Die Küstenepidemie von 1826 insbesondere in Norderditmarschen

Textdaten
Autor: Nicolaus Dohrn
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Titel: Die Küstenepidemie von 1826 insbesondere in Norderditmarschen
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Erscheinungsdatum: 1827
Verlag: J. F. Hammerich
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Erscheinungsort: Altona
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Quelle: ULB Düsseldorf = Commons
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[I]
Die
Küstenepidemie von 1826
insbesondere
in
Norderditmarschen.


Eine medicinische Abhandlung
von
N. Dohrn,
Doktor und Physikus in Heide.


Altona,
bei J. F. Hammerich.
1827.

[III]
Sr. Hochwohlgebohrnen

dem

Herrn Etatsrath und Landvogt

Griebel,

des Dannebrogordens Ritter

in Heide

ehrerbietigst gewidmet
von 
dem Verfasser.

[V] Hochwohlgebohrner Herr Etatsrath,

Hochgebietender Herr Landvogt und Ritter.

Die unablässige Sorge, welche Ew. Hochwohlgebohrnen dem Wohl der Ihnen untergebenen Landschaft unter so allgemeiner Anerkennung widmen, ist ein sicherer Bürge für die Theilnahme, welche Hochdieselben an dem in dieser Schrift behandelten Gegenstande nehmen. Durch diese Ueberzeugung geleitet, nehme ich mir die Ehre, dieselbe in Ew. Hochwohlgeb. Hände ehrerbietigst niederzulegen, und bitte ganz gehorsamst, sie als einen geringen Beweis der innigsten Hochachtung und Verehrung, von welchen ich so tief durchdrungen [VI] bin, Hochgeneigtest aufnehmen zu wollen.

Ich verharre

Ew. Hochwohlgebohrnen
ganz gehorsamster     
N. Dohrn.

[VII]
Vorwort.

Die Epidemie, welche in diesem letztern Sommer auch unsre Landschaft Norderditmarschen heimsuchte, ist sowohl in ärztlicher als auch in vaterländischer Hinsicht ein so merkwürdiges Ereigniß, daß sie es wohl verdient, in einer öffentlichen Aufzeichnung aufbewahrt und zur weitern Kenntniß des Publikums gebracht zu werden. Da es nicht scheint, als wenn Jemand, dem mehr Ruhe zu Gebote steht, als mir, die Sache anfassen will, so habe ich mich veranlaßt gefühlt, meine Beobachtungen und Erfahrungen, wie solche sich mir am Krankenbette darboten, in dieser kleinen Schrift zur öffentlichen Kunde zu bringen, und die darauf gegründeten diagnostischen Schlüsse und das therapeutische Verfahren der Beurtheilung sachkundiger Männer anheim zu stellen. Mein Hauptaugenmerk ist darauf gerichtet gewesen, reine Thatsachen mit der möglichsten Treue darzustellen; einen wissenschaftlichen Werth lege ich der Arbeit nicht bei. Dieser konnte [VIII] ihr in meiner Stellung unmöglich zu Theil werden, da sie nicht in Stunden einer längern Muße, sondern ganz und allein auf meinen ärztlichen Reisen ihre Entstehung bekommen hat, und in zahllosen Unterbrechungen zu Papier gebracht werden mußte. Deshalb darf ich denn wohl auch bei denen, welchen die Schrift in die Hände fallen wird, auf ein nachsichtiges Urtheil rechnen.

Heide im Februar 1827.

[1]
Einleitung.

Während die ganze östliche Seite unsers Herzogthums in diesem abgewichenen Jahre eine beständige Gesundheit genoß, wurde das westliche Ende von mehrern aufeinander folgenden Seuchen getroffen. Insbesondere wurde unsre Landschaft der Sammelplatz der verschiedenartigsten Epidemien. Das Jahr eröffnete sich mit einem verheerenden Scharlachfieber, welches, so wie immer in unserer Gegend, vom Scharlach nur die Halsentzündung und vom Friesel die Form des Ausschlages und zum Theil der Abschuppung annahm. Eine Masernepidemie, und in deren Gefolge der Keichhusten, ergoß sich, dem Zuge, den alle epidemische Krankheiten hier nehmen, von Osten nach Westen folgend, bald über die ganze Landschaft. Aber damit noch nicht abgefunden, sollte Ditmarschen noch mit in die Reihe der Länder treten, welche so schrecklich von dem großen verheerenden Sommerfieber mitgenommen wurden.

[2] Norderditmarschen, welches zunächst diesen harten Schlag abzuhalten hatte, liegt ungefähr auf dem 54. Grad nördlicher Breite, und auf dem 27. Grad östlicher Länge. Es bildet den nordwestlichsten Theil von Holstein, und zugleich von ganz Deutschland. Fast von allen Seiten ist es mit Wasser umgeben. Die Nordsee und die Eider umströmen das Land im Westen, Norden und Osten. Im Süden stößt es auf vier Meilen mit Süderditmarschen und dem Wasmerskoog zusammen, einen kleinen Theil dieser Seite bespült gleichfalls die Nordsee. Es hat die Form eines stehenden Dreyecks, und wird durch einen flachen, drey Meilen langen, schmalen Sandstreifen, der von der obern Spitze nach unten geht, füglich in zwey Hälften unterschieden. Auf diesem Rücken haben, von oben nach unten, die Oerter Lunden, Weddingstedt und Heide ihre Lage. Alle westlichen Kirchspiele dieser Düne – Wörden, Büsum, Wesselbuhren, Neuenkirchen und Hemme, bilden die eigentliche Marsch, die um so tiefer und schwerer wird, je näher sie die Geest berührt; und mehr sandigen Boden annimmt, je näher sie der See zugewendet ist. Die östliche Hälfte ist theils – Tellingstedt, Delve, Henstedt – hohe Geest, theils – St. Annen und Schlichting – tiefe Marsch und Moorgrund. Letztere Oerter liegen so niedrig, daß sie bei gewöhnlicher Meeresfluth 2 bis 3 Fuß unter Wasser stehen würden, wenn sie nicht durch große kostbare Dämme, Deiche genannt, dagegen geschützt würden. Durch den großen Sturm in der Nacht vom 3ten auf [3] den 4ten Februar vorigen Jahres schwoll indes die See dergestalt an, und drang so heftig auf die Deiche, daß sie an vielen Stellen durchbrachen, und dadurch ein großer Theil der beiden Marschen überschwemmt wurde. Das eingedrungene Seewasser stand an einigen Stellen noch bis zum Eintritt dieses Sommers in den Canälen und Zuggräben, womit die Marsch in zahlloser Menge durchschnitten ist [1]. Bei jeder Ebbe tritt die See so weit zurück, daß dadurch ein meilenweiter unbelebter Strand zum Vorschein kommt; dieses sind die Watten.

Ditmarschen ist im Ganzen ein sehr gesundes Land. Durch bloßen Ueberschuß der Gebornen über die Gestorbenen ist in wenigen Jahren die Volkszahl um einige Tausende gestiegen. Sein feuchtes Klima und die unaufhörlichen Seewinde scheinen den Bewohnern sehr zuzusprechen. Bei feuchter Witterung neigen sich die meisten Krankheiten bald zur Besserung; trockene Hitze und trockene Kälte sind die schlimmsten Zeiten für uns. [4] Endemische Krankheiten kennen wir eigentlich nicht [2] und die epidemischen haben in der Regel einen sehr gutartigen Charakter. Im Herbst und Frühling ist die vorherrschende Constitution die rheumatisch-catarrhalische; die entzündliche ist überall wenig sichtbar, und zu Blutentziehungen ist nur selten Veranlassung. Der Sommer giebt allen Krankheiten einen gastrischen biliösen Anstrich. In den Erndtemonaten pflegt dieser sich in einer leichten Cholera zu repräsentiren. Während wir auf diese, hier sogenannte Erndteseuche, gefaßt waren und noch wohl besorgten, daß die große ungewöhnliche Hitze und andere Einflüsse derselben einen mehrmaligen Charakter beilegen würden, entwickelte sich in Zeit von wenigen Tagen eine Epidemie unter uns, so eingreifend und umfassend, wie wir solche nie erlebt hatten, und schüttete alles Elend auch über uns aus, was der ganzen Küste der Nordsee, von Frankreich bis nach Dännemark, beschieden war [3].

[6]
Erster Abschnitt.
Von den Symptomen der Epidemie.

