal ein Hut, ein allerliebstes Barett, das ich mir in Hamburg zur Austrauer gekauft hatte.... Man hat mir den Koffer scheußlich zugerichtet – eine fabelhafte Tölpelei!“

Baron Schilling ließ ihre Rechte, die er unwillkürlich zwischen seinen Händen festgehalten, plötzlich sinken. Das zierliche Wesen da vor ihm kam – wenn auch vielleicht ein wenig bleicher und schmalwangiger – genau so wieder zurück, wie es über das Meer gegangen war, als die leicht beschwingte Schmetterlingsseele, die nur um die Blumen des Lebens flattert und sich scheu von dem unwirthlichen Feld der Kümmernisse wegwendet.... Die zwei Thränen um den Todten, die sich vorhin über ihre Wangen gestohlen, waren gewiß aufrichtig gemeint gewesen, aber fast zugleich mit ihnen vertieften sich bereits die Wangengrübchen im halb schmollenden, halb schalkhaften Lächeln über die lächerliche Form eines mißhandelten Hutes.

„Haben meine Leute das verschuldet?“ fragte Baron Schilling kurz, fast finster.

„Nein, o nein! Es ist aus dem Bahnhof geschehen.... Ah bah, es hat nichts zu bedeuten! Ich werde gleich morgen nach Berlin schreiben, an meine ehemaligen Putzlieferanten, die jedenfalls noch existiren und sich närrisch freuen werden“ – sie verstummte, als habe sie sich verplaudert, und sah verstohlen seitwärts; Baron Schilling folgte der Richtung dieses Blickes, und jetzt erst bemerkte er die Gruppe, die sich nach dem Eingang des großen Corridors zurückgezogen hatte und dort in lautlosem Schweigen verharrte.

Die Hüterinnen der Flurhalle, die Karyatiden mit ihren strenggeschnittenen, weißen Steingesichtern droben am Plafond, hatten wohl noch nie auf ein solch ebenholzschwarzes, krausköpfiges Menschenwesen niedergesehen, wie es dort auf den Marmorfließen stand. Eine Negerin im Schillingshof!... Die ab- und zugehenden Leute des Hauses starrten sie an, und ihr spielte ein gutmüthiges Lächeln um den dicken, rothlippigen Mund.

Sie trug ein kleines Mädchen auf dem Arme, ein blasses, dunkeläugiges Kind in weichfallendem Cachemirüberwurf – es sah aus, als schmiege sich ein großer, weißer Falter an das Negerweib.... Das Kind hatte offenbar Furcht vor dem fremden Hause; sein dünnes Aermchen umklammerte den Hals der Trägerin, und das kleine Gesicht unter einer niedersinkenden Fluth goldblonder Haare drückte sich fest an die schwarze, feiste Wange.

Und dort, hart an der ersten Marmorstatue, stand eine Dame. In der Rechten hielt sie die Hand eines ohngefähr siebenjährigen Knaben, und die Linke stützte sich auf das hohe Piedestal des Götterbildes.... Während im Anzug der jungen Wittwe bereits das Grau und das Weiß der Halbtrauer vorherrschten, unterbrach an dieser Erscheinung auch nicht eine helle Linie das strenge Schwarz tiefer Trauer – wie eine Statue der Nacht stand sie, in ihren langwallenden Gewändern und Schleierfalten, neben der hellen Steinfigur.... Es waren zwei mächtige Augen, die unter leichtzusammengezogenen Brauen in diesem ernsten, wunderschönen Frauengesicht die lebendigen, gaukelnden Bewegungen der jungen Wittwe verfolgten.

„Mein Zuchtmeister ist ungnädig,“ murmelte Lucile mit unterdrücktem Aerger. „Kommen Sie, Baron! Meine Schwägerin, Dame Mercedes, liebt es nicht, zu warten – sie ist über alle Beschreibung hochmüthig, diese spanische Baumwollenprinzessin.“

Baron Schilling trat rasch auf die stille Gruppe zu, in die jetzt auch Leben und Bewegung kam. Die Dame legte ihren Arm um die Schultern des Knaben und bog sich so tief über ihn, daß der schwarze Krepp, der wie eine Mantille von dem schneppenartig in die Stirn gebogenen Hütchen niederhing, ihr Gesicht vollkommen verdeckte. Sie flüsterte dem Kinde einige Worte zu und führte es dem Herrn des Schillingshofes um einen Schritt entgegen.

„Mein Papa läßt Dich grüßen, Onkel Arnold; er hat mir das immerfort gesagt, ehe er zum Großpapa in den Himmel gegangen ist,“ sagte der Knabe im reinsten Deutsch.

In tiefer Bewegung hob ihn Baron Schilling empor und küßte ihn wiederholt. Der Kleine, den er mit leidenschaftlicher Innigkeit an seine breite Brust drückte, glich auffallend dem blondlockigen Knaben im blauen Sammetröckchen, dem hartbehandelten armen „Colibri“, dem das rauhe Falkennest drüben nie zur Heimath geworden war – seinem Kinde sollte es besser werden....

„Du bist nun mein Junge, mein kleiner, braver José,“ sagte er.

„Ach ja, ich bitte sehr darum, cher Baron, nehmen Sie sich seiner an!“ rief Lucile. „Ich kann ihn nicht erziehen – unmöglich! Ich bin noch viel zu jung – eine so kleine, kindische Mama, wie Felix immer sagte.... Wir stehen wie Bruder und Schwester zusammen José und ich; er lacht mich geradezu aus, wenn ich einmal vernünftig sein will – bah, den Jahren nach könnten wir ja auch ganz gut Geschwister sein.... Da sehen Sie her! Paula paßt besser zu ihrem Mamachen – gelt, mein süßes Baby?“ Mit schmeichelnder Hand fuhr sie über die blonden Locken des kleinen Mädchens. „Das ist mein Abgott, müssen Sie wissen; sie soll mir Zug für Zug gleichen – finden Sie das nicht auch, Baron?“

Er antwortete nicht. Den Knaben neben sich auf den Boden stellend, trat er rasch zur Seite. Die schwarzgekleidete Dame hatte sich bis dahin vollkommen passiv verhalten, nun aber winkte sie, daß man den metallbeschlagenen Koffer, der erst jetzt aus der Säulenhalle hereingetragen wurde, zu ihren Füßen niedersetzen möchte – es war die heroische, kurzbefehlende Handbewegung einer echten Plantagenfürstin, die gewohnt ist, ein Heer von Sclaven zu commandiren. Vor dieser Geberde wich der Herr des Schillingshofes unwillkürlich zurück.

Lucile sah das und lächelte boshaft. Erst jetzt bequemte sie sich zu einigen vorstellenden Worten; fast zugleich kam auch Mamsell Birkner vom äußersten Ende des Corridors her. Durch offene Thüren hatte man das eilige Zurückschlagen der Fensterladen und das Zurechtrücken von Möbeln gehört – die Reisenden waren ja früher eingetroffen, als man erwartet – und nun meldete die Wirthschaftsmamsell, daß Alles bereit sei.

„Gottlob, daß wir unter Dach sind!“ rief Lucile und machte eine Geberde wie ein kleiner, matter Vogel, der von einem versagenden Beinchen auf das andere trippelt. „Ich bin todtmüde. Ah, ich lechze buchstäblich darnach, mich auszustrecken. Gehen wir, Mercedes!“

Mercedes bewegte sich nicht von der Stelle. „Ist die Dame des Hauses krank?“ fragte sie und richtete zum ersten Mal den Blick voll auf das Gesicht des Hausherrn.

Er kämpfte mit einer sichtlichen Verlegenheit. „Meine Frau ist augenblicklich in Rom,“ versetzte er zögernd.

Lucile lachte laut auf. „Ach, was Sie sagen! Gerade jetzt? Ja, ja, das ließ sich denken – sie ist immer so apart, Ihre Frau, cher Baron!“

Mercedes schwieg. Sie knöpfte den Handschuh an der Linken zu, zog den schützenden weißen Tüllstreifen wieder über das zarte Gesicht der kleinen Paula und ergriff José’s Hand.

„Wollen Sie die Güte haben, uns das nächste Hôtel zu bezeichnen, Herr Baron?“ fragte sie kalt höflich, aber aus ihren Augen flammte tiefverletzter, unbändiger Stolz. Schwebenden Schrittes, den Blick auf den Ausgang der Flurhalle richtend, wollte sie unverzüglich an ihm vorübergehen, aber er hob, als wolle er sie zurückhalten, unwillkürlich die Hand.

„In jeder anderen Lage würden Sie vollkommen Recht haben, die Gastfreundschaft eines Hauses zurückzuweisen, das keine Herrin hat,“ sagte er ernst und bestimmt in gedämpftem Tone. „Aber bedenken Sie wohl, gnädige Frau, daß Sie nicht als Besuch, sondern in einer Mission kommen, zu deren Ausführung gerade dieses Terrain unumgänglich nöthig ist.... Mein armer Freund hat sicher nicht gedacht, daß sein heißester Wunsch durch ein solches Bedenken in die Gefahr gebracht werden würde, zu scheitern.“ Diese letzte Bemerkung klang scharf. „Ich weiß nicht, wie lange meine Frau ausbleiben wird,“ setzte er hinzu; „aber bis zu ihrer Zurückkunft werden Sie, mit Ausnahme der nöthigen Dienerschaft, die einzigen Bewohner des Schillingshofes sein – ich selbst wohne weit drüben im Garten in meinem Atelier.“

Schon bei dem Hinweis auf ihre Mission hatte sich die Dame mit einem sprechenden Blicke auf die Kinder zurückgewendet, und nun neigte sie kurz entschlossen und zustimmend den Kopf.

Baron Schilling schritt voraus, und Lucile hing sich an seinen Arm; die Anderen folgten – auch die Kammerjungfer Minna, die den Inhalt des zertrümmerten Koffers in ihren Reisemantel zusammengerafft hatte – während Mamsell Birkner nach dem Souterrain eilte, um Erfrischungen zu beschaffen.

Draußen fuhr der Wagen fort, der die Reisenden gebracht hatte. Die Leute des Hauses – es war keiner mehr von denen dabei, die vor acht Jahren im Schillingshofe gedient hatten – standen in der Säulenhalle und blinzelten den im Corridor Verschwindenden nach.

„Der Kammerjungfer ist’s auch nicht eingefallen, den Wagen zu bezahlen; ich hab den Thaler aus meiner Tasche geben müssen – ob ich ihn wiederkriege?“ zischelte achselzuckend der Bediente. „Na, ich schreib’ ihn unserer Gnädigen in die Auslagen – die wird schöne Augen machen. Am letzten Abend vor ihrer Abreise hab’ ich’s beim Serviren mit meinen eigenen Ohren gehört, wie sie zu Fräulein von Riedt sagte, es seien spanisch-amerikanische Bettelleute. Und sie kann Recht haben. Was wird denn in dem Kofferwerk sein? Kleiderfähnchen, weiter nichts, und in dem dort“ – er zeigte auf den metallbeschlagenen Koffer – „sind Bücher und ein Bischen Wäsche; man hat das so im Griff. Unser Herr hätte die Leute in Paris kennen gelernt, sagt die Birkner; es kann sein – ich war nicht mit auf der letzten Reise. Aber die Gnädige ist toll und böse über die Einladung, das sieht ein Blinder. Hurrjeh, sechs Stück!“ zählte er an den Fingern her. „Die wollen essen und trinken. Und die Gnädige rechnet scharf – sie bekümmert sich um jeden Pfennig, der in der Küche zuviel aufgeht, und läßt keine angebrochene Flasche Wein aus den Augen. Paßt nur auf, die Gesellschaft, mit sammt ihrem Mohrenscheusal, werden wir nicht wieder los – das giebt noch einen Mordspectakel zwischen der Herrschaft.“




14.

Inzwischen hatte Baron Schilling die Angekommenen durch den Corridor geführt. Die Flügelthür am äußersten Ende stand zum Empfang weit offen; man konnte das ehemalige Familienzimmer mit seinen mächtigen Deckenbalken und holzgeschnitzten Wänden vollkommen übersehen. Es zeigte noch genau die Ausstattung wie vor acht Jahren; nur das reiche Silbergeschirr auf den Credenztischen fehlte; es war durch altes chinesisches Porcellan ersetzt worden. Hannchen schien eben noch einmal Musterung zu halten – sie stand mit dem Staubtuch neben einem der Tische.

Mit einem Blick überflog Lucile das Zimmer und fuhr zurück.

„Aber ich bitte Sie, Baron,“ rief sie ganz entsetzt und indignirt, „Sie werden uns doch nicht in den gräßlichen Salon stecken, wo es Nachts ‚trab, trab’ hinter den Wänden geht? Wissen Sie noch, wie Ihre Frau damals aufschrie? Puh, was für ein finsteres Gesicht Sie machen – man könnte erschrecken. Kann ich’s denn ändern, daß ein dummer Kindskopf solche entsetzliche Dinge niemals vergißt? Da, da ist die Stelle“ – sie zeigte nach der Wand, wo die Ruhebank mit den grünseidenen Polstern stand – „da hat es gestanden und Ihrer Frau eiskalt in das Genick gehaucht.“

„Lucile, sei kein Kind – denke an José!“ unterbrach Mercedes die Schilderung. Ihr volles Organ, das den deutschen Lauten einen fremdartigen Zauber verlieh, hatte in diesem Augenblick eine hörbare Beimischung lebhaften Verdrusses. Sie ergriff die kleine Frau sehr energisch bei der Hand und führte sie über die Schwelle.

Das wurde aber sehr übel vermerkt. Lucile lief wohl in das Zimmer hinein, aber sie riß in der That wie ein recht unartiges, verzogenes kleines Mädchen ihre Hand los.

„Ach was, ich will doch tausendmal lieber kindisch sein, als die weise Großmutter spielen“ rief sie mit hoch hinaufgeschraubter Kinderstimme. „Bah, warum soll denn José nicht wissen, daß es hier spukt? Lächerlich! Frage doch Deine Deborah!“ – sie zeigte kichernd nach der Negerin – „sie weiß fabelhaft viel Gespenstergeschichten, eine gruseliger als die andere, und während Du Felix in der Krankenstube die Zeitungen vorlasest, habe ich gar oft neben José draußen in der Veranda gekauert und Deborah zugehört. Wir haben uns stets um die Wette gefürchtet, gelt José?“

Die Schwarze sah erschrocken nach ihrer Herrin und stellte schleunigst Paula auf einen Stuhl, um ihr Hut und Reisemantel abzunehmen. Lucile aber streifte die Handschuhe ab, nahm mit graziös übermüthiger Geberde den Hut vom Kopf und das Jaquet von den Schultern und warf Stück um Stück der Kammerjungfer hin, die es auffing – dann ließ sie sich in die Kissen der nächsten Ruhebank sinken. „Meinetwegen! Ich bin sterbensmüde und habe vorläufig nur das eine brennende Verlangen, zu ruhen.“ Sie drückte sich, gliedergeschmeidig wie eine kleine Katze, in die Seidenpolster. „Ihr Poltergeist wird ja wohl so viel Tact haben, uns wenigstens am hellen, lichten Tage ungeschoren zu lassen, cher Baron!“ ironisirte sie selbst ihre Furcht mit einem Schelmenblick von unten herauf. „Pah, ein Selbstmörder ist er gewesen! Ach ja, wie war denn das eigentlich? Hatte der Mann nicht gestohlen oder den lieben, alten, prächtigen Freiherrn betrogen –“

„Er hat weder gestohlen noch betrogen, der ehrliche, brave Adam,“ schnitt Baron Schilling rauh das Geplauder ab und blickte besorgt nach dem jungen Mädchen am Credenztische, unter deren Händen das aufgestellte Porcellan plötzlich stark an einander klirrte. Aus ihrem erblaßten Gesicht glühten die Augen in verhaltenem Grimme die kleine Frau in der Polsterecke unverwandt an.

Baron Schilling winkte ihr, die bepackte Kammerjungfer in das anstoßende Zimmer zu führen, und als sie mit gesenkten Lidern an ihm vorüberging, da strich seine Hand lind und tröstend über ihren dunklen Scheitel.

„Gelt, Hannchen, wir wissen das besser,“ sagte er mit seiner schönen, mitleiderfüllten Stimme.

Lucile fuhr empor.

„Wie, Hannchen sagen Sie? Die große, hübsche Person da wäre das barfüßige, kleine Ding, sein Kind, das damals so –“

Er trat ihr rasch näher.

„Gnädige Frau, ich muß Sie dringend bitten, mit dergleichen Reminiscenzen zurückzuhalten,“ fiel er ihr in’s Wort, ohne die Indignation, die Ungeduld zu verbergen die ihm in jedem Nerv zu prickeln schien. „Sie wissen, warum Sie hierher gekommen sind; Sie wissen auch, daß die Leute im Schillingshof vorläufig nicht ahnen sollen, wer Sie sind –“

„Ach ja, ich weiß meine Lection schon,“ unterbrach sie ihn mit einer lässigen Handbewegung. „Ich habe Sie und Ihre Frau in Paris kennen gelernt, bin einfach hier, um mich zu erholen und in der kräftigen, urdeutschen Luft robuste Nerven zu bekommen, und so weiter; – eine haarsträubend langweilige Rolle, wie Sie mir zugeben werden.“

Zuerst hatte sie ihn mit großen Augen angesehen – diese energische Zurechtweisung von Seiten eines Mannes mochte „das vergötterte Elfenkind“ ein wenig verblüffen. Nun aber warf sie sich zurück und legte die hoch gehobenen Arme verschränkt unter den Kopf.

„Ich will Ihnen etwas sagen, Baron Schilling. Hätte mich nicht seit Jahren die Sehnsucht nach Europa, nach den alten Verhältnissen, die ich dummer Backfisch damals wahnwitziger Weise aufgegeben hatte, insgeheim gepeinigt und verzehrt, ich wäre nicht um die Welt hierher gegangen – darauf können Sie sich verlassen. Die Idee an sich ist mir immer unfaßbar gewesen – der arme Felix hatte sich eben mit der ganzen Fieberhitze seiner Krankheit hinein verrannt. Ich frage – was gewinnen wir denn damit? Wir sind reich –“

Baron Schilling sah überrascht empor; – Mercedes, die in eine der Fensternischen getreten war, wie um einen Blick in den Vorgarten zu werfen, blickte ihn mit ihren großen, stolzen Augen ausdrucksvoll an; sie legte flüchtig den Zeigefinger auf die Lippen.

„Immense reich, sag’ ich Ihnen,“ fuhr Lucile fort, die diesen Austausch der Blicke nicht bemerkt hatte. „Felix war stets in der Lage, alle meine Wünsche zu erfüllen, und wenn mein toller Kindskopf auf den Einfall gekommen wäre, unseren Wagenpferden massiv goldene Hufeisen zu geben und das Riemenzeug mit Brillanten besetzen zu lassen, er hätte es gedurft. Augenblicklich werde ich freilich knapper gehalten; die dumme Vormundschaft, von der ich rein gar nichts verstehe und die mich deshalb dupiren und an der Nase führen kann, wie sie gerade Lust hat, und auch andere widerwärtige Schulmeister“ – sie verstummte und streifte mit einem feindseligen Blick die Fensternische – „bah, das wird sich ja schließlich auch abschütteln lassen – mir ist nicht bange,“ setzte sie gleich hinzu, übermüthig die Locken zurückwerfend und mit dem kleinen Absatze auf den Fuß der Ruhebank hämmernd. „Enfin, wir brauchen die zusammengescharrten Milch- und Buttergroschen, von denen mir Felix einmal erzählt hat, absolut nicht.“

Inzwischen hatte Mercedes Hut und Reisemantel abgelegt. Der alte Miniaturmaler, den der reiche Plantagenbesitzer in Südcarolina so hoch geschätzt hatte, war in der That ein Meister gewesen. Das dreizehnjährige Mädchengesicht auf der Elfenbeinplatte und der junge Frauenkopf dort unter der grünen Seidengardine zeigten heute noch die gleichen wunderbar zarten Linien, das seltsame Colorit, das an die leuchtende hellste Nüance des Bernsteins erinnerte. Nun war sie, deren Augen einst aus fast märchenhafter Ferne her vorausgeleuchtet hatten, leibhaftig unter dem nordischen Himmel erschienen; das überreiche, nachtdunkle Haar voll aufgestreuter blauflimmernder Reflexe, die Gestalt schlank und biegsam, mit herrlich stolzer Nackenwölbung – so stand sie in demselben Zimmer, wo damals ein übermüthiger Mädchenmund von ihr als „der kleinen Buckligen“ gesprochen hatte.

Langsam zog sie die Handschuhe von den Händen und rückte den verschobenen Trauring sorglich wieder an Ort und Stelle; dabei sagte sie zu ihrer Schwägerin hinüber mit seltsam frostiger Zurückhaltung:

„Es handelt sich in erster Linie um die Zuneigung der Großmutter.“

Lucile schnellte empor und preßte beide Hände auf die Ohren.

„Wenn ich nur diese Phrase nicht mehr hören müßte!“ rief sie ärgerlich. „Ach, cher Baron, was hat man in diesem Amerika aus der kleinen, muthwilligen Lucile gemacht! Es ist zum Erbarmen. Monatelang vor Felix’ Tode war diese widerwärtige Großmutterversöhnung das stehende Thema in der Krankenstube, und ich armer Wurm mußte zu Allem pflichtschuldigst mit dem Kopfe nicken, wenn ich nicht haarsträubende Grobheiten von den Aerzten und Zurechtweisungen von Dame Mercedes schlucken wollte. Aber nun bin ich wieder ich; nun spiele ich nicht mehr, ‚und damit Punctum!’ hieß es allemal beim alten, guten Freiherrn, der nun auch todt ist. Ich möchte wohl wissen, was er sagen würde, daß meine Kinder hierhergeschleppt werden, damit sie um ,Zuneigung’ betteln bei dem ordinären Weibe, das er nicht ausstehen konnte, das er genau so grimmig haßte wie ich! Aber sie soll mir nur kommen! Sie soll sich nur unterstehen, meine süße Paula mit ihren groben Küchenhänden anzufassen!“

Sie unterbrach sich und streckte die Hand triumphirend gegen ihre Schwägerin aus.

„Drüben hattest Du immer nur ein stolzes Aufwerfen der Lippen oder eine messerscharfe Bemerkung als Antwort, wenn ich mich gegen den unsinnigen Plan sträubte – Du wußtest es ja besser, natürlich! Als ich Dir aber vorhin im Vorüberfahren das kostbare, alte Mönchsnest zeigte, da war es aus und vorbei mit dem Heldenmuth, den Illusionen – da wurdest Du leichenblaß. Du sahst aus wie der Schrecken selbst.“

Mercedes biß sich auf die Lippen und bog ihr Gesicht einen Moment über José, der in sichtlicher Scheu vor der neuen Umgebung zu ihr geflüchtet war und die kleinen Arme um ihre Hüften gelegt hatte.

„Um dieses Erbleichen weiß ich – ich fühle, wie mir immer das Blut nach dem Herzen zurückdrängt, seit die deutsche Luft mich anweht,“ sagte sie nach einem augenblicklichen Schweigen gepreßt, und ihr finsterer Blick sah über den ihr ziemlich nahestehenden Herrn des Schillingshofes hinweg, wie in eine schrankenlose Weite hinein. „Ich dachte nicht, daß sich meine ganze Natur gegen sie empören würde, weil ich ja vom Vater her deutsch bin – jetzt weiß ich, daß er mir weder Sympathie, noch Heimgefühl vererbt hat für dieses Land, in welchem er so unglücklich gewesen ist.“ Sie hatte nicht zu versichern gebraucht, daß ihr das heiße Blut überwältigend durch das Herz stürme; man hörte es aus diesen tiefen, leidenschaftlich gefärbten Tönen. „Ich bin mir genau bewußt, was ich Felix versprochen habe, aber – mir graut vor dem verfallenen Hause; es sieht aus, als wohne der Hunger darin und die Armseligkeit, die Gemeinheit – und dort soll ich die Großmutter unserer Kinder suchen?“ Beide Hände um den Blondkopf des Knaben verschlingend, drückte sie ihn an sich in leidenschaftlicher Zärtlichkeit, aber auch voll des ausgesprochensten beleidigten Hochmuthes. „Ich kenne die Vergangenheit meines Vaters,“ fuhr sie nach einem tiefen Athemzuge mit tonlos fallender Stimme fort, „und doch ist mir jetzt, als sähe ich eine verleugnete dunkle Stelle seines Lebens, weil er sich aus dem obscuren Winkel die Vorgängerin meiner stolzen Mutter geholt hat.“

Lucile hatte sich anfänglich mit lächelndem Behagen wieder zurückgelehnt und ließ die Silberquaste des Kissens, auf welches sie den Arm stützte, durch die Finger laufen. Ihr pikantes Gesichtchen mit den boshaften Augen strahlte förmlich – „Dame Mercedes“ blamirte sich ja gleich in der ersten Stunde gründlich mit ihrem spanischen Dünkel vor dem deutschen Edelmann. Schon jetzt mußte es ihm klar werden, was man unter diesem Zuchtmeister zu leiden hatte. Aber sie fand plötzlich, daß er gar nicht mehr der nette Baron Schilling sei, dem man einst gut sein mußte wie einem wackeren, verträglichen Cameraden. Sie fand ihn impertinent in seiner Haltung, impertinent in seinem Wesen – was brauchte er denn so andächtig auf die erbitterte Philippika der gelben Spanierin gegen Deutschland zu lauschen, als sei sie ein Evangelium? Und sie, die Hauptperson, Lucile Fournier, Lucian’s Wittwe, die er beschützen sollte als das hinterlassene Kleinod des Freundes, sie ließ er unbeachtet in ihrem Sophawinkel sitzen, wie die hölzerne Ankleidepuppe in seinem Atelier – der Unmensch!

Die Silberquaste in ihrer Hand schwirrte an der langen Schnur wie ein toller Kreisel in der Luft, und der kleine Fuß trommelte in beschleunigtem Tempo gegen das Ruhebett. „Armseligkeit, Gemeinheit, obscurer Winkel!“ wiederholte sie mit Pathos; dann lachte sie laut auf. „Das Klostergut hat sich ja ganz nett präsentirt – ich bin gerächt, furchtbar gerächt! – Ach, wie muß ich an den Abend denken, wo wir – der arme Felix und ich – aus der schauderhaften, dunklen Höhle flüchteten! Dann kamen wir hierher wie ein paar verirrter Kinder, und da war lauter Licht und Glanz. Ihre Frau, cher Baron, saß dort auf dem Lehnstuhle und stickte – sie stickt wohl immer noch? – und – ach, da fällt mir ein: existirt denn die kleine Bestie, die Minka, noch, die eine so besondere Liebhaberei für Miniaturportraits hatte?“

Jetzt wandte er ihr mit einer jähen Bewegung das Gesicht zu.

„Aber ich bitte Sie, wollen Sie mich denn mit Ihrem Blicke aufspießen?“ fuhr sie mit einer drolligen Entsetzensgeberde zurück. „Mein Gott, was hab’ ich denn nun wieder verbrochen? – Es scheint, man wird hier stumm sein müssen wie ein Karthäuser, wenn es schon Sünde ist, nach dem Affen Ihrer Frau zu fragen. Sagen Sie mir, weshalb alteriren Sie sich denn eigentlich, cher Baron? Mercedes’ wegen? Da können Sie ganz ruhig sein – ich habe ihr die amüsante Geschichte längst erzählt. Sie nimmt zwar stets eine gelangweilte Miene an, wenn man ihr vorplaudert – wissen Sie, so eine Art Grandenmiene, die furchtbar imponirt – aber die Geschichte mit der Elfenbeinplatte hat sie doch ohne Gnade zweimal hören müssen.... Ah bah – Sie werden doch nicht dafür büßen wollen, daß Ihre Frau damals Minka’s Amüsement in der Fensterecke stillschweigend begünstigt hat, weil sie das Bild in Ihrem Besitz nicht dulden wollte?“

Sie hatte Recht, wenn sie meinte, der Baron alterire sich – bei ihren letzten Worten wurde er ganz blaß. „Ihr lebhaftes Naturell schafft sich einen weiten Spielraum bezüglich der Auffassung, Frau Lucian,“ sagte er gereizt.

„Wie, Sie wollen doch nicht sagen, das Alles sei nicht wahr?“ fuhr sie auf und stand mit einem Rucke auf ihren beiden kleinen Füßen. „Gehen Sie doch!“ setzte sie erbittert hinzu. „Haben Sie nicht selbst die Splitter aufgelesen? Und wollten Sie nicht das Elfenbein wieder zusammenleimen für den alten Freiherrn, oder für“ – sie zuckte die Achseln – „nun meinetwegen – was weiß ich!“

„Für mich selbst,“ fiel er ruhig ein.

Sie lachte gezwungen auf. „Ach ja, ich erinnere mich – und es existirt wirklich noch?“

„Ja.“

Bei dieser lakonisch gegebenen Antwort trat Donna Mercedes rasch näher. Die boshafte Schilderungsweise der kleinen Frau hatte ihr im stürmischen Wechsel Glut und Blässe über das Gesicht gejagt. Mit einem kalten Lächeln, aber stolz, trat sie auf den Baron zu.

„Ich darf mir wohl gelegentlich das Portrait zurückerbitten,“ sagte sie mit gedämpfter Stimme.

Er griff in die Brusttasche und überreichte ihr schweigend ein kleines, schmuckloses Etui. Fast sah es aus, als weiche sie zurück vor dieser raschen, kühlen Art der Erfüllung. Sie schlug die Augen bestürzt, aber auch pikirt zu ihm auf, und ein feiner Zug von Caprice flog um ihren kleinen Mund, während sie das Etui nachlässig in die Tasche gleiten ließ.

In diesem Augenblicke trat der Bediente mit einem vollbesetzten Kaffeebrete in den Salon. Mamsell Birkner kam auch nach – sie trug ein Körbchen, das mit Beerenobst gefüllt war. Zugleich ließ sich draußen in der Flurhalle die mächtige Stimme eines Hundes hören.

„Pirat ist endlich da, Tante,“ rief der kleine José jubelnd und rannte hinaus in den Corridor. Gleich darauf kam er wieder herein – die Arme um die breite Brust der riesenhaften Dogge geschlungen, ließ er sich von dem Thier förmlich in das Zimmer schleifen. Hinter dieser Gruppe trat ein großer, breitschulteriger Neger auf die Schwelle; er verbeugte sich tief vor Donna Mercedes und entschuldigte sein verspätetes Nachkommen vom Bahnhof mit der Umständlichkeit, welche die Bahnbeamten wegen des Hundes und einiger zurückgebliebener große Gepäckstücke gemacht hätten. José war plötzlich wie umgewandelt. Nun Pirat’s Stimme in dem fremden Hause laut geworden und seine Riesengestalt in plumper Wiedersehensfreude genau so zuversichtlich durch den Salon trabte, wie im Familienzimmer weit drüben über dem großen Wasser, nun fühlte er sich auch heimisch.

„Ach, ich hatte schreckliche Angst um Pirat!“ sagte er sichtlich erleichterten Herzens zum Baron, der mit der Rechten schmeichelnd über den Kopf des schönen Thieres strich. „Er heulte so furchtbar im Hundewagen, und da bellten alle anderen Hunde auch wie wüthend; ich dachte, sie würden sich alle todtbeißen. Pirat ist sehr wild, mußt Du wissen; Jak sagt“ – er zeigte nach dem Farbigen, der Mercedes eben einen mitgebrachten kleinen Handkoffer übergab – „er bekäme zu viel Fleisch, immer eine ganze Schüssel voll. Wird er das hier auch bekommen, Onkel? Und wo ist denn sein Haus? Bei Tante Mercedes war sein Haus so groß, daß ich mich auch mit hineinsetzen konnte.“

Baron Schilling lachte. „Sorgen Sie dafür, daß drüben aufgeschlossen und frisches Stroh eingestreut wird!“ befahl er dem Bedienten, der bei Erwähnung der vollen Fleischschüssel höhnisch unter den gesenkten Lidern hervor nach dem Hunde geschielt und schon einige Mal mit entschiedener Indignation seine Beine in Sicherheit zu bringen gesucht hatte, wenn das Thier ihm zu nahe gekommen war.

„Zu Befehl!“ sagte er unterwürfig. „Aber verzeihen der gnädige Herr – es ist nur von wegen der gnädige Frau Baronin – der kleine Stall ist zu nahe beim Hause; die Leda, die der gnädige Herr vom Herrn Grafen Rainer bekommen hatten, bellte nicht halb so laut wie der Hund da, und mußte doch fort, weil die gnädige Frau den Spectakel nicht vertragen konnte.“

„O, muß Pirat auch fort, Onkel?“ rief José in athemlosem Schrecken.

„Ei was denkst Du, mein Junge?! Dein Spielcamerad bleibt im Schillingshof so gut wie Du selbst. – Komm! Wir wollen ihm drüben bei mir ein behagliches Absteigequartier zurecht machen.“

Er nahm das Kind bei der Hand, winkte dem Neger, ihm zu folgen, und verabschiedete sich mit einer Verbeugung von den Damen, während der Hund mit einem betäubenden Freudengebell voraussprang.



„Gott sei Dank, daß das lärmende Ungethüm hinaus ist!“ sagte Lucile, als der Baron mit José und Pirat das Zimmer verlassen hatte; müde sank sie auf das Ruhebett zurück. „Das ist vielleicht der einzige Punkt, in welchem ich mit der widerwärtigen, aschgrauen Frau Baronin harmonire,“ fügte sie hinzu; sie sagte es in einem freilich sehr mangelhaften Englisch, um von der anwesenden Bedienung nicht verstanden zu werden. „Ich war von vornherein entschieden dagegen, daß Pirat mitgenommen werde, aber da war ja jeder vernünftige Einwurf in die Luft gesprochen – Mosje José darf eben immer seinen Kopf durchsetzen.“ Sie hob den Kopf ein wenig von den verschränkt untergelegten Armen und musterte mit kritischem Blick das Tablet, das Mamsell Birkner ihr präsentirte. „Kaffee bei dieser veritablen Hitze? – Nein, meine Liebe, ich danke recht schön. Bitte, verschaffen Sie mir ein wenig Vanille- oder Erdbeereis! Ich verschmachte.“

Die gemüthliche, dicke Wirthschaftsmamsell, deren Verstand nicht weiter reichen sollte, als ihr kleiner Finger, wie die Frau Baronin behauptete, sah sehr verblüfft und verlegen drein und besann sich vergeblich auf eine Antwort.

„Ach, es ist wohl kein Eis zu haben – wie?“ rief Lucile belustigt; sie weidete sich an der hülflosen Miene der völlig Bestürzten. „So, so – nun, dann bitte ich um ein Glas Champagner.“

Es erfolgte ein abermaliges momentanes Schweigen. Mamsell Birkner wandte sich langsam nach dem Bedienten um, der sich eben aus dem Staube machen wollte. „Wollen Sie so freundlich sein, Robert –“

„Ich bedaure“, versetzte er achselzuckend und offenbar sehr empört darüber, daß er in diesem Departement so offen seine Machtlosigkeit bekennen mußte. „Die gnädige Frau Baronin –“

Lucile lachte silberhell auf. „Ein Glas frisches Wasser, wenn ich bitten darf!“

Der Bediente ging hinaus. Mamsell Birkner stellte das Präsentirbrett auf den Tisch und verneigte sich respectvoll vor Donna Mercedes, die kurz, aber höflich für jede Erfrischung vorläufig dankte. Dann schloß sich die Thür auch hinter ihr.

„Der Witz ist unbezahlbar,“ lachte Lucile, „die gnädige Frau Baronin hat den Kellerschlüssel mitgenommen.“ Gleich darauf richtete sie sich plötzlich empor, schüttelte mit einer Art von wildem Triumph die Locken aus der Stirn, legte die Arme um die emporgezogenen Kniee und beobachtete einen Moment schweigend mit boshaft funkelnden Augen ihre Schwägerin, die lautlos, aber raschen Schrittes im Salon auf- und abging.

Diese junge Frau, deren fremdartige Erscheinung in keiner Linie, keiner Farbennüance an germanischen Ursprung denken ließ – wie sie auf schlanken, schmalen, weichbeschuhten Füßen von Wand zu Wand unruhig über das Parquetgetäfel hinglitt, war sie das Bild einer Libelle, die der Sturm in verworrenes, dunkles Geäst verschlagen hat, das Bild des verzweifelten Mühens, zu entrinnen.

„Was habe ich immer gesagt, Donna de Valmaseda?“ fragte Lucile spöttisch. „War es etwa übertrieben, wenn ich diese steifleinene Baronin Schilling als das widerwärtigste Weib auf Gottes Erdboden schilderte, als das Non plus ultra von Neid und heimtückischer Eifersucht? Puh, sie ist häßlich wie die Nacht und kann Unsereinen nicht leiden. Aber schlau ist sie, die gute Frau, das muß ihr der Neid lassen. Sie hat dem zurückgelassenen Haushalt einen Zuschnitt gegeben, wie ihn sich anständige Leute nicht gefallen lassen können – die beste Art, uns schnell wieder loszuwerden! Ich frage, was nun, Donna de Valmaseda? – Baron Schilling –“

„Ein fischblütiger Germane, wie er in den Büchern steht,“ scholl es halblaut aus der Fensterecke, in welcher Mercedes für einen Moment stehen geblieben war.

„Ah, endlich!“ jubelte Lucile. Sie sprang wie elektrisirt auf ihre Füße und riß die Thür nach den anstoßenden Zimmern auf, wo Deborah eben die kleine Paula wusch und umkleidete und die Kammerjungfer einen Koffer aufschloß.

„Nur das Nachtzeug wird ausgepackt, Minna; sonst kein Stück weiter!“ befahl die kleine Frau; dann flog sie nach der Fensterecke. „Wüßte Felix, wie armselig wir hier untergebracht sind,“ rief sie in dringlicher Hast, wie Jemand, der nach dem alten Sprüchwort das Eisen schmiedet, so lange es warm ist; „er würde uns um keinen Preis in dieser Spukherberge lassen, die von der Gnädigen selbst offenbar nicht mehr benutzt wird, weil sie sich fürchtet. Und wie gründlich sie erst noch aufgeräumt hat mit allem Comfort, ehe sie gegangen ist, die brave Frau! Siehst Du dort die scheußlichen Kannen und Sahnentöpfe mit den angekitteten Henkeln und Schnäbeln?“ sie zeigte nach den Credenztischen. „Das Zeug ist für uns aus der Rumpelkammer geholt worden. Vor acht Jahren brachen die Platten und Aufsätze fast unter dem Silber- und Krystallgeschirr; ich habe den Eindruck behalten, denn ich weiß noch, daß ich mich damals wahnsinnig ärgerte, weil Mamas prächtiges Büffet gar nicht dagegen aufkommen konnte – ob die Gute gefürchtet hat, ihre Kostbarkeiten möchten uns an den Fingern hängen bleiben?!“

Wie eine flinke Bachstelze huschte das seidenraschelnde, boshaft hetzende Geschöpfchen dicht an die schweigende Dame im Fensterbogen heran und suchte einen Blick zu erhaschen.

„Wir gehen doch nun selbstverständlich nach Berlin – ja, Mercedes?“ fragte sie mit bittender, schmeichelnder Stimme. „Es bleibt uns absolut nichts anderes übrig. Felix wollte eine deutsche Erziehung für die Kinder; nun, die können sie ja nirgends besser haben – urdeutsch sage ich Dir! Und für mich wäre das ein Glück, ein Glück!“ sie preßte die Hände auf die Stirn, als befürchte sie, vor Seligkeit den Verstand zu verlieren. „Die Großmama ist zwar todt, und Mama hat den Streich gemacht, sich von einem Starosten in’s Blaue hinein entführen zu lassen, aber ich habe so viele Freunde dort, so Viele, die damals für mich geschwärmt haben – ach, mein Gott, ich glaube, ich könnte mich sogar freuen, den unausstehlichen alten Gecken, den Fürsten Konsky, wiederzusehen. Wir reisen natürlich gleich mit dem ersten Zug morgen? Weißt Du, ich persönlich mache mir nicht so viel draus,“ sie schnippte mit den feinen Fingern in der Luft, „ob diese entlaufene Nonne mich zu beleidigen sucht oder nicht; ich schüttle die heimtückischen Nadelstiche ab und amüsire mich dabei, aber Du, Du?“

Es drängte sich bei diesen Worten ein leidenschaftlicher Ausruf auf die Lippen der jungen Frau, die bisher mit starren Augen unbeweglich in den Vorgarten hinausgesehen hatte. Sie war sehr bleich, und an ihrer unruhig athmenden Brust sah man, daß die widerstreitendsten Empfindungen nach einem Ausbruch rangen, aber nichts schien dieser Frau ferner zu liegen, als intime Erörterungen oder ein Meinungsaustausch mit dem quecksilbernen Wesen, dessen überstürzte Plauderei ihr den eigenen Gedankengang störte.

„Nun, Mercedes?“ drängte die kleine Frau wie athemlos, und ein grelles Feuer leuchtete in den schönen, intensiv grünschillernden Augen.

„Wir bleiben. Ich bin über das Meer gekommen, um den letzten Wunsch meines Bruders zu erfüllen, und das will und werde ich.“

Lucile wandte sich um, lief an dem verblüfften Bedienten, der eben mit dem verlangten Glas Wasser eintrat, vorüber in das anstoßende Zimmer und warf die Thür schmetternd zu, um hinter ihr, nach alter Gewohnheit, gegen ihre Kammerjungfer und Vertraute das tieferbitterte Herz auszuschütten.




15.

Der Schillingshof hatte in wenig Tagen eine ganz andere Physiognomie angenommen. Die Vorübergehenden mäßigten meist ihre Schritte, wenn sie in die Nähe des Eisengitters kamen, um bequem und mit Muße das fremdartige Leben und Treiben vor dem Säulenhause beobachten zu können.

Zuerst hatten wohl die zwei Farbigen die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich gelenkt. Jak, ein starkgebauter Mann von der schönen, glänzend schwarzen Negerrace, wie sie an den Ufern des Senegal lebt, schien die Säulenhalle zu lieben; er konnte stundenlang an einem der schlanken, weißen, akanthusgekrönten Schäfte lehnen und vergnüglich den mächtigen Fontainenstrahlen zusehen, wie sie hoch in die Lüfte sprangen und als Diamantengefunkel niederstäubten; oder er streute den dreisten Sperlingsschaaren Krumen auf die Steinstufen, während die dicke Deborah im geblümten Perkalkleide und ein kokettes Mullhäubchen mit grellbunten Schleifen auf dem Wollhaar, durch den Vorgarten watschelte und sich oft bis zur Athemlosigkeit mühte, ihr Goldkind, die kleine Paula, im Auge zu behalten, die mit flinken Beinchen dem herumtollenden José und seinem Cameraden, Pirat, nachstrebte.

Diese kleine, laute Gesellschaft war es, die, nachdem der erste frappante Eindruck der „Negersclaven“ verblaßt, das jenseits des Gitters promenirende Publicum immer wieder fesselte. Man war gewohnt gewesen, hier stets in eine vornehme, abgeschlossene Stille hineinzusehen; selten einmal, daß die Frau Baronin, einen Plaid um ihre ewig fröstelnde Gestalt gewickelt, mit nachschleifender grauer Schleppe und hochmüthig fremden Augen in dem grämlich grauen Gesichte, wie ein Schemen zwischen den Bosquets aufgetaucht war – lautlos und mutterseelenallein. Nun flatterte es wie kreisendes Schmetterlingsvolk durch Allee und Buschwerk, bunte Bälle und Reifen flogen in die Lüfte; hier lag ein achtlos hingeworfener Kindersäbel quer über dem Wege, dort versperrte ein im Stiche gelassener Puppenwagen die Passage, und die kleinen Fremdlinge, die so schnell auf deutscher Erde heimisch wurden, waren schön wie Engel, verwöhnt und geschmückt wie Fürstenkinder.

Dann war da ein Wesen, von welchem man nicht recht wußte, ob es in die Species der wirklichen Backfische oder in die jener erwachsenen Mädchen gehöre, die kindliches Gebahren und bezaubernde Naivetät bis in die Zwanzig hinein bewahren. Es kam meist im Geschwindschritt, auf den zierlichsten Füßchen, die Kieswege daher, riß im Vorübergehen Blätter von dem Gesträuche, an denen die kleinen, blitzenden Zähne kauten, und lief ebenso ungenirt mit den hohen, spitzen Absätzen über den kostbaren, ängstlich behüteten Sammetrasen des Parterres, um irgend eine leuchtend weiße Blüthe aus den Blumenrondels zu holen und sie in die Locken zu stecken, oder sie in muthwilliger Zerstörungslust Blatt um Blatt zu zerpflücken. Das sah sich hinter dem Eisengitter an wie eine Bühnenscene voll köstlicher Naturfrische, und die Leute konnten sich nicht satt sehen an dem tollen Geschöpfchen, das sie auch bewunderten, wenn es in der Platanenallee übelgelaunt und gelangweilt zwischen Kissen und purpurseidenen Steppdecken auf einem der Eisenmöbel hingestreckt lag. Dann baumelte gewöhnlich eines der Füßchen aus einem Gewoge von Stickereien, Spitzen und Rockfalbeln und zeigte wie ein Pendel in seinen Tempos die auf- und niedergehenden Gemüthsstimmungen; die Hand rührte fleißig die silberne Tischglocke, und die Kammerjungfer kam auf die Signale hin abwechselnd mit Büchern, Flacons, Shawls und dergleichen aus dem Hause gelaufen, bis meist eine Riesenbonbonnière die Laune verbesserte und auch die spielenden Kinder herbeilockte. Dann knabberten alle die jungen Zähnchen unermüdlich – das war eine allerliebste Gruppe; aber zu denken, daß diese übermüthige, mit den Füßen baumelnde, naschende Pukgestalt die Mutter der beiden Blondköpfchen sei, das wäre Niemand eingefallen – der alten Frau gewiß auch nicht, die seit einigen Tagen so viel am Giebelfenster des Klostergutes erschien. Sie lehnte sich nie hinaus, ja, sie bog kaum den Kopf seitwärts nach dem verhaßten Parterre des Schillingshofes, aber ihre Augen starrten wie magnetisch angezogen mit scheuem Seitenblicke auf die verschlungenen, weißen Wege nieder, und wenn die schlanke Kindergestalt Josés im königsblauen Matrosenanzuge mit dem Hunde um die Wette drunten vorüber jagte und die Laute seiner commandirenden Stimme heraufschallten, da griff die feste, arbeitstüchtige Hand unwillkürlich nach dem stützenden Fensterkreuze, und über das bleiche, kalte Gesicht ergoß sich die Röthe ungläubiger Bestürzung.

Baron Schilling hatte gleich in der ersten Stunde den Befehl gegeben, daß seine Appartements, die nach Süden hinlaufende Zimmerflucht des Erdgeschosses, für Lucile hergerichtet würden, da er vollständig in das Atelier übergesiedelt war, und die kleine Frau war noch an demselben Abende in Begleitung ihrer Kammerjungfer mit „Sack und Pack“ und mit einer Hast eingezogen, als säße ihr das hinter den holzgeschnitzten Salonwänden hausende Gespenst bereits im Nacken.

Nun strömte allabendlich blendender Lichtglanz aus dieser Fensterreihe in die Säulenhalle draußen; denn Lucile duldete kein düsteres Eckchen – sie liebte es, sich in Licht zu baden, wie in den köstlichen Specereien, die das Kammermädchen in das tägliche Bad werfen mußte, und die stets das ganze Haus durchdufteten, und nächst der lauen, würzigen Welle war es nur kühler, seidenweicher Battist, der die subtile Haut des graziösen Tänzerkindes umspielen durfte. Die Füßchen, in denen fortgesetzt die unterdrückte Künstlerschaft prickelte, huschten in atlasgefütterten Pantöffelchen durch’s Haus, und in den feinen Hals hinab flossen feurig süße Weine in so respectablen Quantitäten, „als gäbe es auf der Gotteswelt nichts Anderes, den Durst zu löschen,“ sagte der Bediente Robert immer ganz empört und doppelt zornig, weil Baron Schilling auf Mamsell Birkner’s Anzeige hin sofort für Küche und Keller die kostspieligsten Anschaffungen aus seiner Tasche bewerkstelligt hatte, einzig und allein um – dieser spanischen Bettelgesellschaft willen.

Trotz alledem hatte auch die Dienerschaft des Schillingshofes, wie die Spaziergänger hinter dem Eisengitter, ihr Wohlgefallen an der übermüthigen, kleinen „gnädigen Frau“, die ihnen stets im Vorübergehen einen muthwilligen Scherz, ein schäkerndes Wort hinwarf. Ganz anders dagegen verhielt es sich mit der Dame, die mit den beiden Kindern und ihren schwarzen Untergebenen in den ursprünglich angewiesenen Logirräumen verblieben war. Dieser weltfremden Erscheinung gegenüber kämpfte in den Leuten fortwährend der Widerstreit zwischen dem unwillkürlichen Unterwerfungstrieb und der Geringschätzung, mit der Bedientenseelen auf Verarmte herabzusehen pflegen. Sie sprach nie mit ihnen; das leichte Kopfneigen, mit welchem sie ihren Gruß erwiderte, war noch viel stolzer, als das der verreisten „Gnädigen“. Man haßte sie dafür, und doch stellten sich Alle in Positur, und das Plaudern und Schwätzen in der Flurhalle verstummte, wenn sie durch den Corridor kam im schwarzen Spitzenkleide, das den blaßgelben Ton der Schultern durchleuchten ließ; sie war bei aller Zartheit und Biegsamkeit der Gestalt dennoch eine wahrhaft majestätische Frau, ein junges, blendend schönes Weib, das mit verdüsterten Augen voll finsteren Ernstes in die Welt blickte. Es kam auch keiner der einheimischen Domestiken in die Appartements, die sie bewohnte; sie ließ sich ausschließlich von ihren Schwarzen bedienen, und nur am ersten Abend war Mamsell Birkner in das Schlafzimmer beschieden worden, um sich von Deborah das Bettzeug des Hauses zurückgeben zu lassen. Sie war dann ganz consternirt und wie geblendet in das Souterrain gekommen und hatte erzählt, daß die Dame unter weißatlassener Steppdecke und zwischen Spitzengarnituren schlafe, wie sie die Gnädige kaum auf ihren Staatskleidern habe; der Toilettentisch funkele von Gold- und Silbergeräth, und sie wollte darauf schwören, daß auf dem Rahmen des Handspiegels und auf allen Kästchen und Büchschen Edelsteine seien, so viel echte Edelsteine, wie man sie in allen Sammetetuis der Gnädigen mit dem besten Willen nicht zusammenlesen könne. „Wer’s glaubt, Mamsellchen! Echte sind’s ganz gewiß nicht – höchstens böhmische,“ hatte der Bediente Robert gesagt. „Na, und wenn auch! Die Gnädige sagt, die Leute hätten ihr Hab und Gut im amerikanischen Kriege verloren; möglich, daß sie die paar Kostbarkeiten aus dem Unglück gerettet haben – aber auf wie lange denn? Wenn wir die Gesellschaft nicht mehr ernähren – und bis in alle Ewigkeit können sie doch nicht im Schillingshofe bleiben – da wird wohl ein Steinchen nach dem anderen ‚flöten gehen’, man will doch essen! Geld haben sie nicht – das steht bombenfest. Paßt auf, wir müssen immer und immer wieder auslegen, und es wird so lange auf Regimentsunkosten gezehrt, bis – die Gnädige kurzen Proceß macht!“

Der Bedientenzorn aber wurde noch mehr herausgefordert, als am Tage nach der Ankunft ein Flügel in das Haus getragen wurde, den Frau von Valmaseda über das Meer herüber „mitgeschleppt“ hatte. „Ein Hund und ein Clavier im Schillingshof“ – zwei Verfehmte, denen absolut kein Zutritt gestattet war! Man konnte kaum den Moment erwarten, wo die Frau Baronin zurückkommen und die Bescheerung finden würde – das gab einen Hauptspaß. Ein besonderes Aergerniß war auch die Verschwiegenheit der mitgekommenen Domestiken. Den Schwarzen, die ein ziemlich gutes Deutsch sprachen, schien sofort jegliches Verständniß abzugehen, wenn auf die Verhältnisse ihrer Herrschaft jenseits des Meeres angespielt wurde; sie hatten nicht einmal ein „Ja“ oder „Nein“ auf dringlich gestellte Fragen, und die Kammerjungfer Minna, die ihrer Herrin auf Tod und Leben ergeben war, ließ sich auch nicht die mindeste Auskunft ablocken. Sie hatte nur einmal auf die Frage nach dem Gemahl der Frau von Valmaseda geantwortet, daß die Dame so gut wie nicht verheirathet gewesen sei. Ihr Bräutigam sei im Kampfe gefallen und habe sich eine Stunde vor seinem Tode durch den Feldgeistlichen mit ihr trauen lassen. Das machte die jungfräuliche Wittwe freilich interessant in den Augen des männlichen Personals, und die weichmüthige Mamsell Birkner weinte bittere Thränen über das tragische Geschick, aber Keines hätte gewagt, darauf hin die Dame näher zu mustern – man fürchtete sich förmlich und zog sich scheu zurück, wenn sich das schöne Frauengesicht im Vorübergehen plötzlich zur Seite wandte und den Blick der sammetschwarzen Augen flüchtig und wie Eis kältend über die Dastehenden hingleiten ließ.

Sie verließ nur einmal des Tages ihre Räume, um sich in dem Theile der Platanenallee zu ergehen, der den großen Garten durchschnitt; im Vorgarten war sie noch nie gesehen worden, so wenig wie sie sich dem Atelier näherte. Manchmal war es, als zöge es den rasch wandelnden Fuß gewaltsam dort hinüber, wo hinter breiter Glaswand das leuchtende Grün wohlbekannter Blattformen, von springenden Wasserstrahlen wie von Silberpfeilen durchzuckt, herüberwinkte, aber es war, als zähle sie die Platanenstämme, so pünktlich kehrte sie stets an derselben Stelle um. Und der Herr des Schillingshofes respectirte streng die unsichtbare Schranke, hinter welcher sich die Tochter der Tropen voll Widerwillen vor der Berührung des Deutschthums isolirte. Er vermied die Begegnung; für ihn schien ja mit dem Einzuge der Kinder in sein stilles, ödes Haus das Morgenroth eines neuen Lebens aufgegangen zu sein – die Staffelei stand verwaist und die Farben auf der Palette trockneten. – „Das müßte die Gnädige sehen!“ zischelten die Leute des Hauses unter einander, wenn sie ihn, die kleine Paula auf dem Arme, durch den Garten gehen sahen. Das Kind grub die Händchen in seinen schönen, krausen Kinnbart und schmiegte zutraulich das blonde Gelock an sein braunes Antlitz, und er hob sie hoch im Gebüsche und ließ sie in die Vogelnester sehen, oder er ließ mit José um die Wette flache Kiesel über den Teichspiegel springen, und in den Kinderjubel hinein klang sein frisches, heiteres Lachen. „Wie man nur so lachen kann, wenn man eine solche Nachteule zur Frau hat!“ murmelte dann Lucile ganz erbittert, wenn sie in der Allee an ihrer Schwägerin vorüberhuschte....

Die Nachmittagssonne brannte heiß, aber unter den Platanen war es so schattig, daß Donna Mercedes den kleinen Sonnenschirm zusammenfaltete und ihn auf den nächsten Gartentisch warf. Sie war heute der Tageshitze wegen in ihrem Morgenkleide von dünnem, indischem Muslin verblieben. In diesem weichen, schleierartig um die Glieder schwebenden Gewebe, das durch sein Mattweiß dem blaßgelben Teint einen entschiedenen Bronzeglanz und dem über den Nacken fallenden, in einem Netze gebändigten Haar die Schwärze der Rabenfeder lieh, mochte die finsterblickende Frau recht wohl als der Typus jener in sybaritischem Luxus grenzenlos verwöhnten „Plantagenfürstinnen“ gelten, von denen man behauptet, daß die elfenhaft schwebenden Füßchen ohne Bedenken über hingestreckte Sclavenleiber wie über den Teppich zu schreiten verstünden, während in den schmächtigen Händen eine fast männliche Kraft schlummere, die urplötzlich zur energischen Züchtigung Mißliebiger hervorbreche.

Sie ließ heute den Blick freier aber den Garten hingleiten – kein zudringliches Auge war zu scheuen; von der Dienerschaft ließ sich Niemand sehen, und der Herr des Schillingshofes war vor einer Weile durch den Vorgarten nach der Stadt gegangen.

Vor der dunklen Fichtengruppe, an deren Zweigen hellgrüne Triebe wie Fransen schaukelten, blendete die weiße Wand des Ateliers, und aus den Scheiben des anstoßenden Glashauses sprühte das zurückgeworfene, heiße Sonnengold. An den unverkünstelten Rosenhecken brachen zu Tausenden die vollen, schweren Centifolienblüthen auf; Gänseblümchen, gelbe Butterblumen und dickköpfige, rothe Kleeblüthen wogten mit dem fetten, hochaufgeschossenen Wiesengrase als buntfarbige Wellen unter dem leichte Sommerwind; Feldthymian und Lavendel dufteten, und die kleine, rasch dahinfließende Wasserader, die den Teich speiste, säumte ein blauer Vergißmeinnichtstreifen. Und weit drüben – der fernblickende Teichspiegel lag dazwischen – erhob es sich undurchdringlich grün wie wildes Dickicht; das war der Zaun des Klostergartens. Stattliche Obstbaumwipfel, aber kein einziger Zierbaum, stiegen hinter ihm auf; dort roch es kräftig nach Bohnenkraut, Dill und Krauseminze, und ganze Schaaren weißer Schmetterlinge kamen über die grüne, struppige Wand, um sich an den Sommerblumen der Beete zu letzen.

Dieses entsetzliche Klostergut! Man sah die windschiefen, bemoosten Ziegeldächer der Hintergebäude; aus den offenen Luken guckten Stroh- und Heubüschel, und da, wo nicht das Blätternetz am Weinspalier mitleidig die Wand bedeckte, war der Kalkbewurf abgefallen und ließ die nackten Bruchsteine sehen. Man hörte, wenn auch schwach, aber doch in widerwärtiger, nervenangreifender Wiederholung das Krähen der Haushähne herüber, Taubenschwärme flogen geräuschvoll ab und zu, zankten und bissen sich auf den Firsten, und aus schwer zugänglichen Giebelvorsprüngen flog Dohlengesindel in die Luft. Das Alles war urdeutsch; ebenso der einfache, ungekünstelte Hausgarten des Schillingshofes, und der Wind, der, den Duft blühenden Kornes und quellenden Tannenharzes im Athem, warm und doch mit scharfwürziger Herbe an dem Gesicht der wandelnden Fremden hinstrich und ein böses, zornmüthiges Lächeln um ihre Lippen weckte.

Der kleine José lief ihr ab und zu über den Weg. Er hatte vom Stallknecht ein weißes Kaninchen geschenkt bekommen, das er, stumm vor Entzücken, auf Tritt und Schritt verfolgte. Nun stürzte es sich kopfüber in das Wiesengras; es verschwand spurlos in dem Halmengewoge, wo die strammen Beinchen des angstvoll nachlaufenden Knaben versanken. Pirat hatte bis dahin regungslos, in bewunderungswürdiger Zurückhaltung auf der Schwelle des Glashauses gelegen und behaglich die heiße Sonne auf sein verwöhntes Fell brennen lassen, in dem Moment aber, wo José zu laufen begann, kam er in gewaltigen Sätzen herbeigestürzt und schreckte das kleine Thier auf – in weitem Bogen sprang es über den Kies vor dem Glashause und rettete sich in die halboffene Thür desselben vor seinen Verfolgern. Sie rannten wie toll hinterdrein, und gleich darauf erscholl ein Poltern und Aufschreien – José schrie mit seiner Mama um die Wette.

Donna Mercedes schritt rasch hinüber.

Das Kaninchen war hinter die Pflanzenkübel geschlüpft, und Pirat hatte seinen gewaltigen Körper nachgezwängt; dadurch war ein Drachenbaum umgefallen und hatte mit seinen harten Schwertblättern das Bassinwasser eines Springbrunnens hoch aufgepeitscht. Ein Schwall hatte sich über den Fußboden ergossen, und auf den breiten Blattflächen, dem verschränkten Gezweig ringsum rollten und zitterten die Tropfen, als sei ein starker Regenschauer niedergefallen.

Lucile war in die Nähe der Thür, auf eine trocken gebliebene Stelle retirirt; sie schleuderte die Wasserperlen von den Kleidern und aus den Locken und trocknete das überströmte Gesicht vorsichtig tupfend mit dem Taschentuche. Sie schalt heftig auf José hinein, brach aber gleich darauf in ein helles Gelächter aus, als der Hund, sein durchnäßtes Fell bärenhaft schüttelnd, auch noch ein paar blühende Topfpflanzen umstieß, und dann wie besessen sein Heil in der Flucht suchte.

Donna Mercedes war auf der Schwelle stehen geblieben. „Was thust Du hier, Lucile?“ fragte sie unwillig erstaunt.

„Mein Gott, ich amüsire mich – hast Du etwas dagegen?“ versetzte die kleine Frau spitz, wobei sie sich bückte, um ein Album aufzunehmen das im Bereich der Ueberschwemmung auf dem Boden lag. „Die alten Mönche müssen Mohnsamen in den Grundstein des Schillingshofes gelegt haben, so fürchterlich gähnt die Langeweile drüben aus allen Ecken. Ich habe aber keine Lust, wie ein schläfriges Käuzchen in diesen Winkeln stillzusitzen und vor der Zeit fett zu werden – bah, ich mit meinem Quecksilberblut – fällt mir gar nicht ein! Ich breche durch, wo ich kann.“

Sie hatte das Album aufgeschlagen und wischte mit dem Taschentuche das eingedrungene Wasser von den Blattseiten. „Fatal – da ist eine ganze Ecke von der getuschten Landschaft weggelöscht, und das Papier ist total zerweicht. Das nichtswürdige Thier, dieser Pirat! Ich könnte ihn mit meinen eigenen Händen erwürgen für diese Tölpelei! Was nun machen?“ – Sie zuckte halb ärgerlich, halb lachend die Achseln. – „Ach was, Dein ‚fischblütiger Germane’ ist mein Freund, mein alter Freund noch aus der himmlischen Zeit, wo ich das enfant gâté in Mamans Salon war und noch nichts von Baumwollensäcken und dergleichen wußte. Er wird nicht brummen, daß ich in seiner Bärenhöhle ein wenig gekramt habe, dieweil er nicht dagewesen ist.“

Mit diesen Worten klappte sie das Buch zusammen und schlüpfte in den anstoßenden Raum.

Vorhin hatte es ausgesehen als wolle die Dame auf der Schwelle unmuthig in den Garten zurückkehren, jetzt aber blieb sie wie festgebannt stehen und sah in das Atelier hinein, das durch eine Glaswand von dem Wintergarten geschieden war. Ein grüner Velourvorhang, auf beiden Seiten zur Hälfte zurückgezogen, hing drüben hinter den Scheiben und rahmte das farbenreiche Gesammtbild der originellen Einrichtung dunkel ein. Das Atelier war von bedeutender Höhe. Oben an der gegenüberliegenden Wand lief eine Gallerie hin – eine Thüröffnung, halb geschlossen durch eine schwere, buntfarbige, in Ringen laufende Gobelin-Gardine, mündete auf diese Gallerie, die in der nordwestlichen Ecke in eine schmale, schöngeschwungene Wendeltreppe auslief. Ueber das braune Holzgeländer fiel, nachlässig hingeworfen, ein gewirkter Teppich von altbyzantinischem Muster; er sprühte einen wahren Farbenregen unter dem schräg herüberfallenden Oberlicht, das ringsum, hier aus dem polirten Harnisch einer aufgebauten Ritterrüstung, dort aus altgriechischen Metallspiegeln, aus venetianischem Glasgeschirr glitzernde Reflexe lockte. Es war ein scheinbar chaotisches Durcheinander, das emsige Sammlerhände hier aufgehäuft hatten. Zwischen den hingelegten, bemalten Holzflügelresten eines uralten Altarschreines, den Bruchstücken eines feinmodellirten ehemaligen Stadtbrunnen-Gitters, erhoben sich auf dem Boden lagernde Riesenfolianten, unter den Füßen graziöse Statuetten modernen Ursprunges. Schränke und Credenzen von kostbarer Schnitzarbeit stiegen an den Wänden empor, oder sie traten auch schräg coulissenartig in’s Zimmer herein, auf den Borden vollbesetzt mit pompejanischem Geschirr, mit kupfernen Trinkkannen, mit Glas- und Silberpokalen, und hoch vom Sims herab rauschten Brocatgardinen irgend eines Nabob-Himmelbettes vergangener Jahrhunderte als Thürvorhang auf den Boden; daneben ragte auf wuchtiger Steinconsole die Kolossalbüste eines altrömischen Kaisers aus der Wandfläche und hob ihr helles Profil lebendig von dem buntschillernden Faltengewoge seitwärts. Ueber dem goldgeäderten, schwarzen Lack des chinesischen Kaminschirmes breiteten sich Pfauenwedel zwischen Terracotta-Vasen aus Pompeji; ausgestopftes Gevögel, schneeweiße Ibisse und Flamingos mit rosafarbenem Gefieder leuchteten aus dem Halbdunkel der Winkel, oder sie standen stelzbeinig auf hingerollten Säulencapitälen aus Theben, neben steinernen Sphinxleibern und Relief-Fragmenten, und aus diesen zusammengewürfelten Steinresten drängten sich frischgrüne, breite Farrenwedel und stachlige Cacteen an’s Licht. – Aus dieser Zusammenhäufung des kostbarsten Materials sprach aber doch harmonisch in Formen und Farben, mächtig fesselnd der Gedanke des Künstlers.

Donna Mercedes war ihrer Schwägerin unwillkürlich bis unter die hinüberführende schmale Glasthür nachgegangen.

Die kleine Frau bemühte sich eben, das Album mit seinen verdorbenen Blättern geschickt unter den Mappen, Scripturen und Büchern eines Tisches zu verbergen.

„Nun was sagst Du zu der Bärenhöhle?“ fragte sie über die Schulter zurück. „Hat sich mein Freund nicht famos eingerichtet?“

„Ja, mit dem Gelde seiner Frau,“ sagte Donna Mercedes im Ton kalter Verachtung und trat mit einer nachlässig gleichgültigen Geberde vor die Staffelei, welche, die Rückseite schräg dem Glashause zukehrend, inmitten des Ateliers stand.

Aber sie schloß erschrocken die Lippen, auf denen offenbar noch eine scharfe Bemerkung geschwebt hatte, und fuhr unwillkürlich zurück; vielleicht wähnte sie in der ersten Ueberraschung, der Fackelschein auf dem Bilde da überfluthe ihr das eigene Haupt, wie er die hinter Buschwerk geflüchtete Frauengruppe grausam verrieth. – Dort aus dem Palaste – sie hatten wohl vor Minuten noch, aus dem Schlafe aufgeschreckt, angstvoll dessen Säle durchirrt – stürmte der Mord den vier Frauen nach. Das schützende Alleedunkel, die Nacht zwischen den hohen Taxushecken hatten sich als treulos erwiesen, und an der kleinen Mauerthür seitwärts fehlte der Schlüssel. Eine der Frauen, ein starkes Weib und offenbar die Dienerin, hatte sich niedergeworfen, und die Fingernägel drunten in die Thürfuge krallend, versuchte sie in wilder Todesnoth das feste, eisenbeschlagene Bohlengefüge aus Schloß und Angel zu reißen. Sie sowohl, wie die in die Kniee gesunkene schöne junge Frau, die wohl weniger für sich, als für das Kind in ihren Armen um Schonung zu flehen sich anschickte, bedeckte noch mitleidige halbe Dämmerung, die zwei Gestalten im Mittelgrunde dagegen wurden völlig überschüttet von dem rothen Lichte, das der erste aus der Allee stürzende Fackelträger vor sich herwarf. Würdig sterben wollte sie, die Hugenottin, die Gebieterin des altfranzösischen Herrenschlosses dort, die Dame mit dem schneeweißen Haar, über das sie flüchtend einen schwarzen Schleier geworfen hatte. Sie wußte, daß die fanatisirten Bluthunde der Königin keines der Leben verschonen würden, die in diesem letzten Schlupfwinkel athmeten – kein Blick fiel mehr auf den todesgeweihten Enkel an der Brust seiner Mutter, wohl aber zog sie einen Theil ihres Schleiers herab und warf ihn über die schöne nackte Brust des jungen Mädchens im losen Nachtgewande, das Schutz suchend sich an die hohe Matronengestalt schmiegte und mit entsetzten Augen nach den Verfolgern zurückstarrte; der

[501] freche Spottblick der Unholde sollte ihr liebstes Kind, die Wonne ihrer Augen, die süße letzte Blume eines sterbenden Geschlechtes nicht entweihen, bevor der Tod kam.

„Puh, von dem Bilde könnte man schreckhaft träumen!“ rief Lucile nach einer momentan eingetretenen tiefen Stille vom Tisch herüber – ihre helle Stimme klang unangenehm aufschreckend in den Zauber hinein, den ein künstlerischer Gedanke dämonisch packend hier ausströmte. „Ich habe mich schon vorhin deshalb aus dem Staube gemacht und die Albums, die ich durchblättern wollte, eines nach dem andern, lieber in’s Glashaus geschleppt. Es ist ein furchtbares Leben in dem Bilde – grauenhaft, sag’ ich Dir. Und mit dem ‚Fischblut’ des Malers ist’s nichts, Dame Mercedes – Da irrst Du Dich gründlich, und –“

„Der Mann hat sich verkauft,“ schnitt die junge Dame verächtlich und achselzuckend die Beweisführung ab und wandte sich von der Staffelei weg. Sie schlug einen der alten Folianten auf, die auf Tischen und Stühlen umherlagen, und sah hinein, aber nur mechanisch, nur für einen Moment; dann hob sie den Blick wieder von den plumpen Holzschnitten auf den modrigen Blattseiten – er irrte träumerisch über die Gegenstände hin, um nach dem Bilde auf der Staffelei zurückzukehren, und blieb plötzlich an der Gallerie hängen, von der die Wendeltreppe direct in das Atelier hinabführte – dort oben stand der Maler selbst; noch waren die Thürvorhänge, hinter welchen er hervorgetreten sein mußte, in wallender Bewegung; er hatte wohl eben erst den Fuß auf die Gallerie gesetzt, und doch sah Mercedes sofort an seinem Gesichtsausdruck, daß er ihre harten Bemerkungen gehört hatte –

Ein kaltes Lächeln zuckte um Mercedes’ Mund. Sie war offenbar nicht gewohnt, einen ihrer Aussprüche zu verleugnen, mochte er auch noch so rücksichtslos sein. Hatte Felix nicht gesagt, der Mann da oben habe die Schilling’schen Familiengüter mit der ungeliebten „langen Cousine“ zurückgeheirathet? – Nun wohl, es geschah ihm ganz recht, zu erfahren, daß er dadurch bei Anderen den Glauben an seine makellos ideale Richtung verwirkt habe. Ihre Augen begegneten mitleidlos, ja, mit grausamer Genugthuung, fest dem empörten Blick, der sie fixirte. Aber plötzlich stieg ein jähes Roth in ihr Gesicht, und die stolze Frau nahm eiligst das lang nachschleppende Gewand auf, um das Arbeitszimmer zu verlassen, das sie ohne die Aufforderung des Besitzers betreten hatte, vorher aber mußte sie sich schlechterdings zu einigen entschuldigenden Worten bequemen.

Er stieg die Wendeltreppe herab, und sie deutete, ihm um wenige Schritte entgegentretend, nach dem Glashause.

„Pirat hat Unheil angerichtet,“ sagte sie mit einer leicht grüßenden Neigung des Kopfes. „Ich hörte den Lärm in der Allee, und die Besorgniß, daß Ihr Eigenthum beschädigt werden könnte, hat mich hierher getrieben.“

„Es bedarf durchaus keiner Entschuldigung für Ihre Anwesenheit im Atelier, gnädige Frau,“ versetzte er kalt. „Es steht jederzeit offen für Besucher aus der Stadt, wie aus der Ferne. Ein Atelier ist ja weder Familienzimmer, noch Boudoir,“ setzte er kühl und flüchtig lächelnd hinzu. Damit ging er an ihr vorüber, wie er gewohnt war, an Fremden hinzugehen, die seine weltberühmten Bilder zu sehen kamen.

Er trat in das Glashaus, hob den triefenden Drachenbaum aus dem Bassin und stellte ihn, wie auch die umgeworfenen Topfpflanzen, an Ort und Stelle. Mit finstergerunzelten Brauen sah er sich um. Aus allen Ecken sprangen Wasserstrahlen, einzelne steil in die Luft steigend, um drunten in das eigene, unter Blattpflanzen versteckte, kleine Bassin zurückzustieben – andere dagegen schossen in dünnen, silbernen Bogen hoch aus dem Pflanzenwald empor und sammelten sich im großen Mittelbassin. Das sah köstlich aus, Baron Schilling aber ging umher, und eine Wassersäule nach der andern erlosch unter seiner Hand.

„Ich begreife den Gärtner nicht – er verwahrt sich doch sonst entschieden gegen die übergroße Feuchtigkeit, der Pflanzen wegen,“ sagte er unmuthig.

„Ach, cher Baron, das bin ich gewesen,“ rief Lucile, die ihm gefolgt war. „Die Entdeckung war unbezahlbar für mich. Hui, wie die Fontainen alle aufzischten! Der Athem verging mir ordentlich vor wonnigem Schrecken. Dann habe ich mich da auf die rothgepolsterte Bank hingestreckt, habe abgefallene Orangenblüthen gekaut und in die Palmenkronen geguckt, auch dazwischen ein wenig im Atelier gekramt – nun, wissen Sie, wie es eben ein toller, naseweiser Kindskopf treibt, wenn er einmal auf ein paar köstliche Minuten der Zuchtruthe glücklich entlaufen ist.... Apropos, was hat denn die Unglückliche verbrochen, der Sie die Augen zugeklebt haben?“ unterbrach sie sich plötzlich und lief in das Atelier zurück. Sie kehrte einen der mit Leinwand bespannten Rahmen um, deren verschiedene an den Wänden lehnten.

„Die Unglückliche“ war ein Studienkopf, ein Frauenantlitz unter einem lockigen Gewoge bräunlich untermalter Haare, denen später wohl goldige Lichter aufgesetzt werden sollten. Die Züge dagegen waren bereits sorgfältig ausgeführt, aber ein breiter dunkler Streifen lief quer über die Augen, sodaß nur die obere Hälfte der sammetweißen Stirn und drunter die feinen Nasenflügel, der sanftgeschwungene Mund in dem lieblichen Oval, wie unter einer Halbmaske sichtbar wurden. Der Streifen lief vandalisch plump bis in das Haar hinein – es sah aus, als habe der Maler mißmuthig den ersten, besten Pinsel ergriffen, um mit einem einzigen breiten Zuge die Augen zu zerstören.

