ADB:Reitzel, Robert

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Artikel „Reitzel, Robert“ von Ludwig Julius Fränkel in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 53 (1907), S. 296–300, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Reitzel,_Robert&oldid=- (Version vom 2. Juli 2020, 22:50 Uhr UTC)
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Band 53 (1907), S. 296–300 (Quelle).
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Reitzel: Robert R., deutsch-amerikanischer Freidenker, Dichter und Publicist, wurde am 27. Januar 1848 oder 1849 zu Schopfheim im badischen Oberlande geboren, im Thale des Rhein-Nebenflüßchens Wiese, dessen idyllische Poesie Johann Peter Hebel in dortiger alemannischer Mundart unvergänglich naiv gefeiert hat. Seine früheste Kindheit fällt theils in die kurze Aera demokratisch-republikanischer Schilderhebung und Vorherrschaft – die heißgeliebte Mutter, früh verstorben, sympathisirte stark mit der badischen Revolution von 1848/49 – in Reitzel’s engster Heimathgegend, theils in die Zeit einer dortselbst verhältnißmäßig mild eingreifenden Reaction. Wirkte jedoch jene ein für alle Male ersichtlich auf seine politisch-socialen Anschauungen, in der Hauptsache wol unbewußt, bestimmend ein, so verleidete ihm die letztere, der Rückfall in überlebte staatliche Traditionen, die Entscheidung für eine sichere Zukunft im Vaterlande, ja, bald den Aufenthalt daselbst. Vom Vater, Schulmeister des Heimathorts und des Sohnes erstem Lehrer, zum Geistlichen ausersehen, studirte R. nach dem Gymnasialbesuch evangelische Gottesgelahrtheit an der [297] heimathlichen Universität Heidelberg. Aber selbst die dortige freiere theologische Richtung genügte seinem darüber hinausreichenden Streben nicht. So beschäftigte er sich denn statt dessen vorzugsweise mit Philosophie und Litteratur. Und als der Jüngling endgültig das Zutrauen verlor, er könne von seinem Standpunkte aus innerhalb der deutsch-europäischen Verhältnisse je sich in aufsteigender Linie nach dem geistigen Ziele hin, wie es ihm vorschwebte, entwickeln, schüttelte er für immer den Staub des Geburtslandes von den Füßen und fuhr über den Ocean mit magerem Bündel: gerade 1871, als ein neuer Abschnitt deutschen Lebens nach endgültigem nationalen Wandel einsetzte. Erst nachdem er tiefstes materielles Elend durchkostet, wobei er vergebens versucht hatte, sich als Landarbeiter fortzubringen, in Baltimore, wo er in einer Tabakfabrik arbeitete, und New-York ohne Ruhe und Regel vegetierte, nachdem er das Ostland nach verschiedensten Richtungen als vagierender „tramp“ durchstreift, gelang es ihm, eine Stelle als deutsch-evangelischer Prediger zu Washington zu erhalten, nachdem er vor der dortigen deutsch-reformirten Synode das in Europa versäumte theologische Examen und die Ordination als Geistlicher nachgeholt hatte. Jedoch führten seine freien Anschauungen und deren ungescheutes Aussprechen zu heftigem Zusammenstoße, ja Bruch mit der Kirchenbehörde. Die Folge davon war Reitzel’s und mit ihm, dem beliebten, fesselnden und beredten Wortführer, fast seiner ganzen Gemeinde Uebertritt zum Freidenkerbunde.

