Die Gartenlaube (1871)/Heft 37

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Autor: Verschiedene
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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum: 1871
Erscheinungsdatum: 1871
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[609]

No. 37.   1871.
Die Gartenlaube.

Illustrirtes Familienblatt. – Herausgeber Ernst Keil.

Wöchentlich bis 2 Bogen.    Vierteljährlich 15 Ngr. – In Heften à 5 Ngr.



Das Haideprinzeßchen.

Von E. Marlitt.
(Fortsetzung.)


„Dafür lassen Sie mich sorgen, Herr Doctor,“ versetzte Ilse resolut – sie war wieder vollkommen in ihrem Fahrwasser. „Ich kann getrost eine Woche vom Dierkhof fortbleiben, wenn mir auch der Heinz unterdessen ein paar Dummheiten macht. … Ich will schon Alles einrichten. … Und das Kind kommt auch nicht mit leeren Händen.“

Sie zog ein Papier aus ihrem Strickkorb und reichte es meinem Vater hin; es war das Testament meiner Großmutter.

Ich hob den Kopf von seiner Brust und brachte ihm die letzten Grüße der Heimgegangenen.

„Sie ist nicht im Wahnsinn gestorben, meine arme Mutter?“ fragte er.

„Nein,“ sagte Ilse. „Sie war so bei Verstande wie in ihren gesundesten Tragen und hat ihr Haus erst noch bestellt, ehe sie aus der Welt gegangen ist. … Lesen Sie das nur. Das Gericht war zwar nicht dabei, aber sie hat gemeint, Sie würden ihren letzten Willen auch so respectiren –“

„Das versteht sich von selbst.“

Er schlug das Papier auseinander und überflog die ersten Zeilen. „Das freut mich für Sie, liebe Ilse!“ sagte er. „Der Dierkhof gehört Ihnen von Rechtswegen.“

„Meinen Sie wirklich, Herr Doctor? … Je nun, wenn ich an Ihrer Stelle wäre, ich dächte nur: ‚Aha, da hat die Ilse nur bei der alten Frau ausgehalten, um sich den hübschen Hof zu erschleichen‘ –“

„Das fällt mir nicht ein –“

„Aber mir. … Ich nehme den Dierkhof nicht; der gehört mit Ihrer Erlaubniß der Kleinen. Sie muß eine Zuflucht haben, ein eigen Stückchen Erdboden, das ihr bleibt, wenn’s ihr in der Welt nicht gefällt. … Wenn ich auf dem Dierkhof bleiben kann und Sie leiden’s, daß ich ihn in Ordnung halten darf bis an mein Ende, so ist das vollauf genug. Ich hätte das Papier ja auf der Stelle zerrissen, als meine arme Frau die Augen zugethan hatte; aber ich durfte ja nicht, weil noch mehr darauf stand.“

Mein Vater las weiter. „Wie, es war doch noch Vermögen da?“ rief er auf das Höchste überrascht. „Sie haben mir stets geschrieben, meine Mutter lebte einzig und allein von ihrer Pension und dem geringen Ertrag des Dierkhofes.“

„Ist auch die reine Wahrheit gewesen, Herr Doctor. … Im Anfang sind noch ein paarmal Extragelder eingelaufen, aber ich verstehe ja von dergleichen Sachen so viel wie nichts und als die gnädige Frau aufgehört hat, ihre Briefe selbst zu schreiben, da ist auch nicht ein Groschen mehr eingegangen. Der Doctor hat mir’s erst auseinandergesetzt, daß man die kleinen bedruckten Papiere abschneiden und hingeben muß, und dafür bekommt man den Zins.“

„Haben Sie die Papiere mitgebracht?“

„Ja,“ sagte sie auf einmal sehr verlegen und zögernd. „Aber, Herr Doctor, das will ich Ihnen gleich sagen,“ setzte sie sofort resolut hinzu, „die dürfen nicht so auf die Art ausgegeben werden“ – sie winkte bedeutungsvoll mit dem Kopfe nach dem anstoßenden Saal – „wie die großen Geldpakete, die Ihnen die gnädige Frau immer von Hannover aus geschickt hat.“

Die tiefeingefallenen Wangen meines Vaters rötheten sich, und sein Blick hatte etwas so Unsicheres, als sei er auf einem Unrecht ertappt worden.

„Nein, nein!“ versicherte er lebhaft. „Machen Sie sich keine Sorge – das Geld gehört Lenoren“.

„Und Sie werden es ganz sicher aufheben? Und pünktlich jedes Vierteljahr –“

„Nein, Ilse, nur das nicht!“ unterbrach er sie ganz entsetzt. „Mit Geldsachen kann ich mich unmöglich befassen! Mein Beruf nimmt mich so ausschließlich in Anspruch –“

„Ach, darum grämen Sie sich nicht, da wird sich auch schon Rath finden, Herr Doctor!“ beschwichtigte sie ihn – es entging mir nicht, daß sie wie befreit aufathmete. „Aber wie ist’s denn nun? In der großen Stube da können wir doch wohl nicht bleiben? … Ich sehe keine Commode, keinen Schrank –“

„Ich werde Sie gleich hinunterführen in meine Wohnung – nur einen Augenblick Geduld, einen kleinen Augenblick! Ich will nur mein Manuscript einschließen.“

Er ging an seinen Tisch und kramte mit gedankenvoll gesenktem Kopf in den Papieren. Dabei strich er sich wiederholt über die Stirn, dann über den sehr dünnen, bereits ergrauten Kinnbart und ließ sich schließlich langsam in den Lehnstuhl niedersinken. Plötzlich ergriff er die Feder und fing an zu kritzeln.

Ilse war einstweilen in den Nebensaal eingetreten, und ich ging ihr nach. … Wie sich unsere zwei Gestalten inmitten des Antikencabinets ausgenommen haben mögen, kann ich mir jetzt recht gut denken, und mit welchen Augen ich die Kunstschätze, für [610] die ich selbstverständlich keinen Namen wußte, damals angesehen, weiß ich auch noch. Sie standen und lagen noch durcheinander und harrten der ordnenden Hand, das sah man. Aus Kisten, zwischen Heu und Stroh hervor, leuchtete Marmor; pompejanische Bronzen lagen auf den Tischen und antike Terracotten – halbzerbrochene Thonornamente mit Farbenspuren, die ich keines Blickes würdigte – auf dem Fußboden. Es war überhaupt des Zerbrochenen und Zerbröckelnden viel. – über eine geschlossene Kiste hingestreckt lag sogar eine weibliche Gestalt ohne Hände und Füße – was wußte ich von einem Torso!

„Sollte man denn meinen, daß es menschenmöglich ist!“ murmelte Ilse indignirt, fast grimmig. „In solchem zerbrochenen Kram steckt beinahe das halbe Jakobsohn’sche Vermögen!“

Das war auch mir unbegreiflich; aber ich blieb doch plötzlich gefesselt stehen, und unbewußt dämmerte die Ahnung von den Wundern und der überwältigenden Macht der Kunst in mir auf. An einen Baumstamm zurückgelehnt lag ein Knabe; den linken Arm gehoben um einen abgebrochenen Schößling des Stammes schlingend zeigten seine Glieder das weiche, ungezwungene Sichgehenlassen im beginnenden süßen Schlaf. Ich sah einen Augenblick unbeweglich in das schöne Gesicht; von den leichtgeöffneten Lippen säuselte der Athem, die halb zugesunkenen Lider bebten im Kampfe mit dem Schlummer, und in das frei schwebende, magere, aber muskulöse linke Händchen trat schwer das Blut und ließ die feinen Adern anschwellen unter der gelblichen Haut – darin pulsirte Leben, unheimliche Bewegung – ich fuhr zurück.

„Wirst Dich doch nicht fürchten, Kind!“ sagte Ilse. „Schauerlich genug ist’s freilich! … Aber nun sieh nur Einer Deinen Vater an! Ich glaube, er hat rein vergessen, daß wir da sind.“

In diesem Augenblick wurde drüben an die Thür geklopft; mein Vater hörte es nicht, er schrieb weiter. Auf ein abermaliges Klopfen rief Ilse kräftig „Herein!“ Genau so wie bei unserm Kommen fuhr er empor und starrte fassungslos auf den Lakai in reicher Livrée, der eingetreten war und sich dem Schreibtisch respectvoll näherte.

„Seine Hoheit der Herzog lassen herzlich grüßen und Herrn von Sassen auf heute Nachtmittag fünf Uhr zu einer Besprechung in das gelbe Zimmer bitten,“ sagte er mit einem tiefen Bückling.

„Ah so, so! – Stehe jederzeit zu Befehl!“ entgegnete mein Vater, indem er sich mit beiden Händen durch die Haare fuhr.

Der Diener glitt lautlos wieder hinaus.

„Wir sind auch noch da, Herr Doctor!“ rief Ilse von der Schwelle aus, als er Miene machte, sich wieder zu setzen.

Ich mußte innerlich auflachen; aber ich hatte auch das Gefühl, als löse sich ein Druck von meiner Brust – ich fing an, meinen Vater zu verstehen. Er hatte seine Mutter und mich nicht vergessen aus Herzenskälte und Härte – er lebte nur in einer andern Welt. Seiner Liebe war ich sicher, wenn nicht die Ferne zwischen uns trat, wenn ich bei ihm blieb. … Jetzt galt es vor Allem, die ängstliche Scheu zu überwinden und nicht mehr vor der eigenen Stimme zurückzubeben.

„Vater,“ sagte ich so beherzt, wie nur je mein Vorbild Ilse, und deutete auf das schlafende Kind, während er, in fast lächerlicher Verlegenheit die Hände reibend, unsicheren Schrittes auf uns zu kam, „gelt, Du lachst mich nicht aus? Ich meine, das Kind da müßte aufwachen oder sein Händchen von dem Ast nehmen, das Blut steht ja d’rin.“

„Ich Dich auslachen, mein kleines Lorchen, weil Du sofort meine Perle, mein Kleinod herausgefunden hast?“ rief er sichtlich erfreut. Er streichelte den gelblichen Marmor noch zärtlicher als vorhin meine Wange. „Ja, sieh Dir’s nur recht an, Kind! Es ist eine herrliche That, es nähert sich der Meisterschaft Gottes selbst! … Es existirt nur einmal in der Welt, nur hier, hier! … Welch ein Fund! … Gott mag wissen, wie der Krämer dazu gekommen ist! … In diesem Hause stecken unermeßliche Schätze, und wo habe ich sie gefunden, wo gerade dieses unschätzbare Stück erst vorgestern an’s Tageslicht gezogen? Drunten im Souterrain, aus dunklen Ecken und Verschlägen, wo sie mindestens vierzig Jahre in Kisten verpackt und vergessen gestanden haben – ein nie zu entschuldigender Raub an der Wissenschaft! … O, diese Krämerseelen!“

Das Alles klang freilich nicht, als spräche er zu mir, dem Kind der Haide, das einen blöden Blick in das Reich der Kunst und Wissenschaft warf; allein seine Redeweise war mir doch viel verständlicher als die des Fremdwörter-Professors am Hügel, und der unerwartete Fund im „Krämerhause“ erhielt plötzlich denselben Reiz für mich wie die Geheimnisse des Hünenbetts.

Ilse sah mich von der Seite an, als wollte sie sagen: „So, jetzt fängt die auch noch an;“ aber sie verschluckte jede Nebenbemerkung und schritt wie immer schnurstracks auf ihr Ziel los. Sie zeigte auf ihre dickbestaubten Schuhe.

„Das Leder brennt mir an den Füßen,“ sagte sie, „und wenn ich ein Glas frisches Wasser hätte, da wär’ ich froh, Herr Doctor.“

Er lächelte, verschloß seinen Schreibtisch und führte uns hinab in das Erdgeschoß. Wir sahen vorübergehend durch eine offene Thür in ein Zimmer; da stand ein hübsches Stubenmädchen in weißer Latzschürze und wischte die Möbel ab.

„Fräulein Fliedner hat zwei Zimmer aufschließen lassen für das gnädige Fräulein von Sassen,“ sagte sie ehrerbietig zu meinem Vater – ich lachte ihr in’s Gesicht, das gnädige Fräulein von Sassen war erst gestern Morgen noch beim Abschiednehmen barfuß durch die Haide gelaufen. – „Der Herr ist zwar nach Dorotheenthal gefahren,“ fuhr sie fort, „und Fräulein Fliedner weiß nicht, wie er es einzurichten wünscht, wenn er zurückkommt; aber sie erlaubt sich vorläufig wenigstens für das Allernöthigste zu sorgen. Ich habe auch noch zwei Bestecke auflegen müssen und gleich zwei Portionen Essen mehr aus dem Hôtel mitgebracht.“

Mein Vater dankte ihr und öffnete uns sein sehr elegantes Wohnzimmer.

Soll ich erzählen, wie sich nun sofort das Wunder des erwachenden weiblichen Instinctes an dem wilden und verwilderten Kind vollzog? Jenes Wunder, das urplötzlich tausend zarte Fühlfäden aus der Mädchenseele springen läßt, sobald zärtliche Pflichten an sie herantreten! … Meine oft so „gräulich ungeschickt“ gescholtenen Hände schälten Kartoffeln und legten sie, wenn auch noch scheu und zaghaft, bei Tische auf den Teller des Vaters; ich sprang auf und zog die Jalousie vor das Fenster, als ein Sonnenstrahl um die Ecke kam und belästigend über seine Stirn glitt, und als er nach einer Stunde wieder in seine geliebte Bibliothek ging, da rief ich ihm nach, er möge nicht vergessen, daß er um fünf Uhr zum Herzog gehen müsse, und fragte an, ob ich vielleicht hinaufkommen und ihn erinnern dürfe.

Er wandte sich strahlenden Auges in der Thür um.

„Ich danke Ihnen, Ilse,“ rief er herüber. „Sie haben mir mit meinem Kinde die glückliche Zeit wiedergebracht, wo ich meine kleine Frau um mich hatte! … Lorchen, punkt fünf Uhr kommst Du hinauf! Ich bin manchmal ein klein wenig zerstreut, und es ist fataler Weise schon öfter vorgekommen, daß ich die Einladung rein vergessen habe.“

Er ging hinaus.

„Die Sache macht sich,“ sagte Ilse sehr zufrieden und streifte die Aermel ihrer Jacke über die Ellenbogen.




11.

Neben den Wohnräumen meines Vaters lag das Zimmer, welches Fräulein Fliedner mir vorläufig angewiesen, und an dieses stieß ein Schlafcabinet; es bildete die südwestliche Ecke des Hauses und hatte zwei Fenster, an denen schwere, wenn auch etwas verblichene, gelbe Damastgardinen hingen. Es enthielt ein Bett mit gelbseidener Steppdecke und schwellenden, eben in frischduftendes Leinen gesteckten Polstern, einen eleganten, gelb drapirten Toilettentisch, und an der tiefen Wand stand ein schmaler, auf Schnörkelfüßen ruhender und mit farbigen Hölzern ausgelegter Schrank.

„Das Bett ist unnütz,“ sagte Ilse, indem sie mit kraftvollen Armen unser in Sackleinen genähtes riesiges Frachtstück über die Schwelle zog. „Betten haben wir selber, und was für welche!“ Sie räumte die feinen Polster aus der Bettstelle, wobei sie mit verächtlicher Miene die feinen Dunen auf ihren Händen wog. „Aber ist das nicht ein Ungeschick!“ rief sie plötzlich und übersah mit in die Seite gestemmten Armen das kleine Zimmer. „So wie das Bett steht, liegst Du zur Hälfte unter dem zugigen Fenster, und da an der schönen, geschützten Wand steht der einfältige Schrank. He, faß ein wenig an, Kind – der muß fort!“

[611] Wir schoben den Schrank auf die Seite. Ilse schlug die Hände über dem Kopfe zusammen. „Daß Gott erbarm, Seide an den Fenstern, und hinter den Schränken fingerdicke Spinnweben und ein Staub, daß man nicht durchsehen kann – das ist mir die rechte Wirtschaft!“

Ich mußte an die Kissen denken, die vierzig Jahre vergessen drunten im Dunkel gestanden hatten; so lange war wohl auch das nach allen Seiten hinflüchtende Spinnengeschlecht hinter dem Schranke nicht gestört worden. Außer den altersschwarzen Staubzotteln und den langbeinigen Ungeheuern kam aber auch noch eine kleine, kaum wahrnehmbare Tapetenthür zum Vorschein. Ilse öffnete sie ohne Weiteres; in einem sehr engen Raum lief eine kaum zwei Fuß breite, steile Treppe in das obere Stockwerk empor.

„Hat also seine Gründe, daß der Schrank dasteht,“ sagte Ilse, indem sie die Thür wieder schloß. „Er muß wieder an seinen Ort!“

Sie ging hinaus, um irgendwo Besen und Kehrichtschaufel zu suchen.

Leise öffnete ich die kleine Thür wieder. … Wer wohnte oben? Vielleicht die schöne Charlotte? … Stufe um Stufe stieg ich hinauf … plötzlich tauchte rechts, in gleicher Höhe mit meinen Augen, ein matter Lichtstreifen auf, eine Spalte zwischen der Schwelle und einer Thür, die mit der drunten correspondirte. Lautlos, wie ich meinte, öffnete ich dieselbe – o weh, es entstand ein abscheulicher Spectakel, ein starkes Knistern und Rieseln, und die Unglücksthür knarrte, als sei sie seit Jahrzehnten nicht eingeölt worden! Meine Hand fuhr vom Drücker nieder und im jähen Zusammenfahren wäre ich um ein Haar in die Treppe hineingefallen. Die Thür fiel langsam in das Zimmer zurück – es war Niemand drin – ein schwarzseidener Frauenmantel hatte zum Theil über der Thürfuge gehangen und das Rauschen verursacht.

