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Autor: unbekannt
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Titel: Die Bahnbrecher zum Düppeler Siege
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aus: Die Gartenlaube, Heft 19, S. 292–295
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1864
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Die Kanonen von Krupp
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Die Bahnbrecher zum Düppeler Siege.

Der achtzehnte April hat den deutschen Waffen zu ihren vielen Ruhmeskränzen einen neuen und unverwelklichen gefügt: die Erstürmung der Düppeler Schanzen hat die alte deutsche Tapferkeit und Wehrhaftigkeit vor ganz Europa abermals auf das Glänzendste bewährt und den in London beginnenden Diplomatenkünsten ein schweres Gegengewicht in die Wagschale geworfen. Einzelne Thaten, welche in den Morgenstunden jenes Aprilmontags von preußischen Kriegern verrichtet worden sind, von jungen Kriegern, die im gegenwärtigen Kampfe zum ersten Male im feindlichen Feuer standen, reihen sich dem Leuchtendsten an, was die Kriegsgeschichte aller Zeiten zu verzeichnen hat. Oder wäre, um statt vieler nur ein Beispiel anzuführen, nicht einer der Bravsten der Braven jener Pionnier vom 3. Bataillon? Man stand stürmend vor den Palissaden der zweiten dänischen Schanze, sah aber keine Oeffnung, durch die man einbrechen konnte. Da marschirt der Pionnier zu seinem Lieutenant heran und meldet militärisch: „Herr Lieutenant, ich werde mich aufopfern.“ Kaum gesagt, so ergreift er schon einen Pulversack, nähert sich den Palissaden und steckt die explodirende

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Preußische vierundzwanzigpfündige Batterie Nr. 2 auf Gammelmark.
Originalzeichnung unsers Specialartisten Otto Günther.

[294] Masse mittels glimmenden Schwammes in Brand. Jämmerlich zerfetzt wird der kühne Pionnier nach der einen Seite, die Palissadenwand nach der andern geschleudert, und durch die gemachte Gasse stürmen über den verstümmelten Helden die Colonnen vorwärts.

Auch uns schlägt das Herz in freudigem Stolze, wenn uns jeder Tag noch immer neue Einzelheiten aus jenem Ruhmesmorgen verkündet, und wir stehen nicht an es zu bekennen, – für den Moment einmal allen politischen Hintergedanken und alles Bangen um das Endziel des Kampfes zurückdrängend. Dieser ewig denkwürdige Sieg aber hätte nicht erfochten werden können, wenn nicht das preußische Geschütz monatelang den Weg zum Hurrah des Triumphes gebahnt hätte, jene furchtbaren Kanonen, von denen die dänische Besatzung auf Düppel zu behaupten pflegte, daß sie jeden Tag nur ein einziges Mal geladen und gerichtet würden und dann, ohne weitere Bedienung zu brauchen, bis zum andern Morgen fort feuerten. So regelmäßig geschah Schuß auf Schuß – und so gleichmäßig schlug Geschoß auf Geschoß immer wieder genau in demselben Punkte ein. Nicht zu kurz und nicht zu weit, immer da gerade, wo es die meiste Zerstörung anrichten konnte.

Der Erfolg, der in solch’ überraschender Weise die Vortrefflichkeit der preußischen Geschütze documentirt hat, beschäftigt das allgemeine Interesse so lebhaft, daß wir unsern Lesern einen Dienst zu erweisen glauben, wenn wir ihnen vorerst im Bilde eine Batterie dieser preußischen gezogenen Kanonen vorführen. Es ist in getreuer Wiedergabe die auf Gammelmark, der zweiten dänischen Schanze direct gegenüber, postirte sogenannte vierundzwanzigpfündige Batterie Nr. 2, die dem Feinde so viel zu schaffen gemacht hat.

Parademäßig freilich sieht die Bedienungsmannschaft nicht gerade aus mit ihrer Drellüberjacke über die pulvergeschwärzte Uniform; auch die Männer mit den eigenthümlichen Käppis bekunden, daß wir uns nicht bei einer Revue oder auf einem Manöver befinden: es sind die Krankenträger, welche ihre schmerzlichste Pflicht als wahre Helden der Menschenliebe erfüllen. Vor Allem aber wollen wir die Einrichtung der mörderischen Masse, welche auf die Entfernung einer Viertelmeile noch treffen kann, und ihrer Geschosse etwas näher beschreiben, von denen ein einziges, gut angebracht, genügt, um auf jene Weite ein Schiff zum Sinken zu bringen.