„Die arme Geblendete macht mich ganz fabelhaft neugierig, müssen Sie wissen,“ sagte die kleine Frau. „Sind Sie selbst so unmenschlich gewesen, cher Baron? Und warum, wenn man fragen darf?“

„Weil ich mich überzeugt habe, daß diese Augen nicht in ein Madonnengesicht gehören,“ versetzte er rasch herüberkommend. Ein dunkler Blick streifte zürnend „den tollen, naseweisen Kindskopf“, der ihm so indiscret nachspürte. Er nahm das Bild aus ihrer Hand und schob es hinter einen der Schränke.

Lucile drehte sich auf dem Absatz um und lächelte verschmitzt – Baron Schilling hatte Herzensgeheimnisse.... Ihr Blick suchte Mercedes, die nach seiner kühlen Antwort vorhin schweigend und mit stolzer Gelassenheit wieder hinter die Staffelei getreten war – sie hatte sich nicht durch das Glashaus entfernen wollen, so lange er sich drüben aufhielt, und einen anderen Ausgang nach dem Garten kannte sie nicht. Dann hatte sie das kleine Intermezzo mit dem verunstalteten Bilde unwillkürlich an den Boden gefesselt. Lucile zeigte hinüber nach ihr.

„Sie kann sich nicht losreißen,“ sagte sie zu Baron Schilling. „Ich glaub’s – das ist so eine Blutscene, wie sie im Secessionskrieg genug an sie selbst herangetreten sind – brr! –“ sie schüttelte sich. „Ich habe, Gott sei Dank, von all der scheußlichen Mordbrennerei nicht viel gesehen,“ fuhr sie fort, und in einen nahestehenden Lehnstuhl sinkend, grub sie die Füße in das Bärenfell, das sich auf der Steinmosaik des Fußbodens hinbreitete. „Als es gefährlich wurde, da brachte Felix mich und die Kinder nach Florida, auf die ganz entlegene Besitzung Zamora, die Mercedes gehört. Ganz Südcarolina war verwüstet, Charleston gefallen und Columbia niedergebrannt, und ich habe das Alles nicht eher erfahren, als bis eines Tages Mercedes kam, um mich darauf vorzubereiten, daß man gleich nach ihr – meinen armen Felix bringen werde.“

Sie hielt inne – ihr kleines Gesicht wurde ganz blaß, und die Lippen zuckten. Die Erinnerung an den schmerzlichen Schrecken jener Stunden überkam sie plötzlich, aber sie huschte ebenso rasch und scheu darüber hin, wie der leichtbeschwingte Vogel über einen Abgrund. „Mercedes sah aus wie eine Zigeunerin, so sonnenverbrannt und verwahrlost im Anzug,“ fuhr sie fort, unter einem aufkeimenden Lächeln die Thränen von den Wimpern wischend. „Felix sagte, sie hätte seinen weiten und schwierigen Transport wie ein Mann durchgesetzt – ja, sie ist eben von anderem Schrot und Korn, als ich. Den Sarraß am Gürtel und den Revolver in der Hand, Nachts durch den Busch schleichen, um die Stellung des Feindes auszukundschaften, oder, in den Soldatenmantel gewickelt, am Lagerfeuer zu bivouakiren, das wäre nun einmal nicht meine Sache – ich danke schön. Aber es muß wohl so im Blut der Spanierinnen liegen, daß sie überall gern das Mädchen von Saragossa spielen, ihrer Schönheit zum Schaden.... Als Desdemona, wie Mama mit ihren schönen Armen, könnte Mercedes Ihnen niemals sitzen, cher Baron“ – jetzt glitzerte das Sprühteufelchen der Bosheit wieder aus ihren Augen – „sie hat einen furchtbaren Säbelhieb bekommen; die Narbe ringelt sich wie eine blutrothe Schlange über ihren rechten Oberarm hin.“

Die hohe, schlanke Frau stand dort an der Staffelei – und um den bronzeschimmernden Arm, der, leicht bedeckt vom Aermel, lässig an der Seite niederhing, schlang sich verborgen das blutige Zeichen, das der Krieg seinen Kämpfern aufdrückt.

Baron Schilling trat, wie von einem raschen Impuls getrieben neben sie. Sie wandte ihm halb die Augen zu, seltsam flimmernd, wie traumverwirrt, als kehrten sie eben zurück von brennenden Städten und zerstampften leichenbedeckten Reisfeldern. „Aber nicht so – nicht so! Nicht ohne Vertheidigung bis zum letzten Herzschlag – wer möchte sich so lammgeduldig abschlachten lassen?“ protestirte sie, auf die Gestalt der Hugenottin deutend, und so unmittelbar an Lucile’s Bemerkung bezüglich der Blutscene anknüpfend, daß man sah, sie sei der ganzen übrigen verrätherischen Plauderei, welche dort vom Lehnstuhl vernehmlich herübergeklungen war, vollkommen entrückt gewesen.

„Ich wollte eine Frau darstellen, die für das Ideale stirbt,“ sagte Baron Schilling ruhig.

Sie fuhr mit einem wildflammenden Blicke herum. „Und wir?!“

Sie haben nur für Ihre Herrenrechte gekämpft –“

„Nicht für den Sieg des Geistes, der Bildung über die rohe Masse? Nicht für den heiligen Boden der schönen, gesegneten Heimath?“ – Sie wandte ihm in stolzer Entrüstung den Rücken. – „Was weiß man in Deutschland!“ setzte sie achselzuckend und bitter hinzu; ihr Blick irrte ziellos droben durch den Raum, während sie mit bebenden Fingern all ihrem Gürtelbande pflückte. „Man tanzt blindlings mit vor dem Götzen ‚Humanität’, den der Norden heuchlerisch aufgestellt hat; man glaubt an die scheinheilige Maske, die sich der glühende Neid vorgebunden, um die Macht des Südens zu brechen, ihm die leitende Rolle im Staatswesen zu entreißen, seine edlen, stolzen Geschlechter zu Bettlern zu machen – o heilige deutsche Verblendung! – Man läßt die weißen Brüder zermalmen und liebkost die schwarze Race –“

„Wenn man die Stricke barmherzig zerschneidet, die einen Geknebelten am Boden niederhalten, so ist das noch lange keine Liebkosung. Diese dunkelhäutigen Menschen –“

„,Menschen?!“ unterbrach sie ihn achselzuckend, mit leisem Hohnlächeln und einer unnachahmlichen Geberde voll tödtlicher Verachtung über die Schulter blickend.

Wie ein Seraph stand sie da in ihrem weißen Gewande – und in diesem schmiegsamen Leibe wohnte das schnödeste Vorurtheil, eine harte Seele, die eisengepanzert durch die Welt ging, der zarten äußeren Frauenschöne, die ihr verliehen, zum Trotze.

„Jetzt begreife ich, daß Sie zurückschaudern vor der deutschen Luft, die sich gegenwärtig aufmacht, stagnirendes Unrecht aus seinen dunklen Ecken zu fegen,“ sagte er, unwillig in ihre Augen blickend.

„Ach ja – ich las schon davon. Und sie thut das mit gewohnter deutscher Gründlichkeit – daran ist nicht zu zweifeln,“ versetzte sie, satirisch beipflichtend. „Was sie dabei an gutem, angestammtem Rechte mit hinwegfegt, das kommt ja nicht in Betracht bei den Reformen, die unsere Weltverbesserer in Scene setzen.“ Diese verhaltene Stimme bebte vor Erregung, und wohl gerade deshalb brach die stolzverschlossene Frau das Thema ab. „Glauben Sie ernstlich, daß wir dort drüben das vorgesteckte Ziel schließlich erreichen werden?“ fragte sie, nach der Richtung des Klostergutes zeigend, scheinbar kühl und gelassen.

„Ich will es glauben, weil ich das Vertrauen auf schönes weibliches Empfinden im Frauenherzen nicht verlieren möchte,“ antwortete er mit einer Art zornigen Lächelns. „Aber ich wünsche sehnlich, daß die Entscheidung in weitester Ferne liege –“

Sie hatte schon nach seinen ersten Worten den Fuß auf die Schwelle der Glasthür gesetzt, um zu gehen; jetzt wandte sie den Kopf noch einmal zurück.

„Und weshalb?“ fragte sie.

„Das sollten Sie nicht fragen, die Sie stündlich sehen müssen, daß mit den Kindern ein unaussprechliches Glück in mein Leben eingezogen ist.... Ich verliere meine Lieblinge, sobald die Großmutter versöhnt ist, und wer möchte ohne Schmerz Liebe aufgeben, die das Dasein neu beleuchtet? Die Kinder hängen an mir“ – er hielt inne – „oder gönnen Sie auch das dem deutschen Manne nicht?“ fragte er, schwankend zwischen ironisirendem Scherz und zweifelndem Ernst – er hatte gesehen, wie sich ihr Blick unter den zusammengezogenen Brauen verdunkelte.

„Bah, wie mögen Sie nur so reden Baron!“ rief Lucile herüber. „Nicht gönnen! Lächerlich! Ist denn Dame Mercedes nicht eben im Begriff, meine armen Kinder ohne Gnade und Barmherzigkeit in die scheußliche Mördergrube da drüben zu werfen?“

Donna Mercedes ignorirte diese Bemerkung vollständig.

„Ich habe mir gegen den letzten Wunsch und Willen meines Bruders nie eine Einwendung erlaubt,“ wandte sie sich an Baron Schilling. „Aber es wäre eine Lüge, wollte ich sagen, ich hätte nicht vom ersten Wort seiner Instruction an den geheimen Wunsch gehabt, die alte Frau auf dem Klostergut möchte in ihrer grausamen Härte verharren und die Enkel zurückweisen. Denn dann treten die Rechte in Kraft, die Felix mir testamentarisch übertragen hat, und ich darf auch sagen. ‚Sie sind mein – meine Kinder!“

Sie drückte die schmächtige Hand unwillkürlich auf die Brust und war so für einen flüchtigen Augenblick von allen Frauengestalten, die das Atelier in seelenvoller Darstellung belebten, wohl die hinreißendste im Ausdruck der tiefen, aber auch eifersüchtigen Zärtlichkeit, die Anderen ihr Idol nicht gönnt.

„Dieses stillschweigende Abwarten widerstrebt mir; es ist eine Marter für mich,“ fuhr sie fort. „Es bedarf oft meiner ganzen Willensstärke, daß ich die Kinder nicht plötzlich nehme und mit ihnen der Großmutter gegenüber trete, um der qualvollen Ungewißheit ein Ende zu machen, die Entscheidung eigenmächtig herbeizuführen“ – sie hielt inne auf die lebhaft abwehrende Handbewegung hin, mit der er sie unterbrach. „Es geschieht nicht,“ setzte sie, den schönen Kopf schüttelnd, in sinkendem Tone hinzu. „Aber einen Anfang wenigstens möchte ich sehen – einen ersten Schritt zum Ziele –“

„So wollen Sie mir vorläufig einen Einblick in Felix’ Familienpapiere gestatten; ich fürchte, wir werden sie brauchen,“ fiel er ein.

„Sie stehen sofort zu Ihrer Verfügung.“

Mit einem auffordernden Handwinken trat sie rasch durch das Glashaus hinaus in den Garten.

Lucile sprang auf und folgte ihr. Sie hing sich an Baron Schilling’s Arm, während sie durch die Platanenallee dem Säulenhalle zuschritten.

„Puh, dort steht er schon wieder am Zaun, der Samiel, das nichtswürdige Onkelexemplar, das damals so impertinent aus seiner Stubenthür herüberlachte,“ raunte sie. „Der Zaun ist hoch; man sieht kaum die Habichtsnase und den borstigen Haarschopf auf der Stirn, aber ich habe wahre Falkenaugen und ein gutes Gedächtniß; das Gesicht steht in meiner Seele, als sei es hineinphotographirt – ich habe ihn auf den ersten Blick wiedererkannt. Denken Sie an mich, Baron – der alte Fuchs hat Lunte gerochen; er guckt mir viel zu viel über den Zaun. Da – weg ist er! So verschwindet er immer, wenn man fest hinübersieht.“

Donna Mercedes hatte sich in dem Salon mit den holzgeschnitzten Wänden wohnlich eingerichtet. Nahe dem einen Fenster, die Wand entlang, die an das Klosterhaus stieß, stand der prächtige Steinway-Flügel, den sie mitgebracht, und in der andern Fensternische hatte sie einen großen Schreibtisch placirt. Er war mit elegantem Schreibgeräth, Bücherstößen und verschiedenen Schatullen voll besetzt.

Von einem der unteren Regale, aus einer dunklen Ecke, nahm die junge Dame ein Rococokästchen von Edelmetall in köstlich getriebener Arbeit; sie schloß es auf und breitete seinen Inhalt, verschiedene Papiere, auf die Tischplatte.

„Hier sind sämmtliche Papiere,“ die Felix aus Deutschland mitgebracht hat,“ sagte sie, „und hier das Schriftstück, das seine Trauung mit Lucile in Columbia bezeugt; das sind die Taufscheine seiner Kinder – diese drei Documente“ – unterbrach sie sich – „würden nicht wieder zu erlangen sein, wenn sie verloren gingen, denn die Kirchenbücher in Columbia sind mit verbrannt. Das ist –“

„Der Todtenschein des armen Felix,“ ergänzte Baron Schilling mit fallender Stimme, da sie verstummte. Aber auch er schwieg plötzlich und sah sich um. „Ah! spuken die Mäuse auch am hellen Tage?“ rief er, noch auf das Knirschen horchend, das bereits verhallt war.

„Ja – die Mäuse!“ wiederholte Lucile gedehnt und ausdrucksvoll spöttisch und machte sich schleunigst aus dem Staube.




16.

Inzwischen hatte José den allzu dienstfertigen Pirat scheltend in seinen Schlafraum, eine Kammer hinter dem Atelier, eingeschlossen. Er war dann seines verschüchterten Kaninchens unter Thränen und Mühen wieder habhaft geworden und trug es nun auf dem Arme, athemlos vor gespannter Beobachtung, denn das Thierchen fraß ihm zutraulich die Grashalme aus der Hand.

Der Kleine, über dessen blonden Scheitel noch vor Wochen die tropische Sonne geleuchtet hatte, spielte wie ein echtes Germanenkind am liebsten unter den Teichlinden. Er liebte das bienendurchsummte Wipfeldach, den kleinen Wasserspiegel mit seinen glitzernden Furchen, welche die mückenhaschenden Karpfen zogen, den ihn umschließenden Rasenring, auf den die Enten watschelnd und schnatternd heraufstiegen, um segelmüde den metallisch schillernden Leib in das weiche Gras zu ducken. Und in diesen feuchtkühlen, lockenden Schatten trug er auch jetzt seinen kleinen Spielcameraden, nachdem er den sonnenheißen Garten kreuz und quer durchwandert. Er setzte das Thierchen behutsam in das Gras und kauerte sich daneben. Mit sanften Händen streichelte er das seidenweiche Fell: er sah entzückt in die seltsamen rothglühenden Augen und beobachtete aufmerksam das Spiel der Ohren, bis ihn plötzlich ein kreischendes Lachen aufscheuchte.

Drüben im Klostergarten, auf einem dicht am Zaun stehenden hohen Birnbaum saß Mosje Veit. Er schlenkerte die langen Beine in der Luft, und die weißen Zahnreihen des weiten, lachenden Mundes blinkten wie die eines kleinen Raubthieres.

„Ach, der dumme Kerl! Der Einfaltspinsel! Er denkt wunder was er hat! ’S ist ja ein ganz gewöhnliches Karnickel; weißt Du denn das nicht?“ schrie er herüber.

„Ein Karnickel?“ wiederholte das verblüffte Kind, das neue Wort mit fremdartigem Accent betonend, und sah zweifelhaft bald das Kaninchen, bald den fremden Knaben an, den es noch nie gesehen und der sich hoch oben auf dem weit hinausragenden Ast so sicher geberdete, als säße er auf einem Stuhl. Und jetzt lief dieser wunderbare Junge mit affenartiger Geschwindigkeit auf allen Vieren den Ast entlang und glitt am Stamme nieder. Einen Augenblick war er vollständig verschwunden; man hörte nur ein Rauschen und Knicken im Gezweig; dann kam der haarstarrende Knabenkopf unten durch den Zaun, und gleich darauf stand Veit auf seinen dünnen Beinen und lief nach dem Teich.

Sein Erscheinen hatte auch hier dieselbe Wirkung wie im Klosterhof – das Kaninchen flüchtete in die Boscage, und einige Enten, die behaglich im Grase gelegen, fuhren schnatternd empor und stürzten sich kopfüber in das Wasser.

„Laß es doch laufen, Du dummer Junge!“ rief er und vertrat José, der das kleine Thier wieder einzufangen suchte, den Weg. Und der Kleine blieb gehorsam stehen und sah in scheuer Bewunderung zu dem kecken Burschen empor, der, vielleicht nur um ein Jahr älter als er, ihn fast um Kopfeslänge überragte.

José hatte bis dahin nie einen Spielgefährten gehabt, und nun stand da plötzlich einer vor ihm, der wundervoll klettern konnte, der mir nichts dir nichts durch stachlige Zäune kroch und die imponirende Thatsache wußte, daß das Kaninchen eigentlich nur ein Karnickel sei.

„Die kennen mich,“ sagte Veit, nach den fliehenden Enten zeigend. „Paß auf, wenn ich ihnen Eines auf den Pelz brenne!“ Und mit behender Geschicklichkeit warf er Kiesel um Kiesel hinüber und machte die erschrockenen Thiere der Reihe nach untertauchen. Sie peitschten mit ihren Flügeln das hochaufspritzende Wasser und schrieen mit vorgestreckten Hälsen um die Wette, und dazwischen lachte Veit wie toll und patschte sich vor Wonne mit seinen dürren, sonnenverbrannten Händen die Kniee.

Der kleine José verwandte kein Auge von ihm. Der frechkluge Blick der tiefliegenden, schmalgeschlitzten Funkelangen, die Sicherheit und Gewandtheit in jeder Bewegung dieses langen Jungen, seine rohen Manieren, die er den Knechten des Klostergutes abgelernt, übten eine dämonisch anziehende Wirkung auf das Kind.

„So, die haben genug für heute!“ sagte Veit und ließ mit einem leisen Pfiff den letzten Stein über das Wasser sausen. „Jetzt kömmst Du mit! Ich will Dir meine Lapins zeigen. Da wirst Du gucken. Die sind freilich anders, als Dein schauderhaftes Stallkarnickel.“

José sah scheu nach der Stelle im Zaun, aus welcher Veit gekommen war. Undurchdringliches Blattwerk breitete sich dort aus – man bemerkte nicht die kleinste Lücke. „Ich kann nicht durch,“ meinte er verzagt.

„Dummes Zeug! Kann ich doch durchkriechen. Ich habe mir das Loch selbst durch den Zaun gemacht und bin alle Tage drüben in Eurem Garten – Ihr wißt’s nur nicht.... Komm’ nur mit – es geht ganz gut.“

Er sprang hinüber, schob die Blätter aus einander und war im nächsten Augenblick verschwunden. Und José kroch ihm nach. Sein kleines Herz pochte heftig in einem Gemisch von Angst und geheimnißvoller Wonne; die Dornen zerrten schmerzhaft an seinen Locken und für das blaue Cachemirhöschen war die stachlige Passage sehr bedenklich, aber es ging tapfer weiter in dem grünen Tunnel, der schräg durch den Zaun lief und drüben vor einem Zwiebelbeet mündete.

Das war nun eine ganz andere Welt, jenseits des struppigen Zaunes. Da gab es keine schlängelnden Kieswege, keinen Teich, keine Allee mit eleganten, gußeisernen Möbeln. Wie lange, geradlinige Dominosteine reihten sich die Gemüsebeete an einander, nur einmal von dem schmalen, mit Buchsbaum eingefaßten Mittelweg durchschnitten. – Für herumtollende Kinderfüße gab es hier keinen Platz, selbst auf dem Stücke Grasboden nicht, das sich weit hinten nach der Straßenmauer zu an die Beetreihen anschloß, dort breiteten sich, festgepflöckt, lange, lange Streifen bleichender Leinewand hin, ein Laufbrunnen rauschte und um seinen Steintrog stand ein ganzes Regiment Gießkannen. Das sah Alles so ernsthaft aus – drum kroch Mosje Veit immer durch den Zaun. Es war nur Etwas da für Kinderaugen – die schönen Beerensträucher hinter den Buchsbaumguirlanden des Hauptweges. Die grünen, dickköpfigen Früchte der Stachelbeere zogen schwer die Zweige zu Boden, und die schaukelnden Johannisbeertrauben nahmen schon Farbe an und leuchteten schön hellroth in der Sonne.

Veit hob seine Reitpeitsche auf, die er vorhin unter dem Birnbaume zurückgelassen, und hieb im Vorüberlaufen so derb in die Sträucher, daß ein förmlicher Blätter- und Beerenregen zwischen die Selleriestauden und Salatköpfe niederfiel „Man kann sie immer noch nicht essen,“ sagte er mit einem tückischen Blicke auf die kleinen, harten Früchte, die seine Geduld auf eine so lange Probe stellten. Er steuerte auf die Mittelthür des Hintergebäudes los, die gerade auf den Hauptweg mündete. Sie war grau verwittert, hing schief in den Angeln und sah wenig einladend aus, daß es aber so stockfinster hinter ihr sein würde, hatte der kleine José doch nicht gedacht. Er klammerte sich mit beiden Händen ängstlich an Veit’s Sammetkittel, als die Thür hinter ihnen zufiel.

„Ich glaube gar, Du fürchtest Dich, Du Lump! Willst Du wohl Deine Hände wegthun?“ schalt der lange Junge und schlug auf die kleinen Finger, die ihn festhielten. „Das ist unser Holzstall, und da habe ich meine Lapins.“

Man hörte Pferdegestampf und die Brummstimmen der Kühe dumpf herüber, und der heiße Dunst des Kuhstalles schlug durch irgend eine offene Luke herein. Allmählich wurde es auch heller – der Tagesschein dämmerte vom Garten her durch kleine, mit Eisenstäben verwahrte Fensterlöcher, vor denen dichtes Weinblättergespinnst lag, und dieses ungewisse Licht beschien auch die Lapins in ihrem Bretterverschlag, über welchen hinweg eine Treppe in die oberen Räume lief.

Dieses steile, dunkle Holztreppchen ging es im Sturmschritt hinan, nachdem Veit’s grausame Hände die unglücklichen Kaninchen an den Ohren herbeigezerrt und verschiedene Mal durch die Luft geschlenkert hatten – und José lief mit auf Tritt und Schritt. Das zarte Kind, das von seiner ersten Lebensstunde an behütet worden war wie ein Prinzenleben, es kletterte in diesen weitläufigen verlassenen Hintergebäuden über halsbrechende Treppen und Leitern, über freischwebende Balken und lief arglos an den dunkelgähnenden Schlünden hin, durch welche die Getreidebündel auf die Tenne hinabgeworfen wurden – immer ohne einen Laut des Widerspruches dem unruhig vorwärts hastenden großen Burschen wie seinem Leitstern auf den Fersen folgend und eifrig bemüht, ebenso herzhaft zu tappen und aufzustampfen, wie er – genau so kräftig klang es freilich nicht – der hatte aber auch „wundervolle“ kleine Hufeisen auf seinen Absätzen.

Ach, wie schön war es doch, daß man auch einmal so ein rechter Junge sein konnte! Jack und Deborah waren nicht da mit ihrem ewigen Bitten und Warnen, und man durfte sich auf den fremden Treppen und Gängen austoben, ohne der Mama oder Minna den Besatz von der Schleppe zu treten, was allemal einen Heidenlärm gab. Und wie süß das kaum eingefahrene, frische Heu duftete, in das man bis über die Kniee weich einsank – und was war das für ein wonniger Schrecken, wenn plötzlich aus einer ganz entlegenen Ecke eine aufgejagte Henne ängstlich gackernd und schreiend emporfuhr und halb fliegend, halb rennend das Weite suchte, ihr verschlepptes Nest mit blanken, weißen Eiern zurücklassend!... In jedem Sonnenstrahle, der als langes, scharf abgekantetes Goldband durch die Dachluken fiel, wimmelten Myriaden von Stäubchen geräuschlos lebendig – man hörte das Rucksen der Tauben in nächster Nähe auf dem Dache und konnte durch einzelne verschobene Ziegel hinabsehen in den großen, gepflasterten Hinterhof mit seinen Truthühnern, den dumm einhertrottenden Kälbern und dem großen, einsamen Baume in der Ecke, in welchem die vielen aus- und einfliegenden kleinen Vögel brüten mochten. Und oben unter dem Dach des zweistöckigen Seitengebäudes, das an das Klostergut selbst stieß, pfauchte plötzlich auch eine schöne, buntgefleckte Katze aus einer halboffenen Kammerthür – sie schien die Knaben angreifen zu wollen, vor Veit’s hochgeschwungener Reitpeitsche aber ergriff sie sofort die Flucht und kletterte angstvoll am Sparrwerk empor.

„Ei was – die Miez hat junge Katzen,“ schrie Veit und rannte in die Kammer hinein. Auf dem Boden eines alten, halb aus den Fugen gegangenen Bastkorbes hockten in der That drei noch sehr junge Kätzchen. „Werd’s gleich dem Papa sagen; Fritz muß sie heute noch ersäufen – das giebt allemal einen Hauptspaß,“ jubelte er.

José kauerte sich auf die Dielen und sah mit großen, strahlenden Augen in den Korb – er hörte gar nicht, was der Andere sagte. Drei so allerliebste, geschmeidige Thierchen, weichgebettet auf allerlei buntem Lappenzeug, in einem Korbe beisammen, das war ja noch hübscher als das Zaunkönignest, das ihm Onkel Arnold neulich in einem großen Weißdornbusch gezeigt hatte. Mit scheuem Finger strich er zärtlich über die weichen Fellchen.

Diese mädchenhafte Sanftheit reizte und ärgerte den großen Jungen.

„Du bist doch noch schrecklich dumm,“ schalt er. „Macht doch der Einfaltspinsel ein Wesens mit dem Viehzeug, wie die Tante Therese mit ihren jungen Truthühnern!“

Veit nahm eine der kleinen Katzen aus dem Korbe und stellte sie auf ihre schwachen Beinchen; sie blieb breitspurig stehen und miaute kläglich.

Auf diese Laute hin kam die Katzenmutter wieder über die Schwelle gestürzt, aber sie mochte Veit’s Gertenhiebe zur Genüge kennen – die Furcht siegte abermals über die Mutterliebe – sie floh vor der gehobenen Reitpeitsche seitwärts an der Wand hin und kletterte an einem Regal empor; Veit sprang auf einen daneben stehenden Stuhl und schlug nach ihr. Was auf dem oberen Brett stand, alte Hutschachteln, halbzerbrochenes Porcellan und dergleichen, es stürzte alles unter den flüchtenden Füßen der Katze auf die Dielen herab; das polterte und klirrte; erstickende Staubwolken wirbelten auf, und unter Veit’s kreischendem „Hu, hu!“ flog die arme Gehetzte auf der andern Seite des Regales hinab und zur Thür hinaus.

Inzwischen hatte José die kleine Katze wieder auf ihr Lager gebracht. Dem zartgewöhnten Kind war der wilde Lärm der Hetzjagd sehr peinlich; es sah sich scheu um nach den zerschmetterten Porcellanscherben und athmete auf, als die Katze zur Thür hinauslief – er hörte noch, wie ihr Veit mit heftig stampfenden Füßen durch den langen Gang draußen nachsprang; dann war es hübsch still, und er konnte nun ungestört mit den Kätzchen spielen.

Er strich das Zeug im Korbe, auf dem die Katzen lagen, glatt, wie es Deborah immer mit seinem Kopfkissen machte, ehe er einschlief. Und die Sonne kam durch die erblindeten Scheiben des Rumpelkammerfensters und warf bunte Regenbogenfarben auf seine geschäftigen kleinen Hände – das machte ihm Freude; er hielt sie immer wieder empor und badete sie in dem flimmernden Schein.... Dann rastete auf dem Fensterbret draußen ein kleiner Vogel; er verspeiste die zappelnde Mücke, die er im Schnabel mitbrachte, und guckte mit seinen beerenschwarzen Augen scheu in die Kammer. Es klang sein Gezwitscher so stark und hell herein; auch das Miauen der kleinen Katzen wurde so laut, und bei jeder Bewegung des Knaben ächzte und quikte die Diele, auf der er kauerte – es war ja aber auch so still, so todtenstill geworden – der große Junge, der eigentlich nicht eine Secunde lang ruhig auf seinen Beinen stand, rührte und regte sich nicht mehr, und er mußte doch längst wieder hereingekommen sein, denn wie lange, lange war es schon, daß er die Miez hinausgejagt hatte!

Das Kind wandte sich arglos um; der große Junge war nicht da, und dort, wo vorhin die Katze mit ihrem Verfolger verschwunden war, in der Thüröffnung, dämmerten halbverwischte, seltsame, graue Schnörkeleien, und man konnte nicht mehr in den Gang hinaussehen.... Das unschuldige Kind begriff im ersten Moment seine Situation nicht – die große, gemalte Fläche dort war eine Thür, die man selbstverständlich aufmachen konnte, und der lange Junge stand natürlich draußen auf dem Gange.

José erhob sich und lief durch die Kammer, aber die Thür ließ sich nicht aufdrücken – es war auch kein Griff, kein Schlüssel zu sehen; nur an der Stelle, wo ehemals das Schloß gesessen, war ein kleines Loch im Holz verblieben, durch das man in den dunkel dämmernden Gang hinauslugen konnte. Da draußen aber war es grabesstill, und durch die festanschließende Thür, die nicht wich, noch wankte, konnte keine Maus schlüpfen. . . .

Das Kind stieß plötzlich einen markerschütternden Schrei der Furcht und Angst aus, aber es schwieg ebenso rasch wieder und drückte mit zurückgehaltenem Athem aufhorchend das Ohr an die Thürfuge – draußen schlich es über die knarrenden Dielen.

„Ach, lieber Junge, mache mir doch auf!“ bat der Kleine flehentlich.

Keine Antwort, keine Berührung der Thür, die ihn zwischen diese schrecklichen vier Wände einsperrte.

Er pochte unter herzbrechendem Weinen mit den kleinen Fäusten aus allen Kräften auf die schmutzigen Bretter, und dazwischen rief er mit seiner zärtlich bittenden Kinderstimme nach Tante Mercedes, nach Jack und Deborah, nach Allen, die ihm zu Hause jederzeit helfend die Hände entgegenstreckten – bis er heiser und erschöpft auf der Schwelle niedersank.

Dort kauerte er, hoch oben im alten Falkennest, auch ein schönes, verirrtes, von unbeschreiblicher Furcht geschütteltes Vögelchen, wie einst der arme „Colibri“. – Wenn das der Verstoßene gewußt hätte, der weit drüben über dem Meere, an Floridas Küste, unter Magnolien- und Lorbeerbäumen den ewigen Schlaf schlief!... Er hatte sie ja auch gekannt, diese wüste, sonnenheiße Dachkammer, in der Alles aufgestapelt wurde, was sich als dienstuntauglich erwies – diese Wände, behangen mit wackligen Rahmen, in denen hier und da noch ein Spiegelsplitter steckte oder ein Fetzen geölter Leinewand eine Ecke füllte – diese altfränkischen Truhen voll alter Schmöker und Kalender, aus denen ganze Mottenwolken wirbelten; die Garnweifen und Spinnräder mit ihrem abgenutzten Trittbrett, die vielen Generationen der Wolfram’s, von der Wiege bis zur Gruft, in die unverwüstliche Hausleinewand gehüllt hatten.... Da lagerten auch wurmzerfressene Stuhlgestelle übereinander, auf denen vielleicht noch die Tuchweberfamilie gesessen hatte, die vor drei Jahrhunderten aus dem engen Stadtgäßchen auf das Klostergut übergesiedelt, und in einer Ecke waren die Reste groben Kinderspielzeugs zusammengekehrt – auch die halbentkleideten, kopflosen Puppenbälge, die einst die jüngsten Töchter des Wolframschen Hauses, die flachshaarigen Mägdelein der armen Frau Räthin, gewiegt und geherzt hatten, lagen dort....

Der Sonnenschein verließ allmählich das kleine Dachfenster, und der Vogel auf dem Sims war schon beim ersten gellenden Aufschrei des Kindes erschreckt fortgeflogen. Die jungen Katzen waren jetzt auch still; sie lagen zusammengeduckt wie ein grauer Knäuel in dem Korbe und hoben nur schlaftrunken die Köpfe, wenn der kleine Eingesperrte auf der Thürschwelle in ein lauteres Jammern ausbrach.

So oft das Kind die verschwollenen Lider furchtsam hob, sah es auf die von Alter und Abnutzung entstellten und verzerrten Gegenstände. Alle Spukgeschichten, die ihm Deborah so fleißig erzählt, wurden in ihm lebendig – sie glotzten aus dem zeigerlosen Zifferblatt der hölzernen Uhr an der Fensterwand, aus dem übrig gebliebenen Menschenauge auf einem der Bilderfetzen; sie huschten aus den Truhen und durch das Conglomerat von auf einanderhockenden Stuhlbeinen und winkten und haschten mit den bleichen Lederarmen der Puppenbälge. Auch die Geschichte von fortgelaufenen Kindern, die sich zur Strafe verirrt, ging durch die gemarterte junge Seele.

„Ich will’s nie wieder thun, Tante. Ich will nie wieder fortlaufen,“ murmelte er schluchzend, als läge er, die kleinen Arme um ihren Hals schlingend, geborgen am Herzen der schönen Tante und flüsterte ihr, wie immer, seine Abbitte in’s Ohr.

Draußen herrschte fort und fort die tiefe, hoffnungslose Stille – nur selten klang ein Hahnenschrei wie aus weiter, weiter Ferne vom Hofe über das Dach her. Aber in der Kammer selbst machten sich jetzt Geräusche bemerklich – es tappte auf leisen Sohlen; Papier raschelte, und plötzlich klirrten die Porcellanscherben auf den Dielen – eine freche junge Ratte, die trotz der Katzennähe ihr Heimathsrecht in der Rumpelkammer behauptete, hatte offenbar Speisereste an dem Porcellan entdeckt; sie tummelte sich schnobernd zwischen den Scherben, und diese Erscheinung war noch viel schrecklicher als die vermeintlichen Spukgestalten. Der Knabe hatte eine Abneigung gegen Mäuse – nun lief da eine so entsetzlich große – sie konnte im nächsten Moment auf ihn zu huschen.

Unter furchtbarem Schreien schnellte er empor. Die Ratte verschwand unter dem Regale, aber der entsetzte Kleine rannte wie toll von Wand zu Wand, fast ohne Unterbrechung gellende Hülferufe ausstoßend; nicht einen Augenblick wagte er zu rasten, aus Furcht, das Thier könne wieder hervorkommen und an ihm emporspringen.... Er lief und lief, zuletzt athemlos, schweißbedeckt, lallend und kreischend – da wurde plötzlich draußen ein Riegel weggeschoben und die Thür aufgerissen.

Eine große Frau trat auf die Schwelle; das Kind taumelte mit ausgestreckten Armen auf sie zu und stammelte: „Ach, mache die Thür nicht wieder zu! . . . Ich will ein guter Junge sein! Ich will nie wieder fortlaufen.“

Es war ein todtenbleiches Gesicht, das sich über ihn bog, und durch den Körper der Frau ging es wie ein Schaudern, als die Kinderarme sich um ihre Hüften schlangen – aber sie ergriff den Knaben und führte ihn hinaus auf den Gang.

Und da war ja auch mit einem Male der lange Junge. Er kam hinter einem Schornstein hervor und trampelte vor Vergnügen mit seinen Hufeisen wie ein ausgelassenes Füllen. „Gelt, es ist schön in der Rumpelkammer? Hast Du nun lange genug mit den Katzen gespielt?“ schrie er und lachte aus vollem Halse.

Du hast ihn heraufgelockt und eingesperrt?“ fragte die Frau kurz und mit seltsam tonloser Stimme.

„Freilich – wer denn sonst?“ Er hieb mit der Reitpeitsche durch die Luft, und seine schiefgestellten, verschmitzten Augen schielten impertinent an der Frau empor. „Aber was hast denn Du darnach zu fragen? Dich geht es ja gar nichts an.... Ich kann den Zierbengel nicht ausstehen – er ist noch schrecklich dumm und läuft einem nach wie ein junger Hund. Einen Spitzenkragen hat er um, der Affe, und seine Schuhe sind –“

Er kam nicht weiter. Mit einem raschen festen Griff hatte die Frau ihn gepackt und züchtigte ihn weidlich mit ihren großen, kräftigen Händen – dann stellte sie ihn auf die Beine und stieß ihn nach der offenen Thür, die vom Gange in das Klosterhaus führte. Zuerst hatte er, stumm vor Ueberraschung, keinen Laut von sich gegeben. Er war in seinem ganzen jungen Leben noch nicht geschlagen worden – wer von den Leuten hätte sich auch je an dem vergötterten Rathssöhnchen aus dem Klostergute vergreifen mögen? – Er wußte nur, daß andere Geschöpfe unter seinen Gerten- und Peitschenhieben aufschrieen – und nun schrie er selber, aber erst in dem Moment, wo ihn die unerbittliche Hand auf die Füße stellte.... Nun rannte er wie besessen durch den Gang und die Treppe hinab; die eisenbeschlagenen Absätze tosten über die Stufen; er kreischte wie ein Thier – je tiefer er hinab kam, desto durchdringender. Das gellte von den Treppenwänden und hallte aufschreckend durch den weiten Flur des alten Klosterhauses. Das Gesinde lief zusammen, und der Rath kam entsetzt aus dem Amtszimmer und fing seinen auf ihn zustürzenden Sprößling in den Armen auf.

Kreideweiß vor Schrecken trug er ihn in seine Stube, und die Hand, die das magere, braune Gesicht des Knaben beruhigend streichelte, zitterte sichtlich.

Mosje Veit wußte, daß er an Krämpfen litt – die Mägde hatten in seiner Gegenwart davon gesprochen und die Zuckungen nachgeahmt. Seitdem traten diese Erscheinungen sehr häufig auf; er warf sich hintenüber und zuckte mit Armen und Beinen, wenn irgend einer seiner Wünsche auf Widerstand stieß.... In diesem Augenblick nun durchschütterte eine wirkliche Aufregung, eine grenzenlose Wuth, den dürren schmächtigen Körper – er schlug um sich und wühlte, immer noch schreiend, den Kopf convulsivisch in die dicken Federkissen des Sophas, auf das der Rath ihn gelegt hatte. Dieser Zustand erschien allerdings beängstigend, aber die kleinen, zwinkernde Augen des Patienten schielten sehr bewußt und beobachtend dem Vater nach, der angsterfüllt nach einem Schranke eilte, um das gewohnte, krampfstillende Mittel herbeizuholen.

Da riß das Geschrei jäh ab, und das Schlagen auf dem Sopha verstummte. Diese plötzlich eintretende Stille hinter seinem Rücken machte den Rath erschreckt umsehen – Veit hatte sich aufgerichtet und starrte bestürzt nach der gegenüberliegenden Wand. Dem einen en relief geschnitzten Heiligen dort war der segnend ausgestreckte Arm abgerissen – ein breiter, dunkler Spalt trennte ihn weit vom Rumpfe.

„Papa, die Wand geht entzwei – sie fällt ein,“ schrie er erschrocken auf.

Mit einem fast wilden Satze sprang der Rath auf die Gallerie; er bückte sich, und unter seinen schiebenden Händen schloß sich der Spalt geräuschlos.

„Närrchen Du!“ sagte er, die Stufen wieder herabkommend. „Die dicke Wand wird doch nicht einfallen. Aber das vermorschte Holz hat allenthalben Risse – da muß der Tischler her und wieder einmal zusammenflicken.“

Mosje Veit war ein kleiner Skeptiker. Sein scharfer Verstand und sein Lauern und Horchen in allen Ecken hatten ihm bereits jenen Kinderglauben geraubt, der Alles für baare Münze nimmt, was Erwachsene sagen. Er schielte ungläubig nach dem Heiligen, der wieder scheinbar unverletzt das Weib zu seinen Füßen segnete – aber er schwieg und fing dann wieder an zu jammern, während der Rath an einen Tisch trat und das Medicament in einen Löffel voll Wasser schüttete.

„Die Tante hat mich halb todt geschlagen, Papa!“

Der Rath fuhr herum, als traue er seinen Ohren nicht.

„Ja, furchtbar geschlagen und gestoßen hat sie mich. – Was kann ich denn dazu, wenn der dumme Bengel mir überall nachläuft, wie ein kleiner Hund?“

„Wer? – Von wem sprichst Du denn, mein Kind?“ fragte der Rath bebend – er glaubte, der Knabe beginne zu deliriren.

„Ich meine den fremden Jungen aus dem Schillingshofe,“ versetzte Veit, sich ungeduldig herumwerfend, „den blauen Bengel, der immer mit seinem großen Hund drüben im Garten spielt. Er ist mitgelaufen bis in unsere Rumpelkammer –“

„Er ist hier im Hause? – Oben bei der Tante Therese?“

Veit nickte, und der halbe Inhalt des Löffels, den sein Vater ist der Hand hielt, flog verschüttet auf die Dielen.



17.

Schon während Veit heulend im Dämmerdunkel des Treppenhauses verschwunden war, hatte sich die Gluth der Empörung auf dem Antlitz der Frau verflüchtigt; es wurde wieder starr und weiß wie von Stein. Sie nahm den Zipfel ihrer breiten, blauleinenen Schürze und wischte dem kleinen José den Schweiß von dem erhitzten Gesichtchen. Dabei vermied sie jedoch consequent, in seine verweinten Augen zu sehen; sie hatte auch kein beruhigendes Wort für das Kind, und als es, auf ihren Wink hin, mitzukommen, seine Hand vertrauensvoll in die ihre schob, da zuckten die hartgearbeiteten Finger zusammen, als sei diese weiche, warme Kinderhand eine zusammengeringelte Schlange.

Es war damals auch so eine Spätnachmittagsstunde gewesen, als die heimlich aus Königsberg abgereiste Officiersfrau den Vorsaal der Giebelwohnung betreten hatte. Da waren auch zögernde kleine Füße neben ihr hergetrippelt, und ein blondes Engelsköpfchen hatte sich ängstlich an die Mutter geschmiegt, die mit harter Entschlossenheit das Einsiedlerleben auf dem Klostergute gegen eine immerhin glänzende Stellung eintauschte, um ihren Mann grausam zu strafen, ihn geflissentlich vor der Welt zu brandmarken. Damals hatte sie gemeint, das Kind an ihrer Hand so leiten zu können, daß es nie nach dem „leichtsinnigen“ Vater zurückverlangen werde und für alle Zeit ihr ausschließliches Eigenthum bleibe – eine furchtbare Katastrophe hatte sie eines Andern belehrt. Ob das Alles in diesem Augenblicke durch den Frauenkopf flog, über dessen wachsweißer Stirn die stark gebleichte Flechte noch immer so glatt und elegant als Diadem geordnet lag, wie einst das glänzende, vielbewunderte Dunkelhaar?

Sie führte den kleinen José in das Giebelzimmer mit den braungebeizten Wandschränken, vor das altfränkische Tischchen, auf welchem das Waschzeug stand; genau auf dieselbe Stelle hatte sie damals ihren Knaben geführt, um ihm den Reisestaub vom Gesicht zu waschen und das von ihrem Bruder so sehr angefeindete blaue Sammetröckchen mit einem Hauskittel zu vertauschen....

Ihre großen, starren Augen blickten wie unter einem Schleier, während sie das Handtuch in frisches Wasser tauchte und die verschwollenen Lider des Kindes betupfte; die Fingerspitzen hüteten sich augenscheinlich, die rosige Wange selbst zu berühren.

„Sprich nicht!“ gebot sie mit harter Kürze, als er geängstigt mit weichen, sanften Tönen von Tante Mercedes, Jack und Deborah zu reden begann. Seine Augen hingen begehrlich an der Wasserflasche, und der kleine, heißathmende Mund war verdorrt vom Schreien, von der brütenden Sonnengluth und dem Staub der Dachkammer. So sanft fügsam war der Knabe auch gewesen, der vor fünfundzwanzig Jahren seinen Spielwinkel dort in der Fensterecke gehabt und dessen kleines Lager hinter dem grobwollenen Thürvorhang, dicht am Bett der geschiedenen Frau gestanden hatte....

Die Majorin schüttete etwas Wein, Fruchtsaft und Wasser in einem Trinkglas zusammen und hielt es mit weggewendetem Blicke dem Kinde an die Lippen. Das war eine Labung, wie sie auf dem Klostergute hier und da dem erschöpften armen Reisenden gereicht wurde, warum nicht auch dem – wildfremden Kinde, das der kleine Sohn des Hauses gemißhandelt hatte? Und es mochte furchtbar gelitten haben durch den Sonnenbrand und die innere Angsthitze; es entzog ihr mit beiden Händen das Glas und trank den Inhalt gierig bis auf den letzte Tropfen aus. Und dann hob sich der Kleine auf die Zehen und reckte die Arme empor, um – wie er stets mit Allen that, die ihm Liebes erwiesen – die fremde Frau dankbar zu umarmen, aber sie bemerkte es wohl nicht. Sie stellte das leere Glas weg und nahm eine Kleiderbürste vom Nagel, um das blaue Cachemirröckchen von Heu- und Strohhalmen und dem dicken Staub der Rumpelkammer zu säubern. Sie fuhr ihm auch noch einmal mit dem nassen, kühlen Handtuch über das Gesicht, aber sein Haar, dieses wundervolle, goldglänzende Gelock, das ihm schweißdurchnäßt auf der Stirn klebte, vermied sie zu berühren.

Wer von den Leuten hatte diese Frau je unsicher gesehen! Selbst in der dringendsten Arbeit verloren ihre kräftigen Bewegungen nie die überlegene, maßvolle Ruhe – und jetzt hatte ihre Hand unachtsam Wasser verschüttet und die Bürste war ihr zweimal entglitten und auf die Dielen gepoltert. Nun schob sie in schweigender Unruhe und Hast das Kind nach der Thür und trat mit ihm hinaus auf den Vorsaal.

Da kamen schwere Männertritte über ächzende Stufen, und der kurzgeschorene, graue Kopf des Rathes tauchte aus der dämmernden Tiefe der Treppe.

„Ei zum Kukuk, Du hast ja Besuch, wie ich sehe!“ rief er, noch ehe er die oberste Stufe erreicht hatte. Das Treppensteigen mochte ihm sauer geworden sein; denn er war athemlos. Wie er aber dann den Estrichfußboden des Vorsaales betrat, war er auch heute noch das unveränderte Bild zäher Kraft und einer fast wilden Energie. Nur am Gesicht hatte die Zeit gearbeitet; sei es, daß sich die buschigen Brauen zu stark überhängend entwickelt hatten, oder waren die Augen so tief eingesunken, den freien, hochmüthig trotzigen Blick dessen, der auf sein gutes Recht pocht, hatten sie nicht mehr – sie brannten wie versteckte Funken in den Höhlen.

Ein solch glimmender Blick fuhr über den kleinen José hin, der sich scheu vor dem Manne mit der starken schneidigen Stimme zurückzog und sich mit beiden Händen ängstlich der Rechten seiner Begleiterin bemächtigte, die sie beim Verlassen der Stube in die Kleiderfalten geschoben hatte, als bemerke sie nicht, daß er das Verlangen habe, geführt zu werden.

„Wem gehört der Junge?“ fragte der Rath seine Schwester kurz und rauh.

„Weiß ich’s?“ fragte sie unter Achselzucken zurück und starr in seine funkelnden Augen sehend – sie zuckte mit keiner Miene. „Ich ging in meine Stube, da hörte ich vom Boden her ein Kind schreien – Dein Veit hatte sich den Spaß gemacht, das Kind fremder Leute in unsere Rumpelkammer zu sperren –“

„Und dafür hast Du ihn gemißhandelt?“ brach er los, wie rasend vor Wuth und Erbitterung.

„,Gemißhandelt'?“ wiederholte sie mit kalter Ironie. „Ich habe ihm die wohlverdienten Fünfundzwanzig aufgezählt, die ihm von Rechtswegen gebührten,“ setzte sie in ihrer gewohnten energischen Ausdrucksweise hinzu.

Diese unerschrockene Ruhe wirkte ernüchternd; der Rath fühlte, daß er durch sein Aufbrausen an der zeitlebens behaupteten Ueberlegeheit einbüße. Er bezwang sich und sagte verbissen:

„Eine solche brutale Züchtigung meines Kindes gestatte ich mir selbst nicht –“

„Zu seinem Schaden – aus dem Jungen wird sein Lebtag nichts.“ Noch nie war ihr dem Bruder gegenüber eine solche unumwundene Kritik entschlüpft – sie war offenbar nicht ganz Herr ihrer selbst.

„So – meinst Du, Therese?“ fragte er beißend. Sein tiefgebräuntes Gesicht verfärbte sich vor zorniger Ueberraschung, aber er fuhr nicht wieder auf – um die Mundwinkel spielte ihm nur sein schlimmes, hämisches Lächeln. „Es wäre ja doch zu schrecklich, wenn dermaleinst auch mir mein Sohn mit einer Tanzmamsell bei Nacht und Nebel auf und davon liefe!“

Die Majorin schwieg. Sie biß die Zähne fest zusammen und entzog mit einem plötzlichen Ruck dem kleinen José ihre Hand.

Der Rath sah das; er strich sich mit höhnischer Miene über den dünnen Kinnbart.

„Ach ja, ich weiß es längst – mein Veit ist nicht nach Deinem Geschmack,“ fuhr er fort. „Er denkt für ein Kind seines Alters zu scharf; sein Wille ist zu kräftig, und als ein echter Wolfram verlegt er sich nicht auf’s Schmeicheln und Schönthun. Solch ein Hanswurst, wie der da,“ er zeigte auf den Knaben, „der gefällt Dir wohl besser – wie?... Hm, die Einbildungskraft der Weiber ist stets geschäftig – der Henker mag wissen, was Du Alles in ihm siehst –“

„Das, was er ist – das Kind fremder Leute,“ versetzte sie mit demselben starren Blick wie vorhin, aber ihr Athem ging tief, und in dieser sonoren Frauenstimme grollte ein Ton mit, wie der eines tiefgereizten Raubthieres.

„Ei, das versteht sich ja von selbst; freilich muß er fremder Leute Kind sein; wir Wolframs haben ja kein verwandtes Blut draußen in der Welt,“ sagte er leichthin. „Ich meinte nur, da Dir mein Veit nicht gefällt, Du hättest so eine Art Idealschablone, in die der Junge da mit seinem Flachskopf passe. Wie kommt er aber in mein Haus und hier herauf, wenn nicht durch Dich? Hereingeschneit ist der Junge doch nicht?“

„Veit hat ihn jedenfalls hereingebracht –“ „Veit, und immer wieder Veit! Der arme Kerl muß es stets gewesen sein; er kriegt die Prügel, und der Bursche da ist natürlicher Weise das unschuldige Lamm. – Wie bist Du in das Haus gekommen?“ fuhr er, seiner nicht mehr mächtig, das Kind an, das entsetzt zurückwich und keinen Laut herausbrachte. „Wirst Du wohl antworten?“ knirschte er und griff in gesteigertem Grimm nach dem Knaben, um dessen willen sein Sohn gestraft worden war.

Bei dieser drohenden Bewegung fuhr die Majorin empor, als habe sie selbst einen Schlag erhalten, und streckte den Arm zwischen ihren Bruder und den kleinen José – ihre Augen funkelten, und unter der krampfhaft emporgezogenen Oberlippe erschien eine schöne, feste, weiße Zahnreihe. Die Frau mit dem kräftigen, und doch so elastisch schlanken Gliederbaue hatte in diesem Augenblicke etwas von einer Tigermutter, die ihr Junges vertheidigt, aber nur secundenlang; der Rath trat unwillkürlich zurück und sie sagte scheinbar gelassen, wenn auch mit verschleierter Stimme: „Du wirst Dich nicht an einem fremden Kinde vergreifen, das ohnehin alterirt ist durch den Streich, den Veit ihm gespielt hat.“

Sie beugte sich zu José herab, um nun selbst die gestellte Frage zu wiederholen; allein es war, als gäbe es für die seltsame Frau keine Sprache der Welt, in der sie mit diesem Kinde reden könne – es sah mit seinen wunderschönen, blauen, beredten Augen zu ihr auf, und da schlossen sich ihre bleichen Lippen nur noch fester auf einander.

Der Kleine gab jetzt die Antwort von selbst – er fühlte sich durch die Frau beschützt. „Ich bin mit dem großen Jungen durch den Zaun gekrochen,“ sagte er mit seiner sanften, treuherzigen Stimme. „Er kriecht immer durch den Zaun und wirft mit Steinen nach den Enten, die auf dem Teiche schwimmen. Nachher wollte er mir seine Lapins zeigen –“

„So“ – sagte der Rath; er drehte und zerrte wie zerstreut an seinem grauen Lippenbart; der frappante, wenn auch unglaublich rasch wieder niedergekämpfte Gesichtsausdruck seiner Schwester gab ihm offenbar zu denken. „Durch den Zaun also, und wir haben nur den, der uns vom Schillingshof trennt – das ist ja eine schöne Entdeckung. Mein Veit auf Schilling’schem Grund und Boden! – Ich werde die ganze Zaunlinie sofort mit Dornen verbarricadiren lassen.... Hm ja, nun weiß ich’s auch – ich sehe manchmal einen blauen Irrwisch drüben umhertollen – das ist der Bursche da. Er gehört zu der amerikanischen Familie, ‚von Valmaseda’ schreibt sie sich, wie ich höre – mag auch eine nette Gesellschaft sein! Der Mann soll sich in irgend einem Spielbad herumtreiben, und hat unterdessen seine Familie, zum Skandal der Dienstleute drüben, ohne einen Groschen Geld in den Schillingshof geschickt, wo sie auf Regimentsunkosten herrlich und in Freuden leben sollen.“ Wie verwunderlich kamen diese Mittheilungen, die einer Klatschbase Ehre machen konnten, aus diesem bärtigen Munde, und wie heiser gedämpft klang die stets so barsche Stimme!...

„Die Schilling’s waren von jeher Narren und Verschwender!“ fuhr er nach einem befreienden Aufathmen lauter fort. „Theaterleute und Abenteurer finden da stets eine gute Stätte. Der stolzen Baronin aber paßt das nicht – sie ist der sauberen spanischen Gesellschaft aus dem Wege gegangen.“

Der Rath hielt inne. Seine Schwester stand da wie eine Statue; sie sah seitwärts unbeweglich zu den erblindeten Vorsaalfenstern hinüber, durch welche ein paar dicke Brummfliegen und eine verirrte Wespe vergebens den Weg in’s Freie suchten, und erst, als der Rath schwieg, heftete sie diesen starren Blick durchdringend auf sein Gesicht.

„Was gehen die Gäste da drüben uns an?“ fragte sie trocken. „Haben wir uns je darum gekümmert, wen der Schillingshof beherbergt?“

„Einst wohl, Therese, als der ‚in des Königs Rock’ drüben nach dem schönen, bethörten Wolfram’schen Goldfisch angelte. Doch darüber ist längst Gras gewachsen; ich habe die Schande ziemlich verwunden. Jetzt aber bin ich auf’s Neue verpflichtet, mich darum zu kümmern, da Veit den Streich gemacht hat, sich einen Cameraden von dorther zu holen – das wäre mir ja eine schöne Bekanntschaft. Und Du – Du solltest doch nie vergessen, daß Du dem Schilling’schen Hause alle Schmach, die Dir widerfahren ist, und Deinen total verunglückten Lebenslauf verdankst. Ich sollte meinen, schon die Luft, die Dich von drüben her anhaucht, müsse Dich beleidigen. Ich für meinen Theil habe während der letzten acht Jahre – lediglich um Deinetwillen – consequent verhindert, daß auch nur eine Spur Erde an den Sohlen von dem verhaßten Grund und Boden in mein Haus getragen worden ist, und nun nimmst Du diesen hereingeflogenen Unglücksvogel da auf, führst ihn direct in Deine Stube und tröstest und liebkosest ihn –“

„Liebkosen?“ lachte sie wild auf und strich hart und wiederholt mit der inneren Handfläche über die blauleinene Schürze, als wolle sie jede Spur der Berührung wegreiben, welche das Kinderhändchen hinterlassen. „Du solltest wissen, daß Deine Appellation an die Vergangenheit eine ganz überflüssige war,“ setzte sie schneidend hinzu. „Nenne mir einen Moment in meinem Leben, in welchem ich je vergessen hätte, daß ich eine Wolfram bin, das Kind meines Vaters und die Urenkelin derer, die vor ihm da waren! Sie haben wohl auch geirrt, aber dann – nach der Erkenntniß – sind sie auf dem Wege geblieben, der ihnen als der rechte gegolten hat, und wenn er durch Höllenqualen gegangen wäre.“

Sie drückte die weiße, kräftige Hand fest auf die Brust und ging mit hartgeschlossenem Munde an ihm vorüber nach der Treppe. „Um mich kümmere Dich nicht!“ sagte sie, noch einmal stehenbleibend. „Ich werde mit meiner Aufgabe fertig. Aber Du sei auf Deiner Hut! Du bist nur noch der Schatten Deiner selbst. Hat Eines heiß gewünscht, daß unser alles, braves, hochangesehenes Geschlecht nicht erlöschen möchte, so bin ich’s – ich dachte ja nicht, daß sich das Blut ändern könnte; ich habe es nie für möglich gehalten. Aber das weiß ich nun – so viel Söhne auch auf dem Klostergute geboren worden sind, nie ist ein solch heimtückischer, zerstörungswüthiger Bube zur Welt gekommen, wie Veit ist – wir wären sonst nicht da, wo wir stehen; es wäre längst Alles in alle vier Winde verflogen. Und diesen Burschen lässest Du hausen, wie er Lust hat; er macht mit Dir, was er will. Du zitterst wie Espenlaub vor jeder Zuckung, die Dir der verlogene Junge vormacht. Und in seine Hand soll Alles kommen, Alles – Franz, ich glaube, Du verschriebest Deine Seele dem Bösen um dieses einen Kindes willen“ – sie hielt inne, als erschrecke sie selbst vor dem leidenschaftlich gesteigerten Ausspruch, der ihren Bruder wüthend emporfahren machte und ihm eine jähe Gluth in das Gesicht trieb, allein sie widerrief oder beschönigte das Gesagte mit keinem Wort. „Willst Du, daß die Wolfram’s in Ehren weiter existiren sollen,“ fügte sie mit um so festerem Nachdruck hinzu, „so greife nach dem Zuchtmittel unserer braven Väter, nach dem Stock in der Ecke!“

Damit winkte sie dem kleinen José; er folgte ihr – sie ging die Treppe hinab.

Es war gerade sechs Uhr; auf dem Schanktische standen bereits die gefüllten Milchtöpfe, und die Leute kamen in die Hausflur geströmt.

„Der Kleine gehört in den Schillingshof,“ sagte die Majorin zu der wartenden Stallmagd. „Führe ihn hinüber und mache ihm die Gartenthür auf – hinein gehst Du nicht.“

Sie trat an den Schanktisch; kein Blick fiel mehr auf das von den Leuten angestaunte schöne, vornehme Kind, das folgsam neben der Magd herging. An der Flurthür wandte es noch einmal das dunkelroth erhitzte Gesichtchen zurück und rief treuherzig: „Schlaf wohl, gute Frau!“

Auch dieser Abschiedsgruß wurde überhört; denn die Milch schoß bereits aus dem großen Steintopf in das Blechnösel, und dabei geschah das Unerhörte, daß sie in breiter Straße die Tischplatte überströmte – das auf dem Klostergute, wo jeder Tropfen mehr oder weniger sorgsam bemessen wurde!

18.

Die Magd öffnete mit scheuer Hand das Gartenthor des vornehmen Hauses und eilte spornstreichs nach dem Klostergut zurück, während José auf das Säulenhaus zulief.... Es war sehr still im Vorgarten – man hörte die eilenden Schritte des Kindes auf dem knirschenden Sande.

Auf diese Laute hin kam plötzlich die dicke, schwarze Deborah um die südliche Ecke des Hauses – sie stieß einen Schrei aus und stürzte unter grotesken Sprüngen und Armbewegungen auf den Knaben zu.

„O mein Jesus – bist Du es denn wirklich, Kind?“ stammelte sie, und aus den dickverschwollenen Augen schossen erleichternde Thränen. „Liebchen, Liebchen, was machst Du für Sachen! Kommst da von der fremden Straße her, von der fremden Straße, wo Niemand unseren süßen Jungen kennt – o Jesus! Bist ja noch nie fortgewesen, böses, liebes Kind, noch nie! Konntest überfahren werden, und Jack und Deborah sind nun schuld, haben nicht aufgepaßt, o!... Seit Stunden rennt Alles nach Dir, und jetzt suchen sie unser Goldkind im Teich, im schwarzen, schlammigen Wasser bei den Fischen – hu! Arme, arme, gute Tante – sie stirbt vor Angst.“

Das Alles stieß sie keuchend, in einem seltsamen Gemisch von Deutsch und Englisch hervor, während sie mit dem Knaben durch Allee und Garten nach dem Teich rannte.

Dort unter den Linden waren alle Leute des Schillingshofes, auch der Herr des Hauses und Jack, in Thätigkeit. Wie ein Schwan hob sich die weiße Gestalt der schönen „Spanierin“ aus dem Durcheinander der Hantierenden – sie lehnte regungslos an einem der Lindenstämme und hielt José’s Hütchen, das man am Teich gefunden hatte, mit beiden Händen fest gegen die Brust gedrückt. Diese Frau, die, den Sarraß am Gürtel und den Revolver in der Hand, in die Nähe des Feindes vorgedrungen, die den Transport eines schwerverwundeten Mannes durch weite, verwüstete Landstrecken energisch durchgeführt, sie gehörte nicht zu denen, die ihrer Angst durch Wehklagen Luft machen.

„Er ist da!“ rief Deborah hinüber.

Wie eine hineinfallende Bombe jagte dieser Aufschrei die Versammelten aus einander. Beim Anblick des Kindes, das heil und unversehrt an Deborah’s Hand quer über den nächsten Rasenplatz stolperte, klärten sich die Gesichter auf – man sah sich lächelnd an und begriff mit einem Mal nicht mehr, wie man sich habe einbilden können, es müsse durchaus ertrunken sein.

Donna Mercedes gab bei diesem jähen Wechsel von Todesangst und Freude nicht einen Laut von sich, und als sie das Haupt nach den Kommenden zurückwandte, da lag noch der Ausdruck des stieren Entsetzens, mit welchem sie in die Wassertiefe geblickt hatte, wie versteinert auf dem farblosen Gesicht. Man sah, sie war im Hause durch alle staubigen Winkel und draußen zwischen unwegsamem Gebüsch und dornigen Hecken suchend geirrt. Der weiße Muslin schleifte zerfetzt und beschmutzt auf dem Boden nach, und das Dickicht hatte an dem Haarnetz gezerrt – ein Theil des wundervollen dicken „Zigeunerhaares“, wie Lucile es bis auf den heutigen Tag nannte, wogte im tiefbläulichen Glanze, noch halb von den Seidenschlingen gefangen, über die rechte Schulter. Mit wankenden Knieen ging sie dem Kind entgegen – Baron Schilling bot ihr die stützende Hand, aber sie wies sie zurück; ihr Blick hing brennend an dem Knaben, der im zerrissenen Höschen, und noch glühend vor Erhitzung, in ihre Arme lief.

„Du bist ungehorsam gewesen, José, Du bist fortgelaufen,“ sagte sie mit bebender Stimme, in ernst strafendem Tone.

Der Knabe versicherte weinend, daß er es nie, nie wieder thun wolle, und dann beichtete er, nach Kinderart in sprunghafter, abgebrochener Redeweise, sein Abenteuer auf dem Klostergute, während sich die Leute des Hauses auf einen Wink ihres Herrn entfernten.

Und der Kleine erzählte von der schrecklichen Rumpelkammer und dem großen, boshaften Jungen, wie von der Frau, die ihm so streng und rauh verboten, zu sprechen, und „dem furchtbar bösen Mann“, der nach ihm hatte schlagen wollen.

Diese Mittheilungen waren von unbeschreiblicher Wirkung auf Mercedes. Ihr südliches Naturell, meist durch einen überlegenen Verstand kräftig niedergehalten, loderte empor; die Hände auf den Busen gepreßt, ging sie fliegenden Schrittes auf dem schmalen, zum Säulenhause laufenden Wege hin und her und schüttelte ungeduldig die Hand Deborah’s ab, die schüchtern den Versuch machte, ihr das gelöste Haar unter das Netz zu stecken – was kümmerte sie in diesem Augenblick ihr Aeußeres?

„Was nun?“ fragte sie mit schneidendem Lächeln, als José verstummte.

Baron Schilling hatte ihm eben, Schweigen gebietend, die Hand auf den kleinen Mund gelegt, der in fieberhafter Aufregung immer wieder auf das Erscheinen „der großen Maus“ und auf den Moment zurückkam, wo sich die entsetzliche Thür zwischen die Welt draußen und den kleinen Eingesperrten geschoben hatte.... Auf Mercedes’ Frage richtete sich Baron Schilling empor und sah in das schöne Antlitz mit dem zornigen, und doch durch einen feuchten Hauch verschleierten Blick. „Standhaft bleiben!“ versetzte er ruhig.

„Aber ich kann und will nicht,“ rief sie heftig und zog den Knaben in leidenschaftlicher Innigkeit an sich. „Ich werfe die entsetzliche Pflicht, mit Rohheit und Gemeinheit kämpfen zu müssen, von mir; die Last, die Felix weit unterschätzt hat, ist zu schwer für mich.“

„Tragen wir sie nicht zusammen? Bin ich nicht auch da?“ fragte er mit mildem Vorwurf.

Die ernste Güte, die Sanftheit in diesen Lauten übten auf Mercedes eine fast bestrickende Macht, die aber sofort durch ein Gefühl verletzten Frauenstolzes unterdrückt wurde. „Tragen wir sie nicht zusammen?“ hatte er gesagt – damit war eine Gemeinschaft zwischen ihnen bezeichnet. Dieser Mann hatte aber eine Frau, die boshafter Weise sein Haus verlassen, um den Ankommenden, sofern sie tactvoll waren, jeden Verkehr, jede nähere Beziehung zu ihm unmöglich zu machen. Mercedes war ein Mädchen, obwohl sie den Frauentitel führte – sie hatte einen Geist, furchtlos, energisch und thatkräftig wie ein Mann, allein daneben behauptete sich das echte Weib in ihr, keusch empfindlich wie eine Mimose. Ein unerklärbares Gemisch von Scham und Abscheu überkam sie.

Sie antwortete nicht; nur ihre kaltfunkelnden Augen unter finster gefalteten Brauen streiften ihn ausdrucksvoll.

„Ich bin zwar nicht gerichtlich bestellter Vormund für die beiden Kinder,“ sagte er gelassen, „aber Felix’ Briefe und mein Versprechen geben mir eine feste Stellung, von der ich nicht um eine Linie weichen werde. Ich habe demnach nicht zu erörtern, ob mich die Rohheit und Gemeinheit der Leute, mit denen ich rechnen muß, zurückstößt und entmuthigt, ob überhaupt mein persönliches Gefühl dabei beleidigt wird“ – er sprach mit erhöhter Stimme – „das muß völlig aus dem Spiele bleiben. Felix ist verarmt gestorben –“

Sie zuckte zusammen, als schneide dieser unumwundene Ausspruch wie ein Schwert durch ihre Seele, und das feine Roth, das eben in ihren blassen Wangen aufgedämmert war, verdunkelte sich.

„Nun ja; er hat keinen Dollar klingenden Vermögens hinterlassen; was mein Vater für ihn zurückgelegt hatte, steckte in seiner Plantage. Jetzt wächst das Unkraut lustig aus den verwüsteten Ländereien,“ setzte sie bitter lächelnd hinzu, „sie haben allen Werth verloren, seit die Hände, die sie bebautem, falsche Ringe an den Fingern tragen und freien Herren gehören.... Felix ist ein Bettler geworden, wie der ganze Süden finanziell total ruinirt ist.... Bah, was rede ich davon! Für den deutschen Rechtsbegriff ist ja das nur die nothwendige Sühne des alten Unrechts.“

In ausbrechender Erbitterung wandte sie ihm den Rücken, und jetzt hob sie die Arme, um die Haarmassen, die ihr bei der jähen Bewegung über den Busen geglitten, selbst unter das Netz zu stecken. In dieser Stellung waren die Linien des schlanken Körpers entzückend für ein Malerauge.

„Sie stützen Ihre Machtvollkommenheit hauptsächlich auf diese Verarmung, wie ich annehme?“ sagte sie plötzlich aufblickend, nachdem sie die letzte widerspenstige Haarsträhne unter den Seidenschlingen geborgen hatte.

„Allerdings,“ versetzte er. „Meine Aufgabe ist es, den Kindern um jeden Preis zu ihrem Erbe zu verhelfen –“

„Das ledige Geld!“ warf sie ein. Sie zuckte mit den Schultern und in ihrem Ton lag dieselbe kalte Verachtung, mit der sie vor wenigen Stunden im Atelier gesagt hatte: „Ja, mit dem Gelde seiner Frau!“

Baron Schilling stand vor ihr nicht als der Künstler mit dem meist träumerisch gesenkten Kopf und dem tiefsinnenden, wie nach innen gekehrten Blick, er erschien genau als Einer von Denen, die droben im Mittelsaale die alten gewundenen Holzrahmen füllten, fest, kraftvoll, ein Mann, der sich in seinem braven Wollen nicht beirren läßt.

„Ja, das leidige Geld!“ wiederholte er fest betonend. „Ich leugne seine Macht nicht, so wenig wie es Felix gethan, der das Erbe für seine Kinder gerettet wünschte – und er hatte Recht, sie brauchen es. Ich weiß, daß ich mit diesem Ausspruche ein böses Vorurtheil nähre, aber ich muß es mir gefallen lassen!“

Sie sah auf den Kies zu ihren Füßen, dann flog ein geringschätzender Zug um ihre Lippen.

„So fürchten Sie, die Kinder müßten Hungers sterben ohne das Geld der alten Frau?“ fragte sie, seine letzte Bemerkung übergehend.

Er lächelte. „Die Kleinen haben eine sehr energische Tante, die wohl schlimmsten Falles zu harter Arbeit greifen würde, um ihre Lieblinge nicht Mangel leiden zu lassen. – Mehr weiß ich nicht, aber ich brauche und wünsche auch keinen tieferen Einblick in die Verhältnisse, weil ich trotz alledem bei meiner Ansicht beharren muß. Ich rechne mit den Mächten, die unseren Lebensweg kreuzen“ – er zögerte, und jetzt suchte sein Blick den Boden – „Sie sind sehr jung –“

„Aber fest genug, um einem Todten die Treue zu halten,“ unterbrach sie ihn verständnißvoll, während eine jähe Gluth ihr ganzes Gesicht bedeckte.

Ein augenblickliches Schweigen trat ein – man hörte José’s Stimme, der sich, unfern auf einer Gartenbank stehend, unter Deborah’s ordnenden Händen befand und dabei unausgesetzt von seinem Erlebniß auf dem Klostergute sprach.

„Nur Eines möchte ich wissen,“ begann Baron Schilling ablenkend. „Warum lassen Sie die kleine Frau in dem Wahn, daß sie reich, ‚immense reich’ sei? – Einmal muß sie ja doch die Wahrheit hören.“

„Ich halte das nicht für nöthig, so lange sie nicht ihr Geschick von dem meinigen trennt,“ versetzte Donna Mercedes gelassen. „Lucile würde sterben an dem Gedanken, daß sie nicht mehr über Reichthümer zu verfügen habe. Felix hat sie geliebt bis in den Tod. Die Angst um die Zukunft dieses kindischen, genußsüchtigen Wesens hat ihn noch mehr gequält, als die Sorge um José und Paula. Ich habe ihm heilig gelobt, über sie zu wachen, und so betrachte ich sie fast wie eine ältere Schwester ihrer Kinder, als welche sie sich ja auch am liebster gerirt.“ Ein leises, verächtliches Lächeln stahl sich flüchtig um ihren Mund. „Lucile ist brustschwach – die Aerzte behaupten, sie befände sich bereits in den ersten Stadien der Lungenschwindsucht,“ fuhr sie ernst fort. „Es ist mithin meine Aufgabe, ihr jede wirkliche Aufregung fern zu halten. Aus dem Grunde habe ich auch vorhin streng verboten, daß sie von José’s Verschwinden benachrichtigt werde, ehe wir eine Gewißheit hätten.“

Sie rief den Knaben herbei und ergriff seine Hand.

„Vielleicht begleiten Sie mich zu Lucile,“ sagte sie zu Baron Schilling. „Es ist möglich, daß sie nunmehr von dem Vorfall erfahren hat; sie regt sich oft nachträglich noch unnöthig auf, und das wird Ihr Besuch verhindern.“

Sie gingen nach dem Säulenhause.




19.

Donna Mercedes betrat sonst nie Lucile’s Gemächer – sie hatte keine Veranlassung dazu. Die Mahlzeiten nahm man im großen Salon ein; auch der Thee wurde Abends dort getrunken, trotz Lucile’s täglich sich erneuernden Protestes, und die Kinderstube war nur durch Mercedes’ Schlafzimmer von diesem Salon getrennt. – –

Draußen lag noch heller Sonnenglanz; von Westen her zu röthlicher Gluth entfacht, machte er die Welt in einem doppelt grellen Lichte schwimmen und fiel breit in die Fenster des Hauses.

Nur in Lucile’s Wohnzimmer war mittelst fest vorgelegter Läden und zugezogener Gardinen intensive, von Kerzen- und Lampenlicht durchstrahlte Nacht hergestellt. Am Plafond brannte der kleine Kronleuchter; zu beiden Seiten des deckenhohen Pfeilerspiegels flammten Kerzen auf den Bronze-Armen, und das Licht hoch auf Etagèren placirter Kugellampen floß weiß hernieder – man suchte unwillkürlich nach dem schwarzbehangenen Katafalk, auf den dieses Glanzmeer zu strömen habe, aber es war etwas ganz Anderes – es war Bühnenlicht.

