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Textdaten
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Autor: G. Seifert
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Titel: Aerztliche Winke für Badegäste
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 17, S. 263–265
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1864
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[263]
Aerztliche Winke für Badegäste.
Zur Beherzigung für die herannahende Curzeit.

Das Frühjahr kommt, und wieder werden Tausende von Menschen, wie alljährlich, in die verschiedensten Bäder wandern, um die Heilung ihrer Leiden zu suchen, welche sie in der Heimath nicht fanden. Viele der armen Kranken kehren mit getäuschter Erwartung zurück, die Einen, weil sie mit falschen Hoffnungen hingingen, die Anderen, weil sie die Cur nicht zu brauchen verstanden. Das Letztere [264] mag auffällig scheinen; denn Jeder meint, bei der großen Zahl von Badeschriften, Badeführern und Badediätetiken sei es leicht sich zu belehren. Diese Belehrung ist gewiß sehr nothwendig und nützlich – nichtsdestoweniger aber ungenügend, und es läuft der Kranke noch Gefahren, welche in jenen Büchern nicht beschrieben stehen. Es sind dies die Gefahren, die dem Kranken durch mangelhafte technische Einrichtungen an den Badeorten, schlendrianmäßiges Baden und lässige Badeverwaltungen drohen.

Dem jüngeren Curgaste bleiben derlei Mißstände gewöhnlich verborgen, der Badeveteran hat ihre Kenntniß oft mit Opfern an Gesundheit und Geld erkauft. Wir wollen jetzt einmal auf Grund eigner vielfältiger Anschauung und Prüfung versuchen, diese Gefahren kurz darzulegen. Viele lassen sich hier nur andeuten, die wenigsten so vollständig besprechen, wie es nothwendig wäre – wir hoffen aber dennoch Diesem und Jenem ein nützlicher Wegweiser werden zu können.

Wir beginnen mit den Gefahren, welche für die Kranken aus mangelhaften technischen Einrichtungen in den Bädern entstehen. So glänzend die meisten Beschreibungen und Berichte klingen, welche die Badeverwaltungen über die letzte „Saison“ und die neuen verbesserten Einrichtungen veröffentlichen, so selten sieht der aufmerksamere Beobachter seine gerechten Erwartungen erfüllt. Welchen zahlreichen augenfälligen Mängeln begegnen wir selbst noch in den ersten Badeorten Europas! Da finden wir in gar vielen noch alte Badehäuser mit halbunterirdischen Badezimmern, in welche Luft und Licht nur spärlich dringen, wo beständig eine naßkalte, modrige Atmosphäre lagert und das Mauerwerk nie austrocknet. Gewöhnlich fehlt es da an jedem Comfort, ja der Kranke entbehrt des nothwendigsten Schutzes – es giebt keine geheizten Wartezimmer, keinen Abschluß vor Zugwinden. Vielfältig finden sich auch noch zu kurze, zu schmale oder zu hohe Badewannen; das Material derselben ist häufig durchlässig oder kältet; die Stufen bei eingelassenen Wannen sind schlüpfrig; die Wasserhähne laufen. Sehr zu rügen ist, daß man an einzelnen Badeorten das heiße Wasser noch ohne Ansatzrohr einströmen läßt, wodurch sich das ganze Cabinet mit beklemmenden Wasserdämpfen füllt, für deren Abzug selten Fürsorge getroffen ist. Dabei ist die Zahl der Badecabinete, zumal in den besuchtesten Badeorten, noch so unzureichend, daß die Kranken während des größten Theiles der Saison genöthigt sind zu den unpassendsten Stunden zu baden, ja häufig die zugemessene Badezeit über Gebühr eingeschränkt werden muß. Nur selten findet sich die nöthige Badebedienung, sodaß es deshalb für dieselbe gradezu unmöglich wird, die Bäder mit dem Zeitaufwand und der Umsicht zu bereiten, welche die Herstellung eines Bades von vorschriftsmäßiger Mischung und Temperatur erfordert.