Die Epidemie zeigte ihre ersten Spuren bei uns in den letzten Tagen des July und zu Anfang des August, hauptsächlich unter der arbeitenden Klasse des männlichen Geschlechts, und wurde bald so allgemein, daß in wenigen Wochen, Groß und Klein, und mehr als 5000 Menschen – der fünfte Theil der Einwohner – davon befallen waren. Es trat ein förmlicher Stillstand, ein in allen übrigen Krankheiten, und alle Uebel schienen gleichsam von ihr absorbirt zu werden, und in ihr zu verschwinden [4]. Man kann die eigentliche Dauer [7] dieser Epidemie auf zwey Monate setzen, wiewohl noch bis zu Ende des Jahres mancher Einzelne davon ergriffen wurde. Selten bezeichnete die Krankheit durch allmähliges Annähern ihre Opfer, gewöhnlich überfiel sie ohne deutliche Vorboten, und wer die eine Stunde noch auf dem Felde arbeitete, konnte die andere schon mit den heftigsten Zufällen ringen. Augenblicklicher starker Frost, dann große brennende Hitze, wüthende Kopfschmerzen vor der Stirne, Uebelkeit, Erbrechen einer gallichten schwarzen Materie, oft in ganz erstaunlicher Quantität, Durchfälle derselben Art, Schmerz in der linken Seite, gelbliche Farbe und heftiges Fieber mit vollem weichem Pulse, waren die Zeichen der völlig ausgebildeten Krankheit. Wenn diese Zufälle einige, oft auch mehrere Stunden gedauert hatten, so verschwanden sie allmählich, und löseten sich entweder in einem profusen Schweiße und ziegelfarbigem Urin auf, und hinterließen dann dem Kranken nichts als eine große Ermattung und einen mäßig beschleunigten Puls, oder endeten auch mit einer trocknen Haut, wüstem Ansehen, leichten Delirien, und einem soporösen, oft tagelangen Schlafe, wobei denn die große Hitze und das Fieber wenig nachließ, und der Paroxysmus oft dadurch so verlängert [8] und entstellt wurde, daß man sein Ende kaum finden, und ihn von der folgenden Remission unterscheiden konnte. Nach einem oder zwey, häufig auch am dritten Tage wiederhohlte sich, jedoch mit geringerem Froste, dieselbe Reihe der Zufälle, wobei denn zuweilen ein gelinderer und ein heftigerer Anfall mit einander alternirten. In demselben Grade als nun diese Paroxysmen, namentlich die Hartnäckigkeit des Brechens, die heftigen bohrenden Kopfschmerzen und die große Hitze gelinder wurden, und sich deutlicher mit kritischem Schweiße und Urin endeten, wie solches fast durchgängig im Septembermonat der Gang der Epidemie war, änderte sich das Fieber, und verwandelte sich aus einem remittirenden mehr in die intermittirende Gestalt, so wie denn mit dem allmähligen Verschwinden des Erbrechens und der Anfälle überhaupt auch alle Fieberspuren verschwanden, und bis auf eine große Körperschwäche, ein erdfahles Ansehen und eine Schwere des Kopfes, welche die meisten Reconvalescenten noch eine Zeitlang mit sich herumtrugen, in zwey oder drey Wochen die harte Probe bestanden war – wenn nicht durch Rückfälle, die wohl am 8ten oder 14ten Tage nachher eintraten, die ganze Scene sich wieder erneuerte. – Je mehr aber die Anfälle bei ihrer Wiederkehr sich verschlimmerten, je mehr namentlich das Erbrechen mit Anstrengung verbunden, je wüthender die Kopfschmerzen, und je glühender die Hitze war, je mehr dabei die früheren Durchfälle in Verstopfungen übergingen und Schweiß und Bodensatz im Urin ausblieben, wie es [9] zumal bei denen geschah, welche in der Remission eine fehlerhafte Diät geführt hatten, desto sicherer trat nach einem fortgesetzten Delirium ein schwerer tiefer Sopor hinzu, aus dem die Kranken nur mit Mühe zu erwecken waren, und entweder nur zu neuen heftigen Fieberbewegungen, neuen Delirien und neuen Sopor, oder auch gar nicht wieder erwachten. – Eine constante Erscheinung fast bei allen Kranken dieser Epidemie, am meisten aber bei denen, welche in einem heftigen Grade befallen wurden, war eine Spannung und ein bald stehender, bald stumpfer und drückender Schmerz in dem linken Hypochondrium über der Nierengegend und in dessen unmittelbarer Folge, eine bald harte, bald mehr teigichte Anschwellung der Milzgegend, welche um so deutlicher hervortrat, je mehr die Kranken, was ihnen freilich nicht ohne viele Mühe möglich war, die linke Seite hervorkehrten. Was aber dieser Erscheinung einen für die ganze Natur dieser Epidemie nicht wenig bezeichnenden Werth giebt, ist die Beobachtung, daß dieser Schmerz schon mit dem ersten Beginnen der Krankheit, die Anschwellung aber oft schon den ersten und den zweiten Tag von aussen deutlich zu fühlen war [5]. Weit weniger beständig war das gelbsüchtige [10] Ansehen, und höchst selten da, wo sehr deutliche Remissionen des Fiebers vorhanden waren; je stärker aber das Delirium und der Sopor war, desto mehr entwickelte sich dieser Anstrich der Haut, in welchem Falle diese denn oft dabey eine pergamentartige Beschaffenheit annahm. Wer es hatte, nahm es gewöhnlich mit ins Grab. Viel häufiger war der Urin dunkel und gelblich gefärbt. Allgemein war die Klage der Kranken über bittern Geschmack; auch war die ausgebrochene Materie oft so bitter und corrodirend, daß dadurch aphthöse Geschwüre im Munde entstanden. Selten war die Zunge trocken, gewöhnlich mit einem schmutzigen braunen und schwarzen Belege überzogen, der sich lange auf derselben hielt. Bei Allen war ein unauslöschlicher brennender Durst der beständige Begleiter. Häufig habe ich den Puls intermittirend getroffen, in dem Paroxysmus mehr voll, jedoch oft unterdrückt, in der Remission mehr regelmäßig, doch zuweilen gespannt und beschleunigt. Ein falscher Appetit, sogar mitunter in den Anfällen der Krankheit, dessen Befriedigung den Kranken jedes Mal die traurigsten Folgen brachte, war gar nicht selten. Zuweilen erschienen Blutungen aus dem linken Nasenloche und brachten dem Kranken jedes Mal mehr oder weniger Erleichterung. Eine sehr merkwürdige Erscheinung zeigte sich bei vielen Kranken, bei einigen am 9ten Tage, bei den meisten aber gegen die Zeit der Reconvalescenz. Sie bekamen einen Ausschlag am ganzen Körper mit Ausnahme des Gesichts, wobei denn gewöhnlich Alles, [11] was von dem Fieber noch vorhanden war, sehr bald zu weichen pflegte: dieser Ausschlag hatte die Gestalt von kleinen weißen Pusteln und Bläschen mit einem röthlichen, etwas hartem Rande, die oben durchsichtig waren, ein starkes Jucken und Brennen, zumal in der Wärme, verursachten, und sich mitunter auch in förmliche Hautschwärchen verwandelten [6]. In einem Falle trat gegen das Ende der Krankheit eine förmliche [12] Metastase auf die Hoden ein. Bei einem erwachsenen Manne entstand zuerst eine Anschwellung in dem einen und eben so plötzlich in dem andern Testikel, während die eigentliche Krankheit dadurch zum Theil verschwand. Fast bei Allen, die die Krankheit ohne ärztliche und diätetische Vorschriften überstanden hatten, folgten reine Quartanfieber, und wenn auch diese ihren freien Lauf behielten, hydropische Anschwellungen, die sich über den ganzen Körper ausdehnten. Aber auch diejenigen, die Alles hatten und thaten, was die Krankheit nothwendig verlangte, litten dennoch lange Zeit an einer solchen entstellenden Abmagerung und solcher Kraftlosigkeit des Körpers, daß sie wie Schatten und Geister umherschwebten.

Dieses sind die Zeichen, an welchen in unsrer Landschaft die Epidemie zu erkennen war. Nicht in allen Gemeinden waren ihre Spuren gleich heftig. In dem Kirchspiele Lunden war beinahe die halbe Zahl der Einwohner krank; Weddingstedt war mehr, und Heide noch mehr verschont; auch waren in letzterm Orte die Paroxysmen nicht so lang und gefährlich. In Norderwöhrden wurde jeder dritte Mann, in Wesselbuhren jeder fünfte befallen. Büsum hatte fast die wenigsten Kranken, Neuenkirchen weit mehr. Das Kirchspiel Hemme mochte auf 10 Gesunde 4 Kranke haben. Tellingstedt wurde auch nur wenig und leicht getroffen, mehr das Kirchspiel Delve; bei weitem und schlimmsten aber die tief im Moorgrunde gelegenen Dörfer Schlichting [13] und St. Annen; in beiden waren eben so viele Kranke als Gesunde zu finden. Ueber zwey Meilen vom Strande der Nordsee und der Eyder hinaus waren die letzten Spuren der Krankheit verschwunden. Die angefügte Tabelle giebt eine Uebersicht von der Zahl der Kranken nach den verschiedenen Kirchspielen, wobei zugleich die Beschaffenheit des Bodens und die Wirkungen angegeben sind, welche die Sturmfluth von 1825 auf diese gehabt hat.[7]

[15]
Zweiter Abschnitt.
Von den äußern Veranlassungen der Epidemie.

Sehen wir auf Dasjenige, was dieser Epidemie der Zeit nach vorangegangen ist, so bieten sich uns folgende Umstände dar, denen wir eine ursächliche Beziehung mit derselben nicht absprechen können.

