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Autor: Verschiedene
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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
aus: Vorlage:none
Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum: 1873
Erscheinungsdatum: 1873
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: commons
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Die Gartenlaube (1873) 495.JPG
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Inhaltsverzeichnis

[495]

Der Loder.

Eine Geschichte aus den bairischen Bergen.
Von Herman Schmid.
(Schluß.)


Th’res entfloh, ohne daß Wolf den Versuch machen konnte, sie aufzuhalten; er wollte es auch nicht, denn er sah ein, daß es jetzt doch vergebens gewesen wäre, sie zu beruhigen und sich Aufklärung darüber zu verschaffen, was in ihr solchen Unmuth und Verdacht hervorgerufen hatte. „Der Morgen wird’s ja herausbringen,“ sagte er anscheinend gelassen; aber als er nach Hause kam und sich in seine Kammer verschloß, schloß er auch die Unruhe mit sich ein. Da war nun der ersehnte Augenblick erreicht: er hatte das Gelöbniß, das er beim Abschiede still in sich und vor sich selbst gemacht, redlich gehalten – vergessen lagen die schweren Mühen, die sauren Wochen voll Arbeit und Entbehrung hinter ihm, und nun, am Ende der Bahn, schien das Ziel, dem er nachgestrebt, sich in ein täuschendes Trugbild zu verwandeln. Er wollte auf der lange nicht berührten Cither zu spielen versuchen, aber nach den ersten Tönen schob er sie wieder zurück, er fand in seinem unruhigen Gemüth keine Harmonie, die er in ihren Saiten hätte aussprechen können. – Der Morgen graute beinahe, als Erschöpfung ihm endlich die überwachten Augen schloß.

Th’res, nur durch wenige Mauern von ihm getrennt, überließ sich in der nächtlichen Einsamkeit ihrer Kammer vollends ihrem Schmerz; angekleidet warf sie sich auf’s Lager und litt dem zögernden Tage entgegen, der ihr letzter in diesem Hause sein sollte; denn sie mußte fort, das stand klar vor ihrer Seele; sie konnte und durfte Wolf nicht wieder begegnen. Sie war ja auch durch nichts mehr gebunden: mit dem Sohne war dem Alten Alles wiedergegeben, was er ersehnt und bedurft hatte, und sie selbst ihrer Verpflichtung ledig. Sie versuchte zu beten; weil der Sturm in ihrer Seele die Gedanken wie steuerlose Fahrzeuge durcheinander warf, konnte sie eigene Worte nicht finden und griff nach dem Gebetbuche, aber auch dafür fehlte ihrem Geiste die Sammlung – um sich erheben zu können, müssen die Schwingen unversehrt sein; gelähmte Fittige vermögen es nicht. Jammervoll legte sie das Buch wieder bei Seite und löschte den kleinen Wachsstock, dessen Licht trotz seiner Schwäche nur ihre Verlassenheit grell zu beleuchten schien – sie wollte Nacht um sich haben, wie sie dieselbe im Herzen trug.

So hatte er nicht die erste Nacht im Vaterhause, so hatte sie nicht das Wiedersehen gedacht!

Der Mond war schon weit heraufgerückt und eben daran, die Bahn nach abwärts einzuschlagen, als Th’res, von einem eigenthümlichen Geräusch geweckt, aus halber Betäubung auffuhr. Es war, als ob leise an ihr Fenster geklopft würde. Sie glaubte sich getäuscht zu haben, aber das Klopfen wiederholte sich deutlicher und bestimmter; leise glitt sie von dem Bett herab und schob den Vorhang an dem vergitterten Fenster bei Seite, um unbemerkt hinausblicken zu können … im Schatten der durch einen Hausvorsprung gebildeten Ecke stand eine weibliche Gestalt; als diese die Bewegung des Vorhangs gewahrte, winkte und deutete sie eifrig, daß Th’res das Fenster öffnen solle.

„Macht auf,“ flüsterte sie, „und habt keine Sorge! Ich will nichts Unrechtes, aber ich habe Euch was Wichtiges zu sagen.“

Verwundert öffnete Th’res. „Was soll denn Das sein,“ fragte sie, „um diese Zeit? Wer seid Ihr denn? Ich kenn’ Euch nicht …“

„Das glaub’ ich wohl,“ erwiderte die draußen Stehende; „aber Ihr habt mich doch schon gesehen. Erinnert Euch nur, was auf dem Aiblinger Markt vor fünf Jahren geschah. Ich bin’s, von der Euch der Alte vorhin erzählt hat, bin das Mädchen, welchem der Sohn aus diesem Hause zum Tanze aufgespielt hat, und um mich hat er Haus und Hof verloren.“

„Was? Ihr, Ihr kommt zu mir?“ rief Th’res und wollte in rasch aufloderndem eifersüchtigem Groll das Fenster zuwerfen. Aber mit dem Groll stieg in ihr auch die edlere Regung echt weiblichen Mitleids auf; sie ließ das Fenster offen, durch welches die weiche Nachtluft und das Mondlicht sich wie begütigend hereinschmeichelte, und sagte mit sanfter Stimme: „Armes unglückliches Leut, was wollt Ihr denn bei mir? Ich kann Euch ja doch nicht helfen.“

„Das weiß ich wohl,“ entgegnete das Mädchen. „Mir kann auch kein Mensch helfen und ich komme nicht um Hülfe – ich komme, weil ich vielleicht Euch von Nutzen sein kann; darum hab’ ich in der Nähe gewartet, bis Alles still geworden ist und schläft, und bin nun hierhergeschlichen, um Euch zu sagen, daß Alles, was Euch der Mann von mir und Wolf erzählt hat, nicht wahr ist –“

„Nit wahr?“ rief Th’res, unfähig, ihre Freude zu verbergen.

„Nicht wahr,“ wiederholte die Tänzerin, „wenigstens was den Wolf betrifft. Er ist mit uns nicht weiter gereist, als bis nach Wien. Dann ist er die Donau hinunter und ich hab’ ihn seitdem mit keinem Aug’ mehr gesehen …“

[496] „Wie ist das aber möglich?“ fragte Th’res mißtrauisch. „Wenn ich auch dem Brunngraber-Sepp nicht trauen will, kann ich doch nit glauben, daß er Alles, was er von Euch erzählt hat, nur so aus den Fingern gesaugt haben soll.“

„Das that er auch nicht,“ entgegnete die Fremde traurig; „von mir hat er die Wahrheit gesagt – ich bin ein unglückliches und verlassenes Geschöpf! Ich habe alles Das ausgestanden und erlitten, was er erzählte; aber der Wolf hat keinen Theil an meinem Unglück. Der Mann, mit dem ich sprach und der Euch erzählte, hat immer von Wolf gered’t und hat gemeint, ich rede auch von ihm, und ich fand es für gut, ihn auf dem Glauben zu lassen …“

„So wär’ er wirklich unschuldig?“ rief Th’res, aufathmend mit dem Gefühle des scheintodt Begrabenen, der, gerettet, Sonne und Leben wieder grüßt. „Gott sei Dank und Dank auch Euch! Kommt doch herein! Bleibt bei uns! Ihr werdet müd’ und vielleicht auch hungrig sein …“

„Nein, nein,“ sagte das Mädchen ängstlich abwehrend; „ich hab’ keine Zeit und hab’ noch einen weiten Weg vor mir.“

„Aber ich kann Euch doch nicht so fortlassen,“ rief Th’res herzlich, „es thät’ mir ja für ewige Zeiten auf dem Gewissen liegen. Wie kommt Ihr denn dazu, mich aufzusuchen?“

„Errathet Ihr das nicht?“ entgegnete die Fremde nach einigem Zögern. „Wenn ich’s denn sagen soll – und warum sollt’ ich nicht? ich habe mich Dessen ja nicht zu schämen –: ich komme, weil – der Wolf mein ganzes Herz eingenommen hatte, weil ich ihn nicht vergessen kann, so lange ich noch etwas zu denken vermag, und weil es mir wohl thut, wenn ich ihm vielleicht etwas Gutes erweisen kann. … Ich war überglücklich, als er mit uns ging – ein paar Tage lang bildete ich mir auch ein, er könnte ein Auge haben für mich, aber er hatte einen guten Schutzengel in seiner Heimath, und jetzt, wo ich den Schutzengel kenne, wundere ich mich nicht, daß er ihm so standhaft treu ’blieben ist. Ich mußte es verschmerzen, als er fortging – ich wäre doch nimmer seiner werth gewesen; so habe ich mir ihn aus dem Sinn geschlagen und das lustige Leben fortgemacht, so lange – so lange, bis ein trauriges Leben daraus geworden ist. Ich will’s nur gestehen, wie ich in diese Gegend kam, wollt’ ich ihn aufsuchen und ihm nachfragen, da begegnete mir der Brunngraber und stiftete mich an, Euch die Lügen zu erzählen … Neid und Eifersucht stachelten mich an, es zu thun – ich dachte, Ihr solltet auch einen Tropfen von dem Elend kosten, das ich habe austrinken müssen, aber ich bin heut’ Abend dazu gekommen, wie Ihr mit dem Brunngraber spracht, da vergingen mir die argen Gedanken, und ich kam hierher, um Euch Alles zu sagen – durch mich und wegen mir soll der wackere Mann keinen Augenblick im schlechten Lichte stehen; durch mich und wegen mir soll er keine traurige Minute haben …“

„O – wenn ich nur wüßte, wie ich Euch danken sollte! Danken für mich und seinen alten Vater,“ rief Th’res und streckte ihre Hand durch’s Gitter der Tänzerin entgegen, die dieselbe gierig ergriff und an die Lippen drückte – vergebens versuchte Th’res, sie zurückzuziehen.

„Laßt mir die Hand,“ sagte die Tänzerin herzlich bittend; „Ihr wißt nicht, was Ihr mir damit thut. Laßt mir die Hand! Vielleicht begreift Ihr, warum ich sie behalten will, wenn Ihr hört, daß das noch nicht Alles ist, was ich Euch zu sagen habe. Ich muß Euch auch noch erzählen,“ setzte sie mit schwankender Stimme hinzu, „daß ich Eure Mutter kenne …“

„Meine Mutter?“ schrie Th’res auf.

„Und Eure Schwester …“

„Meine Schwester auch? O redet! Erzählt, sagt, wo sie sind! Wie geht’s ihnen? Ich habe erst in diesen Tagen von ihnen erfahren und habe seitdem tausendmal bereut, daß ich nicht eher um sie gefragt – daß ich mir’s so gut hab’ gehen lassen, während sie vielleicht Noth und Elend ausgestanden haben …“

„Laßt Euch das nicht kränken,“ entgegnete die Fremde mit zärtlichem Händedruck. „Es ist so besser. Der Himmel hat’s gut mit Euch gemeint, daß er Euch von Eurer Mutter getrennt hat … Ich habe sie gut gekannt; und Eure Schwester, die von gleichem Alter mit mir ist, die – die,“ setzte sie mit einem Seufzer hinzu, „war eine gute Freundin von mir …“

„Aber wo sind sie? Wo, wo ist meine Mutter?“ drängte Th’res.

„Wo ihr recht gut ist,“ war die ernste Antwort. „Sie liegt in der geweihten Erde – vor ein paar Wochen hat man sie eingegraben. Sie hat nach dem Tode ihres ersten Mannes einen Herumtreiber geheirathet, einen Taschenspieler, der Werg gegessen und Feuer gespieen hat, und ist lang’ mit ihrer Tochter herumgezogen. – Vor ein paar Jahren wurde sie krank und siech in ihre Heimath nach Tyrol zurückgeschafft; ihre Tochter Nanna aber zog mit Andern noch in der Welt umher, bis sie vor einigen Wochen erfuhr, daß die Mutter auf den Tod darniederliege und sich nach ihr sehne. Da ist die Nanna heim – ich hab’ sie dort getroffen – ist bei der Mutter geblieben, hat ihr die Augen zugedrückt und sich vorgenommen, nimmer in die Welt zu gehen. Sie wollte einen Dienst suchen, aber weil ihre Gesundheit nicht fest und sie auch der Arbeit weder kundig noch gewohnt ist, haben die Klosterfrauen vom heiligen Wasser zu Absam versprochen, sie bei sich aufzunehmen …“

„Arme, arme Schwester!“

„Zuvor nahm sie sich vor, eine Wallfahrt an den Ort zu machen, wo ihr Vater begraben liegt und in dem Brunnen verschüttet wurde – sie dachte auch ihre Schwester aufzusuchen, die in der Gegend in Pflege sein soll – wo und bei wem, das wußte sie nicht; die Mutter, die in der letzten Zeit völlig verwirrt und blöde geworden, hatte die Aufschreibung darüber verloren …“

Th’res weinte still auf die Gitterstäbe – die Fremde aber fuhr immer weicheren Tones fort: „Sie ist mit mir heraus aus den Bergen und hat mir Alles erzählt – die Mutter hatte ihr einen Ring gegeben, ein schlechtes, silbernes Reifchen, und ihr aufgetragen, es ihrer Schwester, dem Reserl zu geben, wenn sie sie wiederfände.“

„Aber wo, wo ist sie?“ schluchzte Th’res. „Wenn Ihr mit ihr gegangen seid, kann sie doch nicht weit sein, dann muß man sie doch erfragen können. Wo ist sie denn hin?“

„Ich glaube kaum, daß Ihr sie erfragen könnt,“ sagte tief aufathmend die Fremde. „Sie hat keinen Ort gewußt, wo sie hin will; sie ist eben wieder heimgegangen nach Tyrol –“

„Dann will ich sie dort aufsuchen!“ rief Th’res. „Der Vater hat das Aufschreiben, in dem der Ort angegeben ist. – Ich muß sie finden, muß meine liebe, arme Schwester sehen, muß ihr helfen und sie trösten, wenn ich ihr nicht helfen kann …“

„Ich will’s ihr ausrichten,“ sagte ergriffen die Fremde. „Ich sehe sie doch wohl eher, als Ihr … Ich will es ihr sagen, daß Ihr’s so gut meint und sie so gern sehen möchtet; aber sie meint es auch mit Euch gut, o gewiß, von Herzen gut – sie hat mir’s gesagt, sie wünscht Euch alles Gute, keine einzige traurige Stunde, und zum Andenken an sie und an die jetzige Stunde sollt Ihr den Ring da nehmen.“

Die Tänzerin hatte mit rascher Bewegung einen Ring an Th’resens Finger gesteckt, und war, ihre Hand loslassend, rasch zurückgetreten.

„Was ist das?“ rief Th’res – „wie kommt Ihr auf einmal zu einem Ring von der Schwester?“

„Frage nicht!“ rief die Fremde, „und behalte ihn nur! Sei glücklich und werde glücklich! Den Ring habe ich von der Mutter selber. Ich bin ja Deine Schwester, die arme unglückliche Nanna. Leb’ wohl, Schwester! Ich sage es Dir noch einmal, sei glücklich, aber frage mir nicht nach! Tausendmal, tausendmal leb’ wohl! …“

„Schwester! Nanna! Bleib’,“ rief Th’res, die sich vor Verwunderung und Ueberraschung kaum zu fassen wußte, aber sie rief vergebens: draußen war schweigende Nacht, und als sie hinauseilte, schlug der Haushund an, und in der Ferne rauschten die Blätter unter den Füßen der Fliehenden. Vom Hügel starrte Th’res lange in die Nacht hinaus, in der eine schwache Helle den Ort bezeichnete, wo der Mondnachen inzwischen hinabgesteuert war. Gegenüber aber über den Bergen zog lichtkündend ein grauer Streifen hin als Vorbote des Tages, eines Tages voll so unsäglichen Glückes, daß ihr die Seele schauerte, wenn sie des Uebermaßes seiner Wonne gedachte.

Zurückgekommen, wachte sie dem Morgen entgegen, dessen erster Strahl sie in der großen Wohnstube traf, eifrig beschäftigt, den Tisch zum Frühmahl für die Gäste zu schmücken und zu bereiten. Ein schönes Tuch war über die breite Ahornplatte gedeckt, und in einem Henkelkruge prangte gesammelt, was an [497] späten Blüthen, Blumen und Blattgrün in der herbstlichen Umgegend noch anzutreffen gewesen. Eben stellte sie das Geschirr auf den Tisch, als über die Treppe herunter Schritte laut wurden, die ihr von früher her nur zu wohlbekannt waren. Obwohl vorbereitet, erschrak sie, daß die Schalen klirrten, als sie dieselben auf den Tisch stellte; sie mußte sich selbst daran halten, als die Thür aufging und Wolf eintrat und ihr, erglühend wie sie, gegenüber stand. Ein Freudenfeuer loderte in seinen Augen auf, als sie ihm einige Schritte entgegentrat und ihm, den Blick gesenkt, aber freundlich die Hand entgegenstreckte.

