Die Gartenlaube (1871)/Heft 38

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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum: 1871
Erscheinungsdatum: 1871
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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No. 38.   1871.
Die Gartenlaube.

Illustrirtes Familienblatt. – Herausgeber Ernst Keil.

Wöchentlich bis 2 Bogen.    Vierteljährlich 15 Ngr. – In Heften à 5 Ngr.



Das Haideprinzeßchen.

Von E. Marlitt.
(Fortsetzung.)


Charlotte hatte uns jedenfalls durch den Hof gehen sehen. Sie kam die Treppe herab und begrüßte uns in der Hausflur. Ich konnte den Blick nicht von ihr wegwenden. Ein Spitzenhäubchen, klar und durchsichtig wie Spinnweben, hing nachlässig hingeworfen auf dem dunkelglänzenden Scheitel und legte sich verklärend um das schöne, wenn auch für ein junges, weibliches Gesicht etwas zu große und volle Oval der Wangen. In lockeren Falten floß ein helles Morgenkleid um die hoch aufgebaute Gestalt; nur ein schmaler Gürtel bezeichnete in weitgeschwungenen Contouren die durchaus nicht beengte, kräftig gebaute Taille.

„Will Haideprinzeßchen zu mir?“ fragte sie freundlich und ergriff ohne Weiteres meine Hand.

„Nachher auch zu Ihnen, Fräulein; aber erst müssen wir Fräulein Fliedner sprechen,“ sagte Ilse. Auch ihre Augen hingen wohlgefällig an der schönen Erscheinung – ja, das Große und Starke, davor hatte sie doch auch Respect; jedenfalls schmückte sie solch einen großen Kopf auf breiten Schultern auch stets mit ihrem eigenen starken Willen aus. … Ich selber kam mir neben den zwei stämmigen Frauengestalten so verkürzt, so grenzenlos unwichtig vor wie etwa eine zwischen zwei Eichen hingewehte Flaumfeder.

Charlotte schüttelte bei Ilse’s unverblümter Antwort lachend den Kopf und öffnete eine Thür. … Gott sei Dank, die Dame, die sich bei unserm Eintreten in einer der tiefen Fensternischen erhob, sie war wenigstens nicht so groß wie meine zwei Flügelmänner! Fräulein Fliedner sah in ihrem seidenen Kleide und weißen Häubchen und mit der feinen goldenen Uhrkette am Gürtel wieder ebenso appetitlich und zart, so vornehm aus wie gestern Morgen in der Hausflur und kam uns mit einem freundlichen Lächeln entgegen.

Ich versank sofort neben Ilse in den dicken kattunüberzogenen Federkissen eines altfränkischen Sophas, während Charlotte sich in einen Lehnstuhl warf, den kläffenden Pinscher, der eben ein Stück aus meinem kostbaren Kleide zu reißen gesucht hatte, ohne Umstände am Genick auf ihren Schooß zerrte und ihm eine Strafpredigt hielt.

Ilse schilderte ohne lange Präliminarien in den knappesten Umrissen mein bisheriges Leben. Mein Kopf voll Unsinn, meine braunen Hände, die nicht stricken wollten, und der unbezähmbare Trieb, barfuß zu laufen, das waren die schauderhaften Grundzüge des Portraits, welche die zweijährige Bildungszeit verwischen sollte. … Ich saß lammstill dabei und sah in den gegenüberstehenden Glasschrank nach der großen häßlichen Porcellanfigur drinnen, die zu Ilse’s kerniger Rede mit ernsthaftem Gesicht ein schweigendes „Ja, ja, das muß anders werden!“ unermüdlich nickte. Dann zählte ich die endlosen Schlüsselreihen an der Wand – Himmel, diese schreckliche Menge großer und kleiner Schlüssel hatte Fräulein Fliedner auch in ihrem kleinen zierlichen Kopf und mußte wissen, was jeder verschloß! Mir wurde angst und bange vor dem Hause, das so unzähligemal hinter Schloß und Riegel lag – ach, mein lieber, lustiger Dierkhof mit seinem allereinzigen Hausschlüssel, der oft Nachts nicht einmal umgedreht wurde!

„Gern, herzlich gern will ich das kleine Fräulein von Sassen unter meine Flügel nehmen,“ sagte die alte Dame, als Ilse geendet und dabei den Blechkasten mit den Papieren auf den Tisch gestellt hatte. „Aber es muß dabei Manches, vorzüglich die Geldangelegenheit, in ernste Erwägung gezogen werden. Ich bin der unmaßgeblichen Meinung, daß Sie auch Herrn Claudius um seinen Rath bitten –“

„Um Gotteswillen nur heute nicht, liebe Fliedner!“ unterbrach sie Charlotte lebhaft. „Onkel Erich hat seine Arbeitsmarotte schlimmer als je – er hätte eben um ein Haar einen unglücklichen Handwerksburschen gepreßt, der war aber so schlau, zu entwischen. … Er ist im Stande und steckt das arme Ding da ’nüber in die Hinterstube und läßt es sein Lebenlang Todtenkränze aus getrockneten Blumen binden!“

Ich sah ihr starr vor Schrecken in’s Gesicht.

„Ja, ja, sehen Sie mich nur an, Kleine!“ sagte sie und betrachtete ihre großen, weißen, schöngepflegten Finger. „Für diese zehn unglücklichen Geschöpfe hier zittere ich beständig, daß sie eines schönen Tages confiscirt und in der Hinterstube angestellt werden!“

„Nun, Sie dürfen sich doch wahrhaftig nicht beklagen, Charlotte,“ meinte Fräulein Fliedner bei aller Milde doch ein wenig scharf.

Ilse machte ein bedenklich langes Gesicht. Bei aller scheinbar rücksichtslosen Strenge hatte sie mich doch viel zu lieb, als daß sie den Gedanken, mich unglücklich in der fremden Stadt zurückzulassen, ertragen hätte. … Ja, sie malte meine Unwissenheit und Ungeschicklichkeit in den schwärzesten Farben; aber sie mußte sich auch sagen, daß sie selbst viel Schuld trug – sie hatte nie die Kraft gefunden, mich zur Arbeit zu zwingen und meinen Hang zum ungebundenen Umherschweifen zu unterdrücken.

[626] „Seien Sie ganz ruhig,“ sagte Fräulein Fliedner lächelnd zu ihr. „Fräulein Claudius liebt es manchmal, in Uebertreibungen zu sprechen. Der Herr ist streng, aber nicht tactlos. Sie können getrost mit ihm reden.“

„Nun, wenn Sie meinen,“ entgegnete Ilse sichtlich erleichtert. „Ich weiß nicht warum, aber ich habe Vertrauen zu dem Mann. Was er für ein Gesicht hat, weiß ich freilich nicht – er stand draußen im Hofe mit dem Rücken nach mir zu – aber die Kleine hat ihn vor vier Wochen in der Haide gesehen und sagt, er sei ein alter, uralter Herr, und da muß er doch Erfahrungen haben und die Welt kennen.“

Charlotte fuhr mit beiden Armen in die Luft und schüttelte sich vor Lachen.

„Onkel Erich wird sich bei Ihnen bedanken, Durchlauchtigstes Haideprinzeßchen!“ rief sie, und auch Fräulein Fliedner sah mich schalkhaft an.

„Nehmen Sie nur Ihren Kasten und kommen Sie mit!“ sagte sie zu Ilse. Sie warf eine Mantille über die Schultern, zupfte die weißen Manschetten am Handgelenk zurecht und fuhr mit beiden Händen über den tadellos glatten, graumelirten Scheitel.

„Da muß ich auch dabei sein!“ rief Charlotte aufspringend und warf den Pinscher in seinen Polsterkorb.

„Im Morgenanzug?“ fragte Fräulein Fliedner mit großen Augen.

„Ach was, ist er denn nicht schön und frisch?“ rief Charlotte leichthin, indem sie sich vor dem Spiegel das Spitzenhäubchen tiefer in die Stirn zog.

Die alte Dame zuckte die Achseln und ließ uns wieder hinaustreten in die dämmernde Hausflur. Sie öffnete geräuschlos eine am entgegengesetzten Ende der Halle liegende Thür.



13.

Ich wäre am liebsten gleich auf der Schwelle umgekehrt und in den Hof gelaufen, um mich zu überzeugen, daß draußen die Julisonne wirklich noch am wolkenlosen Morgenhimmel brenne. … Ach, wie düster und kalt war es hinter diesen vergitterten Fenstern! Von der gegenüberliegenden Straßenseite leuchtete freilich eine helle Hausfront herein, allein diese hartgrelle Fläche ließ die Schatten, die um die steingewölbte Decke und die braunen Ledertapeten webten, nur um so greifbarer dunkel erscheinen. Mit jedem Athemzug schluckte die Lunge eine dumpfe, dicke Luft, in der alle Blumen der Welt gestorben und eingetrocknet zu sein schienen.

An einer langen Tafel stand der alte Buchhalter. Er hatte graue Leinwandärmel über seine Arme gezogen und wühlte sortirend in einem Haufen kleiner Papierpakete; um ihn her waren mehrere Leute beschäftigt.

„Guten Tag, Herr Eckhof!“ sagte Charlotte und reichte ihm im Vorübergehen in burschikoser Weise, wie etwa ein Student dem anderen, die Hand. Er grüßte freundlich zurück – vor Fräulein Fliedner dagegen neigte er sich genau so steif und gefroren wie vor meinem Vater.

Wir durchschritten das große, saalartige Zimmer und traten in einen daranstoßenden Raum. Es war nur ein Herr anwesend, obgleich mehrere Schreibpulte die Fensterwand entlang standen.

Der Herr saß so, daß er das ganze Zimmer und auch die Thür übersehen konnte, durch die wir eintraten. Bei unserem Erscheinen hob er den Kopf, dann stand er auf, ein wenig frappirt, wie es schien, und verließ den Fenstertritt, auf welchem sein Schreibtisch stand. … Er hatte ein schmales, edles, etwas blasses Gesicht.

Charlotte eilte, uns voraus, auf ihn zu.

„In der Morgenhaube, Charlotte?“ fragte er, und ein großes, blaues, feuriges Augenpaar heftete sich befremdet auf das Gesicht der jungen Dame. Das lebhafte Roth ihrer Wangen färbte sich tiefer und lief bis unter das Stirnhaar hinauf.

„Ach Onkel, Du bist ja allein,“ sagte sie bittend und ließ ihre Augen noch einmal flink durch das Zimmer schweifen. „Nimm es diesmal nicht so streng mit den Hausregeln – ich muß dabei sein, wenn Du eine interessante Bekanntschaft machst.“

Ich hatte mich längst hinter Ilse geflüchtet.

„Das ist der Herr nicht, der mir die Thaler gegeben hat,“ flüsterte ich ängstlich.

Charlottens scharfes Ohr hatte die Worte aufgefangen.

„Onkel,“ sagte sie, wie ein Kobold in sich hineinlachend, „vor vier Wochen hat Dich eine junge Dame in der Lüneburger Haide gesehen und will nun zu dem ‚alten, uralten Herrn Claudius‘ –“

„Ach, das ist ja schließlich ganz egal, ob es der Herr ist, oder nicht, den die Kleine gesehen hat,“ fiel Ilse resolut ein. „Ich will mit Herrn Claudius sprechen, und der sind Sie doch?“

Er neigte mit dem schwachen Anflug eines Lächelns um seine Lippen den Kopf.

Und nun begann Ilse abermals ihren Bericht. Sie mußte ihn eingelernt haben, wie der Pfarrer seine Predigt, denn er schnurrte und rollte ohne Unterbrechung genau in der Reihenfolge herab, wie Fräulein Fliedner gegenüber.

Währenddem steckte ich hinter den Damen und betrachtete mir den Herrn genauer. Er hatte die schlanke, feingebaute Gestalt des alten Herrn im braunen Hut und auch seine Stimme, aber das war ja unmöglich dessen Kopf. Ueber der jugendlich glatten Stirn lag ein Streifen dicker, aschblonder Haarwellen und Ringel, die allerdings im schrägeinfallenden Licht einen intensiven Silberschein annahmen. Auffallend erschienen unter diesem mattglänzenden Haar die dunklen Brauen. Fest und kühn die blauen Augen überwölbend, gaben sie dem blassen, vornehmen, wenn auch nicht gerade schöngebildeten Gesicht einen Zug von Kraft. … Ich sah, wie sich allmählich eine kleine Falte zwischen ihnen vertiefte – Ilse’s Vortrag mißfiel ihm offenbar, er hatte nicht die mindeste Lust, sich mit der Sache zu befassen, hie und da warf er einen Seitenblick auf den neben ihm liegenden, aufgeschlagenen Folianten; man sah, es war ihm fatal, gestört worden zu sein, wenn er sich auch höflicher Weise Mühe gab, eine aufmerksame Haltung zu zeigen.

„Ich kann Ihnen nur rathen,“ sagte er kühl, als Ilse eine Pause machte, um Athem zu schöpfen, „die junge Dame so bald wie möglich in einem Institut unterzubringen –“

„Nein, Onkel!“ unterbrach ihn Charlotte. „Es wäre grausam, das junge, scheue Geschöpfchen, das bis jetzt die ungebundenste Freiheit genossen hat, in diese Maschinen, diese Schablonen zu pressen! Das Leben im Institut ist schrecklich! –“

„Es ist schrecklich, Charlotte?“ wiederhole er tief betroffen. „Und Du hast beinahe Dein ganzes bisheriges Leben im Institut verbracht! … Warum hast Du nie gesprochen?“

Sie zuckte die Achseln. „Was hätte mir denn meine Klage genützt?“ klang es ziemlich bitter von ihren Lippen.

Er sah sie streng und durchdringend an, sagte aber kein Wort mehr. In diesem Augenblick wurde die Thür aufgemacht; der alte Buchhalter trat ein, und ihm folgte ein hochgewachsener, sehr schöner, junger Mann. Der Letztere erschrak sichtlich über die Anwesenheit der Damen und wollte sich wieder zurückziehen.

„Kommen Sie nur herein!“ rief Herr Claudius. Seine Augenbrauen falteten sich ein wenig; er zog seine Uhr und hielt sie dem Eingetretenen hin.

„Es ist sehr spät, Herr Helldorf,“ sagte er kalt.

Charlotte hatte den Gruß des jungen Mannes mit einem vornehm gleichgültigen Kopfnicken erwidert; bei den Worten ihres Onkels aber wurde sie feuerroth, und ein Zornblick streifte dessen Gesicht.

„Verzeihen Sie, Herr Claudius; ein Kind meines Bruders erkrankte vor einigen Stunden sehr heftig,“ entschuldigte sich der junge Mann mit leichtbebender Stimme und nahm Platz an seinem Schreibpult.

„Das thut mir leid – ist Gefahr vorhanden?“

„Gott sei Dank, sie ist vorüber!“

Herr Claudius wandte sich wieder zu Ilse. „Ich weiß in der That nicht, wie ich mich in der Angelegenheit nützlich machen kann,“ sagte er. „Herrn von Sassen darf man doch bei seinem Beruf und seiner ganzen Lebensweise unmöglich zumuthen, den Bildungsgang eines – wie Sie selbst sagen – ziemlich verwilderten jungen Mädchens zu leiten –“

„Das möchte ich schon gern übernehmen!“ fiel Fräulein Fliedner ein.

„Und ich auch,“ sagte Charlotte rasch.

„Es handelt sich hauptsächlich um die Verwaltung des kleinen großmütterlichen Vermögens, das Fräulein von Sassen zugefallen ist,“ setzte die alte Dame hinzu.

[627] „Nun das, sollte ich meinen, könnte doch ihr Vater in die Hand nehmen.“

„Er will absolut nicht,“ sagte Ilse rasch. „Und das ist mir auch gar sehr lieb, von wegen“ – sie schwieg einen Augenblick wie verlegen um die passende Form – „na, von wegen der zerbrochenen Steinbilder und Scherben, die er immer kauft,“ fügte sie rasch entschlossen hinzu.

Sie stellte den Blechkasten auf einen Tisch und schloß ihn auf. Herr Claudius griff hinein und durchlief die Documente.

„Es sind viel verfallene Coupons dabei; aber die Papiere sind gut,“ sagte er und legte sie wieder in den Kasten. „Also ich soll das Geld verwalten? … Wollen Sie, daß die Zinsen zu dem Capital geschlagen werden?“

„Ach ja, sparen Sie, soviel wie möglich!“ versetzte Ilse. „Aber freilich, der Herr Doctor ist gar sehr vergessen, und da wird es wohl gut sein, wenn die Kleine manchmal selbst ein paar Groschen in die Hand bekömmt, damit sie sich helfen kann.“

„Wo ist die junge Dame?“

„Aber so lassen Sie sich doch auch einmal sehen!“ sagte Charlotte zu mir. Ehe ich mich dessen versah, hatte sie mir den Hut vom Kopfe genommen, strich mir mit den Händen glättend über das wilde Haar und schob mich an den Schultern hin, so ungefähr, wie ein Kind, das seine eingelernten Geburtstagsverse hersagen soll. Diesmal trat ich vollkommen unbefangen hin. Vor dem Mann mit der trockenen, ruhigen Geschäftsmiene fühlte ich nicht die mindeste Scheu – ich sah so arglos zu ihm auf, wie ich den alten Herrn in der Haide gesehen hatte. Ich glaube, ich hätte den Muth gefunden, ihm entschieden zu widersprechen, wenn er von seinen Todtenkränzen aus getrockneten Blumen angefangen.

