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Autor: Verschiedene
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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum: 1865
Erscheinungsdatum: 1865
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Die Gartenlaube (1865) 561.jpg
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Inhaltsverzeichnis

[561]

No. 36. 1865.
Die Gartenlaube.
Illustrirtes Familienblatt. – Herausgeber Ernst Keil.

Wöchentlich 11/2 bis 2 Bogen. Durch alle Buchhandlungen und Postämter vierteljährlich für 15 Ngr. zu beziehen.


Die zwölf Apostel.
Von E. Marlitt.

Am äußersten Ende einer kleinen mitteldeutschen Stadt[WS 1], da, wo die letzten Gäßchen steil den Berg hinaufklettern, lag das alte Nonnenkloster. Es war ein unheimliches Gebäude mit seinen eingesunkenen Fenstern, seinen kreischenden Wetterfahnen und den unaufhörlich um den First kreisenden Dohlenschwärmen. Aus dem Mauergefüge quollen dicke Grasbüschel und zwischen den zerbröckelten Steinzierrathen über dem gewölbten Thorweg nickte ein kleiner Wald von Baumschößlingen. Wie zwei altersschwache Cameraden, deren einer den anderen stützt, lehnten sich der Bau und ein uraltes Stück Stadtmauer aneinander, und das war vortheilhaft für das Kloster, denn die Mauer war sehr dick; man hatte ihren breiten Rücken mit Erde belastet, und nun sproßte und blühte es da droben so üppig, als gäbe es keine Mauersteine unter der Erdschicht. Freilich war das Ganze nur ein längliches Blumenbeet, von einem kaum fußbreiten Weg durchschnitten; dafür war es aber auch sauber gehalten wie ein Schmuckkästchen. An den Wegrändern blühte ein Kranz weißer Zedernelken; Lilien und Nachtviolen standen auf dem Beet, und die glührothen Früchte der Erdbeeren, sammt ihren breiten gezackten Blättern, mischten sich mit dem wilden Thymian, der, am Mauerrand hinabkletternd, seine feinen Zweige behutsam in die Steinritzen legte. Hinter der Mauer lag der ehemalige Klostergarten; jetzt ein wüster, ungepflegter Grasfleck, auf dem die wenigen Ziegen der Klosterbewohner ihr karges Futter suchen durften. Aber an der Mauer selbst stand eine ganze Wildniß von Syringen und Haselstauden; die bildeten droben am Gärtchen eine grüne undurchdringliche Wand. Die Syringen hingen im Frühjahr ihre blauen und weißen Blüthentrauben über das einzige hölzerne Bänkchen des kleinen Gartens, und ein alter Kastanienbaum breitete seine Aeste weit über die Mauer bis in die Straße hinein, deren armselige Häuserreihe hier mündete und von dem letzten Haus nur die Rückwand ohne Fenster sehen ließ.

Es würde wohl nie ein fremder Fuß diesen entlegenen, sehr wenig einladenden Stadttheil betreten haben, wenn nicht das alte Kloster ein Juwel neben sich gehabt hätte, ein köstliches Denkmal längst versunkener Zeiten, die Liebfrauenkirche, um deren zwei schlanke Thürme eine ganze reiche Sagenwelt webte und blühte. Die Kirche stand unbenutzt und verschlossen und nie mehr seit dem letzten Miserere der Nonnen hatten heilige Klänge durch die mächtigen Säulengänge gerauscht. Die ewige Lampe war verlöscht. die Orgel lag zertrümmert am Boden; um den verlassenen Hochaltar flatterten Schwalben und Fledermäuse, und die prächtigen, anspruchsvollen Grabmonumente alter untergegangener Geschlechter ruhten unter dichten Staubschichten. Nur die Glocken, deren wundervolles harmonisches Zusammenklingen in der ganzen Gegend berühmt war, schwangen sich noch allsonntäglich über den verwaisten Hallen, aber ihr wehmüthiger klang vermochte nicht die Gläubigen dahin zurückzuführen.

Daß man neben diesem Prachtbau mit seinen granitnen Mauern und Säulen das hinfällige Kloster stehen ließ, hatte seinen Grund in der weisen Oekonomie der löblichen Stadtbehörde. Es hatte längst seine eigentliche Bestimmung verloren. Luther’s gewaltiges Wort hatte auch hier die Riegel gesprengt. Die zur neuen Lehre bekehrte Stadt duldete die gottgeweihten Jungfrauen, bis die letzte derselben eines seligen Totes verblichen war; dann aber fiel das Klostergebäude der Stadt-Verwaltung anheim, die es einem Theil der Armen als Asyl einräumte. Seit der Zeit sah man hinter den vergitterten Fenstern statt der bleichen Nonnengesichter bärtige Züge, oder den Kopf einer emsig stickenden und keifenden Hausmutter, während auf den ausgewaschenen Steinplatten des Hofes, welche früher nur die leise Sohle und die klösterliche Schleppe der frommen Schwestern berührt hatten, eine Schaar wilder, zerlumpter Kinder sich tummelte. Außer dem blühenden Gärtchen auf der Mauer aber hatte das alte Haus noch eine freundliche Seite, auf welcher der Blick ausruhen konnte, wenn er all das hier zusammengedrängte menschliche Elend gesehen hatte. Die Ecke, an welche die Stadtmauer stieß, zeigte vier sauber gewaschene Fenster mit weißen Vorhängen, von denen das letzte so auf das Gärtchen mündete, daß es bequem als Thür benutzt werden konnte, was jedenfalls auch geschah, denn an gewissen Tagen in der Woche war es weit geöffnet. Ein Seil voll feiner Wäsche zog sich von da bis zum Kastanienbaum, und man konnte sehen, wie eine weibliche Gestalt, die aufgesteckte Schürze voll Klammern, geschäftig aus- und einstieg. Das war die alte Jungfer Hartmann. Sie hieß eigentlich Suschen, wurde aber in der ganzen Stadt schon so lange „die Seejungfer“ (Libelle) genannt, daß viele Leute ihren eigentlichen Namen gar nicht mehr wußten. Und das kam von ihrem absonderlichen Aeußern, nicht etwa um ihrer flüchtigen Grazie oder Farbenschönheit willen – die haben mit dem sechszigsten Lebensjahre selten mehr etwas gemein – es geschah vielmehr des seltsam huschenden, scheuen Ganges wegen, mit dem diese lange, gestreckte Gestalt durch die Straßen eilte. Im Uebrigen glich sie viel eher einer Fledermaus, vermöge ihrer scharf gebogenen, fast durchsichtig mageren Nase, ihrer aschfarbenen Haut und der großen glanzlosen Augen, welche sich meist schüchtern unter den äußerst dünnen Augendeckeln verbargen. Dieser Eindruck wurde durch das schwarze Bürgerhäubchen vervollständigt, das, knapp anschließend, [562] kein Haar auf der Stirn sehen ließ und zu beiden Seiten abstehende Spitzengarnirungen hatte. Die Seejungfer war das Kind eines sehr armen Schusters, der sie und ihren etwas älteren Bruder Leberecht streng und gottesfürchtig erzogen hatte und für beide Kinder keine kühneren Wünsche hegte, als daß Suschen später im Dienst ihr redliches Brod erwerbe und sein Erstgeborner ihm dereinst auf dem Dreibein gegenüber sitzen und das einsame Schusterhandwerk betreiben werde. Das stille, sanfte Suschen, für dessen Ideenkreis die engen Wände der Schusterstube vollkommen genügten, war ganz mit dem Lebensziel einverstanden, das der Vater ihr vorgesteckt. Dem jungen Leberecht jedoch wuchsen die Flügel um ein Beträchtliches länger, ja, sie reichten sogar bis zur Gottesgelahrtheit hinan. Er besaß glänzende geistige Fähigkeiten, welche ein eiserner Fleiß unterstützte, und so gelang es ihm denn auch, mittelst eines Stipendiums, Theologie zu studiren. Er hatte bereits sein Examen ausgezeichnet bestanden und einige Mal bei großem Zudrang in seiner Vaterstadt vortrefflich gepredigt, als er infolge seiner rastlosen geistigen Thätigkeit auf das Krankenlager sank, um sich nie wieder zu erheben – er starb an der Lungenschwindsucht.

Suschen, die den Bruder wie ein höheres Wesen verehrt hatte, erlag fast ihrem Schmerz, aber sie hatte ein halbverwaistes Kind zu pflegen und zu erziehen; deshalb mußte sie sich aufraffen, was sie auch redlich that. Mit dem Kind hatte es folgende Bewandtniß. Einmal, als bereits der junge Leberecht täglich nach Prima wanderte und Suschen schon seit längerer Zeit von den ehrbaren Bürgersfrauen mit „Jungfer“ titulirt wurde, geschah es, daß sich der Storch „sehr verspäteter und unnöthiger Weise“, wie sich der entsetzte Schuster ausdrückte, auf dessen Dach abermals niederließ; seit dem letzten Kind, das er todt gebracht hatte, war er neun Jahre ausgeblieben. Mit schwerem Herzen und sorgenvoller Stirn zog die Meistersfrau die wurmstichige Wiege aus dem dunkelsten Bodenwinkel, verjagte die erschrockenen Spinnen aus dem kleinen Bett, fuhr mit einem nassen Tuch über dessen schmale Seitenwände, worauf alsbald großgemalte Engelsköpfe mit brennendrothen Backen und himmelblauen Äugen triumphirend erschienen, und stellte es sacht neben ihr Bett, unweit des alten Dreibeins, auf welchem der Schuster mit wahrer Wuth eine unglückliche Stiefelsohle behämmerte.

Das half aber Alles nichts; die Wiege konnte er doch nicht in Stücke zerhämmern, und später hätte er es wahrscheinlicher Weise auch gar nicht gethan, denn da lag etwas Niedliches darin. Aber es war gerade, als sei der uralte Storch mit einem Mal blödsichtig geworden und als hätte er die aufgehangenen Leisten in der Schusterstube für Ahnenschilder eines alten erlauchten Geschlechts gehalten, denn das Kind in der Wiege sah gar nicht in die eigentlich sehr unschöne Schusterfamilie, und sah überhaupt nicht aus wie ein Schusterkind; es lag vielmehr mit seiner blendend weißen Haut, dem zartgoldenen, feinen Haar und den großen, blauen Augen wie eine Prinzessin in den groben Kissen. Dafür wurde es aber auch der Augapfel des Vaters – die Mutter starb bei der Geburt der Kleinen – und ein Gegenstand der unausgesetzten Bewunderung seiner Geschwister. Während der junge Lateiner mit gewandter Feder seine Uebersetzungen schrieb, erhielt sein Fuß die Wiege im sanften Schwunge. Alle weiblichen Schönheiten des classischen Alterthums schmückte seine jugendliche Phantasie mit den feinen Zügen des Schwesterchens, und das erste Lächeln des Kindes begeisterte ihn zu Versen. Suschen dagegen ließ der Kleinen die sorgfältigste körperliche Pflege angedeihen. Sie hielt sie stets fleckenlos sauber und ging nie mehr aus ohne das Kind auf dem Arm, denn die Menschen blieben ja auf der Straße stehen und konnten sich nicht satt sehen an dem reizenden kleinen Blondkopf.

Als der Bruder Leberecht todt war und der Schuster auch bald darauf das Zeitliche segnete, da bezog die Seejungfer die ihr mitleidig gewährte Freistätte im alten Kloster und etablirte sich als Feinwäscherin. Sie brachte nichts mit, als ihre unerzogene Schwester, die geringen ererbten Habseligkeiten und ihre arbeitenden Hände. Was aber die Aufmerksamkeit und besonders den Tadel der neugierig gaffenden Klosterbewohner erregte, das war ein netter, kleiner Glasschrank mit grünen Wollvorhängen, den die Seejungfer in die neue Wohnung schaffen ließ. Dies Schränkchen enthielt die sämmtlichen Bücher des verstorbenen Bruders. Für Suschen selbst konnten diese literarischen Schätze freilich keinen Werth haben, denn sie verstand ja nichts von all dem, was darin stand; allein sie hatte oft genug gesehen, mit welch innigem Behagen der Bruder diese Lieblinge musterte, wie er darbte und sparte, um dies oder jenes heißgewünschte Werk anschaffen zu können. Auf jedem Titelblatt stand sein Name mit der zierlichen Schrift, die sie immer so bewundern mußte; aus jedem Buch guckten einzelne Papierstreifen, welche er bei bemerkenswerthen Stellen eingelegt hatte; manches steckte noch im schützenden Papiereinband, der sorgfältig mit Oblaten drüber geklebt war, und das waren für sie lauter Heiligthümer, von denen sie sich um keinen Preis der Welt getrennt hätte, lieber wäre sie Hungers gestorben. Deshalb aber wurde sie auch zum ersten Mal in ihrem Leben heftig, als die Nachbarinnen ihr riethen, das unnütze Zeug zu verkaufen.

Die Seejungfer lebte von nun an nur ihrer Arbeit und der Erziehung ihrer kleinen Schwester, Magdalene, die denn auch im Laufe der Zeit zu einem auffallend schönen Mädchen heranblühte. Suschen betrachtete sie oft mit geheimer Lust und sah sie schon im Geiste als die stattliche Hausfrau eines ebenso stattlichen Bürgers und Meisters. Allein das Schicksal fragt ebensowenig, wie ein junges liebendes Herz nach den Plänen einer mütterlichen Liebe und Fürsorge, und so wurde Suschen sehr bald und sehr unsanft aus ihren Versorgungsträumen geweckt.

Nicht weit von der Stadt, in der diese kleine Geschichte spielt, lebte zu jener Zeit auf einem einsamen Schlosse eine einsame, verwittwete Prinzessin, in deren Diensten sich, da sie eine leidenschaftliche Kunstliebhaberin war, ein italienischer Künstler befand. Dieser Neapolitaner nun war es, welcher den Strich durch Suschens Zukunftspläne machte. Er war ein schöner Mann mit feurigen, dunklen Augen und kohlschwarzen Locken. Eines Tags sah er die blonde Magdalene Hartmann, wie sie, einen Korb voll feiner Wäsche auf dem Kopfe, durch den Schloßgarten schritt. Alsbald entbrannte er in heftiger Leidenschaft für sie, und als er ihr, wenige Wochen darauf, nachdem er verschiedene Male mit ihr gesprochen, in der schattigen Lindenallee des fürstlichen Gartens seine glühende Liebe gestand, da konnte auch sie nicht widerstehen und versprach ihm, wenn auch unter Thränen und heftigen Angstschauern, ihm in seine prächtige südliche Heimath zu folgen.

Das war aber ein furchtbarer Schlag für die Seejungfer, als Magdalene ihren Entschluß aussprach und zugleich versicherte, daß sie sterben würde, wenn sie dem Geliebten nicht folgen dürfe. Suschen wollte jammern und bitten, allein infolge der letzten Drohung des jungen Mädchens verschluckte sie ihre Thränen und ließ es widerstandslos geschehen, daß eines Morgens, nach einer einfachen Trauung, der Bildhauer Bervaldo seine junge, blonde Frau in den Wagen hob und für immer der deutschen Heimath entführte. Vierzehn Jahre lang kamen regelmäßig Briefe aus Italien und berichteten wechselnd Glück und Leid, im fünfzehnten aber erschien eines Morgens ein dickes Briefpaket aus Neapel; es war gar nicht von Magdalenens Hand, und als es geöffnet wurde, da fiel ein Brieflein der Schwester heraus, in welchem sie die Seejungfer beschwor, sich ihres einzigen Kindes anzunehmen, weil sie sich dem Tode nahe fühle. Dabei lag ein Schreiben der Behörde, welches besagte, daß der Bildhauer Giuseppe Bervaldo sammt seiner Ehehälfte an einem hitzigen Fieber und mit Hinterlassung einer achtjährigen Tochter das Zeitliche gesegnet habe. Ein Freund des Verstorbenen wolle das verwaiste Kind bis nach Wien mitnehmen, von wo es aber die Verwandte abholen müsse, sofern sie nicht wolle, daß es einer öffentlichen Anstalt übergeben werde. Zugleich wurde darauf hingewiesen, daß die Eltern völlig mittellos gewesen seien und der Kleinen auch nicht das geringste Erbe hinterlassen hätten.

Anfänglich weinte die Seejungfer bitterlich, dann aber faßte sie sich wunderbar schnell und entfaltete eine ungemeine Energie und Rührigkeit. Sie nahm die Ohrringe der seligen Mutter und die, welche sie selbst an ihrem Confirmationstage als Pathengeschenk erhalten, aus dem sogenannten Heiligthum, einer alten, mit Watte gefüllten Schachtel; dann trennte sie aus dem weißen Bürgerhäubchen, das der Mutter höchster Schmuck gewesen war, den goldgestickten Boden; die dicke silberne Uhr des Vaters und zwölf silberne Westenknöpfe wurden auch dazu gelegt. Dies Alles trug sie zum Goldschmied und verkaufte es. Hierauf schloß sie das Glasschränkchen auf und nahm – kein Buch – sondern ein schweres Päckchen mit bebender Hand und feuchtem Auge heraus. Um das Päckchen war ein weißes Papier gelegt und darauf stand in großen, steifen Buchstaben und sehr unorthographisch geschrieben: „Ich möchte gern für dieses Geld ein ehrliches Begräbniß [563] haben, aber auch einen Leichenstein, und darauf soll stehen: Jungfer Susanna Hartmann.“ In dem Päckchen befanden sich dreißig blanke Silberstücke, die gaben mit dem Erlös der verkauften Sachen zusammen fünfundvierzig Thaler.

Eines Morgens sah man hinter den Fenstern der Seejungfer statt der weißen Kattunvorhänge festanschließende, mit blauem Papier beklebte Fenstereinsätze, und die Blumentöpfe auf den Simsen waren verschwunden. Die Seejungfer hatte sich, zum maßlosen Erstaunen der Klosterbewohner, aufgemacht, das Kind der verstorbenen Schwester zu holen. Drei Wochen blieb sie aus; da plötzlich, an einem Sonnabend Nachmittag, trat die Seejungfer wieder in den Klosterhof, ebenso geräuschlos kommend, wie sie gegangen war. Alt und Jung stürzte aus den Thüren und umringte die Ankommende, die, scheu und wortkarg wie immer, auf alle Fragen des andringenden Haufens nur erwiderte, daß sie in Wien gewesen sei, und als Beweis dafür auf ein kleines Mädchen zeigte, welches den Kopf ängstlich in den Rockfallen der Seejungfer zu bergen suchte. Es war aber ein merkwürdiges kleines Wesen, das die Alte da mitgebracht hatte, ein wahres „Taternkind“ (Zigeunerkind), wie die Nachbarinnen meinten, ein Wechselbalg, vor dem man sich fürchten könne – es sei ganz unmöglich, daß die schneeweiße, goldhaarige Magdalene solch ein schwarzgelbes Ding zur Welt gebracht habe. Die Seejungfer sei angeführt worden, das müsse ein Kind einsehen. Und in der That, das braune Gesicht der Kleinen, die ziemlich große Nase und der Wust pechschwarzen Haares, der auf eine niedrige Stirne fiel, dies Alles hatte auch die Seejungfer erschreckt. Trotzdem konnte sie die Zweifel der Nachbarinnen nicht theilen, denn das Mädchen trug unverkennbar die Züge ihres italienischen Vaters. Es hatte auch seine wunderbar tiefen, glänzenden Augen, deren Schönheit jedoch durch die schwarzen, zu stark entwickelten Brauen sehr beeinträchtigt wurde, welche auch dem Gesicht jede Spur von Kindlichkeit nahmen.

