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Textdaten
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Autor: Carl Ernst Bock
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Titel: Nervosität, Nervenschwäche, Nervös
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 25, S. 391-392
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1860
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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Nervosität, Nervenschwäche, Nervös.

Nervös“ kann ebensogut eine Krankheit wie ein Mensch sein und werden; bei beiden ist das Nervöse die Folge einer veränderten Thätigkeit im Nervensysteme. – Von einer Krankheit pflegt man zu sagen, sie sei nervös geworden, wenn, in der Regel neben heftigeren Fiebererscheinungen, Störungen in der Hirn- und Nerventhätigkeit (Gehirnsymptome, typhoide Erscheinungen) auftreten, wie: heftiger Kopfschmerz, Eingenommenheit des Kopfes, große Unruhe und Aufregbarkeit, Schlaflosigkeit oder Schlaftaumel und Schlafsucht, Sinnestäuschungen, Schwindel, Irrereden, Krampfzustände, Zittern, Fliegenfangen und Flockenlesen, lallende Sprache, Bewußtlosigkeit und unwillkürliche Ausleerungen. Diese nervösen Symptome, die wahrscheinlich in den meisten Fällen die Folge der Einwirkung entarteten Blutes auf die Hirnsubstanz sind, können sich zu den allerverschiedenartigsten Krankheiten (zumal zu den sogenannten Blutkrankheiten) gesellen, und diese werden dadurch also in ihrem Verlaufe allerdings nervös, niemals aber zum Nervenfieber (Typhus), denn dieses ist eine ganz bestimmte Krankheit und gleich von Haus aus Nervenfieber, ja verläuft bisweilen sogar ohne alle nervösen Symptome (s. Gartenl. 1856, Nr. 10).

Was man nun aber beim Menschen im gewöhnlichen Leben als „nervös“ und „krankhafte Nervenreizbarkeit“ (Sensibilität) bezeichnet, ist in den allermeisten Fällen, zumal bei Frauen und Kindern, nichts als „Unart, Unerzogenheit, Launenhaftigkeit, schlechte Angewöhnung und Mangel an Selbstbeherrschung.“ – Wenn z. B. einem Muttersöhnchen, dem von Geburt an aller Wille gethan und jede Unart nachgesehen wurde, etwas verweigert wird und deshalb der Bengel (der eine tüchtige Tracht Hiebe bekommen sollte) außer sich geräth, so ist „das liebe Kind zu sensibel und muß ja vor aller Aufregung (besonders von Seiten der Dienstleute) in Acht genommen werden.“ – Verfällt eine Frau in krampfhaftes Schluchzen und Zittern, wenn nicht gleich Alles nach ihrem Kopfe geht, dann hat sicherlich der Wütherich von einem Manne die Nerven der armen zart-besaiteten Frau nicht genug geschont, und diese leiden nun an Schwäche. – Behandeln Vorgesetzte ihre Untergebenen, Hausfrauen ihr Dienstmädchen, nicht selten nur einer Kleinigkeit wegen, auf brutale Weise, dann wollen sie „krankhaft reizbar und ärgerlich“, aber sonst die humansten und sanftesten Seelen von der Welt sein. – Geräth ein Dämchen beim Gewitter, beim Anblick einer Raupe oder beim Knabbern einer Maus u. s. f. in blassen Schreck und schreiende Angst, dann ist dies natürlich keine Unart, sondern nur das Zeichen einer nervösen Constitution und soll wohl gar noch von einem zarten, echt weiblichen, poetischen Gemüthe zeugen. Kurz, schon das Wort „nervös“, noch mehr aber das sogen. nervöse Gebahren vieler Menschen macht mich auch nervös, das heißt bei mir aber richtiger „grob“.

Trotzdem gibt es aber doch einen Zustand des Nervensystems, bei welchem ohne sichtbare krankhafte Veränderungen der Nervensubstanz die Thätigkeit (Sensibilität) derselben sich außergewöhnlich träge oder gesteigert zeigt, so daß man allerdings von Nervenschwäche und krankhafter Nervenreizbarkeit (reizbarer Schwäche, widernatürlich gesteigerter Sensibilität) sprechen kann (s. Gartenl. 1860, Nr. 3). Da nun dieser außergewöhnliche Zustand in allen Abtheilungen des Nervensystems (also im Geistes-, Sinnes-, Empfindungs- und [392] Bewegungs-Nervensysteme) vorkommen kann; da er ebenso die Thätigkeit der Nervencentra (des Gehirns und Rückenmarkes), wie die der Leiter (Nerven) dieser Centra betreffen und vorzugsweise auf das leichtere oder trägere Vonstattengehen der Ueberstrahlung (des Reflexes) des Thätigseins von einer Nervenpartie auf die andere Einfluß ausüben kann: so muß Nervenschwäche und krankhaft erhöhte Nervenreizbarkeit die allerverschiedenartigsten Beschwerden und Krankheitserscheinungen veranlassen können. Diese hier alle aufzuzählen, wäre äußerst unerquicklich.

