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Autor: Verschiedene
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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
aus: Vorlage:none
Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum: 1873
Erscheinungsdatum: 1873
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: commons
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Die Gartenlaube (1873) 479.JPG
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Der Loder.

Eine Geschichte aus den bairischen Bergen.
Von Herman Schmid.
(Fortsetzung.)

„Du willst Spaß mit mir machen?“ fragte der alte Lindhamer.

„Fällt mir nicht ein. Hört nur zu,“ sagte Th’res, indem sie das Geschirr bei Seite stellte, „aber zuvor müßt Ihr mir versprechen, daß Ihr Euch nicht kränken und verzürnen wollt.“

„Was wird das wieder sein?“ murmelte der Alte bekümmert. „Nimmt denn das Kreuz und Elend noch kein End’?“

„Wer weiß! Wie ich aus dem Markt’ ’raus bin, ist mir der Herr Landrichter begegnet und hat mich angeredet. ‚Ist das nicht die Th’res vom Lindhamerhof?‘ hat er gesagt; ‚grüß’ mir den alten Schweden und sag’ ihm, es freut mich, daß ich ihm wieder ’was Gutes zu wissen machen kann. Wenn er will, kann er auf dem Lindhamerhof bleiben; der fremde Herr, der ihn gekauft hat, kommt vielleicht unter Jahr und Tag noch nicht; er hat dort, wo er daheim ist, ein großes Geschäft, von dem er sobald nicht los kommt …“

„Ja, wie soll denn das werden?“ fragte der Alte. „Warum hat er dann den Hof gekauft?“

„Das weiß ich nit,“ erwiderte Th’res. „Der Herr Landrichter hat mir nur soviel gesagt, daß der Herr mitunter viel reisen muß, und da ist er auch in unsere Gegend gekommen, und weil’s ihm da so viel gut g’fallen hat, hat er seinem Advocaten den Auftrag gegeben, wenn er ein schönes Gut fände, sollt’ er’s für ihn kaufen, und da hat ihm der Advocat so viel Schön’s von dem Lindhamerhof und so viel Gut’s von Euch geschrieben, und nun will er haben, Ihr sollt’ derweil’ auf dem Gut bleib’n, bis daß er selber kommt, und sollt für ihn wirthschaften und ich mit Euch.“

„So, so; das ist es also –“ sagte der Alte kopfschüttelnd, als sie inne hielt. „Das ist wohl gut gemeint, aber es ist nichts für mich – ich bin alt und blind und taug’ nimmer zum Wirthschaften und hernach …“

„Hernach? Ihr habt noch was sagen wollen?“

„Hernach – ich will’s nur ’raus sag’n, was ich mir denk’ … ich bin nit nur alt und blind, ich bin auch arm – aber lieber will ich alle Tage eine ungeschmalz’ne Wassersupp’n essen, als auf’m Lindhamerhof, wo meine Urahn’ln gehaust haben und wo ich Herr g’wesen bin, als Knecht oder Baumann ’rum gehn und um Lohn dienen –“

„I hab’ mir’s ’denkt, daß Ihr so sagen werdet,“ sagte Th’res seufzend, „und ich kann Euch nit Unrecht geben, wenn ich auch wollt’ … Ihr wollt also nit bleiben?“

„Nein; morgen kannst wieder hineingehn nach Aibling, kannst es dem Herrn Landrichter sagen und stift’st die Logie …“

„Das Eine hat’s nicht nothwendig,“ sagte Th’res wieder, „denn wenn auch der Herr nicht kommt, hat er doch einen guten Freund vorausg’schickt, so einen Werkführer oder was – der ist schon da und kommt schon heut’ Nachmittag auf den Hof. Er bringt Geld mit und hat schon Vieh eingekauft, das schönste, das in der ganzen Gegend zu haben gewesen ist – in einem Vierteljahr, hat er gesagt, soll kein Mensch mehr davon wissen, daß der Lindhamerhof auf der Gant gewesen ist.“

Der Alte hatte sich aufgerichtet; ein schwacher Freudenschimmer überleuchtete seine Züge.

„Hat er das gesagt?“ rief er. „Nachher soll’s ihm gut gehn, wer’s auch ist – wenn er’s so richtig im Sinn hat, nachher hab’ ich doch wenigstens den Trost, daß der Lindhamerhof nit zertrümmert und der schöne Wald nit niedergeschlagen wird. Was ist das auch Besonderes? Der Hof bleibt, der Bauer wechselt,“ setzte er mit einem Tone hinzu, der erkennen ließ, daß er kaum Athem genug hatte, das Wort hervorzubringen. „Es bleibt dabei,“ sagte er dann nach kleiner Pause, „morgen gehst Du in aller Früh; aber jetzt sag’ den Leuten drüben, was sie erfahren müssen! Es muß doch eine Stuben hergericht’ werden, wenn der Fremde kommt …“

„Das Hinübergehn nutzt nichts, Vater,“ sagte Th’res. „Es ist Niemand mehr drüben – der Dickel und die Bäuerin sind schon abgezogen …“

Der Greis zuckte zusammen; aber er hatte kein Wort des Bedauerns oder der Entrüstung, daß man gegangen war, ohne es ihn wissen zu lassen. „Dann ist’s freilich was Anderes,“ sagte er ruhig; „dann müssen wir, wenn wir auch nit Wirthschafter sein wollen, doch so thun – wenn der Mann kommt, muß er doch irgend wen finden – drum wirst schon so gut sein und herrichten müssen. Laß mich nur allein, ich brauch’ nichts und will nichts hören … Wenn der Fremde kommt, kannst mir’s ja sagen …“

Schweigend ging Th’res, das Unvermeidliche zu besorgen. Als der Alte gehört, daß die Thür in’s Schloß gefallen war, tastete er sich bis zu derselben hin und schob den Riegel vor – [480] er wollte allein sein mit sich selbst, mit seinem Unglück und der Selbstqual seiner Erinnerung.

Es ging schon stark gegen Abend; die Sonne war dem westlichen Hügelrande schon nahe und verbreitete jene Goldfluth um sich, welche für den andern Tag ihre Wiederkehr in gleicher Herrlichkeit verkündet, als Th’res wieder an die Thüre des Austraghauses pochte, den Alten anrief und ihm meldete, der Werkführer des neuen Herrn mit noch einem Gehülfen sei gekommen. Der Alte trat heraus; er konnte ihr Angesicht nicht erblicken, also auch die Erregung nicht gewahr werden, die auf ihren Zügen sichtbar ward, dennoch entging seinem geschärften Ohre nicht, daß ihre Stimme minder fest klang als sonst.

„Armer Narr,“ sagte er theilnehmend, „bist erschrocken darüber! Ich glaub’s wohl; aber schau mich an! Mich trifft’s doch wohl noch schwerer wie Dich, und mir soll’s doch Keins anmerken, wie hart’s mich ankommt, den Gang zu thun. Wo ist der Herr?“

„Sie haben Haus und Hof kaum angeschaut,“ erwiderte Th’res, „und sind gleich in den Stall, um das neue Vieh zu mustern, das vorhin gekommen ist – Ihr müßt ja das Geläut gehört haben. Dann ist der erste Gang zum Lindenbrünn’l gewesen. Der Eine von den Zweien kann kein Wort deutsch, aber der Andere kauderwälscht so was zusammen, daß man es halbwegs verstehen kann. Der hat gesagt, das wäre die Hauptsache – beim Brünn’l müßt’ man vor Allem nachschauen, wie’s damit stünd’; das wäre das Leben vom Lindhamerhof.“

„Der Mann versteht’s,“ murmelte der Alte, indem er Th’res folgte. „Komm mit! Ich will doch sehn, was sie thun, oder – hören wenigstens,“ fügte er, mit bitterem Scherz sich selbst berichtigend, hinzu. –

In der von den Lindenbäumen gebildeten weiten Runde war es bereits düster und dämmerig; auch die fast ganz entblätterten Aeste bildeten ein so dichtes Kronengewölbe, daß nur der lebhafte Schein der sinkenden Sonne noch einige Helle zu verbreiten vermochte. Die Fremden standen an dem Schachte, den man zu graben versucht hatte, und musterten mit Kennerblicken die Arbeit, wie die umherliegenden Werkstücke. Der Alte trat an Th’resens Hand näher, die sich hinter ihn stellte und so zurück hielt, daß der Fremde, den man als den Werkführer bezeichnete, sie nicht erblicken, wohl aber von ihr beobachtet werden konnte; die Vorsicht war jedoch unnöthig, denn der Fremde schien sie gar nicht zu beachten, und sah über sie hinweg, als ob sie gar nicht zugegen wäre. Sie hatte denselben bis jetzt nur aus der Ferne gesehen; aber bei seinem ersten Anblick hatte ein eigenthümliches Gefühl sie durchzuckt: es war ihr, als sei diese schlanke, kräftige Gestalt ihr nicht unbekannt; doch ebenso schnell, als er entstanden, hatte sie den Gedanken als eine Thorheit wieder verscheucht. Der Mann war ja völlig fremd, verstand nicht einmal Deutsch und sein Anzug zeigte, daß er aus einem ihr unbekannten, weit entfernten Lande komme. Er trug, wie sein Begleiter, einen kurzen, schwarzen Leibrock, enganliegende Beinkleider und Halbstiefelchen und auf dem Kopfe die hohe Pelzmütze mit Reiherfeder, wie sie die Juraten oder ungarischen Studenten zu tragen pflegen. Das Gesicht, soweit man es von fern und durch die Dämmerung erkennen konnte, war von dichten schwarzen Haaren und einem ungewöhnlich starten Barte beinahe völlig verdeckt und blaue Brillengläser machten es unmöglich, die dahinter verborgenen Augen zu erkennen. Der Gefährte sprach eifrig zu seinem Herrn; wenn auch die Sprache fremd klang, war doch zu erkennen, daß er ihm erklärte, daß die Sache mit dem Brunnen verkehrt angegriffen sei und daß an einem andern Orte der Versuch hätte gemacht werden sollen.

„Das sein nix,“ setzte er dann in gebrochenem Deutsch hinzu, um sich den Landleuten verständlich zu machen, die von den umliegenden Weilern und Häusern herbeigekommen waren, um den Fremden zu betrachten; denn das Gerücht dessen, was auf dem Lindhamerhof vorgehe, war schnell in die Nachbarschaft gedrungen. „Das sein ungeschickt. Ist das Wasser geradezu abgeleitet, wie absichtlich. Hätte man gesucht weiter oben, hätte man finden müssen den rechten Schacht.“

Der Alte nickte still Beifall. „Ja wohl,“ sagte er, „ich habe Einen gekannt, Herr, der hat dasselbe gesagt, aber man hat ihm nicht geglaubt.“

Beim ersten Laut aus dem Munde des Alten hatte der Fremde sich rasch gegen ihn umgewendet und Th’resens von ihm nicht weichendem Auge entging es nicht, daß er zusammenbebte und mit Gewalt an sich hielt; nur seinem Begleiter rief er ein paar Worte der Ueberraschung zu, aber so leise und flüchtig sie gesprochen waren und so fremdartig sie klangen, erweckten sie doch in Th’res einen Widerhall, über den sie sich nicht zu täuschen vermochte. „Die Stimm’“ … zitterte es wie ein Hauch von ihren Lippen, und wie ein Verdürstender, dem man erst einen Tropfen gereicht, beugte sie sich vor, um noch mehr von den Klängen zu schlürfen. Sie vernahm nichts mehr; der Gehülfe aber trat zu dem Alten und sagte:

„Kommt, Herr Pany – Vater – der Herr da sein Bruder von dem Herrn, was hat gekauft den Hof. … Er hat gehört von Euch daß Ihr seid ein braver Mann, und er möchte Euch geben die Hand.“

„O, gern, gern, mit Freuden,“ sagte der Greis und streckte die Hand aus. Im nächsten Augenblick hatte der Fremde sie ergriffen, drückte sie herzlich und warm, aber schweigend und eilte rasch hinweg, dem Gehülfen die Führung des Greises überlassend, der verwundert nach dem Entflohenen fragte.

„Kommt er gleich wieder,“ sagte dieser. „Wird ihm eingefallen sein Geschäft, wichtiges, das er nicht versäumen darf.“

Th’resens Zweifel und Schwanken war bei diesem Anblick in Gewißheit, ihre Besorgniß und Befürchtung in Freude übergegangen, und eine Fluth von Entzücken brach aus den lange zurückgehaltenen Tiefen des Herzens hervor. Sie gewahrte darüber kaum, daß ihr das Führeramt abgenommen war und die übrigen Anwesenden sich entfernt hatten, als es nichts mehr zu schauen und zu lauschen gab.

„Er ist’s! Er ist’s! – Wahrhaftig – es ist Wolf,“ murmelte sie, und wie ein Engelsflug gingen alle Gedanken der Freude und Hoffnung, alle dem Einen kleinen Worte entsprossen, durch ihre Seele. War es denn möglich? Der in Trauer Ersehnte, der heimlich Geliebte, der schon verloren Geglaubte war wieder da, und wie war er wiedergekommen! Er hatte den Hof um hohen Preis gekauft; er mußte also auch in der Fremde wacker geblieben sein, mußte fleißig gearbeitet und sich zu einem ansehnlichen Mann emporgeschwungen haben, und nun, im Augenblick des höchsten Leids, da war er wirklich wieder da! war als Retter und Helfer da, also ganz der Alte mit dem alten guten Herzen, und wollte unerkannt sehen, was daheim wohl noch beim Alten geblieben! Sie hob die blinkenden Augen zu dem verglimmenden Abendhimmel empor, voll Dankes wegen des Alten, dem nun, nach schwülem Gewittertage, noch ein schöner, wolkenfreier Lebensabend zu hoffen stund, voll Dankes für sich selbst, wenn auch zugleich mit der Lust ein bittres Weh ihr durch die Seele zuckte und sie fühlen machte, daß Wolf durch die mit ihm vorgegangene Veränderung ihr entfremdet und entrissen sein mußte; er war ein Anderer geworden, ein reicher weltgewandter Mann – sie war dasselbe arme, unscheinbare, einfältige Landmädchen geblieben, und zwischen ihm und ihr sah sie eine Kluft aufgethan, die alle Sehnsucht, alle Treue der Liebe nicht auszufüllen vermochte und in der ihr Glück unterging, wie die Sonne, die eben am Horizont versank.

Fußtritte rauschten durch das abgefallene dürre Laub und mahnten sie, daß es im Hause noch für sie zu thun gab. Sie wollte dahin, aber der Brunngraber-Sepp, der aus dem Gebüsch, das sich hinter den Lindenstämmen hinzog, unbeachtet hervorgeschlichen war, vertrat ihr den Weg.

„Du bist allein da?“ sagte er. „Hab’ ich mich also doch verspätet? Ich habe gehört, der fremde Käufer hat einen Tausendkünstler mitgebracht, der das Brunnengraben besser verstehen will, und ich hätte gern auch von seiner Gescheidtheit profitirt. Aber es ist Alles schon fort, wie ich seh’. Meinetwegen! Ich werd’ das Kunststück noch früh genug erfahren, und es ist mir ganz recht, daß ich Dich allein antreff’, denn ich hab’ Dir was Besonderes zu sagen …“

„Geh’ mir aus dem Weg!“ sagte Th’res gelassen; „ich hab’ nichts mit Dir zu verkehren.“

„Ja ja, ich weiß schon, wie es mit uns Zweien ist,“ entgegnete Sepp roh, „Du willst nichts von mir wissen, wie ich nichts von Dir. Ich leugn’s nit; aber ich hab’ ein so gutes Herz, das es nit leid’t, daß Du in Dein Unglück rennst, drum will ich Dir helfen …“

[481] „Ich brauch’ keine Hülf’,“ erwiderte Th’res. „Laß mich meiner Wege geh’n, sag’ ich! Was hast, daß D’ Dich so vor mich hinstellst? Ich glaub’ gar, Du hast getrunken.“

„Getrunken?“ rief Sepp wild. „Na, das hab’ ich nit, aber g’laufen bin ich, wie ein Hund; hab’ wohl in der Eil’ einen Krug Bier hinein gestürzt, aber das ist mir nit in den Kopf gestiegen, denn ich weiß noch recht gut, was ich will. Was ich hab’, hast Du gefragt? Einen Zorn hab’ ich, daß ich den Nächsten Besten, der mit mir anbinden will, bei der Gurgel packen und in der Luft erwürgen könnt’. Der Dickl, der Hallunk, hat mich zum Narren gehabt. Er ist mir Geld schuldig und hat versprochen, er zahlt mich, wenn er das bekommt, was ihn vom Hof ’raus trifft. Heut’ hat er mich bestellt, daß ich mit ihm zu Gericht geh’n sollt’, wo die Auszahlung wär’, aber er hat einen andern Weg genommen und ist nit gekommen, und wie ich dann hinein bin nach Aibling, und hab’ einen kürzern Weg machen wollen, bin ich in’s Moor hineingerathen, daß ich bei einem Haar versunken wär’ … Bis ich mich dann mit Müh’ und Noth hab’ ’rausgearbeitet, ist’s zu spät gewesen, da war er mit dem Geld schon auf und davon – aber mir kommt er nit aus!“ murrte er, wie ein zähnefletschender Hund, – „mir nit! Der Brunnensepp weiß den Weg auch in’s Tirol zu finden.“

„Was geh’n mich Eure schlechten Händel an?“ rief Th’res. „Macht’s miteinander aus! Zum letzten Mal: geh’ mir aus dem Weg!“

„Gleich gleich! Nur nit gar so eilig! Hab’ Dir ja das Alles nur gesagt, weil Du’s hast wissen wollen … Jetzt will ich Dir aber auch sagen, was ich Neu’s erfahren hab’ und was Dich nah’ genug angeht …“

„Was wär’ das?“ fragte Th’res etwas gelassener, weil ihr die Vermuthung aufstieg, daß Wolf vielleicht auch von Sepp gesehen und erkannt sein könnte.

