Die letzten Tage eines Verurtheilten

Textdaten
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Autor: Wolfgang Müller
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Titel: Die letzten Tage eines Verurtheilten
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 30, S. 475–478
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1870
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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Die letzten Tage eines Verurtheilten.
Von Wolfgang Müller von Königswinter.

Wie am Himmel zuweilen unerwartet ein glänzendes Meteor auftaucht und die ganze Welt in Erstaunen setzt, so geschieht es auch dann und wann, daß auf dem Gebiete der Kunst und Wissenschaft Persönlichkeiten auftreten, die durch eine hervorragende Leistung die allgemeine Aufmerksamkeit erregen. So war es vor ein paar Wochen in Düsseldorf der Fall, daß ein Bild „Die letzten Tage eines Verurtheilten“ ausgestellt wurde, welches das höchste Staunen hervorrief. Der Name des Künstlers, eines jungen Ungarn Michael Munkacsy, den man bis dahin kaum gekannt hatte, war nun in Aller Munde. Sowohl bei der Künstlerschaft wie im großen Publicum herrschte nur eine Stimme über das unbestrittene Talent, das hier gleichsam mit seinem ersten Bilde hervortrat.

Kein Wunder! Gegenstand wie Ausführung erschienen auf diesem Gemälde von gleicher Bedeutung. Was den erstern angeht, so beruht er auf einer alten ungarischen Sitte. Wird ein Verbrecher zum Tode verurtheilt, so ist es den Verwandten, Freunden und Nachbarn gestattet, dem Delinquenten in den letzten Stunden einen Besuch zu machen. Die Einen kommen aus Theilnahme, die Anderen aus Neugierde. Väter und Mütter erscheinen mit ihren Kindern, um ihnen ein abschreckendes Beispiel vor Augen zu stellen. Der Künstler hat sich diesen tragischen Stoff zur Darstellung gewählt und damit gewiß einen trefflichen Wurf gethan.

Es ist ihm aber auch gelungen, sein Bild in so klarer und bedeutsamer Weise zur äußeren Erscheinung zu bringen, daß man es nicht ohne ein Gefühl der tiefsten Erschütterung ansehen kann. Wir erleben hier den letzten Act eines Trauerspiels, der in einem unterirdischen gewölbten Kerker vor sich geht, in welchen durch eine Oeffnung im mittleren Hintergrunde ein trübes und graues Licht dringt, gerade hinreichend, um die verschiedenen Gruppen zu beleuchten, die der Maler zur Verkörperung seines Gedankens verwendet hat. Etwas nach rechts steht ein Tisch mit brennenden Kerzen und einem Crucifix. Seitwärts sitzt der Verbrecher, an den Füßen gekettet, schwarzhaarig, dunkeläugig, mit dem Ausdruck der tiefsten Gewissensbisse, des peinigenden Gefühls vor dem letzten Augenblicke, denn er war ursprüglich keine verlorene Seele, wilde ungezähmte Leidenschaften haben ihn an den Abgrund gebracht. Neben ihm

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Die Gartenlaube (1870) b 476.jpg

Die letzten Tage eines Verurtheilten.
Nach dem Gemälde von Michael Munkacsy auf Holz übertragen.

[478] lehnt sein gebrochenes Weib mit dem weinenden Gesichte an der Wand. Sie hat ihn geliebt und bebt nun vor dem Verluste, der sie treffen, und der Schande, die auf sie fallen soll. Zwischen Beiden steht ihr unschuldiges Kind, das nichts von dem düstern Vorgange versteht und ein Stück Brod in den Mund führt. Diese drei Gestalten nehmen natürlich vorzugsweise die Aufmerksamkeit in Anspruch. Links hinter dem Tische hält ein österreichischer Soldat Wacht. Der übrige Raum aber wird von einer Menge von Personen angefüllt, die den verlorenen Menschen noch einmal sehen wollen. Ohne Zweifel sind es Verwandte, die unmittelbar vor ihm stehen. Der junge Bursche, der in den Mantel gehüllt vor sich hin starrt, mag sogar ein Mitschuldiger sein, der glücklicher Weise ein ähnliches Geschick vermeidet. An ihn lehnt sich seine Mutter. Hinter denselben sehen wir einen Mann, neben ihm eine junge Frau, welche ein kleines Kind auf dem Arme trägt. Sie haben einige Buben mitgebracht, um ihnen schon früh den Abscheu vor jedem Fehltritte einzutränken. Weiter nach links sieht man einen Schmied im Schurzfell, der seine Pfeife nicht ausgehen läßt, mit einem jungen hübschen Mädchen, welches einen Korb am Arme trägt. An der Thür im Hintergrunde gewahrt man einige Personen, die sich über die Unthaten des Verurtheilten unterhalten. Alle diese Gestalten sind durchaus originell und charakteristisch. Man sieht, daß der Künstler über eine Fülle von feinen physiognomischen Beobachtungen verfügt, welche er hier in der sinnigsten Weise zu verwenden gewußt hat.