Nach einigen Tagen der Ruhe, welche hauptsächlich dazu benutzt wurden, der Kleinen ein möglichst sauberes, gefälliges Ansehen zu geben, führte die Seejungfer ihren kleinen Fremdling in Begleitung der üblichen Zuckerdüte nach der Schule. Die erste Vorstellung fiel, wie die zaghafte Alte richtig vorausgesehen hatte, nichts weniger als glänzend aus. Das Kind hielt krampfhaft die Hand der Muhme umschlossen und fuhr mit dem Kopfe heftig unter deren Mantel, als der Lehrer es anredete. Die sanften Bitten der Seejungfer und die eindringlichen Reden des Lehrers bezweckten nichts weiter, als daß die Kleine sich nur um so tiefer in die Kleider der Alten einwühlte, bis endlich dem Lehrer die Geduld riß und er scheltend das kleine Mädchen unter dem Mantel hervorzog. Da brach aber die ganze Classe in ein schallendes Gelächter aus, denn der mittelst Pomade und Kamm mühsam gebändigte Haarwust hatte sich bei der heftigen Gegenwehr des Kindes aufgelöst und starrte nun nach allen Himmelsgegenden. Zu gleicher Zeit aber erhob die Kleine ein so schmerzliches Geschrei, daß der Lehrer sich zornroth die Ohren zuhielt und die Seejungfer vor Angst am ganzen Leibe zitterte.

Von jenem Tage an war die kleine Fremde so zu sagen vogelfrei in den Augen der anderen Kinder. Die verwarfen ihren Eigennamen Maddalena, der so sanft klang, und nannten sie einstimmig „Tater“, ob auch die Kleine wüthend wurde, ihre weißen Zähne zornig wies und mit dem Fuße stampfte. Sie lief meist wie gescheucht nach Hause, der Kinderschwarm lärmend hinterdrein, bis sich die Verfolgte auf einen Eckstein flüchtete, dort die verschränkten mageren Arme über die Augen hielt und regungslos stehen blieb. Dann sah man nur noch an der kleinen, heftig athmenden Brust, daß Leben in ihr war; sie rührte sich auch dann nicht mehr, wenn die wilden Kinder sie an den Kleidern zupften oder mit Wasser bespritzten, und wartete geduldig, bis vernünftige Erwachsene sie befreiten und ihre kleinen Peiniger nach Hause gehen hießen. Bei den Lehrern fand sie wenig Schutz. Sie fühlten keine Sympathie, für das kleine unheimliche Wesen, das bei jeder Frage die düsteren Augen wild erschreckt auf sie heftete und nur selten, am allerwenigsten aber mittelst Drohungen oder rauher Worte zu einer Antwort sich bewegen ließ. Freilich zeugte dieselbe dann stets von einer merkwürdigen Fassungskraft und von einem klaren Verständniß dessen, was der Lehrer vorgetragen; allein die wenigen Worte wurden gewöhnlich rauh und in fremdklingendem Deutsch hervorgestoßen und von so heftigen Gesten begleitet, daß allgemeines Gelächter entstand.


Seit jenem denkwürdigen Abend, an welchem die kleine Waise aus dem Süden zum ersten Male die Freistätte des Elends betrat, mochten ohngefähr zwölf Jahre verstrichen sein – und hier beginnt eigentlich diese Erzählung – als an einem Pfingstsonntag, und zwar gerade als die sogenannte große Glocke mit tiefem, mächtigem Klange in das Nachmittagsgeläute einfiel, ein junger Mann am Eingang der schmalen Gasse erschien, welche nach dem Kloster führte. Offenbar war er dem Geläute bis hierher gefolgt. Er blieb einen Augenblick stehen, gleichsam überwältigt von der Macht dieser wundervollen Harmonie. Zwei greise Mütterchen, festlich angethan mit dem silberbesetzten Bürgerhäubchen und in den stattlichen, radförmigen Tuchmantel gehüllt, schritten an ihm vorüber nach der Kirche und grüßten freundlich. Auch verschiedene Fenster öffneten sich, aus denen Männer in Hemdärmeln und Frauen mit der Kaffeetasse in der Hand die neugierigen Gesichter steckten. Der junge Mann aber bemerkte dies Alles nicht; das Auge auf den Thurm gerichtet, durch dessen offene Luken man deutlich die schwingenden Glocken sehen konnte, ging er langsam weiter bis zu dem Gärtchen auf der Mauer. Dort, durch den Kastanienbaum gegen die brennenden Sonnenstrahlen geschützt, lehnte er sich an das Gemäuer und lauschte bewegungslos. Da erhob sich ein schwacher Luftzug: ein weißes Blatt flatterte vom Mauerrand herab zu seinen Füßen, zugleich lief eine weibliche Gestalt droben durch das Gärtchen und verschwand in dem offenstehenden Fenster. Die Erscheinung war flüchtig und lautlos vorübergeglitten wie ein Schatten. Der junge Mann hatte nur einen feingeformten Hinterkopf mit einem prächtigen bläulich schwarzen Flechtengewirr und einen entblößten, schöngerundeten Arm gesehen, der das Fensterkreuz umschlang, während der schlanke Leib sich in das Innere des Hauses bog; allein in dieser einen Bewegung lag so viel jugendliche Anmuth, eine so schlangengewandte Biegsamkeit, daß der Beobachter drunten auf der Straße ohne Zweifel auch ein dazu gehörendes Gesicht voll Liebreiz voraussetzte, denn er musterte sofort mit großem Interesse die Fensterreihe mit den weißen Vorhängen, hinter deren einem jedoch nur das scharfe Profil der Seejungfer sichtbar war, wie sie, die Brille tief auf die Nase herabgedrückt und das Gesangbuch weit abhaltend, ihr Nachmittagsgebet las.

Der Fremde hob das Blatt auf, das noch vor ihm auf dem Boden lag. Es enthielt das flüchtig, doch correct mit Bleistift hingeworfene Portrait einer Frau, ein wunderliebliches, aber echt deutsches Gesicht, von lichten, Haar umrahmt, unter dem kleidsamen Schleier der Neapolitanerinnen. Das Blatt war jedenfalls von dem Steintisch droben auf der Mauer herabgefallen, dessen Platte mit verschiedenen Papieren bedeckt war; auch mehrere Bücher lagen dort. Diese Zeichen einer höheren geistigen Beschäftigung sammt dem improvisirten hohen Gärtchen voll Blüthenduft und Käfergeschwirr sahen merkwürdig genug aus inmitten der zerfallenen, armseligen Umgebung, fast wie ein versprengtes Märchen, das sich in die rauhe Wirklichkeit verirrt hat.

Unterdeß hatte das Geläute einen immer mächtigeren Aufschwung genommen, ein Zeichen, daß es seinem Ende nahte. Der junge Mann sah wieder hinauf nach dem Thurmfenster, aber statt der schwingenden Glocken erschien jetzt eine helle Gestalt in der schmalen Oeffnung, es war dieselbe Erscheinung, die vorhin so rasch über die Mauer gehuscht war. Der Fremde hatte nicht so bald dies bemerkt, als er auch das Kloster und die Kirche umschritt und die alte, ausgetretene Steintreppe des Glockenthurmes hinanstieg. Als er oben war, fiel sein erster Blick auf die Gestalt im Fenster, und überrascht blieb er stehen. Es war ein junges Mädchen, das da still und regungslos mit gefalteten Händen auf dem Sims saß. Das Spitzbogenfenster mit seinen feingemeißelten Arabesken umschloß sie wie ein enger Rahmen, und gegen den tiefblauen Himmel draußen, der sich erst in weiter Ferne auf einen schöngeschwungenen, in zartes Violet getauchten Bergrücken legte, zeichnete sich ein bewundernswürdiges Profil ab, rein und tadellos in der Form und von einem hinreißenden Ausdruck beseelt.

Der Blick des Fremden, der unverwandt und erstaunt auf dem Gesicht haftete, schien indeß etwas wie eine magnetische Kraft zu besitzen, denn das Mädchen wandte plötzlich den Kopf nach innen. Ihr dunkles Auge öffnete sich weit und starrte ihn einen Augenblick an, als käme er aus der Geisterwelt, dann aber sprang sie mit einem Schrei vom Sims herab, barg den Kopf in beiden Händen und rannte in dem schmalen Gange, der zwischen den Glocken und der Mauer blieb, wie in Todesangst einen Ausweg [564] suchend, auf und ab. Da es jedoch den Anschein hatte, als ob sie sich in ihrer Verwirrung zwischen das sausende Erz stürzen wolle, so lief ein alter Mann hinzu, welcher sie am Arme faßte und, um das Glockengebraus zu übertönen, ihr heftig und laut in die Ohren schrie. Sie aber riß sich los und eilte mit Blitzesschnelle und abgewendetem Gesicht an dem Fremden vorüber, die Treppe hinab, wo sie alsbald in der unten herrschenden Dunkelheit verschwand.

Dies Alles war das Werk eines Augenblickes gewesen. Zugleich erschollen die letzten Glockenschläge mit fast betäubender Gewalt, um bald darauf hinzusterben in ein schwaches, unregelmäßiges Klingen, das zuletzt als wehmüthiges Tongeflüster in den Lüften verschwamm. Dann hingen sie still und dunkel da, die Glocken, mit gebundenen Schwingen den Klangreichthum in sich betrauernd, weil er schweigen muß nach dem Willen der kleinen Menschen da drunten. Aber noch lange nach ihrem Verklingen, selbst wenn der schwächste Ton ausgezittert hat, ist es, als entströme ihnen ein unsichtbares Leben, als zögen die Geister der abgeschiedenen Klänge leise dem Strome nach, der mächtig hinausfluthet und in Millionen Arme getheilt an die Menschenbrust schlägt; er rauscht an das verstockte Gemüth, das sich grimmig wehrt und windet unter der unabweisbaren Mahnung, und löst sich harmonisch auf in der spiegelklaren Fluth, die wir „eine reine Seele“ nennen.

Mehrere Männer, welche das Geläute besorgt hatten, waren indessen von den Balken herabgestiegen und gingen grüßend die Treppe hinab, indem sie ihre Röcke anzogen. Jener alte Mann aber, der mit dem Mädchen gesprochen halte, zog höflich seine Mütze vor dem Fremden, wobei ein ehrwürdiger, schneeweißer Scheitel sichtbar wurde, und sagte mit einem eigenthümlich gutmüthigen Anflug in der Stimme:

„Was hat denn der Herr dem Lenchen gethan, daß sie so ganz außer Rand und Band war? Um ein Haar wär’ sie von den Glocken erschlagen worden.“

„Sehe ich denn aus wie ein Mädchenverfolger, alter Jacob?“ fragte lächelnd der junge Mann.

Der Alte blickte erstaunt auf. „Der Herr kennt mich?“ fragte er und sah dem Fremden forschend in’s Gesicht, während er die dicken, weißen Augenbrauen zusammenzog und die Hand schützend über die Augen hielt, um besser sehen zu können.

„Es scheint, ich habe ein treueres Gedächtniß für meine alten Freunde, als Ihr … Wie könnte ich wohl den Mann vergessen, der alle meine tollen Knabenstreiche unterstützte, der mir manchen Apfel vom Baume geschüttelt hat und mich gern als zweiten Reiter auf meines Vaters Braunem duldete, wenn er ihn nach der Schwemme ritt!“ erwiderte der Fremde und reichte dem Alten freundlich die Hand.

„Herr Jesus!“ rief der alte Mann. „Nein, wie kann man aber auch so blind werden! Ja, das Alter, das Alter … Na, das ist eine Freude! … Hätt’ nicht gemeint, den jungen Herrn Werner in meinen alten Tagen noch einmal zu sehen … Und wie groß und stattlich Sie geworden sind … Jetzt müßte die sel’ge Mutter kommen, die würde wohl Augen machen, wenn sie ihr Herzblut sähe! – Bleiben Sie denn nun aber auch bei uns?“

„Für’s Erste, ja … Nun sagt mir aber, wer ist denn das Mädchen, das hier im Fenster saß?“

„’s Lenchen, der Seejungfer ihr Schwesterkind.“

„Was, der Tater?“

„Ach, du meine Güte, das wissen Sie noch? … Ja, die bösen Kinder hatten sie so getauft; aber aus dem Tater ist ein schönes Mädchen geworden. Die Leute wissen’s nicht so, weil sie sich immer hinter den Mauern verkriecht, und in den armseligen Kleidern sieht man’s auch nicht gleich … Es giebt auch Dumme genug, die meinen, es sei nicht ganz richtig bei ihr, weil sie manchmal so absonderlich ist. Es ist wahr, sie führt freilich mitunter Reden, die Unsereiner nicht versteht, muß sie denn aber deshalb gerade verrückt sein? … Sehen Sie, Herr Werner,“ fuhr der Alte fort und strich mit der großen, schwieligen Hand über die Augen, „das ist immer gar ein armes Ding gewesen, so allein, keinen Vater und keine Mutter … Ich hatte sie im Anfang gar nicht weiter angesehen, wenn sie auf den Thurm kam, die Andern nannten sie mir die Unke, weil sie immer so still in ihr Winkelchen kroch, aber einmal, da sah ich sie, wie sie ihr Köpfchen in die eine Glocke legte, die gerade ausgeklungen hatte, und sie streichelte, als ob es ein lieber Mensch sei, das dauerte mich. Ich ging auf sie zu und redete sie an, da machte sie jedoch ganz erschrockene Augen und schoß die Treppe hinunter wie eine wilde Katze. Später hat sich’s aber doch noch gemacht. Wir wurden gute Freunde, und ich gewöhnte mich so an das närrische kleine Ding, daß mir nachher meine Frau jeden Sonntag mein Töpfchen Kaffee hierher auf den Thurm bringen mußte, weil ich ihn daheim immer kalt werden ließ; daß da die Kleine mittrank, können Sie sich denken.“

„Dann habe ich Euch heute um Euer Kaffeestündchen gebracht, denn es scheint, das Mädchen kommt nicht wieder,“ sagte Werner und bog sich aus dem Thurmfenster. Tief unten lag das Mauergärtchen, aber es herrschte dort sowohl, wie in der kleinen Gasse eine Todtenstille. Die Sonne lag brütend auf der engen Ecke, und Alles, was lebte, hatte sich hinter die kühlen Mauern geflüchtet.

„Ja, ich glaub’s auch,“ entgegnete der Alte, „heute kommt sie nicht mehr, sie hat sich zu sehr erschreckt; möchte nur wissen, warum. Sie geht freilich allen Menschen aus dem Wege, aber das thut sie gewöhnlich still, ohne daß es die Andern groß merken … Ich weiß nicht, was heute in sie gefahren ist, Sie sehen doch wahrhaftig nicht so aus, daß man sich fürchten müßte, Herr Werner!“

Der Blick des Alten glitt bei diesen Worten wohlgefällig über die auffallend schöne, imposante Gestalt des jungen Mannes; der aber zog seine Brieftasche hervor und zeigte Jacob die gefundene Bleistiftzeichnung.

„Ach, das ist Lenchen ihre sel’ge Mutter!“ sagte dieser, „das Bildchen hat die Kleine selbst aus dem Gedächtniß gemacht.“

„Wie,“ rief Werner erstaunt, „das junge Mädchen?“

„Ja wohl, die malt, wie irgend Einer. ‚Setze Dich hierher, Jacob,‘ sagt sie manchmal, wenn wir hier oben zusammensitzen. ‚Siehst Du, da kommt ein heller Sonnenstrahl, der fällt gerade auf Deinen Kopf, so muß ich Dich zeichnen‘ … und da dauert’s keine Viertelstunde, da steh’ ich alter Kerl da auf dem Papier, daß die Leute hell auflachen, so ähnlich ist’s. … Da wohnte lange Jahre ein alter Maler im Kloster. Er soll seine Sache recht gut verstanden haben, allein er war aus der Mode gekommen, die vornehmen Leute sagten, er lege nicht den rechten Verstand in die Gesichter … du lieber Gott, da mag auch manchmal guter Rath theuer gewesen sein, denn Etwas malen, was nicht da ist, dazu gehört wohl ebensoviel Kunst, als wenn man Glocken läuten will, die keinen Klöppel haben. … Nun, der alte Mann hat gemerkt, daß in dem Lenchen was steckt; er hat sie hergenommen und hat ihr gezeigt, wie man die Bilder macht, und bald hat sie ihm geholfen an den Carmen und Pathenbriefen, welche die gemeinen Leute gern schön gemalt haben. Der Alte ist nun vor ein paar Jahren gestorben und Lenchen hat seine Kundschaft gekriegt, sie verdient manchen Groschen damit.“

(Fortsetzung folgt.)




Die Judengasse in Frankfurt a. M. und die Familie Rothschild.
Von G. L. Kriegk.[WS 2]

Bis gegen den Schluß des Mittelalters befanden sich die Frankfurter Juden in einer besseren Lage, als in der neueren Zeit. Sie lebten bis 1349, wo die christliche Bürgerschaft sich das Eigenthumsrecht über sie erkaufte, als Kammerknechte des Kaisers, d. h. als Zinsgehörige und Schützlinge desselben, und hatten nicht nur ihren eigenen Gerichtsstand, sondern auch ihre eigene Gemeindeverwaltung. Auch nachdem sie Eigenthum der Frankfurter Bürgerschaft geworden waren, verwalteten sie noch lange ihre religiösen und Gemeinde-Angelegenheiten ganz selbstständig, waren und hießen Bürger der Stadt und unterschieden sich rechtlich von den christlichen Bürgern nur dadurch, daß sie der höheren politischen Rechte entbehrten und nicht, wie diese, die nach dem jedesmaligen Stande des Vermögens berechnete Beede oder Schatzung, sondern eine für jeden Juden im Voraus festgesetzte jährliche Abgabe entrichteten.

[565]
Die Gartenlaube (1865) b 565.jpg

Die Judengasse in Frankfurt am Main.