Der Laie spricht von Nervosität, Nervenschwäche und sensiblem Wesen, wenn er, ohne übrigens von einem beschwerlichen Leiden heimgesucht zu sein, gegen äußere, besonders Sinnes- und Gemüths-Eindrücke empfindlicher als sonst ist, wenn er in seinem Thun und Treiben leichter ermüdet, absonderliche Gelüste und Gefühle, Neigung zum Gähnen und Dehnen, zum Erschrecken und Zusammenfahren, sogen. Idiosynkrasien und Gefühle von Ruhelosigkeit hat, von Schlaflosigkeit oder Schlafsucht (mit Aufschrecken) und Verstimmung gequält wird, wozu sich Herzklopfen, Störungen der Eßlust und Verdauung, Eingenommenheit des Kopfes, leichtes Schaudern, Frösteln und fliegende Hitze, ja sogar Krämpfe (zumal die sogenannten hysterischen bei Frauen) und Lähmungserscheinungen gesellen können. Auch ist ein solcher Nervöser zur Thränen-, Schweiß- und Urinabsonderung geneigter, sodaß diese Flüssigkeiten auf die geringsten Eindrücke hin sofort zu fließen beginnen.

Die Ursachen dieser Nervosität sind sehr verschiedenartige, scheinen aber alle durch Herabsetzung der Ernährung in der Nervensubstanz zu wirken; die einen dürften unmittelbar auf das Nervensystem und zwar durch Ueberanstrengung (Ueberreizung) schädlichen Einfluß ausüben, während die andern mittelbar durch Störungen im Ernährungsmateriale (Blut) oder Ernährungsapparate das Nervenleben schwächen. Man sieht deshalb die Nervosität heranwachsen: nach bedeutenden, das Nervensystem angreifenden, niederdrückenden Gemüthsbewegungen, wie des Grams, der Reue, nagenden Kummers, gekränkten Ehrgeizes, getäuschter Liebe, des Heimwehs, überhaupt unglücklicher Verhältnisse aller Art. Ebenso wird sie auch hervorgerufen: durch heftige Leidenschaften und starke Geistesanstrengungen (zumal mit Nachtwachen), durch lange dauernde und erschöpfende Nerven- und Schmerzkrankheiten, sowie durch Alles, was Blutarmuth (s. Gartenl. 1853, Nr. 49) zu erzeugen im Stande ist, wie starke Blutflüsse und Samenverluste, übermäßiges Stillen und andere Ausleerungen. In sehr vielen Fällen trägt auch die infame Kaltwasserwirthschaft, durch die sich Manche gerade zu stärken gedenken, die Schuld der Schwäche und krankhaften Reizbarkeit im Nervensysteme. Es ist traurig, daß Aerzte wie Laien von der unglücklichen Idee nicht lassen können, als ob Kälte ein Stärkungsmittel für den menschlichen Körper sei. Eins der heftigsten Reizmittel ist sie und erzeugt deshalb, falsch und übermäßig angewendet, gerade Schwäche (s. Gartenl. 1856, Nr. 40). – Gar häufig wird die Nervenschwäche und nervöse Reizbarkeit schon in der Jugend anerzogen und zwar durch zu zeitigen Schulbesuch, durch verkehrte, mehr das Geistige (Verstand und Gemüth) als das Körperliche entwickelnde Erziehung, durch empfindelnde romanhafte Leserei, geschlechtliche Reizung, übermäßigen Genuß starken Kaffees und Thees, frühzeitigen Genuß spirituoser Getränke, durch Ueberstudiren, Müßiggang und Verzärtelung.

Bei der Behandlung der Nervosität kommt es nun darauf an, die Ernährung der Nervenmasse gehörig zu heben, nicht aber, wie dies so häufig geschieht, durch Erregungsmittel (wie durch Spirituosa, kaltes Wasser, Gewürzhaftes etc.) die Nerventhätigkeit widernatürlich zu steigern. Denn wenn auch diese Erregung für den Augenblick die Nervenkaft gekräftigt zu haben scheint, so ist dies doch blos ein Schein, und es folgt dieser scheinbaren Kräftigung sehr bald eine um so größere Schwäche. Es verhält sich mit einer solchen Kräftigung gerade so wie mit der Stärkung eines abgematteten Pferdes durch die Peitsche. In den meisten Fällen von Nervenschwäche gibt das kalte Wasser (als Waschung, Uebergießung, Fluß- und Seebad) diese Peitsche ab und macht Nervöse immer nervöser. Und das ist und bleibt so, die Kaltwasserdoctoren und Seebadärzte mögen sich darüber erbosen wie sie wollen. Daß man nach Hebung der Nervenschwäche durch kalte Luft und kaltes Wasser eine allmähliche Abhärtung zu erzielen suchen muß, ist ganz wahr, aber eine total andere Sache.

