Die Gartenlaube (1871)/Heft 36

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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum: 1871
Erscheinungsdatum: 1871
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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No. 36.   1871.
Die Gartenlaube.

Illustrirtes Familienblatt. – Herausgeber Ernst Keil.

Wöchentlich bis 2 Bogen.    Vierteljährlich 15 Ngr. – In Heften à 5 Ngr.



Das Haideprinzeßchen.

Von E. Marlitt.
(Fortsetzung.)


9.

Es war zur Mittagszeit, als wir erschöpft und mit steifgewordenen Gliedern auf dem Bahnhof zu K. anlangten, nachdem wir schon den halben vorigen Tag und die ganze Nacht auf der Eisenbahn gefahren waren. Die neuen Eindrücke, denen ich überall begegnet war, hatten mich nahezu überwältigt. Nun hing die Sonne senkrecht über unserem Scheitel, und es schien, als wolle sie uns und den schnaubenden Zug und die große Häusermasse der vor uns liegenden Stadt insgesammt zu Pulver verbrennen.

„Zu Herrn Doctor von Sassen!“ sagte Ilse gebieterisch zu den zwei Männern, die unsere Habseligkeiten auf einen kleinen Wagen luden.

„Kenne ich nicht!“ versetzte der Eine.

Ilse nannte die Hausnummer.

„Ah, das große Sämereigeschäft – Firma Claudius? … Wohl, wohl!“ sagte er ehrerbietig, und der Wagen rollte fort.

Eine erstickende Staubwolke empfing uns auf der Promenade, die sich zwischen der Stadt und dem Bahnhof hinzog, und auf den weiten Rasenplätzen ringsum und den kleinen hübschen Kastanien über unseren Häuptern lag es schwer und grau, als habe es Asche geschneit. … Hier flog doch wenigstens noch ein Luftzug auf; aber in den Straßen, die wir nun durchwandern mußten, herrschte bleierne, mephitisch dumpfe Schwüle. Dann und wann öffnete sich eine der engen Gassen, und wie eine eintönige, sonnenflimmernde Scheibe breitete sich ein weiter Platz draußen hin – mir war, als müßten dort die erhitzten Pflastersteine dampfen oder helle Funken zurücksprühen. … Ach, die rothblühende Ebene daheim mit dem erquickenden Haideduft und den kühlen, rauschenden Eichen um den Dierkhof!

„Das ist zum Sterben schrecklich, Ilse!“ stöhnte ich, während sie meine Hand ergriff und mich hastig auf das Trottoir zog – eine Equipage raste um die Ecke.

Bis dahin waren uns nur wenige vorübereilende Menschen begegnet; die Mittagsgluth machte die Straßen still und einsam. Nun aber scholl Trommeln und Pfeifen fern herüber.

„Die Wachtparade!“ sagte Ilse aufhorchend mit einem wohlgefälligen Lächeln – alte, fünfundzwanzigjährige hannöversche Erinnerungen mochten wohl in ihr auftauchen.

Der Lärm kam rasch näher und plötzlich fluthete ein Menschenschwall in die Straße herein.

„Hu – guckt ’mal die an! Die hat hundert Jahre im Kleiderschrank gehangen!“ schrie ein Junge und stellte sich vor Ilse hin. Er legte seine zwei Fäuste auf dem Kopfe übereinander, um die Hutform anzudeuten, und schnitt eine Grimasse. Alles lachte und schrie durcheinander, und selbst unsere zwei Lastträger schmunzelten.

„Gassenjungen!“ sagte Ilse verächtlich und hob steif den Kopf, während wir zu meiner Beruhigung gerade in eine stille Seitenstraße einbogen. „In Hannover sind die Leute doch manierlicher – da ist mir so ’was nie passirt!“

Jeder Nerv zitterte in mir und die tiefste Niedergeschlagenheit überkam mich – Ilse, meine heilig respectirte Ilse war verhöhnt worden! … Ich drückte ihre Rechte, die mich bis dahin geschützt und geleitet, leisetröstend und liebkosend an meine Wange, und ließ meine müden, heißen Füße mechanisch weiter wandern.

Der Wachtparadenlärm hinter uns erlosch allmählich, und endlich hielten die Männer in einer abgelegenen, todtenstillen, aber mit vornehmen Häusern besetzten Straße. … Wir standen vor einem düstern Steinbau. Sämmtliche Fenster im Erdgeschoß waren vergittert und zu der hochgelegenen Hausthür führten Stufen mit einem schönen Eisengeländer. Das alte Haus mit seiner breiten, massiven Nordfront mochte wohl imposant sein; ich aber entsetzte mich vor den Fenstergittern, vor den geschwärzten Mauersteinen, auf die kein Sonnenschein fiel, und die reichgeschnitzte und verschnörkelte schwere Bohlenthür, mit dem ungeheuren, blitzenden Messingdrücker starrte mich an, wie ein dunkles, unheimliches Räthsel.

„Siehst Du, Ilse, daß ich Recht hatte mit der Hinterstube?“ rief ich verzweiflungsvoll. „Wir wollen umkehren!“

„Abwarten!“ sagte sie und zog mich die Stufen hinauf. Die Lastträger nahmen das Gepäck auf die Schultern und traten hinter uns. Ilse klingelte. Gleich darauf wurde die Thür langsam zurückgeschlagen und ein alter Mann ließ uns eintreten. Eine ungewöhnlich hohe und weite Hausflur nahm uns auf. Wir standen auf einer glänzend polirten Steinmosaik – von Stein waren die breiten, gewundenen Treppen im Hintergrund und die zwei mächtigen Träger inmitten der Flur, die sich droben an der Decke in kühne Bogen spalteten. Diese Steinmassen hauchten eine köstliche Kühle aus, aber über sie hin breitete sich auch tiefer Schatten, ein kirchenartiges Dämmerlicht, das nicht einmal die über den Treppen hereinfallenden Sonnengluthen zu durchströmen vermochten.

[594] „Firma Claudius?“ fragte Ilse.

Der Mann nickte steif, indem er mit achtbarem Unwillen zurücktrat, um den beladenen Männern Raum zu geben.

„Hier wohnt Herr Doctor von Sassen?“

„Nein, hier nicht!“ versetzte er rasch und trat nun mit vorgestreckten Armen den Leuten in den Weg. „Herr von Sassen wohnt in der Karolinenlust – da müssen Sie draußen rechts um die Straßenecke biegen –“

„O Herr Jesus, wir sollen wieder hinaus in die entsetzliche Hitze?“ klagte Ilse mit einem Seitenblick auf mich.

„Thut mir leid,“ sagte der Alte ungerührt und achselzuckend; „aber durch dieses Haus geht der Weg einmal nicht – und Ihr solltet doch wahrhaftig wissen, daß für dergleichen Dinge, für solch einen Huckepack, drüben in der Seitenstraße das Thor ist!“ fuhr er die Leute an und zeigte auf die Effecten.

In dem Augenblick, wo er scheltend die Stimme erhob, fing auch im Hintergrund der Halle ein Hund an, zornig mitzukläffen. Dort führten Stufen zu einer Thür hinab. Auf diesen Stufen stand eine alte Dame in schwarzseidenem Kleide und buntbebändertem Häubchen und wischte, einem zierlichen Pinscher, der jedenfalls eben von draußen hereingekommen war, mit einem Tuche sorgsam die kleinen Pfoten ab.

„Lassen Sie doch die Leute durchgehen, Erdmann!“ sagte sie freundlich herüber.

„Aber, Fräulein Fliedner, sehen Sie doch nur den Staub!“ protestirte er so ängstlich, als hätten wir die ganze Asche des Vesuvs auf unseren Kleidern und Schuhen und könnten damit seinen sauber polirten Fußboden verschütten. „Und wenn nun gar Herr Claudius in der Hinterstube ist und die Leute über den Hof gehen sieht, da kann es Etwas geben, Fräulein Fliedner.“

„Ich schicke Dörte nachher gleich mit dem Besen herunter, und was die Schelte betrifft, so nehme ich sie auf mich,“ beschwichtigte sie ihn. „Uebrigens ist Herr Claudius auf keinen Fall in der Hinterstube – binnen fünf Minuten will er ja nach Dorotheenthal fahren.“

Sie öffnete eigenhändig die Thür nach dem Hofe und winkte uns, durch die Halle zu kommen. Ein leises schelmisches Lächeln huschte über ihr feines Gesicht, als Ilse an ihr vorüberschritt und den bethürmten Kopf dankend neigte, aber sie wandte sich rasch ab und stieg, den knurrenden Hund auf dem Arm, die Stufen wieder hinauf.

„Ein vernünftiges Frauenzimmer,“ sagte Ilse befriedigt vor sich hin, als die Thür rasselnd hinter uns zugefallen war.

Das Wort „Hof“ hatte mich förmlich elektrisirt – ich sah sofort das ganze Geflügel des Dierkhofes fröhlich aufflattern; aber davon war nichts zu sehen in dem großen kahlen Viereck, das wir betraten. Es wurde durch das Vorderhaus, zwei daranstoßende lange Seitenflügel und eine im Hintergrund hinlaufende Mauer gebildet. Den linken Flügel durchbrach ein großes weitoffenes Thor, in welches die Häuser der benachbarten Straße hereinsahen. Hohe Stöße neuer Kisten thürmten sich auf dem reingefegten Pflaster, und die völlige Abwesenheit von Gardinen oder sonstigem Schmuck an den Fenstern der Hintergebäude ließ dieselben als das Geschäftslocal der Firma Claudius erkennen.

Eben, als wir in den Hof traten, zog ein Kutscher ein Paar feurige Pferde aus dem Stalle und führte sie nach einem hübschen hellausgeschlagenen Wagen, der vor der Remise stand.

Unsere Lastträger schritten schnurstracks auf eine inmitten der Mauer gelegene Thür zu, und wir folgten ihnen.

„Wohin wollen denn die Leute?“ rief uns plötzlich eine Stimme in ziemlich kurzem Tone.

Ich zog meinen Hut noch tiefer in die Augen und hütete mich, den Kopf zu wenden – ich erkannte sofort die Stimme des alten Herrn im braunen Hut wieder, wenn sie auch jetzt nicht so weich klang, wie vor vier Wochen in der Haide. … Er war also doch in der Hinterstube und jetzt „gab es Etwas“, wie der Alte in der Hausflur gesagt hatte. … Die zwei Männer blieben auch sofort wie auf ein militärisches Commando stehen und wagten nicht den Fuß weiter zu setzen. Nur Ilse wandte sich resolut um.

„Wir wollen zu Herrn von Sassen – ist’s erlaubt, hier durchzugehen?“ fragte sie höflich.

Es erfolgte keine Antwort; aber der Herr hatte jedenfalls mit der Hand zustimmend gewinkt, denn Ilse öffnete ohne Weiteres die Thür und ließ die Lastträger eintreten. … Diesmal mußte sie mich genau so, wie gestern Morgen auf dem Dierkhof, über die Schwelle schieben, denn ich stand wie versteinert. … Mein an das gleichförmige Graubraun und das ununterbrochene Blüthenroth der Haide gewöhntes Auge flog im ersten Augenblick völlig verständnißlos über das Farbenmeer hin, das den weiten Plan da vor mir förmlich übergoß. Es war mir unmöglich, zu denken, daß diese tausendfarbig gemischten oder auch in scharf abgegrenzten Nüancen hinfließenden breiten Ströme Blumen nichts als dicht aneinandergedrängte vielgestaltige Blumenkronen und Dolden sein könnten. … Jetzt erst begriff ich, wie menschliche Phantasie die Wunder der Märchenwelt hatte ersinnen mögen – wie eine ungeahnte einsame Zauberinsel schwamm dieses köstliche Blumenfeld inmitten der neuen Welt, die mir bis zu diesem Augenblick so häßlich und graubestaubt erschienen war.

Neben meinen Füßen streckte sich ein Beet voll lilablauer Heliotropen hin; ihr starker Vanillenduft hing schwer in den Lüften und versetzte mich in eine Art von Rausch. … Vergessen waren die stauberfüllten heißen Straßen und die widerwärtigen Reise-Eindrücke, vergessen der gräuliche Wachtparadenlärm, die höhnenden Gassenjungen und das Grauen vor der Hinterstube! Mein Hut saß nicht mehr wie festgemauert auf dem Kopfe – ich warf ihn hoch in die Luft.

„Ach, Ilse, ich möchte mich gleich mitten in die Blumen hineinwerfen, daß sie über mir zusammenschlügen!“ jubelte ich auf.

„Ja, Du wärst’s im Stande,“ meinte sie trocken, fand es aber doch gerathen, mich am Rockzipfel festzunehmen.

Das ununterbrochene Bienengesurr und das Rauschen eines fernen Gewässers ausgenommen, war es sehr still und einsam in dem Garten. Die Vögel hatten sich verstummend in das kühle Gebüsch zurückgezogen, und die Menschen hielten Mittagsrast. Nur ein älterer Mann, dem Arbeitscostüm nach ein Gärtner, trat aus einem Gewächshaus, als wir vorüberkamen, und zeigte den Trägern den nächsten Weg nach der „Karolinenlust“. Ilse dankte ihm.

Wir kamen an einen Fluß, über welchen eine zierlich geschwungene Eisenbrücke führte. Er schnitt das ungeheure Blumenparterre ab; das jenseitige Ufer war mit dichtem Gebüsch bestanden, und wo es auseinanderriß, da sah man in das labende, grüne Düster unter dichtgeschaarten Baumgruppen hinein, auf sorgsam geschorene Rasenflächen und helle Kieswege.

Ich schrak zusammen und floh plötzlich hinter Ilse, als wir die Brücke überschritten hatten – ein Lachen scholl herüber, jenes harmonische Lachen, das ich vor vier Wochen am Hügel gehört hatte, und von welchem ich wußte, daß ich es nie bis an das Ende meiner Tage vergessen würde, … Trotzdem flüchtete ich, denn wo das Lachen, da waren ja auch die spöttischen Augen, vor denen ich mich entsetzlich fürchtete. Ilse’s breite, knochige Gestalt verdeckte meine kleine Person vollkommen; so rückten wir vorwärts durch dunkelschattige Alleen und kühle Bosquets – laute Ausrufe, Gelächter und plaudernde Mädchenstimmen drangen immer deutlicher bis zu uns, und plötzlich sahen wir bunte Reifen über dem Kiesrund wirbeln, auf das wir eben hinaustraten.

Einer der Reifen verirrte sich und flog in ein Bosquet. Eine junge, zartgebaute Dame und ein schlanker Mann in hellem Sommeranzug verfolgten ihn mit hochgehobenen Armen und Stöcken und drangen tief in das Gebüsch ein, wo er verschwunden – der schlanke Mann war der junge Herr Claudius, und das Mädchen, das neben ihm hergelaufen mit den feinbeschuhten, flüchtigen Füßchen und dem offen wehenden, blonden Haar, erschien mir mit ihrem silberhellen Gelächter ganz unausstehlich, obgleich ich ihr Gesicht nicht einmal gesehen hatte. … Mir war seltsam zu Muthe; ich grollte, und wußte nicht weshalb, und athmete doch froh und erleichtert auf, weil ich nun vorüberschlüpfen konnte, ohne dem jungen Herrn begegnen zu müssen.

Ich lugte neben Ilse hervor und sah noch mehr junge Damen umherstehen, eine aber überragte sie alle, eine hohe, starkgegliederte Gestalt in weißem Kleide, über das sie ein feuerfarbenes, mit Gold gesticktes Jäckchen geworfen hatte. … Sie hatte etwas Kühnes in ihren Bewegungen, und doch auch wieder jene stolze Lässigkeit, die aus Kraftbewußtsein und großer innerer Sicherheit hervorgeht.

„Alle guten Geister!“ rief sie in komischem Entsetzen und schlug die Hände zusammen, als Ilse, den Trägern voran, in ihren [595] Gesichtskreis trat, dann brach sie rücksichtslos in ein muthwilliges Gelächter aus.

Ilse wandte sich verständnißvoll um und sah nach dem Bettenfrachtstück zurück, das ja so herausfordernd und lächerlich über dem Kopf des Trägers schaukelte.

Im Nu waren wir von den sämmtlichen Damen umringt.

„O Herr Jesus, Lenore, was zerrst Du mich denn immer und hängst mir am Rocke wie ein kleines Kind!“ schalt Ilse unwillig; sie schüttelte mich ab und zog mich mit einem energischen Ruck an ihre Seite.

Wie schämte ich mich! In einer Hand hielt ich den Hut und in der anderen die große, weiße Halskrause, die sich, Gott weiß wie, von meinem Halse losgemacht hatte. … Hätte ich am Pranger stehen müssen, mein scheues Gefühl würde sich nicht mehr gekrümmt und gewunden haben, als jetzt unter allen diesen fremden, neugierigen Mädchenaugen!

„Ach, eine kleine Zigeunerin!“ riefen zwei Stimmen auf einmal, als ich befangen den Kopf hob und die Augen aufschlug.