Sie konnten also zwar nicht Mitglieder des Rathes, der Gerichte und der politischen Corporationen sein und, weil letzteres der Fall war, auch am städtischen Kriegsdienste nicht Theil nehmen, sie durften aber Grundeigenthum erwerben, ihren Wohnsitz in der Stadt nach Belieben wählen und außer den Gewerben derjenigen Corporationen, die man Zünfte nannte, jedes Geschäft treiben.

Von dem Zwange, in einer bestimmten Straße zu wohnen, war damals keine Rede. Allerdings gab es schon in jener Zeit zu Frankfurt eine sogenannte Judengasse, welche zwischen der Hauptkirche der Stadt und der Mainbrücke lag; aber kein Jude war genöthigt in ihr zu wohnen, und sie enthielt ebensowohl christliche wie jüdische Häuser. Sogar einige der vornehmsten christlichen Familien hatten ebenso zu Frankfurt, wie zu Speier und Ulm, ihre Wohnhäuser in der Judengasse, und in den Jahren 1364–1375 wohnte sogar das Haupt der Stadtgemeinde, der sogenannte ältere Bürgermeister, daselbst. Natürlich hatten die meisten Juden ihre Wohnungen in der nach ihnen benannten Gasse, denn in dieser lag ihre Synagoge, ihr Badehaus und ihr [566] sogenanntes Tanzhaus, d. h. das für größere Vergnügungen bestimmte gemeinschaftliche Gebäude, und außerdem lebt ja der Mensch in der Regel am liebsten unter denen, welche mit ihm gleiche Religion, Sitte und Sprache haben.

Die Aenderung der glücklichen Lage, in welcher die Frankfurter Juden sich früher befanden, beginnt mit der ersten Zeit des fünfzehnten Jahrhunderts. Sie trat allmählich ein, nahm aber nachher immer schneller zu und erreichte mit dem Beginn des siebenzehnten Jahrhunderts ihren höchsten Grad. Schon um 1425 hießen die Juden in Frankfurt nicht mehr Bürger, sondern sie wurden ebenso Judenbürgcr genannt, wie man sie in der neuesten Zeit israelitische Bürger genannt hat. In der Juden-Ordnung von 1480 wurde ihnen geradezu verboten, sich Bürger von Frankfurt zu nennen. Ebendaselbst war ausgesprochen, daß jeder Jude sein Recht, in Frankfurt zu wohnen, alle drei Jahre erneuen lassen müsse, daß er aber auch innerhalb dieser Zeit ausgewiesen werden könne.

Das Härteste, was die Juden im fünfzehnten Jahrhundert traf, war das 1460 erlassene Gebot, ihre bisherigen Wohnungen zu verlassen und dagegen fortan insgesammt in einer bestimmten, für sie herzustellenden Gasse zu wohnen. Dieses Gebot ging im Allgemeinen aus dem zu Ungunsten der Juden veränderten Geiste der Zeit hervor, hatte aber seinen besonderen Grund noch darin, daß die Frankfurter Juden bisher größtentheils in der Nähe der Hauptkirche gewohnt hatten und man dies als eine Entweihung des christlichen Gottesdienstes ansah. Es sei, sagte man, eine Beschimpfung der christlichen Religion, daß die Juden in nächster Nähe einer Kirche ihren Gottesdienst hielten, auch werde durch die in letzterer hörbaren Ceremonien der Juden der christliche Gottesdienst gestört und dieser werde außerdem auch noch dadurch herabgewürdigt, daß die Juden von ihren Wohnungen aus die Sacramente der Christen mit ansehen und ihre Kirchengesänge hören könnten; man müsse daher die Juden und ihre Synagoge nicht nur aus der Nähe der Hauptkirche entfernen, sondern zugleich auch an einen Ort versetzen, an welchen ihnen jede nähere Berührung mit den Christen unmöglich gemacht sei. Diese Versetzung und Absonderung der Juden war dem Rath schon 1442 durch Kaiser Friedrich den Dritten befohlen worden, der Rath hatte jedoch das kaiserliche Gebot nicht befolgt. Im Jahre 1458 wiederholte Friedrich der Dritte seinen Befehl, und nun gehorchte der Rath. Von 1460 an wurde dann an der Herstellung einer neuen Judengasse gearbeitet und 1462 mußte dieselbe von den Juden bezogen werden.

Diese Gasse hatte man in einer schwach bewohnten Gegend der Stadt angelegt und von den nächsten Christenhäusern auf eine solche Weise abgesondert, daß die Juden fortan wirklich in einem völlig abgeschlossenen Raume wohnten. Sie lag nämlich an der Grenze der Alt- und der Neustadt, auf einem Theile des ausgetrockneten Stadtgrabens, welcher um die Mauer der Altstadt lief. Auf der einen Seite war sie durch die alte Stadtmauer von den Häusern der Altstadtabgesperrt, auf der anderen aber hatte man sie von denen der Neustadt dadurch geschieden, daß auch dort eine Grenzmauer erbaut worden war. Sie hatte drei Eingänge, einen an ihrem Anfang, einen anderen an ihrem Ende und den dritten in ihrer Mitte. Die beiden ersteren vermitteln den Verkehr mit der Neustadt, der letztere den mit der Altstadt.

Die Juden hatten, als der Rath die Erbauung dieser Gasse beschloß, Alles aufgeboten, um ihre Vertreibung aus ihren bisherigen Wohnungen abzuwenden. Sie hatten 1460 in einer Bittschrift an den Rath vorgestellt: in der neuen Judengasse seien sie durch die alte Stadtmaeer von den Bewohnern der Altstadt so sehr geschieden, daß diese ihnen, wenn sie Hülfe bedürften, dieselbe nicht leisten könnten, während auf der anderen Seite nur Gärtner und andere den Tag über auf dem Felde oder im Walde beschäftigten Leute wohnten; die Juden seien aber schon in der letzten Zeit auf denjenigen Straßen, in welche die Thore der Judengasse führten, oft mit höhnenden Zurufen und mit Steinwürfen verfolgt, ja manchmal sogar mit Schlägen bedroht worden; wie viel mehr würde dies erst dann der Fall sein, wenn sie künftig bei allen ihren Geschäften durch jene Straßen gehen müßten; außerdem würden sie, in einer so abgelegenen Gegend, zur Zeit der beiden Messen hülflos der Mißhandlung oder Plünderung durch die vielen anwesenden Fremden preisgegeben seien etc. Am Schlusse ihrer Bittschrift hatten sie das Anerbieten gemacht: sie wollten, damit der Hauptgrund für ihre Vertreibung aus der seitherigen Judengasse wegfalle, den der Kirche gegenüber befindlichen Ausgang aus derselben zumauern lassen, sich künftig mit einem einzigen Ausgange, welcher auf der entgegengesetzten Seite liege, begnügen, auch rings um ihr bisheriges Quartier eine hohe Mauer, ja sogar hinter derselben noch eine zweite aufführen lassen, sowie die in der Nähe der Kirche stehenden Häuser verkaufen und sich dafür auf der entgegengesetzten Seite Wohnungen miethen und endlich noch sich gefallen lassen, daß auch dort der Zugang zu ihrer Straße verschließbar gemacht werde.

Alle diese Vorstellungen und Anerbietungen fruchteten nichts; es blieb bei dem gefaßten Beschlusse, und die Juden mußten 1462 in die neue Judengasse wandern, welche gleich Anfangs Neu-Aegypten genannt wurde, weil die gezwungene Niederlassung in ihr die Juden ebenso als Knechte der Christen bezeichnete, wie ihre Vorfahren einst Knechte der Aegypter gewesen waren. Uebrigens waren die Wohnhäuser der neuen Gasse auf Kosten der städtischen Behörde erbaut worden, und diese hatte ebenso auch eine Synagoge, ein kaltes Bad, ein Tanzhaus und ein jüdisches Wirthshaus errichten lassen, wogegen aber alle bisherigen Gebäude der Juden städtisches Eigenthum wurden. Die Juden mußten von den ihnen eingeräumten Häusern, welche ihnen keineswegs als Eigenthum übergeben worden waren, einen jährlichen Zins an die Stadtcasse entrichten. Erst hundert und fünfzig Jahre später wurden die Häuser der Judengasse für Eigenthum ihrer Bewohner erklärt, jedoch nur die Gebäude selbst, nicht auch der Grund und Boden, auf welchem dieselben standen, weshalb bis in die neueste Zeit statt des früheren Hauszinses ein Grundzins entrichtet werden mußte. Uebrigens hatten schon von 1465 an alle neuen Bauten auf Kosten der Juden selbst gemacht werden müssen.

Dic in den Jahren 1460–1462 erbaute Judengasse ist 345 Jahre lang, also bis in unser Jahrhundert hinein, der alleinige Wohnort der Frankfurter Juden geblieben. Abzurechnen sind hiervon nur wenige Jahre, in welchen die Juden oder doch ein Theil von ihnen einige Male wegen Feuersbrünsten und einmal wegen ihrer Vertreibung aus Frankfurt nicht in der Judengasse wohnten. Eine geringfügige Vergrößerung erhielt die Gasse nur einmal (1713), als die Juden vor dem südöstlichen Ende derselben einen Bleichgarten erkauft und, nach langem Widcrstreben der Frankfurter Behörden, durch den Reichshofrath das Recht erlangt hatten, diesen zu ihrer Gasse hinzuzuziehen. Erst 1807 wurde den Juden auch ein Raum außerhalb der Gasse zum Wohnen angewiesen, indem damals der Fürst Primas als Beherrscher von Frankfurt nicht blos die Thore und Ringmauern der Judengasse abzubrechen befahl, sondern auch den Juden die Erlaubniß ertheilte, ihre Wohnungen in einem bestimmten größeren Bezirke neben ihrer Gasse zu wählen. Einige Jahre später (28. Decbr. 1811) gewährte derselbe Fürst den Frankfurter Juden den Genuß gleicher Rechte mit den Christen und hob dadurch ihre Absperrung von diesen für immer auf. Seit dieser Zeit haben die Juden das Recht behalten, in allen Theilen der Stadt zu wohnen.

Die Frankfurter Judengasse war, bis sie 1711 völlig abbrannte, ein finsterer Wohnbezirk, denn sie hatte fast durchaus nur eine Breite von zwölf, an ihren breitesten Stellen von fünfzehn bis sechszehn Fuß, und bestand aus hundert und fünfundneunzig dicht an einander gebauten Häusern, welche zum Theil sehr hoch waren. Natürlich war es unmöglich, in ihr mit einem Wagen umzuwenden, und damit die deshalb öfters eintretenden Stockungen einigermaßen beseitigt würden, hatte der Rath 1580 den mittleren Zugang zur Gasse erweitern lassen.

Bei der engen, finsteren und ungesunden Beschaffenheit ihrer Gasse war den Juden auch noch der Genuß der frischen Luft außerhalb derselben verkümmert. Die Gasse war an ihren drei Eingängen mit Thoren versehen, und diese wurden nicht nur Nachts, sondern auch während der Sonntage und der christlichen wie der jüdischen Festtage geschlossen gehalten. Nur in Fällen der Noth gestattete man dann den Aus- und Eingang, und zwar vermittelst einer kleinen in jedem Thor angebrachten Thür. Ferner durfte kein Jude die Stadt-Allee betreten, d. h. den einzigen Platz zum Spazierengehen, welchen das mit hohen Mauern und breiten Gräben umgebene, Morgens spät geöffnete und Abends früh geschlossene ältere Frankfurt enthielt. Als in neuerer Zeit die die Stadt umgebenden Gräben und Wälle in Promenaden verwandelt worden waren, durften die Judcn anfangs auch diese nicht betreten, sondern sie mußten sich auf der an den Promenaden herziehenden [567] Chaussee halten. Sogar einen Theil der Straßen in der Stadt durften sie früher kaum zu betreten wagen. Ueber das Pfarreisen, d. i. den an der Hauptkirche liegenden Platz, durch die zu Passagen benutzten Kreuzgänge der Kirchen und über den sogenannten Holz- und Zimmergraben zu gehen, war ihnen geradezu verboten, und wenn ein Jude dies doch that, so wurde ihm durch Vorübergehende der Hut vom Kopfe gerissen. Auch den Römerberg oder den vor dem Rathhaus liegenden Platz durften sie nur längs der Häuser seiner Ostseite betreten, und sogar dies war ihnen blos in der Zeit der Messen gestattet. Die einzige Ausnahme hiervon fand dann statt, wenn die Juden das aus Gewürz bestehende Neujahrsgeschenk, welches sie jedem Schöffen machen mußten, in den Römer, d. i. in das Rathhaus, brachten. Hatte ein Jude sonst etwas im Römer zu thun, so mußte er an dem hinteren Theile desselben in ihn eintreten.

Selbst in den ihnen gesetzlich zugänglichen Straßen waren sie den Mißhandlungen und Kränkungen seiten des Pöbels und junger Leute preisgegeben. Schon drei Jahre nach ihrer Uebersiedelung in die Judengasse war der Rath genöthigt, durch eine besondere Verordnung zu gebieten, daß man die Juden auf den Straßen nicht schlage und ihnen nicht Schimpfworte zurufe. Dergleichen Gebote fruchteten jedoch nichts; im Gegentheil, die Mißhandlung und Verhöhnung der Juden wurden im Laufe der Zeit immer ärger. Man warf sie mit Steinen, Koth und Schneebällen, rupfte sie am Bart, stieß sie und dergl. mehr. Auch pflegten die meisten Christen einen Juden nicht anders als mit Du anzureden. Diese Mißhandlungen dauerten bis zum Beginn des gegenwärtigen Jahrhunderts fort. Namentlich nahm zuletzt jeder christliche Gassenjunge das Recht in Anspruch, einen ihm begegnenden Juden durch den Zuruf: „Judd’, mach’ Mores!“ zur Abnahme des Hutes zu zwingen. Noch leben Leute, welche dies als Knaben gethan haben, und der 1855 gestorbene Amschel von Rothschild hatte in seiner Jugend sich mehr als einmal einer solchen Mißhandlung unterwerfen müssen.

Kehren wir nun zur Beschreibung der Judengasse zurück, so war diese in Folge einer argen Mißhandlung der Juden, unter den besonderen Schutz von Kaiser und Reich gestellt worden. In Frankfurt hatten nämlich die Zünfte, welche mehrere Jahre hindurch im Aufstand begriffen waren, alle Gewalt an sich gerissen, und am 22. August 1614 waren die verhaßten Juden in ihrer Gasse durch eine meist aus Handwerksgesellen bestehende bewaffnete Pöbelschaar überfallen worden. Anstifter des Ueberfalles war der Lebküchler Vincenz Fettmilch gewesen, welcher als leitendes Oberhaupt an der Spitze der empörten Zünfte stand. Die Juden hatten, von dem Vorhaben des Pöbels in Kenntniß gesetzt, sich nicht nur bewaffnet und das Straßenpflaster aufgerissen, sondern auch die Eingangsthore ihrer Gasse verschlossen und dasjenige Thor, durch welches der Angriff projectirt war, verbarricadirt. Die Angreifer drangen jedoch durch ein an dieses Thor anstoßendes, aus Fachwerk bestehendes Haus, welches sie zerstörten, in die Gasse ein. Es entstand nun um vier Uhr Abends ein etwa acht Stunden dauernder Kampf, in welchem es auf beiden Seiten Verwundete gab und zwei Juden sowie ein Christ getödtet wurden. Die Juden waren der Ueberzahl ihrer Feinde nicht gewachsen, und wurden immer weiter zurückgedrängt, während ein Theil ihrer Gegner die unvertheidigten Häuser zu plündern begann. Sie waren bis gegen die Mitte der Gasse zurückgewichen, als endlich der eine der beiden Bürgermeister mit bewaffneten Bürgern erschien und die Angreifer und Plünderer aus der Gasse hinaustrieb. Jetzt begaben sich alle Juden auf den am anderen Ende der Gasse gelegenen Judenkirchhof, in welchen gleich anfangs die Weiber und Kinder geflohen waren; doch hatte ein Theil der Juden während des Kampfes auch in christlichen Häusern Zuflucht gesucht und gefunden. Am anderen Morgen holten die Juden so viel von ihren Habseligkeiten, als sie fortbringen konnten, aus der vom Bürgermeister besetzt gehaltenen Gasse und trugen es auf ihren Friedhof. Sie waren noch immer in großer Gefahr, weil ein Theil des Pöbels ihnen den Tod geschworen hatte und Vincenz Fettmilch im Namen der Bürgerschaft ihnen förmlich den Schutz aufkündigte. Der seines Ansehens beraubte Stadtrath war außer Stande, sie zu schützen, und beschloß daher, sie schnell aus der Stadt fortbringen zu lassen. Dies geschah denn auch in der Mittagszeit des 23. August.

Die Juden lebten hierauf anderthalb Jahre lang in den benachbarten Ortschaften, in welche sie sich vertheilt hatten. Während dieser Zeit wurde der in Frankfurt waltende Aufstand, durch die vom Kaiser hiermit beauftragten Fürsten von Mainz und Hessen-Darmstadt, völlig unterdrückt und die Zurückführung der Juden beschlossen. Diese fand an demselben Tage statt, an welchem die Leiter des Aufstandes ihre Strafe erhielten (28. Februar 1616).

Am frühen Morgen dieses Tages mußten alle Frankfurter Juden vor einem der Stadtthore erscheinen und dort so lange warten, bis Fettmilch nebst sechs anderen Volksführern auf einem freien Platze der Stadt enthauptet, neun andere aber unter den Peitschenhieben der Henker zur Stadt hinaus und an den Juden vorbei in die Verbannung getrieben und noch dreiundzwanzig Schuldige, ohne dabei vom Henker geschlagen zu werden, zur Stadt hinausgebracht worden waren. Nachdem dies Alles geschehen, wurden die Juden von Mainzischen und Hessischen Truppen in die Stadt zurückgeführt und an der Richtstätte vorbei in die Judengasse geleitet. Dieser Zug durch die Stadt fand unter Trommelschlag statt. Ein Jude des Namens Oppenheim war über die Rückkehr in seine Vaterstadt so sehr erfreut, daß er einen Trommler dringend bat, ihn doch auch die Trommel schlagen zu lassen. Seine Bitte wurde gewährt, und die anderen Juden gaben ihm dafür den Beinamen Trumm, welcher seiner Familie bis zum heutigen Tage geblieben ist. Einer seiner Nachkommen war der reiche Bankier Oppenheim in Hannover, in dessen Geschäft um 1765 der Gründer des weltberühmten Hauses Rothschild mehrere Jahre lang arbeitete, was, wie wir unten sehen werden, den ersten Anlaß zur Erwerbung des Rothschild’schen Reichthums gab. Als die zurückgebrachten Juden vor ihrer Gasse angekommen waren, mußten sie einen Kreis bilden, um die neue, von den kaiserlichen Commissären verfaßte Juden-Ordnung anzuhören, ehe sie in ihre Wohnungen zurückkehrten. Hierauf wurde an jedes der drei Gassenthore ein großes Schild angeschlagen, auf welches der Reichsadler gemalt war mit der Aufschrift: „Römisch kaiserlicher Majestät und des heiligen Reichs Schutz“. Die christliche Bürgerschaft mußte, auf kaiserlichen Befehl, den Juden in den nächstcn Monaten 176,000 Gulden als Entschädigung für die Plünderung von 1614 bezahlen. Uebrigens feierten seitdem die Frankfurter Juden und feiern noch immer jäbrlich zwei Feste, welche dem Andenken an ihre Vertreibung und ihre Rückkehr gewidmet sind. Beide werden nach dem Vornamen Fettmilch’s benannt.