Aber noch mehr als alle diese Einzelheiten erregt der psychologische Zusammenhang, welcher in dem ganzen Bilde herrscht, unser Erstaunen. Wir sehen überall die tiefe Gedankenarbeit eines Künstlers, der rastlos bestrebt war, seinen Gegenstand mit Erschöpfung aller Mittel auf den höchsten Gipfel der tragischen Wirkung zu bringen. Schuld, Mitschuld, Erbarmen, Abscheu, Neugierde und Theilnahmlosigkeit sind in den verschiedenen Gruppen in der klarsten Weise ausgeprägt. Aus diesem Grunde ist der Eindruck auch in jeder Beziehung überwältigend. Wir erinnern uns nicht leicht eines Kunstwerkes, welches uns auf den ersten Anblick in gleicher Weise ergriffen und gerührt hätte. Wir werden fast gepackt wie von einer mit aller Kraft der Leidenschaft dargestellten dramatischen Scene auf der Bühne.

Daß die Gruppirung in Zeichnung und Linien nichts zu wünschen übrig läßt, muß Jeder auf den ersten Blick erkennen. Dabei hält sich die malerische Durchführung auf der gleichen Höhe mit der Composition. Die Farben- und Lichteffecte sind meisterhaft. Man wird in dieser Beziehung an die besten Arbeiten von Knaus erinnert. Die gedämpfte Beleuchtung paßt vorzüglich zu dem traurigen Gegenstande. In den Gewandungen herrscht allerwärts ein grauer Ton, der gleichwohl nicht der nöthigen Klarheit entbehrt und im Ganzen den Ernst der Stimmung mächtig erhöht. Das Fleisch entspricht in jedem einzelnen Falle der dargestellten Persönlichkeit.

Und wer ist denn der Autor dieses ausgezeichneten tragischen Gemäldes? Niemand anders als ein junger vierundzwanzigjähriger Ungar, der, in Munkacs geboren, seine Eltern in der Revolutionszeit bei einem Ueberfall der Russen verloren hat, dann zu einem Oheim kam, welcher ihn als eilfjährigen Knaben zu einem Tischler in die Lehre brachte. Ja, vor einigen Jahren stand Munkacsy noch an der Hobelbank, wo er aber weniger an das Handwerk, als an die Kunst dachte. Und so ging er eines Tages aus der Werkstätte in das Atelier eines kleinen Portraitmalers zu Gyula, wanderte dann nach Pest, Wien und München, wo er einen ungarischen Preis gewann, mit dem er nach Düsseldorf zog, um sich dort an dem Beispiele der besten deutschen Genremaler zu bilden. An Arbeit, Noth und Mühe mag es ihm nicht gefehlt haben, bis er in dem Bilde, welches wir eben besprochen haben, einen entscheidenden Wurf that und umsomehr die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich leitete, als es gewissermaßen sein erstes Werk ist, das ihm übrigens auch sofort von einem Amerikaner mit dreitausend Thalern bezahlt wurde. „Die letzten Tage eines Verurtheilten“ werden im nächsten Pariser Salon gewiß ihre gerechte Würdigung finden. Es ist nur schade, daß sie dann direct über den Ocean gehen, um in dem unbekannten Cabinet eines Yankee allen europäischen Augen entzogen zu sein. Eine neue Arbeit des hoffnungsvollen Künstlers ist bereits für den Preis von fünftausend Thalern von einem Engländer bestellt. Also auch diese Schöpfung kann in Deutschland und Oesterreich nur wenig bekannt werden.

Gleichwohl hoffen wir, dem genialen Meister in Zukunft noch öfter zu begegnen, denn er wird allem Anschein nach kein vorübergehendes Meteor sein, sondern ein Stern am Himmel der Kunst bleiben. Und dann bietet sich auch wohl Gelegenheit, näher auf seine Lebensverhältnisse zurückzukommen. Das originelle Volk der Magyaren hat in Petöfi einen höchst eigenthümlichen Dichter, es ist immerhin möglich, daß Munkacsy sich als ein ebenso eigenthümlicher Künstler entwickelt und an seine Seite stellt.