Mir war, als flösse das Morgenroth, das erste, blasse, dem ich oft in der Haide entgegengejubelt, über die Wände – sie waren mit rosenrothen Gazefalten überzogen. Rosenbouquets lagen verstreut, wohin das Auge sah, auf dem weichen, graugrundigen Fußteppich, den kleinen, lehnenlosen, gestickten Stühlen und auf den niedergelassenen Rouleaux – da waren es freilich nur noch Rosengespenster, die Sonne hatte sie völlig ausgesogen. In der Nähe des einen Fensters stand ein Ankleidetisch voll Silbergeräth, außer ihm und den Stühlen waren keine Möbel da. …

Ich trat behutsam ein. … Puh, da war auch seit lange nicht gefegt worden! „Schöne Wirthschaft das!“ würde Ilse wieder gesagt haben. … Fühlte sich Charlotte wirklich wohl in der dicken, staubigen Luft? … Ein Flügel der Thür zu meiner Linken war zurückgeschlagen, und mein Blick fiel auf zwei nebeneinander stehende Betten unter einem dunkelvioletten Baldachin. Neben dem einen Bett stand auf einfachem Gestell eine Korbwanne voll kleiner Polster, über die ein grüner Schleier hingeworfen lag. … Seltsam, wer mochte hier wohnen? … Stille, tiefe, geisterhafte Stille herrschte in dem verdunkelten Zimmer, hier hingen nicht nur die Rouleaux, sondern auch die zugezogenen Gardinen vor den Fenstern, und Alles sah so unbenutzt aus. … Ah, nun wußte ich’s! Die Familie, die hier wohnte, war verreist! … Einen Augenblick schlug mir doch mein im Ganzen noch sehr ungeschultes Gewissen – meine kleine, naseweise Person gehörte nicht hierher. … Ach was! Es war wonnig, in dieses wildfremde Hauswesen voll niegesehener Pracht verstohlen zu gucken! … Ich war richtig bei Frau Holle, in ihrem Schlößchen voll Sammet und Seide und Gold und Silber. Staub genug gab es auszufegen und Betten zum Aufschütteln waren auch da. … Ich ging mutterseelenallein durch ihre Zimmer und Säle – mutterseelenallein! Aber ich fürchtete mich nicht, nicht im Geringsten! Und wenn sie nun wirklich im nächsten Zimmer saß, die Frau Holle in hoher Dormeuse mit langen Zähnen und wackelndem Kopfe – keck wäre ich auf sie zugeschritten und hätte ihr meinen Knix gemacht, dazu brauchte es doch wahrhaftig keinen übermäßigen Muth – nein, dazu nicht, aber – ich schrie plötzlich auf, daß es gellend von den Wänden zurückkam, und schlug die Hände vor das Gesicht. Ich hatte die Thüre aufgestoßen. Ich war nicht allein, aber auch Frau Holle saß nicht drin – ein kleines, schwarzes Wesen trat mir aus der gegenüberliegenden Thür entgegen.

Unter heftigem Herzklopfen erwartete ich das Näherkommen der Fremden; ich meinte, jetzt müsse sie mir die Hände vom Gesicht nehmen und mich zur Rede stellen; allein es blieb todtenstill, keine Sohle huschte über die Dielen, und die Thür drüben wurde auch nicht wieder zugemacht – mit einem entschlossenen Ruck machte ich der verzweifelten Situation ein Ende, ich sah auf. Die Schwarze stand noch immer drüben auf der Schwelle und ließ ein Paar brauner Hände langsam vom Gesicht niedersinken, dann warf sie ein wildes, dunkles Haargemenge in den Nacken zurück – ei, das that ich ja eben auch! … Jetzt lachte ich, lachte aus vollem Halse. Das Zimmer hatte lauter Spiegelwände; bis hinauf zur Decke lief das Glas – das mochte sich schon wundern über die seltsame Erscheinung, die es von allen Seiten zurückwarf! … Ich schüttelte meine Locken und lachte wie närrisch, und trat in den Saal, der sich vor mir aufthat.

Er durchmaß die ganze Tiefe des Hauses und hatte an der Süd- und Nordfront je drei ungeheure, dicht nebeneinander gestellte Glasthüren, die in’s Freie führten. Sie waren mit blauer Seide drapirt; die Farbe hatte sich nur nach der nördlichen Seite erhalten, nach Süden hin war sie zu einem schmutzigen Grauweiß erblichen. … Hier strömte es wie frischer Lebensathem von allen Wänden. Kleine, schwebende, bausbäckige Kinder hielten Medaillons in den Händen und lachten mich schelmisch an, und vom Plafond schütteten herrliche Frauengestalten einen ganzen Blumenregen nieder. Goldene Ornamente ragten in die Malereien hinein und umrahmten sie in vielgestaltigen Schnörkeln und Arabesken. Die Möbel waren von glänzendem Weiß, mit vergoldeten Rändern umsäumt, und über die Polster hin breitete sich blaue Seide.

Es war ein Prunksaal, aber er wurde offenbar benutzt wie ein gemüthliches Familienzimmer. In trauliche Gruppen zwanglos zusammengeschoben, füllten die Möbel alle vier Ecken, und in der mittleren Thür der Nordfront stand ein großer Schreibtisch. Er war bedeckt mit Porcellanfiguren und allerhand zierlichen Dingen, deren Gebrauch ich nicht kannte. … Ich sah auch ein silbernes Schreibzeug stehen, ein kunstvolles Blättergeflecht, auf welchem Tintenfaß und Streubüchse als Rosenkelche lagen – auf eines der breiten Blätter war ein Wappen mit darüber prangender Krone gravirt. … Und vor dem Schreibzeug lagen wappengeschmückte Briefbogen. Eine zarte, flüchtige Frauenhand hatte offenbar eine Feder probirt; unzählige Mal quer und gerade stand da: Sidonie, Prinzessin von K. – und dazwischen hin liefen die Namen Claudius und Lothar.

Ich fuhr zurück. Wie, sollten das wohl gar fürstliche Gemächer sein? … Eine Prinzessin saß an diesem Tisch und schrieb mit dem zierlichen goldenen Federhalter, der so nachlässig hingeworfen neben dem Briefbogen lag! … Ihre feinen Füße glitten über den glänzend polirten Fußboden, den jetzt meine groben Wollstrümpfe rieben, und aus den Glasthüren sah ein zartes, vornehmes Frauengesicht! … Eine ängstliche Scheu überkam mich – ich griff nicht mehr auf den Drücker der nächsten Thür, mit zaghaftem Finger bewegte ich den Schieber am Schlüsselloch und ließ einen scheuen Blick durch dasselbe huschen – draußen lief die schöngeschwungene Treppe empor, die ich heute in des jungen Herrn und Ilse’s Begleitung hinaufgestiegen war. … Ach, ich stand hinter einer der Thüren, welche die großen Siegel auf ihrer Fläche trugen! So sicher also hatte die Prinzessin bis zu ihrer Rückkehr die Wohnräume vor jedem Eindringling zu schützen gesucht – sie hatte sogar Siegel davor legen lassen. Und auch das hatte nicht einmal genügt; ich stand ja drin und ließ meine neugierigen Augen über Alles hinschweifen, was doch kein fremder Blick berühren sollte. Darüber aber machte ich mir nun erst recht keine Gewissensbisse – ich fand es im Gegentheil gar schauerlich süß, daß die Siegel auf den Thüren klebten, und daß kein lebendes Wesen, vielleicht eine naseweise Fliege ausgenommen, die durch irgend ein Schlüsselloch schlüpfte, hier umherhuschen konnte, nur ich, ich allein!

Und nun mußte ich auch einmal probiren, wie es wohl der schönen Prinzessin zu Muthe sei, wenn sie durch die Glasthüren hinaussähe. Ich schob eine der Draperien ein wenig zurück – wie ein kleines, trautes, in die Lüfte hineinragendes Cabinet ohne Dach und Decke schloß sich draußen der Balcon an die Thüren an – ich hatte ja noch nie einen Balcon gesehen – wie mußte es wonnig sein, hoch über der Erde so schnurstracks aus den heißen Zimmern in’s Freie treten zu können!

[612] Vielleicht sah man draußen auf dem Balcon durch irgend eine Baumlücke in das Land hinaus! Ich war leichtsinnig und keck genug, den Schlüssel umzudrehen und die Thür um Spannbreite zu öffnen; die schwüle Sommerluft drang herein und trug köstliche Düfte aus dem Blumengarten herüber – den Kopf konnte man wohl auch einen Augenblick hinausstecken – Himmel, da trat Ilse mit raschen, kräftigen Schritten aus dem gegenüberliegenden Gebüsch und schulterte einen langen Stielbesen! Ich schlug die Thür zu, rannte wie besessen durch die Zimmer, fuhr in meine Schuhe und schlüpfte die Treppe hinab. Ich hatte eben die Tapetenthür geschlossen und mich möglichst harmlos auf einen Stuhl geworfen, als Ilse eintrat.

„Hab’ doch gar bis nach vorn in den Hof laufen müssen um den Besen da!“ sagte sie. „Das Haus hier ist ja rein wie verzaubert – verschlossene Thüren, wo man hinguckt, und nirgends eine Menschenseele! … Und meine liebe Noth hab’ ich auch gehabt – wollte mir doch das Stubenmädchen den Besen nicht geben, aus lauter Ehrfurcht … das hat mich aber in den Harnisch gebracht! … Der infame Kirchenhut – ich möchte ihn am liebsten gar nicht wieder aufsetzen!“

Sie kehrte sorgsam jedes Staubwölkchen von der Thür, drehte den Schlüssel zweimal um und schob den Schrank an seine alte Stelle. Dann trennte sie das Sackleinen auf und thürmte die ungeheuren Federbetten in der reichverzierten Bettstelle übereinander. … Ei, wie unverschämt der roth- und weißgewürfelte Ueberzug neben dem gelben Seidendamast sich blähte, und wie schüchtern und winzig das verächtlich hingeworfene feine Leinenzeug zusammensank neben meinem Betttuch, an welchem ich in ziemlicher Entfernung die Fäden zählen konnte!

Aber Ilse übersah mit geschmeichelter Miene das Werk ihrer Hände – es war derb und haltbar, dagegen ließ sich nichts einwenden.

„Morgen früh gehen wir in das Vorderhaus“ sagte sie zu mir, indem sie eine frische, weiße Halskrause aus dem Koffer nahm und auf den Toilettentisch legte. „Nach dem, was Dein Vater heute sagte, scheinen es sehr vernünftige Leute zu sein.“

Ich besann mich vergeblich auf diesen Ausspruch; mein Vater hatte nur indignirt von den vernachlässigten Kisten gesprochen und die „vernünftigen Leute“ Krämerseelen genannt.

„Vielleicht kann ich mit dem Herrn selbst über Dich sprechen,“ warf sie hin.

„Um Gotteswillen nicht, Ilse!“ schrie ich auf. „Ich laufe auf der Stelle auf und davon, und Du siehst mich nie, nie wieder!“

Sie sah mich groß an. „’s ist wohl nicht richtig?“ fragte sie und legte den Zeigefinger bezeichnend an die Stirn.

„Denke was Du willst, aber ich leide es nicht, daß Du auch nur ein Wort mit dem jungen Herrn über mich sprichst –“

„Ei, wer denkt denn an den jungen Laffen? An das gedrechselte Mannsbild, das mit Reifen spielt? … Das hätte mir gefehlt! –“

Ich fühlte, wie mein Gesicht aufglühte – Entrüstung, Schmerz und Scham durchfuhren mein Inneres, wie schneidende Messer. … Nein, Ilse war doch auch manchmal zu rücksichtslos hart und grob!

„Ich meine den Herrn, der uns gestern im Hofe nachrief!“ fuhr sie unbeirrt fort.

„Ach, der,“ sagte ich; „mit dem sprich meinetwegen so viel Du willst – der ist alt, uralt!“

„So – das sind wirklich die Leute, die vor vier Wochen in der Haide waren?“

Ich nickte mit dem Kopfe.

„Und der Alte hat Dir die Unglücksthaler gegeben?“

„Ja, Ilse!“

Ich trat an das Fenster und sah hinaus. Ich war im Begriff, mich sehr lächerlich zu machen – die Thränen traten mir in die Augen. Ilse wußte freilich, daß ich auch weinte, wenn sie Heinz zu nahe trat, aber das war doch ganz etwas Anderes, den hatte ich lieb von Kindesbeinen an – was aber kümmerte mich der wildfremde junge Mann? Was in aller Welt ging es mich an, wenn ihn Ilse einen Laffen, ein gedrechseltes Mannsbild nannte? … Es war die reine Lächerlichkeit – und diese Verunglimpfung erzürnte mich trotzdem noch viel mehr und noch ganz anders, als wenn Ilse meinem guten, alten Heinz rauh den Text las.


12.

Als ich am anderen Morgen aufwachte, war mir sehr wunderlich zu Muthe. … Gestern hatten mich die neuen Eindrücke überrumpelt; ich war wie von einem Rausch befangen schlafen gegangen; nun war das helle, klare Morgenlicht da und der frisch ausgeschlafene Geist ernüchtert, und ich war wieder die scheue Eidechse, die sich vor den Menschenaugen in eine dunkle Höhle zu flüchten suchte.

Wie ein Tröster zwitscherte und sang auf einmal ein kleiner Vogel in meine niederschlagenden Erwägungen hinein. Er saß jedenfalls draußen auf dem Fenstersims, und ich meinte in schmerzlicher Freude, er käme aus der Haide, direct vom Ebereschenbaum an der Dierkhofwand her. … Die tiefe Morgenstille wurde zu meiner großen Ueberraschung aber auch noch auf andere Weise unterbrochen. Hinter der Wand, an welcher der Schrank stand, sang plötzlich eine tiefe, klangvolle Männerstimme in langgehaltenen Tönen den Vers eines Kirchenliedes. Zugleich wurde die Thür nach meinem Wohnzimmer aufgemacht; Ilse trat lauschend auf die Schwelle. Sie nickte mir schweigend guten Morgen zu und blieb mit gefalteten Händen stehen.

„Ein frommer Mann,“ sagte sie erbaut, als der Vers zu Ende war, und trat an mein Bett. „Da wohnen ja außer Deinem Vater doch noch Leute in dem Hause – und was für Leute! … Ist mir doch gestern das ganze Haus so heidnisch und verhext vorgekommen –“

Sie schwieg, denn die Stimme begann einen zweiten Vers – das liebliche Tiriliren draußen auf dem Sims war längst verstummt; die starke Menschenstimme hatte den kleinen, schüchternen Sänger verscheucht.

„So, nun stehe auf, Kind!“ sagte Ilse, nachdem sie auch dem zweiten Vers andächtig gelauscht hatte. „Die Nachbarschaft da drüben ist mir lieber, als wenn ich einen Schatz gefunden hätte. Das war eine schöne Morgenandacht! … Nun geht’s an’s Tagewerk!“

Damit zog sie die Rouleaux in die Höhe und ging hinaus.

Ich sprang aus dem Bett. Draußen sprühten und tanzten goldene Funken auf dem Wasserspiegel; die Bäume und Büsche troffen von farbenglitzerndem Thau, und über die Rasenflächen hin liefen Pfauen und Goldfasane.

Während ich mich ankleidete, sang die nachbarliche Stimme unermüdlich weiter.

„Je – kriegt denn der’s bezahlt?“ fuhr Ilse mit einer Falte des Unmuths zwischen den weißblonden Brauen ganz erstaunt herein, als nach dem sechsten Vers auch der siebente begann. „Unserm Herrgott muß ja Zeit und Weile lang werden bei dem Ansingen! … Dazu hat er doch wahrlich die schöne, kostbare Morgenzeit nicht gemacht!“

Sie war freilich schon thätig gewesen. Sie hatte sich eine Küche aufschließen lassen und, trotz aller Anbietungen des Stubenmädchens, das Frühstück selbst bereitet. Ilse konnte „absolut keinen fremden Kaffee trinken“. Die Stube war bereits gefegt, das Bett fortgeräumt, das sie sich auf dem Sopha zurechtgemacht, und auf dem Tisch stand schön geordnet ein von Fräulein Fliedner gesandtes Kaffeegeschirr.

Ich klopfte mit schüchternen Fingern an die Thür meines Vaters.

„Komm nur herein, kleines Lorchen!“ rief es drinnen. … Gott sei Dank, er wußte noch, daß ich da war, ich mußte mich nicht auf’s Neue vorstellen! Er zog mich an der Hand über die Schwelle, küßte mich auf die Stirn und entschuldigte sich, daß er uns gestern so allein gelassen, aber er habe bis nach elf Uhr beim Herzog bleiben müssen. Ilse theilte ihm mit, daß sie sich „nachher“ bei Fräulein Fliedner Raths erholen wolle, was nun mit mir zu beginnen sei, und damit war er vollkommen einverstanden. Fräulein Fliedner sei eine sehr würdige achtungswerthe Dame, es würde ihm lieb sein, wenn sie sich seines Töchterchens annehmen wolle; später werde er ihr selbst seinen Besuch machen und sie darum bitten. Heute aber könne er unmöglich, er stecke tief in dringenden Arbeiten und müsse mit jeder Minute geizen.

Er war bei Weitem nicht so zerstreut wie droben in der Bibliothek an seinem Schreibtisch, und wenn er mich auch ein paar Mal mit dem Namen meiner verstorbenen Mutter anredete und sich angelegentlichst erkundigte, wie alt ich sei – ich fühlte doch aus Allem heraus, daß er sich mit dem Gedanken, sein Kind

[613]
Die Gartenlaube (1871) b 613.jpg

Der Löwe im zoologischen Garten in Berlin.
Nach der Natur gezeichnet von H. Leutemann.

