Album der Rittergüter und Schlösser im Königreiche Sachsen II. Section/H11

Heft 10 des Meissner Kreises Album der Rittergüter und Schlösser im Königreiche Sachsen von Gustav Adolf Poenicke (Hrsg.)
Heft 11 der Section Meissner Kreis
Heft 12 des Meissner Kreises
Die Beschreibungen sind auch als Einzeltexte verfügbar unter:
  1. Ragewitz
  2. Glaubitz
  3. Grödel
  4. Lüttewitz


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Ragewitz.


Ungefähr vier Stunden von Riesa und zwei Stunden von Oschatz, in dem Amtsbezirke gleiches Namens, liegen am Jahnabache, das schriftsässige Rittergut und das Dorf

Ragewitz,

das letztere, mit 26 Wohnungen und nahe an 200 Einwohnern, eingepfarrt in die Blosswitzer Kirche. Dem Besitzer der Rittergüter Ragewitz und Grubnitz, die seit langen Jahren einem Herrn gehören, steht das Patronatrecht über die Kirche zu Blosswitz sowie die Besetzung des Pfarr- und Schulamtes daselbst zu.

Ragewitz, serbischen Ursprungs, ist wahrscheinlich der Stammsitz des alten Geschlechtes von Ragewitz, einer aus Meissen stammenden vornehmen Familie gewesen. Die Geschichte hat uns nur die Namen von drei ihrer Glieder aufbewahrt, nämlich: Christoph von Ragewitz auf Bornitz und Stösitz der 1530 als Herzog Georgs von Sachsen Rath auf dem Reichstage zu Augsburg erschien und 1575 als chursächsischer Rath gestorben ist; Balthasar, der 1542 als herzoglich sächsischer Rath in vielen wichtigen Angelegenheiten das Amt eines Gesandten verwaltete und als der letzte Domdechant zu Freiberg starb, und Alexander von Ragewitz, chursächsischem Hausmarschall, Küchenmeister und Amtshauptmann zu Chemnitz und Lichtenwalde, durch dessen 1629 erfolgten Tod dieses Geschlecht erlosch.

Ragewitz, als dessen Besitzer im Jahre 1261 ein Rüdiger von Schachowe genannt wird, kam in der zweiten Hälfte des fünfzehnten Jahrhunderts an die von Schleinitz, indem Ritter Georg von Schleinitz auf Seerhausen 1464 durch Herzog Albrecht mit diesem Rittersitze belehnt wurde. Er liess es sich angelegen sein, einen herrschaftlichen Garten und andere Verschönerungen bei dem Schlosse anzubringen, wie dies die sogenannte „Mönchssäule“, ein in den Anlagen bei Ragewitz befindliches Denkmal, besagt, das auf seiner östlichen Fläche einen geharnischten, vor dem gefesselten Christus knieenden, jetzt leider seines Kopfes beraubten, Ritter und ihm zur Seite das Schleinitzsche Wappen zeigt, mit der Unterschrift: Sanguis Jesu Christi emundat ab omni peccato, und der Jahrzahl 1510. Auf der Kehrseite gegen Westen, liest man unter derselben Jahreszahl die Worte: „Wer dieses Gartens Lust und Frucht wird geniessen, der wolle aus christlicher Liebe sich befleissen, für die Seele Gott treulich zu bitten Herrn Georgen von Schleinitz, Rittern, dieses Gartens Anfänger und Pflanzer.“ Auf der Südseite endlich findet man folgende Bemerkung: „Zum Wiedergedächtniss des Edlen, Gestrengen und Ehrenvesten George von Schleinitz, Ritters, meines lieben Vetters, als Stifters und Pflanzers dieses Gartens Ragewitz, ist von mir, Christoph Haubold von Schleinitz auf und zu Ragewitz, dies Werk wiederum renovirt worden, den 5. Aug. Ao. 1602. Fide beamur. H. S. N. T.“ Pappeln umgeben diese Säule und unter denselben liegen seit einigen 20 Jahren zwei Bruchstücke von Leichensteinen, die, ohne dass man sie weiter beachtet, als Stufe vor der Thür des Herrenhauses gedient hatten, bis sie durch den vorletzten Besitzer, Herrn Georg Freiherrn von Pfister, endeckt und an ihren jetzigen Platz gebracht wurden. Der eine derselben gehörte der in ihrem 37. Lebensjahre verstorbenen Gemahlin Christoph Haubolds von Schleinitz, Anna, der andre deren Schwiegertochter der Gattin Georg Erasmus’ von Schleinitz, einer geborenen von Ende, die in schwerer Geburtsstunde den 29. April des Jahres 1627 starb.