„Ei, warum nicht gar auch – ein Zigeunermädchen!“ sagte Ilse tief beleidigt. „Es ist dem Herrn von Sassen sein leiblich Kind –“

„Wie, die Mumie hat auch Kinder?“ unterbrach sie die große junge Dame überrascht, und um ihre rothen Lippen zuckte es fortgesetzt in verhaltenem Muthwillen. Die Anderen aber zogen sich ein wenig zurück und sahen mich auf einmal mit ganz anderen, ich möchte sagen, freundlich ehrerbietigen Blicken an.

In diesem Moment kam auch der junge Herr über den freien Platz her. Ich sah auf meine Schuhe, die ihre plumpen Spitzen keck über den hellen Kies hinstreckten, und unwillkürlich zog und zerrte ich an meinem schwarzen Rock, um ihn, wenn auch nur um einen halben Zoll, zu verlängern.

Der Herr warf den Reifen im Weiterschreiten hoch in die Luft und fing ihn stets mit einer sehr gewandten, graziösen Bewegung wieder auf, so viel Mühe sich auch die junge Dame neben ihm geben mochte, das hübsche, bunte Ding mit ihren weißen Händen zu haschen. … Da fiel sein Blick auf mich – er stutzte und kniff die großen braunen Augen prüfend zusammen; dann kam er spornstreichs auf mich zu.

„Was, der Tausend – das ist ja das Haideprinzeßchen!“ rief er erstaunt.

„Wer?“ fragte die hochgewachsene junge Dame mit großen Augen.

„Ei, Du weißt es ja, Charlotte – das Haideprinzeßchen! Ich habe Dir doch von dem kleinen barfüßigen Wesen erzählt, das wie eine Eidechse durch die Haide schlüpfte – freilich eine Eidechse mit einem Prinzessinnenkrönchen!“ Er lachte auf „Wie in aller Welt kommt denn die kleine Perlenverkäuferin hierher?“

Die Rücksichtslosigkeit, mit der er in meiner Gegenwart mich kritisirte, und das unverhohlene Erstaunen des stolzen jungen Herrn über meine Anwesenheit in seinem Garten schlugen den letzten Rest meines Selbstbewußtseins zu Boden; aber die Bezeichnung „Perlenverkäuferin“ machte mir auch das Blut stocken.

„Es ist nicht wahr!“ stieß ich heraus, „Ich habe Ihnen die Perlen nicht verkauft – Sie wissen doch, daß ich Ihre Thaler in den Sand geworfen habe!“ –

Charlotte lächelte und trat mit aufstrahlenden Augen rasch auf mich zu.

„Ach wie reizend – sie ist stolz, die Kleine!“ rief sie. Sie bog sich herab und strich mir mit ihrer großen schlanken Hand über das Haar, aber ungefähr so, wie man ein nettes Bologneserhündchen streichelt. „Was meinst Du zu der merkwürdigen Neuigkeit, Dagobert?“ sagte sie zu dem jungen Herrn. „Die Mumie hat Familie – das niedliche Ding da ist dem Doctor von Sassen sein Töchterchen –“

„Unmöglich!“ fuhr er in maßloser Ueberraschung zurück.

„Na, was ist denn dabei so erschrecklich zu verwundern?“ versetzte Ilse trocken. „Meinen Sie denn, weil die Kleine nicht auch solch eine Schabracke um hat“ – sie zeigte auf Charlottens elegantes Jäckchen – „da darf sie nun auch nicht vornehmer Leute Kind sein?“

Die junge Dame lachte wie ein Kobold – die schneidige Zurechtweisung schien sie höchlich zu amüsiren.

„Aber wie siehst Du auch aus, Lenore!“ schalt Ilse. „Es fehlt nur noch, daß Du Schuhe und Strümpfe ausziehst!“ Sie legte mir die Krause um den Hals, fuhr mit beiden Händen glättend über meinen Scheitel und band den Hut darüber. Ich sah ängstlich auf die umstehenden Damen; neben ihnen war ich mir der Lächerlichkeit meiner äußeren Erscheinung plötzlich sehr wohl bewußt – jetzt lachten sie gewiß; aber keine verzog eine Miene, sie sahen im Gegentheil so ernsthaft zu, als ob eine wirkliche Prinzessin da vor ihnen Toilette mache. Nur um Charlottens Mund zuckte ein unbezwinglicher Lachreiz.

„Armes Opfer!“ sagte sie in tiefen Tönen des Erbarmens. „Aber wie ist’s denn, bleibt Haideprinzeßchen bei dem Papa?“ setzte sie lebhaft hinzu.

„Versteht sich!“ entgegnete Ilse kategorisch. „Bei wem denn sonst? … Nun möchte ich aber bitten, uns vorbeizulassen – wir haben müde Füße. … Ist das dort endlich die Karolinenlust, oder wie das Ding heißen mag?“ fragte sie und zeigte auf einen mattweißen Streifen, der durch die Hecken und Baumkronen herüberdämmerte.

„Ich werde Sie führen,“ erbot sich der junge Herr sehr geschmeidig und höflich – er war vollständig umgewandelt; selbst seine Augen, die vorher mit unverkennbarem Ergötzen immer wieder über Ilse’s unselige Kopfbedeckung hingehuscht waren, erlaubten sich nicht einen einzigen spöttischen Blick mehr.

Mir schwoll das Herz. Was für ein Mann mußte mein Vater sein, daß schon sein Name allein hinreichte, Ilse und mir sofort Geltung und Achtung bei Anderen zu verschaffen!

Die Damen blieben grüßend zurück, und wir schritten in Begleitung des jungen Herrn schräg über das Kiesrund, in das Taxusgebüsch hinein.



10.

Es war nur ein kurzer Weg durch grüne, heimliche Dämmerung, aber ich ging ihn mit heftig pochendem Herzen. Ilse schritt tapfer voraus und wandte sich nicht um – kaum aber waren die hellen Mädchengestalten hinter dem Dickicht verschwunden, als sich der junge Herr rasch zu mir niederbog und mir tief und schelmisch in die unbewachten Augen sah.

„Zürnt mir Haideprinzeßchen noch?“ fragte er mit unterdrückter Stimme.

Ich schüttelte den Kopf – seltsam, daß ein paar halbgeflüsterte Worte Einen bis in’s tiefste Herz hinein erschauern machen konnte. …

Da lag sie plötzlich vor uns, die Karolinenlust! … Es würde mich nicht im Entferntesten befremdet haben, wenn dort aus einem der hohen Fenster Frau Holle genickt und mich aufgefordert hätte, ihr Federbett auszuschütteln und ihre Säle zu fegen. … Ein Zauber hielt mich bereits gefangen, und das Haus vor uns war durchaus nicht geeignet, ihn zu lösen und mich zu ernüchtern. … Was wußte ich damals von Renaissance- und Baroquestil! Das Feenhafte des Anblicks wurde mir nicht verkümmert durch die Kenntniß strenger Kunstregeln. Ich sah nur schöngeschwungene Linien, weich und biegsam, als seien sie aus Wachs und nicht aus Stein, in die Lüfte steigen. Ich sah Säulen, Pilaster und Gesimse reizend verknüpft durch verschwenderisch hingestreute Frucht- und Blumenschnüre, und zwischen ihnen die funkelnden, breiten Spiegelscheiben der Fester – ein Rococoschlößchen, so verschnörkelt und üppig geschmückt, wie es nur je der Zopfstil des vorigen Jahrhunderts ersonnen. Sein Spiegelbild dämmerte noch einmal auf in dem silberklaren Gewässer, das, umfangen von einem durchbrochenen Steingeländer, zu seinen Füßen lag. Der Teich und fächerartig hingebreitete, mit weißen Steinbildern und steifen Taxuspyramiden geschmückte Rasenflächen füllten das ziemlich enge Parterre, das ein breiter Weg ringartig flankirte; aber über feinen Kies breitete sich bereits wieder tiefer Baumschatten. – Wie eine Perle in grüne Wogen versunken, lag das Schlößchen heimlich geborgen inmitten der Waldbäume, die im Hintergrund hoch bergauf stiegen. Noch im Gebüsch huschte uns ein Silberfasan fast über die Füße, und vor dem Portal, im kühlen Schatten des Hauses, schritt ein Pfau und entfaltete sein edelsteinflimmerndes Gefieder, während ein aschgrauer Kranich auf einem Bein unbeweglich neben dem Teiche stand und träumerisch den nackten, rothen Hinterkopf nach vorn sinken ließ – er kam gravitätisch auf uns zu, fing an zu tanzen und machte die lächerlichsten Verbeugungen, als sei er der Ceremonienmeister des Schlosses – Wunder über Wunder für meine unverwöhnten Augen!

[596] In einer offenen Halle des Erdgeschosses hatten die Träger unser Gepäck niedergelegt; sie wurden ausgezahlt, dann stiegen wir eine Treppe hinauf. Wir schritten in der Beletage an hohen Thüren vorüber, die seltsamer Weise mit handgroßen, verstaubten Gerichtssiegeln beklebt waren – breite, weiße Papierstreifen legten sich über den Schluß der Thürflügel, wie ein Schweigen gebietender Finger auf ein Paar Lippen. …

Erst im zweiten Stock machten wir Halt. Der junge Herr öffnete eine Thür und wir traten ein, während er sich mit einer freundlichen Verbeugung zurückzog und die Thür hinter uns geräuschlos wieder schloß.

Mich überfiel plötzlich eine tödtliche Angst. Ich hatte daheim ganz richtig herausgefühlt, daß mein Vater mich nicht wolle, daß ich für ihn eine Last sei, die er am liebsten für immer in der Haide wissen mochte, und die Verwunderung über meine Existenz, die mir hier überall entgegentrat, bestätigte mir, daß er sein Kind nie auch nur mit einer Silbe erwähnt habe. … Und nun stand ich doch in seinem Zimmer, zudringlich über die Maßen, und sah mit erschreckten Augen in die Welt, in welcher er lebte und wirkte. … Wie fremd und unsäglich erschien mir Alles, was ich sah! Die Wände des weiten Saales, in welchen wir eingetreten, waren von unten bis hinauf zur Decke mit Büchern bedeckt, „mit so vielen Büchern, wie Erikastengel auf der Haide standen“ – meinte ich. Es blieb nur Raum für vier mit grünen Wollgardinen behangene Fenster und zwei Thüren. Die Thür linker Hand war weit zurückgeschlagen – ein zweiter Saal that sich auf, ein Saal mit Oberlicht. Durch eine weite und tiefe Kuppel inmitten des Plafond strömten die Sonnengluthen blendend herein auf hingestreckte, weiße Menschenglieder, auf eine drohend emporgereckte, keulenschwingende Menschengestalt, aber auch über liebliche Frauenbilder in faltenreichen, weich niedersinkenden Gewändern.

In einer der Fensternischen des Büchersaales stand ein Schreibtisch; vor demselben saß ein Herr und schrieb. Er hatte unser Eintreten nicht bemerkt, denn während wir noch einen Augenblick regungslos an der Schwelle verharrten, hörten wir das unausgesetzte Kritzeln seiner Feder – es verursachte mir Nervenfrösteln. … Ich weiß nicht, war es die Seltsamkeit und Neuheit der Umgebung, oder dasselbe Gefühl, das mich packte – die Furcht vor meinem Vater – genug, Ilse, die stets schlagfertige, rückhaltslos thatkräftige Ilse zögerte einen Moment; dann aber nahm sie entschlossen meine Hand und führte mich nach dem Fenster.

„Schönen guten Tag, Herr Doctor, da wären wir!“ sagte sie – mir war, als schlüge diese sonore, aber doch ein wenig bebende Stimme mit einem wahren Donnerton erweckend an die stillen Wände.

Mein Vater fuhr aus den rings aufgehäuften Papierstößen empor und starrte uns an; dann schnellte er wie elektrisirt in die Höhe.

„Ilse!“ rief er in unverkennbarem Schrecken.

„Ja, die Ilse, Herr Doctor!“ sagte sie ruhig. „Und das ist Lenore, Ihr einziges Kind, das seinen Vater seit vierzehn Jahren nicht gesehen hat. … Das ist lange her, Herr Doctor, und wär’s kein Wunder, wenn Sie aneinander vorübergingen, ohne sich zu kennen.“

Er schwieg und strich sich wiederholt über die Stirn, als koste es ihm die größte Mühe, sich zu sammeln und unser Hiersein zu begreifen. Mit weicher Hand schob er mir den Hut zurück und sah mir in die Augen, und ich sagte mir, innerlich ein wenig zurückschreckend, daß es wohl selten ein so mageres eingesunkenes Gesicht geben könne, als das meines Vaters; aber er hatte die schönen Augen meiner Großmutter.

„Also Du bist Lenore?“ sagte er sehr sanft und küßte mich auf die Stirn. „Klein ist sie, Ilse, ich glaube, sie ist kleiner, als meine Frau war“ – er seufzte auf. „Wie alt ist das Kind?“

„Siebenzehn Jahre, Herr Doctor, ich habe es Ihnen ja schon zwei Mal geschrieben.“

„Ach so!“ sagte er und strich sich wieder über die Stirn; dann schlang er seine Finger aneinander und ließ sie in den Gelenken knacken – er war das Bild eines Menschen, den man plötzlich aus einem tiefen Traume gerissen und in die grelle Wirklichkeit gestellt hat.

„Du bist müde, mein Kind, verzeihe, daß ich Dich so lange stehen ließ!“ sagte er in ausgesucht höflichem Tone zu mir, nachdem er einmal rasch auf- und abgegangen war. Inmitten des Saales stand ein schwerfälliger mit Büchern und Papieren bedeckter Tisch; mein Vater schob uns zwei der Lehnstühle hin, die den Tisch umkreisten.

„Vorsicht, liebe Ilse, ich bitte Sie inständigst!“ rief er angstvoll, als sie im Niedersetzen arglos ihren Strickkorb auf ein aufgeschlagenes Papierheft stellte. Seine mageren Hände zitterten beim behutsamen Aufnehmen des Körbchens, und ein zärtliches Mutterauge kann die Züge des erkrankten Lieblings nicht ängstlicher prüfen, als mein Vater das scheinbar uralte Papier, nachdem er es von der ungewohnten Berührung befreit hatte.

Ich sah Ilse an; sie verzog keine Miene; jedenfalls kannte sie diese Eigenthümlichkeit meines Vaters schon.

„Komm, ruhe ein wenig aus!“ sagte er, als er bemerkte, daß ich zögerte, mich zu setzen. „Dann wollen wir in das Hôtel gehen –“

„In’s Hôtel, Herr Doctor?“ fragte Ilse gelassen. „Was soll denn das Kind im Gasthaus? … Das würde Ihnen einen schönen Thaler Geld kosten zwei Jahre lang –“

Mein Vater taumelte förmlich zurück. „Zwei Jahre? Was reden Sie da, Ilse?“

„Ich rede nur, was ich Ihnen zehn Jahre lang in jedem Briefe geschrieben habe – wir sind da mit Sack und Pack! … Ich leide es ein für allemal nicht mehr, daß das Kind in der Haide verwildert! Sehen Sie sich Lenoren an! Sie kann kaum lesen und schreiben – daß Gott erbarm – Sie sollten nur ’mal die Krakelfüße sehen! … Auf die Bäume kann sie klettern und in die Nester gucken, aber eine ordentliche Naht nähen, oder eine Ferse in einen Strumpf stricken, das kann sie nicht – hab’s ihr mit dem besten Willen nicht beibringen können, und vor einem fremden Menschengesicht läuft sie wie vor einer Mördergrube und bringt’s nicht fertig, auch nur ‚guten Tag‘ zu sagen. … Und das ist dem Herrn von Sassen sein einzig Kind! … Ihre Frau müßte sich in der Erde umdrehen, wenn sie das wüßte!“

Es fiel meinem Vater nicht ein, auf dies schmeichelhafte Signalement hin meine kleine Persönlichkeit zu mustern.

„Mein Gott, das mag ja Alles vollkommen wahr und richtig sein!“ rief er und fuhr sich mit beiden Händen verzweiflungsvoll in die Haare; „Aber ich bitte Sie, Ilse, was soll denn ich mit dem Kinde anfangen.“

Bis dahin hatte ich den Wortwechsel regungslos und schweigend mit angehört, aber nun erhob ich mich.

„Ach, wie schrecklich ist dies Alles!“ rief ich, und meine Stimme zitterte vor Angst und Schmerz. „Vater, sei ruhig; ich will Dir ganz gewiß nicht wieder unter die Augen kommen! Ich gehe auf der Stelle wieder, und wenn es sein muß, laufe ich zu Fuße in die Haide zurück. Dort ist ja Heinz, der freut sich ganz gewiß, wenn ich wiederkomme. … Und ich will nun auch fleißig werden, Vater; darauf kannst Du Dich verlassen – ich will nähen und stricken … Du sollst sehen, ich werde Dir nie, nie wieder zur Last fallen! …“

„Sei still, Kind“ sagte Ilse, indem sie sich mit überströmenden Augen rasch erhob.

Aber schon hielten mich zwei Arme umschlungen – ich ruhte am Herzen meines Vaters. Er nahm mir den Hut ab, warf ihn auf den Fußboden und drückte sanft meinen Kopf an seine Brust.

