BLKÖ:Vogl, Johann Michael

Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Band: 51 (1885), ab Seite: 172. (Quelle)
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27. Vogl, Johann Michael (Sänger, geb. in Stadt Steyr in Oberösterreich am 10. August 1768, gest. zu Wien am 20., nach Anderen am 19. November 1849). Der Sohn eines Schiffmeisters, verlor er frühzeitig seine Eltern, worauf ihn der Bruder seines Vaters ins Haus nahm. Durch eine [173] klare Stimme und richtige Intonation erregte der fünfjährige Knabe die Aufmerksamkeit des Chorregenten an der Pfarrkirche in Steyr, und in Folge dessen erhielt er gründlichen Musikunterricht und zwei Jahre später die Stelle eines besoldeten Sopransängers. Dabei wurde seine übrige Ausbildung um so weniger vernachlässigt, als er immer große Lust zum Lernen zeigte. So hinlänglich vorbereitet, kam er ins Stift Kremsmünster, dessen Bildungsanstalten schon zu jener Zeit einen trefflichen Ruf besaßen, und daselbst beendete er mit gutem Fortgange die Gymnasialclassen und philosophischen Studien. Im Stifte bot sich ihm auch die Gelegenheit dar, sein – übrigens von der Natur nichts weniger als begünstigtes – Darstellertalent zu erproben, indem er an den kleinen geistlichen Schau- und Singspielen, welche daselbst aufgeführt wurden, mitwirkte. Er als Sänger und der junge Süßmayer [Bd. XL, S. 290] als Componist bildeten bald eine große Anziehungskraft für die Bewohner der Umgegend, welche zu den kirchlichen Aufführungen im Stifte in Massen herbeieilten. Innige Freundschaft verband auch die beiden jungen Künstler, welche nun beschlossen, gemeinschaftlich nach Wien zu ziehen. Dort begann Vogl die juridischen Studien und trat nach deren Beendigung beim Magistrat in die amtliche Praxis. Aber bald nahm seine Laufbahn eine andere, seinen künftigen Lebenslauf entscheidende Wendung. Auf Antrieb seines Freundes nämlich, der indessen Capellmeister geworden war, erhielt der junge Beamte einen Ruf an die Hofoper, welchem er auch ohne Zaudern folgte. Am 1. Mai 1794 wurde Vogl dem Künstlerkreise der deutschen Oper einverleibt. In Alxinger’s „Die gute Mutter“, mit der Musik von Wranitzký, trat er zum ersten Male auf; und nun widmete er dieser Bühne durch mehr als 28 Jahre seine besten Kräfte. Es war die goldene Zeit der deutschen Sangkunst, die Zeit, in welcher man noch die herrlichen Partien eines Haydn und Mozart sang und nicht die endlosen Wagner’schen Leitmotive abbrüllte. Die damalige Wiener deutsche Oper verfügte über seltene Kräfte, von denen genannt seien: Baumann, Forti , Gottdank, Sebastian Mayer, Saal, Weinmüller, Wild und die Frauen Anna Buchwieser, Anna Milder, Wilhelmine Schröder, Karoline Unger. Sehr viel zu Vogl’s künstlerischer Ausbildung im Gesange, in welcher er es zu einer Bedeutung brachte, daß man noch nach Jahrzehnten in ihm den eigentlichen und ersten deutschen Gesangsmeister erkennen wollte, trug der Umstand bei, daß er gleich im Beginn seiner Laufbahn auch für kleinere Partien der italienischen Oper verwendet wurde, wobei er mit Crescentini, einem berühmten Castraten, in ein freundliches Verhältniß gerieth und nun Gelegenheit fand, von dieses Sängers trefflicher, den italienischen Gesangskünstlern überhaupt eigener Methode Manches in sich aufzunehmen. Er studirte den Italiener mit großer Aufmerksamkeit, versuchte es, gleich ihm, deutlich zu articuliren, mit der Stimme hauszuhalten, die geeigneten Momente zum versteckten Athemholen aufzufinden und zu benützen und jede Geschmacklosigkeit in den Coloraturen, worin oft berühmte Sänger