Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
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Tochter d. Königs v. Argos
Band IV,2 (1901) Sp. 20842087
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2) Danae ist die Ahnfrau des durch Perseus und seine Nachkommen repräsentierten Zweiges des Danaervolkes, der Tiryns besass, Mykenai gründete und zu einer bestimmten Zeit die Vorherrschaft in der Argolis behauptete. Aus dem Ethnikon Δαναοί sind die beiden Eponymen Δανάη und Δαναός abstrahiert. Tsuntas Μυκῆναι καὶ Μυκηναῖος πολιτισμός 240f.; anders Usener Götternamen 206. Bedeutung hatte D. ausschliesslich als Mutter ihres Sohnes; sie ist nicht als Erdgöttin zu betrachten und hat auch nirgends einen Cult. Das Motiv des goldenen Regens fusst auf den beiden Momenten: Wasserarmut des Landes und Reichtum der Perseiden. PrellerRobert Griech. Myth. I⁴ 80. Wirth D. in christl. Legenden 1ff. E. Meyer Forsch. z. alten Geschichte I 1892, 73f.

D. ist das einzige Kind des Königs von Argos, Akrisios; nur Schol. Ar. ran. 849 wird noch ein Bruder Megareus erwähnt. Ihre Mutter ist Eurydike, die Tochter des Lakedaimon (oder des Eurotas, Tzetz.), oder Aganippe (Hyg.). Als ihr Vater wird von Steph. Byz. s. Θάσος, wo aber wohl der Name des Akrisios ausgefallen ist, Abas genannt.

Als Akrisios den Gott in Delphoi über die Geburt eines Sohnes anfragte, erhielt er zur Antwort, dass ihm selbst kein Knabe werde geboren werden, wohl aber seiner Tochter. Durch diesen werde er den Tod finden. Darauf schloss er seine Tochter mit der Amme im Hofe des Palastes in ein ehernes Gemach ein (θάλαμος χαλκοῦς Schol. Apoll. Rhod. Apollod. Schol. Il.; χαλκόδετοι αὐλαί, τυμβήρης θάλαμος Soph. Ant. 945f., vgl. die Gallerien in Tiryns und Mykenai und die Kammergräber; θάλαμος χαλκοῦς ἢ σιδηροῦς; Luc. Timon 13; d. m. 12; σιδηροφόρον μέλαθρον, χαλκοφόρος παρθενεών Nonn. Dion. VIII 137. XLVII 543f.: turris aenea Hor. carm. III 16, 1. Ov. am. II 19, 27; ars am. III 416; murus lapideus Hyg.: [2085] Paus. II 23, 7 erwähnt das Bauwerk in Argos). Durch eine Öffnung im Dache nahte sich Zeus der D. in Gestalt des goldenen Regens; sie gebiert den Perseus und zieht ihn mit der Amme auf. Wie Perseus drei- oder vierjährig ist, hört Akrisios die Stimme des spielenden Knaben. Er lässt die dreie kommen, tötet die Amme und führt die D. zum Altar des Zeus Herkeios, wo er sie über das Geschehene fragt. Nicht glaubend, dass Zeus der Vater des Kindes sei, schliesst er die Tochter mit ihrem Söhnchen in einen Kasten (λάρναξ, auch κιβωτός, Luc. d. m. 12. Schol. Pind. Pyth. X 46 (72); κιβώτιον Eur. Danae Argum.; arca Hyg. Serv. Aen. VII 372) und lässt diesen ins Meer werfen.

Nach Schol. Pind. a. O. und Tzetz. Lyk. 838 schloss Akrisios die D. ein, als sie schwanger war, und wartete die Geburt des Kindes ab, um dann beide auszusetzen. Nach anderer Version hatte sich nicht Zeus der D. genaht, sondern ihr Oheim Proitos. Es wird damit der Streit der beiden Brüder motiviert, Pindar. (?) frg. 284 = Schol. Il. XIV 319. Apollod. II 34 W. Ob die Versteinung des Proitos (Ovid. met. V 236) damit in Verbindung zu bringen sei, ist zweifelhaft. Oder ihr Bruder Megareus (s. o.) hatte mit ihr Umgang gepflogen.