„Verzeih’ mir, Wolf!“ sagte sie, Gluth auf den Wangen und ein schönes Lächeln um die bebenden Lippen, „ich habe Dir bitter Unrecht gethan. Verzeih’ mir’s und laß mich die Erste sein, die Dir daheim ‚Grüß’ Gott‘ sagt …“

Wolf hatte die Empfindung eines Menschen, der aus einem dunkeln Kerker plötzlich in einen hell beleuchteten Festsaal tritt; wie geblendet faßte er ihre Hand, aber zu reden wußte er nichts: er zog die sich nicht Wehrende an sich, und statt Frage und Antwort lag das Paar sich in den Armen, rasch zu einander gezogen, wie Eisenstein und Magnet, Hand in Hand, Brust an Brust und Mund an Mund. Sie wußten und fühlten nur, daß sie sich angehört hatten, ehe sie’s selber geahnt, wenn auch durch Land und Strom geschieden. Sie gelobten, auch fürder einander zu gehören, durch alle Geschicke, innig vereint, geläutert und gehärtet in den Schmelzgluthen der Trauer, der Verlassenheit und des Leides. Wohl traf dann Eines nach dem Andern die Reihe, von seinem Leben zu berichten.

Th’res erzählte, was sie von der eigenen Herkunft erfahren, was der Brunngraber-Sepp ihr mitgetheilt, und wie sie die Schwester wieder gefunden, nur um sie wieder zu verlieren.

Wolf berichtete von seiner Wanderfahrt – wie nach langen Mühen gerade die Beschäftigung, die er einst als Spiel getrieben und wegen der man ihn so arg geschmäht, der Angelpunkt geworden, an dem sein Glück sich gewendet, wie er nun das Erlernte wohl zu nützen gedenke, aber zu seinem alten Stande und Geschäfte zurückkehren wolle, um als ein freier, unabhängiger Mann nur ihr, dem Vater und sich selbst zu leben. –

Dann schilderte wieder Th’res die Entdeckung, die sie gemacht, als sie vor ihm geflohen, und Beide freuten sich der neuen, schönen Hoffnung, mit deren Erfüllung auch die letzte Sorge schwand und die Sonne über dem Lindhamerhof so wolkenlos stand, wie über keinem andern Fleckchen Erde, und wenn darauf auch der Palast eines Kaisers stünde.

Der eintretende Gehülfe sah und errieth lachend, was vorgegangen war; er mahnte, sich nicht selbst und zu früh zu verrathen: „Kommt Zeit für Alles,“ sagte er. „Jetzt darf noch Niemand wissen, daß Pany-Wolf ist wieder gekommen in Vaterhaus, was seiniges!“ Als er von Th’resens Entdeckung erfuhr, drang er darauf, eine Untersuchung vorzunehmen und mit der Arbeit zu beginnen.

Die Glücklichen trennten sich, um kurze Zeit nachher sich an der Stelle wiederzufinden, wo Th’res das befremdliche Geräusch gehört hatte. Alle Angehörigen des Hauses und viele Nachbarn waren wieder versammelt, um den Mann zu sehen, der aus Ungarn hergekommen, um in ihrer Nähe sich anzusiedeln und ihres Gleichen zu werden.

Eine flüchtige Untersuchung genügte, um die Richtigkeit der gemachten Entdeckung zu bestätigen; unter nicht sehr dichtem Geflechte von Erdschichten und Wurzeln stand die Quelle in einem natürlichen Schacht, von welchem sie, den Abfluß suchend, früher beim Lindenbrünnlein zu Tage getreten war. Neben dem alten Lindhamer, der es sich nicht nehmen ließ, der wichtigen Arbeit beizuwohnen, stand Th’res mit niedergeschlagenen Augen, denn ihr gegenüber stand Wolf und der Gehülfe; sie fürchtete sich zu verrathen, wenn sie zu ihm aufgeschaut hätte. Wenig Schaufelstiche genügten, bald war der Rasen weggeräumt, und schön und hell wie ein klares Auge blickte der Quellenspiegel empor. Ein allgemeiner Ruf der Freude begrüßte das wiedergefundene Kleinod; nur der Alte stimmte nicht ein – die Hände auf den Stock gestützt, starrte er auf die Erde nieder, als wolle er die verdunkelten Augen zwingen, ihm den verloren geglaubten Schatz zu zeigen.

„Ein Eljen in dieser Stunde!“ rief der Gehülfe laut und freudig. „Nun ist gewonnen Spiel; ist das Schacht natürlicher, wie nicht könnte gemacht werden schöner von erste Techniker. Von hier muß zum Brünnlein geleitet werden und wohin man sonst will, und geht nicht wieder verloren …“

Auf den Wink seines Herrn zog er aus einem Futteral einen schönen Krystallbecher hervor und reichte ihn Th’res.

„Hab’ ich gehört,“ sagte er, „aus diesem Brünnlein soll nur schöpfen, wer hat eine reine Hand, drum soll die Jungfer draus schöpfen zuerst, soll trinken und schreien: ‚Eljen, soll leben der neue Herr von Lindhamerhof, Eljen!‘“

Th’res beugte sich nieder und schöpfte.

„Das kann ich nit rufen, weil ich’s nit versteh’,“ sagte sie, „aber ich will das Glas mit dem herrlichen Wasser, in dem die Sonne so herrlich funkelt, in die Höhe heben und Gott danken und ihn bitten, daß er seine Hand über den Brunnen ausstreckt, über’s Haus und über uns Alle.“

Sie trank; – eine Thräne fiel in den Becher; nach ihr ergriff ihn Wolf, dann wurde er dem Alten gereicht, der aber vermochte ihn nicht zu halten; er begann zu zittern, daß das kostbare Gefäß, hätte Th’res es nicht gehalten, seiner Hand entglitten wäre.

„Bring’ mich heim, Th’res,“ sagte er schwankend; „ich glaube, ich mach’ es jetzt gar …“ Er wurde rasch in seine Stube gebracht, wo Th’res nicht von seiner Seite wich, während am Brunnen nach Anordnung des Gehülfen sogleich die nöthige Vorarbeit beschlossen und damit begonnen wurde, über der Quelle auf eingerammten Pfählen eine Brunnstube zu erbauen. Das starke Herz des alten Lindhamer hielt aber dem Sturm fester Stand, als man vermuthet hatte; schnell, wie seine Kraft gesunken, erholte sie sich wieder, und als es Abend wurde, ließ er nicht nach, bis ihn Th’res in’s Freie begleitete und zu seinem Lieblingsplätzchen unter den Linden führte. Sie setzte sich zu ihm auf die Bank und erzählte, wie die Arbeit am Brunnen unglaublich rasch vorschreite, und welch’ große Vortheile daraus für den Hof entständen, der dadurch seinen ganzen Werth wieder erhalte.

„Ja, ja,“ sagte der Alte mit traurigem Nicken, „ich freue mich auch – Gott ist mein Zeuge, aber es frißt mir doch das Herz ab, daß ich’s auch so hätte haben können, und daß der Hof nit in fremder Hand sein müßte …“

„Ihr müßt dem, was geschehen ist, nit so nachgrübeln,“ sagte Th’res, indem sie ihm die Hand drückte. „Das ist für nichts gut, macht nichts mehr anders.“

„Ich weiß wohl,“ entgegnete er, „einem Reuenden schenkt man nichts, und den Stein, den man nit heben kann, muß man liegen lassen. Ich lass’ ihn auch liegen. Er wird mich doch bald hinunterdrücken unter die Erd’.“

„Warum nit gar! Gebt doch keinen so traurigen Gedanken nach!“ sagte Th’res, „Ihr werdet Euch gar bald wieder zusammenklaub’n.“

„Ja, diesmal geht’s noch,“ sagte er, „aber ich hab’ es heut’ gar wohl gespürt, die Feder da drinn in der Brust, die mich aufrecht gehalten hat, die hat einen Knacks gekriegt, dafür giebt’s kein’ Medicin …“

„Wer weiß? Wenn Euch nun eine recht große Freud’ zu Theil werden thät?“ …

„Eine Freud’ und ich? Wir zwei kommen nicht mehr zusammen auf der Welt.“ Er schwieg, denn vom Hause her ertönten die Klänge einer mit Kunstfertigkeit und Empfindung gespielten Cither. „Was ist denn das?“ fragte er horchend. „Wer spielt denn da?“

„Der neue Herr,“ sagte Th’res, bebend vor Erregung; „er sitzt auf der Gräd und spielt Cither …“

„Ja, kennen’s denn in Ungarn drunten die Cither auch?“ fragte er verwundert. „Das hab’ ich nit gewußt, und schön spielt er auch,“ fuhr er fort, „das muß ich sag’n, so schön, daß es mich fast mahnt …“

Er brach ab und begann immer eifriger zu lauschen; mit angehaltenem Athem beugte er sich vor, während von oben her die zarten Töne in immer weicheren und verlockenderen Weisen herüber schwirrten.

Jetzt schlug der Spieler eine ländliche Volksweise an.

„Ja, wie ist denn das möglich?“ flüsterte der Alte. „Woher kann denn der fremde Mensch das G’sangl kennen, das ja [498] nur bei uns daheim ist? Das kann ja gar nit sein! Mach’ mir nichts vor, Th’res,“ rief er, sich plötzlich aufrichtend, mit lauter Stimme – „wenn ich auch oft drüber gegreint hab’, so viel hab’ ich mir doch gemerkt, so spielt kein Anderer als mein Wolf …“

Im nämlichen Augenblick war die Cither verstummt, er fühlte seine Kniee umfaßt und hörte die Stimme des Sohnes, der freudig bewegt ihm zu Füßen lag.

„Ja, Vater, ich bin’s. Ich bin wieder da. Kannst mir verzeih’n?“

„Verzeih’n? Ich Dir?“ rief der Greis unter Thränen lachend. „Ich hab’ Dir nichts zu verzeih’n, aber Du mir.“

„O Vater, redet nit so!“ sagte der Sohn gerührt. „Sagt mir lieber – darf ich wieder da bleiben? Bin ich kein Loder mehr?“

„Du bist nie einer g’wesen, mein lieber, lieber Bub’,“ lachte der Alte. „Ich hab’ Dir so schwer Unrecht gethan, und Du hast dafür den Lindhamerhof und Dein’ Vater und sein graues Haar wieder zu Ehren gebracht. Bist es denn wirklich?“ fuhr er in erweichtem Tone fort, indem er, um seinen schwachen Augen nachzuhelfen, ihm das Angesicht betastete. „Deine Stimm’ ist’s wohl, aber sonst kenn’ ich Dich ja gar nimmer mehr; bist ja ganz voll Bart und verwachsen wie ein wilder Mann … Wenn ich Dich nur auch sehen könnt’!“

„Seid wohlgetröst’, Vater!“ rief Wolf, „für das wird auch wohl zu helfen sein. Mein Camerad, der mich begleitet hat, ist ein Tausendkünstler, der von Allem was versteht … der hat bei dem ersten Blick, den er in Eure Augen gemacht hat, gleich gesagt, Ihr habt nur den grauen Staar. Für den kann geholfen werden …“

„Ist’s wahr?“ sagte der Alte bewegt. „Soll ich Dir das auch noch verdanken? … Gott geb’s, daß es wahr wird … o, es ist hart, blind sein, aber so hart ist es mich noch nie ankommen, als jetzt, daß ich Dich nit sehn kann. Du bist ja meine Freud’ und mein Stolz, den ich nimmer von mir laß’.“

„Ich geh’ auch nimmer,“ erwiderte Wolf. „Ich bleib’ da, Vater – was ich draußen gelernt hab’, das werd’ ich gar gut brauchen können; aber ich will wieder ein Bauer sein. Ihr sollt Eure Freud’ an dem Lindhamerbauern erleben, und“ – setzte er hinzu, indem er Th’res an sich zog und in die Arme schloß – „eine Bäurin hab’ ich auch schon.“

„Was, eine Bäurin?“ rief der Alte, „Du wirst Dir doch nit etwa gar eine ungarische mitgebracht haben? Wer könnt’ denn das sein?“

„Na, Vater, keine ungarische und auch keine fremde – Eine, die da so gut daheim ist auf dem Lindhamerhof, wie ich und Ihr – die Th’res.“

„Die Th’res,“ rief der Alte im Tone vollster Freude. „Na, dann bin ich meine letzte Sorg’ auch noch los; dann hab’ ich wirklich kein’ Wunsch mehr auf der Welt und könnt’ wohl wie der heilige Simeon sagen: ‚Herr, laß Dein’ Diener in Frieden fahren!‘ … Aber es wär’ nit wahr. Jetzt möcht’ ich erst noch leben mit Euch ein paar Jahrl’n, leben in der puren Glückseligkeit! – Aber wo ist denn Th’res? Warum kommst nit zu mir und sagst mir, daß Dein Willen auch dabei ist? … Ja? Bist, einverstanden?“ fuhr er fort, als sich das Mädchen weinend an seine Brust schmiegte, und legte ihr wie segnend die Hand auf’s Haupt. „Siehst Du, jetzt ist es doch noch recht worden; jetzt brauchst nimmer fragen, als was Du eigentlich auf dem Lindhamerhof bist – jetzt bist an Dein’ rechten Platz, als Frau.“

Rasch wurde nun Alles zur Hochzeit bereitet. Die Kunde von den Ereignissen auf dem Lindhamerhof ging wie ein Lauffeuer durch das Land und zündete überall gleiche Flammen der Freude an. Alle gönnten Wolf und Th’res und auch dem Alten das Glück; der aber eilte und trieb, als fürchte er, die Hochzeit nicht mehr zu erleben; er bestand darauf, daß man sie feiere, noch ehe der Lindhamerhof eingeschneit werde, und das Paar hatte nichts dagegen zu erinnern. …

Vorher machten sie nach eine Fahrt nach dem einsamen Kirchlein in der Flinsbacher Flur; Th’res wollte sich Segen holen von dem Grabe ihres Vaters. Auch um Nanna’s Schicksal mußten Pfarrer und Landrichter Erkundigungen einziehen: sie ergab, daß dieselbe wirklich im Kloster zum heiligen Wasser eine Zuflucht gefunden, aus der sie nicht mehr heraus begehre und in der sie für die Schwester und ihren Mann alles Heil der Erde und allen Segen des Himmels zu erbitten gedenke.

Eine kleine Störung brachte es hervor, als an einem Morgen die neugebaute Brunnstube eingestürzt und unter den Balken der Brunngraber-Sepp als Leiche gefunden wurde. Niemand wußte, wie das gekommen, nur die Vermuthung lag nahe, daß der graue Sünder, unvermögend das Glück Anderer zu ertragen, einen nächtlichen Versuch gemacht hatte, die Quelle zu verderben oder gar zu zerstören, darüber aber das noch nicht festgefügte, sondern nur übereinandergelegte Balkenwerk eingestürzt sein möge und ihn getödtet habe – mindestens ergaben das die gerichtliche Leichenschau und die schwere Kopfwunde des Todten. Dem Volke aber schien es glaublicher, daß das Lindenbrünnlein wieder einmal seine alte Kraft bewährt und den getödtet habe, der mit unreiner Hand aus ihm zu schöpfen versuchte.

Auf dem Lindhamerhof war bald das alte Glück und der alte Wohlstand heimisch geworden; auch die Blindheit des Alten wurde zwar nicht ganz geheilt, aber doch soweit gehoben, daß er, wenn auch trübe, Alles sehen, sich frei bewegen und, als ein Enkel kam, sich an seinen Zügen ergötzen und unterm Lindenbaume dem Knaben zusehen konnte, der vor ihm im Grase an dem Bächlein spielte, an dem sich ein kleines künstliches Mühlrad mit Pochwerk gar lustig drehte und klapperte.