in übelverstandener Bravour wetteifern, zu vermeiden. So eignete er sich denn durch fleißiges Studium und treue Beobachtung die Vorzüge der italienischen Gesangsmethode an, vermied aber auch sorgfältig die Fehler, an [174] denen dieselbe nicht selten krankt: das hohle Pathos und die ganz regelwidrige Verwendung des Concertgesanges auf der Bühne. Dadurch erreichte er Triumphe neben dem künstlerisch weit minder ausgebildeten Wild, der aber dafür den Zauber der Jugend voraus hatte und schon durch den wunderbaren Schmelz seiner Tenorstimme sich Aller Herzen leicht gewann. Aber dabei war Vogl frei von dem berüchtigten Künstlerneide, die glänzenden Gaben und Vorzüge seines jungen Nebenbuhlers – Wild war 24 Jahre jünger – stets anerkennend, gerieth er nur über das Publicum dann in Harnisch, wenn es den Fehlern und Unarten seines Lieblings beinahe noch mehr zujubelte, als dessen wirklich guten und lobenswerthen Leistungen. So trat er denn in italienischen, französischen und deutschen Opern und Singspielen auf, feierte in ersteren Triumphe, wie solche deutsche Sänger nur selten ernten, stand aber in den beiden letzteren als eine künstlerische Große da, welche in der Folge angehenden Sängern als Muster vorgehalten wurde. Von den schönsten italienischen Rollen, in denen er zu jener Zeit glänzte, nennen wir den Darius in der Oper „Palmyra“, den Agamemnon in „Achille“, den Capitano in „L’Amor marinaro“, den Figaro in Paisiello’s „Barbiere di Seviglia“. Für die deutsche Oper war damals ein nicht eben genialer, aber immerhin bedeutender Meister erstanden, Weigl, ein klarer, besonnener, gediegener Componist, reich an Erfindung und Melodie und dabei ungemein sorgfältig in der Ausführung. Noch war es wirkliche Musik, die man allgemein lobte, und nicht die Ohren betäubende Instrumentation, die sich später zum Hohn aller Gesetze der Himmelstochter Musik Bahn brach und verwüstend im Reiche der Töne wirkte. In Weigl’s Opern: „Das Waisenhaus“ und „Die Schweizerfamilie“ feierte Vogl mit der Milder glänzende Triumphe. Von anderen deutschen Partien, in welchen er mit gleichem Erfolge sang, seien genannt: Graf Dunois in „Agnes Sorel“ von Gyrowetz, im December 1806; – Orest in „Iphigenie auf Tauris“ von Gluck, am Neujahrstage 1807, in welcher Rolle er von erschütternder Wirkung war; – der Oberst im „Augenarzt“ von Gyrowetz; – Milton in Spontini’s gleichnamiger Oper; – Kreon in Cherubini’s „Medea“ – und Jacob in Mehul’s „Joseph und seine Brüder“. Nur selten verstand es ein Sänger, gleich Vogl jede Rolle in ihrer eigentlichsten Wesenheit aufzufassen. „Es lassen sich kaum“, bemerkt Bauernfeld“, dem man überhaupt das Wesentlichste über Vogl und dessen Leben verdankt, „zwei verschiedenere Persönlichkeiten erdenken, als die des Telasko in „Ferdinand Cortez“ und des Grafen Almaviva in „Nozze di Figaro““. Wenn Vogl als wilder Mexicaner durch seine leidenschaftliche Glut hinriß, so zwang der stolze vornehme Graf nach seiner Arie im zweiten Acte einem Theaterenthusiasten den Ausruf ab: „So und nicht anders singt ein spanischer Grande erster Classe“. Von Vogl’s Leistungen aus den letzten Jahren seien erwähnt: der Prophet Daniel in „Baal’s Sturz“ von Weigl und seine letzte, eine sogenannte Nebenrolle, der alte Castellan in Gretry’s Oper „Blaubart“, welche 1821 neu in Scene gesetzt und 1822 unter Barbaja’s Direction wiederholt wurde. Im Jahre 1821 ging das Hofoperntheater in Pacht über, und Ende 1822 trat Vogl in [175] Pension, aber mit ihr noch lange nicht in den Ruhestand, denn innerlich mit seiner Kunst verwachsen, widmete