Nikolaus Pfriem, ein fränkischer Weinhäcker und besonderer Künstler nebst der Beschreibung seiner Kunstwerke

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Autor: Anonym
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Titel: Nikolaus Pfriem, ein fränkischer Weinhäcker und besonderer Künstler nebst der Beschreibung seiner Kunstwerke
Untertitel:
aus: Journal von und für Franken, Band 6, S. 489-505
Herausgeber: Johann Caspar Bundschuh, Johann Christian Siebenkees
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1793
Verlag: Raw
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Erscheinungsort: Nürnberg
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Quelle: UB Bielefeld, Commons
Kurzbeschreibung:
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VI.
Nikolaus Pfriem, ein fränkischer Weinhäcker und besonderer Künstler nebst der Beschreibung seiner Kunstwerke.
Von einer Weinhäcker-Familie geboren und erzogen, lernte Nikolaus Pfriem zunächst auch die Handthierung seiner Ältern und behielt sie, bey allen seinen Künstlertalenten und Kunstarbeiten, bis an das Ende seines Lebens bey. Es ist bemerkenswert, daß er, gegen den Gang solcher Kunstgenies, den Geschmack an seinen Weinbergs-Arbeiten nicht nur nicht verlor, sondern sie mit immer mehrerem Eifer und Genauigkeit zu betreiben schien. Der Vater dieses Nikolaus, Michael Pfriem, harte zwar das Schuhmacher-Handwerk erlernt, er trieb es aber nicht, sondern baute seine Weinberge und trieb einen Holzhandel, durch den er sich ein ansehnliches Vermögen erworben hat. Seine beyden Söhne, denn ich kann auch den ältern Michael nicht mit Stillschweigen übergehen, indem ich des jüngern gedenken will, äusserten Talente, die man von ihrer Erziehung zu Wipfeld nicht hätte erwarten sollen. Vor seinem Bruder zeichnete er sich dadurch aus,| daß er, alles elterlichen Zuredens ungeachtet, nicht beym Häckerstande blieb. Alle seine Gedanken gingen von seiner frühsten Jugend auf Schnitzwerk und Bildhauer-Arbeit. Wenn er, gezwungen von seinem Vater, mit an die Arbeit in den Weinberg gehen mußte, so verdarb er mehr, als er gut machte: denn fand er einen Erdschollen, der ihm tauglich schien, so knetete und formte er so lange daran, bis er eine scheinliche Figur herausbrachte. Während des Frühstücks und Vesperbrods schnitzte er oder verrichtete sonst einige dahin abzweckende Arbeiten. Daher kam es, daß er als Knabe schon in seinem 10ten Jahre einen h. Blutaltar verfertigte, welcher in der Corporis Christi Octav öffentlich ausgesetzt wurde, und die Bewunderung aller derer, die ihn sahen, erregte. Dem dringenden Bitten des Sohns konnte endlich der Vater nicht widerstehen, und da er zur Feldarbeit nicht wohl zu brauchen war, so brachte er ihn nach Wirzburg zum Hofbildhauer. Hier erlernte er seine Kunst nicht nur auf das Beste, sondern begab sich auch sogleich nach überstandener Lehrzeit in die Fremde, um sich immer mehr zu bilden. Er kam nach Berlin; er hielt sich in den vorzüglichsten Städten Schlesiens lange Zeit auf und nach langen| Reisen in den meisten Provinzen Teutschlands kam er endlich wieder nach Wirzburg. Eben damahls bauten die Dominicaner eine neue Kirche. Hier sah unser Künstler viele Arbeit vor sich, und um sich der Verschönerung dieser neu zu erbauenden Kirche ganz zu widmen, wurde er Dominicaner-Bruder und erhielt den Namen Christoph. Der schöne Chor, die meisten Statuen, Engel, Cherubinen dieser geschmackvollen Kirche sind Bruder Christophs Arbeiten. Ich besuchte ihn einst im Kloster und fand ihn mitten in der Arbeit. Rings um ihn lagen auf dem Boden Engel und Cherubim, von allerley Formen, und in den manchfachsten Stellungen. Indem ich sie mit Aufmerksamkeit betrachtete, sagte Bruder Christoph: „solche Kinder fabricire ich. Wenn sie mir nicht gefallen, haue ich ihnen Hände und Füße ab, bisweilen auch gar den Kopf, und setze ihnen andere daran, bis sie da stehen, wie ich es wünsche.“ Als die Kirche fertig war, wurde Bruder Christoph von seinen Klosterobern häufig auf den Termin geschickt. Diese kleinen Reisen zerrütteten seine Gesundheit, er verlor die Schärfe seiner Augen, und mit ihr die ehemahlige feurige Liebe seiner geistlichen Brüder – er starb: aber in seinen manchfachen| schönen Arbeiten in und ausser dem Kloster lebt er noch.