In dem Moment, wo sich unsere Augen begegneten, sah ich auch das Wiedererkennen in den seinen – er war doch der Herr mit der blauen Brille.

„Ach sieh’ da! Das seltsame, kleine Mädchen, das noch nie Geld gesehen hatte!“ sagte er überrascht.

„Ja, Onkel, das Haideprinzeßchen, wie Dagobert sagt – die kleine, freie Haidelerche, die Euch Euer Geld vor die Füße geworfen hat und sich nicht so ohne Weiteres in den Vogelbauer stecken läßt!“ rief Charlotte lachend. „Nun, Kleine, machen Sie doch Ihre Reverenz vor dem alten Herrn!“

Es lief fein röthlich über das Gesicht des Herrn Claudius hin.

„Keine Possen, Charlotte!“ sagte er so ernst und streng, wie er Dagobert in der unglückseligen Schuhaffaire zurechtgewiesen hatte.

„Sind Sie damit einverstanden, daß das Geld in meine Hände niedergelegt wird?“ fragte er mich freundlich.

Es erschien mir so wunderlich, zum ersten Mal in meinem Leben ernstlich über einen Besitz verfügen zu sollen, daß ich lachen mußte. „Gehört es mir denn wirklich?“ fragte ich.

„I nu freilich – wem denn sonst?“ sagte Ilse ärgerlich.

„Es gehört mir so, wie meine Hand da, oder wie meine Augen – ich kann eben damit thun, was ich will?“ fragte ich beharrlich, aber auch fast athemlos vor Spannung weiter.

„Nein, so unumschränkt dürfen Sie augenblicklich noch nicht darüber verfügen,“ sagte Herr Claudius – er hatte wieder den milden, weichen Ton, wie in der Haide. „Sie sind noch viel zu jung. … Wenn ich die Papiere, behufs der Verwaltung, übernehme, dann müssen Sie mir auch über jede Summe, die Sie von mir einfordern, Rechenschaft ablegen.“

„Ach, dann ist’s nichts,“ sagte ich niedergeschlagen und traurig.

„Haben Sie einen speciellen Wunsch?“ Er bog sich nieder und sah mich fragend an.

„Ja, Herr Claudius, aber ich will ihn lieber nicht sagen – Sie erfüllen ihn doch nicht.“

„So – hm, woraus schließen Sie denn das?“ fragte er gelassen.

„Weil ich vorhin gesehen habe, daß Sie den armen Handwerksburschen ohne Almosen fortschickten,“ antwortete ich muthig.

„Ach so, Sie wollen Jemand unterstützen.“ Er blieb völlig unbewegt, mein indirecter Vorwurf hatte ihm nicht den mindesten Eindruck gemacht.

„Aber was fällt denn der Kleinen ein?“ rief Ilse ganz erstaunt. „Wen willst Du denn unterstützen, Kind? Du kennst ja auf der Gotteswelt Niemand!“

„Ilse, Du weißt es,“ sagte ich bittend. „Du weißt recht gut, wer jetzt in Noth ist und vielleicht jede Stunde zählt, bis Geld aus Hannover kommt –“

„Höre, Lenore, wenn Du mir damit kommst, da hat Alles ein Ende,“ unterbrach sie mich. Sie war so zornig, wie ich sie noch nie gesehen. „Ein für allemal, nicht ein Groschen wird hingegeben!“

„Nun, dann behaltet Euer Geld!“ rief ich heftig, während die hervorquellenden Thränen meine Augen verdunkelten. „Ich nehme aber auch nie einen Groschen davon – niemals, darauf kannst Du Dich verlassen, Ilse! … Lieber will ich in der Hinterstube Todtenkränze und Bouquets für Herrn Claudius binden!“

Er sah mich an. „Wer hat Ihnen denn schon von dieser Hinterstube erzählt?“

Meine Augen huschten unwillkürlich zu Charlotte hinüber. Sie erröthete und lachte.

„Charlotte hat gescherzt, Herr Claudius!“ sagte Fräulein Fliedner mild entschuldigend. Als mir die Thränen hervorbrachen hatte die alte Dame sofort ihren Arm um meine Schultern gelegt und mich an sich herangezogen. Ilse dagegen erbitterte mein „kindisches Wesen“ immer mehr. Sie legte ihre große, hartgearbeitete Hand schwer und dröhnend auf den Deckel des Blechkastens, als solle er damit gefeit und verschlossen werden für jeden unbefugten Eingriff.

„Herr Claudius, leiden Sie es ja niemals, daß Lenore Geld fortschickt!“ warnte sie dringend. „Ich sage Ihnen, thut sie es einmal, nachher ist auch schon ihr bischen Ererbtes so gut wie verloren! … Ich kann Ihnen das nicht so auseinandersetzen, – es ist eben eine schlimme Familiengeschichte, die begraben bleiben muß … o Herr Jesus, daß Einen solch ein junger Mund auch zwingt, so Etwas vor Anderen auszukramen! … Kurz und gut, es handelt sich um eine Verwandte, die Schande auf Schande über das Haus gebracht hat, die ausgestoßen ist –“

„Kennen Sie diese Anverwandte?“ fragte Herr Claudius, sich an mich wendend.

„Nein – ich habe sie nie gesehen und weiß erst seit vier Wochen, daß sie lebt –“

„Sie bittet um eine Unterstützung?“

„Ja, in einem Brief an meine todte Großmutter. … Aber Niemand will ihr Etwas geben. … Sie ist unter die Komödianten gegangen, sagt Ilse, und ist eine Sängerin –“

Ein heißes Erröthen schoß über das Gesicht des Mannes – er schlug den Folianten neben sich zu.

„Aber sie hat ihre Stimme verloren, ihre wunderschöne Stimme!“ fuhr ich fort und suchte angstvoll und bittend seine Augen – er wandte sie weg. „Wie schrecklich muß es sein, wenn man singen will, und die Töne versagen! … Ilse, Du bist doch so gut, wie kannst Du es nur über das Herz bringen, nicht zu helfen, wenn Jemand in Noth ist!“

„Wie viel beträgt die Summe, die Sie verlangen?“ schnitt Herr Claudius mit seiner ruhig milden Stimme meine leidenschaftlichen Bitten ab.

„Einige hundert Thaler,“ versetzte ich muthig.

Ilse schlug die Hände über dem Kopf zusammen.

„Sie haben offenbar keinen Begriff, wie viel Geld das ist,“ sagte er.

Ich schüttelte den Kopf. „Mag es doch sein, so viel es will. Ich gebe es freudig hin – wenn sie nur ihre Stimme wieder bekommt!“

„Ja, das glaube ich!“ lachte Ilse ingrimmig auf. „Solch ein Kindskopf handelt eben in’s Tageslicht hinein und fragt viel danach, was daraus folgt!“

„Ich will Ihnen das Geld geben,“ sagte Herr Claudius zu mir.

Ilse schrie förmlich auf.

„Seien Sie doch ruhig. Ich werde Sorge tragen, daß Fräulein von Sassen kein Verlust daraus erwächst – ich stehe dafür ein!“ Er griff in eine neben dem Schreibtisch stehende Cassette und legte mir vier Banknoten hin. Dann warf er mit flüchtiger Feder einige Worte auf einen Briefbogen „Haben Sie die Güte, diese Quittung zu unterschreiben.“ Er reichte mir seine Feder hin.

„Das muß Ilse thun – ich schreibe zu schlecht,“ sagte ich unbefangen.

[628] Ein verstohlenes Lächeln huschte durch seine Züge. „Das wäre nicht geschäftsmäßig,“ sagte er. „Wenn ich Ihnen das Capital gebe, dann genügt die Unterschrift der Frau Ilse nicht. … Ihren Namen werden Sie doch schreiben können?“ –

„O ja; aber Sie werden sehen, es sind schauderhafte Krakelfüße.“

Ich stieg auf die Estrade, setzte mich auf den gepolsterten Drehstuhl, den er mir zurechtschob, und sah vergnügt auf Fräulein Fliedner und Charlotte herunter, die Beide lachten. Wie lächerlich mochte aber auch die schmächtige Mädchengestalt mit der unförmlichen Rathsherrnkrause und den wilden Locken aussehen auf dem ehrwürdigen Comptoirstuhl, vor dem dicken, ernsthaften Folianten, über den sie kaum ihre kleine Nase zu erheben vermochte! … Ich lachte mit, und wie leicht kam mir das vom Herzen! Ich war ja so glücklich, daß ich das Geld für meine Tante erkämpft hatte.

Herr Claudius stützte seinen Arm auf den Schreibtisch, so daß seine Gestalt mich völlig von den Anderen schied. Ich ergriff die Feder und begann ein L zu malen.

„Das geht aber nicht,“ sagte ich und hielt inne, als ich bemerkte, daß er mich ansah. „Auf meine Hände dürfen Sie nicht sehen.“

„So, ist das verboten? Darf man fragen, weshalb?“

„Ei, sehen Sie das nicht selber? Weil sie so braun und abscheulich sind,“ sagte ich unumwunden und ein wenig geärgert darüber, daß er mich zwang, es auch noch selbst auszusprechen.

Er bog lächelnd den Kopf weg, und ich begann eifrig weiter zu schreiben – es gehörten doch aber auch gar zu viel Buchstaben zu dem Namen!

Da ging die Thür auf und der junge Herr trat eilig herein. Die feuerfarbene Nelke sprühte zu mir herüber, wie ein Gluthball – ich ließ die Feder fallen und legte die Hand über die Augen; mir war, als drehe sich die ganze Welt vor mir im Kreise.

„Onkel,“ rief er hastig, „ich bin mit dem Grafen Zell einig über den Preis – nur fünf Louisd’or mehr, als Du angenommen. … Ist Dir’s recht? Und willst Du Darling nicht einmal ansehen? Ich habe ihn in den Hof bringen lassen.“

„Herr Helldorf hat Dich gegrüßt, Dagobert,“ sagte Herr Claudius statt aller Antwort und zeigte auf den jungen Commis.

Dagobert neigte den Kopf flüchtig dankend hinüber und trat, sichtlich erstaunt und ergötzt über meine Situation am Schreibtisch, näher heran.

„Himmel, Dagobert, eine sentimentale Nelke im Knopfloch?“ rief Charlotte und schlug in die Hände. „Wie kommt denn die zu der Ehre?“

Dagobert lächelte verständnißvoll und schalkhaft zu mir hinüber. Ilse fing den Blick auf, der Allen auffallen mußte.

„Ach, thun Sie doch nicht, als wenn Ihnen die Kleine da oben die Blume geschenkt hätte!“ sagte sie trocken. „Er hat das arme Ding mit seinem Stock vor unseren Augen geköpft und läßt es nun auch noch in seinem Knopfloch elend umkommen,“ wandte sie sich erklärend, zum allgemeinen Ergötzen, an die Umstehenden.

Der junge Herr zuckte, in das Gelächter einstimmend, die Achseln.

„Aber wie ist’s denn nun, Onkel Erich, darf ich Dich bitten? Willst Du nicht mitkommen?“ fragte er, indem er die Sache auf sich beruhen ließ.

„Geduld – erst muß ein Geldgeschäft erledigt werden,“ sagte Herr Claudius. „Nun?“ wandte er sich wieder zu mir und nahm seine frühere Stellung ein.

Die Feder lag noch auf der Quittung, ich hatte jetzt beide Hände über das Gesicht gelegt, denn ich fühlte, daß es glühendroth sein müsse.

„Ich kann nicht,“ flüsterte ich.

„Gehe hinaus, Dagobert, damit kein Unfug im Hofe geschieht,“ gebot er. „Ich komme in wenig Augenblicken.“

Der junge Herr verließ das Zimmer.

„So, nun schreiben Sie,“ sagte Herr Claudius beschwichtigend zu mir und heftete seine blauen Augen durchdringend, aber freundlich auf meine heißen Wangen.

Ich vollendete die letzten Züge und schob ihm das Blatt hin. Zugleich griff ich nach seiner Hand; es geschah zum ersten Mal in meinem Leben einem Fremden gegenüber. „Ich danke Ihnen!“ sagte ich aus vollem Herzen.

„Wofür denn?“ fragte er in gütigem Ton zurück, Hand und Dank ablehnend. „Wir sind einfach in Geschäftsverbindung getreten, und dafür dankt man nicht.“

Ich stieg vom Fenstertritt herunter und legte meine Arme um Ilse’s Hals – ihr finsteres Gesicht ängstigte mich über die Maßen. „Ilse, sei gut,“ bat ich. „Das mußte sein. Siehst Du, nun kann ich auch wieder ruhig einschlafen.“

„Ja, ja, die Ilse ist nun auf die Seite geschoben und hat nichts mehr zu sagen,“ versetzte sie, aber sie wies mich nicht zurück. „Also das mußte sein. Nun meinetwegen – ich wasche meine Hände. … In der Haide konntest Du vor einem fremden Gesicht nicht drei zählen, und nun auf einmal, wo es gilt, Deinen Kopf durchzusetzen, und wo Du merkst, daß Du Andere auf Deiner Seite hast, da kannst Du schwatzen und lärmen wie eine Elster und hast Backen so heiß, wie die Bratäpfel. … Zum Segen fällt Dir die Geschichte nicht aus – denk’ an mich – dann kommst Du mir aber nicht mit Klagen!“

Sie löste meine Arme von ihrem Halse, nahm meine Hand in ihre Rechte und wollte das Zimmer verlassen.

„Halt!“ rief Herr Claudius, der sich unterdessen an seinen Schreibtisch gesetzt hatte und die Feder über das Papier fliegen ließ, „wollen Sie Fräulein von Sassen’s Vermögen ohne alle Bescheinigung in meinen Händen lassen?“

Jetzt wurden Ilse’s Wangen heiß, wie die Bratäpfel. Sie schämte sich, so alle Vorsicht aus den Augen gesetzt zu haben, sie, die Besonnene, die „den Kopf stets oben behielt“.

„Da ist nur Ihr gutes Gesicht schuld, Herr Claudius – bei jedem Anderen hätte ich ganz gewiß nicht vergessen, mir eine Bescheinigung auszubitten,“ entschuldigte sie sich verlegen und nahm das Papier in Empfang, während ich die Banknoten, die ohne Herrn Claudius’ Erinnern auch auf dem Tische liegen geblieben wären, in die Tasche schob – der strenge Geschäftsmann mochte einen schönen Begriff von der Gesellschaft aus der Haide bekommen.

„Gott, diese unausstehliche Pedanterie!“ rief Charlotte in der Hausflur. „Als ob nicht die ganze Welt wüßte, daß sich die Firma Claudius mit solch lumpigen paar tausend Thalern nie die Finger beschmutzen würde! … Aber da muß jeder Pfennig und jedes Samenkorn verbrieft und besiegelt werden!“

„Ordnung muß sein – vielleicht lernen Sie das doch noch einmal einsehen,“ sagte Fräulein Fliedner und fuhr sich mit dem Taschentuch über die Mantille, die im vorderen Zimmer einen leichten Staubstreifen mitgenommen hatte.

Die junge Dame warf den Kopf zurück. „Jetzt wollen wir Darling ansehen,“ sagte sie statt jeder Antwort und sprang die Stufen zur Hofthür hinab.




14.

Der Hof war leer. Dagegen lagen beide Flügel der Gartenthür weit zurückgeschlagen an der Mauer, und aus dem Garten herüber scholl ein wüstes Geschrei und Toben, als ob Menschen und Thiere wild durcheinander liefen.

Herr Claudius war uns nachgekommen. Er horchte einen Augenblick befremdet, dann eilte er uns voraus in den Garten.

Mir schlug das Herz vor Angst und Mitleid bei Dem, was ich durch die offene Thür sah. … Ein scheugewordenes Pferd raste durch den Blumengarten. Wie ein Blitz fuhr das schlanke, rehähnliche Thier, dessen spiegelnden Rücken- und Weichenflächen die Sonne alle Nüancen der reinsten Goldfarbe entlockte, über den weiten, farbenbunten Plan und spottete mähneschüttelnd und in wilder Freiheitsfreude aufwiehernd aller der Hände und Füße, die es verfolgten. Mit einer wahren Wollust zerstampften die Hufe ein weites Levkoyenfeld, dann flogen sie schmetternd in die Scheiben des großen Glashauses. Hoch aufbäumend und zurückschaudernd vor dem Geklirr, stand der Goldfuchs einen Moment wie in Erz gegossen auf den Hinterhufen, aber auch nur einen Augenblick – pfeilschnell wandte er sich und stürmte weiter gegen ein Spalier, das, betropft von tausend prächtigen Purpurrosen, sofort zusammenbrach.

Alle Gartenarbeiter, die im Hause beschäftigten Leute, und

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Die Gartenlaube (1871) b 629.jpg

Der erste Besuch der Großeltern.
Nach seinem Oelgemälde auf Holz übertragen von A. Tidemann.




selbst die zwei Herren aus dem Comptoir, die jedenfalls den Lärm drinnen gehört, rannten im Verein mit Dagobert und einem betreßten Jockey auf und ab, und jetzt flog auch Charlotte, die bis dahin mit flammenden Augen neben mir gestanden, in den Garten hinein.

