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Textdaten
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Autor: Ernst Keil
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Titel: Briefkasten
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aus: Die Gartenlaube, Heft 16, S. 255–256
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1864
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[255]
Briefkasten.[1]


M. in M. Ein tiefer Schmerz geht durch Ihre Zeilen, mein armes Fräulein, und die Thränen, unter denen Sie den Brief schrieben, werden nach alledem, was Sie mir mittheilen, nicht die letzten sein, die Ihnen Ihr Herzenskummer auspreßt. In Ihrem Leid wenden Sie sich an mich, als ob ich Ihnen Hülfe oder doch Trost senden könnte! Wer hat für diese Wunden noch den rechten Balsam entdeckt? Wie heiß auch Ihre Herzen ineinanderflammten und wie sehr es Sie zu ihm hinzog, Sie haben sich eben nicht verstanden, und erst als die Hand den Abschiedsgruß winkte, erkannten Sie, wie unendlich theuer Ihnen der Mann war und wie kalt und liebelos fortan Ihre Lebenszukunft vor Ihnen liegt. Es ist die alte Geschichte, die der Dichter so wahr und schön in den einfachen Worten schildert:

O frage nicht, wer sich vergangen,
Ob ich die Schuld, ob Du sie trägst;
Was hilft’s, wenn welk die Kränze hangen,
Daß Du nach jeder Blüthe frägst.
Wir sind uns kalt und fremd geworden,
Das Segel winkt, die See geht hohl,
Nach Süden ich und Du nach Norden,
Verlornes Herz, leb wohl! leb wohl!


R. in N. An Ihren Folgerungen ist nur das Eine auszusetzen, daß die letzte Frage – nach der Kraft zur Regierung der Flügel – darin doch eine offene bleibt. Sobald Sie dieselbe in der Art beantworten, daß Sie mit Ihrem Apparat wirklich geflogen sind, werde ich mit dem größten Vergnügen dem Publicum Mittheilung machen.


L. in B. Urtheilen Sie nicht zu schnell. Ich will den mir geschilderten Mann nicht vertheidigen oder seine jähe Umwandlung gutheißen – wer könnte das auch – aber der Fluch des Lebens drückt oft überwältigend schwer auf das Haupt des Einzelnen und zwingt uns zu entschuldigen, wo wir nicht vertheidigen können. Erlauben Sie mir Ihnen eine kleine Geschichte zu erzählen.

Vor Kurzem traf ich wieder mit einem Freunde zusammen, den ich seit fünfzehn Jahren nicht gesehen. Damals kannte ich ihn als einen begeisterten Vorkämpfer der Volkssache, als einen unserer gewiegtesten Publicisten und als den besten Redner, der mit überzeugender Kraft alle Gegner der Freiheit zur Umkehr hinriß. Er that es ohne Eitelkeit und ohne persönlichen Vortheil – aus inniger Liebe für die Heiligkeit der Sache, für deren Rettung er, selbst noch in den Zeiten der hereinbrechenden Sündfluth, Alles [256] wagte. Jetzt wurde er mir als die rechte Hand des Ministers bezeichnet, als die feinste und, wie man begütigend hinzusetzte, auch die anständigste Feder der Reaction. Seit fünfzehn Jahren, wie gesagt, hatten wir uns aus den Augen verloren und keine Zeile gewechselt, nun stand ich dem politischen Gegner gegenüber und sprach nach langer Zeit zum ersten Male wieder mit ihm – allein auf seiner Stube.

Ich werde diese verlegenen Mienen, diese ängstlichen Gebehrden des sonst so gewandten Mannes, dieses Haschen nach lebhafter Unterhaltung niemals vergessen. Er kam mir mit der alten Liebe und Herzlichkeit entgegen, und die Erinnerung an jene Zeit schien ihn mit Freude zu erfüllen, aber schon nach einer halben Stunde ward unser Gespräch stiller, der Arme suchte sichtlich nach Stoff, um etwaigen Erörterungen vorzubeugen, und schwieg endlich ganz, als ich auf seine jetzige Stellung überging. Was ich ihm zu sagen hatte, war wenig, und ich that es mit Schonung und ohne Vorwürfe. „Sie sind nicht glücklich, lieber Herr,““ sagte ich schließlich.

