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Autor: Verschiedene
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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
aus: Vorlage:none
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage: {{{AUFLAGE}}}
Entstehungsdatum: 1864
Erscheinungsdatum: 1864
Verlag: Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer: {{{ÜBERSETZER}}}
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Quelle: commons
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Die Gartenlaube (1864) 369.jpg
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[369]
Der Zeuge.
Von J. D. H. Temme.
(Fortsetzung.)
2. Ein eifersüchtiger Bräutigam.

Der geräumige und hübsche Leiterwagen hielt neben dem Hôtel, unterhalb der Veranda.

„Wie viele Personen können darin sitzen, Gustav?“ fragte die Braut ihren Bräutigam.

„Es sind vier Bänke darin, Ida. Auf jeder haben zwei Personen Platz. Es reicht also gerade für uns.“

„Wir sind aber unser nur sieben.“

„Du vergißt den Kutscher.“

„Pah, mag er sich auf seine Pferde setzen.“

„Es ist kein Sattelpferd da.“

„So setzt er sich vorn auf den Wagen, vor der ersten Bank.“

„Aber warum, Ida? Er hat ja Platz im Wagen.“

„Warum? Wie sollten wir denn sitzen?“

„Nun, wir Beiden sitzen auf einer Bank beisammen.“

„Dachtest Du zuerst an Dich, oder erwiesest Du mir die Ehre? Aber weiter!“

„Den finstern Herrn darf man nicht von seiner Frau trennen.“

„Ah, Gustav, da dachtest Du an Dich!“

„In wiefern?“

„Du bist eifersüchtig und der finstere Herr ist es – Ihr streitet Euch darum, wer es am meisten ist –“

„Ida!“

„Weiter! Der Onkel und die Tante sind noch da, und der Domherr. Wie werden sie sitzen?“

„Hm, Ida –“

„Ach, da bist Du wohl in Verlegenheit?“

„Ich?“

„Mit Deiner Eifersucht, Freund Gustav!“

„Aber, Ida, ich begreife Dich nicht!“

„Hm, mein Freund, die Tante ist meine Tante, und der Onkel ist Dein Onkel.“

„So ist es.“

„Aber sie haben uns nicht zusammengekuppelt.“

„Nein, Ida, unsere Herzen fanden sich in freier Wahl aus Liebe.“

„Hm –“

„Zweifelst Du daran, Ida?“

„Gott bewahre mich. Wenigstens nicht an unserer Freiheit. Meine Tante war sogar anfangs gegen uns. Aber weißt Du, warum, Gustav?“

„Sie hatte gemeint, der Onkel habe mir zugeredet.“

„Und was war dabei für sie der tiefere Grund?“

„Hm, Ida –“

„Höre, Gustav, wir wissen, oder vielmehr, wir ahnen, oder recht eigentlich, wir fühlen es Beide; denn wir haben von keinem Menschen ein Wort darüber gehört. Wir haben uns aber bisher Jeder gescheut, es dem Andern zu sagen, und das darum, weil die Tante meine Tante, und der Onkel Dein Onkel ist. Aber wir wollen Eheleute werden, Gustav!“

„Wären wir es schon, Ida!“

„So laß uns schon jetzt keine Geheimnisse, und vor Allem keine Heucheleien gegeneinander haben.“

„Wir wollen nicht, Ida.“

„Weißt Du, daß meine Tante eine der edelsten Frauen und Dein Onkel der bravste Mann von der Welt ist?“

„Gewiß weiß ich das, Ida, und ich weiß auch, wie Du das meinst.“

„So? Dann sprich Du von Deinem Onkel.“

„Sprich Du zuerst von der Tante.“

„Es sei. Ein junges, bildschönen Mädchen besaß Alles, was ein junges Mädchen und durch sie einen jungen Mann glücklich machen kann; denn sie hatte einen klaren, für alles Schöne und Gute empfänglichen Geist. Sie hatte das reinste, das unschuldigste Herz; Geist und Herz hatten eine seltene Bildung erhalten – aber sie war arm. Ein junger Mann, der in allen jenen Vorzügen und vortrefflichen Eigenschaften dem jungen Mädchen nicht nachstand, der aber gleichfalls arm war, lernte das junge Mädchen kennen; sie liebten einander, konnten aber kein Paar werden, weil sie Beide arm waren; um so inniger, um so herzlicher liebten sie sich. Mit einem Schmerze, der die jungen Herzen zu zerreißen, zu brechen, zu vernichten drohte, mußten sie sich trennen, aber von nun an liebten sie sich erst recht mit der reinsten, erhabensten und heiligsten Liebe der armen, starken und in ihrer Stärke so reichen Herzen, liebten sich für die Ewigkeit. Das junge Mädchen war meine Tante, der junge Mann war der Domherr. Sie entsagten und trennten sich. Achtzehn Jahre lang hatten sie nichts von einander gehört. Vor drei Tagen, auf dieser Reise, trafen sie sich zufällig wieder. Wir haben sie Beide seitdem Tag für Tag, Stunde für Stunde gesehen. Soll ich noch ein Wort hinzufügen?“

„Nein, Ida; kein Wort für Deine Tante.“

„Auch nicht für den Domherrn, Gustav? Er ist der Tante würdig geblieben.“

[370] „Auch für ihn nicht, Ida; aber für meinen braven Onkel. Er war der reichste junge Mann in der reichen Handelsstadt; er hatte von der Liebe Deiner Tante und des jungen armen Baron Eckardsberg gehört, und wie sie freiwillig sich getrennt hatten, und der junge Mann in fremde, ferne Kriegsdienste gegangen war, Deine Tante aber Unterricht gab, um sich und ihrer alten, kranken Mutter das Leben zu fristen. Da drängte es ihn, sie kennen zu lernen. Er suchte sie auf, lernte sie schätzen, hochachten, lieben. Er bot ihr seine Hand an und verlangte keine Liebe von ihr; er sagte es ihr, wie er wisse, daß ihr Herz einem Anderen gehöre. Sie wurden Eheleute und sind die liebevollsten Gatten geblieben bis auf den heutigen Tag. Mein Onkel ist zugleich in dem Besitze seiner Gattin der glücklichste Mann von der Welt, und Deine Tante hat die glücklichste, hat die wahre Ruhe des Herzens gefunden. Und dabei darf ich nicht verschweigen, wie sehr mein Onkel, was Verstand und Bildung betrifft, unter Deiner Tante steht; als er sich um ihre Hand bewarb, verstand er nicht viel mehr, als seine kaufmännische Correspondenz und die doppelte Buchhaltung. Er wußte es auch, wie sehr er unter ihr stand, und er ordnete sich ihr gern unter. Aber freilich, da muß ich doch für Deine Tante sprechen, nie hat sie sich über ihn gestellt.“

„Das ist brav von Dir, Gustav, daß Du das von der Tante anerkennst, obwohl darin auch wohl eine gute und gar biblische Lehre für mich liegen soll. Da muß ich denn auch noch ein paar Worte zum Lobe Deines braven Onkels hinzufügen. Er kennt jenes Verhältniß der Tante zu dem Domherrn. Hast Du in diesen drei Tagen nur den leisesten Schatten von Eifersucht an ihm bemerkt? Hast Du, seitdem der Domherr bei uns ist – er selbst lud ihn ein, mit uns zu reisen – nur die geringste Veränderung in seinem Benehmen wahrgenommen? in seiner guten Laune, in seiner Unbefangenheit, in seiner Freundlichkeit, in seiner Liebe und Zärtlichkeit gegen die Tante?“

„Hm, Ida, wenn das ein Stich gegen mich sein soll, so bitte ich Dich, doch auch zu gestehen, daß Deine Tante ihm auch nicht den leisesten Anlaß zur Eifersucht gegeben hat. Hast Du an ihr irgend eine Veränderung in diesen drei Tagen wahrgenommen? Selbst in dem Augenblicke, als sie plötzlich, unerwartet, ohne jegliche Ahnung, den Domherrn wiedersah? Ich vergesse das nie. Wir standen oben auf der Kuppe des Berges und bewunderten die wundervolle Aussicht. Ein einzelner Herr kam herauf, stellte sich neben uns, war ebenfalls in die herrliche Aussicht verloren, hatte auf uns nicht geachtet, wie wir nicht auf ihn geachtet hatten. Auf einmal wendet die Tante sich um, sieht den Fremden; er sieht sie, und sie erkennen sich. Seit den achtzehn Jahren hatten sie nichts von einander gehört; sie hatten sich wohl Tausende von Meilen von einander entfernt geglaubt. Da standen sie auf einmal beisammen, kaum drei Schritt von einander entfernt, mit aller ihrer alten, treuen Liebe in den Herzen, und sie sahen, daß die Herzen sich treu geblieben waren. Seine Brust trug das geistliche Domherrenkreuz, und neben der Tante stand – hm, mein kleiner, dicker Onkel. Und kein Schreck zog durch ihre Gesichter, und kein Unglück drückte sich darin aus. Ein Schmerz mochte wohl darin aufzucken; aber ehe man ihn sah, waren sie seiner schon wieder Herr geworden. Sie konnten sich die Hände reichen, ernst zwar, aber frei, ruhig, klar. Und dann konnte die Tante stolz, ja mit dem edelsten Stolze ihres edlen Herzens, ihn zu ihrem Manne führen, und den schönen Mann, der neben dem geistlichen Kreuze auch die anderen Orden, die Zeugen seiner Tapferkeit als Soldat, trug, und den braven kleinen dicken Onkel mit einander bekannt machen. Und wie schön, wie erhaben, wie unendlich schön war sie dabei!“

Der junge Mann hatte mit Feuer gesprochen, das Mädchen ihm mit Thränen in den Augen zugehört.

„Gustav,“ rief sie, „ich möchte Dich küssen vor allen den Leuten. Es schickt sich nur nicht. Aber alle Deine Eifersucht will ich Dir verzeihen, vergangene und zukünftige, und damit ich es schon gleich für die Zukunft kann – es giebt ja nichts Edleres, als Verzeihen – ah, sich Dich einmal um, Gustav.“

Das Brautpaar stand am Ende der Veranda, dort, wo man aus dieser hinausgehen mußte, um zu dem Leiterwagen zu kommen, der unterhalb hielt. Sie standen dort zwischen den Zweigen der gelben Akazien und der rothen und weißen Fliederbäume. Die Zweige verbargen sie halb vor der Gesellschaft in der Veranda, gestatteten ihnen aber einen vollen Blick auf diese.

„Sieh Dich um, Gustav, sieh dort!“ versetzte die Braut.

Der junge Mann sah hin, wohin sie zeigte.

„Der Student mit seiner rothen Mütze, Ida.“

„Ja, und die Mütze ist so schön.“

„Und was soll das?“

„Und er blickt so sehnsüchtig nach uns, und so zärtlich nach mir.“

„Ida!“

„Und es ist so süß, zu verzeihen. – Gustav!“

„Was willst Du, Ida?“

„Er muß mit. Du darfst mir nicht böse werden. Oder vielmehr, Du sollst mir böse werden, damit ich Dir verzeihen kann.“

„Aber, Ida!“

„Nicht wahr, Du thust mir den Gefallen? Ich bitte den Onkel. Platz im Wagen ist noch da. Und der Onkel braucht dann auch nicht bei dem Kutscher zu sitzen. Denn er ist galant und so gar nicht eifersüchtig, und er würde die Tante und den Domherrn beisammen sitzen lassen. Und wir könnten uns dann Alle so herrlich, so reizend arrangiren. Der finstere Herr und seine arme Frau blieben beisammen, das geht nun einmal nicht anders. Die zweite Bank nähmen die Tante und der Domherr ein, die dritte Du und der Onkel, und die vierte –“

Da fuhr der junge Mann doch auf; wie erstarrt hatte er schon lange gestanden.

„Und auf der vierten willst Du wohl mit dem Studenten sitzen?“

„Ja, Gustav, auf der vierten und letzten. Ihr Andern sitzt Alle vor uns.“

Der junge Mann machte Miene, sich die Haare auszureißen.

Das Mädchen wurde ernsthaft, es wurde sehr ernst.

„Gustav, Du sprachst vor einigen Minuten mit so innigem Gefühle, mit so voller Ueberzeugung von dem edlen Herzen meiner Tante, von dem braven Gemüthe, von dem hochherzigen Vertrauen Deines Onkels. Willst Du so viel, so weit weniger sein, als Dein Onkel? Willst Du mich so sehr tief unter meine Tante stellen, mich für geradezu schlecht halten?“

„Ida –“ wollte der junge Mann sie unterbrechen.

„Laß mich ausreden, Gustav! Du hast seit zwei Tagen jenes unglückliche Paar vor Augen, so tief unglücklich durch die eben so unbändige, wie unbegründete Eifersucht des Mannes. Willst Du werden, wie er? sollen wir werden, wie sie? Die Leidenschaft fängt klein an, sie wächst bis zu jener Unbändigkeit. Willst Du Dich und mich so vernichten, wie jener Mann, in dem der Onkel nur einen Mörder erblicken, den Niemand ohne Entsetzen sehen kann? Willst Du? Sprich, Gustav. Jetzt kannst Du es. Aber sieh mich dabei an; sieh mir klar in die Augen.“

Der junge Mann konnte dem Mädchen nicht nur nicht klar, er konnte ihm gar nicht in die Augen sehen. Er sah zur Erde nieder und mußte erwidern: „Deine Tante giebt auch dem Onkel keine Veranlassung zur Eifersucht.“

„Auch jene arme blasse Frau ihrem Manne nicht!“ rief das Mädchen.

„Auch sie nicht.“

„Aber ich? ich Dir?“ rief sie mit flammenden Augen, mit geröthetem Gesicht.

Der junge Mann antwortete nicht.

„Ich Dir?“ rief sie noch einmal.

Der junge Mann mußte zu ihr aufblicken. Er sah die gerötheten Wangen. Er mußte höher blicken, endlich in ihre Augen; er sah sie flammen; er sah aber auch, wie treu sie waren.

„Kannst Du mir vergeben, Ida?“ sagte er.

Er hielt ihr seine Hand hin. Sie nahm sie nicht.

„Gab ich Dir Veranlassung zur Eifersucht?“

„Nein, Ida.“

Sie nahm seine Hand.

„Das Wort gab Dir Gott.“ Dann sagte sie: „Komm, laß uns hinter den Wagen gehen, daß mich die Leute nicht sehen.“

Sie gingen hinter den Leiterwagen. Dort stürzten die hellen Thränen aus den Augen.

„Ida, Ida!“ rief der junge Mann erschrocken.

Sie mußte sich ausweinen.

„Und auch ich habe Dich um Verzeihung zu bitten, Gustav,“ sagte sie unter dem Weinen. „Ich sah Deine Anlage zur Eifersucht. Ich wollte Dich heilen, durch Scherz. Es war nicht recht von mir.“

[371] „Doch, doch,“ rief der junge Mann, „Du hast ja gerade das Rechte getroffen. Du hast mich geheilt. Bleibe immer so mein heiterer, lieber Arzt.“

Er küßte ihr die Thränen von den Augen. Sie konnten sich nur flüchtig umarmen. Der Onkel und die Tante kamen, mit ihnen der Domherr. Die Umarmung sahen sie nicht, aber die Thränen hatte der Bräutigam nicht ganz von den reizenden Augen der Braut wegküssen können. Die Tante sagte nichts, als sie dieselbe sah. Der Domherr hatte sie wohl nicht bemerkt. Der brave Herr Milden aber erschrak fast, und wie hätte er da schweigen können?

„Idchen, mein Mädchen, was fehlt Dir? Hat Dir der Junge etwas gethan? Was hat er Dir gethan? Sag’ es mir. Hat er Dich wieder mit seiner dummen Eifersucht geplagt?“

„Nein, Onkel. Aber ich war unartig gegen ihn gewesen.“

„Das ist nicht wahr. Was hättest Du denn gethan?“

„Soll ich mich noch einmal schämen?“

„Wetterhexe! Aber es ist doch nicht wahr.“

„Es ist auch nicht wahr, Onkel,“ sagte der Bräutigam, der der Braut nicht nachstehen wollte.

„Was war es denn?“

„Ida wünschte, daß wir den Studenten mitnehmen möchten.“

„Ha, und das wolltest Du eifersüchtiger Narr nicht!“

„Das wollte er nicht, Onkel,“ drängte sich das Mädchen vor.