Wie aus der Erde gewachsen stand plötzlich die hohe, kräftige Gestalt im hellen wehenden Kleide inmitten des Weges, auf welchem das Thier in blinder Raserei herantoste – es fuhr schnaubend vor der befremdlichen Erscheinung zurück; aber mit einer einzigen gewandten und raschen Bewegung hatten die zwei schlanken, kraftvollen Damenhände den Zügel erfaßt und hielten ihn eisern fest, und das kühne Mädchen ließ sich um einige Schritte weit fortschleifen, bis sich von allen Seiten die rettenden Hände herüberstreckten und das ungeberdige Thier festhielten.

„Charlotte, Du bist ein Prachtmädel!“ rief Dagobert, noch athemlos, aber stolz und jubelnd, und küßte seine Schwester ohne [630] Weiteres auf die Stirn. Neben ihr stand der junge Mann aus dem Comptoir – bleich wie ein Gespenst, mit versagenden Blicken – er war der Erste, der ihr zu Hülfe gekommen. … Ich sah Charlottens Auge sein Gesicht streifen – sie wurde dunkelroth; aber auch sofort wandte sie sich leichthin mit einer so gleichgültigen Bewegung ab, als schwebe ihr ein geringschätzendes „Ah bah!“ auf den Lippen.

Alle bewunderten einstimmig ihre Kraft und Kühnheit, ich selbst hätte ihr die kraftvollen Hände küssen mögen – nur Herr Claudius hatte kein Wort für sie.

„Wer hat beide Flügel der Gartenthür aufgemacht?“ fragte er streng und trat mitten unter die Leute, die sofort ehrerbietig auseinanderstoben.

„Ich wollte die Blumen auf den Tischen bei Banquier Tressel erneuern und hatte zwei Leute mit der großen Trage bei mir, und da mußten beide Flügel der Thür aufgemacht werden,“ sagte der Gärtner mit der sanften Stimme, der uns gestern Morgen im Garten den Weg gezeigt. „Vor den großen Oleanderbäumen auf der Trage mag wohl auch das Pferd gescheut haben.“

Herr Claudius schwieg. Er sagte weder ein tadelndes Wort zu Dagobert, der das fremde Pferd in den Geschäftshof gebracht, noch schalt er den Jockey dafür, daß er dasselbe nicht besser gehütet. Auch über die Zerstörung im Garten fiel nicht eine Bemerkung von seinen Lippen. Er betrachtete den schweißtriefenden Goldfuchs aufmerksam. Es war ein schönes Thier, aber in der Art und Weise, wie es den Kopf gesenkt hielt und ihn dann unversehens zurückwarf, lag etwas Tückisches.

Unterdeß hatte sich Dagobert auf den Rücken des Pferdes geschwungen, und plötzlich flogen Roß und Reiter wieder in den weiten Hof zurück. … Das war nun freilich ein herrlicher Anblick. Nach kurzer, leidenschaftlicher Gegenwehr fügte sich das Thier seinem Herrn und Meister und gehorchte scheinbar dessen feinstem Winke.

Wie verschwanden alle die Männer, die umherstanden, selbst der auffallend schöne, junge Helldorf nicht ausgenommen, vor dem Tancred dort mit dem kastanienbraunen Gelock! … Nur an dem jähen Aufschießen einer hellen Purpurröthe über die Wangen des Reiters hin sah man, daß das Pferd insgeheim Widerstand leiste, die elastische Gestalt des erstern ließ keine erhöhte Kraftanstrengung merken.

„Onkel,“ rief er herüber, „verzeihe Darling seine Unart um seiner herrlichen Eigenschaften willen! … Ist er nicht prächtig? Sieh ihn Dir an! Mit seinem zierlich elastischen Bau, dem kleinen Köpfchen auf dem schlanken Halse, fein wie eine graziöse Dame, hat er Muth und Feuer wie ein Held … Onkel, sein Besitz macht mich zu glücklich!“

„Das thut mir sehr leid, Dagobert, denn ich kaufe ihn nicht. … Der Herr Graf mag ihn selbst reiten,“ sagte Herr Claudius bedauerlich, aber sehr fest, und ging, den angerichteten Schaden zu besehen.

Mit einem Satz sprang Dagobert von dem Thier herab und reichte dem malitiös lächelnden Jockey den Zügel hin, „Ich lasse den Grafen grüßen und werde weiter mit ihm sprechen,“ sagte er mit fliegendem Athem.

Der Mensch ritt fort, und die Umstehenden zerstreuten sich schleunigst, um auf ihren Posten zurückzukehren.

(Fortsetzung folgt.)




Der Genialsten Einer.
Von La Mara.

Ja, der genialsten Einer unter den mitlebenden jüngeren Künstlern ist aus dem Leben gegangen. Vor der Zeit, in der Blüthe der Manneskraft, fast ein Jüngling noch in der äußern Erscheinung ward uns Karl Tausig durch ein neidisches Schicksal entrissen. Dem unfehlbaren Virtuosen, wie die Geschichte der Kunst außer dem einzigen Liszt keinen größern kennt, dem feinsinnigen Interpreten der verschiedensten Meister und Epochen, dem unermüdlichen Lehrer und Förderer der Tonkunst, ihm ward ein karges Maß irdischen Daseins gesetzt und eine frühzeitige Ruhe beschieden, noch bevor er sein Tagewerk vollenden durfte. Sollten wir darob nicht klagen? Wohl ist die Schule des Meisters, an dessen Größe die seine sich emporgerankt, nicht an diese eitle Erscheinung gebunden. Noch haben wir Bülow, Bronsart, Sophie Menter und Andere, die die Errungenschaften seiner Virtuosität auch kommenden Zeiten zu übermitteln berufen sind; aber der Geist seines großen Lehrers war am reinsten auf ihn übergegangen, dessen wahlverwandtester Jünger er schien. Polnisches Blut, wie es heiß in seinen Adern strömte, steht ungarischer Art nicht allzu fern. An Leidenschaft und dämonischer Kraft glich Tausig seinem Meister am ehesten, wenn ihm auch dessen Idealität, der wundersame Zauber seiner Menschlichen und künstlerischen Individualität fremd geblieben. Hätte man jemals an einen Erben Liszt’s denken können, so hätte Tausig gegründetere Ansprüche als je ein Anderer auf solch stolze Erbschaft gehabt. Von dem Knaben schon hatte der Meister das große Wort gesprochen: „Er soll auf meine Schultern treten“ – doch es ist dafür gesorgt, daß die Bäume nicht in den Himmel wachsen!

Nicht aber die müßige Hoffnung, daß er uns Liszt, den für die Oeffentlichkeit verstummten souveränen Beherrscher des Claviers, ersetzen könnte, ist uns mit seinem Tode verloren gegangen. Wir meinen, daß die Natur nur einmal und nicht wieder gleich verschwenderisch spendet; auch trug sich Tausig selber nicht mit so stolzen Plänen, und an ein Erreichen des Höchsten hat er niemals gedacht. „Er ist ein Riese, wir sind nur Menschen,“ sagte er selber im Hinblick auf Liszt noch an jenem letzten Abend, den er in leidlicher Gesundheit hienieden noch verleben durfte, in dem geselligen Kreise, der sich Liszt’s Anwesenheit zu Ehren in Leipzig versammelt hatte. Er war erfüllt von der Bedeutung Dessen, deß Lehre und Beispiel er nächst dem Segen von oben nahezu Alles dankte, was er erreicht, und dessen Hand ihn mit wahrhaft väterlicher Fürsorge geleitet bis zur Via triumphalis seines kurzen Künstlerlebens. So war auch seine letzte That auf Erden noch ein Act der Liebe für den Meister. Um ihn vor der Abreise aus Deutschland noch einmal zu sehen und die von ihm aufgeführten Kirchenwerke zu hören, war er trotz Unwohlseins nach Leipzig gekommen. Er kam, um hier zu sterben.

Am 4. November 1841 ist Karl Friedrich Tausig zu Warschau geboren. Dort genoß sein Vater, Aloys Tausig, den Ruf eines ebenso trefflichen Pianisten als Musiklehrers; er leitete den ersten Unterricht seines Sohnes in der Tonkunst. Still und geräuschlos entfaltete sich dessen wahrhaft phänomenale Begabung; und nichts von Alledem verlautete, was man sich sonst von Wunderkindern erzählt. Ein wohlthätiger Zweck nur führte den neunjährigen Knaben ein einziges Mal in den Concertsaal; was er dort producirte, war das Resultat bereits fünfjähriger Studien. Er hatte sein vierzehntes Jahr erreicht, da brachte ihn sein Vater nach Weimar zu Liszt, um seine weitere Ausbildung in dessen vielvermögende Hände zu legen. Beim ersten Anhören schon erstaunte der Meister über dies außerordentliche Talent, denn die geistigen Schwingen regten sich schon gewaltig in dem schwächlich aussehenden Knaben, der sich bald zu stolzem Flug emporheben sollte.

Doch trug Liszt Bedenken, seinen weitern Unterricht zu übernehmen, und beschied den Vater ablehnend mit dem Bemerken, daß bei einer solch riesigen Organisation die freie selbstständige Entwicklung ohne Lehrer die fruchtbarste sei. Indeß bestand Karl selbst darauf, bei Liszt zu verbleiben. Er studirte übermäßig und legte, unter Vorbildnahme der Universalität seines Meisters, den Grund zu seiner umfassenden allgemeinen Bildung. Ohne Neigung für die Geselligkeit, in der er sich bis an sein frühes Ende gleich blieb, verhielt er sich meist zurückgezogen in Weimar, zufolge des ihm eigenen scharf ironischen Humors nur manchmal in kleine Händel verwickelt und darum während seiner Jünglingsjahre nicht eben sehr beliebt und gern gesehen. Nur Liszt blieb ihm immerdar ein milder wohlgeneigter Freund, wiewohl er nicht selten der allzu großen Nachsicht gegen den übermüthigen Schüler beschuldigt wurde. „Ich konnte wohl nicht anders und liebte ihn von Herzen,“ sagt er selbst von ihm, und neidisch räumte man dem kleinen Karl Tausig das Vorrecht ein, das enfant gâté der Altenburg zu sein.

Auf den öfteren Reisen, zu denen Liszt durch die Aufführung seiner Werke veranlaßt wurde, durfte er ihn begleiten, so nach [631] Dresden, Leipzig, Berlin, Prag, Wien. In letzterem Orte wählte er sich später seinen Wohnort, als, nach vier Jahren eifrigsten Lernens, der Ausspruch seines Lehrers ihn für geschickt erklärt hatte, nun selbstständig um den Preis des Ruhmes zu werben.

Er hatte sich zuerst nach Dresden gewandt, wohin auch sein Vater übersiedelte und wo die Fürsorge einiger Freunde ihm ein erstes Concert in engerem Kreise vorbereitete. Dann begab er sich nach Wien, wo ihm das Glück entschieden ungünstig war. Er versuchte die in Weimar gewonnenen Kunstanschauungen fruchtbar werden zu lassen und arrangirte mehrere Orchesterconcerte, in denen die von ihm dirigirte Hofoperncapelle einige symphonische Dichtungen seines Meisters, wie Werke Wagner’s und Berlioz’, zur Aufführung brachte. Aber der Boden Wiens war noch nicht genügend vorbereitet zur Aufnahme derselben; sein Vorhaben mißlang, und von der Kritik auf das Bitterste angegriffen, zog er sich zurück, hierin nur einen Anlaß zu größerer Vertiefung erblickend und weiteren Studien in ernstester Weise nachlebend. Denn er war streng gegen sich selbst und niemals that er sich genug, so unermüdlich er strebte. Der Zwiespalt zwischen Wollen und Können, zwischen Ideal und Wirklichkeit, die Kluft, die ihn von seinem Ziele trennte, sie machten ihn tief traurig und unglücklich und nährten die Melancholie, zu der sein Wesen ohnehin neigte. „Wie oft in Stunden der innigen Mittheilung,“ sagt der ihm nahestehende Freund Davidson in dem schönen Nachruf, den er ihm gewidmet, „gab er der Verzweiflung Ausdruck, jenes Ziel, das einzig des Lebens und Strebens werth sei, niemals erreichen zu können, und wenn dann begütigende Freundesworte ihn darauf hinwiesen, daß gerade dies Immerhöherstreben, dies Sichselbstungenügen die Gewähr dafür biete, daß er das Mögliche erreichen werde, daß alles menschliche Vermögen, selbst das höchste, seine Grenze finde, dann lächelte er bitter und erwiderte, daß nicht die Grenze menschlichen Könnens überhaupt, sondern die seines Könnens ihn bekümmere. Er war unerbittlich gegen sich und, bei allem Stolz für die Sache, bescheiden für seine Person. Wem er anders erschien, der kannte ihn nicht.“

Künstlerische Vollendung freilich wird nicht ohne Kampf und Mühen gewonnen und die reichen Früchte fallen Keinem in den Schooß, der sie nicht mit Fleiß und Sorgfalt gezeitigt. Deß ist auch Karl Tausig’s Leben Zeuge. In Sturm und Drang begann seine Künstlerlaufbahn, und in ernster Arbeit nur gelang es ihm, sich emporzuringen zu der Ruhe und Klarheit, die seine späteren Leistungen kennzeichnen. Denn nicht wie andere reproducirende Künstler ging er von jener akademischen Objectivität aus, wie sie die ältere Schule lehrte und ausbildete, die, gleichgültig gegen die Individualität des Interpreten, von der Wiedergabe des Kunstwerks wenig mehr als einen typischen traditionellen Abdruck desselben forderte. Er ist vielmehr den entgegengesetzten Weg gegangen. Mehr, als es sich mit unseren Ansichten von gereiftem Künstlerthume verträgt, ließ er früher sein eigenes Selbst in den Vordergrund treten; wild und ungezügelt durchloderte das ihm innewohnende Feuer die durch ihn zur Anschauung gebrachten Schöpfungen und zeigte sie in einem neuen, fremdartigen Lichte. Erst ist dem Maße, als sich sein künstlerisches Wesen und Bewußtsein klärte, milderte sich jene gewisse Willkürlichkeit seiner Auffassung, drängte er sein Selbst hinter dem Kunstwerk, das Mittel hinter dem Zweck zurück. Was mag es ihn gekostet haben, dies heißblütige Selbst zu überwinden und niederzukämpfen fast bis zur künstlerischen Selbstverleugnung, wie er sie in seinen letzten Jahren übte! Auf ein geringeres Maß ist die individuelle Mitgabe und Auslegung des darzustellenden Kunstwerkes wohl selten beschränkt worden. Ließ er doch in dieser Beziehung selbst den leidenschaftslosen Hans von Bülow hinter sich, dessen kühl reflectirender Natur die seinige zuvor als völliger Antipode gegenübergestanden.

Wie aber seine frühere Subjectivität, als ein Uebermaß unbezähmten persönlichsten Empfindens, vielfältigem Tadel begegnete, so erfuhr auch seine nachmalige Objectivität, als ein Uebermaß von Kunst und Gleichgültigkeit gegen die vermittelten Kunstgestaltungen, den gleichen Widerspruch. Er, der selber eine scheinbar unerschütterliche Ruhe bewahrte, indeß er die Seelen seiner Zuhörer in tiefste Erregung versetzte, durfte wohl lächeln über den Vorwurf der Kühle, eingedenk des heißen Kampfes und der schwer errungenen Selbstbeherrschung, deren Preis diese äußere Ruhe war. Denn nicht Willkür, sondern bewußte künstlerische Absicht, das Resultat innerer Erfahrung, war die Wandlung seiner Darstellungsweise. Weil er es als das seiner Begabung angenehmste erkannte, verfolgte er dies Ziel, weit abseits von der genial selbstschöpferischen Reproductionsart Liszt’s, die er wohl als die höhere, inspirirtere erkannte, der er jedoch seine Kraft nicht gewachsen fühlte. Jene harmonische Lösung der Gegensätze von Subjectivität und Objectivität, die Vermählung des eigenen Ichs mit dem außer ihm stehenden, die, als Ideal aller reproducirenden Kunst, sich in Liszt erreicht zeigt, mußte Tausig’s Streben unerreichbar bleiben. Darum antwortete er den Fragen der Freunde, warum er bei seiner Bewunderung für den Meister nicht denselben Weg eingeschlagen habe, stets abweichend, daß seine Art und Weise ihn auf den entgegengesetzten hinweise und daß er suchen müsse, sich in seiner Eigenart zu vollenden.

Wir wissen, mit welch peinlicher Gewissenhaftigkeit er dies gethan, allzeit den eigenen Kräften mißtrauend, nimmer mit sich zufrieden, und, ob auch Tausende durch die Vollendung seiner künstlerischen Leistungen mit Begeisterung erfüllend, niemals glücklich im tiefsten Innern.