Zuvörderst ist unstreitig die vorjährige große, über ganz Europa verbreitete Hitze als ein wichtiges Causalmoment der Epidemie zu betrachten. Schon ein gewöhnlicher Grad von Hitze ist bei uns hinreichend, verwandte Krankheitserscheinungen hervorzubringen. Seit langen Jahren treten, wie solches bereits bemerkt worden, in der Sommerzeit, Krankheiten bei uns ein, die sich gleichfalls durch Brechen und Durchfälle, so wie durch andere Anomalien der Gallenorgane offenbaren. Um so mehr mußte daher die vorjährige Hitze, der nach den in Berlin darüber angestellten Beobachtungen im ganzen 18ten und 19ten Jahrhundert keine andre zu vergleichen war, und nur die von dem Jahre 1757 einiger Maaßen gleich kam, solche Krankheiten erzeugen. Diese Vermuthung findet auch darin eine Bestätigung, [16] daß wir dieselben Krankheitsäußerungen in allen heißen Ländern der Tropengegenden so häufig wiederfinden. Auch hat es die Erfahrung aller Zeiten gleichfalls hinreichend bewiesen, daß eine unmäßige Hitze jeder Zeit ähnliche Seuchen erzeugte. Sydenham, van Swieten, Huxham, Richter und Andere sprechen übereinstimmend davon. Sowohl Friedrich Hoffmann als auch Werlhoff erwähnen der großen Hitze als der veranlassenden Ursache zu der großen Epidemie, die vor 100 Jahren in Europa wüthete [8]. So gewiß wir dieses nun auch anzunehmen berechtigt sind, so scheint dennoch die Hitze nicht allein die Schuld zu tragen, und ohne eine Mitwirkung anderer Art nicht im Stande gewesen zu seyn, eine solche Produktion zu liefern. Wäre die große Hitze die alleinige Ursache unsrer Epidemie, so ließe sich nicht absehen, warum grade nur die Küstenländer und nicht tiefer landeinwärts gelegene Gegenden von der Seuche gefaßt wurden, in denen die Hitze noch wohl stärker war, als bei uns, wo sie von der Seeluft gemildert wird. Wir sehen, daß die Epidemie auf einer Strecke von 100 Meilen allein nur Wurzel schlug, in und nahe bei den Gegenden, welche im Februar des Jahres 1825 durch die große Sturmfluth von der See [9] überschwemmt wurden, und daß [17] sie dagegen, so es viel wir wissen, keinen andern Distrikt in ganz Europa getroffen hat, der frey von dieser Ueberschwemmung geblieben ist. Wir sind daher gezwungen, auch diesem Ereignisse einen Antheil beizulegen, und neben der großen Hitze die Ueberschwemmung als das zweyte Causalmoment der Epidemie zu betrachten. Wir müssen dieses um so mehr als in derselben gerade wieder dieselbe wirkende Kraft enthalten ist, welche in den heißen Ländern, wo diese Krankheiten entstehen, vorhanden ist, indem nämlich diese Ueberschwemmungen bei uns einen ähnlichen Grad von Feuchtigkeit des Bodens brachten, der den sumpfigen und feucht liegenden Gegenden jener heißen Länder gleich kommt [10]. Da [18] wir aber auch wirklich finden, daß die Epidemie nicht allenthalhen dort am meisten wucherte, wo die Meeresfluthen am stärksten eingedrungen waren, wie dieses z. B. bei uns der Fall war, in dem Kirchspiele Büsum, welches fast ganz unter Seewasser stand, und dennoch weit weniger Kranke hatte, als andere in dessen Nähe gelegene Distrikte, die nicht dermaaßen überschwemmt waren, wie z. B. das Kirchspiel Wesselbuhren: so scheint nothwendiger Weise noch ein anderer Umstand hinzugetreten zu seyn, welcher der Epidemie diese besondere Richtung gegeben hat. Dieses ist eine eigenthümliche Beschaffenheit des Bodens. – Der sogenannte Kley- und Moorboden, der, wenn er überschwemmt ist, zu einem Sumpfboden wird, und für die miasmatischen Entwickelungen mehr geeignet ist, [19] als ein sandiger oder kieselhaltiger Grund. Aus dieser Annahme läßt sich erklären, daß die Kirchspiele St. Annen und Schlichting, auf derem tiefen Kley- und Moorgrunde das Seewasser am längsten stand, von der Seuche am stärksten befallen waren. Daher kommt es, daß das Kirchspiel Büsum, wo der Boden mehr hoch und sandig ist, weit weniger Kranke hatte, als das Kirchspiel Wesselbuhren mit seinem schweren Boden, welches lange nicht so viel von der Ueberschwemmung gelitten hatte, als Büsum.

Aus der Vereinigung dieser Elemente [11] sind nun die krankmachenden Effluvien hervorgegangen, und haben sich der Atmosphäre selbst noch wenigstens bis auf zwey Meilen weit über den eigentlichen Entwickelungsort hinaus mitgetheilt. Darin liegt denn auch der Grund, daß mehrere den überschwemmten Gegenden nahe gelegene Distrikte, ohne der Ueberschwemmung selbst unterworfen zu seyn, wie z. B. die Kirchspiele Wörden, Neuenkirchen, Hemme, Heide und Tellingstedt [20] von der Epidemie heimgesucht, und um so stärker davon mitgenommen wurden, sie mehr ihr Boden sich dem Kley- und Moorgrunde näherte. Daher kommt es, daß das hohe Geestdorf Cleve, bis zu dessen Fuß sich die überschwemmten Moorgründe erstrecken, sehr viele Kranke aufzuweisen hatte. Darin ist ferner auch die Ursache zu suchen, daß die benachbarte Landschaft Süderditmarschen, in welche kein Wasser gedrungen war, bald an der Epidemie Antheil nahm.

Von welcher Art nun diese Emanationen, oder das allgemein sogenannte Sumpfmiasma, (miasma paludosum) sey, ist uns wohl nicht ganz genau bekannt. Da in den heißen Sumpfgegenden, wo verwandte Krankheitserscheinungen so häufig zum Vorschein kommen, die Atmosphäre viel Wasserstoffgas entwickelt, so möchte es nicht unwahrscheinlich seyn, daß unser Sumpfmiasma damit verwandt sey, daß also ein wasserstoffhaltiges und zwar zunächst ein kohlenwasserstoffhaltiges Princip in der Atmosphäre vorwaltend geworden, und die große Epidemie erzeugt habe [12].

[21] Daß die große Dürre, welche diesen heißen Sommer begleitete, einen Antheil an der Entstehung der Seuche haben sollte, ist deswegen nicht wohl anzunehmen, weil sich dann nicht erklären ließe, warum die Krankheit nicht auch in den vom Meere entfernt liegenden Geestgegenden entstand, wo die Dürre noch weit mehr fühlbar ist [13].

Eine Zeitlang kam man in Versuchung, den durch die Hitze entstandenen Mangel an gutem Trinkwasser [22] für eine Ursache der Krankheit zu halten, aber durch die Beobachtung, daß die Krankheit sich auch dahin, wo das beste Trinkwasser floß, verbreitete, wurde jene Vermuthung bald widerlegt.

Eine wichtige Frage ist es: ob die Krankheit ansteckend sey oder nicht? Die Niederländischen Aerzte neigen sich, mit Ausnahme des Professors Thuessink in Gröningen dahin, sie dorten nicht für ansteckend zu halten. Die für ihre Behauptung aufgestellten Beweise scheinen aber nicht ganz geeignet, allen Verdacht der Ansteckung zu entfernen. Folgende Umstände werden angeführt, um daraus die anticontagiöse Natur der Krankheit zu beweisen:

Die intermittirenden Krankheitsformen gehören nicht zu den ansteckenden, mithin also auch nicht diese. Dieser Satz findet hier so eigentlich nicht seine Anwendung, indem die Epidemie erst im Verlaufe die intermittirende Form annahm, im Anfange aber stets von einem remittirenden Fieber begleitet wurde.

Von den Gröninger Aerzten, die doch mit den Kranken am meisten und ganz unmittelbar in Berührung kamen, wurde keiner von der ursprünglichen Krankheit ergriffen. Dieser Umstand beweiset sehr wenig, da ja in so manchen andern, noch mehr contagiösen Krankheiten die Aerzte von der Ansteckung frey bleiben. Ueberdies wird ja auch zugestanden, daß mehrere Gröninger Aerzte allerdings krank wurden. [23] Freilich soll dies durch die übermäßige Anstrengung entstanden seyn.

Von den Eleven einer sechs Stunden von Gröningen gelegenen Erziehungsanstalt in Aßen wurde kein Einziger von der Krankheit ergriffen, obgleich sie mit mehrern jungen Leuten von Gröningen, die bald nach ihrer Ankunft in Aßen erkrankten, in steter Berührung waren. Auch dieses Factum möchte keinen gültigen Beweis gegen die Contagiosität liefern, indem diese Eleven die Krankheit nur in einem geringern Grade hatten, und die bessere Atmosphäre jener auf Sandboden gelegenen Stadt die Ansteckung weniger möglich machte. Zudem darf man doch wohl annehmen, daß in einer öffentlichen Erziehungsanstalt alle Maasregeln aufgeboten werden, die dazu dienen, um die Ansteckung einer Krankheit zu verhindern. In dem zum Hospitale eingerichteten Arsenal lagen viele, die an andern Krankheiten litten, zerstreut unter den übrigen Kranken der Epidemie, allein kein an einer andern Krankheit Leidender wurde von der Epidemie befallen, sondern seine eigenthümliche machte ihren gewöhnlichen Verlauf. Auf diese Beobachtung läßt sich eben so wenig ein sicherer Schluß bauen.

Es ist bekannt, daß viele Kranke, z. B. Schwindsüchtige, Leute mit Geschwüren, nicht leicht von einem gelindern Contagium ergriffen werden. Waren vollends diese Kranke ohnehin schon mit einer ansteckenden, den Organismus noch tiefer ergreifenden Krankheit befallen, [24] so mußte ihnen um so mehr ein Schutz gegen diese Epidemie zu Theil werden. Da überdies diese Beobachtung in den letzten Monaten des Jahres gemacht wurde, als die Krankheit schon lange im Abnehmen war, so kann daraus auch überhaupt nur ein Schluß auf den damaligen, nicht aber auf den früheren Charakter der Krankheit gezogen werden. Nun ist aber bekannt, daß dieser sich keineswegs gleich blieb, daß derselbe in den ersten Monaten in gastrischer und inflammatorischer, in den letztern aber in rein intermittirender Gestalt erschien [14].

Wenn ich gleich einräumen will, daß die contagiöse Kraft der Epidemie weniger deutlich zu erkennen war, als bey andern Contagien, und an gewisse Localitätsverhältnisse gebunden seyn möchte, welches daraus [25] hervor zu gehen scheint, daß sie sich nicht über eine bestimmte Entfernung von dem Meere und von den überschwemmten Gegenden hinaus erstreckte, so glaube ich doch, daß sowohl die Aehnlichkeit dieser Epidemie mit andern contagiösen, als auch die an den einzelnen Kranken gemachten Beobachtungen allerdings einen hinreichenden Grund liefern, um der Krankheit wenigstens für unsre Gegend und zunächst für Norderditmarschen, zumal in der ersten Zeit einen ansteckenden Charakter beizulegen.

Betrachten wir erstlich diese Epidemie nach ihren ursächlichen Verhältnissen und nach ihren äußern Merkmalen, so finden wir, wie oben bemerkt ist, zwischen ihr und dem tropischen sogenannten gelben Fieber, von welchem der ansteckende Charakter ganz notorisch ist, eine große Aehnlichkeit. Wir können daraus, wenn nicht mit völliger Gewißheit, doch mit der größten Wahrscheinlichkeit den Schluß ziehen, daß die Epidemie auch hierin mit dem gelben Fieber eine Aehnlichkeit besitze, und contagiös sey.

Ferner ist es bekannt, daß eine contagiöse Krankheit nicht leicht mit andern, zumal fieberhaften zu coexistiren pflegt. Dieser Grund giebt einen neuen ziemlich sichern Beweis für die Contagiosität dieser Epidemie, da mit ihrem Auftreten alle andere Krankheitsformen, und wie bemerkt, namentlich der Keichhusten, auf einmal verschwanden, und während der ganzen Dauer nicht wieder zum Vorschein kamen.