[614] bei sich zu haben, vollkommen vertraut gemacht hatte – das ermuthigte mich wieder. Er behielt fortwährend meine Hand in der seinen, und ich durfte ihn bis an die Treppe begleiten, denn er war gewohnt, seinen Kaffee im Bibliothekzimmer zu trinken.

In der Halle ging ein stattlicher alter Herr an uns vorüber. Er hatte schneeweißes Haar und ein schneeweißes Halstuch unter dem Kinn, und sein schwarzer Anzug glänzte wie Atlas in dem hereinfallenden Morgensonnenstrahl. Er zog zwar tief den Hut, aber mit sehr steifer gemessener Haltung, und seine hellblauen Augen glitten förmlich feindselig hochmüthig an der nachlässigen Erscheinung meines Vaters hin.

„Wer ist das?“ fragte ich leise, als er rasch, aber mit außerordentlich viel Würde draußen den Teich umschritt; bei seinem unvermutheten Erscheinen war es mir wie ein jäher Stich durch das Herz gefahren.

„Der alte Buchhalter der Firma Claudius,“ sagte mein Vater. „Er ist Dein Nachbar – hast Du ihn vorhin nicht singen hören?“ Ein sarkastisches Lächeln flog um seine feinen Lippen, während er einen Blick auf den eifrigen Morgensänger zurückwarf, der eben im gegenüberliegenden Gebüsch verschwand.

Zwei Stunden später ging ich denselben Weg an Ilse’s Seite, den Weg nach dem Vorderhaus. Ilse trug den Blechkasten mit den Werthpapieren meiner Großmutter unter ihrem schwarzen Umschlagtuch: sie hatte ihre Reisetoilette noch durch ein Paar dunkler baumwollener Handschuhe vervollständigt und sah ganz feierlich aus.

Heute war das Kiesrund leer, dafür herrschte desto regeres Leben im Blumengarten. Der Schubkarren kreischte im Sand der Wege, zwischen den Beeten wandelten Leute in der Arbeitsblouse Blume um Blume in Bouquets einfügend, und aus Rosenhecken hinter Spalieren tauchten Männerköpfe empor, die uns erstaunt nachsahen.

Als wir in die Nähe des großen Gewächshauses kamen, trat der alte Buchhalter aus der Thür. Er war ohne Hut; von dem ehrwürdigen blüthenweißen Scheitel ging ein förmliches Leuchten aus. Er sprach mit dem jungen Herrn, der, wie es schien zum Ausgehen gerüstet, neben ihm herschritt. Sie bemerkten uns nicht, obgleich wir, kurz nach ihnen, in den breiten Weg einbogen, der direct nach der Thür in der Hofmauer lief.

„Sie sind Brauseköpfe – Sie und Ihre Schwester; Ihr Flug geht hoch –“ sagte der alte Buchhalter.

„Verdenken Sie uns das?“

„Und das Nest, in dem Sie flügge geworden sind, paßt nicht mehr – ich weiß es längst!“ fuhr der silberhaarige Herr fort, ohne den Einwurf zu beantworten. Er hatte auch beim Sprechen eine tiefe angenehme Stimme, nur war seine Sprechweise so eigenthümlich breit und betonend, als halte er selbst jedes seiner Worte für goldschwer.

„Das will ich nicht gerade sagen,“ entgegnete der Andere achselzuckend, „aber es brauchte so Manches nicht zu sein, was Charlotte und mich demüthigt, was sich uns in der Gesellschaft, und hauptsächlich mir bei meiner Carrière wie ein Bleigewicht anhängt. … Wenn sich der Onkel nur einmal entschließen könnte, diese Krambude aufzugeben!“

Er holte mit seinem feinen Spazierstock weit aus und köpfte eine prachtvolle feuerfarbene Nelke, die in den Weg hereinnickte, mit einem so wuchtigen Hieb, daß der Kelch weithin über den Kies flog. … Ich stieß einen leisen Schrei aus und fuhr unwillkürlich mit beiden Händen nach dem Halse, als sei mir der grausame Hieb selbst durch das Genick gegangen.

Die Sprechenden fuhren herum. Mein erschrockenes Gesicht, noch mehr aber wohl meine Bewegung lockten ein spöttisches Lächeln auf das Gesicht des jungen Herrn.

„Ah, Haideprinzeßchen kann auch sentimental sein?“ rief er und nahm den Hut verbindlich grüßend von seinen kastanienbraunen Locken. „Nun bin ich sicher ein Vandale, ein Barbar, und Gott weiß, was Alles, und bin verurtheilt für ewige Zeiten,“ fuhr er mit einem lächelnden Seitenblick auf mich fort. „Es bleibt mir nichts Anderes übrig, als die Blume sofort wieder zu Ehren zu bringen.“

Er hob die Nelke auf und steckte sie in sein Knopfloch.

„Das macht das arme Ding auch nicht wieder ganz und heil,“ sagte Ilse trocken im Vorübergehen.

Er lachte auf.

„Heißen Sie nicht Ilse?“ fragte er schelmisch.

„Aufzuwarten, ja – Ilse Wichel, wenn’s erlaubt ist,“ entgegnete sie, sich nach ihm umdrehend – das klang scharf, als habe sie Pfeffer und Salz auf der Zunge, wie aber würde ihre Antwort erst ausgefallen sein, hätte sie gewußt, daß er in der Haide an den Namen Ilse das Bild eines – Drachen geknüpft hatte!

Wo sie übrigens den Muth hernahm, so selbstständig fest und gleichmüthig in die braunen Augen zu sehen, als gehörten sie zu dem ersten besten Besenbinderjungen, den sie mit irgend einer Vermahnung und einem Stück Brod vom Dierkhof fortschickte, das war mir ganz unfaßlich. Ja, Ilse war tapfer wie ein Soldat, mit der konnte sich Keine messen, Keine in der ganzen Welt, ich aber am allerwenigsten, denn mein Hasenherz schlug so heftig, daß ich meinte, der Herr Buchhalter sähe es und betrachte mich deshalb so scharf von Kopf bis zu Füßen.

Ich glaube, der junge Mann wollte seinem Begleiter sagen, wer ich sei; allein Ilse hielt nicht Stand; sie nickte mit dem Kopfe und wandte sich um, und ich machte selbstverständlich die Schwenkung mit.

Die Herren gingen langsam hinter uns her. „Ein Wagen kommt draußen um die Ecke!“ sagte der junge Herr plötzlich stehenbleibend. „Ja, ja, es sind die Rappen! Onkel Erich kommt von Dorotheenthal zurück!“

Sie beschleunigten ihre Schritte und traten noch vor uns in den Hof, wo eben durch das Thor der hübsche hellausgeschlagene Wagen hereinbrauste. Der alte Herr mit dem braunen Hut und der blauen Brille saß drin. Er sah gerade so aus, wie in der Haide, nur sprang er mit weit mehr Leichtigkeit über den Tritt herab, als ich nach seinen sonst so gemessenen, jedenfalls vom Alter bedingten Bewegungen vermutet hätte.

„Guten Morgen, lieber Onkel!“ sagte der junge Mann, und „Bist Du da, Onkel Erich?“ rief Charlottens Stimme aus einem Fenster herab.

Der alte Herr winkte grüßend hinauf und reichte seinem Neffen und dem Buchhalter die Hand. Wir gingen eben vorüber, wurden aber nicht beachtet; denn mit dem Wagen zugleich war auch ein stattlicher, kräftiger Mensch mit einem Felleisen auf dem Rücken in den Hof getreten und hielt in diesem Augenblick seinen abgezogenen Hut bittend hin.

Ich sah, wie der junge Herr sofort seine Börse zog und ein großes Silberstück in den Hut werfen wollte; allein der Onkel schob die freigebige Hand zurück.

„Was für ein Handwerk?“ fragte er den Bittenden.

„Bin ein Schreiner –“

„Habt Ihr hier in der Stadt Arbeit gesucht?“

„Ja wohl, gnädiger Herr, und wie! Hab’ aber keine gefunden, partout nicht, und wär’ mir doch jede recht, weiß es Gott! – Ich hab’ das Wandern dicksatt!“

„So, so – dann kommt einstweilen zu mir, ich habe Arbeit für Euch“ – er zeigte auf die Kistenstöße ringsum – „und bezahle gut.“

Der Mensch kraute sich verlegen in seinem wirren Haar.

„Nun ja, ist mir recht, Herr – will aber erst noch einmal in die Herberge gehen“ – sagte er stockend.

„So geht!“ sagte kurz der alte Herr und wandte sich weg.

„Tausend noch einmal, der hat Haare auf den Zähnen!“ meinte Ilse bewundernd, während wir die Stufen in der Hausflur hinaufstiegen; ich aber war empört. Der Bettler sah erbärmlich zerlumpt und zerrissen aus, und wie rauh und kurz war er angelassen worden! War es nicht an sich schon schrecklich, bitten zu müssen – mir hätte das Herz weh gethan, als der stattliche Mann so demüthig gebückt vor dem stolzen Reichen stehen mußte! … Da war der junge Herr doch viel barmherziger und edler gewesen; ohne zu fragen, hatte er sein Almosen hingereicht. … Wenn der Schreiner nicht wiederkam, so verdachte ich ihm das nicht einen Augenblick – wer mochte sich denn von den häßlichen, blauen Brillengläsern anfunkeln lassen?

(Fortsetzung folgt.)



[615]
Der schönste der Wüstenkönige.
Mit Abbildung.

„Da müssen Sie nach Berlin kommen! Wenn Sie das in Berlin noch nicht gesehen haben, haben Sie noch gar nichts gesehen!“ Solche und ähnliche höchst selbstbewußte Reden haben schon Tausende Nichtberliner von abermals Tausenden echter Kinder der jetzigen Kaiserstadt hören müssen, müssen es noch hören und werden es noch oft hören. So ziemlich Alles, was sehenswerth scheint, ist nach dieser immerhin höchst patriotischen Auffassung eben nur in Berlin der Mühe werth gesehen zu werden, doch – das ist ja Alles weltbekannt.

Aber nicht weltbekannt ist es, daß bis vor einigen Jahren wohl kein einziger Berliner sich in obiger Weise über den dort doch längst bestehenden zoologischen Garten aussprach. Und doch wird ein zoologischer Garten überall, wo er besteht, zu den ersten Sehenswürdigkeiten des Ortes gerechnet. Wie kam das? Das kam daher, daß in längerer Vergangenheit, vor zwanzig und mehr Jahren, außer in Berlin im übrigen Deutschland kein zoologischer Garten bestand, denn die Menagerie in Schönbrunn konnte man füglich nicht so nennen. Es fehlte also damals an Anknüpfungspunkten zu Vergleichen, ohnedies wurde damals lange nicht so viel wie jetzt gereist, jetzt, wo man geradezu vor Scham in den Boden sinken möchte, wenn man auf die Frage, wo man dieses Jahr hinreisen wird oder gewesen ist, nicht mit einer wenigstens hundert Meilen weiten Reise dienen kann. Es fehlte also an Veranlassung, das Gespräch auf den zoologischen Garten in Berlin zu bringen. Als nun aber plötzlich die Zoologie den Deutschen in die Glieder fuhr und in rascher Reihenfolge, es wird dies seit ungefähr vierzehn bis fünfzehn Jahren sein, die zoologischen Gärten von Frankfurt am Main, Dresden, Köln, München, Hamburg, Wien, Hannover, Breslau und auch beinahe Leipzig entstanden, da gab es zwar eine üppige Veranlassung zum Vergleichen dieser neuentstandenen Gärten mit ihrem alten Bruder in Berlin, aber sonderbar – die sonst doch höchst unverfrorenen Berliner machten gar keinen Gebrauch davon. Freilich – Recht hatten sie damit, denn allerdings war jeder der neuentstandenen Gärten sofort nach seiner Eröffnung eine hohe Beschämung für das gleichartige Berliner Institut, und dies steigerte sich in dem Grade, als alle die neuen Gärten sich mehr und mehr entwickelten.

In einem der früheren Jahrgänge der Gartenlaube habe ich einmal einige bildliche Darstellungen aus dem zoologischen Garten bei Berlin gebracht, bei welcher Gelegenheit ich auch meine ersten schriftstellerischen Sünden beging. Es war dies, wenn ich nicht ganz irre, noch zu jener Zeit, wo eben der Berliner Garten in Deutschland der einzige, also unbedingt der beste war, und ich bin daher gewiß zu entschuldigen, wenn meine schüchterne Feder ihm das ungetheilteste Lob widmete. Alles war wunderschön und gefiel, womit ich mich tröste, auch Anderen, denn, wie gesagt, es war einzig in seiner Art. Die langen Wege von einem Thierbehälter zum andern, die fast überall dichte Bewaldung des Gartens, die, wenn auch nicht an kölnischem Wasser gelegene, immerhin aber sehr idyllische Restauration, kurz Alles, und natürlich auch die Thiere, fanden ungetheilten Beifall. Diese Stimmung kam mir nun leider gründlich abhanden, als ich die inzwischen gewachsenen neuen Gärten besuchte. Da war es allerdings bequemer, wenn man nicht fortwährend in Besorgniß wegen des Verirrens sein mußte, sondern von dem einen Thierbehälter schon den nächsten sehen konnte; auch der Sonnenschein, der im Berliner Garten zuletzt fast mit der Laterne gesucht werden mußte[1], that als ein längst vermißter um so wohler, und nun gar die hellen freundlichen Restaurationen, welcher Abstand! Das Sonderbarste war aber, daß es ordentlich schien, als wenn die neuen Gärten auch eine Menge neuer Thiere entdeckt hätten, oder doch die Möglichkeit, diese Thiere nach Deutschland zu bringen. Das Berliner Institut hatte sich in bewußter Selbstgenügsamkeit mit dem Erwerben neuer, noch nicht dagewesener Thiere so gut wie gar nicht abgegeben, und so bildete dort Jahr aus, Jahr ein eine gewisse Anzahl gleichsam unsterblicher Thiere einen ehrwürdigen Grundstock, dessen Glieder einen etwaigen, fast aus Irrthum hergerathenen neuen Ankömmling zürnend zu fragen schienen, wie er es wagen könnte, die Stille ihrer Beschaulichkeit zu stören. Solchen Ankömmlingen verging auch gewöhnlich bald das Lebenbleiben. Als einmal ein wirklich seltenes Thier, ein Beutelwolf, im Garten war, hörte ich von einflußreicher Stelle die Worte: „So ein Thier ist nichts für’s Publicum, das muß todt sein und gehört in’s Museum.“ Und siehe, der Beutelwolf war allerdings so aufmerksam, sich baldigst danach zu richten, es verging eine kaum nennenswerthe Zeit, da war er auch schon todt.

In den andern Gärten hingegen war es ein Hauptbestreben, neue, schöne und seltene Thiere anzuschaffen, und es ist in dieser Beziehung ein Wetteifer entstanden, der dem Thierfreund nur willkommen sein kann und bereits Erstaunliches leistet.

Um nun endlich die vom Leser wohl schon längst geahnte Schwenkung zu Gunsten des jetzigen Berliner zoologischen Gartens einzuleiten, sei blos noch erwähnt, daß, wie das selbstverständlich, bei der Gründung eines jeden neuen Thiergartens die betreffenden Baumeister etc. erst die meisten anderen Gärten bereisten, um sich dort über das dort zweckmäßig oder unzweckmäßig Befundene zu unterrichten. Deshalb sagte einst ein Beamter des Berliner Gartens mit komisch wichtiger Miene zu mir: „Ja, zu uns kommen sie nur, um zu sehen, wie sie’s nicht machen sollen!“ Und dieses gewiß unbestreitbare Verdienst ist denn, als man sich in den Berliner Palästen und Hütten desselben immer mehr bewußt wurde, die Asche geworden, aus welcher der Phönix des neuen Gartens jetzt glänzend emporsteigt und im Begriff ist, das schon so schöne Berlin durch eins der herrlichsten Institute seiner Art noch glänzender zu schmücken.

Wie diese Aenderung endlich, nach manchen mißglückten Anläufen, gekommen ist, warum überhaupt der früher wahrhaft klägliche Zustand so lange dauern konnte, das kann nicht meine Aufgabe sein, zu erörtern. Nur Wenige dürften in dieser Beziehung Alles wissen, ich bin Keiner davon, und es ist ja natürlich auch nicht Alles mittheilbar. Jedenfalls wird in der Gartenlaube später ein längst beabsichtigter Artikel über diese jetzt eben noch im Werden begriffene Neugestaltung erscheinen, dem ich nicht vorzugreifen habe. Das aber kann schon an dieser Stelle gesagt sein, daß die Seele dieser ganzen Neugestaltung der neue Director Dr. Bodinus ist, welchen man zu diesem Zweck vom Kölner zoologischen Garten, dem er bisher vorstand, nach Berlin berufen hat, und welcher dieses Werk mit der Energie, der Umsicht, dem Geschmack in Angriff genommen, wie sie allerdings unbedingt nöthig waren, wenn endlich der neue Thiergarten den Rang einnehmen sollte, zu dem er einfach verpflichtet ist.

Wer früher in der Zeit des Siechthums den Garten besucht hat, und ihn jetzt betritt, kennt ihn schlechterdings nicht mehr und muß erst ganz von Neuem lernen, sich zurecht zu finden. Den Thierfreund aber fesseln vor Allem die neuen Thierhäuser, welche, so weit sie fertig sind, so schön, geräumig, und für Thier und Beschauer so bequem sich darstellen, daß ihr Anblick allein ein Genuß ist.