„Es ist nit mehr und nit weniger,“ sagte Sepp, „als daß ich das Mädel von den Seiltänzern aufgefunden hab’, dem der Wolf selbigsmal auf dem Aiblinger Markt zum Eiertanz aufgespielt hat. Weil doch kein Mensch seither von ihm ’was gehört hat und weil ich doch weiß, daß er Dir an’s Herz gewachsen ist, hab’ ich gedacht, es könnt’ Dir Freud’ machen, von ihm zu hören. „Sie hat mir Alles erzählt …“

„Und was wär das?“ fragte Th’res mit halbem Athem.

„Was sonst, als daß er sich in sie verliebt hat, und daß er eigentlich nur wegen ihr fort ist. Er hat sich mit der ganzen Bande auf’m Inn auf’s Schiff gesetzt, ist in’s Kaiserliche hinunter gefahr’n und auch Luftspringer und Seiltänzer ’worden und ’rumgezogen mit der Bande. Das Mädel aber hat er zum Narren gehabt, und wie er an ihr abgefressen gehabt hat, hat er sie in Noth und Elend sitzen lassen, und wahrscheinlich nit allein –“

„Das ist erlogen,“ stammelte Th’res, und dankte es der immer stärker einbrechenden Dämmerung, daß sie die Verwirrung verhüllte, welche die Nachricht in ihren Zügen hervorrief.

Im Gebüsch raschelte es; keines der Beiden achtete darauf.

„Erlogen?“ lachte Sepp. „Aha, möchtest Dir selbst was weis machen! Es nutzt Dich aber nichts: es ist Alles wahr, sag’ ich Dir. Ich kann zehn Juramente darauf ablegen. Wenn Du aber willst, kannst Du’s von der Landfahrerin selbst hören; sie ist da und kommt auf den Hof. Ich hab’ ihr selbst zugered’t, daß sie’s thut. Sie will ihm nachfragen und den Vogel aufsuchen, der ihr von der Leimruthe durchgebrannt ist – kannst sie selber fragen, wenn Du doch mir nit glaubst.“

Th’res erwiderte nichts mehr. So hoch das Entzücken über die Wiederkehr Wolf’s sie empor getragen, so tief war nun der Schmerz, in den wie in einen Abgrund sie die Gewißheit stürzte, daß er draußen auf seiner Wanderschaft wohl klug und reich, aber noch leichtsinniger geworden, als er gewesen – für diese Gewißheit zeugte noch mehr als die Zuversicht des Brunngrabers der Umstand, daß die Anwesenheit der Tänzerin, die doch unmöglich eine Erfindung des Sepp sein konnte, mit Wolf’s Ankunft zusammentraf. Es war klar, daß sie seine Spur verfolgt hatte, um die Rechte ihrer verrathenen Liebe geltend zu machen. Wäre Th’res allein gewesen, sie wäre neben der vertrockneten Quelle niedergesunken und hätte am liebsten den Quell des eigenen Lebens versiechen lassen wie diese. Sepp’s Anwesenheit bewahrte sie davor.

„Na, wo bläst denn jetzt der Wind her?“ rief er lachend. „Krieg’ ich keinen Botenlohn für meine Nachricht? Ich hätte ihn wohl verdient, mein’ ich. Jetzt wirst doch einsehen, daß ich’s gut mit Dir mein’, und wirst Dein Herz losmachen von dem Loder, der Dir im Weg steht bei Deinem Glück. Wie ist’s, soll ich das fremde Weibsbild rufen?“

„Es ist nit nöthig,“ sagte Th’res, sich aufraffend und mit abwehrender Geberde, „ich hab’ nichts mit ihr zu thun … Wenn sie kommt, will ich sie anhören, aber ich hab’ kein Recht, sie auszufragen, kein Recht, dem Wolf einen Vorwurf zu machen – ich gehör’ nit in’s Haus. Er ist nit mein Bruder und auch sonst nit verwandt mit mir oder so besonders gut freund gewesen, daß er mir eine Rechenschaft geben müßt’ … aber weil Du mir doch das Alles hinterbracht und mich eigens aufgesucht hast, sollst Du Deinen Botenlohn haben, Sepp – es ist der, daß ich Dir sag’, ich weiß jetzt, warum es mich allemal völlig kalt überlaufen hat, so oft Du mir begegnet bist; ich weiß, warum Du mich, obwohl ich Dir nie ein Leid’s gethan hab’, nie hast recht anschauen können – Dein Gewissen hat Dich geschlagen … vielleicht seh’ ich Einem gleich, von dem Du nit gern hören und den Du noch viel weniger sehen magst …“

„Du? Wer müßt’ das sein?“ fragte Sepp unsicher.

„Einer, den sie mit starren Augen und bleichem Todtengesicht aus einem Brunnen herauf gezogen haben, wo es ihn verschütt’ hat … mein Vater!“

„Jesus!“ rief Sepp auf und schlug die Hände vor die Augen, als habe er plötzlich den Todten erblickt.

„Du siehst,“ fuhr Th’res fort, „ich weiß jetzt Alles. Was Du für eine Schuld dabei auf Deiner Seele hast, ob’s Bosheit gewesen ist oder Leichtsinn, das mach’ mit unserm Herrgott aus – ich verzeih’ Dir’s. Vielleicht ist’s zu meinem Glück gewesen, daß Du meinen armen Vater in den Brunnen hinuntergelockt hast, weil ich dadurch auf den Lindhamerhof gekommen bin; aber das will ich hoffen, mir gehst Du in meinem Leben nimmer in den Füßen ’rum!“

Sie eilte weg; der Brunngraber dachte nicht daran, sie zu halten. Die unerwartete Beschuldigung hatte ihn so getroffen, daß er nur unsicher und langsam durch die Dunkelheit enteilte, öfter stehen bleibend und um sich blickend; er suchte die Tänzerin. „Sie hat doch versprochen, daß sie kommt,“ murrte er, „und ist doch ausgeblieben! Weibsbildervolk – es ist Eine wie die Andre!“

Er strich an dem Hofe vorüber. Dort war es schon still und dunkel geworden; nur das Licht im Zubauerhause zeigte, daß der Alte von den Fremden dorthin gebracht worden war. Sie selbst schienen bei dem neuangekommenen Vieh im Stalle zu sein, denn von dorther ließen sich Stimmen vernehmen. Im Hause waren die Fenster der ihnen zur Wohnung angewiesenen Gemächer ebenfalls noch dunkel – für den Herrn unter ihnen war Wolf’s ehemalige Kammer bestimmt.

Th’res war unter den Linden stehen geblieben; sie sah Sepp hinwegeilen und setzte sich auf eines der zerstreut umherliegenden Werkstücke – die völlige Dunkelheit des Orts war ihr geeignet, ungestört mit sich zu Rathe zu gehen und den Entschluß zu fassen, der gefaßt werden mußte. So schmerzlich ihr die Furcht und Besorgniß gewesen, den ihr entfremdeten Geliebten verlieren, ihm vielleicht selbst entsagen zu müssen, so war ihr doch die Gewißheit, die sich wie ein vergifteter Dolch in ihre Seele bohrte, noch peinvoller – die Gewißheit, daß der Mann, den ihre vertrauende Liebe gegen eine Welt vertheidigt, auf den sie wie auf einen Felsen Häuser gebaut hätte, ihre Zuversicht nun doch zu Schanden gemacht, daß sie nun doch einen Unwürdigen in ihm erkennen mußte. Mit jedem Augenblicke wurde es ihr wie ein wachsender Brand klarer und klarer, daß auch seine Rückkehr nichts war als ein Beweis seiner Gesinnung: leichtfertig und übermüthig, wie er gegangen, kam er wieder, sein altes Spiel fortzusetzen, nur um seinem Hochmuthe durch die erworbenen Schätze einen Triumph zu verschaffen und seine Feinde zu erniedrigen, unbekümmert um die blutenden Herzen, über die er als Sieger dahinschritt. Und auch mit ihr hatte er offenbar nichts Anderes im Sinne – aber in ihr wenigstens sollte er sich getäuscht haben! Sie wollte ihm zeigen, daß sie ihn durchschaue; gleich bei seiner Ankunft sollte er erkennen, daß sein Gewebe, so fein und heimlich er es auch [482] gesponnen und aufgestellt, doch auf den ersten Blick von einem einfachen unwissenden Bauernmädchen erkannt und zerrissen worden.

Aber wie sollte das geschehen? Es mußte ein einfaches Mittel sein, aber so bündig und bestimmt, daß es eine Mißdeutung nicht zuließ. Sinnend war sie endlich unter den Bäumen hervorgetreten und sah in den dämmernden Abendhimmel empor, der eben jetzt das ziehende Gewölk mit seinem letzten Purpur färbte, daß es seinen Schein in das Fenster von Wolf’s Kammer warf und die runden Scheiben erglühen machte. Mit dem aufschimmernden Lichte kam auch Th’res ein lösender Gedanke; raschen unhörbaren Schrittes näherte sie sich dem Austraghause. Die Thür desselben wie die der Stube waren offen. Der Alte hatte sich in die innere Kammer zurückgezogen. Mit Einem gewandten Griffe hatte sie die Cither von der Wand geholt und schritt lautlos aus dem Hause zum Hofe hinüber und in das Zimmer des Fremden. Mit flüchtigem Blicke durchmusterte sie das Gemach, ob Alles in Ordnung und nirgends Abhülfe nöthig sei; dann drückte sie die Cither schmerzlich an die Brust, küßte sie und legte sie neben Leuchter und Feuerzeug, daß er beim ersten Lichtstrahl ihrer gewahr werden mußte.

„B’hüt’ dich Gott – ich dank’ dir für die viele Freud’, die du mir gemacht hast,“ sagte sie mit stockender Stimme; „jetzt gehörst wieder daher – vielleicht hat er doch noch eine Freud’ an dir – da wird er dich gleich sehen und wird hernach schon wissen, was du zu bedeuten hast. Zum Aufheben hat er mir dich gegeben, und ich hab’ dich gut aufgehoben, du weißt es. Jetzt ist er selber wieder da; jetzt geb’ ich dich deinem Herrn wieder zurück – mich braucht er ja jetzt nicht mehr …“

Die Stimmen der Fremden vom Stalle her näherten sich und scheuchten sie abermals auf. Sie floh aus dem Hause und hörte im Fliehen, wie der Gehülfe sich darüber verwunderte, daß Niemand von den Angehörigen sich blicken lasse, um den neuen Herrn zu bedienen, ihm Abendimbiß und Herberge anzuweisen. „Sein sonderbare Leut’ in diesem Haus,“ sagte er, „kümmert sich Niemand um Herrschaft – aber halt, da huscht etwas Weißes wie ein Kleid oder wie ein Schurz durch die Dämmerung. Läuft das vor uns davon? Dann wollen wir’s gleich einholen und wissen, woran wir sind.“ Er wollte seinen Vorsatz ausführen und würde Th’res sicher eingeholt haben, wäre nicht im Hausgange eine Magd mit Licht erschienen, den Gästen zu bedeuten, daß die Mahlzeit für sie bereitet und sie beauftragt sei, sie dabei zu bedienen. Die Furcht, verfolgt zu werden, jagte Th’res bis an’s Brünnlein unter die Linden und darüber hinaus an den mit Gebüsch bewachsenen Hügelrand, der dort einen schönen, vor Wind geschützten und mit frischem, weichem Rasen begrünten Hag bildete, auf welchem die Mondsichel, die eben aus den Wolken brach, ihr helles Silberlicht so voll niedergoß, als hätte sie es darauf abgesehen, das liebliche Plätzchen in seiner ganzen Anmuth erscheinen zu lassen.

Th’res gewahrte das Alles nicht. In der Einsamkeit überkam sie das Leid, das sie in der letzten Stunde erfahren, mit neuer doppelter Wucht; sie knickte unter derselben zusammen und sank in’s Gras, um in einen Strom von Thränen auszubrechen. Die Arme gekreuzt und das Gesicht in ihnen verbergend, lag sie eine Zeitlang und mischte ihre Thränen in den Thau, mit dem der Abend bereits das Gras zu überhauchen begann.

Nach einer Weile erhob sie das Haupt und horchte halb aufgerichtet in die Abendstille hinaus; als nichts umher sich regte, sank sie wieder auf den Boden zurück; nach wenigen Augenblicken erhob sie sich wieder, um noch angestrengter zu lauschen.

„Was ist denn das?“ sagte sie für sich hin. „Es klingt und rauscht und braust mir in die Ohren, als wenn in der Fern’ ein Wagen rollt und der Wind durch die Blätter saust, und wenn ich horche, ist Alles wieder mäuschenstill. Es ist nichts,“ meinte sie, nachdem sie noch einmal mit angehaltenem Athem gelauscht, „es muß in mir selbst sein. Das Blut, glaub’ ich, summt mir in den Ohren und singt mir mein eigenes Elend vor. … O, ich wollt’, ich wär’ bei meinem armen Vater und dürfte mir gleich da mein Grab ausmessen, der Länge nach!“

Wieder warf sie sich auf den Rasen, richtete sich aber augenblicklich wieder auf.

„Das ist nichts um mich herum,“ sagte sie, gegen den Boden gewendet, „das ist ja unter mir in der Erde. Das rauscht und saust und gurgelt durcheinander, wie wenn’s Wasser wäre, das wallt und steigt und nicht ’raus kann. Herr Gott! wenn das vielleicht das Brünnl’ wär’, das verloren gegangen ist!“ …

Erschreckt sprang sie auf, sowohl wegen der Entdeckung, die sie gemacht, als auch weil der Mondenschein einen Schatten neben sie auf den Rasen gebreitet hatte; ein Mann trat zugleich aus den Linden hervor, und eine liebe, nur zu wohlbekannte Stimme rief ihren Namen. Ein Aufschrei der Ueberraschung entglitt ihr, in welchem Freude und Schmerz zusammenschmolzen wie die verschiedenen Metalle, die man zu einer Glocke nimmt, daß sie einen schöneren Klang bekomme; die eine Hand an das wildschlagende Herz, die andere an die fieberisch pochende Stirn gedrückt, rief sie laut: „Halt, wer da? Wer schleicht da ’rum wie ein Dieb in der Nacht?“

„Th’res!“ rief der Mann wieder, indem er näher trat, „ich bin’s – erschrick’ doch nit! Wie ich die Cither in meiner Stub’ gefunden hab’, hab’ ich sogleich gewußt, daß Du mich erkannt hast. Da hab’ ich nit bis zum Morgen warten können, Dich zu grüßen, und such’ Dich überall. Ich kann mich nit länger verstellen gegen Dich, und warum sollt’ ich auch? Jetzt ist ja nichts Heimliches mehr zwischen uns.“

„Das mein’ ich auch,“ entgegnete Th’res mit erzwungener Kälte. „Was wollen Sie von mir, Herr Lindhamer?“

„Th’res!“ rief er vorwurfsvoll hinwieder. „Wie red’st Du zu mir? Ich bin ja der Wolf, der sich so auf Dich gefreut, der sich keinen Tag niedergelegt hat, ohne an Dich zu denken, der die Stunden gezählt hat bis zu der, wo er Dich wiedersieht, und Du red’st so zu mir?“

„Wie sollt’ ich sonst? Ich red’, wie früher auch …“

„O, thu’ mir das nit an!“ rief Wolf herzlich. „Thu’ nit, als wenn Du nit wüßtest, wie ich gesinnt bin zu Dir! Wenn ich’s auch sonst nit erfahren hätt’ – in derselben Stund’, wo wir von einander gegangen sind, dort an der Rosenheimerstraß’ bei dem Muttergottesbild, dort ist mir das Licht aufgefangen, daß ich Dich gern hab’ und Du mich auch, Du kannst das so wenig vergessen haben, wie ich …“

„Es ist spät,“ unterbrach ihn Th’res. „Ich muß in’s Haus; es schickt sich auch nit, daß wir da so spät miteinander reden, Herr Lindhamer.“

„Th’res,“ rief Wolf, wild auffahrend wie früher, „tratz’ mich nit! Sag’ noch ’mal den Namen, und ich laß Alles liegen und stehen und geh’ noch einmal auf und davon, um gewiß nit wieder zu kommen. Was hast wider mich? Verdrießt’s Dich, daß ich Dir nie was hab’ wissen lassen von mir, oder daß ich mich nit selber zu erkennen gegeben hab’? Schau’, ich hab’s gut gemeint – ich hab’ geglaubt, ich hätt’s recht schön ausgedacht. In Ungarn bin ich so glücklich gewesen und hab’ auf einer großen Mühl’ gearbeitet, und wie ich mir so das Werk angeschaut hab’ – Du weißt ja, ich hab’ alleweil’ solche Basslereien gemacht –, da ist mir’s eingefallen, wie sich das Ding um Vieles verbessern ließ; ich hab’s aufgezeichnet. Der Herr hat’s darnach einrichten lassen, und weil’s eingeschlagen hat und hat gut gethan, hat er mich zum Werkführer gemacht und mir einen Theil vom Gewinn überlassen – ich bin nit reich ’worden, Th’res, aber so viel hab’ ich zusamm’gebracht, daß ich gerad’ zur rechten Zeit hab’ helfen können, daß ich den Lindhamerhof erhalten, meinen Vater in seine alten Tag’ trösten und Dich fragen kann, ob Du mein gehören willst. Hunderttausendmal hab’ ich’s mir ausgemalt in Gedanken, wie’s sein wird, wenn ich heim komme und wenn der Vater und alle Leut’ eingestehen müssen, daß ich Das nit bin, was sie mich geheißen haben , daß ich doch ein ordentlicher, richtiger Mensch bin. D’rum hab’ ich mich so verstellt und vermacht – vor Dir hätt’ ich mich freilich nit zu verbergen gebraucht. Du hast’s ja ohnehin niemals geglaubt.“

„Kann wohl sein,“ entgegnete Th’res mit schneidendem Tone; „aber es geschieht manchmal, daß man hinterher was einsieht, was man zuvor nit hat glauben wollen …“

„Th’res, was soll das heißen?“ rief Wolf. „Hab’ ich Dich recht verstanden? Weißt auch, was Du gesagt hast?“

„Ich weiß, was ich gesagt hab’, und Du hast mich auch

[483] 
Die Gartenlaube (1873) b 483.jpg

„Die Kirschen sind reif!“
Sommerbild von Knut Ekwall.