„Und er hatte Recht. Ich sagte, mir gefalle die feuerrothe Mütze so, und unter der Mütze das frische und so weise Gesicht, das so gesetzt und so philiströs aussehe. Und da meinte Gustav, ich hätte einen schlechten Geschmack –“

„Hm, und darüber strittet Ihr?“

„Darüber stritten wir.“

„Und weintest Du?“

„Und weinte ich.“

„Hm, Gustav, sei doch einmal so gut, und gehe zu dem Studenten und bitte ihn in unser Aller Namen, daß er uns die Freude machen möge, mit von der Partie zu sein. – Sie erlauben es doch, Herr Domherr? Der junge Mensch war in den paar Stunden, die er vorgestern mit uns ging, recht amüsant.“

„Und er sprach so vernünftig, Herr Domherr,“ setzte bittend die Braut hinzu, „beinahe wie ein alter Mann, und er konnte so reizende Lieder in die Wälder und Berge hineinsingen.“

Der Domherr hatte sich schon zustimmend verbeugt. Der junge Mann war schon gegangen, den Studenten herbeizuholen. Er kam mit ihm zurück. Der Student sah wirklich so gesetzt und weise aus, und sprach so klug und verständig, und seine hellrothe kleine Mütze auf dem linken Ohr und die weiten Pumphosen und der kurze, knappe Rock, das Alles paßte so wunderbar zusammen. Er sprach in wohlgesetzten Worten seine Freude aus über das Glück des Wiedersehens und seinen Dank für die Ehre, die man ihm erzeige.

„Er sitzt bei Dir, Ida,“ sagte unterdeß leise der Bräutigam zu der Braut.

„Ei, ich bin wirklich ein guter Arzt,“ lachte das Mädchen.

„Und Ihr sitzt zusammen auf der letzten Bank.“

„Gustav, Du bist der reizendste Reconvalescent von der Welt.“

„Wo nur unsere Reisegefährten bleiben!“ sagte ungeduldig Herr Milden. „Hm, hm, hätte ich es früher gesagt, so wären sie früher gekommen. Da sind sie ja.“

Der finstere Mann kam mit der schönen blassen Frau. Er war höflich und weniger finster; sie war mild und freundlich. Sie hatten sich Beide gefaßt. Es mochte der Einen wie dem Anderen Mühe genug gekostet haben. Der Student war überrascht, als er sie sah. Er mochte sie kennen; er machte Zeichen des Erstaunens, freilich still und gesetzt. Niemand hatte es bemerkt. Das Ehepaar schien ihn nicht zu kennen.

„Hm, hm, wie sitzen wir?“ rechnete und dachte Herr Milden nach. Er wußte es. „Die beiden Damen bleiben zusammen. Ebenso der Herr Domherr und Sie, Herr Reisegefährte. Dann – hm, hm, das Brautpaar darf nicht getrennt werden.“

„Wird getrennt, Onkel!“ rief die Braut.

„Ah, Hexe, Du willst wohl bei mir sitzen?“

„Mit Verlaub, nein, aber bei unserem Herrn Studiosus.“

„Potz, alle tausend Bomben –!“ Er sah beinahe mit Angst seinen Neffen an.

„Hm, lieber Onkel,“ sagte lachend der Neffe, „so müssen wir Beiden zusammenbleiben.“

„Junge, dafür muß ich Dich küssen,“ rief der Onkel. „Sieh! diese nichtswürdige Eifersucht – “

Er brach plötzlich ab. Der finstere Reisegefährte war glühend roth, die blasse Frau blässer geworden. Der Student sah sehr geheimnißvoll und wichtig seine Nachbarin, die Braut, an, als wenn er ihr ein großes Geheimniß mitzutheilen habe. Sie setzten sich, wie der Onkel und das junge Mädchen es bestimmt hatten: vorn der Onkel und der Neffe; dann der Domherr und der finstere Herr; dann die beiden Frauen; auf der letzten Bank saßen der Student und die Braut.

Der Wagen fuhr ab, den Hügel hinunter, in das Thal hinein, über die Brücke des Stromes, an dem anderen Ufer des Stromes entlang, in dichte, duftige Waldung, auf vielfach gewundenem Wege einen hohen Berg hinan, um auf seiner Höhe, auf der Spitze des Weißen Steins, die schöne und berühmte Aussicht zu genießen. Es war überall schön, wo sie fuhren, überall eine frische Natur; bei jeder Biegung und Wendung erschlossen sich dem überraschten Blick neue reizende Punkte, bald in der nächsten Nähe, bald in weiter Ferne. Aber die Herzen in dem Wagen öffneten sich nicht. Der finstere Mann saß so finster, so stumm, so eisig kalt da; seine blasse Frau in so tiefen und schweren Gedanken. Da waren auch die Anderen still und stumm. Frau Milden hätte wohl gern Worte der Aufrichtung für ihre blasse Nachbarin gehabt; aber wäre nicht jedes Wort eine Anklage gegen den Gatten der Armen gewesen, der unmittelbar vor ihnen saß? Den Domherrn machte die eisige Kälte seines Nachbarn mit kalt. Selbst der redselige, höfliche und gutmüthige Herr Milden suchte vergebens eine Unterhaltung in Gang zu bringen. Schwiegen die Aelteren, hätten wohl auch die Jüngeren schweigen sollen. Die schelmische Braut konnte es nicht ganz.

„Herr Student, Sie sagen ja kein Wort über die Schönheit der Natur.“

„Ich bewundere sie, mein Fräulein.“

„Wen? Mich?“

„Die schöne Natur.“

„Ei, Herr Studiosus, galant sind Sie nicht.“

„Verzeihen Sie, mein Fräulein.“

„Hm, ich verzeihe Ihnen schon gern – wenn nur auch mein Bräutigam es thut. Aber muß man denn wie im Grabe sitzen, wenn man bewundert?“

„Es ist ein tief begründeter philosophischer Zug, daß die wahre Bewunderung stumm macht.“

„Gott bewahre! Da sollte man ja nichts bewundern.“

„Sehr richtig, Fräulein. Nil admirari ist auch einer der tiefsinnigsten Sätze der Philosophie.“

„Sie sind kein Philosoph?“

„Woher vermuthen Sie das?“

„Weil Sie vorhin bewunderten.“

„Nein, ich bin kein Philosoph; ich bin Jurist. Aber ich habe auch die philosophischen Studien, besonders die Psychologie nicht vernachlässigt, da ich vorzugsweise Criminalist bin.“

„O, pfui! Blutrichter wollen Sie werden? Darum tragen Sie auch schon jetzt wohl die blutrothe Mütze?“

„Um Gotteswillen, Fräulein!“ flüsterte sehr leise der Student.

„Was giebt’s?“

Der Student zeigte schweigend auf den finsteren Mann und auf die blasse Frau. Der finstere Mann war auf seinem Sitze aufgefahren; die blasse Frau saß noch unruhig da.

„Kehren wir zur Bewunderung der schönen Natur zurück, mein Herr,“ sagte das Fräulein.

„Zu Befehl,“ mein Fräulein.

„Zu Befehl? Sie bewundern auf Befehl?“

„Auf Befehl einer schönen Dame thue ich Alles.“

„Ah, Sie sind doch galant! Aber sehen Sie, wie prachtvoll die Sonne in das Thal hineinscheint.“

„Ja, es bilden sich wunderbare Reflexe und Tinten.“

„Und duftige Farben und goldene Säume, Herr Student.“

„Ja, mein Fräulein, und wie der Strom glitzert, wie dunkle Schatten in jene Schlucht dort einziehen, wie die Kronen der mächtigen Eichen auf den hohen Bergen in goldenem Schimmer glänzen!“

„Aber vor Allem, Herr Student, wie wunderbar liegt jene alte Festung da! Die Spitzen der blauen Thürme, die Zacken der rothen Zinnen ragen so hell und glanzvoll und lustig zum Himmel empor; das hohe, große, weiße Haus rechts sonnt sich so stolz in [372] den Sonnenstrahlen. Ah, der Commandant wohnt wohl darin, ein stolzer, strenger General, der die Freuden der Tafel und das Nichtsthun des militärischen Paradelebens liebt. Und nun sehen Sie da unten die grauen Mauern, die dunklen Löcher darin, die Fenster vorstellen sollen. Es werden wohl die Kasematten sein, und in den Kasematten liegen die armen –“

„Fräulein!“ flüsterte der Student wieder leise.

„Was wünschen Sie?“

Der Student wollte wieder auf den finsteren Mann zeigen.

In dem Augenblicke wandte sich dieser um. Der Student ließ den Finger sinken. Das Fräulein hatte weder das Eine noch das Andere gesehen. Sie war auch vorher in der Veranda nicht Zeuge von dem eigenthümlichen Eindrucke gewesen, den die in der Festung gelösten Kanonenschüsse auf den finsteren Mann und dessen Frau gemacht hatten.

„In der Festung sitzen auch Staatsgefangene?“ fragte sie den Studenten.

„Hm, ja, ich glaube, Fräulein.“

„Und vorhin die drei Kanonenschüsse – Sie haben sie doch gehört, Herr Student?“

„Ich hörte sie.“

„Bedeuteten, daß Gefangene entkommen sind?“

„Zwei, mein Fräulein!“

„Ah, Herr Student, mit welchen Gefühlen mögen die jene schimmernden Thürme und Zinnen und die dunklen Mauern und Löcher betrachten! Vielleicht gerade in diesem Augenblicke! Vielleicht gar hier in unserer Nähe! Anderthalb Stunden weit mag die Festung von hier entfernt sein. Vor ungefähr anderthalb Stunden fielen die Schüsse. Weiter als bis hier können die Entflohenen wohl nicht gekommen sein. Sie werden zwar nach Kräften geeilt haben, wohl mehr, als die Kräfte aushalten konnten; aber wie viele Gefahren und wie viele Angst vor Gefahren legen dem Flüchtling Hinderniß und Aufenthalt in den Weg! Die armen Menschen! Vielleicht liegen sie hinter jenem Felsen, mit keuchendem Athem, mit ermüdeten, geschundenen Gliedern, bei jedem Laute, bei dem leisen Ziehen des Windes durch die Blätter der Bäume einen Verfolger, einen Verräther ahnend, und nun angstvoll, mit der Angst des Todes bereit zu der wilden Hetzjagd gegen sie, die ihnen den Tod bringt, oder – und wäre es nicht schlimmer, als der Tod? – die Rückkehr in ihre entsetzliche Gefangenschaft!“

„Hm, Fräulein,“ sagte der Student, und er sagte es verlegen und wie in seiner Verlegenheit nicht recht wissend, was er sagen solle, „hm, Fräulein, aber warum sollten denn die Flüchtlinge ihren Weg gerade hierher genommen haben?“

„Warum nicht?“ rief das Fräulein hastig und eifrig.

Zwei Blicke hatten sich unwillkürlich nach ihr umgewandt. Der finstere Mann sah sie mit einer drohend aufflammenden Gluth seiner großen, schwarzen Augen an. Die blasse Frau hatte einen Blick plötzlichen Erschreckens auf sie geworfen. Die Frau sah wieder schnell vor sich nieder. Der Mann ließ den drohenden Blick forschend auf den Studenten neben dem Fräulein gleiten; er schien nachzusinnen, ob er den jungen Mann schon irgendwo gesehen habe.

„Um des Himmels willen, schweigen wir von der Festung,“ flüsterte der Student seiner Nachbarin zu.

Das Fräulein saß blaß da. Der flammende, drohende Blick des finsteren Mannes hatte sie erschreckt. Sie antwortete dem Studenten nicht; sie sprach kein Wort mehr. Aber lange konnte sie das nicht aushalten. Der Wagen fuhr den Weißen Stein hinan. Der Weg führte zwar in bequemen Windungen zu der Höhe. Aber der Berg war hoch, und die vier starken Pferde vor dem Wagen mußten doch zuweilen Halt machen, um zu verschnaufen.

„Die armen Thiere!“ sagte das Fräulein. „Onkel!“ rief sie nach der vordersten Bank hin, „erlaubst Du, daß wir jungen Leute zu Fuße den Weg zur Höhe machen? Mein Herr Nachbar, der Gustav und ich?“

„Prachtmädel, und auch ich bin dabei!“ rief der kleine dicke Herr zurück, der auch gegen Thiere gutmüthig war.

„Mein Herr,“ sagte der Domherr zu seinem Nachbar, „da werden auch wir Beiden nicht zurückbleiben dürfen.“

Der finstere Mann mußte mit aufstehen. Er warf einen zweifelhaften Blick auf seine Frau. Sie mochte ihn verstehen. Auch sie wollte sich erheben.

„Wir zwei Frauen bleiben,“ sagte mit ihrer ruhigen und sicheren Entschiedenheit Frau Milden.

Die zwei Frauen blieben in dem Wagen, der weiter fuhr. Die Anderen hatten ihn verlassen und gingen neben ihm her. Dem Fräulein war die große Begleitung wohl nicht recht. Sie hatte den Studenten so viel zu fragen; der Onkel wich nicht von ihrer Seite; der finstere Herr sah den Studenten mißtrauisch an. Aber sie wußte sich zu helfen. Sie kannte den braven Onkel und dessen Neugierde, und was sie von dem Studenten wissen wollte, das durfte, ja mußte am Ende auch der Onkel erfahren. Sie nahm den kleinen dicken Herrn auf die Seite.

„Onkel, der Student hat mir etwas sehr Wichtiges und Geheimes zu erzählen.“

„Potz alle Tausend – und das darf ich wohl nicht hören und da soll ich Dich allein mit ihm lassen?“

„Nein, Sie sollen es gerade hören, aber unser finsterer Reisegefährte nicht.“

„Und warum der nicht?“

„Weil es gerade ihn angeht. Der Student weiß, wer er ist.“

„Ah, ah, Idchen, und Deine Bitte?“

„Sie möchten den Gustav bitten, daß er mit dem Domherrn ihn in Beschlag nimmt.“

„Das soll auf der Stelle geschehen, mein Kind.“

Herr Milden sprach ein Paar leise Worte mit Herrn Gustav.

Der junge Mann sprang zu dem finsteren Herrn, und der kleine dicke Herr kehrte zu der Braut zurück. Fräulein Ida wandte sich an den Studenten.

„Herr Student, warum durfte ich vorhin die Festung nicht bewundern?“

„Sprechen Sie leiser, Fräulein. Ich bitte Sie. Um jenes finstern Herrn willen!“

„Soll ich noch leiser sprechen?“

„Ich bitte Sie darum.“

„Und durfte ich auch vorhin nicht bewundern?“

„Sahen Sie nicht –?“

„Seine drohenden Blicke? O ja. Aber ist er denn so gefährlich?“

„Er hat wenigstens künftig mein Schicksal in der Hand.“

„Potz Wetter – er sieht freilich beinahe aus wie ein Scharfrichter; aber Sie sehen nicht aus wie ein armer Sünder.“

„Nein, nein, – aber ich bin Jurist und vorzugsweise Criminalist, und da wird er künftig mein Vorgesetzter werden –“

„Und da fürchten Sie sich jetzt schon vor ihm, freier, deutscher Student?“

„Man will doch seine Carriere machen, Fräulein. Warum hätte man sonst studirt?“

„Sie werden sie machen. Wie heißt der Herr?“

„Es ist der Herr Oberstaatsanwalt von Rachenberg.“

„Potz – die Oberstaatsanwälte sind ja wohl die Vettern des Richters?“

„Idchen, Idchen,“ lachte Herr Milden, „weißt Du, wer früher der Vetter des Richters hieß?“

„Nein, Onkel. – Aber erzählen Sie von ihm, Herr Student.“

„Sie werden jetzt begreifen, Fräulein, warum er Ihnen jene Blicke zuwarf, als Sie Mitleid mit den entsprungenen Gefangenen zeigten.“

„Dürfen denn Oberstaatsanwälte kein Mitleiden haben, nicht einmal dulden?“

„Hm, Fräulein, der Oberstaatsanwalt von Rachenberg hat jene Festung bevölkern helfen. Es sitzen manche Staatsgefangene dort, Staatsverbrecher, und er hat die Processe gegen sie geführt, und er ist ein sehr strenger, er ist, ich möchte sagen, ein leidenschaftlich strenger Beamter.“

„Hm,“ meinte Herr Milden, „ich denke, leidenschaftlich soll nie ein Beamter sein.“

„Sie wollen erwägen, Herr Milden,“ sagte der Student, „ich sprach nur von der Leidenschaftlichkeit seines Rechtsgefühls.“

Herr Milden schüttelte den Kopf. Er verstand das wohl nicht.

„Sie können sich also erklären,“ fuhr der Student zu dem Fräulein fort, „daß es ihm nicht sehr angenehm sein müßte, wenn ein paar Staatsgefangene entsprungen wären, zumal wenn –“

„Warum fahren Sie nicht fort, Herr Studiosus?“

„Sie werden mich doch nicht verrathen?“

„Seien Sie beruhigt.“

„Nun, Sie haben seine blasse Frau gesehen?“

„Sie fährt ja noch vor uns, mit meiner Tante.“

(Fortsetzung folgt.)
[373]
Aus den letzten Stunden einer Monarchie.
Von Johannes Scherr.
(Fortsetzung.)