Zunächst das Rohr. In seiner jetzigen Gestalt ist es das Resultat lang fortgesetzter und mit Sachkenntniß geleiteter Versuche. Die wesentlichsten Verbesserungen rühren von dem preußischen Oberstlieutenant Neumann her, welcher namentlich die Wahrendorff’sche nach ihrem eigentlichen Erfinder, einem schwedischen Officier, so genannte Verschlußvorrichtung zweckmäßig umgestaltet hat. Die preußischen Geschütze sind nämlich Hinterladungsgeschütze, das heißt, die Ladung wird nicht von vorn in das Rohr hineingestoßen, sondern der Ladungsraum wird von hinten geöffnet und von hier sogleich Projectil (Granate oder Kartätsche) und Kartusche (Pulverladung) an seinen Platz gelegt. Die Solidität dieses Verschlusses ist von der größten Wichtigkeit.

Je nach dem Zweck sind die Kaliber der gezogenen Geschütze verschieden. Es giebt Sechspfünder, Zwölf- und Vierundzwanzigpfünder; indessen geben diese Bezeichnungen nicht die Schwere der daraus geworfenen Geschosse an, sie rühren vielmehr noch von den älteren glatten Geschützen her. Ein gezogener

06pfünder schießt ein Geschoß von 15 Pfd. – Pulver-Ladung der Kartusche 11/5 Pfd.,
12pfünder schießt ein Geschoß von 30 Pfd. – Pulver-Ladung der Kartusche 21/10 Pfd.,
24pfünder schießt ein Geschoß von 80 Pfd. – Pulver-Ladung der Kartusche 41/5 Pfd.

Außerdem giebt es noch gezogene Vierpfünder, welchen ein Geschoß von neun Pfund entspricht und die ihrer außerordentlichen Leichtigkeit wegen – sie können mit sammt der ganzen Bedienung und Munition von vier Pferden in jeder Gangart gezogen werden – als Versuchsbatterien in Anwendung sind.

Die beiden kleinsten Kaliber (4- und 6pfünder) sind eigentliche Feldgeschütze und werden als solche aus dem feinsten Gußstahl (durch Krupp in Essen) hergestellt. Die 12pfünder und 24pfünder sind nur für den Festungs- und Belagerungskrieg bestimmt und haben Rohre entweder aus Bronze oder aus dem besten Gußeisen. Das Rohr besteht aus zwei Theilen, einem hinteren, inwendig glatten Raume zur Aufnahme des Geschosses und der Kartusche, und dem daran sich schließenden langen, gezogenen Rohre.

Dieser vordere Theil, die eigentliche Seele, ist wie eine Büchse mit Zügen, das heißt mit schraubenförmigen Gängen, Drall, versehen, deren Anzahl und Drehung bei den verschiedenen Kalibern verschieden ist. Sechspfünder haben achtzehn Züge, welche auf ohngefähr sieben Fuß Länge einen ganzen Umlauf machen würden.

Der hintere etwas erweiterte Theil der Seele, der Ladungsraum, wird durch einen genau passenden gußstählernen Kolben, der sich ein- und ausschieben läßt, verschlossen. Um den Kern unverrückbar befestigen zu können, ist er der Quere nach durchbohrt, und diesem Querloch entsprechen zwei Löcher in der Geschützwandung. Wenn der Verschlußkolben nun eingeschoben ist, steckt man von außen einen genau passenden Quercylinder vor, und dieser hindert jede Weichung. Damit nun aber nach hinten zu gar kein Pulvergas entweichen kann, hat der Verschlußkolben noch einen Preßspahnboden, eine Scheibe aus starker Hanfpappe, welche direct hinter der Pulverkammer liegt und schädliche Einwirkungen der Pulvergase auf den Kolben und Verunreinigung abhält. Außerdem preßt noch eine starke Schraube alle Verschlußtheile dicht zusammen.

Die Manipulation des Ladens besteht demnach in Oeffnen der Schraube, Verschieben des Vorsteckeylinders, Herausziehen des Verschlußkolbens, Einsetzen des Geschosses und der Kartusche, – Kolben, – Vorsteckcylinder, – Schraube und das Geschütz ist zum Richten fertig. Alle fünf Schuß wird das Rohr ausgewischt und eingefettet, nach je 250 Schuß ohngefähr wird mit einer Feile hineingegangen und das Rohr entbleit, was etwa eine Viertelstunde dauert.