In den 70er Jahren hatte eine kleine Gruppe von Idealisten, die abseits der großen Masse der deutsch-nordamerikanischen Bevölkerung standen, Leute, die mit den neuen Geistesströmungen in Deutschland Fühlung gewonnen, in der Zeitschrift „Der Freidenker“ zu Milwaukee ein Organ ihrer reformerischen Tendenzen gefunden, wo die Poesie zunächst wesentlich Mittel zum Zweck war, aber doch viele herrliche und seltsam eigenartige Blüthen zeitigte. Dieser ausgesprochen subjectiven Poesie der Agitation hielt sich gerade Robert R. unweigerlich fern; er verschmähte es, seine Kunst in den Dienst gewisser Ueberzeugungen zu stellen, sie diesen unterzuordnen; so äußerte nach vielen Jahren ein gründlicher Kenner der einschlägigen Verhältnisse. „Auf religiösem Gebiete hat er dogmatischen Zwang und Intoleranz bekämpft, doch nie die wahrhaft religiösen Gefühle beleidigt oder verletzt. Keiner politischen und socialen Partei angehörig, ist er mit freudigem Eifer für die Befreiung der modernen Lohnarbeiter aus unwürdiger, macht- und rechtloser Stellung eingetreten. Für das Recht der Frau auf Individualität und größte Selbständigkeit brach er manche Lanze, wie er überhaupt für natürlichere, weniger heuchlerisch-moralische Beziehungen zwischen den beiden Geschlechtern plädirte“ (so sagt der Deutsch-Amerikaner K. D. Jessen). Indem R. als freidenkerischer Wanderredner seit 1874 einen großen Theil der Vereinigten Staaten durchstreifte, namentlich die Gegenden, wo compaktes Deutschthum 1848er Tendenzen bewahrte, fand er bei den vielen politisch oder religiös-radical gesinnten Sprachgenossen günstigen Nährboden und großes Entgegenkommen, um Ludwig Feuerbach’s und verwandte Anschauungen unter die Masse zu bringen; den vollen Umschwung zu solchen bewirkte in ihm besonders die Bekanntschaft mit Karl Heinzen (1809 bis 1880), diesem schroffen Verfechter der äußersten Linken. Im J. 1876 besuchte R. zum ersten Male das stark deutsch durchsetzte Detroit in Michigan und hielt da Sonntagsvorträge beim „Socialen Turnverein“. Dorthin eingeladen, wählte er es 1884 zum Wohnsitz und Ausgangspunkt für Vortragsfahrten zu den deutschen Freidenker-, auch meisten Turnvereinen in den Mittel- und Weststaaten, anfänglich mehr religiös-philosophische, dann überwiegend litterarische Themata besprechend. Auch gründete er, unterstützt von Freunden, in Detroit 1884 ein eigen- und urwüchsiges litterarisches Wochenblatt radical-politischer [298] Farbe: „Der arme Teufel“. In diesem einschlagenden Unternehmen, das er bis zu seinem Tode herausgab und großentheils allein schrieb, concentrirte sich fürder sein ganzes Leben und Weben. Denn „Der arme Teufel“ ward und blieb der publicistische Mittel- und Sammelpunkt des verstreuten freiheitlichen Deutschthums innerhalb der Unionsrepublik. Diese Gründung seiner erzwungenen zweiten Wanderperiode, ein wahres enfant terrible der deutsch-amerikanischen Presse, das keinem der landüblichen „ismen“ sich gefangen gab, sondern mit der Kraft echter Ueberzeugung, mit positiver Kritik dem Philister jeden Kalibers zu Leibe ging, wurde so eine Macht, deren Bedeutung nicht hoch genug anzuschlagen ist. Denn R., bemerkt A. v. Ende, der oben angedeutete New-Yorker Eingeweihte, hatte den unfehlbaren ästhetischen Instinkt und den Geschmack des echten Künstlers. „Er wurde ein Spender der Schönheit. Was er auf seinen Streifzügen in die Weltlitteratur an Schätzen fand, das theilte er mit seinen Lesern. Er war der erste, der deutsch-amerikanische Leser, die sich nicht an dem Namen des kleinen Blättchens stießen, mit Gottfried Keller, Konrad Ferdinand Meyer, Hansjacob, Weber von Dreizehnlinden, Ada Negri, Liliencron, Bierbaum u. A. bekannt machte. Er war der größte Meister der Prosa unter den deutschen Schriftstellern des Landes, ein Meister der Plauderei, die dem wuchtigen Schritt der deutschen Prosa sonst wenig entspricht. Einige dieser Plaudereien sind Prosagedichte, die man, wenn man sie einmal gelesen, nicht wieder vergißt.