[484] ganz wohl verstanden,“ sagte Th’res. „Ich weiß jetzt, was ich damals nit geglaubt hab’ – Du kannst leicht geschickt und reich zurückgekommen sein, aber der Loder ist fertig!“

„Ich glaub’ wahrhaftig, mir träumt,“ sagte Wolf wie vernichtet.

„Ich wollt’, es wär’ so,“ entgegnete Th’res schmerzlich; „aber es ist leider Gottes wahr, Alles wahr – freilich nit so wie’s der Vater gemeint hat, aber noch viel ärger. Ich hab’ Dich damals nur für leichtsinnig gehalten, aber jetzt weiß ich’s und, wenn mir auch ’s Herz bricht, ich kann’s nit anders sagen als – Du bist schlecht!“

(Schluß folgt.)




Die Vierlande des Schwarzwaldes.


Ein heißer Wandertag lag hinter mir. Bei vierundzwanzig Grad Réaumur im Schatten war ich von Baden-Baden aus über den weitschauenden Mercuriusberg nach dem Städtchen Gernsbach hinabgestiegen, dort einen alten Freund zu besuchen, der seit Jahren schon seine Sommerfrische im tannenumgürteten Murgthale hält, und nun sollte es in der Abendkühle auf dem neuen Schienenwege über Rastatt und Oos wieder heimwärts gehen nach meinem zeitweiligen Asyle auf der stillen Seelach, von deren Waldhöhe das schöne Schloß des russischen Grafen Kreptowitsch über das baum- und wiesengrüne Gelände schimmert.

Der kleine Bahnhof an der Murg sah ziemlich öde aus – die Mehrzahl der vielen Sonntagsausflügler, denen ich an allen Ecken und Enden begegnet war, mochte wohl erst spätere Züge zur Rückfahrt benutzen wollen – über dem menschenleeren Perron aber lag ein eigenthümlicher, intensiver Wohlgeruch, ein Arom, als sei die Luft ringsum mit Ananasduft erfüllt. Verwundert spähte ich nach der Ursache der auffälligen Erscheinung, denn weder rechts noch links gewahrte ich etwas, das einer größeren Blumen- oder Fruchtanlage glich, da trat einer der Beamten, der mein Erstaunen bemerkt haben mußte, aus der Thür der Güterexpedition und winkte mich freundlich zu sich heran.

„Davon kommt’s,“ sagte er lächelnd, indem er auf eine Menge oben mit Leinwand verwahrter Körbe zeigte, welche fast den ganzen Raum des Zimmers in Beschlag nahmen. „Davon kommt’s; ’s sind lauter Erdbeeren, nichts als Garten- und Ananaserdbeeren, und das geht nun seit vierzehn Tagen schon alle Abende so, immer centnerweise. Sehen Sie, die spedire ich nach Stuttgart, jene nach Würzburg, die andern dort nach Deidesheim in der Pfalz.“

„Gartenerdbeeren?“ wiederholte ich zweifelnd. „Und hier aus Gernsbach?“

„Aus Gernsbach selber nicht,“ gab er mir zur Antwort, „aber ganz aus der Nähe, drüben von Staufenberg, ein halb Stündchen von hier. Da baut das ganze Dorf Erdbeeren auf dem Felde, wie man anderwärts Kartoffeln zieht; Morgen und Aecker hat’s da, wo nichts als Erdbeeren gepflanzt sind. Das sollten Sie sich einmal betrachten. Und schauen Sie nur, ’s kommt noch fortwährend neuer Zufluß.“

Ich folgte der Richtung, nach welcher sein erhobener Arm wies, und bemerkte wohl ein Dutzend Weiber und Mädchen, jedes mit einem ähnlichen Korbe auf dem Kopfe, wie die im Güterzimmer stehenden, die von Gernsbach her dem Bahnhofe zuschritten. Den Schluß der Gruppe bildete ein Mann in städtischer Sonntagskleidung.

„Das ist der Erdbeerkönig,“ scherzte der Beamte. „Der Herr Schullehrer von Staufenberg. Der verschickt des Sommers seine paar Hundert Centner Erdbeeren, eigenes und aufgekauftes Gewächs. Das tragt was ab, sollt’ ich meinen.“

Die süßen Lasten wurden vor dem Stationsgebäude niedergesetzt, die schon vorhandene Waare hinzugestellt, und der mir als würdiger Bildner dörflicher Jugend bezeichnete Herr ging mit den rothen Frachtbriefen in der Hand und dem Bleistift hinter dem Ohr geschäftig zwischen den nach ihren verschiedenen Bestimmungsorten gesonderten Körben umher, um zu inspiciren, ob deren Anzahl und Signatur mit den Angaben in den Verladungsdocumenten stimmten.

Die Sache begann mich höchlich zu interessiren. Felder voller großer Gartenerdbeeren, welche der Dampf centnerweise in die weite Welt hinaus entführte, das überstieg alle meine bisherigen pomologischen Vorstellungen. Was wollen dagegen die berühmten Vierlande an der Unterelbe bedeuten, die ihre süßen Erzeugnisse blos im Einzelnen und Kleinen durch das nahe Hamburg hausiren tragen lassen? Und sonderbar! In keinem der vielen Reisehandbücher und Touristenführer findet man dieser merkwürdigen Schwarzwaldproduction auch nur mit einem einzigen Worte Erwähnung gethan; keine Zeitung und keine Zeitschrift haben auf das in der That einzige Erdbeerland noch aufmerksam gemacht, ja von den fünfzig- bis sechzigtausend Fremden, welche Jahr aus Jahr ein das benachbarte Baden aufsuchen, sind es sicher nicht hundert, die von der Staufenberger Culturspecialität eine Ahnung besitzen, und nicht zehn, welche es der Mühe werth erachtet haben, davon Einsicht zu nehmen.

Sobald deshalb der erdbeerzüchtende Pädagog sein Versandgeschäft erledigt hatte, begrüßte ich ihn und drückte ihm meinen angelegentlichen Wunsch aus, von einer so interessanten und anmuthigen volkswirthschaftlichen und commerciellen Leistung des deutschen Vaterlandes, die mir bis dato eine völlig unbekannte gewesen sei, mich des Näheren zu unterrichten. Der Angesprochene, Böcherer ist der Name des verdienten Mannes, erfüllte meine Bitte auf das Bereitwilligste und Liebenswürdigste; er sowohl, als seine Frau, selbst eine der gedachten Korbträgerinnen, wetteiferten, mir all die Belehrung und Aufkärung zu ertheilen, die ich nur wünschen konnte.

„Aber, bester Herr,“ meinte Böcherer freundlich, „Sie müssen selber bald einmal zu uns nach Staufenberg kommen, mit eigenen Augen unsere Erdbeerplantagen betrachten und sehen, wie wir unsere würzigen Ernten gewinnen und zu ihren Eisenbahnreisen ausrüsten. Jetzt während des Heuens habe ich vierzehn Tage Ferien; da stehe ich Ihnen ganz zu Diensten. Nur, bitte, kommen Sie vor fünf Uhr Nachmittags, denn, so wie heute, muß ich noch Wochen lang Abend für Abend nach Gernsbach hinunter, um den Transport meiner Pfleglinge zu überwachen.“

Seine Gattin unterstützte die Einladung ihres Eheherrn mit aufrichtiger Herzlichkeit, und natürlich versprach ich mit Freuden, an einem der ersten halbwegs vom Wetter begünstigten Tage mich einstellen zu wollen. Während wir uns scheidend die Hände schüttelten, läutete die Glocke zur Abfahrt. „Auf demnächstiges Wiedersehen in Staufenberg also!“ rief mir das wackere Paar in’s Coupé nach, und zugleich mit den Erdbeeren dampfte ich aus dem Murgthale der Rheinebene zu – ich, um mich von Rastatt aufwärts zu wenden, die Erdbeeren, um von da aus in’s Unterland zu ziehen, gen Schwaben und Franken, nach der Pfalz und nach Hessen.

Erst Sonnabends darauf schnitt der Himmel zu meiner Forschungsexpedition ein leidlich gnädiges Gesicht. Durch prachtvolle Tannenbestände, wie sie in Deutschland nur der Schwarzwald und Thüringen noch aufzuweisen haben, marschiere ich meinem Ziele zu. Nach zwei recht sauren Stunden, während deren bald bergauf, bald bergab die armen Kniee arg in’s Gedränge kamen, lagen die beiden Staufenberg, das obere und das untere, mir zu Füßen, in einer tiefen Thalmulde, an deren steilen Rändern Rebpflanzungen, Erdbeer- und Gemüsebeete mit einander abwechselten. Unmittelbar unter mir zog sich ein ansehnlicher Hain von Edelkastanien die Schlucht hinunter, während Gruppen von mächtigen Wallnußbäumen ihr braungrünes Geblätter um die ländlichen Häuser beider Ortschaften woben. Das Ganze faßte ein wahrer Wald von Obstbäumen ein. Die südlich-milde Lage des Geländes springt dem Ankömmling somit auf den ersten Blick schon in’s Auge; eine gleich üppige Vegetation von Nuß- und Kästenlaub entsinne ich mich kaum an der vielgepriesenen Bergstraße gesehen zu haben. Denkt man sich dazu als Rahmen des Bildes die stattlichen Berge des Murgthales, zwischen denen die Bauten von Gernsbach heraufschimmern, und im Rücken die schroffe Waldwand [485] des Mercurs hinzu, so wird man begreifen, daß ich überrascht und gefesselt das vor mir entrollte Landschaftsgemälde überschaute. Weniger entzückt war ich von dem letzten Abstieg in den lieblichen Grund hinunter; auf Geisenpfaden mußte ich zwischen den Erdbeerbeeten und Weinhängen fast senkrecht zum Dorfe niederklettern.

Welcher herzige und süße, buchstäblich süße Empfang harrte dafür meiner im Schulhause! Zwar dieses selbst war augenblicklich in baulicher Erneuerung begriffen und dadurch eigentlich unbewohnbar, meine lieben Gastfreunde aber, denen ich mich angemeldet, hatten die Küche zum interimistischen Salon umgewandelt und ihre biedere Freundlichkeit ersetzte doppelt und dreifach, was sich darin von gewohnter Ausstattung und Bequemlichkeit allenfalls vermissen ließ.

„Willkommen im Erdbeerreviere!“ wiederholte der Lehrer, nachdem ich neben ihm und seiner Frau am Tische des improvisirten Gesellschaftsgemaches Platz genommen hatte; „herzlich willkommen in Staufenberg! Vorerst jedoch müssen Sie praktisch probiren, was wir hier am Fuße des einst dem alten Heidengotte heiligen Berges erzeugen. Ohnehin wird’s Ihnen gut thun nach den Anstrengungen der schweißkostenden Wanderung.“

Damit credenzte er mir nach der Reihe die auf einer Unterlage von Weinblättern in mehreren sauberen Glasschalen bereitgestellten Beeren, welche ein Arom aushauchten, wie die vereinigte Kunst sämmtlicher Parfumeure der Welt einen köstlichern Odeur nicht zusammen zu destilliren und zu mischen vermöchte.

„Sie haben hier,“ setzte er, mich zum Zulangen auffordernd, hinzu, „eine vollständige Sammlung der Beerensorten, die wir hier cultiviren. Es sind die beliebtesten der jetzt gezogenen Tafelerdbeeren; da die große rothe, daneben die sogenannte braune italienische, die gewöhnliche und die längliche große Ananaserdbeere, auch die edelste von allen, die Zimmeterdbeere. Diese dort ist’s auf dem kleinen Teller; sie sieht fast weiß aus und wird von den Nichtkennern leicht für unreif gehalten. Bitte, versuchen Sie nur! Hat sie nicht den zartesten Duft und den feinsten Geschmack? Aber trinken Sie auch ein Glas Wein! ’s ist ebenfalls Staufenberger Product, von der Schillergattung, doch ganz Natur, nicht eine Spur von Fabrication dabei!“

Und so letzte ich mich nach Herzenslust an den preiswürdigen Spenden des gesegneten Bodens, während das schulmeisterliche Ehepaar wetteiferte, meinen Wissensdurst in Bezug auf jene zu befriedigen.

„Wie ist man denn,“ frug ich zuvörderst, „gerade in dem abgelegenen, allen großen Städten der Menschen entrückten Staufenberg auf diesen besondern Culturzweig verfallen, da doch, so viel ich weiß, weder in Baden, noch in Gernsbach, noch in Rastatt, noch sonst in der Gegend ähnliche Bestrebungen wahrzunehmen sind?“

„Ja, sehen Sie,“ erwiderte Böcherer, „daran ist kein Anderer schuld als der Vater des jüngst verflossenen Kurfürsten von Hessen. Serenissimus besaß in Baden ausgedehnte Park- und Gartenanlagen, und aus diesen kamen nachweislich die ersten Setzlinge von Ananas- und frühreifenden rothen Erdbeeren nach unserm in jenen Tagen gar einsamen und armen Staufenberg. Der aristokratische Fremdling acclimatisirte sich trefflich in unseren gegen die rauhen Nord- und scharfen Ostwinde geschützten Bergen, und, ich möchte sagen, mit prophetischem Blicke nahm man alsbald einen feldmäßigen Anbau der neuen Pflanzen in Angriff. Heute ist in Ober- und Unterstaufenberg kaum noch eine Familie, die sich nicht mit der Erdbeerzucht befaßte, die schon seit fünfzehn Jahren im Großen betrieben wird und jetzt eine solche Ausdehnung gefunden hat, wie höchst wahrscheinlich auf keinem andern Punkte der Erde. Ohne uns der Uebertreibung schuldig zu machen, dürfen wir uns mithin berühmen, daß unser kleines Staufenberg, das, trotz seiner romantischen Umgebungen, trotz der Nachbarschaft von Baden-Baden und dem in jüngster Zeit so viel besuchten Gernsbach[WS 1], wie ich höre, nicht einmal in den speciellen Schwarzwaldführern figurirt, einzig dasteht in seiner Art. Und wahrhaftig! ich sollte doch glauben, unsere Eigenthümlichkeit wäre reizender und geschmackvoller Natur genug, um uns in der Leute Mund zu bringen,“ fügte er lächelnd hinzu.

„Ist denn Ihrer merkwürdigen Production in der That noch niemals öffentlich gedacht worden? In keinem Buche und keinem periodischen Blatte?“ frug ich.

„Nicht, daß ich wüßte,“ versetzte der Lehrer. „Zwar hat man mich aufgefordert, in einer landwirthschaftlichen Zeitschrift unseres Landes darüber Bericht zu erstatten; allein noch bin ich leider nicht dazu gelangt, dem Wunsche zu entsprechen. Die Zucht und der Vertrieb unserer Erdbeeren nehmen meine schulfreien Stunden viel zu sehr in Anspruch, als daß ich Zeit hätte, unsere Leistungen durch die Presse an’s Licht zu ziehen.“

„Meine Arbeit ist noch zehnmal größer als Deine, lieber Freund,“ fiel ihm die Gattin in’s Wort. „Denken Sie sich nur, jeden Morgen eile ich jetzt schon um drei Uhr aus dem Bett, denn die Erdbeeren müssen gepflückt werden, ehe die Sonne darauf fällt, sonst vertragen sie den Transport nicht, folglich entweder am frühesten Morgen oder am spätesten Abend. Und was ist dies Zupfen für ein entsetzlich mühsames Geschäft! Sie haben ja die steilen Gesenke gesehen, die man dabei auf- und abzuklettern hat. Und im Frühlinge erst das Ausjäten des Unkrauts! Gewiß, mancher Schweißtropfen rinnt uns die Stirn hinab, ehe wir die Körbe glücklich auf der Bahn haben. Schauen Sie nur meine Hände an, wie sie aufgesprungen und schwielig sind; das rührt Alles von den Erdbeeren her.“

„Aber die Plage lohnt sich, nicht wahr?“ entgegnete ich.

„Nun, ja,“ nahm der Mann wieder das Wort, „das läßt sich nicht leugnen. Vor zwanzig Jahren noch fristete unsere Gemeinde ein recht kümmerliches Dasein, und auch heute darf sie sich noch keineswegs unter die reichen zählen; ist doch der Grundbesitz des Einzelnen ein verhältnißmäßig sehr unbedeutender. Unsere zweihundert begüterten Bürger, wie wir in Baden sagen, haben zusammen ein Areal von nur vierhundert Morgen, von denen die wohlhabendsten höchstens acht bis zehn ihr eigen nennen. Doch nähren wir uns gegenwärtig recht erträglich und haben das angenehme Bewußtsein, noch im steten Aufsteigen begriffen zu sein. Das Alles danken wir jenem sonst so übel berufenen Monarchen der Hessen und seinen Erdbeeren. Und alljährlich mehrt sich die Zahl der Haushaltungen, die sich auf die Cultur der würzigen Frucht verlegen, und die Menge der Aecker, welche ihr eingeräumt werden. Gar mancher Bewohner Staufenbergs hat bereits mehr als einen Morgen Bodenfläche mit Erdbeeren bestellt.“

„Und wie hoch veranschlagt man den Ertrag eines solchen Erdbeermorgens?“ suchte ich mich weiter zu unterrichten.

„Im Durchschnitt,“ lautete die Antwort, „sechszehn bis zwanzig Centner im Werthe von je dreißig bis vierzig Gulden, nach Sorte und Qualität. Dieses Jahr bringen wir’s gar auf vierundzwanzig Centner pro Morgen, denn das in vielen anderen Beziehungen so ungünstige Regenjahr von 1873, das Sie und andere Herren Touristen sicher schier verzweifeln macht, ist für uns Erdbeerenbauern ein wahres Glücks- und Goldjahr, wie seit 1858 uns kein gleiches bescheert ward. Es scheint uns mit Zinsen vergüten zu wollen, was das böse Jahr 1872 versäumt hat.“

„Kommen dergleichen Mißernten in der Erdbeerzucht häufig vor?“ fragte ich.