[82] Nach der allgemeinen Kirchen-Gallerie sind die Besitzer von Ragewitz in chronologischer Reihenfolge nachstehende gewesen: Wolf von Schleinitz, des vorgenannten Georg Sohn. Er war zugleich Herr auf Seerhausen, Mautitz, Grubnitz, Stauchitz, Zöschau, Alt-Oschatz und beliehen mit dem Patronatrechte über die Kirche zu Blosswitz. Vermählt mit einer geborenen von Lüttichau aus dem Hause Kmehlen, starb er im Jahre 1527. Ihn beerbten seine Söhne Hans und Georg, während deren Unmündigkeit ihr Onkel, der auf Ragewitz 1470 geborene Meissner Bischoff, Johann VII., Luthers heftiger Gegner, die Vormundschaft führte. 1543 theilten sich die Brüder in das väterliche Erbe und Hans, Hauptmann zu Radeberg, vermählt mit Barbara von Bünau aus dem Hause Tetzschen, ward nun alleiniger Herr auf Ragewitz und Grubnitz und später auch auf Mautitz. Der dritte Besitzer dieses Namens, Georg Rudolph, war vermählt mit Katharina von Ende, soll 1603 zu Oschatz gestorben und in der Pfarrkirche daselbst begraben sein. Ihm folgte Hans Heinrich von Schleinitz, geboren 1582 und bereits am 1. April 1610 gestorben, der Ragewitz seinem Vetter, Christoph Haubold, hinterliess, welcher wie oben erwähnt, die „Mönchssäule“ renoviren liess. Dessen Sohn und Erbe, Hans Dietrich, Anfang Aprils des Jahres 1602 geboren, besass ausser Ragewitz und Grubnitz auch Seerhausen, Mautitz und Alt-Oschatz war 1652 adlicher Schul-Inspector der St. Afra zu Meissen, und starb 1660 zu Oschatz, gefolgt von seinem Jüngern Bruder Georg Erasmus von Schleinitz, dessen Todesjahr unbekannt. Nach ihm kömmt ein Fabian von Utenhofen, aus einer alten in Thüringen und dem Voigtlande angesessenen Familie, als Besitzer von Ragewitz vor. Ob er hier gestorben oder das Gut bei Lebzeiten anderweit verkaufte, ist unbekannt. Vermählt war er mit Sybilla von Schönfeld und wird zweimal, 1657 und 1662 als Herr auf Ragewitz genannt. Sein Nachfolger war Leo Sahrer von Sahr, fürstlich Holstein-Sonderburgischer Hofmeister und Kammerjunker, auch Herr auf Zschortau und Laue bei Delitzsch. Jüngster Sohn Sebastian Sahrer von Sahrs, der 1621 seines evangelischen Glaubens willen seine Güter in Böhmen verliess, war er vermählt mit Eva von Schleinitz und starb 1680 im Städtchen Brandis, nachdem er Ragewitz, 1674, an den Obrist Hans Sigismund von Zeidler verkauft. Dieser, vermählt mit einer geborenen von Starschedel, hinterliess seinem Sohne Hans Karl Dietrich, geboren den 13. September 1660, auch Ragewitz. Am 12. März 1700 starb derselbe als K. Polnischer und churfürstlich sächsischer General-Major und Obrist eines sächsischen Infanterie-Regiments, unvermählt zu Dresden, ward aber in der Kirche zu Blosswitz vor dem Altare beigesetzt. Noch ist sein Bildniss, umgeben von der reichvergoldeten Waffenrüstung, bei der sich auch sein Degen nebst den Sporen befindet und überweht von 2 Trauerfahnen an der Südseite der Kirche zu sehen. Durch verschiedene milde Stiftungen hat er sich ein bleibendes Denkmal gegründet und die Reihe des alten Geschlechtes von Zeidler, das mit ihm in männlicher Linie ausstarb, würdig geschlossen. Erbin seines Nachlasses und somit auch Besitzerin von Ragewitz ward seine Schwester Johanne Sophie, geboren 1664 und seit dem Mai 1680 vermählt mit dem Königl. Polnischen und chursächsischen Geheimen Rathe und Kammerherrn Hans Heinrich von Trützschler aus der alten Meissnischen Familie Trützschler von Falkenstein, die, seit Conrad von Trützschler, der der erste dieses Namens im Jahre 1305 als „Burgmann von Crimmitzschau“ vorkommend, bis in unsre Zeit in einer langen Reihe berühmter Nachkommen sich fortgepflanzt hat. Sie starb, zwei Kinder, einen Sohn und eine Tochter hinterlassend, am 9. Juni 1729 auf Berbisdorf und ward zu Blosswitz, in der neuerbauten Familiengruft beigesetzt. Fünf Jahre später, am 7. April 1734 folgte ihr auch ihr Gemahl im 78. Lebensjahre in die Ewigkeit und ward von Dresden aus, wo er vollendete, nach Blosswitz in das Erbbegräbniss gebracht. Beider Bildnisse, noch sehr gut erhalten, zieren die Kirche des Ortes. Von ihnen übernahm ihr einziger Sohn, Heinrich Ernst, oder wie Gauhe ihn nennt, Carl Ludwig, Domherr zu Merseburg und Sachsen-Merseburgischer Hofmarschall die Besitzungen der Eltern. Er vermählte sich mit einer Fräulein, von Bunkersrode, starb am 25. April 1761 und vererbte seine Güter seinem Sohne, dem Kammerherrn Moritz Christian Adam, der aus seiner Ehe mit Henriette Magdalene von Pflug aus dem Hause Steinbach 2 Söhne und drei Töchter zeugte, die er bei seinem frühen Tode am 24. Januar 1762, als Unmündige verliess. Der Vormund dieser Kinder Christoph Dietrich von Plötz, chursächsischer[WS 1] Hauptmann, brachte die Güter Grubnitz und Ragewitz, nachdem sie in Concurs verfallen waren, im Jahre 1772 für die geringe Summe von 48,000 Thlrn. an sich, verkaufte sie jedoch schon bald darauf, nachdem er 1786 das Rittergut Jahnishausen aquirirt, an die Gebrüder von Pfister. 1796 verkaufte er jedoch auch Jahnishausen an den sächsischen Staatsminister, Grafen von Hopfgarten und starb, einige Jahre später, ohne ein Rittergut zu besitzen, in Meissen. Jahnishausen, das schon in einem frühern Hefte unsres Albums beschrieben, befindet sich bereits seit Jahren in dem Besitze unsres allgeliebten Königs Johann und scheint von hochdemselben namentlich gern besucht zu werden, wenn Se. Majestät von den erschöpfenden Staatsgeschäften in ländlicher Einsamkeit Sich erholen wollen.