Inzwischen hatte Herr Thiers sich außer Athem gelaufen, um mittelst Findung von Ministern das Verhängniß abzuwenden. Der kleine Nothhelfer mit der großen Brille hatte es glücklich dahin gebracht, die Chefs der Linken und des linken Centrums der Deputirtenkammer in seiner Wohnung zu versammeln und diese Herren – Barrot, Remusat, Duvergier de Hauranne, Beaumont, Lamoricière – zur Annahme von Ministerposten zu bestimmen. Man wollte auch noch die Führer des sogenannten „tiers parti“, die Herren Passy und Dufaure, sowie Barrot’s Freund, Billault, mit in das neue Cabinet ziehen; allein alle Drei lehnten ab. Eben waren die übrigen Ministerschaftscandidaten übereingekommen, sich zwischen 7 und 8 Uhr in das Schloß zu begeben, als Herr de Reims, der Secretair von Thiers, eilends eintrat. Er war auf Kundschaft ausgewesen und hatte die Neuigkeit der Ernennung eines Ministeriums Thiers-Barrot auf das Bureau des „National“ gebracht. „Das genügt nicht,“ hatte ihm der Chefredacteur Marrast zur Antwort gegeben. „Die Abdankung des Königs vor Mittag! Nach Mittag würde es zu spät sein.“ Zu spät! Wie so oft schon ist dieses Schicksalswort erschollen als ein Weltgerichtsposaunenton, und wie selten ist es gehört, beachtet und verstanden worden! Auch die bei Herrn Thiers versammelten Matadore des Liberalismus verstanden es nicht. „Parbleu,“ sagte Duvergier de Hauranne spöttisch, „Citoyen Marrast predigt für seine Heilige.“ Ein den Gedanken einer Möglichkeit der Republik weit wegwerfender Witz, welcher ein beifällig zustimmendes Lächeln hervorrief.

Die Gartenlaube (1864) b 373.jpg

Preußischer Krankenwagen bei Düppel.
Nach der Natur gezeichnet von Otto Günther.

Freilich, auf ihrem mühseligen Wege nach den Tuilerien hatten die Herren sattsame Gelegenheit, zu bemerken, daß der Aufstand eine solche Gestalt angenommen, daß ihm mit den gewöhnlichen constitutionellen Auskunftsmitteln nur noch sehr schwer würde beizukommen sein. Namentlich Herr Barrot war durch das, was er unterwegs gesehen und gehört, so stutzig geworden, daß er, mit seinen Begleitern gegen 8 Uhr am Gitter des Schloßhofes angelangt, innehielt und erklärte: „Ich kann nicht weiter gehen. Der Name des Marschalls Bugeaud macht den Kampf unvermeidlich und eine Katastrophe wahrscheinlich. Ich ziehe mich zurück.“ Worauf Thiers dem Muthlosen entgegnete: „Ich leugne die Gefahr nicht. Aber dürfen wir dem Könige seinen Degen entreißen? Können wir einen Marschall von Frankreich vom Pferde steigen machen?“ Herr Barrot gab nach… Im Palasthof traten den Ankommenden die Herzöge von Nemours und von Montpensier entgegen, Beide, besonders der jüngere der Prinzen, sehr bewegt. „Es ist trostlos,“ klagte er. „Alle Mittel erweisen sich als machtlos. Die Lage der Truppen ist furchtbar. Sie versinken im Koth, und es mangelt ihnen an Schießbedarf …“ Man erfuhr, der König schlafe noch, und bis er geweckt würde und bereit wäre, die Ministercandidaten zu empfangen, begab sich Herr Thiers [374] mit dem Herzog von Nemours nach dem Generalstabsquartier. Er fand daselbst, daß der Marschall bei weitem nicht mehr so zuversichtlich war, wie derselbe noch vor wenigen Stunden gewesen. Bugeaud beklagte sich bitter über die unzureichende Truppenzahl, wie über den Mangel an Munition und Lebensmitteln, und kaum hatte Herr Thiers, nachdem er wenige Worte über die Gefahr der Lage mit dem Marschall gewechselt, das Generalstabsquartier wieder verlassen, als ein angesehener Bürger, Herr Fauvelle, die Treppe zu demselben athemlos hinaneilte und dem Marschall und seinen Officieren ohne Umstände zurief, das einzige Mittel, ein Aeußerstes, d. h. den Umsturz des Thrones, zu verhüten, sei, die von den Tuilerien ausgezogenen Truppen auf der Stelle dahin zurückzuziehen, denselben die Einstellung des Feuers zu befehlen und die Nationalgarde mit der Wiederherstellung der Ordnung zu betrauen. Obzwar von Bugeaud barsch angefahren, wußte der unerschrockene Mann, dessen Nachrichten auch von anderen Seiten her bestätigt wurden, seinen Worten ein solches Gewicht zu geben, daß der Marschall, nach geflügelter Berathung mit dem Herzog von Nemours, Herrn Fauvelle zu Händen des Generals Bedeau den schriftlichen Befehl zustellte: „Lassen Sie das Schießen überall einstellen und die Nationalgarde den Sicherheitsdienst übernehmen. Lassen Sie Worte der Versöhnung vernehmen und ziehen Sie sich nach dem Carrouselplatz zurück…“ Es war 9 Uhr, als Bedeau diese Ordre empfing.

Zu spät!

Derweil waren Thiers, Barrot und ihre Begleiter in das Cabinet des Königs eingeführt worden. Der greise Monarch, durch etliche Stunden Schlaf neugestärkt, empfing sie mit der gewohnten Lebhaftigkeit seiner Manieren und auf Herrn Thiers zugehend, sagte er: „Nun wohl, mein lieber Minister –“

„Sire, wir kommen, eine Verständigung mit Ihnen zu versuchen; aber noch sind wir nicht Minister.“

„Sie sollen es sofort sein. Was ist zu thun?“

„Man weiß in Paris noch nicht officiell, daß Sie uns berufen haben.“

Ueberrascht und beunruhigt ließ Louis Philipp seinen Cabinetssecretair Fain rufen, und dieser übergab ihm einen Brief vom Polizeipräfecten Delessert, welcher meldete, daß er in der Polizeipräfectur blockirt sei und nicht ein einziger seiner Agenten im Stande gewesen wäre, die amtliche Bestätigung der Nachricht von der Berufung eines Ministeriums Thiers-Barrot zu verbreiten. „Das ist trostlos!“ sagte der König. Herr Barrot nahm nun das Wort, um zu erklären, daß die Oberbefehlshaberschaft Bugeaud’s die Beruhigung der Gemüther zu einer Unmöglichkeit mache, wozu Herr Thiers bemerkte, man müsse allerdings jeden weiteren Zusammenstoß zu vermeiden suchen; allein die Entfernung des Marschalls von dem Obercommando sei in diesem Augenblick unräthlich, und deshalb schlage er vor, dem Namen desselben einen populären beizugesellen, z. B. den des Generals Lamoricière.

„Vortrefflich!“ sagte der König. „Aber nur Sie, mein lieber Thiers, können dem Marschall diese Pille verschlucken machen.“ Und so sprechend, verschwand er für einen Moment in ein anstoßendes Zimmer.

Als er zurückkam, hob Barrot wieder an: „Sire, die Auflösung der Kammer –“

„Die Auflösung? Um keinen Preis! Niemals!“ Und mit großen Schritten ging der König in dem Cabinet auf und ab, um dann abermals in das anstoßende Gemach zu gleiten. Dies wiederholte sich noch einmal, als auch Herr Duvergier mit Bestimmtheit erklärt hatte: „Die Auflösung der Kammer ist unbedingt nöthig.“ Der König, durch die Seitenthüre hereintretend, sagte abermals mit äußerster Heftigkeit sein „Niemals! Niemals!“ her, was die liberalen Notabilitäten um so mehr reizte und erbitterte, als sie beim Oeffnen und Wiederöffnen der Thüre zum Nebengemach in diesem das wohlbekannte Gesicht des Herrn Guizot erblickt hatten. Der König suchte und befolgte also noch immer die Rathschläge seines abgedankten Ministers? Sollten die Führer der parlamentarischen Opposition demnach bloße Nothbehelfsmänner für den Augenblick sein?

Diese Frage und andere noch blieben einstweilen in der Schwebe, weil für nöthig befunden ward, vor Allem den Marschall die „Pille“ hinunterschlucken zu machen. Die liberalen Herren begaben sich zu diesem Ende nach dem Generalstabsquartier, woselbst nach kurzer Verhandlung mit Bugeaud ausgemacht wurde, daß Lamoricière das Commando der Nationalgarde übernehmen sollte, und ferner, daß der General und Herr Barrot sich in die Barrikadenquartiere begeben und die Wirksamkeit ihrer Namen und ihrer Beredsamkeit zur Beschwichtigung der Gemüther aufbieten sollten. Dann eilten die Herren Thiers, Remusat und Duvergier, begleitet von dem Herzog von Nemours, in die königlichen Gemächer zurück, um endlich von dem König die Bewilligung ihres Ministerprogramms zu erlangen, zu erpressen. Allein Louis Philipp blieb hartnäckig dabei, die Auflösung der Kammer zu verweigern. Die Scenen von vorhin erneuerten sich, und endlich ließ Louis Philipp Herrn Thiers und dessen Freunde rathlos stehen, indem er nach wiederholter heftiger Weigerung, in ihr Begehren zu willigen, in den Salon der Königin trat.

„Sie sehen, wir verlieren nur Zeit,“ sagte Thiers zu dem Herzog von Nemours. „Der König will die Auflösung nicht; wir sind also nicht Minister und können nichts thun.“

Worauf der Herzog, welcher überhaupt an diesem Schicksalstag vom Anfang bis zum Ende als ein verständiger und braver Mann sich erwiesen hat, sagte: „Sie haben Recht. Lassen Sie mich machen. Ich gehe zum König.“

Kaum war er weggegangen, als der vielberufene Journalist Emile de Girardin, einer der Hauptindustrieritter der Pariser Presse, ohne Umstände gelaufen kam und an Herrn Thiers die geflügelten Worte richtete: „Sie haben keinen Augenblick zu verlieren! Der Aufstand nähert sich den Tuilerien. Man muß auf der Stelle das neue Ministerium, die Auflösung der Kammer etc. proclamiren.“

„Ich weiß es; aber wir können nichts erlangen.“

Endlich, nach einer bangen Viertelstunde, kam der Herzog zurück. „Der König“ – meldete er – „willigt in die Auflösung der Kammer und bevollmächtigt seine neuen Minister, dies in einer Proklamation zu verkünden, aber unter ihrer eigenen Verantwortlichkeit und ohne daß sein Name darein gemischt wird.“ Was war nun das wieder für ein Schlupfloch des Königs Reineke? Aber der Augenblick drängte zu sehr, als daß man sich um diese Sophisterei hätte kümmern können oder wollen, und demnach ward eiligst folgende Proclamation verfaßt: {{right|„Paris, 24. Februar, 10 Uhr Morgens. 

Bürger von Paris! Der Befehl, das Feuer überall einzustellen, ist gegeben. Wir sind vom Könige mit der Bildung eines neuen Ministeriums betraut. Die Kammer wird aufgelöst und an das Land appellirt. Der General Lamoricière ist zum Befehlshaber der Nationalgarde ernannt. Die Unterzeichneten sind Minister.

Thiers, Barrot, Lamoricière, Duvergier de Hauranne.
Freiheit, Ordnung und Reform!“

Zu spät!

Man hatte nicht einmal die Mittel, dieses Manifest rasch und massenhaft durch den Druck zu vervielfältigen. Es gab in den Tuilerien keine Presse und es ist ein Zehntel Wahrheit in der von Emile de Girardin bei dieser Gelegenheit ausgestoßenen Phrase gewesen: „Aus Mangel einer Druckerpresse geht die Monarchie zu Grunde!“


Und sie ging zu Grunde. Schon bröckelte unaufhaltsam Stein nach Stein aus dem mit dem schmutzigen Mörtel der Corruption gemauerten Gewölbe des Louis-Philippismus.

Die eifrigen Anstrengungen Barrot’s und Lamoricière’s, durch die Geltung ihrer Persönlichkeiten und die Nachdrucksamkeit ihrer Versicherungen im Sinn einer Reformpolitik die Revolution zum Haltmachen auf ihrer Vorschrittsbahn zu bewegen, erwiesen sich bald als fruchtlos ganz und gar. Zwar legte man den beiden Vermittlern, deren Ministerschaft nicht kürzer und nicht länger als eine Stunde währte, anfänglich kein Hinderniß in den Weg. Die Zugänge der Barrikaden öffneten sich vor ihnen und ließen sie hindurch; allein von einer dieser Verschanzungen zur andern steigerte sich die revolutionäre Stimmung. Die Blousen, welche, gar nicht spärlich mit Bärenmützen untermischt, die erste Barrikade besetzt hielten, riefen: „Nieder mit Bugeaud!“ Die Vertheidiger einer zweiten: „Nieder mit Guizot!“ Von der Brustwehr einer dritten scholl es schon: „Nieder mit Thiers!“ und von der einer vierten gar: „Nieder mit Louis Philipp!“ Noch zwar wurde kein „Vive la république!“ laut, aber wenn auf dem Boulevard des Italiens die constitutionelle Phraseologie Barrot’s noch ihre Wirkung that, so versagte diese weiterhin bei der Porte Saint-Denis [375] gänzlich. Hier erhob sich eine ungeheure Barrikade, auf deren Brustwehr eine rothe Fahne flatterte. Die Vertheidiger dieser Barrikade gaben, als der liberale Schönredner vortrat und zu gesticuliren anhob, ihre Stimmung und Gesinnung sehr deutlich zu erkennen: – sie schlugen die Gewehre auf ihn an. Dann erhob sich wie Meeresgebrause der wilde Ruf: „A bas Louis-Philippe! Aux Tuileries! aux Tuileries!“ und die Friedensstifter sahen sich von einer drohenden Volksmasse umfluthet. Ihr Unternehmen war fehlgeschlagen. Sie mußten umkehren, und in der Rue de la Paix angelangt, trat Odilon Barrot niedergedrückt und erschöpft in sein Haus, wo er eine Menge seiner Bekannten versammelt fand. Darunter auch Herrn Garnier-Pagès, welcher zu dem gänzlich Entmuthigten sagte: „Man muß rasch vorgehen, Barrot, wenn uns die Ereignisse nicht überholen sollen. Heute sind Sie an der Reihe“ – (d. h. gewesen) – „morgen werden meine Freunde und ich es sein, übermorgen ist es Ledru-Rollin.“ Genau zu derselben Stunde that der Letztgenannte im Conferenzsaal des Palais Bourbon zu einer Anzahl orleanistischer Deputirten die Aeußerung: „Sie haben keine Zeit zu verlieren, Messieurs. Falls binnen einer Stunde die Abdankung des Königs und die Regentschaft (für den minderjährigen Grafen von Paris) nicht proclamirt ist, wird das Volk hierher kommen, die Kammer sprengen und die Revolution zu einer vollständigen machen.“

Also auch einer der vorragendsten Führer der republikanischen Partei ging dermalen noch nicht weiter als bis zur Abdankung des Königs. Der um Barrot versammelte Kreis wollte aber in seiner Mehrzahl von diesem „Aeußersten“ Nichts wissen, und nachdem sich der Hausherr wieder etwas erholt hatte, machte er sich, dem Drängen seiner Freunde nachgebend, auf, um sich im Ministerium des Innern zu installiren. Dem Reiz einer Ministerschaft vermögen Leute wie Herr Barrot unter keinen Umständen zu widerstehen, und nachdem es ihm nicht gelungen, der Minister Louis Philipp’s zu sein, hat er sich, wie bekannt, möglichst beeilt, der Minister Louis Bonaparte’s zu werden. …

In Wahrheit, als es gegen Mittag zuging, mußte es von allen im Sinne des Verbleibens von Louis Philipp auf dem Throne gemachten Zugeständnissen heißen: Zu spät! Aber war es denn nicht möglich, zu dieser Zeit noch mit Gewalt, mit rücksichtsloser Anwendung aller militärischen Kräfte und Mittel die Revolution niederzuschmettern? Diese Frage ist häufig gestellt und selbst von nicht unkundigen Leuten bejahend beantwortet worden. Der Aufstand, wurde gesagt, verdankte seinen Sieg nur der Milde oder, wenn man will, der Schwäche des greisen Königs; denn Bugeaud hatte Alles in Bereitschaft, die Insurrection bis zum letzten Funken im Blute der Insurgenten zu ersticken. Dem aus unbefangener Anschauung der Sachlage entspringenden kühlen Urtheil vermag jedoch diese Behauptung nicht standzuhalten. Es ist wahr, die Hartnäckigkeit, womit Louis Philipp an der Behauptung seiner Gewalt hing, war weiter Nichts als eine impotente Altersgrille; es fehlte ihr jedes thatkräftige Wollen, jeder mannhafte Entschluß, und der alte Mann war in ein klägliches Schwanken, in ein mitleidswerthes Tappen und Tasten verfallen, in einen Nachlaß der Natur, welchem so ein Aeußerstes, wie z. B. das Bombardement der Hauptstadt von den Forts aus gewesen wäre, abzuringen nicht nur eine moralische, sondern auch eine physische Unmöglichkeit war. Aber gesetzt auch, der König wäre grausam genug gewesen – er war bekanntlich überhaupt nicht grausam – den „Schlächter von der Straße Transnonain“ sein altes Handwerk wieder treiben und zwar im weitesten Umfange treiben zu lassen, die Situation war schon so, daß der Marschall Wenig oder Nichts ausrichten konnte. Die Nationalgarde wollte sich für die Reform und die Linie wollte sich nicht gegen die Bürgerwehr schlagen. Das war der Entscheidungsknoten. Der Rückzugsbefehl hatte vollends die abgemüdeten, hungernden und verdrossenen Soldaten, wie man zu sagen pflegt, „demoralisirt“, d. h. ihren Widerwillen, sich als willen- und herzlos gegen das Volk gebrauchen zu lassen, gesteigert.