„Gott sei Dank! im Ganzen sehr selten,“ entgegnete mein Gastfreund, „wenn wir selbst nur unsere Schuldigkeit thun, das heißt die Felder mehrere Male des Jahres von Unkraut reinigen, den Boden gehörig lockern und mit gutem Stalldünger befruchten. So behandelt, dauert die Erdbeere, von welcher wir gegenwärtig alle feinern Sorten zeitigen, auf einem Flächenraume von zusammen mindestens zwölf Morgen in der Regel ihre neun, ja zehn Jahre aus. Dazu kommt noch, daß sich gerade auf der Winterseite gelegene, für andere Anpflanzungen kaum taugliche und daher werthlose Grundstücke zur Erdbeerkultur als besonders geeignet erwiesen haben. An den südlichen Hängen reift die Beere nur früher und wird hierdurch für den Kleinverkauf einträglicher. Ja, ja, verehrter Herr, die Erdbeere ist unser Hort und Halt; sie hat in den fünfziger Jahren mehr als eine Familie Staufenbergs vom Untergange gerettet. Stoßen wir also an auf unsern süßen, duftenden, labenden kleinen Schutzgeist! Vivat, crescat, floreat!

Ich that von Herzen Bescheid und füllte meinen Teller mit einer neuen Dosis weißer Zimmetbeeren, deren Geschmack gewissermaßen an das Aetherische streift. Ohne Zweifel ist die [486] Ambrosia der alten Griechengötter aus diesen Beeren bereitet worden.

„Gestatten Sie mir nun noch eine Frage,“ hob ich wiederum an. „Nicht wahr, in Ihrer Hand concentrirt sich das gesammte Staufenberger Erdbeergeschäft? Sie sind Mittelsmann und Agent für das ganze obere und untere Dorf?“

„Keineswegs,“ erwiderte Böcherer. „Ist Ihnen nicht eine Schaar von Frauen und Kindern begegnet mit kleineren oder größeren Erdbeerkörben an den Armen oder auf dem Kopf? Sie alle führen ihre eigenen oder die Erzeugnisse ihrer Eltern auf den Markt, meist nach Baden, und besorgen den Detailhandel für eigene Rechnung und Gefahr. Außerdem aber haben wir hier eine Handelsgenossenschaft nach Schulze-Delitzsch’schen Principien, welche das Geschäft in’s Größere betreibt und ihre Waare ebenfalls mit der Eisenbahn bis nach Frankfurt am Main und weiter verschickt, namentlich jedoch den bekannten Curort Wildbad, drüben im Würtemberg’schen, mit Erdbeeren versorgt. Sie hat dort eine elegante Verkaufsbude etablirt, und alle Nächte tragen ihre Boten die am späten Abend frisch gepflückten Früchte auf dem Rücken durch die Waldberge an die Ufer der Enz hinüber, wo sie dann am andern Morgen auf der Promenade feilgeboten werden. Die Theilhaber dieser Association waren durchweg arme Leute, als sie ihre Gesellschaft gründeten; Keiner besaß mehr als ein paar Gulden im Vermögen. Heute sind sie, was wir hier, in unseren kleinen Verhältnissen, als wohlhabend zu bezeichnen pflegen.“

„Und Sie?“

„Ich darf mich, ohne unbescheiden zu sein, Ihnen als den bedeutendsten der Staufenberger Erdbeerproducenten und Händler vorstellen. Gleich den Mitgliedern der erwähnten Genossenschaft bebaue ich theils eigenes Land mit Erdbeeren, theils pachte ich in oder nach der Blüthezeit derart bepflanzte fremde Grundstücke, in guten Jahren wie heuer zu sechszig bis achtzig Gulden den Viertelmorgen, theils endlich, wenn ich die einlaufenden Aufträge von Karlsruhe, Rastatt, Straßburg etc. anderweit nicht ausführen kann, kaufe ich meinen Nachbarn die schon gepflückten Beeren selbst ab.“

„Kommen denn alle diese Massen von Beeren als Dessert auf die Tafel?“ frug ich, verwundert über dergleichen Ziffern.

„Nur der kleinste Theil davon,“ antwortete mein liebenswürdiger Wirth, „die meisten werden von den Conditoren und Fabrikanten conservirter Früchte bezogen und setzen eingesotten und eingezuckert dann ihre Weiterreise fort. Wer weiß, wer die schönen Zimmetbeeren verspeist, die meine Frau diesen Morgen hat pflücken lassen!“

Indem verkündete der Kukuk der landüblichen Schwarzwälder Uhr die sechste Stunde.

Eilig sprang ich auf.

„Kommen Sie!“ sagte ich, „es ist die höchste Zeit, wenn Sie mit dem Erträgniß Ihres heutigen Tagewerkes noch zur Bahn wollen. Kommen Sie! Ich begleite Sie nach der Stadt.“

Wir gingen die Treppe hinab; unten in einem großen Zimmer standen die zu befördernden Körbe auf langen Tafeln aufgepflanzt, daneben ihre Trägerinnen, die wohl schon ungeduldig des Aufbruchs geharrt haben mochten. Es war eine ansehnliche Zahl von Behältnissen verschiedener Größe, alle jedoch mehr flach als hoch; das kleinste enthält etwa acht, das größte nicht über zwanzig Pfund der aromatischen Waare, und jede einzelne Beerenschicht wird von der andern durch Lagen von Weinlaub getrennt.

Während wir durch die langgestreckte Gasse des Unterdorfes hinabwandelten, lenkte Böcherer meinen Blick noch einmal auf die steilen, streifenartigen Felder, welche zu beiden Seiten vom Orte höhwärts laufen. Meist sind Weinreben und Erdbeeren zusammengepflanzt; in der Regel wird die erstere indeß später ausgerodet, um so der letzteren Platz zu machen, weil der Anbau der Erdbeere einträglicher und insbesondere viel sicherer ist als derjenige des so vielen Chancen ausgesetzten Weinstocks. Hie und da kamen wir auch an Johannisbeeranlagen vorüber, die man gleicher Weise bereits im Großen begonnen hat, ohne von dieser Cultur indeß schon nennenswerthe Ergebnisse nachweisen zu können.

Im Pfeifer’schen Badhôtel zu Gernsbach sagte ich meinen Staufenbergern Dank und Lebewohl. Dann trat ich über Ebersteinschloß, von wo eben die letzten Wagen gen Baden abrollten, durch den bereits dämmernden Tannenforst meinen Rückweg in’s Oosthal an. Als ich, müde vom gestrigen Marsche, andern Tags später als gewöhnlich die Augen aufschlug, fielen sie auf ein Körbchen der erlesensten Zimmetbeeren – es war ein noch thaufrischer Morgengruß meiner Gastfreunde in den Vierlanden des Schwarzwaldes, jenem Staufenberg bei Rastatt, wie man den Ort auf der Erdbeerbörse benannt hat.
H. Scheube.




Federzeichnungen von der Wiener Weltausstellung.
1. Auf nach Wien.
Guter Rath für Ausstellungsreisende. – Wo man Wohnung nehmen soll, – was diese kostet. – Wie man fahren soll. – Wie kommt man am besten zur Weltausstellung? – „Fürs Niedersetzen“. – Der erste Rundgang. – Die beste Beförderungsweise in dem Ausstellungs-Palast. – Die Ausstellung für bildende Künste. – Von den Frühstücks- und Diners-Freuden und -Leiden. – Für alle Bedürfnisse gesorgt.

„Ich sage Dir, thu’ Geld in Deinen Beutel!“ Diesen Rath giebt der biedermännische Bösewicht Jago in Shakespeare’s Eifersuchtstragödie, diesen Rath wiederholt nun ein guter Freund in der Gartenlaube Jedem, der den verstaubten Koffer von der Bodenkammer herabholen läßt und sich im Buchladen das neueste Decker’sche Coursbuch kauft und darin die Route nach Wien studirt.

Es soll dies, wie bereits bemerkt, nur ein freundschaftlicher Rath, bei Leibe keine Abschreckung sein, im Gegentheil möchte ich Jedermann zu der Fahrt nach dem Ziele der modernen Völkerwanderung ermuthigen. Die Reise nach Wien zur Weltausstellung ist eine Weltfahrt. Die Weltausstellung, welche das ganze Gebiet des menschlichen Wissens und Könnens umfaßt, welche uns das menschliche Dasein auf seiner höchsten Culturhöhe, wie in seinen einfachsten Naturbedürfnissen vergegenwärtigt, welches uns die ganze Erde mit ihren Bewohnern und deren Erzeugnissen, Sitten und Gewohnheiten in einen engen Kreis zusammenzaubert, sie ist ein culturhistorisches Ereigniß, eine neue Offenbarung des Menschengeistes, eine Bereicherung des Wissens, ein Anblick, wie er dem lebenden Geschlechte gewiß nicht wieder geboten wird – darum auf nach Wien! Es mag das bei so Manchem kein leichter Entschluß sein. Die Gattin ist’s, die theure, die vielleicht, über die Sophalehne gebeugt, ihrem Eheherrn Einwendungen macht, von Gefahren spricht, die ihm drohen, während etwas aus seinem Blicke spricht, wie „Spiegelberg, ich kenne Dich!“

Welche Gefahren? Der Ehegatte kennt nur eine, nämlich die, daß ihm das Geld ausgehen kann. Diese Gefahr liegt allerdings bei einer Reise zu zwei viel näher, als wenn er sich allein auf den Weg machte. Aber damit er kein angsterfülltes Gemüth zu Hause zurücklasse, läßt der Gemahl statt des bestellten kleinen Handkoffers einen etwas größeren herabholen. Großes Gepäck macht jede Reise theuer. Eine einfache Frau hat an einem Hut, zwei Kleidern, Fußbekleidung zum Wechseln genug. Wäsche ist nur wenig nöthig; denn in Wien wird jedenfalls nicht schlechter gewaschen, als zu Hause; die Wiener Wäscherinnen oder auf Wienerisch „Putzerinnen“ stehen mit denen in Paris auf einer Stufe. Zwei Anzüge und ein Ueberzieher genügen für den Mann; es ist immer besser, das Portemonnaie ist schwer, als der Koffer, und so mit einem Handkoffer und einer Reisetasche begiebt sich ein vergnügtes Ehepaar auf die Wiener Weltausstellungsreise.

In dieser Jahreszeit möchte es sich von selbst empfehlen, die Nächte zur Reise zu verwenden und sich den geringen Mehrbetrag für die Schnell- und Courierzüge nicht verdrießen zu lassen. Man gewinnt an Zeit und reist mit größerer Annehmlichkeit.

[487] Dann nehme man sorglose Heiterkeit als Reisegefährtin in’s Coupé und fahre durch die üppigen Fluren und pittoresken Wald- und Gebirgspartien, an stattlichen Dörfern, Städten und reichen Abteien vorbei, der prächtigen Kaiserstadt zu, unbekümmert darum, wo man dort sein Haupt niederlegen wird. Dafür ist in ausreichendem Maße gesorgt und alle Gerüchte über Wohnungsnoth und Unerschwinglichkeit der Preise gehören in das Reich der Fabel.

Allerdings waren dieselben nicht ganz ohne Grund. Es giebt in Wien mehr als in anderen großen Hauptstädten ein Geschlecht von Hausknechten, die durch die Gunst des Schicksals zu Häuserbesitzern geworden sind, auf jedem Finger einen Brillantring tragen, in einem seidenen Schlafrocke zum Fenster herausschauen und dabei doch Hausknechte von Gesinnung geblieben sind, indem sie ein so großartiges internationales Unternehmen, wie die Weltausstellung, nur für ihre Privatinteressen ausbeuten wollten. Der österreichische Reichsrath hat für die Weltausstellung siebzehn Millionen bewilligt; auf dem ganzen Erdballe setzten sich unzählige geistige und materielle Kräfte in Bewegung; die edelsten Geister der Nation liehen dem großen Werke ihre Theilnahme oder ihre Arbeit – nur, damit die Wiener Hausknechte, jedes Gemeinsinnes bar, sich ihre Börsen spicken könnten. So dachte diese Sorte. Gegen diese gewissenlose Ausbeutung des Publicums erhob sich die gesammte Presse; noch energischer aber wurde sie durch die Ereignisse selbst für ihre niedrige Gesinnung bestraft. Vor Eröffnung der Ausstellung schienen sich die Elemente gegen „die Wiener Stadt“ verschworen zu haben, und die unheilvolle Börsenkatastrophe war ein zweites Memento, das denn doch endlich diesem Pöbel in das Herz dröhnte und die Verhältnisse auf ein wenigstens erträgliches Maß zurückdrängte. Darum während der Reise nur keine Sorge um eine Wohnung! Für Besucher der Ausstellung, die etwa sechs bis zehn Tage in Wien zu bleiben gedenken, möchte es sich empfehlen, ein Hôtel zu beziehen und zwar einen der Vorstadtgasthöfe, die sämmtlich gut gelegen und anständig eingerichtet sind. Die Communication mit der innern Stadt ist die bequemste. Ein einzelner Mann bekommt ein gut eingerichtetes Zimmer schon zu zwei bis drei Gulden. Ein Zimmer für zwei Personen möchte den Preis von vier bis fünf Gulden nicht übersteigen. Dabei ist man höchstens genöthigt, am Morgen den Kaffee zu nehmen, der überall in Wien vortrefflich ist; in Bezug auf die Mahlzeiten dagegen reflectirt der Wirth seinen Gästen gegenüber in keiner Weise. Freilich sind die großen Hôtels in der Stadt vorzugsweise für Leute eingerichtet, deren Morgen- und Abendgebet der Courszettel ist, die sich besinnen, ob sie einem Armen ein paar Groschen geben, denen es aber vollkommen gleichgültig ist, ob sie für ein Zimmer zehn oder dreißig Gulden täglich bezahlen. Für diese Reichthümler sind diese Andeutungen auch nicht gemacht; ich will, wie gesagt, mit meinen Erfahrungen nur Leuten von mittleren Lebensstellungen, wie unserem Ehepaare, dienen, dessen fröhliche Reiselaune durch Enttäuschungen nicht getrübt werden soll. Diesen möchte für einen Aufenthalt von zwölf Tagen an bis zu zwanzig oder dreißig zu einer Privatwohnung zu rathen sein.

Die Anstalten, welche die Weltausstellungscommission zu diesem Zwecke auf den Bahnhöfen und an den Landungsplätzen der Dampfschiffe eingerichtet hat, verdienen in jeder Beziehung das Vertrauen der Ankommenden. In den Bahnhofshallen sind die amtlichen Commissionäre an einer äußern Auszeichnung kenntlich, und auf Verlangen händigen sie Jedermann die Adresse einer den Wünschen und Bedürfnissen entsprechenden Wohnung ein. Man bekommt Zimmer schon von einem Gulden täglich an, deren Einrichtung für einen Reiseaufenthalt vollkommen ausreicht. Will man mehr ausgeben, etwa drei bis vier Gulden, dann befindet man sich schon in der günstigen Lage, aus einem Fenster der zweiten oder dritten Etage der Ringstraße, der schönsten Straße Wiens, auf das bunte und bewegte Treiben der Stadt hinabschauen zu können.

Bei ihrer Ankunft möchten unsere Reisenden auf die Art und Weise der Beförderung von Personen und Gepäck vom Bahnhofe nach dem Hôtel oder der Privatwohnung aufmerksam zu machen sein. Die meisten Hôtels haben ihre kleinen schnellfahrenden Omnibusse zu etwa acht Sitzen, deren Benutzung empfehlenswerth ist. Außerdem aber sind noch sogenannte Comfortables, Droschken mit einem Pferde, und Fiaker, Droschken mit einem Zweigespann, vorhanden. Der Frau Gemahlin wird es natürlich besser behagen, mit einem stolzen equipagenähnlichen Gefährt in die Stadt Wien einzufahren, als mit dem bescheidenen Comfortable – der Gatte prüft das Verzeichniß der Taxe, das im Wagen angebracht ist. Der Gefährtlenker steht dabei, blickt hohnlächelnd auf diese weise Vorsicht und bricht jedes weitere Studium der Zahlen mit der doppelten, dreifachen Forderung der gesetzmäßigen Taxe ab. Der Mann, der gern das Gelüste seiner Frau befriedigen möchte, zeigt mit einem „Aber“ auf den gedruckten Schein; eine kategorische Wiederholung der Forderung von Seite des Rosselenkers ist jedoch die Antwort. Die Anordnungen der Wiener Polizeibehörde für die Weltausstellung verdienen in jeder Hinsicht vollste Anerkennung. Der Reisende hat überall Schutz, wird nirgends durch das Vordrängen der Polizei belästigt; aber dem Piratenthum des Straßenfuhrwerks gegenüber ist sie machtlos. Das sind alte eingewurzelte Zustände, an denen das Publicum noch mehr Schuld hat, als die Ausübenden selbst; das hängt mit der ganzen Vergangenheit des Polizeistaates und mit dem dadurch entstandenen mangelnden Gefühl für Gesetzlichkeit zusammen. Am besten wird der Reisende thun, mit dem Comfortable oder Fiaker ein förmliches Abkommen zu treffen. Für einen Gulden wird man vom Comfortable, für den doppelten Betrag vom Fiaker an das Ziel der Wallfahrt gebracht werden.