Die erwähnten Gebrüder von Pfister blieben bis zum Jahre 1796 in ungetheiltem Besitze ihrer Güter. In diesem Jahre theilten sie sich jedoch und Georg, Freiherr von Pfister, der jüngste unter ihnen, kam in [83] den Besitz von Grubnitz und Ragewitz. Geboren 1772, vermählte er sich 1803 mit einem Fräulein von Stauffenberg aus Stuttgart, die, eine Wohlthäterin der Armen, am 31. August 1829 starb und in der Blosswitzer Gruft beigesetzt wurde. 1846 folgte auch Freiherr Georg von Pfister seiner Gemahlin in die Ewigkeit und hinterliess Ragewitz und Grubnitz seiner jüngsten Tochter Rosalie, vermählt mit Victor Wilhelm Freiherrn von Ferber, dem sie 1854 ihr Erbtheil käuflich abtrat.

In den Jahren 1851 bis 1856 wurde das Wohnhaus des Rittergutes von Grund aus neu gebaut, auch nach Beseitigung mehrerer wirthschaftlichen Gebäude, welche durch Verlegung der gesammten Oeconomie-Wirthschaft nach Grubnitz überflüssig geworden waren, der Garten gänzlich umgestaltet und so Ragewitz zu einem der angenehmsten Rittersitze umgeschaffen.

Klassig.     




Glaubitz


ursprünglich Glubuz, Glubatz, Glubatzk, Glubozk, d. h. Tiefenort, liegt am Anfange der Ebene Norddeutschlands, im Amte Grossenhain, 2½ Stunde von dieser Stadt entfernt am Wege nach Strehla.