Mit richtigem Blick hat der Neugestalter des Gartens nach den ersten unumgänglichen Bauten, wozu, wie der Mensch einmal ist, natürlich eine Restauration gehört, bald sein nächstes Augenmerk auf die Erbauung eines großen Raubthierhauses gerichtet; dasselbe ist im Sommer dieses Jahres fertig geworden, bereits vollständig mit Thieren besetzt, und es ist eine wahre Wonne, in das Innere dieses gewaltigen Baues einzutreten und sich dem Eindruck hinzugeben, den die geräumige Halle, wie sie jetzt ist, macht. Und nun endlich zu den Löwen! Denn außer Tigern, Leoparden, Puma, Hyänen und allen andern hierher gehörigen Bestien zieren das Raubthierhaus vier junge, aber jetzt wohl fast erwachsene Löwen in einem Käfig, in einem andern eine Löwin mit zwei dort geborenen Jungen, die sich prächtig entwickeln, und in einem dritten Behälter der Vater der letzteren, ein südafrikanischer schwarzmähniger Löwe, ungefähr acht Jahr alt, ein wahres Bild von Kraft und Wildheit.

Wenn man schon viel Löwen gesehen und zugleich als Künstler studirt hat, so legt man unwillkürlich einen immer strengern Maßstab bei der Beurtheilung solcher Thiere an, und man bleibt vielleicht bei dem Anblick eines Löwen ziemlich ruhig, vor dem ein Dichter schon Verse macht. Beim Anblick dieses Löwen aber ging es mir umgekehrt. So lächerlich dies klingen mag, und [616] auf die Gefahr hin, es zu werden, gestehe ich offen, daß ich das Gefühl, welches ich bei dem Anblick dieses herrlichen Thieres empfunden, nicht anders als mit „Andacht“ bezeichnen kann, ungefähr dieselbe Andacht, mit welcher man eine schöne menschliche Gestalt betrachtet, und ich möchte glauben, daß ich damit nicht allein stehe. Wie alles Wortgeklingel unnütz ist, wo es sich darum handelt, eine plastische Schönheit zur überzeugenden Anschauung zu bringen, so unterlasse auch ich es, das Thier zu schildern, da ohnedies das Bild diesen Versuch einigermaßen macht. Einigermaßen, denn man muß verzweifeln, den Ausdruck solcher Kraft und Wildheit, solcher Verachtung alles Andern vollständig wiederzugeben. Hierbei möge es übrigens erlaubt sein, auf einen Zwiespalt hinzuweisen zwischen der künstlerisch anerzogenen Auffassung und dem natürlichen Gefühl, der doch eigentlich nicht bestehen sollte. Nicht leicht wird nämlich ein Künstler einen Löwen dieser Race freiwillig zur Darstellung auf einem Bilde wählen, wo es sich um eine auszusprechende Bewegung des Thieres handelt, denn die über und hinter die ganze Schulter gewachsene Mähne hindert ein bildliches Aussprechen einer Bewegung so außerordentlich, daß die Gefahr einer unschönen Darstellung, vor Allem einer unverständlichen, kaum zu bewältigen ist, mit andern Worten: vom streng künstlerischen Standpunkt ist diese Löwenrace nicht so schön, wie die nördlichere. Und doch, wie straft diese lebende Erscheinung diesen Satz Lügen! Gerade die ungeheure Fülle der Mähne trägt so sehr dazu bei, den Eindruck der gewaltigen Kraft zu vervollständigen, sie hindert uns so wenig, die Bewegung des Thieres zu verstehen, daß man schlechterdings nicht daran denkt, diesen herrlichen Schmuck sich verringert zu wünschen.

Unser Löwe ist ein Geschenk vom Geheimen Commerzienrath F. W. Krause in Berlin, der ihn im vorigen Herbst durch den Director Bodinus in Hamburg, jedenfalls vom Thierhändler Hagenbeck, kaufen ließ. Es ist dies ein erfreulicher Beweis, wie die schöne Neugestaltung des Gartens bereits auch nach der Seite, welche für solche Institute immer eine höchst erwünschte sein muß, die schönsten Früchte trägt. Wen Jemand einen Fuchs schenkt, den er sonst wahrscheinlich todtgeschlagen hätte, so hat kein Mensch auf der Erde das Recht, den Geber dafür zu bestrafen, aber gefährlich bleiben solche Gaben doch, und wenn vollends bei einem solchen Geschenk, wie das doch erwartet wird, der Name des edlen Mannes zu lesen ist, so wird die Gefahr, daß alle Männer von gleicher Seelengröße sich zu ähnlichen Geschenken veranlaßt sehen, um ihre Namen dann als eine Säule des Gartens lesen zu können, immer bedenklicher, denn das zuletzt unvermeidliche Zurückweisen solcher Seltenheiten ist ja natürlich eine tödtliche Beleidigung.

Wohl aber liest man bei unserm Löwen den Namen des Schenkgebers mit ungetheilter Anerkennung, und ich bin gewiß nicht der Einzige, der im Stillen demselben seinen Dank gewidmet hat für die Großherzigkeit, ein solches Geschenk und so zur rechten Zeit dem Garten zu widmen.

Noch muß zum Lobe dieses Löwen erwähnt werden, daß er auch gut brüllt, und das gehört in der That zu den Vollkommenheiten eines solchen Thieres. Für die wandernde Menagerie ist gerade diese Eigenschaft, wie ich schon früher erwähnte, als Lockmittel von großem praktischen Werth, aber auch in einem zoologischen Garten will man seinen Löwen brüllen hören, denn der Ruhm seiner Stimme wird Einem ja schon in den ersten Schuljahren eingetrichtert.

Es ist nur ein Herabsteigen in der Stimmung, wenn man nach der Betrachtung eines schönen Löwen noch von anderen Thieren sprechen will. Aber hinweisen möchte man wenigstens noch auf die bereits überraschende Fülle schöner und besonders auch seltener Thiere, welche sich schon jetzt, wo viele Bauten noch nicht angefangen, andere noch nicht vollendet sind, dem Beschauer darbieten. Aber es würde zu weit führen, den Garten, wie er jetzt ist, schildern zu wollen, denn zunächst war dies nicht der Zweck dieser Zeilen, und es ist auch kaum gerathen, da eben das Ganze noch im Werden ist und deshalb von einem vollständigen Eindruck noch nicht die Rede sein kann. Daß es aber schon jetzt sehr dankbar, sehr der Mühe werth ist, den Berliner zoologischen Garten zu besuchen, trotz des oft ameisenartigen Gewimmels der noch beschäftigten Arbeiter, das beweist der immer sich steigernde Besuch desselben, so daß auch in finanzieller Beziehung die besten Erwartungen gerechtfertigt sind und für die Actionäre kein zweites Rumänien zu fürchten ist.

L.


Waldsachen-Fabrication.

Südwestlich von dem Badeflecken Warmbrunn und seinen berühmten Schwefelquellen, doch fast zusammenhängend damit, liegt, wahrhaft entzückend umgeben, hart am Fuße des hochromantischen, sagenumklungenen Kynast das ausgedehnte Dorf Hermsdorf, seit Jahren die besuchteste aller der Sommerfrischstätten der schlesisch-böhmischen Berge und der Verwaltungssitz der manches souveräne Fürstenthum an Umfang und Einkünften übertreffenden reichsgräflich Schaffgotsch’schen Standesherrschaft. Dieses von mehr als zweitausend Menschen bewohnte Dorf so ziemlich in seiner ganzen Länge durchschreitend, immer an netten, zwischen Gärten und Bäumen versteckten Häusern dahin, von denen selten eines seiner Sommergäste entbehrt, gelangen wir bald in eine sich dem Hochgebirge entgegenziehende malerische Schlucht. Links braust über massige Felsblöcke ein helles Bergwasser herab, um sich tiefer unten, bei Warmbrunn, mit dem wilden Zacken zu vereinigen; darüber baut sich an schroffer Höhe prächtiger Schwarzwald empor; im Grunde und auf den von saftigen Matten bedeckten, ungemein lieblichen und schöngeformten Vorhügeln drängt sich Haus an Haus, Glasschleifereien, Holzstampfen, Brettmühlen, saubere Gasthöfe mit lauschigen Lauben und Sommergalerien, und vor uns blaut der erhabene Zug des Riesenkammes, an dessen Hange wir deutlich die lichten Stellen unterscheiden, welche die sogenannten – jetzt, im Spätsommer, freilich ihres kühlen Inhalts entleerten – Schneegruben bezeichnen.

Kaum merken wir, daß wir fortwährend aufwärts wandern, kaum, daß wir bereits an den ersten grauen Holzhäusern eines andern Dorfes vorüberwandern, denn die Linie der Gebäude ist nur einmal, und blos auf wenige Minuten, unterbrochen worden. Dies neue Dorf – Agnetendorf heißt es – noch gebirgshafter als das erstgenannte, ist allen Sudetentouristen wohl bekannt; von ihm aus geht es links über die große Schneegrube und Grubenbaude auf den hohen Kamm und zur Schneekoppe hinauf oder rechts zu den erst seit vorigem Jahre prakticabel und „wirthlich“ gemachten, das heißt mit Restauration und Logirhause ausgestatteten, vielgepriesenen Aussichtspunkte, der Bismarckhöhe, deren Berg- und Thalpanorama dem altrenommirten Kynaste die Palme abzuringen beginnt. Wir schlagen den bequem hergestellten Pfad zu dieser jüngsten Glorie des Warmbrunn-Hermsdorfer Thales ein, indeß blos auf ein paar Secunden, denn unser Ziel ist erreicht.

Auf einem zu parkähnlichen Gartenanlagen umgewandelten Bergvorsprunge am linken Ufer des munteren Gewässers, dessen Lauf wir quellwärts gefolgt sind, erblicken wir dicht an der Straße ein elegantes Gebäude in veredeltem Schweizerstile, wie es für die alpenähnliche Scenerie ringsum nicht harmonischer hätte ersonnen werden können. Gebührend angemeldet empfing uns der Herr des schmucken Anwesens schon an den Gitterpforte seines kleinen Eldorado. Es ist ein Mann in mittleren Jahren, Ton und Redeform seines Grußes bekunden untrüglich den Schlesier, der nicht mit Unrecht die Gemüthlichkeit als besondere Charaktereigenthümlichkeit für sich in Anspruch nimmt.

„Wie sind Sie zu beneiden!“ rief ich unwillkürlich aus, als ich einen Blick in die herrliche, rechts vom Hochgebirge begrenzte Waldlandschaft warf, von der das zierliche Haus umrahmt wird.

„Das haben mir schon Viele gesagt, die mich und mein Etablissement besucht,“ erwiderte unser freundlicher Wirth, Herr Gustav Herzig, der Gründer und Chef einer Holz- und Waldwaarenfabrik, welche ihre mannigfaltigen Erzeugnisse, Tausende von Artikeln der verschiedensten Art, bis nach Australien und Ostindien, nach Rußland und Spanien versendet, „und ein guter Theil der Hermsdorfer Sommerfrischler beschaut sich den bunten Kram, den ich hier oben am Fuße der Schneekoppe tischlern und drechseln, schneiden, meißeln, kleben und malen lasse – aber Keiner von ihnen Allen macht sich wohl einen Begriff, mit welchen Nöthen und Schwierigkeiten ich zu kämpfen gehabt habe, bis ich mir das [617] Grundstück erwerben, das Haus hier bauen und den Garten schaffen konnte, deretwegen mich wohl schon mancher Wanderer, der dort die Straße in’s Hochgebirge hinaufgezogen ist, im Stillen als einen Liebling der Götter gepriesen haben mag. Dem Himmel sei Dank! das Schwerste liegt jetzt hinter mir, die geschäftslosen Zeiten von 1866 und des letzten Sommers sind glücklich überwunden, die Aufträge gehen nun zahlreicher ein, als ich selbst es hoffen konnte, – eine Noth aber bereitet mir noch immer viele Mühe und Sorge: ich kann nicht Arbeiter genug erlangen, denn die Bevölkerung unserer Gebirgsdörfer ist nur sehr schwer zur Fabrikbeschäftigung zu vermögen.“

„Wie!“ versetzte ich erstaunt, „und doch sehen die Leute, denen man hier herum begegnet, Groß und Klein, so ärmlich aus? Auch ihre Holzhütten zeugen nicht eben von absonderlichem Wohlstand.“

„Glauben Sie ja nicht, daß die Menschen in unseren Bergen äußerlich übel daran sind,“ belehrte Herr Herzig mich und meinen Gefährten. „Im Gegentheil, es ergeht ihnen im Allgemeinen weit besser, als den Landleuten draußen in der Ebene; wirkliche Arme, welche auf die öffentliche Mildthätigkeit angewiesen sind, haben wir so gut wie gar nicht. Unser Wald ist ein unschätzbarer Nährvater, der keinen seiner Anwohner verkümmern läßt. Jedermann lebt bei uns mehr oder weniger vom Holze und – vom Holzdiebstahle, und in fast allen den Häusern, an denen Sie vorübergekommen sind, blüht eine größere oder kleinere Holzindustrie. Die Leute verschnitzeln und verdrechseln das dergestalt billig erworbene Material auf eigene Faust und hausiren mit den Producten ihrer Kunst für eigene Rechnung im Lande umher. Warum sollen sie sich mithin in fremde Dienstbarkeit begeben? Unsere Wälder halten für ihre Industrie noch lange genug vor und verbürgen auch den nächsten Geschlechtern noch des Leibes Nahrung und Nothdurft. Für mich wird dieser Zustand der Dinge jedoch zum bösen Stein des Anstoßes. Einmal mindert er mir die Arbeitskräfte, und sodann schafft er mir beinahe in jedem Hause einen Concurrenten, welcher, begreiflicher Weise, mein größeres Etablissement mit scheelen Augen ansieht, meine feineren und besseren Waaren ungeschickt und plump nachahmt und damit den Artikel selbst discreditirt. Aber betrachten Sie sich jetzt zunächst, was ich fabricire, ehe ich Sie in die einzelnen Werkstätten geleite, wo dies geschieht,“ setzte er hinzu, indem er die Thür öffnete, die aus dem Comptoir in das Musterlager führte. „Erst nachdem Sie einen Einblick gethan haben in das Durcheinander meiner schier zahllosen Waarengattungen, werden Sie an den Herstellungsweisen derselben, welche übrigens durchgängig sehr einfacher Natur sind, genügendes Interesse nehmen. Wie Sie bemerken, sind es lediglich Kleinigkeiten, in denen ich mich bewege; allein schließlich setzen diese Kleinigkeiten doch ein ziemlich großes Ganze zusammen. Dabei berücksichtigen Sie wohl, daß ich fortwährend darauf bedacht sein muß, Neues in die Welt zu bringen, sowohl ganz neue Gegenstände und Gruppen, als namentlich neue Formen und Figuren schon bekannter und beliebter Artikel, und selbstverständlich ist dies beständige Spintisiren und Erfinden nicht die leichteste Seite meiner Geschäftsthätigkeit.“

Fürwahr, ein Durcheinander war es, was das uns aufgethane Zimmer beherbergte, wenn bei der scrupulösen Ordnung, mit welcher die hunderterlei Sachen und Sächelchen auf Tischen und Regalen ausgebreitet und aufgeschichtet lagen und von den Wänden herabhingen, jene Bezeichnung am Platze ist. Fangen wir aber bei ihrer Aufzählung, wie sich gebührt, mit dem Nützlichen an, so fällt uns sofort die Menge von Küchengeräthen, Wirthschaftsapparaten, Haushaltungsbehältern, viele davon uns noch völlig fremde Erscheinungen, in’s Auge! Von dem simplen Bratenstabe und der beweglichen oder unbeweglichen Bratenleiter bis zu dem feinpolirten eleganten Gewürzspinde, welche unendliche Mannigfaltigkeit von Utensilien und Gestalten! Dort die nette Vorrichtung, welche auf den ersten Blick einer Kaffeemühle ähnelt, ist Herzig’s eigene, neue Erfindung. Das aus festem weißen Holze überaus sauber gearbeitete kleine Instrument, das mittels einer Schraubenzwinge an jeder Tischplatte befestigt werden kann, hat eine gar appetitliche Bestimmung. Es umschließt in seinem hohlen Cylinder ein ebenfalls cylinderförmiges Reibeisen, mit dem die durch einen Seitencanal eingeschütteten und durch einen schließenden Stempel festgedrückten Mandelkerne pulverisirt werden, um dann in einem unten angebrachten Kasten als süßer oder bitterer Staub hinabzufallen. Welche kuchenbackende oder puddingbereitende Hausfrau möchte sich nicht ein solches schmuckes Geräth in ihre Küche wünschen!