Schopenhauer’s Lebensanschauung, die er sich früh zu eigen gemacht hatte,“ sagt der Freund, dessen wir bereits gedachten, „trug nicht dazu bei, die Harmonie seines Wesens herzustellen. In hohem Maße suchte er das Aufsichselbstgestelltsein dieses Philosophen für sich praktisch werden zu lassen; aber ein Künstler und vor allen Dingen ein Virtuos ist kein Gelehrter, der sich aus der Welt und aus dem Leben in seine Klause zurückziehen darf. Er soll auf Markt und Straßen Kunde geben von Dem, was ihm aufgegangen, und nach außen auf Andere wirken. Das gab seinem Wesen einen Zwiespalt, dessen Ausgleich vielleicht erst spätere Jahre bewirkt hätten. In letzter Zeit stieg er zu der Quelle hinauf und wandte sich dem Meister deutscher Philosophie, dem Mann des kategorischen Imperativs, Kant, zu. Ueberhaupt war Tausig’s Erholung Abwechselung in der Thätigkeit. Nicht mit dilettantischem Enthusiasmus, sondern in ernster, tiefer Arbeit studirte er Naturwissenschaften, Mathematik. Seine Belesenheit in der deutschen und namentlich auch französischen schönen Literatur war erstaunlich, denn er las niemals blos um sich zu unterhalten. Als Schachspieler stand er unter Denen, die dies geistvolle Spiel nicht berufsmäßig treiben, wohl mit in erster Reihe.“

Indessen begünstigten leider auch Tausig’s äußere Verhältnisse seinen Hang zu ernster, ja trüber Lebensauffassung, und den ihm in früheren Jugendjahren eigenen Uebermuth hatte die harte Hand der Erfahrung längst abgestreift. Der Versuch, sich ein häusliches Glück zu gründen, scheiterte. Das Glück floh ihn in den kurzen Tagen seiner Ehe und einem flüchtigen Besitz der von ihm erwählten Gattin folgte eine lange Trennung, die sein früher Tod nun zu einer ewigen gemacht hat.

Ebenso waren seine künstlerischen Unternehmungen anfangs keineswegs gesegnet. Dresden und selbst das musikalisch so empfängliche Wien verhielten sich ihm gegenüber spröde und gleichgültig. Er mußte in mißlichen Verhältnissen ausdauern, bis des ihm befreundeten Bülow Mahnung, weiter zu ziehen und in Berlin sein Heil zu versuchen, ihn zuerst nach der nordischen Metropole führte. Eine Reihe von Concerten, mit denen er sich daselbst vorstellte, und deren erstes im December 1865 stattfand, wurde für sein künftiges Leben entscheidend. Von jetzt ab begann Tausig die Früchte treuer und unablässiger Arbeit endlich zu ernten.

Mehr und mehr gewann er sich die Sympathien des ist Sachen der Kunst als frostig geltenden Berliner Publicums, und die offene Feindseligkeit der Kritik verwandelte sich allmählich in die ungetheilte Anerkennung selbst Derer, deren Ansichten und Ueberzeugungen in völlig anderem Boden wurzelten. Darin erblickte er eine wahrhafte Freude und innere Genugthuung, so wenig er sonst jemals um Gunst und Beifall oder Geld zu buhlen pflegte. Denn nie konnte er sich entschließen, dem trivialen Geschmack der Menge die geringste Concession zu machen. Weder seine Programme noch die ganze Art seines Spiels gingen darauf aus, durch den Glanz bloßer Virtuosität zu blenden. Die Meister, deren Clavierwerke er vorzugsweise und fast ausschließlich spielte: Scarlatti, Bach, Beethoven, Schumann, Chopin, Liszt, sind am wenigsten geeignet, den seichten Bedürfnissen Jener zu genügen, die in der Kunst nicht mehr und Höheres denn flüchtige Unterhaltung suchen.

Berlin gründete den Weltruf des Künstlers, und dankbar erwählte derselbe es dafür zu seinem Wohnsitz. König Wilhelm [632] ernannte ihn im Kriegsjahr 1866 zu seinem Hofpianisten; er war der Liebling der hohen Aristokratie und fand in ihren Kreisen manche seiner begabtesten Schüler. Nie ward man müde, seine klaren, feinsinnigen Interpretationen, die elastische Kraft und Zartheit seines Anschlags, die Unfehlbarkeit seiner aller Schwierigkeiten spottenden Technik, seine Kunst der Nüancirung, die ihn für Alles den richtigen Ausdruck finden ließ, zu bewundern; ein jedes der von ihm angekündigten Concerte war im voraus eines in allen Beziehungen glänzenden Lohnes sicher.

Im October 1866 vermehrte Tausig die Kunstanstalten der preußischen Residenz um eine Schule für höheres Clavierspiel, an der er zu Nutz und Frommen seiner Kunst als Lehrer wirkte und eine Anzahl tüchtiger Schüler und Schülerinnen bildete. Von Berlin aus auch unternahm er seine kleineren und größeren Wanderungen in die Welt hinaus. Er concertirte 1866 in Hamburg, Dänemark, Schweden, 1867 in Leipzig, wo er im Gewandhause größten Beifall erzielte und später wiederholt auftrat, 1868 in Holland. Auch Ungarn und die Türkei waren Zeugen seiner Triumphe, wogegen er die Schweiz, Frankreich und England nur als genießender, nicht aber als spendender Künstler durchreiste.

Im Interesse Anderer immer gern thätig, verschmähte Tausig doch für seine eigene Person jede Art von Reclame, wie sich selbst die besseren Künstler deren nicht selten bedienen. Der strenge Maßstab, den er an jegliche seiner Leistungen legte und der sich beispielsweise darin kundgab, daß er eine Einladung der Leipziger Gewandhausdirection zur Mitwirkung in einem ihrer Concerte noch unlängst ablehnte, weil er (dessen Gedächtniß bekanntlich fast die gesammte Clavierliteratur umfaßte) augenblicklich „nichts fertig habe, was er spielen könne“ – dieser strenge Maßstab bedingte auch seine sich steigernden Anforderungen gegenüber seinen schöpferischen Arbeiten.

Auch seinem Entwickelungsgange als Componist fehlte nicht die Sturm- und Drangperiode, die er als Virtuos durchleben mußte, und die nur Wenigen erspart bleibt, in denen der Genius den göttlichen Funken entzündet. Viel Ungleichmäßiges, Ungeklärtes findet sich in seinen früheren Erzeugnissen, das ist gewiß, obschon sie genialer Züge keineswegs entbehren. Er selbst verwarf dieselben auch und betrachtete sein bisheriges Leben nur als Vorbereitung für eine umfangreiche productive Thätigkeit. Vier Concert-Etuden, die im vergangenen Winter entstanden, bezeichnete er als seine ersten selbstständigen Compositionen und veröffentlichte sie als Opus 1, hiermit Alles negirend, was er im Lauf von elf Jahren von eigenen Clavirwerken, wie von Bearbeitungen fremder Schöpfungen herausgegeben hatte. Unter Letzteren gerade aber findet sich viel Werthvolles. So seine Uebertragungen der Beethoven’schen Quartette für Clavier, die Liszt als meisterhaft anerkannt, desgleichen der Toccata und Fuge von Bach (D-moll) und der Märsche von Schubert. So auch die „Nouvelles soirées de Vienne“ nach Liszt, die drei Paraphrasen über Tristan und Isolde, zwei andere über die Walküre, wie der Clavierauszug der Meistersinger und des Kaisermarsches von Wagner. Zu Gunsten der Pianisten und als dankbarer Verlagsartikel dürfte sich auch das baldige Erscheinen seiner Bearbeitung des zweiten Concertes von Chopin (E-moll) empfehlen, die Liszt als vollständigst gelungen und ebenso maß- wie stil- und effectvoll rühmt. Tausig selbst brachte sie während des letzten Winters in Leipzig zu Gehör; doch erregte sie auf dem musikalisch streng conservativen Boden Opposition, weil sie der Physiognomie des Originals hier und da einen veränderten Ausdruck gab.

Im Uebrigen entzog er sich in letzter Zeit mehr denn sonst der Oeffentlichkeit; tief verstimmt durch den Krieg, verstand er sich nur dazu, in einigen Wohlthätigkeitsconcerten mitzuwirken. Ohnedies von natürlicher Reizbarkeit und keineswegs starker Organisation, in Folge jahrelanger unmäßiger Ueberanspannung der Nerven und namentlich der Gedächtnißkraft, überanstrengt, fühlte er sich im Beginn dieses Sommers sehr angegriffen und klagte über ein schleichendes Unwohlsein, das ihn zum Arbeiten unfähig mache. Ein rheumatisches Leiden, das ihn noch zudem befiel, bestimmte ihn zu dem Entschluß, in Ragaz in der Schweiz Genesung zu suchen, das ihm schon früher heilbringend gewesen war. In Begleitung zweier ihm befreundeter Damen, der Gräfin Krockow und Frau v. Moukhanoff-Nesselrode, gedachte er sich des dortigen Aufenthaltes zu erfreuen; zuvor aber wollte er in Leipzig noch einmal mit dem Meister zusammentreffen, dem er seit seinen Lehr- und Knabenjahren mit glühender Verehrung und Dankbarkeit ergeben war. Nur wenige Mal, im Frühjahr 1861 in Paris und gelegentlich der Weimarer Tonkünstlerversammlung, wie im Mai 1870 beim dortigen Beethovenfest, hatten sie einander wiedergesehen, seit der große Lehrer seinen Schüler einst mit seinen Segenssprüchen entlassen.

Nun drängte es den Letzteren noch einmal in Jenes Nähe. Er brach einen Landaufenthalt bei Dresden im Hause der Gräfin Krockow kurz ab und traf am 2. Juli während eines vom Riedel’schen Gesangverein veranstalteten Kirchenconcerts noch rechtzeitig ein, um die zwei von Liszt aufgeführten Werke zu hören. Mit Wärme äußerte er sich über den durch dieselben empfangenen Eindruck zu uns, seinen Nachbarn, als wir am Abend in heiterer Tafelrunde beisammen saßen. Den materiellen Genüssen der Tafel gegenüber zwar verhielt er sich gänzlich abgeneigt, diese seine Enthaltsamkeit durch körperliches Unbehagen motivirend. Doch zeigte er sich, wenn auch nicht allzu gesprächig, doch angeregt und liebenswürdig, weit entfernt von dem anspruchsvollen Wesen, das man ihm sehr mit Unrecht nachgesagt. Vor Jahren schon waren wir ihm begegnet, als er, ein Knabe noch, bei Liszt in Weimar studirte und bereits damals Alle, die ihn hörten, ob seiner Fertigkeit in Staunen versetzte. Wir hatten uns oftmals seitdem seiner gereiften Künstlerschaft erfreut, nun fanden wir uns noch einmal ihm persönlich nahe.

Es war das letzte Mal, daß er sich im Leben noch fröhlicher Geselligkeit erfreute! Der nächste Morgen schon warf ihn auf das Krankenlager, von dem er sich nicht wieder erheben sollte. Mit all seinen Kräften widerstrebte er der Krankheit, aber endlich bezwang sie ihn doch. Wenige Tage später nach Ausbruch des Typhus auf Andrängen des Arztes in das Leipziger Krankenhaus gebracht, erbat er telegraphisch die Gegenwart der Freundinnen, mit denen er die Freuden der Reise zu theilen gehofft hatte. Ihre treue Sorgfalt hielt Wacht an seinem Bett und sie, die verständnißvollen Gönnerinnen seiner Kunst im Leben, erleichterten ihm nun auch die Qual seiner letzten Stunden. Der Gedanke an die Kunst aber verließ ihn noch jetzt nicht und seine Phantasien waren ein wüstes musikalisches Durcheinander. „Wagner ist todt, Bülow ist todt und Liszt hat ein schweres Unglück betroffen!“ rief er unter Anderm der Gräfin Krockow zu, die ihn nur mit Mühe zu beruhigen vermochte. Er sah seinen Tod voraus und klagte, daß er so früh schon sterben müsse, da er doch so gern noch leben und seine Aufgabe erfüllen möchte. Aller Trost und Zuspruch ließ ihn ungläubig; er schüttelte den Kopf, fühlend, daß seine Stunde gekommen.

Die Hoffnung der Aerzte auf einen günstigen Ausgang der Krankheit schwand plötzlich, nachdem am 15. Juli eine unerwartete Veränderung im Zustand des Kranken eintrat. Sie erkannten, daß alles menschliche Vermögen hier eitel sei. Seine bisherige Aufgeregtheit wich einer dumpfen Theilnahmlosigkeit. Die Blumen und Grüße, die ihm fernher von schöner Hand gesandt wurden, kamen zu spät, um ihn hienieden noch zu erfreuen. Ruhe, tiefe Stille war sein einzig Begehr. Seine letzte Kraft war der Beobachtung seiner Krankheit zugewandt, und die Bitte, ihm den Thermometer zu reichen, mit dem er die Höhe seines Fiebers maß, war das letzte Wort, das die Umherstehenden von seinen Lippen vernahmen. Dann verloren sich seine Worte in dem unverständlichen Lallen eines Sterbenden. In vollem Bewußtsein schied er aus dem Leben, und in der vierten Morgenstunde des 17. Juli war der letzte Kampf ausgekämpft.

Das Schicksal hat gewollt, daß er in Leipzig sterben sollte, für das er, vielleicht in Vorahnung seines baldigen Endes, geringe Sympathien hegte. Freunde, die von Berlin herbeigeeilt waren, empfingen seine irdische Hülle und geleiteten sie zurück nach der einstigen Stätte seiner Wirksamkeit. Dort bettete man ihn am Vormittag des 21. Juli unter den Klängen des Beethoven’schen Trauermarsches, von Donner und Blitzen begleitet, in sein frühes Grab.

Wir aber stehen trauernd an dem frischen Hügel, der ihn deckt, das vorzeitige Ende eines Künstlerdaseins beklagend, das so reich begnadet schien von der Natur und das ein höherer Wille doch still stehen hieß, noch bevor es sich ausleben und vollenden durfte. Der reifen Frucht dachten wir uns zu freuen und müssen uns nun genügen lassen, nur ihre Blüthen geschaut zu haben!



[633]

Deutsche Gräber in der Fremde.


Zu Anfang der dreißiger Jahre war es, als der deutsch-freiheitliche Vulcan zum ersten Male mit einigem Erfolge unterirdische Regungen zeigte und und durch häufige, von verhängnisvollem Rollen begleitete Bewegungen der Oberfläche seine Existenz bekundete.


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Ruhestätte eines Regenten.


Constitutionen wuchsen aus der Erde, Wahlmänner und Landtagsabgeordnete machten die Gegenden der „alten, guten Zeit“ unsicher. Die Befreiungsgeschichte Griechenlands lebte noch frisch in den Gemüthern, Polens Flüchtlinge durchpilgerten Deutschlands freisinnige Oasen und wurden begeisterungsvoll ausgerüstet und von einer Grenze zur andern geschoben, um in der Schweiz, in Frankreich oder sonst wo das schützende Asyl zu finden. Julius Mosen’s, des Voigtländers, herrliche Polenlieder ertönten durch die Zeit zu Guitarre, Clavier oder der unvermeidlichen „Harfe“ Böhmens, so daß Hoffmann v. Fallersleben wirklich nicht ganz Unrecht hatte, wenn er etwas später über die musikalische Begeisterung jener Tage klagend ausrief: „In jedem Haus ein Klimperkasten!“ „Der alte Feldherr“ von Holtei bildete die künstlerisch-patriotische Tagesordnung, wo er nicht verboten war.


Die Gartenlaube (1871) b 633 2.jpg

Ruhestätte eines von der Linken.


Zu jener Zeit war es, als droben in den Bergen des Obervoigtlandes in Sachsen, wir möchten fast sagen: auf der Giebelseite desselben nach dem herrlichen und fruchtbaren Egerlande hinaus, in einem alten, unansehnlichen Schlosse, eine Anzahl junger Männer beieinander saßen. In der hochgewölbten Inspectorstube spielte eine kurze politische Scene. Düster und kellerartig war der Raum, hell aber und frisch der Geist, der ihn belebte, erquickend dazu der schäumende, ehrliche Gerstensaft. So eine Gesellschaft war damals an sich schon halber Hochverrath. Aber kein Uneingeweihter wußte davon. Hier war einer der stillen Häfen, von denen aus die Flüchtlinge aller Art „durch die Wälder, durch die Auen“ und in allerhand kurzweiliger Gestalt hinüber nach Böhmen, nach Baiern und in’s Reich hinaus geschmuggelt wurden, zur gefälligen Weiterbeförderung.

Der zu jener Zeit dort installirte Inspector Rödiger – von 1812 bis 1815 freiwilliger Reitersmann im Befreiungskrieg, und mit dem eisernen Kreuze geschmückt, später aber im Jahre 1849 Landtagsabgeordneter der ersten Kammer in Sachsen – galt als Befehlshaber dieser „Insel der Freiheit“. Er erhob das Glas und trank „auf die schöne Zeit, die ihm gönnen werde, noch einmal, gemeinsam mit seinem Sohne,“ der als siebenjähriger Knabe im Fenster spielte, „zu Pferd’ zu steigen, für des Vaterlandes Größe und Freiheit!“

Man trank. Herrliche Gedanken umrankten die Zukunft. Unter den Anwesenden befanden sich zwei junge Juristen, Wilhelm Becker aus Adorf und Karl Todt aus Auerbach, beide echte, kernhafte voigtländer Naturen und schon einige Jahre später offene Träger der freiheitlichen Ideen und spätere Mustergestalten für den kleinen Knaben dort im Fenster und noch für viele Andere.