Vor dem Spiegel gaukelte wie ein Schmetterling ein zartes kleines Menschenkind. Ueber fleischfarbenen Tricots bauschte sich ein ganz kurzes Röckchen von goldgelbem Atlas; ein silberbesetztes rothlila Sammetmieder umschloß eine zerbrechlich dünne Mädchentaille, und bei jeder Bewegung der schlanken, weißgeschminkten Arme, bei jedem Pas flatterten und wehten glänzende Bandschleifen wie Flügel von den Schultern, wogte das dunkel niederrollende, mit weißen Rosen durchflochtene lange Gelock über den Nacken fast bis auf die Hüften hinab. Das war kein Tanz – weit eher ein Schwimmen und Schweben, als habe sich die Luft verdichtet und trage mühelos den kleinen, biegsamen Feenleib – Lucile war in der That eine Tänzerin ersten Ranges.

Sie hatte eine seltsame musikalische Tanzbegleitung. Die Kammerjungfer Minna stand, den Rücken der Thür zugekehrt, inmitten des Zimmers und summte eine Melodie, so scharf accentuirt im Rhythmus, so gewohnheitssicher, als sei sie seit Jahren das begleitende Orchester bei den Uebungen ihrer Herrin. Sie schlug dabei leise klatschend in die Hände, machte jede Wendung und Schwenkung mit wiegendem Oberkörper unwillkürlich mit, und war in ihre Aufgabe so vertieft, wie die Tänzerin selbst. – Sie hatten Beide keine Augen für die kleine Paula, die auf dem Teppich saß und in verschiedenen Cartons kramte. Die Kleine hatte sich einen weißen Kranz verkehrt aufgesetzt, Schuhe und Strümpfchen ausgezogen und wickelte eben einen gelben Seidenshawl um die kleine, nackte Büste, von der sie das lose, weiße Kleidchen nach den Hüften hinabgeschoben hatte.

„Lucile!“ rief Donna Mercedes, plötzlich mit dem Baron und José eintretend.

Die Tänzerin vor dem Spiegel fuhr erschrocken herum. „Minna, dummes Ding, Du hast vergessen, die Thür zu verriegeln,“ platzte sie erbost heraus; aber im nächsten Augenblick schon brach sie in ein gezwungenes, schallendes Gelächter aus.

Baron Schilling strich sich mit heiterem Lächeln den Bart – diese Sylphide sah nicht aus, als werde sie noch nachträglich über das Erlebniß ihres kleinen Sohnes in Ohnmacht fallen. Während er, José an der Hand, der Schwelle nahe stehen blieb, schritt Mercedes, ohne ein Wort zu sagen, durch das Zimmer; sie nahm der kleinen Paula, die sich unter Geschrei lebhaft widersetzte, den Kranz vom Köpfchen, zog ihr das Kleid über die Schultern, Schuhe und Strümpfe an die Füße, und redete ihr dabei mit sanfter Stimme begütigend zu.

„Du solltest das Kind nicht Zeuge Deiner Amüsements sein lassen!“ sagte sie zu Lucile, nachdem sie die Kleine beruhigt hatte.

„Ah bah, warum denn nicht?“ versetzte die junge Frau trotzig. „Wenn Du glaubst, ich gäbe es jemals zu, daß Paula auch so philisterhaft erzogen wird, wie Du mit José den Anfang bereits gemacht hast, dann irrst Du Dich gründlich. – Das arme Ding hat ohnehin eine jammervolle Kindheit. Was bin ich dagegen für ein glückliches Kind gewesen – o, wie glücklich! – Gehätschelt, bewundert, in Saus und Braus, in Glanz und Herrlichkeit bin ich groß geworden – o, mein schönes, geopfertes Paradies!“ – Sie streckte sehnsuchtsvoll die Arme gen Himmel, diese zarten Arme, die in der That überschlank geworden waren – die Aerzte hatten doch wohl Recht. Lucile’s Brust flog unter hastigen Athemzügen.

Sie griff nach den Blumen über ihrer Stirn, riß sie halb ergrimmt, halb im Uebermuth aus den Locken und schleuderte sie nach den Cartons.

„Meine Amüsements, sagst Du?“ fuhr sie impertinent lächelnd fort. „Mein Gott ja, armselig genug sind sie – aber was will man machen? – Jedes eben nach seinem Geschmack und Bedürfniß, Donna Mercedes! Du spielst Bach auf Deinem Flügel und stellst Dich ganz verzückt über den alten Zopf – und ich, nun, ich tanze, ich krieche dann und wann wehmuthsvoll in die alten, lieben Theatersachen – “

„Der Anzug ist neu – er ist noch nie in einem Koffer verpackt gewesen,“ unterbrach sie Mercedes kalt und unerbittlich.

Lucile drehte sich wie ein Kreisel in verlegener Lustigkeit auf der feinen Fußspitze, und Minna, die scheu in den Hintergrund des Zimmers getreten war, bückte sich, um die verstreuten Blumen zusammenzulesen.

„Nun, und wenn auch?“ fragte die kleine Frau – sie hielt plötzlich inne mit ihren Fußschwingungen und trat erbittert auf ihre Schwägerin zu. „Und wenn auch, Donna Valmaseda? Was geht es schließlich Dich an, wenn ich mir ein paar Ellen Sammet und Atlas kaufe? Geht es etwa aus Deinem Beutel – wie?... Ich bitte Sie, Baron Schilling, sehen Sie sich meine gestrenge Schwägerin an! Der Spitzenbesatz, den sie da zerrissen auf dem Teppich nachschleift, ist so kostbar, daß ihn eine deutsche Herzogin auf ihrer Staatsschleppe tragen könnte – diese Baumwollenprinzessinnen leisten das Menschenmögliche in der Verschwendung, sag’ ich Ihnen. Ich armer Tropf aber soll mir nicht einmal den Spaß machen, mich auch einmal in einem neuen Costüm bei meinen einsamen ‚Amüsements’ zu sehen? – Es ist unverantwortlich von dieser Vormundschaft, daß sie die Auszahlung meiner Nadelgelder in Mercedes’ Hände gelegt hat, aber ich bin auch immer so dumm und leichtgläubig; ich lasse mir Alles bieten. – Weiß ich denn, ob dieses behauptete Recht nicht ein angemaßtes ist? – Nun wird mir jede Stecknadel, jeder Seidenfaden nachgerechnet –“

„Du weißt sehr gut, daß ich Dir nie etwas nachrechne,“ fiel Mercedes ruhig ein – auf ihrer Stirn lag ein Schimmer wahrer Seelenhoheit. „Ich finde es nur sehr unrecht, daß Du trotz des Verbotes der Aerzte Dich so echauffirest. Felix hielt Dich stets zurück, wenn Du im Uebermuthe in irgend eine Tanzweise verfallen wolltest –“

„Ja – aus Eifersucht. Er konnte es nicht ertragen, der gute Felix, wenn auch andere Augen, als die seinen, mein Talent bewunderten; gewisse Leute machen es ebenso, sie verzehren sich vor Neid. – Und das haben die zwei weisen Salomo’s, unsere Aerzte, recht gut gemerkt; sie haben sich sofort auf die Seite der Großmacht im Hause gestellt – natürlich! – und sich alles Ernstes eingebildet, ich ließe mich in’s Bockshorn jagen, wenn sie mir mit geheimnißvollem Achselzucken verkündigten, meine Gesundheit sei angegriffen – die Schlauköpfe, die!“ Mit unbeschreiblicher Komik und Grazie machte sie die Geste der langen Nase und drehte sich abermals wie ein Wirbelwind auf der äußersten Fußspitze, und ihr Töchterchen haschte aufjauchzend nach dem gelben Atlasrock, der sich wie eine goldglänzende Sonnenscheibe über dem leichten Gewölk der Gazekleider mit der Tänzerin drehte.

In Mercedes’ Wangen stieg ein helles Roth. Sie ergriff schweigend Paula’s Hand, um das Kind aus dem Zimmer zu führen; allein Lucile vertrat ihr den Weg, „O nein – Paula bleibt bei mir, bei ihrer Mama, wohin sie gehört,“ sagte sie bestimmt. „José magst Du meinetwegen usurpiren. Ich habe ihn auch lieb, sehr lieb, aber ich habe keine Macht über ihn. Das Schicksal ist doch manchmal wie mit Blindheit geschlagen bei seinen Arrangements – solch einem jungen, unerfahrenen Ding wie mir die Erziehung eines wilden Jungen zuzuweisen – Unsinn! . . . Mein süßes Mädchen dagegen, meine kleine Paula, behalte ich für mich, so wie einst Mama und ich zusammengestanden – daß Du es weißt –“

„Felix hat die endgültige Verfügung über beide Kinder vorläufig in Frau von Valmaseda’s Hand gelegt,“ unterbrach Baron Schilling die eifrig Redende mit Nachdruck.

Lucile wandte ihm rasch das Gesicht zu und maß ihn mit spöttischem Blick. „Auch Du, Brutus?“ rief sie pathetisch. „Nun ja, ich konnte das wissen. – Drüben unterwarfen sich ja auch Alle ihren Orakelsprüchen, alle unsere Herren, ihr Vater, Felix, der arme Valmaseda.... Diese dämonischen Frauen mit den finsteren Mienen sind leidenschaftlich im Herrschen und Gebieten und zurückhaltend im Gewähren – das ist die ganze Kunst! – Sie war eine sehr kühle Braut, diese Donna de Valmaseda –“

„Schweige!“ unterbrach Mercedes mit flammenden Augen die boshafte Verrätherin.

„Mein Gott, ich bin ja schon still,“ wich die kleine Frau mit einer drolligen Furchtgeberde zurück. „Aber Baron Schilling ist mein Freund, mein guter, alter Freund noch aus der himmlischen Berliner Zeit – ich darf nicht leiden, daß er auch in’s Netz geht; ich leide es absolut nicht. Er hat ohnehin schwer zu tragen am Leben, der unglückliche Mann –“

„‚Unglücklich’?“ fuhr er mit tieferblaßtem Gesicht empor. „Wer sagt Ihnen denn, daß ich – –?“

„Mein Gott, ich denke – oder wäre sie hübscher geworden, Ihre Frau? Und liebenswürdig?“ rief sie, jetzt wirklich überrascht, mit großen Augen, aber sie senkte sie doch einen Augenblick erschrocken über den Ausdruck des Zornes, den ihre tactlose, vorwitzige Zunge geweckt hatte.

Sein Blick fuhr wie ein Blitz seitwärts über das Antlitz der Frau hin, die vor wenigen Stunden mit vernichtend drastischer Betonung gesagt hatte: „der Mann hat sich verkauft.“... Er ertappte eine sichtliche Spannung, aber auch kaltlächelnden Hohn in den geistreichen Zügen.

„Ich bin Ihnen sehr verbunden, Frau Lucian – Sie sind die Barmherzigkeit selbst,“ sagte er, ihre indiscreten Fragen völlig übergehend, mit scharfem Spott. „Aber Sie dürfen sich beruhigen; ich kann Ihnen versichern, daß ich an meinem Loos nichts auszusetzen habe.“

Er legte die Hand auf den Thürgriff, und José, der sich während der ganzen Zeit fest an ihn geschmiegt, ja, sich hinter ihm förmlich versteckt hatte, trat dicht an die Thürspalte, um beim Oeffnen sofort hinauslaufen zu können – es war, als brenne dem Kinde die Schwelle unter den Sohlen.

„Wir waren gekommen, Ihnen diesen kleinen Ausreißer heil und unversehrt zuzuführen“ – sagte Baron Schilling, auf den Knaben deutend, immer noch mit harter Stimme.

„Ach ja“ – fiel Lucile ein – „er war ja wohl für einen Moment nicht zu finden? Man hat ihn auch bei mir gesucht – war es nicht der Bediente Robert, den Du an der Thür abfertigtest, Minna?“ Sie zog die Schultern empor. „Ich habe nicht weiter daran gedacht – solch ein großer Bursche kann ja doch wahrhaftig nicht verloren gehen wie eine Stecknadel.“ Sie trat näher und legte die Hand schmeichelnd auf den Kopf des Kindes. „Wo hast Du denn gesteckt, mein Junge?“

Der Knabe, der ihr immer noch den Rücken zukehrte, schüttelte in wilder Aufregung die Hand von sich.

„Nein, Mama, nein!“ schrie er auf, ohne ihr das Gesicht zuzuwenden – er drückte die Stirn so fest an die Thür, als wolle er sie in das Holz einbohren. „Ziehe Deinen langen Schlafrock an! Ich kann Dich nicht ansehen. – Du bist gar nicht meine Mama – nein!“

„Einfältiger Junge!“ zürnte sie und faßte ihn an der Schulter, um ihn gewaltsam umzudrehen, aber bei dem Kinde machte sich jetzt offenbar die erlittene heftige Nervenerschütterung geltend; sonst so sanft und fügsam, sträubte es sich und verfiel dabei in ein convulsivisches Weinen, in welches sein erschrockenes Schwesterchen aus Leibeskräften einstimmte.

„Gott im Himmel, das ist ja zum Verrücktwerden!“ rief Lucile, und beide Hände auf die Ohren pressend, floh sie in das Nebenzimmer, dessen Thür sie schmetternd hinter sich zuwarf, während Baron Schilling schweigend den Knaben auf seinen Armen hinaustrug und Donna Mercedes im Verein mit der Kammerjungfer die kleine Paula zu beruhigen suchte.

„Mir steht das Gethue bis an den Hals – ich mag gar nicht mehr hinsehen,“ sagte der Bediente Robert draußen indignirt und mit verachtungsvollem Blick, nachdem Baron Schilling mit dem Knaben an ihm vorüber in die Kinderstube gegangen war.

Er stand mit dem Gärtner an der offenen, nach dem großen Garten führenden Thür der Flurhalle, und Mamsell Birkner, die eben aus dem Souterrain kam, um Deborah das Gebäck für den Theetisch zu bringen trat auch hinzu.

„Da haben wir Alle Gott gedankt, daß die Gnädige den guten Einfall hatte, ihre Minka einstweilen auswärts in Pflege zu thun,“ sagte der Bediente weiter, „und jetzt gäb’ ich gleich zehn Thaler drum, wenn wir sie wieder da hätten, und es wäre Alles beim Alten. Man versetzte manchmal der schwarzen Canaille einen heimlichen Knuff und Fußtritt, und da hatte man Ruhe für eine ganze Zeit.... Aber jetzt? – Zum Todtärgern ist die Wirthschaft. – Wohin man tritt, liegt das Spielzeug im Wege – es thäte noth, man machte in einem fort den Buckel krumm, den Kram wegzuräumen, und vor der wilden Bestie, dem Hund, muß man ewig auf der Flucht sein; ich wüßte schon, was ich dem am liebsten in die volle Fleischschüssel thäte. Und die verzogenen Rangen alarmiren fortwährend unser ganzes Haus. Bald muß man mit Stangen rennen, um nach dem Jungen im Teiche zu fischen, bald dem heulenden Ding, dem kleinen Mädchen, beispringen, wenn es auf die Nase gefallen ist, und eben haben sie Beide geschrieen, daß mir noch die Haare zu Berge stehen. Und dafür kriegt man nicht einmal einen Blick, geschweige denn einen Dank von der hochnäsigen Madame, die nicht einmal ihr Essen bezahlen kann. Dem Herrn kostet das ein Heidengeld, und dabei thut er doch, als sei er in seinem ganzen Leben noch nicht so glücklich gewesen. Damit soll er aber der Gnädigen nur kommen – sie kann das Kindervolk nicht ausstehen; man sieht ihr die stille Wuth an, wenn ihr solch ein kleines Ding unversehens über den Weg läuft –“

„Ja, weil ihr der liebe Gott keine eigenen bescheert,“ fiel Mamsell Birkner ein und schob und ordnete an dem Gebäck auf dem Teller, den sie in der Hand hielt.

„Nun vielleicht betet sie deshalb in Rom,“ lachte der Bediente.

„In Rom ist sie ja gar nicht mehr,“ flüsterte der Gärtner; „sie ist zu Besuch in einem Kloster.“ Er verstummte plötzlich verlegen, und auf die erstaunten Fragen der Anderen hin sagte er ausweichend, er habe „ein Vögelchen davon singen hören“ – daß er bei Ausübung seiner Functionen im Wintergarten und im Atelier in einen offen daliegenden Brief der Gnädigen geschielt hatte, konnte er freilich nicht sagen. „Ich glaube, sie kommt bald wieder,“ meinte er mit verständnißvollem Augenzwinkern, „nachher sollt Ihr aber sehen, was passirt. Die amerikanische Gesellschaft fliegt aus der Thür, daß es eine Art hat – denkt an mich!“

„Das leidet der Herr nicht,“ sagte die Mamsell ganz erregt.

„Ich bitte Sie, Mamsell Birkner!“ versetzte der Bediente höhnisch. „Wem gehört denn der Schillingshof?“

„Uns!“ platzte sie erbittert heraus. „Uns gehört er, und nicht den Steinbrücks. Wie wir noch zusammen waren, der alte Freiherr und der Arnold – der gnädige Herr wollt’ ich sagen – und ich, da gab es keine Gnädige bei uns, und wir haben auch gelebt und sind in unserm Gott vergnügt gewesen. Ueber das Haus hier hatte der alte Herr allein zu befehlen; hier ist er geboren und gestorben. Und gut und kreuzfidel waren Alle, und die Kellerschlüssel sind auch nie auf die Reise mitgenommen worden, als wäre das Haus voll Spitzbuben –“ sie hielt plötzlich inne und trat respectvoll zur Seite.

Die schöne, stolze Frau kam mit der kleinen Paula von Lucile’s Gemächern her. Wie ein breiter, schwarzer Schatten lagen die Wimpern tief auf ihren Wangen; sie schritt vorbei, als seien die Leute an der Thür von Stein, wie die Statuen in den Nischen.

„Bettelprinzeß!“ murmelte der Bediente Robert grimmig zwischen den Zähnen, während sie in der Thür nächst der Laokoongruppe verschwand.

20.

Lucile hatte sich nach der stürmischen Scene wie ein trotziges Kind in ihre Zimmer eingeschlossen und war auch nicht zum Thee im Salon erschienen. Die Kammerjungfer hatte eine Platte voll Erfrischungen aus der Küche holen und ihrer Herrin für den Rest des Abends Gesellschaft leisten müssen – auch sie war nicht wieder zum Vorschein gekommen. So hatte die kleine Frau nicht erfahren, daß der Hausarzt auf Baron Schilling’s Wunsch noch spät am Abend dagewesen war, um José ein beruhigendes Mittel zu verschreiben, weil sich die fieberhafte Aufregung des Knaben eher steigerte, als verminderte.

Donna Mercedes hatte sein kleines Bett in ihr Schlafzimmer tragen lassen, um ihn selbst zu überwachen. Er war auch unter der Wirkung der Medicin eingeschlafen, zur Beruhigung Aller. Aber nun, gegen Mitternacht, wachte er plötzlich auf. Er glühte, als schlügen Flammen aus dem Bettzeug über ihn hin, und sein heftig schmerzender Kopf lag schwer wie Blei auf dem Kissen. Mühsam hob er die Lider und sah sich fremd um – er hatte ja noch nie hier geschlafen.

Dort an der gegenüberliegenden Wand stand Tante Mercedes’ Bett; sie lag unausgekleidet auf der weißatlassenen Steppdecke und schlummerte. Das ganze Zimmer schwamm in einem sanften Rosaschein, den die Glasampel an der Decke verbreitete. Er färbte die weiße Spitzenwolke, die vom Betthimmel herab das Lager der schlafenden Frau umfloß; er weckte ein feines Sprühen aus dem steinfunkelnden Geräth des Toilettentisches, glitt durch die offene Thür schräg über das blanke Parquet des anstoßenden großen, unbeleuchteten Salons und ließ drüben den breiten Pfeilerspiegel zwischen den Fenstern wie einen bleichen Silberstreifen aus der Dunkelheit dämmern.

Auch die Pflanzengruppe, die, hart neben diesem Spiegel, in dem Fensterbogen Tante Mercedes’ Schreibtisch flankirte, reckte ihre langen Wedel und Schwertblätter in das blaßrothe Licht hinein – dem fieberumflorten Blicke des kranken Kindes erschienen sie wie riesige, krallenhaft gekrümmte Finger, die zusehends wuchsen, um nach dem Bette herüber zu greifen.

Der Knabe schloß die Augen vor Furcht – in der entsetzlichen Dachkammer war ja auch Alles lebendig geworden, was er angesehen. Und jetzt knisterte es auch drüben in der stillen, dunklen Fensterecke, als werde im Vorüberstreifen ein bewegliches Stück Papier berührt – war das die große Maus wieder?

Er hob den Kopf vom Kissen und starrte auf den Fußboden jenseits der Thür, über den das gefürchtete Thier hinlaufen mußte – da trat ein langer, hellbekleideter Menschenfuß auf einen der Parquetwürfel, die der rothe Lichtfleck spiegelnd hervorhob – dieser Fuß ging lautlos auf den Zehen. …

Instinctmäßig sah das Kind empor und suchte den Kopf des Menschen, der da aus der Fensterecke kam – und es sah in ein bärtiges, ihm flüchtig zugewendetes Gesicht auf schattenhafter Männergestalt; es sah den kurzgeschnittenen, starren Haarschopf, der hartlinig tief in die Stirn ging, und drunter die herabhängenden, buschigen Brauen, unter denen so grimme Augen funkelten – und entsetzt fuhr der Kleine mit dem Kopfe unter die Bettdecke, jeden Augenblick fürchtend, die große, braune Hand des Mannes falle auf ihn nieder, um ihn zu züchtigen.

Er wagte nicht zu schreien, nur ein angstvolles Stöhnen rang sich aus der kleinen schwerathmenden Brust. Aber schon bei den ersten Lauten fuhr Mercedes aus ihrem leichten Schlummer empor und eilte an das Bett des Kindes. Sie zog ihm die Decke vom Gesicht und erschrak heftig über die brennenden Händchen, die krampfhaft fest ihre Finger umklammerten, über den verstörten Blick, mit welchem der Knabe ihr zuflüsterte: „Lasse den schrecklichen Mann nicht herein, Tante – Du weißt, er will mich schlagen. – Klingle schnell! Jack soll kommen und Pirat auch.“

„Kind, Du hast geträumt,“ sagte sie bebend – wie ein Feuerstrom ging die Fiebergluth von dem kleinen Körper aus – und jetzt schnellte der Knabe empor; er stieß sie von sich. „Jack, Pirat!“ schrie er mit gellender Stimme.

Donna Mercedes riß an der Klingel. Die schwarzen Diener erschienen voll Bestürzung, und bald darauf stand der herbeigerufene Arzt mit bedenklichem Gesicht am Bette des Kindes, das im vollsten Delirium fort und fort nach Hülfe rief, um den „schrecklichen Mann“ fortzujagen.

Damit begann eine furchtbare Zeit. …

Der Tod stand lange am Bette des kleinen José und drohte, das Geschlecht der Lucians in seinem letzten Sproßen für immer auszulöschen. Oft schien es, als recke er seinen Arm bereits hinüber bis an das junge, wildschlagende Herz; dann lag das Kind in lethargischem Zustande, und tiefe Schattenzüge verwischten bis zur Unkenntlichkeit das frühere Gepräge des schönen, blondlockigen Köpfchens. Die Aerzte boten Alles auf, den Knaben dem Leben zu erhalten, und es war seltsam zu sehen, wie sie einstimmig und instinctmäßig sich gerirten, als gelte es, ihn einzig und allein zu retten für die junge Frau mit dem südlichen Bronzegesicht, die thränenlosen, starren Blickes, mit fest zusammengepreßten Lippen, ihre Berichte entgegennahm, die nie klagte, aber meist Speise und Labung schweigend zurückwies und Tag und Nacht nicht von dem Krankenbette wich.

Die kleine Mama dagegen, die oft mit dickverschwollenen Lidern, in vernachlässigter Toilette am Fußende des Bettes kauerte und unaufhörlich flüsterte und gesticulirte, war ein wahrer Schrecken für die Aerzte. Angesichts des bewußtlosen Kindes brach das Muttergefühl leidenschaftlich durch, aber auch zugleich der ganze Egoismus dieser Frauenseele. Sie wollte die Angst, die sie folterte, nicht ertragen; sie wollte beruhigt sein; sie peinigte die Aerzte mit Fragen, und doch nahm sie jedes besorgte Achselzucken, jeden noch so verhüllten Hinweis auf die Gefahr wie eine beleidigende Schonungslosigkeit auf. Sie warf sich jammernd über den kleinen Kranken hin und erging sich in maßlosen Schmähungen und Vorwürfen gegen diejenigen, die ihr Kind nach Deutschland, in den spukhaften Schillingshof geschleppt und in eine solche Lebensgefahr geflissentlich gebracht haben sollten. Mit ihrem Gebahren füllte sie den Leidenskelch für Mercedes bis an den Rand – sie mußte selbst überwacht werden, wie ein Kind, und erschwerte die Pflege, die ohnehin eine aufreibende war, da auch Deborah in ihrem unbeherrschten Schmerz durchaus nicht als Stütze gelten konnte.

Die Schwarze litt doppelt. Die Leute des Hauses behaupteten einstimmig, das Kind müsse sterben – Adam sei ihm erschienen. Ein panischer Schrecken hatte Alle gepackt, seit die gellenden Hülferufe des Knaben Corridor und Flurhalle erfüllt – Niemand mochte sich Nachts, selbst bei hellster Beleuchtung, bis an die Laokoongruppe, nächst der Thür des Salons mit den Holzschnitzereien, wagen, und Deborah zitterte am ganzen Leibe bei dem leisesten Geräusch im anstoßenden Zimmer; sie warf die Schürze über den Kopf, um nicht zu sehen, wie der „schreckliche Mann“ plötzlich auf die Schwelle trete, um die Seele des Lieblings zu holen.

In Haus und Garten des Schillingshofes herrschte Todtenstille, die Baron Schilling selbst behütete und überwachte. Keine rauhe Stimme, kein hart auftretender Fuß durfte laut werden; man hatte alle Klingeln im Erdgeschoß abgenommen; das Geräusch des rollenden und rasselnden Kieses auf den Wegen des Vorgartens war gedämpft durch aufgeschüttetes Stroh; kein plätschernder Fontainenstrahl sprang aus den geschlossenen Wasserröhren, und der lärmende Pirat wurde Tag und Nacht ist strenger Haft gehalten.

In diesen schweren Tagen stand das Atelier völlig verwaist; Baron Schilling verließ das Säulenhaus nicht mehr. Er war in der ersten Nacht fast mit dem Arzte zugleich erschienen, und seitdem hatte er ein Hinterzimmer des Oberbaues bezogen, um stets bei der Hand zu sein.

Anfänglich kam er nur auf Stunden in das Krankenzimmer; er fühlte sehr gut, daß die schweigende Pflegerin in ihrer namenlosen, wenn auch heroisch niedergekämpften Angst nicht beobachtet sein wolle. Nur ganz allmählich verlängerte sich sein Aufenthalt am Bett des Kindes, und er stieß auf keinen Widerspruch; die Kräfte der Pflegerin waren nahezu aufgerieben, und sie mochte einsehen, daß sie eine zuverlässigere Stütze nicht finden konnte, als in dem Manne, der mit Augen voll Schmerz und tiefer Zärtlichkeit ihren Liebling behütete. Sie empfing ihn nicht mehr mit finster abweisenden Blicken, wenn er eintrat; seine nahenden Schritte machten sie nicht mehr emporschrecken aus der Stellung, die sie oft stundenlang auf dem Teppich knieend vor dem Krankenbett einnahm. Sie hatte sich neulich gegen jegliche Art des Zusammengehens verwahrt, und doch kam und ging er jetzt in Folge stillschweigenden Einvernehmens und wachte des Nachts bei dem Kranken, während er darauf bestand, daß die tieferschöpfte Pflegerin sich in der anstoßenden Kinderstube zur Ruhe niederlege – und sie fügte sich; angesichts des furchtbaren Unglücks, das über sie hereinzubrechen drohte, versanken alle Bedenken, die sonst die Oberhand in ihrer stolzen Seele hatten.

Es fiel fast nie ein Wort zwischen ihnen, und doch kamen sich Beide näher in der gegenseitigen Beurtheilung. Er hatte es freilich mit einer Sphinxnatur zu thun, die oft genug seiner Prüfung entschlüpfte, um ihm plötzlich wildfremde, räthselvolle Züge zuzuwenden. So oft er den Blick vom kleinen Krankenbett hob, wurde ihm ganz märchenhaft zu Sinne. Als hätten Gnomenhände einen ganzen Regen ihrer unterirdischen Schätze verstreut, um eine schöne Frau mit kühlem Feuer zu umspielen, so funkelte der Steinschmuck an allem Geräth; selbst vom kleinsten Trinkbecher sprühte Rubinenlicht wie aus halbversteckten rothglühenden Koboldaugen. Und die weiße Duftwolke mit ihrem eingewobenen köstlichen Blumen- und Blättergerank, die über den weißen Atlas, die Spitzenkanten der Polster herabfloß, die farbenglänzenden Matten auf dem Parquet, die Sitzmöbel, aus kostbaren Hölzern so luftig aufgebaut, als sollten sie auf ihren Seidenkissen nur leichte Feengestalten tragen – das Alles war aus einer mit sybaritischer Pracht ausgestatteten Pflanzervilla über das Meer hergeschwommen, um wenigstens einen Raum des deutschen Hauses für die verwöhnte Tochter des Südens heimisch und erträglich zu machen.

Für Donna Mercedes war der raffinirteste Luxus sichtlich die Lebenslust, das Element, das ihre ätherische Erscheinung vom ersten Athemzuge an auf seinen Wogen gleichsam hoch über der Erde gewiegt und getragen, und dieselbe Frau hatte es gleichwohl verschmäht, in Zeiten der Gefahr auf ihre sturmgeschützte Besitzung zu flüchten; sie hatte sich in andere Wogen geworfen, in die brausende Brandung des erbitterten Kampfes; das verwöhnte Ohr war nicht zurückgeschreckt vor dem Schlachtendonner, es hatte auf die Signale, die rauhen Commandos lauschen gelernt; durch Dornen und Gestrüpp waren die zarten Füße gewandert; die schlanken, ringgeschmückten Finger hatten kräftig die todbringende Waffe umspannt, und das atlasschimmernde Lager war mit der harten Erde, dem groben Soldatenmantel vertauscht worden – statt der Spitzenwolke des Betthimmels hatte sich das niederschauernde Nachtgewölk über die am Lagerfeuer Rastende hingebreitet.

Ja, sie war rücksichtslos und unbeugsam hart gegen den eigenen verweichlichten Körper, angesichts großer Fragen, wie sie unerbittlich, ja fanatisch gehässig Denen gegenüber stand, die „unberechtigt“ ein menschenwürdiges Dasein erstrebten. „Menschen?!“ hatte sie neulich im Hinblick auf die aufrührerischen Schwarzen mit empörendem Hohn gerufen – man hätte damals glauben müssen, sie habe auch zu jenen raffinirt grausamen Plantagenherrscherinnen gehört, die das Fleisch ihrer Sclavinnen als Stecknadelpolster benutzen sollten, und doch – kamen die sanften, gütevollen Laute, mit denen Jack und Deborah stets und immer angeredet wurden, wirklich von den stolzen Lippen?... Deborah war in Folge des Schreckens und Kummers selbst erkrankt; sie lag in der Kinderstube und sträubte sich in kindischer Furcht gegen das verordnete Medicament. Baron Schilling hörte, wie ihr Donna Mercedes besorgt, in unerschöpflicher Geduld und Langmuth zuredete – sie litt es nicht, daß eine andere Hand als die ihre der „alten, treuen Dienerin“ die Labung reiche, ihr das Lager aufschüttele.

Sie zeigte ferner offenbaren Haß gegen das Germanenthum, seit sie deutschen Boden betreten hatte, deutsche Luft athmete, aber sie las und kaufte fast nur deutsche Bücher; auf dem Flügel lagen Bach, Beethoven und Schubert, und verschiedene Schriftstücke auf dem Schreibtisch bewiesen, daß sie vorzugsweise in deutscher Sprache schreibe. Diesem Arbeitstisch kam Baron Schilling nur nahe, wenn einer der Aerzte an demselben saß, um ein Recept zu schreiben. Da wurde flüsternd über den Zustand des kleinen Patienten verhandelt, manchmal vielleicht einen Augenblick länger als nöthig, denn die Fensterecke hinter der grünen Seidengardine war höchst interessant. Donna Mercedes hatte auch hier in eng gezogener Schranke ein kleines Stück ihres amerikanischen Heims aufgebaut.

Da hing das Oelbild ihrer stolzen spanischen Mutter, einer undinenhaften Schönheit wie die Tochter, das herabfluthende „Zigeunerhaar“ an den Schläfen leicht mit Perlenschnüren zurückgenommen, die feine, biegsame Gestalt, nach Fürstenart, von schwerem violettem Sammet umbauscht; Perlenspangen rafften da und dort die Faltenwucht zusammen. Ja, der Urtypus des Hochmuths war sie gewesen, diese zweite Frau, die sich der imposant schöne Major Lucian, nachdem er im Leben schon halb und halb Schiffbruch gelitten, noch zu erobern gewußt hatte. Seine Photographie hing unter dem Oelbild, daneben sein Sohn Felix, beide Portraits umringt von herrlichen kleinen Landschaftsbildern in Wasserfarben, Ansichten von Lucian’schen Besitzungen vor dem Kriege. Und auf dem Schreibtisch selbst, inmitten kostbarer Geräthschaften von Edelmetall, stand in ovalem Bronzerahmen die Photographie eines jungen Mannes, ein Kopf von großer Schönheit, aber ziemlich unbedeutend im Ausdruck.

„Der arme Valmaseda“ – hatte Lucile, Baron Schilling’s Blick nach dem Bilde verfolgend, in ihrer medisanten Art eines Tages geflüstert – „er war ein netter, ein bildhübscher Mensch, aber – es war doch gescheidt von ihm, zu sterben. Wissen Sie – ein großes Licht war er gerade nicht. Mercedes hatte sich mit fünfzehn Jahren verlobt; da paßten sie noch zusammen, aber nachher that sie ja so furchtbar geistreich, und da konnte der arme Schelm nicht mehr mit – in der Ehe hätte das kein Jahr lang gut gethan – mein Gott, was sage ich – nicht vier Wochen! Die brave Feindeskugel kam gerade recht, noch in seine Bräutigamsillusionen hinein. Mercedes ist an seiner Seite gewesen und hat ihn in ihren Armen aufgefangen. ‚Ein himmlisches Sterben!’ soll er gesagt haben.“

An den Verhandlungen in der Fensterecke betheiligte sich Donna Mercedes später nicht mehr – aus Furcht vor der eigenen Schwäche, die sie allmählich überkam; sie ließ sich deshalb die Aussprüche der Aerzte durch Baron Schilling berichten.... Es war ein seltsam neues Gefühl, das sie immer mehr beschlich, das Bewußtsein eines Haltes, der ihr von außen kam. Bis dahin hatte sie sich stets nur auf die eigene Kraft verlassen und ihre Selbstständigkeit eifersüchtig gewahrt wie ihre Tugend; so hatte sie nie gewußt, was es heiße, Schutz zu genießen – jetzt fühlte sie ihn als eine Wohlthat. Sie sagte sich, daß der Mann, der sich mit ihr in den Krankenwärterdienst theilte, aufmerksamen Auges zugleich ihr Wohl und Wehe behüte, aber das stolze, verächtliche Lächeln, mit welchem sie gewohnt – war, unbegehrte Theilnahme zurückzuweisen, spielte ihr dabei nicht um die Lippen.... Wenn der nichts weniger als schöne, aber kraftvoll stattliche Mann mit dem Ausdruck stillen Ernstes am Krankenbett saß, dann schöpfte sie Trost aus seinem Anblick, dann war ihr, als sei ihr Liebling geborgen, als müßten alle finsteren Gewalten zurückweichen. Sie wurde unruhig, wenn er fortging, und athmete freudig klopfenden Herzens auf, sobald sie seinen nahenden Schritt draußen im Corridor hörte. Sie dachte nicht mehr an die Frau, die in Rom betete, um die verhaßten Eindringlinge möglichst schnell loszuwerden, an diese Klosterschülerin, welche im finsteren Aberglauben ihr eigenes Heim mit spukhaften Seelen bevölkerte und alle Logirräume bis auf die verrufene Zimmerflucht verschlossen hatte, jedenfalls, damit der unsaubere Geist den ungewünschten Besuch austreibe.

Etwas Unheimliches hatte diese Erdgeschoßwohnung allerdings auch für Donna Mercedes – das waren die mächtigen, tief auf den Boden herabgehenden Fenster. Die Brüstung zwischen den Zimmern und der draußen hinlaufenden Säulenhalle war so niedrig, wie kaum ein Balcongeländer, das man mühelos übersteigen kann. Der erstickenden Hitze wegen durften Abends die inneren Läden nicht vorgelegt werden; die Fensterflügel des Krankenzimmers standen auf Anordnung der Aerzte offen, und damit kein helles Licht von außen hereinfalle, hatte Baron Schilling das Anzünden der Gasflammen im Vorgarten verboten. Es herrschte somit gähnende Finsterniß unter der Wölbung der Halle; nur ganz fern glühten drüben auf der menschenleeren Promenade vereinzelte Gaslichter; der Nachtwind zog schwach seufzend an der Säulenreihe hin, und vom Klostergut kamen die Fledermäuse herüber und schwammen scheu in dem schwachen, grünen Licht, das die kleine Flamme durch den Lampenschirm des Krankenzimmers hinauswarf.

Aber dieser blasse Schimmer, den die Nacht draußen schon aufsog, ehe er nur die nächste Säule erreichte, er hob auch andere Erscheinungen aus der Finsterniß, und das war unheimlich, visionartig. Donna Mercedes sah zweimal dasselbe, als sie, regungslos im Dunkel hinter dem Spitzenbehang ihres Bettes sitzend, das phantasirende Kind behütete. Kein Schritt war draußen auf dem Steingetäfel hörbar geworden; nicht das leiseste Geräusch hatte Menschennähe ahnen lassen, und doch hatte sich plötzlich ein Antlitz über die Brüstung hereingeneigt, ein todtenweißes, schönes Frauengesicht mit Zügen wie in Stein gemeißelt, mit dunkelglühenden Augen, die starren, verzehrenden Blickes auf das kranke Kind gerichtet waren, als wollten sie ihm die Seele aussaugen. Bei dem unwillkürlichen Emporschrecken der Pflegerin aber war das Gesicht jedesmal verschwunden, als sei es von einer schwarzen Tafel weggelöscht worden.

Donna Mercedes hatte das weibliche Dienstpersonal des Schillingshofes nie beobachtet, aber sie meinte, dieses in Schmerz und Gram förmlich versteinerte Antlitz müßte ihr doch bei der Begegnung nothwendig aufgefallen sein. Sie forschte jedoch nicht nach, wie sie überhaupt während der ganzen schweren Prüfungszeit nur über das Allernöthigste sprach.

So waren viele Tage in unbeschreiblicher Angst und Aufregung verstrichen – nun eine furchtbare Nacht noch, in welcher man jeden Augenblick fürchtete, den schwachen Kindesodem für immer verlöschen zu sehen, dann brach ein rosig schöner Morgen an, und das goldene Tageslicht flammte auf, um ein junges Menschenkind wiedergewonnen in seine lebenathmende Fluth zurückzunehmen – der kleine José war gerettet.

Der Jubel darüber war groß. Die beiden Schwarzen geberdeten sich wie toll, und Lucile war in ihrer Freude so extravagant, wie vorher in ihrer Angst. Zum ersten Mal wieder sorgsam frisirt, in hellseidenem Kleide, die Locken voll frischer Rosen, einen Rosenstrauß an der Brust und in den Händen, kam sie geschmückt und grazienhaft wie eine Bajadere früh in das Krankenzimmer geflogen und machte Miene, sich stürmisch über den Knaben hinzuwerfen und sein Lager mit den duftenden Blumen zu bestreuen; allein die eben anwesenden Aerzte verbaten sich energisch derartige Freudenausbrüche, was die kleine Frau durchaus nicht begreifen wollte und als gänzliches Mißverstehen ihrer Zärtlichkeit sehr übel nahm. Sie kehrte ihnen trotzig den Rücken und lief schmollend hinaus – die Gefahr war vorüber – nun konnte man auch wieder naiv und unartig sein.

Donna Mercedes war tagsüber standhaft geblieben; sie hatte den Thränen des Glückes, der unaussprechlichen Erleichterung vor den Augen der Anderen gewehrt. Aber nun war es wieder Abend geworden; Baron Schilling hatte sein Atelier aufgesucht; Lucile und Paula tranken den Thee in den Gemächern der kleinen Frau, und Deborah war hinübergegangen, um dabei zu bedienen.

Es war um die neunte Stunde, aber schon herrschte die Finsterniß der tiefen Nacht – der Himmel hing voll Regenwolken. Nur hinter der weit drüben liegenden Häuserreihe der Straße schoß dann und wann die grelle Lohe des Wetterleuchtens empor, um machtlos in den düfteschweren, schwülen Lüften zu verlöschen.

Der kleine José schlief – es war der traumlose Schlaf der tiefsten Erschöpfung; ein in den Kissen ruhender Engel von Wachs hätte nicht lebloser daliegen können, als dieses Kind in seinem spitzenbesetzten, weißen Nachtkleidchen.... Donna Mercedes kniete an seinem Bette und hatte die Rechte leise auf das kühle, fieberlose und schlaff hingesunkene Händchen gelegt. Nun war sie allein mit ihm; nun konnte sie ihre Augen wieder weiden an dem Gesichtchen unter dem blonden Gelock, wenn es auch noch so unheimlich vertieft und dunkel in den Augenhöhlen, so abgezehrt und blutlos wächsern dalag – es sollte sich ja wieder runden und aufblühen zu seiner früheren Lieblichkeit. – Sie grub die Stirn in die weiße Decke, die den schwachathmenden kleinen Leib halb verhüllte, und ein lautloses, aber heftiges und befreiendes Weinen durchschütterte ihren Körper.

Der Nachtwind kam über die Rosenbäume des Vorgartens her; er zog warm und balsamisch durch das Zimmer und blähte die Vorhänge auf – die Knieende hörte, wie sich die Seidenfalten im Zurücksinken an einander rieben. Es klang aber auch, als schleife ein Gewand draußen über die Steinmosaik der Säulenhalle, und plötzlich tastete eine Hand auf der Fensterbrüstung....

Donna Mercedes fuhr empor – und da war das weiße Gesicht wieder. Eine schwere, graue Flechte wie ein Fürstendiadem über der Stirn, um die Schultern einen zurückgesunkenen schwarzen Shawl, der jedenfalls das Haupt vermummt gehabt, stand die fremde Frau da und krampfte die Hände um den Holzrahmen des Fensters.

„Gestorben?!“ stöhnte sie in wildem, halb ersticktem Aufschrei.

Die Knieende erhob sich – dieser Anblick, der Stimmklang, der sich unbeherrscht einer schmerzgefolterten Menschenbrust entrungen, erschütterten sie. Lebhaft verneinend schüttelte sie den Kopf und wollte auf das Fenster zugehen – sofort wich das Gesicht draußen in die Nacht zurück; sie sah noch, wie sich die Brauen über den funkelnden Augen in finsterer Zurückweisung falteten, wie die großen, weißen Hände in wilder Hast das Tuch über den Kopf zogen – dann war die Fremde wie ein Phantom verschwunden.

Diesmal wollte und mußte Donna Mercedes Aufklärung haben. Sie eilte in die anstoßende Kinderstube; dort brannte kein Licht, und die Fenster standen offen. Sie bog sich weit hinaus, allein es war unmöglich, in der totalen Finsterniß irgend einen Gegenstand zu sehen; nur einen Augenblick später hörte sie das eiserne Gitterthor drüben an der Promenade leise klirrend zufallen.

„Nun weiß ich’s ganz genau – es war ein Mann –“ sagte plötzlich eine männliche Stimme ganz in ihrer Nähe.

„Daß Du doch immer streiten mußt!“ fiel eine andere ärgerlich ein – sie gehörte dem Bedienten Robert. „Willst Du nicht auch behaupten, es sei der todte Adam gewesen? – Eine Frau war’s, und dabei bleibt’s – hab’ ich sie doch vor ein paar Tagen beinahe erwischt.“ –

Das Fenster, an welchem Donna Mercedes stand, war das letzte der Zimmerreihe; es stieß an die Flurhalle und befand sich nahe der Hauptthür, in welche die Männer soeben getreten sein mußten.

„Wenn ich nur wüßte, was sie eigentlich will,“ fuhr der Bediente fort. „So viel steht fest, sie hat’s auf die Säulenhalle abgesehen und guckt in die Fenster.“ – Er lachte leise und höhnisch auf. „Na, dumm ist’s gerade nicht; Unsereiner thut’s ja auch!... Da drin ist’s gerade wie auf dem Theater – schwarze Mohrenfratzen, eine aufgeputzte Schlafstube, als sollte der Kaiser von Marokko drin schlafen, und falsche Edelsteine die schwere Menge.... Und die stolze Madame liegt auf den Knieen vor dem kranken Prinzen, und unser Herr sitzt dabei wie eine Schildwache und sieht sich die Knierutscherei an, als wollte er sie auf seine Bilder bringen. Er treibt’s zu arg; Tag und Nacht sitzt er drin, und die Dame muß auch keine Scham und Scheu im Leibe haben, daß sie das leidet und sich vor Unsereinem gar nicht genirt – das ganze Haus macht seine schlechten Witze darüber.... Ach ja, ich glaube, der wär’s schon recht, wenn die Gnädige gar nicht wieder käme – im Schillingshofe sitzt sich’s warm – aber Profit, damit ist’s nichts!... Guck, Fritz, ich lachte mich todt, wenn die Gnädige einmal unvermuthet heimkäme und sähe die Bescheerung durch’s Fenster.“

Er sprach in gedämpften Lauten fast flüsternd, und doch war es, als schlüge jedes dieser hämischen Worte wie ein tönender Hammer auf das Ohr der jungen Dame. Die Stimmen draußen schwiegen, und noch stand sie, die Unterlippe zwischen die feinen, scharfen Zähne geklemmt, wie zu Stein erstarrt.

Sie sah durch die offene Thür Deborah in das Krankenzimmer treten und ging hinüber, und als sie in den grünen Lichtschein trat, da erbebte die arme Schwarze – so hatte die verstorbene Herrin daheim ausgesehen, wenn sie zürnte; so dämonisch flimmernden Auges, so blaß, als rolle nicht ein Tropfen färbenden Blutes in dem schönen Leibe, hatte sie grausame Strafen über die Schuldigen verhängt und nie ein Jota von dem zurückgenommen, was sie einmal ausgesprochen.

Donna Mercedes wischte sich mit dem Taschentuch über die Lippen, die sie sich wundgebissen, und bedeutete schweigend der Negerin, sich an das Bett des schlafenden Kindes zu setzen, dann ging sie hinaus; hinaus in die Luft wollte sie – in diesem Hause mußte sie ersticken.




21.

Sie schritt an den hellbeleuchteten Steinbildern hin; die Gestalten der Liebe, der losen Schelmerei lächelten als Aphrodite und Eros von dem einen Piedestal auf die lautlos vorübergleitende schöne Frau nieder, die mit dem hartgeschlossenen Mund, den ausdrucksvoll geschwellten Nasenflügeln und dem sprühenden Blick unter den tiefgesenkten Brauen recht gut als Statue des Hasses da droben hätte stehen können.

Die Männer standen noch an der offenen Hauptthür; sie stellten sich unwillkürlich in Positur, als die schwebende, weiße Erscheinung um die Corridorecke kam, und der, welcher sie eben noch verlästert, der Bediente Robert, machte den tiefsten Katzenbuckel....

Donna Mercedes wandte sich nach dem Ausgang, der in den großen Garten führte; aber als sie die Hand nach dem Thürschloß hob, da hörte sie Männertritte draußen die Freitreppe heraufkommen; sie wich einen Schritt zurück, und gleich darauf öffnete sich die Thür, und Baron Schilling trat herein. Wie er so aus der hinter ihm lagernden tiefen Nacht auftauchte, das krause, dunkle Haar unbedeckt und den überraschten Blick auf die unerwartet vor ihm stehende junge Dame geheftet, da lag es wie eine hohe Freude auf dem gedankenvollen Gesicht – er war ja zum ersten Male nach so vielen bangen Tagen in seinem Atelier gewesen; er hatte ein Wiedersehen mit geliebten Gestalten gefeiert und sich offenbar neue Begeisterung vor den eigenen Meisterschöpfungen geholt.

Er hielt einige farbenprächtige, wohl eben erst im Glashause gepflückte Gloxinien in der Hand und bot sie der jungen Dame schweigend mit einer tiefen Verbeugung.

„Ich danke, mein Herr – ich liebe die Blumen nicht!“ sagte sie schneidend, ohne auch nur einen Finger der lässig herabhängenden Hände zu heben, und ihr feindselig funkelnder Blick glitt von seinem Gesicht auf die Blumen nieder. Sie trat noch um einige Schritte zurück, damit er vorübergehe und ihr den Weg nach dem Garten freimache; in demselben Moment jedoch erschien einer der Aerzte in der Flurhalle, um, wie stets in den späten Abendstunden, noch einmal nach dem kleinen Kranken zu sehen. Sie war gezwungen, im Haus zu bleiben und die Herren in das Krankenzimmer zu begleiten.

Baron Schilling sprach ruhig und höflich mit dem Arzt, und im Vorübergehen legte er sorgsam die verschmähten Blumen auf das kühle Steinpostament zu Füßen einer Ariadne.

„Und bis wann glauben Sie, daß José eine Uebersiedelung aus dem Krankenzimmer erträgt?“ fragte Donna Mercedes im Salon den Arzt, nachdem er mit Befriedigung constatirt hatte, daß all und jede Spur des Fiebers erloschen sei.

Er sah überrascht empor – er hatte diesen herben Metallklang noch nicht von den Lippen gehört, die, sonst fast immer schmerzhaft geschlossen, augenblicklich in leidenschaftlich drängender Ungeduld bebten. „Daran ist noch lange nicht zu denken,“ sagte er entschieden.

„Auch nicht, wenn ich das Kind, warm verhüllt, selbst auf den Armen hinaustrüge?“

„Hinaustragen?“ Er sprang förmlich zurück. „Darüber wollen wir in vierzehn Tagen sprechen, gnädige Frau. Vorläufig darf weder hinsichtlich des Zimmers, noch der Pflege irgend ein Wechsel eintreten – noch liegt Gefahr in der außerordentlichen Schwäche des kleinen Patienten.“

Er empfahl sich, und Baron Schilling, der ihn an die Thür begleitet, kehrte zurück.

Donna Mercedes stand noch am Schreibtisch; ihre zarte Hand lag dicht vor der jugendlichen Männergestalt im ovalen Bronzerahmen.

„José schläft,“ sagte sie, den Hereinkommenden gewissermaßen zurückhaltend, als er direct auf die Thür des anstoßenden Zimmers zuschritt. Sie wandte den Kopf nicht nach ihm, kaum, daß ihn ihr Blick streifte, um sich dann auf das Bild zu senken, neben welchem ihre Hand lag.

Er trat sofort dicht an den Schreibtisch, sodaß er ihr in das Gesicht sehen konnte; der in dieser Ecke concentrirte Schein der großen Kugellampe fiel grell und voll auf ihn. „Was ist vorgefallen?“ fragte er.

Bei seiner raschen Bewegung war sie leicht in sich zusammengeschreckt; sie mußte sich sagen, daß er die plötzliche Wandelung ihres Wesens nicht ruhig hinnehmen würde, aber noch nie hatte man sie so ohne Umschweife nach den Beweggründen ihres Handelns gefragt.

„Ich verstehe Sie nicht, mein Herr!“ antwortete sie mit verletzender Kälte und hob die Augen von dem Männerkopfe im Bronzerahmen – welch ein Contrast zwischen dem Gesichte mit der feinen schmalen Adlernase, dem durchsichtig bleichen Colorit, dem dünnlippigen, korallenrothen, kleinen Mund dort, und den starken, dunkelgefärbten Zügen des Mannes hier, der ihr mit seiner hochgewachsenen Gestalt den Ausblick in das Zimmer wehrte! In Damentoilette, eine Spitzenmantille über das dicke, glattanliegende Seidenhaar geworfen, hätte Jener leicht das schönste spanische Mädchen vorstellen können, während dem Manne im vollen, krausen Bart der Eisenhut auf der kantigen Stirn sehr wohl angestanden haben würde.

„Ich verstehe Sie nicht, mein Herr“ – hatte sie gesagt. Diese lässige, ausweichende Antwort im Verein mit dem vergleichenden Blick, den er sehr wohl bemerkt, trieben ihm eine flüchtige Röthe in die Wangen.

„Soll ich glauben, daß Sie das Kind da drüben, welches wir Beide vergöttern, ohne irgend welches schwerwiegende Motiv der Gefahr eines Rückfalles aussetzen wollen?“ fragte er, seinen Blick fest auf sie heftend. „Auf Ihren Armen wollten Sie José hinaustragen? Wohin?“

Welche Art zu fragen! So direct auf das Ziel loszugehen! Das war wieder einmal die deutsche Art, die jeder diplomatischen Ausflucht einen Knüppel über den Weg wirft, um sie stolpern zu machen.... Sie konnte ihm doch unmöglich gestehen, daß sie seine Domestiken, wenn auch unabsichtlich, belauscht habe, daß dieser Bedientenklatsch im Stande gewesen sei, „Donna de Valmaseda“ von der stolzen Höhe ihres Selbstbewußtseins herabzuschleudern, ihr die Herrschaft über das empört aufstürmende, leidenschaftliche Blut zu rauben. Vorhin, in der Flurhalle, hatte es ihr allerdings auf den Lippen geschwebt, ihm in das Gesicht hinein zu sagen. „Ich will mit Dir nichts zu schaffen haben. Du trägst die Schuld, daß die Gemeinheit Anderer mich zu Dir in ein falsches Licht bringt, weil Du Dich zu der Pflege des Kindes gedrängt, weil Du mich von der ersten Stunde an verhindert hast, ein Haus zu verlassen, dem die Herrin fehlt, dem sie böswillig den Rücken gekehrt.“ – Aber jetzt, wo diese tiefen Augen so nahe auf sie herabsahen, daß sie meinte, durch das dunkle und doch so klare Blau in seine Seele hineinsehen zu können, jetzt fand sie nicht den Muth, dem Manne, der ihr in treuer Hingebung Stab und Stütze gewesen, dessen jedesmaliges Erscheinen sie zuletzt selbst ersehnt, die ganze Verantwortung aufzubürden und ihm mit schnödem Undank zu lohnen....

„Warum noch ein Wort über die Motive verlieren, die der ärztlichen Entscheidung gegenüber selbstverständlich fallen müssen!“ sagte sie achselzuckend und sah auf die feinen Fingernägel ihrer Rechten.

Er lächelte ironisch bitter. „Ja, dieser Ausspruch hat verfügt, daß weder hinsichtlich des Zimmers, noch der Pflege irgend ein Wechsel eintreten soll,“ wiederholte er langsam betonend, und sein Blick fixirte durchdringend das Gesicht, das sich ihm plötzlich zuwandte.

„Darüber werde ich doch noch ein Wort mit dem Doctor sprechen,“ sagte sie rasch. „Oder vielmehr, wir, die Pflegenden, müssen uns über vorzunehmende Aenderungen verständigen.... In den furchtbaren Leidenstagen war ich egoistisch genug, Opfer anzunehmen, wo sie mir geboten wurden – das muß aufhören. Ich darf nicht länger dulden, daß Sie sich an der Pflege betheiligen –“

„Also doch Caprice, wie ich richtig vermuthete!“ fiel er ein.

Sie fuhr empor. Er hatte eine wehe Stelle in ihrem Herzen berührt, die Stelle, wo die Reue leise schlummert, um bei irgend einem Klang, einem Wort aufzuschrecken. Ja, sie war einst, in den strahlend schönen Tagen, wo noch der breite Strom des Glückes und die Wogen des üppigsten, sonnenhellsten Lebens sie geschaukelt, capriciös, übermüthig gewesen. Alle diese Todten, die da im Bild die Ecke füllten, sie hatten die einzige Tochter des Hauses vergöttert und verzogen und dafür unter ihren wechselnden, unberechenbaren Launen oft genug gelitten.

„Die Lebensgefahr ist vorüber, und da gewinnen die bösen Geister die alte Macht,“ fuhr er fort. „Sie wollen mir wehe thun, wie Sie vielleicht stets gewohnt gewesen sind, mit den armen Seelen zu verfahren, die in Ihren Lichtkreis treten mußten. Aber Sie dürfen nicht vergessen, daß Sie es hier mit einem schwerfälligen Deutschen zu thun haben – wir wissen mit dem pikanten Luftwesen ‚Caprice’ nichts anzufangen und suchen nach ehrlichen Gründen. Und so möchte ich doch einmal fragen: ‚Warum soll ich verbannt werden?’“

Sie sah deutlich, ihm kam nicht die leiseste Ahnung von ihren Beweggründen. Nun führte er aber Alles auf Launen ihrerseits zurück, und dieses Unrecht erbitterte sie, allein ihr unbändiger Stolz, der sie in solchen Fällen stets verhärtete, litt es auch jetzt nicht, daß sie sich auch nur zu einem Schein von Rechtfertigung herablasse. Der böse Zug grenzenlosen Hochmuthes, der die Dame im violetten Sammet da oben charakterisirte, glitt in frappanter Aehnlichkeit, abstoßend und verhäßlichend auch um den Mund der Tochter.

„Ich habe es bereits gesagt – es widerstrebt mir, fernere Opfer anzunehmen,“ versetzte sie in eintönig frostiger Wiederholung, aber ohne aufzusehen.

Er trat mit ungestümer Bewegung vom Schreibtisch weg.

„Ich könnte Ihnen entgegnen, daß Felix sein Kind so gut unter meinen Schutz gestellt hat, wie unter den seiner Schwester, und da, wo die Pflicht gebietet, kann von einem freiwilligen Opfer gar nicht die Rede sein – wir erfüllen eben Beide nur unser gegebenes Wort,“ sagte er, ihr das Gesicht über die Schulter zuwendend. „Ich habe aus dem Grunde dieses Zimmer“ – er zeigte nach der Krankenstube – „bisher als vollkommen neutralen Boden betrachtet, auf welchem wir einmüthig wirkten, und müßte ich befürchten, daß mit meinem Ausscheiden aus der Pflege auch nur der mindeste Nachtheil für José erwüchse, so wiche ich nicht um eine Linie von meinem Posten – sicher nicht! Ich weiß jedoch das Kind wohlbehütet, und so gehe ich.“

„Sie gehen im Zorne!“ sagte sie mit blassen Lippen; allein sie stand da, als sei ihre schlanke Gestalt zu Marmor geworden; sie machte nicht die leiseste Bewegung, ihn zurückzuhalten; auch ihre Stimme klang trotzig und gereizt, fast als gefalle sie sich im Widerstand.

„Ja, ich grolle, aber zumeist mit mir selber, mit meiner Vertrauensseligkeit, die mich täppisch, gegen besseres Wissen, in eine demüthigende Situation gebracht hat. Ich habe schon böse Worte von Ihren Lippen gehört – Sie haben mich schnöde verurtheilt, ohne den geringsten Einblick in die wahre Sachlage –“

Sie wandte sich ab und schob und rückte mit unsicherer Hand an den verschiedenen Utensilien des Schreibtisches.

Ihr vernichtender Ausspruch über die unglückliche Negerrace klingt heute noch in mir nach, wie er mich neulich in tiefster Seele empörte,“ fuhr er unbeirrt fort, „und doch ließ sich mein Urtheil einlullen, weil ich Sie bewunderungswürdige Großmuth und Selbstverleugnung gegen die Frau Ihres Bruders üben sah, weil Sie die tiefste Zärtlichkeit, einen rückhaltslosen Opfermuth für seine Kinder an den Tag legen. In Ihrer Seele ringen zwei Mächte – die Gottesgabe einer edlen, großangelegten Natur, und eine schlimme Consequenz der Erziehung. Unter der letzteren, der Wandelbarkeit der Laune, lassen Sie augenblicklich auch mich leiden, aber ein zweites Mal wird es nicht geschehen – ich habe wenig Neigung zur sclavischen Unterwürfigkeit in mir.“

Er verbeugte sich und ging in das Krankenzimmer. Dort trat er an das Bett – Deborah war bei Erscheinen des Arztes hinausgegangen – und die Dame im Fensterbogen sah mit verstohlenem Seitenblicke durch die Thür, wie er sich in tiefer Bewegung über das schlafende Kind bog. Einen Augenblick legte er seine schöne, schlanke Rechte leicht auf die Stirn desselben, dann verließ er durch die Kinderstube die Erdgeschoßwohnung.

Donna Mercedes horchte auf seine verhallenden Schritte, als wolle sie den Klang in sich aufnehmen, weil – sie ihn in diesen Räumen nicht wieder hören sollte – aus ihrem Gesicht war jeder Blutstropfen gewichen. Sie hatte eben eine Sprache hören müssen, wie sie das verwöhnte, umschmeichelte Ohr der überall siegenden spanischen Schönheit noch nicht berührt. Und doch war sie nur insofern im Unrecht, als sie ihre wohlbegründete Erbitterung und Gereiztheit nicht besser gezügelt, aber hatte sie es, der Männerwelt gegenüber, je der Mühe werth gehalten, sich liebenswürdiger zu zeigen, als sie augenblicklich empfand?... Der da im Bronzerahmen, der Nabob von Südcarolina, der hochmüthigste, anmaßendste unter den Pflanzerbaronen, er war in der That nichts Anderes als ihr Sclave gewesen.

Sie verließ in stürmischer Bewegung den Fensterbogen, und vor José’s Bett niedersinkend, vergrub sie die glühende Stirn in das kühle Linnen der Decke.




22.

Mehrere Tage waren verstrichen. Die Genesung des kleinen José schritt sehr langsam, kaum merklich vorwärts. Er lag matt und kraftlos in den Kissen, und nach wie vor mußte jedes laute Geräusch, jeder starke Lichtschein streng vermieden werden, denn die zurückgebliebene Schwäche des Kindes war groß. Man ging daher in der Nähe des Krankenzimmers immer noch auf den Zehen; im Vorgarten durften die Gasflammen noch nicht angezündet werden, und das Stroh auf dem Kiesweg vor der Säulenhalle war erneuert worden.

Donna Mercedes hatte den Herrn des Schillingshofes nicht wiedergesehen. Gleich nach seinem Weggang war Hannchen in seinem Auftrag erschienen, um Donna Mercedes in der Pflege zu unterstützen und die Abgesandte war ohne Widerrede angenommen worden.

Das Mädchen mit dem schweigsamen, geräuschlosen Wesen paßte vortrefflich zur Krankenpflegerin. War es doch, als habe sich ihr junges, seltsam verdüstertes Gesicht förmlich aufgehellt, seit sie über die Schwelle des großen Salons gegangen war, um Tag und Nacht dazubleiben. José gewann sie lieb, und auch Donna Mercedes gewöhnte sich an das Mädchen, das nie sprach, ohne gefragt zu werden, und nie mit einem zudringlichen Blick die Dame auch nur streifte. Ganz ihrer Aufgabe hingegeben, bedurfte sie anscheinend zu keiner Zeit des Ausruhens, und nie zeigte sie das Bedürfniß, sich zu erquicken, oder auch einmal in anderer Luft aufzuathmen. Sie schien nur außergewöhnlich empfindlich für jedes auch noch so leise Geräusch, das sich in der tiefen, behüteten Stille der Erdgeschoßwohnung bemerklich machte. Dann war es, als concentrire sich die ganze Seele des Mädchens im Ohr, so regungslos aufhorchend verharrte sie für Augenblicke. Sie hemmte manchmal plötzlich wie festgewurzelt inmitten des großen Salons ihre Schritte – mit zurückgehaltenem Athem, den Oberkörper vorgebogen und die Augen unheimlich erregt auf die Wand geheftet, an der sich die Ruhebank mit den grünseidenen Polstern hinzog, stand das sonst so gemessen und gleichmäßig auftretende Mädchen da.

Lucile, die sie einmal in dieser Stellung überrascht hatte, behauptete, das sei notorische Verrücktheit, und ging ihr aus dem Wege, wo sie konnte. Die kleine Frau kam überhaupt jetzt seltener in die Erdgeschoßwohnung – es ärgerte sie, daß man immer noch so „viel Wesens“ mache; dem Jungen thäte kein Finger mehr weh; und doch würde immer noch so unausstehlich geschlichen und geflüstert; und wenn sie „dem armen, halbverhungerten Kerl“ ein paar unschuldige Näschereien zustecke, da zanke man auf sie hinein, als habe sie ihn vergiften wollen.

Von dem, was zwischen Donna Mercedes und dem Hausherrn vorgefallen, ahnte sie nichts. Sie fand es ganz begreiflich, daß er sich nunmehr wieder in das Atelier zurückgezogen und in sein Werk vertieft habe, um die Versäumniß der letzten Wochen auszugleichen, und es verdroß sie nur, daß er für nichts Anderes mehr Augen und Ohren hatte. Er stehe wie festgenagelt an seiner Staffelei, sagte sie, und der Blick, den er ihr zuwerfe, wenn sie sich einmal einfallen lasse, durch die Glaswand des Wintergartens zu sehen, sei nichts weniger als einladend.

Allem Anschein nach suchte sie sich „der aus allen Ecken gähnenden Langeweile“ durch Amüsements in ihren Räumen zu entziehen – sie setzte offenbar ihre Tanzübungen fort. Die kleine Paula erzählte, die Mama habe Flügel, wie die Engelein in José’s Bilderbuch; sie habe „immer keine Strümpfe an“ und lauter Gold und Silber auf ihren Kleidern. Dabei wurden drüben große Kisten gepackt und fortgeschickt – „lauter altmodische Toiletten“, welche die Modistin in Berlin auffrischen und verändern sollte. Lucile ging jetzt auch öfter in Begleitung ihrer Kammerjungfer aus, und nie kehrte sie zurück, ohne daß Träger mit umfangreichen Packeten ihr folgten. Sie kaufte an Stoffen und modernen Schmucksachen, was ihr gefiel, und verhielt sich den Preisen gegenüber mit der Nonchalance einer überseeischen Grundherrin, die Tausende und aber Tausende zu commandiren hat.

Nun kam sie eines Nachmittags, zum Ausgehen gerüstet, in den großen Salon. Sie sah ein wenig echauffirt aus, und die Augen glänzten aufgeregt durch den Gazeschleier, den sie gegen Staub und Sonnenbrand vor dem Gesicht kokett drapirt hatte.

„Meine Casse ist leer, Mercedes,“ sagte sie obenhin. „Ich habe Verschiedenes zu bezahlen und brauche mindestens fünfhundert Thaler.“ Mit nachlässiger Geberde hielt sie die kleine behandschuhte Rechte hin, um das Verlangte in Empfang zu nehmen.

„Du hast vor Kurzem erst eine gleich große Summe geholt,“ versetzte Donna Mercedes frappirt – sie wollte offenbar noch etwas hinzufügen, allein die kleine Frau unterbrach sie sofort.

„O bitte, rege Dich doch ja nicht auf um so einer Lappalie willen!“ sagte sie boshaft und winkte beschwichtigend mit der Hand. „Aber auch fünfhundert Thaler!“ wiederholte sie mit Pathos. „Ein Heidengeld! Meiner Mama freilich fielen fünfhundert Thaler nur so durch die Finger, wenn es galt, auf den Gastreisen Trinkgelder zu geben – das könnten wir armen Schlucker natürlich nicht.... Bah! möchtest Du mir nicht auch die paar Bissen, die ich esse, in den Mund zählen, Dame Mercedes? Das ist die brillante Versorgung, die man mir vorgespiegelt hat, als ich mich entschloß, nach Amerika mitzugehen. Uebrigens“ – sie fuhr unter einer sprechenden Pantomime mit der Hand über den Hals – „ich will gleich meinen Kopf verwetten, daß Dir nicht das Recht zusteht, meinen Geldverbrauch in so engherziger Weise zu controlliren, und deshalb werde ich mich endlich einmal beschweren –“

Sie verstummte – dort auf dem Schreibtisch, an welchem ihre Schwägerin saß, lag bereits das Geld hingezählt. Donna Mercedes zeigte schweigend mit dem Finger auf die Banknoten – kein Muskel ihres Gesichts bewegte sich.

Lucile strich das Geld zusammen und ließ es in ihre Tasche gleiten.

„Ich werde Paula mitnehmen,“ sagte sie, „das Kind braucht nothwendig einen neuen Hut –“

„Paula hat sich im Garten müde gelaufen – sie schläft drüben in der Kinderstube.“

„So werden wir sie wecken.“

Sie flog, als habe sie keinen Augenblick Zeit zu verlieren, durch das Krankenzimmer in die Kinderstube, allein Donna Mercedes folgte ihr auf dem Fuße und hielt sie an der Thür zurück.

„Welche Thorheit, Lucile!“ zürnte sie. „Um einer Laune willen das Kind aus seinem erquickenden Schlaf aufzuschrecken!“

Aber schon stieß die kleine Frau die Thür auf und lief geräuschvoll in die Kinderstube hinein.

Deborah saß strickend am Fenster, und die kleine Paula lag ausgekleidet in süßem Schlummer in ihrem Bettchen.

„Dummheit!“ schalt Lucile im höchsten Aerger die schwarze Wärterin. „Was fällt Dir ein, das Kind zu einer kurzen Mittagsruhe bis auf’s Hemd auszuziehen! – Paula, Paula, wach auf!“ rief sie – aber die Kleine schlug die Augen nicht auf, und das Köpfchen sank schlaftrunken auf das Kissen zurück.

Inzwischen hatte sich die Schwarze erhoben und stellte sich beweglich bittend und protestirend vor die kleine Schlummernde.

„Ich weiß nicht, was ich von Dir denken soll, Lucile,“ rief Donna Mercedes, ganz betroffen über das aufgeregte Gebahren ihrer Schwägerin.

„Denke was Du willst! Ich werde doch wahrhaftig so viel Recht haben, mein Kind mitzunehmen, wenn es mir beliebt.... Du wirst Paula sofort anziehen, Deborah!“ befahl sie. „Dabei wird die kleine Schlafmütze schon aufwachen.“

„Das Kind bleibt in seinem Bett,“ entschied Donna Mercedes mit kalter Ruhe.

„Ach, Tante, was ist mit Paula?“ rief José mit seiner schwachen Stimme ängstlich erregt herüber.

Bei diesen Lauten erschrak Donna Mercedes.

„Lucile, sei vernünftig,“ sagte sie beschwichtigend, als spreche sie zu einem widerspenstigen Kinde. „Gehe später! Dann kannst Du Paula mitnehmen.“

„Ich will aber nicht.“

Eine dunkle Röthe bedeckte das zarte Gesicht unter dem Schleier, und es sah fast aus, als kämpfte die kleine Frau mit aufsteigenden Thränen.

In diesem Augenblick trat die Kammerjungfer Minna in Hut und Shawl auf die Thürschwelle; sie hatte offenbar schon länger draußen gewartet und kam, ihre Dame an das Fortgehen zu erinnern.

„Es ist sehr spät,“ meldete sie unterwürfig, aber mit unruhig flackernden Augen; „und wenn die gnädige Frau heute wirklich das Geschäft noch abmachen wollen –“

Lucile ließ sie nicht ausreden. Wie eine gereizte kleine, wilde Katze sprang sie auf ihre Schwägerin los, als beabsichtige sie, ihr die Augen auszukratzen.

„Du bist von jeher mein böser Geist gewesen,“ zischte sie durch die Zähne. „Meine Triumphe hast Du mir stets geschmälert, wenn nicht gestohlen, gelbe Zigeunerin, hochmütige Pflanzerprinzessin Du, indem Du Dich vordrängtest, indem Du Dich auf Deine Baumwollensäcke stelltest – dagegen kommen bei Euch drüben wirkliche Schönheit und Anmuth natürlich nicht auf. Die dummen Leute bildeten sich nachgerade wirklich ein, die kleine Deutsche reiche Dir das Wasser nicht, und schließlich haben sie Dich auch noch zu meinem Zuchtmeister gemacht.... Aber nun ist an mir die Reihe, Donna de Valmaseda! Nun sollst Du sehen, was Lucile Fournier in Deutschland werth ist!... Wenn ich bedenke, daß ich hier nur zu winken brauche, um Alt und Jung zu enthusiasmiren, so begreife ich selbst nicht mehr, wie ich’s acht Jahre lang drüben in der Einöde, zwischen Eueren Reisfeldern und Zuckersiedereien ausgehalten habe.“

Sie griff nach dem Sonnenschirm, den sie vorhin auf den Stuhl vor Paula’s Bett geworfen hatte, und rauschte mit ihrer seidenraschelnden Schleppe hinaus. Im Krankenzimmer huschte sie zu José hin und strich ihm mit schmeichelnder Hand das Haar aus der Stirn.

„Mache, daß Du aus dem Käfig da kömmst, Herz’le!“ sagte sie. „Du bist ja wieder gesund wie ein Fisch und könntest längst mit Pirat im Garten herumtollen.... Geh, sei ein rechter Junge und leide es nicht, wenn sie Dich noch länger mit Spitalsuppen füttern wollen.... Adieu, Schatz!“

Wenige Augenblicke darauf sah Donna Mercedes sie in Minna’s Begleitung eiligst durch den Vorgarten schreiten. Drüben auf der Promenade wurde ein eben leer vorüberfahrender Miethwagen angerufen und die kleine Frau fuhr nach der Stadt, um jedenfalls wieder einmal mit großen Einkäufen heimzukommen.

Donna Mercedes sah ihr finster nach. Ihr Herz durchfuhr der heiße Wunsch, der davonrollende Wagen möchte mit seiner schönen Insassin in die weite Welt hineinfahren, um – nicht wiederzukehren.

Sie schrak zusammen und sah sich scheu um, als habe sie diesen blitzähnlich auftauchenden Gedanken laut ausgesprochen und irgend eine in der Nähe lauernde böse Macht könnte sich seiner bemächtigen. Dabei fühlte sie den todestraurigen Blick ihres Bruders vorwurfsvoll auf sich ruhen, und beschämt gedachte sie der heiligen Versicherungen, die sie ihm gegeben und unter denen er beruhigt die Augen für diese Welt geschlossen hatte. O wunderliches Frauenherz! Unter den furchtbarsten Schicksalsschlägen ausdauernd und mit unerschöpflicher eigener Kraft sich immer wieder stählend, bäumte es sich hier gegen die Nadelstiche einer boshaften Zunge und fühlte den Muth erlahmen....