Unser Ehepaar hat in seiner Wohnung der Ruhe gepflogen, durch Speise und Trank den ermatteten Körper gestärkt, und nun ist die nächste natürliche Frage: Wie kommt man zur Weltausstellung? Gewöhnlich sind Damen, namentlich wenn es ein ihnen erwünschtes Ziel gilt, rüstige Fußgängerinnen, aber nach den Anstrengungen der Reise möchte der Weg nach dem Prater, in dessen Mitte die Weltausstellung liegt, für Madame zu weit sein. Er erfordert vom Brennpunkte der Stadt, dem Stefansplatz, aus gerade eine Stunde Zeit, und um diese abzukürzen, sind unzählige Omnibusse, und als hauptsächliches Beförderungsmittel die „Tramway“ im Gange – zu deutsch: die Pferdebahn, aber diese gute deutsche Bezeichnung gebraucht ein echter Wiener nie mehr. Er würde sie am Ende gar nicht verstehen, und wenn man ihm endlich klar gemacht hätte, was darunter begriffen sein wollte, Einen auffordern, hübsch bei der deutschen Sprache zu bleiben und Tramway zu sagen. Für den ersten Besuch würde es vorzüglicher sein, entweder einen der Omnibusse zu nehmen, die auf dem Stefansplatze in Masse aufgefahren sind und an der Seite ein Schild mit der Aufschrift „Weltausstellung“ tragen, und mit diesem bis zum Praterstern, das heißt bis zum Eingang des Praters zu fahren, oder einen der Waggons der Pferdebahn zu benutzen, der ein Schild mit der Bezeichnung „Praterstaße“ führt und den Fahrgast ebenfalls zur bezeichneten Stelle bringt. Von da schlage man zu Fuß die schnurgerade große Praterallee ein. Die kleine Mühe eines Weges von etwa zwanzig Minuten an dem Aquarium, den drei großen Kaffeehäusern vorbei wird reichlich durch den großartigen Totaleindruck belohnt, den man von hier aus von der grandiösen Rotunde und der Ausdehnung des Weltausstellungsgebäudes nach Westen und nach Osten empfängt. Um über das Innere derselben nur einigermaßen einen Ueberblick zu gewinnen, sind drei bis vier Stunden erforderlich. Ohne einen Plan möchte es jedoch unmöglich sein, ein klares Bild der Grundlinie zu gewinnen. Der beste Führer ist derjenige, welchen die berühmte Kunsthandlung von Artraria und Comp. hat erscheinen lassen. Die sehr übersichtliche Karte kostet einen Gulden und ist der sicherste Geleiter durch diese complicirte Anlage, die sich dem Auge beim ersten Anblicke als ein Labyrinth darstellt; allmählich aber entwirrt sich der Knäuel, und die Linien stellen sich klar und leicht anschaulich dar. Die ganze Aufstellung ist nach Staaten, die Gegenstände sind nach Gruppen geordnet.

Man nehme die Richtung nach rechts durch die österreichische Abtheilung nach Ungarn, Rußland, dem Orient bis nach China, Japan und Siam und kehre dann in die Rotunde zurück. Madame wird müde sein und sich hier in der Rotunde auf einen der vielen aufgestellten eisernen Stühle niederlassen, sorglos und unbekümmert um die Schlange, die im Grase lauert. Diese erscheint in Gestalt einer Frau mit einem schmalen Buche, aus dem sie einen kleinen Zettel darreicht mit der Bemerkung: [488] „Achtzehn Kreuzer!“ – „Wofür?“ – „Für’s Niedersetzen.“ Madame schnellt entrüstet auf, aber der liebende Gatte drückt sie sanft nieder und bemerkt ihr, daß sie die Summe nun bis zum Schluß der Ausstellung Abends sieben Uhr absitzen könne. Es ist von dem Ehetyrannen eine kleine Malice. In der Rotunde hatte er an einem der Buffets Halt machen wollen, an dem reizende Wienerinnen serviren, aber die liebende Gattin zog ihn sanft hinweg unter dem Vorgeben, daß es hier zu theuer sei, und nun muß sie hier für den einfachen Sitz dasselbe bezahlen, wofür der Gatte am Buffet von den „feschen Schenkinnen“ noch ein Glas Bier obendrein erhalten hätte. So rächt sich die Eifersucht.

Links von der Rotunde kann unser Ehepaar seinen Rundgang fortsetzen, zuerst nach Deutschland, von da nach Belgien, Dänemark, Italien dann seinen Besuch abstatten, den Uebergang über die Alpen durch den Mont-Cenis machen, längere Zeit in Frankreich verweilen, dann dem Inselreiche jenseit des Canals seine Aufmerksamkeit zuwenden, und von da aus durch den Ocean die Republik der Vereinigten Staaten aufsuchen und mit Südamerika endigen – eine Reise durch die Culturländer der Gegenwart – eine Reise um die Welt in drei bis vier Stunden. Mehr als einmal wird es dem Gatten begegnen, seine bessere Hälfte mit leiser Gewalt von den Diamanten, Spitzen, den Möbeln, den Porcellanen und Krystallen Frankreichs und Englands hinwegzuziehen, während Madame wieder bei manchen Ausstellungsgegenständen Englands und Nordamerikas, die den Mann interessiren, ein discretes Gähnen nicht wird unterdrücken können. Es wäre nicht die erste eheliche Scene, die in den Räumen des Weltausstellungspalastes spielte, aber am Ausgang am Westportal pflegt der Friede wieder hergestellt zu sein. Von da hat man noch einen kurzen Weg, zu den Omnibussen zu gelangen, die auf Gesichtsweite am Platze aufgestellt sind und den Besucher der Weltausstellung nach dem Stefansplatze in der Stadt zurückbringen, falls dieser nicht vorziehen sollte, seinen Rückweg durch das Südportal zu nehmen, durch welches er eingetreten ist. Hier hat er in der langen Allee des sogenannten Nobelpraters das bunte und bewegte Leben und Treiben der eleganten Welt Wiens vor Augen. In der Allee fahren die eleganten Equipagen. Vor den Kaffeehäusern promenirt die schöne Welt oder sitzt auf Eisenstühlen spazieren. Aus den Gärten ertönt überall Musik, während man dem Westportale aus mit dem Omnibus mitten durch das eigentliche Volkstreiben Wiens, durch den sogenannten Wurstlprater dahinfährt. Ob elegant oder volksthümlich, Leben und Bewegung ist überall, und beide Wege gleich interessant, nur daß Madame bei dem Wege vom Südportal aus eine Strecke zu Fuß gehen muß, ehe sie vom Praterstern zum Omnibus oder zur Tramway gelangen kann. Aber die Toiletten des Nobelpraters werden sie vielleicht mehr fesseln, als die Schaubuden mit den Jongleurs und Feueressern des Wurstlpraters.

Die Sympathie des bescheidenen Portemonnaies, welche den Schreiber mit dem Gros der Leser der Gartenlaube verbindet, ermuthigt ihn, in seinen Ratschlägen zu weiteren Besuchen der Weltausstellung fortzufahren. Unbestritten der interessanteste Theil derselben ist die ethnographische Abtheilung, eine Vereinigung alles Dessen, was wir über Land und Leute in und außer Europa bereits wissen oder auch nicht wissen, jedenfalls aber kennen zu lernen nicht abgeneigt sind. Man kann die ganze Gruppe zwischen dem Südportale und der Rotunde, also von Westen bis Osten, etwa von der amerikanischen Restauration am Westeingange bis zum Ballon captif oder der Militärcaserne am Osteingange, mit einem zweiten Besuche abmachen, ebenso die Abtheilung zwischen dem Industriepalaste und der Maschinenhalle und diese selbst mit einem dritten Besuche absolviren, oder je nach Zeit mehrere Tage darauf verwenden – ich will hier nur die zweckmäßigste Beförderungsweise an die Hand geben. Will man die Wanderung vom Westportale an beginnen, dann nehme man einen der Omnibusse, die am Stefansplatze links an der Häuserreihe aufgefahren sind und die Aufschrift „Weltausstellung“ tragen; macht man dagegen den Anfang von der Ostseite, so erwarte man an der Ringstraße einen der Wagen der Pferdebahn, welcher die Tafel mit der Inschrift „Sofienbrücke“ führt; derselbe bringt den Fahrgast bis auf hundert Schritte an den Osteingang. Ebenso geschieht auch die Beförderung nach der Stadt zurück. Der Eintritt in die Weltausstellung kostet fünfzig Kreuzer, mit Ausnahme der Mittwoche und Sonnabende, wo das Entrée das Doppelte, einen Gulden beträgt. Doch kann man auf allen Post- und Eisenbahnämtern Abonnementskarten zu zehnmaligem Eintritt zu vier Gulden haben.

Natürlich können sich diese Fingerzeige nur auf Das beschränken, was Allen gemeinsam ist. Jeder Besucher der Weltausstellung bringt ein anderes Auge und einen andern Sinn mit. Diesen fesseln rein technische Interessen, den Andern nur ganz allgemeine. Eine Norm für den Besuch aufzustellen wäre völlig zwecklos und gliche jenem Jean Paul’schen Witze, der Testamentsclausel in den Flegeljahren, die der Judenschaft einen Sitz in der evangelischen Kirche vermacht. Jedermann wird bald von selbst finden, wohin er gehört und was für seine Zwecke und Liebhabereien zu sehen und zu preisen ersprießlich und amüsant ist. Nur für eine Abtheilung möchte ich jedem Besucher in seinem eigenen Interesse eine ganz bestimmte Weisung geben, ja eine Bitte an ihn richten, nämlich die, der Ausstellung für bildende Kunst und der Sammlung von historischen Kunstwerken, welche in den beiden sogenannten Pavillons des amateurs zu sehen sind, einen Tag – einen halben Tag – eine Stunde – aber nur einen dieser Abtheilung ausschließlich bestimmten Besuch zu schenken. Die Meisten begehen den großen Fehler, die Kunstwerke der Malerei und Bildhauerei nur so im Vorübergehen anzusehen, wenn sie von dem Anschauen der Tausende und aber Tausende dem materiellen Leben dienenden Gegenstände bereits müde und abgehetzt sind. Die Kunst, als die geistige Abklärung des rings in allen Factoren vertretenen materiellen Lebens, als die höchste Blüthe des Menschendaseins, hat ihr unbestrittenes Recht, hier vertreten zu sein, aber ihr Platz ist des Sonntags nach all’ dem Drang und aller Mühe der Werktage; sie verlangt eine gesammelte, erhöhte Stimmung. Man trete, wenn man von Farben, Marmor, Gestalten und Ideen gesättigt ist, hinaus unter die grünen rauschenden Bäume, man lasse die gehobene Stimmung in den Tonwellen des Strauß’schen Orchesters nachwirken, man kann sich selbst bei einer Tasse Kaffee oder einem Glase Marinata aus den Kirschenaugen der Italienerin Emilia in dem italienischen Café einen Blick holen, aber man verkürze der heiligen Kunst ihr Recht nicht! Sie so en passant abmachen, erscheint mir ebenso profanirend, als wenn die Wiener Frauen mit den gefüllten Gemüse- und Fleischkörben im Vorbeigehen in der Kirche schnell ihre Andacht abmachen.

Da aber der Mensch nicht allein vom Schauen lebt und mit diesem Worte eine gewisse Bewegung des Mundes in einem Reimverhältnisse steht, so dürften einige Andeutungen darüber unserm Ehepaare und den künftigen Besuchern der Weltausstellung nicht ohne Nutzen sein. Am praktischsten würde es wohl sein, um elf oder zwölf Uhr in der Stadt ein compactes zweites Frühstück mit Fleisch und Wein oder Bier zu nehmen und so wohlbewaffnet sich auf den Weg nach der Weltausstellung zu machen, dort bis fünf oder sechs Uhr des Abends zu bleiben und in der Stadt dann das Diner zu nehmen, wenn um diese Zeit in einem Wiener Gasthause oder einer Restauration überhaupt noch ein Mittagessen zu haben wäre. Im Essen und Trinken haben die Wiener den Bedürfnissen und Gewohnheiten der Fremden gar keine Concession gemacht; diese sind genöthigt, ihre Mahlzeiten nach dem Geschmacke und der Zeit der Einwohner von Wien einzurichten. Nur einige Restaurants machen eine Ausnahme, z. B. Sacher in der Kärnthnerstraße, bei dem man ein sehr gutes zweites Frühstück für anderthalb Gulden und ein Diner von drittehalb Gulden an bekommt, Alles so vorzüglich wie bei den Frères provençaux und um die Hälfte des Preises als bei diesen.

Unter diesen Umständen bleibt unseren Reisenden wohl nichts Anderes übrig, als im Kreise der Weltausstellung ihr Mittagsmahl zu halten. Für mittlere Ansprüche sind das Pilsener Bräuhaus, die Liesinger Bierhalle hart am Westeingange zu empfehlen; regen sich nach dem Mittagessen in Madame Gelüste nach einer Tasse Kaffee mit Kuchen, so kann die Schweizer-Conditorei ganz in der Nähe dieselben befriedigen. Befindet man sich am Osteingange, so möchte Sacher in der Kriau am rathsamsten sein. Wer höhere Ansprüche macht, wird bei den Elsässern hinter dem Industriepalaste ein [489] Couvert zu drittehalb Gülden finden. Wer aber damit noch nicht befriedigt ist, den gebe ich mit seinen Ansprüchen und seinem Portefeuille der russischen Restauration oder der Cita di Trieste und namentlich dem verführerischen Zelte der Frères provençaux preis – für den hat meine Berechnung, meine Fürsorge und selbst mein Mitleid ein Ende.

Für jedes Bedürfniß ist im Umfange der Weltausstellung gesorgt. Wenn der Gatte oder die Gattin Briefe schreiben wollen, unter den Gittergängen ist das Lesezimmer, dort ist Papier, Tinte und Feder, daneben gleich der Briefkästen. Will Madame an ihre Eltern oder Kinder über ihr Wohlbefinden telegraphiren, der Telegraph ist in der Nähe und datirt die Depesche von der Weltausstellung aus. Biegt man um die Ecke, dann deutet eine schwarze Hand nach einer stillen Gegend mit der discreten Ueberschrift „Damentoilette“. Hier kann Madame ihre Toilette, hier ihre Frisur in Ordnung bringen, hier – kurz, Alles für zwanzig Kreuzer und, wenn man den Waschtisch benutzt, die doppelte Taxe.

Um Gelegenheiten, die Börse zu ziehen, werden unsere Reisenden in keiner Weise verlegen sein. Wenn einer der Papiergulden in kleine Silberstücke umgewechselt ist, dann geht er auch wie flüssiges Kali durch die Hand. Und doch werden alle Ausgaben reichlich aufgewogen durch das, was dem Besucher Alles geboten wird. Eine Reise zur Weltausstellung ist ein Erforderniß moderner Bildung, eine deutsch-nationale Ehrensache und selbst bei den steigenden Preisen noch eine ökonomische Maßregel: man erspart eine Reise um die Welt, man macht einen praktischen Cursus über fremde Länder und Völker durch, man gewinnt so diese Anregungen und Ideen aus dieser Fülle des Herrlichen und Großartigen, wozu sich der Menschengeist seit Millionen von Jahren emporgerungen hat, daß aus voller Seele heraus mein Ruf in alle Geschäfts- und Studirstuben, in alle Werkstätten in Stadt und Land ergeht. „Auf, auf nach Wien!“ Nun erst ist der günstige Zeitpunkt für den Besuch der Weltausstellung gekommen, denn jetzt erst steht das grandiose Werk in seiner ganzen Vollständigkeit da, und darum werde ich von jetzt an auch erst meine Weltausstellungswanderungen für die Gartenlaube beginnen.

Georg Horn.


Der Modoc-Krieg.[1]
III.
Jefferson Davis im Lager bei den Lavabetten. – Entscheidende Mitwirkung der Warm-Spring-Indianer. – Flucht und Verfolgung der Modocs. – Der Rest der Rothhäute ergiebt sich. – Auch Jack streckt die Waffen. – Verurtheilung der Schuldigen. – Gegenbefehl von Washington. – Machinationen der „Friedenscommission“. – Grausamer Act der Volksjustiz.

Die am Schlusse des vorigen Artikels (Nr. 24 dieses Jahrgangs) ausgesprochenen Befürchtungen, daß sich der sogenannte Modoc-„Krieg“ in die Länge ziehen oder durch Anschluß anderer Stämme an die rebellischen Bravos in einen größeren Indianerkrieg ausarten könnte, haben sich zum Glück nicht erfüllt. Der Kampf ist durch die schließlich erfolgte Uebergabe Capitain Jack’s an die Truppen der Vereinigten Staaten und die Vernichtung oder Gefangennahme fast aller seiner Krieger für jetzt wenigstens beendet; die letzten Ereignisse, welche zu diesem Resultate führten, sollen in diesem Artikel den Lesern der Gartenlaube im Zusammenhange mitgetheilt werden.

Am 2. Mai war General Jefferson Davis, der an Canby’s Stelle zum speciellen Leiter der militärischen Operationen in Oregon ernannt worden war, im Lager bei den Lavabetten angekommen. Er fand die ganze Angelegenheit in einem keineswegs sehr erfreulichen Zustande. Die Truppen waren demoralisirt und muthlos; mochten nun die schon geschilderten eclatanten Niederlagen in den Lavabetten eine Folge des ungünstigen Terrains oder der Unbekanntschaft der Regulären mit solcher Indianerkriegsweise oder der Unfähigkeit der Officiere gewesen sein, sie hatten nun einmal die Soldaten muthlos und die Officiere rathlos gemacht. Vertrauen und Disciplin waren locker geworden. General Davis’ Ankunft schien neues Leben und neue Hoffnung in’s Lager zu bringen. Als tüchtiger und energischer Führer aus der Rebellion her bekannt, hatte er sogleich das Zutrauen der Leute auf seiner Seite. Die Folge zeigte bald, daß der rechte Mann an den rechten Platz gestellt war. Zunächst gab er den Truppen eine kurze Rast, um sich nach den unglücklichen und aufreibenden Gefechten in der Felsenwüste zu erholen und sich wieder gehörig zu sammeln; er benutzte diese Zeit, um die Soldaten mit der Kriegsweise der Indianer besser bekannt zu machen, und begann dann sehr vorsichtig Recognoscirungspartien auszusenden, theils um den gegenwärtigen Aufenthaltsort der Modocs aufzuspüren, theils um die noch nicht aufgefundenen Leichen der in den Lavabetten Gefallenen aufzusuchen und zu begraben. Man fand die Körper von acht Soldaten, die meisten auf die abscheulichste Art verstümmelt; Buschwerk war dann über sie geworfen und angezündet worden, so daß die halbverbrannten, von der Hitze schon sehr zerfetzten Leichen nicht mehr fortgeschafft werden konnten, sondern, so gut es eben ging, auf der Stelle, wo sie lagen, begraben werden mußten. Man traf bei diesen Nachforschungen auf keine Indianer und kam endlich zu der Ueberzeugung, daß dieselben die Lavabetten verlassen hatten. Wahrscheinlich hatte Wassermangel sie aus der unwirthlichen Felsenwüste hinausgetrieben und sie gezwungen, sich eine neue feste Stellung in den nahen unwegsamen Waldbergen zu suchen. General Davis’ Plan war jetzt schnell gefaßt und sogleich in’s Werk gesetzt. Er bestand einfach darin, die jetzt eher erreichbaren Indianer so lange ohne Ruhe und Rast von Ort zu Ort zu hetzen, bis sie entweder alle gefallen wären oder der Rest sich gefangen gäbe. Er theilte zu dem Zwecke sein aus ungefähr sechshundert Mann bestehendes Commando in mehrere Abtheilungen, die in verschiedenen Richtungen den Feind aufsuchen sollten. Wie schon früher erwähnt, befanden sich gegen hundert Warm-Spring-Indianer bei ihm, die als alte geschworene Feinde der Modocs ihre Hülfe angeboten hatten. Sie standen unter dem directen Befehle ihres Häuptlings Donald Mac Kay und hatten sich bisher schon sehr nützlich bewiesen. Davis erkannte ihre Wichtigkeit sogleich und rechnete in der That auf diese wilden Krieger mehr als auf seine Regulären. Und er verrechnete sich dabei nicht. Diese Warm-Springs haben den Kampf eigentlich zu einem so schnellen Ende gebracht; ohne sie würde die Jagd wohl heute noch fortgehen.