Nach ein paar Jahren kam der Landrichter mit einigen Badegästen von Aibling hereingewandert, um ihnen die schöne Aussicht des Lindhamerhofes und diesen selbst, sowie die Personen der seltsamen Geschichte zu zeigen, die sich dort abgespielt hatte. Auch der preußische Major war darunter, nicht mehr als Curgast, denn die Aiblinger Moorbäder hatten seinen Fuß so völlig gekräftet, daß er, dem sonst der Weg zum Sauer-Keller eine anstrengende Wanderung gewesen, jetzt einen so weiten Ausflug leicht und zum Vergnügen unternehmen konnte. Der Lindhamer-Bauer begrüßte seine Gäste, die ihn mitunter wohl anders erwartet haben mochten; es war nichts Besonderes mehr an ihm zu sehen. Er hatte alles Fremde abgelegt und war ganz mit Herz und Seele daheim, ganz ein Landwirth von der echten Art. Daß er das war, verrieth ringsum die Schönheit der Wiesen, die Pracht der Felder, die Stattlichkeit des Hauses; auf der Gräd stand wieder die alte Bank, aber in der Stube prangte dafür ein stattlicher Bücherschrein. Auch an äußerem Schmuck fehlte es nicht; die zierlichen Staarenhäuschen waren wieder ausgerichtet; die Windfahne mit den lustigen Figuren schnurrte lustig drauf los, und die Luftharfe ließ wieder ihre Accorde hören, als ob der Frieden und Einklang, die im Hause herrschten, sich zu Tönen verkörpert hätten. Die Quelle aber, das Palladium des Hofes, von der Brunnstube geschützt und gefaßt, sendete ihre segensvolle Fluth zum Brünnlein unter die Linden, wo eine Bank aus Baumästen zu anmuthiger Ruhe einlud; von da floß sie am Hause und an der Linde vorüber, bis an den Abhang, wo sie gestaut war, um eine Mühle und ein Sägewerk zu treiben. Wolf hatte diese dahin gebaut, um den Reichthum der Gutswaldung auszunützen.

„Das laß’ ich mir gefallen!“ sagte der Major, als die Gesellschaft aufbrach und die schöne Bäuerin, ein Bild des Glücks und der Zufriedenheit, ihnen das Geleite gab. „Um den Preis eines solchen Besitzthums und eines solchen Weibchens könnte ich mich auch entschließen, ein Bauer zu werden. … Der Lindhamer ist, weiß Gott, ein Schwerenöther und das wird wohl das Nämliche sein, wie sie hier zu Lande sagen – ein Loder!“



[499]
Die Gartenlaube (1873) b 499.jpg

Die Harfe bei Sommerau.
Nach der Natur aufgenommen von G. Berthold.

[500]
Aus dem Jesuitenorden.
Nach eigenen, im Orden gemachten Erfahrungen erzählt von einem Exjesuiten.
I.

Ausschließlich auf den Umstand, daß ich nicht von Hörensagen und nach Allen zugänglichen Schriften, sondern aus eigenem Erlebniß, eigener Anschauung berichte, gründe ich die Berechtigung, in dieser Zeit des neuen großen Kampfs gegen den Orden und des hundertjährigen Gedächtnisses der ersten päpstlichen Aufhebung desselben mich an die Abfassung dieses Artikels für die „Gartenlaube“ zu wagen.

Ja, ich erfuhr mehrere Jahre lang die Segnungen der jesuitischen Erziehung in vollstem Maße an mir selbst und konnte mich nur nach langem Ringen mit der größten Mühe von den Banden des Ordens befreien. Nicht etwa die Lesung von jesuitenfeindlichen Schriften – denn solche bekommt der Jesuit nicht zu lesen –, nicht etwa mündliche oder schriftliche Mahnungen human denkender Freunde – denn sprechen durfte man mit Fremden nur mit Erlaubniß des Obern und im Beisein eines andern Ordensbruders, und Briefe mit solchen Ermahnungen würde der Obere, durch dessen Hand alle gehen, dem Adressaten gar nicht abgeben –, sondern die Regeln, die Erziehung im Kloster selbst führten mich aus demselben zurück. Denn da meine Vernunft nur eingeschläfert, nicht ertödtet war, wagte ich es, darüber nachzudenken, wozu der Wust von Regeln und Constitutionen, die Geist und Herz lähmende Ascetik, die zwecklose und vernunftwidrige Befolgung der Gelübde führen, und so gelangte ich nach langem Nachdenken über das Ordenswesen selbst und nach Prüfung meines eigenen, noch nicht verloren gegangenen individuellen Charakters zu der Ueberzeugung, daß ich selbst für die Anforderungen des blinden Gehorsams nicht tauge, und zugleich zu der Meinung, daß der Orden nicht durchaus so göttlich sei, wie ich bisher geglaubt, sondern als menschliches Machwerk auch seine Schattenseiten haben könne und in der That auch habe. Und nun erlaube man mir, durch einzelne Mittheilungen aus meinen Erfahrungen zur genauern Kenntniß des Ordens das Meinige beizutragen.

Gleich am Eingange der Constitutionen ist als der ausgesprochene doppelte Zweck des Ordens aufgezeichnet: mit Beihülfe der göttlichen Gnade für das Heil und die Vollkommenheit der eigenen Seele zu sorgen und mit ganz besonderer Sorgfalt für das Heil und die Vollkommenheit des Nächsten zu wirken.

Sehen wir zunächst, auf welche Weise der erste Zweck erfüllt wird.

Sobald ich als Aspirant die Schwelle des Klosters überschritten hatte, gehörte ich nicht mehr mir selbst an. So wie der Soldat im Heere nicht nach persönlichem Willen und zu selbsterwähltem Zwecke, sondern nur nach dem absoluten Willen seiner Oberen zum gemeinschaftlichen Zwecke der von diesen beabsichtigten Heeresoperationen handelt, so muß auch beim Jesuiten eigener Wille und eigener Zweck völlig verloren gehen. Daher die militärische Bezeichnung: Gesellschaft, societas, spanisch compañia, und die des Hauptes als Ordensgenerals. Ignatius Loyola war spanischer Soldat gewesen. Er dachte sich den von ihm zu gründenden Orden als ein schlagfertiges Heer, welches sowohl im Innern durch das Band des Gehorsams verbunden sein, als auch nach außen stets zur Disposition des Papstes stehen müsse. Die Unterwerfung unter die Leitung des Obern geht aber viel weiter, als bei dem Heere oder bei jedem anderen weltlichen Organismus. Denn nicht etwa blos in gewissen äußeren Dingen soll der Jesuit abhängig sein, sondern auch in Angelegenheiten des Gewissens und geistigen Lebens, im Studium etc.

Damit der Obere alle seine Untergebenen nicht nur dem Charakter und den allgemeinen Neigungen und Fähigkeiten nach, sondern sogar in ihren geheimsten Gedanken, Wünschen, Vorzügen und Mängeln genau kennen lerne, ist Jeder verpflichtet, dem Oberen die sogenannte Gewissensrechnung (ratio conscientiae), über die in den Regeln eine besondere Rubrik besteht, außerhalb des Bußsacraments freiwillig (?!) abzulegen. Der Noviz muß dies wenigstens einmal wöchentlich thun. Dabei müssen folgende Punkte ganz genau angegeben werden: ob man gegen irgend eine Regel oder Vorschrift des Obern eingenommen sei, ob man Schwierigkeiten in ihrer Befolgung spüre und gegen welche man am meisten verstoße; zu welchen Tugenden man sich am meisten hingezogen fühle; wie es besonders um die volle Hingebung an seine Oberen und die Abtödtung des Willens stehe; welche Frucht man vom Gebrauche des Gebetes, ob man darin Andacht oder Lauigkeit und Zerstreuung fühle? etc.

Damit man die Scham überwinde, über seine geheimsten Neigungen und Fehler offen und frei Rechenschaft abzulegen, soll man bedenken, daß diese Demuth Gott ganz besonders angenehm sei, der die Thörichten erwählt und die Weisen verwirft, und daß die Leitung des Obern, der Gottes Stelle vertritt, nur zum Nutzen der Seele ausfallen kann, während man, in seinem Seelenleben sich selbst überlassen, leicht auf Abwege gerathen könne, da der böse Feind besonders die Seelen derjenigen unter dem Vorwande des Guten betrügt, die da glauben, ohne Gehorsam und Leitung des Obern dem Willen Gottes nachgehen zu können.

Durch solche Vorspiegelungen entsteht erklärlicher Weise eine solche Furcht in den Gemüthern der meisten, besonders der jüngeren Mitglieder, daß sie mit der geringsten Kleinigkeit sofort zum Rector laufen, um sich bei ihm Rath zu erholen, mit dem immer eine besondere Gnade zur Ueberwindung der betreffenden Schwierigkeit verbunden sein soll. Sehr häufig entläßt der Obere den Fragenden ohne Antwort, weil diesem das Gefühl, daß er durch Eröffnung seines Gebrechens seine Pflicht gethan habe, schon an sich genügen muß.

Aber nicht blos ein Jeder selbst soll sich dem Obern offenbaren, sondern Alle sollen einander dazu verhelfen, daß dieser sie genau kenne. Daher soll der Jesuit nach strenger Vorschrift der Constitutionen sich insoweit des Rechtes auf seinen guten Ruf entäußern, daß er sich damit zufrieden erklärt, daß alle seine Vergehen, Fehler und was sonst noch an ihm bemerkt wird, dem Obern zugetragen werden; auch soll er auf diese Weise, das heißt durch gleiche Angeberei, den Anderen zu ihrem Seelenheile förderlich sein. Diese an Eidesstatt abgegebene Verpflichtung muß der Noviz viermal schriftlich einreichen. Dem Obern ist es streng untersagt, den Angeber jemals zu verrathen. Ich habe diese Regel erwähnt, wie sie ist; wozu sie dient, möge sich jeder Unbefangene selbst sagen.

Es läßt sich denken, was für ein durch die Regeln geheiligtes Klatsch- und Spitzelwesen im Kloster herrscht. Außer den zum Angeben ganz besonders verpflichteten Personen klatscht jeder auf eigene Faust, was er nur zu bemerken glaubt, einerlei, ob mit Recht oder Unrecht. Wenn ich oder meine Cameraden zum Rector kamen, hatte dieser, noch ehe man sein Anliegen vorbrachte, meistens eine Menge Klagen vorzubringen. Bald hatte man sich der verpönten deutschen Sprache bedient (davon später), bald die Regel des Stillschweigens nicht eingehalten, bald zu wenig Freudigkeit im Gehorsam bewiesen und so fort. Und wehe demjenigen, der Unzufriedenheit darüber bezeigte! Es wurde ihm gleich in’s Gedächtniß zurückgerufen, wozu er sich verpflichtet habe.

Dem eintretenden Novizen, der gewöhnlich ein lebenslustiger Gymnasiast ist und schon auf der Schule die Angeberei in viel wichtigeren Dingen nicht leiden mochte, fällt diese Regel selbstverständlich schwer, weil er noch „fleischlich gesinnt“ ist und den „Geist Gottes“ noch nicht versteht. Allmählich lernt er aber einsehen, „daß in der Welt nur Zwang und Vortheil die Motive sind, im Orden dagegen die Ehre Gottes und das Seelenheil“. Er erkennt die Weisheit des heiligen, gotterleuchteten Ordensstifters an, der ihm in dieser Regel, sowie in allen anderen, ein vorzügliches Mittel an die Hand giebt, „Gott wohlgefälliger zu werden“.

Um sich nur als Glied der Mutter Societas zu wissen, soll man kraft der Regeln alle Bande brechen, die den Menschen an seine Familie, sein Vaterland und seine Freunde fesseln.

Die fleischliche, natürliche, „daher höchst unvollkommene“ Liebe zu Eltern und Geschwistern soll man buchstäblich unterdrücken und in eine reine, geistige umwandeln, sodaß man für sie betet und für ihr Seelenheil sorgt. Reden darf man [501] mit ihnen nur mit specieller Erlaubniß, mit den weiblichen Familiengliedern ganz entschieden niemals ohne Beisein eines anderen Ordensbruders! Schreiben darf man an sie nur mit besonders eingeholter Erlaubniß des Obern, dem auch die Briefe abgegeben werden und der sie auch nicht abschicken soll, wenn er es nicht für gut befindet in dem Herrn! Den umgekehrten Weg gehen die ankommenden Briefe. Der Obere bekommt sie, liest sie durch und giebt sie nach seinem Gutdünken ab oder nicht ab! Auf das Absenden eines Briefes ohne Erlaubniß, gleichviel an wen, ist der kleinere Bann gesetzt!

Der Jesuit ist also für seine Familie, sowie diese für ihn verloren. Der Obere ist sein Vater, die Gesellschaft seine Mutter (ich habe sie nur als Stiefmutter kennen gelernt), die anderen Jesuiten seine geliebten Brüder in dem Herrn, die er daher „Geliebteste“ (carissimi) zu tituliren hat. Es wird dies auch als besondere Belohnung von Seiten Gottes gepriesen, daß er für das Verlassen einer Familie und eines Hauses so viele Brüder und so viele Häuser verleiht. Denn in der That findet der reisende Jesuit in jedem Colleg stets freundliche Aufnahme. Darin soll sich das Wort Christi bewahrheiten: „Wer Vater und Mutter um meinetwillen verläßt, wird es hundertfach wieder erlangen.“

Zur Verspottung der „sündhaften Elternliebe“ war in unseren ascetischen Lesebüchern folgende Wunderanekdote verzeichnet: Ein Pater befand sich auf der Reise zu seiner Mutter, zu der er nach langem Bitten die Erlaubniß erhalten hatte. Unterwegs wurde er ersucht, kraft seiner priesterlichen Gewalt einen vom Teufel Besessenen zu heilen. Als er an diesen heranging und die vorgeschriebene Formel betete, verspottete ihn der Teufel durch den Mund das Besessenen, indem er vor der versammelten Menge schrie: „Mama! Mama!“ – weshalb der Pater mit Schimpf abziehen mußte.

Ferner soll das Vaterland vergessen werden. Sowie die zum Militär Ausgehobenen ihren Beruf verlassen müssen, um, so lange sie Soldaten sind, sammt und sonders dem einzigen Waffenhandwerk zu folgen, so geht es den Jesuiten betreffs ihrer Nationalität. Alle Nationalgefühle der Einzelnen müssen vollkommen aufhören, damit sie sich nur als Glieder einer einzigen Nation fühlen, die unter allen Nationen zerstreut ist. Wenn einzelne Klöster etwas für das Land thun, in welchem sie liegen, so thun sie dies nur aus Zwang oder anderer Umstände halber, nicht aus Patriotismus, denn dieser wird in den Zöglingen systematisch erstickt. Die Erwähnung des Vaterlandes war uns völlig verboten, und zwar nicht nur, wenn Angehörige verschiedener Länder untereinander waren, was vielleicht in dem Streben nach Erhaltung des inneren Friedens seine Erklärung finden könnte, sondern auch den Angehörigen desselben Staates untereinander. Es durfte sich Keiner als Deutscher, Preuße etc., sondern nur als Jesuit fühlen.

Ich befand mich die ganze Zeit meines Klosterlebens hindurch in Collegien, in denen die preußische, deutsch-österreichische und polnische Nationalität fast zu gleichen Theilen vertreten waren. Wir Deutsche und besonders wir Preußen waren fortwährend eines als unreligiös geltenden patriotischen Particularismus verdächtig. Sobald man uns zusammen sah, sprengte man uns sofort auseinander und gab uns wegen dieser Nährung der weltlichen Vaterlandsliebe Verweis über Verweis. Deutsch durften wir lange Zeit hindurch gar nicht sprechen, da wir in dieser Sprache unsere Meinungen am besten austauschen konnten. Der Rector (selbst ein Deutscher und preußischer Unterthan) äußerte zur Motivirung dieses seines Verbotes: es scheine ihm, als sei die deutsche Sprache dazu da, um in ihr Gott zu beleidigen.

Auch Politik durften wir Studirenden nicht treiben. Vom Kriege von 1864 erfuhr ich erst nach zwei Jahren. Im Kriege von 1866 war es uns vorgeschrieben, für welchen Theil wir sympathisiren sollten. Es wurde uns nämlich mitgetheilt, das ketzerische Preußen befinde sich mit dem katholischen Oesterreich in einem Kriege, welcher ein Religionskrieg sei und nur die Ausbreitung des Protestantismus in Deutschland bezwecke. (Dasselbe wurde auch von der Kanzel herab dem gläubigen Volke verkündigt.) Der Orden müsse daher für das Wohl Oesterreichs beten, nicht etwa aus Liebe zu diesem Lande, welches auch nicht im Geiste Gottes verwaltet würde, und weil es an sich gleichgültig sein müsse, wer siegen würde, sondern lediglich aus Liebe zum Katholicismus. Nach der Affaire von Königgrätz war die Niedergeschlagenheit groß. Gott hat Oesterreich durch Preußens Zuchtruthe gestraft, sagte man, wird aber bald auch die Ruthe verwerfen und verbrennen. Ich wiederhole an dieser Stelle nochmals, daß ich nur das berichte, was ich gesehen, gehört und erfahren habe.