„Nein, nein, mein Kind, mein armes, kleines Lorchen, so war das nicht gemeint!“ tröstete er mich bewegt. Seltsam – es war, als hätten ihn erst meine Worte zu sich selbst und zur vollen Erkenntniß der ganzen Lage gebracht. „Nun gerade sollst Du bei mir bleiben … Ilse, hat das Kind nicht ganz die Stimme meiner Frau? Klingt sie nicht genau so erquickend silberhell? … Bei mir bleiben soll sie, in die Haide darf sie nicht wieder zurück, das steht fest! … Aber, liebe Ilse, wie fängt man die Sache an? … Hier ist ja nicht einmal mein Heim; ich bin selbst Gast in diesem Hause auf unbestimmte Zeit. … Ja, wie fängt man das an?“

(Fortsetzung folgt.)
[597]
Eine deutsche Professorstochter.
Von Rudolf Gottschall.
Die Gartenlaube (1871) b 597.jpg

Karoline.


Die Universitätsstadt Jena, der altberühmte Sitz deutscher Philosophie und Dichtkunst, so romantisch im Saalthale gelegen, dessen hohe und steile Uferberge hier fast scharfgeschnittene italienische Profile annehmen, kann in vieler Hinsicht als ein „Literatur-Pompeji“ betrachtet werden, denn nicht nur die Michaeliskirche und der Burgkeller, dieser Stammsitz der deutschen Burschenschaft, die vor Zeiten die ganze Diplomatie in Angst und Schrecken setzte, nicht blos die Saalbrücke und der Hausberg, der Berg „mit dem röthlich strahlenden Gipfel“, welchen Schiller in seinem Spaziergang feiert, ziehen die Aufmerksamkeit des Fremden auf sich, noch mehr die Inschriften, welche sich oft auf den unscheinbarsten Häusern finden, die großen Namen der Dichtkunst und Gelehrsamkeit, welche uns bisweilen aus den verlorensten Straßenwinkeln entgegenglänzen!

Die großen Namen und die kleinen Häuser! Mußten die hohen Gedanken sich nicht an den niedrigen Decken stoßen? Welche Tagelöhnerwohnungen, in denen die Meister einer blühenden Literaturepoche sich angesiedelt hatten! Nur der Dichter des „armen Poeten“, Kotzebue, bewohnte ein stattliches Haus; seine Gegner aber, die Romantiker, waren einquartiert wie arme Poeten.

Durch mehrfache Inschriften fällt ein sonst sehr unscheinbares Haus in’s Auge, welches hinter einem dicken runden Mauerthurm sich zu verstecken scheint. Da lesen wir den Namen des berühmten Philosophen Hegel, der in dieser alten Baracke, in Stuben, in denen ein Mann von stattlicher Größe kaum aufrecht stehen konnte, das philosophische Hauptwerk seiner Jugend verfaßte; da lesen wir die Namen der beiden Schlegel, von denen der ältere während seines mehrjährigen Aufenthalts in Jena hier seine journalistische Werkstatt und sein Uebersetzungsatelier aufgeschlagen hatte. In diesem Hause verlebte auch eine der merkwürdigsten Frauen jener Zeit ereignißreiche Jahre ihres Lebens, die Gattin A. W. Schlegel’s, später die Gattin Schelling’s, jene „Karoline“, deren intimste [598] Gedankenwelt in ihren Briefen jetzt zu Tage liegt in dem ihr gewidmeten Gedenkbuche, welchen Professor Waitz neuerdings herausgegeben hat (Karoline, 2 Bde. Leipzig, Hirzel 1871).

Karoline erscheint in ihrem Leben und in ihren Briefen keineswegs als das empfehlenswerthe Ideal einer deutschen Hausfrau; wenigstens ist es nicht diese Charaktereigenschaft, durch welche sie Ansprüche auf den Antheil der Nachwelt erheben kann. Auch nicht allein ein sinniges und freudiges Mitleben mit den geistigen Bestrebungen des Gatten, wie es viele deutsche Gelehrten- und Dichterfrauen charakterisirt, machte sie zur willkommenen Lebensgenossin bedeutender Männer; nein, sie selbst war eine anregende, schöpferische Natur voll genialer Offenbarungen, aber zugleich von rastloser Unbefriedigung, mit dem Trachten nach den höchsten Lebensgenüssen, mit einer beweglichen, wechselnden Empfindung; sie war eine Art von weiblichem Faust, eine jener Faustinen, welche, bei seltener geistiger Begabung und ebenso seltener geistiger Bildung doch im Grunde dämonische Naturen sind und über jedes errungene Lebensziel wieder hinausstreben. Ihre Sympathieen steigern sich zu hingebender Gluth der Leidenschaft, ihre Antipathien zu scharfer, ja vernichtender Kritik. So verfallen sie aber auch selbst dem verschiedenartigsten Urtheil, von dem Entzücken über ihre hinreißende Liebenswürdigkeit bis zur Verdammung ihrer intriguanten Bosheit. In so entgegengesetzter Beleuchtung erschien auch Karoline den Zeitgenossen und selbst für eine spätere Zeit wird es nicht leicht sein, für so glänzende Vorzüge und Fehler die rechte Mitte der Beurtheilung zu finden. Es kam dazu; daß ein ungewöhnliches und vielfach trauriges Lebensgeschick den originellen Geist dieser Frau lange Zeit auch äußerlich nicht zur Ruhe kommen ließ. Es gab eine Epoche, wo sie als eine verfehmte Abenteurerin aus vielen gesellschaftlichen Kreisen ausgeschlossen blieb, bis sie als die Gattin eines namhaften Aesthetikers und Kritikers und später als die Frau eines berühmten Philosophen ihre volle Geltung in der Gesellschaft wiedergewann.

Karoline war geboren in Göttingen den 2. September 1763, als die Tochter des bekannten Professors der Theologie, Michaelis, der auch eine mehrbändige „Moral“ verfaßt hat. Wir wissen nicht, ob sich Karoline mit dem Studium dieser „Moral“ in ihrer Jugend befaßt hat; keineswegs hat sie ihr späteres Leben nach den Paragraphen derselben eingerichtet. Deutsche Professorstöchter erhalten oft eine gelehrte Erziehung; von manchen wird berichtet, daß sie der lateinischen und griechischen Sprache mächtig waren; mindestens giebt ihnen das Echo der väterlichen Empfangssalons und Studirstuben allerlei gelehrte Stichwörter mit auf den Weg, welche sie in der Bewegung der Geister einigermaßen heimisch machen. Freilich läßt diese Regel auch sehr auffallende Ausnahmen zu. Karolinens Freundin war Therese, die Tochter des berühmten Alterthumsforschers Heyne, in Göttingen, welche zuerst an den Mainzer Clubbisten Forster, dann an Huber verheirathet war. Als diese, durch die Noth des Lebens gezwungen, sich der Schriftstellerei zuwendete, fand es sich, daß sie mit der deutschen Grammatik und Orthographie auf einem sehr gespannten Fuße lebte, und es bedurfte erst längerer Studien und der helfenden und bessernden Hand des Gatten, um Therese Huber in den Kreis der deutschen Schriftstellerinnen einzuführen.

Karolinens Erziehung hatte ihr indeß diesen Conflict mit der deutschen Sprache erspart; schon ihre Jugendbriefe zeigen eine vollkommene Beherrschung derselben, welche durch kleine orthographische Licenzen nicht in Frage gestellt wird. In diesen Briefen des jungen Mädchens ist der religiöse Geist des väterlichen Hauses unverkennbar; er spricht sich mit wohlthuender Innigkeit aus neben einer heitern Schalkhaftigkeit und dem Gefühl geistiger Ueberlegenheit wie es sich in der Neigung zum „Bemuttern“, ihrer Schwester gegenüber, lange Jahre hindurch kundthat. Karolinens Liebenswürdigkeit gewann das Herz des Bergmedicus Böhmer in Clausthal; uns sind noch die dithyrambischen Ergüsse aufbewahrt, in denen der glückliche Bräutigam seinen für einen praktischen Arzt etwas überschwenglichen Liebesrausch ausjubelte. Ihm wurde auch bald, im Jahre 1784 den 15. Juni, die Hand der Geliebten zu Theil; sie folgte ihm nach Clausthal, in die Harzer Bergidylle, die sie mit Heine’schen Farben schildert.

Es war etwas einsam hier, keine Studenten, keine Professoren, keine Literaten und Ritter des Geistes; die Thätigkeit des vielbeschäftigten Arztes gönnte ihm nicht Zeit genug, am häuslichen Herde auszuruhen; mitten in dem Schooße eines durch die Geburt mehrerer Kinder befestigten Familienglückes weht uns bereits ein leises Ungenügen, theils in einsamer Klage, theils in satirischer Schilderung der Umgebung entgegen.

In den einsamen Winterstimmungen des öden Clausthal tröstet sie sich nun mit ihrer Tochter:

„Mit Trauer seh’ ich den Schnee, die Scheidewand zwischen mir und der Welt; es ist so ganz wieder das Gefühl vom vorigen Winter; so entblätterten sich die Bäume, so schwärzten sich die Tannen und der Wind rauschte an meinem einsamen Zimmer, die Wolken wallten in tausend Gestalten über uns hin – ich lebte nicht in der Gegenwart, sondern in der Hoffnung des Frühlings und dessen, was er bringen würde – das war der einzige Unterschied. Jetzt hab’ ich mein Kind, jetzt genießt ich des Guts, auf das ich harrte, und welch ein Kind! Meine Auguste ist ein reizendes Geschöpf!“

Trostreich war für sie der aufgeschlossene Sinn für die kleinen Beschäftigungen und Freuden des Lebens, über den sie sich in so geistvoller Weise ausspricht:

„Wir wären elend, wenn nicht aus Kleinigkeiten unsere Glückseligkeit zusammengesetzt wäre, deren Summe eitel ist, aber die in Einzelnen doch fähig sind, uns ganz zu beschäftigen. Denn aus jener Stimmung, wo die Seele in sich zurückkehren zu wollen und im Begriff schien, ihre Tiefen und unser Wesen zu ergründen, ruft uns doch so leicht das Mindeste zurück, eine Stimme, ein schneller Blick, der auf ein Band fällt, auf ein Etwas – und das leitet uns wie ein Blitz zurück auf die Gegenwart, auf Annehmlichkeit und Abwechslung des Lebens. Geschmack und Freude daran leben auf. Es ist so – weiter weiß ich nichts davon. Gestern hab’ ich tractirt, und da war mir der Braten wichtiger wie Himmel und Erde.“

Trotz dieses Reichthums ihrer innern Welt konnte sie den Eindruck nicht verwinden, den die Verlassenheit Clausthals stets in ihrer Seele erneuerte, aus dessen Freudelosigkeit sie aber bald durch einen schmerzlichen Trauerfall erlöst werden sollte. Am 4. Februar 1788 starb Böhmer und der nachgeborene Sohn folgte ihm bald im Tode nach. Ohne feste Heimstätte begab sich Karoline zunächst nach Göttingen, dann nach Marburg zu ihrem Bruder, welcher Professor an der dortigen Universität war. Hier verlor sie ihre jüngere Tochter Therese. Im Frühjahr 1792 faßte sie den für sie so verhängnißvollen Entschluß, nach Mainz überzusiedeln, wo eine befreundete Professorstochter aus Göttingen, Therese Heyne, als Gattin des Weltumseglers Forster lebte.

Forster war eine sanguinische Natur; seine Begeisterung für die Ideale der Menschheit machte ihn zum Parteigänger der französischen Republikaner, und Karoline, die sich als Hausgenossin bald ganz in die Familie einlebte, gab sich den gleichen Gesinnungen mit Begeisterung hin. Dies geistige Band vereinigte sie mit Forster, dessen Schwächen sie wohl erkannte, dessen schwankende Stimmungen die ausdauernde Geduld schwesterlicher Freundschaft verlangten. Ob sie im heißen Sturm und Drang ihrer Sympathieen über das Gefühl der Freundschaft noch hinausging, ist aus ihren Briefen nicht zu ersehen – aber daß sie auf die Ehe Forster’s mit Theresen wie Scheidewasser gewirkt, darüber dürfte wohl kein Zweifel sein. Wenn auch Therese aus andern Gründen sich in ihrer Häuslichkeit unbehaglich fühlte, seitdem die Mainzer Republikaner, Bürger und Bauern, dieselbe überschwemmten und der geistig gebildete Kreis ihres frühern Umgangs durch die Zeitverhältnisse auseinandergesprengt war; wenn auch ihre Neigung für Huber nur des äußern Anlasses bedurfte, um sich vor aller Welt als die mächtigere zu offenbaren; wenn auch die bedrohliche Lage der Stadt Mainz eine Trennung von Weib und Kind für Forster fast gebieterisch zu heischen schien – immer bleibt es fraglich, ob die rasche und entschiedene Trennung der Gatten ohne den Einfluß dieser geistreichen und liebenswürdigen Frau stattgefunden hätte, der auf ein schwankendes Gemüth wie dasjenige Forster’s bald ein unbezwinglicher werden mußte. Die Thatsache steht fest, daß Therese sich von Forster trennte, daß aber Karoline trotz aller drohenden Gefahren bei ihm ausharrte und den schwer Erkrankten geduldig pflegte bis zu seiner Abreise nach Paris, wo nicht lange darauf der geistig bedeutende, aber undeutsch gesinnte Mann seinen Leiden erlag. Ueber die sittliche und politische Bedenklichkeit dieses Samariterthums machte sich Karoline kein Hehl; aber sie glaubte sich um die Meinung der Welt nicht bekümmern zu dürfen.

Nachdem der Führer der Mainzer Clubbisten, Forster, nach [599] Paris abgereist war, verließ auch Karoline die von den deutschen Heeren bedrohte Stadt, um sich nach Gotha zur befreundeten Familie Gotter’s, des zierlichen französirenden Singspieldichters, zu begeben. Doch auf dem Wege nach Mannheim konnte sie nicht durchdringen, weil dort schon die Preußen standen; sie begab sich daher, unter dem Schutze eines Mannes, den sie für rechtschaffen hielt, der aber von ängstlich loyaler Gesinnung war, nach Frankfurt. Hier wurde sie von ihrem Beschützer selbst, als man sie ihres Namens wegen anhielt, dem preußischen Hauptquartier überliefert, erhielt zuerst in der Stadt selbst Arrest und wurde dann zu strenger Haft auf die Festung Königstein in den Waldbergen des Taunus gebracht.

Der Aufenthalt dortselbst war schrecklich; Karoline bekennt, daß sie in Königstein Tage verlebt hat, von denen jeder einzelne mit seinen Schrecken, seiner Angst und seinen Beschwerden hinreichen würde, ein lebhaftes Gemüth zur Raserei zu bringen. Um so eifriger war sie mit dem Abfassen von Memorialen und Suppliken beschäftigt, um aus der unerträglichen Haft erlöst zu werden; den Bemühungen ihres Bruders, namentlich aber dem Schutz und Einfluß Wilhelm von Humboldt’s, gelang es, ihre Befreiung zu erwirken, welche König Friedrich Wilhelm der Zweite selbst in einem Cabinetsschreiben anordnete.

Doch sollte der hartgeprüften Freiheitsschwärmerin in nächster Zeit noch manche andere bittere Erfahrung nicht erspart bleiben.