Ruhiger geworden, setzte sich Donna Mercedes zu José und sprach mit leiser, sanfter Stimme zu ihm. Die laute, lebhafte Mama mit ihrem ungedämpft hohen Organ und den seidenrauschenden Gewändern hatte den kleinen Patienten aufgeregt. Die dichten Fenstergardinen mußten zugezogen werden, weil er sich selbst gegen das durch die verdüsternde Säulenhalle und das herabgelassene Rouleau sehr gemilderte Tageslicht wieder empfindlich zeigte; er schrak beim leisesten Geräusch zusammen, und sein Puls ging beschleunigter.

Ueber dem Bemühen, die bösen Folgen der Aufregung zu beseitigen, war es Abend geworden. Deborah machte im großen Salon den Theetisch zurecht und fragte an, ob sie auch für Paula, die seit José’s Erkranken um diese Zeit stets bei ihrer Mama war, die Abendmilch herüberbringen dürfe; sie habe zwar drüben alles zum Thee vorgerichtet, aber die gnädige Frau sei noch nicht zurückgekommen. Donna Mercedes sah befremdet nach der Uhr – der Zeiger stand nahe bei Acht; so lange war Lucile noch nie ausgeblieben. Ein unbestimmtes Bangen überschlich sie, eine leise Furcht vor jener geheimnißvollen Gewalt, die strafbare Wünsche, zu unserer eigenen Qual und Reue, oft blitzschnell verwirklicht.

Sie trat in eines der Fenster des großen Salons und sah über den Garten hinweg. Noch war es tageshell; der Blüthenschmuck der Rosenbäume, die Teppichbeete schimmerten farbenprächtig herüber; auf den Platanen lag ein letzter Goldhauch des Sonnenuntergangs; die weißen Steinfiguren des Brunnenmonuments hoben sich in scharfen Contouren von dem Sammet des Rasenteppichs, und jenseits des Eisengitters, auf der Promenade, drängte sich ein reger Verkehr. Equipagen rollten ab und zu, und Schaaren von Spaziergängern strömten aus den benachbarten engen und heißen Straßen, um sich an der beginnenden Abendkühle in der Kastanienallee zu erquicken.

Wie thöricht war es doch, sich zu ängstigen! Wäre irgend ein Unfall vorgekommen, es hätte längst Nachricht da sein müssen – die kleine Frau hatte sich offenbar in der Conditorei beim Naschen und Eisessen verspätet.

Der Theetisch stand noch unberührt inmitten des Salons. Paula hatte ihr Abendbrod eingenommen und war zu Bett gebracht worden; Donna Mercedes aber durchmaß schweigend und ruhelos den Salon. Dann und wann hemmte sie in gespanntem Aufhorchen ihre Schritte, oder sie trat zu dem kleinen Kranken, der sich in unruhigem Schlummer hin- und herwarf. Inzwischen war auch Jack wieder heimgekommen. Er hatte Lucile in den letzten Tagen einige Mal in die Stadt begleiten müssen, und nun war er auf Befehl seiner Herrin durch die Hauptstraßen gewandert; er hatte die gashellen Verkaufslocale durchforscht, in welchen die kleine Frau zu kaufen pflegte, und war in allen Conditoreien gewesen, aber Niemand wollte die schöne amerikanische Dame aus dem Schillingshofe gesehen haben.

So war Viertelstunde um Viertelstunde in peinvoller Langsamkeit vorübergeschlichen, nun aber schlug es zehn auf dem nahen Benediktinerthurm – diese hallenden Schläge fielen wie mit niederschmetternder Wucht in das Ohr der angstvoll Wartenden – sie ergriff die Lampe und ging in Lucile’s Räume. Es war ihr, als müsse sie dort das kleine, launenhafte Wesen finden.

Im Wohnzimmer sah es so unordentlich aus, wie es stets bei Lucile auszusehen pflegte. Man sah, die kleine Frau hatte hier, vor dem großen Pfeilerspiegel, Toilette gemacht. Auf dem Boden lagen noch die winzigen Pantöffelchen, wie sie im Uebermuth von den Füßen geschleudert worden waren; nicht weit davon breitete sich der weiße Frisirmantel über das Parquet; verschiedene Schleier, Bandschleifen und neue Handschuhe lagen, sichtlich die Spuren der Anprobe tragend, auf Tischen und Stühlen, und beim Umherleuchten trat Donna Mercedes auf die Puderquaste, die nach ihrem verschönernden Dienste den Pantoffeln und dem Frisirmantel gefolgt war.

Und jetzt schrak die Suchende zusammen, als weiche der Boden plötzlich unter ihren Füßen; mit bebender Hand stellte sie die Lampe auf den Sophatisch; ihre Kniee wankten; sie sank in den nächsten Lehnstuhl und starrte auf das weiße Couvert, das, an sie selbst adressirt, mit Ostentation auf der kirschrothen Tischdecke placirt lag.... Nun wußte sie, was geschehen war. War sie denn blind gewesen heute Nachmittag? – Lucile war heimlich abgereist.

Sie zog das Briefblatt aus dem Couvert, das nicht einmal verschlossen war. „José ist wieder gesund“ – schrieb die kleine Frau in ihrer legèren Art – „und nun trete ich meinen Urlaub an – das heißt, meinen mir selbst genommenen Urlaub – denn von Dir erhielte ich doch bis in alle Ewigkeit keinen.... Gott sei Dank, daß mein Junge endlich Ernst machte mit dem Gesundwerden – noch einen Tag länger, und ich wäre verrückt geworden.... Hast Du denn wirklich gemeint, ich könnte es so und so viele Wochen auf deutschen Boden aushalten, ohne den Ort wieder zu sehen, wo man mich einst als neuaufgehenden Stern bewundert und bis in den Himmel gehoben hat, wo man mich auch heute wieder mit Jubel, mit offenen Armen empfangen wird? – Endlich, endlich! Jeder Tag, den ich in dem tödtlich langweiligen Neste, dem Schillingshofe, verleben mußte, war ein unersetzlicher Verlust für mich, ein Raub an meiner goldenen Jugendzeit, von der ich leider schon allzu viel geopfert.... Ich gehe also nach Berlin – auf mehrere Tage. Paula nehme ich mit; das Kind soll auch einmal in die Wunderwelt blicken, aus der ihre Mutter stammt und in welcher man wirklich lebt und genießt – Alles, was außerhalb des Bühnenlebens liegt, ist fade und nüchtern, ein abgeblaßtes Einerlei –“

Donna Mercedes warf den Brief hin, ohne die letzten Zeilen zu lesen. Aber bei allem Schrecken, bei aller Entrüstung, die ihr die Thränen in die Augen trieb, war ihr Herz doch voll Frohlocken – die Entführung des Kindes war nicht geglückt, Paula war ihr geblieben. Nun begriff sie Lucile’s Zorn über „die kleine Schlafmütze“ und das ganze räthselhafte Gebahren der kleinen Frau.... Welch ein bodenlos leichtsinniger, perfider Streich! Welch häßlicher Egoismus!.... Noch trug die junge Wittwe Trauer um den Gatten; noch lag ihr kaum dem Tode entrissenes Kind schwach und erschöpft im Bette – sie hatte bei José’s Erkranken gezeigt, daß sie ein warmes Muttergefühl für den Knaben hege, sie hatte ihren Mann geliebt und ihm in den letzten Lebensstunden heilig versprochen, daß sie sich nicht von Mercedes und den beiden Waisen trennen wolle – und doch warf sie das Alles als Fessel ab, von der wahnsinnigen Sucht, zu glänzen, zu genießen, fortgerissen, wie der Vogel dem unbezähmbaren Wandertrieb in seiner Brust blindlings folgt.

Donna Mercedes erhob sich und steckte den Brief in die Tasche. Eine tiefe Gluth bedeckte plötzlich ihr Gesicht – nun war sie während Lucile’s Abwesenheit allein Baron Schilling’s Gast – wie peinvoll! –

Sie ergriff die Lampe und kehrte in ihre Zimmer zurück.

„Meine Schwägerin ist nach Berlin gereist und wird in einigen Tagen zurückkehren,“ sagte sie kalt zu Hannchen, Jack und Deborah, die im Krankenzimmer standen.

Deborah riß ihre runden Augen weit auf vor Verblüfftheit, und ein erschrockener Seitenblick fuhr durch die offene Thür hinüber nach Paula’s Bettchen – um ein Haar hätte ihr die schlaue Mama das Goldkindchen mit fortgenommen. Sie wagte sonst dann und wann eine Frage, aber diesmal verschluckte sie jeden Laut, denn ihre Dame winkte stolz und gebieterisch mit der Hand.... Jack sagte unterwürfig „gute Nacht!“ und Deborah machte sich in der Kinderstube zu schaffen – sie wußten Beide, daß sie die Stunden der Angst und Besorgniß vollkommen vergessen und nichts Anderes wissen mußten, als daß „die kleine, gnädige Frau“ auf einige Tage verreist sei.

23.

Donna Mercedes hatte gehofft, Lucile’s mehrtägige Abwesenheit werde nicht auffallen, zu ihrer Bestürzung aber liefen schon am zweiten Tage verschiedene Rechnungen an sie selbst ein, deren Ausgleichung, wie eine Randbemerkung bei einigen spitz besagte, die abgereiste amerikanische Dame vergessen zu haben scheine.

Der Bediente Robert, der viel an der offenen Hausthür oder im Säulengang herumlungerte und auch wohl die Nachricht von Lucile’s Abreise verbreitet hatte, war stets der Ueberbringer dieser Mahnungen. Er klopfte mit schüchternem Finger an die Salonthür, überreichte, pflichtschuldigst auf silbernem Teller, mit niedergeschlagenen Augen das ominöse Papier und verschwand dann auf Donna Mercedes’ kurzes „Es ist gut!“ mit krummem Rücken und einem halbverbissenen, malitiösen Lächeln wieder jenseits der Thür. Draußen streckte er regelmäßig den Wartenden die leeren Hände hin und sagte achselzuckend: „Geld giebt’s nicht – seht, wie Ihr zu Eurem Guthaben kommt! Warum habt Ihr der ersten besten Schwindelmadame leichtsinnig Eure Waare verborgt! Wir können doch nicht für die Leute einstehen, die sich zudringlich im Schillingshofe einnisten.“

Lucile hatte von dem Credit, den man ihr, als dem vornehmen Gast des Schillingshofes, gewährt, ausgiebigen Gebrauch gemacht – sie hatte nichts von alledem bezahlt, was sie in den letzten Tagen eingekauft, ihre Schwägerin aber brauchte nicht mehr darüber zu sinnen, wie wohl die bedeutenden Summen verwendet worden seien, die ihr Lucile nach und nach abverlangt – es war Alles für den Berliner Aufenthalt eingeheimst worden. Selbstverständlich mußte Jack stets noch in derselben Stunde gehen und die Forderungen der Geschäftsleute ausgleichen.

Die beiden Schwarzen sahen in diesen Tagen ihre Dame oft bedenklich von der Seite an. Sie kannten ja dieses Gesicht seit dem Moment, wo es zum ersten Mal die mächtigen Augen aufgeschlagen; sie hatten es während des unglückseligen Krieges in allen Stadien entflammter Leidenschaften gesehen, gespenstig fahl vor Grimm und Erbitterung, unbewegt und hoheitsvoll dem Feind gegenüber, der ihr Haus nach den von ihr versteckten Secessionisten durchsuchte; sie hatten es mit blassen Lippen kalt lächeln sehen, als man ihr den bluttriefenden Arm verbunden, als die vom Feind geschürten Flammen aus dem Dach ihres Vaterhauses schlugen, um es mit seiner ganzen kostbaren Einrichtung bis auf den Grund zu verzehren. Donna Mercedes war unter allen Wandlungen die Gebietende geblieben, die Unerschütterliche, von der sie, die treuen Schwarzen, die gebotene Freiheit nicht angenommen, weil sie sich unter dieser festen Führung wohl und für das ganze Leben geborgen fühlten. Hier, im fremden Lande, nun war es, als entbehre die Herrin der gewohnten Sicherheit, als verliere sie für Momente den starken Willen, der so zwingend auf ihre Umgebung wirkte und ihr selbst meist das Gepräge äußerster Kaltblütigkeit verlieh. Sie schritt oft stundenlang mit zusammengezogener Stirn und den harten bösen Zug aufbäumenden Stolzes um die Lippen im Salon ruhelos von Wand zu Wand, an Gestalt ein schlank dahingleitendes mädchenhaftes Weib, im Ausdruck aber ein eingefangener wilder Edelfalke, der mit seinen Flügeln die Käfigstäbe zerschlagen möchte. Sie fühlte sich von einem Schemen umstrickt, der schlangenhaft aus dunklen Ecken nach ihr griff und für dessen Wesen oder gar Beziehung zu ihr selber sie daheim in ihrer durch Vornehmheit und Reichthum geschützten Stellung nicht das mindeste Verständniß gehabt haben würde. Erst hier, in diesem deutschen Hause, nahte sich ihr die gemeine Lästersucht; sie fühlte den spitzen Dorn der üblen Nachrede bohrend in ihrer Seele, und sie, die als Rebellin den feindlichen Truppen muthig in’s Auge gesehen, die sich vor den mörderischen Waffen nicht gefürchtet, sie wand sich unter diesem Dorn in ohnmächtigem Grimm und echt weiblicher Verzagtheit. Voll brennender Ungeduld zählte sie die Stunden bis zu Lucile’s Rückkehr. Nicht nur der heiße Wunsch, daß die möglicher Weise aus Rom heimkommende Baronin sie nicht allein hier finden möchte, erregte sie – auch die Sorge stürmte auf sie ein, daß die unvernünftige kleine Frau durch Ungebundenheit und schrankenlose Vergnügungssucht der heimlich an ihr zehrenden Krankheit Vorschub leisten werde.

So waren vier Tage seit Lucile’s Abreise verstrichen, und noch stand die südliche Zimmerflucht der Erdgeschoßwohnung leer und verschlossen. Donna Mercedes’ Unruhe und Erwartung steigerten sich allmählich zur fieberischen Aufregung – sie horchte angestrengt auf jedes ferne Räderrollen und schrak zusammen, wenn die Salonthür geöffnet wurde. Da endlich, am fünften Tage, kam ein Lebenszeichen, aber es war nur ein dünner Brief. Donna Mercedes riß das Couvert auf und sank, nachdem sie die ersten Zeilen überflogen, wie vernichtet zusammen.

„Ich bin wie im Himmel, und ganz Berlin befindet sich in einem wahren Rausch, in Verzückung,“ lauteten die flüchtig hingeworfenen Eingangszeilen „Was waren Mamas Triumphe gegen den Sieg, den ich gefeiert! Ich ersticke fast unter den Blumen, die man über mich schüttet, und habe eben aus meinem von Enthusiasten überfüllten Salon förmlich flüchten müssen, am diese paar Worte auf das Papier zu werfen. Ja, jetzt lebe ich wieder. Ich lebe ein himmlisches Dasein ohne Gleichen. Was ich, so lange ich nun wieder auf deutschem Boden stehe, im Stillen vorbereitet, es hat sich erfüllt. Und nun, da die Gefahr einer unbefugten Einmischung Deinerseits vorüber, sollst Du auch die Wahrheit erfahren – ich bin gestern Abend als Gisella in den ,Willis’ aufgetreten –“

Großer Gott, die Schwindsüchtige tanzte auf der Bühne! Man jauchzte ihr zu, die mit jedem Pas dem sicheren Tode entgegengaukelte. Dazu also die geheimen Tanzübungen, die Anschaffung neuer Costüme! Daher die fieberhafte Eile bei ihrem neulichen Weggang – Lucile hatte zu ihrem Debüt pünktlich in Berlin eintreffen müssen. Ja, sie hatte Recht gehabt – ihre Schwägerin war unverzeihlich „naiv und harmlos“ gewesen; sie hatte sich als schlechte Hüterin für das ihr anvertraute, ränkevolle junge Weib erwiesen, von welchem der sterbende Mann jedenfalls einen derartigen Streich insgeheim befürchtet hatte. Nun war es doch geschehen, all seinen Anordnungen entgegen – der Vogel war ausgeflogen und schwebte und wiegte sich in Regionen, die ihm bei jedem Flügelschlag das tödtliche Gift zuhauchten!

Donna Mercedes sprang auf. Es blieb ihr keine Wahl: sie mußte selbst nach Berlin. Wieder im vollen Besitz ihrer Energie und Kaltblütigkeit, traf sie die Anstalten zur schleunigen Abreise. Aber diesen Entschluß mußte sie dem Herrn des Hauses anzeigen; sie war gezwungen, ihn zu bitten, die Kinder während ihrer Abwesenheit in seine Obhut zu nehmen.

Das Blut schoß ihr in das Gesicht – sie stand vor einem peinlichen Dilemma. Wie sollte sie ihm, den sie seit jenem Abend nicht wieder gesehen, diese Mittheilungen machen? Zu einer langen schriftlichen Auseinandersetzung blieb ihr keine Zeit; ebenso wenig konnte sie ihm zumuthen, behufs einer Besprechung mit ihr die Gemächer zu betreten, die sie ihm selbst in so schroffer Weise unzugänglich gemacht; sie fürchtete mit Recht eine empfindliche Zurückweisung.

Es kostete einen bitteren Kampf, aber sie steckte schließlich Lucile’s Brief in die Tasche, um – in das Atelier zu gehen.

Es war um die vierte Nachmittagsstunde. Die Scheiben des Glashauses sprühten glühende Sonnenfunken der immer langsamer Wandelnden entgegen, als sie aus der Platanenallee trat. Die von dorther wehende duftbeschwerte und beklemmend heiße Luft nahm ihr fast den Athem. Sie hatte inbrünstig gewünscht, Baron Schilling möchte sie bemerken und ihr auf dem schweren Wege ritterlich zu Hülfe kommen, aber keine der Thüren öffnete sich, obgleich Pirat, in seiner Clause die Nähe der Herrin spürend, wie toll vor Freude lärmte.

Leise schob sie die Thür des Glashauses zurück und trat, von einem wilden Herzpochen fast erstickt, auf den kühlen Asphaltboden, den das üppig quellende Grün da und dort frei ließ. Das Erste, was sie erblickte, jagte ihr ein heftiges Erröthen über das Gesicht – eine Gloxiniengruppe schimmerte in sanfter Farbengluth zu ihr herüber. Da waren die Blüthen – vielleicht die ersten, kaum aufgebrochenen – gepflückt worden, die sie neulich mit eisiger Kälte zurückgewiesen. Auch diese kleinen Blumenglocken sagten der stolzen Frau mit demüthigender Bestimmtheit, daß ihr Erscheinen hier ein Schritt nach Canossa sei.

Sie wandte den Kopf weg und ging dem Eingang zu, der in das Atelier führte. Sie trat geflissentlich fest auf, und ihr schwarzes Reisekleid rauschte in allen Falten – man sollte ihr Kommen hören, allein die plätschernden Fontainen verschlangen das Geräusch.

Die Glasthür stand offen, drüben aber hing der dunkle Velourvorhang und verwehrte nahezu den Eintritt. Durch die Spalte, die der Faltenwurf frei ließ, sah Donna Mercedes den Herrn des Schillingshofes unweit der Staffelei stehen; er hatte den Malstock in der Hand, und war, den prüfenden Blick auf das Bild geheftet, um einige Schritte zurückgetreten. Das von oben kommende, alle Ecken und Schatten des Gesichts verschärfende Licht verschönte ihn nicht; trotzdem war und blieb er bei aller Unregelmäßigkeit der Linien und dem entschieden unschönen, derb deutschen Typus ein höchst bedeutender Kopf, und hier, auf der Stätte seines Schaffens frappirte er förmlich.

Er war vertieft in seine Aufgabe, und Donna Mercedes scheute sich, die Stille, die ihn umgab, durch ein lautes Wort zu unterbrechen. In diesem Moment trat der Bediente Robert droben hinter der Gobelingardine hervor auf die Gallerie; er kam die Wendeltreppe herab, Reisegepäck auf dem Arme. Beim Niedersteigen bemerkte er die Dame, aber er wendete den Blick weg, als habe er sie nicht gesehen.

Donna Mercedes trat sofort unter die Thür. Sie schob den schweren Sammetvorhang mit der Rechten zurück – so blieb sie stehen und sagte mit einer Stimme, vor deren hartem, sprödem Klang sie selbst erschrak:

„Darf ich für einige Augenblicke um Gehör bitten, Herr von Schilling?“

Er fuhr empor, und die Farbe wechselte jäh auf seinen Wangen. Sie sah deutlich, daß Unwille die Empfindung war, die ihr Erscheinen zunächst in ihm hervorrief; dann funkelte es wie grimmer Spott aus den tiefen, blauglänzenden Augen, und die Art, wie er, seinen Malstock weglegend, mit kühler Höflichkeit eine einladende Handbewegung nach dem nächsten Fauteuil machte, sagte deutlich: „Ah, ein Besuch aus – Caprice!“

Sie biß sich auf die Lippen, und ihre Augen loderten zornig; sie trat näher, und den angebotenen Stuhl zurückweisend, stützte sie die Hand auf den nächsten Tisch. Ein langsamer Seitenblick glitt über den Bedienten hin, der sich anscheinend mit einem bereits gepackten Reisesack zu schaffen machte und den Lederriemen an dem zusammengerollten Plaid wiederholt prüfte. Baron Schilling hieß ihn gehen.

Donna Mercedes zog den Brief aus der Tasche. „Bitte, lesen Sie!“ sagte sie so kurz, als wolle sie all und jeden Zeitaufwand vermeiden, der sie in diesem Raum zurückhielt.

„Ist der Brief von Frau Lucian?“

„Ja – aus Berlin.“

„Dann kenne ich den Inhalt.“

Er hob leicht und zurückweisend die Hand nach dem Brief.

„Frau Lucian hat auch an mich geschrieben; sie ist mit großem Erfolg aufgetreten.“

Donna Mercedes lächelte sarkastisch. „Ja, unser Name kommt zu hohen Ehren. Und ich bin schuld daran, daß ein Theaterzettel ihn nennt.“

„Wenn ihm sonst kein Schaden geschieht – durch die Kunst wird er nicht entwürdigt,“ sagte er gelassen. „Ich bin für viele meiner Standesgenossen auch ein Verfehmter, weil ich hier –“ er umschrieb mit ausgestrecktem Arm den Raum des Ateliers – „‚Allotria’ treibe und mein eigenes Brod esse, statt in Wasserstiefeln auf die Jagd zu gehen und den Güterverwalter meiner Frau zu spielen.“

Sie empfand den Hieb – ihr gehässiges „Ja, mit dem Gelde seiner Frau!“ war für immer gebührend zurückgewiesen.

„Uebrigens kann ich nicht einsehen,“ fügte er hinzu, „inwiefern Sie die Schuld an dem überraschenden Schritt Ihrer Schwägerin tragen sollen –“

„Ich bin lächerlich vertrauensselig gewesen.“

„So möchte ich Ihr Verhalten am wenigsten nennen, gnädige Frau.“

Es lag so viel Ironie in diesen anscheinend verbindlich gesprochenen Worten, daß sie mit einem raschen, flammenden Blick aufsah.

„Ein vertrauensseliges Frauengemüth spricht nicht aus solchen Augen,“ setzte er zur Bekräftigung seines Ausspruches flüchtig lächelnd hinzu.

Sie hatte ihn doch schwer beleidigt; er vergab ihr nicht – das hörte sie aus der verletzenden Schärfe seiner Stimme heraus. Ihr leidenschaftliches Blut wallte heiß auf.

„Ach ja,“ sagte sie rasch einfallend, „meine Augen haben das Unglück, nicht mit dem sanftmüthigen deutschen Grau oder Blau in die Welt zu blicken. Aber – das läßt mich ruhig. Ich bin fern von dem Ehrgeiz, mich mit diesen Holbein’schen Madonnen messen zu wollen. Ich kenne ja den deutschen Patriotismus; was sich jenem Frauentypus nicht anpaßt, das läßt der deutsche Maler einfach – verschwinden, wie Figura zeigt.“

Sie deutete unter einem bösen Lächeln nach dem Madonnenbild mit dem entstellenden dunklen Querstreifen über den Augen.

Das Bild lehnte an einer Schrankecke; es war vielleicht beim Reinigen des Ateliers von unberufener Hand aus seinem Versteck gezogen worden, denn Baron Schilling sah überrascht hinüber, und seine Stirn verfinsterte sich.

Donna Mercedes aber lachte leise. Er erschrak fast darüber – er hatte diesen ernsten Mund noch nie lachen hören; jetzt entschleierte sich ihm für einen flüchtigen Moment der wundervolle, feuchte Perlenglanz der Zähne; die Mundwinkel vertieften sich in hinreißender Anmuth, aber auch in dämonisch ausdrucksvollen Linien – Donna Mercedes lachte spöttisch.

„Möglich, daß dem Maler die Augen dort gegen seinen Willen aus dem Pinsel geschlüpft sind,“ sagte sie mit leichtem Achselzucken; „indeß ein solcher Irrthum läßt sich ja verbessern – den vandalischen Strich da drüben aber hat der Jähzorn gemacht, oder auch die Caprice.“

Er wandte sich schweigend ab, nahm ein auf dem Tische liegendes Messer und ging hinüber. Rasch, mit wenigen scharfen Strichen schnitt er die Leinwand aus dem Rahmen, rollte sie zusammen und verschloß sie in dem Schranke – das hieß jedem weiteren Commentar den Weg verlegen.

Das schwarze Seidenkleid rauschte – Donna Mercedes war nach der Glasthür gegangen und vor der Gardine stehen geblieben. Sie lachte nicht mehr; ihr Profil hob sich, wie aus Stein geschnitten, von den dunklen Sammetfalten, die ihre Hand eben ergriffen, um sie zurückzuschlagen.

„Ich bin im Begriffe, abzureisen“ – sprach sie kühl wie immer – „und sehe mich gezwungen, um Ihren Schutz für die Kinder während meiner Abwesenheit zu bitten.“

„Sie wollen nach Berlin?“

„Ja – Lucile muß sofort mit mir zurückkehren.“

„Der Meinung bin ich auch. Aber fangen Sie eine Lerche ein, die bereits hoch in den Lüften jubilirt!“

„Das Jubiliren wird ihr vergehen, wenn sie die Ueberzeugung gewinnt, daß sie sich aus diesen Lüften herab zu Tode stürzen muß – ich werde die ersten ärztlichen Autoritäten zu Hülfe nehmen.“

„Sie hoffen, mit der Todesfurcht zu wirken? – Das sagen Sie, die diese Regung verachtet wie ein Mann? Und wenn nun die kleine Frau auch –“

„O bitte – keinen Vergleich!“ unterbrach sie ihn – sie zog die Stirn zusammen, und der harte Zug beleidigten Stolzes legte sich um ihre Lippen. „Ich möchte nie mit Lucile verglichen sein.... Ich war ein dreizehnjähriges Kind, als ich sie zum ersten Male sah, und weinte damals in einem Gefühl von widerfahrener Schmach und Erniedrigung; ich sah, daß der Leichtsinn, die vulgäre Denkweise in unser Haus einzogen, dem mein stolzer Großvater, meine Mutter den Nimbus eines Fürstenhofes zu geben verstanden hatten.“

Sie preßte die Hände auf die Brust, als wolle sie das, was sie vielleicht noch nie ausgesprochen, auch jetzt zurückdrängen, und doch sagte sie. „Mein Gott, wie tief geht mir das Haßgefühl für dieses frivole Wesen, das so schnell vergessen kann! Felix hätte sein Blut für sie hingegeben, und sie – tanzt aus dem Trauerjahr hinaus.“

„Und diese unselige Bürde,“ sagte er, sie voll ansehend, „wollen Sie wieder auf Ihre Schultern nehmen, um Ihr ganzes junges Dasein in Verbitterung hinzuschleppen?“

„Muß ich nicht?“ fragte sie wie erstaunt zurück. „Ich kann doch mein Wort nicht brechen? Felix ist todt, und was ich ihm versprochen habe, hat für mich gleich bindende Kraft, wie das Wort am Altar, das Mann und Weib verknüpft und nicht gelöst werden darf, auch wenn es als schwere Kette drückt, selbst wenn es uns mit geistigem Tode drohen sollte –“

Sie unterbrach sich jäh, als sei ihr ein Geheimniß tief aus der Seele geschlüpft, und griff verwirrt nach dem Vorhange, der vorhin ihrer Hand entglitten war. Baron Schilling trat an den Tisch, um das gebrauchte Messer an seinen Platz zu legen.

„Das hört sich an, wie spartanische Charakterkraft,“ sagte er, „und wäre in seinen Consequenzen doch höchst unmoralisch. Man hat sich sehr zu hüten, daß man mit allzu starr durchgeführten Principien nicht in das geschmähte feindliche Lager geräth, wie das meist mit dem Extrem geschieht.“

Sie klemmte die Unterlippe hart zwischen die Zähne, und ihr stolzes Haupt neigte sich gegen die Brust.

„Sie werden in Berlin nichts ausrichten,“ lenkte er gewaltsam ein. „Was wollen Sie thun, wenn Ihre Schwägerin Ihnen absolut den Zutritt verweigert?“

„Ich werde mich an ihre Fersen heften; ich werde ihr auf Schritt und Tritt folgen –“

„Auch bis hinter die Coulissen?“

Donna Mercedes wich unwillkürlich zurück.

„Das vermögen Sie nicht – ich weiß es. Sie werden bei all Ihrem Muth, Ihrer Energie auf dem fremden Terrain umherflattern wie sturmverschlagen und vor neugierigen und dreisten Blicken fliehen, ohne Ihren Zweck erreicht zu haben.... Lassen Sie mich gehen! – Ich hatte bereits den Entschluß gefaßt, nachdem ich Frau Lucian’s Brief gelesen, und bin reisefertig.“ – Er zeigte auf das am Boden liegende Gepäck. „Ich weiß zwar genau, daß auch ich unverrichteter Dinge heimkommen werde – Lucile Fournier stirbt eher auf der Bühne, angesichts des Publicums, als daß sie zu Ihnen zurückkehrt – so ungefähr hat sie mir geschrieben. José will sie Ihnen lassen, aber die kleine Paula verlangt sie mit Ungestüm, kraft ihrer Mutterrechte –“

„Nie! Niemals!“

„So lassen Sie mich gehen! Es bedarf nicht allein der ärztlichen Ueberredung, auch juristische Gründe müssen wirken, um die kleine Frau nachgiebiger zu machen.“

„Nun wohl, ich bin damit einverstanden, und – ich danke Ihnen.“ Wie weich und innig klangen diese drei letzten Worte, wie so ganz anders, als die, mit welchen sie neulich herb und gehässig in ihrer furchtbaren Aufregung die gebotene kleine Blumenspende zurückgewiesen hatte!

Er aber schien diesen Contrast nicht zu fühlen; er überhörte den Dank vollständig; er sah auch nicht, daß sie ihm die zarten Fingerspitzen hinstreckte. Mit einem Blicke nach der Uhr zog er so kräftig an der Klingel, daß sie laut ertönte.

Er befahl dem eintretenden Bedienten, mit dem Gepäck nach der Bahn vorauszugehen; dabei hing er sich eine kleine Ledertasche um und griff nach seinem Hut. –

Donna Mercedes trat in das Glashaus, während er die in das Atelier führende Thür verschloß. Sie schritt ihm voraus und streifte dabei achtlos und hart an einer Pflanzengruppe hin – ein rosenfarbener Gloxinienkelch knickte ab und fiel auf den Asphaltboden. Sie wurde so roth, wie die Blume zu ihren Füßen, und mit einem Ausrufe des Bedauerns bückte sie sich, um sie aufzuheben – aber Baron Schilling kam ihr zuvor.

„Lassen Sie doch!“ sagte er frostig. „Solch eine kleine Blumenseele ist nicht so empfindlich wie der Mensch – sie freut sich ihres Lebens weiter, auch wenn man sie plötzlich in das kalte Element versetzt.“

Damit legte er die Blume auf den Rand des Bassins, sodaß ihr Stengel die Wasserfläche erreichte.

„Bis wann dürfen wir Sie zurück erwarten?“ fragte Donna Mercedes draußen vor der Thür des Glashauses.

„Möglicher Weise in drei Tagen.“

„Das wird José unerträglich lange erscheinen,“ sagte sie und blickte auf ihre Fußspitze nieder, die sich spielend in den Kiessand grub, „er verlangt unaufhörlich nach Ihnen.“ – Sie hob den Blick und sah ihn doch nicht an. „Wollen Sie den kleinen Reconvalescenten nicht noch einmal sehen?“

„Nein – nein!“

Jetzt sah sie ihm bestürzt ist das Gesicht, in diese Züge, welche die innere Kraft der Empfindungen ehrlich widerspiegelten – ein zornig funkelnder Blick begegnete dem ihren.

„Ich habe die schmerzvolle Sehnsucht überwunden und werde das Wiedersehen mit meinem kleinen Lieblinge nur unter den grünen Bäumen hier feiern.“ –

Er zog grüßend den Hut, und sie ging rasch an ihm vorüber in die Platanenallee, während er quer durch das Fichtenwäldchen schritt. Dort führte eine Thür in der Mauer nach der öden menschenverlassenen Straße, die das Grundstück des Schillingshofes begrenzte und mit dem Stadttheil verband, in welchem der Bahnhof lag.




24.

Blaß und schweigsam war Donna Mercedes ist das Säulenhaus zurückgekehrt. Sie hatte eigenhändig alles zur Reise Vorgerichtete wieder weggeräumt, war einige Zeit bei José verblieben, der mit matten Händen ein kleines, hölzernes Pferd auf seiner Bettdecke hin und her spazieren ließ, und saß nun in sich gekehrt vor dem Schreibtische im Fensterbogen. Ein Sturm ging durch ihre Seele.

Da kam die kleine Paula, ihre Puppe im Arme, aus der Kinderstube; sie sah mit großen, fragenden Augen zu ihr auf.... Das waren die glänzenden, schillernden Sterne, die Felix Lucian aus seiner Lebensbahn in einen frühen Tod gerissen hatten, die begehrlichen Augen Lucile’s.

Und dieses Kind, noch blickte es unschuldsvoll und lieblich, wie ein Seraph, unter dem wundervollen Goldgelock in die Welt hinein – sollte es der Mutter folgen in die Irrbahnen des Bühnenlebens? Niemals – niemals! – Donna Mercedes schlang die Arme um die Kleine und drückte sie in leidenschaftlicher Zärtlichkeit an sich.... Wie oft hatte Felix „seinen Augentrost“, „sein Prinzeßchen“ zu sich auf das Leidensbett heben lassen und sein blasses, schmerzverzogenes Gesicht tiefathmend in die blonde Haarfluth gedrückt!

„Hüte mir die Kinder, Mercedes, hüte sie!“ hatte er angstvoll immer wieder gebeten. „Ich glaube, ich kann nicht ruhig in der Erde bleiben, wenn sie irre gehen.“

Und mit der letzten Kraft hatte er eigenhändig alle Dispositionen und auch einen letzten Brief voll heißer Bitten an seine Mutter niedergeschrieben. Diese Schriftstücke waren ja in den Händen seiner Schwester; sie waren die Schranke, gegen welche die leichtfertige, pflichtvergessene, in die weite Welt entflohene Frau vergebens anstürmte.

Zu ihrer eigenen Beruhigung griff Donna Mercedes in das untere Schreibtischfach, wo der kleine silberne Rococokasten mit den Documenten stand; sie wußte, daß ein flüchtiger Blick in die Papiere ihr den letzten Rest von Besorgniß verscheuchen mußte – aber das Kästchen war nicht da....

Bestürzt sprang sie auf. Ihr erster schreckensvoller Gedanke, der ihr den Herzschlag stocken machte, war der, daß Lucile einen Raub begangen habe. Die kleine Frau wußte ja, daß der Rococokasten die schriftlichen Vollmachten für ihre Schwägerin enthielt – ohne diese Papiere war sie machtlos, und der Mutter fiel das uneingeschränkte Recht über die Kinder zu.

Mit fliegenden Händen rückte und schob Donna Mercedes an all den Utensilien und Bücherstößen, die den Schreibtisch und seine offenen Fächer füllten – vergebens!

Sie rief nach Deborah, die das Abstäuben des Tisches zu besorgen hatte. Die Schwarze erklärte sofort mit Bestimmtheit, daß das Kästchen bereits seit dem Morgen nach José’s Erkranken fehle. Es sei ihr wohl im ersten Augenblick aufgefallen, allein ihre Dame schließe ja häufig Dinge, die oft wochenlang auf dem Schreibtisch gelegen, wieder weg; zudem sei sie damals vor Jammer über das todkranke Goldkind in ihrem alten Kopf so müde gewesen und habe bis zur Stunde nicht wieder an den kleinen Kasten gedacht.

Also Lucile hatte die Documente nicht mit sich genommen. Nun fing auch Deborah an zu suchen; Hannchen kam aus dem Krankenzimmer, und Mamsell Birkner, die eben eine Assiette voll eingemachter Früchte für die Kinder gebracht hatte, sah mit langem Halse in den Salon und trat über die Schwelle, um zu helfen. Man durchsuchte alle Schubfächer und schob die Möbel geräuschlos von den Wänden; Donna Mercedes durchsuchte selbst die kleinen Lederkoffer, die sie stets in nächster Nähe, unter dem Schreibtisch stehen hatte – Alles vergeblich!

Mamsell Birkner fragte nach der Beschaffenheit des Kästchens, und Deborah versicherte, es sei von „fingerdickem“ Silber, und der Spitzbube, der es habe, könne sich gratuliren.

„Es enthielt unersetzliche Familienpapiere,“ warf Mercedes ein.

„Die Mäuse habe die Papiere geholt,“ sagte Hannchen mit bitterem Lächeln, und ihr Blick irrte mit jenem Ausdruck, den Lucile für notorisch verrückt erklärt hatte, über die holzgeschnitzte Wand. „Die Mäuse im Schillingshof haben ja auch Ohren für die Geheimnisse der Menschen.“

Deborah sah sie scheu von der Seite an, und Mamsell Birkner machte allerlei verlegene und lebhafte Gesten hinter ihrem Rücken – sie fuhr mitleidsvoll mit dem Finger über die Stirn, zum Zeichen, daß das junge Mädchen von einer fixen Idee beherrscht sei. Uebrigens war die gute, dicke Wirthschaftsmamsell ganz trostlos darüber, daß im lieben Schillingshofe einem Gaste „Etwas weggekommen“ sein sollte. Sie hatte nichts Eiligeres zu thun, als die deprimirende Neuigkeit im Souterrain zu verkünden. Da kam sie aber schön an – es gab einen wahren Sturm drunten in der Küche.

„So – es wird ja immer schöner!“ tobte der Bediente Robert. „Jetzt haben wir die pauvere Gesellschaft auch noch bestohlen, diese – daß Ihr’s nur wißt, Theaterleute sind’s – ja, ja, Theaterleute! Hab’ ich’s nicht immer gesagt, daß die blitzenden Steine und all das aufgetakelte Zeug in der Schlafstube Komödienkram ist? Und die zwei Mohrenfratzen! Herr Gott, wenn ich die nur einmal in’s Waschfaß stecken und gründlich abscheuern dürfte! Ich lasse mich gleich hängen, wenn da nicht die allerschönsten weißen Spitzbubengesichter zum Vorschein kommen.“ Er schnitt mit der flachen Hand energisch durch die Luft, als wolle er reinen Tisch machen. „Sie muß aus dem Hause, die Gesellschaft! Es ist eine Schande für den Schillingshof, daß solche Leute hier unterkriechen dürfen.“

Und der ganze Chor stimmte empört ein, während die Wirthschaftsmamsell bitterböse, aber schweigend in ihre Stube ging – sie wußte es ja besser, durfte aber nichts sagen; Baron Schilling hatte ihr unverbrüchliches Schweigen auferlegt.

Inzwischen durchsuchte Donna Mercedes in qualvoller Aufregung Zimmer um Zimmer. Sie hatte den Documentenkasten am Tage vor José’s Erkranken zum letzte Male in der Hand gehabt, alle Papiere herausgenommen und vor Baron Schilling hingebreitet, auch den letzten Willen ihres Bruders und das Schreiben an seine Mutter. Er war versiegelt, aber sie kannte seinen Inhalt genau und hatte ihn fast wörtlich Baron Schilling mitgetheilt. Sie erinnerte sich auch, daß er die köstliche Arbeit und den Silberwerth des kleinen Kastens bewundert und dann gemeinsam mit ihr die Papiere sorglich zusammengefaltet und wieder in den Kasten gelegt. Vor seinen Augen hatte sie den letzteren an seinen Platz in der dunklen Fachecke zurückgestellt – der Baron mußte ihr das bezeugen können. Jene Nachmittagsstunde stand ihr überhaupt noch klar vor Augen; auch der Moment, wo Lucile in ihrer kindischen Gespensterfurcht am hellen Tage geflohen war und sie mit dem Baron allein im Salon gelassen – die Mäuse hatten hinter den Wänden gespukt; die Mäuse schienen eine große Rolle im Schillingshofe und in – den Köpfen zu spielen.

Donna Mercedes blieb mitten im Salon stehen. „Haben Sie die Mäuse auch schon durch dieses Zimmer laufen sehen?“ fragte sie mit dem Ausdruck des Widerwillens Hannchen, die unter der offenen Krankenzimmertür stand.

„Ich höre nur das Knirschen und sehe kleine Staubwölkchen von der Wand fliegen,“ versetzte das Mädchen wie athemlos vor Spannung und mit hochgeröthetem Gesicht; den Arm ausstreckend, zeigte sie auf das Holzschnitzwerk, das sich wie Spitzengeflecht hinter der grünen Ruhebank erhob.

„Das mag bei jeder Erschütterung geschehen, die durch das Haus geht – das Holz ist ja uralt,“ sagte Donna Mercedes. „Bitte, sorgen Sie dafür, daß Fallen aufgestellt werden!“

Die Röthe auf den Wangen des Mädchens erlosch – sie senkte sichtlich enttäuscht den Kopf auf die Brust und ging hinaus.

Und als die Sonne untergegangen war und es kühler zu werden begann, trieb es Donna Mercedes wieder hinaus in’s Freie, in den Garten. Es war ihr, als könne sie nur draußen aufathmen von der unbeschreiblichen Angst und Unruhe, die ihr das Herz zusammenschnürte. Daheim hatte sie sich in solchen Momenten innerer Bedrängniß auf ihr treues Pferd geworfen und da waren sie, Reiterin und Thier, wie zusammengewachsen dahingerast, in die Wildniß hinein, an Schlünden, am jäh abstürzenden Wasserschwall vorüber – und die Brust hatte sich ihr geweitet, und sie hatte Himmel und Erde wieder heller werden sehen unter den Strahlen eigenen, neu hervorbrechenden Jugendmuthes. Hier nun engten Häuser und Mauern den grünen Gartenfleck klösterlich ein; an ein schrankenloses Hinausstürmen in die Weite war nicht zu denken, aber es kam doch harziger Tannenduft von den Berggipfeln herüber; man hörte das Rauschen des kleinen Baches; um die großen Wiesenflächen und die vollen Lindenwipfel schwebte der Hauch der freien Natur weit eher als im Vorgarten, den sie vom Fenster aus wie eine Gefangene überblickte und über dessen Eisengitter so oft neugierige Menschenaugen herüberschaueten.

Der Gärtner hatte im Wintergarten die Glaswände aufgeschoben, und auch der Eingang stand weit offen, damit der köstlich milde Strom der Abendlüfte hindurchziehe. Die Springbrunnen

[501] plätscherten traumhaft, und im leisen Abenddämmern schwebten die großglockigen Blumen, die Blüthendolden der Pflanzenfremdlinge wie breitbeschwingte Falter um das Laubdickicht. Donna Mercedes trat in das Glashaus. Die Gloxinie lag noch auf dem Rand des Bassins, leise schaukelnd durch die Unruhe der bewegten Wasserfläche, und frisch und farbenglänzend wie ihre Schwestern, die in der warmen Erde wurzelten....

Baron Schilling hatte Recht gehabt, die kleine Blume war nicht so empfindlich wie der Mensch – ihn hatte ein einziger frostiger Moment völlig verwandelt....

Dieser bärenhafte Deutsche! dachte Donna Mercedes. Er hatte in seiner Seele auch nicht einen Funken jener ritterlichen Unterwürfigkeit, welche man drüben in der Heimath schönen Frauen entgegen zu bringen pflegte. Sie hätte nach jenen eleganten, dunkeläugigen Männern, die sich einst in den Salon ihres Vaters drängten, mit der Reitpeitsche schlagen können, und dafür wäre die züchtigende Hand schmeichelnd geküßt worden.... Wenn sie freilich wahr gegen sich selbst sein wollte, dann mußte sie sich sagen, daß diese Unterwürfigkeit sie stets in tiefster Seele angewidert hatte. Es war in der letzten Zeit ihrer Verlobung manchmal eine Art von Verzweiflung über sie gekommen, und sie hatte zornmüthig, ja bösartig „den armen Valmaseda“ zum Widerspruche anzustacheln gesucht, um nur einmal ihm gegenüber das Heft aus der Hand zu verlieren – vergebens!... Aber es war ein Unterschied zwischen jener gewünschten kleinen Niederlage und einer eclatanten Demüthigung. Bis zu ihrem Tode vergaß sie es nicht, daß sie in schwer erkämpfter Selbstüberwindung ein Einlenken versucht hatte und zurückgewiesen worden war. . . .

Sein häßlicher Kopf – ja, er war entschieden häßlich mit seiner eckigen Stirn, der starken Nase und der habsburgischen Unterlippe – hatte ihr schon damals, als er in der Thür der Flurhalle aufgetaucht war, um die Angekommenen zu begrüßen, einen jähen, unerklärlichen Schrecken eingeflößt, und es war ihr gewesen, als schreite etwas Uebergewaltiges auf sie zu, dem sie nicht auszuweichen vermöchte. Seitdem hatte sie das unbestimmte Gefühl, als müsse sie sich fortgesetzt kampfbereit halten; das hatte ihr die deutsche Luft vergiftet und sie schon in der ersten Stunde an der Kraft, ihre Mission durchzuführen, verzweifeln lassen....

Im Atelier nebenan war es lautlos still. Donna Mercedes sah durch den Glasstreifen, den der Velourvorhang freiließ, wie das Abenddämmern drüben hereinsank. Auf der Gallerie und in der Ecke, welche die Wendeltreppe füllte, lagerten die Schatten schon intensiver; da und dort blinkte noch ein schwacher Lichtfleck auf dem blanken Metall einer weitbauchigen Trinkkanne, oder im Glasgeschirr auf den Credenzen, und es war Donna Mercedes, als müsse jetzt eine altdeutsche Hausfrau, das lang nachschleifende Gewand mit der Gürtelkette aufgenommen, droben in dem geheimnißvollen Düster erscheinen und die Treppe herabsteigen, um dem Maler auf silbernem Brett den Abendtrunk zu bringen. Das that die eigenwillige Frau, die Herrin des Schillingshofes wohl niemals – sie haßte ja den Beruf ihres Mannes.




25.

Donna Mercedes war unter das bereits dunkelnde Laubdach der Platanen getreten. Feierliche Abendstille lag über dem Garten; selbst der letzte flüsternde Hauch in den Wipfeln und Büschen schien erloschen; kein Vogelflügel regte sich. Vom Teich her kamen vereinzelte, klatschende Laute, ein Geräusch, als würden Steine in das Wasser geworfen.

Donna Mercedes verließ die Allee; sie schritt auf dem schmalen Sandwege, der die Wiesenflächen quer durchschnitt, und blieb beobachtend hinter einem Rosenbusche stehen.

Am Teiche stand ein Knabe, den sie noch nie im Garten gesehen – ein spindeldürres Kerlchen mit langen Beinen und auffallend gewandten und sicheren Bewegungen. Er nahm Stein um Stein aus der Tasche und ließ die Kiesel unter einem steten leise pfeifenden „Hui!“ über den Wasserspiegel springen. Und dazwischen lachte er in sich hinein, strampelte mit seinen Storchbeinen und patschte sich vor Vergnügen über jeden gelungenen Wurf die Kniee.

Donna Mercedes sagte sich sofort, daß dies der heimtückische kleine Bursche sein müsse, der José neulich auf das Terrain des Klostergutes gelockt hatte, der Millionenerbe, der letzte Träger des Wolfram’schen Namens, um dessen willen den Lucian’schen Waisen das großmütterliche Vermögen gestohlen werden sollte. Heiliger Zorn wallte in ihr auf. Dieser zigeunerhafte Junge, der kichernd, wie ein triumphirendes Teufelchen, den Teichrasen stampfte, er war schuld, daß ihr schöner, sanfter José noch auf dem Siechbette lag.

Lautlos trat sie hinter dem Busche hervor und ging auf ebenso leisen Sohlen den nach dem Teiche führenden Weg entlang – es lag ihr daran, den Knaben nicht zu verscheuchen. Aber sie vergaß, daß sie ihr schwarzes Seidenkleid mit einem hellen Morgenrocke vertauscht hatte; sie wußte auch nicht, daß Gesicht und Gehör des häßlichen Burschen dort geschärft seien wie die einen jungen Fuchses.

Er wandte den schmalen, haarstarrenden Kopf plötzlich nach der Richtung, von wo das Geräusch des knirschenden Sandes erscholl. Bei Erblicken der heranschreitenden weißen Gestalt warf er den Stein, der eben über das Wasser tanzen sollte, von sich und ergriff die Flucht dem Zaune zu. Gleich darauf duckte er sich geschmeidig und war verschwunden, als habe ihn der Boden verschluckt. Einige Augenblicke später rauschte es zwischen Laub und Aesten, dann war es wieder still.

Donna Mercedes ging bis zu der Stelle, wo der Knabe verschwunden war – durch dieses wilde, scheinbar undurchdringliche Gestrüpp war auch José neulich gekrochen, ahnungslos mit seinen kleinen Füßen den Boden betretend, auf dem sein Vater auch als Kind gespielt, und nicht wissend, daß ihm in dem dunklen, fremden Hause die Großmutter lebe, die harte Großmutter, um deren willen er und sein Schwesterchen über die große, weite Wasserwüste hatte schwimmen müssen.

Donna Mercedes’ Fuß verirrte sich selten bis an den Teich, und seit sie neulich in Todesqualen unter den Linden gestanden und jeden Augenblick erwartet hatte, das blonde Köpfchen ihres ertrunkenen Lieblings müsse sich aus der dunklen Fluth heben – seit jenem grauenvollen Moment hatte sie diese Partie des Gartens gemieden. Bis an den Zaun selbst war sie überhaupt nie gekommen. Die ganze lange Linie bildete eine völlige Wildniß von Haselstauden und Syringenbüschen, die man auch auf dem Schilling’schen Grund und Boden nur nothdürftig beschnitt. Ein allzu kräftiger Geruch von Lauch und Zwiebeln quoll durch das Geäst, und da, wo Mercedes stand, hingen volle Büsche reifender kleiner Sauerkirschen zwischen dem Laub – ein niedriger Kirschbaum hatte seine Aeste durch den Zaun nach der Südsonne hin getrieben – edle Obstsorten schienen da drüben nicht gepflegt zu werden.

Ein kreischender Laut unterbrach die Stille, jenseits des Zaunes drehte sich eine Thür in rostigen Angeln und fiel knarrend wieder zu; dann traten feste Füße auf Kiesgeröll – sie schritten langsam einen, wie es schien, geradlinigen Weg entlang und bogen plötzlich auf weicheres Erdreich ein, direct auf den Zaun zugehend.

Donna Mercedes zog sich zurück, unter dem seltsamen Gefühl, als müsse die wandelnde Gestalt drüben durch das Gestrüpp brechen und an sie herantreten. Sie ging unter den Teichlinden hin, aber ehe sie den Weg wieder betrat, der nach der Allee führte, wandte sie noch einmal unwillkürlich, wie durch eine magnetische Kraft angezogen, den Kopf zurück. Es war ihr, als stände sie unter einem Bann – zwei glühende Augen mit verzehrendem Blick waren es, die ihr über den Zaun weg nachstarrten.

Sie kannte diesen Kopf mit dem Haardiadem über der Stirn, mit dem wachsbleichen Colorit und den schmalen scharfgeschnittenen Lippen, die eines Abends das erschütternde „Gestorben?“ hervorgestoßen hatten.... Das Herz stand ihr fast still vor Ueberraschung. Jetzt wußte sie um das Geheimniß der nachtwandelnden Erscheinung in der Säulenhalle – es war die Unerbittliche, die Sohn und Gatten in grausamer Härte und unbeugsamem Starrsinn von sich gestoßen und über das Meer in eine neue Heimath getrieben hatte. Das immer noch schöne, einem Steinbild gleichende Weib dort war die Vorgängerin der stolzen Spanierin, war Major Lucian’s erste Frau. Sie schlummerten Beide unter der Erde, deren Geschick sie eigenmächtig gewandelt – die gewaltige, festgefügte Gestalt dort hatte sie überdauert; sie lebte und – litt.

Die Nemesis war gekommen; sie rüttelte an diesem Gewissen wer weiß wie lange schon. Und in der erschütterten Seele regte sich jetzt ein weiches Gefühl; ein blondlockiges Kind, das die Züge des verstoßenen Sohnes trug, stand ihr mahnend immer vor Augen – die großmütterliche Liebe war mächtiger, als der Mutterzorn; sie quoll auf in dem verschütteten Herzen, unwiderstehlich, zersprengend, wie die Triebkraft einen werdenden Baum durch Gestein und Geröll an das Licht treibt.

Donna Mercedes ging auf die Frau zu, und diese wich nicht zurück. Sie mußte auf einer Bank stehen, denn vom Boden aus ließ sich der hohe Zaun nicht überblicken. Mit beiden Armen drängte sie das struppige Gezweig kraftvoll aus einander. So stand sie bewegungslos – so hatte sie seit José’s Erkranken vielleicht täglich gestanden, um von irgend einem Diener des Nachbarhauses Nachricht über das Kind zu erlangen, das sich im großmütterlichen Heim, von dem übermüthigen Erben des Klostergutes gemißhandelt, die schwere Krankheit geholt hatte.

Donna Mercedes verharrte erwartungsvoll schweigend auf ihrem Platze. Sie stand der Frau so nahe, daß sie trotz der Abenddämmerung jeden Zug des Gesichts erkennen konnte, welches sich zu ihr niederbog, und jetzt begriff sie, daß Vater und Sohn, warmherzige, phantasievolle Naturen, vor dieser Macht hatten weichen müssen.

„Ich möchte wissen,“ sagte sie mit unsicherer Stimme, „ob der Kleine –“

„José Lucian wollen Sie sagen,“ fiel Donna Mercedes jetzt fest und äußerlich vollkommen ruhig ein, obgleich ihr das Herz so heftig schlug, daß sie meinte, man müsse es hören.

Mit einem Laut des Schreckens fuhr die Frau zurück; die Büsche schlugen rauschend zusammen, aber gleich darauf theilten die kräftigen Hände das Strauchwerk abermals aus einander, und das bleiche Antlitz erschien wieder – jetzt aber mit scharf zusammengezogenen Brauen und einem harten, drohenden Ausdruck.

„Hab’ ich nach dem Namen gefragt?“ klang es abweisend. „Ich wollte nichts Anderes wissen, als dies: ob der Knabe – zu retten ist.... Der kleine Sohn meines Bruders –“ eine aufkreischende, schrille Kinderstimme unterbrach sie; verstummend und sichtlich erschreckt fuhr sie herum.

Donna Mercedes sah, wie ein schlanker Körper drüben durch das Geäst eines hohen Baumes katzengeschmeidig schlüpfte und ebenso gewandt und flink am Stamm herunterglitt. Das war der Bursche, der vorhin die Steine in den Teich geworfen hatte. Man hörte ihn wie toll mit harten Absätzen über den Kies nach dem Hause zu laufen, und dabei schrie er grob und flegelhaft herüber: „Warte nur, Tante Therese, ich sag’s dem Papa, daß Du mit den Leuten im Schillingshofe sprichst! Ihr habt mir’s streng verboten, und Du thust es selber.“

Die knarrende Thür des Hinterhauses wurde aufgerissen und flog schmetternd wieder zu, und in diesem Moment verschwand auch die Frau hinter dem Zaune.

Donna Mercedes wartete vergebens auf ihr Wiedererscheinen; sie hörte nur, wie sich rasche Schritte drüben immer weiter von der trennenden grünen Wand entfernten und auf den geradlinigen Weg einbogen.... Ihr war seltsam zu Muthe. Nun hatte sie der Mutter ihres Bruders Auge in Auge gegenüber gestanden – sie hatte stets bitteren Haß gegen dieses tyrannische Weib gefühlt, und seit sie das Klosterhaus gesehen, aus welchem ihres Vaters erste Frau stammte, hatte sich jener Empfindung auch der Abscheu vor gemeiner Berührung beigemischt. Diese Vorstellung war jetzt versunken vor der herrlichen, stolzen Matronenerscheinung, die sie eben gesehen. Sie begriff vollkommen, daß diese Frau die Jugendliebe Major Lucian’s gewesen; sie verstand jetzt den letzten heißen Wunsch ihres Bruders, die Mutter zu versöhnen und in ihrem Herzen Liebe für seine Waisen zu erwecken.... Mochte jene auch äußerlich unzugänglich und starr erscheinen – tief in ihrer Seele lag doch verborgene Gluth, der schlimmste Feind, mit dem sie zu kämpfen hatte, eine wahre Geißel, welche die Natur der Tochter der Wolframs mitgegeben; gerade diese Gabe hatte sie zu dem gemacht, als was sie erschien, zu der Unerbittlichen, die ihrem Herzen, als schlechtem Rathgeber, mißtraute und consequent seine Einflüsterungen verwarf.... Donna Mercedes fühlte einen geheimnißvollen Zug – in dieser Natur lag eine gewisse Verwandtschaft mit der ihrigen.... Aber – seltsames Räthsel! – dieselbe Frau, die gewaltthätig in das Schicksal der Ihren eingegriffen, die ein Zurückweichen nie gekannt, sie war eben vor einer boshaften kindischen Drohung geflohen.

Die Schritte drüben gingen auf das Hinterhaus zu und mochten wohl der Thür nahe sein, als diese aufgestoßen wurde. Eine starke, tiefe Männerstimme – dann ein kurzes, hartes Auflachen, so hämisch, so verletzend, daß es selbst die unbetheiligte Zuhörerin reizte.

Die Majorin aber schien ihre Haltung wieder gewonnen zu haben. „Bin ich Deine Gefangene, Franz?“ hörte Donna Mercedes sie fragen. „Oder wollen wir in unseren alten Tagen noch Vormund und Mündel spielen? – Lasse mich! – Darf ich nicht nach dem fremden Kinde fragen, das durch unsere Schuld krank geworden ist?“

Damit ging sie in das Haus. Die Thür wurde zugeschlagen – in Nachbars Garten regte sich nichts mehr.

Donna Mercedes verließ ihren Posten. Wie traumbefangen, von völlig neuen Gedanken und Empfindungen bestürmt, wanderte sie noch einige Male in der Allee auf und ab und schlug dann den Weg nach dem Säulenhause ein.

Es dunkelte stark. Aus den weißen Lampenkugeln der Flurhalle strömte blendendes Licht und fiel auch aus der weitoffenen Thür wie ein breiter, glänzender Teppichstreifen über die Stufen der Freitreppe draußen. – Donna Mercedes wollte eben den Fuß auf die unterste Stufe setzen, als sie durch die entgegengesetzte, gleichfalls offene Hausthür eine Dame in den Flurraum treten sah, der alsbald eine zweite folgte.

Angesichts der zuerst eintretenden Gestalt schrak sie unwillkürlich zusammen; schattenhaft lang, schmal und grau, geräuschlos wie auf nackten Sohlen und ein gespenstisch fahles Gesicht forschend nach allen Seiten hinwendend, so glitt sie herein; es war, als schwebe der Hausgeist des alten Schillingshofes Musterung haltend durch die Halle. Aber diese geisterhafte Erscheinung hatte eine sehr menschliche Stimme von nervöser Gereiztheit.

„Mein Gott, wie bettelhaft ist das Entrée!“ sagte sie in weinerlichen Tönen. „Die Thüren weit offen wie in einer Schenke, und kein Diener zu hören noch zu sehen!... Ich bitte Dich, Adelheid“ – wandte sie sich zurück nach der andern Dame, die eben mit sichtlichem Unwillen einige Strohhalme von ihrer schwarzen Schleppe schüttelte – „ziehe die Thürglocke, aber so stark Du kannst!“

Die Dame im schwarzen Kleide trat wieder hinaus in die Säulenhalle und that wie ihr geheißen – die Glocke gab keinen Laut von sich.

Die Dame in Schwarz bog in den nach Süden laufenden Corridor ein. „Robert, wo stecken Sie?“ rief sie mit gebieterischer Stimme in das Souterrain hinab.

Die vollklingenden Laute schienen eine wahrhaft elektrisirende Kraft zu haben. Polternde Füße stürzten die Souterraintreppe herauf, und der Bediente Robert, hinter sich den Gärtner, den Hausknecht und den Stallburschen, erschien athemlos in der Flurhalle.

„Verzeihung, gnädiges Fräulein,“ stammelte er; „ich war nur für einen Augenblick in die Küche gegangen, um einen Schluck Wasser zu trinken.“

Er schritt vor und verbeugte sich tief vor der grauen Tante, die unbeweglich inmitten der Flurhalle stehen geblieben war. „Gnädige Frau Baronin kommen völlig unerwartet; wir – “

Sie unterbrach ihn mit einer ungeduldigen Handbewegung. „In welchem verwahrlosten Zustande finde ich mein Haus!“ sagte sie, in ihre vorhin so aufgeregte Stimme nunmehr die Kälte der Gebieterin legend. „Ist der Schillingshof ein Gasthaus, daß die Thürflügel angelweit offen stehen? – Die Thürglocke ist eingerostet; im Vorgarten brennt kein Gas – und was soll das Stroh auf den Wegen?“ wandte sie sich an den Gärtner und hob als Beweismittel, unter Zeichen ihrer inneren Empörung, den mit Strohresten garnirten Kleidersaum leicht von der Fußspitze. – „Seit wann wird die Streu für die Stallungen durch Vorgarten und Flurhalle geschafft?“

Die graue Gestalt mußte den erstarrenden Blick der Klapperschlange haben; denn der angeredete Mann stand da wie gelähmt – er brachte kein Wort zu seiner Vertheidigung über die Lippen. Der Bediente Robert war resoluter.

„Dafür können wir Dienstleute nicht, gnädige Frau Baronin,“ sagte er achselzuckend. „Mit Erlaubniß zu sagen, wir ballen selbst die Hand in der Tasche über die polnische Wirthschaft, die wir nun seit so und so viel Wochen im Schillingshof mit ansehen müssen. Die Hausthür hat der einfältige Bäckerjunge, der die Abendsemmeln gebracht hat, wieder einmal offen gelassen; zuschließen darf man ja nicht, weil die Zugglocke – nicht verrostet, wie gnädige Frau Baronin denken – sondern einfach abgenommen ist. Das Gas draußen brennt nicht; die Brunnenröhren sind zugeschraubt, und das Stroh liegt auf den Wegen – kurzum, die ganze heillose Wirthschaft ist nur um deswegen, weil der fremde kleine Junge den Typhus oder so etwas Aehnliches gehabt hat.“

Donna Mercedes fühlte das lebhafteste Verlangen, hervorzutreten und der Dame zu sagen, daß die Krankheit des Kindes nicht der Typhus, überhaupt keine ansteckende gewesen sei; trotzdem blieb ihr Fuß wie festgewurzelt stehen, und instinctmäßig bog sie ihre Gestalt aus dem herausfallenden Licht, das sie streifte. Nein, die erste Begegnung mit der Herrin vom Schillingshof durfte nicht in Gegenwart der gehässigen Domestiken stattfinden. Ob sie es überhaupt je über sich gewinnen würde, dieser Frau mit Worten der gebührenden Höflichkeit, des Dankes für die gewährte Gastfreundschaft zu nahen? – Etwas Abstoßenderes an Gestalt und Wesen, an Linien und Ausdruck, wie diese Heimkehrende mit dem unkleidsamen, grauumschleierten Glockenhut über dem langen, hager zugespitzten, farblosen Gesicht ließ sich nicht denken. Und die Stimme, dieses Gemisch von weinerlicher Bosheit und schneidender Impertinenz berührte sie unsagbar antipathisch.

„Typhus?!“ wiederholte die Baronin und fuhr mit dem Taschentuch durch die Luft – Donna Mercedes sah eine Röthe wie in Folge eines heftigen Erschreckens über ihr Gesicht hinfliegen „Ich will doch nicht hoffen, daß der Baron während dieser Zeit hier im Hause geblieben ist?“

Die Leute sahen sich scheu an.

„Der gnädige Herr kennt keine Furcht; er ist Tag und Nacht in der Krankenstube geblieben und hat das Kind gepflegt, als wenn’s ein – eigenes wäre,“ versetzte der Bediente mit dem Gesicht und der Haltung eines echten Duckmäusers.

Ein zornmüthiges Lächeln entblößte flüchtig die großen weißen Zähne der Dame; sie sah ihre Reisebegleiterin an, welche den Blick mit einem gleichgültigen Achselzucken erwiderte.

„Wundert Dich das, Clementine?“ fragte sie kalt.

Die Baronin antwortete nicht. Sie schob mit der Spitze ihres Sonnenschirmes einen Strohhalm von ihrer Rockgarnirung.

„Ist das Kind noch krank?“ fragte sie mit einem halben Aufblick nach dem Bedienten.

„Ja wohl, gnädige Frau – an ein Aufstehen ist noch lange nicht zu denken.“

„Mein Gott, wie verdrießlich! Ich habe entschieden keine Lust, die verpestete Krankenluft zu athmen. Sorgen Sie dafür, daß sofort Kohlenbecken mit Räucherung hier in der Flurhalle aufgestellt werden!... Wo ist der Baron?“

„Der gnädige Herr ist heute Nachmittag mit dem Fünfuhrzuge nach Berlin gereist,“ rapportirte er so prompt und eilig, als habe er schon längst auf diese Frage gewartet; er rieb sich vor innerer Genugthuung heimlich die Hände.

Hatte er gehofft, seine Herrin werde vor Ueberraschung die Fassung verlieren, dann war er im Irrthum gewesen. Sie hatte seine Bewegung sehr wohl bemerkt und verzog keine Miene, wenn sie auch abermals die Farbe wechselte. Wieder richtete sie den Blick auf die schwarze Dame. Lucile hatte stets behauptet, die Baronin habe glanzlose, todte Augen; das war falsch – es glomm im Gegentheil ein intensives Feuer in den grauen Sternen; sie flackerten unruhig wie Irrlichter unter den halbgesunkenen, dünnen Augenlidern.

„Erinnerst Du Dich, im letzten Brief etwas über diese Abreise gelesen zu haben, Adelheid?“ fragte sie ihre Reisebegleiterin anscheinend gelassen.

Die Dame schüttelte den Kopf.

„Ach, gnädige Frau Baronin, das ist wohl auch nicht gut möglich!“ wagte der Bediente einzuwerfen. „Heute Morgen hatte noch Niemand im Hause auch nur die blasse Ahnung von der Berliner Reise – die Sache hat sich ganz schnell gemacht. Das ist jetzt immer so bei uns, gnädige Frau. Vor ein paar Tagen ist auch die eine fremde Dame so schnell und heimlich nach Berlin abgereist, als ob – ja wirklich und wahrhaftig so ist’s gewesen – als wäre sie durchgebrannt.“ Die letzten Worte sprach er im halben Flüsterton wobei er scheu nach dem hinter der nördlichen Zimmerflucht hinlaufenden Corridor schielte.

Jetzt hatte er doch einen empfindlichen Nerv getroffen. Die Baronin fuhr empor. Ihre zusammengesunkene Haltung wandelte sich im Nu in eine stolzaufgerichtete; hastig fuhren die schlanken Finger prüfend nach der Hutschleife unter dem Kinn ob sie noch fest sitze; die Strohhalme wurden von der Schleppe geschüttelt; der Schleier wurde über das Gesicht gezogen.

„Wir fahren mit dem Neunuhrzuge nach Berlin,“ sagte sie kurz, aber mit fieberischer Aufregung in jedem Ton, zu ihrer Reisebegleiterin.

„Mit nichten Clementine – Du bedarfst dringend der Ruhe – wir bleiben hier,“ versetzte die Dame mit Mentormiene.

„Ruhe?“ lachte die Baronin. „Ich will reisen, und zwar sofort.“

Die schwarze Dame antwortete nicht. Sie trat der Baronin nur näher und griff nach einem großen, goldenen Kreuz, das auf der Brust derselben funkelte.

„Sieh da, Clementine!“ sagte sie. „Um ein Haar konntest Du Dein Kreuz unterwegs verlieren – es hängt nur noch lose in der Schleife. Was würde unsere liebe Frau Aebtissin zu diesem Verluste gesagt haben? Sie hat Dir das Erinnerungszeichen mit eigenen Händen umgehangen.“

Wie ein Erlöschen ging es über das aufgeregte Gesicht der Baronin; sie senkte den Kopf und zog maschinenmäßig das Kreuz an die Lippen, dessen Band ihr die andere Dame im Nacken fester knüpfte.

„Gehe Sie rasch hinauf und legen Sie einen bequemen Schlafrock für die Frau Baronin zurecht!“ befahl die letztere, sich nach der Kammerjungfer umwendend, die indessen, mit Reise-Effecten beladen, in die Flurhalle getreten war. „Die Birkner soll sogleich die Appartements droben aufschließen – wo ist sie?“

„Hier, gnädiges Fräulein!“ rief die Wirthschaftsmamsell, um die Corridorecke biegend, mit einem tiefen Knix. „Ich komme eben von oben; es ist Alles in Ordnung. Ach, was für ein Glück! Gerade heute habe ich die Zimmer der gnädigen Frau Baronin reinigen und tüchtig lüften lassen.“

„Wie – so werden meine Befehle respectirt?“ fuhr die Baronin empor. „Habe ich nicht ausdrücklich befohlen, daß während meiner Abwesenheit Niemand – ich sage Niemand meine Gemächer betrete? Nun wird man sich breit gemacht haben in meinem Eigenthum – ich konnte mir das denken!“

„Aber wer sollte denn so dreist sein, gnädige Frau?“ stotterte die Wirthschaftsmamsell. „Keine Menschenseele hat hinauf gedurft – ich hab’ die Schlüssel gehütet wie meinen Augapfel. Aber der Sturm hatte neulich die Terrassenthür aufgerissen – muß in der Eile bei der Abreise nicht ordentlich eingeklinkt worden sein – und da mußte ich nachsehen, denn das Auf- und Zuschlagen hörte gar nicht wieder auf, und der Glaser hat auch neue Scheiben einsetzen müssen. Der Staub lag fingerhoch; die Luft war dick zum Ersticken, und das war mir schrecklich.“

Sie war bei dieser von lebhaften Gesten begleiteten Auseinandersetzung näher herzugetreten. Die Baronin wich zurück. „Kommen Sie mir nicht zu nahe, Birkner!“ wehrte sie mit ausgestrecktem Arme in kindischer Heftigkeit ab, und in ihrem Gesicht dämmerte der Ausdruck wieder auf, der Donna Mercedes vorhin erschreckt hatte. – „Sie haben überhaupt von nun an in meinen Zimmern nichts mehr zu suchen – absolut nichts! Mein Haus soll und muß rein werden von diesen verpestenden Elementen –“

„Rege Dich nicht auf, Clementine!“ fiel die schwarze Dame ein, und der Baronin den Arm bietend, befahl sie dem Bedienten, sogleich für das Arrangement des Theetisches zu sorgen. Damit führte sie die Herrin des Schillingshofes wie eine Pflegebefohlene durch den Corridor und die Treppe hinauf.

Die Druntenstehenden stoben aus einander. Mamsell Birkner verbarg ihr verstörtes Gesicht und die in Thränen schwimmenden Augen in ihr Taschentuch, während der Bediente Robert mit einem hämischen Lächeln an ihr vorüber in die Küche hinabrannte. Der Gärtner und der Stallbursche traten heraus auf die Freitreppe, um nach dem Stallgebäude zu gehen. Sie gingen an Donna Mercedes, welche sich an die Wand schmiegte, vorüber, ohne sie zu bemerken.

„Die muß springen!“ sagte halblaut der Gärtner, mit dem Daumen über die Schulter zurück nach der Wirthschaftsmamsell zeigend. „Die muß springen, da hilft kein Gott! Sie ist die einzige Protestantin im Schillingshofe – sie und das Hannchen. Die Beiden sind der Gnädigen immer ein Dorn im Auge gewesen, aber sie hat sich doch nicht getraut, die Leute, die der Herr beschützt, so mir nichts dir nichts aus dem Hause zu jagen. Nun ist sie aber wieder in Rom und gar im Kloster gewesen – Herr Gott, das sieht ihr ein Jeder auf hundert Schritt an. Sie müssen die Frau dort ganz rebellisch gemacht haben, und Fräulein von Riedt sieht auch aus wie ein Bild ohne Gnade – da giebt’s keine Rettung mehr für die arme Birkner.“

Sie gingen die Stufen hinab, und Donna Mercedes trat in das Haus. Ein starker Moschusduft hauchte sie an – er mochte das Lieblingsparfüm einer der heimgekehrten Damen sein. Es kam ihr vor, als sei plötzlich ein grauer Schleier über alles Licht, über den ganzen Schillingshof gesunken, als müßten die heidnischen Karyatiden vom Plafond und die Statuen eiligst aus ihren Nischen herabsteigen, um sich zu verstecken. Wie war es überhaupt möglich, daß sie bis heute ihren Platz behaupten konnten, daß die graue Schattengestalt sie nicht längst im fanatischen Eifer herabgestürzt hatte?

In dieser Nacht schloß Donna Mercedes die Augen nicht – sie suchte ihr Bett nicht einmal auf. Es bedurfte ihrer ganzen Geistesschärfe, ihrer vollen inneren Kraft, um sich über alles das, was auf sie einstürmte, emporzuarbeiten und den klaren Ueberblick zu gewinnen. Gerade jetzt galt es, auszuharren und fest auf dem Posten zu bleiben – gerade jetzt, wo vom Klostergute eine Hand – wenn auch noch scheu und widerstrebend – herübergriff und Fühlung suchte mit den Kindern des Verstoßenen.

So hatte sich Donna Mercedes, bald im Salon auf- und abwandelnd, bald in die Fensternische geschmiegt und den Blick auf das Bild des todten Bruders geheftet, gestählt und gefestet – vor Allem gegen das Heer von Anfechtungen, das sie unausbleiblich erwartete, seit sie in das Gesicht der heimgekehrten Frau vom Hause gesehen. Als die Hängelampe am Deckengebälk des Salons knisternd erlosch und ein blaßrosiger Schein den dämmernden Morgenhimmel überflog, da lag auf dem schönen Frauenantlitz der wiedererkämpfte Ausdruck rücksichtsloser Entschlossenheit.