Auch die Freundschaft soll unterdrückt werden. Was die Freunde außerhalb des Klosters anlangt, so versteht sich dies von selbst. Aber auch im Kloster selbst darf der Jesuit keinen Freund haben. Alle seine Mitbrüder soll er auf gleiche Weise lieben, zu keinem derselben darf er sich besonders hingezogen fühlen. Die besondere Freundschaft (amicitia particularis) ist ein arg verpöntes Ding und wird als Quelle vieler Sünden betrachtet. Sie ist an sich schon Gott nicht angenehm, da man außer ihm Niemand lieben dürfe. Ferner könnten intime Freunde leicht ihre Schwierigkeiten gegenseitig austauschen und sich in einem ordnungswidrigen Geiste bestärken, weshalb ihnen die Freundschaft zum Verderben gereichen würde. Um dieses Unheil zu verhüten, dürfen niemals zwei allein längere Zeit zusammen sein, sondern wenigstens drei, und zum Spaziergange werden diejenigen, welche zusammengehen sollen, bestimmt.

Das möge über den ersten Zweck des Ordens vor der Hand genügen. Betrachten wir nun den andern Zweck, welcher sich dem Seelenheile des Nächsten zuwendet.

Hundertmal wurde uns in den Erklärungen der Regeln, besonders derer über den Zweck des Ordens, und in den vielen ascetischen Büchern, die wir pflichtschuldigst lesen mußten, die Geschichte der Entstehung des Ordens auf eine Weise vor die Augen geführt, als ob dieselbe während der Wirren der Reformationszeit als eine besondere Fügung und Bestimmung des weisen und für das Wohl seiner heiligen Kirche besorgten Gottes geschehen wäre, und so ist’s denn auch allbekannt, daß die Tendenz des Ordens dem Protestantismus und jeder von dessen Entstehung sich datirenden Gewissens- und Forschungsfreiheit diametral entgegensteht. Er pflanzt als Hort des Romanismus überall das Banner der starrsten, der verknöchernden Orthodoxie auf und trachtet danach, daß nur eine einzige sogenannte Tugend, die des unbedingten Gehorsams und der Unterwerfung des Verstandes und Willens unter die Machtsprüche der Hierarchie, geübt werde. Mit Einem Worte: Alles soll im Gehorsam gegen die Kirche aufgehen. Gehorsam und Kirche sind aber nach der Meinung der Jesuiten untrennbare Begriffe. Der Satz „Ubi Petrus, ibi ecclesia“ wird in seiner ganzen Bedeutungsfülle angenommen. Der ganze Orden steht dem Papste zur Disposition, jedes ältere Mitglied muß ein besonderes Gelübde des Gehorsams gegen den Papst ablegen. Die Lehre von der Unfehlbarkeit des Papstes in rebus fidei et morum gehört zu denen, die als aus dem kirchlichen Glauben selbst fließend in der Gesellschaft Jesu von Anfang an gelehrt werden mußten. Als andere Lehren der Art – was ich nebenbei bemerke – wurden uns genannt: die unbefleckte Empfängniß Mariens (die vor ihrer Dogmatisirung jeder Jesuit durch ein Gelübde zu vertheidigen sich verpflichten mußte), die körperliche Himmelfahrt Mariä und die ganz abnorme Lehre, daß, obwohl ein Katholik an und für sich und direct zur Heiligenverehrung nicht verpflichtet sei, er jedoch ohne Verehrung Maria’s die Seligkeit durchaus nicht erlangen könne.

So wie der Orden des Papstthums, so ist auch das Papstthum des Ordens vornehmste Stütze. Papst Paul der Dritte, der die Regeln des Ordens bestätigte, soll in ihnen einen besondern Fingerzeig Gottes (digitus Dei) erkannt haben, was bei der päpstlichen Unfehlbarkeit für die beste Garantie der göttlichen Einsetzung des Ordens gehalten wird. So wurden Papstthum und Jesuitenorden durch wechselseitige Bande aneinandergelegt und einander unentbehrlich.

Die Bekehrung Andersgläubiger zum orthodoxen Romanismus ist der Hauptzweck der Gesellschaft Jesu. Wenn ein Ketzer oder freisinniger Katholik einer Unterredung mit einem Jesuiten gewürdigt wird, so kann er gewiß sein, daß die Proselytenmacherei gegen ihn beginnt. Einer meiner Collegen suchte sogar seine protestantische Mutter in allen seinen Briefen zur Bekehrung zu bewegen, weil sie sonst dem ewig brennenden Höllenfeuer unfehlbar anheimfallen müßte.

[502] Von dem orthodox-particularistischen Standpunkte der jesuitischen Anschauung, die mit der der Katholiken in romanischen Ländern und speciell mit der der Curie identisch ist, ist der größte Verbrecher, wenn er nur katholisch ist, vor Gott weit besser daran, als jeder Nichtkatholik; denn jener erlangt nach der ersten Absolution sofort sein Seelenheil wieder, was für diesen unmöglich ist. Es wird zwar zugegeben, daß ein Andersgläubiger, der nie etwas von der römischen Kirche gehört hat, in seinem Glauben aus besonderer Gnade Gottes selig werden kann, das ist aber nicht möglich für diejenigen, die die katholische Kirche kennen, da sie, wenn sie nur eine Spur von Wahrheiten liebe hätten, früher oder später zum Nachdenken über die in die Augen fallende Einigkeit, Heiligkeit und Allgemeinheit der Kirche bewogen werden und sich bekehren müßten.

Wie soll nun das Seelenheil der Katholiken erhalten und gefördert werden? Mit anderen Worten: Worin besteht die Seelsorge der Jesuiten?

Zuerst muß, um die Augen der Leute anzuziehen und zu blenden, der Gottesdienst recht glänzend sein. Die Kirchen der Jesuiten sind gewöhnlich mit vielen Altären und Bildern geschmückt; auf dem Hochaltare brennen an Festtagen dreißig und mehr Kerzen; von früh Morgens bis spät Abends wird fortwährend gebetet und gesungen; die Messen werden mit glänzender Assistenz, die Processionen mit zahlreicher Begleitung der Cleriker abgehalten. Zahlreiche Bruderschaften werden eingeführt, wie die Rosenkranz-, Scapulier-, Herz-Mariä-Bruderschaft. Alle diese sind mit zahlreichen Ablässen versehen und haben ihre bestimmten Feste, so daß des Gottesdienstes kein Ende ist. Auch sind mit dem Eintritte in diese Bruderschaften nach besonderen Offenbarungen außerordentliche Gnaden verbunden. So soll derjenige, der mit dem Scapulier stirbt, laut einer Offenbarung, die dem Carmeliter Simon Stock im dreizehnten Jahrhundert geschah, am nächsten Sonnabende nach seinem Tode aus dem Fegefeuer befreit werden und in den Himmel kommen. Ueberhaupt florirt unter anderen Aeußerlichkeiten ganz vorzugsweise die Heiligenverehrung. Ganze Monate werden bestimmten Heiligen gewidmet; in zahlreichen Novellen wird besonders den Heiligen der Gesellschaft der gebührende Cult erwiesen. Die Feste der Mutter Gottes und die Ordensheiligen werden mit viel größerem Pomp begangen, als die Feste Christi. Ich kann dreist sagen, daß im Innern des Ordens selbst und in den Kirchen desselben die Verehrung Gottes durch die der Heiligen vollständig erstickt wird.

Die hauptsächlichste seelsorgliche Beschäftigung der Jesuitenpatres besteht in der Abhaltung von Missionen, damit jeder Gläubige Gelegenheit erhalte, den Stand seiner Seele einer gründlichen Revision zu unterwerfen. Der Stoff der Missionspredigten im Großen und Ganzen beruht auf den Anleitungen des Ignatius zu den geistlichen Exercitien. Es wird in täglich vier bis fünf Predigten über die Bestimmung des Menschen, den Fall Adam’s, die Hölle, den Tod und das Gericht geredet. Der Zweck dieser Predigten ist die Erregung der größtmöglichsten Furcht in den Gemüthern und Anleitung zu einer Generalbeichte.

Dann wird auf Belehrung und Bekehrung des Volkes viel durch Katechisation gewirkt. Jeder Novize, der kaum nothdürftig seinen Katechismus gelernt hat und oft ein Knabe von fünfzehn Jahren ist, muß in der Kirche, der Sacristei und den Wohnhäusern älteren Leuten die Glaubenswahrheiten beibringen. Besonders werden Brautleute vor der Ehe solchen Knaben zur Katechisation überwiesen.

Gebildete Leute, besonders Weltpriester, werden dazu angehalten, sich den geistlichen Exercitien unter jesuitischer Leitung zu unterziehen. Im Verlaufe derselben wird an geeignerer Stelle das Thema von der Standeswahl erklärt und der Betrachtung überwiesen. Es geht nämlich darum, daß Derjenige, der sich noch in keinem unveränderlichen Stande befindet, wie es der Ehe- oder Ordensstand ist, sich einen solchen wähle; aber dies nicht nach eigenem Hange, sondern nach dem Willen Gottes. Man soll sich daher jedem Stande gegenüber zuerst indifferent verhalten, um jeden persönlichen Hang zu unterdrücken, und zur besseren Ermöglichung Dessen sich auf die Seite des Schwereren und dem Willen Entgegengesetzten neigen. Erst dann soll man unter Gebet und Betrachtung sich einen Stand wählen. Es ist klar, daß eine solche Betrachtung unter dem noch frischen Eindrucke der vorhergehenden Höllenbetrachtungen die geeignetste ist, dem Orden Proselyten zuzuführen, was auch die Geschichte des Ordens und für mich meine eigene Erfahrung bestätigt.




Ein Festtag des deutschen Volkes.


Was schreiben, theurer Schatte,
Wir auf Dein Mal von Erz?
Seht an den Mann, er hatte
Für unser Volk ein Herz!
     Karl Simrock.

Wieder lag es vor mir, das liebliche Schwaben mit dem Glanz seiner Thäler und der Pracht sanft aufsteigender Berge, mit seinen wohlgebauten Städten und gesegneten Dörfern! Schon hatte der Eilzug das von bewaldeten Höhen kranzartig umgebene Stuttgart passirt, und ich gedachte der Worte Ulrich von Hutten’s: „Nicht leicht hat Deutschland eine schönere Gegend als diese, das fruchtbarste Gefilde, wunderbar gutes und gesundes Klima, Berge, Wiesen, Thal, Flüsse, Quellen, Wälder, Alles auf’s Anmuthigste.“

Vorbei noch an dem Stuttgart so nahen Cannstatt, dem beliebten Bade und Sorgenfrei der Württemberger, aber auch der Engländer, das Freiligrath sich zum Musensitz erkoren und von dem man nicht mit Unrecht sagt, daß es einen fast südländischen Charakter trägt. Und vorbei noch an Eßlingen, einer der fleißigsten und bedeutendsten Fabrikstädte Süddeutschlands, reich an historischen Erinnerungen. Die Chronik berichtet hier schon Mancherlei von schwäbischem Mannesmuth; denn kernfest ist der Schwabe und, wie Uhland singt, „tapfer, wenn er ficht“. Hoch klingt aber auch das Lied von Frauenmuth, von den Weiblein des in der Nähe liegenden Schorndorfs, die dem grausamen Melac, dem Verwüster der Pfalz, mit Besen, Schaufeln und Düngergabeln die Wege wiesen, – von der edlen Jungfrau Eßlingens selber, welche dem Franzmanne zum Opfer dargebracht wurde, um ihn von der gänzlichen Zerstörung der Stadt abzuhalten.

Bei Station Plochingen theilt sich die Bahn. Nicht die Sommerfrische war es indessen, die wir im Augenblicke suchten. Im Fluge ging es nun die romantischen Höhen der schwäbischen Alb entlang dem eigentlichen Bestimmungsorte zu. Mit echt schwäbischer Herzlichkeit, wie sie diesen Volksstamm kennzeichnet, hatten mich Freunde zur Enthüllungsfeier des Uhlanddenkmals nach Tübingen eingeladen.

Die Waldkronen und Felskuppen zur Linken waren wie der Prolog zu der schönen Dichtung, welche die Musenstadt selber uns weihen wollte. In der vielbesungenen Schwabenalb, die „allenthalb blau nach der Ebene winkt“, ragt in wehmüthiger Verlassenheit, einsam aber doch groß, der Hohenstaufen, dessen zum Theil entschwundene Schönheit – von der Stammburg ist bekanntlich kaum noch ein Mauerrest übrig – Uhland in seinem Fragment „Konradin“ den deutschen Freund so rührend schildern läßt, um den unglücklichen Heldenjüngling in’s Vaterland zurückzulocken. Von Metzingen aus wird Urach bald an das große Eisennetz gekettet sein. Dann hielten wir bei dem früchtereichen Reutlingen mit der „Achalm auf dem Felsen“ – Ich aber gedachte der fröhlichen Studienzeit und eines schönen Ausfluges zu dem seitab liegenden, durch Hauff’s Dichtung verherrlichten Schloß Lichtenstein, wie seine Zinnen in der Sonne glänzten, der märchenhaft schönen Nebelhöhle, in welcher im Roman der vertriebene Herzog von Württemberg und Georg von Sturmfeder zusammentreffen.

Endlich waren wir in Tübingen angelangt. Einige Mitglieder des Uhlandcomite’s, an hochrothen Bändern mit weißen Rosetten kenntlich, waren am Bahnhofe, um ihre Ehrengäste persönlich in Empfang zu nehmen. Brave Turner und Ehrengeleitsmänner mit blauen Schleifen versahen eifrig ihr Amt.

[503] In der schon am Vorabend der Enthüllungsfeier ungewöhnlich bevölkerten Stadt war ich bei alten Freunden, die ich aus den Studienjahren kannte, bald behaglich untergebracht. – Und wieder wandelte ich durch die Straßen des alterthümlichen Tübingens, im fünfzehnten Jahrhundert der zweiten Haupt- und Residenzstadt Würtembergs, nach der Erbauung Ludwigsburgs der dritten, der „guten Stadt“ – mit ihrer Alma mater, genannt Eberhardina Carolina; denn der viel genannte, von Uhland so volksthümlich gefeierte Eberhard im Bart begründete bekanntlich auch die Universität.

Die Gartenlaube (1873) b 503.jpg

Das Uhland-Denkmal in Tübingen.
Nach einer Skizze von Julius Hartmann in Tübingen.

Und wieder beschaute ich die kernige Holzarchitectur, nicht minder das vertrocknete „Tübinger Männlein“ und das ehrwürdige Rathhaus.

Immer aber mußte ich jenes Abends gedenken, an dem ich, vor länger als einem Jahrzehnt, still durch dieselben Straßen zu einem noch stilleren Grabe gewallfahrtet war, einem Grabe, auf welchem damals noch kein Stein, kein Schmuck prangte, – dem Grabe Uhland’s. Und noch heute ist es eine Ruhestätte, deren Ausstattung kaum einfacher gedacht werden kann. Verläßt man die modernste Straße Tübingens, die Wilhelmsstraße, in welcher sich auch das Universitätsgebäude befindet, und wendet sich hart an demselben vorbei nach links, so gelangt man bald auf den schönbelegenen Kirchhof der Stadt, der eigenthümlich viel gerade weiße Kreuze zeigt. Vom Hauptweg desselben führt rechts einer der Nebenwege etwas hinan. Mitten unter anderen Gräbern, durch kein Gitter geschieden, – denn er liebte die Eisengitter auch nach dem Tode nicht, – steht Uhland’s einfacher, kunstlos behauener granitner Grabstein und unter einem roh darauf eingemeißelten Stern nichts als der vielsagende große Name „Ludwig Uhland“.

Die Zweige eines niedrigen Baumes beschatten den Stein. Um den mit gewöhnlichen Steinen eng umfriedigten Grabhügel schlingen sich Immortellen, und Epheu rankt den Granit hinauf, ganz so, wie die Gartenlaube das Bildchen schon brachte.

Was war natürlicher, als daß ich meine Schritte abermals dem Friedhofe zulenkte; diesmal indessen lag er nicht so einsam und still. Eine Menschenmenge wogte zwischen den Gräbern. Studenten und Sänger hatten sich zu einer abendlichen Todtenfeier um das Grab des unsterblichen Dichters geschaart, und der feierliche Gesang des Liedes: „Stumm schläft der Sänger“ ertönte durch den milden Abend. Dann legte ein Mitglied der Burschenschaft Germania, welcher Uhland angehört hatte, einen mit einer schwarz-roth-goldenen Schleife geschmückten Lorbeerkranz zu Füßen des Grabes nieder.