Dazu kam die nicht „angebliche“, sondern sehr wirkliche Unpopularität Bugeaud’s, welche einen Theil seiner Thätigkeit von vornherein lahm legte. Der von seinem vergeblichen Ausflug nach den Boulevards in’s Schloß zurückgekehrte General Lamoricière verschwieg dem Marschall die entschiedene Wider-Bugeaud-Stimmung der Bevölkerung nicht, und der Herzog von Isly mußte endlich wohl daran glauben, da er gerade zuvor in eigener Person einen sprechenden Beweis dafür erhalten hatte. Als er nämlich vorhin zwei in der Rue Rivoli aufgestellte Bataillone der zweiten Bürgerwehrlegion mustern gegangen, hatten ihm Officiere und Mannschaft den Gehorsam verweigert und geradeheraus erklärt: „Herr Marschall, die Nationalgarde will von Ihnen Nichts wissen!“

Nein, nein, die rollenden Wogen der Fluth waren nicht mehr aufzuhalten. Um 111/4 Uhr befand sich das Hôtel de Ville, allzeit das Hauptziel der Kämpferin und das Prätorium der Siegerin Revolution, mit seinen Umgebungen in den Händen des Volkes. Dann fiel auf beiden Seiten des Flusses ein wichtiger Punkt nach dem andern der vorschreitenden Insurrection anheim, während da und dort eine Truppe von Soldaten capitulirte und die Ueberreste der am Morgen von den Tuilerien ausgesandten Colonnen sich mühsam in die nächsten Umgebungen des Schlosses zurückzogen. Nur da und dort hielten Abtheilungen der verbissenen Municipalgarde das Gefecht lebhaft aufrecht. Sonst wälzte sich der Blousenstrom mehr oder weniger rasch den weichenden Truppen nach, durch die Rue Vivienne auf das Palais Royal, die Boulevards entlang auf die Place de la Concorde, durch die Rue Rivoli und den rechten Seinequai hinab auf die Tuilerien, den linken entlang auf das Palais Bourbon zu.

Um die zwei letztgenannten Bauwerke, um das Schloß und die Deputirtenkammer her, schürzten sich die Entwicklungsknoten des großen Tagesdrama’s enger und enger. Bald wird die ausberstende Katastrophe dort den Königsthron umstürzen und hier die Republik improvisiren oder wenigstens die bereits auf den Barrikaden improvisirte anerkennen.

Denn schon schwankte das Schiff des Louis-Philippismus so bedrohlich im brausenden Sturm, daß es den Ratten an der Zeit schien, nach Rattenart zu thun. Auch Guizot fand es jetzt rathsam, das Schloß zu verlassen. Er begab sich zu seinem Collegen Duchâtel, wo es aber bald nicht mehr geheuer war. Unter dem Schutz und Schirm der resoluten Madame Duchâtel entflohen die beiden Minister dem heranbrandenden Volkszorn und fanden zuerst in der Rue Vanneau eine Zuflucht. In der folgenden Nacht rettete sich Guizot in ein mehr Sicherheit versprechendes Asyl, indem er als Frauenzimmer verkleidet zu seiner Freundin, Madame de Mirbel, eilte.


Zur gewohnten Frühstückszeit versammelten sich die in Paris anwesenden Mitglieder der königlichen Familie im Speisesaale des Schlosses. Louis Philipp, obzwar etwas aufgeregt, war weit entfernt, zu ahnen, daß er der letzten Mahlzeit der Seinigen in den Tuilerien vorzusitzen im Begriffe sei. Er wähnte sich einstweilen hinter dem Schilde der angeblichen Popularität von Leuten wie Thiers und Barrot geborgen; er bildete sich ein, es würde und müßte ein aus den Reihen der „dynastischen Opposition“ gewähltes Ministerium zwischen seinem Thron und der Emeute eine unübersteigliche Schranke aufrichten. Und doch war der verblendete alte Mann inmitten einer Revolution aufgewachsen und konnte, mußte gelernt haben, wie rasch Revolutionen marschiren. Doch die Menschen wollen ja nie und nirgends Weisheit lernen, und wie sollte auch die altjungfersäuerliche, herbäugige, bitterzungige Magisterin Erfahrung gegen die verführerisch geschminkte und geschmückte, honigsüß lispelnde Buhlerin Illusion aufkommen können?

Aber sie, „die wilde Maid das Kind der Bastille,“ die Revolution, sie zaudert nicht, ihr Herannahen merkbar, recht merkbar kundzuthun. In dem Augenblick, wo der König seinen Platz an der Frühstückstafel einnimmt und seine Familie nach gewohnter Ordnung um den Tisch sich reihen will, schlägt der Wiederhall rasch sich folgender Gewehrsalven vom Tuileriengarten her an die Fenster. Es ist das Gekrache der Schüsse, womit die vom Madeleine-Platz durch die Rue Royale nach dem Concorde Platz fluthende Volksmasse von der am letztgenannten Ort aufgestellten Municipalgarde empfangen wurde. Wenige Secunden darauf treten die Herren Remusat und Duvergier mit verstörten Mienen ein. Die Königin, bleich, die Augen durch Schlaflosigkeit geröthet, Blicke der Beunruhigung und des Argwohns umherwerfend, ruft den Eintretenden entgegen: „Hat sich etwas Ernsthafteres ereignet?“ Die arme Frau! In der Verblendung ihrer absolutistischen Neigungen hatte sie, was diese Tage her in Paris geschehen, nicht für etwas „Ernsthaftes“ angesehen, sondern nur für eine künstlich zu einem „Skandal“ aufgeblasene „Intrigue“ der Herren Thiers, Barrot und Consorten. In fürstlichen Kreisen ist es nun einmal so häufig der Fall, sich den ganzen Proceß der Weltgeschichte nur als eine Reihe von [376] „Intriguen“ vorstellen zu können und die Welt mit diesem Maßstab zu messen.

Duvergier de Hauranne giebt auf die Frage der Königin Amalie keine Antwort und Herr Remusat eine ausweichende, zugleich den Herzögen von Nemours und von Montpenster mit den Augen winkend. Die Prinzen stehen auf und gehen mit den beiden Herren in einen anstoßenden Salon. Auch der König erhebt sich und folgt ihnen. Er trifft Herrn Thiers im Gespräch mit dem Schwadronschef Laubespin vom Generalstab. Dieser Officier enthüllt die ganze Wahrheit der Sachlage, von welcher er sich soeben mit eigenen Augen überzeugt hat. Das Volk bereits Meister des Stadthauses, wahrscheinlich bald auch Meister des Palais Royal und des Concordeplatzes. Unter solchen bedrohlichen Umständen darf man nicht zögern, das für die Sicherheit der königlichen Familie Nöthige vorzukehren. Dem König drängt sich mit einmal die ganze Furchtbarkeit der Gefahr auf. Es wird Befehl gegeben, die Wagen in Bereitschaft zu setzen. Aber da erscheint ein Adjutant Bedeau’s, welcher General melden läßt, daß er auf seinem Rückzug glücklich den Concordeplatz erreicht habe und daß dieser, sowie die Zugänge, von den Truppen in guter Ordnung besetzt gehalten würden. Sofort erscheint die Frage der Flucht nicht mehr als eine brennende. Herr Thiers jedoch bleibt unruhig und kann weder, noch will er seine Unruhe verbergen. „Was ist Ihre Meinung?“ fragt ihn Louis Philipp. Der kleine Nothhelfer, welcher gern ein großer werden möchte und es doch nicht dazu bringt, zieht seine Uhr und sagt gewichtig: „Binnen zwei Stunden werden wir sammt und sonders verschluckt sein (nous serous tous engloutis). Wenn ich Meister wäre – – – “

„Was würden Sie thun?“

„Das Wachsen der Bewegung seit heute früh macht alle Voraussicht zu Schanden. Mit den wenigen Streitkräften, die wir haben, können wir den Stier nicht bei den Hörnern fassen, ohne vernichtet zu werden. Wenn ich Meister wäre, würde ich mich nach Saint-Cloud zurückziehen, daselbst 50 bis 60.000 Mann Truppen um mich sammeln und nach drei Tagen an der Spitze dieser Streitmacht wieder in Paris einrücken ...“

Das Orakel hat gesprochen, aber leider war sein Spruch nur ein wohlfeiles Plagiat vom Jahre 1830. Hatte nicht vor siebzehn Jahren und sieben Monaten Karl X. sich auch in Saint-Cloud gegen die Revolution behaupten wollen und ebenfalls gehofft, binnen etlichen Tagen von dort wieder triumphirend in seine rebellische Hauptstadt einziehen zu können? Nichts Neues unter der Sonne! Die arme, sich heiser sprechende Lehrerin Geschichte lehrt nur, daß die Menschen zu allen Zeiten gleich thöricht und verstockt, gleich eitel, übermüthig und verzagt waren, sind und sein werden. „Sie können Recht haben,“ meint der König, begiebt sich in den Speisesaal zurück, bespricht sich mit seiner Frau und beschließt – nichts. Herr Thiers seinerseits eilt zum Marschall Bugeaud, welcher – soweit ist seine Siegeszuversicht herunter – den Plan seines Freundes sogleich billigt und ein Bataillon Truppen in den Tuileriengarten sendet, um den Abzug der königlichen Familie zu decken.

Im Speisesaale verblaßte jetzo – es war 11 Uhr – eine nackensteife und grandezzahafte Aja Etiquette mehr und mehr zu einem bloßen Schemen und bald zu gar Nichts. Denn siehe, das große Chaos draußen fand ein kleines, aber hinlänglich tumultuarisches Abbild im Innern des Palastes und der königlichen Gemächer. Da war in Gegenwart der Königsfamilie selbst ein immer harmloseres Kommen und Gehen, ein buntes Durcheinanderschwatzen, ein geräuschvolles Wirrsal von Botschaften und Rathschlägen. Jeder wollte auskramen, was er für weise hielt; zu helfen wußte Keiner. Bei der leidenschaftlich bewegten Königin fand der nicht so fast verwegene als vielmehr verrückte Rath, die Tuilerien zu einer bis auf den letzten Mann und auf die letzte Patrone zu vertheidigenden Festung des Julikönigthums zu machen, großen Anklang. „Sire,“ sagte sie zu ihrem Gemahl, „ziehen Sie Ihre Uniform an, steigen Sie zu Pferde, elektrisiren Sie durch Ihre Gegenwart und Ihre Worte die Truppen und die Nationalgarde und sterben Sie, so es sein muß, für Ihre Ehre und Ihren Thron!“

Der alte Mann, dessen Hartnäckigkeit binnen wenigen Stunden in Willenlosigkeit umgeschlagen war, that, wie ihm gesagt worden. Er zog seine gewohnte Generallieutenantsuniform der Nationalgarde an, ließ sich das große Band der Ehrenlegion überhängen und stieg unten zu Pferde, um die auf dem Carrouselplatze aufgestellten Streitkräfte zu „elektrisiren“. Die Mitte des Platzes hatten 4000 Mann Linie inne mit 16 Stücken Geschütz. An dem Gitter, welches den Raum von den Tuilerien trennt, war ein Bataillon Bürgerwehr von der I. Legion aufmarschirt. Ein Bataillon von der 4. Legion und ein weiteres von der 10. standen, die Front gegen das Schloß gekehrt, auf der entgegengesetzten Seite in Schlachtordnung. Seine zwei Söhne, der Marschall Bugeaud, die Generale Lamoricière, Trezel, Rulhières, Delarue und verschiedene Adjutanten folgten zu Pferde, die Herren Thiers und Remusat zu Fuße dem König. Er ritt langsam vor und seine schlaffen, bekümmerten Züge waren weit mehr geeignet, das Mitleid anzusprechen, als irgend Jemand zu „elektrisiren“. Er traf zuerst auf das Bürgerwehrbataillon von der I. Legion, welches ihn mit dem Ruf: „Vive la réforme!“ empfing. Louis Philipp, dessen Bewegungen seine Frau, seine Töchter und Schwiegertöchter oben an den offenen Fenstern des Palastes ängstlich verfolgten, näherte sich dem Commandanten des Bataillons und sagte demselben: „Sie können Ihren Leuten die Versicherung geben, daß sie die Reform haben werden. Ich würde dieselbe schon früher bewilligt haben, hätte ich gewußt, daß sie von der Nationalgarde so lebhaft gewünscht wird.“ Das Bataillon von der 10. Legion erhob denselben Reformruf und erhielt dieselbe Antwort. Als sich jedoch der König dem Bataillon von der 4. Legion näherte, ward ihm ein drohenderer Empfang. „Hoch die Reform und nieder die Minister!“

„Meine Freunde, Ihr sollt die Reform haben. Die Minister –“

Man ließ ihn nicht weitersprechen. Geschrei erstickte seine Stimme. Die Officiere der Bürgerwehr schwenkten ihre Degen, die Gemeinen ihre Gewehre, und beide vereinigten sich zu dem tumultuarischen und entschieden feindseligen Ruf: „Nieder mit dem System!“

Das Schwergewicht dieser Demonstration fiel erdrückend auf den Monarchen. Was, seine „Epiciers“ verließen ihn? Wie, der „Bourgeois“ machte gemeinsame Sache mit der Emeute? Das war ein gegen die Existenz des „Bürgerkönigthums“ gefälltes Verdict. Des alten Mannes Haupt sank auf seine Brust herab. Ohne auch nur einen Blick auf die Linientruppen zu werfen, ritt er zurück und beim Eingang zum Pavillon der Flora vom Pferde steigend, sagte er aufseufzend zu Herrn Thiers: „Ach, ich sehe es wohl! Es gilt mir! Alles ist zu Ende!“


Noch war es nicht, aber es ging zu Ende, rasch und immer rascher. Das Schlürfen des Schicksalsschrittes in den Tuilerien war jetzt zum Dröhnen geworden, und riesengroß richtete das Verhängniß vor den verzagend-fragenden Blicken sich auf. Auch war das, was jetzt im Schlosse sich abspielte, nicht mehr nur der schmerzliche Todeskampf eines Königs, sondern vielmehr schon der Todeskampf des Königthums selbst.

Denn die Republikaner, ermuthigt durch die glänzenden Fortschritte, welche der Aufstand während des Vormittags gemacht, hatten derweil die Entscheidungskarte ausgespielt und schüttelten die Würfel zum großen Wurf. Inmitten des tobenden Straßenkampfes verständigten sich die beiden republikanischen Fractionen, die Bourgeois-Demokraten vom „National“ und die Socialdemokraten von der „Reform“. Die Häuptlinge der Letzteren waren auf dem Redactionsbureau ihres Organs versammelt. Dorthin kam Martin (von Straßburg) als Bevollmächtigter der Leute vom National. Man wurde rasch einig, den mit Bestimmtheit zu erwartenden vollständigen Volkssieg entschlossen zu benutzen, die siegreiche Revolution nicht abermals, wie Anno 1830 geschehen war, sich escamotiren zu lassen, und sofort die Mitgliederliste einer provisorischen Regierung aufzusetzen.

Man that dies und kam auf folgende Namen überein: Dupont, Arago, Ledru-Rollin, Flocon, Marie, Marrast, Cremieux, Garnier-Pagès, Lamartine, Blanc. Der Letzgenannte, Louis Blanc, setzte, dem stürmischen Verlangen der Volksmassen nachgebend, welchen er die Liste vorlas, noch den Namen des Arbeiters Albert auf dieselbe und erlangte hierzu die Beistimmung der Bourgeois-Republikaner vom National. Dann wurde die Liste rasch gedruckt und in Menge in die Stadt ausgeworfen. Sie verbreitete [377] sich telegraphengeschwind von Barrikade zu Barrikade, von Fenster zu Fenster, von Straße zu Straße und wurde von den kampferhitzten Blousen überall begrüßt und angenommen mit dem Jubelruf: „A bas les Bourbons! Vive la république!“ . . Dies die wirkliche und wahrhafte Genesis des Gedankens einer provisorischen Regierung und damit auch die Genesis der französischen Republik von 1848. Herr von Lamartine, welcher mit Herrn von Chateaubriand glücklich um die Palme der Eitelkeit streitet, hat nachmals in seinem historischen Roman, welchen er „Geschichte der Februarrevolution“ betitelte, sich selbst und Anderen einzureden gesucht, die Republik sei wie eine mit Zuckerwasserlyrik großgenährte Pallas Athene seinem Dichterschädel entsprungen. Eitelkeit der Eitelkeiten! Warum aber ist der Concurrent Chateaubriand’s auf die Liste der Mitglieder einer republikanischen Regierung gesetzt worden? Weil man auch einen „Bruder Redner“ haben mußte oder haben zu müssen glaubte… .

