ADB:Voigt, Balthasar (theologischer Schriftsteller)

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Artikel „Voigt, Balthasar d. J.“ von Eduard Jacobs in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 40 (1896), S. 200–202, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Voigt,_Balthasar_(theologischer_Schriftsteller)&oldid=- (Version vom 4. Dezember 2020, 02:49 Uhr UTC)
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Voigt: Balthasar V. d. J., theologischer Schriftsteller und lateinischer Epigrammatist, als Schriftsteller meist verlateint Voidius oder mit Umstellung der ersten beiden Buchstaben Ovidius genannt, wurde seinem gleichnamigen Vater (s. o.) von Regina Köhne aus Magdeburg am 2. Mai 1592 zu Wernigerode geboren, † zu Elbing am 28. November 1654. Nachdem er bis zum neunten Jahre in der Familie erzogen war, wo der Vater ihm einen Erzieher hielt, durchlief er nicht weniger als sechs Schulen am Harz und in Magdeburg. Schon mit 17 Jahren begann für ihn eine merkwürdige Wanderzeit und er besuchte Straßburg, Saarbrücken, Oesterreich, Ungarn, Venedig. Als er 1610 heimkehrte, schickte ihn sein Vater auf die Universität Helmstedt, wo er bei dem Gräcisten Caselius wohnte und fleißig studirte. Martini, Meibom, Diepholt, Niehus, jedenfalls auch Calixt, waren die Männer, deren Unterricht er genoß. Dann ging er nach Wittenberg, von wo ihn aber bald die Pest nach Leipzig vertrieb. Er besuchte dann noch auf kurze Zeit Jena, Marburg, Gießen und Heidelberg. Durch den henotischen Theologen und Mathematiker Petiscus kam er mit dem älteren Rittershus in Altorf, wohin er auch ging, in Beziehung. Von Frankfurt, wo er Zeuge der Krönung des Königs Matthias war, ging er dann über Dresden zu seinen mütterlichen Verwandten in Magdeburg. Von da berief ihn Graf Heinrich zu Stolberg zum Rector der Klosterschule in Ilsenburg, was der zwanzigjährige Galli 1612 wurde. Weil er sich dort bei herrschaftlichen Gastereien zu sehr gehen ließ, auch für eine Anstalt, an der es 15–18jährige Schüler gab, zu jung war, so wurde ihm Juli 1614 jene Stelle gekündigt. Er ging dann nochmals nach Helmstedt, wo er 1615 (also 23jährig) die philosophische Magisterwürde erwarb. Dann triebs ihn abermals auf die Wanderschaft und er ging zunächst nach Königsberg i. Pr., wohin ihn väterliche Familienbeziehungen zogen, aber auf einem großen Umwege durch Niedersachsen zu dem ihn werthschätzenden Joh. Arndt, den Seestädten, Dänemark, Mecklenburg und Pommern. Von Königsberg ging er auf kurze Zeit nach London, Amsterdam, Leiden, dann wieder zurück über Schweden nach Riga, Reval, Kurland und Lithauen und von da wieder nach Königsberg. Hier wandte er sich nochmals zur Universität und hielt Collegien und Disputationen. Fünfundzwanzig Jahr alt war er geworden, als er im März 1617, außerordentlich bewandert und vorgebildet, eine bis an sein Ende dauernde amtliche Laufbahn in Preußen, zunächst als Rector der Provinzialschule zu Salfeld, begann und noch in demselben Jahre durch Vermählung mit Elisabeth, der Tochter [201] des dortigen Bürgermeisters Konrad Dumstrup von Duhmsdorf, einen Hausstand gründete. Schon im nächsten Jahre wurde er von vier Dörfern im Marienburgischen Werder zum Pfarrer gewählt und in Königsberg ordinirt. Obwol er durch die Verfolgungen der Röm.