Karoline hatte inzwischen einen Ritter gefunden, der sie aus der Gefangenschaft nach Leipzig geleitete – A. W. Schlegel, einen jungen, philologisch durchgebildeten Literaten, dessen Bekanntschaft sie schon früher in Göttingen gemacht und mit dem sie längere Zeit hindurch in Briefwechsel gestanden hatte. Die Neigung Schlegel’s zu der geistreichen Karoline war jedenfalls eine tiefe und unerschütterliche. Da verschiedene Umstände, in erster Linie die politischen, es wünschenswerth erscheinen ließen, daß der Aufenthalt der Freundin zunächst geheim blieb, so ließ A. W. Schlegel sie unter dem Schutze seines Bruders Friedrich im Altenburgischen zurück. Friedrich Schlegel hatte damals seine jugendliche Sturm- und Drangperiode und gehörte zu jenen impertinenten literarischen Gassenjungen, die es zu allen Zeiten in Deutschland gab, die ungezogen waren, ohne gerade Lieblinge der Kamönen zu sein. Der Schutz einer Frau, welche von der Freigeisterei der Leidenschaft schon unleugbare Proben gegeben, stellte seine Bruder- und Freundestreue auf eine harte Probe; denn er macht kein Hehl daraus, daß Karoline den außerordentlichsten Eindruck auf ihn gemacht habe und daß er im Grunde den Bruder um das Glück beneide, von ihr geliebt zu werden. Er bewundert ihr tiefes Verständniß für Poesie, er theilt ihren Enthusiasmus für die revolutionären Ereignisse. Er verdankt dem Umgang mit der seltenen Frau eine Wendung seines Lebens; er schreibt ihr noch später einmal: „Denken Sie, ich stände vor Ihnen und dankte Ihnen stumm für Alles, was Sie für mich und an mir gethan haben. Was ich bin und sein werde, verdanke ich mir, daß ich es bin, zum Theil Ihnen.“ Und die nicht allzureiche Phantasie Friedrich Schlegel’s, die ihre Modelle frisch aus dem Leben greift, entwirft in dem verrufenen Roman „Lucinde“ das Bild einer Frau, deren Besitz das höchste Glück des Helden wäre, dem er aber unverweigerlich entsagen muß, weil sie bereits gewählt hatte und ihr Freund auch der seinige war. Dies Bild ist ohne Zweifel Karolinens Portrait, ausgeführt mit den schmeichlerischen Farben leidenschaftlicher Zuneigung: „Sie konnte in derselben Stunde irgend eine komische Albernheit mit dem Muthwillen und der Freiheit einer gebildeten Schauspielerin nachahmen und ein erhabenes Gedicht vorlesen mit der hinreißenden Würde eines kunstlosen Gesangs. Alles umgab sie mit Gefühl und Witz, sie hatte Sinn für Alles und Alles kam veredelt aus ihrer bildenden Hand und von ihren süßredenden Lippen. Nichts Gutes und Großes war zu heilig oder zu allgemein für ihre leidenschaftlichste Theilnahme. Sprach sie, so spielte auf ihrem Gesicht eine immer neue Musik von geistvollen Blicken und lieblichen Mienen, und eben diese glaubte man zu sehen, wenn man ihre durchsichtig und seelenvoll geschriebenen Briefe las. Wer sie nur von dieser Seite kannte, hätte denken können, sie sei nur liebenswürdig, sie würde als Schauspielerin bezaubern müssen. Und doch zeigte eben diese Frau bei jeder großen Gelegenheit Muth und Kraft zum Erstaunen, und das war auch der hohe Gesichtspunkt, aus dem sie den Werth der Menschen beurtheilte.“

Mit diesem glänzend colorirten Portrait, zu welchem der Maler selbst in später Zeit manche ironische Unterschrift machte, stand die Aufnahme nicht in Einklang, welche Karoline damals in den gesellschaftlichen Kreisen fand. Sie hatte sich zu der befreundeten Familie Gotter’s in Gotha begeben; aber sie mußte bald eingestehen, daß es besser für sie gewesen wäre, nicht den Umgang mit Menschen wieder aufgesucht zu haben. Ihre Briefe aus dieser Zeit (1794) sind voll von Klagen: „Das politische Urtheil, das hier so schneidend ist, wie an irgend einem andern Orte, gilt als Vorwand, um sich erklärt von mir zu wenden. Für meine Freunde selbst bleibt so Vieles im Dunkeln, daß sie vielleicht bald den Muth verlieren, für mich zu streiten. Die Beschuldigungen meiner ehemaligen Freunde, die Fehltritte, zu denen ich hingerissen wurde, ja meine Tugenden selbst haben sich gegen mich verschworen, der wunderbare Zufall so gut wie die natürliche Folge meiner Handlungen drückt mich nieder – und ich kann nicht verlangen, daß es anders sein soll. Wer kennt mich, wie ich bin, wer kann mich kennen? Man hält mich für ein verworfenes Geschöpf und meint, es sei verdienstlich, mich ganz zu Boden zu treten.“ So weit ging die Missliebigkeit, welche sich die Freundin Forster’s durch ihre Mainzer Erlebnisse zugezogen hatte, daß das kurfürstlich hannover’sche Universitätscuratorium sie aus Göttingen auswies, als sie zum Besuch dorthin gekommen war.

Aus der Unerträglichkeit solcher Lage und Stimmungen erlöste sie August Wilhelm Schlegel, der ihr am 1. Juli 1796 in Braunschweig seine Hand reichte, mit jener Unerschrockenheit, welche dem jungen Romantiker, dem Vertreter einer Schule gesellschaftlicher Rücksichtslosigkeit, geziemte. Mit Schlegel, der als herzoglicher Rath an der Universität zu Jena docirte, zog sie in die Gelehrtenstadt an der Saale, wo damals Fichte und Schiller verweilten, wo sich später Schelling und Hegel einfanden und das jüngere Geschlecht der himmelstürmenden Romantiker. Hier in diesem Mittelpunkte literarischen Lebens wurde auch Karoline eine Literaturdame, welche ihren Gatten bei seinen Recensionen für die Jenaische Literaturzeitung unterstützte, das lebhafteste Interesse an jedem neuen Werk unserer Classiker nahm und ihre geistige Bedeutung nach allen Richtungen hin geltend machte. Gries nannte sie damals „die geistreichste Frau, die er je gekannt“, Steffens „eine bedeutende höchst geistreiche Frau“; Wilhelm von Humboldt erkannte den „hohen Geist“ an, der aus ihren Briefen spricht.

In der That ist der jetzt veröffentlichte Briefwechsel Karolinens das Denkmal einer ungewöhnlichen Begabung, wie sie nur wenigen deutschen Frauen eigen war; aber neben den tiefsinnigsten Orakeln, die an die Offenbarungen der auch in den Briefen oft erwähnten Rahel erinnern, neben Herzensergüssen von leidenschaftlicher Bewegtheit und Gedankenperlen von edelster Fassung findet sich auch des Einseitigen und Gehässigen viel, der Ausdruck ebenso unerbittlicher wie unberechtigter Antipathieen, die sich mit schneidender Schärfe und tödtlicher Verbitterung aussprechen. Prophetin und Intriguantin zugleich, hier bewundernd und verklärend, dort hetzend und schürend, außerdem nicht den Geist einer Epoche verleugnend, welcher die Empfindung und Leidenschaft höher stand als das sittliche Gesetz, kann Karoline nicht den Eindruck eines weiblichen Idealbildes machen, welches der Verehrung deutscher Frauen würdig wäre; aber sie bleibt ein höchst interessanter und pikanter Studienkopf auch da, wo der tiefste Schatten auf ihre Züge fällt, und ist in ihren Fehlern und Verirrungen lehrreicher als manches reine weibliche Vorbild durch seine unantastbaren Vorzüge.

Ihre feindselige Gesinnung richtete sich besonders gegen unsern großen Nationaldichter Schiller, welcher A. W. Schlegel als Mitarbeiter der „Horen“ nach Jena gezogen hatte. Fr. Schlegel, bis dahin ein großer Bewunderer Schiller’s, schrieb in jugendlichem Uebermuth eine etwas scharfe Kritik über den Schiller’schen „Musenalmanach“; hierzu kam, daß der Dichter einen Aufsatz von ihm nicht für die „Horen“ geeignet fand. Es begab sich nun, was sich leider in Deutschland immer von Neuem wiederholt; aus solchen äußeren Gründen wurde der Bewunderer des „großen Dichters“, der ihm früher auch ein höchst außerordentlicher Mensch erschien, jetzt dessen eifrigster Gegner, der plötzlich in den bisher gepriesenen Vorzügen nur tadelnswerthe Fehler erblickte; A. W. Schlegel hatte, seiner ganzen Richtung nach, stets geringere Sympathieen für Schiller gehegt; bei den Schlegels bildete sich nun ein feindliches Heerlager in nächster Nähe Schiller’s, und die „Ate dieses unglücksel’gen Kriegs“ war Niemand anders, als Karoline.

Man erstaunt heute, wenn man gegenüber der ruhigen Glorie, [600] in welcher Schiller’s Name strahlt, die Urtheile liest, welche von diesen jugendlichen Schwarmgeistern, von anscheinend berufenen Lehrern und Meistern des Schönen über den Dichter gefällt wurden. So schreibt z. B. Friedrich Schlegel über den Wallenstein-Prolog, in welchem er eine Nachahmung Goethe’s findet, und über den „Kampf mit dem Drachen“:

„Was Schiller betrifft, so bewundere ich nächst der heldenmüthigen Selbstentäußerung in dem Goethe’schen Prolog, der mir wie eine ausgehöhlte Fruchthülse vorkommt, nichts so sehr wie die Geduld. Denn, um solche lange Drachen in Papier, in Worte und Reime auszuschnitzen, dazu gehört doch eine impertinente Geduld. Uebrigens erinnert mich sein Glück an sein Unglück, daß ihm die ästhetischen Briefe nicht rein herauskamen, und gestört wurden. Die stecken ihm nun im Geblüt und der ganze Würdemuth ist auf die innern Theile gefallen. Auch vergeht selten eine lange Zeit, daß er sich nicht in einigen Gedichten, die ästhetischer sind als dichterisch, Luft macht.“

Karoline selbst fällt die schärfsten Urtheile über den „Wallenstein“, den sie „ein Werk der Kunst ohne Instinct“ nennt, über „Maria Stuart“, „die Jungfrau von Orleans“. Das non plus ultra antipathischer Kritik aber sind wohl die folgenden Zeilen über das volksthümlichste Gedicht Schiller’s:

„Ueber das Lied von der Glocke sind wir gestern Mittags fast von den Stühlen gefallen vor Lachen; es ist à la Voß, à la Tieck, à la Teufel, wenigstens um des Teufels zu werden.“

So bestritten war der Ruhm der Classiker bei ihren Lebzeiten, und nicht etwa von verständnißloser Unbildung, sondern von den Geistreichsten, die aus der Poesie und Literatur ihre Lebensaufgabe gemacht hatten.

Das Verhältniß zwischen Karolinen und ihrem Schwager Friedrich Schlegel sollte sich bald auch in bedenklicher Weise trüben. Friedrich begann mit der verzückten Bewunderung der liebenswürdigen Schwägerin; er eröffnete später eine regelmäßige Correspondenz mit der niedlichen Tochter derselben, Auguste Böhmer, und wickelte in diese buntschillernden Bonbonpapierchen allerlei zierliche Devisen, welche eigentlich für die Mutter bestimmt waren. Das „Aeffchen Augustchen“ erhält in diesen Briefen verschiedene gute Lehren für seine Ausbildung und bekommt Dinge zu hören, von denen es noch gar keinen Begriff hat. Wie weit die Taktlosigkeit des Lucindendichters ging, das zeigt wohl der folgende Auftrag, den er dem zwölfjährigen Mädchen giebt:

„Wenn die Mutter aber auch wissen will, was sie für eine Natur hat, so sage ihr nur: politisch-erotisch, doch möchte das Erotische wohl überwiegend sein. Ich sehe Dir nun schon an, daß Du nun auch Deine Natur wissen willst. Du hast aber noch keine, liebes Kind. Die wächst einem erst später.“

Friedrich Schlegel machte inzwischen in Berlin eine Eroberung; die Tochter des würdigen Moses Mendelssohn, Dorothea, an einen Banquier Veit verheirathet, ließ sich von diesem scheiden, um dem Romantiker zunächst nach Jena zu folgen. Gegen diese geistreiche Berliner Jüdin hegte Karoline eine unüberwindliche Antipathie; wenn sie von ihr spricht, scheinen die Worte sich in Krallen zu verwandeln mit denen sie ihr die Augen auskratzen will. Natürlich erlitt das Verhältniß der beiden Brüder eine unerwünschte Störung durch den Eifer, mit welchem die Töchter des christlichen und des jüdischen Moralphilosophen sich gegenseitig befehdeten.

Doch der Lebensroman Karolinens wurde bald mit einigen der interessantesten Capitel bereichert. Aeußere Veranlassung dazu gab die kleine, harmlose Auguste, die nicht nur das Brieftäubchen für Friedrich Schlegel’s Herzensergüsse an die Mutter war, sondern auch als liebliches Naturkind die Augen des jungen Naturphilosophen Schelling auf sich gelenkt hatte.

Die „granit’ne“ Natur Schelling’s, der sich inzwischen auch in Jena eingefunden hatte, übte auf Karoline große Anziehungskraft; sie beschäftigte sich damit, eine „Granitin“ für ihn zu suchen, und glaubte dieselbe eine Zeitlang in Rahel gefunden zu haben. Bald zeigte es sich indeß, daß sie deshalb nicht in die Ferne zu schweifen brauchte; denn ihre eigene Auguste hatte es dem eisernen Denker angethan. Es bildete sich bald ein Verhältniß, das für die Dauer berechnet schien. Das zarte Kind, das übrigens „impertinent lustige“ Briefe zu schreiben verstand, nannte Schelling sein „liebes Müllchen“ und umgab ihn mit so vieler rührender Kindlichkeit, daß der junge, etwas schroffe Gelehrte sich auf diesem Spielplatze der Empfindungen etwas sonderbar vorkommen mußte. Nur ein Schatten fiel auf dies holde Verhältniß. Die geistreiche Mutter nahm einen Pflichttheil der Liebe, welche ihrer Tochter gespendet wurde, für sich in Anspruch – und Schelling’s Empfindung mochte darüber oft in’s Schwanken gerathen. Er befand sich in der Lage, welche der römische Dichter Horaz besingt, wenn er von der schöneren Tochter der schönen Mutter spricht, und welche ebenso Heine zu den bekannten sinnreichen Versen begeistert hat, die wir hier nicht weiter anzuführen brauchen.

Die Mutter machte Randglossen zu den Briefen der Tochter, corrigirte gelegentlich in dieselben hinein, war allgegenwärtig bei dem kindlichen Liebesverkehr, und selbst wo die Tochter dem eigenen Herzen zu folgen schien, war sie nur das Echo der mütterlichen Empfindungen, wie die folgende höchste charakteristische Stelle in einem Briefe Augustens an Schelling beweist: „Ich danke Dir recht herzlich für das Mittel, was Du mir an die Hand gegeben hast, Mütterchen zu amüsiren, es schlägt herrlich an. Wenn ich auch noch so viel Narrenspossen treibe, um sie zu unterhalten, und es will nicht anschlagen, so sage ich nur: ,wie sehr er Dich liebt‘, und sie wird gleich mullig[WS 1]. Das erste Mal, als er es ihr sagte, wollte sie auch wissen, wie sehr Du sie denn liebtest. Da war nun meine Weisheit aus, und ich half mir geschwind damit, daß ich sagte? ,mehr als Alles‘; sie war zufrieden, und ich hoffe, Du wirst es auch sein!“

Arme Auguste, unglückliche Tochter einer bedeutenden Mutter – hattest du nie das Gefühl, daß Deine Adresse oft nur der Einlagen wegen benutzt wurde? Doch größere Kämpfe ersparte ihr das Geschick! Am 12. Juli 1890 starb sie im Bade Boklet, innig und rührend betrauert von der Mutter und dem gemeinsamen Freunde. Diese Trauer selbst aber wurde zu einem neuen Bande zwischen Beiden. „Nie kannst Du doch,“ schreibt Karoline an Schelling, December 1800, „das Weh der Mutter ganz in Dich aufnehmen. Es löst sich meine Seele immer mehr und mehr in jenes Wehe auf, und doch bin ich getrost und stark. Das erhalte Dir gegenwärtig, wenn ich auch nicht verhindern kann, an Deinem Busen zu weinen. Es quillt ein neues Leben aus diesen Augenblicken, sie sind selbst ein hohes Lebenszeichen, mein Gram ist nicht Niedergeschlagenheit, kein Verzagen und keine Verzweiflung und dann kann ich erst volles Vertrauen zu meinem Freunde haben, wenn ich ihm nichts davon zu verbergen brauche. Berühren laß mich es wenigstens, ich will Dich nicht daher verweilen; ich verweile selbst nicht. Wenn die Wolken des eig’nen Jammers mir auch das Haupt eine Weile verhüllen, es befreit sich bald wieder und wird vom reinen Blau des Himmels über mir beschienen, der mein Kind einschließt, wie mich. Die Allgegenwart – das ist die Gottheit – und meinst Du nicht, daß wir einmal allgegenwärtig werden müssen, Alle Einer in dem Andern, ohne deshalb eins zu sein?“

Der hier angeschlagene Ton liebender Hingebung zeigt bereits die bevorstehende Wendung in Karolinens Leben an. Sie begeisterte sich für Schelling’s geistiges Schaffen, vertiefte sich in seine philosophischen Schriften, studirte Naturwissenschaften, zum Beispiel die Geschichte der Erde, und begann, vor derartigen Kenntnissen eine tiefe Ehrfurcht zu hegen, dagegen von A. W. Schlegel’s Beschäftigungen gering zu denken; denn Poesie brauchte sie ja nicht zu lernen. Als Ausdruck der Empfindungen, die sie für Schelling hegte, wanderte auch gelegentlich an den Philosophen ein echt englischer Ueberrock, trotz seiner Schattenseite, daß er viel Haare ließ, empfohlen wegen seiner Lichtseite, daß man die Arme darin frei hat, um eine Freundin zu umarmen. Sie war indeß nicht blos eine nachbetende Freundin, sie war selbstschöpferisch im Denken, und Schelling konnte nicht schlagender den Gipfelpunkt seiner damaligen Gedankenwelt, die Kunst, verherrlichen, als Karoline dies in den prächtigen Worten eines Briefes an A. W. Schlegel that: „O mein Freund – wiederhole es Dir unaufhörlich, wie kurz das Leben ist und daß nichts so wahrhaftig existirt als ein Kunstwerk. Kritik geht unter, leibliche Geschlechter verlöschen, Systeme wechseln, aber wenn die Welt einmal aufbrennt wie ein Papierschnitzel, so werden die Kunstwerke die letzten lebendigen Funken sein, die in das Haus Gottes gehen – dann erst kommt Finsterniß.“

Wenn wir bei diesem Bericht vergessen haben, daß Karoline noch immer Schlegel’s Gattin war, so erging es den Betheiligten nicht viel anders. A. W. Schlegel lebte meistens in Berlin, wo er Vorlesungen hielt und den jungen Schauspielerinnen, zum unverhohlenen [601] Aerger Karolinens, den Hof machte. Allerlei mißmuthige Erörterungen auch über Geldsachen erfüllten die Briefe der Gatten; man entschloß sich zu gegenseitigen Zugeständnissen, doch auch diese erwiesen sich unzureichend. So beantragten Beide gemeinsam, in einem von gegenseitiger Achtung überquellenden Briefe, bei dem Herzog von Weimar die Scheidung, welche auch am 17. Mai 1803 ausgesprochen wurde. Karoline reiste mit Schelling nach Schwaben, wo Schelling’s Vater sie am 26. Juni traute. Jetzt war sie in einen sichern Lebenshafen eingelaufen; die Tochter des ordentlichen Professors war die Frau eines ordentlichen Professors geworden; sie folgte dem Gatten nach Würzburg und dann nach München, wohin er als Mitglied der Akademie berufen worden war. Ihre Briefe verriethen von jetzt ab kein intimes Interesse für Literatur mehr; sie sind theils häuslichen, theils politischen Inhalts; nur hin und wieder ward eines alten Freundes gedacht; der Universitätsklatsch spielte die Hauptrolle in ihnen. Auf einer Reise nach Schwaben starb Karoline zu Maulbronn den 7. September 1809.