26.

Mit Tagesanbruch wurde es lebendig im Schillingshof. Die Dienerschaft, die noch gestern auf den Zehen gegangen war, polterte treppauf, treppab und trabte mit gewichtigen Absätzen geräuschvoll über die Marmorfliesen der Flurhalle. Im Vorgarten rasselten eisernen Rechen über die Kieswege – einige Taglöhner rafften unter Anführung des Gärtners das Stroh weg, ängstlich sorgsam, auf daß auch nicht ein Halm an dem blanken Geröll hängen bleibe. Die Röhren des Brunnenmonumentes wurden auch aufgeschraubt, und brausend fuhren die so lange gefangen gehaltenen Wasserstrahlen in die sonnendurchleuchtete, blaue Morgenluft hinein.

Donna Mercedes sah vom Fenster aus ruhig und gelassen der Wiederherstellung der früheren Ordnung zu. José hatte in der Nacht prächtig geschlafen; er war frisch und sichtlich gestärkt erwacht, und das Geräusch in und außer dem Hause schien ihn nicht weiter zu behelligen. Die kleine Paula aber jubelte über die springenden Fontänen, wie über ein neues Spielzeug. Sie war nach dem Frühstück auf Tantes Lehnstuhl in der Fensternische geklettert und ergötzte sich unermüdlich an den plätschernden und zerstäubenden Wassern, denen das Sonnenlicht ein köstliches Regenbogengeflimmer entlockte.

Die Kleine sah in dem mächtigen Bogenfenster aus wie ein wirres Blumenelfchen. Mit den nackten Schultern aus dem losen, blauen Kleidchen schlüpfend, das an seinem Ausschnitt das Spitzengekräusel des Battisthemdchens sehen ließ, stützte sie die kleinen Arme auf den Fenstersims, und das Blondhaar fiel ihr volllockig in die Stirn und an den Schläfen hinab über Schultern und Rücken. Donna Mercedes stand neben ihr, im frischen weißen Morgenkleide; ihre Hand glitt mechanisch über das Lockengewoge des Kindes, während die dunklen Augen ziellos in den weiten Himmel hineinschweiften.

Da trat die Herrin des Schillingshofes in Fräulein von Riedt’s Begleitung hinter dem nächsten Buschwerk hervor. Sie war in derselben Toilette wie gestern Abend. Das goldene Kreuz funkelte ihr auf der Brust, und in den graubekleideten Händen hielt sie ein Buch von violettem Sammeteinband. Die Damen kamen jedenfalls schon aus der nahen Benediktinerkirche, wo sie ihr Morgengebet verrichtet hatten.

In der klaren, scharfen Morgenbeleuchtung erschien die Baronin fast noch abstoßender, als gestern beim Lampenlicht. – Kränklichkeit, vor Allem aber wohl ein leidenschaftliches, wenn auch mit großer Kunst verheimlichtes Naturell – wie Felix stets behauptet – hatten an diesem langgestreckten Gesicht verhäßlichend gearbeitet; die Züge waren schlaff und verwüstet, wie die einer Greisin.

Fräulein von Riedt sah abgewendet und aufmerksam über das Parterre hin, auf welchem noch die Arbeiter beschäftigt waren; die Augen der Baronin aber überflogen verstohlen die Fensterreihe der nördlichen Erdgeschoßwohnung. Einen Moment blieben diese glanzlosen Augen an dem Bogenfenster hängen, hinter dessen Scheiben die Dame mit dem Kinde stand – sie wurden weit und starr wie in plötzlicher Ueberraschung, aber fast ebenso schnell zuckte ein feindseliger Strahl herüber. Es lag etwas Duckmäuserisches in der Art, wie diese Frau den Kopf senkte und beschleunigten Schrittes weiter ging, als habe sie gar nichts gesehen.

Später kam der behandelnde Arzt, aber nicht direct von der Straße, sondern aus der Beletage – die Gnädige hatte ihn schon in aller Frühe in ihre Gemächer citirt, wie er sagte. Er war der Hausarzt im Schillingshofe – ein braver, gerader Mann, auf dessen Gesicht heute ein kaum zu unterdrückender Aerger lag. Er rieth denn auch Donna Mercedes im Laufe des Gespräches, vorläufig jede Begegnung mit der Baronin zu vermeiden; sie lasse es sich nicht ausreden, daß der Typhus in ihrem Hause sei, und zeige eine geradezu wahnwitzige Furcht vor der Ansteckung. In der Flurhalle sähe es aus, als würden den griechischen Götterbildern Weihe-Opfer dargebracht; so dampfe es in dicken blauen Wolken aus rings aufgestellten Kohlenbecken. Mit welchem sardonischen Lächeln er das sagte!

Seinen kleinen Patienten fand er in der Genesung auffallend vorgeschritten.

„Aber,“ sagte er mit aufgehobenem Drohfinger und bedeutungsvollem Nachdruck zu Donna Mercedes, „ich muß dringend bitten, daß Sie sich durch nichts, durch gar nichts bestimmen lassen, das Kind in seiner Ruhe zu stören! Ich mache Sie, gnädige Frau, für jede nachtheilige Veränderung im Befinden des Reconvalescenten verantwortlich.“

Was Alles mußte der Mann soeben in der Beletage gehört und erlebt haben! Das schien ihn jedoch nicht im Geringsten zu beeinflussen. Er hatte den kleinen Knaben sehr lieb gewonnen, und für Donna Mercedes zeigte er große Verehrung – er war liebenswürdiger als je und gestattete heute auch auf José’s Bitten endlich, daß die Tante zum ersten Male wieder auf dem Flügel spiele. Donna Mercedes setzte sich an das Instrument und schlug einige gedämpfte Accorde an. Sie war keine Meisterin; eine brillante Technik besaß sie nicht. Ihr feuriges Naturell sträubte sich gegen den Zwang des geduldigen Uebens, wie das Steppenroß gegen den Zügel, aber eine Art wilder Genialität durchglühte ihren Vortrag; sie fühlte unter den Tönen die Seelenfesseln springen.... Und deshalb hatte sie ihren Flügel mitgenommen – auf einem anderen Instrument spielte sie niemals.

Ein Freudenschimmer überflog ihr schönes, stolzes Gesicht, als sie die Finger zum ersten Mal nach so langer Entbehrung wieder auf die Tasten legte. Sie spielte „Adelaide“ von Beethoven mit vorsichtigem Anschlag, in Berücksichtigung des kleinen Reconvalescenten – aber welche tiefe Innigkeit beseelte diese Klänge! „Einsam wandelt dein Freund im Frühlingsgarten“ – wie gefangen irrte ihre Seele um das exotische Gesträuch im Glashause; die Fontainen plätscherten; auf der zitternden Wasserfläche schwankte der Gloxinienkelch, und hinter der halbverhangenen Glaswand dämmerten ergreifend lebendig die Gestalten, die der eckigen Stirn des häßlichen Kopfes entstammten.

Zornig schüttelte die Spielerin das wogende Haar in den Nacken zurück und griff energischer in die Tasten, als sollten und müßten andere Melodien übertönt werden; das herrliche Instrument erbrauste in majestätischer Pracht und Tonfülle – José lauschte athemlos in seinem Bettchen, und der Arzt lehnte wie festgebannt am Fensterpfeiler.

Da wurde plötzlich die Salonthür geöffnet, rücksichtslos rasch und laut, als werde dringende Botschaft gebracht. Der Bediente Robert trat herein, aber nicht mit der gewohnten Devotion; er kehrte eine sehr dreiste Miene heraus – man sah sofort, daß dieser Mann in blanker Livrée, mit dem tadellosen Mittelscheitel und den zwinkernden Augen als Abgesandter auf ausgedehnten Vollmachten fuße.

„Meine gnädige Herrschaft läßt recht sehr bitten, nicht weiter zu spielen,“ sagte er ziemlich kurz und mit einer leichten Verbeugung. „Im Schillingshofe darf nie Musik gemacht werden; auch die Drehorgelmänner dürfen wir nicht hereinlassen. Die gnädige Frau Baronin kann absolut keine Musik vertragen.“

„Ei, ist’s denn die Möglichkeit! Selbst die Drehorgelmänner nicht?“ lachte der Arzt sarkastisch auf. „Uebrigens begreife ich nicht – die Gnädige wohnt ja doch auf der entgegengesetzten Seite –“

„Die Damen frühstücken auf der Terrasse, und da hört man das Spielen,“ unterbrach ihn der Bediente mit hochgezogenen Brauen wichtig und überlegen.

„Die Hexen!“ murmelte der Doctor grimmig in den Bart. Er griff nach seinem Hut und empfahl sich mit einem vielsagenden spöttischen Lächeln, während Donna Mercedes sich schweigend erhob und den Flügel schloß.

Sie trat an ihren Schreibtisch und schien es nicht zu bemerken, daß der Diener an der Thür stehen geblieben war. In dem Menschen, der sich plötzlich auf dem Standpunkt des Gebietenden der Dame gegenüber fühlte, kochte die Wuth. Er trat ziemlich geräuschvoll tiefer in das Zimmer und zeigte auf einen Papierbogen, den er in der Hand hielt.

„Ich möchte bitten“ – hob er unter vernehmlichem Räuspern an.

Die Dame wandte ihm langsam und majestätisch das Gesicht zu, und er bückte sich unwillkürlich vor dem stolz verwunderten Blick, der ihn von Kopf bis zu Füßen maß.

„Ich habe da verschiedene Auslagen notirt,“ sagte er, ihr das Papier hinhaltend, das sie jedoch nicht ergriff. „Die Dame, die abgereist ist, hat nie die Droschken bezahlt, mit denen sie nach Hause kam – die Kutscher hielten sich an mich. Auch den Leuten, welche die gekauften und bestellten Sachen brachten, hab’ ich das Trinkgeld geben müssen. Ich hab’ mich auch nicht geweigert; denn ich dachte immer, das gehöre mit zu der Gastfreundschaft. Nun hab’ ich vorhin der Gnädigen den Zettel vorgelegt, aber sie sagt, das gehe sie gar nichts an.“

„Das ist richtig. In derartigen Dingen haben Sie sich an meinen Diener Jack zu wenden.“

Er kraute sich mit einem impertinenten Lächeln hinter dem Ohr. „In dem Schwarzen seiner Hand hab’ ich noch keinen Pfennig gesehen,“ sagte er stockend in fingirter Verlegenheit; „und mein Grundsatz ist immer, lieber gleich vor die rechte Schmiede zu gehen.“

Donna Mercedes preßte die blaßgewordenen Lippen auf einander, und ein tiefer, schwerer Athemzug hob ihre Brust. Sie schloß schweigend einen Kasten im Aufsatz des Schreibtisches auf und zog ihn heraus – er war bis an den Rand mit Goldstücken gefüllt.

„Nehmen Sie, was Ihnen zukommt!“ sagte sie kurz und zeigte auf das Gold – um keinen Preis hätte sie diesem Menschen Geld hinzählen mögen.

Er prallte bestürzt zurück, als fahre ihm eine Flamme aus dem märchenhaft reichen Kasten entgegen. Er hatte eben noch boshaft angedeutet, daß er keinen Pfennig in der Erdgeschoßwohnung vermuthe, und nun blinkte ihm da eine niegesehene Geldmasse entgegen, so sorglos und nachlässig verwahrt, daß er sich selbst eingestand, die Dame müsse von Jugend auf in Nabobs-Gewohnheiten erzogen sein.

„Aber, gnädigste Frau, das kann ich doch unmöglich,“ stotterte er fassungslos – seine Bedientenaufgeblasenheit sank kläglich zusammen.

„Nehmen Sie!“ wiederholte sie, und ihre stolzen Brauen falteten sich finster.

Er trat scheu auf den Zehen heran und nahm mit so spitzen Fingern, als fürchte er, sich zu verbrennen, ein Goldstück heraus. Dann zog er schleunigst sein Portemonnaie aus der Tasche. „Meine Auslagen betragen nicht so viel – gnädigste Frau bekommen über die Hälfte zurück,“ sagte er und schickte sich an, schmutziges Kleingeld auf die Tischplatte, nahe vor dem Bild des „armen Valmaseda“, des ehemaligen Crösus von Südcarolina, hinzuzählen.

Donna Mercedes hob den Arm und zeigte nach der Thür.

„Gehen Sie!“ befahl sie streng und gebieterisch. „Für künftig bitte ich mir’s aus, daß ich nie wieder in dieser directen Weise behelligt werde. Mein Diener Jack hat den persönlichen Dienst – Ihnen steht es nicht zu, ohne specielle Aufforderung meine Gemächer zu betreten.“

„Wie die gnädige Frau befehlen!“ stammelte er unterwürfig.

Er steckte das Goldstück ein und zog sich unter tiefen Bücklingen nach der Thür zurück, freilich, ohne auch nur einen Blick zu erhaschen – Donna Mercedes hatte sich abgewendet und sah hinaus in den Garten.

„Ich Dummkopf! Ich Narr! Ich könnte mich selbst ohrfeigen für meine Stockblindheit,“ murmelte er draußen, einen Moment wie erstarrt an der Schwelle stehenbleibend. „Was für Trinkgelder hätte es da gegeben! Nun bin ich d’rum.... Da drinn ist doch Alles echt, Fritz“ – sagte er, nach dem Salon zurückdeutend, kleinlaut zu dem Hausknecht, der eben wieder neues Räucherwerk auf die dampfenden Kohlenpfannen schüttete – „die Edelsteine, das Gold und Silber, und – die Mohren auch! Die Dame hat Geld wie Heu. In dem schweren Koffer waren keine Bücher – nun weiß ich’s. Ach, das Gold! das Gold!“

Sie aber, von der er sprach, sie stand zürnend in der Fensternische, und ein unbeschreibliches Gemisch von Erstaunen, Ekel und Verachtung kämpfte in ihrem Gesichtsausdruck.... Die Domestikenfrechheit in diesem deutschen Hause hatte eben den Gipfelpunkt erreicht – ihre Persönlichkeit, ihr stolzer Name, ihr gewohntes sicheres Auftreten, das Alles vermochte nicht, Respect einzuflößen – die Waffe gegen die Unverschämtheit hatte sie unbewußt ergriffen – das Gold!... Das war eine bittere Lehre.... Und in diesem Hause genoß sie die Gastfreundschaft. – Gastfreundschaft! Daheim war sie in unbeschränktem Maße unter den Standesgenossen geübt worden – sie hatte das nie anders gewußt, und danach auch das Haus bemessen, das Baron Schilling ihrem Bruder für die Seinigen angeboten.... Sie mußte an die mitgenommenen Kellerschlüssel denken – die Frau Baronin war nicht allein tückisch, wie sie damals einzig und allein angenommen, sie war auch geizig.... Sollte sie von Bezahlung sprechen? Oder der Dame in etwas feinerer Form einige ihrer ungefaßten, kostbaren Juwelen hinaufschicken? Was aber würde er zu einem solchen Schritt sagen? – Er würde noch schlechter von ihr denken, als bisher....

Sie sank in ihren Lehnstuhl und vergrub das Gesicht in den Händen.




27.

Nun hatte sich der sehnliche Wunsch der Dienerschaft erfüllt – die Herrin war zurückgekehrt; allein die Schadenfreude war schon am anderen Morgen einer allgemeinen Niedergeschlagenheit gewichen. Die Reizbarkeit der Gnädige hatte sich, wie jedes Mal auf den Wallfahrtstouren, sehr verschlimmert. Dazu kam der heftige Unwille über die Abwesenheit ihres Gemahls. Sie hatte es zwar aufgegeben, ihm nachzureisen, nachdem ihr der Bediente Robert mitgetheilt, daß er und Mamsell Birkner nur für wenige Tage Instructionen erhalten und deshalb den gnädigen Herrn in der Kürze zurück erwarten dürften, allein die verbitterte Laune der gnädigen Frau war damit nicht besser geworden.

[517] Selbst Minka durfte ihr nicht vor die Augen kommen – sie hatte „die kleine, schwarze Canaille“ in der Pension belassen.

Die Kohlenbecken in der Flurhalle dampften noch tagtäglich; sie sollten vermuthlich nicht eher gelöscht werden, als bis Baron Schilling zurückgekehrt war und sich bereuend überzeugt hatte, daß er doch eigentlich seine ohnehin so kränkliche Gemahlin in augenscheinliche Gefahr, in eine recht peinliche Lage gebracht habe. Im Uebrigen wurden seine Schützlinge in der Parterrewohnung zwar in keiner Weise mehr behelligt, aber auch so vollständig ignorirt, als lägen die inneren Läden, die leeren [518] Räume von der Außenwelt abschließend, wie immer hinter den Scheiben.

Donna Mercedes wich stets in die Tiefe des Salons zurück, sobald sie die beiden Damen von der Straße her durch den Vorgarten heimkommen sah – und sie kamen täglich zweimal, Morgens und zur Abendzeit, aus der Benediktinerkirche.... Sie stand ihrem eigenen innersten Wesen wie einem dunklen Räthsel gegenüber. Donna Mercedes hatte alle Ursache, der Dame des Hauses zu grollen, welche die Convenienz, die allereinfachsten Anstandsregeln ihr gegenüber in hochmüthiger Willkür völlig aus den Augen setzte – aber das Haßgefühl, das in ihr aufwogte, sobald die graue Schleppe zwischen den Büschen auftauchte – diese namenlose innere Aufregung war ihr selbst unbegreiflich und verwirrte sie.

So waren abermals zwei Tage verstrichen, und am dritten befand sich Donna Mercedes vom frühen Morgen an in erwartungsvoller Unruhe – möglicher Weise kam Baron Schilling heute zurück. Ob er die Entflohene mitbrachte und ihren Pflichten wieder zuführte? – Die Hoffnung der jungen Dame hatte sich mit jeder Stunde verringert; heute war sie sogar fest überzeugt, daß sie Lucile nicht eher wiedersehen werde, als bis Siechthum und drohender Mangel die Pflichtvergessene unter ihren Schutz zurücktrieben.... Gleichwohl harrte sie in unbeschreiblicher Spannung auf Baron Schilling’s Rückkehr, und da er ihr so fest und entschieden erklärt hatte, das Wiedersehen mit José nur unter den Bäumen des Gartens feiern zu wollen, so konnte sie ebenso wenig wie vor einigen Tagen erwarten, daß er, selbst im Besitze dringender Nachrichten, die Parterrewohnung betreten würde.

Sie ging deshalb in der Nachmittagsstunde, zu welcher Zeit der Erwartete ankommen konnte, nach dem Glashause. Hannchen saß inzwischen bei José und erzählte ihm Märchen, während sich die kleine Paula unter Deborah’s Aufsicht in dem schattigen Fichtenwäldchen hinter dem Atelier tummelte.

Der Wintergarten war nicht verschlossen, und auch die in das Atelier führende Glasthür stand offen; der Gärtner hatte ja auch drüben die Cacteen und Farren zu pflegen und war vermuthlich eben hier beschäftigt gewesen – man sah die frischen Spuren der tropfenden Gießkanne auf dem Asphaltboden, und der grüne Vorhang drüben hinter der Glaswand war vollständig zurückgezogen; der ganze weite Raum that sich auf – ein immer wieder überraschender und blendender Anblick!

Donna Mercedes zog ein Buch aus der Tasche und setzte sich auf die eiserne Gartenbank, die, tief in den Pflanzenwald eingerückt, laubenartig überwölbt war. Hier, in dieser traumhaften Stille, umhaucht von der düftereichen, durch die zerstäubenden Wasser gekühlten Luft, konnte sie ungestört und ruhig warten – ruhig? – Das Herz klopfte ihr zum Zerspringen; sie versuchte zu lesen, aber sie fand keinen Sinn in den Longfellow’schen Versen; ihre Augen schweiften von der Blattseite immer wieder hinüber in das Atelier, in diese Wunderwelt, die auch ein Gedicht war, ein Gedicht, das seine Poesie aus altversunkenen Zeiten, aus weltweiten Fernen geholt hatte und welches dem, der hier sann und schaffte, eine unerschöpfliche Gedankenfülle zuströmte.

Draußen in seiner Clause schlug Pirat plötzlich mit seiner gewaltigen Stimme an. Donna Mercedes schreckte empor – Fremde näherten sich dem Hause; sie hörte es an dem Toben und Lärmen des ungeberdigen Thieres, aber vor dem Glashause wurde kein Schritt laut; der Hund schwieg auch bald wieder, und Donna Mercedes lehnte sich beruhigt in ihre geschützte Ecke zurück.

Da bewegte sich die Gobelingardine droben auf der Gallerie; das farbensprühende Gewebe theilte sich langsam, und die lange, graue Frauengestalt zeigte sich im Thürrahmen; schlaff und zusammengesunken wie immer, aber jetzt auch schleichend, wie auf Diebessohlen, trat die Baronin auf die Gallerie heraus. Fräulein von Riedt folgte ihr.

„Mir widerstrebt es, da hinabzugehen“, sagte die Stiftsdame. „Ist hier oben Alles sorgfältig weggeräumt, wie Du Dich gestern überzeugt hast, so wirst Du im Atelier, wo sozusagen öffentlicher Boden ist, noch viel weniger Aufklärung finden.“

Die Baronin ignorirte völlig, was ihre Begleiterin sprach. Sie glitt über die Gallerie hin und die Wendeltreppe hinab.

Donna Mercedes athmete kaum in ihrem Versteck. Sie konnte sich jetzt unmöglich erheben, ohne sich den Damen, denen sie um keinen Preis vor Baron Schilling’s Rückkehr begegnen mochte, zu verrathen.

Die Baronin blieb am Fuße der Wendeltreppe stehen.

„Ich war noch nie hier – noch nie,“ sagte sie im Tone der Befriedigung und ließ ihren Blick durch den Raum schweifen. „Ich habe es durchgesetzt, was ich damals versichert, als er den Grundstein zu dem Hause legen ließ, durchgesetzt bis zu dieser Stunde. Und daß ich in diesem Augenblick mein Gelübde breche, das wird er nie erfahren. Sieh Dich um, Adelheid! Ist diese Einrichtung nicht zum Lachen? Darin hat er allerdings Recht gehabt – zu solchem Kram würde ich mein Geld nicht hergegeben haben. Er ist ein sinnloser Verschwender. In alte Scharteken und Trümmer steckt er Unsummen, wie er der fremden Gesellschaft im Parterre die theuersten Weine und Speisen durch die Gurgel jagt.“

Sie sagte es mit lebhafter Gesticulation, und ihr müder Gang wandelte sich plötzlich zum Geschwindschritt. Sie ging quer durch das Atelier und trat zu Donna Mercedes’ Entsetzen in den Wintergarten. „Die Domestiken klatschen, und er braucht’s doch nicht zu wissen,“ sagte sie vor sich hin. Sie drückte die in den Garten führende Thür zu, drehte den Schlüssel um und steckte ihn, als genüge ihr nur diese Art von Sicherheit, in die Tasche.

Donna Mercedes verhielt sich lautlos wie eine Todte. Nur das Myrthengezweig trennte sie von dem Frauengesicht, dessen Athem sie nahezu streifte. Sie befand sich in einer höchst peinlichen Lage – sie war gefangen. Ihr stolzer Sinn, ihr ganzes Empfinden empörte sich gegen die Mitwissenschaft dessen, was die Baronin in Abwesenheit ihres Mannes hier trieb, allein noch unerträglicher war ihr der Gedanke, jetzt erst hervorzutreten und der Frau den Schlüssel abzunöthigen – sie beschloß, still auszuharren.

Die Baronin war, ohne sich umzusehen, in das Atelier zurückgekehrt. Und nun ging sie von Schrank zu Schrank; keine der Thüren war verschlossen; die meisten Schubfächer waren leer oder mit Zeichnungen und Entwürfen gefüllt. Sie suchte auf den Simsen und Borden – jedenfalls nach irgend einem achtlos liegengelassenen Brief.

Die Stiftsdame war an die Staffelei getreten. Anfänglich hatte sie in regungsloser Ueberraschung wie angewurzelt gestanden – aber nun entfuhr ihr ein Ausruf der Entrüstung. Sie rauschte um einige Schritte von dem Bilde weg.

„Ich bitte Dich, Clementine, lasse doch dieses widerwärtige Spioniren!“ rief sie in zürnender Ungeduld. „Komm lieber hierher und sieh, was Du durch Deine Indolenz verschuldet hast!“

„Mein Gott, was hast Du denn wieder?“ antwortete die Baronin ärgerlich über die Schulter hinüber. Sie hatte eben ein leeres Couvert in einem der Fächer gefunden und schien jeden Buchstaben der Adresse mit den Augen zu verschlingen. „Ist das nicht von Damenhand?“ fragte sie, eilig das Atelier durchschreitend, und hielt der Stiftsdame das Couvert hin.

„Ich berühre Anderer Briefe grundsätzlich nicht,“ entgegnete diese in herber Rüge und hob abwehrend die Hand. „Wozu diese häßliche Art von Indiscretion? Selbst wenn Dir der Inhalt einen eclatanten Beweis der Untreue in die Hände lieferte“ – eine Flamme innerer Erregung schlug bei diesen Worten über das Gesicht der Baronin hin – „er würde Deinen Mann bei den Unserigen weniger schuldig erscheinen lassen, als dieses Bild hier. Sieh her!“

Sie trat wieder hinter die Staffelei, während die Baronin unter einem Gemisch von Scheu, Verdruß und Widerspruch sich nicht von der Stelle bewegte.

„Ach was – ich mag nicht,“ versetzte sie störrisch. „Du berührst seine Briefe nicht, und ich sehe grundsätzlich seine Bilder nicht an. –“

„Ja, leider! Da rühmst Du Dich, weil Du noch nie das Atelier betreten hast, und jetzt weiß ich, daß Du stets und immer in dieser Werkstätte hättest zugegen sein müssen, um einen Weltskandal zu verhindern.“ Sie streckte die Hand gegen das Bild aus. „Das ist das abscheulichste Tendenzgemälde, das je in die Welt hinausgegangen ist,“ rief sie tief erregt. „Diese hier,“ – sie zeigte auf die herrliche Mittelgruppe – „die Abgefallenen, die Ketzer, die vor Gottes Angesicht Verstoßenen, sie tragen den Nimbus himmlischer Verklärung, und die Getreuen dort, die in Glaubensinbrunst die Waffen ergriffen, um den Fels der Kirche von dem hinaufkriechenden Gewürm zu säubern, sie kommen da hervorgestürzt als mord- und blutgierige Teufel. Und das konnte in seinem Kopfe entstehen, während Du an seiner Seite gingst! Es durfte ungehindert Form und Farbe annehmen, dieweil Du kein anderes Ziel verfolgtest, als den spröden Ehemann als schmachtenden und sclavisch unterwürfigen Liebhaber zu Deinen Füßen zu sehen.“

Die Baronin trat mit einer heftig unterbrechenden Bewegung auf sie zu; mit diesen zwei raschen Schritten aber stand sie auch vor dem Bilde, dessen Anblick sie bisher vermieden hatte. Einen Augenblick schwieg sie, offenbar vor Bestürzung, dann aber fuhr sie zornig mit der flachen Rechten, wie auslöschend, über die Mädchengestalt im Nachtgewande, deren wundervolle Büste der mitleidig übergeworfene schwarze Schleier nur halb verhüllte.

„Schändlich! Was für eine abscheuliche Phantasie er hat!“ stieß sie hervor. „Und da thut er so zurückhaltend und ascetisch und treibt doch insgeheim sündhaften Cultus mit solchen – Nacktheiten.“

Donna Mercedes beobachtete aus ihrem Versteck hinter dem Myrthenstrauch die beiden Frauen. Das kühne, kräftig geschnittene Profil der Stiftsdame hob sich scharf, in fast antiker Linie von dem Hintergrunde des Ateliers. Sie konnte deutlich jeden Zug erkennen, sie sah auch, wie die zwei brennenden, nachtdunklen Augen mit einem verächtlichen Blick die erbitterte Frau seitwärts streiften.

„Das sehe ich kaum,“ sagte sie kalt und achselzuckend. „Ich halte es auch für keine Sünde – die frömmsten Mönche haben den menschlichen Körper in unverhüllter Schönheit auf ihre Bilder gebracht. Hier sündigt allein die Tendenz. Mir kocht das Blut, wenn ich denke, daß auch von hier aus ein Schlag gegen den Katholicismus geführt werden wird, wie es jetzt überall in Wort und Bild aufrührerisch gegen Rom und seine Getreuen anstürmt; von hier, von dem Grund und Boden aus, den sie der Kirche gestohlen haben. Was frage ich nach den besiegelten Documenten der Schillings und der Ketzerfamilie drüben auf dem Klostergute! Der Fleck Erde, auf den die Kirche einmal ihren weihenden Fuß gesetzt hat, ist unveräußerlich – er bleibt ihr, und wenn sie auch Jahrhunderte hindurch der brutalen Gewalt und Willkür weichen mußte, einmal kommt sie wieder zu ihrem Rechte. Und ihr darin beizustehen ist die heilige Pflicht jedes eifrigen Katholiken.“

Mit einer Geberde des ausgesprochensten Hasses wandte sie dem Bilde den Rücken, und ihr fester Tritt hallte auf dem Steinfußboden wider.

„O, daß mir hier die Rechte der Ehefrau, die Befugnisse der Eigenthümerin zustünden!“ fügte sie, noch einmal den Schritt hemmend, hinzu, und das Haupt ausdrucksvoll vorgeneigt, stieß sie die Fingerspitzen der Rechten gegen ihre Brust; „ich zerbräche dem Frevler die Pinsel vor seinen Augen; ich schüttete ihm die verrätherischen Farben vor die Füße – das Bild dort müßte verschwinden, und sollte ich jede Faser der Leinwand mit den Zähnen zernagen.“

Die gewaltige Kraft des Fanatismus, jeder Bewegung, jedem Blick dieser Walkürenerscheinung entströmend, mußte eine unwiderstehliche Gewalt über andere Seelen haben – die Baronin ging von der Staffelei weg wie eine Gestrafte. Sie nahm ihren schleppenden Gang wieder an und kehrte nach dem Schranke zurück; aber einen Schritt davon blieb sie stehen und preßte die Hand auf das Ohr – draußen ließ Pirat ein tolles Freudengebell hören.

„Ich möchte den lärmenden Hund da draußen vergiften,“ rief sie.

In diesem Augenblicke vergrub sich Donna Mercedes förmlich zwischen den schützenden Zweigen – ihr Herz schlug heftig. Sie hörte, daß Pirat losgekettet sein mußte und jenseits des Ateliers näher und näher kam. Es konnte nur Baron Schilling sein, welchem das freigelassene Thier drüben auf der in das obere Gelaß führenden Treppe voraussprang. Er war zurückgekehrt, und die Frau dort, die, noch das confiscirte Couvert in der Hand, vor dem eigenmächtig geöffneten Schranke stehen geblieben war, ahnte nicht, wie schnell sie von dem Beargwohnten in dieser compromittirenden Stellung werde überrascht werden.

Jenes schöne, echt weibliche Gefühl, welches die Niederlage Anderer nicht mit anzusehen vermag, wallte in Donna Mercedes auf – ein warnender Laut drängte sich auf ihre Lippen; aber schon war es zu spät – Baron Schilling trat auf die Gallerie heraus.




28.

Dem heimkehrenden Manne leuchtete ein Strahl der Wiedersehensfreude auf dem Gesichte. Er trug die kleine Paula auf dem rechten Arme und mit dem linken drückte er das Kind fest und zärtlich an seine Brust.... Pirat hatte sich neben ihm durch die Thüröffnung gedrängt und schoß über die Gallerie und die Wendeltreppe herab – wie ein Rasender stürzte er auf die Baronin zu, aus deren Händen das Couvert eben auf den Boden niederflatterte.

Sie stand wie schreckerstarrt, allein die Besonnenheit kehrte ihr rasch zurück – ihre erste Bewegung war, die Schrankthür verstohlen zuzudrücken; in dem Momente jedoch, wo sie sich scheinbar unwillkürlich hinüberbog, fuhr der Hund an ihr empor, als gelte es, einen Dieb von dem Eigenthume des Mannes da droben abzuwehren.

„Willst Du mich von dem Ungethüm zerreißen lassen?“ rief sie empört nach der Gallerie hinauf.

Ein kurzer, scharfer Zuruf von oben – und das Thier stürmte wieder die Treppe hinauf. Baron Schilling wies es mit einer Armbewegung in das Zimmer zurück und schloß die hinter der Gardine befindliche Thür.

„Es thut mir leid, daß ich Dich erschreckt habe, Clementine,“ sagte er, die Stufen herabsteigend. Noch trug er das Kind, das die Aermchen um seinen Nacken geschlungen hatte und sein kleines Gesicht so fest an seine gebräunte Wange schmiegte, daß sich die blonden Locken mit seinem Barte mischten. „Der Hund ist nur scheinbar gefährlich, nur plump und übereifrig, aber er beißt nicht – er ist ja der Spielgefährte der Kinder,“ fuhr er fort, indem er seiner Frau näher trat – sein Blick streifte das hinabgeflogene Couvert und den geöffneten Schrank, und ein Zug von Ironie ging durch sein Gesicht. „Ich konnte nicht ahnen, daß Du zurückgekehrt bist, noch weniger aber durfte ich voraussetzen, Dich hier, hier – es ist wirklich eine seltsame Ueberraschung, Clementine! – zu finden; ich würde sonst dem ungeberdigen Thier nicht gestattet haben, mich zu begleiten.“

Er neigte leicht und kalt grüßend den Kopf vor Fräulein von Riedt und reichte seiner Frau die freie Linke hin.

„So lange Du das Mädchen da auf dem Arme hast, fällt es mir nicht ein, Dir die Hand zu geben,“ sagte sie eisig. „Ich mag beim Wiedersehen keine Fremden um mich haben.“

Bei diesen Worten wandte er den Kopf zur Seite, und während sich seine Brauen zusammenzogen, fixirte er mit einem spöttisch-scharfen, sprechenden Blicke die Stiftsdame, die mit untergeschlagenen Armen schweigend und unbeweglich auf ihrem Platze verharrte.

„Adelheid ist keine Fremde“ – fuhr die Baronin auf.

„Und Lucian’s Kind, mein kleiner Liebling hier, steht mir sehr nahe,“ ergänzte er mit großer Ruhe. Er stellte die Kleine mit zärtlicher Behutsamkeit auf den Boden und nahm ihr Händchen fest in seine Linke – seiner Frau bot er die Hand nicht wieder. Ihre schwachen Füße trugen sie plötzlich nicht mehr – sie sank im nächsten Lehnstuhle zusammen. „Ich habe Beklemmung, Adelheid,“ sagte sie und drückte die verschränkten Hände gegen die Brust.

Die Stiftsdame trat näher und reichte ihr ein Flacon, das sie aus der Tasche zog, während Baron Schilling den dunklen, dichten Vorhang von einem der unteren Fenster wegschob und beide Flügel öffnete. „Man hat während meiner Abwesenheit schlecht gelüftet,“ bemerkte er gleichmütig.

„O, das ist’s nicht,“ entgegnete die Baronin und athmete den Geist der Essenz ein. – „Wie sollte es da mir Aermsten drüben im Hause ergehen, das mit häßlicher Krankenluft erfüllt ist? Um mich und Adelheid vor Ansteckung einigermaßen zu schützen, bin ich gezwungen, Tag und Nacht den erstickenden Dampf der Kohlenpfannen zu athmen.“

„Wie – hat José’s Krankheit noch einen bösartigen Charakter angenommen?“ rief Baron Schilling bestürzt.

„José? – Wer ist José?“ fragte die Baronin gleichgültig, mit einem matten Augenaufschlag. „Du mußt nicht denken, daß ich mir Zeit und Mühe genommen habe, so viel Einblick in Deine Beziehungen zu gewinnen, um mich mit den Namen vertraut zu machen.... Ich weiß nur, daß ich unser Haus in einem beispiellosen Zustande fand, als ich neulich Abends zurückkehrte. Die Dienerschaft war verwildert, ohne Disciplin, wie eine herrenlose Heerde, an ihrer Spitze diese stupide Wirthschaftsmamsell, die ohne Gnade nun endlich den Laufpaß erhalten wird – “

„So?!“

„Ganz sicher – diesmal werde ich ihre Entlassung durchzusetzen wissen – darauf verlasse Dich!... O, wie habe ich mich alterirt an dem Abend! Aus dem heiligen Frieden des stillen Hauses kommend, in welchem ich erzogen bin, berührte mich der trostlose Empfang doppelt niederschlagend. Der Herr Gemahl war verreist – “

„In Erfüllung einer unabweisbaren Pflicht – “

„Ach ja – Du mußtest der durchgebrannten Tänzerin nachreisen,“ fiel sie ein.

Er hatte offenbar eine niederschmettere Antwort auf den Lippen – er rang mit sich. Der Blick, den er auf diese tückische, schlaff zusammengesunkene Frau im Lehnstuhl heftete, sagte deutlicher als die schärfsten Worte, daß er ein tiefunglücklicher Mann sei, ob er auch neulich in Lucile’s Zimmer stolz versichert hatte, er finde an seinem Loos nichts auszusetzen.

„'Lucian’s Wittwe'“ willst Du sagen, Clementine,“ entgegnete er sich bezwingend. „Mit der Tänzerin Fournier habe ich nichts zu schaffen.“

„Ach mein Gott, auf einen so subtilen, haarfeinen Unterschied versteht sich mein schlichter Verstand nicht,“ sagte sie ebenso impertinent obenhin und eintönig wie zuvor. „Nun meinetwegen auch! Solch ein jugendliches Wittwenthum mag immerhin für manche Männer die Bühnenglorie an Anziehungskraft aufwiegen.... Apropos, diese Donna de Valmaseda ist ja auch Wittwe, wie ich höre. Du hast es nicht für nöthig gehalten, mir diese interessante Thatsache mitzuteilen – “

„Hast Du nicht stets jede eingehendere Mittheilung aus Lucian’s Briefen als langweilig abgewehrt?“

„Mein Gott, ja! Aber wer spricht denn von alten Zeiten?“

Die junge Dame hinter dem Myrthenstrauch kämpfte in diesem Augenblick einen verzweifelten Kampf mit sich selbst, mit ihrem stolzen, wild aufflammenden Blut. Sie sah, wie ihm bei Nennung ihres Namens die Röthe heftigen Unwillens in das Gesicht trat, wie seine Augen sich verdunkelten. Es trieb sie, hervorzutreten, und doch verharrte sie wie gelähmt.

„Hat diese Thatsache, daß Donna de Valmaseda Wittwe ist,“ fuhr der Baron fort, „irgendwie Bezug auf die Stellung der Dame zu mir? Ich habe versprochen, Lucian’s Kinder zu schützen, sie in meine Obhut zu nehmen; wer sie mir zu diesem Zwecke zuführt, das ist wohl Nebensache.“

„Für mich nicht,“ erwiderte die Baronin verdrossen. „Diese Pflanzermadame mit ihrem Sclaventroß ist mir ein Gräuel – sie sieht mir so recht aus wie eine von denen, die ihre Umgebung mit der Peitsche tractiren. Diese überseeischen Pflanzeraristokratinnen sollen wahre kleine Teufel an Hochmuth und boshaften Launen sein.“

Er schwieg und bückte sich über Paula, die mit beiden Händchen seine Linke umfaßt hielt und mit großen Augen unverwandt nach der zürnenden Frau sah – es war der kleinen Verwöhnten offenbar sehr verwunderlich, daß sie keines Blickes gewürdigt wurde. „Wollen wir Pirat fortbringen?“ fragte er. „Der unartige Bursche winselt droben und will hinaus. Deborah soll ihn an der Leine führen, und Du läufst mit.“

Das Kind schlang willig die Arme um seinen Hals, und er trug es wieder die Treppe hinauf.

„Er sieht nicht gut aus und hat eine unerträgliche Laune mitgebracht – bei dem impertinenten Ton seiner Stimme empört sich mir jeder Blutstropfen,“ sagte die Stiftsdame, nachdem er droben hinter der Thür verschwunden war.

Die Baronin antwortete nicht. Sie war aufgesprungen, hatte das Couvert in das Fach zurückgeworfen und die Schrankthür geschlossen. Nun lag sie wieder in den Fauteuil zurückgelehnt und stieß die Fingerspitzen spielend gegen einander, als habe sie nicht für einen Moment ihre Stellung verändert. „Mit dieser Laune will ich schon fertig werden,“ sagte sie anscheinend gleichmütig. „Mir dagegen kocht das Blut, wenn er wie eine Kindsmagd daher kömmt und solch einen unausstehlichen Flachskopf mit einer Zärtlichkeit an sich drückt –“

„Ich halte das für eine Demonstration – der Kinderlosen gegenüber,“ fiel die Stiftsdame ruhig, aber mit Nachdruck ein.

Die Frau im Lehnstuhl fuhr in die Höhe – ihr Gesicht sah ganz entstellt aus vor Grimm. Sie hatte augenscheinlich eine Fluth leidenschaftlicher Worte auf den Lippen, allein in diesem Augenblick rüttelte Baron Schilling draußen an der Thür des Glashauses. Er hatte jedenfalls Paula der im Garten wartenden Deborah wieder übergeben und wollte nun auf dem kürzesten Wege in das Atelier zurückkehren.

Die Baronin griff unwillkürlich und erschrocken nach dem confiscirten Schlüssel in ihrer Tasche, aber schon wurde eine andere, direct aus dem Garten in das Atelier führende Thür von draußen aufgeschlossen.

„Bist Du in das Haus geflogen, Clementine?“ fragte Baron Schilling eintretend. „Alle Eingänge, auch den nach oben, mußte ich aufschließen.“

„Ich habe mir Robert’s Schlüssel zu Deiner Atelierwohnung geben lassen,“ sagte sie nicht ohne Verlegenheit. „Ich meinte, während Deiner Abwesenheit doch einmal nach der Ordnung sehen zu müssen.“

Bei dieser erbärmlichen Ausflucht wandte sich Fräulein von Riedt so hastig ab, daß ihr Seidenkleid in jeder Falte rauschte.

„Du bist sehr gütig. Diesem Ordnungssinn zuliebe hast Du Deine tiefe Abneigung heroisch bekämpft,“ sagte Baron Schilling gelassen. „Nun, da wirst Du gefunden haben, daß man den Boden schlecht fegt, denn alte Couverts liegen umher, und daß die Bedientenseelen sich nicht scheuen meinen Geheimnissen in den Schränken nachzuspüren – ah, Du warst so freundlich, eigenhändig diese verdrießliche Zeugen einer verabscheuungswürdigen Spionage zu beseitigen?“ unterbrach er sich selbst mit einem über Schrank und Fußboden streifenden Spottblick.

Sie erhob sich schweigend. Es mochte ihr tiefgehen, auf einem ihrer dunklen Wege so compromittirend ertappt worden zu sein, aber diese Frau hatte offenbar große Uebung im Vertuschen, im verleugnenden Hingleiten über Geschehnisse, die ihr eine Blöße gaben. Sie ergriff mit hastigen Händen ihre Schleppe und schüttelte sie ab.

„Ach ja, es ist sehr staubig hier – Du bist schlecht bedient,“ sagte sie. „Uebrigens scheint es, als moquirtest Du Dich über mein Hiersein – ich werde selbstverständlich nicht wieder kommen. Aber es ist doch ganz gut, daß ich mich für einmal wenigstens überwunden und einen Blick hier hereingeworfen habe.... Das Bild dort – wirst Du es in die Welt hinausschicken?“

Sie zeigte nach der Staffelei.

„Gewiß – es geht in Kürze nach Wien, um ausgestellt zu werden.“

„Diese Verherrlichung des Ketzerthums? Du hättest wirklich die Stirn, sie als Deine Arbeit vor der Welt anzuerkennen?“

„Soll ich mein eigenes Kind verleugnen?“ Er lachte halb verwundert, halb spöttisch auf und trat unwillkürlich der Staffelei näher, als gelte es, profane Blicke von diesem Lieblingskinde abzuwehren.

„Ein ungerathenes!“ grollte die Baronin in unbeschreiblicher Erbitterung. „Frage Adelheid –“

„Wie – eine Kunstkritik aus diesem Munde? Du wirst begreifen, daß ich sie mir ganz entschieden verbitte,“ rief er mit vernichtendem Hohn, und sein flammendes Auge heftete sich durchbohrend auf die Stiftsdame, die sofort herangerauscht kam. Diese zwei Menschen waren Todfeinde, die sich im Grund ihrer Seele gegenseitig verabscheuten – davon zeugten die Blicke, mit denen sie sich maßen.

„Bilden Sie sich nicht ein, Baron Schilling, daß ich mich je anstrenge, in die Technik Ihrer Kunst einzudringen! Ich fühle mich zu Anderem berufen,“ sagte sie kalt – es waren die ersten Worte, die sie zu ihm sprach, seit er in das Atelier getreten war. Dieses dröhnende, sonore Frauenorgan klang machtvoll an den Wänden hin. „Ich habe für die Correctheit der Linien und die Schönheit des Colorits wenig Verständniß; es fesselt mich die bildliche Darstellung im Ausdruck wie in ihren Motiven überhaupt sehr selten – nur eine verderbliche Tendenz, die der Pinsel zu verewigen sucht, vermag mich zu erregen. Diese Abtrünnige hier“ – sie zeigte auf die Gestalt der greisen Hugenottin – „trägt die Märtyrerglorie – “

„Mit allem Recht. Oder soll ich dem Glaubensfanatismus einer Stiftsdame zuliebe die Weltgeschichte fälschen?“

„Als ob das nicht bereits die eclatanteste Fälschung sei!“ rief sie, den Arm gegen das Gemälde ausstreckend, in ausbrechender Leidenschaftlichkeit. „In jener heiligen Nacht, die man die Bartholomäusnacht nennt, war jede Hand, welche die Waffe auf ein Hugenottenherz richtete, die strafende Hand Gottes selbst – “

„Bitte, Fräulein von Riedt – ich dulde nie, daß in dieser meiner stillen Werkstatt der Confessionshader laut werde.“

„Und entfesseln Sie ihn denn nicht selbst in geradezu verbrecherischer Weise?“

„Ach ja, in unserer Zeit ist jeder Künstler, jeder Denker ein Verbrecher, sobald er nicht vertuscht, sondern an der Wahrheit festhält und das wahrhaft Gute und Edle will – man beschuldigt ihn der aufdringlichen Tendenz, mag er sie gewollt haben oder nicht. Aber ich habe bereits erklärt, daß ich mir Ihre kritischen Bemerkungen entschieden verbitte, mein Fräulein. Wo es Ihnen gelingt, den Fuß hinzusetzen, da wurzelt er auch sofort fest, wie eine verderbliche Schlingpflanze, und das Terrain ist erobert. Auf diese Weise habe Sie sich in meinem Hause eingenistet und einen Frauenwillen unterjocht, der sonst an Starrheit nichts zu wünschen übrig läßt. Von diesem Gebiete habe ich mich zurückgezogen – ich überlasse es Ihnen. Ich mag keinen Besitz, den ich täglich, stündlich immer wieder dem bis zum Wahnwitz gesteigerten Fanatismus abringen muß. Aber hier, um das edle Antlitz meiner Kunst, meiner Heiligen, der unermüdlichen Trost- und Freudenspenderin, sollen mir die Nachteulen und Fledermäuse ganz gewiß nicht flattern – “

„Arnold!“ Die Baronin stürzte auf ihn zu und ergriff mit beiden Händen den Arm des Sprechenden – es lag eine unbeschreibliche Angst in ihren Zügen. „Widerrufe, Arnold! Du willst nicht sagen, daß Du Deine Kunst über Dein Weib stellst, nein, das willst Du nicht sagen.“

Er stand unbeweglich.

„Ich habe gesagt, was wahr ist,“ versetzte er eisig. „Ich habe sie erwählt. Sie zeigt und führt stets nach oben; nie reißt sie mich hinab und zwingt mich, in die verhaßten, dunklen Schlupfwinkel zu blicken, als da sind Verstellung, Lug und Trug, Herrschsucht und boshafte Launen in der weiblichen Seele. Nie hat sie sich als treulos erwiesen – “

„War ich Dir nicht treu?“ fuhr die Baronin auf.

„Du cultivirst eine Freundschaft gegen meinen Wunsch und Willen, die Unfrieden und Hader in unsere Ehe getragen hat.“ Er zeigte auf die Stiftsdame, die mit untergeschlagenen Armen, die Lippen festgeschlossen und kühne Herausforderung auf der Stirn, unverwandt die Augen auf ihn gerichtet hielt. „Sie mag es widerlegen, wenn ich Dich beschuldige, den Namen Deines Mannes fort und fort durch gehässige Anklagen und Mittheilungen verunglimpft zu haben.“

„Sind Sie so fehl- und sündenlos, daß Sie über jeder Anklage zu stehen vermeinen?“ fragte die Stiftsdame nach einem augenblicklichen Zögern.

Der Schatten eines verächtlichen Lächelns glitt über sein Gesicht.

„Das sprach die Diplomatin, der gutgeschulte Klostersendbote,“ sagte er. „Ich bin nicht fehl- und sündenlos; die Schilling’s sind gesunde Erdgeborene – und ich kann das Blut meiner Vorfahren nicht verleugnen. Sie waren sammt und sonders keine lammfrommen, unterwürfigen Ehemänner; ich glaube nicht, daß wir auch nur einen einzigen Pantoffelhelden zu verzeichnen haben. Diese Unlenksamkeit mag mancher Schilling’schen Ehefrau ein Dorn im Auge, ein Stein im Wege gewesen sein, allein die Annalen unseres Hauses nennen nicht eine Treulose, die durch bösartigen Klatsch hinter dem Rücken ihres Mannes seine Ehre angegriffen hätte.“

Er ging nach der Thür, durch welche er vorhin in das Atelier zurückgekehrt war, und öffnete sie weit; dann verbeugte er sich leicht gegen die Stiftsdame und schritt nach der Wendeltreppe, um sich in das obere Gelaß zurückzuziehen.

„Du weisest Adelheid aus unserem Hause?“ rief die Baronin wie außer sich.

Er blieb, die Hand auf das Geländer gelegt, an der untersten Stufe stehen und wandte das Gesicht zurück.

„Ich glaube das nicht zum ersten Mal zu thun,“ sagte er mit großer Ruhe. „Allein Fräulein von Riedt verfolgt ‚höhere Ziele’, die ihr verbieten, höflich angedeutete Wünsche zu verstehen und die Stimme des eigenen weiblichen Zartgefühls zu beachten. Jeder andere Mann würde nach so vielen mißglückten gütlichen Versuchen, einen unheilstiftenden, bösen Geist aus seiner unmittelbaren Nähe zu entfernen, von dem ihm zustehenden Recht als Hausherr energischen Gebrauch machen – das widerstrebt mir. Ich muß mich darauf beschränken, gegen jedes fernere Betreten meines Ateliers Protest einzulegen und mich hier zu isoliren – ich werde das Säulenhaus nicht mehr betreten, so lange Du Besuch hast.“

Festen Schrittes stieg er die Treppe hinauf und verschwand hinter der Gardine; man hörte, wie er auch die Thür kräftig hinter sich zudrückte.

Die Baronin starrte ihm nach, als erwarte sie, ihn jeden Augenblick reuig wieder hervortreten zu sehen – plötzlich nahm sie ihre Schleppe auf und eilte nach der Treppe, aber schon stand Fräulein von Riedt neben ihr – sie war dahingerauscht wie ein Dämon, der seine schwarzen Fittige über eine ihm verfallene Seele breitet. Sie sprach kein Wort; mit raschem Griff nahm sie die Hand, die eben das Geländer umfaßte, und zog sie herab. Und in dieser Berührung mußte eine seltsame Kraft, eine Uebergewalt liegen; denn die Frau mit dem eigensinnigen Gesicht, das jetzt in die dunkle Röthe aufgestürmter Leidenschaft getaucht war, zog den Fuß zurück, den sie bereits auf die untere Stufe gesetzt hatte – freilich unter allen Zeichen des Widerspruches und mit einem Ausdruck, als kämpfe sie Thränen des Zornes, der inneren Wuth nieder. Aber sie ging mit – sie rang ihre Hand ungeduldig los und schritt nach der offenen Thür.

„Da hinaus gehen wir nicht,“ erklärte Fräulein von Riedt fest, und der schneidende Hohn in ihrer Stimme besagte, daß sie durchaus nicht gewillt sei, den Weg zu betreten, auf den „der Hausherr“ sie gewiesen. „Schließe die Thür des Glashauses auf – der Schlüssel muß ohnehin wieder an Ort und Stelle!“

Sie traten in den Wintergarten, und die Baronin zog den Schlüssel aus der Tasche. Donna Mercedes hörte ihr tiefes Athmen – es kam aus einer vor Aufregung keuchenden Brust. „Reise ab, Adelheid!“ preßte sie flehend hervor.

„Ich bleibe!“ entgegnete die Stiftsdame kalt. „Der Erbärmliche soll mich nicht um eine Linie breit von meinem Weg ablenken. Mehr als je habe ich an meiner Aufgabe festzuhalten, da es ein so jämmerlich schwankendes Rohr ist, das ich stützen muß. Du hast unzählige Mal versprochen, Dich aus den entwürdigenden Banden zu retten. Sobald Du unter uns bist, geberdest Du Dich, als sei Dir alle sinnliche Leidenschaft tief verhaßt; Du spielst mit Vorliebe die Heilige. Und die treuen Führerinnen unserer Jugend glauben auch steif und fest, daß in Deine Seele nie ein unreiner Wunsch gekommen, daß Du einfach das bethörte Opfer des speculativen alten Freiherrn geworden seiest – sie hast Du zu überzeugen gewußt, mich aber nicht, mich niemals! Und wenn sie Alle denken, Schilling klammere sich an Deinen Reichthum, er verhindere immer wieder Deine endliche Rückkehr in den Orden, dessen Eigenthum Du eigentlich bist, so weiß ich am besten, daß Du nicht willst, daß sich Deine sündhafte Neigung an jedem Strohhalm festhält, den Dir die trügerische Hoffnung hinwirft. Aber unser Pact, nach welchem Du gelobt, mit mir zu gehen, sobald Schilling selbst all und jede Liebe für Dich leugnet, dieser Pact hat sich eben erfüllt – aus jedem Wort, aus jeder seiner Geberden sprach der entschiedenste Widerwille, sprachen Haß und Verachtung – er hat Dich nie geliebt – nie!“

Die Stiftsdame hatte während dieser ganzen Strafrede die Frau an ihrer Seite festgehalten. Die kräftig geformten, schönen, weißen Hände, die das hagere Gelenk und den Arm der Baronin umspannten, mußten wie Eisenstangen fesseln – wie hätte sonst die Frau der schonungslosen Bloßlegung ihrer verheimlichten Neigungen und Triebfedern gegenüber ausgeharrt?... Aber nun, bei den letzten Worten der Stiftsdame gelang es ihr, sich loszureißen – die Glasthür flog auf, und die Baronin eilte wie gejagt nach der Platanenallee, während ihr Fräulein von Riedt in unerschütterter Haltung und Ruhe folgte.




29.

Der Weg war frei. Tiefathmend, mit heftig pochendem Herzen und das flammende Roth des stürmisch kreisenden Blutes auf den Wangen, floh Donna Mercedes aus dem Glashause.

Draußen, zwischen den Fichtenstämmen, sah sie Paula’s helles Kleid schimmern. Die Kleine spielte dort, und Deborah war bei ihr; Pirat aber steckte schon wieder in seiner Klause; er bellte von dort den davoneilenden Damen wüthend nach.

Donna Mercedes ging in das Fichtenwäldchen. Paula jubelte ihr entgegen; das Kind entnahm einer großen Holzschachtel verschiedene reizende Spielereien und reihte sie auf einem Gartentische neben einander – „der gute Herr“ habe das dem Goldkinde aus Berlin mitgebracht, sagte Deborah. Von Lucile war nicht die Rede – Baron Schilling’s Mission hatte also, wie er vorausgesagt, nicht den gewünschten Erfolg gehabt.

Es war Donna Mercedes selbst verwunderlich, daß diese Gewißheit sie so merkwürdig kalt lasse. Die ganze Angelegenheit mit ihrem Gefolge von Aufregung und Befürchtungen erschien ihr in diesem Moment so abgeblaßt, wie etwas längst Vergangenes, halb Vergessenes neben den Eindrücken, die sie eben empfangen. Sie fühlte ein beängstigendes Schauern bei dem Gedanken, daß sie unmittelbar nach jenen Scenen mit dem tieferregten Mann verkehren sollte – Scheu vor ihm, Angst vor sich selber. Diese Bangigkeit vor irgend einem durch eigene Schuld heraufbeschworenen rauhen Worte hatte sie nie, auch in frühester Jugend nicht empfunden. Ihr sonst ziemlich willenskräftiger Vater, die unbeugsame Mutter hatten dem vergötterten, einzigen Lieblinge gegenüber niemals eine Rüge über die Lippen gebracht – im Gegentheil, jedes leichte Stirnrunzeln, jeder ärgerlich eigensinnige Blick waren begütigend hinweggekost worden.... Baron Schilling zürnte in unversöhnlicher Weise. Sein Anathema gegen die weiblichen Untugenden, die boshaften Launen, erstreckte sich auch auf die Amerikanerin, die neuerdings in seinen Gesichtskreis getreten, – das hatte sie wie einen Dolchstich gefühlt.... Seine Kunst sei die Erwählte seiner Seele, hatte er gesagt. Mit diesem Idealwesen, „das ihn nie zwang, in die dunkeln Schlupfwinkel der weiblichen Seele zu blicken“, konnten sich freilich die Sterblichen nicht messen – dachte sie erbittert. Sie hatten Blut und Nerven, und der Erdenstaub legte sich auf die Flügel ihrer Seele und ließ sie nicht hinaufflattern in die Regionen, die hoch über der bösen Zunge der Menschen schweben.

Nicht lange hatte sie gedankenvoll neben der spielenden Kleinen gesessen, als sie seinen Schritt hörte.

Der Baron trat aus dem Hause und wandte sich dem Fichtenwäldchen zu.... Donna Mercedes’ Pulse klopften heftig. Nun kam er um die Hausecke. Ihre Anwesenheit unter den Bäumen schien ihn zu überraschen.

„Ich war eben im Begriffe, Ihnen durch Deborah meine Rückkehr zu melden,“ sagte er, sich kühl verbeugend.

„Und Lucile?“

„Frau Lucile Fournier wird heute Abend zum dritten Mal gastiren, wie die Theaterzettel an den Straßenecken Berlins verkünden,“ versetzte er mit einem ausdrucksvollen Seitenblicke nach dem Töchterchen der Entflohenen und der schwarzen Wärterin. Dann schwieg er.

„An eine Rückkehr in die alten Verhältnisse ist nicht zu denken,“ hob er nach einer Weile wieder an, als er, mit Donna Mercedes allein, die Allee beschritten hatte. „Sie lachte mir in’s Gesicht und erkundigte sich nach den Ketten und Handschellen, die ich doch nothwendig mitgebracht haben müsse, um sie heimzuschleifen, denn anders gehe sie nicht mit. Ob ich denn ernstlich glaube, sie krieche pflichtschuldigst wieder unter Ihre Flügel, wie ein erschrockenes Küchlein, das den bösen Habicht gesehen, und nehme mit hausbackenem Brode vorlieb, nachdem sie sich in himmlischer Freiheit, auf goldenem Triumphwagen geschaukelt und Manna gekostet habe?... Und ich habe den Staub von den Füßen geschüttelt und bin gegangen,“ fuhr er in seinem ernstesten Tone fort. „Es kann gar nicht mehr die Rede davon sein, ob die kleine Frau zurückkehren will – sie darf nicht wieder heimkommen.... Es ist, als sei das Stück Leben an Lucian’s Seite in ihrer Erinnerung grundlos versunken. Sie hat an die Stunde, wo sie das Haus ihrer Mutter und das Leben und Treiben der Theaterwelt verlassen, so unmittelbar und mühelos wieder angeknüpft, daß man auch nicht die geringste Spur einer achtjährigen Unterbrechung merkt. In ihrem Salon treibt sich die vornehme Männerwelt herum, den alten, geckenhaften Fürsten Konsky an der Spitze, der, wie ehemals der Mutter, nun dem neuaufgehenden Stern seine Albernheiten sagt, alle Treibhäuser für ihn plündert und im Boudoir Etuis mit kostbaren Schmuckstücken verstreut. Ich hatte erst verschiedene Präliminarien mit ihrem neuangeworbenen Secretär zu überstehen, ehe ich eintreten durfte. Es war bereits Besuch da; zwei Herren meiner Bekanntschaft machten ihre Aufwartung. Die kleine Frau lag im weiße Seidenpudermantel auf dem Ruhebett, als sie mich unter tollem Lachen empfing, und hatte einen kläffenden Seidenpinscher auf dem Schooße, dem ein im Muthwillen übergeworfenes Brillantencollier am Halse schaukelte –“

„Ich hasse sie,“ murmelte Donna Mercedes, und die kleine festgeballte Hand fuhr im Zorn unwillkürlich durch die Luft.

„Das hätten Sie ihr vielleicht gesagt,“ bemerkte er.

„Ohne Zweifel, bei einem solchen Anblick –“

„Das heißt, sofern der Herr Secretär Sie vorgelassen hätte.“

Sie wich indignirt zurück; er rührte hart und schonungslos an ihren Hochmuth.

„Ich wußte wohl, daß es ein Weg voll Stacheln ohne Ziel und Resultat für Sie gewesen wäre,“ fuhr er fort, ohne ihre Erregung zu beachten. „Ich mußte mir ja auch gefallen lassen“ – er lächelte heiter, sodaß seine prächtigen Zähne zwischen dem Bart hervorblickten – „daß mir die kleine Frau mänadenhaft zornig drohte, sie werde mir ein halbes Dutzend Duelle auf den Hals schicken, weil ich ihr versichert hatte, daß sie Paula nie und nimmer in die Hand bekommen werde.“

„Nie und nimmer!“ wiederholte Donna Mercedes gepreßt. Sie zeigte nach dem Klostergute. „Dort geht eine Wandlung vor sich – ich halte die Zeit nicht mehr für fern, wo wir unsere Vollmachten in eine andere Hand niederlegen müssen.“ Sie schilderte in rascher Aufeinanderfolge das gespenstige Erscheinen der Frau in der Säulenhalle und ihre eigene Begegnung mit der Majorin am Zaun. „Wunderbar!“ rief sie schließlich. „Diese Geschmähte, diese als bitterste Feindin Gehaßte, gerade sie ist es – sie ist es allein, die mir auf deutschem Boden einen Zug von Sympathie abringt.“

Der Baron horchte überrascht auf.

„Es ist etwas Verwandtes in ihr und mir“ – fuhr sie fort.

„Ja,“ bestätigte er, „es ist der dämonische Zug, der uns zu rathen aufgiebt, ob in diesen Frauen mit den dunklen Flammenaugen in der That kein Herz lebt, oder ob es nur zeitlebens von dem unseligen Trieb, da zu vereinen, wo es beglücken sollte, überstimmt wird. Diese Species des Frauencharakters ist wie eine Blume, die neidisch lieber im eigenen Duft erstickt und verdirbt, ehe sie die spröde Knospenhülle sprengt – eine Flamme, die in die Tiefe hineinbrennt, den eigenen Herd vernichtet und keines Menschen Lebensweg bestrahlt – mich jammern meine zwei Lieblinge in solchen Händen!“

„Dann muß ich sehr hart und grausam sein, denn mich – jammern sie nicht,“ versetzte sie achselzuckend, aber mit leichtbebender Stimme. „Felix hat sich nicht geirrt – die Frau da drüben wird sie schützen wie ein Mann und lieben, wie nur ein weibliches Herz zu lieben vermag – sobald der letzte Damm durchbrochen ist.... Sie bestätigen meine innere Verwandtschaft zu ihr – nun wohl, dann muß ich auch ihrem Fühlen nachspüren können. Und so weiß ich, daß die Triebkraft der Reue, das heiße Verlangen, zu sühnen, die spröde Knospenhülle sprengen, die Flamme nach außen treiben wird. Diese neidisch verhaltene Liebe mag dann wohl von ganz anders concentrirter Kraft sein, als die zahme Hingebung einer sanften Frauennatur, die für alle Welt ein freundliches, aber kühles Mondlicht auf den Weg breitet.... Unter der Hut dieser Großmutter lasse ich die Kinder getrost zurück.“

„Sie wollen die Kinder verlassen?“ fragte er plötzlich.

„Ja, um mich daheim zu amüsiren,“ versetzte sie mit scharfem Spott. „Oder hab’ ich das nicht redlich verdient durch meinen Aufenthalt in Deutschland?“

„Gewiß, Sie haben Recht,“ sagte er, indem ihm das Blut in’s Gesicht schoß, „wenn Sie dieses Martyrthum so sehr wie möglich abkürzen, und ich bin gewiß der Letzte, der Ihnen zumuthet, auch nur eine Stunde länger zu bleiben, als absolut nöthig ist. – Vorerst müssen wir freilich abwarten, ob sich die sanguinische Hoffnung auf die Umkehr der alten Frau in der That verwirklicht.“

Donna Mercedes fühlte plötzlich den festen Boden ihres Selbstbewußtseins, ihrer stolzen Sicherheit unter den Füßen weichen. Es hatte eine Zeit gegeben, wo ihr Alle versichert, es dunkle, wenn sie gehe. War aller Glanz von ihr gewichen? War ihr nichts, gar nichts verblieben von dem Zauber der Jugend, des Esprit, der Schönheit, den man – ihr selbst oft zum Ekel und Ueberdruß – in allen Zungen gepriesen, oder glitt er so völlig wirkungslos ab von dem deutschen Gemüth, daß ihr Kommen und Gehen absolut keine Spur hinterließ?

Der große Promenadenfächer, den sie in der Hand hielt, wurde geräuschvoll zusammengefaltet – sie wiegte ihn zwischen den Fingern wie eine schwanke Reitgerte. Diese Bewegung, im Verein mit dem schlimmen Lächeln der Erbitterung und den gereizt sprühenden Augen in dem fremdartig schönen Gesicht, konnte recht wohl an den Ausspruch der Baronin erinnern, daß diese Sclavengebieterin vor der eigenhändigen Züchtigung Straffälliger nicht zurückscheue.

Sein Blick ruhte durchdringend auf ihr.

„Aber auch dieses fernere Opfer könnte Ihnen erspart werden,“ fuhr er wie nach augenblicklicher Ueberlegung fort, „wenn Sie sich dazu verstehen wollten, die weitere Entwickelung einzig und allein in meiner Hand zurückzulassen –“

„Das heißt mit anderen Worten, meine Begleitung sei überhaupt eine überflüssige gewesen,“ fiel sie rasch, mit bewegter Stimme ein; „der Schillingshof vermöge den kleinen Lucian’s den Schutz des Vaterhauses, die treue, väterliche Fürsorge im vollsten Umfang zu bieten – ganz richtig, mein Herr, aber die weibliche Zärtlichkeit nicht, die ein Kind zum Gedeihen braucht, wie den Sonnenschein. . . . Und da oben“ – sie zeigte mit dem Fächer nach dem Obergeschoß des Säulenhauses – „lebt eine Frau, Ihre Frau, Baron Schilling, die sich vor dem verpestenden Kinderodem hermetisch einschließt, die den Blick beleidigt wegwendet, sobald solch ein kleines Gesicht hinter den Scheiben auftaucht, die –“

„Sind Sie gekränkt worden?“ brauste er auf.

„Glauben Sie, ich lasse eine Beleidigung an mich herankommen?“ fragte sie mit stolz verächtlicher Ueberlegenheit zurück. „Ich will damit auch gar keinen Vorwurf erheben – wer mag es der Frau verdenken, wenn ihr der Kinderlärm in ihrem stillen Hause nicht wünschenswerth ist? Die Zurechtweisung gilt Ihnen, der Sie eine Last von Widerwärtigkeiten und schwerer Verantwortung so unbedenklich auf die Schultern nehmen wollen –“

„Das wäre meine Sache,“ unterbrach er sie kalt und bestimmt. „Uebrigens entsprang mein Vorschlag, wie Sie wissen, nicht der Selbstüberschätzung, sondern lediglich dem Wunsche, Ihnen das Verlassen des verhaßten deutschen Bodens rasch und sorglos zu ermöglichen. Felix hat zu viel von Ihnen gefordert. Ihr Hiersein, Ihr Ausharren in diesem stillen Erdenwinkel mag Ihnen wohl gleichbedeutend sein mit geistigem Verkommen – es ist ein unerhörter Raub an Ihrer kostbaren Jugendzeit. Sie sind gewohnt, Triumphe zu feiern, bewundernden Blicken zu begegnen, wohin Ihre stolzen Augen sehen – Sie sind gewohnt, inmitten einer tropisch üppigen Vegetation Tage des Ueberflusses hinzuleben, wo tropische Leidenschaft Ihre Schönheit umwirbt – das Alles kann Ihnen Deutschland mit seinem blassen Himmel, seinen ‚fischblütigen’ Menschen nicht geben. Dort finden Sie –“

„Ja, dort suche und finde ich – vier Gräber,“ fiel sie mit tonloser Stimme ein, und ein starrer, thränenfunkelnder Blick voll zürnenden Vorwurfs traf seine Augen.

Sie wandte sich mit einer raschen Bewegung von ihm weg, und das Gesicht mit dem Fächer bedeckend, ging sie beschleunigten Schrittes nach dem Säulenhause.




30.

Auf dem Klostergute herrschte eine schwüle Stimmung. Das Gesinde drückte sich scheu in die Ecken, wenn der Schritt des Rathes laut wurde; es horchte ängstlich auf seine barsche Stimme, die so mißtönend und grillig war und den ganzen Tag schalt.

Er hatte seine Sorgen. In dem Kohlenbergwerke schossen plötzlich aus schmalen Ritzen und Klüften dünne, aber kräftig vorgetriebene Brünnlein, die ihm und den Grubenleuten nicht gefielen. Das ganze Gebiet des sogenannten kleinen Thales, unter welchem sich die Kohlengruben hinzogen, war ein quellenreiches; kleine, kühle Bäche rauschten durch den Grund, und am Thaleingange breiteten sich mächtige Teichspiegel hin. Es war von Anfang an viel darüber gemunkelt worden, daß sich bei diesem Unternehmen die Gewinnsucht des Rathes in sündlicher Weise geltend mache; die Sicherheitsvorrichtungen seien äußerst mangelhaft, und in den Gruben werde der abscheulichste Raubbau getrieben.

Um das Stadtgespräch kümmerte sich der Rath nicht. Er scharrte mit immer heißerer Gier die Reichthümer zusammen, die ihm die Gruben in den Schooß warfen, und beschnitt die Betriebskosten, wo er konnte. Da tauchte plötzlich das Gespenst in der Tiefe auf, der unheimliche Feind, der die Wasserstrahlen wie dünne, weißliche Schwerter aus den Wänden trieb. Es stellte sich immer dringender heraus, daß mit großen Kosten verknüpfte Vorsichtsmaßregeln ergriffen werden müßten, um eine greifbare Gefahr abzuwenden, und das war’s, was den Rath so finster-brütend, so tief innerlich ergrimmt umhergehen machte.

Die Majorin schien dies nicht zu berühren. Sie hatte nie viel Worte gemacht; das wußte das Gesinde gar nicht anders, auch war ja das überflüssige, zeitraubende Sprechen überhaupt verpönt auf dem Klostergute. Aber die Leute wunderten sich doch, daß zwischen dem Herrn und seiner Schwester kaum noch der Morgen- und Abendgruß gewechselt wurde. Und mochte der Rath noch so verstimmt heimkommen und mit seinem finstersten Tyrannengesicht durch die Küche nach dem Eßzimmer schreiten, die Majorin fragte nicht; sie trug pünktlich das Essen hinein, nahm die Küchenschürze ab und setzte sich an den Tisch. Aber nur Veit führte das Wort – die beiden Anderen schwiegen.

Dagegen trat eine neue Gewohnheit der Majorin immer mehr in den Vordergrund; jeden freien Augenblick, den sie den Hausgeschäften abstehlen konnte, brachte sie im Garten zu. Sie hatte zwar dort auch ihre Beschäftigung, das Abpflücken der Erbsen und Bohnen, das Begießen der Gemüsebeete und des bleichenden Leinens. Aber die Mägde kicherten und meinten, die Leinwand würde niemals trocken – so oft rauschte die Gießkanne darüber hin, und in der heißen Nachmittagssonne begieße doch kein vernünftiger Mensch das junge Gemüse. Es fiel ihnen auch auf, daß „die Frau“ so oft auf der Gartenbank stehe und über des Nachbars Zaun gucke – das war auch eine neue Mode und zu verwunderlich an der „Aparten und Stolzen“, die sonst keinem Menschen einen Blick gönnte und immer that, als mache sie sich aus der ganzen Welt nichts.... Lächerlich! Auf die Bank zu steigen, um immer wieder die dicke, watschelnde „Mohrin“ anzusehen denn nach dem kleinen Mädchen, das die Schwarze zu behüten hatte, guckte sie doch nicht?

Heute war es den ganzen Tag über mit dem Rate kaum auszuhalten gewesen. Einer der Knechte, der die Kohlenfuhren nach der Bahn zu besorgen hatte, erzählte, „der Herr“ sei nun doch gezwungen, der dummen Wassergeschichte wegen „gelehrte“ Leute aus weiter Ferne kommen zu lassen – und das koste ein Heidengeld.

Bald nach dem Mittagessen war der Rat wieder nach dem kleinen Thale gegangen; Mosje Veit schwitzte in der Wohnstube unter der Zucht seines strengen Privatlehrers, der keinen Spaß verstand, und die Mägde, die in der Küche aufwuschen, steckten lachend die Köpfe zusammen; denn dort ging die Frau Majorin richtig wieder über den Hof nach dem Garten, wie immer, wenn der Herr nicht zu Hause war.... Sie hatte nicht einmal ihren Kaffee getrunken, der noch auf dem Präsentirteller in der Küche stand und kalt wurde. Es war überhaupt in den letzten Tagen, als habe sie Essen und Trinken nahezu verlernt, und das sah man ihr auch an – die Backenknochen standen ihr scharf aus dem weißen Gesicht, und die Kleider saßen gar nicht mehr so hübsch knapp wie sonst; sie schlotterten recht auffällig um die Schultern.... Und die Leute meinten, wenn sie auch nicht spreche und ordentlich die Zähne zusammenbeiße, damit ja kein Wörtchen durchschlüpfe, sie ärgere und gräme sich doch im Stillen furchtbar über das viele Geld, welches das Unheil in den Gruben kosten würde, denn – sie hätte ja sonst keine Wolfram sein müssen.