-Katholischen seinen Sitz von Königsdorf nach Katzenase verlegte, so nannte er sich doch nach jener älteren Mutterkirche. Im J. 1623 nach Morungen versetzt, wurde er außerordentlicher Beisitzer des pomesanischen Consistoriums zu Salfeld. Sechs Jahre später berief die Stadt Elbing ihn zum Prediger an der Hauptkirche S. Marien, wo er nun ein Vierteljahrhundert bis an seinen Tod mit großem Erfolge und Anerkennung wirkte. Schon 1632 wählte die Stadt ihn zum Senior des Ministeriums. In dieser Stellung verfaßte er die noch geltende Elbingsche Kirchenordnung, die durch ihr Dringen auf Eintracht und Frieden gekennzeichnet ist, ein Grundton seines Wesens, der sich auch durch andere Schriften, so durch zwei während der Morunger Zeit gedruckte Reden, hindurchzieht. In diesem Sinne begrüßte er auch im J. 1636 den friedliebenden und duldsamen König Wladislaw IV. von Polen in seinem „Gaudium Elbingense Irenico-Eurcharisticum“. Und als Freund des Friedens und der Eintracht auf kirchlichem Gebiete hielt er zu Georg Calixt und betheiligte sich eifrig im Sinne des friedliebenden Polenkönigs an dem colloquium charitativum zu Thorn. Wegen dieser friedfertigen Richtung war er und der ‚Elbingische Synchretismus‘ das Ziel der Angriffe eines Calov und Botsack. Er war aber wenig geneigt, diesen Streit fortzuspinnen, daher er z. B. eine inbetreff der Lobwasser’schen Psalmen gegen ihn gerichtete Schrift Botsack’s einfach unbeantwortet ließ und in seinem Pult bewahrte. Bezeichnend ist es für ihn, daß er ganz ähnlich wie der ihm geistesverwandte Joh. Meyfart noch ein Jahr vor seinem Tode in Elbing eine Schrift herausgab unter dem Titel: „Bericht von des Menschen Seligkeit bei dem verwirrten Gezänk der Gelehrten jetziger Zeit“. Bei solcher Friedensliebe versäumte er es jedoch keineswegs, muthig sein Strafamt als evangelischer Prediger zu üben und durch Wort und Schrift positiv für die Kirche zu schaffen. Wir vernehmen, daß er gegen die Burggrafen oder Bürgermeister zu Elbing sehr entschieden auftrat. Die Rathsprotokolle bemerken, er predige zu heftig. Daher verehrte man ihm im Jahre 1631 nichts für das dem Rath übersandte Neujahrsgedicht. Auch im J. 1639 übte er an der Elbinger Gemeinde sehr scharfe Kritik. In einer Reihe von Schriften handelt er über die Augsburgische Confession, Luther’s Katechismus und über den Taufstand der Christen. In seinem „Compendium Christianum oder Kurze Summa vom ganzen Christenthum“, das namentlich gegen Valentin Weigel gerichtet ist, wird die Lehre von der Heiligung sehr markig und erbaulich entwickelt und darin von Buße, Glaube, Liebe und vom Kampf der Christen gehandelt. Schon im Jahr nach ihrem Erscheinen wurde bereits die Schrift wieder aufgelegt. Als eine beschauliche Natur sucht V. sich in die Herrlichkeit der Heilsthatsachen in Christo und in die Person des Erlösers zu versenken in der Schrift „Thesaurus humanae salutis“. Seine praktische Thätigkeit als Prediger und seine schriftstellerische Thätigkeit zum Besten der Kirche und Gemeinde erschien V. durchaus als die Hauptsache. Und doch hat ihm eine besondere Gabe, die er als Nebenwerk ansah, wol in noch weiteren Kreisen einen Namen gemacht, als seine kirchliche Wirksamkeit. Von seinem Vater, dem Komödien-, gelegentlich auch geistlichen Dichter, war eine poetische Ader auf ihn übergegangen. Aber während der Vater mit seinem den Musen geweihten Sinn fast nur in der deutschen Muttersprache lebte, kleidete der Sohn fast alle seine poetischen Gedanken in das Gewand der lateinischen Sprache. Wir haben darin den Einfluß seiner Zeit und seines gelehrten Entwicklungsgangs zu erkennen. Meist waren diese Dichtungen epigrammatisch und in Distichen abgefaßt. Eine zahllose [202] Menge solcher Distichen ist aus seiner Feder geflossen; da er diese Dichtung aber mehr als ein in Erholungsstunden geübtes Spiel ansah, so gab er diese Tändeleien nicht in Druck. Nur in Gelegenheitsschriften sind ihrer eine gewisse Zahl erhalten, denn seine Epigramme waren sehr begehrt und er diente damit Freunden und Gönnern bei frohen und ernsten Gelegenheiten. Schon 1619 singt er in dieser Weise seinen Schwiegervater Konrad Dumstrup an (in der Schrift Paedia Conr. Dumstrupii de Dumsdorff) und in dieser Weise dichtete er fort bis zum Septbr. und Octbr. 