Die Nachtheile, welche den Kranken schon hieraus erwachsen, sind naheliegend. Was nützen die sorgfältigsten ärztlichen Vorschriften gegenüber solchen Mängeln? Lassen sich bei einiger Umsicht auch dieser und jener überwinden, so ist es unmöglich alle zu vermeiden. Dein Arzt hat Dir z. B. gesagt, Du sollst Deine Sool- oder Stahlbäder allmählich kühler nehmen und bei den kühleren Bädern Dich mehr bewegen. Du bist so vorsichtig selbst Dein Bad mit nachzumessen und erreichst wirklich eine allmähliche Abstufung der Temperatur, wie wird es Dir aber möglich sein, Dich in einer kurzen und schmalen Wanne zu bewegen? – Noch drohen andere Gefahren, welche ihren Grund in der Unwissenheit des Badepersonales, der mangelhaften ärztlichen Instructiou und Ueberwachung desselben haben. So pflegte in einem weltberühmten Soolbade die Bademeisterin ohne specielle ärztliche Vorschrift dem Bade an jedem dritten Tage fünf Maß Soole mehr zuzusetzen, so daß der Kranke binnen Kurzem mit einem Zusatze von dreißig Maß Soole und mehr badete. Nun regen bekanntlich starke und warme Soolbäder sehr auf, und so bleibt dem Kranken sein verändertes Befinden gänzlich unerklärt, wenn er nicht vielleicht zufällig den Grund erfährt. Es ist das ein Stück des Badeschlendrians, welcher das ärgste Gift des Curlebens ist und welchem kein Badegast ganz entfliehen kann. Zu allen Bädern herrscht ein gewisser Badestyl, die Bäder werden nach einer gewissen Regel verstärkt, man verlängert seinen Aufenthalt in denselben stylmäßig, man badet gewissenhaft die Zahl der achtundzwanzig Bäder ab. Das klingt recht vernünftig und doch hat es seine großen Gefahren. Der Schlendrian ist der geborne Feind jeder Beobachtung, jeder Rücksicht auf eine Verschiedenheit der Individualität und des Krankheitscharaktcrs. Es ist ein arger Irrthum vieler Kranker, daß sie blind diesem Herkommen folgen. Die Badeweise hat sich dem Krankheitscharakter unserer Zeit anzupassen, nicht umgekehrt.

Kommen wir jetzt zu einem andern Uebelstande, wir meinen die Unsitte der sogenannten Hausbäder, welche sich noch in den bedeutendsten Bädern findet. Man verabreicht Bäder in der Mehrzahl der Privatwohnungen, theilweise eine natürliche Folge der mangelhaften Einrichtung der öffentlichen Badeanstalten. Solche Bäder entziehen sich jeder ärztlichen Controle und bieten keinerlei Gewähr einer richtigen Bereitung, abgesehen von der gewöhnlichen Mangelhaftigkeit der dazu verwendeten Locale.

Die Einrichtung der Dampfbadeanstalten ist gleichfalls an vielen Orten höchst primitiv.

Von größter Wichtigkeit in der neuen Badetherapie sind die Einathmungen. Ein so vorzügliches Heilmittel diese in zahlreichen Krankheitsfällen sind, so finden sich hinsichtlich solcher Inhalationen die widersinnigsten Einrichtungen und drohen den Kranken die größten Gefahren. Beginnen wir mit den Einathmungen in den sogenannten Dunstbädern. Ein derartiges Dunstbad sahen wir an einem sehr besuchten Soolbade aus einem kleinem Cabinet bestehen, in welches die Sooldünste – hauptsächlich Wasserdämpfe mit Beimengung von Salzsäure, Brom (?) und Salmiakdämpfen – aus einem hölzernen Schlot, durch welchen sie vom Sudhause herbeigeleitet wurden, einströmten. Die Temperatur der einströmenden Dünste betrug bei unserer Messung + 35° R. An diesen Schloten, welche mit einer Art Mundstück versehen sind, athmen die Kranken ein. Man kann aber nicht genug besonders Brustkranke vor solchen gefährlichen Versuchen warnen: die unausbleiblichen Folgen sind heftiger Blutzudrang zu den Lungen und dem Gehirn. Auch die Promenaden in den Salzdörrsälen der Sudhäuser erheischen große Vorsicht. Man folgt gewöhnlich dem Arbeiter, welcher das Salz auf der Dörre umrührt, um den sich hierbei entwickelnden durch die Zersetzung der Chlormagnesia stark chlorhaltigen Salzdunst einzuathmen. Wir fanden die Temperatur dieses Dunstes + 32° R. Wenn man nun bedenkt, daß die Kranken hier in der gewöhnlichen Bekleidung umherwandeln, die Temperatur an diesen Dörren bei heißen Tagen oft auf 40° R. steigt, so ist es leicht erklärlich, wenn Patienten bei diesen Promenaden von Lungenblutungen befallen wurden, wie uns mehrfach versichert ward. Diese Einathmungen, denen eine wichtige Einwirkung auf den Organismus nicht abzusprechen ist, wären nur dann zu gestatten, sobald die betreffenden Badedirectionen dafür Sorge trügen, daß die Kranken, gleich den Salinenarbeitern, auf das Leichteste bekleidet, daß also bestimmte Stunden für Herren und Damen angeordnet wären, daß durch eine Ventilalionsvorrichtung die Temperatur dieser Räume nach Bedürfniß ermäßigt werden könnte und daß endlich durch zweckmäßig angelegte Wartezimmer für einen allmählichen Uebergang der äußeren und inneren Temperaturverhältnisse gesorgt und der Comfort der Kranken durch Aufstellung von Stühlen und Sophas in den Sudräumen berücksichtigt wäre.