Rächerin Nemesis trägt auf ihrer Stirn erhaben-strengen Ernst, aber um ihre Mundwinkel spielt ein ironisch-sarkastischer Zug. Der ist am 24. Februar von 1848 sehr deutlich hervorgetreten, und mit einem Lächeln der Geringschätzung hat die Göttin dem Bürgerkönig das Scepter aus der Hand genommen, um ihm das zerbrochene vor die Füße zu werfen. Die Thronbesteigung von Egalite’s Sohn im Jahre 1830 war ein Werk von Heuchelei und Arglist gewesen, und nun entsprach seinem damaligen Emporkommen ganz genau sein jetziger Fall; denn selten oder nie hat Einer das Königsspiel so würdelos verloren gegeben, wie hier geschah.

Nach der Zurückkunft von dem gänzlich mißlungenen Elektrisirungsritt lag Louis Philipp in mitleidswerther Erschöpfung seiner physischen und geistigen Kräfte in seinem Cabinet in einem Lehnsessel, gedankenbar auf die blätterlosen Bäume vor dem Fenster starrend. Seine zwei Söhne, sowie die Herren Thiers, Remusat und Duvergier waren bei ihm. Es herrschte ein peinliches Schweigen, das endlich durch die Ankunft des Herrn von Reims unterbrochen wurde, welcher Herrn Thiers hinausrufen ließ. Die große Neuigkeit, die der Letztere aus dem Munde seines Secretärs erfuhr, war, daß die unverweilte Abdankung des Königs das einzige Mittel sei, den Thron für die Dynastie Orleans zu erhalten. Thiers ließ die Prinzen in’s Vorzimmer rufen. Reims erzählte, was er wußte, und fügte hinzu: „Die Abdankung ist das einzige Mittel, die Monarchie zu retten, falls dies überhaupt noch möglich.“

Worauf der Herzog von Montpensier: „Aber seit gestern haben wir ein Zugeständniß nach dem andern gemacht, ohne damit Etwas zu erreichen. Kann man uns wenigstens die Wirksamkeit dieser äußersten Concession verbürgen?“

Keine Antwort.

„Was meinen Sie?“ fragen die Prinzen, sich an die Herren Thiers, Remusat und Duvergier wendend.

„Die Abdankung,“ giebt der Erstgenannte zur Antwort, „ist vielleicht eine letzte Rettungsplanke.“

„Man muß den König von der Sachlage unterrichten. Kommen Sie, meine Herren,“ sagte der Herzog von Nemours. Dann kehrte er, bevor er in das königliche Cabinet trat, gegen die ihm Nachfolgenden sich um und bemerkte mit ruhiger Fassung: „Die Abdankung des Königs macht die Einsetzung einer Regentschaft für meinen minderjährigen Neffen, den Grafen von Paris, nöthig. Es kann aber unter den obwaltenden Umständen wohl nur von einer Regentschaft meiner Schwägerin Helene, der Herzogin von Orleans, die Rede sein, nicht wahr?“ Edle Worte, dem Prinzen, welchem bekanntlich gesetzmäßig die Regentschaft zugestanden hätte, durch das Gefühl seiner Unpopularität eingegeben.

Beim Anblick des wie gänzlich aufgelöst in seinem Sessel liegenden Königs zögerten Alle, mit der Sprache herauszugehen. Endlich nahm Thiers das Wort und suchte mit Geschicklichkeit dem alten Manne die Nothwendigkeit der Abdankung begreiflich zu machen, ohne das herbe Wort zu nennen. Louis Philipp verstand den Redner, gab aber keine Antwort.

Nun der Herzog von Nemours: „Falls der König die Abdankung für nöthig hält, will ich sofort meinerseits auf die Regentschaft verzichten.“

Das Eis war gebrochen. Mit einer gewaltsamen Anstrengung sich zusammennehmend sagte Louis Philipp: „Glauben Sie, daß ich durch meine Abdankung meinem Enkel den Thron erhalten werde?“

„Das ist zweifelhaft, Sire.“

„Aber was rathen Sie mir?“

„Was in einem solchen Falle zu thun, hat der König nur mit sich selbst und mit seiner Familie auszumachen.“ …

Louis Philipp zog sich in sein Ankleidezimmer zurück und ließ die Mitglieder seiner Familie dahin rufen.

Während der Familienrath saß, kam der General Lamoricière, welcher nach der traurigen Musterung auf dem Carrouselplatz seine Bemühungen, eine Einstellung des Kampfes zuwegezubringen, wieder aufgenommen hatte. Nun brachte er die Nachricht, daß die siegreich vorschreitende Insurrection mindestens die Abdankung des Königs verlange und daß kein Augenblick zu verlieren sei, so man nicht riskiren wollte, daß ganz in der Nachbarschaft des Schlosses bei dem auf dem Platz des Palais Royal gelegenen sogenannten Château d’Eau, welches von Municipalgarden und Linieninfanterie besetzt war, ein Kampf entbrennen würde, welcher leicht das Signal zur Wiederholung des 10. August von 1792 geben könnte.

Derweil den Anwesenden diese Möglichkeit drohend vorschwebte, fand im Kreise der königlichen Familie eine Verhandlung statt, deren Einzelheiten bislang unbekannt geblieben sind. Mit großer Wahrscheinlichkeit darf jedoch behauptet werden, daß die Königin Etwas von ihrer eigenen Energie, welche mit größter Zähigkeit an den Besitz der Gewalt sich klammerte, ihrem Gemahl einzuflößen gewußt habe. Der König zeigte nämlich, als er, begleitet von seinem Sohne Nemours, heraustrat, mehr Fassung und Haltung als vorhin.

„Nun, General, was bringen Sie Neues?“

„Sire, ich bin Commandant der Nationalgarde, habe aber Nichts zu commandiren. Alle meine Bemühungen, auf Grund der zugestandenen Reformen die Insurrection zu beschwichtigen, sind vergeblich gewesen. Man begnügt sich nicht mehr damit, man verlangt … etwas Anderes.“

„Etwas Anderes? Monsieur de Lamoricière, das ist meine Abdankung, und da ich dieselbe nur mit meinem Leben geben werde, so wird man sie nicht haben!“

Worauf der Herzog von Nemours: „Wohlan, so marschiren wir!“

„Freilich, marschiren wir,“ erwiderte der General, „es fragt sich nur, womit?“

Das „Marschiren“ war nur ein eitles Wort mehr unter den vielen, welche die Rath- und Thatlosigkeit des Bürgerkönigthums an diesem Tage weniger maskirten als enthüllten. Noch eine kurze Weile, und es handelte sich nicht mehr darum, irgendwelchen Widerstand gegen die Emeute zu versuchen, sondern nur noch darum, dem Griffe der siegenden Revolution zu entfliehen. Schon zeigten die Tuilerien ein tumultuarisches Bild der Bestürzung, der Zerrüttung, der Anarchie. Thore und Thüren standen offen, Wachtposten und Thürhüter wehrten nicht dem Eintritt von Teilnehmenden oder Neugierigen. Generale, Officiere, Staats- und Palastbeamte, Deputirte, Journalisten, Bekannte und Unbekannte kamen und gingen nach Belieben, und wer da wollte und mochte, durchwandelte die Gemächer. Nur in der unmittelbaren Nachbarschaft der Zimmer, wo die königliche Familie sich aufhielt, waltete noch einiger Anstand und Respect. Bald jedoch schwemmte die steigende Fluth auch von hier die letzten Schranken weg, welche die Majestät des Throns um sich her gezogen, und nach diesen Schranken den Throninhaber und danach den Thron selbst.


Es ist nahezu Mittag. Louis Philipp, aus seiner augenblicklichen Aufwallung von vorhin wieder in seine Schlaffheit zurückgefallen, sitzt im Lehnstuhl am Fenster seines Cabinets, umgeben von den Herren Thiers, Remusat, Duvergier, Beaumont, Lasteyrie und Anderen. Der Herzog von Montpensier führt Herrn Cremieux ein, einen Deputirten von der Linken, welcher entfernt nicht weiß, daß er auf der republikanischen Liste einer provisorischen Regierung stehe. „Noch ist,“ sagt er, „Nichts oder wenigstens nicht Alles verloren. Das Volk wird mit der Wahlreform, der Kammerauflösung und einem aus der Linken genommenen Ministerium sich begnügen. Allein was die Gegenwart des Herrn Thiers im Ministerium angeht, sie flößt, ich bedaure es sagen zu müssen, dem Volke einen unbesieglichen Argwohn ein.“

Der kleine Nothhelfer, sicherlich insgeheim nicht wenig erfreut, aus einer kläglichen Situation bei Zeiten mit heiler Haut hinausschlüpfen [378] zu können, wendet sich sofort an den König: „Sire, ich bin bereit, auf der Stelle zurückzutreten.“

„Aber wen schlagen Sie mir denn zum Premierminister vor, Herr Cremieux?“

„Odilon Barrot, welcher ermächtigt sein muß, aus den Reihen der vorgeschrittensten Opposition seine Collegen zu wählen.“

„Wohl, es sei. Man rufe Herrn Fain, damit er die Ordonnanz ausfertige.“

„Will der König mir noch eine weitere Bemerkung gestatten?“

„Sprechen Sie.“

„Sire, wer Ihnen rieth, dem Marschall Bugeaud den Oberbefehl zu geben, rieth Ihnen Schlimmstes.“

„Wen würden Sie denn an Bugeaud’s Stelle setzen?“

„Den Marschall Gérard.“

„Es sei.“

Cremieux geht hinaus, um diese neuen Zugeständnisse bekannt zu machen, und Louis Philipp richtet, momentan von einer sarkastischen Laune angeflogen, an den Kleinen die Worte: „Ei, sieh da, mein lieber Thiers, so sind Sie also nicht weniger unpopulär als ich?“

Herr Fain schreibt die Ordonnanz, der General Trézel, das einzige der Mitglieder des Ministeriums Guizot, welches noch in den Tuilerien ausgehalten, hält sich bereit, seine Gegenzeichnung zu geben, und schon hat Louis Philipp die Feder in der Hand, um zu unterzeichnen, als plötzlich das Geknatter von Gewehrsalven aus der Richtung des Palais Royal herüberkommt, wo ein wüthender Kampf um das Château d’Eau sich entsponnen hat. In demselben Augenblick tritt in höchster Eile und Aufregung Herr Emile de Girardin in das Cabinet, ein Stück bedruckten Papiers in der Hand.

„Was giebt es, Monsieur de Girardin?“ fragt der König.

Das, Sire, daß man Ew. Majestät eine kostbare Zeit verlieren läßt. Sei es, daß man dem Aufstand, welcher bereits mit Macht aus der Rue de Chartres hervorbricht, mit aller Kraft entgegentreten, sei es, daß man zu den größten Opfern sich herbeilassen will, jedenfalls sind die Minuten Stunden, und falls man eine Minute verliert, wird es binnen einer Stunde in Frankreich weder einen König noch ein Königthum mehr geben.“

„Aber was thun?“

„Abdanken, Sire, abdanken und zwar zu Gunsten einer Regentschaft der Herzogin von Orleans. Hier ist die fertige Proclamation, welche ich, um Zeit zu sparen, sofort drucken ließ. Sie lautet: ‚Abdankung des Königs. Regentschaft der Herzogin von Orleans. Auflösung der Kammer. Allgemeine Amnestie.‘“

Soweit also war es mit dem Salomo des Juste-Milieu, soweit mit dem Juste-Milieu selbst gekommen, daß der nächste beste Zeitungsschreiber, daß ein Emile de Girardin sich zum Quasi-Dictator aufwerfen und mittelst eines bedruckten Papierfetzens über das Schicksal Frankreichs verfügen konnte ….

„Wenn es so steht, Sire,“ sagte der Herzog von Montpensier, der in keiner Weise seinen Brüdern gleichzustellen war, „wenn es so steht, Sire, so darf kein Zaudern stattfinden. Danken Sie ab!“

Ob vielleicht diese plumpe Unkindlichkeit den greisen König daran erinnert haben mag, daß Jakob der Zweite, als er am Abend des 26. November 1688 erfuhr, seine Tochter Anna sei in’s Lager des Prinzen von Oranien geflohen, den Schmerzensruf: „Helfe mir Gott, meine eigenen Kinder verlassen mich!“ ausgestoßen hat? Schwerlich. Der alte Mann sagte nur mechanisch, wie ein schon halb Versunkener, der sich von der Strömung mit fortreißen läßt: „Ich bin allzeit ein friedliebender Fürst gewesen, ich danke ab.“

Kaum war das Wort heraus, so drängten mehrere der Anwesenden in ihrer nicht grundlosen Angst, die Tuilerien möchten abermals einen 10. August erleben, Herrn Girardin, die Abdankung bekannt zu machen. Er eilte hinaus und gegen das Palais Royal hinüber, aber seine Botschaft verhallte ungehört und wirkungslos in dem um das Château d’Eau her tobenden Kampfgewühl, und er sah sich zur Umkehr genöthigt. Zugleich mit ihm hatte der Herzog von Nemours das königliche Cabinet verlassen und war in den Palasthof hinabgestiegen, wo er den ihn umringenden Officieren erklärte: „Meine Herren, der König hat zu Gunsten des Grafen von Paris abgedankt. Die Herzogin von Orleans ist Regentin.“

(Schluß folgt.)




Aerztliche Strafpredigt.
Für den Geschäftsmann.
2.

Wenn der Kopf (oder richtiger das Gehirn) des Geschäftsmannes in einem früheren Aufsatze (s. Gartenl. 1864, Nr. 21) als der Theil bezeichnet wurde, welcher sehr häufig in Folge des Geschäftslebens leidet, so will Verfasser damit ja nicht etwa behauptet haben, als ob der Geschäftsmann eben so ein Kopfarbeiter wäre wie der Gelehrte. Aber trotzdem daß der Geschäftsmann weit weniger denkt als der Gelehrte, so arbeitet sich sein Gehirn doch mehr ab als das des Gelehrten und zwar deshalb, weil ihm seine Geschäfte fortwährend im Kopfe herumgehen und dem armen Gehirne oft selbst im Schlafe keine Ruhe lassen. Und darum hat auch der Geschäftsmann noch weit mehr als der Gelehrte die Verpflichtung, seinem Gehirne die richtige Erholung zu gönnen und die Behandlung zukommen zu lassen, welche in dem früheren Aufsatze und bei der Gehirndiätetik (Gartenl. 1861, Nr. 52) angegeben wurde. Bei vielen Geschäftsleuten zieht auch das aus der Hirnanstrengung hervorgegangen Kopfleiden eine allgemeine Nervosität (oft mit weibischer Nörgelsucht) nach sich, die gewöhnlich als Ursache aller Launen und Unarten, der großen Aergerlichkeit und des leichten Gereiztseins, kurz des Eklich- und Widerwärtigseins herhalten muß. Ausführliches über das „Nervössein“ findet man in der Gartenlaube 1860. Nr. 25.

Mit seinem Magen, überhaupt mit der Verdauung, ist der Geschäftsmann äußerst selten in rechter Ordnung. Das ist aber auch kein Wunder, denn man braucht nur Geschäftsleute essen zu sehen, um als Arzt das größte Mitleid für die armen Geschäfts-Mägen zu fühlen. Anstatt mit Gemüthsruhe und Behaglichkeit sich dem Essen hinzugeben, werden, weil’s das Geschäft nicht anders erlaubt, feste Nahrungsstoffe, besonders Fleischspeisen, in großen Stücken und nur wenig gekaut hastig verschluckt; zwischendurch wird nach Umständen bald über Geschäftliches gesonnen oder gestritten, bald ärgerliches Häusliches abgemacht und vielleicht auch mit Weib und Kind gehadert, und schließlich ist in aller Gemüthsunruhe der Flasche mehr zugesprochen worden, als dienlich. – Wollten sich doch die Geschäftsleute, wie überhaupt alle Menschen, endlich einmal merken, daß man die Zähne nicht etwa der Zahnschmerzen wegen, sondern dazu im Munde hat, um feste Nahrungsmittel so lange zu zerkauen, bis sie mit Hülfe des zufließenden Speichels in einen weichen Brei verwandelt sind, der alsdann im Magen (der keine Zähne zum nachträglichen Zerkauen besitzt) durch den sauern Magensaft leicht aufgelöst (verdaut) werden kann. Wie aber die meisten Menschen essen, da beschweren die verschluckten großen Stücken fester Stoffe nicht nur den Magen, sondern sie gehen auch, nachdem sie sich länger, als sie sollten, im Magen und Darmcanale aufgehalten haben, zum großen Theile unaufgelöst beim Stuhlgange mit fort. Auf diese Weise werden viele der genossenen Speisen, ohne den gehörigen Nahrungsstoff für das Blut geliefert und die für sie gemachte Ausgabe verdient zu haben, aus dem Körper wieder entfernt; sie thaten der Zunge wohl, dem Bauche weh. Menschen, lernt in der Jugend kauen, damit ihr im Alter nicht dem Magenelend verfallt! – Ist der Magen aber verdorben, dann hüte man sich um Himmels willen vor allen sogenannten magenstärkenden Arzneien und Elixiren; nur ein passendes und strenges diätetisches Verfahren macht einen schlechten Magen wieder gut (Gartenlaube 1860. Nr. 7).