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 So viel von dem älteren Bruder des Nikolaus Pfriem. Nun zu ihm selbst. Die ersten Anlagen seines Kunstgenies äusserten sich in der geschwinden Erlernung der Musik. Hier that er es den meisten seiner Mitschüler zuvor, und da er noch einige Liebhaber der Musik unter den Gespielen seiner Jugend fand, so brachte er es mit diesen (ihre Namen sind Schneider und Förster,) durch die Anweisung des damahligen Schulhalters bald so weit, daß sie auch der Kenner Beyfall durch ihr Spiel einerndeten. Pfriem hatte sich die Harfe zu seinem Lieblings-Instrumente erkoren. Um mit mehrerer Abwechslung auf seinem Instrumente spielen zu können, hatte er sich in den Tagen, wo nicht auf dem Felde zu arbeiten war, ein Pedal an seine Harfe verfertiget. Auch hiemit war er nicht zufrieden, um so gleich, wie auf dem Clavier, aus einem Tone in den andern fallen zu können; er brachte auch ein Forte und Piano an. Und da bey seinen zunehmenden Jahren seine Stimme sich zu einem guten Baß bildete, so sang er ungemein gut zu seinem Spiel, und vergnügte dadurch viele geistliche und weltliche Personen vom ersten Range.| Dabey war er ungemein begierig auf alte Singstücke. Von denen, die er aufzutreiben wußte, veranstaltete er eine eigne Sammlung, die er für Musikliebhaber hinterließ. Bey dem jetzigen Reichthum unserer Singstücke, von den besten Meistern und den geschmackvollsten Dichtern verfertiget, wird es freylich unsern schönen Geistern ungereimt vorkommen, daß ich von der Liedersammlung Pfriems rede; allein ich muß ihnen zu bedenken geben, daß die guten Compositionen unserer vorzüglichen Meister lange noch nicht so bekannt sind, als sie es zu seyn verdienen, zumahl auf dem Lande; und obschon die Kirchenmusik unter den Katholiken, zumahl an Höfen und in manchen Klöstern, viele sehr geschickte und fertige Spieler bilden, so fehlt es doch noch fast allgemein an poetischem Geschmack, und an Bekanntschaft mit den schönen Liedern, die uns Weise, Bürger, Hölty, Gökingk, Claudius, die Grafen von Stollberg, Voß, Matthißen, Schiller und andere, in neuern Zeiten geliefert haben. Wo sich das herschreibt, zu untersuchen, ist über meine Forschungskräfte. Die geringsten Ursachen darunter aber sind wohl nicht der Mangel einer guten Teutschen und wohlfeilen Übersetzung der Schriften des A. und N. Bundes, der Mangel guter| Teutscher geistlicher Gesänge, der Mangel eines reinteutschen glit declamirten Canzelvortrags, der Mangel reinteutscher und wohlstilisirter Andachts- und Gebetbücher und endlich ausser diesen angegebenen Mängeln, der noch immer fortdauernde lateinische Gottesdienst in den Kirchen ächter und wahrer Teutschen Christen. Doch, wie bereits gesagt, ich unterwinde mich nicht das zu entscheiden. Für den Maaßstab des poetischen Geschmacks in Franken auf dem Lande, für den Volkskenner und den Psychologen wird es indessen nicht unangenehm seyn, aus der Pfriemischen Liedersammlung einige Lieblingsstücke des künstlichen Weinhäckers hier zu lesen.