Im 13. Jahrhunderte hat hier eine Familie gewohnt, die sich nach dem Orte, von Glaubitz nannte; dieselbe scheint mit dem alten schlesischen Geschlechte von Glaubitz verwandt gewesen zu sein, das Anfangs in der Grafschaft Glatz ansässig, zu Anfang des 16. Jahrhunderts seine Güter dem Erzbischof Ernst von Prag verkaufte und sich in Schlesien in die Häuser Brieg, Klein-Tschirne, Alten-Gabel und Herzogswaldau, – alle im Fürstenthum Glogau gelegen –, theilte, von denen das erstere im 17. Jahrhundert den freiherrlichen Charakter erhielt. In polnischen, schwedischen und auch deutschen Diensten haben sich Viele dieses Namens tapfer hervorgethan, wie in einer von George Ludwig, Freiherrn von Glaubitz († 1736 als Kaiserlicher Obrist-Lieutnant und Ober-Steuer-Einnehmer der Fürstenthümer Schweidnitz und Jauer) hinterlassenen genealogischen Beschreibung seines Hauses das Nähere zu lesen ist. Nach ihnen besass die Familie von Ponickau Glaubitz, ebenfalls ein altes berühmtes Geschlecht, auf dessen Stammhaus gleiches Namens wir bei Beschreibung des Rittergutes Linz zurückkommen werden. Diesem folgte im Besitze der Herrschaft das Geschlecht der Wellerswalder Truchsesse, welches es bis zum Jahre 1640 inne hatte. Auch diese Familie ist uralt und bekleidete bei den Markgrafen von Meissen das Amt eines Erb-Truchsess, weshalb sie sich bald bloss „Truchsess“ bald von ihren Sitzen, als Sydau, Borne, (auch Burne), Wellerswalde, Falkenhayn u. s. w. nannte. Die Chronik bewahrt uns namentlich drei Truchsess von Wellerswalde auf, nämlich: Johann, Philosophiae Baccalaureus zu Leipzig, hernach juris canonici Doctor, der mit Herzog Friedrich nach Senis in Italien zog, woselbst er 1494 starb; – Heinrich, der 1535 nach seines Bruders Dietrich Tode mit dem Schlosse Wellerswalde und mit Nauendorf etc. beliehen wurde, und Franz, der, nachdem er Falkenhayn für 28,000 Gülden an August von Lüttichau verkauft, 1620 einen Kauf wegen Wellerswalde mit Christoph von der Sahle für 46,000 böhmische Gulden machen wollte, durch den Churfürsten, der den Werth des Kaufes erlegte, aber daran gehindert ward. Lange mag er jedoch namentlich auch Glaubitz, nicht besessen haben, denn 1640 kam dieses in den Besitz derer von Köckeritz eines aus Schlesien stammenden Geschlechtes, das [84] sich durch eine lange Reihe ruhmwürdiger Ahnen auszeichnet. Die Chronik, aus der wir zum Theil unsre Notizen schöpfen, erzählt von einem dieser Herren von Köckeritz, Namens Gregor, folgende Anecdote: „Als er eine Rechtssache mit einem andern von Adel um’s Jahr 1550 vor dem Landvoigt in der Nieder-Lausitz gehabt, und seines Gegners Advokat, Laurentius Strauch, in der Amtsstube immer Latein um sich geworfen, und der von Köckeritz sich beschweret, er verstünde nicht was er haben wollte, hat er von gedachtem Strauchen zur Antwort bekommen: wenn er in der Jugend fleissig zur Schule gegangen wäre, und sich manchen Product geben lassen, so würde er itzo Latein verstehen: worauf der von Köckeriz einen Abtritt genommen. Und als er wieder vor dem Gericht erschienen, hat er gegen gedachten Advokaten Ungerisch geredet, und als dieser sich ebenfalls beschweret, er verstünde nicht was er haben wollte, hat er geantwortet: wenn er in seiner Jugend in Ungarn mit zu Felde gezogen wäre und sich unter den Stallknechten bisweilen mit der Streugabel den Rücken bläuen lassen, so würde er auch itzo Ungarisch verstehn.“

Auf die von Köckeritz folgte die Familie von Seyffertitz, die Glaubitz lange Zeit besessen; – der gegenwärtige Besitzer ist, seit Jahren schon, Herr J. H. F. Perl.

Das zu dem Rittergute gehörige Dorf gleiches Namens hat einige 50 Häuser, worunter eine Schule, und gegen 600 Einwohner. Dieselben treiben auch etwas Weinbau, doch ist dieser nicht von Bedeutung. Zur Parochie gehören die Orte Nünchritz, Radewitz, Sageritz, Langenberg mit dem Filiale Zschaiten, und circa 2000 Seelen. Zum Rittergute gehören noch Sageritz, Langenberg und Radewitz, in welchem letzteren Orte es ein Vorwerk inne hat. Früher besass es auch das Gut Roda und zählt in den ihm untergebenen Ortschaften circa 1100 Einwohner. Auf seinen beiden Winzereien fabrizirt es einen guten Most. Auch dieses Rittergut ging im Jahre 1367 durch den Verkauf des Bischoffs Gerhard von Naumburg an den Herzog Bolko von Schweidnitz über und wurde 1459 formell von Böhmen an Sachsen abgetreten.