Ihr abenteuerliches und bewegtes Leben malt sich in ihren Briefen; sie sind merkwürdige Gedenkblätter einer Zeit, in welcher die sittliche Freigeisterei auch in literarischen Kreisen zum guten Ton gehörte. Die Gegenwart hat das Recht, bei voller Anerkennung der hohen geistigen Bedeutung jener Frauen und Männer, ihre Richtung zu verurtheilen; aber wenn der seltene Geist und die gewinnende Liebenswürdigkeit einer hochbegabten Frau dies Urtheil nicht bestechen dürfen, so müssen wir doch „mildernde Umstände“ finden in der gemeinsamen überschwänglichen Begeisterung einer Sturm- und Drangepoche, welche auch für die sittliche Welt neue Grundlagen suchte.




Am schwäbischen Meere und im Schlosse des Exkaisers.

Sobald ich den ersten Sperling mit einem Strohhalm im Schnabel erblicke, packe ich meine sieben Sachen zusammen und fahre schnurstracks nach dem Bodensee. Es ist reizend, acht oder vierzehn Tage an den Ufern des Vierwaldstädter Sees zuzubringen; allein es wäre mir unmöglich, dort einige Monate mit Vergnügen zu leben. Die düstern Bergriesen sind zu nahe; man fühlt sich beengt, unfrei, wie in Gropius’ Diorama eingesperrt, und vollends bei Regenwetter ist es zum Todtschießen. Ich lobe mir für einen Sommeraufenthalt in der Schweiz den Bodensee. Mein Geschmack ist kein vereinzelter; ja, sehr reiche und unabhängige Leute, die unter den schönsten Flecken der Erde wählen können, haben sich meinen speciellen Lieblingsort am See zu ihrer Sommer-Residenz ausersehen.

Nicht sehr weit von dem östlichen Ende des Ortes Rorschach hat der verflossene Herzog von Parma eine schloßartige Villa, Schloß Wartegg. Am westlichen Ende befindet sich das stattliche Schweizerhaus der verwittweten Königin von Würtemberg in einem geschmackvoll angelegten Garten, und da, wo sich das Rheinthal öffnet, hat der Fürst von Hohenzollern-Sigmaringen die Weinburg, welche er alljährlich zur Weinlese mit seiner Familie besucht. Kaiser, Könige und Fürsten sind hier keine Seltenheit; im Gegentheil, sie kommen recht häufig hierher zum Besuch und sind wahrscheinlich herzlich froh, einmal für einige Stunden von dem Kaiser- und Königsapparat befreit und freie Menschen unter freien Menschen zu sein. Sie wandeln hier umher wie andre Leute, und die Bürger der Schweiz finden das so natürlich, daß sie zum Entsetzen wedelnder Kammerseelen nicht einmal ihre Mützen schwenken und Hurrah schreien.

In Wartegg huschen aus und ein die Schatten der Bourbonen und bilden eine Welt für sich. Sie hoffen und harren – der Himmel weiß worauf, und die schwarzen Gestalten, die geheimnißvoll aus- und einschleichen, wissen es vielleicht auch. Es ist da ein ewiges Hin- und Herreisen, und alle Wochen ein paar Mal sieht man am Bahnhof zwischen den andern Leuten den jungen Herzog, den man für einen noch nicht flüggen Candidaten der Theologie halten könnte, oder die Herzogin mit ihrer Schwester stehen, welche letztere einen permanenten Rococo-Pudel unter dem Arm hält. Auch der Schatten des Königs von Neapel spukt hier zuweilen. Die bourbonische Familie, welche hier die Sünden ihrer Väter abbüßt, lebt einfach und verständig bürgerlich und thut manches Gute, was man von ihren Vorfahren nicht eben rühmen konnte, und da sie streng katholisch ist, so wird sie von den vielen Katholiken der Gegend sehr gern gesehen und von den Protestanten auch, denen sie in nichts im Wege ist.

Vor Kurzem erschien auf dem See, von Friedrichshafen kommend, ein auffallend bewimpeltes und bekränztes Dampfschiff und die am Landungsplatz haltenden Hofequipagen mit der würtembergischen Livree ließen vermuthen, daß irgend welche hohen Gäste in der Villa der Königin erwartet würden: Es mußte ein außerordentlich hoher Besuch sein, denn einige Stunden vorher war ein leichter, mit zwei wunderschönen Schimmeln bespannter Wagen über den See geschickt worden und Kutscher und Jockey waren in vollem Staatswichs.

So war es denn auch. Der Kaiser und die Kaiserin von Rußland machten der Königin von Würtemberg eine Visite. Das festlich geschmückte Schiff und die schönen Pferde hatten etwa hundert Leute in Hemdsärmeln und zufällige Spaziergänger angelockt. Das Schiff landete im Hafen und die Brücke wurde wie gewöhnlich gelegt. Auf dem mit Kränzen gezierten Verdeck, auf welchem schöne Fauteuils standen, sah man eine Anzahl Herren und Damen. Sie waren gekleidet wie andere Leute und ihre Gesichter waren auch wie die anderer Menschen, wenn auch mitunter etwas diplomatisch verkniffen. Von dem Stempel der Hoheit, welcher nach der Hoftradition dem Antlitz der Majestäten aufgedrückt sein soll, erblickten die hemdärmligen Republikaner nichts. Man kann’s den Leuten eben nicht an der Nase, ansehen, was sie sind; den Kaisern und Königen ebenso wenig wie den Leuten von Talent. Hielt ich doch selbst, der ich mir auf meine physiognomischen Kenntnisse etwas zu gut thue, einen sehr unschuldig aussehenden Hofmarschall sogar für den Fürsten Gortschakoff!

Nicht einmal ein Teppich war über die Brücke und auf den Weg bis zu dem Wagen gelegt, und eine Hoheit stolperte. Dem heftig katzenbuckelnden Hofmarschall mit der Diplomaten-Physiognomie folgten die allerhöchsten Herrschaften, deren Gesichter ich von früher her oder nach den überall ausgestellten Portraits nun erkannte, denn Alle gingen dicht an mir vorüber. Da war der Kaiser und die Kaiserin von Rußland, der König und die Königin von Würtemberg, der Großherzog und die Großherzogin von Weimar, noch eine russische Großfürstin und verschiedene Kleinfürsten, die ich nicht kannte.

Die Hemdärmler starrten sie an und zogen nicht einmal die Kappen. Warum sollten sie auch? Wenn sie nach Petersburg kamen, zog auch vor ihnen Niemand den Hut. Was gingen sie die Fürstlichkeiten an? Warum sollten sie eine besondere Ehrfurcht heucheln, die sie nicht fühlten? Für sie waren die hohen Herrschaften Fremde wie Andere. Eine Unhöflichkeit war nicht beabsichtigt, also auch nicht begangen. Republikaner fühlen eben anders, als kaiserliche oder königliche oder sonstige Unterthanen. Der Schweizer Bauer fühlt sich ein Stück König in seinem schönen Lande. Während die Fürstlichkeiten zur Königin fuhren, gingen, die Herren und Damen des Hofes in einen Wirthsgarten am See, aber Fürst Gortschakoff und ein anderer Herr, die heftigen Durst hatten, in die nächste Bierkneipe, wo sie ihr Seidel tranken, wie Rorschacher. Ein naiver Schweizer Kellner hielt die Herren für Lakaien, weil er den einen den andern Excellenz tituliren hörte. O sancta simplicitas!

Dieser republikanische Unabhängigkeitssinn gefällt mir und schon deshalb ziehe ich das Schweizer Ufer des Bodensees dem andern vor; es ist aber wahrlich nicht der einzige Grund, weshalb ich mir Rorschach zu meinem Lieblings-Sommer-Aufenthalt erkoren habe.

Rorschach ist eins der Hauptthore, durch welche deutsche Sommerpilger in die Schweiz treten. Die Fahrt von dem würtembergischen Friedrichshafen über den See nach Rorschach ist entzückend schön, wenn man nämlich schönes Wetter hat, denn bei Regen oder Sturm wird die starke Stunde, welche man zur Fahrt braucht, etwas lang. Der herrliche See, der bei schönem Wetter einem großen Spiegel gleicht, sieht dann dunkelgrün, ja fast schwarz aus und die Wellen gehen so hoch, daß viele Personen seekrank

[602] werden. Manche Schiffe sind schon darauf zu Grunde gegangen, und erst vor Kurzem versank ein Steinschiff dicht am Hafen, wie es ja auch einst dem Dampfer Ludwig begegnete, der durch Herrn Bauer wieder gehoben wurde. Auch das Steinschiff sammt seiner Ladung wurde gehoben und das ging – Dank den damals gemachten Erfahrungen – sehr schnell und mit geringen Kosten von Statten.

Bei hellem Himmel ist die Aussicht vom Schiffe entzückend. Links über das österreichische Bregenz hinaus, sich in einem Bogen nach rechts hinziehend, sieht man die schneebedeckten Gipfel der Alpen von Vorarlberg und Tirol. Gerade vor uns erhebt sich über einem breiten smaragdgrünen Uferstreifen der wundervoll gestaltete, gegen achttausend Fuß hohe Säntis mit seinen Rebenbergen, deren schneebedeckte Gipfel und Seitenflächen besonders schön gegen den blauen Himmel und das frische Grün unterhalb abstechen.

Je mehr man sich dem Schweizer Ufer nähert, desto breiter wird der Ufergürtel, der die Gestalt eines sich eine kleine Meile hinziehenden, mäßig steil und terrassenartig aufsteigenden Berges annimmt, hinter dem allmählich die eisgrauen Bergriesen verschwinden. Es ist dies der Rorschacher Berg. Von Weitem sieht er unbedeutend aus, trotzdem daß er sich mehr als zweitausend Fuß über den Spiegel des Sees erhebt; allein je näher man dem Ufer und dem sich daran hinziehenden Rorschach kommt, desto herrlicher entfalten sich seine mannigfaltigen Schönheiten, von denen man jedoch von der Ferne nur einen sehr unvollkommenen Begriff erhält. Ich durchstreife den breiten Abhang nun schon im vierten Jahre; allein täglich bietet mir derselbe noch neue Ueberraschungen.

Der Berg ist bis auf den äußersten Kamm hinauf bebaut. Er ist ein großer natürlicher Park, so schön, wie ihn die Hand keines Landschaftsgärtners anzulegen vermöchte. Herrliche Wiesen, im untern Theil mit riesigen Obstbäumen besetzt, wechseln dort mit Weinbergen und höher hinauf mit prächtigen frischen Wäldern. Ueberall trifft man, oft gänzlich im Grün versteckt, Sennhütten, Gehöfte, Dörfer und Schlösser. Felsenbäche, die von der Höhe herab dem See zufließen, bilden häufig tiefe, schauerliche Schluchten, hier Tobel genannt, deren Ränder bewaldet sind und reizende Thäler bilden. Ueberall, wo man nur geht, murmeln zwischen Felsen oder im Grün versteckt krystallhelle Quellen, oder sprudeln aus eisernen Röhren. Eine Menge Wege laufen übereinander, parallel, den ungeheuren Abhang entlang, und von jedem dieser Wege hat man eine herrliche Aussicht über den See links nach Arbon, Romanshorn und Constanz und rechts über Lindau, Bregenz und das Rheinthal mit seinen Bergen.

Ersteigt man den höchsten Kamm des Berges, so hat man von Roßbühl eine überaus herrliche Aussicht auf die zum Theil zu Appenzell gehörigen schönen Hügel, die mit grünen Sammetteppichen belegt scheinen, auf denen nette Schweizergehöfte stehen und über dieselben hinaus und so nahe, daß man alle Details erkennen kann, ragen links die Tirolerberge und gerade vor uns die Säntis-Gruppe. Wohin man immer gehen mag, findet man sich reichlich für seine Mühe belohnt. Der See selbst bietet in jedem Augenblick ein wechselndes, herrliches Schauspiel. Ich habe keine Wasserfläche gesehen, welche so häufig ihre Farben veränderte. Manchmal ist er ultramarinblau, zu anderen Zeiten ganz grün, oder violet mit Streifen von allerglänzendsten Smaragdgrün, wie sie kein Maler zu malen wagen würde.

Nicht besonders hoch über dem Orte Rorschach liegt das uralte Schloß Rorschach (Roschach schreiben übrigens alle Chroniken), jetzt St. Annaschloß genannt, welches man in einer kleinen halben Stunde erreicht. Hier hausten einst die Herren von Roschach, die ein angesehenes Geschlecht waren und die in der Geschichte ihres Landes eine bedeutende Rolle spielten. Jetzt ist das Schloß Eigenthum eines vielgereisten Steinmetzen, eines tüchtigen Landwirthes, der eben im Begriff ist, allerlei Bauten vorzunehmen, um es zu einem noch beliebteren Vergnügungsorte zu machen, als es jetzt bereits ist. Sitzt man bei trefflichem Wein an einem der Burgfenster, so kann man wohl viele Meilen in der Runde keinen herrlicheren Platz finden.

Es ließe sich viel von all den merkwürdigen und schönen Orten in nächster Nachbarschaft von Rorschach sagen, doch ich will nicht zu weitläufig werden und nur bemerken, daß der gute Fußgänger und der schlechte überall die herrlichsten Spaziergänge ganz nach seinem Geschmack finden wird.

So führt uns nach Ragaz die Eisenbahn in etwa zwei Stunden. Eine herrlichere Partie kann es gar nicht geben und vollends der Weg von Ragaz nach der Quelle von Pfäffers ist das Schönste, was ich im Leben gesehen habe. – Von Bregenz, Lindau und Friedrichshafen will ich ebenfalls nicht reden, sondern nur länger bei einem Ausfluge verweilen, den ich erst kürzlich nach Arenenberg machte, in welchem augenblicklich der Kaiser Napoleon der Dritte erwartet wird.

Arenenberg, das Landhaus des Kaisers Napoleon des Dritten, in welchem er viele Jahre seiner Jugend verlebte, liegt am Untersee, im schweizerischen Canton Thurgau, nicht weit von dem großen Marktflecken Ermatingen.

Da ich am Abend wieder in Rorschach sein wollte, so fuhr ich nicht mit dem Dampfschiffe, sondern mit der Eisenbahn nach Constanz, welche erst seit einigen Wochen eröffnet ist. Die angenehme Fahrt entlang den See dauert – wegen der vielen Stationen – gut anderthalb Stunden. Wir kamen vor zehn Uhr in Constanz an und hatten noch Zeit, das Concilhaus anzusehen, in welchem uns manche Alterthümer sehr interessirten, besonders eine Nachbildung des Gefängnisses von Johann Huß mit der Originalthür und eine Menge anderer merkwürdiger Dinge.