Wie allerliebst nehmen sich ferner die aus leuchtendem Ahorn gefertigten Brodhobel aus, die uns die dünnsten aller dünnen sächsischen Butterbemmchen mit Blitzesschnelle auf den Teller zaubern! Wie lockend die mannigfaltigen Butterfomen als Lämmlein oder Hühnchen, als Fische oder Blumensträuße! Was für erfreuliche Perspectiven auf fröhliche Punschabende und Weihnachtsbowlen erwecken die vielerlei Citronenpressen von Buchen-, von Ahorn-, von Lindenholz, welche daneben von der Wand herabhängen! Wie heimeln uns die allerhand verschließ- und unverquellbaren Faßhähne an, für Achtel- wie für ganze Stückfässer edelsten Rheinweines construirt, die dort auf der Tafel ruhen, ihrem wonnesamen Gebrauch entgegenharrend! Wie verheißungsvoll und beefsteaklich präsentiren sich hier die reinlichen Fleischklopfer, runde, spitze, dreizackige, mit Eisenspitzen versehene, mit Porcellanhammer und so fort! Wie pikant und aromatisch dringt der Anblick der niedlichen Gewürzbüchsen und Gewürzkännchen auf uns ein mit den sorgsam aufgeschriebenen Namen der kostbaren Ingredienzen, die sie zu bergen berufen sind! Wie schmuck und niedlich erscheinen die vielerlei Serviettenringe mit ihren bunten Kränzen und wohlgemeinten Devisen! Und wo ist die deutsche Hausfrau, der nicht die neuen amerikanischen Patentwäschklammern mit Mechanik und Plattenverbindung die innigste Theilnahme abnöthigten! –

Von der Küche zur Apotheke ist leider oft nur ein einziger Schritt. Unmittelbar neben jener finden wir deshalb in unserm Magazine auch diese auf das Reichhaltigste bedacht; hat sich ihre Versorgung mit allen möglichen Gefäßen und Werkzeugen doch von jeher die Herzig’sche Fabrik zur speciellen Aufgabe gestellt. Da können wir nun wählen zwischen feingedrehten Medicamentenbüchsen mit und ohne lateinische Inschriften, polirten und unpolirten; zierlichen Zahnpulverdosen in braunem und rothem Holze, schwarz- oder weißlackirten, flachen und hohen, mit Staniol ausgeklebten etc.; zwischen hermetisch einpassenden Salbenkrukendeckeln, Reibekeulen und Rührscheiten, Alles aus bestem Buchen-, oder Ahornholze, oder winzigen Schachteln aus einfachem Holzspahne, von denen das ganze Schock fix und fertig nur anderthalben Silbergroschen kostet! Dieser so unscheinbare Artikel aber, der schier keinen Werth repräsentirt, bildet gerade einen der interessantesten Zweige des Etablissements, wie wir uns noch überzeugen werden.

Und nun die unerschöpfliche Fülle von kleinen Luxusgegenständen jedweder Gattung! Selbst eine bloße Aufzählung derselben fällt für unsere Skizze in das Bereich der Unmöglichkeit. Das Auge kann sich ja nicht satt schauen an dem dargebotenen Reichthum der Hunderte von Nützlich- und Unnützlichkeiten! Vor Allem aber müssen wir hier der hübschen Niedlichkeiten gedenken, auf welche die Riesengebirgsindustrie ihr ausschließliches Eigenthumsrecht geltend machen darf, der allbekannten gelbpolirten oder weißlackirten Kästchen, Becher, Körbchen, Garnwinden, Zwirnwickel, Leuchter, Lineale, Ellen, Zollstäbe, Nadelbüchsen, Handspiegel, Tabaksdosen, Zündholzschachteln und selbst Stiefelknechte neben einer endlosen Menge anderer Dinge, die uns in lithographischen Abbildungen Ansichten der verschiedenen schlesischen Heilquellen und der besuchtesten Punkte in den Sudeten darbieten, Gegenstände, wie man sie sich gern als Reiseandenken und Reisegeschenke mit in die Heimath nimmt. Man würde indessen gewaltig irren, wenn man glaubte, Schlesien und seine Gebirge seien es allein, welche die Motive zu dieser Vedutenlithographie lieferten. Auch die böhmischen und rheinischen Bäder, ja sogar England und Amerika leihen Vorwürfe dazu her – und alle diese ausländischen Bilder werden in Agnetendorf und im Riesengebirge überhaupt auf die daselbst fabricirten Sächelchen übertragen.

„In Karlsbad, in Baden-Baden, in Teplitz, in Ems, in London und New-York habe ich meine ständigen Kunden,“ erläuterte Herr Herzig auf meine desfällige Anfrage. „Nach allen diesen Orten und Ländern gehen meine Fabrikate und werden dort als inländische Producte verkauft. Wie mancher Curgast bringt den Seinigen aus Wiesbaden oder Marienbad ein bildergeschmücktes Döschen oder Körbchen mit nach Hause als Erinnerung an den Quell, der ihm Heilung gespendet, ohne zu ahnen, daß die erworbenen Souvenirs hier bei uns am Fuße der Schneekoppe gezimmert und geschnitzelt, gefirnißt und bebildert worden sind! Und sehen Sie sich die Gegenstände in dem Repositorium da [618] drüben einmal an; Eton, Windsor, Oxford, London-Bridge, Crystal-Palace finden Sie darauf dargestellt. Es sind dies sammt und sonders Musterstücke für meine Abnehmer in England.“

Eine besonders umfängliche Abtheilung des Lagers ist dem „Rauchdepartement“ mit seinen vielfachen Annexen und Zubehörden gewidmet. Aschen- und Fidibusbecher, Cigarren- und Tabakskästen – in welchen Variationen sind sie hier vorhanden! Als das Charakteristischste des Genres jedoch müssen wir die Cigarrenspitzen und Cigarrenpfeifen selbst hervorheben. Ihres Geschlechts sehen wir Legion, eine immer grotesker und origineller als die andere. Da wird uns eine Riesengebirgs-Gesundheitscigarrenpfeife in elf Nummern mit Gebrauchsanweisungen gezeigt, dort staunen wir über die urwüchsigen Rübezahltabakspfeifen aus monströsen Wunderwurzeln und Wunderzweigen mit geschnitzten Köpfen und zottigen Moosbärten; auf einem andern Tische winken uns Vexircigarrenspitzen mit herausspringendem Schornsteinfeger oder gar Sanct Beelzebub, mit beim Rauchen beweglichen Figuren, als da sind Schuster, Jäger, Trinker, Schmied, Müller und Schulze und ähnliche Scherze mehr; daneben versetzen uns Urwaldcigarrenpfeifen in den fernen Westen Nordamerikas, phantastische Erzeugnisse aus den seltsamsten Holz- und Wurzelauswüchsen.

„Betrachten Sie sich dies Exemplar gefälligst näher,“ nahm mein Geleiter wieder das Wort, indem er von einem Nagel an der Wand eine sonderbar verschlungene und verschnörkelte Holzcuriosität herabreichte, in der ich erst nach genauerem Anschauen eine Tabakspfeife erkannte. „Das merkwürdige Ding da,“ fuhr er fort, „ist mir nicht für zehn Thaler feil; eine so bizarr geformte Wurzel aufzutreiben dürfte mir sobald nicht wieder gelingen, und zugleich hat der Arbeiter, einer meiner intelligentesten Gehülfen, es verstanden, in den Rübezahlhumor der Natur nachhelfend einzugehen. Die Pfeife wird, denke ich, Staat machen auf der im nächsten Jahre für Wien beabsichtigten allgemeinen Industrie-Ausstellung.“

Hiermit sind wir zugleich an Herrn Herzig’s eigenstem Werke, der von ihm in’s Leben gerufenen Waldsachenfabrikation angelangt, wie er sie selbst getauft hat und wie sie unter diesem Namen im gesammten Riesengebirge in Aufnahme gekommen ist, so daß sie gegenwärtig als ein bezeichnendes Merkmal desselben angesehen werden muß. Auch von diesen merkwürdigen Erzeugnissen, die zum größten Theil dem jedem Bergwanderer wohlbekannten Knieholz (der pinus pumilio) ihr Rohmaterial entnehmen, umfaßt das Magazin bereits mehr als anderthalbhundert einzelne Gruppen, sämmtlich im Grotesk- und Burleskstile: Aschenbecher in Gestalt von Baumstämmen; Blumenständer mit ungeheuerlichen Pflanzen und Figuren; Cigarrenetagèren als reitende Teufel; Schnupftabaksdosen mit moosumwallten Weihnachtsmännern oder komischen Barbierscenen; Feuerzeuge als Reisigbündel, Rübezahle, Burgen, Holzhaufen mit Leitern, alte Weiber, Nachtwächter, Hundehütten; Nipptischholzklaftern als Vehikel für Nadeln und Perlen, als Häkel- und Strickkasten, als Zündholzbüchsen, als Schmuckdosen und Bonbonnièren; ähnliche Klaftern, die, aus vierzehn verschiedenen Holzarten zusammengesetzt, sich trefflich eignen, die Querschnitte und Rinden derselben zu studiren; Schreibzeuge als Ruinen und Schweizerhäuser oder von federtragenden Rehgeweihen überragt, und hauptsächlich die schon oben angeführten Rübezahlerscheinungen als „scherzhafte Präsentirfiguren für Gelegenheitsfeste“, wie es in der betreffenden Section des Preisverzeichnisses heißt.

„Daß einem solchen Lager auch die Spielwaaren im weitesten Sinne des Wortes für die kleinsten wie für die größten Kinder nicht fehlen, bedarf wohl keiner Erwähnung. Ebenso wenig glauben wir betonen zu müssen, daß eine Namhaftmachung des ohnedem alljährlich wechselnden Inhalts dieser Geschäftsabtheilung noch weit unthunlicher sein würde, als bei den übrigen Rubriken. Blos auf eine oder die andere interessante oder amüsante Neuigkeit wollen wir die Aufmerksamkeit unserer Leser lenken; so auf die drolligen kleinen Flohfangmaschinen, denen Herr Herzig eine spaßhafte Gebrauchsanweisung beizugeben pflegt; auf die allerliebsten Gucker mit Boden von geschliffenem weißem oder buntem Glase, welche uns die Außenwelt in den ergötzlichsten kaleidoskopischen Brechungen vor’s Auge führen; auf die Kukuks- und Rübezahltrillerpfeifen, und vielerlei sonstigen Schnickschnack, in dem wir, wenn auch nichts Anderes, jedenfalls doch die Unerschöpflichkeit der menschlichen Phantasie bewundern müssen, die nicht müde wird, für Alt und Jung immer neue derartige Schnurrpfeifereien auszudenken.

Die Fabrikräumlichkeiten liegen theils in nächster Nähe von Wohnhaus und Comptoir, zum größern Theile aber ziehen sie sich ein gutes Stück das Thal hinab, sämmtlich so pittoresk umgeben, daß sie jedem Landschafter zur wahren Augenweide gereichen müssen. Am tiefsten unten klappert die Sägemühle, welche einzig und allein für den Bedarf der Fabrik im Betriebe steht. Erwägt man, welche verhältnißmäßig geringe Dimensionen alle Erzeugnisse des Etablissements einnehmen, wie sehr viele in buchstäblicher Bedeutung winzige Dingerchen sind, welche in der Westentasche Platz finden, so hat man Mühe, zu begreifen, daß eine ansehnliche Schneidemühle unausgesetzt für das Etablissement beschäftigt ist und, wie uns Herr Herzig versicherte, gar oft nicht sattsames Material beschaffen kann. In hohen Haufen liegen die mächtigen Baumblöcke umher, die alle der Zerkleinerung warten um als niedliche Nippes oder fingerlange Spielwerke hinaus in die weite Welt zu ziehen, sie, die vielleicht davon geträumt hatten, dereinst als hohe Masten auf dem Ocean zu schwimmen oder stattlichen Bauten zur Stütze zu dienen.

Noch mehr verblüffte uns ein Gang durch die verschiedenen Lager der geschnittenen und zum Trocknen aufgestapelten Hölzer – Fichte, Kiefer, Legföhre, Nuß- und Buchsbaum, Ahorn, Eiche, Buche, sie alle hatten beigetragen zu den massenhaften Vorräthen, welche uns hinreichend dünkten, sämmtliche fünf Erdtheile bis an’s Ende aller Dinge mit Holz- und Waldwaaren zu versorgen.

In einer andern Localität erblickten wir zumeist absonderlich gestaltete Wurzeln und Holzäste.

„Auf die Kerle da, die ungeheuerlichen Gestalten,“ sagte uns Herr Herzig, „richte ich jederzeit mein Hauptaugenmerk; sie sind der wesentlichste und unentbehrlichste Bestandtheil meiner Waldartikel, und ringsum habe ich meine Leute und Agenten, welche Jagd machen müssen auf jedwede merkwürdige Wurzel- oder Astbildung, die ihnen in ihren Forsten aufstößt. Da vergeht kein Tag, wo mir nicht einige der bizarren Gesellen in’s Haus geliefert würden. Aber glauben Sie ja nicht, daß ich unserem Riesengebirge allein mein Rohmaterial verdanke. Die knorrige Gesellschaft dort in der Ecke zum Beispiel erhalte ich aus dem fernen Thüringen, von den Ufern der Saale unweit Jena. Es sind Wachholderstämme, die sich in unseren Bergen nur sehr sparsam vorfinden, mir indeß zur Fabrication bizarrer Spazierstöcke von hohem Werthe sind.“

Näher dem Wohnhause, quer über die Schlucht herüber, stehen die Drechsler- und Tischlerwerkstätten; Drehbänke, Kreissägen, – von den ersteren über ein Dutzend nach den neuesten Constructionen, unter Anderem eine höchst interessante Maschinerie zum Drechseln ovaler Gegenstände, – setzt natürlich ohne Ausnahme das wilde Bergwasser in Bewegung, welches der Fabrik zwar die nothwendige Triebkraft unentgeltlich spendet, aber auch Jahr aus Jahr ein beträchtliche Uferbauten verursacht. Ein besonderes Local im Souterrain des Werkhauses umschloß eine Anzahl von Arbeitern, denen es obliegt, die für die Drechsler bestimmten Hölzer aus dem Groben zuzuhauen und je nach der Form der daraus herzustellenden Artikel bald rund, bald eckig, bald länglich, bald breit, hier größer, dort kleiner zu zimmern. Diese dergestalt vorbereiteten Stäbe, Oblonge, Quadrate, Kegel, Kugeln kommen dann sorgfältig sortirt in eigene Regale, die wir von oben bis unten damit angefüllt sahen.

In einem dem Garten selbst einverleibten Gebäude fanden wir Gelegenheit, die Production der ungeheuerlichen Rübezahle zu belauschen, von denen Agnetendorf so viele hinaus in alle Lande schickt. Ein alter Mann, der selbst den Rübezahl mit Glück hätte vorstellen können, war soeben damit beschäftigt, die fertigen Unholde auf die mit buntem Holzstaube bestreuten Fußbretter aufzuleimen; eine Frau daneben schnitt die Lykopodienbüschel zurecht, die dem Geiste den Hut schmücken sollten; ein Knabe fixirte den genannten bunten Stand auf die Holzplatten, und ein junges Weib leimte kleine, halbfingerlange dünne Föhrenstäbchen um die Aschenbecher, welche der Berggeist huldvoll behüten wird.

„Es wird Ihnen nicht entgangen sein,“ hob der Besitzer des Etablissements von Neuem an, „daß meine Rübezahle sich sehr curioser Beinstellungen befleißigen, zu denen unsere menschliche Muskelbewegung und Gelenkfähigkeit nicht auslangen dürften. Dies erklärt sich dadurch, daß die Herren Berggeister meines Fabrikats im Grunde nichts Anderes sind als costümirte Fichtenäste und Wurzeln, denen ich das Rübezahlkleid anziehen lasse. [619] Da haben Sie einen solchen Ast,“ endete er, indem er vom Fußboden ein wunderliches Holzstück aufhob. „Natürlich erheischt die Auswahl dieser Aeste und Wurzeln einen durch jahrelange Praxis geübten Blick; meine Sammler aber haben den schon und bringen mir nichts Untaugliches.“

Aus einem Oberzimmer desselben Hauses schlug uns eine Glühhitze entgegen; trotz der vierundzwanzig Grad Réaumur, die draußen herrschten, brannte im großen Kachelofen des Raumes ein flüchtiges Feuer, und in dieser erstickenden Atmosphäre hantirte schweißtriefend ein unglückliches weibliches Wesen, indem es mit bunten und schwarzen Bildern geschmückte Arbeitskörbchen lackirte. Auf einem Gestell zur Seite stand eine erkleckliche Menge Geräthschaften aufgestapelt.

„Unser türkisches Bad,“ erklärte Herr Herzig lächelnd; „allein der Lack da darf nur bei derartigen Wärmegraden aufgetragen werden, wenn er nicht rissig und unegal ausfallen soll. Und heute ist das Klima noch sehr erträglicher Natur, nicht wahr, Mine?“ wandte er sich an die Arbeiterin, die ihm mit einem etwas trübseligen „Ach ja!“ Recht gab.

„Jetzt lassen Sie uns zum Schlusse meinen Schachteldamen noch einen Besuch abstatten, alsdann haben Sie mir so ziemlich alle Geheimnisse meiner Kunst abgelernt,“ sprach der Fabrikherr, während wir mit ihm dem Wohnhause wieder zuschritten. Schon vorher hatten wir eine ganze Stube gesehen voller großer Waarenkisten, welche bis zum Rande mit Spahnschachteln von der größten bis zur kleinsten angefüllt waren. Der Anblick hatte in seiner Art etwas Ueberwältigendes, Aengstliches, Unfaßbares. Was da vor uns aufgehäuft lag, war ja so zu sagen unzählbar, denn wer möchte in Ziffern ausdrücken, was sich nur nach Millionen bemessen läßt? Wie viele Tausende von Schock waren in jeder dieser Schachtelkisten eingeheimst! Und doch wie verhältnißmäßig geringfügig der Geldwerth, welchen die Waarenunmasse repräsentirte! Werden doch die größten und theuersten solcher Spahnschachteln pro Stück zu acht Silbergroschen abgegeben, und das sind dann noch dazu fein roth oder violet getünchte Elegants ihrer Gattung!

In einem mäßigen Saale des Erdgeschosses saß etwa ein Dutzend Mädchen und Frauen. Die Eine leimte die sogenannten Wickelspähne, das heißt die Seitenwände der Schachteln, zusammen, eine Zweite fügte die Boden, eine Dritte die Deckel ein, die Vierte sortirte Obertheil und Untertheil und stellte so die fertigen Schachteln zusammen, eine Fünfte trug Schock für Schock nach den bestimmten Aufbewahrungsorten. Damit aber die geleimten Theile gehörig trocknen können und die zusammengefügten Spahn- und Bodenenden nicht wieder von einander weichen, hat jede Arbeiterin eine Vorrichtung zum Einpressen der Waare vor sich, eine Art Buchbinderpresse mit einer Reihe von Etagen. In diese letzteren werden die geleimten Schachtelstücke so eng eines an das andere eingezwängt, daß ein Ausdemleimegehen zum Dinge der Unmöglichkeit wird.