In Norden des Dorfes beginnt die Ebene in welcher 1730 Churfürst August I. das „Zeithainer Lustlager“ abhielt, wobei alle Arten Vergnügungen vorkamen, 30,000 Mann exercirten und der Aufwand sich auf eine Million Thaler belief. In dem erwähnten Radewitz wohnten damals die Könige von Polen und von Preussen, während zu Glaubitz das Feldpostamt bestand.

Wie überhaupt die ganze Gegend reich an Alterthümern ist, so hat man auch hier schon zu mehren Malen solche ausgegraben. –

Klassig.     



[85]
Grödel,


ein altschriftsässiges, ehemals mit Skassa verbundenes, seit 1709 aber wieder von demselben getrenntes Rittergut, liegt am rechten Ufer der Elbe, 4 Stunden westlich von Grossenhain, ohne Dorf, nur umgeben von einer Anzahl Häuslerwohnungen, einem Mühlhause und zwei Schiffsmühlen, die auf herrschaftlichem Grund und Boden erbaut sind und deren Bewohner sich meist von der Schiffahrt, oder von Handarbeiten bei dem nahe gelegenen Königlichen Flosshofe ernähren. Bei letzterem mündet seit 1740 der Neugraben, ein Flosskanal, in ein Bassin über der Elbe. Grödel, zu dem schriftsässig die Dörfer Lessa, Nünchritz und Zeithain gehören, besitzt Kalk- und Ziegelöfen, und eine Runkelzuckerfabrik. Von den genannten Dörfern zeichnet sich besonders Zeithain aus, denn hier war es, wo Friedrich August der Starke, der mehrfach in gespannte Verhältnisse mit Preussens König, Friedrich Wilhelm I. gerathen, zur Feier der Versöhnung mit diesem Fürsten im Jahre 1730, vom 30. Mai bis 29. Juni, jenes weltbekannte Lustlager hielt. Durch dieses Fest, welches die schöne Summe, von 968,780 Thalern kostete, wollte Sachsens Churfürst zugleich der Welt seine, nach dem schwedischen Kriege wieder hergestellte, aus 30,000 Mann bestehende Armee zeigen. Ausser dem Könige von Preussen, in dessen Begleitung sein Sohn, der nachmals so berühmt gewordene Friedrich der Grosse sich befand, nahmen noch 47 Fürsten an diesem Feste Theil. Die Uebungen der Armee, deren eine Abtheilung als Janitscharen gekleidet und bewaffnet und mit 20 Mohren zur Feldmusik versehen war, fanden auf einem von 500 Bauern und 250 Bergleuten geebneten Lagerplatze von 3 □Meilen Umfang Statt, während eine mit 550 holländisch gekleideten Matrosen bemannte kleine Flotte auf der Elbe schwamm, deren Hauptschiff, mit vergoldetem Schnitzwerk, allein mit einem Kostenaufwand von 15,000 Thalern ausgerüstet worden war! Am jenseitigen Elbufer bei Riesa, strahlte des Abends eine Illumination von mehr als einer halben Million Lampen. Besonders zeichnete sich ein Feuerwerksgerüste aus, das einen Pallast darstellte, an welchem 200 Zimmerleute mehre Monate hindurch gearbeitet hatten, und wozu 2000 Stämme Holz, 2000 Bretter und 6000 Ellen feine, bemalte Leinwand verwendet worden waren. Ein feuersprühender Wallfisch und 4 Delphine verwandelten die Elbe gleichsam in ein Feuermeer. Kurz vor Aufhebung des Lagers wurden sämmtliche Regimenter gespeist und für die churfürstliche Tafel wurde zum Desert ein Kuchen von 14 Ellen Länge, 6 Ellen Breite und 1½ Elle Höhe gebacken, der achtspännig auf einem 10 Ellen breiten Wagen herbeigeschafft wurde. Ganz Europa hallte wieder von dem bei diesem Feste entwickelten Prunke. –