In neuester Zeit fängt man vielfach an, nach dem Muster der Inhalationssäle in den Pyrenäenbädern (zuerst 1856 in Pierrefonds) Säle für Einathmung zerstäubter Mineralwässer einzurichten. Diese Methode ist jedenfalls viel richtiger, weil hierbei keine Zersetzung der Mineralwasserbestandtheile stattfindet. Auch dies erfordert jedoch Vorsicht und eine gewisse Kunst. Während die Kranken bei den meisten Dunsteinathmungen die Gefahr laufen, sich durch eine zu hohe Temperatur des eingeathmeten Dunstes zu schaden, fällt man hier gewöhnlich in den entgegengesetzten Fehler, zu kalt einzuathmen. Letzteres ist ebenso schädlich, als Ersteres, indem es die Schleimhaut der Respirationsorgane reizt und den Katarrh vermehrt, welchen es beseitigen soll. Das haben alle Brustkranken, besonders Tuberculöse, zu beherzigen! Es ist unglaublich, mit welchem Leichtsinn oft Kranke hierin verfahren. Man sieht sie sich nach einem Spaziergang erhitzt vor den Inhalationsapparat stellen, halb einathmen, halb schwatzen u. s. w. Wir geben deshalb auf Grund einer vielfachen Erfahrung die wichtigsten praktischen Regeln[1]: Der Kranke, welcher Einathmungen mit Nutzen gebrauchen will, prüfe sein Befinden jedesmal vorher sorgfältig. Körperliche, geistige oder gemüthliche Aufregungen dürfen nicht vorhergegangen sein, der Organismus muß sich in dem Zustande der möglichsten Ruhe befinden. Keine engen Kleidungsstücke, insbesondere keine [265] Halsbinden und Corsets, dürfen den Blutkreislauf hemmen, während die Kleidung im Allgemeinen der Temperatur entsprechen muß. Der Kranke setze sich bequem vor den Einathmungsapparat, er darf weder den Hals strecken müssen, noch darf seine ganze Stellung ihn leicht ermüden. Ist nun der Kranke in keiner Weise aufgeregt, erhitzt oder beengt, so beginne er einzuathmen und achte zunächst auf das Gefühl, welches der eingeathmete Wasserstaub erregt. Der Eindruck dieses Staubes darf weder vorwiegend warm noch kühl sein, derselbe muß angenehm berühren, dann hat er die richtige Temperatur. Um den Staub wirklich in die Luftwege einzuführen, öffne der Kranke den Mund so weit als möglich und halte sich die platt herausgestreckte Zunge mit seinem Taschentuchs fest. Dann athme er langsam und tief ein und ebenso aus, nach einigen Athemzügen pausire er, um dann in derselben Weise fortzufahren. Kein Kranker athme anfangs länger als zehn Minuten ein und nur zweimal des Tages; bei längerer Gewöhnung darf er täglich drei bis viermal je zehn Minuten einathmen. In einer Sitzung länger als zehn bis höchstens fünfzehn Minuten einzuathmen, ist durchaus nicht räthlich, wir sahen davon nur Nachtheil. Während des Einathmens hat sich der Kranke alles Sprechens streng zu enthalten und nach beendigter Sitzung jede Verkühlung zu meiden. Dieselben Grundsätze gelten auch bei dem Gebrauch der jetzt viel verbreiteten tragbaren Arzneimittelzerstäuber, der sogenannten Pulverisateurs.