„Wie viel Dutzend Schachteln bringt die Arbeiterin wohl täglich zu Stande?“ frug ich.

„Dutzend!“ ward mir zur Antwort. „Wer einigermaßen geschickt und fleißig ist, liefert tagtäglich seine zwölf bis fünfzehn Schock ab und empfängt demgemäß seinen Lohn. Denn, gleich mehreren anderen Zweigen der Fabrication, habe ich die Schachtelmacherei in Accord gegeben, wie der bekannte technische Ausdruck lautet.“

„Und wer schneidet die Wickelspähne, wer die Boden und Deckel?“ forschte ich wißbegierig weiter.

„Reichen Sie einmal ein paar Schachteleisen herüber!“ gebot Herr Herzig dem Werkführer der Abtheilung. „Sehen Sie, mit diesen Stempeln wird das zu den Schachtelboden erforderliche Holz ausgestochen, etwa wie man Leder oder Zeug, auch wohl Kuchenteig aussticht. Die Wickelspähne schneidet ein sinnig construirter Hobel zu. Nur auf diese Weise lassen sich die, wie Sie mir zugeben werden, an das Fabelhafte streifenden niedrigen Preise des Artikels ermöglichen. Dennoch giebt es in unserm Gebirge eine Menge von Schachtelmachern, welche das Product lediglich mit der Hand herstellen und dafür nicht höhere Preise fordern, als ich für meine Maschinenleistungen. Allerdings fehlt ihren Erzeugnissen die Gleich- und Regelmäßigkeit meiner auf mechanischem Wege erzielten Fabrikate, nichtsdestoweniger kaufe ich selbst von ihnen, und zwar die aus stärkerem Spahn zu verfertigenden Stiefelwichsschachteln, welche ich mir nicht so billig herlegen könnte. Die Säcke, die Sie in dem einen meiner Schuppen stehen sahen, sind mit dergleichen Wichsbehältern gefüllt und zum Versande bereit. Doch die Mittagsglocke läutet. Sie sind, das versteht sich, heute meine Gäste und nehmen fürlieb mit dem, was wir Ihnen hier in unserer Bergeinsamkeit vorsetzen können. Leider vermag in dieser Beziehung die Gunst Rübezahl’s nicht so viel wie für meine Industrie, die Sie hier sehen und als deren Patron ich ihn füglich verehren kann.“
H. S.




In der Kronen-Schmiede der Hohenzollern.


Wer aus den sonnigen Auen des Südens, durch die grotesken Gebilde der Alpenwelt auf kürzestem Wege nach Norden fährt, bekommt zuerst in Nürnberg den Eindruck vom eigentlichen Wesen Deutschlands, des Landes der Arbeit mit Kopf und Hand. Schon länger hat die Gegend jeglichen Reiz verloren, der Boden wird dürftiger und seine Ergiebigkeit hängt in steigendem Grade von der Bewirthschaftung seiner Bewohner ab. Ein weiter Gürtel von öden Föhrenpflanzungen, die Trümmer des alten Reichswaldes, welche noch heute diesen Namen führen, umgeben die alte Stadt, die nach langem Verfall gegenwärtig zu alter Blüthe emporsteigt, indem sie mit Entschiedenheit in die ursprünglich ihr angewiesenen Bahnen wieder einlenkt. Hier herrscht die neueste Verkörperung der Abstraction, die Maschine. Tag und Nacht kreischen die Räder, rauschen die Bälge, pochen die Hämmer. Der „harte Boden“, von welchem schon der alte Akademiker Joachim v. Sandrat sprach, hat nicht nur Nürnberg seinen Charakter aufgedrückt, sondern auch seinen Wohlstand begründet, indem er den Menschen zum Widerstand einlud und von Neuem den Beweis liefern ließ, daß die Kraft den Stoff beherrscht und ihn fruchtbar macht, ob sie nun über demselben schwebe oder ihm innewohne. Nur der siegreiche Kampf um’s Dasein giebt hier Genugthuung; höhere Reize des Lebens versagt schon die Atmosphäre von Ruß und Rauch, welche die Stadt wie mit den zähen Maschen des Systems überdeckt.

Bei unserer abendlichen Einfahrt sahen wir vom höchsten Giebel der Burg neben der blau-weißen bairischen Fahne die schwarz-weiße des Hauses Zollern herabwinken, eine Zusammenstellung, die so bedeutsam für die Gegenwart, wie sie den Blick nachdrücklich in die Vergangenheit und in die Zukunft lenkt. – Hier stand die Wiege des Hauses, das aus dem bescheidenen Amte eines kaiserlichen Burggrafen durch die nicht viel höher stehende Würde der Markgrafen von Brandenburg in die Zahl der Wähler des Reiches eintrat und, vom kurfürstlichen Sitz zum königlichen Thron aufsteigend, nunmehr, in fast unerwarteter Wendung der Dinge, aber nothwendiger Logik der Thatsachen, das alte Reich erneuert, das mächtigste Scepter des Erdkreises und die Verantwortung für die Geschicke vielleicht der nächsten Jahrhunderte übernommen hat. Schon bald nach dem Jahre 1866 erhielt König Wilhelm als freiwilliges Geschenk des Königs Ludwig von Baiern den Mitbesitz der alten Kaiserburg zu Nürnberg. Seine Kaiserwürde verleiht diesem Besitz eine erhöhte Bedeutung. Denn wo seine Vorfahren noch vor vierhundert Jahren nur als Hüter standen, wo sie selbst den Rücken wendeten, um der lästigen Nähe mitbelehnter Würdenträger und der eifersüchtigen Stadtbewohner zu entgehen, hat jetzt ihr ruhmwürdiger Nachkomme als Herrscher seinen Einzug gehalten und den Thron bestiegen, auf dem einst Heinrich der Dritte, Friedrich der Rothbart und Ludwig der Baier den Glanz des deutschen Banners entfalteten, und, wie uns bedünken will, zu nicht geringerer Bestimmung, als womit jene Heroen unserer Vorzeit von der Weltgeschichte betraut wurden.

Die zollernsche Fahne auf der Burg, welche im Winde flatternd die hochwichtige Thatsache mit stets erneutem Jubel über die weit umhergebreiteten Lande verkünden zu wollen schien, legte in der greifbaren Verkörperung, womit sie diese selbst vor Augen führte, die Frage nach ihrem Entstehen nahe. War die Thatsache nur Erfolg zufällig hier zusammentreffender Umstände oder wuchs sie als nothwendiges Ereigniß wie aus natürlichem Boden hervor? [620] Waren etwa noch an Ort und Stelle Spuren zu entdecken, aus denen der Gang der Ereignisse zu erklären war? – Aber Nürnberg bietet bekanntlich, was die Oertlichkeit betrifft, keine Erinnerung mehr an seine alten Burggrafen. Nachdem im Jahre 1420 der bairische Pfleger des benachbarten Städtchens Lauf, Christoph Leininger, in der Fehde mit dem Baiernherzog Ludwig das Schloß des Burggrafen zu Nürnberg niedergebrannt hatte, verkaufte letzterer die Ruinen sammt den zugehörenden Besitzungen nebst Rechten und Ansprüchen an die Stadt und ließ den Kauf vom deutschen Könige bestätigen. Aber schon lange vorher hatte das nach Selbstständigkeit strebende Geschlecht zu der vier Stunden westlich liegenden Kadolzburg seinen Sitz verlegt, welche, früher ein Besitzthum der Grafen von Abenberg, schon in der zweiten


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Schloß Kadolzburg von Nordosten.


Hälfte des zwölften Jahrhunderts durch die Heirath Conrad’s, des ersten Burggrafen aus dem zollernschen Hause, mit seiner zweiten Gemahlin in dessen Besitz gelangt und etwa hundert Jahr später vom Burggrafen Friedrich dem Dritten zu ständigem Aufenthalt gewählt worden war.

Was der Anlaß zu solchem Wechsel gewesen, läßt sich mit geschichtlicher Gewißheit nicht mehr feststellen. Daß Gründe von merkbarer Triebkraft vorhanden gewesen, deutet die Sage an, welche die beiden Söhne des Grafen, Johann und Friedrich, auf einem Ausritt zur Wolfsjagd durch Nürnberger Sensenschmiede erschlagen werden läßt. Daß aber auch seine weiteren Nachkommen den Vortheil der nahegelegenen städtischen Blüthe aufgaben und den Glanz der häufig hier weilenden kaiserlichen Heerlager, wie der Reichstage dauernd mit der Einsamkeit des Rangaues vertauschten, hatte offenbar seinen Grund darin, daß es ihnen im unfruchtbaren Banne des Reichswaldes, den schon die Stadt nach allen Seiten zurückdrängte, zu eng wurde. Jedenfalls aber erwiesen sich die Burggrafen von Nürnberg auch auf ihrem neuen Sitze als mächtige und treue Stützen der deutschen Kaiser, deren mehrere gleich anderen vornehmen Gästen die Burg wiederholt mit ihrem Besuche beehrten.

Als der nicht unwichtigste Theil der Geschichte des Schlosses mag übrigens der Zeitpunkt gelten, wo Burggraf Friedrich der Sechste (1397 bis 1440), der Gemahl der „die schöne Else“ genannten Baiernprinzessin, von der Kadolzburg mit großem Gefolge zum Concil von Constanz auszog, um von da durch Kaiser Sigismund mit der Mark Brandenburg belehnt als Kurfürst Friedrich der Erste zurückzukehren – ein historischer Act, den die Gartenlaube bereits im Jahrgange 1866 in Bild und Text eingehend geschildert hat. Dieser erste Kurfürst Friedrich ist auch der nämliche Burggraf, bei dessen Tod der Chronist in prophetischem Tone sagte: „So entschlief er zu Kadolzburg, nachdem er den Grund zur königlichen Hoheit seines Hauses gelegt hatte – und er mußte ihn legen, weil die höchste Vorsehung seine Nachkommenschaft zu großen Dingen ausersehen hatte.“ – Erst die jüngsten Tage haben die bedeutungsvolle Wahrheit dieser Worte glänzend erwiesen und das Recht erneut, die Aufmerksamkeit des deutschen Volkes wieder auf die Kadolzburg zu lenken, wo die Hohenzollern, nachdem sie Nürnberg schon längst den Rücken gekehrt [621] hatten, den Grund zu ihrer gegenwärtigen Machtstellung legten.


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Kadolzburg von der Südseite.


Von Friedrich dem Ersten rühren auch die Wahrzeichen der Burg, die, unweit Fürth auf vereinsamtem Fels gelegen, in der Richtung nach Norden über eine weite Ebene schaut, im Süden einem Marktflecken Schutz verleiht. Die Burg selbst besteht aus zwei Haupttheilen, der Vorburg und der eigentlichen Burg, welche durch Zwinger und in den Felsen gehauene Gräben getrennt und stark vertheidigt sind. Ein eben solcher Graben mit einer Brücke, ehemals einer Zugbrücke, für welche die in die Mauer eingelassenen Räder noch vorhanden sind, trennt die ganze Burg von dem vorliegenden Marktflecken. Der ganze Complex von Gebäuden hat in architektonischer Beziehung wenig Wichtiges. Ein keineswegs imposanter Eingang gewährt den Zutritt. Doch gleich hier finden wir die schon erwähnten Wahrzeichen der Burg, welche genug zu denken geben.


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Schloßhof der Kadolzburg.


Noch im strengen Stile der Zeit gehalten, erblicken wir zunächst die gegeneinandergestellten in Stein gehauenen Wappenschilde des Kurfürsten Friedrich’s des Ersten von Brandenburg und seiner Gemahlin, der schönen Else von Baiern-Landshut, und unter denselben, was wir hier gewiß am wenigsten zu finden und in ebenso solider Weise in Stein verewigt zu sehen vorbereitet sind, ein Spottbild auf die Juden: die Darstellung einer großen Sau, welche von einer Schaar der an ihren Spitzhüten kenntlichen Semiten saugend umlagert wird. Im Hintergrunde ist zum Ueberfluß noch das von ihren Vorfahren umtanzte goldene Kalb angebracht.

Was in aller Welt kann Anlaß gewesen sein, hier an der Stirn eines Hauses, in welchem von je die umfassendsten Pläne überdacht wurden, eine Herausforderung gegen den Stamm anzuheften, der schon damals auch bei den deutschen Fürsten eine große Rolle zu spielen anfing und von ihnen geschont zu werden allen Grund bot?! Daß das Spottbild vom Kurfürsten Friedrich dem Ersten herrührt, ist aus mancherlei hier zu übergehenden Gründen unzweifelhaft, und doch wissen wir gerade von ihm, daß er kein Borger und Schuldenmacher war, dieser ebenso kluge wie mächtige Fürst, der in der That schon damals die deutschen Geschicke lenkte, aber vorsichtig mit dem Glanz dieses Berufes auch die Verantwortung gern Andern überließ. Darum will uns denn auch bedünken, daß Friedrich seine Spottbilder einfach setzte, weil er sie setzen durfte, d. h. weil er vollständig unabhängig vom Gegenstande seines Widerwillens war, und daß er diesem nachhing, nicht weil er selbst Ungelegenheiten daher erfahren, sondern weil er mit ansah, wie schwer solche schon auf seinen Standesgenossen und dem ganzen Reiche lasteten.

Friedrich war noch in Nürnberg geboren und erzogen worden, hatte dort nicht nur Latein, sondern auch Rechnen gelernt, hatte – zur Zeit des höchsten Aufschwunges der Stadt – gesehen, was Arbeit und Wirthschaft zu Stande bringen, und was er beobachtet, so wohl sich eingeprägt, daß er es nicht nur selbst sein Leben lang übte, sondern auch seinen Nachkommen als unverbrüchliche Politik hinterließ. In seiner reizlosen Umgebung von aller Romantik frei geblieben, richtete er seinen Sinn stets auf das Reelle, und als ihm später selbst die Krone Karl’s des Großen angeboten wurde, schlug er sie aus, überzeugt ohne Zweifel, daß aus seinem märkischen Sande eine bessere erwachsen werde, wenn dieser nur die gehörige Bewirthschaftung erfahre.

Am Thorwege sind noch zwei andere Wappenschilde angebracht, deren Träger kaum minder guten Klang führen, als die eben erst besprochenen, nämlich das burggräfliche und ein sächsisches, welche auf den dritten Sohn Kurfürst Friedrich’s des Ersten, den ritterlichen Albrecht Achilles, und dessen zweite Gemahlin, Anna von Sachsen, hindeuten. Albrecht erhielt bekanntlich bei der väterlichen Erbscheidung den Theil der fränkischen Besitzungen, als [622] deren Residenz Kadolzburg galt. Von ihm rühren wahrscheinlich bedeutende Partieen des heute noch bestechenden Baues, weshalb er sich für berechtigt halten mochte, neben den Gedenktafeln seiner Eltern die seinigen anzubringen. Von Nürnberg waren die Burggrafen, obwohl sie sich noch immer nach jener Stadt nannten, unter ihm bereits so getrennt, daß er schwere Kriege mit der Stadt führte und in diesen auf seinem festen Schlosse eine harte Belagerung glücklich überstand. Handelte es sich in diesen Kriegen um endgültige Entscheidung altverworrener Rechte, so huldigte der mannhafte Degen darin dem allgemeinen Branche seiner Zeit; in anderer Beziehung war er derselben schon weit vorausgeschritten. Denn während sein Vater noch auf dem Concil zu Constanz[WS 1] neben dem Kaiser die Zügel des Pferdes hielt, auf welchem der Papst einherzog, lachte der deutsche Achill, als in einer Fehde gegen den Bischof zu Bamberg dieser unter seinen Blitzen und Feuerrohren auch den Bannstrahl gegen ihn mit in’s Feld führte, und zeigte ihm den schärferen Blitz seines nie besiegten Schwertes.

Es war auf einem Reichstag zu Frankfurt, als Albrecht Achilles starb, aus seiner ersten Ehe mit Margaretha von Baden einen einzigem Sohn Johann hinterlassend, den die Zeitgenossen wegen seiner Beredsamkeit auch Cicero nannten. Ihm fiel bei der Theilung des väterlichen Erbes die Mark Brandenburg nebst der Kurwürde zu und von ihm leiten sich in directer Linie die Könige von Preußen ab.

Seine Brüder, der Markgraf Friedrich von Ansbach und der Markgraf Sigismund von Kulmbach, von denen der erstere den letzteren überlebte, scheinen die Letzten gewesen zu sein, welche die Kadolzburg als ständige Residenz betrachteten. Ansbach machte schon unter den Söhnen Friedrich’s als die reicher emporgeblühte Stadt der alten Burg den Rang streitig, und diese, vernachlässigt und überflüssig geworden, spielte von nun an ihre Rolle nur als Jagdschloß und als Sitz der markgräflichen adeligen Beamten.