Unser Grödel befindet sich gegenwärtig im Besitze des Herrn F. G. Rossberg, zugleich Erb- Lehn- und Gerichtsherrn auf Mautitz. Genannter Herr übernahm dasselbe von der Familie von Wolfersdorf, die eine lange Reihe von Jahren im Besitze dieses Rittergutes gewesen. Schon an anderer Stelle gedachten wir dieses uralten und berühmten Geschlechtes, können aber nicht umhin, hier noch einmal darauf zurückzukommen, da der Name von Wolfersdorf mit der Beschreibung von Grödel nahe zusammenhängt. Ursprünglich mag dieses Geschlecht das sich früher auch Wülfsdorf oder Wilsdorf schrieb, wohl nur in der Lausitz ansässig gewesen sein, denn dort besass es ausser Frauenberg, auch Wolfersdorf welches Gut jedenfalls der Stammsitz der Familie ist. Bald breitete es sich jedoch auch in Schlesien und Meissen aus und eine grosse Anzahl derer von Wolfersdorf stand in Diensten der Churfürsten und Herzöge von Sachsen, so der schon einmal erwähnte Ernst von W. der tapfere [86] Streiter in der Schlacht bei Merseburg wider die Hunnen (932); Wittigo, der mit Markgraf Conrad dem Frommen von Meissen wider die Saracenen zog; Wilhelm der sich um das Jahr 1445 als Chursächsischer Oberst hervorthat; Gottfried, anno 1472 Berghauptmann zu Schneeberg; George, Chursächsischer Geheimerrath, der die 1482 publicirte Landes-Ordnung mit verfasste; dessen Sohn gleiches Namens, welcher als Chursächsischer General mit etlichen Regimentern dem Könige von Frankreich zu Hülfe zog; Heinrich, der 1498 dem Herzog Albrecht von Sachsen – leider vergeblich – den unglücklichen Zug wider die rebellischen Friesländer widerrieth; Hans, der zu derselben Zeit Chursächsischer Hof-Marschall, geheimer Kammerrath und Hauptmann zu Weissenfels war, und viele Andere.

Die ordentliche Stamm-Reihe wird mit Jobst von Wolfersdorf, auf Wolfersdorf, Bornsdorf etc. ums Jahr 1520, angefangen. Dieser hatte 3 Söhne, von denen der älteste Hanns, auf Dölitz und Veste 1520 starb und einen Sohn Georg, hinterliess, der auch Gross-Godlau und Dürrenberg besass und dessen Nachfolger fast ununterbrochen ihre Kräfte dem Vaterlande widmeten, so: Gottfried von W. der 1625 als Ober-Steuer-Einnehmer und Landesältester in der Niederlausitz starb; Ulrich, chursächsischer Oberst-Lieutnant und Landes-Aeltester im Crumspreisischen Kreise; Sigmund, der 1636 die Stelle eines Chursächsischen General-Majors, Obristen zu Fuss und Commandant zu Torgau vertrat, in welchem Jahre auch ein von Wolfersdorf als Chursächsischer Ober-Schenk florirt; Reichardt von W., 1699 Königl. Polnischer und Chursächsischer wirklicher Kammer- und Bergrath, wie auch Obrist-Lieutnant von den Ritterpferden; Johann George, 1709 Obrist; Hanns Friedrich, der 1683 das Amt eines fürstlichen Haus-Marschalls zu Quedlinburg bekleidete und Sachsen-Weimarischer Hof- und Justitien-Rath, wie auch Kammer-Director und Assessor des Hofgerichts zu Jena war; Carl Ludwig, K. Poln. und Chursächs. Ober-Land-Fischmeister und Kammerherr, auch Hof- und Land-Jägermeister der sich mit einer Gräfin von Waldstein 1740 vermählte; Carl August, 1738 Major und Domherr zu Merseburg und bis auf die neueste Zeit, in die die Enkel den Ruhm der Ahnen hinübergebracht!

Das Aeussere von Grödel anlangend zeigt uns die Abbildung das ächte Bild eines Rittergutes; auf der einen Seite an die Vergangenheit erinnernd ohne jedoch dem Zahn der Zeit unterlegen zu sein, auf der andern Seite aber durch vielerlei angebrachte Verschönerungen dem Geschmacke der Gegenwart huldigend und durch seine gediegene Bauart eine weite Zukunft verkündend, die wir ihm vom Herzen wünschen wollen.

Klassig.     



[87]
Lüttewitz.


Nachdem im Jahre 1835 die Ephorie Döbeln, grösstentheils aus früher unter der Superintendentur Oschatz gestandenen Parochieen neu errichtet worden, kamen 1837 noch die Kirchspiele Zschaitz und Kiebitz, welche bisher zu Wurzen gehört, hinzu.