Nun ging sie langsam zwischen den Buchsbaumrabatten auf und ab. Ihre schlanken, weißen Finger pflückten mechanisch am Schürzenband, und die Augen hingen tiefgesenkt am Boden. Sie, die sonst mit scharfem Blick nach jeder abgefallenen Obstfrucht suchte, sie bemerkte nicht, daß ihr Fuß an den ersten reifen Rosenapfel stieß, daß die goldgelben Frühbirnen wie herabgeregnet im Grase und zwischen den Kohlrabi- und Salatköpfen verstreut lagen und ganze Schaaren von Wespen herbeilockten; ihre Aufmerksamkeit schien sich im Ohr zu concentriren. Bei jedem Geräusch, das von fernher über den Zaun kam – ob sich die Enten klatschend in den Teich stürzten, oder ein Menschenfuß auf dem kreischenden Kies eines nahen Weges eilfertig hinging – zuckte sie zusammen und hemmte aufhorchend den Schritt.

Die Gießkannen brauchten heute nicht allzu fleißig in Bewegung gesetzt zu werden, denn der Himmel war vom frühen Morgen an bedeckt gewesen. Aber die Wolkenschicht, die keinen heißen Sonnenstrahl hindurchließ, war von einem festen, gleichmäßigen Grau und wölbte sich hoch wie eine granitene, kühle Domkuppel. Die Vögel schossen jubilirend droben hin, und eine köstlich erquickende, balsamische Luft wehte, ein wahrer Genesungsodem für Kranke.

Die Majorin verließ plötzlich den geradlinigen Hauptweg, und auf die Gartenbank am Zaun tretend, schlug sie die rauschenden Syringen- und Haselzweige aus einander.

Ein schwaches Rädergeräusch kam von der Platanenallee her. Jack, der Neger, schob einen eleganten Kinderfahrstuhl langsam über die Kiesbahn – der hellblaue Seidenschimmer der Auspolsterung und einer übergebreiteten Decke leuchtete herüber, und so bedeutend auch die Entfernung war, die Frau am Zaun sah doch ein blondes Köpfchen auf dem Polster liegen – fast wäre sie von der Bank gestürzt; solch ein jäher Schreck durchfuhr sie.

Das kleine Gefährt rollte noch einige Mal auf und ab; dann kam es nicht mehr zurück; es mochte droben beim Atelier Halt machen. Die Majorin stieg von der Bank herab und ging auf dem schmalen Wege am Zaun hin. Sie machte dann und wann einen Versuch, das Gezweig in der Höhe ihres Gesichts aus einander zu drängen; allein die seit langen Jahren geflissentlich gehegte und gepflegte Wildniß wies sie unerbittlich mit Dornen und Stacheln zurück. Und die einzige Bank des Gartens war nicht transportabel; ihre steinernen Träger fußten tief in der Erde, aber dort an der Mauer, die den tiefsten Theil des Gartengrundstücks, den großen mit Obstbäumen bestandenen Grasfleck von der Straße abschloß, lagen unter vorspringender Bretterverdachung die Leitern, welche im Herbste beim Obstbrechen benutzt wurden. Sie lehnte eine der Leitern an die Mauer und stieg so weit hinauf, daß sie gerade den Kopf über den seitwärts liegenden Zaun heben konnte.

Es war nur ein Wunsch, der sie beherrschte, der ihr Blut stürmisch kreisen machte – der Wunsch, so nahe wie möglich in das kleine, blasse Kindergesicht zu sehen und sich zu überzeugen, ob der Tod wirklich seine drohende Hand von demselben zurückgezogen habe.

Sie sah in das Fichtenwäldchen hinein, und dort stand, kaum fünfzehn Schritte entfernt, der Fahrstuhl zwischen den Stämmen. José’s Gesicht war ihr zugewendet. Noch lehnte der kleine Kopf müde an dem blauen Polster, und das vorquellende goldglänzende Gelock hing um ein abgezehrtes Oval, aber der lebhafte Blick und das schöne Roth des kleinen Kirschenmundes bezeugten unwiderleglich, daß der Lebensstrom in dem schwer angefochtenen Kindeskörper lebhaft rinne.

Außer Jack war Niemand bei dem Knaben. Der Schwarze watete im Wiesengras und pflückte die Stengel des Löwenzahnes, welche die Händchen des kleinen Reconvalescenten auf der Decke zu einer großen Kette verarbeiteten. Man sah, wie sich die Brust des Kindes in tiefen Athemzügen hob und die freie, von kräftigem Fichtenduft durchtränkte Luft gierig einsog. Auch ein stilles Lächeln der Freude ging über das Gesichtchen.

„Geh, Jack, sei gut – lasse Pirat heraus zu mir!“ sagte der Knabe, denn vom Atelier her erscholl Hundegewinsel.

„Nein, Kind, noch nicht! Doctor hat’s verboten!“ rief der Schwarze von der Wiese herüber. „Pirat ist wild, regt Dich auf. Heute nicht – morgen! Will nachher gleich hingehen und ihn zur Ruhe bringen.“ Damit stampfte er immer tiefer in das Gras und machte Jagd auf die gelben Blumen und die dicken Federbälle, die unter seiner Berührung aus einander stäubten.

Die Augen der Majorin glühten plötzlich auf, und so voller Hast, als habe es ihr eine dämonische Gewalt angethan, die sie vorwärts treibe, verließ sie die Leiter und ging in das Haus. Den Hof betrat sie nicht; sie nahm den Weg durch die Hintergebäude, den der kleine José neulich gegangen war – über die dunklen Böden hinweg kam sie ungesehen in das Giebelzimmer. Fast wie ein Dieb, der sich auf fremdes Gebiet schleicht, bemühte sich diese Frau mit dem sonst so majestätisch festen Gang, geräuschlos in ihr eigenes Zimmer zu treten.

Sie schloß den Wandschrank auf, der ihr reiches Silbergeräth enthielt. In der einen tiefen Ecke des Schrankes hatte einst auch das verhaßte Pathengeschenk mit dem eingravirten Namen Lucian, den Augen der Welt möglichst entrückt, gelegen. Die Majorin nahm einen kleinen, schwervergoldeten Silberbecher von herrlicher Form und Arbeit heraus. Das war auch ein Pathengeschenk, das einst ein reicher Freund des Hauses der kleinen Therese Wolfram in das Taufzeug gesteckt hatte. Hastig fuhr sie noch einmal mit dem Staubtuch über das goldfunkelnde Innere des Bechers; dann ließ sie ihn in die Tasche gleiten und ging auf demselben Wege, den sie gekommen, in den Garten zurück.

Ein Blick über den Zaun überzeugte sie, daß der Neger zu dem Hund gegangen sei, um ihn zu beruhigen. Mit bebenden Fingern zog sie einen Schlüssel aus dem klirrenden Bund, der an ihrem Gürtel hing, riß die Küchenschürze ab, um sie hinter den nächsten Busch zu werfen, und schloß die kleine Mauerthür auf, die hinaus auf die Straße führte.

Das alte Brettergefüge ächzte und kreischte in den Angeln – die Majorin fuhr zurück und biß die Zähne auf einander. Vor langen Jahren hatte diese Thür auch so feindselig gemurrt, als gehöre sie auch zu Denen auf Wolfram’schem Gebiet, die es so ungern sahen, daß die schöne Tochter des Hauses, das bräutliche Mädchen im weißen Kleide, da hinausschlüpfte, um drüben im Schillingsgarten dem schlanken Soldaten in die Arme zu eilen. Ja, weiß wie eine Taube war sie immer hinüber geflattert – er hatte das so sehr geliebt.

Die Majorin hatte den Fuß unwillkürlich zurückgezogen: aber nur für einen Moment – dann trat sie entschlossen hinaus, und die Thür fiel hinter ihr zu.

Die an sich schon öde Straße, mit den verlorenen Häusern zwischen langen Gartenmauern, war in diesem Augenblick völlig menschenleer. Es bedurfte auch nur weniger Schritte, um die Thür des nachbarlichen Gartens zu erreichen. Sie wurde tagsüber nie verschlossen – der Farbenreiber, die Modells und auch die Dienerschaft gingen meist da aus und ein. Die Majorin wußte das – sie klinkte die Thür auf und trat ein.

Das grüne Dämmerlicht unter den uralten, langbärtigen Fichten hauchte sie an wie ein Traum, der längst versunkene Zeiten auferstehen läßt, und im ersten Augenblick war es ihr, als müßten jenseits der Walddämmerung goldene Epauletten im hellen Tagesschein aufblitzen. Die großen, dunklen Augen der Majorin blickten umflort, bis sie auf die blaue Seidendecke fielen, die zwischen den Fichtenstämmen hervorleuchtete. Dort glänzte es ja auch golden – das Knabenköpfchen, das sich bei dem Thürgeräusch emporrichtete.

Der kleine José sah erstaunt, aber nicht erschrocken zu der Frau empor, die mit wenigen Schritten neben ihm stand – die Frau im schwarzen Kleide mit dem schönen, farblosen Gesicht und den schneebleichen Lippen, die sich zitternd öffneten und schlossen, ohne einen Laut hervorzubringen.

Wie ein Fürstenkind lag der Knabe da, den das alte Klosterhaus neulich wie mit tückischen Fangarmen in seinem häßlichsten Winkel festgehalten. Ein Amulett funkelte an seiner Goldkette auf dem spitzenbesetzten Schlafkleidchen, das weiß aus dem übergeworfenen, seidengefütterten, blauen Sammetmantel schimmerte. Die alten Tuchweber aus dem engen Stadtgäßchen würden wohl den Kopf geschüttelt haben über das aristokratisch feine Menschenbild, in welchem auch ihr Blut floß, das Blut der Ackerbürger mit den schwieligen Händen und dem rauhen, störrigen Sinn.

„Geht es Dir wieder besser?“ fragte die Majorin halb flüsternd und bog sich tiefer über das Kind, daß sie den Athem des kleinen Mundes über ihre Wange hinwehen fühlte.

„Ach ja – aber müde bin ich. Und ich möchte doch so gern mit Paula und Pirat im Garten herumlaufen.“

„Paula ist Dein Schwesterchen?“

„Ja, weißt Du das nicht? – Sieh ’mal, die wunderschöne Kette, die ich mache! Willst Du sie haben?“

Er hing ihr die plump zusammengefügten Ringe der Löwenzahnstengel, an denen sich vorhin die schwachen Fingerchen emsig abgemüht, über den Arm.

„Ja, mein liebes Kind, die will ich behalten,“ sagte sie, und behutsam, als sei es eine zerbrechliche Filigranarbeit, sammelte sie die Kettenglieder in der Linken; dann griff sie mit der Rechten in die Tasche und zog den Becher heraus. „Ich will Dir auch etwas schenken, einen kleinen Trinkbecher, aus welchem Du künftig Deine Milch trinken sollst.“

Den Becher, den das alte Klosterhaus so lange gehütet, er lag jetzt auf der blauen Decke, und der Knabe griff mit beiden Händen danach.

„Ach, der ist aber schön!“ sagte er bewundernd und wandte ihn spiegelnd hin und her. „Ich danke Dir,“ rief er plötzlich aus vollem, erfreutem Kinderherzen und hob sich mit ausgestreckten Armen an der Frau empor, und sie – ihrer nicht mehr mächtig, schlang ihre Arme fester und fester um den kleinen Leib, der sich an sie schmiegte, und als wolle sie alle die trotzige Entsagung, die namenlos bittere, bohrende Reue, die furchtbare Einsamkeit der letzten Jahre, die grausame, übermenschliche Zurückhaltung, die sie neulich[WS 3] dem Kind gegenüber behauptet, in einem einzigen glückseligen Moment auslöschen und vergessen, bedeckte sie den Kleinen mit den Küssen einer fast wild hervorbrechenden Zärtlichkeit. …

Tiefaufathmend ließ sie das Kind in die Kissen zurücksinken.

„Willst Du auch an mich denken, wenn Du aus dem Becher trinkst?“ fragte sie – wer hatte je diese Stimme so weich, so bewegt und seelenvoll gehört?

„Ja, aber wie heißest Du denn?“

„Ich?“ – Das Blut, das ihr heiß nach dem Kopf geströmt war, sank jäh zurück und mit blassen Lippen wiederholte sie nochmals: „Ich?! Ich heiße Großmama!“

Damit trat sie rasch, fast wie flüchtend, von dem Knaben weg und schritt nach der Thür.

„Bleib’ doch da!“ rief er bittend.

Auf diese Laute hin wandte sie noch einmal den Kopf nach ihm, aber in demselben Augenblick bog der Neger um die Ecke des Ateliers. Noch ein Winken mit der Hand, dann war sie so rasch hinter der Mauerthür verschwunden, daß Jack nur noch einen Zipfel ihres langen schwarzen Gewandes wie einen Schatten hinausgleiten sah.




31.

Die Majorin schritt wieder auf dem gradlinigen Hauptweg des Klostergartens. Ihre Augen blickten wie traumverloren, als schreite sie in die weite Welt hinein und nicht durch den dunklen, dumpfen Holzstall in den engumgrenzten offenen Raum, von dessen Mauern der ganze wüste Lärm eines Oekonomiehofes widerhallte.

Mosje Veit war eben dem Schulzwang entlaufen. Er rannte, als sei er in einem engen Käfig eingesperrt gewesen, in tobender Ausgelassenheit durch den Hof und ahmte ein wildes Pferd nach, das in das Gebiß knirscht und schäumt.

Die Majorin blieb erschrocken stehen. Noch fühlte sie den Hauch des süßen Kindermundes auf den Lippen, und der zärtlich sanfte Knabe mit seinen großen sprechenden Augen, den sie in den Armen gehalten, er war schön wie ein Seraph; er hätte mit seinem grazienhaft ruhigen und edlen Wesen ein Fürstenhaus geziert – und er war ihr eigen Fleisch und Blut; der Lebensstrom, der einst von ihr ausgegangen, er hatte eben, wie zurückkehrend, in sanften Schlägen des kleinen Herzens an ihre Brust geklopft, unabweisbar zu ihr gehörend und die unnatürliche Schranke überfluthend, die das harte Gebot: „Ich will Dich nie wiedersehen, selbst nach dem Tode nicht,“ selbstsüchtig aufgerichtet. Und sie hatte einst gemeint, man könne vergessen und verwinden, wenn man nur ernstlich wolle; sie hatte sich all die Jahre hindurch immer angstvoller an den Namen ihrer Väter angeklammert, der wie ein knorriger Eichenstamm Jahrhunderte lang seine Eigenart behauptet und nach dem dünkelhaften Sinn der letzten seiner Töchter kein ausgeartetes, verkrüppeltes Reis tragen konnte. Sie hatte „vergessen und verwinden“ wollen um des Knaben willen, der da eben wie ein losgebundenes junges wildes Thier den Boden stampfte, der mit seinen schiefgestellten Augen tückisch nach einem Opfer für seine Peitsche suchte, und der in seiner brutalen Rohheit und Bosheit, seiner Lügenhaftigkeit der Schrecken Aller war. Gerade in diesem Augenblick kam ihm die Stallmagd in den Weg. Sie trug zwei volle Eimer und konnte sich nicht wehren, und das war ein zu günstiger Moment – sausend fuhr die scharfe Peitschenschmitze über die dünnbekleideten Schultern des Mädchens; sie stieß ein Wehegeschrei aus und krümmte sich vor Schmerz.

Mit raschen Schritten trat die Majorin aus dem Holzstall – sie entriß dem Knaben die Peitsche, zerbrach den Stock derselben und warf ihm denselben vor die Füße.

Er wollte wüthend auf sie losspringen – es lief ihr wie ein Schauer über den Leib; nach jenem innigen Umfangen durfte ihr dieses Element nie wieder nahe kommen. Sie stand da wie eine Mauer und streckte dem Heranstürmenden die geballte Hand entgegen.

„Fort – oder ich züchtige Dich, so lange ich eine Hand rühren kann!“ sagte sie mit ihrer eiskalten, harten Miene.

Er hatte die Kraft dieser Hand neulich zur Genüge gespürt und zog sich feige zurück.

„Der Papa wird Dir’s schon sagen. Wenn er nach Hause kommt, da kriegst Du Deine Leviten,“ drohte er und lief nach dem Pferdestall, wo noch verschiedene seiner Peitschen und Reitgerten logirten.

Der Rath war bereits zu Hause. Er stand am Fenster der Eßstube und hatte den zerknitterten Filzhut mit der breiten Krempe noch auf dem Kopfe. Die Majorin hatte ihn schon vor Vollzug ihres Strafactes an dem wilden Veit bemerkt, und gerade weil er nicht die geringste Miene machte, die Mißhandlung der Magd auch nur mit einer Silbe zu rügen, hatte sie die Bestrafung des Missethäters übernommen.

Sie ging in die Küche, nahm einen Korb voll frischgepflückter Johannisbeeren aus einem Schranke und trug ihn in das Eßzimmer, um dort die Beeren zum Einmachen vorzurichten. Ihr Gesicht war wie immer so starr und verschlossen, als sei heute auch noch nicht der mindeste Abglanz einer Gemüthsbewegung darüber hingegangen.

Der Rath lehnte mit verschränkten Armen an der Fensterbrüstung, als seine Schwester eintrat. Er hatte den Hut auf den Nähtisch geworfen, und das grünliche Licht, das durch die Ulme hereinfiel, ließ die reichen Silberfäden in seinem immer noch dichten Haar aufflimmern. Nach kurzem Schweigen trat er vom Fenster weg und begann, in der Stube auf- und abzugehen.

„Du bist in der letzten Zeit so wortkarg, ja, so stumm gewesen, Therese, daß ich nicht einmal weiß, ob Dir das drohende Unheil in meinen Kohlengruben zu Ohren gekommen ist.“

„Das Gesinde spricht den ganzen Tag davon,“ antwortete sie und streifte die Beeren von den Stengeln.

„Und ficht Dich das gar nicht an? Ist Dir das Wohl und Wehe der Wolfram’s gleichgültig geworden?“ fuhr er auf.

„Um das Wohl und Wehe der Wolfram’s habe ich mich längst nicht mehr zu kümmern,“ versetzte sie, ohne aufzublicken. „Du erziehst den Einzigen, der es dermaleinst in der Hand halten wird, nach eigenem Ermessen, nach Deinen Principien, ohne auf mich zu hören; ich habe den Besitz der Wolfram’s nun seit langen Jahren durch unverdrossene Arbeit und gewissenhaftes Sparen vermehren geholfen – das Zeugniß darf ich mir geben.... Es macht mir Freude, ein Familienvermögen anwachsen zu sehen, aber es darf sich nur auf ehrliche Weise mehren, durch stäte und beharrliche Arbeit, wie sie bei unsern Vätern Gebrauch war – nicht um eines Haares Breite anders! Du aber bist ein Moderner geworden. Du möchtest das Geld in jagender Eile scheffelweise einsäckeln, willst aber nichts ausgeben, um den Boden unter Deinen Füßen zuerst zu sichern, und das ist das drohende Unheil in Deinen Gruben – Du hast es selbst verschuldet.“

„Davon verstehst Du nichts,“ fuhr er sie an.

„Mag sein – ist auch nicht meine Sache,“ versetzte sie ebenso gleichmütig wie vorher, nur daß sie jetzt den Blick, in welchem sich eine gewisse Unruhe spiegelte, rasch von der Arbeit hob. „Ich weiß nur, daß ich die ganzen Jahre her gewünscht habe, die Kohlen lägen in guter Ruh’, bis an den jüngsten Tag, unter der Erde und es wüßte kein Mensch d’rum. Seit Du den Boden da draußen hast aufreißen lassen, ist’s auf dem Klostergute nicht mehr, wie es sein sollte.... Ach ja“ – ein unwillkürliches Seufzen hob ihre Brust – „viel, viel reicher sind die Wolfram’s ja geworden – das ist wahr, aber der Erwerb ist mir so unheimlich, so fremd, und ich meine, es hinge ihm Unsegen an, wie unrechtem Gut, weil sich ein unglücklicher Mensch um deswillen den Tod gegeben hat.“

Der Rath war, die Hände auf dem Rücken, immer noch auf- und abgegangen. Bei den letzten Worten blieb er stehen, gleichsam festgebannt, wie man entsetzt und versteinert vor einer Erscheinung verharrt, die unvorhergesehen gespenstig aus dem Boden steigt – dann brach er in ein Hohngelächter aus.

„Bist ja wirklich mit den Jahren stark in der Logik geworden, wie die alten Weiber im Spittel,“ sagte er in seinem beißendsten Tone. „Also weil ein verrückter Bedienter von seinem ebenso hirnverbrannten Herrn fortgejagt worden ist, klebt Unsegen an meinem Unternehmen?“ – Er lachte abermals gezwungen auf. „Ei nun ja – einen solchen Unsegen lasse ich mir schon gefallen.... Wenn der alte Klaus Wolfram, der Tüchtigste unter unseren Vätern, wiederkommen könnte, der würde wohl große Augen machen, daß die Wolfram’s jetzt auf Sommerwiese, dem größten Rittergute im ganzen Lande, sitzen.“

Er trat an das Fenster und spielte unhörbar mit den Fingerspitzen auf den Scheiben. Einen Augenblick war es so still in der Stube, daß man das Summen der über dem Eßtische kreisenden Fliegen hören konnte.

Der Rath blickte verstohlen über die Schulter zurück. Seine letzte Bemerkung war sichtlich eindruckslos abgeglitten – das schöne Matronengesicht mit den gesenkten Augen behauptete seine gewohnte Starrheit, und die rothen Beeren rollten in gleichmäßiger Wiederholung in die Porcellanschüssel.

„Du hast gestern Dein Darlehen von zehntausend Thalern aus der Ziegler’schen Erbschaftsmasse zurückerhalten?“ fragte er plötzlich. „Wie gedenkst Du es wieder anzulegen?“

„Ich weiß es noch nicht.“

„Gieb mir das Geld, Therese!“ sagte er, rasch an den Tisch tretend. „Sommerwiese hat vor einigen Tagen meine ganzen disponiblen Capitalien geschluckt. Nun kömmt so unvorhergesehen die Calamität in den Gruben – ich muß Geld flüssig haben und möchte doch kein Papier veräußern.... Dein Geld ist ja in meiner Hand gut aufgehoben, Therese. Es ist ja doch auch Wolfram’sches und könnte nun im großen Familienvermögen wieder mitarbeiten, wie ja Dein Alles, Deinem eigenen fest ausgesprochenen Wunsche und Willen gemäß, später einmal – hoffen wir in allerspätester Zeit – wieder zu dem Stammbesitze zurückfließen wird.“

„Ich habe noch nicht mein Testament gemacht,“ versetzte sie, ohne aufzublicken.

Er stützte die Hände auf den Tisch und sah mit höhnischer Ueberlegenheit auf das erröthende Gesicht seiner Schwester herab. War das die Frauenseele, die er bis dahin fast widerspruchslos in der Hand gehabt?

„Das weiß ich so, Therese,“ sagte er, „und es wird mir auch nie einfallen, Dich zu diesem Entschluß zu drängen, obgleich ich’s sonst mit dergleichen Schritten, die doch absolut geschehen müssen, sehr ernst nehme. Du brauchst übrigens nicht zu fürchten, daß, falls Du vor mir das Zeitliche segnen müßtest, auch nur ein Groschen in die Hand kommt, auf welcher der Mutterfluch ruht; dafür bin ich da; ich würde auch darin Deinen und meinen Willen durchzusetzen wissen, wie einst in Deiner Scheidungsangelegenheit.“

Sie hatte die Unterlippe zwischen die Zähne geklemmt und schwieg beharrlich.

„Sollte uns Beiden aber ein hohes Alter beschieden sein,“ fuhr er wie ablenkend fort und drehte lässig den dünnen, grauen Kinnbart zwischen den Fingern, „dann wird die Welt völlig vergessen haben, daß Du einst unseren Namen mit einem andern, unheilvollen vertauscht hattest, dann wirst Du wieder die Tochter der Wolfram’s sein, nichts Anderes, und Dein gerechtes Theil an dem Glanze haben, der vom Klostergut neu ausgeht –“

„Durch den da?“ unterbrach sie ihn schneidend und zeigte mit der ausgestreckten Hand durch das Fenster nach dem Hofe.

„Ja, durch den, durch unsern Veit,“ bestätigte er, und der Grimm begann in seinen Augen aufzufunkeln.

„Der Bursch soll aufbauen und hat doch die zerstörungswüthigste Hand, die je geboren worden ist,“ sprach sie weiter, ohne sich einschüchtern zu lassen.

„Dummes Zeug! Das ist eben Jungenart. Ich bin – wie ich denke – ein ganzer Mann geworden und hab’ der Mutter die Töpfe und Tassen heimlich zerschlagen, daß es eine Lust war, hab’ den Maikäfern die Beine ausgerissen, die Frösche bei lebendigem Leibe aufgespießt und –“

„So?“ unterbrach sie ihn. „Was Du da sagst! Wegen der vielen zerbrochenen Töpfe und Tassen sind damals die Mägde gestraft und schließlich fortgejagt worden. Du warst so gesetzt – ‚ein Mustersohn’, wie die selige Mutter immer sagte – bis auf den heutigen Tag hätte ich mir nicht träumen lassen, daß Du so ein ‚Heimlicher’ gewesen bist.“

Er zog die Brauen finster zusammen, während die Rechte der Majorin vom Tische in die Tasche glitt. Sie umschloß die kühlen Ringe der Löwenzahnstengel, und es war, als laufe diese Kette von dem Händchen aus, das sie zusammengefügt, wie ein magnetisches Band bis an das Herz der Frau, an das verstockte Herz, das viele Jahre lang gegen seine natürlichsten, weiblich weichen Regungen gekämpft hatte – und nun verschafften sie sich doch Geltung, unaufhaltsam, in ungeahnt beseligender Kraft. Jenes zärtlich streichelnde Händchen, es marterte gewiß keine Creatur, die Leben und Odem in sich hatte; in dem Kind lebten so wenig Bosheit und Heimtücke, wie in ihm, den sie einst von der heimischen Schwelle gestoßen hatte.

„Jugendstreiche, Therese, wie sie sein müssen bei einem rechtschaffenen Jungen, der gesundes Blut in den Adern hat!“ meinte der Rath. „Ich will Dir damit auch nur beweisen, daß man nach solch scheinbar schlimmen Symptomen den künftigen Mann nicht beurtheilen soll. Veit wird Dir noch Freude machen – darauf verlasse Dich! Er wird Dir ein Sohn sein, wie mir –“

Er hielt inne, denn seine Schwester streckte, ihn plötzlich unterbrechend, die Linke lebhaft gegen ihn aus.

„Ich habe einen Sohn,“ rang es sich fast wie ein Schrei von ihren Lippen.

In diesen vier Worten gipfelte und erlosch der furchtbare Kampf, der jahrelang verborgen in ihr getobt – die Flammen des Zornes waren ist sich zusammengesunken, und unversehrt, wie ein Phönix, stieg das Muttergefühl empor.

„Du hast einen Sohn? – Verzeih’, ich hatte das vergessen, oder vielmehr vergessen müssen auf Dein ausdrückliches Geheiß,“ sagte der Rath mit tödtlichem Hohn. „Es hat eine Zeit gegeben, wo ich fürchten mußte, Du würdest Dich an mir vergreifen, wenn ich auch nur den Namen des Entarteten laut werden ließe.“

Er senkte das Gesicht gegen die Brust und drehte wieder den Kinnbart zwischen den Fingern. „So, so! Nun ja, Du wirst alt, alt und mürbe, Therese. Da geht der Charakter in die Brüche, und man macht pater peccavi.... Na, sieh’ mal! Da darf man ja wohl wieder von vergangenen Zeiten sprechen? Oder besser – ich will Dir ein paar Berliner Zeitungen mit heimbringen. Da steht’s alle Tage zu lesen, daß die Frau Majorin Lucian ein berühmte Schwiegertochter hat. Aber Du kannst ruhig sein, Therese – Dein Sohn wird dabei nicht genannt. Neben solchen Theaterdamen ist der Ehegatte immer eine Null, ein Nichts, höchstens der Schatten, den die Gefeierte unvermeidlich an der Ferse nachschleppt – er ist eben der Mann seiner Frau, macht den Secretär – eine brillante Carrière, wie sie sich kaum die kühnste Phantasie einer ehrgeizigen Mutter träumen läßt – und lebt ausschließlich von den glänzenden Einnahmen, welche die Balletsprünge der Frau Gemahlin einbringen –“

„Das glaubst Du selbst nicht,“ unterbrach sie ihn entschieden, wenn auch dumpf, wie zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. Sie hatte längst ihre Arbeit weggeschoben und war aufgestanden. Wie furchtbar es in ihr stürmte, das bewies das tiefe, beklommene Athmen, das ihre Brust hob. „Er hat seine Sache gelernt – er kann sich sein Brod selbst verdienen.“

Der Rath lachte rauh auf. „Du meinst, er mache seine Carrière als Jurist, wie Frau Gemahlin als Tänzerin, das heißt, durch Gastiren in allen europäischen Städten?“

Es ging plötzlich wie ein Aufleuchten über ihr Gesicht. „Weißt Du so gewiß, daß er bei ihr ist?“

Der Rath hatte die Hände auf dem Rücken gefaltet; er trat in das Fenster und sah angelegentlich nach allen Himmelsrichtungen, als prüfe er den Stand des Wetters. Es kann auch der brutalsten Denkweise passiren, daß sie einen Augenblick zaudert, eine eclatante Lüge über einen Todten auszusprechen. Jetzt zuckte er die Achseln. „Ich muß Dir gestehen,“ sagte er noch abgewendet, „daß mir das bisher sehr gleichgültig gewesen ist. Es ist mir nicht eingefallen, auch nur im Geringsten nachzuforschen – eine so abgethane Sache, wie die Verstoßung eines mißrathenen Familiengliedes, rührt man nicht wieder auf. Es scheint mir übrigens, als hofftest Du, in Folge besserer Einsicht auf der einen Seite sei jene verhaßte Ehe gelöst worden – liebe Therese, nicht in jeder Menschenseele wohnt die Kraft, die Gemüthsruhe, mit der Du einst ein unliebsames Joch abgeschüttelt und Deinem Manne den Laufpaß gegeben hast.“

Sie ballte die Hände und drückte sie krampfhaft gegen die Brust, während sie das Gesicht langsam dem Sprechenden zuwandte. Er folterte sie Glied um Glied.

„Ich muß Dich daran erinnern,“ sagte er, indem er wieder auf sie zukam, „daß Du nach Männerart stets lieber sofort einen verhaßten Knoten durchschnitten, als Dich unter seinen Druck gebeugt hast. Solch ein zerhauener Knoten aber läßt sich nie und nimmer wieder zusammenflicken, es sei denn, daß man sich vor Gott und aller Welt unsterblich blamiren will – und davon wird das derzeitige Haupt des Wolfram’schen Hauses eines seiner Familienglieder ganz sicher zurückzuhalten wissen. Das kommt in erster Linie; in zweiter erinnere ich Dich an Deinen eigenen Ausspruch, der kurz und bündig besagt, daß Dein Vermögen Pfennig um Pfennig, Groschen um Groschen, von unseren braven Vorvätern aufgesammelt worden und Du niemals gewillt seiest, dieses Geld in einer liederlichen Theatergesellschaft verprassen zu lassen. Hast Du Deine Ansicht darüber geändert – gut – ich nicht!“ – Er schlug mit seinen harten Knöcheln auf den Tisch. – „Jetzt stehe ich vor diesem Erbe und reclamire es für Diejenigen, die gegenwärtig den Namen Wolfram tragen, sowie für die, welche ihn in später Zukunft führen werden.“

Das kam in erster Linie und – das ist der Punkt, um den sich Alles, Alles dreht,“ rief sie unter der niederschmetternden Wucht einer plötzlich tagenden Erkenntniß.

„Denke, was Du willst – ich gehe den Weg, den mir die Pflicht vorschreibt,“ sagte er eifrig. „Ich rathe Dir wohlmeinend, Therese, hüte Dich, mir zu widerstreben! Du ziehst den Kürzern sammt Deiner ganzen Komödiantensippe – darauf verlasse Dich!“

Er ging wieder nach dem Fenster, öffnete einen Flügel desselben und rief einem über den Hof schreitenden Knechte einen Befehl zu, so ruhig und gleichmütig in die Tagesgeschäfte einlenkend, als seien eben auch nur die alltäglichsten Dinge in der Eßstube verhandelt worden.

Die Majorin verließ das Zimmer und ging hinaus in ihre Giebelwohnung....

Von Einschüchterung konnte bei dieser Frau nicht die Rede sein; wo sie sich in ihrem guten Rechte wußte, da fürchtete sie alle Juristenkniffe der Welt nicht, und deshalb hätte sie die Anmaßung ihres Bruders, seine Drohungen verlacht, wäre ihr nicht der Schmerz der bittersten Enttäuschung im Hinblick auf eben diesen Bruder durch das Herz gegangen.... Also es war nicht brüderliche Selbstlosigkeit und Hingebung gewesen, daß er treu zu ihr gehalten. Er hatte sie bestärkt in ihrer unbeugsamen Härte; er hatte sie mit den Jahren geflissentlich abgedrängt von ihrem Kinde, nicht aus Brudertreue und in der Ueberzeugung, daß die Schwester völlig correct und gerecht handle und dabei gestützt werden müsse, sondern einzig und allein in wahnwitziger Vergötterung seines einzigen Sprossen, dem er auf diese Weise eine große Erbschaft zuwenden wollte.

Ihre Augen feuchteten sich, und das Gefühl einer tiefen Demüthigung trieb ihr das Blut in das Gesicht.... Wo waren die vermeintlich unerschütterlichen Stützen hin, auf denen ihr Selbstbewußtsein bisher gestanden? Es waren Stelzen gewesen, Stelzen des Eigendünkels, welche die ewige Vergeltung über Nacht umgeblasen.... Sie hatte sich selbst bestohlen in ihrer Rachgier, Herrschsucht und Verblendung, bestohlen um viele Jahre, in denen sie tausendfachen Segen hätte geben und empfangen können. Nun schien ihr die große Wegstrecke ihres Lebens, die sie einsam und verstockten Sinnes gewandert, eine sonnenlose Schlucht, ohne Blumen und lieblichen Vogelsang, in der sie, abgewendet vom heiteren Himmelslicht, gebückt, ohne Unterlaß Steine in die Schürze gesammelt – denn mehr als unfruchtbare Steine waren die gewaltigen Summen, die sich in ihrem Einnahmeregister aufspeicherten, für sie nicht. Und nun sollten sie auch noch zum Piedestal aufgethürmt werden unter den Füßen des verwahrlosten Jungen, den sie nicht ohne Abneigung, ohne Grauen, ansehen konnte – nie, niemals!

Noch durfte sie hoffen, ein Stück Leben vor sich zu haben; noch war sie sich einer bedeutenden inneren Kraft bewußt; es bedurfte nur weniger Schritte, um die nach einer andern, einer sonnigen Lebenslust dürstenden Lippen zu erquicken. Was hinderte sie, den Shawl umzuwerfen und hinüber zu gehen in das Nachbarhaus, wo sich Alles, Alles mit einem Schlage wenden mußte? – Nein! – so tief beugen konnte sie den steifgewordenen Nacken doch nicht! – Sie hatte bereits die ersten Schritte gethan, nun mußte er kommen und der Mutter die Versöhnung erleichtern – wo aber war er? – Das hatte sie schon oft grübelnd gefragt.

Sie hatte beim ersten Blicke, beim ersten in das Giebelzimmer heraufschallenden Stimmenklang gewußt, daß der schöne, spielende Knabe im Vorgarten des Schillingshofes sein Kind, ihr Enkel, sein müsse – so Zug für Zug, so in jedem Laut, jeder Eigenthümlichkeit des äußeren Gebahrens wiederholt sich die Natur nicht in zwei Menschenwesen, die das Blut nicht gemein haben; so macht sie auch nicht ein Herz, wie das ihre, halb entsetzt, halb in jubelnder Lust aufschreien beim ersten Begegnen, wenn kein verwandter Zug da ist. Es war völlig überflüssig gewesen, daß ihr die fremde Dame gesagt hatte, der Knabe führe den Namen Lucian.... Wo aber war sein Vater?

Es war eine schändliche Lüge, daß er sich von dem Erwerbe seiner Frau mit ernähre. Er hatte ein reiches Wissen; er war sehr fleißig gewesen und hatte sich zweifellos eine feste, ehrenhafte Lebensstellung errungen – wohl in fernen Landen, wie sie nach der schwarzen Bedienung schloß, welche die Kinder behütete.

Und – diese stille Hoffnung wurde immer lebendiger in ihrer Seele – er hatte wohl seine kleinen Lieblinge geschickt, damit sie sich allmählich in das Herz der Großmutter stehlen und Versöhnungsboten werden möchten.... Nun wohl, das war geglückt – die Mutter hatte verziehen. Sie hatte sich selbst seinem Knaben gegenüber die Großmama genannt und den neugeschlossenen Bund mit einer Gabe besiegelt, die ihr Sohn selbst als Kind oft gesehen, und von welcher er wußte, daß sie der Mutter stets ein hochwerthes Andenken gewesen war.... Nun mußte er kommen – und er kam gewiß, selbst wenn augenblicklich noch große Länderstrecken, oder das weite Meer zwischen ihnen liegen sollten – er kam.... Bis dahin hieß es, sich selbst und die Sehnsucht tapfer bezwingen, denn noch – hatte ein letzter Rest starrer Unbeugsamkeit Sitz und Stimme in diesem harten Frauenkopf.




32.

Seit Baron Schilling’s Rückkehr aus Berlin waren sechs Tage verstrichen. Die Parterrewohnung des Schillingshofes hatte sich gleichsam gelichtet, seit der tückische Dämon der Krankheit aus allen Ecken und Winkeln gefegt worden war. Der kleine José hatte schon zweimal stundenlang im Freien verweilen dürfen; zwar saß er auch im Salon noch auf seinem Fahrstühlchen, aber das Bett wurde tagesüber nicht mehr aufgesucht. Die Glieder des Knaben fingen an, sich kräftiger zu regen; er ließ seine Bleisoldaten wieder aufmarschiren und exerciren, und sein treuer Spielcamerad, Pirat, hatte auch bereits seine Aufwartung im Salon machen dürfen.

José trank pünktlich seine Milch aus dem Becher, den ihm „die Großmama“ geschenkt. Mit dem Erscheinen dieses kostbaren Andenkens im Schillingshofe war eine erwartungsvolle, fast feierliche Stimmung, eine unbeschreibliche Spannung über diejenigen gekommen, die um die geheimnißvolle Sendung der Kinder wußten.

Am vorgestrigen Nachmittage, gleich nach dem Besuche der Majorin, war Donna Mercedes vom Säulenhause hergekommen, um nach dem Knaben zu sehen. Sie hatte von der Allee aus, gleich Jack, noch bemerkt, daß eine dunkle Gestalt durch die Mauerthür hinausgeschlüpft war. Fast in demselben Augenblicke war auch Baron Schilling aus dem Atelier an den Fahrstuhl getreten – so hatten Beide die Erzählung des lebhaft erregten Kindes zugleich angehört.

Baron Schilling war ganz blaß geworden; er hatte sich tief über den Knaben gebückt und dann, sich aufrichtend, kühl, wenn auch leicht vibrirenden Tones, zu Donna Mercedes gesagt: „Der letzte Act steht nahe bevor – Sie werden rascher aus Ihrer aufopferungsvollen Situation erlöst werden, als wir denken und hoffen durften....“

Mit wenigen kurzen Worten war man dann übereingekommen, daß vom Schillingshofe aus vorläufig noch kein irgendwie auffallender, entgegenkommender Schritt geschehen dürfe, weil das geheimißvolle Thun der Majorin darauf hinweise, daß sie hinter dem Rücken ihres Bruders handele; sie dürfe durch ein zu frühes Vorgehen in ihren Plänen nicht gestört werden.

Seitdem hatte Donna Mercedes den Herrn des Schillingshofes nicht wieder gesprochen. Sie sah ihn wohl dann und wann in der Nähe des Ateliers durch den Garten schreiten, wenn auch sie das Haus verließ, um sich zu ergehen und frische Luft zu schöpfen, aber dann wandte sie sich auch sofort um und kehrte in ihr Zimmer zurück, gleichviel, ob er es bemerkte, daß sie ihm aus dem Wege ging, oder nicht. Es war ihr immer, als könnte sie nicht rasch genug aus seiner Gesichtsweite kommen, und wenn sie dachte, daß sein scharfer Blick sie verfolge, dann durchlief sie ein Schauer.... Es war daheim ihre Gewohnheit gewesen, mißliebigen Menschen ohne Weiteres den Rücken zu kehren, und die Schmeichlerzungen hatten ihr oft genug versichert, daß sie selbst diese vernichtende Ungnade mit unvergleichlich hoheitsvoller Grazie an den Tag lege. Hier nun wallte wohl auch das Gefühl der Indignation in ihr auf; allein noch mehr überwog die niederdrückende Ueberzeugung, daß sie mit all ihrem gerühmten Verstande, ihrer Tournüre und Energie dem Manne nicht gewachsen sei, der, einmal beleidigt, fortan mit souveräner Kühle auswich.

So war es zu ihrem eigenen Grimm ein namenloses, ein feiges Erschrecken, das sie bei seinem Anblick sofort den Fuß wenden machte; es war eine unbezwingliche Scheu vor seiner Stimme, seinem Blicke und Furcht vor sich selber, daß sie einmal seinem geschlossenes Wesen gegenüber die Selbstbeherrschung verlieren und eine abermalige Niederlage erleiden könne.

In die Nähe des Säulenhauses kam er nicht. Er verließ den Schillingshof – auch zu Pferde – stets durch die Mauerthür. Er hielt Wort – Fräulein von Riedt weilte ja nach wie vor als Besuch in der Bel-Etage; sie hielt die Zügel des Hauswesens und pflegte die Baronin, denn die war krank. Oft mehrmals tagüber rannten Boten nach dem Arzt. Er kam meist mit unwilligem Gesicht und nichts weniger als beschleunigten Schrittes – dann hörte man durch die offenen Fenster seine ernst mahnende, strenge Stimme gegen das gellende Aufschreien der Kranken ankämpfen. Manchmal mochte ihm auch die Vermittlerrolle aufgedrängt werden; denn er ging nach dem Atelier, kehrte aber stets ohne Baron Schilling’s Begleitung zurück – zum heimlichen Gaudium der Domestiken, die ja seit Jahren wußten, was für eine Bewandtniß es mit den Krampfanfällen der Gnädigen hatte.

Inzwischen – und zwar am Tage nach Baron Schilling’s Zurückkunft – war auch ein Brief von Lucile an Donna Mercedes eingelaufen, ein Brief voller Schmähungen und Impertinenzen, in welchem sie kurz und bündig abermals die sofortige Herausgabe ihrer kleinen Tochter verlangte. Die Antwort erfolgte umgehend und betonte ebenso fest und entschieden, daß das Kind in den Händen Derer verbleibe, die zu seinem Schutze berufen seien – man werde es auf einen Proceß ankommen lassen.

Das reizende, kleine Geschöpf, um dessen Persönchen ein heftiger Kampf zu entbrennen drohte, tummelte sich indessen harmlos und fröhlich in Haus und Garten. Paula fragte wohl manchmal nach „Mama“, aber die gleichmäßige zärtliche Liebe und Fürsorge, die sie umgaben, ließen keine Sehnsucht aufkommen nach der kleinen Frau, die ihre Kinder oft mit stürmischen Liebkosungen fast erstickt hatte, um sie gleich darauf in übler Laune um irgend einer Geringfügigkeit willen erbost auszuschelten.

Die schwarze Deborah wich Tag und Nacht nicht von ihrem „Goldkind“. So saß sie auch heute strickend auf ihrem schattigen Lieblingsplatz unter den Fichten, während Paula einen Puppenwagen über die sich kreuzenden Wiesenwege schob, die Deborah von ihrem Sitz aus vollkommen übersehen konnte.

Es war ein schöner, stiller Morgen. Pirat, der sonst immer, zum Verdruß der Schwarzen, fast ohne Unterbrechung bellte, war in das Säulenhaus zu José gebracht worden; im Atelier rührte und regte sich nichts. Baron Schilling war ausgeritten; es schwebte eine fast feierliche Ruhe über dem Garten; man hörte jeden fernen Vogelschrei, das Piepen und Gezwitscher in den zahllosen Nestern der Boscage, den flüsternden Hauch des Morgenwindes, der die langen Bärte der Fichten leise schaukelte. Manchmal wurden auch Menschentritte jenseits der Mauer laut, oder ein Wagen rollte schwerbeladen langsam und kreischend durch die öde Straße draußen. Einmal war es auch, als halte ein leichtes, rasch dahergekommenes Gefährt vor der Thür; Deborah hörte das nur mit halbem Ohr; sie hatte an ihrer Strickarbeit einen Fehler gemacht und war ärgerlich und vor Eifer schwitzend dabei, ihn zu verbessern.

Darüber bemerkte sie nicht, daß die Mauerthür leise zurückgeschoben wurde. Ein Frauenzimmer in rundem Hut und langem, dunklem Regenmantel huschte wie ein Schemen in den Garten, und eine Andere, eine zarte, elegante Damengestalt, blieb auf der Schwelle der offenen Thür stehen und sah ihr mit verschleiertem Gesicht, in sichtlich gespannter Haltung nach. Hinter dieser Dame erschien ein schlanker junger Herr in glänzendem Cylinderhut und lavendelfarbenen Handschuhen; er stand ehrerbietig um zwei Schritte zurück, lugte aber doch auch neugierig, mit langem Halse über die Schulter der Dame in den Fichtendämmer hinein.

Die Eingetretene warf einen scharf forschenden Blick um sich; dann flog sie wie ein Stoßvogel über die nächste Rasenfläche, direct auf die kleine Paula zu.

In diesem Augenblick waren aber auch die entwischten Maschen von Deborah gefangen und wieder auf die Stricknadel gereiht worden; mit einem tiefen Seufzer der Erleichterung sah die Schwarze empor und – ihre runden Augen wurden weit vor Erstaunen und Bestürzung. Eine Frau griff eben nach dem „Goldkind“, das, ihr den Rücken wendend, ahnungslos neben dem kleinen Korbwagen im Wege kauerte und emsig das Puppenbettzeug aufschüttelte – diese plötzlich wie hereingewehte Person aber war Minna, die Kammerjungfer der kleinen Frau.

Sie hob das Kind blitzschnell vom Boden auf und sagte ihm etwas in das Ohr.

„Ach ja – zu Mama!“ rief die Kleine und schlang die Aermchen um den Hals der Kammerjungfer, die zu spät die Linke auf den jubelnden Kindermund legte.

Mit einem wilden Schrei sprang Deborah empor, schleuderte das Strickzeug fort und stürzte sich mit weit ausgebreitete Armen aufhaltend der in Sturmeseile nach dem Ausgang Strebenden entgegen.

„Zu Hülfe, Jack! Hülfe! Sie wollen das Kind stehlen!“ rief sie über den Garten hinweg.

Die Kammerjungfer stieß mit der freien Linken kräftig nach ihr und suchte sie aus dem Wege zu schleudern; zugleich packten Männerhände die Schwarze von rückwärts an den Schultern; spitze, scharfe Fingernägel schlugen sich wie Raubthierkrallen in ihren nackten Arm, während ihr ein berauschend duftendes Taschentuch auf den Mund gedrückt wurde.

„Wirst Du wohl still sein, albernes Geschöpf!“ murmelte Lucile erbost – sie war’s, die den Arm der schwarzen Wärterin umkrallte und, den zarten Körper schlangenhaft und fest an Deborah’s robuste Gestalt gepreßt, ihr den Mund zu verstopfen suchte. „Glaubt Ihr denn hier in Eurem Schillingshof, ich werde in lammfrommer Geduld warten, bis es den Herren Juristen gefällig ist, mir mein gutes Recht zuzusprechen?“

Sie warf einen raschen Blick nach der Mauerthür und sah, wie Minna mit dem Kinde hinauslief. Augenblicklich wurde die Schwarze freigelassen – Lucile flog hinaus auf die Straße, und der Herr im Cylinderhut folgte ihr. Jetzt aber war es nicht Deborah, die den über den Garten hingellenden Schrei des Schreckens, der Wuth und Erbitterung ausstieß – er kam von der Straße herein.

Zwischen der Thür und der draußen haltenden Equipage erschien, wie aus der Erde gewachsen, eine Frau, eine gewaltige Erscheinung mit bleichem Gesicht und geschlossenen Lippen; noch wogte ihr Gewand, wehte das Haar auf der Stirn vom schnellen Lauf. Mit festem Griff riß sie das Kind aus den Armen der Kammerjungfer und hielt es hoch über den Köpfen der Entsetzten, so daß Lucile abermals aufschrie.

„Kinderraub am hellen Tage!“ rief die Frau mit ihrer markigen, tiefen Stimme. Sie schob die Kammerjungfer, welche Miene machte, sich ihr zu nähern, mit einer einzigen Bewegung bei Seite, trat weit ausschreitenden Ganges in den Garten und legte das schreiende Kind in die Arme der herbeieilenden Deborah. Dann kehrte sie ihr Gesicht den draußen Stehenden wieder zu, unbeweglich, wie eine Mauer den Rückzug der Wärterin deckend. Ihre mächtige Gestalt füllte nahezu den Thürrahmen.

Es war in der weiten, düsteren Hausflur des Klostergutes gewesen, wo sich diese zwei Frauen schon einmal gegenüber gestanden – die eine sylphenhaft und seidenrauschend, mit dem Schleier über dem Gesicht und dem im spärlichen Lampenlicht auffunkelnden Armschmuck an den Handgelenken – die andere, majestätisch trotz der Küchenschürze, mit dem vollen Haardiadem über der Stirn und den zermalmenden Worten eines Fluches auf den Lippen.

Diesmal flog der Schleier vom Gesicht der kleinen Dame, und ihre Augen funkelten feurig.

„Sie werden mir augenblicklich aus dem Wege gehen, Madame,“ sagte sie mit wuthzitternder Stimme. Sie stampfte den Boden mit dem kleinen Fuß und hob die Hände, um die Frau auf die Seite zu schieben und ihre eigene kleine Person in den Eingang zu zwängen.

„Berühren Sie mich nicht! Ich rathe es Ihnen,“ versetzte die Majorin, ohne sich zu bewegen, mit einem kalten Blick auf die leidenschaftlich gestikulirenden, schlanken Arme.

„Ah, wollen Sie mich mit Ihren großen, groben Küchenhänden zerbrechen?“ lachte die kleine Frau impertinent. „Ich fürchte mich nicht, wie Sie wissen. Ich habe Ihnen schon einmal mit diesen meinen Fingern, die Sie nicht für würdig halten, Ihre hochheilige Person zu berühren, ein Schnippchen geschlagen, an das Sie zeitlebens denken werden.“

„Sie haben wohl am wenigsten Ursache, zu triumphiren – meine Aussprüche haben sich bewahrheitet,“ erwiderte die Majorin zwischen den Zähnen hervor, mit einem Blick nach dem geschniegelten jungen Herrn, der, am offenen Wagenschlag stehend, ein so martialisch entrüstetes Gesicht machte, als wolle er die Widersacherin seiner Dame ohne Weiteres aufspießen.

Lucile sah flüchtig über die Schulter zurück.

„Bah, mein Secretär!“ sagte sie obenhin und wandte ihm wieder den Rücken, um auf’s Neue eine Bresche in den Garteneingang zu erzwingen.

Deborah’s fortgesetzte Alarmrufe klangen bereits entfernter; sie lief offenbar nach dem Säulenhause zu. Aber die Wegstrecke bis dahin war eine sehr lange – noch schien es möglich, der Wärterin das Kind abzujagen.

„Gott im Himmel, stehen Sie doch nicht so dumm und einfältig da, Forster!“ rief Lucile, abermals mit dem Fuße stampfend, nach dem Secretär zurück. „Allons – hinein müssen wir.“

Der Secretär stand mit einem Sprung dicht vor der Majorin und drückte sich herausfordernd den Cylinder fester auf den Kopf.

„Madame –“

„Ich bin die Majorin Lucian, mein Herr, wenn Sie meinen Namen wissen wollen, und – in den Garten kommen Sie nicht,“ sagte sie, wie festgewachsen auf der steinernen Schwelle verharrend. Sie hob nur den rechten Arm, um Lucile, die ebenfalls auf sie einstürmte, wie ein stechendes Insect von sich abzuwehren.

Die kleine Frau taumelte in die Arme ihrer Kammerjungfer. Sie war außer sich und lachte hohnvoll auf wie eine Bacchantin. „Ei ja, haben Sie immerhin Respect, Forster! Die Dame da in der blauen Küchenschürze, die sich vor dem Eingang aufgepflanzt hat wie der Engel mit dem feurigen Schwerte vor dem Paradiese, ist allerdings Major Lucian’s geschiedene Frau, das Bauernweib vom Klostergute, das mit Butter und Eiern handelt, die böse Sieben [WS 4], die Ehemann und Sohn in die Welt hinausgejagt hat.“

Sie trat wieder näher an die Majorin heran. „Fi donc, Madame, Sie sollten sich der infamen Rolle schämen, die Sie da wieder spielen! Aber was Wunder – es ist ja doch nur die Consequenz Ihres erbärmlichen Charakters, wenn Sie eine Mutter verhindern, in den Besitz ihres Kindes zu gelangen und ihr unbestrittenes Recht –“

„Wohl nicht so unbestritten, da es gestohlen werden muß,“ fiel die Majorin mit convulsivisch bebenden Lippen ein. Vom Garten her wurden jetzt Männerstimmen laut; Deborah rief nicht mehr um Hülfe; dafür schienen Menschen aus allen Richtungen zu kommen; denn man hörte hastig heranstürmende Schritte auf den Kieswegen. Lucile fuhr aufhorchend empor und schwang sich mit einem elastischen Sprung aus den Wagentritt.

„Himmelelement, da haben wir die Bescheerung – die Häscherbande kommt,“ rief sie grimmig. „Bah, für diesmal wäre das Spiel verloren, dank Ihrer gütigen Einmischung, wertheste Frau Schwiegermutter. Die Bosheit hat gesiegt – prosit, wohl bekomm es Ihnen, verehrte Frau! Ein anderes Mal lache ich.“

Sie machte einen spöttischen Bühnenknix voll unvergleichlich drastischer Komik, sprang in den Wagen und warf sich in die Polster.

„Vorwärts!“ commandirte sie mit ihrer hochliegenden Stimme; die Pferde zogen an, und der unglückliche Secretär, der sich nach der Kammerjungfer eben auf den Tritt geschwungen hatte, taumelte auf den Vordersitz des davonbrausenden Wagens.




33.

Die Majorin blieb auf der Schwelle stehen, als gelte es den Eingang zu hüten, bis auch das letzte, fernste Räderrollen der Equipage verhallt war. Sie wandte nur das Gesicht in den Garten hinein, wo Paula auf dem Arm ihrer schwarzen Wärterin unaufhörlich weinte und nach „Mama“ und der „wunderschönen, großen Schreipuppe“ verlangte, die ihr Minna versprochen habe.

Ein Menschentrupp hatte sich um Deborah geschaart und verlangte Auskunft über das, was eigentlich geschehen. Die Leute, wie sie sich herandrängten, der Gärtner, der Stallknecht und verschiedene weibliche Dienstboten des Schillingshofes, sie hörten dem überstürzten, athemlos hervorgestammelten Bericht der Schwarzen mit total verblüffter, verständnißloser Miene zu. Die kleine gnädige Frau habe ihr eigenes Kind stehlen wollen – darauf sollte sich Einer einen Vers machen. Das war doch zu lächerlich. Deborah vergaß vor Schrecken alle Vorsicht, und Jack, der vom Säulenhaus herbeigestürmt war, in seiner Wuth ebenfalls.

„Das hat Canaille Minna ausgeheckt,“ rief er. „Ist immer da hinausgegangen bei Besorgungen in der Stadt – hat gewußt, daß klein Paula Morgens immer dort spielt, allein mit Deborah.“

Donna Mercedes kam flüchtigen Ganges quer über die Wiesenflächen. Sie war im weißen, duftig flatternden Morgenkleide – es war, als schwebe eine Lilie [WS 5] daher.

Deborah eilte ihr mit der kleinen Paula entgegen und wiederholte unter angstvollen Geberden ihre Erzählung – sie zitterte sichtlich unter dem Blick der großen, flammenden Augen.

Das schöne Antlitz der Herrin wurde todtenblaß und ihre Brauen zogen sich finster und drohend zusammen, aber sie verlor die Geistesgegenwart nicht, – wie ihre Leute. Sie unterbrach mit kurzen, leisen Worten und einem Handwinken den Bericht, und als die Schwarze verstummend nach der Mauerthür zeigte, in deren Rahmen die Majorin noch stand, da nahm sie das Kind, das beim Erblicken der Tante ruhiger geworden war, vom Arm der Wärterin, stellte es auf die kleinen Füße und führte es direct der Frau zu, die seine Entführung verhindert hatte.

Diesmal wich die Majorin nicht zurück; sie ging im Gegentheil Donna Mercedes um einige Schritte entgegen, und diese Dame war ganz frappirt von der königlichen Haltung, dem würdevollen, edlen Gang der Frau. Sie hatte in der That die blauleinene Kochschürze über ihrem dunklen Wollenkleide; im Drang des Augenblickes waren ihr weder Zeit noch Ueberlegung verblieben, sie abzuwerfen, und auch jetzt schien sie durch das Begebniß viel zu sehr in Anspruch genommen, um zu bedenken, daß sie wie eine Magd auf fremdem Terrain, einer hocheleganten Dame gegenüber stehe. Eine feine Röthe innerer Erregung brannte auf ihren Wangen.

„Ist Ihnen das kleine Mädchen anvertraut worden, Fräulein, dann werden Sie es in Zukunft besser hüten müssen,“ sagte sie kurz mit harter Stimme. „Es möchte sich nicht immer so treffen, daß Hülfe nahe ist, wie es eben der Fall war.“

„Einen solch perfiden Streich von Seiten der Mutter konnte Niemand voraussehen,“ antwortete Donna Mercedes, peinlich berührt von dieser unverhüllten Rüge. „Ich hüte die Kinder wie meinen Augapfel.“

Die Majorin ließ einen scharfprüfenden Blick über die junge Dame hingleiten. „Sie sind die Gouvernante?“ fragte sie zögernd und etwas unsicher.

Ein leises, ironisches Lächeln stahl sich um Donna Mercedes’ Mund. „Nein – ich bin die Tante.“

Die Majorin trat unwillkürlich zurück. „Ach so – also auch eine Fournier?“ warf sie verächtlich hin, und ihre Augen hefteten sich ausdrucksvoll auf das spitzenbesetzte Morgenkleid, als wollten sie sagen: „Auch Theaterplunder!“

Donna Mercedes erröthete vor Unwillen. „Ich muß sehr bitten,“ entgegnete sie entrüstet. „Jener Familie habe ich nie angehört, weder dem Blut, noch dem Namen nach. Ich stelle mich Ihnen als Frau de Valmaseda vor.“

Ein richtiger Instinct hielt sie ab, dieser geschiedenen Frau jetzt schon, in einem Moment der Aufregung, zu sagen, daß sie Felix Lucian’s Stiefschwester sei. Eine derartige Annahme schien aber auch der Majorin vollkommen fern zu liegen. Sie forschte nicht weiter, weil sie offenbar mit brennender Ungeduld eine andere Frage zu lösen wünschte. Man sah, sie rang nach einem möglichst unverfänglichen Ausdruck, und plötzlich sagte sie. „Die Person, die da eben fortgefahren ist –“

„Sie meinen Lucile Lucian, geborene Fournier?“

Die Augen der Majorin funkelten erbittert auf – ihrem Ohr war diese Namenverbindung jedenfalls noch genau so verhaßt, so entsetzlich demüthigend, wie an jenem Abend, da sie den einzigen Sohn um seiner Wahl willen verstoßen hatte. Aber sie bezwang sich. „Ich wollte fragen, ob sie getrennt lebt von – von ihrem Manne?“

Donna Mercedes fühlte, wie ihr alles Blut zum Herzen zurücktrat – sie schauderte. Diese Mutter da, welche Liebe und Reue unwiderstehlich auf den Weg der Umkehr drängten, sie war völlig ahnungslos, daß es zur Buße zu spät sei, daß sie keinen Sohn mehr habe, zu dem sie in beglückender Verzeihung sagen konnte. „Komm an das Mutterherz zurück!“ Mit weggewendetem Blick, barsch und rauh hatte sie die Frage hingeworfen – noch wogte ein starker Rest von Trotz und Unbeugsamkeit in dem Gefühlssturm mit – aber ein kaum zu unterdrückendes Frohlocken sprach aus ihren Zügen, lag in der athemlosen Spannung, mit der sie auf die bejahende Antwort horchte. Sie glaubte das unwürdige Band gelöst und hoffte auf eine doppelt frohe Wiedervereinigung mit dem Sohn, nachdem das verhaßte Element ausgestoßen war....

„Nun, warum sprechen Sie nicht?“ fragte sie heftig und trat so dicht an Donna Mercedes heran, daß diese meinte, sie höre das starke, stürmisch bewegte Herz der Frau klopfen. „Hörten Sie denn nicht, was ich fragte? Ich will wissen, ob er sich von jenem unseligen Geschöpf getrennt hat –“

„Ja – aber in anderer Weise, als Sie denken,“ versetzte Donna Mercedes stockend; ein tiefes Mitleiden, ein inniges Erbarmen umflorte diese schwachen Töne.

Das Gesicht der Majorin wurde plötzlich fahlweiß bis in die Lippen, und die hochgehobenen Brauen falteten sich wie in Entsetzen über den starr aufgerissenen Augen.

Donna Mercedes ergriff ihre Hände und zog sie mit einem thränenfeuchten Aufblick an sich. „Glauben Sie, Felix würde seine Kinder allein hierher geschickt haben? – Er würde, nachdem sein Knabe das Zeichen Ihrer Verzeihung heimgebracht, nicht sofort hinübergestürzt sein –“

„Todt!“ stöhnte die Majorin auf. Sie riß sich los, fuhr mit beiden Händen nach dem Kopfe und stürzte plötzlich auf den Boden, wie ein Baum niederschmettert, den die Säge über der Wurzel durchschnitten hat.

Die herbeigelaufenen Leute des Hauses hatten sich inzwischen entfernt; nur Deborah war geblieben. Sie kam erschrocken herbei und half ihrer Herrin die Gestürzte aufrichten. Die Majorin war nicht bewußtlos – es war die grauenvolle Wucht des unerwarteten Schlages gewesen, die ihr plötzlich alle seelische Herrschaft über den Körper geraubt hatte.

Sie richtete sich auf und sah mit leeren, thränenlosen Augen in die Weite.... Da lag Alles in Scherben, der Wolfram’sche Starrkopf, die wüthende Eifersucht, die eingebildete, auf vertrocknete Principien gestützte Unfehlbarkeit – aber auch das letzte beseligende, aus furchtbaren Seelenkämpfen wiedergeborene Hoffen.

„Ich will Dich nie wiedersehen – selbst nach dem Tode nicht,“ hatte sie dem scheidenden Sohne in unerhörtem Frevel zugerufen, und nun – nun hätte sie büßend in die weite Welt hinein bis zu ihm pilgern und die Erde, die ihn deckte, mit ihren Fingernägeln aufscharren mögen, um ihn nur noch ein einziges Mal wiederzusehen, dessen herrliches Aufblühen und Emporwachsen sie einst mit strengverschwiegener Mutterlust erfüllt hatte.... Nun wollte sie den aufgespeicherten Schatz von mütterlicher Liebe und Zärtlichkeit verschwenderisch über den Hügel ihres Kindes ausschütten, gegen das sie zeitlebens mit Worten und Liebkosungen erbarmungslos gekargt, um des Principes willen.... War sie nicht selbst schuld gewesen, daß er sein junges, enthusiastisches, zur Entbehrung grausam verurtheiltes Herz schwärmerisch an das erste weich und liebend sich anschmiegende Wesen hingegeben hatte?...

Sie erhob sich von der Erde, auf welche die furchtbar züchtigende Hand der Vergeltung sie niedergestürzt, und blickte um sich wie verirrt, als habe sie alle Wegzeichen verloren, als sei sie nicht mehr sie selbst, nicht die Frau da, die sich mit kraftlosen Armen an dem Fichtenstamme emporhalf – es war ihr, als könne kein Blut mehr in ihren Adern rinnen, kein Herz mehr in ihrer Brust klopfen denn – wozu? Für was denn in der Welt weiter leben? – Und hatte sie sich nicht auch den Himmel verschlossen mit ihrem Frevelworte?

Donna Mercedes hob erschüttert die kleine Paula vom Boden auf. „Nimm die Großmama in Deine Arme, mein Kind!“

Die Kleine hatte vorhin beim Zusammenbrechen der großen, starken Gestalt erschrocken aufgeschrieen und sich an die Rockfalten der Tante geklammert. Sie sah noch mit ängstlichen, verschüchterten Augen in das schmerzverzogene Gesicht, dem sie nahe gebracht wurde, aber das Wort „Großmama“ mochte denselben Zauber für sie besitzen, wie für ihren Bruder; sie legte die kleinen nackten Arme fest um den Hals der Majorin und drückte ihr die jugendwarme Wange an das eiskalte Antlitz.

„Die Kinder sind sein Vermächtniß für Sie,“ sagte Donna Mercedes tiefbewegt, als die Majorin bei der Berührung plötzlich den Stamm losließ und das Kind ihr förmlich vom Arme riß, um es unter einem hervorstürzenden Thränenstrome in leidenschaftlicher Innigkeit an sich zu pressen. – „Ich soll Ihnen seine Lieblinge, die sein Glück, sein Stolz gewesen sind, überbringen und Sie bitten, den Waisen Schutz und Schirm, Vater und Mutter zu sein.“

Ein unbeschreiblicher Seelenkampf malte sich in den Zügen der Majorin, aber kein Laut kam über ihre Lippen.

„Kommen Sie mit mir!“ bat Donna Mercedes und ergriff ihre Hand. „Ich habe Ihnen viel zu sagen. Gehen wir in das Haus –“

„Ja – zu seinem Knaben,“ sagte die Majorin. Das kleine Mädchen auf dem Arme ging sie festen Schrittes dem Wege zu, der sich durch die Wiesen und Bosquets direct nach dem Säulenhause schlängelte; es war dies ein schmaler Pfad, welcher den Teich berührte und in nicht sehr weiter Entfernung mit dem Zaune des Klostergutes parallel lief. Die beiden Frauen gingen neben einander, und Deborah folgte mit dem Spielzeuge des „Goldkindes“. Keine Silbe wurde gesprochen; man hörte den Sand unter den Füßen der Dahinschreitenden knirschen und dann und wann ein schmerzvolles Aufstöhnen, das sich der Brust der Majorin entrang.

„Dort, dort! Siehst Du sie denn nicht, Papa? Dort geht ja die Tante Therese,“ kreischte Veit herüber. Er saß mit zappelnden Beinen auf seinem luftigen Platz, dem weit hervorragenden Aste des Birnbaumes, und zeigte mit dem Finger nach der wandernden Frauengruppe.

Und er rauschte und knackte in den Zweigen über der Gartenbank des Klostergutes, just in dem Moment, wo die Damen näher kamen, und Deborah bekreuzte sich heimlich vor dem wuthentstellten Mann, der sich durch das Haselgestrüpp wühlte, als wolle er sich kopfüber in den Nachbargarten hereinstürzen.

Er schlug ein grimmiges Gelächter auf.

„Du da drüben, Therese?“ rief er mit weithin schallender Stimme. „Hast Du denn alle Ehre verloren? Im Namen unserer braven Eltern – herüber zu mir! Schande über Dich und den Fluch der ganzen Familie, der Du entstammst, wenn Du nicht sofort auf das Klostergut zurückkehrst!“

„Fort!“ stieß die Majorin im unbeirrten Weiterschreiten hervor, und den freien rechten Arm weit ausstreckend, schnitt sie energisch mit der flachen Hand durch die Luft, als wolle sie tabula rasa machen für immer.

Sie hatte nicht einmal die Augen hinüber gewendet. Es kümmerte sie nicht, daß der Mann hinter dem Gebüsch mit der Geberde eines Rasenden verschwand und gleich darauf hastige Schritte auf das Hinterhaus zueilten; sie schien nicht zu hören, daß der Junge auf dem Baum ihr nachhöhnte, sie habe vorhin die Gartenthür nach der Straße „sperrangelweit“ offen gelassen und die bleichende Leinwand sei gestohlen – er hatte augenscheinlich ihr ganzes Thun und Treiben beobachtet und seinen Vater herbeigeholt. Unaufhaltsam ihren Weg verfolgend, preßte sie die kleine Enkelin an sich, als griffen gierige Hände nach dem Kinde, um es ihr zu entreißen.

Sie stieg die Freitreppe des Säulenhauses hinauf, dieselben Stufen, die sie vor vierunddreißig Jahren zum letzten Mal betreten, als sie in Kranz und Schleier, am Arme des ihr eben angetrauten Mannes durch die Gärten in den Schillingshof gegangen war, um sich von der alten siechen Dame des Hauses, der Mutter des Freiherrn Krafft, zu verabschieden. Wohl war es ihr, als schreite sie über glühendes Eisen, und als sich die Thür nach der Flurhalle mit dem wohlbekannten Dröhnen aufthat, die Karyatiden auf sie niedersahen und die weißen Götterbilder seitwärts auftauchten, da war es ihr, als wurzelte ihr Fuß fest, und sie stand selbst da, wie die an das Piedestal gefesselten Gestalten, entgeistert, als sei ihr die Seele entflohen und irre nun in weiten, weiten Fernen....

Ueber diese Marmorfließen hatte damals die bräutliche weiße Seidenschleppe gewogt – „ein hehres, himmlisch schönes Weib, eine reine, stolze Königslilie sei sein eigen“, hatte er ihr dort, just vor der Ariadne, stammelnd vor Aufregung und Glückseligkeit, zugeflüstert – und neben dieser kalten „Lilie“ war es ihm dann selbst kalt geworden, weil er andern Sinnes gewesen war, als sie, weil er gemeint hatte, ein Mann und Soldat, ein feuriger Geist dürfe nicht zum trivialen Philister in der Hand einer herrschsüchtigen Frau werden.

Dann war sie Mutter eines Knaben geworden – eine stolze Mutter, die aber zugleich beflissen war, den kostbaren Schatz der Kindesseele in das althergebrachte Wolfram’sche Charaktermodell zu pressen. Die usurpirenden Seelen waren ihr entschlüpft, und sie hatte ihnen am Scheidewege trotzig den Rücken gekehrt, unbeugsamen Sinnes in eine graue, todte Wüste hineinwandernd. Aber das Modell war unter ihren Augen allmählich zerbröckelt – ihr Bruder, der Irrstern, der böse Geist, dem sie blindlings gefolgt, er hatte schließlich selbst die Ferse darauf gestellt und es zertreten um eines völlig aus der Art geschlagenen, nichtsnutzigen Buben willen.

Mit tief auf die Brust gesenktem Haupte schritt sie nun durch den Corridor und trat über die Schwelle des Holzsalons, dessen Thür die vorauseilende Deborah weit zurückschlug.

Die mächtige Dogge, die neben José’s Fahrstühlchen auf dem Teppich hingestreckt lag, fuhr mit einem wüthenden Gebell auf die fremde Erscheinung los, José aber streckte ihr freudig die Arme entgegen, während Donna Mercedes mit einem strengen Zurufe den Hund beschwichtigte – er kroch demüthig auf seinen Platz zurück.

„Aber Du solltest Dich schämen, Pirat – so toll zu bellen! Es ist ja meine Großmama,“ sagte der Knabe lachend.

Das waren dieselben Laute, die einst so fremdartig, so edel lieblich in den Räumen des finsteren Klosterhauses geklungen und dem Ohr des rauhen verdüsterten Onkels mißfallen hatten. War sie es werth, daß ihr noch einmal solch ein köstliches Kleinod in die Hand gegeben wurde, um ihr auf Erden noch die Umkehr möglich zu machen, sodaß sie den Kindern ihres Sohnes in Fülle das gewähren durfte, was sie ihm zeitlebens versagt hatte? Nicht ein Augenblick der vergönnten Frist sollte verloren gehen. Sie wollte die kleinen Sendboten seiner unwandelbaren Sohnesliebe behüten; hegen und pflegen als ihr höchstes Gut, als ihren Augentrost; schon jetzt unter den strömenden Thränen, die ihm flossen, labte sie sich an ihrer Jugend und Lieblichkeit. Hier, zwischen ihnen war ihr Platz – auf das Klostergut kehrte sie nur noch einmal zurück, um ihr Eigenthum zu holen, aber nie mehr, um ferner dort zu leben.

Noch war keine Frage über ihre Lippen gekommen, aber nun stellte sie die kleine Paula auf den Teppich, und erschöpft, als sei der Weg vom Fichtenwäldchen bis zum Säulenhause ein unermeßlicher, über rauhes Geklüft, durch dornstarrende Schluchten führender gewesen, sank sie im nächsten Lehnstuhl zusammen – es war Donna Mercedes’ Fauteuil in der Fensterecke.

„Nun sprechen Sie!“ murmelte sie, die gefalteten Hände vor die Augen gedrückt.

Donna Mercedes war neben die Pflanzengruppe getreten, welche den Schreibtisch flankirte. So stand sie der Majorin schräg gegenüber, und das Herz schlug ihr heftig – wenn die Hände von den Augen dort sanken, dann sah die Majorin in das Gesicht ihres geschiedenen Mannes – und das geschah in diesem Augenblick.

Sie stieß einen halbunterdrückten Schrei aus und wollte sich erheben, aber sie sank wie gelähmt zurück und legte die Rechte mit einer schlaffen Bewegung wieder vor die Augen. Das war ja Alles tief vergraben gewesen im verschlossensten Seelenwinkel der alternden Frau, der berückende Blick der feurigen blauen Augen, das edle, bärtige Gesicht mit Geist und Humor in seinen Linien, die herrliche, ebenmäßige Gestalt voll ritterlichen Anstandes. Und wenn je einmal ein Klang, ein Wort von außen, ein unerwünschter nächtlicher Traum den kraftvoll niedergehaltenen Strom entfesselt und seine Wellen emporgespült hatte, dann war sie fortgestürmt aus dem Hause, auf die Felder hinaus; sie hatte nach Hacke und Spaten, nach Sichel und Erntegabel gegriffen und gearbeitet, bis sie todtmüde zusammengebrochen war und im tiefen, traumlosen Schlaf – vergessen hatte. Nun trat er ihr da von der Wand entgegen, jugendlich wiedererstanden in der ganzen verführerischen Herrlichkeit seiner Erscheinung, neben sich ein wunderschönes Weib, das sein war.

Eine Ahnung schien sie wie ein Blitz zu durchzucken.