Die damals aus einhundert fünfundneunzig Häusern bestehende Judengasse war von vierhundert vierundfünfzig Familien bewohnt. Auf jedes Haus kamen also zwei bis drei Familien, und da zu jener Zeit die Seelenzahl der Juden zwischen zweitausend fünfhundert und viertausend betrug, so enthielt jedes Haus dreizehn bis zwanzig Personen. Hundert Jahre später (1711) belief sich die Zahl der Frankfurter Juden, nach der geringsten Schätzung, auf etwa achttausend Seelen, und damals wohnten also in jedem Hause durchschnittlich einundvierzig Menschen. Die Bewohner der Judengasse waren um so mehr beengt, da alle Häuser eine so geringe Breite hatten, daß sie nach vorn nur ein einziges Zimmer enthielten.

Im Jahre 1711 brannte die Gasse völlig ab und alle Heutzutage in ihr stehenden Häuser sind erst in und nach diesem Jahre erbaut worden. Man nennt die Feuersbrunst, welche damals die Judengasse einäscherte, den großen Judenbrand, zum Unterschied von dem sogenannten großen Christenbrande, welcher acht Jahre später nicht weniger als vierhundert christliche Häuser Frankfurts vernichtete. Die Veranlassung des großen Judenbrandes ist ungeachtet der darüber gehaltenen strengen Untersuchung nicht ermittelt worden. Das Feuer brach am 14. Januar 1711 Abends halb neuu Uhr aus, und zwar im Wohnhause des ersten Rabbiners, welches fast in der Mitte der Gasse lag. Man eilte von Seiten der Christen sogleich zum Löschen herbei, allein die Juden hielten aus Furcht vor Plünderung die Thore ihrer Gasse eine ganze Stunde lang verschlossen, und als sie dieselben endlich öffneten, stand bereits eine Anzahl Häuser in vollen Flammen. Der zufällig herrschende heftige Wind und die Enge der Gasse wurden Ursache, daß, bis auf drei am östlichen Ende derselben abgesondert stehende Gebäude, alle Häuser darinnen niederbrannten. Manche Juden sahen die völlige Vernichtung ihrer Gasse als ein Zeichen an, daß Gott über die Frankfurter Juden erzürnt gewesen sei und sie Alle habe strafen wollen. Sie wurden in diesem Glauben durch den Umstand bestärkt, daß von allen benachbarten christlichen [568] Wohnhäusern kein einziges den Flmmen zum Opfer fiel, denn nur eine nahestehende Scheune brannte nieder und zwei christliche Wohnhäuser wurden in unbedeutendem Grade vom Feuer beschädigt: auch ein ganz nahestehender und angefüllter Pulverthurm, den man unbegreiflicher Weise während des Brandes nicht ausräumte oder zu schützen suchte, blieb trotz des wehenden Windes unversehrt. Wegen der Erhaltung der benachbarten christlichen Häuser gab es auch unter den Christen nicht Wenige, welche in dem großen Unglück der Juden und in der Verschonnng der Christen den Beweis fanden, daß jene als Feinde Christi der Gottheit verhaßt seien.

Die obdachlos gewordenen Juden wurden zum Theil in christliche Wohnhäuser aufgenommen, in welchen manche so lange wohnen blieben, daß ihnen 1716 die Rückkehr in die Judengasse geboten werden mußte. Andere siedelten sich bis zur Wiederherstellung ihrer Häuser in benachbarten Dörfern an. Den ärmeren Theil ließ der Stadtrath einstweilen in ein christliches Spital, das sogenannte Pestilenzhaus, bringen und verpflegen.

Die Häuser der Gasse wurden bald nach dem Brande wiederaufzubauen begonnen, vor Allem die Synagoge. Jedoch waren erst 1717 sämmtliche Häuser wiederhergestellt. Dagegen stand die neue Synagoge schon im Herbst 1711 vollendet da, welche übrigens wieder abgebrochen wurde, da man an derselben Stelle eine größere und prächtigere errichtete, deren Einweihung am 23. März 1860 stattfand.

Die neue Judengasse wurde auf obrigkeitlichen Befehl um vier bis acht Fuß breiter gemacht, als die alte gewesen war, sie erhielt allenthalben eine Breite von zwanzig Fuß. Auch durften damals keine anderen als dreistöckige Häuser erbaut werden. Allein diese erhielten hohe Giebel und bei den meisten von ihnen brachte man hinten noch Nebengebäude an, welche zum Theil einen Stock höher waren. In Folge davon enthält jedes Haus nur einen sehr kleinen Hof, welcher für die Laubhütten bestimmt war. Von den beiden Grenzmauern, welche längs der Judengasse hinziehen, mußten die Hintergebäude sechs Fuß entfernt bleiben. Diese Mauern ragten hoch hervor. Bei der südlichen Mauer ist dies noch jetzt der Fall, die nördliche dagegen erhebt sich nur wenig über den Boden der Höfchen. Auf der letzteren Seite ist die Judengasse eine ziemliche Strecke von dem Viehhof begrenzt, und da dieser tief unten am Fuß der dortigen Grenzmauer liegt, so gewährte es früher, als die Gasse nur noch von Juden bewohnt war, einen eigenthümlichen Anblick, wenn man zur Zeit des Laubhüttenfestes Abends durch den Viehhof ging und zu den vielen erleuchteten Laubhütten hinaufsah.

Durch das Feuer erlitt die Judengasse nur noch zweimal (1774 und 1796) eine beträchtliche Einbuße. Im ersteren Jahre brannten einundzwanzig Häuser ab, deren Bewohner sich auf zwei Jahre in Christenhäuser einmietheten. Im Jahre 1796 wurden durch die Franzosen unter Kleber, welche vom 12.–14. Juli Frankfurt mehrmals bombardirten, einhundert und vierzig Häuser des westlichen Endes der Judengasse sammt dem Dachstuhl der Synagoge in Asche gelegt. Auch damals wurde der niedergebrannte Theil der Judengasse alsbald wieder hergestellt, er erhielt aber eine bedeutende Verbesserung. Es ward nämlich dieser von der Fahrgasse bis zur Synagoge sich erstreckende Theil, dessen nordwestliches Eckgebäude jetzt das Geschäftslocal des Hauses Rothschild ist, nicht nur in eine sehr breite Straße umgewandelt, sondern er erhielt auch lauter stattliche Gebäude. Er wird übrigens jetzt nicht mehr unter dem Namen Judengasse mit inbegriffen, sondern die Bornheimer Straße genannt.

(Schluß folgt.)




Bilderschau in meinem Zimmer.
Erinnerungsblätter von Franz Wallner.

Ich pflege in meinem Arbeitszimmer mich gern mit Portraits von Personen zu umgeben, mit denen ich während meiner Laufbahn in freundschaftliche oder geschäftliche Berührung gekommen bin. Zu Zeiten, namentlich wenn es anfängt „schummrig“ (dämmerig) zu werden, treten die Originale näher an mich heran und es tauchen hundert und hunderte von Scenen, heiterer und ernster Natur, vor meines „Geistes Auge“, die ich in frohen und trüben Tagen mit jenen erlebt habe. Viele, ach, wie viele! ruhen bereits lange unter dem kühlen Rasen, andere sind verschollen und verkommen, wenige stehen noch auf dem Zenith ihres Ruhmes und sehen heiteren Muthes in’s frische Leben. Während ich dies schreibe, fällt mein Auge auf ein halbverblichenes, kleines Bildchen; die mit Bleistift geschriebene Widmung meines Kollegen Carl Krasnek ist halb verwischt, er selbst ist lange schon ein stiller Mann geworden, obwohl er seiner Zeit ein williger, toller und lustiger Bursche war. Für kleine komische Rollen unter Director Carl in Wien engagirt, wußte er jeder seiner Leistungen einen so originellen Anstrich zu geben, daß bald die Leiter der anderen Wiener Bühnen auf ihn aufmerksam wurden und ihn mit Engagementsanträgen überhäuften. Vergebens aber war alles Bitten um Entlassung aus seinen contractlichen Verpflichtungen oder um Verbesserung seiner Gage. Director Carl „bestand auf seinem Schein“ mit eiserner Consequenz. Nun begann zwischen dem kleinen Krasnek und dem gewaltigen Carl ein fortwährendes Plänklergefecht der ergötzlichsten Art. Ersterer wollte seinen Chef durch kleine Pflichtverletzungen, Zuspätkommen zur Probe und dergleichen mürbe zu machen suchen. Da kannte er aber seinen Mann schlecht; Strafe bezahlen, verhältnißmäßig schwere Strafe entrichten mußte er für jede Vernachlässigung, ohne daß sich das kleinste Glied der papiernen Kette löste, die ihn eisenfest an’s Theater an der Wien band.

Nun griff er zur Ironie, wozu ihm seine gedrückte Lage reichlichen Stoff bot, so z. B. brachte er, als die Lampe in der Garderobe, in welcher er sich anzukleiden hatte, tropfte und der fette Ueberfluß den Boden verunreinigte, eines Tages eine kleine Salatschüssel mit in die Probe und bat Carl vor allen Mitgliedern demüthig um die Erlaubniß, Abends die Schüssel unter die Lampe stellen zu dürfen, da seine kleine Gage ihm nicht gestatte, sich Oel zu seinem Salat zu kaufen. Eines Tages, als er wieder zu spät zur Probe kam, wurde der Tyrann wüthend, herrschte ihn mit derben Worten an und gab ihm die Versicherung, daß er durch derlei Manöver den Zweck der Entlassung nie erreichen werde.

„Verzeihen Sie, Herr Director,“ sprach mit seiner hohen Discantstimme in scheinbarer Unterwürfigkeit und wie in höchstem Schrecken der Komiker, „verzeihen Sie mir, Herr Director, ich mußte heute länger im Bette liegen bleiben; ich hatte die vergangene Nacht einen furchtbaren Schreck, der mir noch in allen Gliedern steckt.“

„Worüber sind Sie denn erschrocken?“

„Ach, als ich gestern um Mitternacht nach Hause ging, wurde ich am Glacis von zwei Räubern angepackt. Der eine hatte mir schon meinen einzigen Rock ausgezogen, als er mich frug, wer ich wäre. Schauspieler bin ich, bei Herrn Director Carl, antwortete ich. Da ergriff die beiden Spitzbuben tiefes Mitleid, sie gaben mir meinen Rock zurück, und der eine von ihnen schenkte mir noch einen Gulden.“

Selbst der Respect, in welchem Carl bei den Mitgliedern seiner Bühne stand, konnte den Ausbruch eines dröhnenden Gelächters nicht verhindern. Später ergab sich Krasnek, wie ich hörte, dem Trunk, ist irgendwo „gestorben und verdorben“, und die Theaterwelt hatte ein Original weniger aufzuweisen. –

Hier blickt mich Herloßsohn mit seinen treuherzigen Augen an. Diese gutmüthigen blauen Augen, die eine ganze Welt von Wohlwollen auszuströmen schienen, bargen doch in einem kleinen Winkel ein hübsches Stückchen Schelm. Einen prächtigeren Cumpan in Ernst und Scherz, als Herloßsohn, gab es nie, selbst damals nicht in Leipzig, wo an frischen und fröhlichen Gesellen gewiß kein Mangel war. Ich brauche nur Robert Heller und Heinrich Laube zu nennen. Beide jung, voll sprühender Lebenslust, im Besitz eines gar gastfreien Hausstandes, in dem sich nach und nach Alles einfand, was in Leipzig und den angrenzenden Staaten berühmt war oder – werden wollte. Herloßsohn, der Clown dieses prächtigen Cirkels, war überall zu finden, wo es ein heiteres Gespräch und ein gut Glas Rebensaft gab, und überall wohl gelitten. Ab und zu verkehrten auch Adolph Glaßbrenner, der Stammvater des Berliner Witzes, und M. G. Saphir, der Erfinder des [569] deutschen Wortspiels, und viele lustige Leute in jenem Kreise, die meisten von ihnen sind auch schon längst „stille Menschen“ geworden. In jenen Tagen aber waren wir Alle jung, gesund, mit Glücksgütern nicht überschwenglich gesegnet, desto mehr aber voll froher Hoffnungen und frischen Muthes. Von jener schönen Leipziger Zeit und dem „guten Herloßsohn“ will ich ein Stücklein erzählen, das letzterer mit seinem alter ego, Robert Heller, gar frisch in Scene gesetzt hatte.

Der Heldenspieler R., damals Mitglied einer großen Hofbühne, hatte ein sehr erfolgreiches Gastspiel an der leipziger Bühne beendet. Naturalist, mit glänzenden Mitteln, mit vieler Gutmüthigkeit, doch ohne zu großen Verstandesüberfluß, imponirte er durch die ersteren und riß sein Publicum überall hin. Zwei seiner hervorragendsten Eigenschaften waren eine fast maßlose Eitelkeit und eine bei Künstlern seltene Oekonomie. Im Hinblick auf letztere hatten daher die hervorragenden Mitglieder der Presse Grund genug, zu erstaunen, als sie von Freund R. ganz unerwartet mit einer Einladung zu „Thee und Abendbrod“ im Hôtel de Pologne, dem Stammquartier des Mimen, überrascht wurden. Die Sache hing indeß so zusammen:

Der „gute Herloßsohn“ und Robertus Heller hatten ein kleines Complötchen geschmiedet, in Folge dessen der „große Künstler“ von einem bescheidenen Verehrer seiner genialen Leistungen ein Gedicht mit der Bitte zugeschickt erhielt, dem Verfasser im Falle huldvoller Annahme ein freundliches Zeichen der Billigung im Leipziger Tageblatt zukommen zu lassen. Diese „Billigung“ ließ auch nicht lange auf sich warten und dem „jungen, talentbegabten Autor“ – einem Candidaten der Theologie, wie er sich nannte – wurde ein öffentlicher, warmer Dank gespendet von dem „Künstlerheros“ für „wohlwollende Anerkennung“ ehrlichen Strebens.

Das Gedicht lautete:

„Du Künstlerheros, dessen Stärke
Sich zeiget im dramat’schen Werke
Fern von der Nachahmungen Spur!
In Selbsterkennung schweift ein Jeder,
Die Zeitenuhr treibt Weltenräder,
Das Schicksal jede Creatur.

In wessen Busen so die Hoheit
Erblüht, den flieht Gemeinsinns Rohheit,
Weil Phantasie stets in ihm wohnt,
Gestürzte Größe, Ideale,
Der Pyramiden todte Male,
Und drei Mal der Hervorruf lohnt.

Drum winde Kranz und winde Kränze,
Die Lerche brütet nur im Lenze,
Und in der Dichtung haust der Schein,
Weil Alles in dem alten Gleise,
Die ernste und die heit’re Weise
In’s weite Dasein muß hinein!

Auch Geniusse sind verächtlich,
Der Vollgenuß nur ist beträchtlich,
Gefühl und Saite sind Metall;
Praxiteles war öfters Maler,
Aus Formen werden Idealer,
Und in dem Lichte wohnt der Schall.

Laß walten nur die Eumeniden
Dem Tadler ist kein Kranz beschieden,
Petrarca trank die Lethe nicht;
Im Soccus und Cothurn behende
Fügst stets den Anfang Du an’s Ende
Und flochtest Licht, wo Schatten blüht.

So strebe fort, Du kühner Adler!
Geadelt wird erst dann der Tadler,
Wenn der Begriff sein Unstern ist.
Der Pegasus wird auch geritten,
Die Wahrheit aber liegt inmitten,
Wo Beispiel sich und Abendröthe küßt!“

Da lag das schöne Gedicht, dem es, wie der Leser sofort herausfühlt, weder an Schwung noch Empfindung fehlte, da lag es auf dem Schreibtisch des großen Künstlers, zierlich mit einem rosa Seidenband umwunden, in eleganten runden Schriftzügen, die nur durch einen sonderbaren Zufall viel Aehnlichkeit mit der Handschrift des „guten Herloßsohn“ gezeigt haben sollen. Was nützt aber das schönste Gedicht, die wärmste Anerkennung dem strebenden Künstler auf einsamer Stube? Hinausgetragen auf den Flügeln der Presse muß der Ruhm des Mannes werden, dessen Leistungen anerkannt wurden, so weit die deutsche Zunge reicht. Darum die Einladung „zu Thee und Abendbrod“.

Wir finden die fröhliche Gesellschaft in den Räumen des Hôtel de Pologne beisammen. In der Mitte des Saales liegt auf einem halbbeleuchteten, runden Tische, geheimnißvoll umwunden, eine Rolle Papier, dem ein Lorbeerkranz „von unbekannter Hand“ beigefügt war. Der Festgeber, schwarz befrackt und weißbecravattet, empfängt seine Gäste mit ernster, feierlicher Miene. Man sieht, es drückt ihn Etwas; er ringt nach einer passenden Einleitung.

Endlich löst sich seine Befangenheit: „Meine Herren, meine lieben Freunde,“ beginnt er mit bescheidenem Tone, „ich benütze die Gelegenheit, um Sie auf ein namhaftes, in Ihrer Mitte aufblühendes Talent aufmerksam zu machen.“

Die Gesichter der Anwesenden wenden sich in gespannter Erwartung dem Redner zu, nur in den Mienen des guten Herloßsohn und Robert Heller’s spiegelt sich mühsam unterdrückte Heiterkeit ab.