 N. 1.
Was kränket sich dein Herz,
Laß Kummer, Sorgen fahren
Schwing dich aus den Gefahren,
Das Denken bringt nur Schmerz.
Wann dich dein Feind umringt,
Mit Dolchen auf dich springt,
Zeig dich gütig, hast’s wohl verschuldt.

 N. 2.
Schweigen ist ein Meisterstückel,
Aller Klugheit Hauptartickel,
Schweigen ist die große Kunst,
Weiser als das Hirngespunst.

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Laß die Raben, Krähen springen,
Die Hühner gatzen bey dem Ey
Laß die klugen Schwanen singen,
Was? – das Leben geht entzwey.

 N. 3.
Venus, du verbuhltes Weib,
Was stellest du nicht an?
Es verliert ja Seel und Leib,
Wer dir ist zugethan.
Seht die König auf dem Thron
Hast du gebracht zu Spott und Hohn
Hat sie die Lieberey!
Vanitatum Vanitas! Ist lauter Phantasey!

 Kenner der Harfe werden zu beurtheilen im Stande seyn, was ein guter Vortrag solcher Singstücke für Geschick und Fertigkeit erfordert. An dieser Harfe begnügte sich unser Künstler noch nicht. Er verfertigte noch ein anderes Instrument, welches harfenartig war. Die Höhe war 21/2 Schuh, die obere Breite ungefähr 11/2 Schuh. Die Gestalt war herzförmig, schön geschweift. Es war mittelmäßig dick und hatte auf beyden Seiten Resonanz-Böden. Die gewöhnlichen Harfensaiten zog er an beyden Seiten auf; etwas tiefer machte er eine Klaviersaite an. Beyde auf einander gezogene Saiten stimmte er auf gleichlautende Töne. Dieses Instrument| hing er an die Brust schräg abwärts und spielte mit der rechten Hand die obere Terz, mit der linken Hand auf der linken Seite den mittlern und untern Baß. Das war in der That ein künstliches Spiel. Beym Plans nahm er die obern Saiten allein. Beym Forte grief er etwas tiefer, daß er die gesponnenen Claviersaiten mit fassen konnte. Auf diesem Instrumente vertrieb er sich die langen Winternächte. Ich wünschte das Urtheil eines geschickten Fränkischen Instrumentenmachers über Mechanismus und Organisation dieses Instruments zu vernehmen.
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 Pfriem war nicht nur stark auf der Harfe, er blies auch die Flutetraverse sehr gut. Es war ihm nur oft bedauerlich, daß er keinen Gesellschafter finden konnte; weil dieß Instrument ohne Begleitung sich nicht wohl ausnimmt. Das Waldhorn und die Trompete blies auch Pfriem gern. An heitern schönen Sommerabenden saß er immer mit einem und dem andern seiner Gesellschafter längs dem Ufer des Mains, wo es den schönsten Wiederhall hatte, und spielte die angenehmsten und besten Stücke seines Zeitalters, was vielen bey Nennung seines Namens noch immer eine angenehme Erinnerung verursachet.