[26] Bedenken wir sodann, daß diese Epidemie eine gewisse Regelmäßigkeit in ihrem Gange zeigte, die sich durch deutliche Stadien der Invasion, des Ausbruches, der Zunahme und der Coction offenbarten, so müssen wir ihr auch deswegen eine contagiöse Kraft beilegen, weil wir sehen, daß ein Aehnliches überhaupt mit den Contagien der Fall ist. (Vergleiche Brera Seite 294.)

Zu diesen, auf die Gesetze der Analogie gebauten Schlüssen füge ich noch die häufige Beobachtung, daß, wenn die Krankheit sich in einer Wohnung eingefunden hatte, bald nach einander das ganze Gesinde erkrankte, wodurch man nothwendig noch mehr Glauben an die Contagiosität bekommen muß.

Wenn wir nun noch die Bemerkung hinzuzunehmen, daß auch am Ende des Jahres noch viele von der Krankheit befallen wurden, als die große Hitze und mit ihr also auch die Entwickelung des Miasma schon lange aufgehört hatte, wo also für die Verbreitung nur das einzige Mittel der Ansteckung übrig blieb, so muß die Ungewißheit über die Contagiosität der Krankheit wohl völlig verschwinden.

Fragt man, welches denn das eigentliche Vehikel der Ansteckung gewesen, so möchte ich glauben, daß die durch das Brechen und den Stuhlgang ausgeleerten Stoffe, vielleicht auch die Ausdünstungen der Haut als die Träger der Ansteckung zu betrachten seyen, und daß diese, wie gesagt, im Anfange der Krankheit eine größere Intensität gehabt hätten, als im spätern Verlaufe, [27] in welchem das begleitende Fieber eine rein intermittirende Gestalt annahm.

Durch welche Wege nun das Contagium in den Körper gedrungen, ist wohl nicht leicht zu bestimmen; dem ersten Anscheine nach möchte man glauben, daß die krankmachende Potenz durch die Wege der Deglutition in den Körper gelangt sey, weil diese Organe anscheinlich die ersten waren, an welchen sich die Krankheit durch Uebelkeit und Brechen manifestirte. Aber eine nähere Betrachtung zeigt deutlich, daß diese Phänomene schon Wirkungen der eigentlichen Krankheit und nicht der äußern Causalmomente waren. Wahrscheinlicher ist es, daß die Aufnahme des Contagiums vermittelst Respirationswege und der Oberhaut von Statten gieng.


[28]
Dritter Abschnitt.
Von der Natur und dem Wesen der Epidemie.

Sondern wir diejenigen Erscheinungen, welche als unwesentlich und zufällig die Epidemie begleiteten, von denen ab, welche als wesentliche und constante Zeichen bei allen Kranken zu finden waren, so bleiben uns als solche übrig: schwarzes galligtes Erbrechen und Durchfälle, Schmerz und Vergrößerung der Milz, mehr und weniger gelbe Farbe der Haut, ein im Anfange der Krankheit remittirendes und im Verlaufe und gegen das Ende derselben intermittirendes Fieber. Gewissermaaßen kann man noch dazu rechnen, die so häufig hinzugetretenen Cerebralaffectionen, so wie den Sopor und die allgemein folgende große Kraftlosigkeit des ganzen Körpers.

Wenn gleich diese Krankheitserscheinungen in einer solchen Verbindung und Reihefolge für unsre Gegenden ungewöhnlich und fremd sind, so können wir sie doch keineswegs für neu an sich halten. Wir finden im Gegentheil, daß sie, wie schon gesagt worden, ganz denjenigen ähnlich sind, sowohl in ihrem ursächlichen [29] Verhältnisse als in ihrem äußern Bilde, welche uns unter dem Namen des gelben Fiebers beschrieben worden [15].

Wir müssen sie daher in gewisser Hinsicht für ein Analogon dieser Krankheit und für ein modificirtes gelbes Fieber halten. Auch möchte wohl eine gewisse äußere Verwandschaft mit der Cholera morbus des Orients nicht zu verkennen, und diese drey Gattungen vielleicht als ein Kleeblatt zu betrachten seyn, wovon unsre Epidemie das kleinste Blatt ist.

Diese Aehnlichkeit giebt uns freilich für die nosologische Stellung der Epidemie hinreichende Winke an die Hand; indes ist aus diesem Vergleiche die Natur und das Wesen der Krankheit noch wenig zu erkennen.

Betrachten wir das Erbrechen der schwarzen gallichten Materie, die ähnlichen Durchfälle und die gelbe [30] Hautfarbe, so sprechen diese Phänomene ganz unzweideutig für das Leiden eines oder mehrerer, die Galle bereitenden Organe. Es ist wohl möglich und sogar wahrscheinlich, daß die Leber bei diesen krankhaften Absonderungen nicht ohne Theilnahme geblieben ist; aber die wichtige constante Beobachtung, daß die Kranken schon in dem ersten Beginnen der Krankheit einen bald stechenden, bald dumpfen Schmerz in der Milzgegend empfanden, zu welchem sich sofort eine fühlbare Vergrößerung dieses Organs gesellte, wogegen sie in der Lebergegend fast niemals diese Zufälle spürten, möchten der Behauptung ihre volle Bestätigung geben, daß die Milz dasjenige Organ sey; welches ursprünglich und vorzugsweise als der Heerd der Krankheit zu betrachten wäre. Nehmen wir nun die andern Symptome, das begleitende remittirende Fieber, die große brennende Hitze, den sehr heftigen Durst, die bohrenden Kopfschmerzen, den oft intermittirenden Puls, das Bluten aus dem linken Nasenloche, selbst den kritischen Ausschlag [16] mit auf in diese Betrachtung, so finden wir, daß grade diese Zeichen charakteristisch bei einem entzündlichen Zustande der Milz vorkommen, und wir können daher diese Krankheit nicht anders als mit dem Namen einer Milzentzündung bezeichnen [17].

[31] Mag auch nun dieser entzündliche Zustand von ganz eigenthümlicher Art seyn, was zum Theil daraus hervorgeht, [32] daß er mit so besondern Cerebralaffectionen und mit so großer körperlicher Entkräftung begleitet [33] war, woraus vielleicht auch noch ein Beweis für die contagiöse Natur herzunehmen wäre, so würden wir dennoch immer die Natur dieser Epidemie in einer Milzentzündung zu suchen haben, und ihr wohl nicht mit Unrecht der Namen einer splenitis epidemica contagiosa beilegen [18].

[34] Ließen nun noch die Symptome der Krankheit einen Zweifel über ihre Natur übrig, so wird solcher doch ganz und gar gehoben durch die Untersuchungen, welche mit den Leichen der in dieser Epidemie Verstorbenen in dem Arsenale zu Gröningen vorgenommen worden. Der Herr Doktor Fricke hat seinem Missionsberichte das Resultat von 30 Obductionen angehängt, welches aus dem Sectionsprotocolle des dasigen Krankenhauses gezogen ist, und außerdem noch den Befund von vier Sectionen hinzugefügt, welchen er persönlich beigewohnt hat. In allen 34 Fällen fand man jedes Mal die Milz theils weich und völlig aufgelöset, theils sehr stark vergrößert, angeschwollen und verhärtet, theils auch mit Pseudomembranen an benachbarte Theile verwachsen, stets aber in einem krankhaften Zustande, während [35] nur in wenigen Fällen die Leber und noch seltener andere Organe Spuren von Abnormitäten an sich trugen. Die wenigen Leichenöffnungen, welche ich selbst vorzunehmen Gelegenheit hatte, lieferten ein ähnliches Resultat, und jedes Mal war die Milz der am meisten kranke Theil des Körpers [19].

Man ist gewohnt, da, wo man ein Milzleiden und ein Fieber mit intermittirendem Typus vor Augen hat, jenes als Folge und das Fieber als Ursache zu betrachten, und hat diese Ordnung auch wohl bei dieser Epidemie zur Anwendung gebracht, woher es denn gekommen ist, daß man dieser Seuche den Namen einer febris intermittens und zwar apoplectica oder soporosa gegeben hat. Holländische Aerzte und auch die benachbarten haben sich zu dieser Benennung hingeneiget. [36] Wenn wir auch einräumen wollen, daß ein intermittirendes Fieber, durch sein Reizverhältniß einen fehlerhaften Zustand der Milz, z. B. eine Verhärtung dieses Organs zu Wege bringen kann, so ist doch gewiß der umgekehrte Fall weit mehr in der Regel und namentlich möchte es für diese Epidemie ganz außer Zweifel gesetzt und erwiesen seyn, daß das remittirende und im Verlaufe der Epidemie rein intermittirende Fieber nicht als das primäre Leiden, sondern als einen blos deuteropathische Erscheinung und als völlig pendent von dem krankhaften Zustande der Milz anzusehen sey. Der ganze Gang, den die Epidemie nahm, spricht gar zu deutlich für diese Behauptung. Im Anfange der Krankheit waren die entzündlichen und biliösen Zufälle das hervorstechende Zeichen der ganzen Epidemie; erst im Verlaufe der Krankheit, als schon lange kein Zweifel mehr obgewaltet hatte, daß die Gallenorgane der Sitz der Krankheit seyen, kamen die Zeichen der intermittirenden Fieber zum Vorschein, woraus hervorgieng, daß sie nur eine Nebenrolle spielten. Sehen wir auf die einzelnen Kranken, so zeigten sich, wie bemerkt worden ist, schon fast jedes Mal mit dem ersten Beginnen der Krankheit die Störungen in der Funktion der Milz auf eine sehr in die Augen fallende Weise durch Brechen der schwarzen Materie und durch Schmerz in der Milzgegend, und konnten sogar nach kurzer Zeit schon von außen durch Vergrößerung und Anschwellung wahrgenommen werden. Daß eine solche Abnormität in einem so wichtigen Organe nothwendiger Weise sehr [37] bald ein Fieber zur Folge hat, ist wohl nicht schwer zu begreifen. Aber könnte man wohl begreifen, daß ein Fieber von wenigen Stunden im Stande seyn sollte, eine Substanzveränderung in der Milz zu verursachen, die durch alle Bauchdecken mit der Hand zu fassen ist? Am allerdeutlichsten liegt wohl der Beweis in dem Kranken, bei dem sich erst ein Fieber entwickelte, als er schon zwei Tagelang schwarzes Erbrechen, Stechen und Anschwellung der Milz gefühlt hatte. Wenn von zwey in Verbindung stehenden krankhaften Zuständen die Priorität des einen so deutlich zu Tage liegt, so darf man doch wohl nicht dem Andern den Vorrang einräumen!