Der Kasten wird nach der Insel Seriphos getrieben und dort von Diktys (über diesen Usener a. O. 41) aufgefischt, der dann D. und Perseus in seinem Hause pflegt. Sein Bruder Polydektes, König von Seriphos, sucht D. zur Ehe zu zwingen. Da ihm dies nicht gelingt, schickt er den Perseus, das Medusenhaupt zu suchen, indem er droht, wenn er es nicht bringe, sich der Mutter zu bemächtigen. Perseus kommt zurück, findet D. und Diktys als Schutzflehende am Altar, versteint den Polydektes und seine Genossen beim Mahle, setzt Diktys zum König der Seriphier ein und geht mit D., Andromeda und den Kyklopen nach Argos. D. bleibt bei Eurydike; Akrisios, der nach Larissa geflohen ist, findet durch Perseus den Tod.

Nach der Version Pind. Pyth. XII 14f. Anth. Pal. III 11. Strab. X 487 muss D. dem Polydektes als Sclavin zu Willen sein, eine andere Überlieferung (Hyg. fab. 63, vgl. Schol. Il. a. O.) lässt D. von Polydektes zur Gattin genommen, Perseus im Tempel der Athena auferzogen werden. Akrisios kommt nach Seriphos, um D. und ihren Sohn herauszuverlangen, und wird von diesem zufällig bei den Leichenspielen des Polydektes erschlagen.

Hauptstellen: Pherekydes ἐν τῷ β in Schol. Apoll. Rhod. IV 1091. 1515, danach wohl Apollod. II 34-36. 45. 47 W. Schol. Il. XIV 319. Tzetz. Lyk. 838: ferner Il. XIV 319. Hesiod. scut. 216. Simonid. frg. 37 (dazu Blass Herm. XXX 1895. 314—320). Hekat. frg. 358 Müller. Pind. Nem. X 11: Pyth. X 45. Erat. cat. 22. Diod. IV 9, 1. Mythogr. Gr. West. app. narr. 17. Luc. gallus 13. Nonn. VII 120. VIII 290. 302. X 113. XXV 6 114ff. Ovid. met. IV 610. 697. XI 117. Hyg. fab. 155. 224. Terent. Eun. 584f. Schol. Stat. Theb. VI 286. Zeus χρυσόμορφος Soph. frg. 1026. Perseus χρυσόπατρος Lykophr. 838.

Ähnlichkeit mit dem D.-Perseusmythus haben auch die Sagen von Auge-Telephos (Immerwahr Arkad. Culte 55f. 64) und Semele-Dionysos. Paus. III 24. 3. [2086]

Andere erzählten, dass D. und Perseus an die Küste Latiums getrieben und dort von einem Fischer aufgefangen worden seien. D. wurde die Gattin des Königs und gründete die Stadt Ardea. Ein Nachkomme von ihr ist Turnus, Verg. Aen. VII 372. 410 und Serv. z. d. St. Plin. III 56. Solin. II 5. Schol. Stat. Theb. II 220. Sil. Ital. I 660. Serv. Aen. VIII 345 lässt D. mit ihren zwei Söhnen Argus und Argeus nach dem sacri nemus Argileti gelangen. Endlich ist nach Ioann. Antiochen. frg. 6, 18 und Paus. Damasc. frg. 4 Dind. D. von Picus oder Zeus Picus die Mutter des Perseus.