| Er verfertigte zu dieser Absicht auch ein Paar Spazierstöcke, lakirte sie, wie Spanische Rohre, in der innern Höhlung derselben, die er gemacht hatte, liefen Röhren von dünnem Messingbleche, die auf und abgezogen, werden konnten, wie bey Posaunen; die Rohrknöpfe konnte man abschrauben, um ein Mundstück aufzustecken; unten, vom Gesicht abwärts gebogen, steckte er einen Trichter ein; so trug er und seine Kameraden, wenn sie auch über Land gingen, ihr Instrument immer bey sich. An diesen Stöcken konnte man auch so gar, mittelst aufgesteckter Stifte, wie bey dem Waldhorn und der Trompete, die Höhe und Tiefe des Tons leicht hervorbringen, und sie gaben den Accord recht rein an. Auf der Violin spielte unser Künstler nur sehr wenig; desto sinnreicher war er in Erfindungen. Mir eigner Hand machte er sich eine recht bequeme Drechselbank zu seinem Gebrauche. Darauf verfertigte er sich seine buxbaumerne Flute traverse und andere dahin gehörige Stücke. Da er Bräutigam war, verfertigte er seiner Braut ein musicirendes Spinnrädchen auf seiner Drechselbank. In dem schräg aufwärts gehenden Corpus hat er verdeckterweise 11/2 Dutzend kleine Pfeifchen| nebst einem dazu passenden Blasbalge und Walzen angebracht. Neben dem eigentlichen Spinnrade lief ein anderes kleines Rädchen, welches das Werkchen trieb. So gab es während des Spinnens ganz artige Stückchen. Es ist Schade, daß dergleichen Sachen, weil sie nicht eigentlich zur Arbeit, sondern mehr zum Vergnügen waren, nicht so geachtet und dadurch in Verfall gerathen sind. Einstmahls bestellte sich der erfinderische Pfriem bey einem Schreiner eine sogenannte Tresor-Commode. Seiner Angabe nach war der untere Theil und das Schreibpult, wie gewöhnlich. Der Aufsatz über dem Schreibpulte mußte ganz flach mir einem gedoppelt geschweiften Kanis, Gesimse und 2 Thüren gearbeitet werden. Den Raum auszufüllen machte Pfriem etwas erhoben von der Rückwand einen ganzen Resonanzboden hinein, und bezog ihn von oben herab gedoppelt mit Klaviersaiten. In unterm Theile des Aufsatzes brachte er eine große lange Walze quer an. Oben darüber stand eine Reihe Clavierhämmerchen; mittels der in den Walzen angebrachten Stiftchen wurden diese in Bewegung gesetzt. Die dabey nöthigen Räder wurden durch das hinter der Commode angebrachte Gewicht getrieben. Diese| Maschine spielte zehn verschiedene Stücke, und durfte erst nach dreymahliger Wiederhohlung wieder aufgezogen werden. Diese Musikstücke waren nicht etwa gewöhnliche Bänkelsänger-Liedchen, sondern auserlesen, kunstreich und dabey fürs Ohr sehr entzückend. Sie waren eigens dazu gesetzt worden von dem in diesem Fache in Franken allgemein geschätzten Kloster Heydenfelder Musikdirector, Herrn P. Joseph, und machten ihrem Meister bey Kennern wahre Ehre. Jedes Stück mußte aus so vielen Tacten bestehen, als die Walzen gerade Zeit zum Umlauf brauchten. Dabey mußte berechnet seyn, daß auf jedes Allegro ein Trio kam. Es ist ewig Schade, daß dieses mühsame Instrument, wegen der Beschwerde beym Stimmen desselben, wieder in Verfall gerathen ist.