Ein Theil dieser Indianer war Capitain Hasbrook zugetheilt worden, der mit Cavallerie und leichter Artillerie die Gegend zwischen den Lavabetten und den nordwestlichen Waldbergen durchstreifte. Am Morgen des 10. Mai ertönte plötzlich das Kriegsgeschrei der Wilden vor seinem Lager; Capitain Jack, in General Canby’s Uniform gekleidet, sprengte mit etwa dreiunddreißig Modockriegern bis auf hundert Schritte heran und begann Salve auf Salve auf die Ueberraschten zu geben. Einige Soldaten fielen; Hasbrook sammelte seine Leute schnell und erwiderte das Feuer. Da sprengte Donald Mac Kay mit seinen Indianern, die etwas entfernt vom Lager gestanden hatten, herbei, und mit dem wilden Kriegsrufe der Warm-Springs ging’s den Modocs an den Leib. Jetzt begann die Hetze. Tapfer, wie die Modocs waren, der Schlachtruf ihrer alten Erbfeinde erschreckte sie; sie wandten sich zur Flucht, beständig verfolgt von den zur vollen Kampfwuth entflammten Stammverwandten, bis sie nach allen Richtungen in den unwegsamen Wäldern zersprengt waren. Ein Modoc blieb auf dem Kampfplatze liegen; sechs andere Gefallene, die schon auf Maulesel gepackt waren, wurden sammt diesen weggenommen; außerdem fielen den Verfolgenden über dreißig Pferde und Maulesel, sowie ein Theil geraubter Lebensmittel in die Hände. Jack mit seinen zersprengten Bravos [490] floh in die Mac-Lode-Berge, etwa fünfundzwanzig Meilen nordwestlich von seiner alten Felsenburg. Dies war der erste wirkliche Sieg seit Beginn dieses Miniaturkrieges, und würdig wurde er Abends im Lager gefeiert, besonders von den rothen Bundesgenossen, welche in den wildesten Tänzen und tollsten Triumphgesängen ihrer freudigen Stimmung Luft machten.

General Davis ordnete jetzt eine Verlegung des Hauptquartiers nach Fairchild’s Rancho, einer etwa zwanzig Meilen von den Lavabetten gelegenen Farm, an und befahl sämmtlichen Abtheilungen unablässige Verfolgung der flüchtigen Rothhäute. Daß sie in den dichtbewaldeten, felsigen Bergen nicht leicht aufzufinden und unschädlich zu machen seien, war vorauszusehen, zumal man sich von Jack und seinen Hauptkriegern noch eines letzten Verzweiflungskampfes zu versehen hatte; außerdem war das Operiren in der sehr wasserarmen und von giftigen Reptilien wimmelnden Wildniß bei der schnell zunehmenden Hitze gerade keine leichte Aufgabe. Hier leisteten die Warm-Springs wieder außerordentlich gute Dienste; mit ihrem unfehlbaren Indianerinstincte und ihrer angeborenen Schlauheit richteten sie unter diesen Verhältnissen mehr aus, als die zehnfache Zahl Regulärer ausgerichtet haben würde. Zunächst fanden sie die Fährte ihrer Feinde bald wieder auf und begannen die wilde Jagd auf’s Neue. Ueber eine Woche lang ging’s über Berg und Thal, durch Steinwüsten und Walddickichte, bei Tag und bei Nacht hinter dem schlauen Wild her, für die Weißen eine äußerst beschwerliche, oft furchtbar ermüdende Strapaze, für ihre rothen Alliirten, wie es schien, ein bloßes Kinderspiel. Wenn auf dem Kriegspfade, kennt der Indianer kaum mehr die gewöhnlichen Bedürfnisse des Lebens. Hunger und Durst achtet er nicht; Ermüdung kennt er nicht; nur Ein Gedanke beseelt ihn und treibt ihn unaufhaltsam vorwärts: Rache am Feinde zu nehmen, sein Blut zu sehen, seinen Scalp zu erbeuten. Endlich war die größere Anzahl des gehetzten Wildes gestellt. Noch ein letztes Mal versuchten die Modocs, Stand zu halten, aber vergebens. Von allen Seiten umringt, gaben sie den Kampf bald auf und retteten sich, so gut es gehen wollte, in die Waldschluchten der Berge.

Von verschiedenen Seiten wurden jetzt täglich Gefangene eingebracht, namentlich Weiber und Kinder, die sich meist in einem erbarmungswürdigen Zustande befanden. Von diesen erfuhr man, daß die Mehrzahl der Modocs des Kampfes herzlich überdrüssig sei und sich zu ergeben wünschte, mit Ausnahme Jack’s und einiger Krieger, die bis jetzt wenigstens lieber mit dem Messer in der Hand sterben wollten. Einige der gefangenen Weiber erboten sich, eine Partie Modocs, aus fünfzehn Kriegern und fünfzig Weibern und Kindern bestehend, deren Lager sie kannten, aufzusuchen und ihnen die Bedingungen General Davis’ mitzutheilen. Sie sprachen naiverweise noch von Friedensverhandlungen und verlangten, Davis solle eine Unterredung mit den rothen Wegelagerern halten. Dieser aber erklärte ihnen kurz und bündig, sie könnten hinausgehen, wenn sie wollten, und ihren Freunden mittheilen: daß, wenn sie nicht bis Freitag Mittag im Hauptquartier sein und ihre Waffen niederlegen würden, er jeden Modoc, der im Besitz eines Gewehres gefunden, auf der Stelle erschießen lassen würde.

Sie gingen und kehrten schon gegen Abend mit der erfreulichen Nachricht zurück, die Indianer seien ganz in der Nähe und bäten nur um eine Escorte, um sicher in’s Lager kommen zu können. Diese wurde ihnen auch bewilligt und den sehr kriegsfreudig erregten Warm-Springs das feierliche Versprechen abgenommen, sich bei dieser Gelegenheit nicht an den Scalps ihrer rothen Brüder zu versündigen. So schwer ihnen auch die Moral der weißen Kriegsführung einleuchten mochte, Mac Kay gab sein Wort, daß seine Leute sich ruhig verhalten würden.

Um sechs Uhr Nachmittags erscholl der Ruf im Lager: „Da kommen sie!“ Alles machte sich auf die Beine und eilte nach dem Höhenzug vor dem Lager, von dem aus der Zug der Anrückenden vortrefflich überblickt werden konnte. Langsam schlich die Procession heran; vorauf ritten die als Escorte entgegengeschickten Weißen, dann kamen in einiger Entfernung von diesen, als ob sie kaum nachkommen könnten, zwölf Männer und eine große Anzahl Weiber und Kinder, Alles in Allem dreiundsechszig Personen. Da waren „Bogus-Charley“, einer der vornehmsten Bravos, ferner „Dampfboot-Frank“, „der krausköpfige Doctor“ und andere Berühmtheiten zweiten Ranges, die meisten mit Stücken von Soldaten-Uniformen bekleidet, alle aber mit vortrefflichen Springfield-Büchsen bewaffnet. Die Weiber waren ebenfalls mit Fetzen civilisirter Kleidungsstücke behängt und sahen noch miserabler aus als die Männer; die Kinder gingen natürlich zumeist in Naturcostüm. Den traurigsten Anblick gewährten aber die unglücklichen Ponies der Bande; sie waren von der fortwährenden Hetzjagd bei wenig und schlechtem Futter dermaßen heruntergekommen, daß sie unter den auf ihnen hockenden Weibern und Kindern ihre abgezehrten Glieder kaum mehr fortzuschleppen vermochten. Wie ein Leichenzug bewegte sich die Gesellschaft in’s Lager hinein. Alles verharrte in stummem Schweigen, bis General Davis sich näherte. Da trat Bogus-Charley, ein athletisch gebauter, intelligent aussehender Krieger, der Englisch versteht und spricht, vor und schüttelte dem General die Hand; alle übrigen Krieger folgten seinem Beispiel.

Nachdem sie alle Waffen abgelegt, erklärte der General


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Uhland’s Geburtshaus in Tübingen.

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Uhland’s Wohnhaus in Tübingen.

[491] ihnen, sie würden jetzt ein Lager angewiesen bekommen; sollten sie aber den geringsten Versuch zur Flucht machen, so werde er sie ohne Weiteres niederschießen lassen. Die ganze jammervolle, halbverhungerte Schaar, die übrigens sehr wenig nach Fluchtversuchen aussah, begab sich auf den ihnen angewiesenen Lagerplatz und befand sich bei den ihnen zutheilten Rationen wahrscheinlich bedeutend besser, als dies während der letzten zwei Monate jemals der Fall gewesen war. Es fehlten jetzt, nach den Aussagen der Gefangenen selbst, noch etwa zwanzig Krieger, vor Allem der Räuberhauptmann Jack selbst, und ehe dieser sich in festem Gewahrsam befand, war die Affaire nicht als beendet anzusehen. Jack hatte nach dem Zusammentreffen mit Hasbrook das Vertrauen seiner Krieger ziemlich verloren; er hatte ihnen verheißen, sie würden die Kugeln wie die Enten das Wasser abschütteln; als aber mehrere Modocs das Experiment nicht so leicht fanden und die Kugeln so fest eindrangen, daß ihnen die Lust zum Schütteln verging, wurden die Uebrigen entrüstet und ein Theil weigerte sich, weiter zu kämpfen. Dies brachte Jack zu dem Entschluß, mit zwanzig treuen Kriegern und etwa fünfzig Weibern und Kindern nach den Schneebergen, südlich von den Lavabetten abzuziehen, während die Uebrigen, wie oben erzählt, sich ergaben.

Jack’s Aufenthalt mußte also jetzt entdeckt werden, und es dauerte auch nicht lange, bis die Warm-Spring-Spürhunde die richtige Fährte gefunden hatten. Oberst Perry’s Commando hatte die Ehre, diesen letzten und wichtigsten Fang zu machen. Nach kurzem Verfolgen der aufgefundenen Spur hatten die Warm-Spring das Modoc-Lager entdeckt. Perry ließ das Nest sogleich umzingeln; seine Leute waren fertig zum Gefecht. Da sprang plötzlich ein Modoc hinter einem Felsen hervor, ein weißes Tuch in der Hand schwingend, und rief einem der ihm entgegengeschickten Indianer zu, Jack wolle sich ergeben.

Drei Mann wurden abgeschickt, um ihm zu begegnen. Sie gingen auf die Felsen zu, hinter denen die Indianer sich befinden sollten, und wirklich, da saß der gefürchtete Häuptling am Rande eines steilen Felsabhanges, in eine zerrissene wollene Decke gehüllt, den Kopf in die Hände gestützt, starr und unbeweglich, als sei er allein in der tiefen Waldeinsamkeit. Neben ihm saß seine Schwester, mit Thränen in den Augen ihm zusprechend, seine Sieger zu empfangen. Er richtete sich langsam auf, blickte einen Augenblick um sich, und kam dann, als ob er schnell das Unvermeidliche abmachen wollte, mit festem Schritt auf die Weißen zu, ihnen zum Zeichen der Ergebung seine Hand entgegenstreckend. Alles dies geschah mit natürlicher Würde, und obwohl in Lumpen gehüllt und von den monatelangen Strapazen hart mitgenommen, stand Jack nichtsdestoweniger stolz und ungebeugt vor seinen Siegern, mit seiner athletischen Gestalt und seinen intelligenten Zügen, wie Augenzeugen sagen, jeder Zoll ein Häuptling. Mit ihm ergaben sich mehrere Krieger und ein Dutzend Weiber und Kinder. Dies fand am 31. Mai statt. Um dieselbe Zeit brachten Oberst Green von der einen, Oberst Mason von der andern Seite noch mehrere Trupps gefangener Modocs ein, sodaß im Anfang des Junis die ganze unruhige Gesellschaft bis auf einige Individuen, in General Davis’ Hauptquartier sich in sicherem Gewahrsam befand und der große Modockrieg vorläufig als beendigt angesehen werden konnte.

Das lang’ ersehnte Ziel war also endlich mit bedeutenden Opfern an Zeit, Geld und Menschenleben erreicht; man stand aber jetzt vor einer neuen Schwierigkeit: was mit der ganzen saubern Gesellschaft machen? Nach dem fürchterlichen Rachegeschrei der ersten Aufregung scheint es, daß diese Frage einfach genug zu beantworten wäre. „Ausrottung des ganzen Modocstammes“ hatte damals die Losung geheißen, jetzt brauchten ja nur die Stricke bereitet und die Galgen errichtet zu werden, um die ganze Bande in wenigen Minuten auszurotten. Den Wehrlosen gegenüber verstummte selbstverständlich dieses wilde uncivilisirte Rachegeschrei. Daß die überwiesenen Mörder hängen sollten, war freilich eine ausgemachte Sache, aber ein Theil der Gefangenen hatte nur am offenen Kampfe Theil genommen, und mit dem Blute der Weiber und Kinder wollte doch Niemand seine Hände beflecken. General Davis setzte daher sogleich eine Commission nieder, um die Schuld der einzelnen Bravos zu untersuchen. Im Verlauf einer Woche hatte diese ihre Arbeiten vollendet. Etwa ein Dutzend waren des Mordes der Friedenscommissäre oder sonstiger Bürger überwiesen, und Alles bereit gemacht, sie auf der Stelle hinzurichten. Davis hatte dazu volles Recht, da ihm ja von Anfang an völlig freie Hand gelassen war, die Modocs „auszurotten“.

Jack und seine Genossen sahen dem Tode ruhig entgegen, nachdem der Häuptling, freilich nicht sehr im Einklang mit seiner bisher ziemlich gut gespielten Heldenrolle, zu leugnen versucht hatte, daß er Canby getödtet habe, und die Schuld auf seine Untergebenen schieben wollte.

Am Abend des 6. Juni sollte die Hinrichtung im Hauptquartier stattfinden. Galgen und Stricke waren bereit – da traf Befehl von Washington ein, die Gefangenen vor ein von General Schofield in San Francisco zu ernennendes Militärgericht zu stellen, und nach dem Urtheil desselben zu verfahren. Die Nachricht erregte großen Unwillen unter den Truppen sowohl, als beim Volke von Oregon; man sah darin wieder, wie bei so vielen früheren Gelegenheiten, die Machinationen der östlichen Philanthropen und speciell der „Friedenscommission“, einer etwas nebelhaften, zum Theil aus Geistlichen bestehenden Gesellschaft, die, obwohl durchaus keinen officiellen, sondern einen rein privaten Charakter tragend, dennoch einen unbegreiflichen Einfluß auf die Indianerpolitik des Präsidenten ausübt und in diesem Zweig der Verwaltung das Denken für ihn zu besorgen scheint. Unter dem Aushängeschild der Gerechtigkeit und Menschenliebe verfolgt diese fromme Compagnie meist sehr selbstsüchtige Zwecke, was namentlich bei Aemtervertheilungen im Indianerdepartement an ihre meist ganz unfähigen Creaturen zu Tage kommt. Der Rath dieser sehr anrüchigen Macht im Staate war auch hier durchgedrungen und fiel der strafenden Gerechtigkeit in den Arm, als diese gerade im Begriff stand ihre Pflicht zu thun: Es blieb leider nicht nur bei der Aufregung; diese Maßregel des Präsidenten hatte traurige Excesse zur Folge.

Am Sonnabend Morgen, den 7. Juni, verließ James Fairchild mit siebzehn Modocs, darunter sechs Krieger, Fairchild’s Rancho, um dieselben nach Boyle’s Camp zu bringen; die Indianer waren auf einen großen Wagen geladen. An der Lost River-Fuhrt stießen sie auf eine Anzahl Oregoner Staatsmiliz unter Capitain Hiser, welche den Wagen sogleich umringten und Fairchild über seine Gefangenen ausfragten. Er erklärte ihnen,


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Uhland’s Ruhestätte in Tübingen.

[492] es seien Modocs, gegen welche keine Anklage auf Mord vorliege; man solle ihn ruhig gehen lassen. Die Milizen zogen sich zurück, und Fairchild setzte seinen Weg fort. Nach einiger Zeit bemerke er Reiter vor sich, die ihm den Weg abschneiden zu wollen schienen. Als er an sie herankam, setzte ihm einer derselben die Büchse auf die Brust und befahl ihm, vom Wagen herunterzusteigen.

„Auf wessen Befehl?“ fragte Fairchild.