Der Sprecher fährt fort: „Das Talent, von dem ich Ihnen soeben eine Probe vorzutragen im Begriff bin, ist zwar noch etwas wild und regellos – ungefähr wie das Schiller’s, als er seine Räuber schrieb – auch ist der Stoff, den er zum Gegenstand seiner Phantasie gewählt, kein würdiger, allein der Dichter selbst sagt ja: ,die Wahrheit liegt inmitten’, und so nehme ich Ihre freundliche Aufmerksamkeit in Anspruch für das Opus eines jungen Schriftstellers, welches mir vor kurzem in bescheidener Anspruchslosigkeit zugesandt worden ist.“

Nun begann der Künstler das Opus mit einem Schwung zu recitiren, der eines besseren Zieles würdig gewesen wäre. Schon bei der „Zeitenuhr, die Weltenräder treibt“ wurden die Physiognomien der Zuhörer immer länger, aber auch immer fröhlicher, „der Pyramiden todte Male“ und die „nur im Lenze brütende Lerche“ brachten beinahe einen Ausbruch der überhandnehmenden Lustigkeit zu Wege. Die Stelle: „Auch Geniusse sind verächtlich“ mußte der Vortragende unrecht verstanden haben, denn er las mit großem Ernst:

„Auch Genüsse sind verächtlich,
Der Vollgenuß nur ist beträchtlich“,

als er von Herloßsohn unterbrochen wurde: „Halt, mein Junge, Genüsse kann es nicht heißen, es muß stehen: ‚Auch Geniusse sind verächtlich.‘“

Befremdet sieht der Recitirende auf und fragt betroffen: „Woher weißt Du denn das?“

Keine Feder vermag den nicht mehr zu bannenden Ausbruch des tollsten und einstimmigsten Gelächters zu schildern, welcher dieser burlesken Scene folgte. Ein vollständig ansteckendes Gebrüll erschütterte die Wände. Betroffen sah der arme Schauspieler diesen unbezähmten Ausbruch toller Heiterkeit mit an, der sich noch steigerte, wenn überhaupt Steigerung möglich war, als er ganz naiv die Frage aufwarf: „Ihr habt Euch, wohl einen Spaß mit mir gemacht?“

Er war jedoch klug genug, gute Miene zum bösen Spiel zu machen, den „theuren Abend“ nicht zu verderben und unter den lustigen Gesellen selbst einer der lustigsten zu sein.

Guter R. mögest Du noch lange ausruhen auf Deinen verdienten Lorbeeren und Deine reiche Pension in Frieden genießen! Der schmale und schaale Nachwuchs der Theaterwelt hat Deine kräftigen Leistungen noch nicht vergessen lassen, und Dein Name wird bei aller Bizarrerie, die Deinen Schöpfungen manchmal anklebte, doch ein geachteter in der Welt bleiben, welche durch die Breter repräsentirt wird. –

An einer Fensterecke hängen zwei kleine Bilder, in einem Rahmen, so wie ich dieselben einst auf dem Trödelmarkt in St. Petersburg gekauft. Ein Mann und eine Dame. Der Männerkopf trägt die weltbekannte Unterschrift: „Etatsrath von Kotzebue“; unter dem Portrait der Dame, einem kleinen aber sauber und elegant gearbeiteten Kupferstich, steht: „Madame Chevalier“. Wer war jene Madame Chevalier? Es hat mich nicht wenig Mühe gekostet, dies zu erfahren; eine Menge, zum Theil jetzt sehr selten gewordener Broschüren und Streitschriften aus jener Zeit habe ich durchflogen, um Näheres über diese Person kennen zu lernen, welche eine Zeitlang das Schicksal zahlloser Menschen in ihren feilen Händen hatte.

Madame Chevalier war die bildschöne Tochter eines Tanzmeisters in Lyon und kam als Figurantin mit ihrem Mann, einem eben so schlechten Tänzer, von Hamburg nach Rußland. Aus den vielen [570] Schriften, welcher der Frau erwähnen,[1] wird mir doch nicht ganz klar, ob ihr gewaltiger Einfluß direct ihrem Verhältniß zu Kaiser Paul entstammte, oder ob sie, als Günstlingin eines Günstlings, mit der frechen Unverschämtheit manövrirte, die ihre und ihres Mannes Laufbahn bezeichnet. Jene Broschüren aber liefern auch den Beweis, welche Unzahl erbitterter Todfeinde sich Kotzebue an allen Orten seines Wirkens zu schaffen verstand. Zu den letzteren scheint auch die Familie Chevalier gehört zu haben – ein Umstand, der vielleicht nicht ohne Einwirkung auf seine noch nicht ganz aufgeklärte unvermuthete Verbannung nach Sibirien gewesen sein mag.

Durch seine Verheirathung wurde der elende Tänzer erster Balletmeister des Kaiserlichen Hoftheaters, mit dem Titel eines Collegienassessors, und zugleich mit seiner Frau, welche sich dem Schauspiel gewidmet hatte und eine treffliche Künstlerin im naiven Fach gewesen sein soll, unumschränkter Beherrscher aller Theater in Petersburg. Allein auch außer der Bühne richtete die Courtisane durch ihre Verbindungen unglaubliches Unheil an. Kotzebue erzählt einen Fall, daß ein Italiener, der zur Schlichtung eines Processes nach Rußland gekommen, um seinen Zweck zu erreichen, das allvermögende Chevalier’sche Ehepaar, sie mit einem kostbaren Schmuck und ihn mit einer enormen Summe, bestochen habe. Da er trotzdem den Proceß verlor und über die Mittel, die er zur Gewinnung angewendet, zu laut wurde, indem er sein Eigenthum zurückforderte, erhielt er die Knute und wurde mit aufgeschlitzten Nasenlöchern in die Bergwerke von Nertschinsk geschickt.

Auf die geistlosen Ballete, welche der Herr Collegienassessor in Scene setzte, wurden ganz unglaubliche Summen verwendet, um das langweilige Zeug genießbar zu machen. Die Wohnung der Dame soll ein Wunder von Luxus gewesen sein und an Reichthum und Geschmack die Einrichtung des kaiserlichen Palastes übertroffen haben. Ihre Benefize brachten ungeheuere Summen ein, denn die hochgestelltesten Personen des Reiches drängten sich, bei dieser Gelegenheit sich der allvermögenden Person zu empfehlen. Einzelne Logen wurden mit Tausenden von Rubeln bezahlt, Madame Chevalier hatte nicht nöthig, sich an solchen Tagen um den Verkauf der Plätze zu bekümmern; man stürmte Haus und Casse, und was nur bei Hof in Ansehen stand oder zu solchem kommen wollte, beeilte sich, der einflußreichen Familie seine Ergebenheit klingend zu beweisen. Wer nicht genug gab, dem wurde die Summe ganz einfach zurückgeschickt, er durfte jedoch gewiß sein, daß ihn die boshafteste Rache für diese Unterlassungssünde bald genug ereilen würde. Unglaublich klingen die Summen, welche die wackere Familie in dieser Weise zusammenscharrte und in’s Ausland sandte.

Wie weit die Macht des Herrn Chevalier ging, möge der Umstand beweisen, daß er es wagte, dem Großfürsten Alexander, dem nachmaligen Kaiser von Rußland, den Besuch der Ballet-Proben ohne Weiteres zu verbieten. Bei allen Staatsministern ging der freche Bursche unangemeldet ein und aus, warf sich mit unverschämter Nonchalance auf das Sopha und redete die höchsten Würdenträger des Reiches mit „bon jour, mon ami“ an. Ganze Stunden ließ die gefeierte Madame das Publicum vor dem Vorhang ruhig warten, wenn es ihr noch nicht gefällig war, zu erscheinen, und war es ihr dann endlich genehm aufzutreten, so wurde sie, statt mit wohlverdientem Pfeifen, mit einem Sturm von Applaus von „dem dankbaren Publicum“ empfangen.

Die ganze Herrlichkeit erreichte freilich ein eben so unerwartetes, als unsanftes Ende. Zwei Stunden nach dem Tode des Kaiser Paul drangen zwei Officiere in das Schlafzimmer der schönen Phryne; ihr Mann war in Engagementsangelegenheiten in Paris abwesend war, zu deren Realisirung er eine enorme Snmme in Creditbriefen und Wechseln mitbekommen hatte. Die Officiere weckten die zarte Schläferin etwas unsanft aus dem Schlummer. Mit ironischer Höflichkeit wurde die Erschrockene bedeutet, sofort aufzustehen und einen Ring mit der Namens-Chiffre des Kaisers und eine kostbare Dose mit dem Bild desselben, auf einen Amor gelehnt, zurückzugeben. Im Nachtkleide stürzt die Heuchlerin, welche noch nicht wußte, daß ihr Beschützer todt sei, und sich in Ungnade glaubte, zu den Füßen der beiden Officiere und ruft mit thränenerstickter Stimme:

„Gnade, Gnade, nehmt Alles, was ich an Schmuck besitze, nur laßt mir diese theuren Andenken!“

Lachend erwiderten die Gesandten, daß sie keine anderen Schmuckgegenstände verlangten, als den Ring und die Dose. Mit eben nicht sehr zarten Spöttereien wurde noch die Wohnung untersucht nach einem Grafen Kutaissow, welchen man bei ihr versteckt glaubte und für den man einen Verhaftsbefehl bei sich trug, dann wurde die Verzweifelnde ihrem Schicksal überlassen, welches leider viel besser ausfiel, als die Elende verdient hatte. Der neue Kaiser ließ sie am anderen Morgen durch Graf Pahlen wissen, daß ihrer Abreise aus Rußland kein Hinderniß im Wege stehe und daß sie ihr ganzes Vermögen mitnehmen dürfe, an welchem tausend und tausend Flüche hingen.

Sie starb in hohem Alter, als Millionärin in Berlin, nachdem sie sich, wie Kotzebue sagt, sehr gelangweilt hatte und sehr fett geworden war.

Unter vielem bombastischen Geschwätz versteckt, geben die erwähnten Broschüren doch ein überaus lebendiges Bild der Schreckenszeit unter Kaiser Paul. Man weiß kaum, wer sich mehr vor dem Andern gefürchtet, ob der Kaiser vor dem Volke, oder das Volk vor dem gewaltigen Tyrannen. „Aus einem sumpfigen Moraste stieg,“ schreibt Kotzebue, „jener blutrothe Palast empor, den Paul bewohnte, rings von tiefen Gräben umgeben und mit Kanonenschlünden bepflanzt; jeder Zugang führte durch ein Wachthaus. In den dunklen, labyrinthischen Gängen standen, düster vom Lampenlicht beleuchtet, schwer bewaffnet, Posten an Posten. Hinter dem fest verschanzten Cabinet des Monarchen war eine kleine Küche angebracht, worin er sich seine Speisen von einer deutschen Köchin bereiten ließ, die er zu seiner Geliebten erhoben hatte. Ueber dem Bette des Kaisers hing ein Engel – kein Schutzengel.“

Soweit Kotzebue! Allein auch schon diese überaus zahme Andeutung auf die verhängnißvolle Todesart des Kaisers erregte die Wuth eines dortigen Correspondenten, der mit frecher Stirn folgende Berichtigung drucken ließ:

„Was Herr von Kotzebue mit diesen mysteriösen Worten – ‚ein Engel – kein Schutzengel‘ – sagen wollte, ist uns wirklich unverständlich und klingt in unseren Ohren seltsam. Von dem plötzlichen Tode des Monarchen weiß man nur so viel, daß die giftigen Dünste einer Alles verheerenden Feuchtigkeit schon lange seiner sonst so starken Gesundheit drohten, allein Niemand durfte es, ohne den Monarchen zu erzürnen, wagen, ihn auf die drohende Gefahr der mephitischen Dünste aufmerksam zu machen, da das Palais gewissermaßen sein Steckenpferd war. So vermehrte sich sein übler Zustand von Tag zu Tag zusehends, ein Stickhusten raubte ihm schon einige Nächte vor seinem Tode Schlaf und Ruhe! Bei Tage und in freier Luft fühlte er sich zwar leichter und er war dann bei munterer Laune, allein dies konnte doch die Gefahr nicht tilgen, die seine Gesundheit untergrub. Am 11. März, als er sich kaum zur Ruhe gelegt, fand sich der fatale Stickhusten auf’s Neue wieder ein, und ehe noch der schnell herbeigerufene Leibarzt erschien, machte ein plötzlicher Stickfluß seinem Leben ein Ende. So ruhe denn sanft, guter, biederer verkannter, wahrlich verkannter Mann! Die Schuld alles des Bösen, dessen man Dich angeklagt, tragen diejenigen, die Dich umgeben und die Dein vortrefflicher Sohn nach dem Wunsche der ganzen Nation von sich und den Stellen, die sie bekleideten, entfernte. Ruhe sanft! und einst beim Erwachen, beim Wiedersehen, reichen Alle, die Dich verkannt, Dir brüderlich zur Versöhnung die Hände, treten mit Dir vor den Richter Aller und werden laut ausrufen: ‚Herr, er ist nicht schuld, er wollte immer nur das Gute, das Gerechte! Strafe die, so seine Gewalt mißbrauchten!‘“

Klingt diese Grabrede nicht wie Ironie auf einen Mann, der in tyrannischer Willkür Tausende knuten und nach Sibirien schleppen ließ, der mit Menschenschicksal und Menschenwohl spielte, wie es ihm seine blutige Laune eingab, der z. B. einen Unglücklichen auf die Festung schleppen ließ, weil er, unbekannt mit den neuen Verordnungen über die Kleidertracht, derselben entgegen, dem Kaiser in den Weg trat? Nach vier Jahren, in denen er vollkommen im Kerker vergessen worden war, wurde der Arme entlassen und seiner Familie, welche ihn längst todt glaubte, zurückgegeben! Niemand wußte ihm auch nur zu sagen, warum er arretirt worden sei.

[571] Kotzebue selbst, später beim Kaiser in hoher Gunst stehend, legt das Geständniß ab, daß er sich „jeden Abend mit bangen Ahnungen zu Bett gelegt, zitternd auf jedes Geräusch der Straße, auf das Rollen jedes Wagens gehorcht habe, der in der Nähe seiner Wohnung gehalten habe. Zu neuen Sorgen,“ fährt er fort, „erwachte ich, wie ich diesen Tag ein Unglück vermeiden wolle; ängstlich fuhr ich durch die Straßen, um ja, wenn ich dem Kaiser begegnen sollte, zur rechten Zeit auszusteigen; mit peinlicher Sorgfalt wachte ich über jedes meiner Kleidungsstücke und über die Art, sie zu tragen; so oft meine Frau mit den Kindern spazieren fuhr und nur einige Minuten über die bestimmte Zeit ausblieb, zitterte ich, zu erfahren, daß sie nicht schnell genug ausgestiegen und deshalb, wie die Frau des Gastwirths Demuth, in’s Gefängniß geworfen worden sei. Nie konnte ich meinen Kummer in dem Busen eines Freundes ausschütten, denn alle Wände hatten Ohren, und der Bruder traute dem Bruder nicht! Der harmloseste Spaziergang gewährte keine Zerstreuung, denn täglich begegnete man Unglücklichen, die arretirt und zur Knute geführt wurden etc. etc.“

Welch ein Zustand! Welche Existenz! Und Kotzebue war feig genug, die Stellung zu ertragen, weil sie – einträglich war! Freilich brachte ihm dieselbe ungefähr zwanzigtausend Rubel jährlichen Einkommens, und damit glaubte der Herr Etatsrath seine „schreckensvollen Nächte“ und seine „qualerfüllten Tage“ wohl aufgewogen! Wie mögen die Bewohner Rußlands aufgeathmet haben bei der ersten Ukase des jungen Kaisers Alexander, die wir, durch den uns zugewiesenen Raum beschränkt, leider nur im beschränkten Auszug als ehrendes Document wahrhaft großer Gesinnung hier wiedergeben. In dieser Ukase befiehlt der Kaiser dem dirigirenden Senat, „mit aller Strenge der Gesetze und ohne Ansehen der Person alle diejenigen, welche sich des Mißbrauchs der Gewalt, der Spuren der Parteilichkeit schuldig gemacht, von ihren Posten zu entsetzen und zur Besetzung der Stellen, welche nur von seiner Bestätigung abhängen sollen, blos Candidaten vorzuschlagen, die den Staat mit würdigen Beamten besetzen.“

„Da der dirigirende Senat,“ heißt es ferner, „die ganze Wichtigkeit dieses Mißbrauches kennt und weiß, in was für einem Grade derselbe sogar den ersten Grundsätzen der Gerechtigkeit zuwiderlaufend und wie drückend er allen bürgerlichen Rechten ist, so können wir nicht unterlassen, überall im ganzen Reiche auf das Strengste zu bekräftigen, daß sich nirgend und auf keine Art weder in den höheren, noch niederen Regierungen und Gerichten jemand bei unvermeidlicher Bestrafung unterstehe, weder ein peinliches Verhör anzustellen, noch zuzulassen, noch zu vollziehen; daß alle Gerichtsbehörden, denen durch die Gesetze die Revision aller Criminalsachen vorbehalten ist, nur das persönliche Bekenntniß des Angeklagten vor dem Gerichte zur Grundlage ihres Urtheils nehmen dürfen, damit sie nicht im Laufe des Processes zu irgend einem parteiischen Verhöre hingerissen werden, und daß endlich selbst der Name ‚Folter‘, welcher der Menschheit Schande und Vorwürfe bringt, für immer aus dem Andenken des Volkes gelöscht werde.“

(Wird fortgesetzt.)




Die blaue Tiefe.
Von Karl Vogt.
I.
Die Eltern des Glaubens. – Der Bischof von Bergen. – Meermänner und Meerweibchen. – Der große Seekraken von einer Poststunde im Durchmesser. – Die Ausdünstungen des Krakens. – Die große Seeschlange. – Die Riesentintenfische.