An die Einathmungen zerstäubter Wässer schließen sich die Einathmungen von Gasarten, besonders Kohlensäure, Stickstoff und Schwefelwasserstoff. Sobald diese Gasarten nicht als besondere Gasquellen der Erde entströmen und sich sofort in eigene Cabinete leiten und zu Gasbädern und Gasdouchen verwenden lassen, erfolgt die Entbindung derselben aus den Mineralquellen am zweckmäßigsten auf dem Wege der mechanischen Zerstäubung der Mineralwässer. Es kann nun das entbundene Gas für sich als sogenanntes trockenes Gas oder mit beigemengtem Wasserstaub als feuchtes Gas eingeathmet werden. Beides geschieht vielfach. Die Einathmungen des trockenen Gases in den sogenannten Gascabineten scheinen uns am wenigsten wirksam. Das Gas hat sich schon mit atmosphärischer Luft verdünnt, ehe es ausströmt. Die Hauptsache ist das Gas im Augenblicke seines Entstehens einzuathmen. Diesen Zweck erfüllt am vollkommensten der Apparat des Dr. Spengler in Ems, wovon sich Jeder leicht überzeugen kann und was zur Nachachtung hier bemerkt sei. Einathmungen von feuchtem Gas erfolgen jetzt am besten mittels der neueren Zerstäubungsapparate, und es gelten hierfür die obigen Vorsichtsmaßregeln. Gröbere Zerstäubungsvorrichtungen finden sich noch in verschiedenen deutschen Schwefelbädern, sie beruhen im Wesentlichen auf demselben Principe, wie die neueren Apparate. Nicht genug erinnern können wir, daß man diese Inhalationssäle mit Doppelthüren und Doppelfenstern und geschlossenen Vorzimmern versehe. Es ist besser, es hat ein Badeort keinen Inhalationssaal, als einen schlechten.

Noch ist endlich hier der Einathmungen an den Gradirhäusern zu gedenken. Dieselben sind oft so frei und zugig gelegen, daß deren Besuch nur an sehr schönen und windstillen Tagen gerathen ist. Häufig fehlen noch an denselben Ruhesitze für die Kranken.

Auch die Trinkeinrichtungen bieten Uebelstände. In vielen Bädern ist die Schöpfmethode mangelhaft und unappetitlich – wir empfehlen die Einführung des Hebeapparates am Kreuz- und am Ferdinandsbrunnen in Marienbad; – die Schenkmädchen sind nicht sauber genug gekleidet; die Spülung der Gläser ist besonders bei großem Zudrang an den Quellen mangelhaft, das Bechermaß ungleich. Zugfreie, gutgedeckte Trinkcolonnaden fehlen noch an vielen Orten.

Die Kräutersäfte sollten nur von den Apothekern bereitet werden, da nur dann einige Gewähr dafür geleistet ist, daß die richtigen Kräuter gesammelt und in zweckmäßiger Weise ausgepreßt werden.

In der Molkenbereitung ist die Zulassung der Concurrenz nicht statthaft, es ist Sache der Badeverwaltung, für die gute Bereitung derselben unter ärztlicher Controle Sorge zu tragen.

Wir schließen hiermit – der Gegenstand ist zu umfassend, als daß wir hier mehr als Bruchstücke geben können. Absichtlich haben wir keinen Ort, in welchem sich die besprochenen Mängel finden, genannt; wir wollen Niemand verletzen und Niemand gegen dieses oder jenes Bad einnehmen. Wer sich getroffen fühlt, möge dahin wirken, daß mangelhafte Einrichtungen den Anforderungen der Wissenschaft und den Bedürfnissen der Kranken gemäß umgestaltet werden! Diese Fortschritte werden sich nur dann sicher erzielen lassen, wenn die Badeverwaltungen der Stimme der Aerzte den entscheidenden Einfluß gestatten, welcher denselben in diesem Punkte gebührt, und wenn das Publicum selbst, als leidender und zahlender Theil, seine gerechten Forderungen dabei geltend macht.

G. Seifert. 

  1. Es wäre jedenfalls zweckmäßig, gedruckte Verhaltungsregeln in den Inhalationssälen anzuschlagen.