Die dreißiger Jahre rollten vorüber. Todt wurde wohlbestallter Bürgermeister des Städtchens Adorf, das bald als die Metropole aller Freisinnigen im Obervoigtlande galt und allwo die „Freigeister“, wie das Volk sie schüchtern nannte, von nah und fern ineinanderströmten, wie die belebenden Blutwellen zum menschlichen Herzen, vor- und rückwärts. Zuletzt wurde er Landtagsabgeordneter und als solcher namentlich berühmt durch die entschiedene Parteinahme, welche er in Dresden und unter den Augen der Allerhöchsten für das Volk zeigte. „Ich will für das Volk auftreten,“ rief er einmal in der Kammer aus, „da ohnehin nur Wenige sein werden, die diese Partei ergreifen.“

Ein andermal – irren wir nicht, so handelte es sich um die Verletzung der hannoverschen Verfassung – citirte Todt zum Schrecken aller politischen Wetterfahnen gar die Stelle aus Wilhelm Tell:

„Nein, eine Grenze hat Tyrannenmacht.
Wenn der Gedrückte nirgends Recht kann finden,
Wenn unerträglich wird die Last, – greift er
Hinauf getrosten Muthes in den Himmel
Und holt herunter seine ew’gen Rechte,
Die droben hängen unveräußerlich.“

Selbstverständlich sah er sich sofort vom Präsidenten unterbrochen und zur Ordnung gerufen; denn so Etwas war damals „wahrhaft entsetzlich“! –

[634] Solche Klänge hallten aber im deutschen Volke wieder, wie erfrischende Donnerschläge. So stand Todt denn auch bald groß und anerkannt da vor allem Volke, im weiten Vaterlande. Doch auch im Städtchen Adorf entstand unter seiner und Becker’s patriotischer Leitung ein großes Leben für die damalige kleine Zeit. Liebhabertheater erblühten, namentlich von Wilhelm Becker mit wirklichem Kunst- und Schönheitssinn geleitet, um das Volk zu bilden; Vorlesevereine entwickelten sich, um die Classiker mit dem Leben zu verflechten, der Gustav-Adolph-Verein galt als „Redeübungsschule“. Dabei erwachte das „Adorfer Wochenblatt“, um die Leute allmählich, trotz dem Schutze einer „geistlichen“ Censur, an eine freiere Presse zu gewöhnen. Ja, selbst Schlittenfahrten und Ausflüge waren nicht selten, um sich unterm Deckmantel leichter Geselligkeit zu finden, wozu endlich schon damals am Sylvester und Constitutionsfest Bankete dienen mußten.

Da trat denn Todt als ernster, humor- und geistreicher Volksredner, immer glänzend, auf. Hier und da wurde auch schon ein „Junger“, vor Allem der Knabe vom Schlosse, in’s Redefeuer geführt, und daß stets nach „alter guter Sitte“ das unterthänigste Hoch des Herrn Amtmanns auf „Seine Majestät den König!“ allem Andern vorausgehen mußte, das konnte nichts schaden.

Da, ganz unerwartet, 1847, fing in Italien die Revolution an zu wetterleuchten. In der Schweiz stand der freie Mann gegen Aristokratie und Sonderbund, in Frankreich aber beschützte der Orleanist Louis Philipp die schwarze Couleur und beschenkte sie mit Kanonen, bis endlich in Paris die Bombe platzte und der Zündstoff der Freiheit sich über den Rhein, über das ganze deutsche Vaterland ergoß. Nicht aber Paris, nicht Frankreich war der Urquell dieser Strömung, wie man so oft behaupten hört; es war die zweite, gewaltigere Eruption des Volksgeistes, das Heraufsteigen längst insgeheim gepflegter Ideen zu Fleisch und Blut, der Ideen der Freiheit und der Einheit, allerdings zuletzt – wie schon Leporello beweist – „im kälteren Deutschland“. – Hui! das toste, brandete, brauste, sauste, blitzte, donnerte und zündete in allen Herzen, die ein Vaterland, die einen Sinn für ewige Volksrechte trugen. Wer weiß davon nicht? – Man schalt jene Zeit nachher „das tolle Jahr“ und schalt die Landtage von dazumal „Unverstandslandtage“. Allein ohne den „Unverstand“ jener Tage hätte es kein „Verständniß“ gegeben für 1866 und 1870. Die „Maikäfer“ von 1849, die Opfer der letzten Erhebung für die „Grundrechte des deutschen Volkes“, wurden zu „Engerlingen“, die trotz des Reactionswinters der fünfziger Jahre das politische Erdreich durchwühlten und baufähig herstellten für ein einiges Deutschland.

Wie 1847 die Sonderbundskanonen Louis Philipp’s und Guizot’s Rückwärtssegelpolitik, die mit ihren Fundamenten auf den Altären des Vaticans ruhte, indirect die deutsche Volkserhebung von damals beförderten, so wurde 1870 die Reaction der Napoleoniden, die ihre Befehle ebenfalls aus dem inzwischen „unfehlbar“ gewordenen Munde Roms empfing, die Veranlassung der allgewaltigen deutschen Erhebung aller Stände und Classen von 1870. Der Funke flog vom Süden her – nur die Schnuppe einer verglimmenden Fackel, aber sie zündete.

Kehren wir nun zu unserm Volksmann zurück. Er wurde, wie damals viele Demokraten von ehedem, die dann raschestens einen neuen Adam angezogen, – in Sachsens Regierung berufen. Er sollte zuvörderst den alten Bundestag in Frankfurt flicken helfen, was nichts Anderes hieß, als Wasser in einem Siebe sammeln. Später mußte Todt als Regierungscommissär den Landtag auflösen. Die Reaction begann und segelte bald mit vollem Winde. Hierauf noch einmal Sturm und Wetter, Hereinbrechen der Maiereignisse und zuletzt – Todt Mitglied der provisorischen Regierung Sachsens, im Jahre 1849, Todt ein Regent des Volkes.

Dem kurzen, unvorbereiteten und voraussichtlich unglücklichen Kampf folgten übervolle Gefängnisse, deren „Raum“ so ungenügend war, daß sich Beust, der jetzige Reichskanzler Oesterreichs, genöthigt sah, die Zuchthäuser für politische Verbrecher zu erfinden. Bei der allgemeinen Flucht oder Gefangennahme der Besiegten zog auch Karl Todt, ein untergehender Stern des deutschen Völkerfrühlings, langsam und enttäuscht dem freieren, schöneren Süden zu. Trauernd sah er an den Marken noch einmal zurück, und aller Hoffnung baar rief er aus: „Nun leb’ wohl, mein Vaterland!“

Es war im August 1851, etwa siebenzehn bis achtzehn Jahre nach jener kleinen Versammlung in der Inspectorstube des obervoigtländischen Schlosses. Ein schöner, heller Abend sendete entzückendes Alpenglühen herüber zu See, Berg und Stadt. Deutsche und speciell sächsische Flüchtlinge in Menge saßen unter den hohen Ulmen und Linden, am silberblitzenden See, in dem damals vielbesuchten Seefelsgarten bei Zürich. Sie sprachen vom deutschen Vaterlande, sprachen „dies und das“, und wie aus ihren Reden hervorging, hofften die Meisten auf eine baldige Rückkehr! Wie und wodurch? Darüber war sich nur die Hoffnung klar. Am Gartenthor, in schattiger Laube, schüttelten ein Paar Männer einander herzlich die Hand. Es war Karl Todt, der sächsische Regent von 1849, und der Knabe von dazumal. Letzterer ein verspäteter Flüchtling, der soeben und in directester Richtung, das heißt, auf großen Umwegen, aus der Frohnveste zu Adorf im rauhen, aber lieben Voigtlande hier eintraf. Es war der Sohn des „alten Inspectors“. Freudig begrüßten sich die beiden Männer und der Jüngere von ihnen ahnte nicht, daß der Andere, der wackere Todt, schon im nächsten Frühling, am 10. März 1852, ausgekämpft haben würde. Todt alterte schnell, er sollte sein geliebtes Vaterland nicht wiedersehen. Der Andere wanderte weiter, „denn hier war keine Heimath“ für ihn.

Im Jahre 1871, beinahe vierzig Jahre nach jener stillen Scene im alten Gebirgsschlosse, hatte Deutschland durch riesenhafte, allgewaltige Schläge mehr als seine alte nationale Kraft und Bedeutung wiedererrungen, seine Einheit gesichert, einen zweiten Befreiungskrieg geschlagen – leider ohne den „alten Inspector“ mit dem eisernen Kreuz von 1814. Und nun steht denn auch ein Theil des Strebens der „Demagogen“ alter Zeiten vollendet, in voller Pracht, nicht ohne den Kopf, nicht ohne die Kraft und Macht der Aristokratie, aber vor Allem auch nicht ohne den Kopf, das Herz und den Arm des deutschen Volkes, nicht ohne die Milliarden heißer, schwerer und blutiger Opfer dieses deutschen Volkes.

Der Knabe von dazumal aber, nun längst ein vielgeprüfter Mann, stand auf dem wunderschönen Kirchhof zu Neumünster, nahe dem lieblichen Athen der Schweiz. Er zeichnete, so gut er konnte, den einfachen Grabstein eines braven, deutschen Mannes und eines deutschen Volksregenten von 1848 und 1849. Er zeichnete das bescheidene Denkmal für die Gartenlaube und somit für das deutsche Volk. Es soll sich auch seiner Todten in fremder Erde dann und wann erinnern und das freundlich, dankbar.

Die Inschrift des Denkmals lautet:

Hier ruht in Gott
Karl Todt.
Geb. 20. October 1803 zu Auerbach in Sachsen.
Er lebte, stets dem Volke und der Freiheit treu,
Und starb als bewährter Vorkämpfer für die
Rechte des deutschen Volkes,
in der Verbannung, fern von heimathlicher Erde,
zu Riesbach, den 10. März 1852.
Ist es gleich Nacht,
So leuchtet unser Recht!

Von all’ den damals jugendkräftigen Männern aber, die in jenem Schlosse „auf diese schöne Zeit tranken, in der man für Deutschlands Wohl und Heil zu Pferde sitzen und streiten werde“ – lebt, außer dem Verfasser dieser Erinnerung, „dem Knaben im Fenster“, kein Einziger mehr. Sie sind, sammt und sonders, die Meisten in voller Manneskraft, nach Walhalla abberufen worden. Das deutsche Vaterland aber hat ihr damaliger Trinkspruch gesegnet. Es ist erwacht! Möge es zur Kraft und Einheit recht bald die rechte Freiheit fügen. Mehr Licht! mehr Recht! Dann folgt die dritte Eruption deutsch-freiheitlichen Vulcans, aber im milden, unblutigen Gewande der Reform.

In manch stillem Kirchhof der gastlichen Schweiz

Da liegt begraben
Manch tapferer Soldat

der deutschen Freiheit. Von Ulrich von Hutten an bis auf unsere stürmischen Tage! – Wie viele tausend Erinnerungen knüpfen sich da oft an ein einfaches Denkmal, von Epheu oder nur von Sonnen- und von Mondenschein umsponnen und oft schon von Moos und Alter bis zur Unkenntlichkeit – geschmückt. Und von wie vielen dieser Gräber kann man da nicht mit dem Dichter singen:

Ihre Dächer sind zerfallen,
Wolken ziehen drüber hin!

So bedeckt, nicht weit von Karl Todt’s, des Voigtländers

[635] Grab, ein kleiner schwarzer Alpenkalkblock mit blüthenweißem Kreuz aus „Marmelstein“ (– wie es im Volkslied heißt) einen ehemaligen Bürgermeister von Werdau in Sachsen, den Advocaten und Landtagsabgeordneten Linke, auch Mitglied der Linken der zweiten Kammer von 1849 und herzhaften Theilnehmer an den denkwürdigen und verhängnißvollen Stürmen desselben Jahres. Er flüchtete und starb im fernen Land, als würdiger Tuchhändler der alten Handels- und Seestadt Zürich. Noch werden sich draußen, im alten Heimathland, Tausende des jovialen Mannes erinnern, besonders noch die damaligen „Germanen“ zu Jena, die ihn Monate lang, trotz Telegraph und Steckbrief, „im Lichtenhainer aufbewahrten“, in der bedenklichen Nähe der sächsischen Zucht- und Correctionsanstalten. Linke kämpfte im Exil, mit frischem Muth und stetem Humor, gegen des Schicksals finstere Mächte. Oft niedergedrückt, erhob er sich immer auf’s Neue, bis er, noch im kräftigen Mannesalter, das ruhige, sechs Schuh lange, fünf Schuh tiefe und drei Schuh breite Landgut sich erwarb, das schließlich dem Reichsten wie dem Aermsten zugesichert bleibt (– sei’s, wo’s sei!) – das Grab. Zwei Rosenstöcke blühen, wenn ich mich recht erinnere, am kleinen schwarzen Felsenhügel. Sie erinnern wohl das deutsche Volk daheim an die politischen Rosen, die, wie alle anderen Rosen, nicht ohne böse Dornen zu pflücken sind, und daran, daß das Verhängniß alle entschiedenen Vorkämpfer der Freiheit mehr mit der Dornenkrone, als mit dem Lorbeer schmückt. Drum halten wir an unseres „studirten“ Tuchhändlers Grab noch folgende geschäftliche Betrachtung: „Der Erwerb der Freiheit an sich ist ein undankbar Geschäft. Die Begründer dieser Firma falliren fast alle. Statt des Goldes klingt ihnen meistens nur das … Eisen. Die Wechsel aber, die sie auf die Geschwister Zeit und Zukunft ziehen, werden lange, lange protestirt und kommt der Tag einst, der sie, ganz oder theilweise, honorirt, so haben sich die Gründer des Geschäfts meist schon längst ‚zurückgezogen‘ vom irdischen Comptoir.“ So ging’s dem wackern Bürgermeister Linke, so geht’s ganzen Völkern. Nur wenige Generationen sind so glücklich, wie die gegenwärtige im deutschen Vaterlande, die wenigstens die erste Rate einbezahlen sah … die Einheit.
Fritz Rödiger.


Ein deutsches Herz.[1]
Von Emil Rittershaus.

Am Eriesee am Abend ist’s sommermild und lind;
Es ging der Tag zur Rüste; es schläft der Abendwind
In duft’gen Blumenkronen; zuweilen aus dem Rohr
Fliegt noch ein Wasservogel mit hellem Schrei empor;
Sonst sind verstummt die Sänger im Busche allzumal;
Sie gingen alle schlafen schon mit dem Sonnenstrahl. –
Still ist’s; am Landungsplatz nur, dort, wo der Dampfer hält,
Da ist noch gar lebendig die laute Menschenwelt.
Zum Boote rüst’ge Burschen die schweren Fässer schleifen;
Der Niggerlieder Tönen, das Yankeedoodlepfeifen,
Der Passagiere Schwatzen und der Matrosen Schrei’n
Will gar kein Ende nehmen, bis bei des Mondes Schein
Das Boot den Anker lichtet.
                       Rings auf dem Schiffe stehn
Gar manche Gruppen plaudernd. Creolendirnen drehn
Sich schmucke Cigarretten; sie tändeln mit dem Fächer
Und schlürfen still behaglich am Limonadenbecher;
Sie lauschen dem Franzosen, wie er so schalkhaft witzelt;
Sie schielen nach dem Yankee, der ernsthaft Spähne schnitzelt.
Auch Deutsche birgt das Dampfschiff: ein Weib mit seinem Kinde.
Es sitzt mit ihrem Buben auf ihrer Kleiderspinde
Die Frau, und ihr zur Seite, da steht ein deutscher Mann,
Ein Deutscher, der die Schätze der neuen Welt gewann,
Ein Deutscher einst, nun Bürger im Staate Wisconsin;
Ihn drängt es nicht zur Heimath, zur alten Welt zu ziehn! –
„Was Ihr auch sagen möget, ich bleibe doch dabei:
Hier in dem Land der Freien fühl’ ich mich wahrhaft frei!
Die deutschen Nebelträume, den alten, dummen Wahn,
Ich hab’ von Grund der Seele das alles abgethan!
Ich war auch einst ‚gemüthlich‘, ein richtig’ ‚deutsch Gemüthe‘ –
Gar mancher speculirte auf meine Herzensgüte!
War wo ein fauler Lungrer, er kam zu mir gekrochen,
Bei meinem ‚guten Herzen‘ verstand er anzupochen;
Dann zog ich meinen Beutel, dann gab ich meinen Wein –
Man dankte mir verbindlichst und lachte hinterdrein!
Dann ward ich arm. O Himmel, wo blieben die Trabanten,
Die theuren, braven Freunde, die einst mich Bruder nannten?
War Einer wie der Andre! – Ich dachte: Fahret hin!
Ich hing ihn an den Nagel, den deutschen Edelsinn.
Mit dem Gemüth, dem biedern, mit all’ den Siebensachen –
Das lehrte mich das Elend! – ist kein Geschäft zu machen!
Mit Weib und Kind nach Westen ging’s, wo mir’s wohl behagt! –
Ihr zieht nach Deutschland wieder, so habt Ihr mir gesagt.
Nun, Glück zu Eurer Reise! Glück Euch und Eurem Kind’! –
Hört! Hütet Euch vor Menschen! Auch, die ‚gemüthlich‘ sind,
Im Grund sind’s doch nur Lumpen, bald sind sie klug, bald dumm,
Und ich bin selbst nicht besser als alles Publicum!
Was Freundschaft, Ehr’ und Liebe! Ich hab’s herausgefunden:
Die allerbesten Freunde, das sind die gold’nen, runden!
Die Tugend lebt im Geldsack und nicht in dem Gemüthe! –
Madame, Glück zur Reise! Ich geh’ in die Kajüte!“
So spricht zu einem Weibe ein Mann von deutschem Stamme.
Die Deutsche hebt die Stirne: „Wie hat des Herzens Flamme
Erstickt die schnöde Goldgier; dem Himmel Dank, mein Kind,
Daß wir aus diesem Lande nun bald entronnen sind,
Denn würdest Du wie dieser, solch’ herzlos kalter Mann,
O, welch’ ein elend’ Leben wär’ wohl mein Leben dann!
Nein, anders sollst Du werden, Du, der von allem Lieben,
Was ich auf Erden hatte, alleine mir geblieben!
O, würdest Du wie dieser, mir wär’ es bittres Weh’! –
Komm’, liebes Kind, und schaue, wie schön der Eriesee!“ –
Der Dampfer ziehet leise auf glatter, ebner Fluth;
Es weht kein einzig’ Lüftchen, das Spiel der Wogen ruht;
Ein blanker, klarer Spiegel ist weit und breit der See.
Hell blickt der Mond hernieder aus wolkenloser Höh’.
In seinen bleichen Strahlen die Tropfen alle glühn,
Die von des Dampfes Rädern in weiten Bögen sprühn;
Ein Silberregen glitzert licht an des Schiffes Seiten,
Sonst keine einz’ge Welle rings um in allen Weiten.
Fern liegt der Strand, der schöne, der schilfumkränzte, grüne;
Des Dampfes scharfes Zischen, das Stampfen der Maschine,
Das nur allein durchbricht hier die stille Abendruh’. –
Von dem Verdecke schauet dem Räderplätschern zu
Das Weib mit seinem Kinde; den kleinen Burschen freut
Das Spiel, wie rings die Schaufel die Wasserperlen streut,
Und in die Händchen klatschet der kleine, lust’ge Mann
Und ruft: „Sieh da, o Mutter! Sieh nur!“ so laut er kann.
„Sieh doch, Mama, wie schön ist’s!“ Dann fing er an zu schrei’n:
„O sieh doch, sieh doch, Mutter, dort, dort im Mondenschein!
Es geht ein Mann, ein schwarzer, an unsres Schiffes Seit’!“
Das Kind birgt das Gesichtchen in seiner Mutter Kleid.
„Jag’ fort den schwarzen Mann dort! Sieh, aus den Wellenstreifen
Seh’ ich den Schwarzen immer nach unserm Schiffe greifen!“
Des Knaben blonde Locken, die Mutter streicht sie lind:
„Des dichten Qualmes Schatten scheint Dir ein Mann, mein Kind!
Komm’ unter meinen Mantel und leg’ in meinen Schooß
Dein Köpfchen, kleines Männchen, und schlafe sorgenlos!“ –
In ihres Mantels Falten hüllt sie das Söhnlein dicht,
Dem trocknen bald die Thränen im kleinen Angesicht,