Auch hat es zu allen Zeiten Aerzte gegeben, welche das intermittirende Fieber für eine bloße Erscheinung betrachteten, die von irgend einem erkrankten Organe ausgienge. Hippocrates setzt die Ursache des Wechselfiebers in die Milz. Heusinger führt eine Menge von Aerzten an, die des intermittirenden Fiebers als eines Symptoms der Milzentzündung erwähnen. Heusinger selbst ist der Meinung, daß einem jeden Wechselfieber eine Entzündung zum Grunde liege, die ihren Sitz in verschiedenen Organen haben könne, am häufigsten aber doch in dem Darmkanale, der Leber und Milz beobachtet werde. (Vergleiche Heusinger 58–60.)

Sollte nicht sogar diese Epidemie, die mir auch deswegen so sehr interessant ist, geeignet seyn, die [38] allgemeine Ansicht zu rechtfertigen, daß jedes intermittirende Fieber betrachtet werden müsse, als der Reflex eines krankhaften Zustandes der Milz, oder eines andern die Verdauung zunächst beschaffenden Organes, und sollte nicht das periodische Erscheinen des Fiebers vielleicht mit der periodischen oder doch unterbrochenen Thätigkeit dieser Organe im Zusammenhange stehen?


[39]
Vierter: Abschnitt.
Von der Prognose der Epidemie.

So weit umfassend die Epidemie auch war, und so heftig sie auch in ihrem Entstehen sich zeigte, so kann ihr dennoch durchaus kein bösartiger Charakter beigelegt werden. Ueberhaupt giebt es wohl nicht leicht eine Epidemie, in welcher die Herrschaft des Arztes so groß, und eben daher auch die Behandlung und der Erfolg so angenehm war. Denjenigen Kranken, die ihre Pflicht thaten, das heißt, die strenge die ärztlichen Regeln befolgten und namentlich sich nicht von ihrem falschen Appetit zu Diätfehlern hinreißen ließen, konnte man fast mit Sicherheit ihr Leben verbürgen. Von ohngefähr 1600 bis 2000 Kranken, die unter gehöriger ärztlicher Behandlung standen, und diätetische Aufsicht hatten, sind wohl nur 20 bis 30 gestorben. Unter mehreren Hunderten, die sich einer ärztlichen Behandlung schon im Anfange der Krankheit anvertrauten, starben nur zwey, ein Mann von 73 Jahren und ein Säufer von 63 Jahren. Andere Aerzte haben ähnliche Resultate ihrer Behandlung aufzuweisen. Fehler der [40] Diät haben die Meisten ins Grab gebracht [20], die gewiß zum Theil alle gerettet wären, wenn sie sich der ärztlichen Obhut unterworfen hätten. Die Kirchenbücher haben am Ende des Jahres ergeben, daß noch immer eine große Anzahl ein Opfer dieser Seuche geworden ist [21].

Den schlimmsten Stand hatten die Kranken, wenn der Sopor kam; er kam um desto sicherer, je unvorsichtiger die Kranken in der Diät waren, und zumal dann, wenn die Exacerbation die Kranken nicht mit leerem Magen antraf; ich erinnere mich nicht einen Kranken gesehen zu haben, der an Zufällen anderer Art gestorben wäre; weder Brustaffectionen noch dysenterische Zufälle traten je hinzu als Todesursache, wie in Holland.

Günstig auf den Verlauf der Krankheit wirkte jedes Mal das krätzartige Exanthem; der Ausschlag selbst aber machte oft viele Mühe, ehe er verschwand. Die Nachkrankheiten kosteten fast Mehreren das Leben, als die [41] eigentliche Epidemie; insbesondere waren es die starken wassersüchtigen Anschwellungen, die so häufig nach vorausgegangenem intermittirenden Fieber entstanden, denen manches Mal schwer Einhalt zu thun war. Der unglückliche Glaube, der unter den hiesigen Landleuten so sehr herrschend ist, daß man den Wechselfiebern ihren freien Lauf lassen müsse, hat fast mehr Unglück gebracht, als die halbe Epidemie. Er ist Schuld, daß diese ganz in der Gewalt des Arztes befindliche, und mit so wenigem Aufwande zu hebende Krankheit bei Tausenden, die die ersten endzündlichen Zufälle überstanden hatten, Monate lang gewuchert und die Gesundheit völlig untergraben hat.


[42]
Fünfter Abschnitt.
Von der Heilung der Epidemie.

Nicht leicht findet in dem ärztlichen Heilverfahren einer bisher noch nicht gekannten Epidemie so viel Uebereinstimmung Statt, als dieses der Fall in der gegenwärtigen Krankheit gewesen ist. Einerley Plan und fast einerley Mittel sind nach den darüber später erfolgten Mittheilungen, fast von allen Aerzten, die sich mit der Heilung dieser Kranken beschäftigt haben, ausgegangen, wenn gleich rücksichtlich des Zeitpunkts und der Art, wie die Mittel gereicht wurden, eine Abweichung in den verschiedenen Distrikten zum Vorschein kommt. Insbesondere sind aber die Aerzte unsrer Landschaft so sehr in ihren Indikationen zusammengetroffen, daß man glauben möchte, alle Regeln und Vorschriften wären von Einer Hand gekommen. Die anfänglich entzündliche und nachher so charakteristische Form des intermittirenden Typus, welcher die ganze Epidemie allenthalben erschien, mag die Veranlassung geworden seyn, daß die Ansichten der Aerzte sich bald zu einer solchen Harmonie vereinigten.

[43] Jedoch nur gegen die eigentliche Krankheit, nicht aber gegen ihre Ursachen sind die Aerzte mit einer solchen Uebereinstimmung zu Werke gegangen. Je nachdem die Ueberzeugung von der ansteckenden Fähigkeit der Kranken entstanden war, oder nicht, mußten natürlich die allerersten Maasregeln des Arztes verschieden ausfallen. Ueberzeugt von der Verbreitung durch persönliche Mittheilung des krankmachenden Princips, habe ich neben den Begießungen der Krankenstuben mit Essig, um damit die heiße Atmosphäre abzukühlen und weniger fähig für die Fortpflanzung des Contagiums zu machen, die Kranken stets von den Gesunden zu trennen gesucht, und gerne hätte ich der Verbreitung der Krankheit durch Sperrungen der Häuser entgegengearbeitet, wenn ich nur erst gewußt hätte, wo ich anfangen und aufhören sollte, und wenn ich nicht hätte fürchten müssen, alle Häuser der Landschaft zu sperren. Die schnelle Wegräumung der aus dem kranken Körper durch Brechen und Stuhlgang abgesonderten Krankheitsstoffe habe ich gleichfalls für eine wichtige Rücksicht gehalten, die die ärztliche Fürsorge zu nehmen hatte.

Die eigentliche Behandlung dieser Krankheit theilte sich in eine gedoppelte: in diejenige, während des Paroxysmus und während der Remission.

Es schien bei dieser Krankheit eine Hauptbedingung eines glücklichen Ausganges zu seyn, zur Zeit der Exacerbation sich auf ein völlig exspectatives Verfahren zu beschränken, und namentlich sich nicht durch die oft im [44] höchsten Grade gefährlich scheinenden Zufälle, z. B. des heftigen Brechens und der starken Durchfälle zu einem eingreifenden Verfahren verleiten zu lassen. Die schädlichsten Rückwirkungen entstanden häufig, wenn die Kranken dasjenige, was in den ersten Wegen an krankhaften Secretionen und also gewissermaaßen schon an heterogen gewordenem Produkte vorhanden war, nicht durchaus rein los wurden, da fast jedes Mal die Gehirnaffectionen schlimmer wurden, je geringer die Quantität der ausgeleerten Materie geworden war. Nur wenn etwa die Anstrengung des Brechens einen so hohen Grad erreicht hatte, daß noch schlimmere Cerebralaffectionen durch die starken dabey eintretenden Congestionen zu befürchten standen, so konnte wohl ein etwas einschreitendes Verfahren nothwendig werden, jedoch weniger durch Brechen stillende Mittel, als durch die Anwendung solcher, die geeignet waren, auf direktem Wege die Congestionen zu entfernen. Kalte Umschläge und Blutigel an der Stirn waren dann die Mittel, wodurch diese Zufälle beseitigt wurden. Sie dienten auch dazu, um die starken Kopfschmerzen, womit die Paroxysmen gewöhnlich begleitet waren, beträchtlich zu erleichtern. Es konnte wohl gar nothwendig werden, das Brechen durch ein gelindes Vomitiv zu befördern. Ich habe dazu die Zeit am passendsten gefunden, wenn der Frost, womit die Exacerbation begonnen hatte, sich eben in trockne Hitze verwandelte. Auch die große brennende Fieberhitze litt keine Mittel, am wenigsten die Venesection. Ich weiß, daß man sie auf diese Weise [45] zu heben suchte, der Erfolg war aber so, daß man es nicht wieder thun wird. Leichte Bedeckungen und viel dünnes kühlendes Trinken, ein leichtes, sehr wenig säuerliches Brodtwasser, war alles, was der Paroxysmus zulassen wollte.

Wenn der Sopor nicht zu schwer war, so habe ich es jedes Mal für besser gefunden, wenn man die Kranken schlafen ließ, bis sie erwachten; machte aber ein lebensgefährlicher Umstand ein Eingreifen nothwendig, so waren, wenn große Hitze und Congestionen vorherrschten, die kalten Umschläge und der Calomel, wenn aber Blässe des Gesichts und trockne Haut vorhanden waren, die Serpentaria und der Campher die Mittel, womit man noch am meisten ausrichten konnte.