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 Von der Musik und dem Instrumentenmachen kam unser Künstler auf das Uhrmachen, wo seine musikalischen Talente sich wieder auf verschiedene Weise äusserten. Anfangs machte er nur hölzerne Stundenuhren. Es gelang. Er versuchte seine Kräfte an Schlag- und Gukgucksuhren. Dann kam er auf ein hölzernes Schlag- und Repetir-Werk mit einem Glockenspiel von fünf verschiedenen Stücken. Einige Minuten nachher,| als, die Stunde ausgeschlagen, fing das Spiel an, und zwar immer das Stück, nach welchem es gerichtet war. Es hatte vierzehn verschiedene Glocken, die er selbst stimmte. Die Musik dazu war wieder von dem oben schon nach Verdienst gerühmten Herrn P. Joseph zu Heydenfeld. Nun machte er sich an größere Werke dieser Art. Er machte eine messingene Wanduhr, welche Stunden und Viertelstunden wiederhohlte, mit einem Hammer. Gang und Schlagwerk hatte nur ein Gewicht. Sie zeigte Secunden und Monatstage. Alle vierzehen Tage durfte man sie nur einmahl aufziehen. Zur Ausarbeitung dieses Werks hatte er sich selbst einen künstlichen Schneidzeug, um die Zähne an den meßingenen Uhrrädern und die stählernen Getriebe auszuschneiden, verfertigt. Das Ganze verfertigte er im Winter, damit ja in seiner Feldarbeit nichts versäumt würde. Pfriems Beyspiel ist merkwürdig für viele Leute der hiesigen Gegend. Sie murren nämlich, daß ihre Kinder in den Industrie-Schulen zum Nähen, Stricken, Spinnen, zu Gartenarbeiten u. d. g. angehalten werden; und wenden vor, daß ihre Kinder künftig diese Arbeiten, nicht ohne Nachtheil ihrer Feldarbeiten, würden treiben können. Pfriem trieb| seine Kunst ohne Nachtheil und Schaden seiner vielen Feldarbeiten. Können die Armen der ersten und zweyten Classe nicht seinem Beyspiele folgen? Sie würden dadurch oft in ihrem Alter sich Nahrung und Unterhalt verschaffen können. Da hierüber die strengsten obrigkeitlichen Verordnungen nicht so viel wirken, als liebreiche Vorstellungen und Erklärungen, so sollten die Vorgesetzten des Orts dergleichen oft benutzen, um den Gemeindgliedern den fürstlichen Willen zu verständigen. Was helfen die heilsamsten Verordnungen, wenn sie nicht befolgt werden? – Dieses Werk seines Kunstfleißes geht noch heute ganz correct und ist in Wipfeld zu sehen. Endlich verfiel er auch auf Stockuhren. Eine, welche repetirte und ganz klein war, verfertigte er für seinen Bruder Dominicaner zu Wirzburg und verlieh sie ihm zum lebenslänglichen Gebrauch. Diese Uhr sah ich einmahl bey dem Dominicaner-Bruder. Sie ging sehr regelmaßig. Ich fragte nach dem Meister. Die Aussenseite und das Zifferblatt waren mit gelber Erdfarbe schimpflich beklext. Bey der Untersuchung fand ich innerlich ein stattliches Werk. Da ich auf die erste Frage keine Antwort erhalten hatte, that ich die zweyte, und setzte hinzu: was hängen Sie| denn der schönen Uhr für ein possirliches Kleid um? Bruder Christoph lächelte und gestand mir offenherzig: „mein einziger Bruder zu Wipfeld machte mir hiemit ein unvergeßliches Vergnügen. Es ist eine Arbeit. Stellte ich sie in ihrer Pracht auf, so würde mir entweder von meinen Klosterobern verboten, sie in meinem Zimmer aufzustellen, oder ich müßte sie gar abgeben. Der Wehrt ist inwendig und unsichtbar. Wer nicht damit bekannt ist, vermag auch nicht sie aufzumachen.“ Als Bruder Christoph starb, kam die Uhr, unter dem Vorwand einer nöthigen Reparatur, wieder nach Wipfeld an den wahren Eigenthümer.
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 Vom Großuhrmachen ging Pfriem auch auf das Kleinuhrmachen über. Mit Gewißheit kann ich zwar nicht sagen, daß er ganz neue Uhren gemacht habe: so viel weiß ich aber zuverläßig, daß er oft 20-30 Taschenuhren zur Reparatur im Hause hatte, die er immer sehr gut herstellte. Es verdroß ihn keine Mühe, die Uhr mochte einen Fehler haben, welchen sie immer wollte, an Rädern, Triebwerk, Schnecken, Ketten etc. Oft war er so sehr mit Uhren überhäuft, daß er sie nicht alle fördern konnte. Denn um alles willen wäre er von seiner Feldarbeit nicht abgestanden.| Im Sommer bey schönen Tagen nahm er seine Sackuhren mit in die Weinberge, übersah seine Taglöhner und reparirte dabey. Er hing sie an die Weinpfähle auf, und richtete sie nach der Sonne; denn die Sonnenuhrkunst hatte er auch für sich aus dem Grunde studirt. Er verfertigte dieselben von allen Gattungen und Formen, wie dergleichen in seinem Geburtsort noch gar viele zu sehen sind, die allerdings den Meister in diesem Fache verrathen. Auf dem Felde machte er dergleichen oft aus Noth auf dem eben gemachten Boden, steckte die Polhöhe durch einen Weinpfahl ab, und bezeichnete nach seinem Gesichte die Stunden auf dem Boden durch Puncte.