[636]

Und eh’ der Bub’ entschlummert, ei, wie er scherzt und lacht –
Ein Kind vergißt ja Alles, wenn Mutterliebe wacht! –
Indeß auf dem Verdecke das Kind schläft bei der Frau,
Zeigt sich in der Kajüte nun eine andre Schau.
Da kreist die Branntweinflasche im Raume, schwül und dumpf;
Der Eine flucht beim Würfeln, der Andere bei dem Trumpf.
Vom fernen Süd ein Pflanzer im buntgestreiften Hemd
Steht bei dem Capitaine, die Hände eingestemmt
In seine Seiten. „Goddam! Hier auf dem Eriesee
Versteht man nicht zu fahren, daß ich’s Euch gleich gesteh’!
Es geht wie mit der Schnecke! O, nirgend fährt man so,
So flott wie fern im Süden, im Golf von Mexico.
Da geht es von der Stelle, da hat man andre Art.
Doch hier im faulen Norden, da wird zu viel gespart!
Zehn Flaschen Whisky setz’ ich: Ihr fahrt nicht so geschwind,
Daß wir in einer Stunde schon in dem Hafen sind! –“
„Ei, Sir, in einer Stunde! Wir brauchen anderthalbe;
Mein Schiff, das heißt die ‚Schwalbe‘ und fliegt auch wie die Schwalbe!
Es geht mit allen Kräften!“ Da fällt der Pflanzer ein:
„Ich will in einer Stunde im Hafen lustig sein!
Geräth’s nach meinem Willen, bei Gott, ich halt’ es wahr:
Ich leg’ zu den Bouteillen Euch auch noch zehn Dollar!
Ihr habt nicht Weib, nicht Kinder, drum fahrt nur sorgenlos,
Und geht’s nicht in den Hafen, so geht’s in Abram’s Schooß! –“
„Denkt an die Passagiere!“ Der Deutsche ruft es laut.
Der Capitain in Ruhe am Tabak weiter kaut.
„So seid Ihr Deutsche immer! Hört, junger Deutscher, mich!
Bei Euch heißt’s: All’ für Einen! bei uns: Jeder für sich!
Macht schnelle Fahrt mir Freude, Euch kostet’s keine Kohlen –
Ich schlage ein, Herr Pflanzer, und damit Gott befohlen!
Zehn Flaschen und zehn Dollars! Es gilt!“ Der Seemann lacht.
„Ihr sprecht von Passagieren! Ein Passagier ist Fracht.
Versichert Euer Leben!“ und heimlich leis er kichert:
„Das Schiff ist morsch und faulig, doch ist es gut versichert!“
Es steigt des Schiffes Führer hin zum Maschinenraum.
Wildbrausend von den Rädern fliegt rings der Wellenschaum.
Die schwarzen Wolken steigen gewaltig aus dem Schlot,
Aufwirbeln hoch die Funken, die Funken purpurroth.
Hoch wallt des Dampfes Säule, bis auf den Fluthenschooß
Wirft jener Säule Schatten das Mondlicht riesengroß.
Da, plötzlich, welch ein Aufschrei! Die Treppe stürmt’s hinan.
„Es brennt! Brand in dem Schiffe! Wo ist der Rettungskahn?
Die Glocke sollt Ihr läuten! Zieht auf das Nothsignal!“
Da zuckt empor am Mast schon ein mächt’ger Flammenstrahl;
An den getheerten Stricken steigt auf die helle Gluth;
Die weißen Wasserperlen, sie leuchten roth wie Blut.
Der Dampf quillt aus den Fugen und rings Verderben droht,
Doch Capitain und Pflanzer, die sind im Rettungsboot.
Die Glocke dröhnet schrillend und hell die Pfeife gellt –
Umsonst verhallt das Tönen im weiten Wasserfeld.
In Büscheln aus den Luken die gelben Flammen quellen;
Sie lecken an der Schiffswand und züngeln nach den Wellen,
Sie fliegen auf im Rauche, vom Sparrwerk losgerissen,
Als wollten sie die Sterne am Firmamente küssen.
Laut ächzet die Maschine, umflammt an allen Flanken,
Und rings am Schiff, da hängen Schiffbrüchige an den Planken.
Hier tönt ein Fluch, ein grauser. „Hilf, Herr!“ ein Andrer jammert,
Und hundert Hände halten das Rettungsboot umklammert,
Und, die im Boote weilen, die ziehn die Messer nackt;
Sie stechen nach den Fäusten, die fest den Kahn gepackt.
Im Wahnsinn tobt der Pflanzer: „Ich geb’ Euch All den Rest!“
Des Blutes Quellen rieseln, die Finger halten fest,
Und immer Neue steigen auf aus dem Wasserschaum.
Gefüllt ist bis zum Rande des Nachens enger Raum;
Mit blut’gen Händen greifen sie wild sich nach den Kehlen!
Da stürzt er um, der Nachen! – – Gott schütze Eure Seelen!
Ein Gurgeln und ein Röcheln und dann ein Blasenquellen,
Ein Sprudeln und ein Kochen – dann werden still die Wellen …
Unweit vom Schiffe treibet ein Brett mit schwerer Last;
Die Mutter und der Kleine, sie halten’s fest gefaßt,
Das Kind sitzt auf der Planke, umspannt von Mutterarmen;
Die Frau, die fleht zum Himmel um Hülfe und Erbarmen.
Da naht mit mattem Stoße ein Schwimmer jenen Zwei’n.
Jetzt sieht sein Aug’ den Balken, er wird ihm Rettung sein!
„Rettung!“ so stöhnt er leise; er kämpft mit allen Kräften.
Die Frau sieht ihn die Blicke auf ihren Balken heften
Und sie erkennt ihn: „Himmel, das ist der deutsche Mann,
Der harte Mann, und naht er, verloren sind wir dann!
Kaum trägt das Brett uns beide, nun muß mein Kind verderben!
O Jesus, sei uns gnädig im Leben wie im Sterben!“
Des Deutschen Lippen zittern, ihm winkt des Lebens Glück;
Er denkt an seine Kinder, denkt an sein Weib zurück!
Ausgreifen weit die Arme! Ha, wie er ächzt und keucht!
Jetzt hat der müde Schwimmer den Balken fast erreicht;
Nun streckt er aus die Rechte, – da rufet unter Weinen
Die Mutter: „Laß’ die Planke, o laß sie meinem Kleinen!“
Und ängstlich schmiegt der Knabe sich an die Mutter an:
„Mutter, ich will nicht sterben! Da kommt der schwarze Mann!“ –
Da zuckt ein Strahl, ein lichter, dem Mann durch’s Angesicht –
War es ein Strahl von innen, war es das Mondenlicht?
Und in des Schwimmers Auge, welch’ seltsamlich Geleucht’!
War ihm das Aug’ von Wasser, war es von Thränen feucht? –
Ein Seufzer, herzzerreißend! – Er läßt die Planke los
Und sinkt, sich rücklings werfend, hin in den Fluthenschooß.
Ein Gurgeln und ein Röcheln und dann ein Blasenquellen,
Ein Sprudeln und ein Kochen – dann werden still die Wellen …
Die Mutter mit dem Kleinen, sie treibt zum sichern Strand;
Gelöscht hat nun die Woge im Schiff den letzten Brand.
Im Schilfe kniet die Frau, sie betet, voller Schmerz,
Für einen wackern Todten, ein echtes, deutsches Herz! –




Der Friedhof in der Natur.

Als ich vor Jahren meine erste Reise in’s Gebirge unternahm, war es nicht so sehr die gepriesene Fernsicht, die mich hinauf zu den höchsten Bergen zog, sondern das große Interesse für diese selbst. Ich wollte die eisumschlossene Welt kennen lernen, die alles Leben vernichtend niedersteigt und die Bewohner manches hochgelegenen Thales mit steter Sorge um ihre Existenz erfüllt.

Rascher Entschluß, kurze Vorbereitung vereinten sich zu endlicher Ausführung meines Planes, nicht allein diese Höhe aufzusuchen, sondern an der letztbewohnbaren Stätte einige Tage zu verweilen. Mit dem Morgengrauen eines vielversprechenden Tages hatte ich mit meinem Führer bereits die Anhöhe der achttausend Fuß hohen Vorgebirge überschritten. Die dünne Luft, Aufregung, und geringes Verständniß der Athem-Eintheilung während des Steigens, erzeugten in mir eine Herzbeklemmung, wie ich bei meinen vielfach ausgeführten späteren Touren eine ähnliche nie wieder empfunden habe, und das hohe Interesse für die mich umgebende gewaltige Gebirgsnatur erhöhte meine Reizbarkeit derart, daß ich nicht im Stande war, einen Bissen des vom Führer ausgebreiteten Mundvorrathes genießen zu können. Die Sonne vergoldete die höchsten Spitzen, welche sich scharf gegen die blaue Morgenluft abzeichneten.

„Oben giebt’s scharfen Wechselwind,“ meinte kopfschüttelnd der Führer, indem er mir einzelne Stellen auf den Eisflächen zeigte, wo nach meiner Meinung leichte Nebelwolken aufstiegen. Es waren aber nach des Führers Erklärung „Schnee-Gwah’n“, die den Wandrer zuweilen in erstickende Umhüllung fassen und mit ihren glassplitterähnlichen, gefrorenen Schneeflocken furchtbar peinigen. Wir zogen weiter über die sonnenbeschienenen Firne, umgingen die Windseite, so gut es möglich war, und kamen endlich auf der höchstgelegenen Spitze an. Während mein Führer mitleidig auf mich blickte und wiederholt versicherte, so unglücklich habe er es da oben noch mit keinem Touristen getroffen, fesselte mich ein Schauspiel großartiger Naturerscheinung.

Die Sonne stand, eine feurig rothe Scheibe, umgeben von einem Nebelmeere, am Horizonte, das Firmament spannte seinen hellblauen Bogen über die vollständig verhüllten Thäler, und nur

[637]
Die Gartenlaube (1871) b 637.jpg

Der Friedhof in der Natur.
Nach der Natur gezeichnet von Adolf Obermüllner

[638] die Eiskuppen der hohen Gebirge waren sichtbar. Es war noch sehr früh am Morgen, und dennoch erfüllte Gewitterschwüle die Luft. Elektrische Strömungen zuckten schon da und dort leuchtend auf, und leises Grollen verkündete den nahen Sturm. Immer finsterer ballten sich die Wolken, die Sonne verschwand und in kurzer Zeit brach unten im Thale ein furchtbares Ungewitter los. Ueber uns blauer, klarer Himmel, unter uns Donner und Blitz, es war ein seltener Anblick.

Der Führer drängte zur Umkehr, und da anzunehmen war, daß die Spitze, worauf wir uns befanden, in wenigen Minuten in den Kreis der Gewitter gezogen sein werde, folgte ich rasch, wenn auch ungern, dem Rath des erfahrenen Mannes. Wir hüllten uns dichter in die Loden-Wettermäntel, setzten uns auf die Eisfläche, ich voraus, der Führer hinter mir mit dem großen Bergstocke steuernd, ging’s mit rasender Schnelligkeit in die Tiefe. Oft denke ich noch staunend an die Geschicklichkeit, mit der er in dem immer dichter werdenden Nebel, trotz Hagel und strömendem Regen seine Sicherheit bewahrte, und in kaum zehn Minuten hatten wir genau die Stelle erreicht, von der aus wir angestiegen waren. Einige überhängende Felsblöcke gaben uns Schutz, und wir mußten nothgedrungen hier Rast halten, um Körper und Magen zu stärken.

So vergingen einige Stunden, und da das Wetter keine Miene machte, sich zu bessern, so entschlossen wir uns, aufzubrechen, um wenigstens die Schafalm, das Asyl meines projectirten Aufenthaltes, in Besitz zu nehmen. Ueber das Gerölle, welches wir zu überschreiten hatten, stürzte eine wahre Fluth von Wildbächen, und der Weg, welcher zurückzulegen war, bot Beschwerlichkeiten genug für eine erste Gebirgspartie.

Endlich zeigte mein Führer das ersehnte Ziel, – eine kleine unscheinbare Hütte, die in dieser Felsenwüste von den Steinblöcken kaum zu unterscheiden war. Jene, welche solche Situationen erlebt haben, werden den Jubel begreiflich finden, mit welchem wir einzogen, noch größer aber war die Freude, als wir sahen, daß das Dach dem Regen Stand gehalten hatte, Knieföhrenholz vorräthig, und ein Heulager aufgestapelt war. Ein lustiges Feuer wurde angefacht, die Kleider zum Trocknen gelegt, und nach gehaltener Mahlzeit begab ich mich, der Müdigkeit Rechnung tragend, zur Ruhe.

Der nächste Morgen brachte gutes Wetter und die eingetretene Ruhe contrastirte gar wohlthuend mit dem vorhergegangenen Sturme. Die Nebel waren verschwunden, nur einzelne Wolken lagen an den Bergspitzen, und ich konnte mir ein vollständiges Bild meines nahezu neuntausend Fuß hoch gelegenen Aufenthaltsortes gestalten. Die nächstfolgenden Tage blieb das Wetter schön, und während der Führer, Proviant holend, zu den Sennhütten niederstieg, durchwanderte ich staunend die großartigen Gletscherfelder, diesen ergreifenden Friedhof der Natur. Eine weithin erkennbare Linie zieht die Grenze der Vegetation, und längst abgestorbene Stämme der Hochgebirgstanne oder Zirbelkiefer stehen nur mehr als vereinzelte Vorposten festgeklammert auf ödem Gesteine, nachdem Regengüsse und Sturmwinde das lebenspendende Erdreich abgeschwemmt und zerstört haben.

Die vernichtende Umarmung des Moränengeschiebes, das wie eine natürliche Ringmauer vor den beweglichen Gletschermassen aufgethürmt liegt, erdrückt den letzten Halt dieser Bäume, endlich stürzen die vom Blitze verkohlten oder vermoderten Strunke zusammen, und ihre Aeste ragen in den absonderlichsten Formen in die Lüfte.