Lind war die Luft, laubig und blumenreich die ganze Umgebung. Wie doch so anders, als damals in der blattlosen Zeit an jenem naßkalten Spätherbsttage, dem 16. November 1862, als Freunde von nah und fern, besonders aber wieder die schwäbischen Sänger mit ihren Fahnen, um welche schwarzer Flor wehte, tieftraurig am offenen Grabe standen! Drei Tage vorher, am 13. November Abends neun Uhr, hatte Uhland das Zeitliche gesegnet. Nach seiner Körperbeschaffenheit hätte er noch eine Reihe von Jahren leben können. Er war kräftig angelegt, „dickrindig und schier kötzig“, wie sich Chamisso einmal nicht gerade schmeichelhaft ausdrückte. Er fiel seiner Freundestreue zum Opfer. Als in der Februarkälte desselben Jahres Justinus Kerner in Weinsberg beerdigt wurde, hielt ihn die Rücksicht auf das eigene hohe Alter von nahezu fünfundsiebzig Jahren nicht ab, dem langjährigen und einem der treuesten Freunde und Sangesgenossen die letzte Ehre persönlich zu erweisen. Hier zog er sich eine verhängnißvolle Erkältung zu, die er anfangs gar gering zu achten schien; denn als wenige Wochen später ein anderer Jugendgefährte in Tübingen starb, wohnte er auch dessen Beerdigung bei. Doch die Glückwünsche zu seinem Geburtstage am 20. April, wo er fünfundsiebzig Jahre alt wurde und den ganz Deutschland feierte, trafen ihn bereits auf dem Krankenlager. Uhland konnte sie nicht mehr einzeln erwidern und dankte später durch die Zeitungen mit einfach herzlichen Worten. Besonders rührte ihn eine anonyme Aufmerksamkeit. Er erhielt aus einer oberschwäbischen Stadt ein Schreiben, offenbar aus weiblicher Hand, in welchem erzählt wurde, wie die Correspondentin, als sie am Feste Mariä Verkündigung „nach der Kirche spazieren gangen“, unter dem prächtigen blauen Frühlingshimmel in der Erinnerung an die goldige Schilderung in einem seiner Gedichte, dem „Waller“, mächtig ergriffen gewesen sei. Zum Dank sendete sie nun dem Dichter naiver Weise einen – Ducaten, „für den er sich eine oder zwei Flaschen recht guten Wein kaufen und beim Trinken der Uebersenderin freundlich gedenken möge.“ Uhland’s Gattin schlug vor, das Geld den Armen zu schicken. „Zweimal so viel,“ sagte der Dichter, „aber dieser Ducaten gehört mir. Der freundlichen Geberin soll auch ihr Wille geschehen!“

Sein Leiden wollte nicht mehr weichen. Vergebens gebrauchte er gegen die geistige und körperliche Müdigkeit, welche ihn bedrückte, im Sommer das Soolbad Jaxtfeld in der Nähe des schöngelegenen und aus der Geschichte bekannten Wimpfen. Wenn er eine gute Stunde hatte, so freute er sich auch da noch der lieblichen Gegend. Er saß dann gern auf der Terrasse vor dem Curhause, wo man einen herrlichen Blick den Neckar hinauf und hinunter genießt. Meist war er, wie es überhaupt seine Art war, in Gedanken vertieft, zuweilen gesprächiger. Traurig sagte er wiederholt, daß ihm das Gefühl, nicht arbeiten zu

[504] können, das Schmerzlichste in seinem Zustande sei. In der ganzen Zeit seines Leidens, seit Anfang März, schrieb er keinen Brief mehr. Kränker noch kehrte er nach Hause zurück. Seine geistigen und körperlichen Kräfte schwanden mehr und mehr. Heftige Athmungsbeschwerden stellten sich ein. Ruhig und gefaßt sah er seinem Ende entgegen. Zuletzt wurden der lichten Augenblicke seines Geistes immer weniger, – die körperliche Schwäche nahm endlich ganz überhand.

Sein Begräbnißtag war ein Sonntag. Wohl an tausend Leidtragende geleiteten den mit zwölf Lorbeerkränzen verzierten Sarg von dem Trauerhause auf den Friedhof. Zu beiden Seiten des von vier Pferden gezogenen Trauerwagens gingen je vier Studenten, der Zug selber wollte kein Ende nehmen. Die gewaltige, besonders hoch emporragende Fahne des schwäbischen Sängerbundes hatte vor nicht länger als fünf Jahren am Hause des Dichters ihre Weihe empfangen. In den trüben Novembertag hinein hallte zuerst das Lied, welchem ich jetzt am milden Sommerabend wieder gelauscht hatte. Der Geistliche, welcher damals die meisterhafte Leichenrede hielt, wohnt gegenwärtig in des Dichters Haus. Mit prophetischem Geiste sprachen damals auch Genossen der schwäbischen Dichterschule an seinem Grabe, vorab, mit schwerem Schmerze ringend, sein vertrautester Freund, der seitdem ebenfalls verstorbene Tübinger Oberjustizrath Karl Mayer, dann J. G. Fischer. Wohl tönte es wieder von den Bergen, als dieser ausrief:

– „wenn du erscheinst, du Geist der Zukunft,
Suchst du unter den Namen, die für Deutschlands
Sieg und Ehre im Vordertreffen stritten,
Und du wirst rufen: Ludwig Uhland!“ –

Und der Geist der Zukunft hat gerufen! –

Unterdessen war ich vom Friedhof zurück über den Marktplatz gegangen, den mit Uhland’s neuem Denkmale zu schmücken zur Zeit auch, freilich nur vorübergehend, angeregt wurde. Derselbe bietet, zumal in architekonischer Hinsicht, einen recht geeigneten und dankbaren Hintergrund. Dann hätte allerdings der schöne, in prachtvollem Renaissancestil ausgeführte Marktbrunnen mit dem achteckigen großen Behälter, in welchen vier Löwenköpfe das klare Quellwasser speien, aus der Mitte weichen müssen.

Tübingen liegt auf dem Rücken zweier Berge, von denen der eine, der Schloßberg, auf seiner Höhe das vom Herzog Ulrich erbaute Schloß Hohen-Tübingen trägt; der andere ist der Oesterberg. Die sogenannte obere Stadt zieht sich vom Schloß abwärts am Markt vorbei. In dieser Gegend liegt die Straße „Neckarhalde“. Hier, wo sich eine fensterreiche Häuserfront im Neckar wiederspiegelt, steht unter anderen ein schlankes, grünfarbenes Haus mit bogenartiger altmodischer Eingangsthür und hohem schmalem Giebel, Nr. 139. Zwar nach sehr kleinbürgerlichem Schnitt, bietet dasselbe dagegen die freundlichste Aussicht in’s Neckarland und Steinlachthal. Eine provisorische Gedenktafel während des Festes und früher eine jetzt weggewischte Maueraufschrift enthielten das bedeutungsvolle Datum „den 26. April 1787“. Wir stehen vor dem Geburtshause Ludwig Uhland’s, welches sein Vater, der Universitätssecretär Johann Friedrich Uhland, zu jener Zeit gemiethet hatte. Doch zogen die Eltern bald nach seiner Geburt in eine andere Wohnung um, die in der Poststraße in dem vormals Stadtphysicus Dr. Uhland’schen Hause lag. Und hier wurde Ludwig als dritter Sohn – seine beiden Brüder waren indeß früh gestorben – mit einer einzigen, acht Jahre jüngeren Schwester Luise erzogen. Er war ein lebhafter, ja kecker Knabe und zu „Schwabenstreichen“ immer bereit, sodaß er die zartere Hälfte seiner Verwandtschaft oft in Schrecken setzte. Seinen festen Willen liebte er schon früh zu zeigen und hatte sich in den sogenannten Flegeljahren den Schwur angewöhnt, ihn solle „der Teufel holen“, wenn er dies oder das thäte oder nicht thäte. Die „kluge, verständige“ Mutter scheint bei seiner Erziehung größeren Einfluß auf ihn ausgeübt zu haben, als der Vater. Eine kleine Stube, in welcher Bruder und Schwester ihre Spiele zu machen pflegten, ist unter dem Namen „Dichterstübchen“ in Tübingen bekannt. In Versen versuchte er sich dort schon früh, bereits mit elf Jahren und war sogar darin ungemein fruchtbar. Ein ziemlich langes Gedicht, das sein Lehrer lesen sollte, den er wohl oft mit solcher Lectüre behelligt hatte, gab dieser unwirsch zurück: „Meinst denn, ich habe nichts zu thun, als Dein ‚Geversel‘ zu lesen?“ Ein solches ‚Geversel‘ aus dem vierzehnten Jahre in Hexametern, in denen der Knabe, auch im Lateinischen, besonders stark war, beginnt nun allerdings vielversprechend:

 „Unter der Tannen Umschattung, am Heiligthume der Schwermuth,
Sitz’ ich verschlungenen Arms über bemoostem Gestein“ – –

Ziemlich wenig ist bekannt, daß Uhland auch schon in seiner Jugend ein nicht unbedeutendes Talent zur Malerei hatte. Zu der Zeit theilte er sogar seine Neigung zwischen Poesie und Zeichnen. Ich selber habe während meines Aufenthalts in Tübingen drei hübsch ausgeführte Aquarelle gesehen, welche höchst wahrscheinlich echt Uhlandische sind. Sie stellen zwei Sommerlandschaften und ein Winterbild dar, wie er überhaupt mit Vorliebe Landschaften zeichnete. Das größte zeigt links in der Ecke ein Castell und rechts einen kleinen viereckigen Thurm. Hinter dem Castell ist Gebüsch und Wiesenboden, dazwischen ein kleiner Fluß, der vor dem Castell einen Wasserfall und See bildet. Vor demselben sieht man ferner einen größeren runden Thurm, der im See steht und sich darin in seinem unteren Ende abspiegelt; auf dem See zwei Bauern, welche in einem beladenen Kahne überfahren.

Ferner möchte wenig bekannt sein, daß das berühmte

„Als ich mich des Rechts beflissen,
Gegen meines Herzens Drang,“ –

darauf zurückzuführen ist, daß den Ausschlag für die Wahl der Jurisprudenz eigentlich die Zuwendung eines bedeutenden Stipendiums gab. Dasselbe konnten nur Juristen oder Theologen erhalten; zur Theologie hatte nun Uhland, trotz eines großväterlichen Beispiels, wenig Neigung. Vielleicht hätte er sich von vornherein für sein späteres Studium, die deutsche und romanische Philologie, entschieden; doch galt dieselbe damals noch nicht für ein Fach- oder Brodstudium.

Als Bruder Studio, zu welcher Würde er schon mit vierzehn Jahren kam, liebte er bereits die Einsamkeit und das Wandern und Wandeln „so für sich hin“ in der an landschaftlicher Schönheit überaus reichen Umgegend seines Heimathortes. Außer der unweit von Tübingen gelegenen Wurmlinger Capelle („Droben stehet die Capelle“) sind viele andere dortige Punkte – mehr oder weniger deutlich in seinen Liedern zu erkennen – von ihm verherrlicht worden. Von zwei poetischen Freunden, mit denen er derzeit nähern Umgang pflog, setzte er dem einen in dem bekannten Gedichte „Auf der Ueberfahrt“ einen Denkstein; denn der „junge, hoffnungsreiche Gefährte“ ist ein gewisser F. Harpprecht aus Stuttgart, später ein Opfer des russischen Feldzugs.

„Dieser, brausend vor uns Allen,
Ist in Kampf und Sturm gefallen.“

Der „vatergleiche“ Freund war ein Pfarrer Hofer, Bruder seiner Mutter. Der Ort der Ueberfahrt liegt bei Cannstatt.

Dieses Gedicht leitet uns hinüber zu einer spätern Lebensperiode des Dichters. Nach absolvirtem Studium und der wissenschaftlichen Reise nach Paris war Uhland eine Zeitlang vom Ende des Jahres 1812 an in Stuttgart im Bureau des Justizministers mit der Ausübung einer Art von Staatsanwaltschaft beschäftigt, eine Thätigkeit, die er jedoch bald wieder aufgab. Dann führte er bis zu der Zeit, wo er Volksvertreter wurde, neben dem Betriebe seiner Advocatur nicht selten Armenprocesse. Doch seine erste und wärmste Theilnahme widmete er stets den vaterländischen Angelegenheiten. Seine Rückübersiedelung von Stuttgart nach Tübingen und sein Antritt der Universitätsprofessur deutscher Literatur erfolgten 1830. Von 1836 an bis zu seinem Tode wohnte er, wie eine Inschrift, kurz vor dem Feste am Uhlandshause in der Nähe der Neckarbrücke angebracht, in goldenen Lettern verkündet, behaglich angesiedelt, am Fuße des Oesterberges.

Vom Bahnhofe führt die Landstraße gerade auf dieses Haus zu, welches am Eingange zur eigentlichen Stadt liegt. Ueber demselben ziehen sich Weinberge in die Höhe. Man sieht auch das schlichte Gartenhäuschen, in dem er so viel Poetisches geschaffen. Das Wohnhaus ist ein zweistöckiges, gelb getünchtes Haus mit einem vorspringenden Unterbau, der während des Festes von einer dichten tannenen Einfassung umgeben war. Daran befindet sich auch die Ehrentafel. Auf dem Unterbau ist ein Altan angebracht; als dritter Stock kann ein schmuckloser [505] Erker mit drei Fenstern gelten; die untere Front hat je sechs Fenster. In diesem Heim war es, wo für Uhland die stillen und klaren Lebensfluthen der besten Mannesjahre dahinflossen, an der Seite seiner verständnißvollen Gattin, Emilie Vischer von Calw. Der liebethätige Sinn des Ehepaares fand, obwohl die Verbindung kinderlos blieb, reichliche Nahrung in aufopfernder Fürsorge für viele Verwandte, namentlich solche auf Seite der Frau, die zahlreiche Geschwister besaß, und für Pflegesöhne. Hier liebte er dann zwanglos mit seinen näher oder entfernter wohnenden Freunden zu verkehren, unter denen wir außer den bereits genannten noch Gustav Schwab, Pfarrer in Gomaringen bei Tübingen, Eduard Mörike, den Aesthetiker Vischer, die Gebrüder Pfizer und die noch jetzt in Tübingen lebende höchst liebenswürdige und anspruchslose Ottilie Wildermuth aufführen wollen. Hier wurde er aber auch von jenen Dichterbesuchern geplagt, die ihn meist sehr einsilbig und trocken fanden, was er unter guten Freunden nicht war. In größte Verzweiflung konnte er dabei gerathen, wenn er durch einen solchen Fremden um „eine Zeile von seiner Hand“ gebeten wurde. Aus einer gewissen Befangenheit mochte herrühren, daß er zu derartigem Improvisiren sich selten aufgelegt fühlte. In heiterer Laune rieth ihm Kerner einst zu dem Gedenkvers:

„Mit Ihrem Album
Bringen Sie mich um!“

Uhland’s Grab, dessen Geburts- und Wohn-, sowie Sterbehaus in Augenschein zu nehmen (vergleiche Gartenlaube Nr. 30), wird der Deutsche beständig lieben. Zu diesen Stätten zu pilgern, sei es in Gedanken, sei es in Wirklichkeit, gewann einen erhöhten Reiz durch die Enthüllung und Einweihung des neuen Uhlanddenkmals am 14. Juli dieses Jahres.

Warum gerade der 14. Juli gewählt wurde? Die beiden Gedenktage, Geburts- und Sterbetag, waren zu einer blumigen und sonnigen Feier gleich ungeeignet. Gerade vor neunundsechszig Jahren soll aber an diesem Tage Uhland seine „Sterbenden Helden“, das erste Gedicht von durchschlagender Wirkung, verfaßt haben.

Ein wundervoller Morgen, wie er schöner kaum gedacht werden kann, war angebrochen. Noch perlte der Thau in den Wiesen. Um mich her breitete sich das Neckarthal aus; die mächtigen, zu langen, schattigen Laubdächern in einander verwachsenen Baumgänge, welche sich neben Tübingen hinstrecken, eine Linden-, Kastanien- und Platanenallee, wie sie in solcher Ueppigkeit selten gefunden werden, waren einst der Ort für die Lieblingsspaziergänge des Dichters. An die Platanenallee grenzte der Festplatz. Zwischen demselben und dem Bahnhofsgebäude liegt der noch ziemlich unbebaute Uhlandplatz, wo die Hülle des Standbildes leis und geheimnißvoll im Morgenwinde rauschte.