Soll die gesunkene Ernährung der Nervenmasse gehörig gehoben werden, und dadurch die Stärkung der geschwächten Nervenkraft ordentlich vor sich gehen, so ist als oberste Regel zu beachten: das Nervensystem muß vor allen stärker erregenden Eindrücken gewahrt werden, es muß in der größtmöglichen Ruhe verbleiben und (das Hirn-Nervensystem) so oft und lange als möglich in ruhigem Schlafe verharren. Deshalb sind alle das Denken, das Gemüth, die Sinne und überhaupt die Empfindung heftig berührende Einflüsse ganz zu meiden oder, so viel es nur immer geht, zu mildern, und dahin gehört hauptsächlich auch, wie nicht oft genug erwähnt werden kann, das kalte Bad. – Wenn nervenschwache Damen fortwährend in Gesellschaften, Theater und Concerten sich herumtreiben, oder ohne ihre belebende kalte Wascherei nicht leben zu können meinen, so müssen sie nicht von ihrer Nervenschwäche curirt sein wollen. Ebenso können sensible Männer nicht erwarten nervenstark zu werden, wenn sie ihre Leidenschaften, sowie ihre Kopf oder Sinne angreifenden und sehr abspannenden Geschäfte auf kürzere oder längere Zeit zu missen nicht im Stande sind. – Natürlich müssen die psychischen Ursachen, welche auf das Nervensystem zur Zeit noch überreizend und schwächend einwirken, soweit es in unserer Macht steht, weggeräumt werden. Vergessenmachen alles dessen, was nicht zu ändern ist, Veränderung der Umgebung, des Wohnorts, der Beschäftigung, zweckmäßige Gesellschaft, gemüthliches Reisen, Land- und Badeleben u. s. f. wirkt in der Regel sehr wohlthuend auf das leidende Nervensystem ein. Daß dann nach Kräftigung des schwachen und reizbaren Nervensystems ein richtiger Wechsel von Erregung und Ruhe eintreten muß, verlangen die Gesetze des Stoffwechsels (der Ernährung), und deshalb ist vor Allem das Verhältniß zwischen Arbeiten und Ruhen, zwischen Schlaf und Wachen zu regeln.

Dem mit der größten Schonung zu behandelnden geschwächten Nervensysteme ist nun aber auch das nöthige Ernährungsmaterial, d. h. alles das, was die Nervensubstanz aufbaut (also hauptsächlich Eiweißsubstanz und phosphorhaltiges Fett), durch die Nahrung mit Hülfe des Blutes in gehöriger Menge zuzuführen. Deshalb steht die Milch als bestes Nahrungsmittel und insofern als vorzügliches Stärkungsmittel für die Nerven obenan; ihr folgen Eier (aber ja gleichzeitig das Weiße wie das Gelbe), fette Fleischbrühe und Fleisch, Breie von durchgeschlagenen (entschälten) Hülsenfrüchten. Alle reizenden Speisen und Getränke (Wein, Bier, starker Kaffee und Thee) sind schädlich. – Daß der Blutlauf durch mäßige Bewegung und kräftiges (unbehindertes) Athmen zu fördern ist, versteht sich von selbst.

Außer der Nahrung dient auch Luft, Licht und Wärme zur Kräftigung des geschwächten Nervensystems. Eine reine, frische Luft in sonniger Waldgegend, helle, warme Wohnung mit luftigem Schlafzimmer, warme Bäder (aber nicht zu lange und zu heiß gebraucht) beschleunigen die Heilung.

Wer sich bei seiner Nervosität auf ein nervenstärkendes Apotheken-Mittel oder auf ein Bad und Mineralwasser verläßt, ist verlassen. Dafür also: zuerst Kräftigung des geschwächten Nervensystems durch Hebung seiner Ernährung mit Hülfe von Ruhe, Nahrung, Luft, Licht und Wärme; dann erst allmähliche Abhärtung desselben durch Thätigsein und Kälte, sowie durch Hebung der Willenskraft.
Bock.