Furcht und Wundersucht sind die beiden Eltern des Glaubens. Der Mensch fürchtet sich vor dem Unbekannten, was sein Verstand unmittelbar nicht fassen, seine Sinne nur unvollständig zu entdecken vermögen; er glaubt in Erscheinungen, deren thatsächlicher Grund ihm nicht in die Augen springt, Aeußerungen übernatürlicher Kräfte zu sehen, deren Wirkungen er nicht berechnen kann, und sucht dann hinter diesen Erscheinungen Wesen als Ursachen, denen er ganz besondere Macht und besondere Eigenschaften beilegt. Hat ihn einmal die Furcht vor solchen übernatürlichen, geheimnißvollen Wesen erfaßt und durchdrungen, glaubt er einmal, sei es nun an Hexen oder Gespenster, an Teufel oder Götter, so sucht er auch die Aeußerungen solcher geheimnißvoller Wesen in allen gewöhnlichen, streng gesetzmäßig sich abspinnenden Naturerscheinungen und stellt hinter jede keimende Pflanze ein wunderbares Wesen, das sie treibt, hinter jeden Menschen einen guten Genius, der ihn inspirirt, und einen bösen, der ihn verführt. So sieht man denn bald ein Wunder in jedem Sonnenaufgang, ein Wunder in jeder Blüthe, und je unreifer die Naturauffassung, je geringer die Kenntniß der Weltgesetze, desto üppiger sproßt dieser Glaube an wunderthätige Wesen und Wunderwirkungen, der sich an die gewöhnlichen Vorgänge jedes Tages knüpft. Die unzugänglichen Orte, wo kein Fuß hinkommen, kein Auge hinsehen kann, werden dann mit solchen Wesen und ihren Geschöpfen bevölkert, und je unerreichbarer die Wohnorte, desto lebhafter bemüht sich die Phantasie, diese nach Carrière „unmittelbar vom Himmel ausströmende Gabe“, dem Leeren einen Inhalt zu schaffen. So bevölkert der Bergbewohner die unnahbaren Gipfel mit „Berges-Alten“ und ähnlichen „Gratthier-Beschützern“, bis irgend ein Alpenclub sich bildet, der mit Leitern und Seilen dem Phantom zu Leibe rückt; so versetzt der Wüstensohn in die gaukelnden Spiele des glühenden Horizontes die Fee Morgana, welche der Huf seines Rosses niemals erreichen kann; so läßt der Bergmann in dunkeln Tiefen die Gnomen und Kobolde hausen und sich mit Einstürzen und schlagenden Wettern so lange gegen den Eindringling wehren, bis Verschalungen und Sicherheitslampen die neidischen Geister ihrer Waffen berauben; so sieht der Fischer und Seemann in den Abgründen der Wellen neben Nixen und Meerweibchen räthselhafte Ungethüme ihr Wesen treiben und unendliche Schätze von Korallen und Perlen von Kraken und Seeschlangen bewacht werden, gegen welche der Walfisch nur ein Zwerg an Größe und der Hai ein Muster von Sanftmuth ist.

Ich lese in „Erich Pontoppidan’s, Bischofs über das Stift Bergen in Norwegen, Versuch einer natürlichen Historie von Norwegen, Worinnen die Luft, Grund und Boden, Gewässer, Gewächse, Metalle, Mineralien, Steinarten, Thiere, Vögel, Fische und endlich das Natural, wie auch die Lebensarten und Gewohnheiten der Einwohner dieses Königreiches beschrieben werden,“ (Kopenhagen 1753) in der Vorrede, des zweiten Theiles: „Ich hoffe, daß diejenigen, die sich an der Betrachtung der herrlichen Haushaltung des großen Schöpfers mit unvernünftigen Thieren belustigen, manche Spuren seines weisen Rathes, seiner liebreichen Absicht und seiner allmächtigen Hand darin finden und dadurch aufgemuntert werden können, mit Sirach, Cap. 43. V. 5 zu denken: das muß ein großer Herr sein, der sie gemacht hat.

Das achte Capitel, welches von den nordischen Seeungeheuern oder von den Wunderthieren in der See handelt, dürfte wohl ebensoviel hierzu beitragen, als eines derer vorhergehenden. Da man in unseren Zeiten weit mehr als vor Zeiten eine kindische Leichtgläubigkeit scheuet und aus der Ursache seinen Beifall fast allzulange zurückhält, als zu frühzeitig damit herausrucket: so sehe ich voraus, daß derjenige, welcher blos den Inhalt des bemeldeten achten Capitels lieset, und darinnen die Meermänner, die großen Seeschlangen von etlichen hundert Elen und den noch weit größeren Seekraken, Kraxen oder Horven findet, mich der vorbemeldten Leichtgläubigkeit in diesen Materien beschuldigen wird, und dieses muß ich so lange erdulden, bis er das Capitel durchgelesen hat. Alsdann aber werde ich keiner Entschuldigung bedürfen.“

Eine gute Dosis von Leichtgläubigkeit gehört nun zwar zu dem Geschäfte eines Bischofs, und ohne dieselbe könnte Einer wohl nicht dazu kommen, Bischof zu werden und zu bleiben – aber so viel wie der gute Pontoppidan in seinem achten Capitel entwickelt, dürfte für natürliche Dinge doch wohl zu viel sein. Da kommen nun zuerst die Nachrichten von Meermännchen und Meerweibchen, die begreiflicher Weise auch Kinder haben, dänisch sprechen, Königen Lieder vorsingen, und wenn auch der gute Bischof letzteres für Märchen hält, die geeignet seien zu bewirken, „daß auch nur mäßig verständige Leute den Geschichten ihren Beifall versagen und zugleich ein Mißtrauen in die Richtigkeit des ganzen Wesens und Wirklichkeit setzen, so hat man doch inzwischen keineswegs Grund oder Fug, dieses Letzte zu thun, insofern die Sache nicht an sich selbst ungereimt, geschweige unmöglich ist, oder auch wenn ihr nicht die Bekräftigung vieler unverwerflicher Augenzeugen [572] mangelt.“ Da man nun Seepferde, Seekühe, Seewölfe, Seehunde und Meerschweine habe, so meint der Bischof, könne es auch Meermenschen geben, und um diese Möglichkeit zu beweisen, steuert er mit vollen Segeln in die Darwin’sche Theorie, in die Aehnlichkeit der Affen und Menschen hinein und bekämpft zugleich Gründe gegen die Existenz der Meermenschen, die denjenigen, welche heut zu Tage gegen die Abstammung des Menschen vom Affen vorgebracht werden, eben so ähnlich sehen, wie ein Ei dem andern.

Obgleich nun der Bischof selbst gerichtlich beglaubigte und beschworene Zeugnisse von Meermännern und Kindern beibringt, so scheint doch jetzt in Norwegen der Glauben an diese Art von Seeproducten nach und nach zu Grunde gegangen zu sein – wenigstens habe ich weder selbst davon gehört, noch auch in neueren Schriften Andeutungen davon gefunden. Die Ansicht, daß es sich um seltenere Arten von Seehunden handele, an deren Anblick die Fischer nicht gewöhnt sind, scheint allmählich auch unter dem Volke Wurzel gefaßt zu haben.

Nicht so mit dem Kraken, Kraxen, Horven oder dem Ankertroll (Troll heißt jedes Zauberwesen), der an Größe einer schwimmenden Insel gleicht. „Unsere Fischer,“ meldet der Bischof, „sagen gleichsam mit einem Munde und ohne den geringsten Widerspruch, daß, wenn sie, insonderheit in warmen Sommertagen, einige Meilen in die See hinausrudern, ihre Nahrung zu suchen, und sie, nach der Kenntniß der Seegründe, welches sie ihre Mee nennen, wie gewöhnlich, eine Tiefe von achtzig bis hundert Klaftern finden sollten, sie zuweilen nur dreißig, zwanzig oder noch weniger Klaftern Wasser antreffen, darin sie aber auch ganz gewiß den größten Ueberfluß dessen, was sie suchen, an Dorschen, Längen und Brosmern (verschiedene Stockfischarten) finden. Ihre Angeln sind kaum ausgeworfen, so können sie sie schon ganz voller Fische wieder heraufziehen. Daraus merken sie, daß der Kraken im Grund ist und diese ungewöhnliche Erhöhung verursachet. Sie fahren inzwischen mit Freuden fort, sich dieser guten Gelegenheit zu bedienen, und zuweilen versammeln sich in einem mäßigen Umfange wohl zwanzig und mehr Böte. Das einzigste, worauf sie mit großem Fleiße Acht haben, ist dieses, ob die Tiefe unter ihren Seilen eben dieselbe bleibt oder ob sie nach und nach höher und das Wasser seichter wird. In diesem letzten Falle merken sie, daß der Kraken sich erhebet und höher hinaufgeht. Alsdann ist es keine Zeit mehr, länger zu warten. Sie geben ihre ganze Fischerei auf, ergreifen alle Riemen, die sie an Bord haben, und rudern auf der einen Seite so geschwind fort, als es möglich ist, um der Gefahr zu entkommen. Wenn sie nun ihre gewöhnliche Tiefe wieder erreicht haben und folglich in Sicherheit sind, so halten sie stille und nach wenigen Minuten sehen sie, daß das Ungeheuer, welches seines Gleichen nicht hat, auf das Obertheil des Wassers in die Höhe kommt und sich daselbst zeiget, obschon nicht in seiner völligen Gestalt und Größe, wie man denken kann, als welche vermuthlich niemals ein menschliches Auge zu betrachten Gelegenheit gebabt hat (außer in seiner Brut oder in seinen Abkömmlingen, von denen ich nachher reden werde), sondern blos mit dem Obertheile seines Körpers, der dem Anscheine nach eine Viertelmeile (einige sagen, noch mehr, ich will aber der Sicherheit wegen die geringste Größe angeben) zu sein scheint und anfangs nicht anders lässet, als ob eine Menge kleiner blinder Scheeren daselbst im Meere wären, die alle mit etwas, das daselbst herumschwimmt und dem Tange oder Meergrase gleichkommt, behänget wären. Hier und da bemerkt man eine größere Erhöhung, wie Hügel, worauf verschiedeue kleine Fische herumspringen, bis sie endlich über die Seiten hinabrollen. Endlich erheben sich einige glänzende Spitzen oder Zacken in die Höhe, die immer dicker werden, je weiter sie über’s Wasser hervorkommen; allein sie werden zuweilen so hoch wie mäßige Mastbäume, also daß, wenn auch eines der größten Orlogschiffe von ihnen getroffen würde, solches mit diesem Ungeheuer zu Grunde gehen müßte; denn nach einem kurzen Zeitverlauf fängt der Kraken an wieder zu sinken und begiebt sich wieder hinab in die Tiefe. Wenn dieses geschieht, so ist die Gefahr ebenso groß, wie zuvor, wenn man sich nahe dabei befindet, weil dessen sinkende Bewegung einen so großen Seeschlund im Meere verursacht, der durch das Anziehen alles mit sich hinunterziehet, nicht anders als das Malstrom bei Moskö. Aus der Erfahrung, die manche Fischer seit langer Zeit sich erworben haben, weiß man dieses, daß der Kraken einige Monate frißt und einige darauf folgende Monate hingegen sich von seinem Unflath wieder erleichtert. Wenn diese Ausleerung geschieht, so kann die Oberfläche des Wassers davon angefärbet werden, ja sie wird gleichsam dick und modericht. Man sagt, dieser Moder wäre, dem Geruche oder dem Geschmacke nach oder nach beiden zugleich, den Fischen so angenehm, daß sie sich von allen Seiten dabei versammelten, und wenn sie sich alsdann diesfalls über dem Kraken aufhielten, da eröffnete er sich oben, um diese seine angenehmen Gäste zu verschlingen und sie in eine neue Lockspeise der andern Fische zu verwandeln. So wird gesagt, relata refero, und ich kann davon keine so gewisse Erfahrung angeben, als von der Hauptsache selbst, ob ich schon nichts gegen die Natur streitendes darin finde.“

Der Kraken kommt also an warmen Sommertagen; er ist eine Viertelmeile wenigstens groß, und auf seinem einer Insel ähnlichen Rücken heben sich Zacken in die Höhe, welche Mastbäumen gleichen. Es will mich bedünken, als gebe sich die Erklärung des Zauber-Ungethüms von selbst. Diese nordischen Fischer stecken voll von den ungeheuerlichsten Aberglaubensresten; eine Menge Dinge, die sie täglich in dem Meere finden, sind für sie Trollfische, welche sie sogleich in die See zurückbefördern. Nun finden solche Fischer bei heißem Wetter und glatter See eine Bank, die sie noch nicht kannten, auf welcher Massen von Fischen sich sammeln. Sie fischen; der Strom treibt sie etwas ab während dieser Beschäftigung und treibt sie vielleicht gegen eine höhere Stelle der Bank. Nun panischer Schreck: der Kraken hebt sich! Man rudert wie besessen, aber muß wenigstens eine Viertelmeile wegrudern, denn der Kraken ist im geringsten Falle so groß. Wer aber jemals in Norwegen gereist ist, der weiß, was eine Viertelmeile ist – etwa zwei englische Meilen oder eine deutsche Poststunde! Ein Thier, eine Poststunde im Durchmesser! Aus dieser Entfernung nun sehen die vor Angst balbtodten Fischer flache Inseln, Klippen und Zacken sich erbeben, mit andern Worten, jene bei stillem, heißem Wetter so häufigen Luftspiegelungen, welche, ähnlich wie die Fata Morgana in der Wüste, dem nordischen Schiffer Alles vorzaubern, was er nur irgend wünschen oder fürchten kann. Und wenn sie nun diese glänzenden, in die Luft sich erhebenden, zurücksinkenden, anschwellenden und abnehmenden Zacken gesehen haben, in welche durch diese Vorspiegelung entfernte Küsten, Inseln oder Wolken sich auflösen, so wird die Angst doppelt groß und man flüchtet heim, überzeugt, dem Kraken begegnet zu sein. Hat man nicht die gefangenen Fische als Beweis der Existenz des Ungethüms?

Aber unser Bischof berichtet mehr. „Im Jahr 1680 (also etwa siebzig Jahre vor Erscheinen seines Buches) soll ein Kraken (vielleicht ein junger und unvorsichtiger) in die Bucht Ulvangen im Kirchspiel Alstahough gekommen sein, da es sonst seine Gewohnheit ist, sich einige Meilen vom Lande aufzuhalten, daher er denn auch allhier umkommen mußte. Diese Sache soll folgendermaßen geschehen sein: es sollen seine ausgestreckten langen Zacken oder Fühlhörner, die er, wie es scheint, nach Art der Schnecken dazu gebraucht, damit hin und wieder herumzufühlen, vielleicht in einigen dicht an der Bucht stehenden Bäumen hängen geblieben sein, die aber gar leicht konnten losgerissen werden, aber vernehmlich, und wie man nachber gesehen, sind sie in einige offene Spalten, Steinritze und Klüfte an den Klippen gerathen, woran sie sich so fest gehaftet hatten, daß sie daran hängen geblieben waren, daß es sich daher nicht wieder losarbeiten konnte. Dadurch kam das Thier an selbigem Orte um, wo es auch zugleich verfaulete. Da denn dessen langsam verfaultes Aas einen großen Theil bemeldter Bucht Ulvangen soll angefüllt haben, wodurch denn diese Seite den Leuten, die eine zarte Nase hatten, ganz unwegsam geworden.“ Und das muß Alles vollkommen wahr sein, denn ein Consistorial-Assessor, Prediger und Vicarius Collegii hat es seinem mit Naturgeschichte beschäftigten Vorgesetzten erzählt! Zugleich scheint aber der Kraken, trotz seiner eigenen Ausdünstungen, eine feine Nase zu besitzen, denn wenn man Bibergeil oder Teufelsdreck bei sich trägt, so bleibt er in der Tiefe und hebt sich nicht in die Höhe, weil er den Geruch des Stoffes fürchtet.

Der Kraken geht in dem Norden nur noch unter den Fischern der niedersten Classe um, nicht bei den Gebildeten; unbestritten aber, mit Ausnahme einiger Naturforscher, die durchaus in Norwegen, wie auch in andern Ländern, sehen wollen, ehe sie glauben, ist die Existenz der großen Seeschlange, See- oder Hav-Orm, wie die Norweger sie nennen, bei den meisten Küstenbewohnern nördlich von Bergen. Auch hier ist unser würdiger Bischof eine authentische Quelle und er begiebt sich mit großem Eifer daran, zuerst [573] ihre Existenz darzuthun. „Wäre nicht,“ sagt er, „die weise und sorgfältige Einrichtung des Schöpfers solchergestalt beschaffen, daß dieses Seethier sich beständig in der Tiefe aufhielte, außer im Monat Julius und August, als in seiner Laichzeit, in welcher es, wenn die See am allerstillsten, heraufkommt, aber sogleich wieder sinket, sobald der Wind das Wasser nur im Geringsten bewegt; wäre nicht diese Einrichtung, sage ich, zur Sicherheit der Menschen solchergestalt gemacht, so erforderte die Wirklichkeit der Meerschlange weniger Beweis, als man Gott Lob! auch sogar in Norwegen nöthig hat, dessen Küsten sonst in ganz Europa die einzigsten sind, die von diesem Ungeheuer besucht werden; und dieses ist auch den Feinden der Leichtgläubigkeit zu statten gekommen, daß sie desto mehr daran gezweifelt haben, so wie ich selbst gethan habe, bis mir endlich meine Zweifel durch hinlängliche Beweismittel gänzlich benommen wurden.“

Die Fjorde von Christiansund und Molde sind die eigentlichen Heimathsorte der großen norwegischen Seeschlange: dort schwört Jedermann auf ihre Erscheinungen und jeder Besucher dieser schönen und tiefen Meerbusen kann Dutzende von lebenden Zeugen auftreiben, welche die Seeschlange mit eigenen Augen gesehen zu haben beschwören. Auch uns wurden während mehrtägigen Aufenthalts im Molde-Fjord mehrere solcher Leute bezeichnet. Pontoppidan giebt ein Actenstück, von dem hochedlen und wohlgeborenen Herrn Seecapitain und Oberlotz (Oberlootse?) Lorenz de Ferry, der im Jahre 1646 Ausgangs des Augustmonats mit seiner mit acht Ruderknechten bemannten Jacht eine Meile von Molde der Seeschlange so nahe kam, daß er mit seiner mit Hagel geladenen Flinte auf das Thier schoß, welches stracks unter das Wasser tauchte. „Das Wasser war sonst daselbst, wo die Schlange untergegangen war, gleichsam dicke und röthlich, vielleicht, daß die Körner des Hagels sie in kurzer Entfernung getroffen hatten.“ Verschiedene Pfarrer haben sie dann auch auf ihren Kirchenreisen gesehen und einer hat das Thier gezeichnet. Der grönländische Missionär Hans Egede hat nicht minder eine „andere Art“ gesehen, die sich so hoch aufrichtete, daß „der Kopf über den großen Mars hinaus reichte“, die mir aber trotz der Schlankheit in der Abbildung und vielen sonstigen Abweichungen nichts anderes, als ein spielender Finnfisch gewesen zu sein scheint.

Die Gartenlaube (1865) b 573.jpg

Classen-Kappelmann.