Die Parochie Zschaitz, mit der wir es hier speziell zu thun haben, begreift die Dörfer Zschaitz, Möbertitz, Müschitz, Lüttewitz, Baderitz, Ottewich, Glaucha, Zschunschwitz, Goselitz, Trebnitz und Münchhof im Bezirke der Kreisdirection Dresden, sowie Rädewitz, Gadewitz, Döschitz, Kattnitz, Noschkowitz, Merschitz, Niedersteine und Ober- und Niederwutzschwitz unter Leipziger Kreisdirection stehend, in sich und wird von zwei Geistlichen, einem Pfarrer und einem Diaconus, verwaltet.

Weder über die Gründung von Zschaitz, noch über die der dahin eingepfarrten Ortschaften ist etwas Genaues bekannt. Im Jahre 1570 ist es der Inspection Oschatz entnommen und mit Wurzen verbunden worden, wo es, wie schon oben erwähnt, bis zum Jahre 1837 verblieb. Auch das Jahr der Kirchenerbauung ist unbekannt, vielleicht, dass ein eingemauerter Stein, der die Inschrift „Anno Di MCCCCCXXV“ trägt, darauf hindeutet. Die alte, noch aus den katholischen Zeiten herrührende Kirche, welche im Jahre 1641 von den Schweden ausgeplündert wurde, war so baufällig und die Zahl der darin Eingepfarrten so gross geworden, dass man endlich darauf denken musste diese abzutragen und durch eine neue zu ersetzen, wozu am 11. April 1749 der Grundstein mit grosser Feierlichkeit gelegt ward. Bei dem Bau derselben führte unter Andern auch Rudolph Heinrich von Nostitz auf Lüttewitz die Aufsicht und Direction, auf den wir weiter unten zu sprechen kommen werden.

Unser Lüttewitz, ein altschriftsässiges Rittergut ohne Dorf, zwei Stunden westlich von Lommatzsch und ebensoweit nördlich von Döbeln gelegen, fasst mehrere, auf Rittergutsboden erbaute Häuser und schriftsässig im Dorfe Ottewig einige Unterthanen mit einer Hufe, sowie seit dem 12. Februar 1738 das Dorf Baderiz und einen Theil des Dorfes Schwocha in sich und besass die zwischen den Dörfern Garsebach und Siebeneichen bei Meissen gelegene Buschmühle. Lüttewitz hatte bis vor Kurzem seine eigene Gerichtsbarkeit, unter welcher auch Baderiz stand.

Von den Besitzern des Rittergutes hat uns die Geschichte nachstehende Namen aufbewahrt:

Hans Leupold von der Saleno, der es von 1612 bis zu seinem 1628 erfolgten Tode besass und Hans von der Sahla, der 1621 als Besitzer genannt wird. Beide stammten aus der ansehnlichen, in Meissen und Thüringen, und später auch in der Ober-Lausitz ausgebreiteten Familie von der Sahla, deren Vorfahren, Heinrich schon 968 zu Merseburg und Ernst anno 1119 zu Göttingen unter die Turniers-Genossen gezählt werden. Ein anderer Ernst von der Sahla ward 1365 Abt zu Corvey, nach zwei Jahren aber, „weil er mehr ein Soldat als ein Ordensmann war,“ wieder abgesetzt. Auch die als Neben-Gemahlin Landgraf Philipps des Grossmüthigen von Hessen bekannte Margaretha von der Sahla stammte aus diesem Geschlecht und gebar demselben sieben Söhne, die, als Grafen von Dietz, sämmtlich unvermählt starben. „Ueber diese Vereheligung entstund zu Lutheri Zeiten ein grosser Lärm wegen der Polygamie, dawider aber Lutherus sich sattsam verantwortete“ sagt eine alte Chronik. – Unter Vielen dieses Geschlechtes, die sich der Nachwelt durch ihre Thaten bekannt machten, verdient namentlich noch Christoph Abraham von der Sahla Erwähnung, der Chursächsischer Obrister, Kriegsrath und Commandant zu Leipzig war und 1707 starb. 1642 kam Lüttewitz an George Caspar von Saalhausen aus einem uralten, auch in Preussen ausgebreiteten, Adel, der schon im Jahre 1237 vom Kaiser den freiherrlichen Charakter erhielt. Den Ursprung dieses Namens führt die Sage in das graue Alterthum zurück und erzählt, dass dieses Geschlecht früher in Italien gewohnt und zuerst Majaces de Roma geheissen, nachgehends aber den Namen Salhusen oder Salhausen vom Schlosse Saluzzo erhalten habe, nachdem Kaiser Justinian II. dem Ritter Majaci dasselbe geschenkt, als er auf der Flucht in Lebensgefahr gerathen, von diesem gerettet und auf sein Pferd gehoben worden sei. So die Fabel. Chronisten lassen, [88] und das ist viel glaubwürdiger, die von Saalhausen Sächsischer Abkunft sein und soll ihr Stammschloss Saalhausen zwischen Naumburg und Dessau an der Saale gestanden, in den Kriegszeiten aber zerstört worden sein, worauf sie sich in Meissen, in der Gegend von Oschatz niederliessen, das Schloss Salhausen, welches noch heute existirt, anbauten, und Schieritz, Schweta u. s. w. besassen. Von einem der Aeltesten dieses Namens, Wolf von Saalhausen, wird gemeldet, dass er durch die Vermählung mit einer heidnischen Prinzessin, die ihm zu Liebe die christliche Religion annahm, im Jahre 1173 das Christenthum in die Lausitz gebracht habe. Heinrich von Saalhausen, Kaiser Philipps Marschall, hat den Grafen von Wittelsbach welcher diesen Kaiser 1208 ermordete, bei Regensburg, wie die Chronik sagt, „massacriret.“ Wenzel von Saalhausen vermählte sich mit der Tochter des Grafen Ferdinand von Flandern, welche ihrem ersten Bräutigam Heinrich, Kaiser Otto IV. natürlichem Sohne, die Kehle abgeschnitten, „weil er sie nothzüchtigen wollte.“ Als er aber mit ihr von Mainz nach Hause reisen wollte, ward er von einem Grafen von Necken ihretwegen erstochen. – Ulrich von Saalhausen war ein so reicher Herr, dass er dem Kaiser Rudolph 13,000 Mark Silbers zum Kriege wider Ottokar von Böhmen vorschiessen konnte, wofür er mit einem Stück Landes in Thüringen beschenkt und sein Sohn Woldemar zum kaiserlichen geheimen Rath ernannt wurde. – Anno 1517 ward vom Kaiser Maximilian I. der Freiherrnstand dieser Familie bestätigt. Eines der bekanntesten dieses Namens, der sich wenig in Deutschland aufgehalten, wollen wir hier doch gedenken, er lebte im dreizehnten Jahrhundert und hiess Melchior. Als Obrist stand er in französischen Diensten, nahm als solcher Neapel und Sicilien ein und erhielt, nebst einem seiner Offiziere so viele Kostbarkeiten, dass sie aus dem Silber Harnische und andere dergleichen Dinge machen liessen. „Weil er überall den Meister gespielet,“ so wird uns berichtet, „ist er insgemein Melchior Hahn, wegen seiner Grausamkeit aber, Melchior Löwe geheissen worden.“ Er starb im Jahre 1304. Johannes von Saalhausen war Bischof von Meissen und starb 1518. Er war der Reformation nicht abgeneigt und pflegte zu sagen: es wäre kein verwegener Thier, als welches mit dem Kopfe zu einer Kutte heraus rage. Unser oben schon genannter Georg Caspar starb 1659 und soll der Letzte des Geschlechts in Meissen gewesen sein. 1646 wird von der Kirchen-Gallerie auch ein Cosmus von Saalhausen zu Lüttewitz genannt, ob Georg Caspar der zu Schweta starb schon bei Lebzeiten diesem das Rittergut überlassen, ist nicht bekannt, lange hat er es nicht besessen, denn 1655 wird Innocenz von Holleufer und 1693 Wolf Rudolph von Holleufer als Herr von Lüttewitz genannt, von dem es an Melchior Christoph von Schlottheim kam, der 1709 als Chursächsischer Capitain an den Wunden, die er bei dem Angriff der französischen Linien in den Niederlanden bekommen, verschied. Ihm folgte Rudolph Heinrich von Nostitz und um 1763 wird Frau Erdmuthe Wilhelmine von Breitenbauch als Besitzerin genannt, die 1791 starb. Von da ab kam Lüttewitz an die Familie von Mangold, die eine Reihe von Jahren auf diesem Rittergute wohnte und es endlich an den jetzigen Besitzer, Herrn Richter, verkaufte.

Lüttewitz zählt circa 30 Einwohner und gehören zum Gute 3 Gärtner- und 3 Häuslerwohnungen. Die Kinder gehen nach Zschaitz zur Schule. –

Klassig.     




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Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: churächsischer
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