Die D.-Perseussage ist mehrfach von Dichtern behandelt worden, so von Aristias in seinem Περσεύς, über den nichts Näheres bekannt ist; von Aischylos in der Trilogie Δικτυουλκοί, Φορκίδες, Πολυδέκτης. Eine Δανάη, wie Welcker will, hat Aischylos wohl nicht geschrieben. Sophokles scheint in Ἀκρίσιος ἢ Δανάη die Sage bis zur Aussetzung der D. behandelt zu haben, in den Λαρισσαῖοι die Tötung des Akrisios. Von Euripides ist eine D. (Inhalt: die Aussetzung) erwähnt, Ioann. Malal. p. 34, 19. Über den ps.-euripideischen Anfang des Stückes s. Wünsch Rh. Mus. LI 1896, 138f. Ein zweites Drama, die Ereignisse auf Seriphos behandelnd, war Diktys, vgl. v. Wilamowitz Eurip. Herakles I 39. Sannyrion und Apollophanes schrieben eine Komoedie D.; berührt war die Sage wohl auch in Kratinos Seriphioi und den Gorgones des Heniochos. Auch Livius Andronicus und Naevius verfassten eine D.; nach Ribbeck wäre das Stück des Naevius eine Contamination von Sophokles Akrisios und Euripides D. gewesen. Den Inhalt dieser Dramen kennen wir zum allergeringsten Teil, und welche einzelnen Züge der Sage dem einen oder dem andern Dichter zuzuweisen sind, ist vollends unsicher. Luc. de salt. 44 erwähnt einen mimischen Tanz: die Jungfrauschaft der D. und die Geburt des Perseus. P. Schwarz De fabula Danaeia, Diss. Halle 1881.

Die Kunstwerke, welche D. darstellen, sind zusammengestellt von F. Knatz Quomodo Persei fabulam artif. Gr. et Rom. tractaverint, Diss. Bonn 1893. Argivisches Weihgeschenk in Delphoi, Paus. X 10, 5. Bull. hell. XX 605f. D. den goldenen Regen empfangend: Gemälde des Nikias (4. Jhdt.), Plin. XXXV 131, vgl. Ter. Eun. 584f. Mehrere rf. Vasen, z. B. Stephani Vasenkat. St. Petersburg 1723. Gerhard 14.Berl. Winck. Progr. 1854. Overbeck Kunstmyth. Zeus, Atlas VI 2. Pompeianische Wandgemälde: Helbig 115—118. Mus. Borb. II 36. XI 21. Mosaik in Palermo: Heydemann Arch. Ztg..XXVII 1869, 39. Bronzemünze von Argos: A. Büste des Hadrian, ℞ thronende D., den goldenen Regen empfangend. Brit. Mus. Cat. of Greek Coins. Peloponnesus p. 148 nr. 148 = Imhoof-Blumer und Percy Gardner Numism. Com. on Paus. p. 41 nr. 25 Taf. L 49.

D. und Perseus in oder bei dem Kasten, wobei nicht sicher erkannt wird, ob die Aussetzung oder die Landung auf Seriphos gemeint ist: Gemälde des Artemon, Plin. XXXV 139: danach wahrscheinlich die Wandgemälde Helbig 119 -121. Rf. Vasen Stephani a. O. 1723 und 1357. Mon. d. Inst. 1856 Taf. 8. Heydemann Vasenkat. 3140. Mus. Borb. II 30, 4. Arch. Jahrb. I [2087] 1886, 312. Dubois-Maisonneuve Introd. XVI 3. In Epigrammen, Anth. Pal. VI 317; Plan. 262, ist ein Marmorwerk des Praxiteles erwähnt: D., Nymphen und Pan. Vielleicht stellte es die Landung der von Nereiden geleiteten D. auf Seriphos dar, wobei Pan als Vertreter des Landes zu denken wäre. Die sonst nur von Luc. d. m. 12 (vgl. Hypothesis des Musuros zur euripideischen D.) erwähnte Begleitung der Nereiden würde damit als weit älterer Zug der Sage erwiesen. Frauen-(Nereiden-?) Chor in der D. des Euripides, Pollux IV 111. Die Bronzemünze von Elaia, Imhoof-Blumer Monnaies grecques 274 nr. 236, früher auf die Landung der D. gedeutet, stellt vielmehr die der Auge dar, Marx Athen Mitt. X 1885, 21.