Der Festplatz war schon angefüllt, und immer höher fluthete die Menge hinein und heraus die Straßen der festlich geschmückten Stadt. Zu den Eichenkränzen und halbkreisförmig aufgehängten Tannengewinden, den schwarzweißrothen und schwarzrothgelben Fahnen, Rosetten und langen Schleifen in denselben paßte nichts besser, als der eigenthümliche Untergrund der meisten Tübinger Häuser. An mit Blumen verzierten Dichterbildern und Büsten fehlte es selbstverständlich nicht, von den kleinsten und unscheinbarsten bis zur gelungenen Kolossalbüste, neuerdings vom Bildhauer Rau in Stuttgart gefertigt, die in einem Buchladenfenster ausgestellt war.

Welche rege Betheiligung des Schwabenvolkes! Neben dem schlichten Rocke des Landpastors und dem modischen Kleide des Städters die malerische Tracht des Landvolkes, die grünen Manchesterwämser und scharlachrothen, mit silbernen Kugelknöpfen besetzten Westen, – dann die bunten, mit Goldborte durchzogenen Mieder der Mädchen. – Hier und da ließ sich schon eine der hundert „weißgekleideten Festjungfrauen“, mit Epheu im Haar und die unvermeidliche schwarzweißrothe Schärpe umgethan, sehen. Und über dem Allen das ehrwürdige Schloß, in den blauen Aether ragend.

Da erblickte mich im Gewühl ein Tübinger Bekannter von der gestrigen Fahrt her. Wir gingen ein Stück Weges zusammen und er theilte mir bereitwillig mit, was er über die Vorgeschichte des Denkmals wußte.

„Schon drei Tage nach Uhland’s Begräbniß fanden sich Tübinger Freunde und Verehrer des Dichters auf dem Rathhause ein, um die Aufgabe zu übernehmen, ein dem Dichter und dem deutschen Volke würdiges Denkmal zu errichten. Wohl war es ein glückliches Zusammentreffen, daß der Ausschuß des schwäbischen, zugleich geschäftsführender Ausschuß des deutschen Sängerbundes, denselben Gedanken hegte und pflegte. Stuttgarter und Tübinger bildeten darauf einen Uhlandverein.“

„Von vornherein war gewiß im Sinne Aller, daß Tübingen die Stätte des Denkmals werden sollte?“

„Eigentlich immer. Ein Aufruf wurde erlassen, der weit über Deutschlands Grenzen hinaus den freudigsten Anklang fand. Die Sammlungen ergaben bald über zweiunddreißigtausend Gulden. Wie begeistert aber die deutsche Künstlerwelt den Gedanken aufgriff, Uhland in Erz verherrlichen zu dürfen, davon zeugten zweiunddreißig eingesandte Entwürfe mit schönen Motiven. Drei wurden mit Preisen von je tausend Gulden bedacht. Die eigentliche Wahl entschied sich für den Entwurf des Bildhauers Gustav Kietz in Dresden. Das Modell wurde 1870 bis 1872 in der Erzgießerei des engern Vaterlandes von Wilhelm Pelargus in Stuttgart ausgeführt. Beide Künstler sind heute gegenwärtig. Die Zeichnungen zum Stufenbau, Sockel und etwas massiven Geländer rühren vom Professor Nicolai in Dresden her.“

Noch am Morgen ging die Enthüllungsfeier vor sich.

Wovon soll ich aus der Reihe der Einweihungsfestlichkeiten den Lesern der Gartenlaube nun post festum berichten? Von dem schönen, langen Festzuge, an welchem unter Andern siebenundzwanzig Gesangvereine mit sechshundert Sängern theilnahmen, oder von der tiefempfundenen Festcantate, deren Componist, der Stuttgarter Musikdirector Dr. Faißt, die Aufführung persönlich leitete, oder endlich von der schönen und langen Festrede des Tübinger Professors der Aesthetik, Köstlin? Gar heiß brannte die Sonne auf den unbedeckten Festplatz. Der ergreifendste und bleibendste Moment der Feier war jedenfalls der Augenblick der Enthüllung selber. Sehr sinnig hatte man ausgedacht, von zwei jugendlichen Gestalten, den einzigen näheren Verwandten des Dichters, Kindern des einzigen Sohnes der einzigen Schwester Uhland’s, Ludwig und Luise Mayer, die Hülle wegziehen zu lassen. Rührend sah die liebliche, schüchterne Mädchengestalt dabei aus. Die Leinwand fiel – endloser Jubel, Hochrufen, Hüteschwenken und Kanonendonner!

Nun erschallte Uhland’s „An das Vaterland“ in Conradin Kreutzer’s, des schwäbischen Sohnes, den Uhland hoch verehrte, kräftiger Composition: „Dir möcht’ ich meine Lieder weihen, geliebtes, deutsches Vaterland!“ – Dann die Siegesbotschaft. Keiner hat die Uhland’schen Weisen besser nachempfunden und in Musik zu setzen verstanden, als dieser Componist. Und darauf wurden Lorbeerkränze an das Denkmal niedergelegt – vom schwäbischen Sängerbunde, von den Turnern, von der Volkspartei. Die junge Schwäbin, welche einen Kranz brachte im Namen ihrer Festgenosssinnen, sprach wohl die Empfindung mancher deutschen Jungfrau aus:

„Wir haben mit Freude und Liebe auf Deine Lieder gelauscht –
Durch der Seele erstes Erwachen hat Uhland’s Harfe gerauscht.“

Urkundlich und feierlich war mittlerweile der Stadt Tübingen das Denkmal vom Vorsitzenden des Festausschusses, Rechtsanwalt Gös, übergeben worden. Die Menge verlief sich.

Da stand es nun, das neue Standbild eines der größten deutschen Dichter, blankes Erz bis auf den Sockel, funkelnd in der Sonne. Das war der Mann, dem, wie der zuletzt erwähnte Redner gesagt hatte, „das Murmeln der klaren Neckarfluthen das Wiegenlied gesungen, dem die blauen Umrisse der heimischen Berge, das saftige Grün der Thäler, das Rauschen der dunkeln Wälder, der Lerchenwirbel und das Wogen der heimischen Felder die dichterische Empfindung geweckt, dem der Kranz der Burgen, welche die Felsenhöhen der Gegend zieren, die Liebe und Begeisterung für die Vorzeit aufschloß, für den die Geschichte der städtischen Kämpfe um Bürgerfreiheit und vor Allem der den Namen Tübingens tragende Grundvertrag des Württemberger Landes auf seine Entwickelung als entschiedener Volksmann von größtem Einflusse war.“

Uhland war und ist, wie Otto Jahn sagt, ein „Hausgeist des deutschen Volkes“. Das Fest der Enthüllung seines großartigen Denkmals mußte demnach als Nationalfest angesehen werden. Leider ist uns dabei ein Tropfen Wermuth nicht erspart [506] geblieben: Die Betheiligung von Seiten der Dichter, Künstler, Gelehrten und deutschen Männer war doch nur eine specifisch württembergische. Aus anderen Theilen des Vaterlandes waren nicht einmal die namhaftesten Dichter erschienen, hatten auch keinerlei Gaben und Huldigungen ihrer Muse geschickt!

Darum stand Ludwig Uhland nun nicht minder markig und in straffer Haltung auf seinem erzenen Postamente. Die rechte Hand drückt mit ausdrucksvoller Geberde eine Rolle gegen die Brust; der linke Arm ist gestreckt, die Hand zur Faust geballt. Aeußerst gelungen erscheint die Haltung des Kopfes; derselbe leuchtet durchgeistigt, trotz der starken Bildung um Nase und Mund und der spärlich umlockten Stirn.

Von den in sitzender Stellung aufgefaßten Hochreliefs stellt das erste an der Vorderseite die Germania vor, das edle volle Weib mit dem Eichenkranze, die Linke auf den Schild, der den einköpfigen deutschen Adler trägt, gestützt, mit der Rechten im Buche der Verheißung blätternd; dann südlich die Dichtkunst mit wallendem Haar, das sinnende Haupt auf der Linken ruhend, mit der Rechten die Leier haltend; endlich nach Norden die Forschung, auf einem Sitze von Folianten, das faltige Gewand halb über den Kopf gezogen; auf ihrem Schooße ruht ein Foliant, in dem sie leicht vorgebeugt liest. Auf der Rückseite des Postaments steht die Widmung: „Ludwig Uhland, dem Dichter, dem Forscher, dem deutschen Manne das dankbare Vaterland. MDCCCLXXIII.“

So sei denn, Du Kämpfer für edle Sitte, Recht und Freiheit, für die Ehre und Herrlichkeit des deutschen Volkes, und nicht zuletzt für die Herstellung humaner Zustände in allen Schichten der Gesellschaft – sei in Deinem Standbilde ein ferneres, weit sichtbares Wahrzeichen, daß Süd und Nord sich immer mehr ineinander hineinleben! Den Frankfurtern, die Dir einst zuriefen: „Es lebe die Freiheit!“ hast Du geantwortet: „Ja, aber die Freiheit nicht ohne Einheit!“ Und in diesem Sinne hat auch Dein alter Freund Dr. Zimmermann, der „Geschichtsschreiber der Wahrheit“, auf dem Feste öffentlich für Dich gezeugt. Schaue hinaus auf den neuvollendeten Hort der Hohenzollern! Die schwäbische Alb ist eine der Ehrenketten Deutschlands. Das Anfangsglied bildet der Hohenstaufen und den Schlußstein ziert das verjüngte Kaiserdiadem. So berühren sich Natur und Geschichte. Du aber, Mann mit dem deutschen Kerngemüthe und dem „Herzen für’s Volk“, wie würdest Du Dich, Dein eigen Ich vergessend, der Wiedergeburt des Vaterlandes aus voller Seele gefreut haben! Hast Du doch gesungen:

„Wohl werd’ ich’s nicht erleben,
Doch an der Sehnsucht Hand
Als Schatten noch durchschweben
Mein freies Vaterland!“

Dr. G. Keyenberg.




Das Asyl einer vielbedrängten Königsfamilie.


„Misérable château!“ schrieb Rustan, Napoleon’s Leibmameluk, mit Kreide auf die Fensterladen des Landhauses bei Königsberg, in dem Friedrich Wilhelm III. und Louise in den Zeiten der tiefsten Erniedrigung Deutschlands während der Sommermonate 1808 und 1809 gewohnt hatten. Es war zu der Zeit, als sein Herr am 12. Juni 1812 sich sofort nach seinem Eintreffen in Königsberg nach den „Hufen“ hatte hinaus fahren lassen, um dort Logis zu nehmen, aber schon nach zweistündigem Aufenthalt sehr enttäuscht nach der Stadt zurückgekehrt war. Napoleon liebte es, sich an Orten einzuquartieren, die der von ihm gekränkten Herrscherfamilie zur Wohnstätte gedient hatten, und die schöne Preußenkönigin war dem großen Kaiser keine gewöhnliche Frau auf dem Fürstenthron seit jener bekannten Unterredung in Tilsit, wo sie, freilich vergebens, um Erleichterung des Schicksals ihres unglücklichen Landes gebeten hatte. Napoleon brach beim Abschied eine Rose und reichte sie ihr mit einer galanten Redensart.

Sie sprach in hohen Sitten
Mit königlichem Sinn:
„Ich habe nichts zu bitten
Als Preußens Königin;
Als Mutter meiner Söhne
Thu’ ich die Bitt’ allhie,
Zu geben mir die schöne
Stadt Magdeburg für sie.“

Napoleon blieb ungerührt, aber noch auf St. Helena äußerte er zur Ehre der Königin: „Sie blieb trotz meiner Gewandtheit und aller meiner Mühe Herrin der Unterhaltung und dies mit so großer Schicklichkeit, daß es nicht möglich war, darüber unwillig zu werden. Auch muß man sagen, daß ihre Aufgabe wichtig, und die Zeit kurz und kostbar war.“ Dessen mochte er sich erinnert haben, als er vor seinem Zuge gegen Rußland, mit dessen Kaiser er damals über das preußische Herrscherhaus hinweg Frieden geschlossen hatte, in der alten Krönungsstadt Rasttag hielt und seinen Reisewagen hinaus dirigirte, um zu übernachten, wo die edle, schon am 19. Juli 1810 heimgegangene und als „Schutzgöttin des Volkes“ angebetete Königin Erholung von ihren Sorgen und Kümmernissen gesucht und gefunden hatte.

„Misérable château!“ – Wahrhaftig! Der Leib-Mameluk that dem einfachen Landhause schon viel zu viel Ehre an, wenn er es überhaupt ein „château!“ nannte; es hat nie dafür gelten wollen. Aber noch ehrender ist sein „misérable“ . Es drückt seine allerhöchste Leibmameluken-Verwunderung darüber aus, daß in einem so elenden Häuschen ein König und eine Königin Hof halten konnten, von denen die Welt sprach. Aber das ist es gerade, was uns dieses Plätzchen Erde bemerkenswerth macht; ja, es ist überhaupt das Einzige, was daran bemerkenswerth ist. Stände da wirklich ein Schloß, auch nur ein recht bescheidenes, so zeigte vielleicht ein guter Königsberger in seinem Localpatriotismus darauf: „Da haben einmal die Eltern unseres Kaisers gewohnt!“ aber darüber hinaus spräche Niemand davon, und die „Gartenlaube“ hätte nicht ein Bild begehrt, um allem Volk das mehr als einfache Haus zu zeigen, mit dem der bürgerliche Sinn des hohen Dulder-Paars sich zum zweimaligen Sommeraufenthalt begnügte.

Wenn man das Steindammer Thor, jetzt einen stattlichen Festungsbau, verläßt und links über das Glacis schreitet, gelangt man auf eine breite Chaussee, die auf beiden Seiten von Landhäusern mit baumreichen Gärten eingefaßt ist. Etwa zehn Minuten weiter durchschneidet sie in einer Einsenkung ein Bach, dessen ziemlich hohe, mit Bäumen bepflanzte Ufer zu hübschen Anlagen benutzt sind. Einige dieser Häuser, von wohlhabenden Königsbergern gebaut, jetzt aber meist zu Gastwirthschaften eingerichtet, präsentiren sich nicht übel im Villenstil, einfach sind sie aber alle, wenn man sie mit Bauten zu ähnlichem Zweck in anderen Städten vergleicht. Eine kleine Viertelstunde hinter der Brücke über den Bach, da wo die Chaussee die Höhe des Pregelufers erreicht, liegt rechts „Louisenwahl“, links der dazu gehörige sogenannte „Busolt’sche Garten“, ein kleiner Park, der in seinem hinteren Theil jenen Bach aufnimmt, dessen Windungen ihm eine angenehme Abwechselung geben.

Das Haus selbst ist von Ziegeln gebaut, nur eine Etage hoch, nach der Vorderfronte zu mit einem drei Fenster breiten Ueberbau ohne jede architektonische Verzierung, übrigens mit einem verhältnißmäßig hohen Mansardendache versehen, nur mit Kalk abgeputzt und bisher nicht einmal durch eine Inschrift ausgezeichnet. Der hölzerne Vorbau ist kürzlich neu ergänzt, ungefähr in der Weise des älteren, nur etwas niedrigeren. Das Gewächshaus zur Seite ist ebenfalls neuern Ursprungs. Ohne eine Stufe steigen zu müssen, gelangt man durch die unter dem Balcon befindliche Mittelthür sogleich in die Wohnräume: ein kleines Gartenzimmer und zwei Stuben mit je zwei und einem Fenster zu beiden Seiten. Nach der Hofseite zu liegen noch einige Hinterzimmer neben Flur und Küche. Aus dem Mansardenstübchen hat man eine hübsche Aussicht über das breite Pregelthal bis zum Frischen Haff. Alle Räume sind niedrig, kaum neun Fuß hoch, ohne Schmuck, ziemlich beschränkt – das Ganze sicher nur den bescheidensten Ansprüchen einer Familie genügend, die sich in bürgerliche Verhältnisse zu fügen genöthigt ist. Wie ein fürstliches Paar mit mehreren Kindern und der ganz unvermeidlichen Dienerschaft dort monatelang hausen konnte, erscheint uns fast unbegreiflich. Als man die Königin auf die

[507] Beschränktheit ihres Asyls aufmerksam machte, erwiderte sie lächelnd: „Ich habe gute Bücher, ein gutes Gewissen, ein gutes Pianoforte, und so kann man unter den Stürmen der Welt ruhiger leben, als diejenigen, welche diese Stürme erregen.“

Das Wohnhaus in Louisenwahl ist gegenwärtig eines der am wenigsten ansehnlichen auf den sogenannten Hufen (oder Huben). Anders freilich zu Anfang dieses Jahrhunderts. Damals führte noch hinter dem alten Steindammer Thor ein einfacher Landweg in ein langhingestrecktes Dorf hinein, von dem noch jetzt einige schwache Reste sichtbar sind.