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 Der allgemeine Ruf seiner Geschicklichkeit im Repariren der Taschenuhren zog ihm auch die Aufmerksamkeit des regierenden Herrn Grafen von Schönborn-Wiesentheid zu. Der Herr Graf hatte eine goldene sehr reich mit Brillanten besetzte Taschenuhr, die mehrere Meister nicht herzustellen vermochten. Er hörte zu Gaybach, seinem Sommer-Aufenthalte, daß Pfriem in der Nachbarschaft glücklich im Uhrenverbessern sey, und übergab sie ihm zur Wiederherstellung. Das spornte Pfriems Fleis noch mehr. Er durchsuchte| das ihm anvertraute kostbare Werk und fand keinen Fehler. Endlich nach langem vergeblichen Forschen merkte er, daß sich, dem unbewaffneten Auge fast unsichtbar, einige Haarspitzen eingezogen hatten. Diese Entdeckung setzte ihn in den Stand, das so vielen Meistern vergeblich durch die Hand gegangene Werk gänzlich wieder herzustellen. Voll Freude überbrachte er die wiederhergestellte Uhr dem Herrn Grafen selbst, dem die glückliche Cur so wohl gefiel, daß er Pfriemen, der für seine Arbeit gar nichts verlangte, zwey Louis-d’or mit vollkommenster Zufriedenheit zum Geschenk machte. Von dieser Zeit an wurden ihm alle im Schlosse Gaybach befindlichen Hang- und Stockuhren von verschiedenen berühmten und guten Meistern nach Wipfeld zum Säubern und Ausbessern übergeben.

 Er gab sich bisweilen auch mit großen Kirchenuhren ab, und wo nur ein Hinderniß war, wußte ers zu finden und glücklich zu heben.

 Auch an Verfertigung eines perpetuum mobile wagte er sich. Da ich Augenzeuge seiner Arbeiten und Vertrauter seiner Entdeckungen war, so nehme ich keinen Anstand zu behaupten, daß er gewiß in dieser schweren Aufgabe etwas ausserordentliches geliefert| haben würde, wenn ihn nicht der Tod mitten in seinen Arbeiten, über der Ausführung seines gemachten Entwurfs, überrascht hätte. Die umständliche Beschreibung seines Unternehmens würde für manche Leser des Journals zu wenig interessant seyn. Ich bin ober erbötig, Liebhabern über seinen Entwurf einen nähern Aufschluß zu geben, wenn sie sich an mich wenden wollen.

 Sein letztes Werk, das ihm besonders unter den künstlichen Uhrmachern unserer Tage einen entschiedenen Rang verschaffen würde, wenn ich es hier umständlich beschreiben könnte, ist an einen Juden versetzt, von dem es der Eigenthümer in seiner jetzigen Lage nicht wieder lösen kann. Ich wünsche herzlich, daß dieser Mann, der einen großen Theil seines Unfalls sich durch Leichtsinn und boshafte Verhetzung anderer, die sich ihn zu einem Werkzeuge erkoren, zugezogen hat, bald in bessere Umstände kommen möge. Das Unglück hat ihn gewiß vorsichtiger gemacht. Trifft mein Wunsch und meine Hoffnung ein, so will ich in einem der nächsten Hefte dieses Journals die Beschreibung dieses Kunstwerks nachhohlen.