Das um elf Uhr nach Schaffhausen gehende Dampfschiff war ziemlich besetzt, und unter den Passagieren waren eine Anzahl, die ebenfalls Arenenberg besuchen wollten und zu diesem Ende in Ermatingen ausstiegen, welches kaum zehn Minuten davon entfernt ist. Ein liebenswürdiger Schweizer Major, der in Ermatingen wohnt und den wir auf dem Dampfschiffe trafen, sagte uns, daß wegen der in Arenenberg zum Empfang des Exkaisers getroffenen Vorbereitungen die Zimmer des Schlosses nicht gezeigt würden, daß man aber doch zu unsern Gunsten eine Ausnahme machen werde, wenn wir uns nur auf ihn, den Major, beziehen wollten. Nach etwa zehn Minuten erreichten wir den Park von Arenenberg. Dieser Park ist nicht von großer Ausdehnung, aber sehr geschmackvoll auf einem Hügel und dessen Abhang angelegt. Die Wege sind sehr gut unterhalten und dasselbe ist der Fall mit großen Blumenbeeten, die mit schönen blühenden Pflanzen, namentlich mit vielen Hortensien besetzt sind. Links von der auf dem Ende des Hügels erbauten Villa ist ein Rasenplatz mit einem von Blumen umgebenen Bassin in der Mitte. Diese Villa ist ein ganz einfaches, dreistöckiges Haus, umgeben von schattigen Bäumen. Dicht bei dem Hause ist eine hübsche Capelle erbaut, zu deren Eingang einige Stufen hinaufführen. Das Ganze hat keineswegs ein kaiserliches Gepräge; die ganze Besitzung könnte ebenso gut einem mäßig reichen Privatmanne gehören, und dicht bei Ermatingen liegen andere Villen – zum Beispiel Schloß Hardt, welche bei Weitem stattlicher aussehen. Nirgends in Arenenberg sieht man Embleme, welche auf eine fürstliche Besitzung schließen lassen; man entdeckt weder Wappen noch gekrönte Namenszüge und dergleichen.

Leider hatte sich eine ziemlich zahlreiche Gesellschaft eingefunden und ich vermuthete gleich, daß diese Menge der Besucher es erschweren würde, alle Zimmer der Villa zu sehen. Eine alte Frau, welche auf dem Rasen drei Gänse hütete, sagte uns, daß die mit der Aufsicht betraute Person bei Tische sei. Sie wolle derselben unsern Wunsch, das Haus zu sehen, mittheilen und, wenn wir ein wenig warten wollten, uns Nachricht geben. Während wir warteten, kamen noch einige Wagen mit Besuchern von St. Gallen, welche in dem links vom Eingange befindlichen Oekonomiehofe hielten. Rings um diesen mäßig großen Hof liegen sehr gut gebaute Ställe und Remisen und dahinter einige kleine Wirthschaftsgebäude.

Ein kleiner Franzose und ein Schweizer Gehülfe, der ein N an seiner schmutzigen Mütze trug, führten uns in den Stall, in welchem sich sechs Pferde des Exkaisers befanden. Der kleine Franzose, der ungewöhnlich vernünftig und bescheiden war, hatte dem Kaiser im letzten Kriege als Kutscher gedient und war mit ihm bei Saarbrücken und Sedan und später in Wilhelmshöhe gewesen. Er hatte die Pferde und sechs Wagen von Sedan nach Bouillon und von dort nach Wilhelmshöhe und endlich nach Arenenberg gebracht. Der kleine Kutscher machte uns auf einen schönen Vollblutfuchs, Heros, aufmerksam, welcher auf dem rechten Flügel stand. Dies war das Lieblingspferd des Kaisers, der bei Pferden die Fuchsfarbe vorzieht, und hat fünfzehntausend Franken gekostet. Es ist ein starkes schönes Pferd, und ich bedauerte, es nur im [603] Stand zu sehen. Der Kaiser ist häufig auf demselben abgebildet. Es verursachte ein allgemeines Lächeln, als der Kutscher uns mit wichtiger Miene sagte, daß Napoleon dies Pferd bei – Saarbrücken geritten habe. Der daneben stehende kleinere Vollblutbraune, Phébus, war von ihm bei Sedan geritten worden. Es ist dies ein wunderschönes Thier mit prächtigem, feinem Kopf und großen, klugen Augen, wenn auch nicht so kräftig und werthvoll wie Heros. Wagenpferde waren noch nicht angekommen.

Wir wurden auch in die Remise geführt, wo sechs Wagen des Kaisers standen, und auch hier machte uns der Kutscher auf den einen leichten Wagen aufmerksam, mit welchem Napoleon mit Prinz Ney gefahren war, um den deutschen Kaiser – so nannte ihn der Kutscher – zu treffen. Einige nicht eben delicate Fragen anwesender Schweizer beantwortete der Kutscher bescheiden und mit vielsagendem Achselzucken.

Unterdessen war auch die Frau erschienen, welche uns das Haus zeigen sollte. Es ist dies, wie gesagt, ein ganz einfaches, dreistöckiges Haus ohne irgendwelchen architektonischen Schmuck. Gleich von ebener Erde tritt man aus dem Garten in den Vorplatz, an dessen hinterer Wand eine Wendeltreppe in den obern Stock führt. In diesem Vorplatz stehen rechts und links sehr einfache magere Waffentrophäen, gebildet aus mittelalterlichen Waffen. Rechts steht ein Tisch an der Wand und auf diesem ein polirtes Kästchen zur Aufnahme von Briefen. An den Wänden hängen die Portraits von sechs Paschas, welche Napoleon der Erste in Aegypten unterwarf.

Wir traten zuerst in das links gelegene Zimmer, welches zeltartig eingerichtet ist, womit auch die weiß und blau gestreifte Tapete harmonirt. Die Einrichtung ist ganz einfach. Die Ueberzüge der Möbel sind gewöhnlicher Wollendamast, wie auch die Vorhänge. Das Interessanteste in allen Zimmern sind die Gemälde, theils Familienportraits. Ueber dem Sopha hängt ein Portrait des schon 1807 gestorbenen älteren Bruder des Exkaisers, Napoleon Charles als Kind mit einem großen türkischen Säbel umgehängt. Ein sehr schönes Bild. An einer Seitenwand sehen wir Napoleon den Dritten als jungen Mann, in Civilkleidung, in einer wilden Schneelandschaft, sein Pferd am Zügel führend. Ferner ein Portrait der Königin Hortense, seiner Mutter, und eines von Napoleon dem Ersten als General, mit der Fahne in der Hand bei Arcole.

Das elegante Zimmer im untern Stock ist ein kleiner Salon oder Bibliothekzimmer; wenigstens steht darin ein mäßig großer Bücherschrank, dessen Inhalt ich nicht Zeit hatte zu untersuchen. An einem Ende dieses Zimmers waren zwei größere Spiegel angebracht und vor dem Sopha ein Tisch mit Schreibmaterial. Auf einem Seitentisch standen ein Erd- und ein Himmelsglobus, auf einem Nebentische allerlei ägyptische Kleinigkeiten. Die Tapete des Bibliothekzimmers ist roth, die Vorhänge und Möbel von höchst einfachem gelben Wollenstoff. Ueber dem Sopha hängt ein sehr schönes, lebensgroßes Portrait der Kaiserin Josephine im Krönungsschmuck, und an den Wänden sind andere Familienportraits, wie der König von Holland, Joseph Bonaparte, Murat, Beauharnais, die beiden Söhne der Königin Hortense als Kinder, die schöne Fürstin Borghese, allein nirgends sieht man weder ein Portrait von Jérôme, noch von Plon-Plon, seinem Sohne.

An die Bibliothek stößt ein Billardzimmer, dessen Wände mit großen Aquarellen geschmückt sind, meist Ansichten von verschiedenen Städten. Das Speisezimmer, welches wieder ein blau und weißes Zelt darstellt, ist ganz einfach. Buffets stehen in den Ecken und ein runder Tisch in der Mitte. An den Wänden hängen bekannte Kupferstiche aus der Geschichte Napoleon’s des Ersten, wie der Abschied in Fontainebleau etc.

Im untern Stock befindet sich auch noch eine Art von Gartenzimmer, fast ohne Möbel, vermuthlich ein Rauchzimmer. Die ganze Einrichtung ist auffallend einfach bürgerlich und nirgends sieht man kostbare Vasen oder dergleichen und nicht einmal eine Pendule. In einem der Zimmer steht ein Piano.

Ich bedauerte sehr, daß wir die Zimmer im obern Stock nicht sehen durften, allein es war dies ausdrücklich untersagt worden. Was mich wundert, ist, daß der Zugang zu denselben nur eine einzige schmale Wendeltreppe ist. In diesem obern Stock soll sich ein ganz hübscher Salon befinden. Das kleine Theater, welches sonst dort war, ist beseitigt und die Zimmer sind anders eingerichtet, obwohl meist mit den alten einfachen Möbeln, die sich noch aus den Zeiten der Königin Hortense vorfanden. Nur das Zimmer, in welchem die Königin gestorben, ist ganz unverändert geblieben. Es enthält übrigens nichts Merkwürdiges, als die Harfe der Königin, zwei Commoden, welche Marie Antoinette gehörten, einige Portraits und einen Lorbeerkranz, den die Königin für ihren Sarg eben vollendet hatte, als sie starb. Als der Kaiser, ich glaube 1865, Arenenberg besuchte, schloß er sich eine halbe Stunde lang in diesem Zimmer ein und man sah, daß er geweint hatte.

Vor dem Hause, am Rande des Berges, steht ein Kastanienbaum, von einer Bank umgeben. Unter diesem Baume saß Prinz Napoleon häufig mit Persigny und anderen Vertrauten, und hier wurden die Schritte beraten, welche den Kaisertraum des Prinzen verwirklichen sollten. Von diesem Punkte aus hat man eine sehr schöne Aussicht auf den Untersee und links auf den nahen Landungsplatz der Dampfschiffe. In der Ferne sieht man die Gebirge Schwabens.

Die Capelle ist sehr einfach. Der durch eine offene Flügelthür abschließende, in einer Art von Nische befindliche Altar ist ziemlich schmucklos, Rechts und links hängen zwei Gemälde, ein Christus und eine Maria mit dem Kinde, gemalt 1857 von Türcher in Zug. Nahe der Thür stehen Schränke, wahrscheinlich zum Aufbewahren der Meßgewänder, auf deren Thüren man ein lateinisches H mit der Krone darüber steht. In der Capelle stehen etwa zwanzig Betstühle. Der interessanteste Gegenstand in dieser kleinen Capelle ist das an der rechten Seite stehende sehr schöne Denkmal den Königin Hortense, auf dessen Sockel steht. „A la reine Hortense son fils Napoléon III. Das Denkmal, vom Florentiner Bartolini in dem feinsten Marmor ausgeführt, ist wunderschön und von ergreifender Wirkung. Es stellt die Königin Hortense in einfachem Büßergewande knieend dar und versunken im Gebet. Der Ausdruck des Gesichts wie die ganze Haltung der Figur sind unübertrefflich schön. Damit man erkennt, daß die büßende Sünderin eine Königin ist, sieht man auf ihrer Stirn ein goldenes Diadem. Auf der Rückseite des Piedestals ist folgende eigenthümliche Inschrift eingegraben: „Fortuna. Infortuna. Fortuna.“

An die Kaiserperiode Napoleon’s des Dritten und an die Kaiserin Eugénie erinnert gar nichts in Arenenberg. Nur in der Wagenremise bemerkte ich, daß die gefühlvollen Stallleute unter jedem Wagen aus weißem und gelbem Sand abwechselnd ein gekröntes N und E gestreut hatten.

Will der Exkaiser hier sein Leben beenden, so wird ihn Niemand in diesem löblichen Vorsatze stören, und ein anderer Bartolini kann ihn seiner Mutter gegenüber als Büßer darstellen. Er mag dem Himmel danken, daß er einem großmüthigeren Feinde in die Hände gefallen ist, als es das harte Loos seines großen Oheims war. Möge er vor der Versuchung bewahrt werden, diesem nochmals nachahmen zu wollen! Arenenberg ist weit hübscher als Longwood!
Corvin.




Ein Bild versunkener Herrlichkeit.

Ja, ein Bild versunkener Herrlichkeit ist Schloß Moritzburg. Seine glänzendsten Tage datiren aus der Zeit des prachtliebenden August des Starken, der nach üppigem Male mir stolzem Jägertroß den weiten Forst durchzog, der jetzt in melancholischem Schweigen ruht. Nur das Schilf in den nahen Teichen rauscht und flüstert noch wie ehedem, und erzählt sich allerhand Geschichtchen von dem Silberdrachen der schönsten Courtisanen, von den italienischen Nächten, den Gondelfahrten, den gehetzten Hirschen und Wildschweinen, die mit ihrem rothen Blute das grüne Wasser färbten, nachdem sie, halb zu Tode gehetzt und bis zur äußersten Verzweiflung getrieben, in den schützenden Fluthen die letzte Rettung suchten; aber auch hier erreichte sie die wüthende Meute, und nicht selten versanken Wild und Hunde, die sich verbissen hatten, wenn nicht zu rechter Zeit Piqueure in heraneilenden Nachen das Opfer [604] 

Die Gartenlaube (1871) b 604.jpg

Schloß Moritzburg. Originalzeichnung von Herbert König.


TRINKGEFÄSSE. TRINKHORN. THORWÄRTE
-HÄUSCHEN.
SAUFEDERN.
Schädel und Geweihe im Kampf verrannter Hirsche.
Gehörnter Haase.
PAYDIC 1660.
Oberforstmeisterei. Piqueur. DAS HELLHAUS beim SCHLOSS.
EINGANG zum NEUEN SCHLOSS. Alter Springbrunnen am Canal. FASANERIE und DAS NEUE SCHLOSS. LEUCHTTHURM.
HKÖNIG. Carl Streller Sc

[605] 

WS: Das Bild wurde auf der vorherigen Seite zusammengesetzt. [606] an’s Ufer zogen. – Auch heute pflegt man noch des edeln Waidwerks hier, aber, der Gesittung des Jahrhunderts entsprechend, in humanerer Weise; auch heute noch versammelt man sich zeitweilig in dem alten Schlosse zu Festmahlen, aber das Ganze hat dann das Gepräge einer echt deutschen Familientafel, denn Der, welcher präsidirt, ist bekanntlich nicht allein einer der weisesten, sondern auch tugendhaften Fürsten. „Sic transit gloria mundi“, würde nicht ohne Stoßseufzer ein Cavalier der guten alten Zeit zwischen den Zähnen murmeln, wir aber rufen laut aus: Gott sei Dank, daß es mit dieser Gloria sein Ende hat!

Jagdschloß Moritzburg, sonst Dianenburg genannt, liegt drei Stunden von Dresden, mitten im gelichteten „Friedewalde“, auf dem felsigen Grunde einer Insel des zweiundfünfzig Acker großen und rings mit trefflichen Kastanienalleen geschmückten Schloßteiches. Der gewaltig imponirende Bau erhebt sich vier Etagen hoch, und sondert sich an den vierfachen breiten Fronten in vier runde Eckthürme, welche durch Mittelgebäude mit eisengegitterten Balcons verbunden sind, und vom schlanken Thurm der viel später erbauten Capelle überragt werden. Steinerne Barrièren, mit grotesk-komischen Statuen von Waidmännern besetzt, umschließen einen großen getäfelten Freiplatz auf allen Seiten des Schlosses, unter welchem sich Promenaden mit kunstvoll verschnittenen Pyramiden von Nadelholz hinziehen. Ein dreißig Ellen breiter Damm mit Zugbrücke verbindet die Insel mit dem Lande, welche erstere mit Alleen und vier symmetrisch angelegten Pavillons vor dem Schlosse besetzt ist, und die Wassergräben von dem Schloßteiche trennt; letzterer ist gegen Westen tausend, gegen Osten neunhundert Ellen breit, und wird mit dem See bei der Fasanerie durch einen breiten, eine halbe Stunde langen Canal verbunden. Das Hauptschloß, welches einen Flächenraum von fünf Ackern hundertdreiundachtzig Quadratruthen einnimmt, wurde aus Sandsteinquadern erbaut, 1542 durch Kurfürst Moritz gegründet, von Christian dem Ersten 1589 vollendet, und von den folgenden Regenten bis 1722 beträchtlich erweitert und verschönert, während es durch August den Starken (der auch 1720 die katholische Capelle bauen ließ) die jetzige Gestalt und kostbare innere Einrichtung erhielt. Dies wahrhaft majestätische Lustschloß hat durch die seltenen und kostbaren Kunstwerke, die prachtvolle Ausstattung und den hier befindlichen Reichthum an monströsen und andern seltenen Geweihen einen Ruf durch ganz Europa erlangt; es enthält nächst vielen andern Räumen sieben große Säle und zweihundert Zimmer, deren Sehenswürdigkeiten hier nur kurz angedeutet werden können. Der weiße, vierundzwanzig Ellen hohe und breite, dreißig Ellen lange, durch zwei Stockwerke gehende Tanzsaal – von dessen Balcon man neun durch den Wald gehauene Alleen übersieht, enthält zweiundsiebenzig Hirschköpfe mit Geweihen von vierundzwanzig bis fünfzig Enden; der eben so große Audienzsaal, auf vergoldeten Ledertapeten Scenen aus der Mythe der Diana vorstellend, enthält viele der seltensten monströsen Geweihe in ungeheurer Größe von Hirschen, Elen- und Rennthieren, darunter das Geweih eines Hirsches von sechsundsechszig Enden, welcher lebend sechs Centner wog, auch einen Hirschkopf, an welchem das starke Geweih vor dem Maul herunter gewachsen ist, weshalb das Thier vor Hunger verendete, und mehrere gehörnte Hasenköpfe. Der Speisesaal ist mit zweiundsiebenzig Elen- und Damhirschgeweihen geschmückt, worunter sich zwei Fünfzigender befinden, und enthält noch eine große Menge kostbarer Trinkgeschirre, alte Humpen in seltsamer Form und theils von riesiger Größe, silberne und goldene Pokale und Kelche, und ein Heer von Bechern in Gestalt von allerhand Thieren und Jägern, deren größter, ein Hirschhorn, drei Kannen hält und bis zur Stunde bei festlichen Gelegenheiten die Tafelrunde macht.