Er sah mich lange mit großen Blicken an. Plötzlich stürzten Thränen aus seinen Augen, er bedeckte sein Gesicht mit beiden Händen und weinte bitterlich. Niemand sprach ein Wort.

„Ja, Herr,“ sagte er endlich und im Tone seiner Stimme lag eine unendliche Wehmuth und Bitterkeit, „ja, ich bin sehr unglücklich. Sie wissen nicht, welche qualvollen Stunden, welche schlaflosen Nächte mich dieser Entschluß gekostet hat, und wie ich ihn endlich nur gefaßt, als mir nichts als das Elend der Meinen oder eine Kugel übrig blieb. Fünf Kinder und kein Brod – Sie kennen das nicht … es thut sehr wehe! Ich müßte Ihnen erzählen, wie ich, durch meine Betheiligung an den 48er Ereignissen aus aller Carrière gerissen, umsonst an allen Thüren und Thoren nach Arbeit klopfte und, überall abgewiesen, an dem Sarge aller meiner Hoffnungen, am Rande der Verzweiflung stand, ohne einen Ausweg, eine rettende Hand zu finden. Ich müßte Ihnen weiter auseinandersetzen,“ fuhr er fort und seine Stimme zitterte vor Erregung, „wie dem Parteimann von 1848 mit höhnischem Achselzucken überall der Rücken gekehrt und die bittersten Vorwürfe nachgerufen wurden, wie ich gebettelt um Beschäftigung und mich zu den niedrigsten Handarbeiten gedemüthigt …. es ist ein bitteres Stückchen Brod, lieber Herr, Jahr aus Jahr ein gegen seine Ueberzeugung zu schreiben, aber ich nahm es um meiner armen Kinder willen – sehr lieber, guter Kinder – und jetzt bin ich unglücklich, aber meine Kinder sind gerettet…

Es kann mir nicht einfallen die Handlungsweise des armen Mannes zu vertheidigen, diesem Jammer gegenüber aber hatte ich keine Worte und bin schweigend gegangen. Hinter Austern und Champagner und mitten im Taumel des Glückes ist es sehr leicht den Stab über einen Unglücklichen zu brechen, der meist ohne Vertheidigung zu Boden getreten wird. Der Hunger eines Kindes aber wiegt so schwer in den Handlungen eines Vaters, daß kein Dritter das Recht hat, ein endgültiges Urtheil darüber zu sprechen.


G. M–y in Paranaguà (Brasilien, Provinz Parana). Es ist mir gewiß erfreulich, daß man auch in so fernen transatlantischen Landen die Gartenlaube eifrig liest und werth hält, aber das hohe Porto Ihres Briefes ist wenigcr erfreulich, zumal Ihr überschwenglicher Panegyricus aus Mr. John Bull, von dem wir hier in Deutschland jetzt ein anderes Lied zu singen wissen, zur Reise in den Papierkorb verdammt ist.


F. L. in B. Lassen Sie uns nicht näher auf dieses Parteiwesen eingehen. Der Leipziger Dichter O. zeichnete neulich diesen unglückseligen Zustand sehr richtig:

Großdeutsch, kleindeutsch ist gleich zu unterscheiden:
Germania hängt am Kreuze zwischen Beiden!


R. R. in … s. Ihre Erzählung zeugt von Talent und einem warmen, begeisterungsfähigen Herzen, ist aber zum Abdruck doch noch zu jugendlich.


K. in G. Sie spötteln über die Turnerei und fragen höhnisch nach den geträumtnn Erfolgen des Leipziger Turnfestes. In den Büchern der Geschichte werden allerdings bestimmte Thatsachen als Erfolge dieses Festes nicht brilliren, aber Niemand kann an den stillen Nachwirkungen eines Festes zweifeln, der die Vereinigung einer so großen Anzahl der besten Männer des Vaterlandes zu einem gemeinsamen Zwecke und die wahrhaft überwältigende Begeisterung in allen Schichten der Bevölkerung gesehen hat. Ob unser Fest nach außen und innen gewirkt hat, mag Ihnen im Kleinen der nachfolgende Brief beweisen, den der Schreiber dieses Briefkastens kurz nach Beendigung des Festes von einer ihm unbekannten Dame aus Brandenburg empfing:

„Als mein lieber Alter heimkehrte vom Leipziger Turnfeste,“’ schreibt die Dame, „angefüllt von Eindrücken so mächtig, wie nie zuvor, da ergriff es auch mich in meinem tiefinnersten Wesen. Die Bedeutung einer Vereinigung so vieler tüchtiggesinnter Menschen wurde mir klar, und die Gedanken eilten zu den Männern, welche eine solche Vereinigung hervorzurufen und zu leiten wußten. Wenn ich diesem meinem innersten Denken nur zu Ihnen Ausdruck gebe, dessen Name uns in unserem Lieblingsblatt [2] so oft vor Augen tritt, so zürnen Sie mir wohl nicht. War es doch Ihr Blatt, dessen warme Schilderungen meinen Gatten und so viele Andere nach dort gezogen; übrigens ist es lediglich Schuld des Turnfestes und meines guten Alten, daß ich so schreibselig zu Ihnen eile, da der Letztere im Eifer gleich zu dem Sammelplatz der Intelligenz, auf Deutsch: in die Bierstube geeilt ist, um seine Eindrücke frisch wiederzugeben, mich somit mit meiner Erregung allein gelassen hat. Mögen Sie nun über meinen Einfall lachen oder sich ärgern, diese Zeilen lesen oder in den Papierkorb werfen, gleichviel, mir bleibt doch die Genugthuung, Euch lieben, wackern Männern gesagt zu haben, wie sehr wir Frauen Euer Wirken zu schätzen wissen, wie auch unsere Herzen für Eure Sache glühen.

Ihr treuen Kämpfer für Freiheit und Recht, haltet fest an Eurem Wirken, unbeirrt um die Gunst oder Ungunst der Machthaber; der Segen des Volkes, die Liebe der Mütter Eurer Kindcr geleiten Euch auf Eurer mühevollen Laufbahn. Wie Euch jetzt im frohen Beisammensein Tausende umstehen, so tritt täglich geistig das Heer derer, die mit Euch einer Meinung sind, als moralische Macht zur Seite, und es ersteht ein Geist, frisch, fromm, froh und frei, der sich nicht fortmaßregeln läßt und mit deutscher Zähigkeit abwartet, wo er nicht handelnd eingreifen kann. Diesen Geist zu erwecken, wollen wir Frauen Euch treulich helfen. Wir wollen unsere Söhne erziehen im Geist der Freiheit, damit sie ausbauen lernen das Werk, das Ihr begonnen! Gut Heil!
Eine deutsche Mutter. 

Am–hn in Florenz. Gut gemeint, – aber unklar gedacht und darum unverständlich. Es giebt in der Gegenwart genug zu schaffen; lassen wir die graue Sagenzeit darum in Ruhe.


B. in C. Ueber die Richtigkeit Ihrer Annahme habe ich kein Urtheil. Etwas Erschöpfendes über das Auftreten der Krankheit in Hettstädt, wo sich bekanntlich die Trichinenepidemie in ihrer furchtbarsten Gestalt zeigte, finden Sie in der so eben erschienenen Schrift eines dortigen Arztes: Rupprecht, die Trichinenkrankheit. Nach der Mittheilung dieses Herrn erkrankten dort und wurden von ihm behandelt 103 Personen und zwar 11 nach dem Genusse von Rohfleisch, 9 nach Knackwurst, 23 nach Röstwurst, 7 nach Bratwurst und Fleischklößchen, 14 nach Schwartenwurst, 1 nach Blutwurst, nach Schweinebraten, 8 nach gekochtem Fleisch, 2 nach trichinisirtem Rindfleisch, 27 nach verschiedenen wiederholten Genüssen. Davon starben 16 Personen. Uebrigens verweise ich Sie auf den vortrefflichen Artikel unseres verehrten Mitarbeiters, Prof. Bock in Nr. 7 unseres Blattes.


Olg. in Ptbg. Sie klagen über die unwahrscheinlichen Entwickelungen vieler Romane und Erzählungen, die Sie nur mit Lächeln und Achselzucken lesen können, und meinen, das wirkliche Leben biete keine derartigen Ueberraschungen und romantische Schicksalswechsel. Das ist nur halbwahr. Wir wollcn die Extravaganzen mancher unserer Novellisten nicht vertheidigen, aber das wirkliche Leben bietet so große und reiche Stoffe und zwar Stoffe, die in das Gebiet des Romantischen zu gehören scheinen, daß man nur keck hineinzugreifen braucht, um das schönste Sujet für eine Novelle, für ein Trauer- oder Lustspiel zu finden. Ich will Ihnen heute eine ganz einfache Thatsache aus dem Leben mittheilen und mir dabei nur die Frage erlauben, ob Sie dieses Sujet, wenn Sie es in einer Erzählung künstlerisch ausgesponnen fänden, nicht auch für ein unwahrscheinliches und überromantisches bezeichnen würden.