“ Ein anderer Beurtheiler des Reitzel’schen Schaffens, Hans Ostwald, rechnet seine Essais über politische und religiöse Fragen über Menschen und Dinge, wie sie das Leben ihm zutrug oder eine Stimmung ihm nahebrachte, zum Besten, was die deutsche Litteratur hervorgebracht! Und der einzige, der R. in einem deutschen Nachschlagewerk ein Denkmal gesetzt hat, K. D. Jessen, porträtirt ihn unter diesem Gesichtspunkte wie folgt: „Seine eigentliche Kraft lag auf dem Gebiete einer blendenden, gehaltvollen Prosa. Mit Recht konnte er von sich sagen, daß er der deutschen Sprache in Amerika einen kleinen Tempel errichtet, daß er unter Handelsbotokuden, Zeitungskaffern und ‚mir und mich‘-Biedermännern die Sprache Lessing’s, Goethe’s und Schiller’s geredet habe.“ Unter Reitzel’s litterarischen Lieblingen, für deren genauere Kenntniß seine feinsinnigen Essays bei den Deutsch-Amerikanern Propaganda trieben, sind den Classikern und den oben genannten anzureihen: Heine, Scheffel, Storm, Anzengruber; von Nicht-Deutschen ferner die Anglo-Amerikaner Emerson, Thoreau, Wm. Curtis, Walt Whitman, der Franzose Claude Tillier; vom jüngsten Dichtergeschlechte, in Uebereinstimmung mit seiner Anbahnung eines Verständnisses Friedrich Nietzsche’s, die radicalen Tendenzpoeten. So war es denn R. auch eine lebhafte Genugthuung, als er auf einer längeren Reise nach der Heimath und der Schweiz, welche ihm 1889 der reiche Detroiter Brauer Robert Lieber freigebig ermöglichte, mit solchen jüngstdeutschen Dichtern wie K. Henckell, Mackay, Maurice v. Stern, Oskar Panizza und Anderen in engere Beziehungen kam. Bei dieser Gelegenheit befriedigte R. auch wieder seine mit hochentwickeltem Naturgefühl verknüpfte leidenschaftliche Anhänglichkeit an sein angestammtes alemannisches Volksthum an der Quelle, wie in ihm überhaupt eine seltene Treue zu deutscher Volksart wurzelte. Damit stimmt ja seine starke Vorliebe für die maßgeblichen Pfleger deutscher Dialektpoesie: Reuter, Rosegger u. ä.

Einem unwiderstehlichen Zauber vermochten sich die Zuhörer oder Leser kaum zu entziehen, ob sie nun R. in Schön- und Feinheit eines neu aufgegrabenen Bornes poetischen Genusses einführte oder, unmittelbar persönlich werdend, sie an Rückgriffen in sein eigenes Werden und Wachsen erfreute, wenn nicht gar sie in Alltag und Luft seines Krankenzimmers discret versetzte. Mit [299] Heinrich Heine theilte er nämlich nicht nur das Loos des vielfach mißverstandenen Deutschen freiwilligen Exils, in manchem auch die Stellungnahme zu den Landsleuten inner- und außerhalb des Vaterlands, sondern auch das Geschick, an derselben furchtbaren schleichenden Krankheit dahinzusiechen. 1893 hatte ihn nämlich ein Rückenmarksleiden befallen und dies verschlimmerte sich rasch so, daß schon 1894 die Beine lahm wurden. Bis zum Tode, dem arge Qualen vorangingen, von dem schönheitsdurstigen, strebensbewußten Manne heldenmüthig ertragen, blieb der willensstarke Geist dann ans Bett gefesselt. In solch trauriger Verfassung ist R. an Rückenmarksschwindsucht in der Nacht des 31. März zu Detroit gestorben, kaum 50 Jahre alt geworden. Die Leiche wurde am 2. April den Flammen übergeben. Seine Gattin Anna geb. Martin aus Washington, von acht Kindern ein Sohn und zwei Töchter überlebten ihn.

Ein begeisterter Deutscher, Sohn germanischer Erde in Tugenden wie Fehlern, freilich voll Abscheus wider alle billigen Gemeinplätze des Patriotismus und daher auch beim Durchschnitts-Deutschen unter dem Sternenbanner als undeutsch verschrieen. Im übrigen mangelte drüben jedes Verständniß für diese freie, selbständige Persönlichkeit, auch in der Presse. Da verlästerte man ihn, wo man ihn nicht todtschwieg, während hervorragende deutsche Schriftsteller und Kritiker der alten Welt aus freien Stücken seinem Wirken Beifall zollten. Sogar sein in Litteraturjournalen Europas registrirter Tod, sonst doch oft der Anfang einer bei Lebzeiten unterbliebenen Anerkennung, und das Erscheinen seiner Anakreontika, dieser „köstlichsten Frucht“, die im Garten deutsch-amerikanischen