Die Hauptarbeit des Arztes begann in dem Stadium der Remission. Hier mußte es die vorzüglichste Sorge seyn, ein Mittel aufzufinden, was vermögend war, die krankhaft erhöhete Thätigkeit der Galle bereitenden Organe, und ganz besonders der Milz zu beschränken, und zugleich das alienirte Secretionsprodukt in die ersten Wege zu leiten und auszuleeren. Das Mittel, welches diese Erfordernisse am besten ins Werk stellte, war der Salmiak, und zumal in Verbindung mit dem Brechweinstein. Folgende Formel ist sehr häufig gereicht und mit Nutzen genommen worden:

[46]

℞ Amm: muriatic: ʒi-ʒiβ
Tart: stibiati gr i-iβ
Aquae foenicul: ℥vi-viii
Succ: liquirit: ʒii
DS. Alle 1–2 Stunden einen Eßlöffel voll während der freien Zeit.

In der Regel war die Folge von dem Gebrauche dieses Mittels eine Erleichterung und Abkürzung des folgenden Paroxysmus, und eine Verwandlung der Remission in eine Intermission, wobei es indes nicht übersehen werden darf, daß der ganze Charakter der Krankheit zugleich mit der Zeit die intermittirende Form mehr und mehr zum Vorschein brachte. Wenn indes durch ungünstige Umstände, und namentlich durch Diätfehler dieses Mittel in seinen Wirkungen gestört, und die Remissionen wieder undeutlicher wurden, in welchem Falle sich dann häufig hartnäckige Verstopfungen dazu gesellten, so pflegte ein Brechmittel der beste Wiederhersteller der freien Zeiten zu werden. Hatte man diese erreicht [22], so war man mit der China im Besitze der [47] Herrschaft über die ganze Krankheit. Die Präparate dieses Mittels schafften dann sicherlich bald Exacerbation und Krankheit weg. Es bedurfte dazu nicht grade der Chinasalze, des Chinins und des Cinchonins, auch das Pulver und das Dekokt thaten dieselben Dienste. Nicht grade eine reine Zunge verlangte sie für ihre Anwendung, auch selbst wenn diese noch einen weißen, braunen, ja sogar fast schwarzen Beleg hatte, und bitterer Geschmack die erste Klage war, wurde sie vertragen, sobald nur der Puls durch seinen langsamen Schlag die Abwesenheit des Fiebers verkündigte. Ein 14tägiger Gebrauch von dem Dekokt war im günstigsten Falle schon hinreichend, [48] die ganze Krankheit zu heben, und zugleich einen großen Theil der verlornen Kräfte wieder zu ersetzen; es mußte aber denn das strengste diätetische Verfahren hinzukommen, und man möchte sagen, je mehr die Kranken hungerten, und sich aller Nahrung enthielten, um desto schneller erlangten sie ihre Kräfte wieder; bei Vielen war indeß ein längerer Gebrauch dieses Mittels dazu erforderlich. Traten Rückfälle der Krankheit ein, so blieb im Wesentlichen die Behandlung dieselbe. Bei etwaniger Ausbildung eines nervösen Zustandes, der mehr die Recidive als die eigentliche Krankheit zu begleiten pflegte, zeigte sich das infusum serpentariae am wirksamsten. Die hartnäckigen Verstopfungen, die auch hier wieder erschienen, mußten mit Senna, calomel, rheum und jalappa gehoben werden.

Kranke, die erst mitten in der Krankheit, wenn die entzündlichen Zufälle schon gewichen waren, ärztliche Hülfe begehrten, hatten die China viel länger nöthig. Sie blieb aber auch hier das beste Mittel, um die Anschwellung der Milz, welche bei solchen Kranken gewöhnlich weit deutlicher war, zu heben und vor Nachkrankheiten zu schützen.

Hatten die Kranken aber die ganze Krankheit ohne alle Hülfe durchgemacht, und sich erst dann ärztlichen Händen anvertraut, wenn zu dem Milzleiden und dem Qartanfieber die hydropischen Anschwellungen zum Vorschein kamen, so war die Heilung mit noch viel mehr [49] Schwierigkeiten verbunden. Um so mehr war es aber auch nöthig, hier wieder zu der China seine Zuflucht zu nehmen. In Verbindung mit Urin treibenden Mitteln konnte man mit ihr sicherlich weiter kommen, als mit dem ganzen übrigen Vorrath. Mit folgender Formel habe ich manchen geschwollenen Leib und manches geschwollene Bein wieder dünn gemacht,

℞ Cert: Chinae ℥j
Caq: c: aq: f: ℥xvj
ad rem ℥xii
Col: adde
Gmi: gutt: gr vi-xii
Liq: kal: carbonic ʒiβ-ʒiij
DS. Alle zwey Stunden einen Eßlöffel voll.

Bei der Schwäche des Kopfes und dem Schwindel, war die Serpentaria das Mittel, welches, zumal in Gesellschaft mit blasenziehenden Mitteln die besten Dienste leistete, und sobald diese Zufälle, wie es zuweilen wohl geschah, einen regelmäßigen Typus angenommen hatten, mußte die China wieder aushelfen. Hatte nun dieses Mittel während der Krankheit, so wie bei allen Nachübeln, fast immer das erste und letzte Specificum seyn müssen, so war sie es vollends um so mehr bei dem letzten der großen Uebel, womit insbesondere diejenigen sich quälen mußten, die zu spät die Hülfe des Arztes gesucht hatten – bei der großen Zerschlagenheit des Körpers. Wenn gleich unter einem andern Namen, als Roborans, that sie doch wieder bei weitem das Meiste den Kräftezustand zu heben und das bleiche [50] Leichengesicht, was die Kranken trugen, mit neuer Lebensröthe zu färben.[23]

[51]
Erste Tabelle.
Namen der Kirchspiele. Beschaffenheit des Bodens. Wirkung der Sturmfluth von 1825. Zahl der Einwohner. Zahl der Kranken in der Epidemie.
Lunden. Geest und Marschboden. die Marsch war überschwemmt nach der Ostseite des Kirchspiels. 2200 1000
Weddingstedt. Geest und Marsch. Einige Niederungen überschwemmt. 1300 200
Heide. Geest. nicht überschwemmt. 5200 300
Norderwöhrden. tiefe Marsch und Kleyboden. nicht überschwemmt. 400 150
Büsum. leichte Marsch u. sandiger Boden. großen Theils überschwemmt. 1800 100
Wesselbuhren. leichter und tiefer Kleyboden. zum Theil überschwemmt. 4500 1000
Neuenkirchen. tiefe Marsch. nicht überschwemmt. 1000 200
Hemme. tiefe Marsch. nicht überschwemmt. 900 400
Tellingstedt. Geest und wenig Kleyboden. nicht überschwemmt. 2800 200
Delve. Geest und Marsch. die Marsch überschwemmt. 700 200
Henstedt. Geest und Moorboden. der Moorgrund überschwemmt. 2500 800
St. Annen. tiefe Marsch und Moor. ganz überschwemmt. 600 300
Schlichting. tiefer Moorboden. ganz überschwemmt. 400 200
24300 5050
[52]
Zweyte Tabelle.
Namen der Kirchspiele. 1825. 1826. Zahl der in der Epidemie Gestorbenen.
Zahl der Gebohrnen. Zahl der Gestorbenen. Zahl der Gebohrnen. Zahl der Gestorbenen.
Lunden 101 58 80 174 32
Weddingstedt 46 39 47 70 37
Heide 190 82 182 145 6
Norderwöhrden 11 11 13 12 3
Büsum 54 50 88 60 21
Wesselbuhren 158 119 170 228 80
Neuenkirchen 49 39 46 50 14
Hemme 30 19 39 35 3
Tellingstedt 110 62 92 90 30
Delve 48 29 36 50 19
Henstedt 134 62 81 85 40
St. Annen 33 18 27 31 10
Schlichting 17 12 18 22 6
961 600 919 1052 301

Die Angaben über die an der Epidemie Gestorbenen beruhen auf sorgfältigen Extracten aus den Todtenregistern, die mir von den Herren Predigern mitgetheilt sind, wofür ich denselben hiedurch meinen öffentlichen Dank abstatte.

[53]
Altona 1827.
Gedruckt in der Hammerich- und Heineking’schen
Buchdruckerey.

