Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
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Tiergattung aus Afrika
Band VII,1 (1910) S. 13671368
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Giraffe, Camelopardalis girafa. Griechisch heißt das Tier καμηλοπάρδαλις, lateinisch camelopardalis, später auch camelopardus (Isidor) und cameloparda (Polemius Silvius). Die G. ist gegenwärtig in Afrika von der Nordgrenze Transvaals bis etwa 17° nördlicher Breite (Nubien) anzutreffen (vgl. Schrebers Säugetiere, Suppl. IV 401] und galt im Altertum als spezifisch-äthiopisches Tier. Nur ausnahmsweise hielt man sie für indisch; so Cassianus Bassus, Timotheus, Theophanes Isaurus, Marcellinus Comes und bereits Pausanias, der IX 21, 2 von indischen Kamelen spricht, die an Färbung den Pardeln ähnlich seien. Wann zuerst eine G. in Griechenland gezeigt wurde, ist nicht überliefert, in Rom sah man das erste Exemplar im J. 46 v. Chr. beim Triumphzug Caesars (Plin. n. h. VIII 69. Dio Cass. XLIII 23), wo auch der mauretanische Prinz Iuba unter den Gefangenen einherschritt. In die gleiche Zeit fällt wohl die Notiz bei Varro de l. l. V p. 102: Camelus suo nomine Syriaco in Latium venit, ut Alexandrea camelopardalis nuper adducta, quod erat figura ut camelus, maculis ut panthera. Aus dem elephantocamelus des Lucilius, das man als synonym mit camelopardalis zu nehmen pflegt, hat Stowasser telephantocamillus = Opferdiener der Mystagogen erschlossen, so daß es für unsere Betrachtung wegfällt. Seit Caesar wurde das Tier öfter nach Rom gebracht. Zehn auf einmal ließ Gordian (Hist. Aug. Gord. 33) im Circus auftreten. Wenn es für Schaulustige durch die Straße geführt wurde, hing man ihm eine Glocke an den Hals und der Wärter führte es am Halfter. So ist es gemalt im Wandbild des römischen Columbariums der Villa Pamfili (Jahn Wandgemälde der Villa Pamfili Taf. I 1 S. 45ff.). Auch zu Pompeii ist ein Wandgemälde ausgegraben worden, auf dem im Hintergrund eine G. ist, vorne ein Neger, welcher ein Kind trägt (Mau).

Als äthiopischen Namen des Tieres führt Plinius, vielleicht auf Iuba fußend, nabun an (n. h. VIII 69). Auf dem großen pränestinischen Nilmosaik aber ist neben zwei gefleckten Exemplaren des Camelopardalis ein nabus ohne Flecken: offenbar ist es auch eine G., wenn nicht der jüngst in Mittelafrika entdeckte Okapi. Vgl. Brandt Bullet. de l'acad. de St. Pétersb. I 353ff.: Le Nabus de Plinius est-il identique avec le Camelopardalis? Ganz verkehrt dachten einige andere Gelehrte an ein Kamel; der nabus des Mosaiks hat Schwanz, Horn, Halsform und höhere Vorderbeine wie eine G. In Altägypten hieß die G. ser, d. i. hoch, groß (Hommel Südsemit. Säugetiere 230). Das Wort ist offenbar verwandt mit dem heutigen G., richtiger serâfe, arabisch zerrafa die Liebliche, wohl durch Volksetymologie aus ser entstanden. Den Ägyptern war die G. zwei Jahrtausende früher zu Gesicht gekommen als den Griechen. Ungefähr um 2500 v. Chr. wurde sie nämlich in die damalige Residenzstadt Abydos in Oberägypten unter dem Pharao Sanchkara gebracht (Brugsch Gesch. Ägyptens 109f.). Seitdem ist sie auf ägyptischen Denkmälern häufig [1368] dargestellt worden (Wilkinson Manners and customs III2 301f.). So auf dem großartigen Wandgemälde vom Sieg des Ramses II. über die Äthiopen. Eine Kopie davon ist im Britischen Museum. Sie bringen allerlei Tiere ihrer Fauna, eine G., einen Panther, zwei Äffchen usf. Roh aber deutlich erkennbar erscheint sie auf einem altlibyschen Basrelief der Sahara (abgebildet bei Tissot La province Romaine d'Afrique I 491 fig. 50). Der erste Grieche, der ihrer Erwähnung tut, ist Agatharchides ums J. 100 v. Chr.; nach ihm ist sie im Land der Troglodyten (Nubier) zu Hause und hat einen so langen Hals, daß sie von den höchsten Bäumen ihre Nahrung holen kann. Agatharchides (2. Jhdt. v. Chr.) war Hauptquelle für Diodor. Dem Strabon (XVI 775) diente Artemidor Anfang des 1. Jhdts. v. Chr. als Hauptquelle. Dieser hob die Zahmheit des Tieres hervor. Sehr ausführlich und richtig ist die Schilderung Oppians cyn. III 462ff.: sie sei ein wunderbares Tier, zugleich dem Kamel ähnlich und dem Panther, lieblich, zahm, mit langem Halse, getupftem Fell, kurzen Ohren, kahlem Kopfe, langen Beinen, von denen die hinteren viel kürzer sind als die vorderen; mitten auf dem Kopf stehen zwei hornartige Spitzen; die Augen haben blitzhellen Glanz, der hirschartige Schwanz habe am Ende eine schwarze Quaste.

Bildliche Darstellungen aus der klassischen Archäologie sind nicht häufig. Auf Orpheusbildern hat sie Stephani C. R. 1883, 110 nur ein einzigesmal gefunden. Mehrfach sehen wir sie eigentlich mißbräuchlich auf Sarkophagen, wenn der Künstler den indischen Triumphzug des Bacchus sich zum Vorwurf genommen hat (Sark. des Lateran, Mon. d. Inst. VI 80, 1; in Lyon Comarmond Mus. lapid. 1). Auf Münzen und Gemmen erscheint sie nicht. Ein Rundrelief bei Canina erwähnt Stephani C. R. LXXV 97. Das Mosaik von Palestrina und das Wandbild des Columbariums der Villa Pamfili sowie das von Pompeii sind oben besprochen worden. Eine ägyptische Elfenbeinschnitzerei: G. mit sehr langem schlangenartig gewundenen Hals ist abgebildet bei Quibell Hierakonpolis I Taf. 17. Die charakteristische Hieroglyphe ser kann man abgebildet sehen bei Keller Antik. Tierwelt I 284 nach Dümichen; desgleichen die G. der Villa Pamfili; s. überhaupt dieses Buch des Verfassers 284f., wo auch die späteren byzantinischen Autoren angeführt sind. Nachzutragen ist daselbst noch Philostorg. hist. eccl. III 11 p. 496 M., welcher gar nicht so übel die καμηλοπάρδαλις in erster Linie als sehr großen Hirsch auffaßt. Zusammenstellung von allerlei Daten bei Mongez Mémoire sur les animaux promenés ou tués dans les cirques in den Mémoires de l'Institut X (1833) 411–422. Friedländer Darstell. aus der Sittengeschichte5 II 495.

[Keller. ]