Die Gartenlaube (1873) b 507.jpg

Louisenwahl bei Königsberg.
Für die Gartenlaube photographirt von A. Michalki.

Der Weg muß schlecht genug gewesen sein, denn es war die Anlage eines erhöhten Bohlensteiges seitwärts nöthig befunden worden, um ihn zu jeder Zeit gangbar zu erhalten. Auch seine Fortsetzung weiter in’s Samland hinein ließ viel zu wünschen übrig, wie die königliche Familie bei einer Ausfahrt nach dem kaum zwei Meilen entfernten, jetzt auf der Bahn in zehn Minuten erreichbaren Medenau zu ihrer großen Beschwerde erkennen mußte, da man vier Stunden brauchte, um an Ort und Stelle zu gelangen, und bei der Rückfahrt allerhand Malheur hatte, wie es ganz gewöhnlichen Sterblichen manchmal bei solchen „Vergnügungstouren“ begegnet. Das damals dem Regierungs- und Schulrath Busolt, einem großen Verehrer der Pestalozzischen Lehrmethode, gehörige Landhaus in „Hippel’s Garten“ war gewiß im Vergleich zu den Bauerhäuschen auf den Hufen ein ansehnlicher Bau zu nennen, und so wird die Wahl erklärlich.

Der Park auf der andern Seite der Landstraße galt damals jedenfalls für eine Königsberger Sehenswürdigkeit. Der berühmte Humorist Th. von Hippel, Verfasser der „Lebensläufe in aufsteigender Linie“, des Buches über die Ehe und des Lustspiels „Der Mann nach der Uhr“ hatte nach Erwerb des Grundstücks (dessen ursprünglicher Name „Pojentershof“ auf preußisch-heidnischen Besitz zu weisen scheint) dort einen „englischen Garten“ angelegt und ihn in seiner Weise mit sinnigen Anlagen versehen. Die eine Partie ahmte einen Kirchhof nach, der mit Leichensteinen, Schädeln, aufgeworfenen Hügeln und Grabesblumen besät war. Vorn stand auf einer Steinplatte: „Ich, du, er, wir, ihr, sie.“ In der Mitte dieses Todtenackers las man auf einem Steine:

Hier ist all’ Eines,
Herr und sein Knecht,
Großes und Kleines,
Adel und Schlecht.
Und so auch droben
im Himmelreich.
Unten und oben
ist alles gleich.
Glückliches Leben
ohn’ Mein und Dein!
Lern’, Wandrer, streben,
Deß werth zu sein.

An dem Anfange eines langen Ganges im Garten stand auf der Seite an einem Baume:

Dies Leben ist ein Gang,
Er sei kurz oder lang,
In beiden Fällen Dank.

An einer Stelle, wo drei Wege, der eine in die Tiefe des [508] Waldes, der andere höher hinauf, der dritte über eine Brücke führen, stand Dies:

Verliebte gehn im Thal,
Und Denker suchen Höhen;
Die Wahl hat ihre Qual,
Wir gehen, wo wir gehen.

Der König hatte sich eine Bank an einem tiefbeschatteten Gange gewählt, von der in’s Thal hinab es nur eine durch das Laub hoher Bäume gestattete Ansicht giebt, recht geeignet, den dunkeln Gängen des Schicksals nachzusinnen, die dieser hohe Herr zu machen hatte; die Königin dagegen einen sonnigen Hügel, mit Rosen aller Art bepflanzt, neben einer Wand hoher Bäume, von dem eine reizende Aussicht nach dem im Abendlichte glänzenden Frischen Haff dem Auge geöffnet ist. Die königlichen Kinder ergötzten sich an dem Bache und den verschiedenen Quellen im Garten, die Steine und Dendriten mit sich führten.

Während dieses Aufenthaltes im Busolt’schen Garten studirte die Königin mit großem Eifer die Vorlesungen des damaligen Professors Süvern zu Königsberg über die allgemeine Geschichte des neuern Europa, von welchen ihr der Kriegsrath Scheffner, der durch seine Selbstbiographie auch in weiteren Kreisen bekannt geworden ist, eine Abschrift verschafft hatte. Die Königin bewies bei der Beurtheilung der einzelnen Geschichtsmomente einen seltenen Scharfsinn und in der Unbefangenheit ihrer oft sehr kindlichen Fragen eine unwiderstehliche Liebenswürdigkeit. In allen ihren Ansichten über die Geschichte und den Briefen an Scheffner trat ihr deutscher Sinn und ihre Vorliebe für germanisches Wesen sehr lebhaft hervor. Andererseits aber waren ihre Kenntnisse in der alten Geschichte sehr naiver Natur.

„Welche Kriege nennt man die punischen Kriege?“ fragte sie einmal. „Gingen sie alle gegen Carthago? Die Gracchischen Unruhen, welche sind die? Verzeihen Sie, Sie haben es mir aber erlaubt –“ und dann zum Schluß sagt sie: „Nun ist es wahrlich genug, und ich habe Sie schön mit Fragen belästigt. Fragt man aber nicht und schämt sich seiner Einfalt gegen Jeden, so bleibt man immer dumm, und ich hasse entsetzlich die Dummheit.“

Scheffner wußte, daß die Königin an Herzensbildung und Gesinnungstüchtigkeit weit über ihrer ganzen Umgebung stand, und hatte stets die größte Verehrung für sie. Aber von dem Hofleben im Ganzen gewann er den allerschlimmsten Eindruck. „Wer Hofdienerey, hohe und niedere, nicht aus Noth übernimmt,“ sagt er, „mit dem steht es entweder im Kopf oder im Herzen, oft in beyden, nicht ganz recht.“ Und an einer andern Stelle: „Einen Hof wünsch’ ich aber nicht wieder zu schauen, denn ich glaube, an einem, den man mir als einen vorzüglichen gerühmet, doch wahre Wesenlosigkeit bemerkt zu haben.“ Man merkte es auch seinem fortwährenden Drängen und Treiben in den Briefen an die Königin an, wie sehr er eine durchgreifende Aenderung, namentlich auch in der Erziehungsweise des Kronprinzen, für geboten hielt.

Alle diese Vorgänge liegen in Folge der Zusammenwirkung von mancherlei Umständen unserem Bewußtsein in so weiter Ferne, daß wir über uns selbst den Kopf schütteln möchten, wenn wir uns sagen, daß der jetzt regierende Kaiser ein Sohn jener Königin Luise ist, um die sich bereits längst eine Art von Mythos gebildet hat. Das Jahr 1848 hat so tief in unsere Geschichte eingeschnitten, daß alles Vor und Nach wie durch eine weite Kluft getrennt ist. Seitdem ist wieder schon ein Viertel-Jahrhundert verflossen, und damals war die geliebte Königin schon achtunddreißig Jahre todt. Sie erlebte nicht einmal den Befreiungskrieg gegen Frankreich, das dann drei Dynastien gewechselt und zum zweiten Male eine republikanische Regierungsform angenommen hat, nachdem es in einem neuen Kampfe gegen Deutschland unterlegen. Deutschland aber hat den endlos langweiligen Deutschen Bund überwunden und sich nach so vielen vergeblichen Versuchen, zu einer Constitution zu gelangen, vor den Thoren von Paris einen Kaiser gegeben. Und Luise, die hohe Frau, die im Mausoleum zu Charlottenburg unter ihrem wunderbar schönen Marmorbilde begraben liegt, ist seine Mutter. Als sie starb, war Wilhelm dreizehn Jahre alt. In einem Briefe, den sie nicht lange vor ihrem Tode an ihren Vater schrieb, sagte sie: „Unsere Kinder sind unsere Schätze, und unsere Augen ruhen voll Zufriedenheit auf ihnen.“ Sie schilderte dann den Kronprinzen und fährt fort: „Unser Sohn Wilhelm wird, wenn mich nicht Alles trügt, wie sein Vater, einfach, bieder und verständig.“ Sie hat sich nicht getäuscht; aber mit diesen Eigenschaften allein wäre er doch nicht der „Kaiser Wilhelm“ geworden. Er war nur in diesen „wie sein Vater“; freilich hätte seine Mutter eine Seherin sein müssen, um zu rathen, was ihm bestimmt war, zu erreichen.

Der Kaiser hat im vorigen Jahre Luisenwahl angekauft. Auf dem Lieblingsplätzchen der Königin Luise wurde im Juni 1871 eine Friedenslinde gepflanzt. Sie hat kräftig Wurzel geschlagen, und am letzten 2. September, dem Tage bei Sedan, ist sie Zeuge eines wahrhaften Volksfestes gewesen. Damals wurde auch der Grundstein zu einer würdigen Einfriedigung gelegt, deren Kosten durch Beiträge der Bürger aufgebracht wurden. Als Kaiser Wilhelm kürzlich auf der Reise nach Petersburg in Königsberg rastete und den Busolt’schen Garten besichtigte, machte er dem Comité das Versprechen, ein Standbild der Königin Luise zur Aufstellung auf diesem steinernen Unterbau zu schenken. Es kann keine sinnigere Stelle finden, als auf dem Platze, den die um die Zukunft ihres Volkes tief bekümmerte Königin durch ihre Thränen geweiht hat, und unter dem Schatten der Linde, die zum Andenken an den ruhmreichsten Frieden der deutschen Nation gepflanzt ist.
E. W.




Zur Erinnerung an Wolfgang Müller von Königswinter.
Von Adolf Ebeling.


Es war in Paris, im Frühjahre 1869, als mir eines Morgens ein kleines Postpaket gebracht wurde, das, von einem freundlichen Briefe begleitet, ein Buch und zwar eine Gedichtsammlung enthielt, unter dem Titel „Loreley, rheinisches Sagenbuch von Wolfgang Müller von Königswinter“. Diese Sendung wurde durch den Umstand erklärt, daß ich die Redaction des „Düsseldorfer Künstler-Albums“ übernommen, die früher mehrere Jahre lang in den Händen Müller’s gewesen, und daß ich mich an ihn wegen mancher nöthigen Auskunft gewendet hatte. Diese „Loreley“ war mir wie ein herzlicher Gruß aus der Heimath, welcher ich so lange Zeit, wenn auch nicht entfremdet, so doch fern gewesen, und so war es mir eine doppelt willkommene Gabe. Ich machte auf den Blättern gewissermaßen eine Rheinreise im Geiste, denn auch den Rhein kannte ich damals noch nicht, und die brillanten Pariser Boulevards und Elyseischen Felder traten auf einmal ganz in den Hintergrund gegen die romantischen Ufer des heimischen Stromes, die der Dichter so anziehend und sinnig, so echt deutsch besang.

Im Herbste desselben Jahres, wo es mir endlich vergönnt war, zum ersten Male wieder nach Deutschland zu kommen, lernte ich auch Wolfgang Müller persönlich kennen und zwar in Düsseldorf, und was mir am interessantesten war, im Atelier eines jungen ungarischen Malers. Nun ist es auch wohl Dir, lieber Leser, schon manchmal im Leben ergangen, daß man sich von irgend einem Dichter oder Schriftsteller, oder sonst von einer bedeutenden Persönlichkeit, die man bis dahin nur aus ihren Werken oder durch Briefwechsel kannte, ein bestimmtes Bild im Voraus entwirft, das aber nur selten zutrifft, denn in der Regel ist das Original ganz anders. Mir wenigstens ist es schon oft passirt. Hier aber bei Wolfgang Müller war dies nicht der Fall, denn gerade so, oder doch ganz ähnlich, hatte ich ihn mir gedacht. Eine große, stattliche Figur, ausdrucksvolle kräftige Züge, in denen aber Wohlwollen und Güte vorherrschten, und dazu ein lebhafter, geistreicher Blick, treuherzig und offen – das konnte schon recht gut der Poet sein, der, am Rheine geboren, groß geworden war an den Ufern des herrlichen Stromes, der schon als Jüngling von Berg zu Thal, von Thal zu Berg an ihm entlang gepilgert war, hinauf und hinunter, und der bereits längst, bevor die laute Welt ihn kannte, gesungen hatte: „Wo ich bin, wo ich gehe – mein Herz ist am [509] Rhein!“ Dazu kam ein überaus mildes und wohlklingendes Organ, das fast dialektfrei war oder vom rheinischen Dialekt doch nur so viel besaß, um es recht gemüthlich zu machen.

Der ebenerwähnte ungarische Maler war kein anderer, als der schon im nächsten Jahre plötzlich so berühmt gewordene Michael Munkacsy, der indeß damals noch so gut wie ganz unbekannt war, den aber Wolfgang Müller, der in allen Düsseldorfer Ateliers aus- und einging, bereits entdeckt hatte, wie er mir sagte. Ich selbst hatte Munkacsy Tags zuvor in einer Gesellschaft zufällig kennen gelernt, eine Menge Fragen, die er in Bezug auf Paris an mich richtete, gern beantwortet und schließlich eine Einladung in sein Atelier angenommen, um sein großes Bild zu sehen, das er gerade im Begriff war, für den Pariser Salon zu vollenden.[1] Müller hatte hier das unleugbare Verdienst, zuerst in der Presse auf dies außergewöhnliche Talent aufmerksam gemacht und dadurch gewissermaßen dem Künstler Bahn gebrochen zu haben.

Auch ein Besuch mit dem Dichter in der Bildergalerie des jetzt abgebrannten Düsseldorfer Akademiegebäudes und in der städtischen Gemäldesammlung hatte für mich viel Lehrreiches und Interessantes, denn mein Cicerone war nicht nur ein kunstverständiger Kenner, sondern er besaß auch die glückliche Gabe einer leicht faßlichen Erklärung, die er stets mit humoristischen Details untermischte, zumal bei den Düsseldorfer Malern, von denen er die bedeutenderen fast sämmtlich zu seinen Freunden zählte. Schließlich mußte ich ihm noch meinen Besuch versprechen, wenn ich nach Köln käme, und ich ahnte damals nicht, daß dies so bald der Fall sein würde.

Das schmähliche Ausweisungsdecret, das beim Ausbruch des Krieges alle in Paris und Frankreich ansässigen Deutschen zwang, den französischen Boden schleunigst zu verlassen, traf auch mich und ich war froh, – denn ich war bis Ende August in Paris geblieben, – daß ich, wenn auch mit Zurücklassung fast meiner sämmtlichen Habe, so doch noch mit heiler Haut aus dem modernen Babylon herauskam. Was halfen mir nun alle meine schönen Schilderungen von Paris, in denen ich vielfach die Schattenseiten verschwiegen, um nur die Lichtseiten hervorzuheben … einfach todtgeschlagen hätten sie mich, wenn ich noch länger gezögert hätte, denn sie lauerten mir drei Tage und drei Nächte lang auf und erwiesen mir noch die zweideutige Ehre, mich für einen preußischen Spion zu halten – „Espion prussien“ stand wenigstens in großen Kreidebuchstaben an meiner Hausthür.

Ich wandte mich zuerst nach Köln, und als ich Müller wiedersah und ihm von meinen Fahrten und Nöthen erzählte, lächelte er bei aller aufrichtigen Theilnahme doch ein wenig und sagte: „Nun, das wird Sie schon von Ihrer Vorliebe für die ‚Große Nation‘ curiren; bleiben Sie jetzt nur hier am Rhein! Auch bei uns ist es schön.“

Wohl hatte er Recht, der rheinische Sänger, und die mir überall zu Theil gewordene herzliche und, nach guter alter Sitte, auch so gastliche Aufnahme ließ mich schnell mein kleines Leid vergessen; ja die Freundschaft biederer, würdiger Männer, und unter diesen stelle ich unsern Dichter in erster Reihe, war mir ein reicher Ersatz für das in Paris Verlorene.