Der junge Herr v. … , aus einer angesehenen Familie stammend, befand sich im Jahre 18. . als Freiwilliger bei dem in Münster garnisonirenden Husaren-Regimente, als er die Nachricht von dem plötzlichen Tode seines Vaters und zugleich die traurige Kunde erhielt, daß ihm aus dem als bedeutend erwarteten Nachlasse desselben kaum einige hundert Thaler zu Theil werden würden. Diese plötzliche Umwandlung seines Schicksals wirkte um so niederschlagender auf unsern jungen Husaren, als er sich wohl bewußt war, daß er nicht zu denjenigen gehöre, die ihre Jugendzeit so angewandt und sich einen solchen Schatz von Kenntnissen erworben, daß sie der Zukunft ruhig entgegensehen können; die Sorge für seine Zukunft überwog daher fast den Schmerz um den Tod des Vaters.

Nachdem er seinen Abschied erhalten und vergeblich hier und da um eine kleine Stelle angeklopft hatte, wandte er sich endlich entschlossen nach Essen, kaufte sich dort einen kleinen Wagen mit zwei Hunden, und aus dem schmucken Husaren ward ein schwarzer Kohlenfuhrmann. Von früh bis Abends spät fuhr er Kohlen von den Zechen nach der Stadt und verdiente für sich und seine Hunde sein, wenn auch oft recht kärgliches, tägliches Brod. Aber seine Kohlen waren gut, sein Maß reell und die Bestellungen wurden prompt besorgt; so kam es, daß der Kreis seiner Kundschaft sich immer mehr erweiterte. Unter seinen Abnehmern befand sich auch die Familie von H., und die einzige Tochter des Hauses, der das stille, bescheidene Wesen des Kohlenmannes aufgefallen, sorgte stets, daß demselben eine Portion Essen oder ein Butterbrod zu Theil ward, wenn er seine Kohlen abgeliefert hatte. So vergingen Monate, und in die Brust des Jünglings hatte sich unbemerkt neben dem Gefühle der Dankbarkeit auch noch ein anderes eingedrängt, das er aber, seine Lage bedenkend, still bei sich trug. Das junge Mädchen war das einzige Wesen auf der Welt, das an dem Armen Theil zu nehmen schien; was Wunder, wenn er ihr eines Tages seine Schicksale und seine Abstammung anvertraute. Seit dieser Zeit entspann sich zwischen Beiden ein Verhältniß, das um so stärker werden mußte, je geheimer die Liebenden die Gefühle ihres Herzens zu halten gezwungen waren, bis endlich die Tochter den Eltern ihre Neigung mit allen Nebenumständen offenbarte und diese nach einigem Zögern dem Glück des einzigen Kindes nichts mehr in den Weg zu legen versprachen.

Das Kohlenfuhrwerk verschwand und der schwarze Kittel verwandelte sich in die Kleidung eines Gentlemans, deren Träger bald der glückliche Gatte seiner Angebeteten wurde. Das glückliche Ungefähr wollte außerdem, daß reiche Verwandte der jungen Frau zu dem neuen Ehepaare zogen und von diesem treulich gepflegt wurden, wofür es sich bei dem bald erfolgten Tode der Alten als Erbe eines großen Vermögens sah.

Herr von … lebt noch. Das Glück hat ihn ebensowenig stolz gemacht, als das frühere Unglück ihn zu Boden zu drücken vermochte, und gern erzählt er ihn besuchenden Freunden seine Schicksale. Sein Kohlenkittel hängt wohlverwahrt in seinem Zimmer.


  1. Wiederholt bitte ich, alle Briefe für die Redaction an mich zu adressiren, da mir allein die Pflicht der Beantwortung obliegt.
    Ernst Keil. 
  2. Dieses Lieblingsblatt, das selbst von den Gegnern mit Interesse gelesen wurde, ist seit Ende December in Preußen verboten.