Heute zeigt das Schloß verhältnißmäßig wenig Bemerkenswerthes mehr. Die Wirthschaftsgebäude, welche der geräumige Vorhof nach üblicher Anordnung der alten Burgen ohne Zweifel ursprünglich umfaßte, haben gegenwärtig sich in ein königlich bairisches Rentamt, die Frohnveste des Gerichtsbezirkes, eine Caplanswohnung und einen Getreidespeicher verwandelt oder erweitert. Es ist jetzt so einsam und still auf diesem Hofe; das Gras drängt bis dicht an den betretenen Weg hinan. Wo sonst unter lauten Scherzen Ritter und Edelfrauen die reichgeschirrten Rosse bestiegen, um sich zur fröhlichen Reiherbeize tragen zu lassen, schleichen jetzt processirende Bauern mit verkniffenem Munde; wo einst die übermüthigen Pagen sich im Bolzenschießen übten, hocken jetzt schüchterne Dorfkinder an der Mauer, die Stengel der gelben Butterblume zu Kettenkränzen verflechtend. Es sind keineswegs immer die wichtigsten Ereignisse, welche Denkmäler hinterlassen. Nichts erinnert hier mehr daran, daß im Jahre 1266 der letzte Hohenstaufe, der unglückliche Conradin über diesen Hof einzog, daß Kaiser Rudolph von Habsburg öfter mit seinem Vetter und treuen Helfer und Rathgeber, Burggraf Friedrich dem Dritten, auf seinem sicheren Boden umherwandelnd sich in Besprechung der Reichsangelegenheiten vertiefte, daß gerade im Todesjahre dieses Kaisers sein Nachfolger, Adolph von Nassau, kam, um bei glänzenden Gelagen seinen Neffen Emicho mit der Burggräfin Anna zu vermählen, daß die Kaiser Ludwig von Baiern und Karl der Vierte von hier aus wichtige Verfügungen erließen, daß hier die Abgeordneten der zu Nürnberg versammelten Reichsstände im Jahre 1431 sich einfanden, um den genannten Kurfürsten Friedrich zur Heerführerschaft gegen die Hussiten einzuladen.

Vor uns aber haben wir das Denkmal einer spätern Episode der markgräflichen Geschichte, dessen Merkbarkeit zu der Unbedeutenheit der letzten in keinem Verhältniß steht. Wir meinen den Thurm über dem Eingang zum innern Burghof, wo Johann der Alchymist, gleichfalls ein Sohn Friedrich’s des Ersten, hauste und aus Schmelztiegeln und Retorten den Reichthum zu präpariren suchte, welchen seine Vorfahren auf viel rationellerem Wege erlangten. – Wir schreiten über den zweiten, in den Felsen gehauenen Graben auf einer Brücke, welche nach Ausweis der am darüber sich erhebenden spitzbogigen Thore angebrachten Vorrichtungen früher ebenfalls als Zugbrücke ein beweglicheres Dasein führte, als gegenwärtig. Zahlreiche Luglöcher in der Thorwand und den auf kecken Vorkragungen dieselben flankirenden Erkerthürmchen deuten darauf hin, welch reges Leben einst sich hier concentrirte, das jetzt von Eulen und Fledermäusen parodirt wird. In drohender Abgeschlossenheit steigen links vom Thore die alten Mauern hoch empor, mit ihrem Fuße auf mächtige Bastionen sich stützend, zu oberst unter niedrigem Dache ebenfalls nur für den Wächter durch Zinnenöffnungen und kleine Guckfenster die Aussicht gewährend. Zur rechten Seite sind große Fenster eingebrochen und zwei darüber sich erhebende Giebel im Geschmack der Zeit des dreißigjährigen Krieges beweisen, daß hierhin schon damals Wohnungen verlegt wurden. Eine Mauerecke oberhalb des Eingangs neben dem genannten Thurm ist auch schon mit einer durchbrochenen Galerie umgeben und zum Genusse der wenn auch nicht schönen, doch weiten Aussicht hergerichtet.

Der innere Burghof, von dem wir im Voraus angenommen, daß er als Herz des Herrschaftssitzes die Bedeutung des hier residirenden Fürstengeschlechtes in seiner äußern Erscheinung kennzeichnen werde, entspricht wenig dieser Erwartung. Vor uns eine hohe Wand unter gleichfalls niedrigem Dache, mit wenigen kleinen Fenstern und zwei, wenn auch offenen, doch dunkelen rundbogigen Eingängen; links ziemlich verworrenes Gemäuer, zum Theil durch Fachwerk unterbrochen, rechts vor winkeligen Maueransätzen ein schwerfälliger Treppenthurm und daneben die Rückwand der erwähnten Wohnungen, beide fast ohne jeglichen architektonischen Schmuck. Von einem dunklen Thorgang aus und über eine niedrige Steintreppe gelangt man in die unterirdischen Räume des Schlosses, einfache Tonnengewölbe und treffliche Kellerräume, aus welchen die hier wenig erregte Phantasie schwerlich die sonst so beliebten Burgverließe und dergleichen herausconstruiren wird. Eine genaue Untersuchung innerhalb der kleinen und dunklen Räume des linken Schloßflügels aber ergiebt bald, daß hier Schloßcapelle, Küche und Gerichtsstube in traulicher Nähe beisammenlagen. Wir begreifen heute nicht mehr, wie wenigstens die beiden ersteren Räume so glänzende Gesellschaften, wie sie in dieser Burg zusammenkamen, versorgen konnten. Das Innere der Küche läßt neben dem Herde und dem Rauchfange wenig Raum übrig. In Bezug auf die Gerichtsstube sei bemerkt, daß die zu deren ehemaligem Inventar gehörigen Folter- und Strafwerkzeuge gegenwärtig im Germanischen Museum zu Nürnberg aufbewahrt werden und den Kern einer Sammlung von echten Denkmälern dieses Gebietes bilden, welche die Aufgabe hat, gegenüber vielen dem Publicum gebotenen Fälschungen die Wissenschaft von dieser Seite zu unterstützen.

Noch werden wir, die Wendeltreppe des Thurmes hinaufsteigend, versucht, die übrigen Räume des Schlosses zu untersuchen, finden aber bald, daß außer einigen spärlichen Ueberresten architektonisch-interessanter Constructionen, zierlicher gothischer Sprengungen, ähnlichen Schlußsteinen der Deckengewölbe mit Wappenschilden aus der Familie und deren Verwandtschaft, sowie einigen Zimmern mit geschnitztem Deckengebälk nichts erhalten ist, was unsere Aufmerksamkeit fesseln könnte. Selbst der große Saal auf der Südseite der Burg ist jetzt in mehrere kleine Gemächer getheilt. Bekanntlich ist Kadolzburg seit längerer Zeit Sitz eines bairischen Landgerichts, nachdem es, wie gesagt, früher schon lange den markgräflichen Beamten als Wohnung und Vereinigungspunkt gedient hatte. Diesem Umstande verdient das Schloß, wie anderswo richtig bemerkt worden, ohne Zweifel seine gute Erhaltung. Frühere Kriegsstürme sind vor demselben abgeprallt; eine zerstörende Hand ist nie über dasselbe hingegangen; selbst die späteren Veränderungen scheinen nicht so groß zu sein, wie man anfangs anzunehmen gesonnen sein könnte. Die alten Burg- und Markgrafen wohnten einfach, einfacher als heutzutage ein Gutsbesitzer in mäßigen Verhältnissen. Lange Reihen prunkloser Zimmer mit ebenso langen und ebenso schmucklosen Corridoren, schon von etwas casernenmäßigem Aussehen, füllen die inneren Räume.

Der Eindruck, welchen wir schon auf dem Wege zum Ziel unserer Wanderung erhielten, schließt sich an diesem selbst vollständig ab. Die ebenso phantasielose Mark Brandenburg war logisch wie historisch die nothwendige Fortsetzung des mittelfränkischen Ausganges. Wie uns aber bedünken will, ist der Weg von der Kadolzburg zur Mark und von da zurück zur Nürnberger Kaiserburg noch nicht abgeschlossen. Eine Kugel, die auf der ebenen Bahn des Verstandes so in’s Rollen kam, wird ihren Lauf sobald nicht enden. Wir sind zwar auf’s Innigste überzeugt, daß die Verheißung des Friedens die Seele des neuen Kaiserreichs erfüllt, aber unsere Nachbarn werden dafür sorgen, daß es dabei nicht stehen bleiben

[623] kann, und zwar einer Nothwendigkeit, die ebenso sicher in der allgemeinen Entwickelung des Weltganges begründet liegt, wie bis jetzt ein bestimmter Entwicklungsgang geleitet wurde, sich der Welt zu bemächtigen; denn die ausschließliche Verstandesrichtung kann Erfolge zwar erringen, doch nicht zum Abschluß bringen. Der Gedanke macht frei, aber keineswegs allein glücklich. Neben dem Kopfe ringt das Herz zur Befriedigung. Das Gemüth will Befriedigung, ehe die Hand den Frieden unterschreibt und das Schwert auf immer in die Scheide zurücksteckt. Und so wird denn auch das deutsche Reich in der Entfaltung seiner Macht nach Kräften streben müssen, die dem Glanze die Wärme hinzufügen. Doch davon vielleicht ein anderes Mal.
v. E.

Blätter und Blüthen.

Ein sonderbarer Postillon. Der „Post-Engel“ in Nr. 29 der Gartenlaube hat mich an eine jener alten Postverwalters-Familien erinnert, die in der Heimath der „Erbförster“ keine Seltenheit waren und sich eben falls Erbposter hatten nennen dürfen.

In einem thüringischen Städtchen ist die Posthalterei sogar noch heute in der Hand eines Nachkommen der Großmutter, von der ich erzählen will und deren Eltern schon in demselben alten Steingebäude mit dem großen Thor und den niedrigen Fenstern dasselbe Amt verwaltet hatten.

Die Reisenden, welche hier aus dem Post- oder Extrapostwagen stiegen, um in der Poststube die Zeit des Umspannens abzuwarten, hatten während einer ziemlichen Reihe von Jahren Gelegenheit, sich über die Abwesenheit von allem männlichen Postpersonal am Schalter und Schreibtisch zu verwundern.

Der Gatte der Großmutter hatte gleich in seinen ersten Ehejahren seine Frau in die Amtsgeschäfte eingeweiht. Er war kein Freund von der Federarbeit und sah die Aufsicht über Pferde, Stall und Postillon, sowie die Leitung seiner großen Ökonomie für eine manneswürdigere Aufgabe an, als die Schreiberei. So war die Frau Posthalterin installirt und besorgte als junge Frau und Mutter das Amt so lange, bis sie sich selbst wieder Töchter groß gezogen hatte. Von da an hatte immer die älteste Tochter zu amtiren, die jüngeren waren ihre Gehülfinnen und Großmama führte die Oberaufsicht. Als die älteste Tochter in den heiligen Ehestand trat, folgte die nächste ihr im Amte nach, und ehe noch die jüngste den selben Weg ging, hatte der Sohn, den man dem alten Herrn auf sein Gesuch als jungen Postverwalter beigab, auch eine junge Frau Postverwalterin in’s Haus gebracht, und Beide traten ganz genau in die Fußstapfen der Alten. Und schon half eine Enkelin mit am Schalter und Schreibtisch, aber noch immer war die Großmutter stramm auf ihrem Alles überwachenden Posten.

Das war aber auch eine Frau, die alte Frau Postverwalterin. Sie brauchte nur in Stall, Küche oder Stube zu erscheinen, die große, breite, handfeste Gestalt mit dem schönen Matronengesicht unter der weißen Haushaube, dem Feldherrnblick im Auge und dem stets scharf geladenen Mundwerk, so ging Alles wie am Schnürchen und etwaiger Uebermuth selbst der kecksten Gäste kroch in die gebührenden Schranken zurück. Und wenn sie gar im Sonntagsstaat aus dem Hausthor herausschritt, die hohe Haube mit dem goldglänzenden Haubenfleck und den langen seidenen Bändern wie einen Helm auf dem Haupt und auf demselben mit dem schwarzen Seidenband wie mit einem Sturmband befestigt, ferner den langen blautuchenen Mantel umgehangen, dessen gezackter Kragen mit zwei Finger breiten Goldborten besetzt war, auftretend auf festen Schuhen mit silbernen Schnallen, und in der Hand das Gesangbuch und den Kirchenstrauß, – dann hatten auch noch ganz andere Leute, als die Postillone und Taglöhner ihres Hauses, Respect vor der alten Frau Postverwalterin.

Ihr „Alter“ war „täppelig“ geworden, aber sie hielt es in Arbeit und Lebensmuth noch mit mancher Jungen aus, und davon sollte sie in ihren alten Tagen noch ein stattliches Pröbchen liefern. Es war zur Kirmeszeit, die bekanntlich in vielen Gegenden Thüringens in den Spätherbst fällt; da war gleich am Nachmittage das ganze junge Volk auf die nächsten Dörfer zu Schmaus und Tanz gegangen. Das weibliche Postpersonal that seine Schuldigkeit, die am Abende eintreffende gewöhnliche Post war besorgt, und mit ihr der letzte Postillon des Hauses davongefahren. Da bläst es aus der Ferne und rasselt von der Chaussee auf das Straßenpflaster herein, – muß das Schicksal gerade heute und jetzt eine Extrapost daherführen!

Das junge weibliche Postpersonal ist außer sich. Extrapostpassagiere durfte man nicht allzulange warten lassen, die nächsten Kirchweihdörfer, von wo man die Postillone hätte holen müssen, lagen wenigstens halbe Stunden weit entfernt, und in der ganzen Nachbarschaft wohnte kein Mann, der mit Pferden fahren konnte. Der Wagen näherte sich schon dem Hause, und noch wußten die jungen Damen sich nicht zu rathen und zu helfen. Da rannten sie, aber Alle, in ihrer Angst zur Großmutter in’s obere Stübchen.

Trotz des Durcheinanders von drei gleichzeitigen Berichterstatterinnen war die „Alte“ sofort im Klaren; aber statt des erwarteten Schreckens zeigte sie eine unbegreifliche Heiterkeit.

„Ist das ein Unglück! Herrjele! – O Ihr dummen Dinger! Deshalben braucht man noch lang kein Hirsch zu werden und vor Angst davon zu laufen. Jetzt geschwind an’s Zeug! Ihr Zwei haltet mir die Passagiere hübsch in der Stube und Du gehst mit mir in den Stall.“

So geschah’s. Die Enkelin leuchtete der Alten mit der großen Stalllaterne. Erst brachte sie die Pferde in Ordnung und legte ihnen das Geschirr auf, dann zog sie den Mantel ihres Mannes an, setzte den ihr passendsten Postillonshut auf, hängte sich das Posthorn um und griff zur Peitsche. Zu der vor Schrecken über „so was“ halb versteinerten Enkelin aber sagte sie: „Daß Du mir den Schnabel hältst! Jetzt leucht’ mir zum Anschirren, dann fort mit der Laterne, aber nicht eher in die Stube, bis ich das Zeichen geblasen habe. In drei Stunden bin ich wieder da. Stellt mir eine tüchtige Biersuppe zurecht.“

Die Dunkelheit war stark genug, daß nachbarliche Neugierde die Maskerade nicht entdecken konnte. Rasch und sicher war angeschirrt und ehe sich’s die Enkelin versah, saß die Großmutter auf dem Bock, und nun kam die Hauptüberraschung: sie blies das Signal zum Einsteigen so rein und richtig, daß man vermuthen mußte, sie habe das Horn nicht zum ersten Male am Munde gehabt.

Die „Herrschaften“ stiegen ein, der Wagen rollte fort und hell erklang das Posthorn, ein Zeichen für den Chaussegeld-Einnehmer, den Schlagbaum aufzuziehen – während daheim in der Poststube Erstaunen und Angst über das Wagniß der Großmutter die gesamten Vice-Postverwalterinnen in ungeheure Aufregung versetzte und sie bald vor das Thor, bald an die Fenster trieb.

Desto rühriger saß die Großmutter auf ihrem Postillonsthron. Peitsche und Zügel waren in guter Hand, das spürten die Pferde und liefen darnach. Der Großmutter stieg aber auch der Schalk im noch immer frischen Herzen auf; sie blies durch jedes Dorf ein Stücklein aus ihrer lustigen Jugend. Das mag manchen alten Bauern in seinem Bett an seine schönste Zeit erinnert haben. Und weil dieser „Schwager“ keinen überflüssigen Durst hatte, folglich vor keinem Wirthshaus Halt machen mußte, so gelangte der Wagen rascher als je zur Stadt mit der nächsten Poststation.

Auch hier wußte die resolute Frau ihr Incognito zu wahren, nachdem sie noch eine „heimliche Freude“ erlebt hatte. Die Passagiere hatten nämlich nicht umhin gekonnt, dem braven Schwager für rasche Fahrt und schönes Blasen ein ansehnliches Trinkgeld in die Hand zu drücken. Das Lachen darüber, das sie verbeißen mußte, drückte ihr fast das Herz ab. Sie ersah den Augenblick, wo die „Herrschaften“ in das Postlocal eingetreten waren, vom Bock herabzukommen, schirrte eiligst ihre Pferde ab, der Eckstein am Straßeneck half ihr, sich in Fuhrmannsweise auf ihr Sattelpferd zu setzen – und fort ritt sie, ohne weitere Formalitäten zu beachten, wieder zum Thor hinaus und auf den Heimweg. Im Freien aber schüttelte der Uebermuth das verstopfte Lachen aus ihr heraus und sie klimperte seelenvergnügt mit den Geldstücken dazu, die sie sich als Postillon verdient hatte.

Um Mitternacht erlebte die Postverwalterei die Freude, die Großmutter von Fahrt und Ritt glücklich zurückkommen zu sehen. Und weil’s ihr so wohl gefallen hatte, ließ sie keinen der kirmestollen Postillone strafen, sondern war stolz auf ihr Wagestücklein ihr Lebenlang.

Jetzt sagt man: „Ja, das war sonst. Da gab’s auch andere Leute!“ Aber das ist nicht wahr. Wie manche stattliche Thüringerin habe ich schon gesehen in Städten und auf dem Land, bei deren Anblick ich freudig ausrief: „Das gäbe auch so eine richtige alte Postverwalterin!“
F. H.