  1. Anm. Welch eine Wirkung das Seewasser auf den Boden geäußert hatte, kann man daraus beurtheilen, daß, nach ganz glaubwürdigen Nachrichten, die Gartenfrüchte, z. B. Kirschen, Johannisbeeren, welche im Herbste desselben Jahres in einigen Gegenden, z. B. im Hedwigenkoeg, der gleichfalls unter Wasser gestanden hatte, gepflückt wurden, noch ganz salzig schmeckten.
  2. Anm. Die unter dem Namen der kalten Fieber bekannten Erscheinungen sind in den letztern Jahren freilich ungemein häufig geworden; sie waren aber früher hier so selten, daß es ganze 5 Jahre gedauert hat, ehe ich die Fieberrinde verschrieb.
  3. Anm. Es ist ein merkwürdiger Umstand, daß gerade vor 100 Jahren eine ähnliche Epidemie sich über einen großen Theil von Europa und zugleich auch über die Niedersächsischen Gegenden verbreitete. Man vergleiche darüber P. G. Werlhofii opp. med. part. I. pag. 58. Hannover 1775, wo es heißt; Similia mihi quoque [5] in senioribus presertim, sed et in iuvenilibus nonnunquam corporibus observare et lugere contigit, in constitutione epidemica, quae inde ab enormi illo calore aestivo annorum hujus saeculi XXVI et VII putrefactis passim et in vapores roriferos impuros exsolutis aquis, corporibus hominum putredine partim etiam verminosa, inquinatis et per varias sui partes textura et ordine emotis, colliquefactis in incensis innumerabilis febrium copia multifarii typi universam fere Europam, et loca maxime paludosa investavit, immo nuperrime denuo, quamvis grassatio satisfacere tamdem videatur.
         Eine andre Mittheilung hierüber ist zu finden in Friederici Hoffmanni operibus omnibus physico-medicis. Genevae 1740, wo es heißt (pag. 38 §. 1 cap. IV de febribus intermittentibus epidemicis anomalis mali moris.) „Superioribus annis 1726, 27, 28 plane irregulares et insolitae erant temporum ac tempestatum constitutiones, ingentes potissimum siccitates et ardores, complures menses perseverantes. Variis hino languoribus corpara humano affligebantur, diarrhoeis, dysenteriis, intermittentibus febribus variis simplicibus et duplicibus, quae nulli temperamento, sexui aut aetati parcebant, maxime omnium vero aestate et autumno regnabant febres partim intermittentes plane, partim remittentes tantum, anomalae et irregulares, vagum et incertum typum habentes, facile inter se mutabiles, ut plurimum insuetis et gravibus symptomatibus stipatae, contagio investae, nonnullosque per multas menses detinentes, quosdam plane e medio tallentes.
  4. Beim ersten Erscheinen der Epidemie herrschte das Scharlachfieber noch in mehrern Dörfern, und der Keichhusten war beinahe allgemein, hatte sich wenigstens über die ganze östliche Hälfte unsrer Landschaft verbreitet; an mehrern Stellen herrschten auch noch einzelne contagiöse Nervenfieber. So wie aber die Epidemie die Oberhand bekam, so waren Scharlach, Keichhusten und Nervenfieber verschwunden, und während der ganzen Zeit ist mir fast kein Kranker jener Art vorgekommen. Je mehr [7] nun die Epidemie ihr Ende erreichte, um desto mehr kamen die früheren Krankheiten wieder zum Vorschein; namentlich wurde der Keichhusten wieder ganz allgemein, und, wo vorher die Fieberkranken lagen, da liegen jetzt wieder Kinder mit ihrem Keichhusten.
  5. Anm. Bei einem Kranken in dem Kirchspiele Wöhrden entstanden das schwarze Brechen, der Schmerz und die Anschwellung der Milzgegend, zwey volle Tage vorher, ehe sich irgend eine fieberhafte Erscheinung hinzugesellte. Hierauf trat zuerst ein remittirendes und lange nachher ein intermittirendes Fieber hinzu.
  6. Anm. Ungeachtet alles Sträubens konnte ich denselben für nichts Anderes, als für die wahre Krätze erkennen, und um so mehr, als deutlich nachgewiesen werden konnte, daß er auch ansteckend, und am besten mit dem Schwefel zu heben war.
         Mehrere Aerzte aus der benachbarten Gegend haben bei ihren Kranken dasselbe Exanthem häufig gefunden, und es gleichfalls für die wahre Krätze erkannt. Auch ihnen hat der Schwefel die besten Dienste zur Hebung dieses Ausschlags geleistet. Einige haben noch den Helleborus neben bei angewendet.
         Der Herr Staatsrath Hufeland erzählt in dem 12ten Stück seines Journals der praktischen Heilkunde von 1826, daß auch in Berlin bei Erwachsenen so wie bei Kindern, die an gastrisch-biliösen Krankheiten gelitten, allerlei Hautausschläge in Form von Flecken, Quaddeln, Blasen und Pusteln zum Vorschein gekommen. Auch im Klevischen, wo eine febris nervosa gastrica biliosa herrschte, wurden viele mit Hautausschlägen befallen, die dann entweder nicht von der Krankheit getroffen, oder doch bald davon geheilt wurden.
  7. Anm. Aehnlich in ihren Phänomenen, aber doch gutartiger und leichter in ihrem Verlaufe war die Seuche in dem angrenzenden Eiderstedt und Süderditmarschen.
         Durch die bekannte Mission von Seiten des Hamburgischen Senats hat sich ergeben, daß die Epidemie in Gröningen und in den übrigen Distrikten der Niederlande im Wesentlichen, wenn auch mit mehr oder weniger Bösartigkeit, ganz dieselben Zeichen an sich getragen hat, welche der hiesigen Epidemie eigenthümlich waren. Hervorstechende Affectionen einzelner Organe will man dort als constante Erscheinungen nicht bemerkt haben; bei einzelnen Kranken zeigte sich dort vorzugsweise ein Leiden der Milz, jedoch mehr im Verlaufe der Krankheit; einzeln trat die Krankheit mit einer Irritation des Magens auf. Die Reconvalescenz erfolgte gleichfalls sehr langsam und es pflegte mit dieser ein Schmerz in den untern Extremitäten, oft auch im Kreuze, verbunden zu seyn.
    [14]      Man vergleiche darüber den interessanten Bericht des Herrn Doktor Fricke über seine Reise nach Holland und den angrenzenden Gegenden etc. Hamburg 1826.
         Dasselbe war auch der Fall mit der Krankheit im Amte Ritzebüttel, wie solches von einem, mit R. W. bezeichneten Autor versichert wird.
         Man sieht bald, daß die Krankheit auf der ganzen Nordseeküste, so weit sie sich erstreckte, Eine und Dieselbe sey, und nur in ihrem äußern Bilde einige Verschiedenheiten trägt.
  8. Anm. Daß die Epidemie in Holland durch den Einfluß der großen Hitze entstanden sey, wird unter den dortigen Aerzten als eine ausgemachte Sache betrachtet.
  9. Anm. Es ist hier sehr zu berücksichtigen, ob die Ueberschwemmung [17] durch das salzige Seewasser, oder durch süßes Wasser geschah. Das Brachwasser der Stör, welches in die Wilster Marsch drang und in Verbindung mit dem dort früher stagnirenden Regenwasser diese überschwemmte, scheint ohne alle nachtheilige Wirkung gewesen zu seyn. Wir sehen dieses an dem merkwürdigen Umstande, daß diese Gegenden fast gar keine Kranke hatten, obgleich sie längere Zeit mit Wasser bedeckt waren und theilweise auch einen sehr tiefen Kleyboden haben.
  10. Anm. Die Gröninger Aerzte vereinigen sich sämmtlich dahin, der Ueberschwemmung gar keinen Antheil an der Entstehung der Epidemie einzuräumen, und zwar aus dem Grunde, weil die Epidemie nicht gerade allenthalben am schlimmsten war in den Gegenden, welche von der Ueberschwemmung am stärksten getroffen waren. Aus [18] diesem Grunde folgt aber immer nur noch, daß die Ueberschwemmung nicht allein Schuld sey, aber keineswegs ist dadurch bewiesen, daß sie nicht in Vereinigung mit andern Momenten zur Erzeugung der Epidemie beigetragen habe.
         Daß die Epidemie erst im zweyten Sommer, und nicht im ersten nach der Ueberschwemmung eintrat, beweiset auch noch keineswegs, daß beide nicht mit einander in Verbindung stehen. Man kann füglich dagegen erinnern, daß der Sommer von 1825 nicht den Grad der Hitze mit sich brachte, um das Miasma zu entwickeln, daß diese Entwickelung erst im zweiten Sommer durch den höhern Wärmegrad vollendet werden konnte, bis zu welchem in unsern Marschen auch noch theilweise das salzige Seewasser in den Canälen stand.
  11. Anm. Die Meinung, welche in den Bemerkungen über die Epidemie in Ritzebüttel ausgesprochen ist, daß nämlich die faulenden Wattgründe einen Theil die Grundursache des epidemischen Fiebers geworden, möchte darin ihre Wiederlegung finden, daß unsere Ditmarsischen Watten, wie in der Einleitung bemerkt worden, einen völlig leblosen Strand bilden, aus dem gewiß keine faulende Dünste hervorgehen.
  12. Anm. Brera (über die Natur und Heilung der Contagien, übersetzt von Bloch) erwähnt des Schwefel-Wasserstoffs, als des aus der Oberfläche der Sümpfe sich entwickelnden Princips, welches, wenn es sich in der Atmosphäre ansammelt und verweilet, als die Ursache der tödtlichsten Epidemien und endemischen Krankheiten angesehen werden müsse.
  13. Anm. Die Gröninger Aerzte sind nach dem Berichte des Herrn Doktor Fricke der Meinung, daß die Dürre eine Mitursache der dortigen Epidemie geworden. Durch die große Hitze und Dürre sey nämlich die Wasserfläche, welche sonst die faulenden Substanzen in den Canälen und Abzugsgraben der Stadt bedecken, vermindert, jene Substanzen mehr der Luft blos gelegt und in Fermentation gerathen, wodurch die Entwickelung eines miasma paludosum begründet sey. Es kommt mir vor, als sey es mit dem Entstehen der Krankheit in Gröningen eben so gegangen, wie bei uns. Die große Hitze hatten sie mit uns gemeinschaftlich, und ihr Wasser in den Canälen war bei ihnen dasselbe, was die Ueberschwemmung bei uns. Durch die Hitze verdunstete an beiden Oertern das stagnirende Wasser, an beiden Oertern entstand ein Sumpfboden, und aus beiden das miasma paludosum. Wenn die Ueberschwemmung nicht als Mitursache der Epidemie anzusehen wäre, so würde es doch in der That ein wunderbarer Zufall seyn, daß beide – die Ueberschwemmung und die Krankheit – unabhängig von einander unter so vielen Gegenden Europa’s grade dieselben Distrikte zu ihrem Schauplatze gewählt hatten!