Diese Säle, mit ledernen Goldtapeten (venetianischer Arbeit) ausgeschlagen, sind mit einer ungeheuren Menge von Jagdtrophäen und Schildereien geschmückt, enthalten große Spiegel, hohe Spiegelschränke, kostbare Uhren, Frescobilder mit Jagdpartien aus dem Leben August des Starken mit der Cosel, der Königsmark etc. Das Schlafgemach August’s mit dem ein einem Baldachin überspannten Prachtbett von gelbseidenem Damast enthält Tische, Schränke und Chieffonièren mit seltenster Blumenmosaik, das sogenannte Federzimmer Thronsessel, Baldachin und Wandbekleidung von Federn mexicanischer Vögel und Möbel von wohlriechenden brasilianischen Hölzern. Die übrigen Zimmer enthalten verschiedene, zum Theil sehr vorzügliche Stillleben nebst historischen Jagd- und Thierstücken, unter welchen sich besonders ein Oelgemälde mit einer Hetzjagd Friedrich des Weisen, 1549 von Lucas Kranach nach dem Leben gemalt, auszeichnet. Andererseits mag das Bild eines Raubschützen noch zu erwähnen sein, welcher beim Zerlegen eines geschossenen Rehbocks ertappt wird, worauf dieser Wilddieb auf Befehl des Kurfürst Moritz zur Strafe zwischen die Geweihe eines lebendigen Hirsches gebunden und mit Hunden in die Wildniß hinausgehetzt worden sein soll. Wir sagen: soll, denn das sehr gute Bild von Pauditz trägt die Jahreszahl 1660, zu welcher Zeit Kurfürst Moritz unmöglich den grausamen Befehl geben konnte, da er bereits hundertundsieben Jahre früher bei Sievershausen gefallen ist. Immerhin waren derartige Strafen an Wilddieben damals üblich, wie man auch einem Wilderer in flagranti die rechte Hand abzuhauen pflegte. Noch sind hier zwei Paar Hirschgeweihe zu bemerken, welche im Brunstkampfe der früheren Träger sich so ineinander verschränkten, daß keine Menschengewalt sie wieder zu lösen vermochte und daß die beiden Thiere so den Tod des Verschmachtens fanden. In der Capelle endlich ist ein lebensgroßer gegeißelter Christus sehenswerth von fleischfarbenem Marmor mit blutrothen Flecken, der als ein Meisterwerk der Bildhauerkunst gilt. Alles, was sich sonst den Blicken des Beschauers zeigt, erinnert lebhaft an den Prunk der jagdlustigen Zeit einer weltkundigen Glanzperiode, wo noch die hohe Jagd von blitzendem Jägertroß mit Halloruf, Hörnerton, Peitschenknall und Hundegebell die Forsten durchbrauste, wo bei glänzender Lustfahrt und Janitscharenmusik auf den Seen mit Türken- und Götteraufzügen paradirt wurde, Brillanten mit goldenen Netzen gefischt wurden, die man vorher in’s Wasser warf, um von der Königin des Festes, der Gräfin Aurora von Königsmark, wieder an’s Tageslicht befördert zu werden. Zum Schluß sei der Abbildung eines Riesengeweihes gedacht, das sich auf Schloss Amboise in Frankreich befindet. Dasselbe ist in natürlicher Größe ausgeführt, die zehn Fuß Höhe beträgt; ein hierzu eigens abgefaßtes Beglaubigungsschreiben sagt: daß zwei Cavaliere unter Pipin das Thier in Schwaben erlegt und dem französischen Herrscher zum Geschenk gemacht haben; Karl der Neunte habe es in Schloß Amboise aufgehängt, wo es sich noch befindet. Die ungeheure, fast nicht glaubliche Größe des Geweihes bestätigt der vormalige sächsische Gesandte am französischen Hofe, Graf v. Seebach.

Durch Wald und Wiesen führt ein halbstündiger Weg nach der Fasanerie, in deren unmittelbarer Nähe sich die Forstmeisterei, die Jägerhäuser, der pittoreske alte Springbrunnen und der Leuchtthurm auf dem Großteiche befiinden. Das neue Schloß, 1769 von Friedrich August dem Dritten in chinesischem Geschmacke erbaut und mit der Fasanerie in Verbindung stehend, zeichnet sich nicht minder durch seine ebenso bequeme, wie harmonische Einrichtung aus, was jene Zeit, mag man sie nun „Rococo“ oder „zopfig“ nennen, immerhin vorteilhaft charakterisirt.

Der von der Fasanerie getrennte, umzäunte Thiergarten, dessen Wildzaun vier bis fünf Stunden Umfange hat, enthält zwei Abtheilungen, in der einen verschiedenes Rothwild, bunte und auch weiße Hirsche und Rehe, in der anderen über dreihundert wilde Schweine als Schwarzwild, welche sich zur Stunde der Fütterung an gehörigem Platze versammeln. Inmitten des Thiergartens steht auf einer dreißig Ellen hohen Anhöhe ein achteckiges hohes steinernes Jagdhaus, das „Hellhaus“ genannt von feinem weißen Anstrich. Vom Dache aus, das mit eisenumgitterter Galerie versehen ist und die höchsten Wipfel der Bäume überragt, kann man in die acht den Thiergarten durchschneidenden Alleen sehen und somit das Jagdrevier ziemlich beherrschen. Bei den sonst hier häufig gehaltenen Perforcejagden und Schweinshatzen wurde von der Zinne dieses hohen Waldpavillons durch eine Fahne jedesmal die Allee bezeichnet, durch welche das Wild den Lauf genommen. Rechts an dem See bemerken wir noch den Entenfang, und am anderen Gestade das Teichhaus, jetzt ziemlich verödet. Von den umliegenden mehr denn siebenzig Teichen bilden die zum Staatsgut Moritzburg gehörigen neunundvierzig die Amtsfischei mit mehreren Teichwärtern. Auch sei noch der königliche Landbeschälungsanstalt unter Direction eines Landstallmeisters hier gedacht, die 1733 gegründet wurde und sich bei den Herren vom Sport eines vorzüglichen Rufes erfreut.

Seit einer Reihe von Jahren besuchte eine Anzahl der vorzüglichsten und berühmtesten Persönlichkeiten das Schloß, deren Namen wir treulichst als Facsimilia in jenen grünsammetnen Quartbändchen verzeichnet finden, die kurz vor aufgehobener Tafel herumgereicht wurden und noch werden, um die Zahl und Namen der Gäste der Nachwelt aufzubewahren. Nicht immer ist da der [607] Namenszug von sicherer Hand geführt, denn man merke wohl, das große Hirschhorn ging eben im Kreise herum, und Jeder und Jede erhielten ihre Censur, je nachdem sie nun bestanden – oder nicht. Ganz bescheiden, unter einer sehr kühnen und halb verwischten Handschrift, bemerken wir ein sehr klein geschriebenes „Frédérik“ – es ist der Namenszug Friedrich des Großen, der, damals kaum siebenzehnjährig, mit seinem Vater den sächsischen Hof und auch Moritzburg besuchte. Napoleon des Ersten Handschrift hat einst ein kühner Sammler nebst mehreren Seiten herausgerissen, weshalb man im Vorzeigen gedachter Bücher mit Recht behutsamer geworden ist. Noch eines Gastes, wenn auch nicht fürstlichen, doch nicht minder edlen Geblüts, darf ich wohl noch hier erwähnen und ihn bezeichnen als den eigentlichen Stammgast von Moritzburg. Es ist dies unser gemeinschaftlicher Freund, Ihr geschätzter Mitarbeiter Guido Hammer, der mit einer Liebe und Pietät diese stillen Forsten durchstreift, als wären die Bäume seine Schutzbefohlenen und die Hirsche und Rehe seine Kinder. Hier besonders entwirft er seine trefflichen Jagdstudien in Bild und Wort, hier entstand und spielte auch sein „Buschlieb“, eine der trefflichsten Schilderungen einsamen, beschaulichen Waldlebens.

Doch es wird Abend und es ist Zeit zu scheiden. Die Wasserrosen haben sich schon längst mit Sonnenuntergang geschlossen, noch rauscht ein aufgescheuchter Vogel im Rohre, und die Zinnen und Firsten des alten Schlosses beleuchtet schon der Mond. In mächtigen Umrissen hebt sich der Bau aus den Wassern – wie ein Schatten einstiger Herrlichkeit.
H. Kg.




Blätter und Blüthen.


Die Quellen einer deutschen Nationalanstalt. Es ist in der That von Bedeutung und gewiß ein gutes Zeichen für den großen Sinn des deutschen Volkes, wenn man sieht, wie großartige Unternehmungen durch gemeinsame Bestrebungen zu Stande kommen. So wird jetzt seit siebenzehn Jahren das Germanische Nationalmuseum in Nürnberg durch gemeinsame Gaben der ganzen Nation erhalten und erweitert sich von Jahr zu Jahr. Bereits steht es in schöner Blüthe und läßt ahnen, was es künftig sein wird. Wir hatten Gelegenheit, bei einem Besuche die bereits umfangreichen, vortrefflich geordneten und lehrreich zusammengestellten Sammlungen zu sehen, und waren erstaunt, welche Fülle von Belehrung bereits gewonnen werden kann. Da wir natürlich auch erfahren hatten, daß allenthalben Gaben für das Museum gesammelt werden, und uns die Sammelmethode ziemlich kleinlich vorkam, so nahmen wir Veranlassung, uns auch im Geschäftsbureau über die Art und Weise zu erkundigen, wie die Mittel zusammenkommen, und wir gestehen, daß wir darüber fast noch mehr überrascht waren, als über das, was die Sammlungen den Besuchern bieten. Wir hatten schon bei Durchsicht der Rechnungen, die man uns gütigst gestattete und die Jedermann zur Einsicht offen stehen, uns gewundert; geradezu lehrreich aber wurden sie durch die Erläuterungen, die wir erhielten; wir lernten da ein echtes Stück Naturgeschichte des deutschen Volkes kennen.

Seit etwa siebenzehn Jahren sind jährlich im Durchschnitte dreißigtausend Gulden eingegangen. In den letzten Jahren hat sich die Einnahme gehoben und für 1870 rechnete man auf vierzig- bis fünfundvierzigtausend Gulden. Darunter sind verhältnißmäßig nur wenig größere Summen, die von den Regierungen und Fürsten Deutschlands gegeben wurden oder von einzelnen wohlhabenden Privaten. Die weitaus überwiegende Mehrzahl der Einnahmsposten beträgt einen Gulden oder einen Thaler, selbst solcher mit fünf Groschen sind genug vorhanden. Dieser kleinen Posten aber sind es viele Tausende und die Jahresrechnungen bilden deshalb in der Einnahme dicke Folianten. Fast in jeder Stadt Deutschlands ist ein Sammler, Pfleger genannt, der die vielen kleinen Posten jährlich sammelt und stets neue Beitragende zu gewinnen sucht. Von oft merkwürdigen Zufällen scheint die Einnahme da und dort abzuhängen; am meisten jedenfalls von der Thätigkeit der Pfleger. So liefern einzelne Städte relativ viel, andere in gleichen Verhältnissen unendlich wenig, fast nichts. So leistet zum Beispiel Ulm jährlich ca. dreihundertfünfzig, Mannheim hundertfünfundsiebzig, Heidelberg hundertfünfundzwanzig, Regensburg hundertdreißig, Nürnberg tausend, München zweihundert, Leipzig vierzig, Berlin dreihundert, Wien hundertfünfundzwanzig Gulden etc. Manche Stadt liefert nur fünf bis zehn Gulden, oder auch nur ein bis zwei Gulden. Da aber die Sache so wohlorganisirt ist, so kommt trotz der Kleinheit denn doch im Ganzen etwas heraus. Allerdings bedarf es steter Anstrengung, die Beiträge auf der Höhe zu erhalten. Nach den Mittheilungen, die wir im Geschäftsbureau erhalten, sind etwa zwanzigtausend kleine Einzelbeiträge zu verzeichnen. Darunter sind manche, die seit siebenzehn Jahren ausgehalten haben. Viele aber geben ihre Gulden nur ein- bis zweimal und der Durchschnitt kann nicht höher als fünf bis sechs Jahre berechnet werden.

Eine fast unermeßliche Correspondenz in gedruckten oder lithographirten Circularen, Geschäftsbriefen, wo nöthig auch Privatbriefe des Directors und der Beamten, halten die Pfleger wach, welche einer Ermunterung bedürfen, oder auch viele Einzelne der Beitragenden. Die Klage der Pfleger ist fast allgemein dieselbe. Die Mehrzahl berichtet, daß eben in der Stadt A. oder B. so viel Interesse sei, wie sie wünschen; Andere sagen, die Leute meinen, auf ihre Gulden komme es nicht an. So wechseln denn auch die Pfleger ziemlich häufig, allein durch die Energie der Centralleitung bleibt doch die Sache im Geleise. So zeigt gerade die Thatsache, daß durch die vielen kleinen Gaben, von denen jede (einzelne oft zwei- oder auch dreimal) erbeten oder eingefordert werden muß, ein großes Gesammtresultat erzielt wird, wie falsch die so oft gemeldete Meinung ist, es komme auf einen einzelnen kleinen Beitrag nicht an. Welche Summe müßte zur Verfügung stehen, wenn alle diejenigen ihre kleinen Beiträge hergeben würden, welche glauben, es komme auf ihren Beitrag nicht an!

Nicht uninteressant war es auch, zu erfahren, welche Gegenden Deutschlands das Meiste beitragen. Die großen Städte leisten überhaupt wenig. Je größer die Stadt, um so kleiner im Verhältniß die Leistung. Die überwiegende Mehrzahl der Gaben ergiebt sich aus den Sammlungen der kleinen Städte Norddeutschlands. Auch Würtemberg trägt viel bei, Baiern so ziemlich, Baden mit Ausnahme Mannheims und Heidelbergs wenig. Oesterreich soll früher bedeutende Summen geleistet haben, jetzt ist die Leistung sehr gering. Eine sehr große Zahl deutscher Städte liefert auch Beiträge aus der Stadtcasse, meist gleichfalls sehr kleine. Da sind sehr viele, die jährlich einen Gulden oder einen Thaler zahlen, im Durchschnitt etwa fünf Thaler; und was das Merkwürdigste ist, auch bei den Stadtcassen findet fast derselbe Wechsel der Beitragenden statt wie unter den Privaten. Da sind es „Ersparnißgründe“, welche eine Stadt mit einem Budget von dreißig- bis vierzigtausend Gulden veranlassen, zu melden, daß sie künftig nicht mehr fünf Gulden im Jahre zahlen kann, dort auch der Hinweis, daß es auf den Thaler nicht ankommen könne, nachdem jetzt der norddeutsche Bund sechstausend Thaler pro Jahr zahle; anderswo hat einfach die Gemeindevertretung den Posten gestrichen, wieder anderswo glaubt man nun seine Pflicht gegen die Nationalanstalt gethan zu haben, nachdem man fünf Jahre lang zwei Thaler gezahlt, jetzt sollen andere auch zahlen; auch findet sich die Stadt B. bewogen, ihre Zahlung einzustellen, „nachdem die Stadt A. sie eingestellt hat“. Doch hat Deutschland so viele Städte, daß auch da immer wieder Ersatz gefunden wird. Die großen Städte stehen auch hier zurück. So hat das deutsche Wien seit 1866 zum erstenmal wieder im vorigen Jahre hundert Gulden österr. Währung beigetragen; die Stadt Berlin hat sich endlich zu einer Zahlung von zweihundert Thalern herbeigelassen; am meisten geben verhältnißmäßig die Mittelstädte; der höchste Stadtbeitrag kommt von Nürnberg und beträgt zweihundert Gulden; München zahlt fünfzig Gulden, Augsburg und Regensburg (Stadtcasse) ebensoviel, Köln und Breslau je fünfzig Thaler, Frankfurt am Main hundert Gulden, Danzig zwanzig Thaler etc.

Was uns am auffallendsten war, ist der Umstand, daß es bis jetzt gar nicht gelungen ist, die Deutschen im Auslande in irgend einer namhaften Weise, und besonders, daß es nie gelungen ist, sie zu regelmäßigen Beiträgen zu veranlassen. Die einzige Pflegschaft im Auslande, die bisher regelmäßig einen Beitrag sandte, ist Havre mit zwanzig Franken; dieselbe dürfte freilich jetzt wohl ihr Ende erreicht haben. Dafür hat sich noch eine Pflegschaft in Archangel gebildet, welche für das Jahr 1869 dreizehn Gulden berechnet hat. Sonst aber kommt aus Amerika nichts, aus England nichts, aus Rußland, der Türkei, aus Paris, aus Rom, aus Constantinopel etc. überall nichts und wieder nichts. Wiederholt wurden Pflegschaften da und dort errichtet; sie lieferten nichts ab, die Pfleger gaben oft nicht einmal Antwort auf die Anfragen, meist auch war ihnen das Resultat nicht groß genug, um regelmäßig zu sammeln. Es giebt da und dort im Auslande reiche Deutsche; zu so vielen Nationalunternehmungen haben sie beigesteuert, hier mit einzelnen wenigen Ausnahmen so gut wie gar nichts. Die Gartenlaube dürfte wohl das Organ sein, die Deutschen im Auslande zu ermuntern, auch für dieses Nationalunternehmen etwas zu thun.