„Das ist Ihr Platz – wer sind Sie?“ fragte sie kaum vernehmlich und sah unter der beschattenden geschüttelten Hand hervor in das Gesicht ihres Gegenüber.

„Ich bin Mercedes Lucian, Major Lucian’s Tochter zweiter Ehe,“ antwortete diese fest und stolz – es mußte ja doch gesagt werden, und wenn sie auch gezwungen war, einen Dolch in dem Herzen dieser Frau umzuwenden, sie durfte und konnte ihre Abkunft nicht eine Secunde verleugnen.

Und nun erzählte sie von der Heimath, möglichst schonend, ruhig und beherrscht. Und die Majorin sah den Mann, von dem sie unter innerer Genugthuung geglaubt hatte, er sei verkommen und verdorben, nachdem sie ihn verlassen, zu der Gewalt und dem Reichthume eines Fürsten auf seinem Plantagengebiete emporsteigen; sie sah ihn glücklich im Besitze einer schönen, vornehmen Frau. Sie erfuhr, daß der verstoßene Sohn in der That zu seinem Vater gegangen, mit offenen Armen empfangen und in alle Vorrechte eines geliebten, heißersehnten Kindes eingesetzt worden war. Aber an diese Mittheilungen reihte sich dann auch die Schilderung des grausen Bürgerkrieges, der seine Wogen verheerend über die glücklichen Gefilde gewälzt und Vater und Sohn in den Schlund des Todes gerissen hatte....

Bitter, bitter war der Kelch, den die Majorin, Tropfen um Tropfen, bis auf den Rest leeren mußte, und der stolze, starre Nacken beugte sich tiefer und tiefer, bis die Stirn auf die Arme sank, die sich auf der Tischplatte verschränkten.... So verharrte sie, als sei alles Leben aus ihr gewichen.

Sie hob auch den Kopf nicht, als plötzlich durch die offenen Fenster von der Straße herüber ein wüster Lärm Mercedes’ Mittheilungen unterbrach und Hannchen eintrat; sie meldete tieferregt, daß ein Zusammenlauf vor dem Klostergute stattfinde – Arbeiterfrauen hätten jammernd und schreiend die Nachricht gebracht, daß eine Kohlenwand im Bergwerke plötzlich eingestürzt, und ein furchtbarer Wasserschwall unaufhaltsam in die Gruben brause.

„Lassen Sie mich!“ murmelte die Majorin fast drohend und kaum die Stirn emporhebend, als Donna Mercedes ihr sanft die Hand auf die Schulter legte, um sie zu vermögen, sich aufzurichten. „Was geht das mich an? Der Mann hat über und übergenug“ – unbewußt wiederholte sie jetzt denselben Ausspruch, der sie einst im Munde ihres Sohnes empört hatte – „und wenn er nicht ein einziges Kohlenstück mehr gewinnt, er kann’s verschmerzen. Was ist der Verlust des Erdenplunders gegen die Schmerzen, die ich leiden muß! – O! Fahren Sie fort!“ – Sie drückte die Augen wieder auf die Arme und an Mercedes’ unterbrochenen Bericht anknüpfend, sagte sie schwerathmend: „Mein Sohn, mein armer Sohn erhielt den Schuß in die Brust auf der Schwelle seines brennenden Hauses –“ „Ja – und Jack rettete ihn und schleppte ihn auf dem Rücken in den nächsten Busch.“ – Und weiter erzählte Donna Mercedes, wie der Verwundete unter unaussprechlichen Mühsalen wochenlang durch verwüstetes Gebiet von treugebliebenen Schwarzen nach ihrer Besitzung Zamora transportirt worden war, weil er gewünscht hatte, bei Frau und Kindern zu sterben. Sie schilderte seine Sehnsucht nach der Mutter, sein heißes Verlangen, sie zu versöhnen und seine Kinder unter ihren Schutz zu stellen.

Inzwischen war es auf der Straße wieder vollkommen still geworden. Hannchen war auf die Bitten der Kinder und einen zustimmenden Wink Donna Mercedes’ im Zimmer geblieben. Sie kauerte neben José’s Fahrstuhl; ihre finsteren Augen streiften mit feindseligem Ausdruck wiederholt die tiefgebeugte Frauengestalt in der Fensterecke.... Damals, als ihr Vater, der unglückliche Adam, verzweiflungsvoll bittend an der Schwelle ihrer Küche gestanden, war dieser Nacken unbeugsam gewesen; damals hatte die hartherzige Dame gemeint, mit einem Stückchen Kuchen, das sie gnädig seinem Kinde reiche, beschwichtige sie die wunde Seele des armen Bedienten.... Ueber das verhaßte Klostergut und seine habgierigen Bewohner brach jetzt die Strafe herein – in die Kohlengruben, um deren willen ihr Vater den Tod gesucht hatte, stürzte eine unterirdische Wasserfluth und ersäufte die goldbringenden Schächte, und die Hochmüthige, die Harte dort, die wie eine tiefzerknirschte Büßerin die Stirn nicht wieder zu erheben wagte, sie weinte dem einzigen Sohne nach, den sie nie wiedersehen sollte.

Und von der Frau weg fuhr plötzlich der Blick des Mädchens auffunkelnd nach der Zimmerwand, an der sich die grüne Polsterbank hinzog. Sie erhob sich lautlos vom Boden, wie ein emportauchender Geist, starr das Schnitzgeflecht über der Bank fixirend, und der faul auf den Teppich hingestreckte Hund hob leise knurrend den Kopf von den Pfoten und schien die Ohren zu spitzen.

„Aber den Brief meines unglücklichen Bruders kann ich Ihnen leider nicht ausliefern – er ist mir hier, zu meinem Schmerz, nebst anderen wichtigen Familienpapieren entwendet worden,“ schloß Donna Mercedes mit sinkender Stimme ihre Mittheilungen, während die Majorin sich langsam emporrichtete.

„Siehst Du die Staubwölkchen dort auffliegen, José?“ flüsterte Hannchen in diesem Augenblick dem Knaben zu und zeigte mit dem ausgestreckten Arm nach der Wand. „Und horch, wie es tappt! – Jetzt kommt es wie tastende Finger an das Holz – hörst Du’s? – Du denkst wohl, das sei ein Mensch? – Bewahre – die Mäuse sind’s, die Mäuse! Die Leute sagen so, und dann muß es wohl wahr sein.“

Und auf den Zehen, athemlos, und so rot im Gesicht, als stürme ihr das ganze jugendheiße, hochwallende Blut nach dem Kopfe, trat sie der Wand näher, und Pirat erhob seine mächtige Gestalt und stellte sich knurrend und lauernd an ihre Seite, als wolle er sich im nächsten Moment mit gewaltigem Sprung auf das hervorkommende Nagethier stürzen.




34.

Obgleich die entsetzliche Katastrophe in den Kohlengruben seit mehreren Tagen mit deutlich vernehmbarem Finger geklopft und sich angemeldet hatte, waren die Leute doch unbeirrt aus- und eingefahren, denn die verschriebenen Techniker von Ruf, die der Gefahr vorbeugen sollten, wurden nunmehr jede Stunde erwartet, und „gar so eilig werde es ja der Tückebold da drunten nicht haben“, hatten die Leichtsinnigen, den Herrn Rath an der Spitze, sorglos gemeint.

Die Frauen der Grubenarbeiter waren gerade mit dem Mittagsbrode für ihre Ehemänner durch das kleine Thal gegangen, als plötzlich ein dumpfes Dröhnen den Boden unter ihren Füßen erschüttert hatte. Gleich darauf waren ein paar schreckensbleiche Männer aus den Gruben zu Tage gefahren, um das furchtbare Geschehniß zu verkünden. Sie hatten sich noch retten können; wie es um die Anderen stehe, deren angstvolles Hülferufen bis zu ihnen gedrungen war, darüber hatten sie nichts zu sagen gewußt – nur die Thatsache, daß das Wasser als unermeßlicher Schwall drunten hervorstürze und binnen Kurzem Alles ersäufen müsse, war als das Unumstößliche von ihrer schreckgelähmten Zunge wiederholt hervorgestammelt worden.

Was im ersten Augenblicke an Ort und Stelle zur Rettung der Verunglückten gethan werden konnte, war sehr wenig; der größte Theil der Arbeiter befand sich in den Gruben; kaum einige Mann standen dem Inspector zur Verfügung, aber die Weiber rannten in Sturmeseile, alarmirend und laut jammernd, durch die Stadt nach dem Klostergute und drangen, umringt von einem immer stärker anwachsenden Menschenschwarm, bis in die Hausflur.... Ein zeterndes Wehklagen, in welches sich das unwillige und drohende Gemurmel der mitgelaufenen Menschen mischte, hallte schauerlich von den alten Wänden wieder. Die Knechte

[501] und Tagelöhner kamen aus dem Hinterhofe herbeigestürzt, die Mägde aber verriegelten die Thür der Küche und verkrochen sich – sie glaubten nicht anders, als die aufgeregte Menge wolle den Herrn Rath massacriren.

Man klopfte nicht, sondern schlug unter Fluchen und Drohungen mit derber Faust an die Thür der Amtsstube, als der fahrlässige Grubenbesitzer nicht sofort erschien. Da flog drinnen der Riegel zurück, und der Rath trat auf die Steinstufe heraus, ganz fahl im Gesichte vor Schreck und Bestürzung.

Zwanzig Kehlen zugleich schrieen ihm die Unglücksbotschaft zu. Dem sonst so kalten und ruhigen Manne wankten sichtlich die Kniee; er griff schweigend nach seinem Hute und schritt sofort durch die Leute, die sich ihm anschlossen, ohne daß er Kraft und Geistesgegenwart gefunden hätte, ihre lärmende Begleitung mit strengen Worten zurückzuweisen. Seine Knechte und Taglöhner und die beherzte Stallmagd liefen auch mit.

Von diesem Auftritt in der Hausflur hatte Mosje Veit keine Ahnung. Von dem Birnbaum herabgeklettert, war er nach der immer noch offenstehenden Gartenthür in der Mauer gelaufen und hatte sie zugeschlagen und verschlossen. Nun war die Tante gezwungen, in der Küchenschürze, ohne Hut und Shawl über die Promenade zu gehen, wenn sie auf das Klostergut zurückkehren wollte – es geschah ihr ganz recht; warum war sie fortgelaufen zu den fremden Leuten, die er und der Papa nicht ausstehen konnten.

Er hatte auch versucht, die bleichende Leinwand, die nicht gestohlen war, wie er gelogen, von den Pflöcken zu nehmen und sie zusammengerollt im Gebüsch zu verstecken; das gab einen heillosen Schrecken und Aerger für die Tante Therese, aber für seine Hände waren die starken flachshaltigen Weben doch zu schwer – den Spaß mußte er sich vergehen lassen. Er biß dafür die im Grase liegenden Frühbirnen eine um die andere an und warf sie wieder hin; schließlich griff er zu seinem an der Mauer lehnenden Blasrohr, um nach den Spatzen zu schießen.

Aber man kam ja gar nicht, um ihn zu suchen, wie das jeden Mittag geschah, wenn gegessen werden sollte, und es mußte doch längst Tischzeit sein. Er lief durch den Hof und guckte in die Ställe und in die Gesindestube. Die Thüren standen offen; das Vieh brummte und blökte, aber keine Menschenseele war zu sehen, und auf dem weißgescheuerten Tisch in der Gesindestube lag weder das große Hausbrod noch dampfte die mächtige Eßschüssel, die stets pünktlich, auf den Glockenschlag, gebracht wurde.

Auch die Küche war leer. Aus der Bratröhre quoll heißer Dampf, und auf dem Herde kochte der Suppentopf über – das brodelte, zischte und schäumte, und Veit schob kichernd vor innerer Wonne ein dürres Holzstück um das andere in das Feuer; es sollte brennen, brennen, bis kein Tropfen Suppe mehr im Topfe und der Braten in der Röhre zu Pulver verbrannt war. Die „dummen“ Mägde benutzten zu frech die Gelegenheit, wo die Tante für den Moment nicht zu Hause war, und standen irgendwo und klatschten. Und richtig, als er in die Hausflur zurückkehrte, da sah er sie drüben am offenen Mauerpförtchen in lebhaften Verhandlungen stehen.

Das sollte aber auch gleich auf der Stelle der Papa erfahren; er sollte sie beim Klatschen und Faullenzen erwischen.

Veit klopfte an die Thür der Amtsstube; denn in der letzten Zeit hatte sie der Rath stets verschlossen gehalten, auch wenn er im Zimmer war – er behauptete, man laufe ihm neuerdings zu direct und ungenirt in seine Arbeitsstube und störe ihn um jeder Lappalie willen.

Aber das Klopfen wurde nicht beachtet; und so versuchte Veit mit der Thürschnalle zu rasseln – knarrend fiel die Thür zurück; sie war nicht verschlossen gewesen, und der Papa mußte fortgegangen sein – das Zimmer war leer.

Für Mosje Veit war das eine kostbare Entdeckung. Er kramte für sein Leben gern in der Amtsstube, in den alten Scharteken, die sich auf den unteren Brettern der Bücherrepositorien hinreihten, und von denen viele alte Holzschnitte enthielten. Er trat auch oft auf die Gallerie und predigte über das Geländer herab in plärrendem Kanzelton, als sei die Amtsstube von einem andächtigen Auditorium erfüllt. Manchmal war es ihm auch geglückt, den Wandschrank auf der Gallerie zu öffnen und die alten zinnernen Orgelpfeifen, die pausbäckigen Holzengel an das Tageslicht zu schleppen.

Er lief spornstreichs die wenigen Stufen hinauf – plötzlich blieb er stehen; seine intelligenten Augen funkelten, wie die eines Fuchses, dem eine willkommene Beute zuläuft – da war ja wieder einmal dem Heiligen auf der Holzwand der Arm ausgerissen. Der Spalt, der so unbarmherzig das segnend ausgestreckte Glied von dem Rumpfe schnitt, erwies sich zwar diesmal kaum halb so breit und gähnend wie neulich, aber er war doch sichtbar und lief in scharfer Linie durch die Holzschnitzerei bis hinunter auf die Dielen, wie eine Thürluke.

war mit dem Eßzeug gekommen und hatte dabei über das verwunderliche Ereigniß in der Parterrewohnung und den „gnädigen Herrn“ berichtet, der „eben in den Salon getreten sei“.

Seitdem hatte sie ihren Mann wiederholt brieflich aufgefordert, sich mit ihr über die Renovirung im Holzsalon, die der stattgehabte Scandal nöthig mache, zu verständigen, da ja auch ihr Interesse dadurch nahe berührt werde, und die Antwort hatte kurz und bündig gelautet, daß man anständiger Weise erst die Beerdigung im Nachbarhause abwarten müsse, ehe man mit dem Handwerkerlärm beginne.

In das Säulenhaus war Baron Schilling nicht wieder gekommen, aber auf dem Klostergute war er gewesen. Er hatte lange in der Amtsstube gesessen und eine eingehende Besprechung mit der Majorin gehabt, und bei seinem Nachhausekommen hatte der Gärtner mit Beihülfe des Hausknechtes sofort vor seinen Augen einen schmalen Durchgang in den Zaun hauen müssen, der das Schilling’sche Gebiet vom Klostergute trennte.

Tiefgereizt hatte die Baronin von der Terrasse aus dem Beginnen zugesehen, sie war ja notorisch die Besitzerin des Schillingshofes, ohne ihre Genehmigung durfte kein Strauch versetzt, kein Beet verändert werden. Und nun gerirte er sich dort als alleiniger Besitzer – unerträglich! Er durchbrach eigenmächtig die wohlthätige Schranke, die das „Bauernelement“ von dem vornehmen Boden geschieden, und suchte offenbar einen intimen nachbarlichen Verkehr einzuleiten, und das in einem Augenblick, wo es offenbar geworden, daß „die Menschen da drüben“ in ehrloser Weise die Schillings um eine werthvolle Acquisition gebracht hatten.... „Er ist verrückt!“ hatte sie gesagt und hastig nach Hut und Handschuhen gegriffen, um hinunterzugehen und auf Grund ihrer Rechte ein energisches Veto einzulegen; allein die Stiftsdame war ihr zuvorgekommen. Sie hatte sich an die Glasthür gestellt und mit unerschütterlicher Ruhe erklärt, sie gebe es nicht zu, daß sich ihre „Schutzbefohlene“ einer Blamage vor der Dienerschaft aussetze; denn daß ihr sofort eine eclatante Zurückweisung da unten entgegengeschleudert werde, lasse sich nach dem neulichen Auftreten des rücksichtslosen Mannes im Atelier ohne Mühe voraussagen.

So hatte die Baronin voll kochenden Aergers noch an demselben Abend sehen müssen, wie die Majorin durch die Zaunbresche herübergekommen und in das Säulenhaus gegangen war.

Die Versöhnung hatte sich also vollzogen; der Plan war durchgeführt worden, obwohl die Frau Baronin ihn durch ihre Reise zu vereiteln gesucht hatte. Sie war nicht vermißt worden; kein einziger Brief hatte sie gebeten, zurückzukehren – sie hatte immer noch an starren Trotz geglaubt; nun sah sie, daß man ihrer gar nicht gedacht hatte. Sie hätte weinen mögen vor Groll und Ingrimm.




37.

Der Rath Wolfram und sein kleiner Sohn ruhten seit gestern im Erdbegräbnisse an der Seite der „armen stillen Frau Räthin“. Die beiden Verstorbenen waren am frühen Morgen ohne alles Aufsehen beigesetzt worden.

Auf den Höfen des Klostergutes herrschte wieder der Oekonomielärm, als sei er nie unterbrochen gewesen. Das große Mauerthor stand tagsüber weit offen; die Knechte fuhren unermüdlich aus und ein – denn die Ernte hatte begonnen – und die Mägde hantirten mit erhitzten Gesichtern in den Ställen und am Kochherd, auf welchem in mächtigen Kesseln das Essen für die Erntearbeiter bereitet wurde.

Die Majorin überwachte Alles, wie sie es seit vielen Jahren gethan. Es war unmöglich, eine so große Wirthschaft, die bisher wie ein pünktliches Uhrwerk gegangen, mit einem Rucke zum Stillstehen zu bringen; da hieß es, geduldig den Faden abwickeln, und die aus allen Fugen gerüttelte Frauenseele bedurfte ihrer ganzen Willensstärke, um diese Aufgabe durchzuführen. Nur vom Milchverkaufe hatte sie sich dispensirt – das besorgten jetzt die Mägde in der Gesindestube; alles Geschäftliche bezüglich der Hinterlassenschaft des Rathes hatte sie vorläufig in Baron Schilling’s Hände gelegt, der ihr in diesen Tagen des Schreckens und der namenlosen Bedrängniß wie ein Sohn nahe getreten war. Sie hatte auch mit ihm vereinbart, daß der verhängnißvolle Gang vom Schillingshofe aus zugemauert werde; die Amtsstube und das Eßzimmer standen verschlossen – sie mied die zwei Schwellen im Gefühl innerlicher Scheu.

Nun kam Baron Schilling am Tage nach der Beisetzung, behufs einer vorläufigen Untersuchung, mit zwei Handwerkern, einem Kunsttischler und einem Maurer, in den Holzsalon. Er hatte Donna Mercedes vorher benachrichtigt und fand deshalb den Salon leer, aber die Thür nach José’s ehemaligem Krankenzimmer und der anstoßenden Kinderstube war nicht fest geschlossen; man hörte das Geplauder der spielenden Kinder von dort herüber.

Der Tischler schlug die Hände zusammen über das zerstörte kostbare Kunstwerk der Holzschnitzerei, und der Maurer untersuchte die dahinterliegende glatte, braune Thür an der Innenseite. Die alten Mönche seien Schlauköpfe gewesen, meinte er und zeigte auf verschiedene kleine Schieber und Riegel auf der Fläche. Auch ohne eine der Thüren – die durchsichtige sowohl, wie die feste, glatte – zu öffnen, hatte man durch kleine Rundungen zwischen übereinandergeflochtenen Ranken, oder im Kelche einer Blume, den ganzen Salon übersehen können. Und diese verschiebbaren kleinen Platten liefen geräuschlos in sorgfältig eingeölten Rinnen und zeugten so unwiderleglich vom allerjüngsten Gebrauche. Die Polsterthür aber, von einem dicken unverwüstlichen Leder überspannt, hatte zu allen Zeiten jeden Schall zwischen den zwei Häusern aufgefangen, und zum Ueberfluß zeigte sich auch noch das Innere der Wand mit den geschnitzten Heiligen drüben in der Amtsstube durch Polsterwerk verkleidet.

„Die gnädige Frau Baronin!“ meldete während dieser Besichtigung plötzlich der Bediente Robert, und seitwärts tretend schlug er den Thürflügel zurück.

(Fortsetzung folgt.)




Moses Mendelssohn.
Ein Gedenkblatt für den sechsten September.

Auf die jetzt laufenden Jahrzehnte fällt ein Schimmer feierlicher Weihe durch die Jubiläen der großen Aufklärungs- und Wiedergeburtsepoche des vorigen Jahrhunderts. Nachdem wir im gegenwärtigen Jahre den hundertsten Geburtstag „Nathan’s des Weisen“ und den hundertfünfzigsten seines Dichters gefeiert haben (vergl. Gartenlaube Nr. 1 dieses Jahrgangs!), sind es an diesem 6. September nun auch hundertfünfzig Jahre, daß in einem elenden, noch heute vorhandenen Hofstübchen zu Dessau der arme Judenknabe geboren wurde, der später als Moses Mendelssohn einen der schönsten Ehrenplätze auf den Höhen der deutschen Geistesgeschichte errungen hat. In unserer mäkelsüchtigen Zeit ist die Bedeutung Mendelssohn’s vielfach unterschätzt worden, namentlich von einer Kritik, die an literarischen Erscheinungen der Vergangenheit nur die rein wissenschaftlichen Maßstäbe gegenwärtiger Erkenntnisse legt und an früheren Anschauungen, Doctrinen und Denksystemen nur das Ueberwundene und Abgewelkte in’s Auge faßt, nicht ihre geschichtliche Nothwendigkeit für die geistige Befruchtung und Vorwärtsbewegung der Welt, in welcher sie gewirkt haben. Gerade dieser letztere Punkt aber ist es, wodurch Mendelssohn erinnerungswürdig geblieben ist bis zum heutigen Tage und es auch ferner bleiben wird. Er hatte eine Sendung für sein Zeitalter und nicht für das unserige, aber wesentliche Errungenschaften unserer Epoche würden nicht möglich geworden sein, wenn die mächtige Gedankenarbeit der seinigen ihnen nicht die Bahn gebrochen hätte. Schon der Umstand, daß er beinahe drei Jahrzehnte hindurch der nächste Herzensfreund und Strebensgenosse Lessing’s bis zu dessen Tode gewesen ist, muß ihm ein warmes Andenken bei Allen sichern, die dem Lebensgange des großen Läuterers und Wiedererweckers unseres Nationalgeistes jemals eine tiefere Aufmerksamkeit gewidmet haben.

Aber auch über dieses Freundschaftsverhältniß sind in neuerer Zeit zum Nachtheil Mendelssohn’s zweifelnde und spöttelnde Bemerkungen geäußert worden, die eher alles Andere, als eine wirklich gewonnene Kenntniß dieser Beziehung verrathen. Denn in der That kann es eine ernstere und innigere, getreuere und ehrfurchtsvollere Zuneigung nicht geben, als Lessing sie bis an sein Ende für seinen „Herrn Moses“ gehegt. Aus zahlreichen Briefen erhält man die Ueberzeugung, wie hoch er die Ansicht und den Rath dieses Freundes geschätzt, wie viel er in den schwierigsten geistigen Fragen auf sein Urtheil gegeben und wie langjähriges Getrenntsein, wie alle Stürme des Lebens, aller Wandel der Jahre und der Verhältnisse die Frische und Herzlichkeit dieses Bündnisses nicht zu trüben vermochten. Wie beide Männer in einem und demselben Jahre geboren waren, wie sie Beide, jeder auf anderen Wegen, im Kampfe mit der Armuth, aus dem Dunkel gedrückter Verhältnisse zu hohen Bahnen sich aufgeschwungen hatten, so blieben ihre Hände auch fest vereinigt, nachdem sie im Jahre 1754 sich zufällig gefunden hatten. Allerdings ist Lessing in manchen seiner Kämpfe und in Betreff wesentlicher Hauptzielpunkte seines Wirkens von seinem Umgangskreise und auch von Mendelssohn nicht immer verstanden worden. Wenn man jedoch bedenkt, welche lange Zeit die Nachwelt brauchte, ehe ihr in dieser Hinsicht ein umfassendes Verständniß heraufgedämmert ist, so wird man die Einsicht bewundern müssen, mit welcher Mendelssohn jene Kluft bereits erkannte und die Ausfüllung derselben nicht von dem damals lebenden Geschlechte erwartet hat. Hier wie in einigen anderen Punkten ist dieser Philosoph wahrhaft ein Prophet gewesen, dessen Weissagungen sich erfüllt haben.

Lessing’s kühn vordringende Feuerseele mochte freilich bei dieser Lage der Dinge, der zahmen Bedächtigkeit eines noch verschüchterten Zeitgeistes gegenüber, oft von dem unbehaglichen Gefühl des Alleinstehens beschlichen werden. Keine seiner Aeußerungen aber deutet darauf hin, daß er deshalb ungerecht gegen seine Freunde geworden, verdrossen und hochmüthig auf dieselben herabgesehen und besonders jemals den Werth der Bundesgenossenschaft eines Mendelssohn verkannt hätte. Noch acht Wochen vor seinem Hinscheiden schrieb er ihm: „Daß Ihnen nicht Alles gefallen, was ich seit einiger Zeit geschrieben, wundert mich gar nicht. Ihnen hätte gar nichts gefallen müssen, denn für Sie war nichts geschrieben. Höchstens hat Sie die Zurückerinnerung an unsere besseren Tage noch bei dieser oder jener Stelle täuschen können. Auch war ich damals ein gesundes schlankes Bäumchen und bin jetzt ein so fauler knorrichter Stamm. Ach, lieber Freund, diese Scene ist aus. Gern möchte ich Sie freilich noch einmal sprechen.“

Die Entfernung zwischen Berlin und Wolfenbüttel war bei dem damaligen Zustande der Wege und Verkehrsmittel noch eine sehr beträchtliche und der Wunsch des kranken Freundes kaum zu erfüllen. Ein paar Jahre vorher aber (1777) hatte dennoch der schwächliche Mendelssohn die beschwerliche Reise im rauhen Novembermonat zurückgelegt, um Lessing nach seiner Verheirathung in seiner neubegründeten Häuslichkeit zu besuchen. „Sie scheinen mir jetzt,“ so schrieb er ihm vorher, „in einer ruhigeren, zufriedeneren Lage zu sein, und ich muß Sie in dieser besseren Lage Ihres Gemüths nothwendig sprechen.“

Es war das letzte Mal, daß die Freunde nach langer Trennung ein paar Tage in herzlicher Gemeinschaft verlebten, und die in sichtlicher Todesahnung geschriebene Schlußstelle des oben angeführten Briefes zeigt, wie sehr Lessing nach einer Wiederholung dieser Freude sich sehnte. Er starb aber schneller, als es erwartet wurde, und man weiß, wie die Liebe Mendelssohn’s diesen Tod überdauert hat. Tief ergreifend wirkt unter Anderem auf uns heute noch der denkwürdige Brief, den er auf die erhaltene Trauernachricht an den Bruder des Verstorbenen schrieb.

„Fontenelle,“ so heißt es da, „sagt von Copernikus: er machte sein neues System bekannt und starb. Der Biograph Ihres Bruders wird mit eben dem Anstande sagen können: er schrieb ‚Nathan den Weisen’ und starb. Von einem Werke des Geistes, das eben so sehr über ‚Nathan’ hervorragte, als dieses Stück in meinen Augen über Alles, was er bis dahin geschrieben, kann ich mir keinen Begriff machen. Er konnte nicht höher steigen, ohne in eine Region zu kommen, die sich unseren sinnlichen Augen völlig entzieht; und dies that er. Nun stehen wir da wie die Jünger des Propheten und staunen den Ort an, wo er in die Höhe fuhr und verschwand. Noch einige Wochen vor seinem Hintritte hatte ich Gelegenheit, ihm zu schreiben: er solle sich nicht wundern, daß der große Haufe seiner Zeitgenossen das Verdienst dieses Werkes verkenne; eine bessere Nachwelt werde noch fünfzig Jahre nach seinem Tode daran lange Zeit zu kauen und zu verdauen finden. Er ist in der That mehr als ein Menschenalter seinem Jahrhundert zuvorgeeilt.“

Wüßten wir also von Mendelssohn nichts weiter, als daß er Lessing mit einer im Ganzen so verständnißvollen Theilnahme durch die wichtigsten Stadien seines Lebens gefolgt und daß er unter zahlreichen Freunden dem Herzen Lessing’s stets der Nächste geblieben ist, so würde er für uns in Folge des aus dieser Thatsache sprechenden Zeugnisses schon ein Gegenstand lebhaften Interesses sein. Die respectvolle Liebe eines Lessing konnte sicher nur durch ausgezeichnete Eigenschaften gewonnen werden, und in der That waren in Mendelssohn ungewöhnliche Vorzüge vereinigt, die in uns heute noch dasselbe Gefühl erregen und durch die er sich aus seinen eigenen Wegen und aus seiner eigensten Natur und Bildung heraus unleugbare Verdienste um den Wiederaufschwung unserer Nation erworben hat. Nicht blos politisch, sondern auch in seinem Geistesleben war das deutsche Volksthum auf eine sehr niedrige Stufe der Verkümmerung herabgesunken, als die Sterne Lessing’s und Mendelssohn’s heraufzuleuchten begannen. Von Lessing zu sprechen, ist hier nicht die Aufgabe. Um aber den Einfluß Mendelssohn’s zu ermessen, braucht man nur eine seiner Schriften mit ähnlichen Erzeugnissen der vorhergegangenen oder gleichzeitigen deutschen Literatur zu vergleichen. Mit überraschender Deutlichkeit wird sich bei dieser Betrachtung der breite Strich zeigen, der ein Zeitalter der Abgestorbenheit von einer neuaufsprießenden Welt jungen Keimens und Werdens geschieden hat. An gelehrten und begabten Köpfen war ja kein Mangel in Deutschland, aber sie steckten zum allergrößten Theil noch tief in den überlieferten Anschauungen und Vorurtheilen einer engen und sklavischen Vergangenheit, und ohne Reiz und Schwung, trocken und schwerfällig, pedantisch und geschmacklos wie das Denken war auch die Weise des geltenden schriftlichen Ausdrucks. Für eine solche Literatur gab es in den Ständen der Ungelehrten noch kein Publicum, weil dem schriftstellerischen Bestreben die Erzielung und Verbreitung einer allgemeinen Bildung meistens gänzlich fern lag. Einzelne, namentlich Gellert, hatten mit verhältnißmäßig schönen Erfolgen eine Besserung angebahnt, aber ihre veredelte Form war noch nicht von einem neuen Gedankeninhalte, dem erweckenden Hauche einer auf Reform und Befreiung der Geister abzielenden Ideenrichtung beseelt.

Durchgreifend erfolgte der gewichtige Umschwung, welcher der Literatur auch außerhalb der sogenannten „Gelehrtenrepublik“ eine zahlreiche und andächtige Gemeinde schuf, erst mit dem Auftreten Lessing’s und der mit ihm wirkenden Schriftsteller, unter denen unbedingt Mendelssohn der bedeutendste war. Sein Stil hatte nicht den sprühenden und blitzenden Witz, nicht die machtvolle Lebhaftigkeit und glanzvolle Schärfe, das unmittelbar Packende und Ueberwältigende der Lessing’schen Schreibweise. Aber niemals war vor ihm im Interesse der Humanisirung und Aufklärung über wissenschaftliche und philosophische Gegenstände bei aller sorgfältigen Gründlichkeit so durchsichtig klar, so anmuthig fesselnd und gemüthsinnig, in einem so reinen, so elegant und doch so würdig dahinfließenden Deutsch geschrieben worden, wie er dies vermochte. Das griff in die Seelen und zog unwiderstehlich alle ernsteren Gemüther an, verscheuchte Gedankenlosigkeit, Rohheit und Stumpfsinn, hob die Blicke von der philisterhaften Alltäglichkeit in idealere Regionen und war vor Allem ein anregendes Beispiel und Muster für Mit- und Nachstrebende.

Ist die deutsche Sprache seitdem ein brauchbares Instrument für die wissenschaftliche Darstellung geworden und haben wir seitdem eine in edlerem Sinne popularisirte, das heißt jedem Gebildeteren verständlich und zugänglich gewordene Literatur, so ist das zum großen Theil den Schriften Mendelssohn’s und der arbeitsvollen Mühe zu danken, mit der er den Sinn für tiefere Bildung und geschmackvolle Schönheit des Ausdrucks in einer umnachteten und herabgedrückten Generation entzünden half. Daher sein Ansehen und Ruf, die außerordentliche Verehrung, deren er in weiten Kreisen der Nation sich erfreute und die wiederum Bedingung seines weiteren Einflusses wurde. Sein Wort hatte Geltung, und von Zeitgenossen der verschiedensten Classen ward er viel und mit eifriger Aufmerksamkeit gelesen.

Dennoch ist sein Einfluß nicht allein auf Rechnung seiner schriftstellerischen Thätigkeit zu setzen, er ging auch von seiner Persönlichkeit und seiner Erscheinung aus, von dem Interesse an seinem merkwürdigen Lebensgange und seiner wunderbaren Bildungsgeschichte. Aus der zurückgestoßenen und völlig abgeschlossen lebenden, seit länger als einem Jahrtausend unter einer unmenschlichen Behandlung schmachtenden und deshalb für verwahrlost gehaltenen Religions- und Stammesgemeinschaft, in der er geboren und erzogen war, hatte er auf die Bühne der großen und fremden Welt einen Charakter mitgebracht, dessen sittliche Hoheit und Reinheit, dessen ungekünstelte Würde und durchgebildete Humanität ein eigenthümlich verwirrendes und beschämendes Licht auf bis dahin sorgsam gehegte Lieblosigkeiten warfen. Schon Klopstock drückte dies in den Worten aus, die Bewunderung Mendelssohn’s sei anfänglich nicht frei von einer Verwunderung gewesen. Man schaute zu ihm auf, wie zu einem Phänomen und fühlte sich von Ehrfurcht ergriffen im Hinblick auf den langjährigen, ebenso schmerzensreichen wie heroischen Kampf, den er siegreich gegen die unerbittlich harten Schwierigkeiten bestanden hatte, welche unter den damaligen Umständen dem geistigen Aufstreben eines deutschen Juden, zumal eines so mittellosen, auf jedem seiner Schritte sich entgegenstellten. Gewiß, es war das eine unbeschreiblich herbe und traurige Jugend gewesen, und nicht wenige seiner unglücklichen Stammesgenossen mochten schon im Beginn eines ähnlichen Ringens an den unübersteiglichen Hindernissen gescheitert sein, ohne daß die Welt von ihnen erfahren hat. Der gebrechliche, körperlich überaus zartorganisirte Sohn des blutarmen dessauischen Thoraschreibers war jedoch von anderem Stoffe. Ihn hatte der feindselige Druck nicht brechen, nicht einmal beugen oder verbittern können. Mit gestählter Seelenkraft, mit dem sonnenklaren Geiste und der heiteren Gemüthsruhe des philosophischen Denkers war er aus demselben hervorgegangen, erfüllt und beschwingt von jenen hohen Gedanken vorurtheilsfreier Menschenliebe, jenen Grundsätzen der Humanität und des Menschenrechts, welche der Geist des Jahrhunderts als Programm auf seine Fahnen geschrieben und die er in seinen Schriften und nach den übereinstimmenden Zeugnissen vieler Zeitgenossen auch in seinem ganzen Wandel bekundet hat. Aus dem obscuren Talmudschüler, der aus einer elenden Dachkammer Berlins in unbelauschten Nachtstunden erst mühsam die deutsche Sprache erlernt hatte, war ein gefeierter Schriftsteller der deutschen Nation geworden.

Hier aber trat im Leben des Mannes ein für seinen Werth und seinen geschichtlichen Einfluß sehr bezeichnender Punkt hervor. Als die Liebe und vertrauensvolle Anerkennung der Besten und Gebildetsten ihn weit über den einschnürenden Bannkreis hinauszog, der das jüdische Leben umschloß, wandte er sich nicht fremd und vornehm von den Seinigen ab. Seine eigentliche Heimath blieb in ihrer Mitte, und in all seinem literarischen Glanze theilte er mit ihnen das schimpfliche Elend ihrer bürgerlichen Lage. Noch hatte kein Einziger von den neuen Humanitätsaposteln Zweifel gegen die Berechtigung dieser systematischen und in der That sehr raffinirten Niedertretung eines Bevölkerungstheiles zu äußern und eine Abstellung wenigstens ihrer empörendsten Maßregeln zu fordern gewagt. Was sie unterließen, das aus seiner Kenntniß heraus zu thun fühlte Mendelssohn sich verpflichtet und berufen. Er war es, der zuerst im Namen der ewigen Menschenrechte gegen jene Menschenentwürdigung Protest erhob, in Betreff derselben das Schamgefühl des öffentlichen Gewissens weckte und die Angelegenheit auf die Tagesordnung der großen Zeitfragen stellte. Und während er so mit eingreifendem Erfolg den Nachweis führte, daß die politische Befreiung seiner Leidensgenossen eine unabweisbare Aufgabe der fortschreitenden Gesittung sei, war ein sehr erheblicher Theil seines Wirkens dem methodischen Bestreben gewidmet, dieselben durch allmähliche Hebung ihres zurückgebliebenen Bildungszustandes für die Befreiung empfänglich und des Eintritts in die bürgerliche Gesellschaft würdig zu machen. Wenn die für Staat und Gesellschaft sicher nicht segensreich gewesene Scheidewand gefallen ist, welche die jüdischen Einwohner von der deutschen Cultur geschieden hatte, wenn sie den hemmenden Verschrobenheiten des mittelalterlichen Rabbinismus immer mehr sich entwunden haben und zum überwiegenden Theile Deutsche geworden sind, so war es Mendelssohn, der zu dieser culturgeschichtlich bedeutsamen Wendung den ersten und nachhaltigsten Anstoß gegeben hat.

Alles hier Bezeichnete läßt sich im Einzelnen deutlich nachweisen, wie sich überhaupt aus hundertfältigen Aeußerungen in Wort und That noch heute die wohlthuenden Züge der gefühlsinnigen Menschenfreundlichkeit, des schlichten, feinen und hohen Sinnes, jener milden, aller Gewöhnlichkeit und aller niedern und selbstischen Leidenschaft enthobenen Weisheit erkennen lassen, die sich in dem Freunde und Genossen Lessing’s mit unbeugsamer Entschiedenheit gewonnener Ueberzeugung und aller Schärfe und Mannhaftigkeit selbstständigen Urtheils vereinigt hatten. In einer Zeit, deren lebendige Ueberlieferungen noch von dem seltenen Zauber dieser entschwundenen Erscheinung zu erzählen wußten, hat daher auch Niemand bezweifelt, daß sie das Urbild des Lessing’schen „Nathan“ gewesen sei. Diese Annahme ist neuerdings von hervorragenden Seiten her bestritten worden, und zwar insofern mit Recht, als es sich um Beseitigung der trivialen Sage handelt, der Dichter habe in der Gestalt des „Nathan“ seinen Freund verherrlichen und ein Conterfei desselben auf die Bühne stellen wollen. So allerdings lag die Sache nicht. Um aber die Ueberzeugung zu gewinnen, daß Lessing dennoch bei der Gestaltung jenes erhabenen Charakters das Seelenbild und die Denkungsart des „Berlinischen Socrates“ bis auf die Weise seines Ausdruckes vorgeschwebt, braucht man nur die Schriften und Briefe Mendelssohn’s mit einiger Aufmerksamkeit gelesen zu haben.

Von diesen Schriften gehören die größeren Werke „Phädon“ und „Morgenstunden“ allerdings einem überholten Stadium philosophischer Beweisführung an, und sie üben nur noch eine sittlich erhebende Wirkung durch das Edle ihrer Form und Absicht. Unvergänglich wahr und frisch aber wird für alle Zukunft sein letztes Buch „Jerusalem“ bleiben, in dem er das jetzt noch so viel bestrittene Menschenrecht unbedingter Glaubens- und Gewissensfreiheit mit einer Gedankenschärfe und logischen Consequenz, einer Beweiskraft und Beredsamkeit vertheidigt hat, wie es vor und nach ihm von keinem Andern geschehen ist. Hätte er nichts vollführt als diese eine That, so würde sie schon seine Bedeutung zeigen für die Entwickelungsgeschichte des modernen Geistes.

Auf dem Postament des Friedrichs-Denkmals in Berlin sieht man eine sympathische Gruppe von Männern in bürgerlicher Tracht. Es sind dies die hervorragenden Denker und Dichter, welche dem Zeitalter des großen Königs sein geistiges Gepräge gaben. In ihrer Mitte jedoch vermißt der Kenner der Epoche mit Erstaunen einen der Besten dieser Zeit, die Gestalt des etwas verwachsenen Mannes mit der hohen Stirn, den leuchtenden Augen und dem orientalischen Gesichtstypus, aus dessen wohlbekannten Portraits uns noch gegenwärtig die bescheidene Anspruchslosigkeit und freundliche Sanftmuth eines durchgeistigten Wesens so anziehend entgegenblickt. Ein Vorurtheil, das er im achtzehnten Jahrhundert mit sichtlichem Erfolg als kleinlich und lieblos bekämpfte, hat ihm selber im neunzehnten Jahrhundert seinen Platz unter Denen verweigern können, die ihn einst mit Stolz zu den Ihrigen gezählt und ihm eine der ersten Stellen in ihren Reihen angewiesen hatten. Aus willkürlichem Belieben ist in dieser Ausschließung ein Unrecht begangen, das gegen die Wahrheit der Thatsachen verstößt und dem Urtheil der Geschichte widerspricht. Denn so lange es noch eine Geschichte deutscher Literatur und Gesittung giebt, wird sie Moses Mendelssohn einen der wirksamsten deutschen Männer im Zeitalter Friedrich’s nennen und ihm ein mehrseitig gewichtvolles Verdienst zuerkennen müssen um die fortschreitende Veredelung unseres nationalen Lebens, Denkens und Schaffens. Die Nation übt nur eine Pflicht gegen sich selbst, wenn sie sein Bild in den Kreis der deutschen Geisteshelden stellt, die der Jugend vorgeführt werden als Muster hochstrebender Idealität und willensstarken Gesinnungsadels.

Auf dem Namen Mendelssohn’s, der einst als ein armer Pariabursche in die Thore Berlins gewandert, ruht gegenwärtig auch in anderer Hinsicht noch ein besonderer Glanz. Seit lange gehören seine Nachkommen zu den durch Bildung und Wohlstand hervorragendsten Familien der Hauptstadt. Der Tondichter Felix Mendelssohn ist sein Enkel gewesen.

Albert Fränkel.



Aus vergessenen Acten.

Eine Criminalgeschichte von Hans Blum.

(Fortsetzung.)


„Wolf,“ schaltete Kern ein, „müßte vorangegangen sein, damit King bei seinem Angriff auf den Meister vor dessen Schrei oder Gegenwehr sicher gewesen wäre.“

„Herr Wolf ist wahrscheinlich auch vorangegangen,“ erwiderte Margret. „King brauchte blos zu sagen ‚Sie fürchten sich wohl, Meister?’ so ist er gewiß vorausgegangen. Wie sie nun bei der Kellertreppe waren, hat King den Armen plötzlich gefaßt, vielleicht gewürgt und dann zur steilen Kellertreppe hinabgestoßen und nun hat der letzte Kampf begonnen.“

„An Ihnen, Margret, ist ein Untersuchungsrichter verloren gegangen,“ rief Kern mit Feuer. „Aber beantworten Sie mir noch eine Frage: wie kommt es, daß Hark ein Licht für sich besitzt, wenn King nicht einmal eines hat?“

„Es ist wohl ein Geschenk von Hark’s Mutter,“ erklärte Margret. „Es ist auch ganz anders als die unseren.“

„Von was für Stoff ist denn Hark’s Kerze?“

„Von Stearin,“ erwiderte Margret.

„Von Stearin?“ wiederholte der Amtsrichter überlegend. „Kommen Sie – wir wollen nachsehen.“

Der Amtsrichter eilte nach dem Zimmer zurück, in dem der Bezirksarzt mit dem Todten beschäftigt war.

„Schon fertig mit dem Protokoll?“ fragte der Doctor verwundert.

„Es ist keine Zeit dazu,“ sagte der Amtsrichter hastig. „Ich habe eine andere Fährte und will sie verfolgen, so lange sie noch unverwischt ist.“

„Eine andere Fährte?“ fragte der Arzt erstaunt.

„Jawohl, Herr Bezirksarzt. Bitte, folgen Sie uns!“

Er ließ Margret mit der Leuchte wieder vorangehen, nach dem Keller. Der Arzt folgte. Unterwegs rief Kern einen der Gerichtsdiener heran.

„Sie stellen sich an die obere Treppe, in der ersten Etage!“ befahl er. „Wenn Jemand herunter will, so halten Sie ihn fest.“

Dann schloß Kern die Kellerthür auf. Er suchte eifrig mit Margret’s Lampe am Boden des Vorkellers, schien aber nicht zu finden, was er suchte. Endlich, nahe dem Eingang zum großen, eigentlichen Keller, rief er plötzlich: „Hier!“ stellte die Lampe auf den sandigen Boden, kniete nieder und wies mit dem Finger auf eine Anzahl weißlicher Tropfen im Sande. „Was ist das, Herr Doctor?“ fragte er.

Auch der Doctor beugte sich nahe über die erstarrten Tropfen, nahm einen auf, rieb mit dem Finger daran und prüfte dessen Geruch und Geschmack. „Stearin,“ sagte er dann ruhig, „weiter nichts.“

„Weiter nichts,“ wiederholte Kern lächelnd. „Aber vielleicht bilden diese harmlosen Stearintropfen die erste Einleitung zu einem Todesurtheil.“

Der Arzt sprang auf, und Kern erzählte ihm rasch, was er von Margret vernommen.

„Das Mädchen hat Recht,“ sagte der Doctor nach kurzem Nachsinnen. „So, allein so, wie sie den Verlauf der schaurigen Tragödie sich denkt, ist diese erklärlich und vereinbar mit dem Zustande des Todten. Alle Wunden gehen senkrecht. King ist erheblich größer, als der todte Meister war, während Bahring fast dieselbe Größe mit Wolf hat. Und alle Wunden, ohne Ausnahme – auch die ersten, die der Mörder seinem Opfer im Rücken, am Halse oder in der Schulter beigebracht haben mag, gehen von oben in die Tiefe. Nun vollends die späteren; da stand der arme Meister wahrscheinlich tiefer als der Mörder auf der Kellertreppe und wehrte sich waffenlos, so gut es ging. Da trafen alle Streiche senkrecht aus der Höhe wie Blitze in das Bischen Leben und löschten es aus.“

„Sie haben auch etwas Phantasie, Herr Doctor, wie die Margret – neben Ihrem scharfen Auge,“ sagte Kern.

„Hier ziehe ich aber wirklich nur die Linien zwischen den Punkten, die mir gegeben sind, Herr Amtsrichter,“ entgegnete der Doctor. „Ich habe auch noch andere Beweise. Folgen Sie mir nun einmal! Vielleicht habe ich auch für Sie eine Ueberraschung.“

Sie eilten wieder in das Schlafzimmer des Ermordeten.

„Sehen Sie hier diese Finger der rechten und linken Hand des Meisters! Sie schaudern. Bezwingen Sie sich. Beide Nägel wurden im letzten Kampfe halb abgerissen, als der Mörder aus den krampfhaft eingehakten Fingern seines Opfers sich gewaltsam befreite. Sehen Sie hier diesen grobfaserigen, blauweißen Baumwollenstoff, der an den Nägeln des Todten haftet! Wer trägt diesen Stoff und an welchem Kleidungsstücke?“

Margret war mit ihrer Leuchte ganz nahe herangetreten und hatte die Spuren des Zeuges, das der Arzt vorzeigte, genau geprüft.

„Das sind Fasern aus King’s Unterbeinkleidern,“ rief sie bestimmt. „Er hat immer im Hause waschen lassen, ich besinne mich genau auf den eigenthümlichen Stoff. Sie werden sich selbst überzeugen, wenn Sie nachsehen.“

„Ich habe keine Bedenken mehr,“ sagte der Amtsrichter finster, wie wenn er einen Entschluß gefaßt hätte, bei dem Tod und Leben auf dem Spiele steht. „Gehen wir nach oben!“

Der Amtsdiener, der am Fuße der oberen Treppe stand, hatte inzwischen nichts Auffallendes vernommen.

Zuvörderst wurde indeß noch auf Befehl Kern’s der andere Diener, der unten in der Hausthür Wache hielt, von Margret heraufgerufen. Sie stellte, ehe sie herabeilte, ihre Lampe an den Hals der Treppe, die von der ersten Etage in die Hausflur des Parterre führte. Der Amtsrichter sah ihr nach; seine Augen blickten, als sie verschwunden war, sinnend in das Licht, das sie hatte stehen lassen, und neben dieses.

„Was ist das?“ fragte er plötzlich aufgeregt den Doctor und deutete auf den Boden, dicht neben die Lampe.

Eine schmale, aber deutlich erkennbare Spur von rothen Tropfen zog sich von der oberen Stufe der unteren Treppe durch den Flur der ersten Etage nach dem Standort, den der Gerichtsdiener am Fuße der oberen Treppe einnahm, und als diese Treppe flüchtig beleuchtet wurde, auch ihre Stufen aufwärts.

Margret kam jetzt mit dem andern Gerichtsdiener leise herauf, und Kern, vom Arzt begleitet, leuchtete eigenhändig die Treppe abwärts und weiter durch den Hausflur. Die rothen Tropfen führten weiter zur Kellerthür, die Kellertreppe hinab, bis zu der Stelle, wo Wolf in seinem Blute gefunden worden war. Sie zweigten in dem Hausflur des Parterre nach der Hofthür ab, nach der Thür der Damen, die der Mörder von außen verschlossen hatte, nach der Hausthür, durch die er, wie man früher annahm, entwichen war; sie verschwanden auf der Schwelle der Hausthür und setzten sich auch nicht fort auf der Schwelle der Hinterthür oder in den Hof.

„Was sind das für Flecken?“ fragte Kern von Neuem.

„Allem Anscheine nach Blutflecke,“ entgegnete der Arzt.

„Die uns zeigen, daß der Mörder innerhalb des Hauses geblieben und zu suchen ist,“ sagte Kern scharf. „Wir werden ihn suchen.“

Die schmale, blutige Spur führte sie zu dem, den sie suchten. Sie zog sich ununterbrochen bis zu King’s Schlafkammer.




Als der Amtsrichter mit dem Bezirksarzte in den Schlafraum der Lehrlinge trat, fuhren diese jäh auf aus dem kaum wiedergewonnenen Schlummer.

Noch ehe sie erwachten, hatte Kern jedoch hinter den von Margret erwähnten Spiegel über Hark’s Bett gegriffen und dort den etwa sechs Zoll langen Rest eines Stearinlichtes erfaßt und hervorgezogen. Er zeigte es dem Doctor mit bedeutsamem Blicke, ohne ein Wort zu sagen. Zahlreiche Körner gelben Sandes klebten längs der Kerze an dem heruntergelaufenen Stearin, namentlich auf der unteren Fläche, mit der sie vermuthlich in den Sand gestellt worden war, und größere röthliche Flecken, anzusehen wie der Abdruck blutiger menschlicher Finger, waren an der Seite derselben wahrzunehmen.

Die beiden Männer traten nun in die Kammer King’s; die Amtsdiener folgten ihnen auf dem Fuße.

Die Baronin erschien auf der Schwelle. Sie war in grauer Seide, hatte das große Goldkreuz auf der Brust und über dem blonden Scheitel eine weiße Barbe, die unter dem Kinn lose geschlungen war – ihr Gesicht erschien dadurch noch schmäler und länger, als es wirklich war.

Ihre Augen überflogen forschend das Zimmer, und auf den Wangen lag ihr ein schwaches Roth; dies wie das fieberische Funkeln ihres Blickes belebten die Erscheinung – die sonst mattgrauen Augensterne waren in diesem Augenblicke entschieden stahlfarben. Man sah, sie wollte imponiren; sie hielt den Oberkörper stolz und steif, als sei sie ihrer Rückenschwäche ledig.

„Ah, da bist Du ja, mein Freund!“ sagte sie sehr unbefangen. Sie erwiderte den ehrerbietigen Gruß der Handwerker mit einem kaum merklichen Kopfnicken und hielt ihrem Mann mit nachlässiger Grazie die Fingerspitzen hin. Sie schien gar nicht daran zu denken, daß sie ihn seit dem stürmischen Auseinandergehen im Atelier nicht wieder gesprochen.

Baron Schilling, der bei Robert’s Meldung rasch aus der Mauertiefe getreten war, empfing die Unerwartete mit kühler Zurückhaltung und berührte kaum die ihm hingestreckten Finger.

„Sieh da,“ bemerkte die Baronin, indem sie mit häßlichem Lächeln einen Blick auf das in dem Salon befindliche Instrument warf, „der Missethäter, der mir gleich am ersten Tage nach meiner Ankunft die heftigsten Nervenkrämpfe verursacht hat! Solch ein Klimperkasten – nimmt er sich nicht wunderlich aus, gerade in meinem Zimmer, Arnold? Er ist ein ausgesprochener Hohn auf mein ganzes Sein und Wesen. Hast Du gewußt, daß man dergleichen – Ueberfracht mitbringen würde?“

„Es wäre sehr überflüssig gewesen, mir das anzuzeigen“ versetzte er kurz. „Uebrigens ist dieses prachtvolle Instrument kein Klimperkasten, so wenig wie es in Deinem Zimmer steht – Du bewohnst die Beletage.“

„O, bitte recht sehr, mein Freund. Ich danke Gott, daß mit dem Vermauern dieses Spitzbubenweges der unheimliche Lärm verschwinden wird.“

„Es ist nicht Adam’s arme Seele gewesen, wie Du in Deiner Unfehlbarkeit apodiktisch festgestellt, und den ‚Spitzbubenweg’ haben Klosterbrüder angelegt, Clementine –“

„Verschwinden wird,“ wiederholte sie mit eintöniger, gleichmüthiger Stimme, seine boshafte Bemerkung völlig ignorirend. „Diese Räume habe ich in der ersten Zeit unserer Ehe bewohnt, und Du weißt, daß ich an meinen Rechten festhalte.... In der Beletage ist die Beleuchtung für meine empfindlichen Augen zu grell; ich muß hinter herabgelassenen Rouleaux; ohne frischen Luftzug halb ersticken. Hier dämpft der Säulengang wohlthätig das Licht. Das war der Grund, weshalb ich Dich wiederholt gebeten hatte, Dich wegen Beschleunigung der Reparaturen mit mir zu verständigen; Du wirst mir zugeben, daß ich auch ein Wort drein zu reden habe, wie und wann dieselben in Angriff genommen werden sollen – und deshalb bin ich jetzt gekommen. Ich brenne darauf, mich hier unten wieder einzurichten.“

Er lachte bitter und wandte ihr den Rücken, um die Handwerker zu entlassen, die ihre Untersuchung inzwischen beendet hatten. Ihnen auf den Fersen folgend, schien er mit den Leuten zugleich hinausgehen zu wollen.

„Nun – soll ich allein hier bleiben?“ rief sie empört, bewegte sich aber nicht von der Stelle; sie stützte vielmehr die Hand fester auf den Flügel, neben welchem sie stand.

„Hast Du mir noch etwas zu sagen?“ fragte er von der Schwelle aus zurück, nachdem die Leute das Zimmer verlassen hatten – er hielt das Thürschloß in der Hand. „Dann muß ich Dich bitten, mich in den Garten zu begleiten. Ich finde es nicht sehr anständig, so ungenirt in Räumen zu verhandeln, die uns augenblicklich durchaus nicht zur Verfügung stehen.“

„Mein Gott, wir haben ja doch nicht contractlich vermiethet. Uebrigens wird sich Dein Gast der Einsicht gewiß nicht verschließen, daß die Renovirung der zerstörten Wand an Ort und Stelle besprochen werden muß –“

„Wärst Du bei der Sache geblieben –“

„Aber ich bitte Dich, was habe ich denn Anderes berührt? Meine spätere Uebersiedelung in diese Wohnung ist ja eng damit verknüpft.... Uebrigens wirst Du mir zutrauen, daß ich diesen meinen Lieblingswunsch unterdrückt haben würde“ – sie sprach im Tone der ausgesuchtesten Höflichkeit – „wüßte ich nicht, daß die Mission im Schillingshofe zu Ende ist. Die Versöhnung ist erfolgt, notorisch erfolgt, wie ich mich täglich überzeuge; die Majorin Lucian wird ihre Enkel voraussichtlich in der Kürze reclamiren – dann steht die Wohnung hier leer, ehe man sich dessen versieht. Ich kann mir nicht denken, daß sich Frau von Valmaseda auch nur einen Tag länger, als absolut nöthig ist, in unserem einfachen Hause genügen läßt. Die Dame hat ihrem verstorbenen Bruder der Opfer genug und übergenug gebracht, wie ich recht gut einsehe. Und Du wirst ihr eben so wenig zumuthen, zu bleiben –“ „Ich?!“ – Seine Hand ließ das Thürschloß los, und er trat in das Zimmer zurück. – „Wie möchte ich auch nur um eine Linie die Befugnisse überschreiten, mit denen Felix mich betraut hat! Darüber hinaus habe ich keine Macht – noch weit weniger aber habe ich den Willen, sie zu erlangen und auszuüben.“

„Nun, dann wären wir ja einig, mein Freund! Und Frau von Valmaseda wird ohne Zweifel entschuldigen –“

In diesem Augenblicke wurde die Thür des Nebenzimmers weiter geöffnet, und Donna Mercedes trat heraus. Sie hatte bis dahin wohl nicht die Absicht gehabt, sich sehen zu lassen, denn ihre gewaltige Haarfluth, die sonst das Netz bändigte, war nur lose mit einem Kamm aufgenommen; er lief als breite, goldene Spange durch die blauschwarzen Strähne und ließ da und dort lockige Enden und Ringel nach dem Nacken, gegen die Stirn und Schläfen entschlüpfen.

„Ich habe nichts zu entschuldigen; Sie sind vollkommen in Ihrem Recht, Frau Baronin,“ sagte Donna Mercedes, die Herrin des Schillingshofes mit stolzem Kopfneigen begrüßend. „Ich sehe auch ein, daß die Verunstaltung Ihres Salons so schnell wie möglich beseitigt werden muß, und doch bin ich gezwungen, Sie noch für einige Tage um Aufschub zu bitten, so schwer es mir auch wird. Mein kleiner Neffe ist noch nicht erstarkt genug, um den Lärm und die Unruhe des Hôtellebens ohne Schaden zu ertragen – der Arzt ist augenblicklich entschieden gegen einen derartigen Wohnungswechsel.“

Die Baronin ließ ihre halbgeschlossenen Augen verstohlen, aber rastlos musternd an der frappanten Erscheinung auf- und niedergleiten. Sie hatte sich eben noch der größten Höflichkeit, des sanftmüthigsten Tones beflissen, allein nichts war mehr geeignet, ihr die Stimmung zu vergiften, als der Anblick einer schönen Frau. Und diese Amerikanerin war, in der Nähe betrachtet, von einer wahrhaft erschreckenden Schönheit. Gab es wohl einen herrlicheren Anblick, als dieses fluthende, auf dem Scheitel lässig zusammengefaßte Haar, wie es den feinen, stolz getragenen Kopf umwogte, kaum das pikante, kleine, von den mächtigen Sonnenaugen gleichsam durchleuchtete Gesicht und einen schmalen Streifen des zarten Halses freilassend? Das entschied.

„Das Wolfram’sche Haus dürfte im Augenblick an Stille nichts zu wünschen übrig lassen, denn die Frau Majorin Lucian bewohnt es allein,“ sagte die Baronin mit niedergeschlagenen Augen und harmloser Miene, „aber es eignet sich selbstverständlich nicht zum Aufenthalt einer eleganten Dame.“

„Das ist’s nicht,“ fiel Donna Mercedes ein. „Ich würde viel leichter dort hinübergehen, als ich mich jetzt anschicke, meine Bitte zu wiederholen. Aber es geschieht um meines Bruders Kinder, nicht für mich. Ich erfülle nur meine Pflicht, wenn ich sie nicht in das düstere, dem frischen Luftzug schwer zugängliche Haus bringe, in welchem sie sich obendrein fürchten und ängstigen. Auch die Großmama wünscht es durchaus nicht.“

Baron Schilling war inzwischen an den Flügel getreten. Er blätterte in einem Notenheft.

„Wozu diese sehr überflüssigen Erörterungen! Und wie mögen Sie vom Hôtel sprechen, gnädige Frau?“ fiel er kühl ein, ohne von den Noten aufzusehen. „Stehen Ihnen nicht meine Zimmer, in welchen Frau Lucile gewohnt hat, unumschränkt zur Verfügung, so lange es Ihnen nur irgend wünschenswerth erscheint, im Schillingshofe zu bleiben?“

„Ich danke, Herr Baron,“ lehnte sie kurz und schroff ab. „Es handelt sich, wie bereits gesagt, nur um Tage. Ich stehe im Begriffe, eine Villa nahe der Stadt zu kaufen –“

„Sie?!“ – Er ließ das Notenheft sinken, und ein dunkles Roth schoß in seine Wangen; „Sie standen ja neulich schon mit einem Fuße gewissermaßen auf den Schiffsplanken, – und nun wollen Sie plötzlich auf deutschem Boden Anker werfen? Auf deutschem Boden?“

„Ja, auf deutschem Boden, mein Herr,“ bestätigte sie trotzig. „Beabsichtigen Sie, mich Landes zu verweisen?“

„Das ist kein Privileg der Schillings,“ entgegnete er. „Mein Einwurf galt dem schnellen Wechsel der Stimmungen.“

„O, kommt da die Stimmung noch in Betracht, wo sich die Verhältnisse so jäh verändert haben?“ fiel sie ein; „ich habe die Mutter meines Bruders liebgewonnen; seine Kinder gehören nunmehr zu ihr. Diese drei Menschen sind die Einzigen, die ich noch besitze, die Einzigen, sage ich, die meinem Herzen theuer sind – und das entscheidet. Ich fühle, daß ich mich von ihnen nicht trennen kann. Darum werfe ich Anker auf deutschem Boden, den ich mehr als je verabscheue. – Wenn Sie meinen, darin habe sich meine Stimmung verändert, so ist das eine Illusion des germanischen Nationaldünkels.“

Sie hielt inne und strich sich mit der Hand über die Stirn – sie schien über ihre eigene Leidenschaftlichkeit zu erschrecken; dazu ruhte der Blick der widerwärtigen grauen Frau so aufdringlich und kaltlauernd auf ihr. Ihre ganze Selbstbeherrschung aufbietend, brach sie mit einer Geberde des Unwillens ab und fügte ruhiger hinzu. „Die Villa erinnert mich nach Stil und Lage an mein niedergebranntes Geburtshaus daheim, und im Sommer kann ich mich leicht der Täuschung hingeben, als sei ich nicht auf deutschem Boden. Die großen Treibhäuser sorgen für die südliche Flora, welche das Schlößchen umgiebt und sich bis unter die Waldbäume des umschließenden Parkes verirrt –“

„Sie wollen die fürstlich Trebra’sche Besitzung kaufen?“ unterbrach sie Baron Schilling betroffen, während die „Gnädige“ ihre Augen weit öffnete in einem Gemisch von Erstaunen, Aerger und unwillkürlichem Respect.

„Ja, mein Herr – ist das so verwunderlich? Glauben Sie, eine Dame könne keinen Kauf abschließen ohne vormundschaftlichen Rath und Beistand?... Ich kann Ihnen versichern, daß ich ganz genau weiß, was ich thue. Der Fürst geht nächste Woche nach Italien, um für immer dort zu leben, und der zwischen uns vermittelnde Agent versichert, die Parterrewohnung sei erst kürzlich neu decorirt worden; ich würde sie sofort mit den Kindern beziehen können.“

„Aber das trifft sich ja prächtig,“ sagte die Baronin sehr höflich, wobei sie sich zum Gehen anschickte. „Ich bitte Sie, nach wie vor diese Wohnung als Ihr einstweiliges Heim anzusehen.... Gegen Deinen Vorschlag freilich, bezüglich der Uebersiedelung in Deine Räume, lieber Arnold, müßte auch ich energisch protestiren, da ich nicht länger zugeben werde, daß Du in dem engen, heißen Oberbau des Ateliers bleibst. Es ist erdrückend schwül unter den niedrigen Zimmerdecken.“

„Beunruhige Dich nicht!“ versetzte der Baron ruhig. „Morgen geht meine neueste Arbeit nach Wien zur Ausstellung, und ich werde ihr nach höchstens zwei Tagen folgen, um dann in Kopenhagen, behufs neuer Vorstudien, einen längern Aufenthalt zu nehmen.“

„Mein Gott – und das erfahre ich erst in diesem Moment? Wie soll denn die Jungfer mit den nöthigen Vorbereitungen fertig werden? Und meine Reisetoilette – verzeihe, Arnold, aber diese Ueberstürzung ist denn doch ein wenig rücksichtslos.“ Sie zog mit hastigen Händen die Zipfel der Barbe fester unter dem Kinn zusammen und nahm eiligst die Schleppe auf. „Dann habe ich aber auch nicht einen Augenblick zu verlieren, wenn ich zur rechten Zeit reisegerüstet sein will –“

„Du wirst doch nicht denken, daß ich Dir zumuthe, mich zu begleiten?“ unterbrach er sie. „Du fühlst Dich kränker als je, wie Du mir sagst; das nordische Klima sagt Dir nicht zu – auch bist Du kaum heimgekehrt –“

„Gleichviel, ich gehe unter allen Umständen mit.“

„Wir werden sehen.“ Er sagte das kurz und schroff und verabschiedete sich mit einer tiefen, ernsten Verbeugung von Donna Mercedes, die regungslos auf ihrem Platze verharrte, während auch die Baronin, kaum mit einem Augenwinken grüßend, das Zimmer verließ.

Donna Mercedes hörte, wie sie draußen die Flurhalle durchschritten und die nach dem Garten führende Thür unverweilt öffneten. Ohne kaum selbst zu wissen, daß sie es that, ging sie hinaus in den Corridor und trat in das gegenüberliegende Fenster. Dort unter den Platanen gingen sie hin. Die graue Frau hing vertraulich am Arme ihres Mannes. Ein Nebel legte sich vor Donna Mercedes’ Augen – sie drückte sich tief in die Ecke der Fensternische, und heiße Thränen rollten ihr unaufhaltsam über das stolze Antlitz.




38.

„Deine Hand fiebert,“ sagte die Baronin, während sie draußen auf der Freitreppe des Säulenhauses ihren Arm in den ihres Mannes schob und seine Rechte dabei streifte. „Du bist ernstlich böse, wie mir scheint, setzte sie hinzu, indem sie sich noch fester an seinen Arm hing. „Und ich habe doch im Grunde nichts verbrochen. Hast Du wirklich das Recht, von mir zu verlangen, daß ich eine treue, aufopfernde Freundin ohne Weiteres vor die Thür stoße, weil sie Dir antipathisch ist?“

„Das Recht habe ich in diesem Falle unbedingt.“

„Arnold, Niemand leidet mehr unter dem Verhältniß Adelheid’s zu unserm Hause, als ich selbst. Aber das ist ja nun zu Ende. Eine bessere Gelegenheit, sie loszuwerden“ – ihre Stimme sank zum Flüstern herab, und sie sah sich scheu um, ob kein Horcher in der Nähe – „läßt sich nicht denken. Wir verreisen eben, und es bedarf nur Deines ausdrücklichen Befehls, daß ich Dich begleite – –“

„Und Du glaubst wirklich, ich spreche den Befehl aus?“ Er zog seinen Arm, den sie umschlungen hielt, straff nieder und blieb stehen – bis dahin hatte er dem Atelier so eilig zugestrebt, daß sie sich kaum an seiner Seite zu halten vermochte.

„Allerdings wirst Du das thun,“ bestätigte sie kategorisch.

Er lachte bitter auf.

„Ich reise allein, jetzt und immer! Und auch Du hast die vollkommene Freiheit, zu gehen, wohin Du willst. Ich habe mich ja schon jedes Einspruchs begeben, als Du nach Rom gingst, ohne meine Einwilligung auch nur mit einem Wort nachzusuchen. Ich ließ Dich widerspruchslos gewähren mit dem festen Vorsatz, daß es fortan zwischen uns auch so bleiben solle.“

„Ich will diese Freiheit nicht, und Dir gestatte ich sie nicht.“

Er lächelte statt jeder Antwort und schritt nach dem Atelier. Sie hielt sich eng an seiner Seite. Die Thür des Wintergartens stand offen, und sie traten ein. Es war schwül drinnen; keine der Fontainen sprang; Baron Schilling hatte sie vor einigen Stunden selbst geschlossen, weil ihm ihr Rauschen störend gewesen war. Er trat an das große Bassin und gleich darauf zischte die silberfunkelnde Wassergarbe empor und durchstäubte erfrischend die schwere, balsamische Luft.

Die Baronin eilte mit der flinken Geschäftigkeit einer sorglichen Hausfrau helfend zu den zwischen den Pflanzen halb versteckten kleinen Steinmulden und ließ die Fontainenstrahlen eine nach der andern aufsteigen.

„Das ist sehr hübsch,“ sagte sie, mit den Augen die glänzenden Wasserbogen verfolgend, die sich über ihrem Haupte wölbten, um in das große Bassin niederzusinken – sie ließ sich gefällig zu einem Lob herab. „Ich habe keine Ahnung von dieser netten Spielerei hinter den Glaswänden gehabt, sonst hätte ich doch vielleicht meine Aversion vor dem Atelier unterdrückt und wäre manchmal hierher geschlüpft, um in Deiner Nähe zu sein. Nun, wenn wir zurückkommen!“

Er schwieg; kein Zug seines Gesichts bewegte sich, während er umherging und sorgfältig die Röhren wieder schloß, die sie aufgedreht hatte.

„Das macht zu feucht,“ bemerkte er kurz. „Es war ein Fehler, so viel Wasser neben dem Atelier zu sammeln –“

„Ist denn der Zufluß so erheblich?“

„Er ist so bedeutend, daß mein Arbeitslocal bei irgend einem Versehen sehr schnell unter Wasser gesetzt werden könnte.“ Damit wandte er sich ab und schob den Velourvorhang hinter der offenen Glasthür zurück, um in’s Atelier zu gehen.

„Ei, das könnte uns in diesem Augenblicke noch fehlen!“ rief sie, ihm auf dem Fuße folgend. „Drüben im Hause die Zerstörung und hier – Apropos, mein Freund, nun gieb der Wahrheit die Ehre!“ – unterbrach sie sich und fiel leise in den nächsten Lehnstuhl. „Habe ich nicht Recht gehabt mit meiner Antipathie gegen diese amerikanische Einquartierung? Was Alles hat unser ehrbarer, stiller Schillingshof in dieser Zeit mit ansehen müssen! Die Flucht einer Ballettänzerin mit Hinterlassung von Schulden, eine tödtliche Krankheit, die auch mein Leben bedroht hat, als ich ahnungslos zurückkehrte, die Verwüstung in unserem schönen Holzsalon und unser eigenes Zerwürfniß um dieser fremden Leute willen. Und was ist der Dank für alle diese Misère, welche Du Dir und mir aufgebürdet hast? – Das impertinente, unverschämte Auftreten dieser arroganten Baumwollenbaronin.“ Sie schüttelte, leise und boshaft in sich hineinlachend, den Kopf. „An dieser bronzefarbenen Schönheit hast Du keine Eroberungen gemacht, mein Freund. Sie hat Dir böse Dinge gesagt, häßliche Dinge – der ‚germanische Nationaldünkel’ war auch keine Schmeichelei.“

Er war längst hinter die Staffelei getreten. Das große Bild verdeckte ihn vollkommen, und so konnte sie nicht sehen, wie dieses kräftig gefärbte, ausdrucksvolle Männergesicht blaß wie der Tod wurde.

Die schlaff und bequem hingesunkene Frau sprach weiter, lächelnd vor innerer Befriedigung und unerschöpflich in der Schilderung der „ergötzlichen“ Scene, die sie kaum noch im Holzsalon erlebt, und dann richtete sie sich plötzlich aus ihrer lässigen Stellung auf und rief erschrocken. „Aber ich verplaudere hier die Zeit, und meine Jungfer sitzt drüben und liest, um die Nachmittagsstunden todtzuschlagen; sie hat keine Ahnung davon, daß die Arbeit bergehoch über sie hereinbricht. ... Im Ernst, Arnold, kannst Du nicht noch einen einzigen Tag zugeben?“

„Ich sagte Dir bereits, daß meine Abreise Deine gegenwärtigen Lebensgewohnheiten in keiner Weise stören wird,“ rief er ungeduldig herüber. „Wie oft soll ich wiederholen, daß ich allein reisen werde –“

„Thorheit! Ich gehe jetzt, um Adelheid zu benachrichtigen.“

Er trat rasch hinter der Staffelei hervor – jetzt fühlte sie, jäh zusammenschreckend, daß sie es mit einem unerbittlichen Gegner zu thun habe.

„Und ich“ – unterbrach er sie harten Tones – „ich werde Fräulein von Riedt schriftlich anzeigen, daß ich Dir unter keinen Umständen gestatte, mich zu begleiten, daß ich ‚Deine Seele’ – um mit ihrem klösterlichen Pathos zu sprechen – für heute und immerdar ihrer Obhut und Leitung widerspruchslos überlasse.“

Sie schnellte empor, als habe sie nie in ihrem Leben an Muskel- und Nervenschwäche gelitten, und trat ihm hochaufgerichtet gegenüber.