  14. Anm. Auch der Herr Staatsrath Hufeland erklärt sich für die ansteckende Natur dieser Krankheit. Man vergleiche darüber dessen kurze Bemerkung im zwölften Stück seines praktischen Journals 1826 Seite 120. Er sagt nämlich: sie ist eine epidemia contagiosa, aber bedingt und beschränkt durch Localitätsverhältnisse, sowohl entstehend als auch ansteckend nur da, wo diese existiren.
         Die vor 100 Jahren grassirende ähnliche Epidemie hatte nach Friedrich Hoffmann (§. IV. 39) ebenfalls einen contagiösen Charakter. Er sagt nämlich: Observatum fuit, et id maxime Magdeburgi et in ducatu Brunswicensi, complures in una domu, non secus ac in variolis vel morbillis fieri solet, successive eodem morbo fuisse affectos.
  15. Anm. Vergleiche die kurze Bemerkung des Herrn Staatsraths Hufeland in dessen Journal Band XII. Jahr 1826 pag. 120.
         Ferner: Knebels Versuch über den Charakter, einige Erscheinungen und die Heilart des gelben Fiebers. Görlitz 1805.
         Kopps Versuch einer Darstellung des gelben Fiebers. Frankfurt 1805.
         Medicinische Geschichte des gelben Fiebers in Spanien im Jahr 1821 von Bally, Francois und Pariset, übersetzt von Liman. Berlin 1824.
  16. Vergleiche Zacutus Lusitanus (Praxis admiranda pag. 55. lib. II. obs. 49.)
  17. Anm. Diese Ansicht von der Natur und dem Wesen der Epidemie, so wie eine Angabe ihrer Symptome, ist [31] schon früher unter dem Artikel: Heide den 20. Februar 1826 in der Nr. 168 des Altonaischen Merkurs von mir zur Publicität gebracht worden. Der dortige Aufsatz lautet:
         Die große Epidemie, welche in dieser Zeit fast alle Küstenländer der Nordsee, von der Schelde bis zur Hever, ergriffen, hat auch unsre Landschaft in einem hohen Grade heimgesucht. Nach einem ohngefähren Ueberschlage war in den Monaten August und September jedes fünfte Individium bei uns krank. Wenn gleich das Bild dieser Krankheit sich nicht ganz gleich blieb, indem in dem ersten Monate die galligten und entzündlichen, in letzterm die Zeichen des intermittirenden Fiebers hervorstachen, so blieb doch die eigentliche Natur dieser Epidemie in ihrem ganzen Verlaufe dieselbe. Die Krankheit befiel gewöhnlich ohne Verboten. Augenblicklicher starker Frost, große Hitze, sehr heftige Kopfschmerzen vor der Stirne, Erbrechen einer schwarzen galligten Materie in enormer Quantität, Durchfall von derselben Art, Schmerzen in der Herzgrube und gelbsüchtige Farbe, verbunden mit starkem Fieber, waren die Zufälle, welche den Anfang der Krankheit bezeichneten, und sich mit deutlichen Remissionen jeden zweyten oder dritten Tag bis zu Ende wiederhohlten. Allmähliches Abnehmen dieser Zufälle führte zur Genesung; ein Steigen derselben brachte tagelangen Schlaf und schnellen Tod. – Das gleichzeitige Entstehen dieser Epidemie in den Gegenden, welche einerley Einwirkungen ausgesetzt waren, läßt wohl keinen Zweifel übrig, daß die Ursache derselben einen Theils in der vorigjährigen Ueberschwemmung, [32] und sodann in der diesjährigen großen Hitze zu suchen sey. Beide ursächliche Momente haben nach unsrer Meinung die Atmosphäre so sehr alienirt, daß das erste Entstehen dieser Krankheit dadurch begründet wurde. Indes hat es uns geschienen, als wenn bald nachher der kranke Körper selbst eine ansteckende Fähigkeit erlangte, und auf diese Weise ein contagiöser Charakter zum Vorschein kam. Wir glauben, daß das Wesen dieser Krankheit in einer excessiven Thätigkeit der Galle bereitenden Organe, und zumal der Milz, vielleicht in einem entzündlichen Zustande derselben zu suchen sey. Der häufige Schmerz in dieser Gegend, das schwarze Erbrechen und die bei den Meisten vorhandene große Anschwellung dieses Organs möchten für diese Annahme sprechen, und zugleich zu der Vermuthung führen, daß die Krankheit verwandt mit dem gelben Fieber sey, und daß sie unter einem andern Himmelsstriche wohl dazu hätte werden können. So heftig auch die Symptome dieser Krankheit auftraten, so war dennoch die ganze Epidemie in unsrer Gegend überaus gutartig, und nur sehr wenige Kranke haben ihr Leben darin verloren. Die Genesenen erholen sich aber sehr langsam und nicht selten kommen bey denen, welche ohne gehörige ärztliche und diätetische Vorschriften geblieben sind, noch spät wassersüchtige Anschwellungen zum Vorschein. Die ärztliche Behandlung dieser Krankheit hatte mehr Angenehmes, als bey mancher andern, indem die Diagnose leicht, die Wahl der Mittel bald entschieden und das Resultat so überaus günstig war. Es würde von wissenschaftlichem Interesse seyn, wenn [33] diese Epidemie in jeder Provinz ihren Monographen fände, und auf diese Weise bekannt würde, wie eine aus gleichen Entstehungsgründen hervorgehende Krankheit sich nach den verschiedenen Localitätsverhältnissen modificiret. Uebrigens können wir dem Publikum die beruhigende Versicherung geben, daß nunmehr fast jede Spur dieser Krankheit gehoben, die Ansteckungsgefahr aber gänzlich verschwunden sey.
         Es ist mir sehr erfreulich gewesen zu sehen, daß der Herr Staatsrath Hufeland diesen Aufsatz in sein Journal der praktischen Heilkunde aufgenommen hat und im Wesentlichen diese Ansichten mit mir theilt. Vergleiche das XII. Stück. Seite 120. 121.
  18. Anm. In den diagnostischen Tabellen von Schmalz wird die Milzentzündung (Seite 116) folgender Maaßen bezeichnet: Sie verräth sich durch tiefsitzende, fixe anhaltende stechende, brennende Schmerzen in dem linken Hypochondrium. Oefter ist, und zwar meist noch vor dem Eintritt des Fiebers eine, der Lage und Gestalt der Milz entsprechende Geschwulst fühlbar. Dies wird noch deutlicher, wenn man den Kranken in aufrechter Stellung untersucht. Häufig wird die Splenitis, zumal wo das Parenchyma leidet, von Blutbrechen begleitet, und zwar [34] gleich anfangs; das Blut ist selten rein, sondern mit gallicht-schleimigten Stoffen vermischt. Das örtliche Leiden ist desto heftiger, je schwächer das Blutbrechen. Das Fieber ist nicht sehr heftig, doch ist der Durst oft außerordentlich, der Puls am linken Arme ist unterdrückt, oft sogar intermittirend; nicht selten blutet das linke Nasenloch. Zuweilen wird vorzüglich der Darmkanal zur Theilnahme gezogen, daher Verstopfung oder Durchfall. Zuweilen zeigt sich, ohne Zeichen der Gelbsucht, im Stuhl und Harn eine gelbliche Hautfarbe. Milzkranke haben eine eigene Haltung, biegen den Leib links zusammen. Der Harn ist gelblich und wässerig. Die Splenitis kommt häufig vor, epidemisch nur in heißen Sommern, endemisch in niedern Gegenden etc.
  19. Anm. Nach Heusinger (Betrachtungen und Erfahrungen über die Entzündung und Vergrößerung der Milz) ist die Erweichung der Milz die Folge einer primären oder secundären splenitis venosa, die besonders häufig nach epidemischen sogenannten remittirenden und intermittirenden Fiebern beobachtet wird. Die Vergrößerung und Verhärtung der Milz ist nach ihm das Zeichen einer arteriellen Milzentzündung mit darauf folgendem Wechselfieber, so wie die Desorganisation der Milzdrüsen nach ihm auf eine splenitis capillaris schließen läßt. Die Gegenwart der Pseudomembranen um die Milz kann wohl unstreitig nicht ohne einen entzündlichen Zustand dieses Organs erklärt werden.
  20. Unter vielen Fällen steht mir noch gegenwärtig das Bild eines Mannes aus Heide lebendig vor Augen, der im überzeugenden Gefühle seines Wohlseyns sich den Mittag zu Tische setzte, und darauf seinen Nachmittagsschlaf halten wollte, bei dem aber aus dem Schlaf – ein schwerer Sopor ward, aus dem er nicht wieder erwachte, indem er nach 4 Stunden bereits todt war.
  21. Die angefügte zweite Tabelle giebt ein Verzeichniß Aller derer, die an der Epidemie gestorben sind.
  22. Anm. Rücksichtlich der Stadien, in welchen zuerst von der China in dieser Epidemie Anwendung gemacht wurde, hat sich eine große Verschiedenheit in dem ärztlichen Heilverfahren gezeigt. Die Niederländischen Aerzte fühlten sich veranlaßt, die China oder vielmehr das Chinin zu geben, sobald sich Congestionszufälle zum Gehirne einstellten, ungeachtet der intermittirende Typus nicht ganz rein hervorgetreten, und keine völlige Apprexie vorhanden [47] war, um bald möglich die Krankheit abzuschneiden. Es wurden dazu fast enorme Dosen – zuweilen jede Viertelstunde 2–4 bis 6 Gran des Chinins – genommen. Ohne den großen Einfluß zu verkennen, welchen Localitätsverschiedenheiten auf den Charakter und die Heilmethode einer Krankheit haben, läßt sich doch kaum begreifen, wie die Krankheit in Gröningen, die doch so sehr viel Identisches mit der unsrigen hatte, eine so wesentlich verschiedene Behandlungsart in dieser Hinsicht erforderlich machen konnte. Man muß fast glauben, daß nur eine Methode die richtige seyn konnte. Wenn wir auf die Lehrsätze, welche bewährte Aerzte für den Gebrauch der China in analogen Fällen aufstellen, und auf das so günstige Resultat, welches der unsrigen Behandlung folgte, sehen, so möchte sich das Recht für uns entscheiden. Freilich, wenn man, wie der Herr Professor Backer in Gröningen, der Krankheit den inflammatorischen Charakter völlig abspricht, so konnte man wohl dazu kommen, die China auf diese Weise zu geben.
  23. Anm. Wie stark der Gebrauch der China war, kann man daraus abnehmen, daß in einer Zeit von drei Monaten auf Einer unsrer Apotheken an hundert Pfund derselben bloß zu Pulvern und Dekokten verbraucht wurden, ohne dasjenige zu rechnen, was zu Chinasalzen, Extracten und Tinkturen dispensirt wurde.