Ein Wandelblatt des deutschen Triumphs. Die Kunst hat nicht gefeiert, als es galt, die Thaten unserer Tapferen im „letzten Krieg um den Rhein“ zu verherrlichen. Nachdem die Einzelthaten im Feld durch Tausende von Illustrationen dargestellt sind, zu denen sich immer noch eine lange Reihe von Nachzüglern gesellen wird, faßt der künstlerische Geist endlich die Summe aller Thaten und Triumphe zusammen und gruppirt das Hervorragendste und das Idealbild des Höchsten für das man rang, um das Vaterland. Wohl ein Dutzend solcher Wandblätter schmücken bereits die Bilderläden; aber keines derselben zieht so viel Augen auf sich, als das große Gedenkblatt, welches Professor Caspar Scheurern in Düsseldorf entworfen, Professor Sonderland auf Stein gezeichnet, die Firma C. Weilandt u. Comp. mit neunzehn Platten in lithographischem Buntdruck ausgeführt und die Buch- und Kunsthandlung von Victor v. Zabern in Mainz, verlegt hat.

Das Blatt hat eine Größe von vierundachtzig auf siebenundsechszig, die Zeichnung ohne Papierrand von vierundsechszig auf neunundvierzig Centimeter. Den Mittelpunkt der Composition bildet eine Germania mit Schild, Schwert und erhobenem Lorbeerkranz in einer Tempelnische mit der Bogeninschrift: „Das ganze Deutschland soll es sein.“ Auf zwei Erztafeln stehen die Siege und Eroberungen verzeichnet, darunter, neben den Tempelsäulen links das Straßburger Münster, rechts die Kathedrale von Metz, unter beiden zwei Geniengruppen, welche die Reichsinsignien und die Wappen von Elsaß und Lothringen herbeitragen. Als Fundament des ganzen Aufbaues erscheint das Kaisergewölbe des Kyffhäusers mit dem erwachenden Barbarossa und seinen Heerschaaren in der güldenen Aue. Ueber den Erztafeln der Siege links die Friedensgöttin mit Schwert und Oelzweig und über ihr das Reichsbanner mit dem eisernen Kreuz. Zu beiden Seiten in Arabeskenumrahmung die Bildnisse der höchsten fürstlichen Bundesgenossen des Kaisers, links Baiern, Würtemberg, Hessen, von schwarz-roth-goldenen, rechts Sachsen, Baden, Mecklenburg, von dem schwarz-weiß-rothen Wappenschild überragt. Unter dem Barbarossabilde die Medaillons von Moltke, Bismarck und Roon. Zuoberst, über der Germania-Tempelnische, das gekrönte Medaillon des Kaisers, links das des Kronprinzen, rechts das des Prinzen Friedrich Karl, und über dem Kaiser und dem Ganzen erhebt sich eine gothische Votivkirche, deren Glocken den Frieden einläuten.

Diese gedrängte Schilderung möge genügen, um auf die sinnige Arbeit des schaffenden Künstlers hinzudeuten, welcher die Ausführung und Ausstattung in jeder Beziehung entspricht.


[624] Süßer Dank. Sie haben, schreibt uns ein Freund der Gartenlaube aus Brüssel, schon so mancherlei Kriegserinnerungen ernsten und heitern Inhalts gebracht. Vielleicht haben Sie auch für die nachstehende Raum, die ich einem wackern Baiern, Joseph Waldeck aus Großostheim, verdanke. Derselbe lag hier in Brüssel verwundet im Lazareth; dort lernte ich ihn kennen und hörte aus seinem Munde die einfache Geschichte, die ich ihn auch am besten hier mit seinen eigenen Worten erzählen lasse:

„Wir hatten fünf Nächte bivouakirt und sollten nun unter Obdach schlafen. Ich und drei Cameraden waren in ein Haus gewiesen, das von ganz armen Leuten bewohnt war. Ich hatte mir vom langen Marsch die Füße wundgelaufen und konnte nicht so schnell gehen wie die Anderen, so daß ich später in’s Haus kam als sie. Wie ich in die Küche komme, sehe ich die Frau am Herd stehen und furchtbar weinen. Ich denke: ‚warum weint die nur so? wahrscheinlich, weil sie bange ist, so viel Soldaten zu sehen‘, und ich fange an mir die Stiefel auszuziehen. Da kommt ein Camerad und sagt: ‚Weißt Du, warum die so schrecklich weint? der R. hat ihr aus dem Schrank das Brod genommen – die Frau aber hat viele kleine Kinder und kein Brod mehr und darum weint sie so?‘

Da zog ich mir die Stiefel wieder an und bin fort zum R. und hab’ zu ihm gesagt: ‚Du, gieb mir das Brod wieder, das Du der armen Frau g’nommen hast‘ – und da er nit ’wollt, hab’ ich g’sagt: ‚Du giebst mir gleich das Brod, oder ich nehm’s Gewehr und schlag’ Dich auf’n Kopf?‘ Da hat er mir’s Brod gegeben, aber er hatte schon ein Stück davon verkauft. Jetzt mußt’ er mir auch’s Geld wiedergeben und ich bracht’ Brod und Geld der armen Frau zurück. Die war denn so schrecklich froh, hat immer auf’s Herz und den Mund gewiesen, und ich bin ’nauf auf die Kammer. Am andern Morgen haben wir fortg’müßt und wie ich mir’s Zeug umhänge, kommt die Frau g’laufen, springt mir um den Hals und giebt mir’n Kuß. Da hab’ ich g’lacht und hab’ g’sagt: ‚Na – wenn ich auch sonst nix ’kriegt hab’, so hab’ ich doch von a französischen Frau ’n Kuß kriegt.“


Der Jesuitismus und die Freimaurerei. Die ultramontanen Blätter in Baden, Baiern, Oesterreich, Preußen etc. scheinen Ordre zu haben, gegen den Freimaurerbund vorzugehen; sie überbieten sich allerwärts in den heftigsten Angriffen, den gehässigsten Ausfällen und den ungeheuerlichsten Anschuldigungen, denen gegenüber die päpstlichsten Bullen und die Angriffe des Bischofs Ketteler wie Schmeichelei klingen. Das „Linzer Volksblatt“ z. B. nennt den Freimaurerbund „einen höchst gefährlichen Spitzbubenbund zum gegenseitigen Schutze für Verbrecher“. Dieser Feldzugsplan der Jesuiten wird in Scene gesetzt in demselben Augenblick, wo die innere Reform des Bundes und die Hebung des Logenwesens einen ungestörten und stetigen Fortgang nimmt, wo in Ungarn die Freimaurerei sich des unerwartetsten Fortschreitens und rascher Ausbreitung erfreut, wo in Deutschland ein deutscher Großlogenbund unter dem Protectorate des Kaisers in der Gestaltung begriffen ist und an den bisherigen Hauptsitzen des Ultramontanismus, Augsburg, München, Bamberg, Würzburg, neue Logen eröffnet werden. Die Großloge von Italien hat bereits vor einigen Monaten ihren Sitz nach Rom verlegt, und nächstens wird eine italienische allgemeine Maurerversammlung unmittelbar unter den Augen des Unfehlbaren tagen.

Das sind allerdings bittere Pillen, welche ein jesuitischer Magen nur schwer verdauen kann! Dem Feldzuge der Ultramontanen gegenüber ist es erfreulich constatiren zu können, daß die gesammte liberale Presse, welche natürlich „in den Händen der Freimaurer ist und von geheimen Obern planmäßig geleitet wird“, tactvoll und gerecht genug ist, die Sache der Freiheit, der Sittlichkeit und der Humanität in Schutz zu nehmen. Dabei halten wir es aber freilich für passend, ausdrücklich zu bemerken, daß in der Redaction der Gartenlaube kein Mitglied derselben Freimaurer ist.


Zur deutschen „Karl-Wilhelm-Stiftung“. Die Erwartung, daß der Aufruf zu einer Dankes- und Ehrengabe für den Tondichter der „Wacht am Rhein“ allgemeinste Theilnahme finden würde, ist in Erfüllung gegangen. Nicht blos in den Kreisen des Volkes ist gesammelt, auch vom Throne herab ist das Herz des kranken Mannes durch Auszeichnungen und Ueberraschungen erfreut worden. Es ist ihm eine goldene Medaille und eine Dotation von hohen Händen zugekommen.

Dennoch geht der Wunsch der Unternehmer dieser Sammlung weiter: wir wünschen nicht nur, daß dem Tondichter der „Wacht am Rhein“ ein sorgenfreier Lebensabend bereitet, wir wünschen auch, daß ein Grundstock angelegt werde, aus dessen Zinsen auch nach Wilhelm noch recht viele vom Schicksale nicht begünstigte Meister der Töne in ähnlicher Weise bedacht werden könnten, eine Stiftung, die nach dem, dessen Ehre sie in’s Leben rief, für alle Zukunft benannt sein soll: eine Karl-Wilhelm-Stiftung!

Zur Erstrebung dieses Zieles, welches über die Sorge für die Befriedigung der Bedürfnisse des Augenblicks für den Gefeierten hinausgesteckt ist, sollten sich nun ganz besonders unsere mehr als zweitausend Singvereine und Liedertafeln berufen fühlen. Wir legen diesen Wunsch vor Allem dem deutschen Sängerbunde an das Herz! Möge er zu Aufführungen für diesen Zweck ermuntern! Die Gartenlaube aber wird auch diesmal bereit sein, aus den Kreisen ihrer Leser die Scherflein anzunehmen und zu quittiren, die man ihr einsenden wird.


Von der Saar. Am 30. August feierte der sogenannte „Saarbrücker Bibel- und Missionsverein“ sein diesjähriges Jahresfest in Neunkirchen. Bei der freien Versammlung am Nachmittage im Saale des Herrn Kausch lieferte der Festprediger, Herr Pfarrer H… von F…, einen Nachtrag zu seiner Festpredigt, der darin bestand, daß er der lieben Festversammlung noch einige Stückchen preisgab, welche die große Wirkung des Wortes Gottes illustriren sollten. So hörte denn die Versammlung unter Anderm folgende merkwürdige Historie: „Am 15. Juli 1870 saß Fürst Bismarck in seinem Cabinete und erhielt eine drohende, herausfordernde Depesche aus Paris. Nachdem er sie gelesen, ergriff er die Feder und antwortete in demselben Tone. Als er die Antwort beendet, welche, wäre sie nach Paris gelangt, die sofortige Kriegserklärung zur Folge gehabt hätte, griff er zufällig in seine Tasche und bekam das ‚Losungsbüchlein der Brüdergemeinde‘ in die Hand. Er dachte: du willst doch die Losung für den heutigen Tag noch einmal lesen, schlug auf und fand Matth. 5, 9: ‚Selig sind die Friedfertigen etc.‘ Dieses Wort ergriff ihn, er zerriß die geschriebene Depesche, warf sie in den Ofen (am 15. Juli in den Ofen!!) und schrieb flugs eine andere, friedlichere.“

Diese und ähnliche kostbare Anekdötchen würzte der Herr Redner durch den welterschütternden Satz: „Man muß sich freuen über solche Männer, die mehr Verstand haben als Andere, die ihre Weisheit aus der ‚Gartenlaube‘ und anderen naturwissenschaftlichen Schandblättern geschöpft haben!“

Jetzt wissen wir’s also und müssen mithelfen, der Welt die Nachricht zu verkündigen: die deutsche Politik wird nicht von Bismarck und dieser nicht von seinem eigenen Geiste geleitet, sondern das Losungsbüchlein der Brüdergemeinde ist das geheimnißvolle Orakel, welches das Thun und Lassen dieses großen Staatsmannes regelt!


Ueber Michael Pohl, nach welchem wir auf die Bitten seines alten Vaters in Nr. 29 der Gartenlaube eine Anfrage erlassen haben, erhalten wir einige Nachricht von einem ehemaligen amerikanischen Kriegscameraden desselben, Herrn Wilhelm Brin in Lüchow, welcher u. A. schreibt: „Michael Pohl war in den Jahren 1861 bis 1863 mein Nebenmann im siebenten Stuben-Regiment, siebente Compagnie. Bei Fredericksburg an der Schulter verwundet, aber bald wieder curirt, kehrte er im Juni 1863 mit mir nach Newyork zurück. Er sagte mir, daß er in Brasilien gewesen und Schmied, daß ihm aber diese Beschäftigung zu schwer sei und er sich eine leichtere suchen wolle; nach Deutschland, wohin ich damals abfuhr, wollte er nicht mit. Ich sah ihn also damals zum letzten Mal und kann nur wünschen, daß diese Notiz dazu verhelfen möge, dem alten Vater seinen letzten Wunsch noch zu erfüllen.“



Für die Verwundeten und die Frauen und Kinder unserer unbemittelten Wehrleute

gingen noch ein: C. Hell in Wien 10 Thlr.; Stellwagen-Tisch im Neuen Gesellschaftshause in Regensburg 100 fl.; Entschädigung für den Nachdruck eines Gartenlauben-Artikels 10 Thlr.; durch Karl Minde 1 Thlr. 22½ Ngr.; gesammelt durch A. Grunsfeld auf einer Kindtaufe in Weißensee 4 Thlr. 18 Ngr.; Ertrag eines Opfertellers bei der Friedensfeier in Mainz 34 fl. 55 kr. und Beitrag aus dem Frauen-Verein der deutschkatholischen Gemeinde 25 fl., zusammen 34 Thlr. 7 Ngr. 1 Pf. durch den Prediger Hieronymi; zweiter Beitrag der Gesellschaft „Germania“ in Gent 42 Thlr.; C. in Siegen 3 Thlr.; aus Seehausen 1 Thlr.; vom Landwirth Palm in Odessa 5 Thlr.; C. K. in Wittmann 18 Ngr.; am Tage der Heimkehr ihres Mannes sendet eine Glückliche in Posen 5 Thlr.; H. H. in Elberfeld 30 Thlr.; R. L. in N. (durch Kymmel in Riga) 4 Thlr. 15 Ngr.; I. Lpe. 26 Ngr. 8 Pf.; Fr. E. M. 1 Thlr. 7½ Ngr.; E. M., ein deutscher Arbeiter in Rotterdam 5 Thlr.; eine kleine deutsche Tischgesellschaft in Vevey 3 Thlr. 7 Ngr.; Ueberschuß einer Tischstrafgeldercasse in La Fère 3 Francs; Finderlohn 1 Thlr. 1 Ngr.; eine junge Patriotin in Bremen 5 Thlr.; Ertrag einer Wette von Wolfssohn in Gleiwitz 1 Thlr.; Gust. Rothemann in Alexandrofskie 6 Rubel; Finderlohn für einen Goldschmuck von R. Reichelt in Gera 1 Thlr.; H. H. im Namen seines kleinen Sohnes 1 Thlr.; Möbius in Grünberg (Hessen) 7 Thlr. 28 Ngr.; A. Daler in Karlsruhe 2 Thlr. 20 Ngr.; aus der Weihnachtsfeier der Gesellschaft deutscher Studirender in Zürich 145 Thlr. 24 Ngr. 7 Pf.; Ertrag einer Verloosung von Handarbeiten meiner Schülerinnen, durch Schulvorsteherin Minna Riedel in Myslowitz 175 Thlr.; gesammelt im engeren Familienkreise von F. Schulz in Moskau 6 Halbimperial; Ertrag einer Schrift „Sedaner Siegesfeier“ und einer Sammlung in den Dörfern Ragewitz, Pöhsig, Zaschwitz und Haubitz 36 Thlr. 23½ Ngr.; M. Z. in Plauen 2 Thlr.; Richard und Max Keller in St. Louis (Senegal) 150 Fr. oder 39 Thlr. 15 Ngr.; H.H. in Loschwitz (1 Preuß. 4½ % Anleihe) 98 Thlr. 24 Ngr.; aus Greifswald: Dankesopfer einer Schwester für die glückliche Heimkehr ihres Bruders 2 Thlr.; Frau A. Behn in Frankfurt a. M. 20 fl.; durch Kirchhoff in St. Johann-Saarbrücken, 1 Thlr. 8 Ngr.; Ertrag einer Friedensfeier in Rock Island (Illinois) durch A. Huesing 81 Thlr.; Ertrag einer Friedensfeier in Borno (Chile) durch H. Wiederhold Mark Beo. 575; Ertrag eines Festes in Cape Gerardeau (Missouri) für die Wittwen und Waisen 284 Thlr. 3 Ngr.

Aus Oesterreich gingen noch ein: J. Schwarz in Linz 5 fl.; sechs brave Schüler des Gymnasiums in Znaim 11 fl.; Turnlehrer R. beim Kaffee ersparter Zucker 4 fl. 72 kr. und Rest früherer Sammlung der deutschen Turner in Prag 2 fl. 28 kr., zusammen 7 fl.; gesammelt bei der Gustav-Adolf-Versammlung in Waldhütten 11 fl. 40 kr.; Mor. Lüdersdorf in Tetschen 5 fl.; K. K. in Graz 32 fl.; Sammlung des Hermannstädter Volksschullehrer-Bezirkvereins für die Hinterlassenen gefallener deutscher Lehrer-Krieger 59 fl. und 1 Ducaten; Restbetrag einer Sammlung des ersten Wiener Turnvereins 11 fl.

Gesammtbetrag sämmtlicher Eingänge 32,757 Thlr. 12 Ngr. 8 Pf.
Ich schließe hiermit gleichzeitig die Sammlung und werde in einer der nächsten Nummern ausführlichen Bericht über die Verwendung der Gelder geben.
Ernst Keil.



Verantwortlicher Redacteur Ernst Keil in Leipzig. – Verlag von Ernst Keil in Leipzig. – Druck von Alexander Wiede in Leipzig.

  1. Vorlage: wußte

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: Costnitz