Eine andere Thatsache, die gewiß erfreulicher ist, fanden wir darin, daß keine politische Partei, keine Confession Veranlassung gefunden hat, sich zurückzuziehen oder Opposition zu machen. Da finden wir Volkspartei und Fortschrittspartei, wir finden Ultramontane, Conservative und Liberale, wir finden Freidenker und Orthodoxe. Mancher hervorragende Name begegnet uns da und Männer, die in der Presse oder in der politischen Arena die verschiedensten Richtungen verfolgen und sich heftig bekämpfen, sie stehen hier friedlich nebeneinander. Da stehen katholische Bischöfe und Erzbischöfe, protestantische Consistorialräthe und Präsidenten, Ordensgeistliche, Pfarrer beider Confessionen, Rabbiner und freireligiöse Prediger; da stehen Fürsten und Grafen, Gelehrte, Kaufleute, Soldaten und Handwerker. Hier zeigt es sich klar, daß ein mächtiges Band doch alle Deutschen zusammenhält, die deutsche Wissenschaft, die deutsche Bildung; daß der König von Preußen und der von Hannover, wie der Demokrat A. oder B. in der deutschen Bildung, in der deutschen Wissenschaft, in dem Studium der Vorzeit, in Kunst und Literatur einen Einigungspunkt haben, der so mächtig ist, daß er alle anderen Zwiste eben als innere Familienzwiste erscheinen läßt.

Die nationale Aufgabe und Bedeutung der Anstalt tritt also auch hier klar heran. Sie ist ein Einigungspunkt für Alle und möge als solcher auch betrachtet werden. Mögen besonders die, welche meinen, es komme auf ihre Gabe nicht an, dessen eingedenk sein!

Die Nation aber, in der es möglich ist, Tausende und aber Tausende zu finden, die für ein ideales Werk, das sie vielleicht nie hoffen können zu sehen, sei es auch nur für wenige Jahre, unter allen politischen und religiösen Streitfragen, unter allen Klagen über Materialismus, jährlich ein kleines Opfer bringen, sie hat ein Einheitsband in sich, das mächtiger ist, als selbst politische Einheit, und wenn es auch aller Anstrengungen der Pfleger bedarf, die stets entstehenden Lücken zu ergänzen, wenn das Directorium, in dessen Händen alle Fäden zusammenlaufen, keinen Augenblick ruhen darf, so ist doch die Thatsache, daß diese Anstrengung ein Resultat hat und fortwährend wirken kann, erfreulich genug.



[608] Wer bewegt die Uhren? Der hübsche Aufsatz, welchen die Gartenlaube unter der Überschrift „Das Wunder in der Westentasche“ brachte, hat allgemein gefallen und angesprochen. Mich hat er daran erinnert, wie oft ich gerade die Taschenuhr als Beispiel angeführt habe, wenn es mir bei gemeinnützigen Vorträgen darauf ankam nachzuweisen, wie Vieles wir sehen, gebrauchen und täglich, ja stündlich in Händen haben, ohne daß wir uns Rechenschaft darüber geben, was das eigentliche Wesen dieser Dinge ausmacht und wie Vieles wir lernen könnten, wenn wir uns daran gewöhnen wollten, auf den Grund der gewöhnlichsten unserer täglichen Hülfsmittel, Werkzeuge und Vorrichtungen zu sehen.

Bleiben wir bei der Uhr stehen, so sehen wir, daß Tausende von Menschen sie vom Erwachen bis zum Schlafengehen als treuesten Begleiter durch das ganze Leben bei sich tragen, und wie Viele von Allen sind denn im Stande, auch nur annähernd den innern Zusammenhang dieser interessanten Maschine zu verstehen oder gar zu erklären? Es scheint das fast unbegreiflich und doch ist es nicht anders sind zwar auch in den zahlreichsten anderen Beziehungen. Ohne weiter auf solche einzugehen, möchte ich eine andere Thatsache erwähnen, welche mir beim Lesen des gedachten lehrreichen Aufsatzes einmal wieder in den Sinn kam und die gewiß ebenfalls interessant genug ist, da wohl noch seltener Jemand über sie sich Rechenschaft geben dürfte, als über das Wesen so vieler Dinge, die uns stündlich dienen.

Wenn man Jemanden fragen würde, welche Kraft denn seine Taschenuhr in Bewegung setzt, so würde man die schnelle Antwort erhalten, daß dies ohne Zweifel die Feder, noch besser die Federkraft, sei. Wollte man fragen: „Was treibt denn Deine Schwarzwälder Wanduhr oder Deinen sogenannten Regulator?“ so erhielte man sehr schnell die Auskunft, daß die Gewichte dies besorgten. Und wenn man hierüber etwas weiter katechisiren würde, so könnte man die Antwort erhalten, daß die Schwerkraft es sei, welche mittelst des Gewichtes die Uhr in Bewegung erhalte. Das sind denn in der That die beiden Theile der Uhren aller Arten, welche augenscheinlich das Werk zu treiben bestimmt sind, und sie wiederholen sich bei der verschiedensten Construction derselben. Aber hat denn eine Uhrfeder an und für sich Kraft? Oder hat ein Gewicht unter allen Umständen die Fähigkeit, irgend eine Bewegung hervorzubringen? Keins von beiden; die Taschenuhr bleibt stehen, sobald sie nicht mehr aufgezogen ist, und ebenso die Wanduhr, wenn das Gewicht abgelaufen ist. Welche Kraft treibt denn nun aber die Uhr, sei es vierundzwanzig Stunden lang oder vierzehn Tage lang? Das sagt sich eben Niemand, weil man nicht gewohnt ist, auf den Grund der täglichsten Dinge zu gehen. Thut man dies aber in diesem Falle, so ist einfach zu ersehen, daß die Kraft, welche die Uhr in Bewegung erhält, von demjenigen allein ausgeht, welcher die Uhr aufzieht.

Bei den Uhren, welche mit Federn versehen sind, wird diejenige Kraft, welche man anwenden muß, die Feder zu spannen, von dem Aufziehenden in dieser Feder angesammelt und letztere giebt sie langsam, in kleinen Theilen die vierundzwanzig Stunden hindurch an das Werk ab. Die Uhr gebraucht also zu ihrem Gange in vierundzwanzig Stunden gerade soviel Kraft, als das Aufziehen der Uhr erfordert. Ebenso die Uhr mit Gewichten. Hier hebt der Aufziehende das Gewicht bis zu einer bestimmten Höhe und dieses erhält durch das langsame Herabfallen die Uhr im Gange. Auch hier bedarf die Uhr zu ihrem täglichen, acht- oder vierzehntägigen Gange gerade so viel Kraft, als das Aufziehen der Gewichte erfordert. Also weder mit Federkraft noch mit der Kraft der Gewichte werden die Uhren getrieben, sondern mit Menschenkraft, die durch das Aufziehen der Uhr in Feder und Gewichten sich ansammelt. Das ist eine Thatsache, welche sich erst Wenige klar gemacht haben, daß ein Theil ihrer eigenen Kraft die Betriebskraft ihrer Uhren ausmacht.

Als Seitenstück zu den Berechnungen über die Wege, welche die Unruhe einer Uhr zu machen hat, wollen wir hier erwähnen, daß auch bei Betrachtung der Kräfte, welche hier in Frage kommen, sich ganz überraschende Zahlen herausstellen. Nimmt man an, daß in einer Stadt fünftausend Wanduhren mit Gewichten vorhanden sind, welche täglich aufzuziehen sind, und hat jede Uhr ein Ganggewicht von einem halben Kilogramm oder einem Zollpfund, welches ein Meter hoch aufzuziehen ist, so würde, wenn dieses Aufziehen in zwei Secunden erfolgt, für alle diese Uhren die zwei Secunden lang eine Kraft von 16,5 Pferdekräften nöthig sein. Das Ablaufen dieser Uhren vertheilt sich auf vierundzwanzig Stunden, und es würde daher für jede Uhr eine auf diese Zeit vertheilte Betriebskraft von 38/100000 Pferdekräften sich ergeben. Bedenkt man nun, welche Massen von Uhren auf der ganzen Erde täglich im Gange sind, so wird man sich verwundern dürfen über die großen Kräfte, welche angewendet werden müssen, um diese kleinen Maschinen im Gange zu erhalten.


Bock’s neuester Mahnruf. „Ueber die Pflege der körperlichen und geistigen Gesundheit des Schulkindes!“ So lautet der schlichte Titel einer in hohem Grade ernsten, tief in die Gewissen greifenden „Mahnung“, welche Professor Bock in Leipzig soeben in einem selbstständig veröffentlichten Schriftchen an Eltern, Lehrer und Schulbehörden gerichtet hat. Die Wichtigkeit des Themas wird seit Jahren nicht mehr in Zweifel gezogen, da ja sehr viel und schon manches Tüchtige darüber gesagt und geschrieben worden. Noch niemals aber ist es in seiner Bedeutung, seinem ganzen Zusammenhange und in allen seinen Einzelnheiten so scharf als eine öffentliche Frage betont, noch niemals so gemeinverständlich und mit einer solchen Wärme nachdrücklicher Ueberzeugung der Gesammtheit an’s Herz gelegt worden, wie wir es jetzt von dem verdienten und weithin anerkannten Gesundheitslehrer des Volks auf den wenigen Seiten seines neuesten Schriftchens behandelt sehen.

Bock zieht nur die Summe, verfolgt nur die natürliche und nothwendige Consequenz seines langjährigen volksthümlichen Wirkens, wenn er jetzt mit so hingebender Aufmerksamkeit bei den Erziehungsaufgaben verweilt, und das wirre Durcheinander der vielen ungelösten pädagogischen Fragen auf die Gesetze des menschlichen Organismus, die unwidersprechlichen Erkenntnisse und Forderungen der wissenschaftlichen Menschen- und Gesundheitskunde zurückzuführen sucht. Die Masse der heute Erwachsenen ist zum großen Theil schon durch anerzogene Irrthümer und Gewohnheiten für eine naturgemäße Verbesserung ihres Lebens verdorben. Was in dieser Hinsicht der Fortschritt der neueren Forschung an sicheren Einsichten, an positiven Lehren und Regeln gewonnen hat, wird erst ein kommendes Geschlecht in ausreichender Weise für sein Glück und Gedeihen, sowie zur Verscheuchung und Fernhaltung störender und herabdrückender Uebel verwerthen können. Zu einer solchen Verwerthung aber muß die heranwachsende Jugend körperlich und geistig befähigt und erzogen werden. Wie in Deutschland die Bewegung unseres Jahrhunderts, die Verwirklichung des modernen Humanitätsgedankens zuerst mit einer pädagogischen Bewegung, einer Reform des Erziehungs- und Unterrichtswesens begann, so wird auch erst eine durchgreifende Umbildung der Erziehung und der Schule den Boden bereiten, dem ein gesundes und ungebrochenes Volk entwachsen, auf dem es ein wahrhaft freies und menschenwürdiges Dasein sich gestalten kann.

Das sind die großen politischen und socialen Gesichtspunkte, welche in Bezug auf die innere und äußere Einrichtung der Schulen, auf die Bildung der Lehrer und die Behandlung der Kinder den ganz bestimmten Anweisungen und Forderungen Bock’s zu Grunde liegen. Zugleich aber pochen dieselben auch jedem Einzelnen an’s Herz, decken sie die Ursachen wesentlicher Störungen, schwerer Sorgen und Leiden des Familienlebens auf, erinnern sie Eltern und Lehrer an die aus Unwissenheit und gedankenlosem Schlendrian so oft von ihnen vernachlässigten Pflichten gegen die ihnen anvertrauten Menschenleben. Dies Alles in der knappen, klaren und eindringlichen Weise, welche den Darlegungen des Verfassers ihre anregende und charakteristische Färbung giebt. Ganz abgesehen von dem bedeutsamen Gesammtinhalt finden sich viele goldene Sprüche in dem Büchlein, die jeder Denkende in sein Notizbuch schreiben mag.

Da man in Deutschland noch auf die Stimme wissenschaftlicher Autoritäten zu hören pflegt, wird hoffentlich das hier von Bock unserer Zeit vorgehaltene Sündenregister nicht ohne die entsprechende tiefe Wirkung bleiben.
A. Fr.

Noch einmal der Soldaten-Aberglauben. Aus dem Felde zurückgekehrt, benutze ich meine Mußestunden mit dem Nachlesen der fast seit einem Jahre entbehrten Gartenlaube, und da riefen in Nr. 1 und 6 dieses Jahrgangs die Artikel „Zum Aberglauben der Soldaten im Kriege“ folgende Thatsache in mein Gedächtniß zurück.

Der große Ausfall der Franzosen aus Metz am 7. October 1870 gab unserm Bataillon, eben zum Ablösen der Vorposten herangezogen, Veranlassung zum frischen Vorwärtsgehen. Das Glück war uns hold; außer acht Verwundeten hatten wir nur einen Todten zu beklagen, Füsilier H. der 11. Compagnie, einen braven furchtlosen Soldaten. Die tödtliche Kugel war in der Gegend des linken Schlüsselbeins in die Brust gedrungen und führte augenblicklichen Tod herbei. Und was hatte der Aermste, wohlverwahrt neben der geringen Baarschaft, auf der Brust? Einen „kugelfesten“ Schutzbrief.

Nie habe ich wieder einen solchen bei Leuten unseres Bataillons ermitteln können; aber allgemein beliebt waren kleine Bibelsprüche, und zwar, wie ich annehmen muß, nicht als Schutz, sondern aus wahrhaft religiösem Gefühl; denn es ist unumstößliche Thatsache, daß der furchtbare Ernst des Krieges einen tief religiösen Sinn in unsrer Armee entwickelte und selbst manch hart Gemüth zum Nachdenken veranlaßte.

Unsere Fahrt von der Mark bis zum Rhein war ein ununterbrochenes „Glück auf zum Kampfe! brave Brandenburger!“ Namentlich war der Empfang in Bonn, am 27. Juli vorigen Jahres gegen Abend, ein sehr herzlicher. Jung und Alt brachte sein Scherflein, die Krieger zu erquicken. Kurz vor Abgang des Zuges noch reichte man mir ein Päckchen mit dem Wunsche, den Inhalt zu vertheilen. Es waren Butterbrödchen, jedes sauber eingewickelt und mit einem Sinnspruch versehen. Der Meine lautete:

     „Der Herr segne Dich und behüte Dich.“
„Der Gerechte muß viel leiden; aber der Herr hilft ihm aus dem Allen. –
Er bewahrt ihm alle seine Gebeine, daß derer nicht eins zerbrochen wird.“

Gerührt verwahrte ich das Sprüchlein, – nicht als Amulet – nein, als Trost in schwerer Stunde und doch immer von dem Gedanken niedergedrückt, daß trotz Alledem recht vielen „Gerechten“ die Glieder „zerbrochen“ worden sind. Sollte der freundliche Geber sich noch seiner Gabe erinnern, meinen besten Dank und zugleich zur Nachricht, daß ich den Krieg von Anfang bis Ende mitgemacht und mich noch heute eines guten Wohlseins erfreue.


Kleiner Briefkasten.

N. N. in L. bei Schneidemühl. Sie haben das Schicksal des königlich würtembergischem Kriegsministers von Wiederhold sich zu romantisch ausgemalt. Erstens kann derselbe kein directer Nachkomme des Vertheidigers des Hohentwiel im dreißigjährigen Krieg sein, weil jener Konrad Wiederhold keine directen Nachkommen hatte; zweitens ist der Kriegsminister von 1866 durchaus nicht aus politisch-criminalistischen Gründen entlassen worden und hat auch nicht auf dem Hohenasperg „geschmachtet“, sondern in Eßlingen und zuletzt in Ludwigsburg von einer guten Pension ruhig gelebt. Hätte er übrigens das wirklich begangen, was Sie ihm in sehr fehlgehendem Patriotismus nachsagen; hätte er wirklich die würtembergische Armee im traurigen Jahr 1866 absichtlich total untauglich in den Feldzug geschickt, aus nationaler Gesinnung(!): so hätte er eine ganz andere Strafe, als blos den Hohenasperg, verdient. Aber, Gottlob, der Mann ist unschuldig an diesem von Ihnen fast mit Liebe gestreichelten Verbrechen.

H. in Königsberg. Nicht verwendbar; geben Sie uns Ihre Adresse an, damit wir Photographie und Text Ihnen wieder zustellen können.

D. H. in Tr. B. Ihr Geschenk wurde mit größter Freude angenommen; nur bedauerte man, Ihnen nicht persönlich danken zu können.



Verantwortlicher Redacteur Ernst Keil in Leipzig. – Verlag von Ernst Keil in Leipzig. – Druck von Alexander Wiede in Leipzig.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: muthig