„Auf meinen,“ war die Antwort; „ich will die Indianer tödten und Dich auch.“ In demselben Augenblick wurden die Stränge der Pferde von Andern durchgehauen. Fairchild sprang mit den Zügeln in der Hand vom Wagen und versuchte durch gütliche Worte die beabsichtigte That zu verhindern; mit Gewalt war von ihm und seinen wenigen nur mit Revolvern versehenen Begleitern gegen die wohlbewaffnete Menge nichts auszurichten. Die Indianer-Weiber und Kinder erhoben ein jämmerliches Geschrei und flehten die Mörder um Gnade an. Die sechs Krieger blieben stumm und erwarteten ihr Schicksal mit unzerstörbarer Gemüthsruhe. Jetzt fiel ein Schuß, und Little John, ein alter Indianer, wälzte sich in seinem Blute. Die Maulthiere rasten, scheu geworden, davon, Fairchild eine Strecke mit sich fortschleppend. Fünf weitere Schüsse fielen in rascher Folge, und Bogus-Charley, Tehee, Jack, Piny und Mooch lagen todt am Boden; auch mehrere Weiber wurden verwundet. Als das blutige Werk vollbracht war, sahen die Mörder eine Staubwolke auf der Straße aufsteigen; es war ein Trupp Soldaten, die aber, als sie die Stätte erreichten, nichts mehr vorfanden als die Opfer dieses grausamen Actes der wilden Volksjustiz. Das Fuhrwerk und die Weiber und Kinder wurden nach dem Hauptquartier zurückgebracht. Wie groß die Erbitterung gegen die Modocs auch ist, diese blutige Selbsthülfe hat doch allgemeine Mißbilligung, ja Entrüstung bei allen billig denkenden Bürgern hevorgerufen, zumal die Opfer erwiesenermaßen zu den am wenigsten Schuldigen gehörten.

Daß die Unzufriedenheit der Bürger des Westens, die durch die Räubereien und Mordthaten der Wilden beständig zu leiden haben, durch die immerwährende Einmischung östlicher Friedensheuler, welche von ihrem sicheren Heerde aus Maßregeln für diese sie gar nichts angehenden Angelegenheiten dictiren wollen, sich endlich zur Wuth steigert, ist am Ende nicht so sehr zu verwundern, wenngleich solche Volksjustiz unter Richter Lynch’s schrecklichem Vorsitz nicht gut geheißen werden kann. Aber sicher ist’s, daß jene Friedensheuler mehr für solche Excesse verantwortlich gemacht werden müssen, als die unmittelbaren Thäter, welche nach ihrer Meinung nur gerechte Vergeltung übten. Hätte Präsident Grant dem General Davis freie Hand gelassen und hätten die Schuldigen schon jetzt ihre Strafe empfangen, dem Volksgefühl wäre dadurch Genüge gethan worden, und die übrigen Gefangenen könnten dann, wie der Plan ist, ruhig in entfernte Reservationen vertheilt werden, so daß die Modocs als Stamm zu existiren aufgehört hätten. Was jetzt noch mit ihnen geschehen wird, wissen die Götter. Unter andern Vorschlägen befindet sich auch der: den Capitain Jack und die schlimmsten der Bande dem bekannten Barnum gegen eine große Summe Geldes für seine Menagerie zu überlassen; es würde dies für Herrn Grant und seine ehrwürdigen Freunde ein erkleckliches Sümmchen abwerfen, ein Gedanke, der bei der bekannten Vorliebe unseres Königs im Frack und seines Hofes für irdische Güter gewiß Anklang finden würde.

Was auch mit ihnen geschehen mag, Eines steht fest: nur eine exemplarische Bestrafung aller Schuldigen wird den rechten Eindruck auf die benachbarten Indianerstämme machen und ihnen einen heilsamen Schrecken vor ähnlichen Versuchen einjagen. Hierdurch wird ein größerer Indianerkrieg am wirksamsten verhindert werden, eine Gefahr, die jetzt durch die glückliche Beendigung des „Modockrieges“ in kürzerer Zeit und in größerer Vollständigkeit, als man anfänglich erwartet hatte, überhaupt in weitere Ferne gerückt ist.




Blätter und Blüthen.

Zur Vorfeier der Enthüllung des Uhland-Denkmals. (Mit drei Abbildungen, Seite 490 und 491). Wenn das Andenken eines großen Mannes durch irgend ein Ereigniß, sei es durch die festliche Begehung des Tages seiner Geburt oder, wie es, in Bezug auf Uhland, zu Tübingen in diesen Tagen der Fall war, durch Enthüllung eines Denkmals, lebhafter wach gerufen wird, so pflegen auch die Erinnerungen, welche der große Todte in seinem näheren Freundeskreise zurückgelassen, wieder aufzuleben. Solche Erinnerungen aber malen uns die kleinen rein menschlichen Eigenthümlichkeiten dessen, von dem sie erzählen, klarer und eindringlicher, als es die beste Statue je vermöchte.

Wir verdanken die folgenden Mittheilungen zur Charakteristik Uhland’s einigen seiner überlebenden Freunde und Bekannten, welche noch jetzt an der Stätte weilen, wo sie mit ihm so manche stille und nicht wenige bewegte Stunden verlebt haben, in der reizenden kleinen Neckar-Stadt Tübingen. Mit Tübingen ist Uhland, der Mensch und der Dichter, so eng verwachsen, wie der Baum mit dem Erdreich, aus dem er vom ersten Blüthen-Frühling an seinen Lebenssaft gesogen. Wenn wir daher in unserer heutigen Nummer unseren Lesern zugleich mit den nachfolgenden Mittheilungen und Anekdoten aus Uhland ’s Leben das Geburts-, das Wohnhaus und das Grab des Dichters, diese drei Hauptstationen seines Erdenwallens, im Bilde vorführen, so glauben wir damit einen demnächst erscheinenden größern Artikel über den Vielgefeierten am passendsten angekündigt und eingeleitet zu haben.

Was Uhland’s Wesen vor Allem ein bestimmtes Gepräge aufdrückt, ist seine fast starre Festigkeit, die im gewöhnlichen Leben dem Fernerstehenden leicht als Pedanterie erscheinen mochte. Wie er in seinem politischen Wirken unwandelbar seine Pflicht erfüllte und bereit war, für seine Ueberzeugung in den Tod zu gehen, wie er als der letzten Einer mit dem Parlamente nach Stuttgart übersiedelte und, dem geringen Reste voran, an der Seite des Präsidenten nach dem schon von Truppen besetzten Sitzungsgebäude schritt, so wich er auch in seinem täglichen Leben nie von dem Gewohnten oder dem für sein Befinden als das Beste Erkannten ab. Wenn er des Freitags in die „Post“ ging, um mit Bekannten ein Stündchen zusammenzusitzen, dann befahl er, statt der gewohnten Flasche nur einen Schoppen seines Markgräflers auf sein Schlafzimmer zu bringen, da er alsdann im Gasthofe den andern halben Schoppen zu trinken pflegte. Der Volksmund wollte in dieser Mäßigkeit sogar eine Schwäche des Dichters erkennen, da seine Nase, von Natur durch Größe und röthlichen Glanz ausgezeichnet, ein nicht gerade schmeichelhaftes Gerücht hervorgerufen hatte, dem er durch die peinlichste Enthaltsamkeit entgegentreten wollte.

Ebenso war sein Aufstehen und Schlafengehen streng geregelt, wie es auch genau bestimmt war, wann sich der Kreis seiner engeren Freunde bei ihm versammelte, was in der Woche einmal geschah, während die Frauen nur allmonatlich im Uhland’schen Hause Zutritt erhielten. In diesen „Kränzchen“ war Uhland heiter und in gewissem Sinne gesprächig; da konnte er auf das blaugeblümte, weißgrundirte Hauswamms des Professor Walz ein Gedicht machen und vortragen. Im Verkehr mit Fremden aber verhielt er sich zurückhaltend und schweigsam, wie er denn überhaupt ein Feind von vielen Worten war.

Er gehörte zu den seltenen Männern, denen ihr Ruhm eine Last ist, die in Verlegenheit gerathen, wenn man auf sie mehr als auf gewöhnliche Sterbliche achtet. Dazu kam noch, daß ihm rednerisches Talent, ja selbst die Gabe der Unterhaltung, völlig abging und ein Fehler der Zunge seiner Sprache etwas Unbeholfenes gab. Wo man ihn kannte, da saß er meist still für sich, ohne sich auch nur mit einem Worte an der Unterhaltung zu betheiligen. Kam dann die Rede auf ihn und hörte er etwas, das wie Lob und Bewunderung klang, so konnte er ärgerlich, ja fast grob werden. Als in den fünfziger Jahren eine Naturforscherversammlung in Tübingen tagte, wurde ein Ausflug nach dem lieblichen Bade Niedernau bei Rottenburg veranstaltet. Man saß zusammen, trank und toastete viel. Auch Uhland war mit herübergekommen und saß schweigsam, wie gewöhnlich, zwischen Fremden, die den berühmten Dichter und Gelehrten nicht kannten. Da erhob sich einer der Redner und begann von Uhland zu reden, in der Absicht, dem gefeierten Mann ein Hoch auszubringen. Als Uhland seinen Namen hörte, fuhr er wie erschreckt zusammen und rief, sich selbst vergessend: „Ach was, das gehört jetzt nicht hierher.“ Seine Umgebung aber, in der Meinung, er wolle damit Uhland herabsetzen, wurde unruhig, und Einer von ihnen sprang auf und schrie: „Werft ihn hinaus, den Kerl!“ eine Art der Huldigung, die dem Dichter das größte Vergnügen bereitete, so daß er oft und gern davon erzählte.

Einen leisen Anflug von Rührung entlockte ihm stets die Erinnerung an einen Spaziergang, den er an einem prachtvollen Sommerabende unternommen. Eine Schaar von Bauernburschen kam ihm entgegen, die aus frischer Brust Uhland’s Lied: „Ich hatt’ einen Cameraden“ sangen. Uhland blieb stehen und lauschte; es mochte denn doch ein eigenthümliches Gefühl sein, die eigenen Gedanken und Worte von den Lippen fremder Leute wiederzuhören, die ihn ebensowenig kannten, wie er sie. Bei der Stelle: „Als wär’s ein Stück von mir“ waren die jungen Leute in des Dichters unmittelbare Nähe gekommen, und Einer von ihnen streckte, wie von plötzlicher Eingebung erfaßt, seine Hand nach dem einsamen Spaziergänger aus, indem er sang: „Als wär’s ein Stück von Dir.“ Eine ähnliche Begebenheit liegt auch dem wunderschönen Gedichte: „Ein Schifflein ziehet leise“ zu Grunde, die schon in weitere Kreise gedrungen ist und der Mehrzahl unserer Leser bekannt sein dürfte.

In Tübingen erzählt man sich in dieser Hinsicht wenig von Uhland, da er seine ganze Zeit den Studien widmete, und aus den angegebenen Gründen, weil man ihn überall kannte, nicht unbefangen mit den Einwohnern der Stadt, seine vertrautesten Freunde ausgenommen, verkehren konnte. So war er unvermerkt beinahe in den Ruf eines Menschenfeindes gekommen, er, der ein Volksfreund im weitesten Sinne des Wortes gewesen, dessen ganzes wissenschaftliches, wie politisches und dichterisches Schaffen allein das Volk, dessen Wohlfahrt, dessen Freude und Leid im Auge hatte.

[493] Wir könnten die hier mitgetheilten Charakterzüge und Anekdoten aus dem Leben Uhland’s noch um eine beträchtliche Zahl vermehren, wenn wir nicht einerseits unsere Leser damit zu langweilen, andererseits aber dem bereits oben angekündigten längeren Artikel über den Dichter vorzugreifen fürchteten. Also für heute genug vom alten Uhland!




Grammatikalisches Sündenregister. Schreiber dieser Zeilen ist ein sprachrichtig fühlender Mensch und – ein Schulmeister. Deshalb passirt es ihm nicht gar selten, daß er mitten in der Entwicklung eines originellen Gedankens, durch den ein begabter Autor jeden aufmerksamen Leser fesselt und erwärmt, hängen bleibt, stockt, strauchelt – über das Strohhälmchen einer grammatikalischen Unrichtigkeit. Bald ist’s eine persönliche Unachtsamkeit des Autors, bald einer jener gerade in unserer Zeit immer mehr einreißenden Verstöße gegen die Grundregeln und den Geist unserer Sprache. – Zur ersten Kategorie gehört die nicht seltene Vermengung zweier Constructionen, woraus dann eine grammatische Unmöglichkeit hervorgeht, wie zum Beispiel: „Die Nachwelt wird um einen gediegenen Vortrag beraubt“ – entstanden aus den beiden Sätzen: „Die Nachwelt wird um einen gediegenen Vortrag ärmer“ und „die Nachwelt wird eines gediegenen Vortrages beraubt“. – Die andere Fehlerkategorie ist ganz geeignet, einen pedantischen Grillenfänger zuweilen ganz aus dem Häuschen zu treiben. So giebt es Autoren, die sich ein wahres Vergnügen daraus zu machen scheinen, die wenigen Reste von Declination, welche in unserm Neuhochdeutschen noch geblieben sind, auf ein Minimum zu reduciren. Besonders kühlen sie am Genitiv ihr Müthchen. Da liest man mit Staunen und Grauen: „Des König Wilhelm“, „des General Steinmetz“, ja sogar – es ist schrecklich, aber wahr! – „des Wagenlenker“. Was hat Ihnen das unglückliche Genitiv-S zu Leide gethan, meine Herren und – beileibe nicht zu vergessen! – meine Damen? – Als ich mich in diesen Angelegenheiten eines Tages brieflich an meinen ehemaligen Lehrer, Professor Aug. Schleicher in Jena, wandte, eine der größten linguistischen Autoritäten unserer Zeit, antwortete er mir, er schreibe sogar: „des Kaisers Friedrich’s“. Der Brief ist noch vorhanden und steht zur Verfügung.

Wieder ein Gebot ist: Du sollst die Apposition in denselben Fall mit ihrem Beziehungsworte setzen! Gleichwohl schreibt der Eine: „In Hindustan, ein Land von überwältigender Fülle der Vegetation,“ – anstatt „einem Lande“ etc.; und ein Anderer muthet uns den Satz zu: „Mit dem Bruder Andreas, ein menschenscheuer tiefsinniger Mönch,“ – anstatt „einem menschenscheuen“ etc.

Trotz aller sonstigen Gelehrsamkeit unserer Tage ist das sprachliche Feingefühl unleugbar im Sinken begriffen, und man muß sich mit Schleicher trösten, der uns, seinen Schülern, beim Schlusse seiner Vorlesung über Sprachengeschichte zurief:

„In historischen Zeiten, meine Herren, entwickeln sich Sprachen nicht. Sie verfallen vielmehr in ihrer lautlichen Formvollkommenheit. Je älter, desto formvollkommener ist jede Sprache. Der Inhalt einer Sprache wird mit der zunehmenden Intelligenz des Volkes im Laufe der Zeit reicher, tiefer, aber die Form zersetzt sich, verfällt. Diesem Gesetze ist jede Sprache unterworfen.“ Der Gelehrte pflegte sodann auf das Englische hinzuweisen, eine in Bezug auf die Form gänzlich zersetzte und verkommene Sprache. Während uns Deutschen von der allerdings schwerfälligen, aber volltönenden gothischen Form habedaudames (haben thaten wir) nur noch das dürftige „hatten“ übrig blieb, war dem Engländer auch dieses noch zu viel, und er ließ sich an dem äußerst dürftigen „had“ genügen, denn – Zeit ist Geld, und das kindliche Wohlgefallen an schönen Sprachformen kostet zu viel Zeit und bringt nichts ein.

Besonders ist die Gleichgültigkeit gegen die Wortendung im Wachsen begriffen, ganz wie zur Zeit der verfallenden Latinität. Viele schreiben bereits: „mit grauem schlesischen Marmor“; und ein paar Verfasser von elementaren Lehrbüchern der Grammatik machen sogar den naiven Versuch, diese Ungrammatik in ein System zu bringen und eine Regel folgendes Inhalts zu fabriciren: „Stehen zwei oder mehrere Adjective ohne Artikel, Für- oder Zahlwort vor einem Hauptworte, so biegt in den abhängigen Fällen nur das erste wie der bestimmte Artikel, die übrigen biegen schwach.“ Aus welchem Grunde denn diese Abweichung von Allem, was folgerichtig ist? Warum quälen sich die Herren denn so, die mißbräuchlich eintretende Abschleifung der Endung in eine Regel verwandeln zu wollen? Classisch gebildete Autoren (zum Beispiel Gustav Schwab, Kriebitzsch und Andere) bleiben Ihrer „Regel“ zum Trotze hartnäckig bei „grauem schlesischem Marmor“, und ich auch. Denn Ihre „Regel“, meine Herren, hat, ganz abgesehen davon, daß es Ihnen schwer fallen dürfte, dieselbe zu begründen, eine außerordentlich schwache Seite. Diese liegt, wie gewöhnlich die schwachen Seiten, im weiblichen Geschlecht. Könnten Sie es wirklich über sich gewinnen zu schreiben: „mit schöner frischen Butter“ und „auf öder dürren Weide“? Sie werden sich doch wahrscheinlich zu „schöner frischer Butter“ und „öder dürrer Weide“ bekennen. Das knarrende r hat auch für Sie zu viel Ellenbogen und läßt sich nicht so leicht wie das schwachmüthige m abschleifen und auf die Seite schieben. Wo bleibt nun aber, Ihre „Regel“ bei solchen Ausnahmen?

Der Streit, meine Damen, über „buk“ und „backte“, „frug“ und „fragte“ erledigt sich ziemlich einfach durch den Hinweis auf das Streben unserer neuhochdeutschen Sprache, wo nur irgend möglich anstatt der ältern sogenannten starken Form eine neuere schwache zu bilden. „Buk“ und „frug“ sind nun eben die alten Formen, starke genannt, weil sie ohne Hülfe allein durch Brechung des Grundvocals eine andere Zeit herzustellen vermögen, während die schwache Form „backte“ und „fragte“ als Flexionhülse die Wurzel des Verbs „thun“ heranzieht. „Ich backte“ und „ich fragte“ bedeutet daher eigentlich: „ich that backen, „ich that fragen“. Von regelmäßiger und unregelmäßiger Conjugation kann in solchen Fällen nicht die Rede sein, höchstens von alter und neuer.

Zu den rügenswerthesten Unarten, welche sich selbst in die Sprache der Gebildeten immer mehr einschleichen, trotzdem sie im geraden Gegensatz zum Sprachbewußtsein stehen, gehört ferner der Gebrauch der Partikel „wie“ nach dem Comparativ der Ungleichheit. „Wie“ drückt nur die Gleichheit zweier Dinge aus; es kann also durchaus nicht die Verschiedenheit ausdrücken, sonst verliert es seine Bedeutung. Man kann sagen: „ich bin so groß wie Du“ und „so groß als Du“, aber nur: „ich bin größer als Du“.