Sieht man sich ferner in einem Geschäftsmanns-Bauche auch nach andern Organen als nach dem Magen um, dann entdeckt man in denselben, besonders in der Leber, Milz und am Mastdarme, als Grund der vielen und mannigfachen Unterleibsbeschwerden [379] (wie: unangenehme Empfindung von Druck und Völle in der Oberbauchgegend, besonders nach dem Essen; Appetitsstörung und unregelmäßiger Stuhlgang, Blähungs- und Hämorrhoidalbeschwerden) in den allermeisten Fällen eine krankhafte Ueberfüllung der Adern mit dunkelrothem Blut. Das ist der Zustand, den der Arzt „Unterleibsanschoppung, Abdominalplethora, Pfortaderstockungen, Hämorrhoidalleiden“ nennt und durch Purganzen, Blutegel an dem After, Schwefel mit Cremor tartari, abführenden Mineralwässern (Carlsbad, Kissingen) und dergl. zu heben sucht, während Verf., der diese Art von Cur haßt, eine Unterleibsdiätetik empfiehlt (Gartenl. 1860, Nr. 21), welche das Uebel an der Wurzel angreift und den trägen Lauf des Pfortader-Blutes durch die Leber fördert. Aber freilich diese Unterleibsdiät, zu welcher auch die gehörige Bewegung und eine zweckmäßige Athmung gehören, ist dem Geschäftsmanne nicht bequem, und es erlaubt deshalb auch sein Geschäft nicht, die nöthige Zeit darauf zu verwenden. Darum wird er aber auch später bei wachsender Unterleibsverstocktheit ein grämlicher, launenhafter, ärgerlicher, mißmutiger, hypochondrischer Philister, den schließlich nichts mehr interessirt als sein liebes nervöses Ich mit Hämorrhoiden und sein Geschäft.

Der vielsitzende Geschäftsmann wird bisweilen rechts unten im Bauche von einem Drucke oder wohl auch von heftigern Schmerzen heimgesucht, die ihren Grund in einer Anhäufung von Koth im Blinddarme haben. Diesem Zustande, der sich mitunter zu einer gefährlichen Blinddarmentzündung steigert, ist am besten mit öfteren Klystieren von warmem Wasser entgegen zu treten. Da aber in dieser Bauchgegend manch andere Leiden vorkommen, die von Bedeutung und richtig zu würdigen sind (Gartenl. 1863, Nr. 29) so ist eine genaue Untersuchung derselben von Seiten des Arztes ganz unentbehrlich.

Was die sogenannten Hämorrhoidal-Blutungen bei Geschäftsleuten betrifft, so sind diese, zumal wenn dabei viel Blut verloren wird, gar keine hämorrhoidalen, sondern stammen aus der entarteten Mastdarmschleimhaut und verlangen eine örtliche Behandlung (gewöhnlich mit Höllenstein). Einem Arzte, der bei solchen Blutungen nicht den Mastdarm untersucht (was übrigens gleich nach dem Stuhlgange geschehen muß), dem entziehe der Patient sofort sein Vertrauen. Ein Patient aber, der sich gegen eine solche Untersuchung und örtliche Behandlung wehrt, ist ein subtiler Selbstmörder.

Von einer vernünftigen Behandlung ihrer gesunden und kranken Lungen ist bei Geschäftsleuten gar keine Rede. Erst wenn die Lunge zum größten Theile ruinirt ist, erst dann wird’s dem abgezehrten und matten Herrn Geschäftsmann klar, daß nun etwas Ernstliches geschehen müsse. Aber nur ja nicht einen Respirator tragen, lieber „wohin gehen“. Und während die Herren Doctoren zu Dritt oder Viert berathschlagen, wohin der fiebernde Kranke fahren soll, fährt er in’s Jenseits. – Dieses in ein anderes Klima Schicken von Brustkranken gehört in den meisten Fällen auch zum heilkünstlerischen Schlendrian und ist gewöhnlich nicht nur nicht heilbringend, sondern sogar gefährlich und im höchsten Grade inhuman, weil dadurch der der größten körperlichen und gemüthlichen Ruhe bedürftige Kranke aus seinen dieser Ruhe förderlichen Verhältnissen herausgerissen wird. Ein Brustkranker, wenn er fiebert, darf gar nicht an eine Reise denken, sondern bleibe hübsch ruhig zu Hause, wo ihm ja auch eine gute, reine, warme Luft bereitet werden kann. Hat aber der Krankheitsproceß in seiner Lunge einen Stillstand gemacht, so wird ihm eine Reise in ein südliches Klima auch nur dann nützen, sobald er sich dort längere Zeit und bei der größten Gemüthsruhe (besonders ohne Heimweh) aufhalten kann. Uebrigens ist’s für einen Brustkranken mit dem Klimawechsel allein noch lange nicht abgethan, er muß auch im Süden, trotz der heilsamen Luft, noch alle die Schädlichkeiten ängstlich meiden, welche eine Rückkehr (Nachschub) des Brustleidens veranlassen können, wie Staub, Rauch, reizende Gasarten, Aufregungen aller Art und Erkältungen.

Die Regeln, welche ein Brustkranker, wenn er trotz seiner kranken Lunge (denn vollständig gesund wird diese niemals wieder) ein höheres Alter erreichen und auch ziemlich beschwerdelos leben will, genau zu beobachten hat, finden sich in Gartenl. 1859 Nr. 49, und 1855 Nr. 15; über den enormen Werth des Respirators bei Lungenleiden handelt ein Aussatz in der Gartenl. 1855 Nr. 8. – Weil nun eine in ihrer Spitze (tuberculös) erkrankte Lunge niemals wieder, auch nicht durch salzige Mineralwässer und südliches Klima, ihre frühere, normale Beschaffenheit erlangen kann, darum muß ein Brustkranker die von diesen Lungenspitzen-Entartungen abhängigen Beschwerden, wie Husten, Auswurf und zeitweilige Kurzathmigkeit, ertragen lernen und nicht durch fortwährendes Mediciniren wegcuriren wollen. Eine solche Entartung kann ja gar nicht viel schaden und sollte den Kranken nur veranlassen, ein weiteres Krankwerden seiner Lunge durch richtiges Verhalten zu verhüten.

Der Geschäftsmann mit noch gesunder oder etwas angegriffener, aber das Wohlbefinden nicht störender Lunge, der hat natürlich seines Geschäftes wegen keine Zeit, ebensowenig etwas zur Erhaltung und Kräftigung seines Athmungsapparates, wie überhaupt seines Körpers zu thun; der muß, wenn er sich wirklich einmal sein Geschäft aus dem Kopfe schlägt und Zeit zur Erholung nimmt, in seiner geschäftsfreien Zeit reisen, jagen, schmaußen, spielen, bauen, politisiren u. s. f. und zwar unter Umständen, die auch die gesündeste Lunge krank zu machen im Stande sind, wie rauhe, kalte Lust, Staub, Rauch, schneller Wechsel zwischen warmer und kalter Lust, reizende und überhaupt schädliche Gasarten u. s. w. Auch sind leider Gottes die meisten Geschäftsleute so kindisch und schämen sich, ihren Lungen, selbst wenn dieselben früher schon einmal krankten, und sogar bei offenbarer Gefahr, Schutz angedeihen zu lassen, weil’s auffällt. Mit dem Respirator z. B., der ja doch Lungenleiden verhüten soll und auch kann, kommt der Arzt in der Regel nur bei Lungenschwindsüchtigen an, die schon mit einem Beine im Grabe stehen, und auch die wehren sich noch gegen diesen bravsten aller Beschützer der Lungen. In „Für Nichtraucher“ muß der hustende Geschäftsmann auf der Eisenbahn fahren; staubige und rauchige Luft und Localitäten muß er meiden; von Strapazen aller Art halte er sich fern; bei Festessen trinke er sich nicht fest und gerire sich überhaupt nicht als Gesundheitsrenommist.

Das Geschäftslocal, das in der Regel mit dem Geschäfte und Geschäftsmanne verwachsen ist, kann vielleicht manchmal das Geschäft in die Höhe, den Geschäftsmann aber gar nicht selten herunterbringen. Denn abgesehen von der hier häufig herrschenden, das Gemüth verdüsternden Dunkelheit (denn Licht ist Leben), so sind auch viele Locale so feucht und kalt, daß ebenso (besonders im heißen Sommer) die schnelle Abkühlung der erhitzten Haut hitzige (acute) Erkältungskrankheiten, wie die andauernde Einwirkung der feuchten Kälte auf die transpirirende Haut langwierige (chronische) sogen. rheumatische Uebel erzeugen kann. Die Regulirung der Luft- und Temperaturverhältnisse in den Localen, von welchen doch zum großen Theile das Wohlbefinden der Herren Principale und ihrer Mitarbeiter mit abhängig ist, wird gewöhnlich den Herren Markthelfern überlassen, und die haben so ihre eigenen Ideen über gute Luft und Wärme. Ja, wenn’s die Waaren betrifft, für die muß eine zweckmäßige Lagerstätte beschafft werden, die geschäftigen Menschen mögen aber den größten Theil ihres Lebens in menschenfeindlichen Aufenthaltsorten verkümmern. Auch für seine Pferde und Hunde trägt in der Regel ein Geschäftsmann weit mehr Sorge, als für sich und seine Leute.

Wie sich der Geschäftsmann in seinem Geschäfte beim Arbeiten verhält, ist gar nicht selten von Einfluß auf sein Befinden oder doch auf sein Empfinden. Der im Stehen Arbeitende fühlt mitunter seine Beine ermatten und meint dann, an Rückenmarksschwäche zu leiden. Sitzt einer auf hartem Sessel mit scharfer Kante, so passirt’s wohl, daß der fortwährende, wenn auch nur mäßige Druck dieser Kante auf die Nerven und Blutgefäße der hintern Fläche des Schenkels, eine dauernde Empfindung von unangenehmem Taubsein des Beines vom Knie ab erzeugt, welche den Aberglauben an Rückenmarksschwindsucht aufkommen läßt. Der beim Sitzen stark vorgebeugte, den Bauch einengende und die Brust an den Arbeitstisch andrückende Geschäftsmann zieht sich durch diesen Sitz bisweilen Brust- und Unterleibs-, Athmungs- und Verdauungsbeschwerden zu, die er natürlich durch Arznei wegcurirt haben will.

Ueberhaupt muß es die Heilkunst, wenn es nach den Anforderungen der Geschäftsleute an die Aerzte gehen soll, durchaus noch dahin bringen, daß sie durch Heilmittel den alternden, kränkelnden Menschenleib jung, käftig und womöglich niet-, nagel- und feuerfest zu machen im Stande ist.
Bock. 
[380]
Der Tag von Düppel.
Nach den Mittheilungen eines preußischen Officiers.

Bereits seit dem 12. Februar lagen die Preußen vor Düppel, aber unbegreiflicher Weise war das zu einer Belagerung so stark befestigter Werke unentbehrliche schwere Geschütz noch immer nicht eingetroffen. Endlich nach einem Zeitverluste von mehr als einem Monate, in der Nacht vom 29. zum 30. März, hatte man allmählich soviel Belagerungsmaterial zusammen, um ernstlich an’s Werk gehen und zur Eröffnung der ersten Angriffs-Parallele schreiten zu können. Welcher Combination von Ursachen diese unerklärliche Zögerung in dem Herbeischaffen des nöthigen Artillerieparks beigemessen werden muß – das wollen wir jetzt, wo die Ereignisse den Bismarck-Rechberg’schen Plänen über den Kopf gewachsen sind, und in die alten Bahnen des Londoner Protokolls einzulenken zur anerkannten Unmöglichkeit geworden, dahingestellt sein lassen. Wir sehen in dem Düppeler Siege nicht blos die Einlösung der verpfändeten preußischen Waffenehre, die mit dem stromweise vergossenen Volksblute doch etwas zu theuer wieder errungen wäre, wir erblicken in ihm vielmehr eine Hauptgarantie, daß den berechtigten Forderungen der Nation Erfüllung und dem lange genug schmählich preisgegebenen wackern Bruderstamme endlich zu seinem Rechte verholfen werden soll.

Die Gartenlaube (1864) b 380.jpg

Düppeler Schanze Nr. 2 nach dem Sturme am 18. April 1864.
Am 18. April nach der Natur gezeichnet von Otto Günther.

Das gezogene preußische Geschütz, das inzwischen zur Bewunderung und zum Schrecken von ganz Europa geworden ist, begann nun sein verheerendes Spiel und brachte die dänische Artillerie in den verschiedenen Schanzen trotz ihres numerischen Uebergewichts bald zum völligen Unterliegen. Wir wissen jetzt, daß schon nach den ersten Tagen der Beschießung der Düppeler Befestigungen die dänischen Officiere die Ueberzeugung gewannen, daß gegen die Zerstörungswerkzeuge der Preußen die Position auf die Dauer sich nicht werde halten können. Wie sollte man sich auch gegen Hohlgeschosse vertheidigen, die, aus einer Entfernung von 11/4 Stunde dahersausend, genau das Ziel trafen, und auch noch in viel weiterer Entfernung eben so sicher und wirkungsvoll eingeschlagen [381] haben würden? Und immer zahlreicher wurden die Batterien der Preußen sowohl auf Broackerland an der Seite des Wenning-Bundes wie im Norden der Düppelstellung, wo sich die Belagerer nach der Einnahme von Düppel, dessen Gehöfte und zahlreiche Häuser die Dänen nach und nach gänzlich in Asche legten, von Rackebüll bis nach Sandberg am Alsensunde einnisteten, Schanzen bauten und Batterie nach Batterie auffuhren, aus denen die nördlicheren Forts auf Düppel eben so gut bestrichen wurden, wie der Alsensund mit den jenseits erbauten zahlreichen Schanzen, welche die Dänen zur Vertheidigung des tiefen Sundes und der Insel von Sonderburg abwärts bis Rönhof an allen günstigen Orten errichtet hatten.

Ungeachtet der kaum erwarteten Wirkungen des preußischen Artilleriefeuers bot die Belagerung Düppels doch so große Schwierigkeiten dar, daß besonnene Feldherren unmöglich an raschen Sturm denken konnten, wollten sie bei einem solchen immerhin zweifelhaften Unternehmen nicht Tausende von Menschenleben auf’s Spiel setzen. Der Däne ist an sich ein tapferer Soldat, dabei fanatisch und voller Tücke, was er in manchem Gefecht vor Düppel nur zu sehr bewiesen hat. Preußische Krieger, welche solchen Kämpfen beiwohnten und glücklich mit dem Leben davonkamen, wissen haarsträubende Dinge von der nicht eben chevaleresken Kampfweise der Dänen zu erzählen, die dann zuweilen auch Anlaß gab zu Gemetzeln, wie sie in ehrlicher Kriegführung sonst nicht vorkommen. Die Neigung, Pardon zu geben, die dem deutschen Soldaten von Natur angeboren ist, verlor sich nach und nach und machte dem Gelüste, Revanche für hinterlistig erschossene Cameraden zu nehmen, Platz.