Den Zwischenraum bis zu dem Eise bilden die Gletscherböden, ein glattes abgeschwemmtes, theilweise mit Felsblöcken und Moränenschutt übersäetes Terrain – die eigentliche Domäne der nach den Gesetzen der Schwere und Dehnbarkeit in ewiger Bewegung begriffenen Gletscher. Je steiler abstürzend sich dieses Terrain den Thalniederungen zuwendet, desto zerklüfteter gestalten sich die Endpunkte des Eises; seiner Kraft unterliegen die schwersten Felsstücke, und alles Leben fällt in seinem Bereiche der Vernichtung anheim. Wenn ein schöner Sommertag heraufsteigt und seinen warmstrahlenden Mittagsgruß entbietet, dann und auch nur dann zieht ein geheimnißvolles Knistern und Tönen über die Eisfelder hin. Die glühende Sonne funkelt im Eise, Milliarden von hellen Wassertropfen fallen nieder von der aufthauenden Oberfläche des Gletscherrückens und fließen in schmalen Rinnen den abwärts gelegenen Klüften zu. Hier sammeln sich die kleinen Bäche, brechen die dünneren Eisschichten durch, suchen in der Tiefe einen Ausweg, und wäre die Arbeit des geschmolzenen Wassers nicht auf die wenigen Stunden des Tages angewiesen, wo die Sonne Kraft genug bewahrt, ihm dienstbar zu sein, es würde die unterirdischen Tunnels längst durchbrochen haben. So aber müht es sich vergebens ab, der starren Hülle zu entrinnen, die Wasser bleiben im unergründlich tiefen Gletscherbett gefangen, werden wieder zu Eis, und nur einem Theile davon gelingt es, sich durch unzählige kleine Oeffnungen zu befreien und in vielfachen Windungen über die Gletscherböden abzufließen. Lawinen lösen sich ab und stürzen mit dumpfem Geräusch von den Firnhängen nieder, die Einwirkung der warmen Luft spaltet manchen Eisblock, und der dadurch entstehende heftige Knall zieht, vom Echo weitergetragen, murrend an den Felswänden herum.

Nach einer Zeitdauer von ungefähr vier bis fünf Stunden verliert auf diesen Höhen die Sonne ihre Kraft, das Leben und Weben auf den Firnen wird stiller, die Tropfen gefrieren wieder zu Krystallen, der leise unheimlich gurgelnde Ton des Wassers verklingt nach und nach in unsichtbarer Gletschertiefe, und die Natur sinkt wieder zurück in ihren eiskalten Schlaf.

Der kurze Traum eines scheinbaren Lebens erstirbt, er konnte es nicht zum Erwachen bringen. Wenn die Sonne schon lange untergegangen ist, erglänzen noch die Firnspitzen im rothen Schein des Alpenglühens, die Sterne ziehen auf, und nach kurzer Dämmerung deckt die Nacht mit ihrem Schatten die Gegend. Das kahle Geäste der Kiefern schaukelt sich knarrend im Winde, und von den tiefer unten gelegenen Steinfeldern tönen einzelne gellende Warnrufe geängstigter Murmeltiere herauf, die durch die Nähe eines lauernden Fuchses aus ihren Löchern aufgestört werden.

Nichts unterbricht weiter die Stille dieser schweigsamen Welt, die, einem im Wogengange erstarrten Meere gleichend, den Menschen mit Staunen und Bewunderung erfüllt.

Meine kleine Hütte in Mitte dieser imposanten Natur wurde mir bei eintretender Nachtkälte ein liebes Asyl, und mein Führer erwartete mich stets mit irgend einem von seinen Ausflügen mitgebrachten Leckerbissen, den wir eben nicht immer kunstgerecht bereiteten.

Es mochte mehr als eine Woche vergangen sein, als ich in das Thal zurückkehrte, und das Erstaunen meiner Wirthsleute war groß, als sie vernahmen, daß ich mich die ganze Zeit in der verlassenen Schaf-Alm aufgehalten habe.

Als der Herbst anrückte, nahm ich herzlichen Abschied von dem schönen Thal, ich stieg nochmals auf jenen niedrigen Bergkegel, von dem aus ich das erste Mal die Gletscherwelt gesehen, und die blendend weißen Spitzen grüßten gar bekannt herab zu mir.

„Auf baldiges Wiedersehen!“ rief ich ihnen zu, und ich habe mein Versprechen getreulich gehalten.
Adolf Obermüllner.




Blätter und Blüthen.

Unter den Waldriesen Australiens. Die frische Nachmittagssonne eines sich zu Ende neigenden australischen Sommers brannte vom wolkenlosen Himmel herab und hatte uns, die wir seit früher Morgenstunde gewandert waren, schon manchen Schweißtropfen erpreßt. Durch parkähnliche Gegenden, über ansehnliche Gebirge, vielfach ohne leitenden Pfad waren wir, seit unserm gestrigen Nachtlager, bereits gewandert und jetzt standen wir auf der Höhe eines eben erstiegenen Gebirgszuges, des letzten vor unserm Ziele. Hohe Gummibäume, untermischt mit stattlichen Farrenbäumen, umgaben uns, während der Abhang des Berges vor uns durch die Axt und durch das Feuer bereits seinem Baumschmuckes beraubt war. Unten im Thale schlängelte sich in zierlichen Windungen ein kleiner, klarer Bach, „Olinda Creek“, an welchem eine kleine, wohnlich ausschauende Ansiedelung mit Obst- und Weingarten eine Strecke lang sich hinzog.

Aber es war nicht dieser Anblick, welcher uns fesselte; derartiges hatten wir schon oft gesehen. Wir waren hierher gewandert, um jene Riesenbäume zu sehen, deren Vorhandensein erst vor kurzer Zeit wissenschaftlich festgestellt worden war. Dr. Ferdinand v. Müller, der gelehrte Regierungs-Botaniker der Colonie Victoria und Director des botanischen Gartens zu Melbourne, war auf diese Riesen der vegetabilischen Welt aufmerksam geworden, und in seinem eifrigen Drange nach Forschung und Enthüllung der australischen Natur hatte er Messungen beordert, welche ein erstaunliches Resultat gaben und den australischen Waldriesen den Sieg verliehen über die bisher als die höchsten Bäume der Erde gekannten californischen Wellingtonias. Und jetzt hatten wir sie erreicht. Da unten im Thale begann ihre Region. Vom Fuße unseres Berges zog sich, nur unterbrochen von dem bemerkten Bache, eine grüne Wiese hin, und am anderen Saume erhob

[639] sich, schlank wie die Masten, Baum an Baum, ein jeder hoch emporstrebend nach dem azurblauen Himmel über uns. Ich hatte auf meinen vielfachen australischen Wanderungen schon manchen Riesen des Waldes gesehen, aber einen Wald von solchen Riesenbäumen noch nie.

Wir gingen oder sprangen vielmehr den steilen Waldpfad hinab und unser „Halloh“ und „Coo-eh“ („Kuu ih“ gewöhnlicher weitschallender Ruf der Eingeborenen) hallte klar und weit in den uns gegenüberliegenden Waldestempel hinein, unter dessen tiefen Schatten wir bald dahinschritten. Nie werde ich den Eindruck vergessen, den diese Umgebung auf mich und meinen Begleiter hervorbrachte. Die riesigen schlanken Bäume, die Dämmerung des Waldes, die feierliche ernste Stille, unser fast geräuschloses Dahinschreiten brachte eine Stimmung hervor, wie man sie eben nur im Schooße einer so großartigen, noch unbeschnittenen und wilden Natur empfinden kann.

Plötzlich öffnete sich der Wald und wir passirten einige Holzschlägerhütten, die auf einem weiten, bereits gelichteten Räume standen. Kinder und Hunde umsprangen uns und dieser Contrast war um so größer, als kaum tausend Schritt davon der hohe, majestätische Wald zu uns herüberwinkte. Es ging bergauf und wieder umgab uns heilige, ernste Stille, und hoch über uns rauschten die für uns kaum sichtbaren Wipfel der Bäume. Dann und wann schlugen die Töne von Axtschlägen an unser Ohr und mancher schlanke Riese war schon gefallen, um sein herrliches, leicht- und grad-spaltendes Holz nützlichen Zwecken zu opfern, und die Ueberreste solcher hemmten unser Vorwärtsschreiten. Hier an dieser Bergeslehne erhoben sich die Bäume zu wunderbarer Höhe und die schlanken Farren, deren mächtige, grüne Wedel im Winde wogten, standen wie spielende Enkelchen zwischen ihnen.

Wir machten Halt, nahmen einen stärkenden Schluck aus der Feldflasche und setzten uns auf die Ueberreste einstiger Riesen, deren Leben und Grünen bereits der Vergangenheit angehörte. Ein mir lieber Freund, der Photograph Charles Walter, war unser Führer. Dieser Mann, der als ein echter deutscher Künstler, ausgestattet mit Ausdauer und Energie, überall so gern die Natur belauscht und ihre heimlichen Heiligthümer aufsucht, um die Schönheit und Hoheit der Wildniß durch Photographien der Mit- und Nachwelt aufzubewahren, hatte von hier aus diese majestätischen Waldriesen bereits auf seine Platten gezaubert, indem er ihre Höhe in drei Abtheilungen aufgenommen, so daß drei übereinander und genau aneinander passende Abdrücke ein volles und naturgetreues Bild dieser riesigen Bäume wiedergeben.

Unsere Blicke schweiften an den graden, glatten Stämmen hinauf, oft zu einer Höhe von zweihundert Fuß und mehr, ehe das Auge den ersten abzweigenden Ast erspähen konnte. – Ein in diesen Bergen (Daudenong ranges) gefallener Baum maß von Fuß bis zum ersten Ast zweihundertfünfundneunzig Fuß, von da an weitere siebenzig Fuß; die Fortsetzung und Krone fehlte und war jedenfalls verbrannt oder benutzt worden. Die ganze Länge dieses Baumes bis zum Bruch betrug also dreihundertfünfundsechszig Fuß und an dieser Stelle hatte der Baum noch drei Fuß Durchmesser. Man denke sich die Fortsetzung bis zum schlanken Wipfel! Ein noch mächtigerer, bei Berwick aufgefundener Waldriese maß vier Fuß vom Boden einundachtzig Fuß Umfang, sein erster Durchschnitt sechsundzwanzig Fuß Durchmesser und noch sechs Fuß desgleichen in einer Länge von dreihundert Fuß. – Ein anderer gefallener Baum an der „Black spur“ maß volle vierhundertachtzig Fuß Länge.

Und unter solchen Riesen weilten wir und unsere Blicke schwindelten, indem sie deren schwankende Kronen suchten, Kronen, welche die höchsten Bauwerke der Erde, die Pyramide des Cheops und den Straßburger Münster, überschatten könnten. Und welche Zeit gehört dazu, eine derartige lebende Säule im Tempel der Natur aufwachsen zu lassen – welche Nahrung, um die immergrüne Krone da oben in brennender Sonnengluth frisch zu erhalten! Wie oft habe ich an den Goldfeldern in einer Tiefe von hundert Fuß im Quarzgestein noch die zarten Saugwurzeln der über uns grünenden Bäume entdeckt, wie sie zwischen Schiefer, Quarz und Eisenstein sich durch die weichen, feuchten thonhaltigen Stellen schlängelten, um die Nahrung nach oben zu führen!

Und ist dies nicht auch eine Märchenwelt? Da unten in nächtlicher Tiefe, nichts ahnend von der herrlichen Welt hoch oben und dem goldenen Sonnenlichte, schaffen und wirken die zarten Wurzeln und drängen sich trotzig durch die kleinste Spalte des harten Gesteins, immer Nahrung, Feuchtigkeit suchend und sie aufsendend für das Wachsthum und die Erhaltung so riesiger Monumente der Pflanzenwelt. Und ahnt wohl die hoch in den Lüften sich schaukelnde und im Sonnenäther sich badende Krone von dem stillen Wirken und Treiben der Wurzel-Gnomenwelt? Wohl kaum! Sie blickt stolz herab auf Alles, was unter ihr ist, und erschaut den winzigen Menschen, der tief unten von ihren gigantischen Wurzeln staunend zu ihr emporschaut, um sich dann noch tiefer zu beugen vor den herrlichen Werken der Allmacht,

Endlich hatten wir wieder die Höhe mit ihrer weiten Aussicht auf die bewaldeten Kämme näherer und fernerer Gebirgszüge erreicht, und ich war erstaunt, hier oben Hütten und ein reges Leben anzutreffen. Mehrere Männer, alle Deutsche, waren mit Behauen frisch gefällter Bäume und Schneiden der Bretter beschäftigt. Riesige Bäume lagen am Boden und gaben das nöthige Material zum Bau eines Hauses, das schon in seinen Umrissen fast auf der Kuppe des Berges stand. Der Bauherr war ein kräftiger, noch junger Mann, dessen Beschäftigung ebenfalls Bäumefällen und Schindelschneiden war. Er erzählte uns, daß, wenn das neue Haus mit seinen größeren Dimensionen fertig sei, er seine Braut heimführen würde, darum baue er es auch so stattlich; und hinüberzeigend nach einem andern Gebirgskamme machte er uns auf einen scheinbar kleinen, kahlen Fleck mit einem hellen Punkte aufmerksam und erklärte uns, das sei auch eine Ansiedelung, da wohne auch ein Deutscher, auch ein „Landsmann“. Ja, Germania, wenn du wüßtest, wo überall deine Kinder leben! –

Die Sonne und das Steigen hatte uns warm gemacht und wir sehnten uns nach einem Trunk Wasser. Unser Landsmann führte uns etwa fünfzig Schritt bergab, bog die Zweige eines an dieser Stelle dicht blühenden Gebüsches zurück, und wir standen vor einer herrlichen Quelle mit eiskaltem Wasser, welches sanft murmelnd und von üppigen Gesträuchen beschattet in das Thal hinabrieselte.

Der Mann hatte seinen Platz gut gewählt. Die Lichtung um ihn herum ließ keine Sorge aufkommen, daß durch den Fall eines Waldriesen seine Wohnung zerschmettert werde; Bäume, hier oben in weniger riesenhaften Dimensionen und daher leichter zu fällen und für seinen Zweck zu benutzen, standen zu Tausenden umher, dazu reine, gesunde Luft und eine nie versiechende klare Quelle. Und wenn erst sein Haus fertig und sein Liebchen darin, dann hat er eine Heimath sich geschaffen, wie sie wohl Mancher im alten Vaterlande sich ersehnt. Aber es gilt arbeiten, hart arbeiten acht bis zehn Jahre. Dann steigt er vielleicht mit seinem Weibchen wieder hernieder, sagt den Riesen des Waldes, die seine Axt noch verschont hielt, Lebewohl und zieht in geselligere Gegenden, um in Ruhe und Frieden den Rest seiner Tage zu verleben.

Wir nahmen Abschied von unseren freundlichen Landsleuten und traten bei später Abendsonne unsern Rückweg bis zu der vorerst gedachten Ansiedelung an, in welcher wir gastfreundlich für die Nacht aufgenommen wurden und unsere müden Glieder pflegten, um des andern Tages eine andere, nicht minder großartige Scenerie zu besuchen, eine in dieser Gegend vorhandene herrliche Farrenbaumschlucht von über drei englische Meilen Länge. Da die Beschreibung derselben einen selbstständigen Aufsatz verdient, so sei hier nur noch Einiges über die eben gesehenen und beschriebenen Waldriesen gesagt.

Eucalyptus amygdalina findet sich in den Colonien Victoria und New South-Wales, wie auch in Tasmanien vor; doch nur in gewissen Gegenden, und besonders am Fuße der victorianischen Alpen erreichen diese Bäume die vorbeschriebene kolossale Höhe.

Dr. von Müller hat in einem vor kurzer Zeit im Melbourner Museum gehaltenen höchst interessanten Vortrage „über die praktische Nutzanwendung der Pflanzenwelt“ unter vielen anderen auch dieser Bäume gedacht und den vielfachen Nutzen derselben zergliedert. Ich erlaube mir, hieraus noch einiges Bezügliche mitzutheilen, indem ich mich streng an die Worte des gelehrten Doctors hatte. Er nimmt zu seiner eingehenden Berechnung einen Eucalyptus amygdalina von dem kolossalen Umfange und Höhe des bei Berwick gemessenen und sagt:

„Nehmen wir an, daß nur die Hälfte des Holzes, welches ein solcher Baum liefert, zu Planken von zwölf engl. Zoll Breite und einem Zoll Dicke geschnitten würde, so würde dies 426,720 laufende Fuß geben, genug, um 9¼ engl. Acker damit zu bedecken. Würde dieselbe Quantität Holz (die Hälfte des Baumes) zu Eisenbahnschwellen verwendet, eine jede 6 Fuß lang, 6 Zoll breit und 8 Zoll hoch, so würde das Resultat 17,780 Schwellen sein. Es bedürfte ein Schiff von 100 Tonnen Gehalt, das Holz des Stammes, der Aeste und Zweige des halben Baumes fortzuschaffen, oder 666 Karrenladungen, jede zu 1½ Tonne gleich 30 Centner.