Gegen Ende der dreißiger Jahre besuchte Heinrich Rathke, der berühmte Königsberger Naturforscher, Christiansund und nahm einige Zeugnisse, ebenfalls von Solchen, welche das Thier selbst gesehen haben wollten, auf, die er später veröffentlichte. Fasse ich nun die verschiedenen Angaben zusammen, die uns ebenfalls mündlich bestätigt wurden, so giebt derjenige Zeuge, welcher die Seeschlange auf sechs Fuß Entfernung bei seinem Boote während zweier Stunden dreimal gesehen haben will, ihre Länge nur auf fünf bis sechs Faden (dreißig bis sechsunddreißig Fuß) an – die Schätzung der Größe wächst aber auf vierundvierzig und fünfundfünfzig Fuß, fünfundfünfzig Ellen, ja dreihundert Ellen, je weiter die Zeugen von dem Thiere entfernt waren. Alle stimmen überein, daß es stark mit schlangenförmigen Bewegungen auf- und abschwamm, so daß der Körper einer Reihe von Tonnen glich, welche hintereinander auf- und niedertauchten, daß das Wasser an dem Halse brandete und links, rechts und hinten in starke schaukelnde Bewegung gerieth. Wer aber je eine schnell gleitende Schlange oder ein schnell an der Oberfläche schwimmendes Thier gesehen hat (Seehund, Delphin), wird gefunden haben, daß man sich ungemein in der Schätzung der Länge täuscht und um so mehr, je weiter man entfernt ist, indem der durch den bewegenden Körper im Auge hinterlassene Eindruck zu der wirklichen Länge unwillkürlich hinzugerechnet wird – etwa in ähnlicher Art, wie man den lebhaft geschwungenen Funken als einen Lichtkreis, den Blitzfunken als eine Linie auffaßt. So darf man also dreißig bis sechsunddreißig Fuß als die größte beobachtete Länge und jede andere Schätzung als Uebertreibung auffassen.

Die Farbe wird allgemein als dunkelbraun oder schwärzlich angegeben; der Kopf, besonders um das Maul herum, dunkler und ganz schwarz. Der Kopf selbst scheint wie ein Hut oder ein Branntweinfäßchen groß, vorn abgestumpft, mit breiten Lippen, wie ein Pferde- oder Kuhmaul und mit starken Schnurrhaaren besetzt. Nur den Kopf hat man in spitzem Winkel aus dem Wasser hervorgehoben gesehen – von dem Körper nur die Rückenfläche, doch schien derselbe lang, schlangen- oder aalartig. vollkommen rund, von der Dicke eines starken Mannes und nach hinten zu schnell abnehmend – den Schwanz hat Niemand außer dem Wasser gesehen. Die Augen sah der nächste Beobachter auf sechs Fuß sehr groß, rund, glänzend, roth, etwa von dem Durchmesser einer Theetasse – andere sahen sie auf hundert Schritt groß, glänzend, wie die einer Katze, oder bläulich-weiß, wie zinnerne Teller. Die Haut glatt, allgemein aber wird an dem Halse eine Mähne angegeben, welche [574] derjenigen eines Pferdes ähnelt, links und rechts auf dem Wasser schwimmt und die Farbe des Körpers, vielleicht etwas lichter hat. Die Fischer haben eine große Furcht vor dem Thiere, das fast alljährlich, aber nur in den Hundstagen, gesehen wird, so daß sie sich zu dieser Zeit, besonders bei stillem Wasser, nur mit Asa foetida in den Taschen auf die See begeben, weil das Thier den Geruch dieser Substanz scheuen soll.

So weit gehen etwa die thatsächlichen Angaben. Was sonst erzählt wird, ist eitel Fabel, Uebertreibung und Einbildung; die Jagdgeschichten des Continents werden in den norwegischen Seeplätzen durch Fischer- und Schiffergeschichten ersetzt. Aber etwas Thatsächliches muß doch dem Dinge zu Grunde liegen, sonst könnte eine solche Uebereinstimmung nicht vorhanden sein. Und hier müssen wir gestehen, daß wir durchaus vor dem Unbekannten stehen. Was wir wissen und ich soeben anführte, kann nur auf ein Säugethier hindeuten – kein anderes Thier kann eine Mähne, ein stumpf abgeschnittenes Maul mit Barthaaren besitzen. Aber ein Seesäugethier von solcher Größe mit einer Mähne ist auch im Norden nicht bekannt, und doch ist der Norden, seit so viele ausgezeichnete Naturforscher dort sich gebildet und mit andern civilisirten Nationen um die Wette gearbeitet haben, kein unbekanntes Land mehr. Von einer Schlange kann, wie alle Naturforscher einstimmig anerkennen müssen, gar keine Rede sein. Die Natur eines Reptils ist unverträglich mit solchen Lebensäußerungen. Die großen Augen, das lautlose Athmen, das Untersinken ohne weiteres Bedürfniß, das Erscheinen nur zu ganz bestimmter Jahreszeit in den Hundstagen und nur in sehr beschränkten Buchten könnte einzig auf einen Fisch unbekannter Art sich beziehen. Aber auch hier wäre es wunderbar, wenn gar kein Ueberbleibsel, gar kein Stück eines solchen Fisches je zum Vorschein gekommen wäre. Nichtsdestoweniger ist dies der Fall. Viele wollen die schwimmende Seeschlange gesehen haben – den Naturforschern, die sich am Moldefjord oft wochenlang in der Erscheinungszeit aufhielten, Männern wie Danielsen, Koren, Rathke und Sars, ist noch nie eine solche Erscheinung aufgestoßen und noch nie hat man gehört, daß eine Secschlange angegriffen und getödtet oder todt an den Strand getrieben, oder ein Knochen, den man ihr zuschreiben könnte, mit den Schleppnetzen aus der Tiefe hervorgeholt worden sei.

In andern Gebieten hat man freilich in der neuesten Zeit wenn auch noch unvollständige Documente gigantischer Tiefenthiere entdecken können. In den Jahren 1639 und 1790 wurden zwei riesige Tintenfische an die Küste Islands getrieben, von welchen einzelne Stücke in dem Museum von Kopenhagen aufbewahrt sind. So viel ich mich erinnere, denn die Notiz, welche Steenstrup darüber veröffentlichte, ist mir gegenwärtig nicht zur Hand, lassen die tassengroßen Sangnäpfe auf Thiere schließen, welche Arme von der Dicke eines Schenkels und von zwanzig bis dreißig Fuß Länge hatten. Ein solches Thier muß eine schauderhafte Bestie sein. Wer jemals einen der gewöhnlichen Tintenfische, einen Pulper oder etwas dergleichen gesehen hat, wer weiß, daß das Anklammern der acht mit Saugnäpfen dicht besetzten Arme, die höchstens zwei Fuß Länge haben, ein Bein des Badenden zur Erstarrung lähmt, wird sich von einem solchen Ungeheuer einen Begriff machen können!

Außer den verstümmelten Resten sind uns aber neuere Zeugnisse überliefert worden, die wohl das Gepräge der Wahrheit an sich zu tragen scheinen.

Am 30. November 1861 traf das Dampf-Aviso Alecto, Capitain Bouger, Lieutenant der französischen Marine, zwischen Madera und Teneriffa auf einen ungeheuren Tintenfisch, der an der Oberfläche schwamm. Der Körper des Thieres maß fünf bis sechs Meter, ohne die acht gewaltigen, mit Saugnäpfen bedeckten Arme. Die Augen waren ungeheuer groß, grüngelb, fürchterlich unbeweglich; der mit einem Papageienschnabel bewaffnete Mund maß wohl einen halben Meter im Durchmesser. Man schätzte den ungeheuren, spindelförmigen, mitten sehr dicken Körper auf zweitausend Kilos (vierzig Centner). Die am hinteren Ende angebrachten Flossen waren abgerundet, wie zwei fleischige Lappen. Man bemerkte das Thier um zwei Uhr Nachmittags. Der Commandant ließ darauf zusteuern und dann halten; leider aber ging die See zu boch, so daß das Schiff stark rollte, während das Thier ihm aus dem Wege zu gehen suchte. Man lud die Gewehre und bereitete Harpunen und Seile. Nach den ersten Kugeln tauchte das Thier unter dem Schiffe durch. Es erhielt mehrere Salven; nach jeder tauchte es unter, erschien aber dann wieder auf der Oberfläche und bewegte seine langen Arme nach allen Richtungen. So dauerte die Jagd etwa drei Stunden. Der Commandant Bouger wollte sich um jeden Preis des Ungeheuers bemächtigen, wagte aber nicht, ein Boot auszusetzen, da er fürchten mußte, das Thier möchte es umreißen. Die Harpunen, die es erhielt, hafteten nicht in der weichen Masse; die Kugeln, deren etwa zwanzig getroffen hatten, schienen keine große Wirkung zu haben. Endlich erhielt es einen Kernschuß; es spritzte Schaum, Blut und schleimige Massen in Menge aus, die einen starken Moschusgeruch verbreiteten. Jetzt haftete auch eine Harpune und es gelang, ihm eine Schlinge umzuwerfen, die zwar über den glatten Körper wegglitt, aber an den Flossen festhielt. Man suchte nun das Thier an Bord zu winden und hatte es auch schon großentheils über Wasser, als eine heftige Welle die Harpune ausriß. Die Schlinge schnitt jeizt in’s Fleisch ein, das Gewicht des Körpers war zu groß, der Schwanz riß mit den Flossen ab und blieb in der Schlinge hängen und der Leib fiel in das Meer, wo er rasch zu Grunde sank. Die abgerissenen Flossen wogen etwa zwanzig Kilogrammen. Sie wurden nach Sta. Cruz auf Teneriffa gebracht, wo die Fischer beim Anblick der ungeheuren Ueberreste in nicht geringen Schrecken geriethen.

Wahrscheinlich war das Thier sehr krank oder erschöpft, so daß es am Untertauchen gehindert war.

Einer Zeichnung zufolge, die einer der Officiere des Alecto während des Kampfes machte, hatte es eine röthliche Farbe, acht gleich lange Arme und den Körperbau eines Kalmars. Diese haben aber außer den acht gleich langen, überall mit Saugnäpfen versehenen Armen zwei noch viel längere Arme, welche nur an dem verbreiterten Ende mit Saugnäpfen versehen sind und in besondere Taschen zurückgezogen werden können. Auf der Zeichnung fehlen diese langen Arme. Fehlten sie überhaupt? Waren sie schon vorher abgerissen? Oder trug sie das Thier in den Taschen zurückgezogen, ohne sie zu entwickeln?




Die Familie des Messias.

Sada-Góra ist ein gräuliches Judennest in der Bukowina, das in geringer Entfernung von Czernowitz liegt. Man trifft da nur Kaftane und Pelzturbans, herabwallende Peies (Juden-Locken) und von Branntwein erhitzte Gesichter. Und doch hat dieses versteckte und häßliche Städtchen eine Anziehungskraft, einen Magnet, der alle wundergläubigen Israeliten von weit und breit mit derselben Sicherheit anzieht, wie nur je irgend ein wunderthätiges Madonnenbild des mittelalterlichen Italien die gesammte wundergläubige Christenheit angezogen bat. Dieser Magnet ist die Familie des Messias. In Sada-Góra lebt nämlich gegenwärtig eine der Familien, aus welchen, alten Traditionen, Verheißungen, Prophezeiungen und Stammbäumen zufolge, der jüdische Messias hervorgehen soll. Zu Bels in Galizien, zu Kozk in Podlachien, zu Kozienica im Sandomirschen und in vielen Judenorten des Czarenreiches leben solche Familienhäupter des zukünftigen Messias, die man Zadiks, d. h. Fromme, nennt, und die für große Provinzen und Kreise eine Anziehungskraft haben. Diese Zadiks haben ihre Entstehungsgeschichte. Als der fünfundzwanzigjährige schwärmerische Jüngling Sabbatai Zebi aus Smyrna im Jahre 1666 sich als wunderthätiger Juden-Messias ausgab, wurden die leichtgläubigen Israeliten in Europa, Asien und Afrika in eine excentrische Bewegung versetzt und Hunderttausende sahen in ihm den künftigen Erlöser aus der Knechtschaft. Tausende schwuren noch auf ihn, als er zum Islam übergetreten war und als er von 1676 an zu einem muhammedanischen Heiligen canonisirt wurde. Ein Theil der enttäuschten Massen wurde ernüchtert, ein anderer warf sich aus Schamgefühl dem mächtigen Katbolicismus in die Arme, an dessen Spitze später der erst vor kurzem in der Gartenlaube geschilderte wunderliche Frank mit seinen unerschöpflichen Reichthümern stand, und den dritten größeren Theil bildete [575] zur Zeit Moses Mendelssohn’s eine abenteuerliche, wundersüchtige, höchst bizarre Secte, zu der zwei Drittel der jüdischen Bevölkerung unter den Slaven gehörten. Der Begründer dieser messianischen Secte, die unter dem Namen Chasidim in dem bürgerlichen und staatlichen Leben figurirt, war ein gewisser Isrolka in Podolien, der sich für einen Zweig der königlichen Familie Davids hielt, aus welchem Sabbatai war und aus welchem der zukünftige Messias wiedergeboren werden soll. Das jetzige Haupt eines großen Theils der Chasidim, der Hausvater der Familie des Messias und der vorläufige Repräsentant desselben zu Sada-Góra ist ein früh gealterter, triefäugiger Mann Namens Isrolka, wie sein Ahn in Podolien in der letzten Hälfte des vorigen Jahrhunderts geheißen hat. Isrolka ist der reichste Jude Rußlands und Polens, und wer die zuweilen ungeheuern Reichthümer kennt, welche die Juden des Ostens in ihren baufälligen Nestern aufgehäuft haben, wird wissen, wie viel das sagen will.

Die Familie Isrolka, deren jedesmaliges Haupt als Wunderthäter (Baal-Schem) weit und breit gerühmt wird, hat seit hundert Jahren durch den phantastischen Messias-Glauben slavischer Juden Millionen zusammengescharrt. Sada-Góra ist gegenwärtig der vorgezogenste Wallfahrtsort polnischer und russischer Juden, der Juden von Galizien, Bukowina, Moldau und Walachei. Es ist den Anhängern dieser Familie, die nach Hunderttausenden zählen, eine unabweisbare Glaubenspflicht, den Stammhalter der messianischen Familie wenigstens einmal im Leben zu sehen und zu beschenken. Man behängt die Familie wie ein Götzenbild mit Schmuck und überschüttet sie mit Ducaten und Imperials. Der krampfhafteste Geiz reißt sich ein Geldstück aus der verschlossenen Brust, um es dem Aberglauben zu opfern und sich bei der Familie des Messias einzuschmeicheln. Weder die betheiligten noch die solchen Irrwahn bedauernden Israeliten pflegen von diesen Spenden zu sprechen, und deshalb ist in weitern Kreisen von diesen Wallfahrten nach Sada-Góra Nichts bekannt. Hingegen wissen wir von den Polen und erzählen die durch Sada-Góra reisenden Fremden von der Pracht und dem Glanze des Messiaspalastes, der, was seine ärmliche Umgebung und seine eigenen zur Schau gestellten Reichthümer betrifft, in seiner Art einzig dastehen soll.

Sada-Góra ist, wie gesagt, ein einsames, schmutziges, in einer wüsten Gegend der Bukowina gelegenes Judenstädtchen, das einem Edelmann gehörte, der auf Verbesserung seiner Finanzen und bessere Verwerthung seiner Branntwein-Brennereien zu sehen Ursache hatte. Seit vor ungefähr vierzig Jahren das Haupt der Familie des Messias in das elende Sada-Góra eingezogen, ist der Edelmann reich geworden und die eingezogene messianische Familie, aus Rosienne im Gouvernement Wilna kommend, hat seitdem den alten Glanz fortgesetzt. Mitten unter den baufälligen Häusern der Handelsleute und Wucherer erhebt sich ein Palast im wahrsten Sinne des Wortes, umgeben von einer Anzahl kleinerer eleganter Häuser, welche den Schwiegersöhnen und Töchtern Isrolka’s zum Aufenthalt dienen. Was man an Pracht und Luxus kennt, ist in den Gemächern dieser Häuser aufgethürmt. Der Palast besitzt ein Silberzimmer, welches alle erdenklichen Silbergefäße ältester und neuester Form aufzuweisen hat und welches man im Werthe von einigen hunderttausend Rubeln schätzt. Die prachtvollsten türkischen Teppiche, die schwersten Damast-Vorhänge sind in den Wohnzimmern aufgehäuft. Und alle diese prächtigen Gegenstände sind die frommen Opfergaben slavischer Israeliten! Geschmackvoll eingerichtete Gewächshäuser begrenzen den großen Park. Das Ganze ist ein mit dem raffinirtesten Luxus ausgestattetes großes Hotel, welches zwischen den schmutzigen Baracken von Sada-Góra hervorschimmert wie ein verbannter Feenpalast. Und der Herr dieser Reichthümer und dieser Pracht, in dessen Hand sogar jetzt der ganze Güter-Complex gelangt ist, der Vater, aus dessen Lenden der Messias hervorgehen soll, das geheiligte Gefäß einer erhofften glorreichen Zukunft, der Sproß David’s, den zu sehen von den jüdischen abergläubischen Massen schon für ein Glück gehalten wird, dessen bloßer Anblick mit reichen Geldopfern erkauft und der als Heiliger verehrt wird – ist der verthierte Blödsinn.

Rebiche Isrolka, so heißt der Mann, ist blödsinnig. Unter seinen weißen Haaren lebt kein denkender und ordnender Geist, in seiner Brust lebt kein Gefühl; er ist ein greiser Jüngling mit stumpfem Sinn. Er vermag nur auf einen Führer gestützt zu gehen, nicht aus Schwäche, sondern aus thierischer Bewußtlosigkeit. Seine Sprache besteht aus unarticulirten Tönen, welche nur seiner Familie und seinem vertrauten Secretair verständlich sind. Er ist verdummt im höchsten Grade, bewegt sich ganz thierisch, stößt wie ein Thier Töne hervor und brütet vor sich hin in thierischer Weise. Und wenn er sich auf der Gasse zeigt, so ist es schon einige Stunden vorher bekannt geworden, und die Fenster und Thüren, die Straßen und Plätze sind gedrängt voll Menschen. Auf Bäume und Dächer klettern die Leute, um den Stammhalter der messianischen Familie zu sehen; man schlägt sich, man läßt sich erdrücken, um den Götzen zu schauen.