Am hellen Tage gewährte die Beschießung der Schanzen, mit dem unbeschreiblichen Dröhnen der Luft und dem Zittern des Erdbodens, für den entfernter stehenden Zuschauer ein interessantes und aufregendes Schauspiel, das jedoch wenig Abwechselung gab. Nur wenn dann und wann eine der langsam aufsteigenden Bomben, deren Lauf sich bequem verfolgen ließ, vor ihrem Einschlagen in der Luft crepirte, gestaltete sich das Schauspiel eigenthümlich fesselnd. Denn nun entwickelte sich aus dem zerberstenden Projectil ein Knäuel wirbelnden weißen Rauches, der sich in großer Schnelligkeit um seine eigene Achse drehte, längere Zeit noch vom Winde weiter getragen ward und endlich langsam zerflatterte. Dagegen war das Bombardement in der Nacht von einer so großartigen, [382] furchtbaren Schönheit, daß es sich kaum beschreiben läßt. Hohlgeschosse aus den Hinterladungsgeschützen der gezogenen preußischen 24pfünder sausten dann unsichtbar wie Dämonen über die Parallelen und die in denselben arbeitenden Soldaten mit solchem Geräusch dahin, daß sich oft der Eine und Andere bückte, als besorge er das Herabfallen einer schweren Masse aus der Höhe. Dann wieder rollten, von leuchtendem Rauch umkreist, die Bomben durch die Luft, während die in großer Menge geworfenen Granaten, ungleich steiler und in Parabelform aufsteigend, durch ihre schnelle Umdrehung einen kometenartigen Feuerschweif hinter sich herzogen. Nimmt man dazu das fortwährende leise Beben der Erde, das verhallende Hurrah der Belagerer und das Auflodern der flammenden Baracken unterhalb der Schanzen, wie die hell zum Himmel lohende Gluth des brennenden Sonderburg, so wird man zugeben müssen, daß sich ein schauerlich-großartigeres Nachtbild kaum denken läßt.

Eine schon angeordnete Landung mit starker Truppenmacht auf Alsen mußte, wahrscheinlich zum Glücke, des hohen Seeganges wegen wieder aufgegeben werden, dagegen ward der Sturm auf die Schanzen bereits auf den 14. April festgesetzt, doch fand man die Entfernung von der zweiten Parallele bis zu den Schanzen, also 6 – 700 Fuß, mit Recht noch für zu bedeutend und unternahm in der Nacht vom 14. zum 15. den Bau einer dritten Parallele auf 500 Fuß Abstand. Dieselbe wurde bis zum 18. wesentlich erweitert und ihre Böschung mit Ausfallstufen versehen, um bequem überschritten werden zu können. Nachdem diese Vorbereitung getroffen war, gab Prinz Friedrich Carl von Preußen für den 18. April Morgens zehn Uhr den Befehl zum Sturme.

Allen den verschiedenen Abtheilungs-Commandeurs wurde der Befehl im Geheimen und mündlich mitgetheilt, um vor der dänischen Spionage sicher zu sein. Zur Einleitung dieses Haupt- und Schlußactes begann die Artillerie vom Morgen des 17. an mit der größten Heftigkeit zu spielen und überschüttete die feindliche Stellung auch die ganze Nacht zum 18. hindurch bis Morgens zehn Uhr mit ihren Geschossen. Stündlich mußte jetzt der Feind auf einen Sturm gefaßt sein und hatte demselben auch mit Tagesanbruch entgegengesehen und seine Dispositionen danach getroffen. Als um diese Stunde das Erwartete indessen nicht erfolgte, zog er seine Verstärkungen zurück und ließ nur die regelmäßige Besatzung in der Stellung, die zum Theil noch beim Beginn des Sturmes in den Communicationsgräben war, um dort gedeckter zu sein, und so vielfach völlig überrascht wurde.

Da kein Truppentheil freiwillig dem andern die Ehre des ersten Angriffs gönnen wollte, so hatte das Loos entscheiden müssen; daher finden wir die Sturmcolonnen zusammengesetzt aus Compagnien aller Regimenter. In der Nacht hatten die Brigaden bereits die angewiesenen Stellungen eingenommen, hatten sich auf den Boden niedergestreckt und horchten in Erwartung des großen Augenblickes auf den rollenden Donner der Artillerie. In der breiten dritten Parallele, 500 Fuß vor den Schanzen, lagen die Sturmcolonnen selbst mit ihrer Geräthschaft, vor Begierde brennend, die feindlichen Schanzen zu nehmen.

Der Morgen des 18. bricht an, immer näher rückt die entscheidende Stunde. Mit ihr steigern sich die Gluth und die Aufregung der todesmuthigen Männer, die Pulse schlagen schneller, und während der Soldat sein treues Gewehr fester umklammert, hört er noch auf den tröstenden Zuspruch des Geistlichen, schweifen seine Gedanken noch einmal zurück nach der Heimath, nach den alten Eltern, nach der geliebten Braut, nach Weib und Kind. Da horch! vom Spitzberge her ertönt ein schmetterndes Hornsignal, im Augenblicke wiederholt es sich auf der ganzen Linie, und während das Feuer der Kanonen verstummt, brechen mit lautem Hurrah und unter der Musik von vier Regimentern die Sturmcolonnen im Laufschritt aus der Parallele hervor.

Ohne einen Schuß zu thun, legen die Schützenlinien die ersten dreihundert Schritt zurück, dann werfen sie sich zur Erde und beginnen ihr wohlgezieltes Feuer gegen Alles, was sich auf den Schanzen zeigt. Unter diesem Schutze gehen die Sturmcolonnen so schnell als möglich, miteinander wetteifernd, ohne eine Kugel im Laufe, gegen die ihnen bestimmten Werke los. Jeder nur darauf bedacht, der Erste auf der Schanze zu sein, um zuerst das preußische Panier dort aufzupflanzen. Der Feind, im ersten Augenblicke überrascht, besetzt in Eile seine Werke, das Knattern des Gewehrfeuers beginnt auf der ganzen Linie, und gleich darauf speien die schweren 84pfünder ihre Kartätschladungen gegen die Angreifer. Dunkle Flecke auf dem Erdboden bezeichnen die Stellen, wo die Tapfern fielen; diese Flecke mehren sich, je weiter die Stürmenden vorrücken. Vor Schanze 4 liegen allein schon 33 Mann, doch da weht auch bereits die erste preußische Fahne auf der Communication von 2 zu 3; nur sieben Minuten nach dem ersten Signal, und ein jubelndes Hurrah bezeichnet den Fall des ersten dänischen Werkes. Gleich darauf fällt die große Schanze 6, deren Geschütze sofort umgedreht und auf die fliehenden Feinde gerichtet werden, dann 1, 3, 5. Länger wehrt sich 4, doch fällt auch diese nach großen Verlusten, und endlich selbst die von dem unerschrockenen Lieutenant Ancker vertheidigte Schanze 2. So war nach kaum zwanzig Minuten langem heldenmüthigen Siegeslauf die eigentliche Aufgabe des Tages gelöst, denn nur die Einnahme der Schanzen 1 bis 6 war beabsichtigt und angeordnet.

In diesem Augenblicke naht Rolf Krake und beginnt sein Feuer gegen die mit Tirailleurs gefüllten Schluchten des linken Flügels. Umsonst – er kommt zu spät, die gezogenen Batterien ebenso wie die eigenen Geschütze der eroberten Schanze 1 unter Lieutenant Schmälder richten ihr Feuer auf das Ungeheuer, welches sich nach einstündigem Kampfe schwer beschädigt zurückzieht, um nicht wieder zu erscheinen. Mittlerweile greifen die Brigaden Canstein und Raven in den Kampf ein. Ihr erster Anlauf gegen die noch völlig erhaltenen und armirten Schanzen 7, 8, 9 und 10 mißlingt zwar, denn das mörderische Feuer dieser Schanzen beim Ausschwärmen aus Düppel und Rackebüll mäht ganze Reihen nieder; da fahren die preußischen Feldbatterien in Carriere auf, ihre sichertreffenden Geschosse bringen das feindliche Geschütz zum Schweigen, und mit Hurrah stürmen die Truppen zum zweiten Male vorwärts. Nichts kann ihnen widerstehen, Brigade Canstein nimmt Schanze 7, Raveu 8 und 9; 10 muß capituliren.

So waren nun sämmtliche Schanzen der ersten Linie in den Händen der Sieger, und die noch brauchbaren eroberten Geschütze waren umgedreht und schossen auf ihre eigenen Landsleute, welche in Eile gegen den Brückenkopf retirirten. Doch die Preußen, einmal im Feuer, drangen unaufhaltsam vorwärts. Die Officiere vorauf, die Mannschaft die erbeuteten Danebrogs schwingend, stürzen sich die Compagnien aller Regimenter in edlem Wetteifer immer von Neuem auf den Feind. Unter dem heftigen Feuer des Brückenkopfes und der Alsener Batterien wird die neuangelegte zweite Verschanzungsreihe übergerannt, werden Tausende von Gefangenen gemacht, werden die Reserven des Feindes in wilder Hast gegen den Brückenkopf geworfen, die 35er voran, die 8er, 18er, 60er und das 4. Garde-Regiment Königin Auguste dicht hinter ihnen. Beinahe 2000 Fuß durchjagt dieser fortgesetzte Sturmlauf. Hier dicht vor dem Brückenköpfe sammeln sich die Preußen zum letzten und schwersten Sturme. Einen Augenblick lang beschießen die Batterien die beiden Brückenschanzen, und dann brechen die Sturmcolonnen unaufhaltsam wieder los, immer die 35er voran, der Gefahren nicht achtend. Sie verschwinden in dem Graben, gleich darauf erklimmen sie die Brustwehr, ein wüthender Bajonnetkampf – und der Brückenkopf ist unser. Schon vorher hatten die Dänen ihre Pontons theils verbrannt, theils abgefahren; Alles, was nicht schon am andern Ufer, ist gefangen in unsern Händen. Zwar spielen die Alsener Batterien und das Gewehrfeuer aus Schloß Sonderburg noch und tödten manchen braven Krieger, zwar antworten unsere gezogenen Feldbatterien noch eine Weile – alsdann aber wird Alles still: nach dem furchtbaren Gemetzel, nach den kolossalen Anstrengungen schöpfen die siegestrunkenen Truppen ein paar Minuten Athem.

Um zehn Uhr hatte der Sturm begonnen, um halb ein Uhr gab es keinen Feind mehr im Sundewitt, der nicht lebend oder todt in den Händen der Preußen war, und während dieser ganzen Zeit lag die Elite der dänischen Flotte unthätig nur einige Tausend Schritte vom Kampfplatz, wagte nicht, sich zu rühren, und that nicht einen einzigen Schuß. Der Kampf war vorüber, die blutige Arbeit gethan. Das Auge, das eben noch todesmuthig geblitzt, es sieht herunter zur Erde und schaut mit Wehmuth auf das Werk der Vernichtung; die Hand, die eben noch den Tod gab, sie beugt sich hernieder nach dem verwundeten Cameraden, nach dem verwundeten Feinde, sie beut ihm den letzten Tropfen aus der Feldflasche, sie hebt ihn auf, und das Gewehr wird zur Bahre, und die blutbespritzten Männer beginnen das Amt der barmherzigen [383] Samariter noch unter dem Feuer der Dänen und bergen Freund und Feind mit gleicher Aufopferung.

Furchtbar sind die Verluste des Feindes: 119 Geschütze, viele Danebrogs, Munition und Kriegsgeräthe wurden erbeutet, 106 Officiere und 5400 Mann wurden theils gefangen, theils getödtet, darunter General du Plat, die Obersten Lasson und Bernstorff, Oberstlieutenants Dreyer, Falkenskjold, Tersling, Scholten, die Majore Heyn, Schack, Sperling, Schau und Rosen. Aber auch die Verluste der Preußen sind bedeutend: 16 Officiere und über fünfhundert Soldaten theils todt, theils verwundet, unter den ersteren der General von Raven, Major von Beer und viele andere tüchtige Officiere.

Ein wahres Bild der Verwüstung boten die eroberten Schanzen dar. Die preußische Artillerie hatte fürchterlich vorgearbeitet: die Blockhäuser aus vierzölligen Balken waren völlig zertrümmert, und nur noch Holzstumpfe, Breter und Erdhaufen bezeichneten ihre Stelle. Die Böschungen waren zerrissen und die Scharten demontirt. Das Bild der gräßlichsten Verheerung aber bot die Schanze Nr. 2, von der wir unsern Lesern eine noch am Nachmittage des Sturmes aufgenommene in allen Einzelheiten getreue Skizze bieten. Es war dies bekanntlich eine der stärksten Schanzen dieser festen Dänenstellung, die nun wie die andern, hoffentlich für immer, in Trümmern liegt. Nur das gemauerte Pulvermagazin darin ist noch erhalten; in demselben hatte der tapfere Ancker seine Wohnung aufgeschlagen, und über seinem Tisch hing das Bild seiner jungen und schönen Frau, unter dem Tisch und rings im engen Raume verstreut aber lagen vertraulich neben offenen Pulvertonnen – ausgebrannte Cigarrenenden.

Wir haben es an anderer Stelle (Gartenl. Nr. 19) schon ausgesprochen: der Tag von Düppel bleibt ein unverlöschliches Ruhmesblatt in der Geschichte Preußens und Deutschlands; wir wagen jetzt auch zu hoffen, daß er die ersehnten Früchte tragen, daß die Tausende und Abertausende von Opfern, die ihm fallen mußten, der gerechten Sache, der Freiheit und dem Vaterlande, nicht einem volksfeindlichen Systeme und exklusiven Militär- und Junkertendenzen, zu Gute kommen werden.

Ja, wir hoffen es und wollen unsere Darstellung mit Erzählung einer und der andern Einzelscene schließen, die wir aus der Fülle von Thaten persönlichen Heldenmuths und begeisterter Opferfreudigkeit, welche die heißen Kampfstunden des 18. April gebaren, in bunter Reihe herausgreifen.

Schanze 6 leistete trotz ihrer Größe den schwächsten Widerstand und wurde im ersten Anlauf genommen, trotzdem die Sturmcolonnen bis zu ihr den weitesten Weg zu durchlaufen hatten. Lieutenant Nübler und Unterofficier Müller der 4. Artillerie-Brigade waren die Ersten auf der Brustwehr. Sie stürzten sich so plötzlich auf das im ausspringenden Winkel aufgestellte Geschütz, daß die feindlichen Kanoniere vertrieben wurden, ehe sie noch zum Schuß kamen. Eben so schnell wurde das Geschütz herumgedreht und schleuderte nun den bereits eingesetzten Kartätschschuß vernichtend in die Reihen der fliehenden Dänen.

Der Hauptmann Cranach vom 13. Infanterie-Regiment (Westphalen) warf sich an der Spitze seiner Truppen auf einen Theil des Brückenkopfes unter dem mörderischen Feuer des Feindes. In dem Augenblicke, als der tapfere Officier seinen Truppen zurief: „Kinder, hier sind wir die Ersten!“ trafen ihn zwei tödtliche Kugeln – aber über seine Leiche hinweg stürmte seine Compagnie den Brückenkopf.

Schanze 2 wurde, wie die Leser wissen, von dem rühmlich bekannten Premier-Lieutenant Ancker energisch vertheidigt. Als die 35er sie nach blutigen Verlusten mit dem Bajonnete nahmen, waren in ihr außer dem Commandeur nur noch 20 Mann am Leben. Diese erhielten, nachdem sie sich mit tiefem Grimme ergeben hatten, den Befehl, nach der dritten Parallele als Gefangene zurückzugehen. Im nämlichen Augenblicke aber bekamen sie von rückwärts her Unterstützung, und der Kampf entbrannte von Neuem um die Schanze, doch behaupteten die Preußen das Feld und nahmen nun, statt zwanzig, fünfzig Mann gefangen. Obgleich nun mit diesem Verfahren Premier-Lieutenant Ancker wider die üblichen Kriegsgebräuche verstieß, so ehrte man in ihm doch den tapfern Feind, und es wurde ihm wegen seiner Bravour der Degen gelassen. Als Ancker aber bat, noch einmal nach der Pulverkammer gehen zu dürfen, wo er etwas vergessen haben wollte, hielt ihm der preußische Officier den Degen vor und erwiderte: „Keinen Schritt, Herr Camerad, oder Sie sind des Todes!“ Grimmig erwiderte Ancker: „Nun, dann bezeugen Sie mir wenigstens, daß es meine Absicht war, mich mit der Schanze in die Luft zu sprengen!“ und verließ das Werk. In demselben Momente bemerkte einer der den Sturmcolonnen zugetheilten Artilleristen einen dänischen Soldaten, der hurtig der Pulverkammer zulief. Mit möglichster Geschwindigkeit eilt ihm der Kanonier nach und sieht, wie der Däne im Begriff steht mit Stein und Stahl Feuer anzuschlagen, um eine Lunte zu entzünden, welche er in der Hand hält. Trotz des warnenden Zurufs fährt der Däne in seiner Verrichtung fort, so daß das Faschinenmesser des Preußen ihn unschädlich machen mußte. Ueberhaupt verdient die Tapferkeit der dänischen Kanoniere das größte Lob. Als die Preußen die Schanzen stürmten, mußten sie erst alle noch nicht kampfunfähigen Geschützbedienungen niederstrecken, ehe sie sich der Werke bemächtigen konnten, denn bis auf den letzten Mann vertheidigten sich die Kanoniere, und unter den Gefangenen befanden sich fast gar keine Artilleristen.