Und nun, meine Herrschaften, genug von diesen trockenen Dingen! Leben Sie wohl und lassen Sie meiner wohlgemeinten Strafpredigt freundliche Nachsicht angedeihen! Kann auch der lautliche Verfall der Sprache, wie der gelehrte Schleicher sagt, durch Nichts aufgehalten werden, so ist es meines Erachtens doch noch bester, der Symptome des beginnenden Verfalles sich deutlich bewußt zu werden, als das ganz in der Ordnung zu finden oder gar als „Regel“ fixeren zu wollen, was eben nur Zeichen der anfangenden Zersetzung ist. Wie in jeder Erkenntniß, so liegt auch in dieser eine gewisse Befriedigung.
D.




Aus den Aufzeichnungen einer vornehmen Russin. Mit klingendem Spiel zog an einem heitern Sommermorgen des Jahres 1826 ein Garde-Regiment durch die noch öden und stillen Straßen von St. Petersburg. Aus den unteren Stockwerken der Häuser eilten Erwachsene und Kinder auf die Straße, theils um besser die Klänge des Siegesmarsches zu hören, welchen das Musikcorps gar trefflich aufführte, theils um sich an dem Anblick der stattlichen Truppe zu erfreuen. Auch manch hübscher Mädchenkopf ward an den Fenstern der eleganteren Gebäude sichtbar und blickte mit unverhohlenem Interesse auf die schlanken Gestalten der Officiere, welche voll Manneskraft ihre prächtigen Rosse zügelten.

Ganz im Gegensatz zu der freudigen Aufregung, welche sich bei so vielen Zuschauern dieses militärischen Schauspieles kund gab, eilte eine junge Dame – die den Kopf auf die Fensterbrüstung eines reich ausgestatteten Zimmers gelehnt hatte – bei den ersten Tacten des Marsches und nachdem sie einen flüchtigen Blick auf die Truppe geworfen, mit leisem Aufschrei in ein Nebenzimmer und bedeckte das schöne bleiche Antlitz mit ihren Händen. Die schmerzlichsten Erinnerungen mußten in ihr wach geworden sein, denn heiße Thränen quollen zwischen den schmalen Fingern hervor und mit dem Ausruf: „Wie anders war’s vor einem Jahr! O, mein Gott, gieb mir Kraft dieses furchtbare Geschick zu tragen!“ sank das Mädchen auf die Kniee.

Das inbrünstige Gebet, welches sie zum Vater dort oben ausströmte, schien ihre Seelenpein zu lindern, denn allmählich gewannen die Züge des Mädchens einen ruhigeren Ausdruck, und als ob eine Inspiration aus jenen seligen Höhen, zu welchen der Geist sich eben aufgeschwungen, ihr geworden sei, verklärte plötzlich ein Hoffnungsstrahl das edel geschnittene Gesicht.

In einem luxuriös möblirten, mit den kostbarsten Nippes und andern Mode-Spielereien überreich versehenen Zimmer desselben palastartigen Gebäudes ruhte zwei Stunden später eine ältere Dame auf einem niedrigen Divan. Ein Gewand von schwarzer Seide umschloß ihre Gestalt, und die stark gerötheten Augen blickten starr auf ein Blatt Papier, das sie mit ihrer weißen, aristokratisch feinen Hand convulsivisch hin und her bewegte.

„Madame,“ meldete eine Dienerin, „Mademoiselle Emilie läßt bitten, ihr eine kurze Unterredung gewähren zu wollen.“

„Zu so früher Stunde?“ erwiderte die Dame in verwundertem Ton. „Laß sie eintreten!“

Emilie, das junge Mädchen, welches wir im heißen Gebet verlassen, öffnete leise die Thür und trat in bescheidener, doch würdiger Haltung ein. Sie war einfach gekleidet, allein das ganze Arrangement ihrer Toilette zeigte von feinem Geschmack und alle ihre Bewegungen verriethen Anmuth und Sicherheit. Emilie schritt zu dem Fußende des Divans, und die Dame wendete ein wenig den Kopf nach der Seite, auf welcher Emilie stand, ohne jedoch ihre bequeme Stellung zu verändern. Hierin lag nichts Ungewöhnliches, denn die Dame war die stolze Herrin des Hauses, das junge Mädchen nur ihre Gesellschafterin. Dennoch glitt heute ein Schimmer von Röthe über die Wangen Emiliens, und sie schien durch das Benehmen der Dame sich verletzt zu fühlen.

„Madame, ich komme mit einer Bitte,“ begann sie zögernd.

„Sprechen Sie, Mademoiselle!“

„Ich bitte, mich aus meiner Stellung in Ihrem Hause zu entlassen, Madame.“

„Und weshalb, Mademoiselle?“

„Ich erhielt traurige Nachrichten aus der Heimath, – man bedarf meiner.“

Egoistisch, wie leider die Mehrzahl der Reichen, vom Glück Verwöhnten es ist, hielt die Dame es nicht für geboten, nach dem Kummer den Mädchens zu fragen, die seit zwei Jahren ihre Hausgenossin war und sich stets eifrig bemüht hatte, Langeweile und üble Laune von der Herrin fernzuhalten oder zu verscheuchen. Mit einem Tone unverkennbarer Gereiztheit entgegnete sie:

„Und gerade jetzt, Mademoiselle, wo ich in meinem Schmerz Sie mehr als sonst vermissen würde, wollen Sir von mir gehen?“

„Ein unabwendbares Geschick nöthigt mich dazu, Madame,“ hauchte leise Emilie.

„Wissen Sie, was dieses Schreiben enthält?“ fragte die Dame, indem sie auf den Brief wies, welchen sie noch immer in der Hand hielt und dessen Inhalt sie – ach, wie viele Male schon! – gelesen hatte.

„Ich ahne es; Herr Annenkoff sagte mir gestern, daß das Urtheil über die Decembristen[2] gesprochen sei.“

„Nun wohl, alle Schritte unserer Freunde sind vergeblich gewesen. General L. schreibt mir, daß Seine kaiserliche Majestät den Urtheilsspruch [494] des Obercriminalgerichts gnädig gemildert habe; aber diese Milderung heißt: Verlust des Ranges und Adels, lebenslängliche Verbannung nach Sibirien und Zwangsarbeit.“

Von ihren Gefühlen übermannt, hielt die Dame einen Augenblick inne; dann rief sie: „Begreifen Sie den Schmerz einer Mutter, welche ihren blühenden geliebten Sohn auf solche Weise verlieren muß?“

Voll Mitgefühl wollte Emilie die Hand der Dame ergreifen, um sie an ihre Lippen zu ziehen; doch diese hatte jetzt mit beiden Händen das Schreiben erfaßt und drückte es krampfhaft zusammen.

„Nicht wahr, Sie geben Ihren Vorsatz auf, mich jetzt zu verlassen, Mademoiselle?“ sagte die Dame nach einer Pause.

„Ich darf es leider nicht – ich habe eine heilige Pflicht zu erfüllen –“

„Und wann wollen Sie gehen, Mademoiselle?“

„Wenn Sie gestatten, in vierzehn Tagen – mir bleibt noch viel zur Reise vorzubereiten.“

„Ich halte Niemand, der nicht bei mir bleiben will; auf Dank und Anerkennung muß man nicht rechnen.“

Hohes Roth überflog die Wangen Emiliens; nahe daran, eine stolze bittere Antwort zu geben, bezwang sie sich mit wunderbarer Gewalt, sagte leise: „Ich danke Ihnen, Madame!“ und verließ das Gemach.

Acht Tage später fuhr die alte Dame zu ihrem Sohne, dem früheren Rittmeister Iwascheff im Garderegiment, um ihm das letzte Lebewohl vor seinem Wege in die Verbannung zu sagen. Emilie hatte gebeten, sie begleiten zu dürfen – wahrscheinlich weil sie der leidenden Frau bei dieser erschütternden Scene nahe zu sein wünschte. Der junge, auffallend schöne Officier schien erstaunt, die Gesellschafterin seiner Mutter zu sehen, und sein wunderbar bewegter Blick ruhte einen Augenblick fragend auf dem Antlitz Emiliens. Diese schlug das Auge nicht auf, hielt sich im Hintergrunde des Zimmers und war anscheinend ganz in ihre eigenen Gedanken verloren.

Iwascheff, der eine edle, ungebrochene Haltung bewahrte, tröstete seine Mutter; er beschwor sie, sich zu schonen, sich für ihn zu erhalten, ein Wiedersehen läge ja nicht außer dem Bereiche der Möglichkeit. In Thränen schüttelte die Mutter den Kopf; noch einmal umfaßte sie den theuern Sohn und brach dann schluchzend in die Worte aus:

„Ach, Alles könnte ich ertragen, wenn ich eine liebende Hand Dir nahe wüßte, die meine Stelle vertreten, Dich pflegen, für Dich sorgen würde. Aber Dich allein zu wissen, einsam unter Qualen und Entbehrungen –“

„Er wird nicht allein bleiben, wenn es nicht sein Wille ist,“ sagte plötzlich eine sanfte Stimme neben ihnen. Emilie war näher getreten und fuhr in tiefer Bewegung fort: „Vor Jahresfrist, Madame, gestand mir Ihr Sohn, daß er mich liebe, daß es kein Glück für ihn geben könne, falls ich ihm nicht angehöre. Ich zweifelte keinen Augenblick, daß seine Eltern, seine reiche und stolze Familie Himmel und Erde in Bewegung setzen würden, um ein solches Bündniß zu hintertreiben. Und später? Wenn auch seine treue Liebe schließlich gesiegt hätte – der Blüthenstaub des Glückes wäre in solchen Kämpfen doch verloren gegangen! Und tausend Netze hätte die große Welt um den schönen glänzenden Cavalier gewoben, die der Gattin Frieden wohl gefährden konnten. Ich sagte darum Ihrem Sohne, Madame, daß ich – – – ihn nicht liebe. Gott allein weiß, was diese Lüge mich gekostet hat. – – Heute wird mir den armen Sträfling Niemand streitig machen – – – und hat er seinen Sinn – – nicht geändert – – o, so folge ich ihm als sein hochbeglücktes Weib.“

„Theure Emilie, edles vortreffliches Mädchen!“ „Geliebte, unaussprechlich Geliebte!“ riefen Mutter und Sohn, und eine beinahe Ohnmächtige wurde von den Armen des jungen Mannes umfangen.

„Aber die Reise in die Heimath, theure Emilie?“ fragte die Mutter, indem auch sie das Mädchen zärtlich an sich drückte.

„Hier ist meine Heimath,“ entgegnete Emilie, indem sie den schönen Kopf an die Brust des Geliebten lehnte. „Die Reise war nur ein Vorwand, um – ohne Aufsehen zu erregen – meine kleine Habe ordnen zu können.“

„Emilie,“ sagte warnend die Mutter, „ich bewundere Ihren Heroismus, allein Ihr Körper ist zart. Sie kennen die Entbehrungen, die Qualen nicht, welchen Sie entgegen gehen.“

„Es giebt nur einen Weg des Heils für mich; Gott wird mit uns sein.“ –

Emilie Ledentu – so hieß das heldenmüthige Mädchen – ward die geliebte, alle Noth und Entbehrungen freudig theilende Gattin Iwascheff’s. Nach mehr als zwanzig Jahren der Verbannung durfte sie mit ihm zurückkehren und wurde von Allen, die in sich den Sinn für edle Eigenschaften des Weibes lebendig erhalten, mit Theilnahme und Bewunderung empfangen. –


Brunnen auf Eisenbahnstationen. Wenn unsere Freunde auf ihren sonnengluthigen Dampfwagenfahrten jetzt einen kühlen Trunk Wassers gratis erhalten, so mögen sie der Gartenlaube freundlichst gedenken. Es war Anfang Mai d. J., daß wir im Feuilleton unseres Blattes (Nr. 19) als „eine Forderung der Menschlichkeit“ den Wunsch aussprachen, auf allen Eisenbahnhöfen und Stationen Brunnen herzustellen, damit auch der Unbemittelte seinen Durst mit dem natürlichen Getränk stillen und der an Reinlichkeit Gewöhnte sich dann und wann die Hände waschen könne. Heute lesen wir in allen Zeitungen:

„Berlin, 10. Juli. Die Einführung der nachahmenswerthen Einrichtung von Brunnen auf den Eisenbahnhöfen steht demnächst auf sämmtlichen Staatseisenbahnen bevor, indem laut Anordnung des Herrn Handelsministers auf allen Bahnhöfen, entweder unmittelbar auf den Perrons oder in nächster Nähe derselben, Brunnen angelegt werden sollen, damit sich die unbemittelten Passagiere mit gutem Trinkwasser versehen und so ihren Durst stillen können.“ Bravo!


Die Frequenz unserer Universitäten ist bekanntlich stets eine sehr wandelbare, und zwar gilt dies, wie jüngste Erfahrungen beweisen, von den großen wie von den kleinen. Bis zum Wintersemester von 1871 auf 1872 behauptete Berlin noch die erste Stelle unter den deutschen Universitäten; es hatte 2603 immatriculirte und 1578 zum Besuch der Vorlesungen berechtigte Hörer, also eine Gesammtfrequenz von 4181. Die Wohnungs- und, wie man behauptet, auch noch andere gefährlichere Noth führten ein so beträchtliches Sinken der Berliner Hochschule herbei, daß das in jeder Beziehung glänzend gepflegte Leipzig es überflügelte. Während Berlin in diesem Sommersemester auf 1590 Immatriculirte hinabgegangen ist, fehlen in Leipzig nur noch 280, um die 3000 zu erreichen. Ebenso beachtenswerth ist die der üblichen Annahme, daß die Blüthezeit der kleinen Universitäten vorüber sei, widersprechende Erscheinung vom Emporsteigen einzelner derselben, wie namentlich Marburgs. In den letzten Zeiten der kurfürstlichen Regierung hatte die Zahl der Studirenden sich selten und wenig über 250 erhoben. Im Winter von 1866 auf 1867 sank sie sogar bis auf 245 herunter, weil damals überhaupt die Existenz der Hochschule in Frage gestellt war. Mit der Sicherstellung derselben begann ein auffälliges Steigen der Frequenz; ein uns von dort mitgetheiltes Verzeichniß der Hörerzahl von 1864 bis zur Gegenwart weist seit dem Sommer 1867 fünf Semester mit 300 bis 350, ebensoviel mit 350 bis 400 und sogar zwei mit mehr als 400 Hörern auf. Im Winter von 1870 auf 1871 zählte Marburg allerdings wieder nur 263, aber nur, weil viele seiner Studenten als Soldaten in Frankreich standen. Das laufende Semester hat 385 Hörer, worunter sich eine geringe Anzahl zum Besuch der Vorlesungen berechtigter Nichtstudenten befindet. Darnach bitten wir die Angabe über die Marburger Hochschule auf Seite 398 („Zwei Märtyrer-Denkmale“) abzuändern.


Einen doppelten Dank können wir heute allen den wohlwollenden Männern abstatten, welche auf die Notiz in Nr. 16, „Bittere Kriegsnachwehen“, uns mit Stellenofferten und guten Rathschlägen für den invaliden Officier so reichlich entgegenkamen. Der Betreffende hat bereits eins der eingelaufenen Anerbieten angenommen und für die nächste Zukunft, und hoffentlich für immer eine sorgenfreie Existenz gefunden. Aber nicht genug damit – wir sind durch die vielen Offerten auch noch in den Stand gesetzt worden, einem andern Hülfsbedürftigen die rettende Hand zu reichen, und müssen also auch für diesen zweiten Glücklichen noch unsern besondern Dank aussprechen.



Herman Schmid!

Wir eröffneten eine neue Subscription auf die zweite Auflage der

Volks- und Familien-Ausgabe
von
Herman Schmid’s gesammelten Schriften,

welche zugleich eine in der Erscheinungsweise vortheilhaftere Ausgabe derselben ist, insofern sie dem Publicum

(die erste Auflage erschien in Bänden à 7½ Ngr.)

zugänglich gemacht wird. Von den erschienenen Heften kann in allen Buchhandlungen Einsicht genommen werden.

Herman Schmid ist längst ein Lieblingsschriftsteller des deutschen Volks geworden – im Süden wie im Norden haben die Erzählungen aus den bairischen Bergen, seiner Heimath, sowohl, wie die mit geschichtlichem Hintergrunde wegen ihrer spannenden, eigenthümlichen Stoffe und wegen der bei aller Einfachheit kunstvollen Form gleichmäßig großen Beifall gefunden und sich insbesondere durch ihren gemüthvollen, durchaus reinen Inhalt das Bürgerrecht in der Familie erworben. Die Volks-Ausgabe seiner sämmtlichen erzählenden Schriften, deren erste Auflage trotz der kriegerischen Unterbrechung der letzten Jahre längst vergriffen ist, wird daher gewiß auch in zweiter, durch die neueren Erzählungen, wie „Bergwirth“, „Gasselbuben“, „Zuwiderwurzen“ etc. etc. vermehrten Auflage sich der allgemeinsten Theilnahme zu erfreuen haben.

Die Verlagshandlung von Ernst Keil in Leipzig.



Verantwortlicher Redacteur Ernst Keil in Leipzig. – Verlag von Ernst Keil in Leipzig. – Druck von Alexander Wiede in Leipzig.

  1. Wir erlauben uns, unsere Leser auf diesen Schlußartikel über den Modoc-Krieg noch ganz besonders aufmerksam zu machen. In so ausführlicher Weise und auf Grund so authentischer Quellen dürfte die deutsche Presse Schilderungen dieses vielbesprochenen Indianer-Aufstandes noch nicht geboten haben.
    Die Redaction.
  2. Decembristen nannte man Diejenigen, welche sich an der Verschwörung, die am 14. December 1825 – bei der Thronbesteigung von Kaiser Nikolaus – ausbrach, betheiligt halten.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: Gernsdorf