Auf sehr scharfsinnige Weise sind die Geschosse eingerichtet, von denen es gewöhnliche Granaten und Kartätsch-Granaten giebt. Beide sind inwendig hohl und mit einer Sprengladung gefüllt, sodaß sie nicht nur durch ihren eigenen Flug, wie jede gewöhnliche Kugel, wirken, sondern auch noch durch ihr Bersten (Crepiren) und durch das dadurch bewirkte Herumschleudern von Sprengstücken. Das Interessanteste an ihnen ist der Zündungsapparat, welcher bei allen Geschossen in derselben Weise eingerichtet ist und von welchem der beigegebene Durchschnitt einer sechspfündigen Granate, ohngefähr 1/4
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der natürlichen Größe, eine Vorstellung geben kann. Die Granaten haben eine sehr starke Sprengladung, welche im Innern c des hohlen gußeisernen Geschoßkörpers sich befindet und durch eine Oeffnung im Boden eingegeben wird. Der Geschoßkörper a ist aus Gußeisen, nach dem Kopfe zu besonders stark und schwer, damit er hiermit zuerst aufschlägt und die Ladung entzündet. Um den eisernen Körper ist ein bleierner Mantel b gegossen, das weiche Metall drückt sich besser in die Züge des Rohres ein und läßt keine Pulvergase entweichen. Die Zündvorrichtung liegt in der Spitze des Geschosses, in einem Hohlraum, welcher von der Sprengladung durch eine dünne Messingplatte abgeschlossen ist. Es sind im Wesentlichen drei Haupttheile zu beobachten: die Zündschraube d, der nach vorn leicht verschiebbare Nadelbolzen c und der Vorstecker f, welcher den Nadelbolzen von der auf der Schraube d aufgesetzten Zündpille abhält. In der Praxis ist die Zündnadel viel feiner, auch stehen die übrigen Theile des Geschosses in etwas anderen Verhältnissen zu einander als in unserer Zeichnung, welche zunächst nur das Princip deutlich machen soll.

Für gewöhnlich ist die Zündpille nicht aufgesetzt. Erst beim Gebrauch wird die Zündschraube mit derselben versehen und in die Mundlochschraube eingeschraubt und gleichzeitig der Vorstecker f eingeschoben, welcher den Bolzen arretirt, damit er nicht eine vorzeitige Explosion hervorrufen kann. Der Bolzen ist in seiner Achse durchbohrt, ebenso die den Hohlraum abschließende Platte. Wird nun das Geschütz abgefeuert, so erhält das Geschoß durch die Drehung der Züge im Rohr schon eine rotirende Bewegung, die es während des ganzen Fluges beibehält, der Vorstecker wird dadurch, wenn das Rohr verlassen ist, herausgeschleudert, und der Nadelbolzen kann sich frei nach vorn bewegen. Sowie nun das Geschoß auftrifft und seine Bewegung aufhört oder sich vermindert, fliegt der Bolzen nach vorn gegen die Zündpille, dieselbe explodirt, durch die Durchbohrung theilt sich das Feuer der Sprengladung mit, und das Geschoß crepirt im Momente des Aufschlagens. Diese mörderische Wirkung wird durch die Entfernung nicht abgeschwächt, [295] höchstens verliert damit das Geschoß seine Percussionskraft, aber die Sprengwirkung, die vorzüglich gegen Mauerwerk, Verschanzungen und dergleichen fürchterlich ist, bleibt ganz dieselbe. Im freien Felde gegen Truppenmassen ist das Geschoß nicht minder verderblich; es durchschlägt die vordere Reihe, crepirt und schleudert eine mörderische Garbe von Sprengstücken nach allen Seiten, den Beherztesten entmuthigend. Die Kartätsch-Granaten (Shrapnels) werden mit eisernen Kugeln, die durch Schwefel zu einer compacten Masse miteinander verbunden sind, gefüllt; sie erhalten nur eine schwache Sprengladung, welche gerade genügt, um den Geschoßkörper zu zerdrücken; die Kugeln zerstreuen sich und bestreichen so einen viel größeren Raum. Die Explosion erfolgt bei ihnen vor dem Ziele und wird durch einen besonders eingerichteten, nach der Zeit stellbaren Zünder bewirkt. Als Belagerungsgeschosse sind aber die Granaten von viel gewaltigerem Effect. Die Beobachtung der Wirkung ist eine sehr leichte durch das mit dem Aufschlagen gleichzeitige Crepiren; die entstehende Rauchwolke zeigt genau an, ob zu weit oder zu kurz geschossen ist, und fast immer ist vom dritten Schuß an jeder neue ein Treffer. „Die Preußen feuern mit einer tödtlichen Sicherheit; die unglücklichen Dänen werden von ihnen an jedem Orte und zu jeder Stunde getroffen,“ so klagt der kriegsschauplätzliche Berichterstatter der Times. Ein unverwerflicheres Zeugniß für die Vortrefflichkeit der preußischen gezogenen Geschütze kann es schwerlich geben.