„Das wirst Du wohl bleiben lassen, mein lieber Arnold!“ sagte sie hohnvoll. „Ich habe Freunde, die schon seit lange sehnsüchtig die Arme nach mir herüberstrecken. Bin ich einmal in ihrem Bereiche, dann würdest Du mich – aber von mir will ich gar nicht reden! – ich meine Alles, was mit dem Namen Steinbrück verknüpft ist, vergebens reclamiren. Du stehst, der Schritt würde Dir ein wenig theuer zu stehen kommen.“

„Diese guten Freunde kenne ich,“ entgegnete er. „Es sind Dieselben, denen man glaubhaft zu machen gewußt hat, mein guter alter Vater habe Dich durch allerhand teuflische Künste und Blendwerk Deinem ursprünglichen, heiligen Berufe entrissen, um seinem Sohne eben jenes ‚Alles’, was mit dem Namen Steinbrück verknüpft ist, zuzuwenden. Sie sind bis zur Stunde in der Meinung erhalten worden, Dein der Askese zugeneigtes Herz sei dabei gar nicht betheiligt gewesen, Du würdest, der Ehe innerlich abhold, längst wieder in die Reihen dieser entsagungsvollen Braven zurückgekehrt sein, wenn Dein in jener teuflischen Verblendung gesprochenes ‚Ja’ Dich nicht an meine Seite zwänge.... Ich bin vollkommen unterrichtet, Clementine, und längst im Stande, die Intriguen einer Frauenseele zu übersehen, die um keinen Preis den Heiligenschein einbüßen und doch dem Weltleben nicht entsagen möchte.“

Sie war sprachlos in den Stuhl zurückgesunken und biß sich leidenschaftlich auf die Lippen.

„Es ist ja wahr, mein Vater hat lebhaft unsere Verbindung gewünscht,“ fuhr er fort, indem er tieferregt den Raum des Ateliers durchmaß. „Dein stilles, gelassenes Wesen, die widerspruchslose Hingebung in Deinen sehr hübsch geschriebenen Briefen haben Dich in seinen Augen madonnenhaft verklärt. Er war damals dem Tode nahe und hat geglaubt, er bette seinen Sohn sanft und weich. Und dieser Sohn hat in jenen schweren Stunden gar nicht an die Zukunft gedacht; er hat nur angstvoll in das verschleierte Auge des Kranken gesehen und über den geweckten Freudenstrahl gejubelt – Du weißt das; ich habe damals aufrichtig, ohne Rückhalt mit Dir gesprochen –“

„Das soll wohl jetzt – wer weiß aus welchen Gründen – heißen, Du habest mich nie geliebt?“

„Habe ich Dir je Liebesleidenschaft geheuchelt?“ fuhr er empört auf. „Wohl habe ich mich vom Anfang an redlich bemüht, unser Zusammenleben zu einem harmonischen zu machen –“

„Ich auch!“ Sie erhob sich so überlegen, als halte sie den letzten wichtigsten Trumpf in Händen. „Es ist mir unvergeßlich, wie ich vor unserer Verheirathung auf mehrstündigen Besuch im Schillingshofe war, um mich – ein wenig umzusehen. Ich war – warum soll ich’s leugnen? – sehr erschrocken, um Deinetwillen, der Du gezwungen sein solltest, Deine junge Frau in jene tabakverräucherte Hauswirthschaft eines alten Soldaten zu bringen. Was damals geschehen konnte, Dir diese Beschämung zu ersparen, ich habe es opferwillig gethan – der Schillingshof war binnen wenigen Wochen ein standesgemäßes Heim für uns. Du hast das leider nur zu bald vergessen –“

„Nie! Dafür hast Du gesorgt! Wie hätte ich sonst so oft seufzen können: ‚Gott behüte jeden mittellosen Mann vor einer reichen Frau!’“

„Nun, solch ein unerträgliches Joch läßt sich ja abschütteln.“

„Es wird uns allerdings sehr leicht gemacht werden – ich weiß das. Die schwarze Dame drüben in der Beletage des Säulenhauses, ‚Deine treue, aufopferte Freundin’, hat die Lösung von Rom aus längst in der Tasche.“

„Das hättest Du gewußt und doch keine Hand gerührt, um diese willkommene Erlösung zu beschleunigen?“ triumphirte sie.

„Weil ich meine ehrliche Hand nicht in diesen klösterlichen Intriguen haben, mein Gewissen aber von dem inneren Vorwurf rein erhalten wollte, geholfen zu haben, Dich dem Kloster auszuliefern.“

„Arnold!“

Er wich zurück vor dem umgewandelten Ton, und diese unzweideutige Geberde erbitterte sie bis zur Wuth.

„Vielleicht hast Du Dir dann auch vergegenwärtigt, daß das Kloster Alles mitverschlingt, was dem Auftreten des Baron Schilling Glanz verliehen hat,“ sagte sie impertinent. „Glaubst Du ernstlich, man werde, wenn Du ohne mich wieder in unsere vornehmen Kreise trätest, den Mann ohne den Hintergrund eines großartigen Besitzthums noch ebenso auszeichnen, wie bisher geschehen?“

„Und meinst Du, ich habe auf diese sehr zweifelhafte Auszeichnung je auch nur den allermindesten Werth gelegt?“ unterbrach er sie. „Ich frage Dich, wer sind sie, die lediglich dem Rittergutsbesitzer – notabene in diesem Fall ‚dem Mann seiner Frau’ – ihre Auszeichnung zu Theil werden lassen? Ein Häuflein Standesgenossen, die in unserer den Reichthum nicht mehr in ihrem Sinn vertheilenden Zeit froh sind, einen Geldmächtigen mehr in ihren Reihen aufzählen zu dürfen. Sie machen die Welt nicht aus, die meinen Namen mit Ehren nennt, und wenn ich jetzt hinausgehe, ohne Dich –“

„Dann hast Du nicht einmal mehr einen heimischen Herd, an welchem Du zurückkehrend Deine Füße wärmen kannst –“

„Meinst Du? – Das alte, liebe Säulenhaus mit seinem Garten ist mein. Das Werk da“ – er zeigte nach dem Bild auf der Staffelei – „tilgt den Rest Deiner Hypothek auf meinem Vaterhause. Mehr will ich nicht. Es klebt nicht ein Heller der Steinbrücks daran, und kraft meines nunmehrigen unumschränkten Rechtes möchte ich Dich hiermit ersuchen, Alles, was Du zwischen die vier Wände des Schillingshofes gebracht, bis auf den kleinsten Bildernagel herab, möglichst rasch fortbringen zu lassen.“

„Arnold, verzeihe!“ rief sie plötzlich mit ausgebreiteten Armen.

„Fort!“ stieß er außer sich hervor; an dem kraftvollen Manne bebte jede Fiber. „Nach Allem, was Deine bitterböse Zunge mir angethan hat, giebt es kein Wort der Erde mehr, das uns versöhnen könnte. Gehe hin zu Denen, ‚welche die Arme sehnsüchtig nach Dir ausstrecken’! Gehe zu den Pflegerinnen Deiner Jugend! Mögen sie die Früchte ihres Erziehungssystems ernten und mit all den bösen Dämonen kämpfen, die mir das Leben vergiftet haben! Sie verfluchen das Theater mit seinem ‚teuflischen Blendwerk’ und bedenken nicht, daß sie mit ihrer heuchlerischen Erziehung der Mädchenseelen die Komödie in die Ehe, in das Heim des ahnungslosen Mannes tragen.“

Er schritt rasch nach der Wendeltreppe, während die Baronin zerknirscht neben dem Lehnstuhl in die Kniee gesunken war!

„Und bedenkst Du nicht, daß Du diesen Schritt gar nicht thun darfst, ohne alle die zu compromittiren, die in Eurem großen Saal von den Wänden herabsehen?“ rief sie ihm nach. „Bis jetzt wissen nur Wenige, wie schlimm es zuletzt um die Schillings gestanden hat, in dem Augenblick aber, wo die Kirche von Allem, was mir gehört, Besitz ergreift, wird es der Welt offenbar werden, daß der alte Freiherr Krafft von Schilling nicht mehr über einen Halm auf den Wiesen, einen Baum im Walde verfügte.“

„Mag die Welt es wissen! Wir haben nur selbst darunter zu leiden; kein anderer Mensch hat dabei auch nur einen Pfennig verloren – von Betrug ist unser Name vollkommen rein.“

„Aber der Fluch der Lächerlichkeit wird an dem Namen der Schillings haften,“ sagte sie, sich erhebend. Es war ihr gewesen, als habe seine Stimme geschwankt, seine Haltung einen Augenblick die imponirende Sicherheit verloren; sie meinte, den Boden wieder unter ihren Füßen zu fühlen. „Arnold, lasse dies das letzte Wort des Streites zwischen uns sein!“ sagte sie, mit ausgestreckten Händen auf ihn zueilend. „Ich verspreche Dir, daß ich diesen Punkt nie, nie mehr berühren will – nimm mich wieder auf!“

„Niemals! – Ich will nicht länger mein Leben so sonnenlos und gedrückt neben Dir hinschleppen.“

„Aber ich gebe Dich nicht frei. Ich weiche nicht von Deiner Seite – der Platz ist mein, mein!“ rief sie verzweiflungsvoll. „Arnold, ich bin erbötig, offen vor aller Welt zu erklären, daß ich Dein Weib bleiben will, daß ich Dich gebeten habe, mich neben Dir zu dulden – ist Dir auch das nicht genug?“

Ein Schaudern ging durch seine Glieder, und sein Blick funkelte sie vernichtend an.

„Zwinge mich nicht, im letzten Augenblick das Wort noch auszusprechen, das sich mir seit lange schon auf die Lippen drängt!“ stammelte er, seiner kaum noch mächtig.

„Sprich es aus! Es soll mich nicht beirren –“

„Das Wort ewigen, unvertilgbaren Hasses,“ sagte er und stieg die Treppe hinauf, um sich in seinen Zimmern einschließen.

Sie hielt sich taumelnd am Treppengeländer, ohne noch einen Versuch zu machen, ihm zu folgen.

„Haß, Haß!“ murmelte sie. „Ja, der schneidet wohl das Tischtuch entzwei.“ Sie stieß ein grelles Lachen aus. „Gut denn, immerhin! Er wird schon sehen, der Elende, was er gethan hat. Er wird schon sehen. Jetzt weiß er’s noch nicht – er weiß noch nicht, wie der Sturz von der Höhe des Reichthums und Ansehens schmerzt. Jetzt triumphirt er noch. O, wie das wurmt und – wehe thut! Könnte ich sterben!“

Mit Aufbietung aller Kraft raffte die Baronin sich auf und warf einen wilden Blick um sich, als halle das entscheidende schreckliche Wort ihr immer noch von allen Wänden entgegen und raune aus jeder Ecke, um sie von dem Boden zu scheuchen, der keinen Raum mehr für sie hatte. Ihre Kniee wankten, aber sie schleppte sich durch das Atelier, schlug den Vorhang zurück und trat in den Wintergarten.

Der Springbrunnen plätscherte, und die Sonnenfunken, die durch das engmaschige Netz der verschränkten Zweige und Blätter hereindrangen, tanzten auf der glänzenden Wasserkuppel und rollten in jedem Tropfen als leuchtende Goldperlen in das Bassin.

Dieses monotone Rieseln und Murmeln inmitten der stummen, stillen Pflanzenwelt, dicht neben dem Raume, in welchem eben noch zwei Menschenstimmen in aufgestürmter Leidenschaft einen erbitterten Kampf ausgefochten, war von dämonisch bezwingender Wirkung.

Sie starrte auf die Wasserfläche, die sich in zitternder Unruhe bewegte und doch in die Schranken des Bassins gebannt blieb.... Wie, wenn der Abfluß des Wassers plötzlich gehindert würde? Vor ihrem Geiste hob sich der Spiegel da höher und höher, als steige ein Haupt unter dichtem Silberschleier empor; die Schleierfalten dehnten und weiteten sich – es stieg über den Steinrand und setzte einen schwach auftappenden Fuß auf den Asphaltboden und schlüpfte weiter und weiter. Und die Silberschleppe floß nach, unerschöpflich sich ausbreitend, um plötzlich eng geduckt unter dem Velourvorhang hinzukriechen – hei, wie der Mosaikboden drüben zu glitzern begann, wie es da unten an den Wänden, in den Ecken lebendig wurde! Papierbogen, große, starre, mit Skizzen bedeckte, und alle die verhaßten Gesichter auf der gespannten Leinwand legten sich breit und schaukelnd auf die silberwogende Schleppe; die hingebreiteten Panther- und Bärenfelle wurden leise gehoben, als sollten sie sich wieder über den Rücken ihrer früheren Bewohner schmiegen; von den Postamenten und Säulenstümpfen rollten die Ibisse, die Vasen mit Cacteen; selbst die schweren Schränke und Credenzen an den Wänden schwankten, als rüttelten und schüttelten grobe Hände an ihren geschnörkelten Beinen, und all das blinkende Geschirr, die Kannen und Becher, die venetianischen Gläser und Spiegel stürzten klirrend und schmetternd von den Kanten.... Alles das sah sie im Geiste: ein halb unterdrückter, wilder Jubelschrei zitterte durch den Wintergarten, und wie mit einem festen Entschlusse lief die lange gebückte Frauengestalt hinaus und durch die Platanenallee; in das heftige Rauschen ihres Seidengewandes mischte sich das Gemurmel der Lippen, die immer und immer wieder „Haß, Haß!“ vor sich hinsagten.




39.

Bald nachher hörte man in der Beletage das Gelärm eilig und geschäftig durch einander rennender Menschen. Was „die Gnädige“ an Koffern besaß, wurde in den großen Saal getragen, und dort stand die Stiftsdame und dirigirte und commandirte in ihrer energischen Art. Ihre Wangen brannten, und in den dunklen, strengen Augen glomm ein befremdliches Licht, ein Licht wie Fiebergluth, aber jeder ihrer Befehle „hatte Hand und Fuß“, wie die Leute sagten, Verwirrung und Ueberstürzung konnten bei ihr niemals aufkommen.

Seltsam, diesmal wurde das ganze Silberzeug, der gesammte Inhalt der Schränke, welche die Hauswäsche enthielten, bis auf die kleinste Theeserviette herab, in den Koffern mitgeschleppt, ja, man nahm sogar Bilder, Nippes und Albums von den Wänden und Tischen und packte sie ein. Das ließ ja auf eine jahrelange Abwesenheit der Herrschaft schließen; und zu alle dem Räthselhaften hatte Fräulein von Riedt auch noch an den Sachwalter der Baronin, der nur um einige Bahnstationen entfernt lebte, telegraphirt, daß er ungesäumt kommen möge, und der Bediente Robert meinte, die Gnädige müsse zu der Reise viel Geld nöthig haben – deshalb werde wohl der Advocat in den Schillingshof citirt.

Das Alles sagte Mamsell Birkner in der Kinderstube zu Hannchen und Deborah, und Donna Mercedes hörte es drüben in ihrem Schlafzimmer. Also die Reise war unumstößlich festgestellt. Er ging hinaus, um neuen Ruhm zu ernten, und die Frau, die sein künstlerisches Wirken mißachtete, hatte es durchgesetzt, ihn zu begleiten. Das Bild, das ausgestellt werden sollte, war ihr ein Gräuel, und dennoch trat sie starrköpfig an die Seite dessen, der es geschaffen, um verbissenen Grolles den Triumph der Meisterschöpfung mit anzusehen.

Noch vor Wochen würde Donna Mercedes mit Genugthuung die Nemesis begrüßt haben, welche die Geldheirath an dem Künstler räche – heute aber durchwogte sie ein heißer, leidenschaftlicher Schmerz, und sie grollte dem blinden Geschick, das einen edlen männlichen Geist mit einem niedrig gesinnten Weibe an eine Kette geschmiedet. Ihn sah sie nicht wieder, und sie durfte das auch nicht wünschen, weil sie ihrer Fassung und Selbstbeherrschung den blauen, ehrlichen durchdringenden Augen gegenüber nicht sicher war. Aber sein letztes, sein Lieblingswerk, die greise Hugenottin, mußte sie noch einmal sehen, ehe es, in die dunkle Haft der Kiste eingeschlossen, seinen Triumphzug in die Welt begann.

Inzwischen war es Abend geworden. Die letzten Gluthstreifen der Abendsonne waren längst auf den Berggipfeln verglommen; dafür floß die blaßgoldene Lichtfluth des Vollmondes fast tageshell vom Himmel und ließ es nicht dunkel werden auf Erden. Vollbeleuchtet, wie in Silber getrieben, ragte die reliefgeschmückte Gartenfronte des Säulenhauses in die flimmernden Lüfte; auf dem kleinen raschen Bach, der die Wiesen durchrauschte, hüpften und sprühten Lichtfunken, als zöge ein juwelenglitzerndes Elfenvolk die Wasserstraße entlang, und das weiße Atelier stand glanzüberströmt.

Donna Mercedes ging scheuen Schrittes durch die Boscage und quer über die Wiesen; in dem weichen Gras versank unhörbar ihr Fuß. Hannchen hatte zwar gesagt, daß Baron Schilling fortgeritten sei – er that das häufig in schönen Mondscheinnächten – und die Gnädige habe sich seit Nachmittag in ihrem Schlafzimmer eingeschlossen, um dem wüsten Lärme des Einpackens aus dem Wege zu gehen. Der Gärtner war auch längst durch den Vorgarten nach dem Bierhause gegangen, und nur in der Stube über den Ställen brannte ein einsames Licht; der Stallknecht mußte zu Hause sein, aber der war Donna Mercedes noch nie im Garten begegnet. Sie durfte also hoffen, nicht beobachtet zu werden; und doch erschrak sie über jeden Kiesel, der unter ihren Füßen knirschte, als gehe sie auf Diebeswegen.

In der Nähe des Ateliers horchte sie plötzlich befremdet auf; dort vom Wintergarten klang ein Rauschen und Plätschern herüber, als stürze ein Waldbach von einer Höhe herab; sie brauchte nicht mehr zu befürchten, daß man ihre eiligen Schritte auf dem Kiesplatz höre – das Geräusch verschlang jeden andern Laut.

Der Mondschein fiel hell durch das unverhüllte Glasdach; beim Näherkommen sah sie die Gloxiniengruppen, die Magnolien- und Orangenblüthen aufleuchten – sie hätte jede einzelne Zacke der gefiederten, an die Glaswand gedrückten Farrenwedel nachzeichnen können, aber sie sah auch, daß alle Fontainen sprangen. Das schwirrte und zischte und flog silberfunkelnd, wie von hartgespannten Bogen abgeschnellt, zwischen den Palmenkronen und Drachenbäumen, unermüdlich und scheinbar immer stärker anschwellend, als seien die Wasseradern der Tiefe zum Bersten gefüllt. Cascadenartig stürzte sich das Wasser über den Steinrand des großen Bassins; einige der kleinen Steinmulden, aus denen vereinzelte Strahlen steil aufstiegen, strömten gleichfalls über.

Donna Mercedes stand einen Augenblick erschrocken an der Glasthür, die sie verschlossen fand. Die Abzugsröhren des Wasserwerkes mußten verstopft sein. Schon schwamm der größte Theil des Asphaltbodens, und die unten aufgestellten Blumentöpfe rollten umgerissen durch einander.

Die Thür nach dem Atelier stand weit offen; der Velourvorhang war zurückgezogen, und weder eine erhöhte Schwelle noch die kleinste Stufe trennte die Mosaik des Malersaales von dem Fußboden des Wintergartens. Auf dem musivischen Boden aber standen und lagen viel kostbare Gegenstände der Alterthumsammlung, und Skizzen und angefangene Bilder von Baron Schilling’s eigener Hand lehnten an den Wänden. Das Alles war verloren, wenn das Wasser heranschwemmte.

Sie eilte nach der Thür, die direct aus dem Garten in das Atelier führte – auch sie wich nicht unter ihrer rüttelnden Hand, aber die dort, hinter welcher die Treppe in den Oberbau stieg, zeigte einen klaffenden Spalt; sie stieß dieselbe zurück und flog die Stufen hinauf. Nur schwach erhellte das schräg hereinfallende Mondlicht einen engen, dumpfen Vorplatz, auf den eine einzige Thür mündete; Donna Mercedes öffnete auch diese und eilte durch Baron Schilling’s Vorzimmer.... „Die Gnädige“ hatte Recht gehabt, es war schwül, erdrückend schwül in diesem niedrigen Raume, in welchen sich der Herr des Schillingshofes freiwillig verbannt hatte, um der prüden Schwester seines verstorbenen Freundes willen, die mit ihm nicht unter einem Dache wohnen wollte.

Dort hing die Gobelingardine, die das Zimmer vom Arbeitslocal des Künstlers schied. Donna Mercedes schob sie mit hastigen Händen zur Seite und trat hinaus auf die Gallerie.

In voller Mondbeleuchtung lag das mächtige Viereck des Ateliers unter ihr, himmelweit verschieden von dem farbenglühenden Gesammtbild, das sie in dem lebendigen Goldglanze der Nachmittagssonne gesehen – blaß und schemenhaft.

Hier oben sah man den Wintergarten sich hinter der Glaswand hinbreiten; es war als ob die herrlichen Pflanzerbilder des Meeresbodens unter dem grünlichen Wasser heraufdämmerten. Der brausende Lärm der entfesselten Springbrunnen klang stark herüber, und drunten durch die Thüröffnung kam es hereingeschwemmt, in breiter Straße laufend und vereinzelte lange, silberne Zacken gleich tastenden Fühlern vorstreckend.

Das Alles mit einem Blicke umfassend, wandte sich Donna Mercedes nach der Wendeltreppe, um hinabzueilen – da schlug ein Lachen an ihr Ohr, ein halb unterdrücktes und doch frohlockendes Auflachen. Unwillkürlich fuhr sie zurück – ein tiefes Grauen überschlich ihr tapferes Herz. Wem gehörte diese wunderliche, hochklingende Stimme? War ein Kind da unten, oder lachte ein Wahnwitziger?

Sie bog sich über das Geländer und sah hinab. Wohin der Mond schien, war kein lebendes Wesen zu sehen; nur da auf den untern Treppenstufen, im tiefen Dunkel der Ecke, hockte ein zusammengekauerter Gegenstand – ein hingeworfenes Bündel sei es, meinte Donna Mercedes beim ersten Hinsehen. Aber je breiter und rascher das Wasser über die Steinmosaik hinschoß, desto lebendiger wurde es in der Treppenecke, und plötzlich reckte es sich empor und sprang in die helle Mondlichtfluth hinein. Es war ein Weib – die Frau aus der Beletage, die Herrin des Schillingshofes.

Sie schien in der dunklen Ecke auf das Herankommen des Wassers gewartet zu haben, und nun lief sie an den Wänden hin und warf die hingelehnten Bilder um; sie schleuderte die Schriften, die Bücher und Skizzenmappen von den Tischen klatschend auf den Steinboden nieder, und schließlich an den großen, runden Tisch tretend, der in der Nähe der Staffelei stand, nahm sie das Dolchmesser auf, mit welchem Baron Schilling neulich das Bild aus dem Rahmen geschnitten.

Mit hochgehobenem Arme ließ sie die glänzende Klinge im Mondlicht blitzen. Ihre starken blonden Haare sanken ihr vom Kopfe und fielen über den Rücken hinab; das beachtete sie nicht; wohl aber bemühte sie sich, mit der linken Hand die grauseidene Schleppe aufzuraffen, um sie vor dem Naßwerden zu schützen, denn das Wasser netzte ihr bereits die Füße.

So stand sie einen Moment zwischen dem Tisch und der Staffelei, den Blick auf das Bild gerichtet, das morgen in die Welt hinausgehen sollte.

„Ueber das Gesicht hin, bis in die schamlose Brust hinein – dann wird er erst wissen, was Haß ist, was Haß vermag“ – murmelte sie vor sich hin, aber ihre Worte wurden verstanden.

Donna Mercedes war lautlos die Treppe hinabgeschlüpft und stand hinter ihr, und in dem Augenblick, wo sie den langen, hagern Leib schlangenhaft hinüberwarf, um mit raschen Dolchschnitten die rührende Mädchengestalt neben der Matrone zu zerfetzen, wurde sie erfaßt und zurückgerissen.

Aber Donna Mercedes hatte diese Gegnerin unterschätzt. In dem meist müde vorgebeugten Körper wohnte eine stets verleugnete, fast männliche Kraft. Im ersten entsetzensvollen Schrecken brach die Baronin allerdings in sich zusammen; wilden Blickes warf sie den Kopf herum nach dem unbekannten Wesen, das sie mit weichen, aber kräftigen Armen umschnürte, dann aber stieß sie ein lautes Hohngelächter aus, als sie das zarte, mädchenhafte Gesicht hinter sich erblickte.

„Ah, die Pflanzerprinzessin! Was haben Sie hier zu suchen in eines verheiratheten Mannes Wohnung, keusche Donna?“

Mit einem jähen, elastischen Aufspringen versuchte sie zunächst sich von ihrer Feindin loszumachen – ihr rechter Arm rang sich frei, und nun strebte sie abermals wie eine Rasende nach dem Bilde hin und stieß wiederholt nach der Leinwand.

Donna Mercedes mühte sich, ihr das Messer zu entreißen – es war unmöglich. Sie verletzte sich selbst die Hand und fühlte, wie ihr die Schneide tief in das Fleisch ging und gleich darauf das Blut heiß über den hochgehobenen Arm den Ellenbogen hinunterströmte.

Verzweiflungsvoll rief sie nach Hülfe. Ihre volle, klingende Stimme hallte von den Steinwänden wider.

„Lassen Sie mich!“ keuchte die Baronin in einem Gemisch von Wuth und namenlosem Schrecken, als draußen zuerst an der Thür des Glashauses und dann am anderen Eingang in das Atelier heftig gepocht und gerüttelt wurde. Allein Donna Mercedes bot ihre erlahmenden Kräfte auf, um die Elende festzuhalten, die im Davonstürzen noch mit einer einzigen Bewegung ihre Absicht ausführen konnte. Und so wiederholte sie unter fortgesetztem Ringen den Ruf: „Hierher!“ bis droben der Gobelinvorhang weggeschleudert wurde und Menschen auf die Gallerie herausstürzten.

Der Stallbursche war der Erste, der die Treppe herablief; ihm folgte die Majorin auf dem Fuße.

„Nehmen Sie ihr den Dolch! Das Bild ist gefährdet,“ rief Donna Mercedes dem Burschen zu. In demselben Augenblick flog die Waffe klirrend auf die Steine – die Baronin hatte sie selbst von sich geschleudert.

Halb schwankend vor Erschöpfung ließ Donna Mercedes ihre Gefangene nunmehr frei. Aber alle Angst und Anstrengung hatten ihr die Geistesgegenwart nicht zu rauben vermocht – der Untergebene durfte nicht ahnen, daß Bosheit all das Unheil in Atelier und Glashaus angerichtet.

„Die Frau Baronin ist fieberkrank,“ sagte sie in gebietendem Tone zu ihm. „Eilen Sie in’s Haus zu Fräulein von Riedt!“

„Baron Schilling ist eben heimgekommen,“ antwortete die Majorin an seiner Stelle, während ihr Blick mit Schrecken, aber mit sofortigem Verständniß die ganze Situation umfaßte. Sie kam raschen Schritten über den schwimmenden Fußboden her und wich seitwärts, als die Baronin schweigend an ihr vorüberschoß, um über die Wendeltreppe zu entfliehen. „Er hat gesehen, wie wir nahe an ihm vorüber in das Haus geeilt sind, und wird wohl gleich selber da sein,“ setzte sie mit gehobener Stimme hinzu.

In diesem Augenblicke sank die Baronin mit jenem schrillen Aufschrei, den Donna Mercedes im Säulenhause schon so oft gehört, auf einer der untersten Treppenstufen zusammen und blieb regungslos liegen.

„Larifari – das ist Komödie!“ sagte die Majorin hart und trat, ohne sich umzusehen zu Donna Mercedes, die eben ihr Taschentuch in das Wasser zu ihren Füßen tauchte, um es auf die Schnittwunden in Daumen und Zeigefinger zu pressen.

Donna Mercedes schrak zusammen – unter stürmischem Herzklopfen hörte sie, wie Baron Schilling auf die Gallerie heraustrat.

„Was geht hier vor?“ rief er in der ersten schreckensvollen Ueberraschung hinab.

„Irgend ein Schuft, eine infame Canaille hat die Abzugsröhren an den Springbrunnen verstopft, gnädiger Herr,“ antwortete der Stallbursche vom Glashause herüber, wo er um das Bassin watete und eben einen großen Pfropfen zum Vorschein brachte. Er hatte bereits die Fontainen zugeschraubt; über den Rand des Bassins floß immer nach hier und da etwas Wasser klatschend auf den Boden.

Baron Schilling eilte die Stufen herab – da stieß sein Fuß an die hingesunkene Frau. Er bückte sich, befühlte ihr Kopf und Hände, und wie Jemand, der seine Vermuthung bestätigt findet, ging er schweigend von ihr weg und schritt unverweilt auf Donna Mercedes und die Majorin zu.

Mochte das falbe Licht des Mondes sein Gesicht entstellen, oder machte ihm eine furchtbare innere Bewegung das Blut stocken – er war entfärbt wie ein Todter. Er schien nicht zu bemerken, daß die Werke seiner Hand, seine Skizzen und Entwürfe und viele Lieblingsstücke seiner Sammlungen, wild durch einander geworfen, vom Wasser bespült und überschwemmt, inmitten des Ateliers lagen; er sah auch die Majorin nicht; seine Augen hingen nur mit einer Art fragenden Entsetzens an der weißen Gestalt, die von der Staffelei weggetreten war und sich bemühte, die blutbetropften Stellen ihres Kleides in den Falten zu verbergen und eine möglichst ruhige, unbefangene Haltung anzunehmen.

„Mir scheint, das Unheil vom Klostergute rückt nun auch auf den Schilling’schen Grund und Boden vor,“ rief ihm die Majorin entgegen. „Ich wollte gerade, wie jeden Abend, zu meinen Enkeln gehen, um sie in ihren Bettchen zu sehen; da hörte ich um Hülfe rufen, und der Bursch dort“ – sie zeigte nach dem Stalldiener im Glashause – „kam auch über den Weg her und folgte mir.... Es sieht schrecklich aus, wenn zwei Frauen mit einander ringen, als ginge es ums Leben – und hier hab’ ich’s gesehen, auf dieser Stelle.“ – Sie warf einen finsteren Blick nach den Treppenstufen, wo ein schnell wieder verstummendes Rascheln Leben und Bewegung verrieth. „Ich weiß nicht, was Ihrer Frau fehlt, Herr Baron,“ fügte sie hinzu. „Die liebe junge Frau da sagt, daß sie fieberkrank sei, und so etwas muß es wohl sein; denn ein Mensch mit klarem Kopfe, wenn er nicht gerade durch und durch ein Bösewicht ist, stößt und sticht doch nicht mit dem Messer – da liegt es noch,“ schaltete sie ein und berührte mit dem Fuße den Dolch – „nach solch einem Bilde, das ihm auf der, Gotteswelt nichts gethan hat.“

„Es ist unversehrt geblieben – Gott sei Dank!“ rief Donna Mercedes völlig selbstvergessen, in so erschütternd zärtlichen Tönen, als sei ihr das Liebste auf Erden gerettet worden.

War es nicht, wie wenn ein blendendes Licht in jähem Strahle niederfahre und in den blauen, tiefen Augen des Mannes fortflamme, der dastand, als traue er seinen Sinnen nicht bei diesen niegehörten, herzbewegenden Lauten? Er ergriff wortlos die Hand, die sein Werk, ein Stück seiner Seele, vertheidigt hatte unter Schmerzen, mit der rückhaltslosen Hingebung, wie es nur ein Weib vermag, das – liebt.

Sie zog hastig und erschrocken die Hand an sich. „Es ist nichts – ein kleiner Hautritz! Und glauben Sie doch ja nicht, daß es um’s Leben gegangen sei“ – sie lachte kurz, fast rauh auf, und ihre völlig verwandelte Stimme hatte eine Herbheit, als wolle sie den einen verrätherischen Augenblick bitter an sich selber rächen „Es versteht sich ja ganz von selbst, daß man Fieberkranke nicht gewähren läßt. Halten wir uns nicht auf! Sehen Sie denn nicht, daß Ihre Arbeiten im Wasser schwimmen und zu Grunde gehen, und daß vor Allem die Frau dort nach dem Säulenhause gebracht werden muß?“

Die Majorin war an die Treppe getreten. Sie rief die Baronin an; allein keine Antwort erfolgte.

„Geben Sie sich keine Mühe!“ rief Baron Schilling hinüber. „In solchen Fällen kann nur die Pflegerin, Fräulein von Riedt, helfen – ich werde sie holen.“

Er schloß die in den Garten führende Thür auf und entfernte sich rasch.

„Und jetzt gehen Sie auch!“ sagte die Majorin zu Donna Mercedes. „Es macht mir Angst, Sie in den nassen Kleidern und Schuhen zu wissen, und der Doctor muß auch her, um nach der Hand zu sehen.... Sie können ganz ruhig sein, ich stehe indessen Schildwache – an dem Bilde soll sich ganz gewiß Niemand mehr vergreifen.“

Donna Mercedes ging hinaus. Sie blieb noch einen Moment im schützenden Dunkel des Thürbogens stehen und horchte auf die eiligen Männerschritte, die immer entfernter von der Allee herüberklangen; dann suchte sie die am Klosterzaun hinlaufenden Wege auf – sie wollte heute nicht mehr gesehen sein.

In der Nähe des Säulenhauses sah sie Baron Schilling zurückkommen, Fräulein von Riedt und ein Herr folgten ihm. Die Stiftsdame hielt sich stolz und hochaufgerichtet wie immer; sie sah nicht im mindesten alterirt aus, war aber gewissenhafter Weise mit den verschiedenen Requisiten ihres Pflegeramtes, wärmenden Shawls und Medicinfläschchen, ausgerüstet....

Kaum eine Stunde nachher fuhr die Equipage der Frau Baronin vor das Säulenhaus, und die Gnädige kam, einen dichten Schleier vor dem Gesichte und auf den Arm ihres Sachwalters gestützt, in Begleitung der Stiftsdame die Treppe herab, um mit dem letzten Zuge abzureisen. Der Schillingshof war wie ausgestorben. Fräulein von Riedt hatte streng befohlen, daß sich Niemand von der Dienerschaft sehen lasse, und so lauschten nur scheue, bestürzte Gesichter aus dunklen Winkeln und Verstecken und sahen die graue Schleppe der Herrin draußen in der Säulenhalle verschwinden – sie wußten, daß die Gestrenge ging, um nie wiederzukehren.

Das war noch ein harter Kampf im Atelier gewesen. Die streitenden Stimmen hatten weit über den nachtstillen Garten hingeklungen; die hochliegende der Frau hatte sich in Vorwürfen und Verwünschungen erschöpft, und dazwischen waren die Einwürfe und Bemerkungen der markigen tönenden Männerstimme wie wuchtige Keulenschläge niedergefallen. Darauf war die Atelierthür zugeschmettert worden, daß die Wände gezittert hatten, und die lange graue Gestalt war unter den Platanen hingehuscht, wesenlos und schattenhaft wie der böse Geist, den der Sieg des Rechts aus einem lange behaupteten Seelenwinkel vertrieben.

Die Fichten hinter dem Atelier mochten wohl ihre alten Häupter und Bärte geschüttelt haben. Denn so lange sie auf Schilling’schem Grund und Boden standen, hatten sie noch kein solch stürmisches Auseinandergehen zwischen Mann und Weib gesehen. Unter den Schilling’schen Quer- und Trotzköpfen war manch grimmer Haudegen gewesen, und es hatten auch Frauen da gewaltet, kraftvoll und stark an Leib und Seele, die, ihrer Hausfrauenrechte wohl bewußt, mit strenger Würde ihr Scepter getragen. Aber der Herr war Herr und Gebieter geblieben, mochte die Frau auch Truhen und Schreine voll gediegenen und klingenden Werthes und einen Namen des edelsten Klanges mitgebracht haben, und wenn einer der Eheherren auch noch so wild gepoltert, die alten Bäume des Schillingshofes wußten bis dahin nichts zu erzählen von so bösen, schneidend giftigen Worten aus Frauenmund, wie sie zu dieser schlimmen Stunde durch die Atelierfenster gedrungen waren. –

Am anderen Tag verkehrte Baron Schilling lange mit dem Sachwalter, der die Gnädige nur bis an den Wagen begleitet hatte und im Schillingshof zurückgeblieben war. Auch Mamsell Birkner, die Kundige, wurde zu der Conferenz gezogen und ihr die Reclamation alles dessen, „was dagewesen war“, übertragen.... Dann, am späten Nachmittage, trat Baron Schilling in die Parterrewohnung.

Es war gut, daß Besorgniß und Sehnsucht die Majorin gerade um diese Stunde herübergetrieben hatten; denn Donna Mercedes schrak fassungslos zusammen und blieb unbeweglich im Fensterbogen stehen, als er, dem anmeldenden Schwarzen auf dem Fuße folgend, in die Thür trat.

Er war im Reise-Anzug, und draußen hielt der Wagen, der ihn und sein Gepäck zur Bahn bringen sollte.

„Ich komme, um Frau von Valmaseda und Lucian’s Kindern mein Heim nochmals zur unumschränkten Verfügung zu stellen,“ sagte er zu der Majorin, den Stuhl, den sie ihm bot, dankend zurückweisend. „Meine gute Birkner und Hannchen werden Alles thun, um die Räume so wohnlich wie möglich herzurichten, wenn der fremde Besitz ausgeräumt sein wird.“

Wie das seltsam von seinen Lippen klang, schneidend betont, und dabei von einem sonnenhellen Aufblick begleitet!

„Ich selbst muß fort. Ich habe das niederbeugende Gefühl, als sei meine Seele verwildert im langjährigen Kampfe mit bösen Eindrücken, und bis nicht alle diese entstellenden Flecke weggespült sind, betrete ich das Haus meiner Väter nicht wieder.“

Dann trat er in die Fensternische. Er nahm Donna Mercedes’ Rechte, die auf dem Schreibtisch lag, sanft zwischen seine schönen, kräftigen Hände. Versunken war aller Groll in der Tiefe der blauglänzenden Augen, die auch heute das Feuer ausstrahlten, das gestern ein einziger Augenblick entzündet.

„Verzeihung!“ flüsterte er, über die junge Dame gebeugt. „Der ungelenke Germane ist ein plumper Stümper in der Seelenkunde gewesen – er wird das mit einer jahrelangen, einsamen Wallfahrt durch die Welt büßen.“

Und mit den Lippen leise und vorsichtig die verletzten Finger berührend, wandte er sich ab und verließ das Zimmer.




40.

Die ehemalige fürstlich Trebra’sche Villa lag der Stadt ziemlich nahe. Eine sehr belebte Chaussee mit nebenherlaufendem schönem Promenadenweg durchschnitt diesen weit hingestreckten Zipfel des Parkes – es herrschte da steter Verkehr. Tiefer hinein wurde es stiller und stiller; man hörte die scheuen Goldfasane durch das Dickicht huschen; Rehe äßten arglos auf den Lichtungen, und die Schatten der dichtgeschaarten, laubschwellenden Waldwipfel wurden so intensiv, daß eine feuchte Kühle über die Wege wehte – ein wahrer Lebensodem für die riesigen Farren, das wuchernde Immergrün- und Epheugewirr, das ohne die emsig wehrende Menschenhand binnen Kurzem auch die schmalen Waldpfade übersponnen haben würde.

Man mußte ziemlich lange den Schlangenwindungen dieser Pfade nachgehen, ehe man die Menschennähe wieder spürte. Da und dort schob sich wohl ein kleiner Pavillon aus Baumrinde zwischen die Eichen- und Buchenäste, und Steinsitze blinkten durch das grüne Dämmern, aber in dem falben Sonnenschein, der neben dem die Laubwucht auseinanderdrängenden Pavillondach hereinfiel, regten sich nur schillernde Lacerten, und auf den Steinbänken rastete kaum ein täppisch hüpfender junger Vogel, der seinen ersten Flugversuch auf dem heimischen Brutnest gewagt hatte.

Dann aber sah man plötzlich durch auseinanderfließendes Grün helle Steinprofile und plastisch gehobene Arme, eine Marmorgruppe nach der andern; sie stiegen bergauf; winkten halbverloren aus dunklem Gebüsch von der Höhe herab, wo allmählich einzelne Säulen hervortraten, weiße blendende Marmorsäulen, immer mehr und mehr, bis sie, ebenmäßig aneinandergereiht, wie eine Riesenharfe hoch über dem Waldgründunkel zu schweben schienen – das war der Peristyl des kleinen Schlosses, welches Donna Mercedes an das niedergebrannte Vaterhaus in der südlichen Heimath erinnerte.

Drüben, jenseits des Meeres, lag die Marmorpracht in rauchgeschwärzten Trümmern unter hochaufschießendem Gestrüpp und einem Netz von Lianen, die sich von den nahen Waldbäumen herübergeschaukelt und mit gierigen Armen nach dem gestürzten Menschenwerk gegriffen hatten. Hier war es auch, als kröchen Millionen grüngefiederter Netzfäden empor, um das weißschimmernde Haus zu umstricken, zu bewältigen; allein nicht ein biegsamer Ausläufer dieser Rank- und Kletterrosenmassen durfte weiter vorrücken, als der Menschenwille gestattete. Sie schlangen sich um das Terrassengemäuer, um die Bronzegeländer, das goldschimmernde Drahtgeflecht hier und da freilassend – es war, als stürze da eine schneeweiße, dort eine rosenfarbene Cascade von Stufe zu Stufe. Seitdem die „Amerikanerin“ Herrin des Schlößchens geworden, blieb es das Ziel gar manches Waldspaziergängers. Man wollte die schöne Frau sehen, wie sie, langsam wandelnd, zwischen den Lorbeer- und Rosenbäumen hinschritt oder die Terrassen herabkam, um sich auf ihr Pferd zu schwingen.

Es waren nahezu drei Jahre verflossen, seit Donna Mercedes die Besitzung gekauft hatte, und noch war der Reiz ihrer fremdartigen Erscheinung, der Ruf ihres fabelhaften Reichthums wie ein Wunder in Aller Munde, doppelt nachhaltig, weil sie wie eine geheimnißvolle Einsiedlerin streng zurückgezogen, aber sichtlich beglückt nur mit den zwei schönen Bruderskindern und der Majorin Lucian zusammenlebte.

Die Majorin hatte ihr Wort wahr gemacht, nach welchem ihres Bleibens in dem alten Klosterhause nicht länger sein werde, als die Pflicht erheische. Sie war die alleinige Erbin des gesammten Wolfram’schen Besitzthums geblieben, da sich kein Testament ihres Bruders vorgefunden. Einige Monate nach den traurigen Ereignissen hatte sie das Klostergut verkauft und war in die „Villa Valmaseda“ übergesiedelt.

Thränen hatten in ihren Augen gezittert, als sie, das Klostergut verlassend, sich gesagt hatte, daß nun auch seine Zeit gekommen war, denn sie wußte, daß der neue Besitzer beabsichtige, das zusammensinkende Mönchswerk bis auf den Grundstein niederzureißen. Mit Wehmuth hörte sie, als sie schied, das Rollen und Rasseln der kleinen Pforte, das jeden wichtige Schritt, fast jedes Ereigniß ihres Lebens begleitet, ihren Gang zur Confirmation, zur Trauung, ihre Rückkehr aus der Welt – die Flucht des verstoßenen Sohnes, den letzten Weg des „verunglückten“ Bruders.

Es war ein schweres Scheiden gewesen, aber schon nach wenigen Monaten hatte Donna Mercedes mit stiller Freude beobachtet, wie der Blick der Majorin heller, der gramvolle, tiefgehende Ton ihrer Stimme weicher geworden war, wie die Augen aufstrahlten, wenn die schönen Enkel in fröhlichem Spiel mit Pirat um sie herumtollten.

Auch nach der Arbeit, die ihr früher so oft über verborgene Seelenschmerzen hinweggeholfen, hatte sie gegriffen und trotz aller Bitten ihrer Gefährtin, nun nach einem so harten, arbeitsvollen Leben zu ruhen, das Regiment über die Wirthschaft, über das Dienstpersonal im Hause in die Hand genommen. Alles beugte sich willig und ehrerbietig unter das Scepter der rüstigen Matrone, das streng, aber zu Gedeihen und Wohlfahrt Aller gehandhabt wurde. Und was sie einst in Selbstüberhebung und Eigendünkel finster zurückgewiesen, die Liebe Anderer, das genoß sie jetzt in vollem Maße, und ihr so lange unterdrücktes Herz erquickte sich daran. Donna Mercedes brachte ihr die Zärtlichkeit einer Tochter entgegen, und Einer draußen in der Welt, der einst als Kind unter ihren Augen drüben auf dem Parterre des Schillingshofes mit ihrem Knaben gespielt, der ihm ein treuer Freund bis in den Tod hinein gewesen, er war ihrem Herzen nahe getreten, als sei er ein Bruder dessen, der jenseits des Meeres unter der Erde schlief.

[501]

Es war ein herrlicher Junimorgen. Man hatte die kranke Lucile auf die völlig zugfreie zweite Terrasse getragen – denn die Füßchen, die unter den Beifallsstürmen der Zuschauer seit drei Jahren schmetterlingshaft über die Bühne gegaukelt, waren „merkwürdiger Weise“ immer noch zu schwach, um die federleichte, kinderkleine Gestalt auch nur zwei Schritte weit zu tragen. Ein Zeltdach schützte die Kranke vor dem blendenden, belästigenden Sonnenlicht. Sie verharrte fröstelnd auf ihrem Ruhebett, in wärmende Decken gehüllt; nur der in blaue Atlasfalten und reiche Spitzengarnirungen vergrabene Oberkörper lag frei und auch jetzt in seiner hülflosen Zusammengesunkenheit noch kokett graziös auf dem Polster. Schön war dieses todtenbleiche Gesicht immer noch; die Lieblichkeit der Züge war selbst dem grausam verzerrenden Tod unerreichbar.

Mißmuthig rührte sie mit dem Löffel in der Frühstückschocolade.

„Ich weiß nicht – der Koch muß ein besonderes Vergnügen darin finden, mir meine Chocolade immer homöopathischer zu mischen; ich kann das elende Gebräu nicht trinken und bitte mir für künftig Kaffee aus,“ sagte sie, die Tasse wegschiebend, kurz und herb zu der Majorin, die eben kam, um nach ihr zu sehen.

„Der Kaffee ist Ihnen streng verboten,“ antwortete sie ruhig.

„Ja, ja – verboten!“ wiederholte die kleine Frau, den Ton ihrer Schwiegermutter nachahmend – man sah den alten, unbezwinglichen Haß in ihren Augen auffunkeln. „Hier in dieser trostlosen Villa wird das Wort mit unvergleichlicher Consequenz von Jung und Alt, Hoch und Niedrig mir gegenüber gehandhabt. Ich habe diese Plagerei satt, aber so satt – bis zum Ekel! Und diese Herren Aerzte – daß sich Gott erbarm’! - es ist Einer immer dümmer als der Andere. Können nicht einmal mit einem armseligen Katarrh fertig werden, und um solch eine Kleinigkeit schlagen sie einen Lärm, als ginge es an’s Leben, an mein junges, herrliches, vielbeneidetes Leben – bah, Blödsinn!“ fügte sie mit schwacher Stimme und fieberisch glänzenden Augen hinzu, während die Majorin sich anschickte, das Zelt zu verlassen.

„Ich bitte Sie, thun Sie mir den einzigen Gefallen und schließen Sie dort die Terrassenthür in Mercedes’ Salon – meinetwegen auch die seidenen Vorhänge!“ rief sie ihrer Schwiegermutter nach, die sofort zurückkam.

Man blickte vom Zelt aus durch eine weitoffene Glasthür in ein schönes Parterrezimmer hinauf, von dessen tiefer Wand sich die Gestalten eines Bildes ergreifend lebensvoll abhoben.

„Ich habe mich schon in Baron Schilling’s Atelier mehr als genug vor dieser gräulichen, hugenottischen Frauengruppe entsetzt,“ fuhr die kleine Frau nervös ärgerlich fort, „und nun tritt sie mir auch hier, wie das aufdringliche Fatum, immer wieder vor die Augen. Mercedes ist nicht recht klug, daß sie solch schauderhafte Bilder kauft und ihren sonst ganz passable hübschen Salon damit verdirbt.“

Sie griff grollend in die dicken Büschel aufgeblühter weißer Rankrosen, die seitwärts über das Bronzegitter der Terrasse herüberschaukelten, und zerpflückte sie, die Blätter in gedankenlosem Spiel über die seidene Decke hinstreuend. Dann richtete sie sich auf und warf sich eine Handvoll der weißen Kelchblätter über die dünnen, sorgfältig geordneten Locken – sie sah aus, wie von Schneeflocken überrieselt.

Die Majorin wandte sich weg und sah über das weite, herrliche Blumen- und Rasenparterre hin, das sich zu Füßen der Terrasse ausbreitete. Die Indignation über das bodenlos kindische Gebahren der jungen Frau schnürte ihr fast die Kehle zu, und doch verrieth kein Zug ihres ernsten Gesichtes, daß sie diese Sterbende hasse und verachte bis in den Tod hinein – sie dachte an die Kinder, denen sie das Leben gegeben, und bezwang sich.

„Ich möchte Paula haben,“ sagte hinter ihr die heisere, schwache, eigensinnige Stimme.

„Die Kleine macht mit Deborah ihren Morgenspaziergang; sie wird im Augenblick nicht herbeizuschaffen sein,“ versetzte die Majorin gelassen „Aber José höre ich eben zurückkommen.“

Gleich darauf sah man drei Reiter in den breiten Durchhau einlenken, der den Waldpark angesichts der Villa-Façade in seiner ganzen Tiefe durchschnitt und einen herrlichen Ausblick auf die fern sich hinstreckende Stadt gewährte.

Ruhig, gleichsam noch in den Genuß des Morgenrittes versunken, kamen die Reitenden näher und näher – es war Donna Mercedes mit José und dessen Hauslehrer. Dem Knaben sah man nicht mehr an, daß er vor drei Jahren schon halb und halb eine Beute des Todes gewesen war. Schlank und blühend, ein Bild der Kraft und Schönheit, saß er auf seinem kleinen Pferd – der Majorin schwoll das Herz vor Stolz und Freude, als er ihr von ferne mit seinem Hütchen grüßend zuwinkte.

„Der dumme Bub’ spielt wirklich schon den großen Herrn,“ grollte die ärgerliche Frauenstimme unter dem Zeltdach, während die Majorin am Terrassengeländer stand und mit der Hand die Näherkommenden begrüßte. „Aber Sie sind selber schuld, Madame; ein achtjähriger Junge gehört noch nicht auf’s Pferd –“ „José ist zehn Jahre alt.“

„Mein Gott, das muß ich immer wieder hören, damit ich mir ja recht einbilde, ich sei eine alte Frau. Dazu qualificire ich mich aber nicht, absolut nicht, und wenn Sie es noch so eifrig wünschen. Ich bin jung und mädchenhaft, mag zehnmal solch ein langer, altkluger Bengel neben mir stehen und ,Mama’ zu mir sagen. Und in fünf Wochen tanze ich in Berlin, allen spießbürgerlichen Anschauungen, aller doctorlichen Weisheit zum Trotz – glauben Sie, ich werde das nicht wahr machen?“

Die Frau am Geländer zuckte schweigend die Achseln, und Lucile knickte mit ihren matten, blassen Fingern nun auch ein paar Rosen sorgfältig ab, um sie in das Haar und an die Brust zu stecken.

„Schau, wie Dame Mercedes kokett zu Pferde sitzt!“ sagte sie, ohne den Kopf zu wenden, mit einem blinzelnden Seitenblick aus halbgeschlossenen Augen. „Nur schade, daß das der blöde, junge Hauslehrer vor lauter Respect nicht zu bemerken wagt! Wenn sie nur wüßte, wie schauderhaft ihr das blaue Reitkleid zu dem gelben Gesicht steht! Bah, sie hat nie Geschmack gehabt! Und in dem gräßlichen Reitcostüm steckt sie Tag für Tag – es sieht verwettert aus wie ein alter Commißrock. Aber das ist jetzt so ihre Marotte – sie spielt die Einfache. Mein Gott, warum nur? Die alten Stoffe werden aufgetragen bis auf den letzten Faden, und die Jungfer lamentirt, daß längst alle Schmucksachen bis auf den kleinsten Manschettenknopf weggeschlossen worden sind – lächerlich! Drüben war sie, wie alle diese protzigen Baumwollenprinzessinnen, stets aufgeputzt wie ein Schlittenpferd – die Augen thaten Einem weh vor lauter Brillantengeflinker, wenn man sie ansah. Will sie hier vielleicht auch Nonne werden, wie die odiöse Baronin Schilling?“

Die Majorin ging, ohne ein Wort der Erwiderung, behenden Schrittes die Terrasse entlang und stieg die breiten Mittelstufen hinab, den Heranreitenden entgegen. Sie zog einen Brief aus der Tasche und schwenkte ihn in der Luft.

Donna Mercedes trieb sofort mit einem leichten Gertenschlag ihren schönen Fuchs an und flog den Anderen weit voraus. Eine tiefe Gluth bedeckte ihr Gesicht, während sie hastig nach dem Briefe griff und das Couvert aufriß. Sie überflog die ersten Zeilen; dann bückte sie sich tief zu der Majorin herab und flüsterte mit vor Bewegung fast erstickender Stimme: „Baron Schilling kommt heute Abend aus Frankreich zurück.“

Unwillkürlich griff sie nach der Hand der alten Frau und hielt sie mit aufstrahlenden Augen und einem vielsagenden Druck einen Augenblick fest; dann steckte sie den Brief zu sich, wendete ihr Pferd, und mit einem freundlichen Gruß nach der mürrisch dreinschauenden kleinen Frau hinauf, jagte sie auf dem nächsten, durch den Wald führenden Wege der Stadt zu.




41.

Der kluge Fuchs trug seine Reiterin die Chaussee entlang, am Bahnhof vorüber, trabte da durch eine belebte Straße, dort über einen stillen Domplatz, und bog schließlich in die öde, zum Theil von Gartenmauern gebildete lange Gasse ein, in welche eine wohlbekannte Mauerthür mündete. Er machte fast täglich diesen Weg und wieherte stets freudig beim Einlenken in den Garten des Schillingshofes; denn er wußte, daß er da drinnen als Liebling cajolirt und gehegt und gepflegt wurde.

Die Thür stand, wie immer um diese Stunde, wo Donna Mercedes zu kommen pflegte, weit und gastlich offen. Mit stürmisch pochendem Herzen ritt sie in das grüne Fichtendämmern hinein – heute noch einmal war sie, wie die langen drei Jahre her, mutterseelenallein in Atelier und Garten; dann –

Der Stallbursche kam durch die Platanenallee gelaufen, um ihr vom Pferde zu helfen. Sein Gesicht strahlte, und nur mit Mühe verbarg er ein pfiffiges Schmunzeln.

„Ah – Sie wissen schon?“ sagte Donna Mercedes, als sie neben ihm auf dem Boden stand.

„Jawohl, gnädige Frau,“ versetzte er ehrerbietig. „Alles im Schillingshofe ist rein närrisch vor Freude, weil nun endlich die langweilige Wartezeit überstanden ist. Solch ein herrenloses Haus ist schrecklich.“

Er führte den Fuchs nach dem Stall, und Donna Mercedes blieb einen Augenblick auf dem Kiesplatz vor dem Atelier stehen und übersah das Gartenrevier, soweit sie vermochte. Ob er wohl zufrieden war mit ihrem Schalten und Walten?

Dort, auf dem Klostergut, wo früher die hinfälligen, dohlenumschwärmten Giebel, die zerbröckelnden Wände der Hintergebäude in häßlicher Verkommenheit über die Obstbaumwipfel geblickt hatten, erhoben sich jetzt schöne, neue Schieferdächer. Aber sie waren um ein beträchtliches Stück vom Säulenhause weggerückt – es gab keine gemeinsame Wand mehr zwischen Schillingshof und Klostergut, die einen spukhaften „Mäuseweg“ gestattet hätte.

Die Majorin hatte beim Verkauf des Klostergutes die Bedingung gestellt, daß der neue Besitzer sein Wohnhaus weit ab aufbauen müsse, und dafür den Kaufpreis um ein Bedeutendes ermäßigt – nur so kam die Schmach, die der letzte Wolfram auf sein altes, ehrenfestes Geschlecht geladen, allmählich in Vergessenheit.

Der nunmehrige Besitzer hatte sich auch herbeigelassen, Baron Schilling einen breiten Streifen des freigewordenen Terrains abzutreten. Damit fiel auch die hohe, verdüsternde Mauer, die einst die plebejischen Tuchweber von den Ritterlichen streng geschieden, und machte einem niedrigen hübschen, der Physiognomie des Säulenhauses entsprechenden Gemäuer Platz, an dessen Fuß nunmehr die jungen Aeste seinen Spalierobstes emporkletterten. Das herrliche italienische Haus reckte sich, nun auf allen Seiten von Licht und Luft umspielt, noch einmal so imposant in den blaßblauen deutschen Himmel. Im großen, hinter dem Säulenhause liegenden Garten aber schloß sich an die Mauer ein luftiges helles Stacket, das die beiden Grundstücke wohl trennte, aber nicht wie der ungeschlachte, struppige Zaun wüst und entstellend in die Anlagen hineinragte.

Alle diese Neuerungen hatte Donna Mercedes überwacht und geleitet. Baron Schilling hatte ihr brieflich seine Ideen und Absichten mitgetheilt, und sie war denselben möglichst treu und pünktlich nachgekommen. Langsam, mit kritisch musterndem Blick schritt sie jetzt auf dem Wiesenweg, der direct nach dem Säulenhause lief. Sie hatte die Reitschleppe um den Arm geschlungen und das Hütchen mit der weißen, wallenden Feder schützend in die Stirn gerückt.

Wohl war das Mädchengesicht auf der Elfenbeinplatte, das einst ein zärtlich stolzer Vater über das Meer geschickt, damit es sich deutsche Herzen erobere, von hinreißender Schönheit gewesen; auch die Frau, die vor drei Jahren in Trauergewändern den Schillingshof betreten, hatte die Augen geblendet durch ihre undinenhafte Erscheinung, allein ihre herrischen Geberden, ihr verschlossenes Wesen, der Eisesblick, den die großen, gebieterischen Augen hochmüthig über andere Mitgeschöpfe hingleiten ließen, hatten einen erstarrenden Hauch um sie verbreitet. Heute schritt das junge Weib, die südlich blaßgelbe Haut vom nordischen Hauch zu unvergleichlicher Blüthe und Frische gewandelt, voll unbeschreiblichen Liebreizes durch die Boscage und ließ den Blick ängstlich prüfend und in sichtlicher Beklommenheit über die Ostfronte des Säulenhauses hinschweifen. Ob auch Alles seinen Wünschen entsprach?!

Nur durch traute, gemüthliche Einfachheit wollte er ein „Familienheim“ beglückend finden. Und er hatte ja unbedingt Recht, vollkommen Recht, wie – in Allem. Nun, dort hinter den Fenstern des Oberbaues waren ja alle kostbarer Tüll- und Spitzengardinen verschwunden. Sie waren, in Kisten verpackt, nach Coblenz gewandert, um mit Allem, was „Steinbrückisch“, verauctionirt zu werden.

Keinen Leinenfaden, keinen Nagel in der Wand, von welchem sie nicht mit gutem Gewissen sagen konnte, daß es Schilling’scher Besitz sei, hatte Mamsell Birkner im Hause geduldet – sie hatte auf jede verirrte Flaumfeder, auf jedes werthlose Medicinfläschchen in den Zimmern der „Gnädigen“ Jagd gemacht und Alles pünktlich notirt und mit verpackt.

Baron Schilling hatte die selbstentworfenen Zeichnungen zu den neuen Meublements seines Heims und die Mittel zur Beschaffung derselben an „seine gute, alte Birkner“ eingeschickt; allein sie war halsstarriger Weise dabei verblieben, nicht ein Stück ohne Donna Mercedes’ Rath und Sanction anzukaufen. Und so hingen nun dort in den mächtigen Bogenfenstern einfarbige oder auch in buntem Teppichmuster leuchtende Wollgardinen, die in Ringen liefen. Es ließ sich nicht leugnen, jetzt erst verschärfte sich der Charakter des Bauwerkes, der eines venetianischen Prachthauses – man meinte, dort unter dem wogenden Faltenwurf einer halb zurückgeschlagenen Gardine müsse der Kopf einer schönen Dogen- oder Patriciertochter auftauchen.

Es wehte heute eine so lautlose Stille um das Säulenhaus. Weder Mamsell Birkner, noch Hannchen ließen sich sehen, und sonst kamen sie doch stets voll Freude daher, um den lieben Gast zu begrüßen. Sie waren wohl in Küche und Keller emsig beschäftigt, um auch da die letzte Hand zum Empfang des heimkehrenden Gebieters anzulegen.

Donna Mercedes kehrte wieder über die Wiesen zurück und pflückte im langsamen Weiterwandeln da und dort eine langstielige, morgenfrische Feldblume. Wie zierlich sie die Blumen zu gruppiren verstand! Camillen, Butterblumen, weiße Glöckchen auf schwankem Stengel, hier ein wildes Röschen von der Hecke, dort einige der Vergißmeinnicht, die am Bachufer üppig wucherten, und darüber ein feiner, wallender Schleier bräunlich grüner Zittergräser – so entstand in den schmalen Frauenhänden ein köstlicher, malerisch geordneter Strauß einfacher Wiesenblumen.

Wer es der „Plantagenfürstin“ einst gesagt hätte, daß sie den stolzen Leib unzählige Mal nach einer armseligen deutschen Feldblume bücken würde! Nicht einmal den Blick hatte sie damals gesenkt nach den demüthigen Kindern der Natur, an denen ihre Sohle knickend hingestreift. Und war es nicht die verhaßte deutsche Luft, welche sie, manchmal stehenbleibend, mit so durstig tiefen Zügen einsog, als sei dieser würzige, kräftige Odem voll Fichtenduft vom Anfang an das Element gewesen, in welchem sie einzig und allein zu leben vermöge?

Der Strauß war so umfangreich geworden, daß ihn die Hand kaum zu umfassen vermochte – er war fertig, um in die Vase gestellt zu werden. Donna Mercedes schritt nach dem Glashause, aber es war verschlossen. So stieg sie denn, wie sie so oft that, die Treppe nach dem Oberbau hinauf.

In dem kleinen Salon, den Baron Schilling einst um ihretwillen bewohnt, hielt sie sich oft stundenlang auf; fast alle an ihn gerichteten Briefe hatte sie auf dem einfachen Eichenholz-Schreibtisch am Fenster geschrieben.

Mamsell Birkner und Hannchen wußten das und sorgten stets dafür, daß dort irgend eine Erfrischung für den Besuch bereit stand. Auch jetzt blickte eine schöne Krystallschale voll frischer Erdbeeren auf einem weißgedeckten Seitentischchen.

Donna Mercedes warf ihren Hut auf einen Stuhl und zog das Reitkleid schürzend durch eine Gürkelkette. Das Hütchen hatte ihr die Haarwellen lose und lockig in die Stirn geschoben, und beim Herausziehen der Nadeln, die es festgehalten, war eine Flechte locker geworden und seitwärts bis tief über die Hüfte hinabgeglitten. Sie bemerkte es nicht. In der einen Hand den kleinen Silberteller mit der beerengefüllten Krystallschale, in der andern den Feldblumenstrauß, stieg sie die Wendeltreppe in der Atelierecke hinab.

Sie war jetzt ganz sorgende Hausfrau. Ihre Augen flogen forschend und strengprüfend durch den Raum, ob auch Alles unverrückt an seinem Platze stehe, ob kein Stäubchen auf all dem blinkenden und blitzenden Glas- und Metallgeräthe liege und Licht und Schatten durch das Arrangement der Vorhänge so vertheilt sei, wie Hannchen gesagt, daß er es liebe.

Er hatte seiner Correspondentin die Stätte seines Schaffens wiederholt an das Herz gelegt, und sie behütete den Raum wie ein Heiligthum. Jede Spur des Attentates, das einst die rachsüchtige weibliche Hand hier verübt, war längst verwischt. Im Glashause rauschte leise die eine große Fontaine und hauchte erfrischende Kühle in das Atelier; die Palmen hatten sich herrlich entwickelt und drohten mit ihren Kronen das Glasdach zu sprengen, und zwischen den sammetschimmernden Blättern der Gloxinien leuchtete schon manch früherblühter Kelch.

Donna Mercedes rückte ein Rococo-Tischchen mit ausgelegter Platte neben die Staffelei und stellte die Krystallschale darauf. Dann nahm sie ein hohes venetianisches Kelchglas von einem Schranksims, füllte es am Bassin mit frischem Wasser und placirte es mit dem Wiesenblumenstrauß neben der Schale. Fast zaghaft griff sie in die Tasche und zog ein kleines, unscheinbares Etui heraus – sie trug es in der letzten Zeit immer bei sich und hatte sich doch stets gescheut, es da niederzulegen, wohin es von Rechtswegen gehörte.

Noch einmal drückte sie die Feder auf, und das Mädchengesicht auf der Elfenbeinplatte sah sie mit seinen halb stolzen, halb melancholischen Augen an. Lächelnd schob sie die schmale Kapsel tief in das Herz des Straußes, und die Zittergräser schlugen harmlos darüber zusammen – sie wußten ja nicht, daß das Reuebekenntniß eines in all seinen Tiefen gewandelten weiblichen Herzens zwischen ihnen ruhe. – –

Das war nach Wunsch ausgefallen – ihr strahlender Blick glitt befriedigt über das Tischchen, und nun ging sie umher und bückte sich, um da ein Pantherfell näher und bequemer an den Lehnstuhl zu rücken, dort einen vermuthlich am Kleidersaum hereingetragenen feinen Holzsplitter von der blanken Fußboden-Mosaik zu nehmen, und bei diesem Bücken fiel ihr die gelöste Flechte vornüber. Sie hob die Arme, um sie festzustecken.

„Mein süßes Weib, wie entzückst Du mich!“ scholl es plötzlich in hervorbrechender Leidenschaft durch das Atelier.

Sie stieß einen Schrei aus und wankte, aber schon fühlte sie sich innig umschlungen; sonnenverbrannt, aber tiefgeistigen Ausdruck in jeder seiner unregelmäßigen Linien beugte sich das Gesicht mit der eckige Stirn über sie, und die blauglänzenden Augen tauchten beseligt in die ihren.... Ihrer nicht mehr mächtig, schlang sie die Arme um seinen Hals und ließ es geschehen, daß er ihr Gesicht mit Küssen bedeckte.

Dann aber strebte sie zu entfliehen. „Böser Mann!“ schalt sie. „Das ist eine unerlaubte Ueberrumpelung! – Im ersten Schrecken –“

„Im ersten Schrecken, Mercedes?“ fragte er, ohne sie freizugeben. „Im ersten Schrecken bist Du mein geworden?“ Er lachte. Wie klang das voll und frisch und herzbezwingend von den Wänden! „Verlangst Du ernstlich, daß ich in aller Form das ausspreche, was wir längst zwischen den Zeilen unserer Briefe gelesen haben?“

„Nein, das sollst Du nicht. Ich weiß, daß Du mich liebst mit deutscher Innigkeit und Treue,“ sagte sie tiefernst, und das Feuer ihres Blickes milderte sich zu jenem sanften Licht, welches die Hingebung des Weibes so unwiderstehlich bekundet.

„Mercedes!“ Er zog sie tiefer in das leuchtende Viereck, welches das Oberfenster hereinwarf. „Laß sehen – Du bist es nicht, die mir einst Liebesleidenschaft und Haß und Abscheu zugleich eingeflößt hat, die Frau, die Engel und Teufel in ihrem unbegreiflichen Wesen vereinigte, die schlimme Worte mit todbringenden Blicken aussprechen konnte –“

„Still! Ich sagte und that gar Vieles einzig und allein aus Trotz, aus Nothwehr gegen den siegreichen ‚fischblütigen’ Germanen.“ – Sie verbarg ihr Gesicht an seiner Brust.

„O, meine arme, geblendete Madonna!“ rief er lächelnd mit einer Wendung nach dem Schranke, in welchem er einst das zusammengerollte Oelbild verschlossen hatte. „Nun sind die Augen doch wahr gewesen!“

Sie sah ihn erstaunt an.

„Ja, Deine Augen, Mercedes. Das kleine Bild auf der Elfenbeinplatte“ – jetzt richtete sich ihr Blick verstohlen nach dem Feldblumenstrauß – „o, ich weiß schon, wo ich mir mein Eigenthum wiederzuholen habe,“ unterbrach er sich lachend. „Zuerst sah ich Dich, vom Glashause aus, über die Wiesen schreiten und Blumen pflücken. Dann kamst Du dort die Treppe herab, während ich mich hinter den großen, chinesischen Schirm geflüchtet hatte und fürchtete, mein laut pochendes Herz würde mich verrathen. Ich sah, wie Du mitleidig lächelnd in das Gesicht der Dreizehnjährigen blicktest – und doch sind es diese tiefen Kinderaugen, die Du auf manchem meiner besten Bilder finden wirst – sie erstanden immer wieder unter meiner Hand, ob ich wollte, oder nicht. Aber da kamst Du eines Tages selbst, in der ersten Stunde meine Seele bezwingend, wie Satanella, wie eine ‚Teufelinne’ – ich haßte die eisigblickenden Flammenaugen und vergötterte sie zugleich; in aufloderndem Zorn verlöschte ich die spöttische Sphinx an meinem Herzen – beseligende Wandlung! Sie will mein sein in sanfter Hingebung – ob aber auch in Allem, Mercedes?“

Er ließ plötzlich die Arme sinken und trat unter einem tiefen Athemzug von ihr weg.

„Das muß erst noch gesagt werden – ich kann mir nicht helfen. Du wohnst in einem Zauberschloß, schwimmst in feenhaftem Luxus und bist gewohnt, mit vollen Händen Dein Gold in die Welt zu streuen. So tief und wahr, so heiß ich Dich liebe – Eines müßte uns scheiden: sofern Du gewillt bist, in diesem einen Punkt Donna de Valmaseda zu bleiben –“

„Du irrst,“ unterbrach sie ihn mit sanftem Lächeln und ergriff seine Hand. „Ich werde kein anderes Brod essen, als das meines Eheherrn, und nur die Kleider tragen, die er mir giebt. Dafür will ich die fürsorgende Hausfrau des Schilligshofes sein, die selbst thätig ist, um das Heim nach Deinem Sinn behaglich zu gestalten – frage die gute Birkner, ob ich nicht bereits ein wenig Begabung dafür gezeigt habe! Aber freilich, in einem Punkte will ich auch höher hinaus, Arnold. Ich möchte auch die Künstlerfrau sein, die hier zu jeder Stunde Zutritt hat, mit der Du über Deine Ideen und Entwürfe sprichst – bin ich einmal die Frau eines berühmten Mannes, dann muß ich mir auch mit gerechtem Stolze sagen dürfen, daß ich auch geistig neben ihm auf seiner Bahn schreite –“

Weiter konnte sie nicht reden. Mit einem wahren Aufjauchzen zog er sie wieder an sich und verschloß ihr den Mund.

„Gehen wir jetzt in unser künftiges Heim!“ sagte er. „Ich bin heute in aller Morgenfrühe angekommen und habe längst gesehen, wie Du mich und mein Wesen aus meinen Briefen verstanden hast.“

Er schloß das Glashaus auf; sie traten hinaus in den Garten und schritten durch die Platanenallee, die schon auf so viel wechselndes Glück und Leid herabgesehen. Und sie sprachen von José und Paula, von der Majorin und Lucile – und in diese Mittheilungen hinein sagte Donna Mercedes mit strahlenden Augen:

„Aber nach der Villa gehen wir alle Tage – wir müssen doch nach den Kindern und der Großmama sehen. Wenn Du Deine Arbeit müde wegschiebst, dann wandern wir hinaus – dann bist Du aber auch mein Gast –“

„Jawohl – bei einem frugalen Abendbrod –“

„Einem selbstverständlich ‚frugalen’ Abendbrod auf der Terrasse. Ich habe auch einen kostbaren Schatz draußen; der bleibt aber für immer dort in meinem Salon. Ich wette, er zieht Dich – hast Du ihn erst gesehen – weit mehr noch hinaus, als jetzt Deine Braut –“

„Erlaubst Du, daß ich zweifle?“

„Nein – Du wirst sehen.“

Er lachte heiter auf und führte sie die Freitreppe des Säulenhauses hinauf. Und jetzt thaten sich die Thürflügel, wie durch Zauberhand berührt, weit auf.

Die Hausmamsell und Hannchen traten feierlich aus der Tiefe der Flurhalle, und über das Gesicht der „guten alten Birkner“ flossen Freudenthränen. Sie trug eine schöne neue Haube, die ihr „Arnold – wollt’ ich sagen: der gnädige Herr“ – von der Reise mitgebracht hatte, und statt des eingelernten Glückwunsches, von welchem kein Laut über die zuckenden Lippen wollte, zeigte sie nur stumm auf den blumenbestreuten Weg, der durch den Corridor nach der Treppe lief, auf den frischen Guirlandenschmuck, in welchem die Wände der Flurhalle prangten.

„Meine Birkner hat einen wahren Kassandra-Blick,“ sagte Baron Schilling schelmisch, und doch mit einer tiefen Ergriffenheit kämpfend. „Sie hat gewußt, daß um diese Stunde eine Braut einziehen wird.“

Und ohne Weiteres seinen Arm um die kleine, runde Person schlingend, küßte er sie herzlich auf die Wange, wie er oft als Knabe gethan, da sie ihm Alles gewesen, Mutter, Pflegerin und Vertraute, die zwischen ihm und dem strengen Vater stets vermittelt.

Nicht in ihre künftigen Zimmer, die schönen Salons, die an die Terrasse stießen, führte er die Braut zuerst; die Thüren des großen Mittelsaales waren weit zurückgeschlagen – auch hier bedeckten Blumen das Parquet; sie lagen zu Füßen der markigen Gestalten mit den viereckigen Köpfen, der alten Ritterlichen, welche die gewundenen und vergoldeten Rahmen füllten, und das Bild des alten Freiherrn Krafft von Schilling war mit Fichtengrün und Eichenlaub umkränzt.

Sein Sohn umfaßte das schöne, schlanke Weib an seiner Seite und trat vor die imposante Soldatengestalt, die mit feurig sprühendem Blick auf die Nahenden herabsah. „Da ist sie, Vater – Lucian’s Tochter,“ sagte er so ernst feierlich, als könne die kräftig schöne Hand dort oben, deren Segen er wünschte, sich in der That über ihn hinstrecken. „Die ‚Opferung des armen Isaac’ ist tausendfältig gut gemacht – bist Du zufrieden?“

Draußen, jenseits des Eisengitters strömte der Menschenverkehr auf und ab. Man lauschte durch das kunstvolle Gittergeflecht und ließ den Blick immer wieder bewundernd über die herrliche Façade des Säulenhauses hinfliegen – aber Niemand ahnte, daß soeben wunderbar verschlungene Ereignisse und Schicksale ihren glücklichen Abschluß gefunden hatten „Im Schillingshofe“.


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