Zwischen den Schanzen und dem Brückenkopfe, wo die dänischen Reserven in den Kampf eingriffen, war dieser besonders mörderisch, namentlich da die stürmenden Preußen fast nur mit dem Bajonnet kämpften und durch die Perfidie der Dänen zur größten Erbitterung getrieben waren. Diese gaben nämlich auf fünf Schritte noch eine Salve, warfen dann ihre Gewehre fort, fielen auf die Kniee und riefen ihr „Pardun!“ Nahe an 400 Dänen liegen daher in einer einzigen Grube neben der Sonderburger Chaussee bestattet.

Nach entsetzlichem Blutbad ist Schanze Nr. 4 genommen. Im Nu haben die Artilleristen die Geschütze umgekehrt und eröffnen ein mörderisches Feuer gegen die Abziehenden. Da bemerkt der Premier-Lieutenant Stöphasius einen dänischen Unterofficier, der sich um einen Querwall herumschleicht und dort verschwindet. Nichts Gutes ahnend ruft er einen Pionier-Unterofficier zu sich heran und setzt mit diesem kurz entschlossen dem Dänen nach. Er findet ihn dicht vor der Pulverkammer, im Begriff sich in dieselbe zu begeben – ein brennendes Licht und ein Stück Lunte sind auf einem Tische bereit gelegt, vierundzwanzig offene Pulverfässer stehen daneben – schon greift der Däne nach der Lunte, da stürzt Stöphasius auf ihn los, reißt ihm die Lunte aus der Hand und verlöscht das Licht – in demselben Augenblicke, als die Kugel aus dem Carabiner des Pionier-Unterofficiers dem Dänen das Hirn zerschmettert. Tausenden hatte Stöphasius durch diese entschlossene That das Leben gerettet.

Nachdem die Brigaden Canstein und Raven die Schanzen 8, 9 und 10 genommen hatten und die Communicationen passirbar gemacht worden waren, rückte die vierpfündige Garde-Batterie unter dem Hauptmann von Ribbentrop so heftig dem weichenden Feinde nach, daß sie sich plötzlich von demselben theilweise umzingelt sah. Die Mannschaften und Officiere wehrten sich jedoch mit dem größten Heldenmuthe, und auf eine Aufforderung sich zu ergeben antwortete der brave Capitän durch einen kräftigen Säbelhieb und die Worte: „Eher lassen wir uns Alle in Stücke hauen – nicht wahr, Leute?“ Im nächsten Augenblick kam preußische Infanterie der Batterie zu Hülfe und vertrieb die Dänen, die nun, von der Batterie kräftig beschossen, in fluchtähnlicher Weise abziehen mußten.

Während des ganzen Sturmes spielten die Musiker vom vierten Regiment, unter Leitung des Kapellmeisters Pieseke, in der ersten Parallele den Sturmmarsch. Mehrmals wurden dieselben durch feindliche Granaten mit Erde überschüttet. Der muthige Kapellmeister aber stand im dichtesten Kugelregen oben auf der Brustwehr und dirigirte, ohne sich um die einschlagenden Geschosse zu kümmern.

Mit ganz besonderin Ruhm aber sei, zum Ende, aller Krankenträger-Compagnien ohne Ausnahme gedacht. Mitten im stärksten feindlichen Feuer wetteiferten diese „stillen Helden der Menschenliebe“, die Verwundeten nach den in einiger Entfernung aufgefahrenen, den Weitertransport nach den Verbandplätzen vermittelnden Krankenwagen zu tragen, von denen die erste Illustration unserer heutigen Nummer dem Leser ein genaues Bild giebt, so daß gar viele der wackern Männer zu den Opfern des blutigen Tages zählen.

[384]
Blätter und Blüthen.

Das Geheimniß des Soldaten. Es ist mir gestern eine kleine, sehr rührende Geschichte erzählt worden, die, ganz neu, noch in keiner Zeitung gestanden hat, meiner Ansicht nach aber verdient, die Aufmerksamkeit des freundlichen Lesers für zehn Minuten in Anspruch zu nehmen.

Meine ganz einfache und ganz anspruchslose Geschichte ist die eines österreichischen Soldaten, eines Tyroler Kaiserjägers, der jung, kräftig und voll Begeisterung im letzten Winter gen Schleswig ausmarschirte und heldenmüthig focht gegen den tückischen Dänen.

Der junge Soldat ließ tief hinten im Innthale seine alte Mutter zurück, die er über Alles liebte. Sie war aber auch eine herzige, gute alte Frau mit Silberhaaren und freundlichen, treuen Augen, die immer mit dem Ausdruck rührender Zärtlichkeit nach dem einzigen Sohne blickten.

„Sohn!“ sagte die Mutter zu ihrem Kinde, „ich habe nur Dich auf der Welt; ich fühle, daß mein Ende nicht mehr fern ist. Du wirst mir doch von dort aus schreiben?“

„Gewiß, Mutter!“

„Alle Monate mindestens einmal; kannst Du, noch öfter.“

„Ich verspreche es Dir!“

„In welcher Lage Du Dich auch befinden mögest…“

„Ich werde schreiben; verlaß Dich darauf!“

Und als er die alte gute Frau zum letzten Male umarmte, fühlte der junge Soldat Etwas auf seine Stirn fallen, das glänzte wie ein Diamant … es war die Abschieds-Thräne der Mutter.

Der Soldat marschirte aus.

Sehr bald nachher kam die Kunde von blutigen Gefechten und glorreichen Siegen. Ganz Deutschland jubelte beim Empfang dieser ruhmvollen Nachrichten. Der alten Mutter aber ward sehr bang; sie setzte sich in ihr einsames Stübchen und weinte. Da erhielt sie den ersten Brief; sie erbrach ihn mit Herzklopfen und las:

„Mutter! Morgen schlagen wir uns, und ich werde meine Pflicht thun. Ich will mich auszeichnen und beweisen, daß ich Deiner würdig bin. – Sei ohne Sorgen, die Dänen werden mich nicht treffen; ihre Kugeln werden über den Kopf des kleinen Kaiserjägers hinwegpfeifen.“

Bald darauf kam ein zweiter Brief und darin stand:

„Mutter! Wir haben uns tapfer gehalten. Ich bin mit einer kleinen Schmarre über’s Gesicht davon gekommen und habe einen Danebrog erbeutet. Ich bin im Hospital in Schleswig vortrefflich gepflegt. Aengstige Dich nicht! In zwei bis drei Tagen kämpfe ich wieder mit.“

In kurzer Frist erschien ein dritter Brief folgenden Inhalts:

„Mutter! Der Oberst hat mich im heutigen Tagesbefehl, als Einen der Bravsten, ausdrücklich genannt. Die ganze Armee kennt nun den Namen Deines Sohnes. Sei vergnügt und pflege Dich!“

Endlich kam ein vierter Brief, den die Mutter mit Freudenthränen las, er lautete also:

„Mutter! Gieb mir einen Kuß und noch dazu einen recht herzhaften, denn ich bin Deiner Liebe werth! Der commandirende General, unser lieber Vater Gablenz, hat mir diesen Morgen mit eigenen Händen das Ehrenkreuz angeheftet. Du wirst in diesenn Briefe ein kleines Stück schwarzgelbes Band finden ., . muß ich nicht Alles mit Dir theilen. Du liebe, gute, alte Mutter!“

Die alte gute Frau fühlte sich nach Empfang des letzten Briefes ihres Sohnes sehr schwach. Die große unerwartete Freude griff ihren von mancherlei Sorgen ohnehin schon erschütterten Körper sehr an, und sie erwartete ruhig, fromm und glaubensvoll ihr letztes Stündlein. Denen, die ihr Bett weinend umstanden, sagte sie mit ihrer sanften Stimme: „Das Einzige, was mir den Tod ein wenig erschwert, ist, daß ich mich von meinem armen Kinde trennen muß.“

Bald darauf starb sie. Ein wehmüthiges Lächeln umspielte ihren Mund, ein letzter Seufzer entrang sich ihrer Brust, und – die gute, alte Frau war bei Gott! Dort oben aber erwartete sie eine große, unaussprechliche Freude, denn sie fand ja den geliebten Sohn, der ihr bereits vorangeeilt war. Die Ereignisse nämlich, die er in seinen letzten Briefen an die alte Mutter berichtet, hatten sich alle an einem und demselben Tage bei Oberselk zugetragen, er hatte gefochten, war verwundet und mit dem Ehrenkreuz geschmückt worden, Alles dies an dem nämlichen Tage. Aber am Abend war er an seiner Wunde gestorben. Vor seinem Tode noch hatte er die kurzen Briefe geschrieben und einen Freund gebeten, dieselben von Woche zu Woche seiner Mutter zukommen zu lassen, weil er fühlte, daß die alte Frau die Nachricht seines Todes nicht würde ertragen haben. Der Freund hatte den letzten Wunsch des Sterbenden treu und heilig erfüllt, und so war der alten, guten Frau der große Schmerz erspart worden. Der Sohn erwartete die Mutter im Himmel – sicherlich, lieber Leser! Denn ich glaube nicht, daß Gott, der Herr, ihm seine liebevolle Lüge wird zur Sünde angerechnet haben.
F. D. P. 




Eine freiwillige deutsche Feuerwehr in Smyrna. In Nr. 10 der Gartenl. von 1864 wird die „brennende Frage“ des Löschens in einer so verständigen und zugleich praktischen Weise besprochen, daß ich es mir nicht versagen kann, Ihnen zur Ergänzung jener Darstellungen einen kleinen Beitrag über Entstehung und Entwickelung deutscher Feuerwehrorganisationen in der Fremde mitzutheilen.

Was der selige Heinrich Heine einst dem Hamburger Senat gerathen, daß er sich gute Gesetze und gute Feuerspritzen anschaffe, ist natürlich in noch höherem Maße und bei weitem dringender den türkischen Behörden zu empfehlen. Noch hat sich der vermeintliche Verjüngungsproceß, in dem sich die Türkei nach der Ansicht beschränkter Türkenfreunde befinden soll, bis auf die Verbesserung des Löschwesens nicht verstiegen; indeß mit der Zeit pflückt man Rosen, und was nicht jetzt geschieht, kann ja nach einem Menschenalter der möglichen Verwirklichung näher geführt werden. Nur muß man den Fortschritt hierlands nicht beeilen wollen; denn die Türken können mit ihren schlotterigen Beinen einem europäischen, culturbeflügelten Menschenkinde nicht so rasch nachfolgen. Wozu wären aber auch dem Fatalismus gute Feuerspritzen nütze? Wenn es im Buche des Schicksals verzeichnet ist, daß einem das Haus über dem Kopfe zusammenbrennen muß, so ist es eben eine jener höheren Fügungen, deren sichtbares Hervortreten durch keine menschliche Einwirkung geschwächt werden darf. So eigenthümlich dies auch den Weisen im Abendlands erscheinen mag, so unleugbar ist’s jedoch, daß der mehr als patriarchalische Zustand des türkischen Löschwesens diesen Voraussetzungen vollkommen entspricht.

Nachdem die deutsche und deutsch-schweizerische Colonie in Smyrna etwa seit einem Lustrum namentlich an jüngeren Mitgliedern einen erheblichen Zuwachs gewonnen, kam der Gedanke allgemach zum entschiedenen Ausdruck, daß die Organisation einer deutschen Feuerwehr nach vaterländischem Vorbild nicht mehr länger hinausgeschoben werden dürfe. Da das preußische Consulat die ihm zugehörige Spritze der Gesellschaft bereitwilligst zur Verfügung stellte, war mit Rücksicht auf den Kostenpunkt die Hauptschwierigkeit überwunden. Was besagte Feuerspritze betrifft, so wird die Bemerkung genügen, daß sie aus der weitberühmten Metz’schen Fabrik in Heidelberg hervorgegangen ist und auf einer der Gewerbeausstellungen in Karlsruhe den ersten Preis davon getragen hat. Die Organisation ging rasch von statten, die Anwerbung und Disqiplinirung von Hülfsmannschaften ward auch nicht verzögert. Als das blondgelockte Deutschthum zum ersten Male in Helm und Blouse durch die belebtesten Straßen auf den Uebungsplatz zog, da schlugen die selbstgefälligen Levantiner ob dieser Neuerung die Hände über den Kopf zusammen; denn das hatte man hier noch nicht erlebt, daß Leute aus dem ehrenwerthen Kaufmannsstande sich mit Helm und Blouse schmückten, einzig und allein in der abenteuerlichen Absicht, erforderlichen Falls ihren Mitmenschen unentgeltlich zu dienen. Der Spott war jedoch zu wohlfeil, als daß er lange hätte andauern können; er machte nachgerade einem Gefühle Platz, das an rege Theilnahme, um nicht zu sagen Bewunderung, streift. In einem Lande, wo nur zu oft die Feuersbrünste einen verheerenden Charakter annehmen, fehlt es einer wohlorganisirten Feuerwehr nicht an Gelegenheit, ihre Tüchtigkeit zu erproben. Beim letzten großen Feuer im Januar d. J. hatte man es lediglich den Anstrengungen und der unverdrossenen Energie der deutschen Feuerwehr zu verdanken, daß das Frankenquartier von dem furchtbaren, züngelnden Element verschont geblieben. Es ist dies eine Thatsache, welche durch öffentliche und Privat-Anerkennungsschreiben außer allem Zweifel gestellt ist. So hat denn das junge Institut während der kurzen Zeit seines Bestehens trotz Naserümpfen, Unverstand und Scheelsucht sich die allgemeinste Achtung errungen, eine Achtung, die um so bedeutsamer in’s Gewicht fällt, als die eingeborene Bevölkerung mit der Würdigung fremden Verdienstes nicht allzu verschwenderisch zu sein pflegt.

Smyrna.
Wilhelm Fürst. 




Eine wundersame Bequemlichkeit. „Neue Bequemlichkeit zur Leichenverbrennung“, so heißt die Ueberschrift einer Ankündigung, die wir in einem uns aus Calcutta eingesandten Blatte lesen und als eine interessante neue Illustration des alten Dictums „Ländlich – sittlich“ wörtlich mittheilen.

„Um der Hindugemeinde Uebervortheilung und Weiterungen von Seiten der alten calcuttischen Holzhändler zu ersparen, macht Issur Schander Bus, ein angesehener Hindu, hierdurch bekannt, daß er dicht neben der großen Verbrennungsstätte von Nimtulah ein Stück Kronland gepachtet und darauf einen geräumigen mit Ziegeln gedeckten Schuppen zur Bequemlichkeit von einzelnen Personen und Familien errichtet hat, die sich desselben zur Verbrennung ihrer verschiedenen Angehörigen (der Leichen derselben nämlich) bedienen wollen. Die Preise sind für die Verbrennung folgendermaßen festgestellt worden: Für die reichen Hindus 3 Rupien (eine Rupie ist ungefähr 20 Ngr.), für die Mittelclassen 21/2 Rupien, für die Armen 2 Rupien, für die sehr Armen 11/2 Rupien.“ Zum Schluß warnt Issur Schonder Bus die ärmeren Classen seiner Landsleute noch einmal, sich vor jenen alten Schuften, den Holzhändlern, zu hüten, und garantirt, daß es Niemand bereuen werde, sich der neuen Verbrennungsbequemlichkeit bedient zu haben.




Der „Inhalationsapparat des Dr. Spengler in Ems,“ welcher in Nr. 17 der Gartenlaube als der vorzüglichste bezeichnet worden ist, wird von sehr vielen und kompetenten Autoritäten als durchaus unzweckmäßig erklärt. Auch haben die vielfach ungünstigen, im besten Falle nicht nachtheiligen Resultate der Anwendung des Apparates bereits seit Jahren sämmtliche Aerzte in Ems dahin gebracht, denselben in keinem Falle mehr anzuwenden und einstimmig bei ihrer Behörde gegen denselben zu protestiren. –

Die Redaction der Gartenlaube hält sich für verpflichtet, dies der Wahrheit zur Ehre ihren Lesern mitzutheilen.


Kleiner Briefkasten.



Z. M– ck im Lager von Morris Island bei Charleston in Süd-Carolina. Das eingesandte neue amerikanische Papiergeld ist in seinem bunten Gewande Allen, die es sahen, als eine charakteristische Zeiterscheinung interessant gewesen. Haben Sie besten Dank dafür! Freilich bleibt zu bezweifeln, ob der Zweck damit erreicht werden kann, den Sie in Vorschlag bringen. – Die erwähnten Bücher beziehen Sie vortheilhafter von den Buchhandlungen Westermann oder Schmidt in New-York, als wenn sie Ihnen direct von hier aus zugeschickt würden. Der Wunsch endlich, welchen Sie am Schlusse Ihres liebenswürdigen Briefes aussprechen, wird sich, Sie werden sich die Gründe wohl selber erklären, schicklicher Weise doch wohl nicht erfüllen lassen.

A. Z. Leider trägt der Ring nicht die Inschrift, die Sie anführen. Sie müssen sich also Ihren Wunsch versagen, wenn Sie dem Patriotismus nicht gleiche Rechte einräumen wollen wie anderen Empfindungen und Gesinnungen.