Es war damals die Zeit der Kriegslieder, und Jeder, der nur jemals im Leben einen Vers gemacht, sattelte den Pegasus, schlecht und recht, wie es eben gehen wollte, und stimmte mit ein in den allgemeinen Chorus. Bei gar Vielen wurde aus dem heiligen Flügelpferde eine lahme Rosinante, aber der gute Wille war doch da und mußte für die That gelten … Poeten von Gottes Gnaden, wie Arndt, Körner und Schenkendorf, findet man eben nicht alle Tage, vollends nicht in unserer materiellen und börsen-speculativen Zeit. Nur einige wenige, unter den alten Geibel, Freiligrath, Hoffmann und Simrock, unter den neueren Gottschall, Traeger und Rittershaus und etwa noch ein halbes Dutzend anderer wirklicher Dichter, tauchten wie Sterne aus diesem Nebel hervor, und auch hier nimmt Wolfgang Müller einen Ehrenplatz ein. Kaum Einer hat wohl den Ton des Volksliedes so glücklich getroffen, wie er in seinen Liedern „Zum heiligen Krieg!“, und als die ersten Turcos und Zuaven, die anfangs so vielgefürchteten, als Kriegsgefangene nach Köln kamen, lachten wir herzlich über die armen Teufel und fanden die Müller’schen Verse sehr zutreffend:

„Die Turcos, die Schurkos, welch putziger Spaß!
Geschminkt ist die Stirne, die Wange, die Nas’ …“

Aber seine Kriegsmuse nahm auch einen höheren Schwung, und als er einst im heiteren Kreise (so heiter, wie man überhaupt damals sein konnte) ein Blatt aus der Tasche zog und uns das später so bekannt gewordene Lied vorlas, das er wenige Stunden vorher gedichtet:

„Wie glorreich glänzt der goldne Tag:
Aus blauer Luft ein Donnerschlag –
Und einig sind wir Alle!“

da war unser begeisterter Beifall gewiß ein wohlverdienter, denn er hatte uns völlig aus dem Herzen gesprochen. Deshalb theile ich auch nicht die Ansicht Mancher, die auch mehrfach in den jüngst erschienenen Nekrologen ausgesprochen wurde, daß nämlich Wolfgang Müller, nach dem bekannten Worte von dem Propheten, der nichts in seinem Vaterlande gilt, in seiner engeren rheinischen Heimath im Ganzen nur wenig Anerkennung gefunden. Im Gegentheil, am eigentlichen Rhein, wenigstens von Köln bis Mainz, war wohl kein Dichter populärer als er, und nach dem Bädeker (dieser natürlich obenan!) hatten wohl die meisten Rheinfahrer noch die Müller’sche „Loreley“ im Reisesack. Köln selbst freilich ist eine überaus prosaische Stadt … nichts für ungut, vielwerthe Colonia, aber man kann sehr ehrenhaft und liebenswürdig und auch sonst vortrefflich sein und dabei doch sehr prosaisch … und dort mag sich auch wohl unser Poet manchmal allein und unverstanden gefühlt haben. Aber diese Leere wurde ihm reichlich durch eine glückliche Häuslichkeit ersetzt, denn ihm war das seltene Loos geworden, nicht nur ein guter Dichter, sondern auch ein sehr vermögender Mann zu sein. Durch seine glänzende Heirath war er mit den ersten Familien der reichen Metropole verschwägert, und er hatte von jeher einen Kreis gebildeter Freunde zu geistiger Anregung um sich zu versammeln gewußt. Wurde es ihm aber zu eng in der dumpfen Stadt, so zog er mit den Seinigen auf und davon und zwar zumeist nach seiner eigentlichen und wahren Heimath, dem Siebengebirge, wo er in romantischer Villeggiatur heiter und sorgenlos ganz seiner Muse lebte. Jedesmal brachte er dann irgend eine größere poetische Arbeit mit zurück, und noch vor zwei Jahren gab er mir für das Düsseldorfer Künstler-Album seinen „Reiner von Bingen“, ein sinniges, echtpoetisches Schifferidyll, das nach dem allgemeinen Urtheil zu seinen besten dichterischen Schöpfungen gehört.

In seinem schönen Hause an der Apostelkirche zu Köln – der Sänger der Burgen und Ritterschlösser hatte sich selbst eine Art gothischer Burg gebaut – brachte er dann das Winterhalbjahr zu, immer beschäftigt und nach vielen Richtungen hin thätig, und immer Jeden freundlich empfangend, wenn man ihn auch, was gewiß oft der Fall war, in seiner stillen Muße störte. Bei seiner Vorliebe für die Gothik hatte er sich auch sein Arbeitszimmer in diesem Geschmack eingerichtet; ganz mittelalterlich, wie ich manchmal scherzend bemerkte, was er sich gefallen lassen mußte, obwohl er in seinem gesammten Denken und Streben nichts weniger als mittelalterlich gesinnt war. Dort saßen wir oft in heiteren, aber auch in ernsten Gesprächen, die hin und wieder sogar den Charakter einer sehr lebhaften Discussion annahmen. Der Dichter hatte nämlich ein Steckenpferd (welcher noch so bedeutende Mann hätte es nicht!), das aber zugleich seine Achillesferse war, obwohl er selbst es natürlich nicht eingestehen wollte; das war sein dramatischer Beruf. Müller hat als rheinischer Sänger so Werthvolles und Dauerndes geleistet und sich durch seine Sagen und Legenden und übrigen poetischen Arbeiten einen so unverwelklichen Kranz erworben, daß er gar nicht nöthig hatte, sich auf ein anderes Gebiet zu wagen, das ihm fremd war und fern lag, und für das er, um ein etwas triviales, aber zutreffendes Wort zu gebrauchen, [510] das Zeug nicht hatte. Da ich hier keine Charakteristik seiner Werke, sondern nur einige persönliche Reminiscenzen liefern will, so muß man mir schon die Motivirung dieser Behauptung erlassen; übrigens hat die gesammte, auch die wohlwollendste Kritik dies von jeher bestätigt. Sein kleiner günstig aufgenommener Scherz „Sie hat ihr Herz entdeckt“, dessen Grundgedanke noch dazu aus dem Französischen entnommen war, hatte ihn verblendet und auf diese irrige Bahn geleitet. In jüngster Zeit schrieb er sogenannte Tendenzdramen, in denen die religiösen Streitigkeiten den Hintergrund bildeten, so unter Anderen „In Bann und Acht“, die aber, so viel ich weiß, nie zur Aufführung gelangten. Ich rief ihm einst bei einer solchen Lectüre die bekannten Worte zu:

„Der Dichter steht auf einer höhern Warte,
Als auf der Zinne der Partei!“

Aber er wollte sie nicht gelten lassen. Es war eben sein Steckenpferd. Seinem liebenswürdigen, gemüthvollen Wesen that diese Richtung, Gottlob! keinen Eintrag; er behielt stets dasselbe warme Interesse für alles geistige Leben und Treiben und nahm vorzüglich regen Antheil an dem Streben und Ringen jüngerer Kunstgenossen, denen er vielfach mit Rath und That an die Hand ging.

Im vorigen Jahre ward ihm aber doch noch die Freude, sich wieder auf der Bühne zu sehen und noch dazu auf derjenigen seines eigenen Wohnortes. Er hatte nämlich den Prolog zur Eröffnung des neuen Kölner Stadttheaters verfaßt, der allgemein gefiel und dem Dichter sogar einen wiederholten Hervorruf eintrug. Die romantisch-lyrische Dichtung, Müller’s eigentliches Feld, war nicht allein den kölnischen Verhältnissen und Anschauungen sehr glücklich angepaßt, sondern hat auch an sich poetischen Werth und wird hoffentlich unter seinen nachgelassenen Werken eine Stelle finden.

Im Frühling dieses Jahres begann der sonst so kräftige Mann, dem man, seinem äußern Ansehen nach, noch wenigstens ein Vierteljahrhundert zugestanden hätte, zu kränkeln, und ein früheres Leberleiden trat auf’s Neue und mit einer solchen Hartnäckigkeit auf, daß man schon damals das Schlimmste befürchtete.

Um jene Zeit gastirte gerade Clara Ziegler auf der Kölner Bühne, von deren Auftreten er sich einen so großen Genuß versprochen hatte. Sein Platz, vornan in der obern Rangloge, war leer, während er sonst jeder dramatischen Vorstellung beiwohnte, und – ich weiß nicht, als ich hinaufschaute, überkam mich unwillkürlich eine trübe Ahnung, und die ernsten, hochtragischen Worte der Iphigenie waren nicht geeignet, dieselben zu verscheuchen. Tags darauf – es war zugleich mein letzter Besuch, – erzählte ich ihm von dem außerordentlichen Erfolge der Künstlerin und wie sie namentlich in dem Gebete:

„Du hast Wolken, gnädige Retterin,
Einzuhüllen unschuldig Verfolgte, …“

das gesammte Publicum zu enthusiastischem Applaus hingerissen hatte. Der Kranke hörte mit leuchtenden Augen zu, und über die bleichen Züge flog ein begeistertes Lächeln. Er hatte gerade Goethe’s Iphigenie immer so hoch gehalten. Von da an sah ich ihn nicht wieder, denn bei der steten Verschlimmerung seiner Krankheit wurde selbst seinen nächsten und besten Freunden, und ich, als der jüngere und erst später hinzugekommene, durfte auf diesen Titel keinen Anspruch machen, der Zutritt verwehrt. Erst im Mai stellte sich eine flüchtige Besserung ein, die ich zu einer Zuschrift benutzte, um ihn an sein Versprechen wegen eines Beitrages für das diesjährige Album zu erinnern. Ein kleines, „von seinem Bette aus“ mit Bleistift geschriebenes Briefchen vertröstete mich auf „bessere Zeiten“.

Da aber bald darauf der Zustand des Kranken sich wieder zu verschlimmern drohte, so hofften die Seinigen, vielleicht mehr als er selbst, obwohl auch er sich dahin sehnte, noch ein Letztes von einer Luft- und Ortsveränderung und beschlossen eine Uebersiedelung nach Neuenahr. Der Dichter des Rheins durfte nur inmitten seiner Berge und Burgen sterben. Noch einmal ließ er sich hinausfahren nach Remagen, als fühlte er sein nahes Ende und als wollte er Abschied nehmen von dem romantischen Thale mit seinen blühenden Rebengeländen, seinen bewaldeten Höhen und seinen stolzen Ruinen, die in unwandelbarer Schönheit hinabschauen auf die Menschen unter ihnen, die kommen und gehen und für die allein in dieser herrlichen Natur keines Bleibens ist. Dann legte er sich nieder und entschlummerte sanft. Seine Leiche wurde nach Köln gebracht und unter einem Blumenschmuck, wie man selten einen ähnlichen bei einem Begräbniß gesehen, zur Gruft bestattet. Und doch – ich hätte ihn lieber dort begraben gesehen, wo er gestorben, und zwar am Fuße des Siebengebirges, in seiner Geburtsstadt Königswinter … hoch über ihm in schwindelnder Höhe der Drachenfels, gegenüber der gewaltige Rolandsbogen, zu seinen Füßen das freundliche Nonnenwerth, und hinauf und hinunter der „breite, grüngoldige Strom“. Aber gleichviel! Winde und Wogen werden schon den Namen Wolfgang Müller und die Trauerkunde von seinem frühen Hinscheiden entlang tragen an den romantischen Ufern des majestätischen Rheines, und die Loreley wird in ihrem ewigen Klageliede jetzt auch seiner gedenken, als eines ihrer besten Söhne. Und wir, die Ueberlebenden, wollen ihm ein treues und ehrendes Andenken bewahren, denn Wolfgang Müller war nicht allein ein guter Mensch, sondern auch – was vielleicht die Mitwelt in seinem ganzen Umfange noch nicht anerkannt hat, was aber die Nachwelt lauter bestätigen wird – ein bedeutender, echt deutscher Dichter.




Blätter und Blüthen.


Die Harfe bei Sommerau. (Mit Abbildung, S. 499.) In der Gegend von Zittau – fünf Viertelstunden von dieser freundlichen Stadt entfernt – auf dem zur gräflich Einsiedel’schen Standesherrschaft Reibersdorf gehörigen Sommerauer Reviere birgt sich in grünem Waldesdunkel eine in ihrer Art, wo nicht einzig dastehende, so doch höchst seltene Naturmerkwürdigkeit, welche aber das Schicksal so mancher andern Merkwürdigkeit theilt, von den Umwohnenden wenig gekannt ober wenig beachtet zu werden, obgleich sie der allgemeinen Beachtung sehr wohl würdig ist.

Es ist diese Merkwürdigkeit eine Tanne mit sieben – eigentlich acht – Wipfeln, deshalb im Volksmunde gewöhnlich die „siebenwipflige Tanne“ genannt, vielfach aber auch mit dem poetischeren und sehr wohl verdienten Namen „Harfe“ belegt; denn gleich einer riesigen Harfe steigt sie empor, und die Hand, welche ihre Saiten rührt, ist die des Sturmes, wenn er durch die Waldung braust.

Diese Tanne steht auf dem bezeichneten Reviere unweit der böhmischen Grenze bei dem sogenannten „Buschhäuschen“, einem gräflichen Jagdhäuschen. Der Mutterstamm hat über der Wurzel zweihundertdreißig Centimeter Umfang. Ein Meter höher entspringt dem Mutterstamme der erste Stamm, der an seinem Ursprunge hundertsiebenunddreißig Centimeter Umfang besitzt und dann schlank und kraftvoll entwickelt bis zu einer Höhe von vierundzwanzig Meter emporstrebt. Der zweite Stamm ist niedrig geblieben und verdorrt, während der dritte und vierte Stamm gleich dem ersten kraftvolle Entwickelung zeigen. Dann folgt eine Stelle, an welcher – wie die vorhandenen Reste zeigen – ein gleichfalls wohlentwickelter Stamm emporstrebte, der aber verdorrte und vom Sturme abgebrochen wurde. Der sechste Stamm ist der kleinste in der Reihe. Von hier steigt der Mutterstamm, erst einen leichten, nach aufwärts gekrümmten Bogen bildend, dann gradlinig, wieder empor und bildet so den siebenten Wipfel. Dieser Theil des Mutterstammes hat in bedeutender Höhe, gleich einem Ornament an der Harfe, nach auswärts noch ein Stämmchen getrieben, welches den achten Wipfel bildet und das noch fortzuwachsen scheint, wenn anders der Mutterstamm bei seinem hohen Alter noch Kraft genug hat, alle ihm entsprossenen Stämme gleichmäßig zu nähren. Hingegen ist der erste Stamm, wie sein kahler Wipfel zeigt, leider in langsamem Absterben begriffen. Das Alter dieser Tanne wird auf hundertachtzig bis zweihundert Jahre geschätzt.

Bezüglich der Entstehung dieser Abnormität geht die Ansicht bewährter Forstleute dahin, daß der Stamm in seiner Jugend durch irgend einen Zufall – wahrscheinlich durch starke Schneelast – niedergedrückt wurde und der zu dichte Holzbestand in seiner Umgebung ihn hinderte, seine Aeste in naturgemäßer Weise auszubreiten, so daß nur die freistehenden Aeste fortwachsen konnten, die dann nach und nach zu förmlichen Stämmen sich ausbildeten, was bei der Tanne nicht so selten sein soll. Aber ein Exemplar, welches solche kraftvolle Entwickelung und Schönheit zeigt und dabei ein so hohes Alter erreichte wie unsere „Harfe“, gehört unbedingt zu den größten Seltenheiten; erfahrene Forstmänner und Reisende, die schon zahlreiche Reviere durchstreiften, versicherten einstimmig, noch nie etwas Aehnliches angetroffen zu haben.

Von Zittau aus ist der Besuch der „Harfe“ ein angenehmer Spaziergang über Groß-Poritsch (interessante Kunstziegelei) und Ullersdorf. Von dem „Buschhäuschen“ aus erreicht man in etwa zwanzig Minuten das hochgelegene böhmische Grenzdörfchen Kohlige und von da aus das dem Grafen Clam-Gallas gehörige hochromantische, wohlerhaltene Ritterschloß Grafenstein und weiterhin das Grenzstädtchen Grottau.

G. Berthold.



Verantwortlicher Redacteur Ernst Keil in Leipzig. – Verlag von Ernst Keil in Leipzig. – Druck von Alexander Wiede in Leipzig.

  1. „Der Abend vor der Hinrichtung eines Verbrechers in Ungarns“, welches Bild, wie sich gewiß manche meiner Leser erinnern, so außerordentliches Aufsehen in Paris machte, daß der kaum fünfundzwanzigjährige Künstler die große goldene Medaille dafür erhielt und dadurch sofort zum berühmten Manne und auf viele Jahre hinaus mit Bestellungen überhäuft wurde. Größeren Kreisen wurde dieses Bild mittels eines großen Holzschnittes und mit erklärendem Texte von Wolfgang Müller von Königswinter zuerst durch die Gartenlaube (Nr. 30. 1870) vorgeführt. Munkacsy hat sich jetzt dauernd in Paris niedergelassen, aber die Kritik, wenigstens der Düsseldorfer Schule, ist bereits sehr getheilt, weil seine weiteren Bilder nicht den gehegten großen Erwartungen entsprochen haben sollen.