1654, wenige Wochen vor seinem Tode, wo er Distichen zu einer in Elbing gefeierten Hochzeit verfaßte mit zitternder Hand (aegra mente manuque) und an der Wassersucht leidend. Selbst bei größtem eigenen Schmerz, wie bei der Nachricht von der greulichen Mißhandlung und dem Tode seines Vaters, gab er seinen Empfindungen in lateinischen Distichen Ausdruck. So erklärt sichs, daß man wenigstens in Schriften seinen Namen meist als Voidius verlateint gebrauchte. Aber man schmeichelte dem Poeten auch, indem man mit leichter Verstellung zweier Buchstaben ihn statt Voidius Ovidius, den preußischen Ovidius nannte. Der preußische Pegnitzschäfer Friedr. Hofmann versteigt sich sogar soweit, daß er gelegentlich sagt, es könne zweifelhaft erscheinen, ob Apollo bei einer Prüfung den Gedichten des Ovid oder denen Voidius-Voigt’s werde den Vorzug geben. Doch auch Männer von Urtheil, wie der ihm befreundete Simon Dach, zollen seiner lateinischen Muse Anerkennung. Er sagt, daß V. seine Verse mit gewandter dichterischer Gabe wohlgefeilt und inhaltreich darbiete, wie Pfeile, die der gelockte Apollo auf das Wild entsende oder wie mächtige Wasserströme, die nach der Schneeschmelze vom Scheitel der Berge herabstürzen. Dennoch wollte V. nicht für einen Dichter gelten, aber Dach meint, er möge das nicht ablehnen: wohl tadle ers, wenn jemand ohne Grund Ehren begehre, aber ebenso, wenn er die ihm gebührenden zurückweise. So ließ denn, nachdem er dies bei einer früheren Gelegenheit zurückgewiesen hatte, V. es sich gefallen, die etwas in Mißcredit gekommene Ehre eines gekrönten Dichters anzunehmen. Diese Dichterkrönung fand am 15. März 1644 bei der Universität zu Königsberg unter dem Vorsitze des Historikers Siegmund Weier durch den greisen kaiserlichen Pfalzgrafen Wilich von Westhofen statt.

Davon, daß der lateinische Poet, der seine Muttersprache nur im gewöhnlichen Verkehr und bei seiner Amtsthätigkeit gebrauchte, auch in deutscher Sprache gedichtet habe, würden wir nichts wissen, wenn nicht eine Reihe evangelischer Gesangbücher von der Mitte des 17. bis gegen Ende des 18. Jahrhunderts zwei Lieder, ein Passionslied „Herr Jesu Christ, dir sei bereit“ und ein Osterlied „Ihr Christen laßt uns fröhlich sein“ auf seinen Namen führten, und zwar besonders ost- und westpreußische. Nun rührt aber das Passionslied nicht von V. her, denn es findet sich in Suspiria Temporum, das ist Andächtige Harfen Seuffzer – gestellet durch Josuam Stegmann (Rinteln 1628, S. 717) als Reimgebet. Ein Lied ist daraus gemacht im Erfurter Gesangbuch von 1648 S. 665, 7 Strophen zu 4 Zeilen. Beim Schluß sind zwei Zeilen angehängt. In dem Gesangb. ’Vorrath‘ (Leipzig 1673, S. 102) und Frankfurter Praxis 4 Strophen zu 6 Zeilen (Zeile 23 und 24 von Stegmann sind weggelassen). So bleibt denn nur noch zu prüfen, ob das Lied: „Ihr Christen, laßt uns fröhlich sein“ auf V. zurückzuführen sei.

Vgl. den Lebenslauf Voigt’s in Bd. 6 der Altpreuß. Monatsschrift, S. 1–34, handschriftl. Mittheilg. von Dr. Leonh. Neubaur, Stadtbibl. in Elbing und die Belehrung über die Stegman’sche Urheberschaft d. Osterliedes von Herrn D. th. A. Fischer in Groß-Ottersleben. 27. Oct. 1893.