Rebiche Isrolka hat eine Frau und Töchter und Söhne. Die meisten seiner Töchter werden schon als Kinder verheirathet. Jedem seiner Schwiegersöhne, die natürlich unter den Reichsten der Reichen ausgesucht werden, wird es zur Pflicht gemacht, nach Sada-Góra zu ziehen und in der nächsten Nähe des väterlichen Hauses ein ähnliches kleineres Haus zu bauen. Seine Töchter gehen auch im Hause in Sammt und Seide gekleidet. Die täglichen Kaftane seiner Söhne und Schwiegersöhne sind von den kostbarsten Stoffen. Die kleineren Kinder haben französische, englische, deutsche und russische Bonnen, Gouvernanten und Hofmeister, wie junge Prinzen. Zahlreiche Secretaire versehen „die Geschäfte“ des Hauses, die meistens in der Empfangnahme frommer Geldopfer und in andern Gaben bestehen. Vormittags ertheilt Rebiche Isrolka Audienzen, d. h. er empfängt im Beisein seines Leibsecretairs einige seit lange vorgemerkte fremde Wallfahrer, läßt sich, ohne einen Laut von sich zu geben, eine Weile anstarren und acceptirt zuletzt das herkömmliche Opfer, welches nie weniger als zehn österreichische Gulden betragen darf. Manchmal fährt dieser Heilige spazieren. Eine Zeit lang folgte seinem Wagen ein zweiter Wagen, auf welchem sich eine Musikbande befand, die während der Dauer der Promenadenfahrt die hübschesten Stücke spielte. Diese Begleitung ist gegenwärtig, vermuthlich durch die Behörde veranlaßt, eingestellt. Als sein Urgroßvater vor länger als vierzig Jahren in Rußland eine ähnliche öffentliche Pracht entwickelte und sogar die Kühnheit hatte, zwanzig Leibkosaken zu halten, die stets neben seinem Wagen reiten mußten, ließ der verstorbene Kaiser Nikolaus, als er gerade zu diesem sonderbaren Schauspiel kam, dasselbe verbieten und bei einer renitenten Wiederholung ließ er den Heiligen in der Festung Kiew einsperren. Die zahlreichen Anhänger und der Reichthum machten es dem Urgroßvater des Sada-Góra-Heiligen leicht, von Kiew zu entfliehen und nach dem neuen Bethlehem, nach Sada-Góra, zu kommen. Kaiser Nikolaus reclamirte ihn als russischen Unterthan, allein die Macht des Geldes war stärker: zwölf Bukowinaer Bauern schwuren, daß er in Sada-Góra geboren sei.

Vor einigen Jahren wurde Rebiche Isrolka der Falschmünzerei beschuldigt. Von seinem Hause aus war falsches Geld in Umlauf gesetzt. Das war für die Christen eine willkommene Gelegenheit, sich an der arroganten jüdischen Heiligkeit zu reiben, die sich mit wahrhaft kaiserlicher Grandezza gebehrdete. Der gute Isrolka wurde schonungslos arretirt, trotz allen Höllengeschreies, welches die Juden erhoben. Und bei der Arrestation wurden Spiegel zertrümmert, Geschirre in Stücke gehauen, Tapeten zerrissen. Isrolka saß also im Gefängniß und wurde verhört. Aber so oft man ihn auch verhörte, es war kein Wort aus ihm herauszubringen. Die Anhänger im Allgemeinen und die Familie des Heiligen insbesondere vereinigten sich natürlich mit Geld und That, um den Messias-Vater zu befreien. Aber zufällig war der Landes-Gerichtsrath, welchem die Untersuchung übertragen war, ein Mann, den alle Reichthümer Golkonda’s nicht bewegen konnten, einen Angeklagten freizugeben, gegen den eine so schwere Verdächtigung vorlag. Da der Beamte durch Bestechung oder Einschüchterung nicht zu gewinnen war, so wollte man es mit einer Verleumdung nach oben hin versuchen, was man mit Hülfe des Geldes zu erringen hoffte. Allein auch das mißlang. Da kamen die Anhänger auf die Idee, den strengen Beamten dadurch von der Untersuchung zu verdrängen, daß man eine höhere Beförderung für ihn auszuwirken suche. Eine Deputation mit goldnen und diplomatischen Empfehlungen ging nach der Residenz, der Beamte wurde Ober-Landesgerichtsrath und nach einer bessern Station versetzt und der Nachfolger sprach den Heiligen aus Mangel an Beweisen frei. Die Quelle der Falschmünzerei wurde später anderweitig entdeckt und es stellte sich sodann heraus, daß man Unrecht hatte, dem Heiligen und seinem bethörten Anhang die Fähigkeit zur Falschmünzerei zuzutrauen. Der nackte Blödsinn hatte nicht einmal das Geschick zu einem Verbrechen.


[576]
Blätter und Blüthen.

Classen-Kappelmann. Als im Sommer 1863 der preußischen Volksvertretung beim Schlusse der Landtagssession vom Ministerium zuerst der Vorwurf gemacht war, der Landtag trage lediglich die Schuld des Conflictes; als gleich hinterher die Preß-Ordonnanz vom 2. Juni erschien, die nun den Streit in das Land hineintrug: da war die unmittelbare Folge, daß sich in allen Theilen des Staates die Wähler für das Abgeordnetenhaus erklärten. Die Regierung verhinderte aber, daß die Meinung des Landes so umfassend zum Ausdruck gelangte, als es in der Absicht der Staatsbürger lag; sie verhinderte alle Immediat-Vorstellungen, alle Deputationen und machte die in den Stadtverordneten-Collegien vorbereiteten, zum Schutze der Verfassung unternommenen Kundgebungen zu nichte. Da entstand in der drittgrößten Stadt des Staates der Gedanke, eine allgemeine, öffentliche Demonstration zu machen, welche die Meinung des Volkes, die sich auf keine andere Weise offenbaren konnte, zum Ausdruck brächte; der Gedanke entstand in der Hauptstadt am Rhein, weil sich hier am besten die Gelegenheit darbot ihn auszuführen und zwar in Gestalt eines Allen zugänglichen Festes zu Ehren der verfassungstreuen Vertreter. Einer der größten Säle der Welt, der Gürzenich, reichte dennoch nicht vollständig aus, die allein von den beiden westlichen Provinzen herzuströmenden Theilnehmer alle aufzunehmen. Dagegen bot die für den folgenden Tag arrangirte Fahrt auf dem Rhein Gelegenheit zur Kundgebung der Gesinnung in so reichem Maße, daß die Festlichkeit ihren Zweck vollständig erreichte.

Die Regierung verklagte damals den Mann, dessen Bildniß Ihr wohlgelungener Holzschnitt heute in die weite Welt trägt, wohin sein Name längst gedrungen. Classen-Kappelmann, schon damals das Haupt der Verfassungstreuen, mußte büßen. Zwar konnte man seinem stets streng gesetzmäßigen Vorgehen nichts anhaben, aber er hatte als Vorsitzender des Comités den Aufruf zum Feste geschrieben, und aus seiner männlichen Sprache ein paar Worte herauszufinden, die sich zur Anklage eigneten, war glücklich gelungen. Eine Geldbuße von fünfundzwanzig Thalern war die Folge auf der einen Seite – eine alle Schichten der Bevölkerung durchdringende Ehrenanerkennung ergab sich auf der andern.

Nach fast halbjähriger mühevoller Sitzung waren vor einigen Monaten die preußischen Abgeordneten mit einer Schlußrede entlassen worden, welche das Volk kurzweg den „großen Anklageact“ nannte. Dringender als vor zwei Jahren, dringender als je trat damit die Pflicht an das Land heran, zur Entkräftung des officiellen Tadels den Vertretern des Landes den Beweis zu geben, daß das Volk unerschütterlich festhält an der Verfassung und zu seinen gesetzlichen Vertretern steht. Zugleich wollte man die Mißdeutung des Festes abwehren, das man gelegentlich des Jubiläums der fünfzigjäbrigen Vereinigung der Rheinprovinz mit Preußen am 15. Mai d. J. gefeiert und seiten der Regierung zu einem Feste der Anerkennung des jetzt in Preußen herrschenden Systems zu stempeln versucht hatte.

So wurde denn wenige Tage nach dem Schluß des Landtags die Feier eines zweiten, umfassenderen, nicht blos die Vertreter des Rheinlandes, sondern „die verfassungstreuen Abgeordneten des ganzen Landes“ begreifenden Abgeordnetenfestes in Köln von Classen-Kappelmann vorgeschlagen und mit großer Begeisterung aufgenommen. Das Festcomité wurde aus Mitgliedern der verschiedenen Parteien zusammengesetzt. Vergebens suchten deshalb die Ankläger später nach irgend einem Vorwand, das so entstandene Festcomité zu einem politischen Verein zu stempeln. Die Furcht, das Fest werde die Berufung des Ministeriums auf die Feier des 15. Mai thatsächlich widerlegen, siegte über die Bedenken, welche das Vereinsrecht entgegenstellte. Man schritt zu einem Verbote, und wahrscheinlich hatte man dabei geglaubt, es werde die polizeiliche Einschüchterung das Fest im Keime schon ersticken. Das war eine Rechnung ohne den Wirth – ohne Classen-Kappelmann!

Am nämlichen Tage, als das Verbot erschien, erließ er als Vorsitzender des Comités einen Protest an den Polizeipräsidenten; er schrieb darin die schönen Worte: „Bei aller Achtung vor den Anordnungen der Obrigkeit gebietet uns die Bürgerpflicht, auch unsere Rechte, wie sie uns durch die Verfassung und die Landesgesetze gewährleistet sind, hoch und heilig zu halten und uns die Ausübung der Dankbarkeit, als einer der edelsten und schönsten Pflichten gebildeter Menschen, nicht verkümmern zu lassen.“

Als er in seiner schlichten Weise ohne lange Einleitung diese Worte dem Comité vorlas, wider Willen in seiner sonst so ruhigen Redeweise die tiefste Erregung verrathend – da machte er in wenig Minuten die zahlreichen Mitglieder zu entschlossenen Männern der That. In dem zweiten Schriftstücke: „An die liberalen Bürger von Rheinland-Westphalen“, sagte der Vorsitzende des Festcomités u. A.: „Kann durch ein einfaches Scriptum eines Beamten ein Artikel der Verfassung suspendirt werden, so ist die gesetzliche Freiheit vernichtet. Jede gesetzwidrige, unlautere Absicht liegt uns fern, und wenn von oben Gewalt an Stelle der Gesetze treten soll, so mögen diejenigen die Folgen verantworten, die sie heraufbeschwören!“

Ja, sie haben die Folgen schon sehr empfindlich verspürt! Der Nächste, der in die Schranken trat, war der Oberbürgermeister von Köln. Ohne amtlich irgendwie veranlaßt zu sein, da ja die Polizei gar nicht zu seiner Competenz gehört, ließ er sich vom Diensteifer verleiten, den Vertrag über die Miethe des städtischen Saales im Kaufhause Gürzenich zu brechen. Er erhielt eine Antwort, die in demselben Maße, in welchem er sich unberufen einmischte, mehr als alle übrigen Proteste geharnischt war: „Wir hätten lieber gesehen, daß Sie als gewählter Oberbürgermeister der ersten Stadt der Rheinprovinz sich auf Seite jener Bürger gestellt hätten, die ein unantastbares Recht der beschworenen Verfassung und ihre persönliche Freiheit, wie sie durch die Landesgesetze gewährleistet sind, vertheidigen. Die hohe Stellung, welche Sie durch das Vertrauen Ihrer Mitbürger einnehmen, legt Ihnen nach unserm Dafürhalten nicht blos die Pflichten einer guten, geregelten Verwaltung auf, sondem involvirt auch die moralische Verpflichtung, als bonus paterfamilias an der Spitze des großen Gemeinwesens, Ihre Mitbürger soviel als möglich vor gesetzwidrigen Eingriffen in ihre Rechte zu schützen und den Sinn für Gesetzlichkeit und Freiheit zu pflegen, zum Wohle von Stadt und Staat. Man sollte glauben, daß Sie jede Mitbetheiligung von sich abgewiesen hätten, den Vertretern des Volkes von neunzehn Millionen den städtischen Saal zu schließen und einem Feste Hindernisse in den Weg zu legen, das von den edelsten Sympathien der Nation getragen wird.“

Dic männliche Sprache des Mannes, der schon so oft dem Unrecht kühn die Spitze geboten, verfehlte auch nach außen ihre Wirkung nicht; die auswärtigen Comité-Mitglieder wehrten mit aller Energie das Verbot des Festes ab und der Polizeipräsident Geiger bekam eine Blumenlese von Protesten. Drei Tage vor dem Feste geschah eine gewaltsame Auflösung des Comités; ohne weitere Begründung wurde dasselbe ein politischer Verein genannt, man stellte Haussuchungen bei mehreren Kölner Mitgliedern an, um herauszubringen, daß mit auswärtigen Vereinen, als welche man sogar die Fractionen des Abgeordnetenhauses qualificirte, eine ungesetzliche Correspondenz gepflogcn worden. Man fand harmlose Briefe, Zusagen oder Ablehnungen, nichts weiter – nirgends den so sehnlich gewünschten Anhalt zur gerichtlichen Klage, die gleichwohl gegen Classen erhoben wurde und gegenwärtig noch der Entscheidung harrt.

Aber man hatte vorläufig das Comité factisch gesprengt, und um den Schlag zu pariren, trat Classen jetzt in eigenem Namen hervor. Er hattc den Gürzenich gemiethet, ihm waren die sechs Dampfboote zur Rheinfahrt verpachtet, er lud jetzt auch die Abgeordneten und die Theilnehmer zum Feste ein. Die Polizei ging folgerecht nun auch gegen seine Person allein in’s Treffen, erließ einen Vorführungsbefehl und als er zu Hause nicht zu finden war (er befand sich in seiner eine Stunde entfernten Fabrik zu Sielsdorf), umstellte sie den Ein- und Ausgang mit Wachen. Es lag auf der Hand, daß man mit seiner Verhaftung besondere Absichten hatte. Ein Attentat auf den geachtetsten und populärsten Mann hätte unbedingt die Erbitterung im Volke von Köln bis zur höchsten Aufregung gesteigert und vielleicht Scenen herbeigeführt, die ein Einschreiten der Behörden nöthig machten. Und damit wäre das Fest, das alle sonstigen Gewalteingriffe wohl stören, aber nicht hindern konnten, vernichtet worden durch die Gefangennehmung des Mannes, dem Alle Alles verdankten: Niemand hätte noch Lust behalten, nach Köln zu kommen, um sich dergleichen Maßregelungen auszusetzen.

Das Comité beschloß daher sofort, den Vorsitzenden zu ersuchen, daß er sich nicht eher der Polizei stelle, als bis das Fest vorüber sei. Classen richtete darauf durch die „Rheinische Zeitung“ einen öffentlichen Aufruf an seine Mitbürger, ermahnte zur strengen Innehaltung des bisherigen gesetzlichen Weges und warnte davor „das Fest politisch-reifer Männer durch Widersetzlichkeit gegen die Gewalt zu entweihen“. Die Durchführung des Festes fiel damit dem Comité wieder anheim und nun traten jene Vorfälle im Kölner zoologischen Garten, im Gasthofe Bellevue zu Deutz, in Oberlahnstein ein, welche in der ganzen gebildeten Welt das gewaltigste Aufsehen gemacht haben und zweifelsohne allen unsern Lesern bekannt sind.

Am Montag nach dem Feste, Morgens zehn Uhr, stellte sich Classen-Kappelmann dem Richter. Daß man ihn nur hatte verhaften wollen, um während des Festes eine Absicht damit zu erreichen, trat nun klar hervor, denn man entließ ihn, ohne auch nur eine Vernehmung zu versuchen, sofort „bis auf Weiteres“. Erst am 2. August wurde er von dem Untersuchungsrichter wegen der dreifachen Beschuldigung vernommen: 1) durch seine Einladung an die Abgeordneten und Festgenossen zu einer Versammlung unter freiem Himmel aufgefordert, 2) einem politischen Verein vorgestanden und 3) das Statut dieses Vereins nicht eingereicht zu haben.

Mit neuer Kraft zu seinen Geschäften zurückkehrend, sah sich nun aber der schlichtc Mann zu seiner großen Ueberraschung in einen Strudel von Ovationen hineingezogen, denen er nicht entfliehen konnte. Die Bittcn seiner Freunde um ein photographisches Portrait für die „Gartenlaube“, lehnte er ab mit den Wortcn: „das fehlte noch!“ und jene erlangten das Bild, das Ihrem Holzschnitt zur Vorlage gedient, nur dadurch, daß sie sein eigenes Argument, „es gilt der Sache, nicht der Person“ für ihren Wunsch anwendeten. „Huldigt der Sache statt der Person!“ ermahnte er seine Freunde und seine Verehrer – aber wie war hier Eins vom Andern zu trennen? Nicht seinen Freunden, sondern seinen erbitterten Feinden war es beschieden, die Person zu treffen trotz der Sache. Classen-Kappelmann ward auf dem Arndt-Feste in Bonn insultirt, trotzdcm er als Abgesandter der Stadtverordneten von Köln erschienen war! Und zu dieser groben Verletzung des Anstandes gab sich ein Mann her, den seine Stellung wie seine Verhältnisse vielleicht mehr als irgend einen Collegen im ganzen Staate unabhängig machen – der Oberbürgermeister Kauffmann in Bonn!

Daß in gleichem Sinne die armen Sclaven der Reaction, die Zubringer der feudalen Presse wirken, nimmt Niemand Wunder; daß sie insultiren und verleumden. ist ein Theil ihres Gewerbes – aber noch nie ist es ihnen so sauer geworden, wie bei unserm Manne, denn er bietet nicht einmal der Bosheit eine Handhabe. Zuletzt, ermüdet von vergeblichen Anstrengungen und verzweifelnd am Erfolge, verlegten sich die „guten Leute“ auf’s Ermahnen, die Kreuzzeitung warnte den allgemein Gefeierten vor den Nachwehen der Popularität. Das Junker-Organ möge sich aber beruhigen: Classen-Kappelmann ist keine Eintagsgröße. Er hat dem Kampfe, den er diesmal mit dem schönsten Erfolge geführt, sein ganzes Leben geweiht. Ihre weltverbreitete Zeitschrift hat noch vor zwei Monaten (in Nr. 23) eine Schilderung seiner langjährigen, umfassenden Wirksamkeit gebracht, die längst geschrieben war, ehe man die jetzigen Erfolge des Mannes ahnen konnte. Nun bezeugen alle braven Menschen in Nähe und Ferne, durch Adressen, Geschenke und Ovationen, daß sie ihn lieben und ehren, und sein Herz erntet mit diesen Gaben die Frucht einer Saat, die, schon von dem Jüngling sorgsam gepflegt, von dem Manne mannhaft vertheidigt, langsam reifte: die Frucht seiner Liebe zu Allen, es ist die Liebe Aller zu ihm!




Verantwortlicher Redacteur Ernst Keil in Leipzig. – Verlag von Ernst Keil. – Druck von Alexander Wiede in Leipzig.

  1. Briefe eines Franzosen an einen Deutschen etc. Von Masson. Basel 1802. – Nöthige Erläuterungen etc. von einem Freunde der Wahrheit. Leipzig 1802. – Geheime Nachrichten über Rußland. Coblenz 1802. – Kurze und gelassene Antwort des Herrn von Kotzebue auf eine lange und heftige Schmähschrift des Herrn von Masson. – Das merkwürdigste Jahr meines Lebens, von Kotzebue etc. etc. etc.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Die fiktive Geschichte spielt in Arnstadt.
  2. Vorlage : H. L. Kriegk