Freidenkerthums gereift, rüttelten die deutsch-amerikanische Bildung nicht auf aus der Gleichgültigkeit gegen einen ihrer unabhängigsten Fortschrittskämpen, in dem sich in urwüchsigem Triebe Idealismus und Realismus glänzend vermählt haben. An redlich würdigende Richter wie an unempfindliche Nachbarn hat R. in seinem Programm-Lied „Für Freund und Feind“ gedacht, als er da sang: „Mir bleibe fern der Unkenchor der Heuchler, Mir bleibe fern, wer lächelt stets und witzelt, Mir bleibe fern, wen nur Gemeines kitzelt, Mir bleiben fern die Händler und die Schmeichler! – Ich lieb’ sie nicht, die stets bedächtig Weisen, Auch nicht, die stets das Roß des Pathos reiten, Auch nicht, die jammern stets von schlechten Zeiten, Auch nicht, die stets im selben Ringe kreisen. – Ich lob’ mir leichte, lustige Gesellen, Die gerne sind, wo volle Becher winken, Und gern der Schönheit an den Busen sinken, Doch die auch, wenn zum Kampf die Hörner gellen, Begreifen uns’rer Zeit gewaltig Ringen, Im Herzen heil’gen Zornes Springquell tragen, Der Freiheit ihre Schlachten helfen schlagen – Und köstlich Herzblut ihr zum Opfer bringen“. Robert R. hatte einen kleinen Kreis begabter Männer und Frauen, die in ihm einen sympathischen Kritiker gefunden, zu einer Art freier „Reitzel-Gruppe“ um seine Zeitschrift versammelt. Als seine Stimme im „Armen Teufel“ schwieg, verstummten sie allmählich, weil ihnen ein passendes Sprachrohr nun abging; andere setzten sich in conventionellen Blättern durch und eroberten sich und Reitzel’scher Art sogar einen größeren Leser- und Wirkungskreis. Zu diesen gehört die anmuthige, auch launige Behandlerin ernster Lebens- und Liebesfragen „Edna Fern“ d. i. Frau Fernande Richter aus St. Louis. Im ganzen jedoch, meint A. von Ende, stehen in der jüngsten deutsch-amerikanischen Dichtergeneration abseits von der Reitzel-Gruppe nur ganz wenige Dichter von hervorragender Individualität.

Die rein biographischen Angaben vorstehender Lebensskizze beruhen großentheils auf den kurzen, doch anschaulichen Bemerkungen bei den „Liedern [300] aus dem Rinnstein. Gesammelt von Hans Ostwald“ I (1908) S. 170/71, dann auf Karl Detlev Jessen’s kundigem Lebens- und Charakterbild im Biogr. Jahrbuch u. Dtsch. Nekrolog III, 165–67. Diesem schulden auch unsere litterarisch-kritischen Bemerkungen vielerlei Anregung, welche im übrigen, theilweise wörtlich, auf A. v. Ende’s autochthonem Essay „Deutsche Dichter in Amerika“, Beilage z. Allg. Zeitung, Nr. 86 v. 1905 S. 74 f. (Auszug über R. R. wörtlich: Das literar. Echo VIII, Nr. 16, Sp. 1192 f.) fußen. Ein burschikoser Nachruf von Wilh. Spohr mit Bildniß in M. G. Conrad’s „Die Gesellschaft“ XIV. Jahrg. (1898) II, 819–20, wo II, 821 bis 25 und III, 49–51 charakteristische „Skizzen“ Reitzel’s stehen. Eine Reitzel-Nummer ist die 19. von Jahrg. VIII der Zeitschrift „Der Sozialist“ (Berlin), mit Bildniß, wie eines auch in N. 697 des „Armen Teufels“. Vgl. Benj. Tucker’s Journal „Liberty“, New-York 15. April 1898. Eine Auswahl der Gedichte, Essays, Skizzen Reitzel’s nahm sofort sein Redactionsnachfolger Dr. Martin Drescher in Detroit in Angriff; „Das Reitzel-Buch. Einem Vielgeliebten zum Gedächtniß“ erschien dort 1900. M. G. Conrad’s Kritik von Ad. Bartels’ Geschichte der deutschen Literatur des 19. Jahrhunderts i. „Die Zeit“, 33. Bd. Nr. 419 (11. Oct. 1902) S. 19 vermißte darin Reitzel den „Landsmann und Freund Hansjakobs (seines Mitarbeiters), den nicht genug zu rühmenden Förderer deutscher Sprach- und Dichtkunst in Amerika“; Bartels, sich vertheidigend („Kritiker u. Kritikaster“, 1903, S. 52), kennt sichtlich „Reizel“ gar nicht. Versuche, die Eigenart dieses jenseits des Oceans zur Originalität erwachsenen Mannes und Poeten zu würdigen, boten das Literar. Echo IV, 228 (Bildniß)–34 (wo Johs. Gaulke R.s Artikel, Stimmungsbilder und Gedichte den besten und tiefsten Leistungen der neueren Litteratur zuzählt), J. Gaulke i. Magazin für Litt. 70. Bd., S. 565–68 (569–72 Probe), die Sozialist. Monatshefte IV, 424–30.