Die zu gewinnenden Oele aus den Blättern des ganzen Baumes würde man auf 31 Pfund berechnen können, die Holzkohle auf 17,950 Bushel, den Rohessig auf 227,269 Gallonen, den Holztheer auf 31,150 Gallonen, die Potasche auf 51 Centner.“

„Aber,“ ruft er aus, „wie manches Jahrhundert mag vorübergegangen sein, ehe die ungestörte Natur in ihrem langsamen Wege des Wachsthums ein so mächtiges und wundervolles Gebilde erzeugen konnte!“

Ueber das Alter verschiedener Bäume sich aussprechend, führt er weiter an, daß das Alter der Eichen bis auf 2000 Jahre geschätzt ist. Man hat gefunden, daß Wellingtonias 1100 Jahre Alter zählen. Von der südeuropäischen Ulme weiß man, daß sie 600 Jahre alt wird. Dr. Hooker schätzt die ältesten Cedern, welche jetzt noch den Libanon zieren, auf 2500 Jahre. Historische Ueberlieferungen beweisen, daß der Orangenbaum ein Alter von 700 Jahren erreicht und unter günstigen Verhältnissen, trotz des Alters, seine völlige Fruchtbarkeit behält. So wird von einem Orangenbaum gesagt, daß derselbe 20,000 Orangen in einem Jahre getragen habe.

Solche Forschungen der Wissenschaft lassen uns die Größe der Natur erkennen, die in ihrem stillen Wirken so Unglaubliches hervorbringt, und während die Menschheit im ewigen Hader das Geschaffene der Vernichtung wieder preisgiebt, arbeitet die gütige und weise Natur still und oft unbeachtet nach ewigen Gesetzen immer weiter und weiter.

Theodor Müller.


Für Reisende und Jäger. Das Leben wird uns durch immer neue Erfindungen mit jedem Jahre angenehmer gemacht, und besonders für Reisende ist in den letzten Jahrzehnten das Außerordentlichste geschehen. Ich rede dabei nicht von den zahllosen neu erfundenen „Reise Utensilien“, wie sie gewöhnlich genannt werden, denn man brauchte einen Leiterwagen, um diese alle mitzuführen, aber zwei wirklich praktische Dinge sind aufgetaucht und werden trotzdem noch viel zu wenig benutzt. Ich meine das Fleisch- und das Kaffee-Extract.

Dem Fleischextract steht seine unpraktische Verpackung entgegen, denn die einmal geöffneten Büchsen lassen sich wohl im Hausstand verwerthen, sind aber auf der Reise, zum Beispiel besonders bei warmem Wetter, gar nicht mitzuführen, ohne daß man der Gefahr ausgesetzt wäre, durch das auslaufende Fett andere Dinge zu verderben.

Die Nordamerikaner verstehen besser als wir, Allem, was sie benutzen, auch ein passendes Gehäuse zu geben, und ihre Medicinen und Droguen zum Beispiel findet man in den verschiedenen Apotheken aller Welttheile, aber nicht etwa deshalb, weil sie besser und reiner hergestellt wären als die unseren – Gott bewahre; es ist oft das Gegentheil der Fall, nein, allein deshalb, weil sie in hübschen und zierlich etikettirten Flaschen und Büchsen so verwahrt sind, daß sie auch zugleich eine Zierde jeder Apotheke werden, während man sie leicht öffnen und wieder luftdicht verschließen kann.

Ebenso müßte das Fleischextract auch in kleinen, festverschlossenen, aber [640] doch auch leicht zu öffnenden und leicht wieder zu schließenden Büchsen verwahrt sein, und jeder Reisende könnte es dann bei sich führen. Welche Wohlthat das aber besonders im Winter wäre, wo man in den verschiedenen Eisenbahnstationen das Bedürfniß nach einer Tasse Bouillon fühlt, und dort nur mit heißem Wasser, auf dem ein paar Fettflecke herumschwimmen, erquickt wird, ist kaum zu sagen.

Wer selber praktisch ist, kann sich das nun allerdings auch selber wohl zum Gebrauch herstellen, aber die Wenigsten geben sich dazu die Mühe, und die Industrie sollte sich deshalb – und gewiß mit gutem Erfolg – der Sache bemächtigen.

Ein anderer Gegenstand ist der erbärmliche Kaffee, den man nur zu häufig auf den Bahnhöfen bekommt. Bisher war man nun auf Reisen Morgens um vier oder fünf Uhr verschlafenen Kellnern mit ungekämmten Locken rettungslos preisgegeben und mußte – wenn man an Kaffee früh gewöhnt war – einen dünnen Aufguß mit zweieinhalb oder fünf Groschen bezahlen – aber auch darin haben wir eine Hülfe gefunden, und zwar hauptsächlich durch den letzten Krieg, der, neben der Erbswurst, auch eine Masse anderer Dinge in’s Leben rief, wo Ersparniß an Raum und Gewicht wesentlich wurde.

Das Kaffee-Extract von Friedr. Nienhaus in Düsseldorf läßt da kaum etwas zu wünschen übrig, besonders das praktisch in kleinen, wie Schnapsflaschen geformten Blechbüchsen versandte, die durch einen einfachen Kork fest und luftdicht verschlossen sind.

Mit einem zweckmäßig hergestellten Flacon Fleischextract und einer solchen Blechbüchse voll Kaffee-Extract kann man allen Schrecken von Bouillon und Kaffee in den verschiedenen Bahnhofs-Restaurationen trotzen, und wenn das Reisen dadurch nicht bequemer werden sollte, wird es doch erträglicher.

Jäger besonders aber, denn die heiße Herbstsuche hat wieder begonnen, mache ich auf das mit Arrak versetzte Kaffee-Extract, das ich selber erprobt, aufmerksam. Wassertrinken auf der Hühnersuche ist, wo wir von ansteckenden Krankheiten bedroht werden, gefährlich, Wein kann man nicht mitführen, er nimmt zu viel Raum ein und wird warm, Branntwein allein stillt wohl den Durst für den Augenblick, aber erschlafft die Sehnen – ein Schluck dieses Kaffee-Extracts mit Arrak aber löscht nicht allein den Durst, sondern erquickt und kräftigt auch, und Mancher wird mir diesen Fingerzeig danken.
Friedrich Gerstäcker.


Nach neunzehn Jahren! Wir haben in Nr. 45 der Gartenlaube des vorigen Jahrs eine, wie wir selbst gestanden, gewagte Nachfrage nach einem seit 1853 Vermißten veröffentlicht und werden nun dennoch mit einer Nachricht über ihn überrascht, die einen denkwürdigen Theil seines amerikanischen Lebens schildert und genaue Spuren zur Weiterforschung nach ihm angiebt. Es ist dies der ehemalige Kaufmann und Chemiker Andreas Adam aus Pappenheim, dessen beklagenswerthe Gattin als Wittwe gilt, obwohl in ihrem Herzen der Glaube an den Tod ihres Mannes noch nicht hat Herr werden können. Die arme „Wittwe“ hat ihren einzigen Sohn und mit ihm ihre einzige Stütze zum Soldaten gegen Frankreich hergeben müssen, und wir wissen nicht, ob die bittere Klage über ihre Verlassenheit von aller Welt seitdem durch des Staats und edler Vaterlandsfreunde Hülfe gelindert worden ist. Umsomehr freut es uns, der tapferen Hoffnung ihres treuen Herzens mit unserer Nachricht zu Hülfe kommen zu können.

Herr Andreas Adam trat beim Ausbruch des amerikanischen Bürgerkriegs in das Heer der Union ein. Ein deutscher Landsmann, Philipp Gries aus Mannheim, der sich in das achte New-Yorker Regiment (Blenker’s Jäger) hatte einreihen lassen und dann in Müller’s Camp bei Washington der vierten Compagnie, welche Gustav Struve bis nach der zweiten Schlacht von Bull Run als Hauptmann commandirte, zugetheilt worden war, fand in diesem Camp auch den damals von ihm auf fünfzig bis zweiundfünfzig Jahre geschätzten A. Adam. „Derselbe,“ so schreibt er, „trug langes Kopfhaar sowie einen vollen Bart, beides offenbar früher schwarz, jetzt aber stark mit grau untermischt. Er hatte ein ausdrucksvolles Gesicht, große schöne Augen, eine etwas lange spitze Nase, seine Sprache war kräftig und verrieth im Dialekt seine bairische Abstammung. Später bezeichnete er mir auch Nürnberg als seine Heimath. Adam war immer still und schloß sich dem lustigen Treiben der übrigen Cameraden höchst selten an. Sein größtes Vergnügen bestand darin, in freier Zeit in der Natur herumzuwandeln, Gebirge, Thäler, Schluchten und Wälder zu durchstreifen, um fremde Pflanzen sowie seltene Steine zu suchen und die so vielerlei Holzarten der virginischen Wälder kennen zu lernen. Namentlich erfreuten ihn die Wurzeln des wilden Lorbeerstrauchs, aus denen er Pfeifenköpfe mit prächtigen Holzschnitzereien herstellte; auch viele kunstreiche Spazierstöcke bekamen wir von ihm. Ich begleitete ihn oft auf seinen Ausflügen und er theilte mir dann Manches aus seiner Nürnberger Heimath mit, das auf eine sehr glücklich verlebte Jugendzeit hindeutete. Einen Kummer schien er übrigens im Herzen zu tragen, denn er konnte ganz plötzlich von der freundlichsten Stimmung in ein stilles Hinstarren versetzt werden; sonderbarer Weise hat er mir, seinem sonst intimsten Freund, gegenüber nie etwas von Pappenheim erwähnt.“

Adam erfreute sich, trotz der harten, oft unerträglichen Strapazen des Feldzugs, stets der besten Gesundheit und ging aus allen Gefechten des achten Regiments unversehrt hervor. Auf einem der letzten Märsche desselben, gegen Gainsville und Aldie, gerieth er in Gefangenschaft der Rebellencavallerie, ward aber bald ausgewechselt und ging zu seiner Erholung nach Annapolis. Zum Regiment kam er nicht wieder, da die Mannschaft bald darauf ausgemustert wurde. Aber im Mai 1863 muß er unbedingt nach New-York gekommen sein. Ob er nun dort sich angesiedelt, oder ob er, was wahrscheinlicher ist, den von ihm sehr unterstützten Plan einer gemeinsamen Ansiedelung im fernen Westen mit ausgeführt hat, darüber sind in New-York selbst die genauesten Nachrichten sicherlich zu erfahren.

Es pflegen nämlich viele Mitglieder des achten Regiments, kurzweg die Achter genannt, die jetzt in New-York, Hoboken, Brooklyn oder Williamsburg wohnen, sich häufig sowohl in Menzel’s Hôtel (jetziger Eigenthümer Herr Fritz Brickbauer, Nr. 29 Bowery, corner of Bayard street and Bowery) als in dem daneben liegenden Hübner’schen Lagerbiersalon, Nr. 27 Bowery, zusammen zu finden. Diese Männer werden, ohne daß wir sie bei ihren Namen auffordern, gern das Liebeswerk auf sich nehmen, wenn irgend noch möglich, Andreas Adam zur Heimkehr zu den Seinen, seiner Gattin, seinem Sohn und seiner Tochter, zu bewegen. Zu befürchten hat er sicherlich im heutigen Deutschland nichts mehr für seine Vergangenheit, denn sein Verbrechen war schwerlich ein anderes, als das, welches unter Bismarck’s Vorführung die Könige von Preußen und Baiern sammt allen übrigen deutschen Fürsten jetzt zur Vollendung gebracht haben: die Herstellung eines einigen deutschen Reichs! Im Jahr 48 wollte dies das deutsche Volk gegen den Willen der Fürsten, im Jahr 71 die deutschen Fürsten mit dem Willen des Volks. Warum soll ein Achtundvierziger jetzt nicht in Frieden heimkehren können, um nach verkümmertem und verstürmtem Mittag den Abend des Lebens mit den Seinen zu genießen?


Der erste Gang zum Enkel. (Mit Illustration S. 629.) Der Norweger A. Tidemann, der Familienmaler seines Volks, der sich unserer Düsseldorfer Schule angeschlossen hat, führt in der Illustration, welche wir heute den Lesern der Gartenlaube mittheilen, uns in die Wohnstube eines Bauernhauses seiner Heimath und zu einem stillen Familienfeste. Die Großeltern statten dem Enkelkinde ihren ersten Besuch ab. Da bilden vier Glückliche den Kranz um das kleine Wesen, das von dem Allen nichts begreift, sondern dessen höchste Leistung im Spiel mit den eigenen Händchen besteht, die ihm selbst noch als etwas außer ihm Befindliches vorkommen. O die Großmutter! so sind sie denn in Norwegen und Schweden gerade wie bei uns: in ihren Armen muß der Enkel zuerst und am längsten ruhen, und was sinnt die so selig lächelnde Alte? Sie prüft offenbar, wem das Kindchen ähnlicher sehe, ob ihrer Tochter oder ihrem Tochtermanne. Und die junge Mutter, wie fromm in ihrem Glück faltet sie die Hände im Schooß, ganz der Lust der Mutterliebe hingegeben! Die Männer, Großvater und Kindsvater, haben’s mit dem Trinken zu thun; aber auch dies geschieht nur dem Feste zur Ehre und gehört somit zur Sache. Ob wir auch den kleinen Löffelgardisten bei der Thür mit zur Familie zu zählen haben? Jedenfalls feiert er auch seinerseits tapfer mit, und so stört nichts im Bilde die wohlthuende Wirkung auf ein im Frieden des Hauses das schönste Glück lobendes Gemüth.


Kleiner Briefkasten.

W. Z. in St. Keineswegs. Wir sind vielmehr der Meinung, daß der Wiederabdruck unserer officiellen Kriegsdepeschen nicht oft genug geschehen kann, damit dieser unverfälschbare Wegweiser für die Geschichtschreibung wo möglich in jeder deutschen Hand sei. Welche Fülle von Erinnerungen erweckt schon das Durchblättern dieser Depeschen in Jedem, der die große Zeit mit offenem Auge und Herzen durchlebt hat! Und doch, wie Wenige haben in jener Zeit daran gedacht, die fast täglich gedruckten Depeschen-Bogen und -Zettelchen zu sammeln! Jetzt regt sich das Bedürfniß darnach, und es ist ganz vernünftig, daß die Speculation es befriedigt. War doch beim Einzuge in Berlin die Depeschenreihe an den Siegessäulen ein Hauptschmuck derselben! Ebenso war ein sehr passendes Angebinde für die heimgekehrten Sieger die ihnen verehrte Sammlung der „Telegraphischen Kriegsbotschaften aus den deutschen Hauptquartieren“. Gleiches Verdienst hat der von G. Reusche in Leipzig veranstaltete genaue Abdruck der an den Straßenecken Leipzigs veröffentlichten „Officiellen Depeschen aus dem deutsch-französischen Kriege 1870–1871“. Form und Farbe dieser Placate wirkt sicherlich mit auf die Erinnerung ein, und daß der Herausgeber auch die Zeit der Ankunft der Depeschen in Leipzig genau mit angab, verleiht denselben einen Werth mehr für den Leipziger, der selbst bis zur Stunde und Minute genau in die Aufregungen jener Tage sich zurückversetzen kann. Wie gesagt, wir sehen solche Sammlungen gern in Jedermanns Hand und möchten dabei noch auf eine zweite und zwar illustrirte Prachtausgabe der Depeschen (A. Dürr, Leipzig) aufmerksam machen, deren Preis selbstverständlich mehr für wohlhabende Käufer berechnet ist.

Abonnent H. in Löbau. Nach brieflichen und mündlichen Mittheilungen in Folge unserer Nachfragen in Berlin sind die Angelegenheiten des „Oelfarbendruck-Gemälde-Vereins Borussia“ längst vollständig geordnet. Betheiligte, welche davon noch nicht durch das „Bureau“ selbst unterrichtet worden sind, werden gut thun, sich an die Adresse der „Borussia“ direct zu wenden.

Gartenlaube-Freund in Alzey. Sehr einfach. Wir haben dem Herrn Professor R. in D. eine oder mehrere seiner langweiligen Novellen zurückgesandt, und dafür rächt sich der gute Mann nun in seinen übrigens ganz unschädlichen Angriffen auf unser Blatt.

Te. in Bonn. Ihrem Wunsche nach einem Beitrage von Gottfried Kinkel werden wir schon in den nächsten vierzehn Tagen nachkommen. Das neue Quartal beginnt mit einer überaus reizenden Erzählung des gefeierten Dichters.


Nicht zu übersehen!
Mit nächster Nummer schließt das dritte Quartal unserer Zeitschrift. Wir ersuchen daher die geehrten Abonnenten, die Bestellungen auf das vierte Quartal schleunigst aufgeben zu wollen.
Die Verlagshandlung.



Verantwortlicher Redacteur Ernst Keil in Leipzig. – Verlag von Ernst Keil in Leipzig. – Druck von Alexander Wiede in Leipzig.

  1. Emil Rittershaus: „Neue Gedichte“, die wir in Nr. 15 der Gartenlaube als demnächst erscheinend ankündigten, sind bereits vor einigen Wochen auf den literarischen Markt gekommen und haben bei den vielen Verehrern des beliebten und begabten Dichters so allgemein angesprochen, daß binnen zwei Monaten die erste große Auflage von fünftausend Exemplaren vergriffen und eine zweite nahezu ebenso bedeutende Auflage nöthig wurde. Wir theilen heute unsern Lesern, die ja den Dichter aus vielen in der Gartenlaube abgedruckten politischen Liedern kennen, ein unpolitisches Lied aus dem Buche mit und empfehlen die schön ausgestattete Sammlung auf das Beste.
    Die Redaction.