er derselben auch jetzt wieder, wenngleich in anderer Richtung, seine noch immer bedeutenden Kräfte. Schubert war damals erstanden, und Vogl, kann man sagen, hat diese Wiener Nachtigall gleichsam entdeckt und dem Wiener Publicum vorgeführt. In einem Concerte nämlich, welches im Kärnthnerthortheater am 7. März 1821 stattfand, sang Vogl den „Erlkönig“ von Schubert, und damit war der Erfolg des jungen, zuvor nur im engsten Kreise einiger Freunde und Kunstdilettanten bekannten Componisten gesichert. Bald fühlten sich Sänger und Componist zu einander hingezogen, und die Vorurtheile des auch kritisch gereiften Meisters gegen die sprudelnden Erzeugnisse eines jungen Talentes – Vogl zählte zu jener Zeit 53, Schubert 24 Jahre – waren bald überwunden und auch durch die That widerlegt. Ersterer sang auf den Wunsch bewährter Kunstfreunde gern jene fast dramatischen Lieder bis in sein höheres Alter in den Kreisen des gebildeten Mittelstandes. Schubert übernahm dann immer die Begleitung am Clavier; ohne eigentlich Virtuos zu sein, reichte er im Accompagnement vollkommen aus, durch Geist und Empfindung ersetzend, was ihm etwa an technischer Vollendung fehlte. Schubert’s „Memnon“, „Philoktet“, „Wanderer“, „Orest“, „Ganymed“, „An Schwager Kronos“, „Der Einsame“, „Die Müllerlieder“, „Die Winterreise“ und noch andere Meisterwerke dieses Schwans der Donau waren für Vogl’s Weise und Vortrag wie geschaffen. Kleine Aenderungen und Ausschmückungen, die sich der gewandte und effectkundige Sänger erlaubte, erhielten dann auch öfter die Zustimmung des Tonsetzers, gaben aber nicht selten Veranlassung zu freundschaftlichen Controversen. Das Vorgehen Vogl’s, wenn derselbe dann mit anderen jungen Tonsetzern Schubert’sche Lieder sang, ist in der Biographie Vesque’s von Püttlingen [Bd. L, S. 198] geschildert. Im Jahre 1826 überraschte der achtundfünfzigjährige Sänger seine Freunde durch die Mittheilung, daß er sich vermält habe; wir sagten überraschte, da man aus seinen Aeußerungen immer zu entnehmen glaubte, daß er zeitlebens unverheiratet zu bleiben gedenke. Indessen hatte er Jahre her mit einem fast außer Zusammenhang mit der Welt erzogenen weiblichen Wesen in einer Art von ethisch-pädagogischem Verhältniß gestanden, wobei er sich als berathender Freund und Lehrer benahm, während ihm das sanfte Gemüth des nicht mehr ganz jungen Mädchens mit leidenschaftlicher Verehrung zugethan war. Dieser im Spätherbste seines Lebens geschlossenen Verbindung entstammte ein Töchterlein. Aber schon vor dieser Heirat wurde Vogl oft von Leiden gequält, die Gicht war es, welche sich in verschiedenen Formen äußerte, und gegen welche er mannigfache meist fruchtlose Heilversuche anwendete. So reiste er denn auch im Herbste 1825 nach Italien, wo er bis zum nächsten Frühjahre verweilte, und bei seiner Rückkehr schritt er zur Ehe, in welcher er 14 Jahre lebte, die letzten aber unter so furchtbaren Schmerzen, daß es der ganzen himmlischen Geduld seiner sanften und frommen Frau bedurfte, um weder in der Krankenpflege, noch im Zusprechen und Trösten völlig zu ermatten. Endlich, im Alter von 72 Jahren, wurde er durch den Tod von seinen qualvollen Leiden erlöst. Ueber Vogl’s künstlerische Laufbahn [176] und Leistungen haben wir schon berichtet. Noch Einiges und nicht Unwesentliches bleibt über Vogl den Menschen zu sagen, der nicht von der Art Anderer, sondern vielmehr ein Sonderling war, der überdies dadurch, daß er der Bühne angehörte und eine klösterliche, dabei aber gründliche Ausbildung erhalten hatte, ein ganz eigenartiges Gepräge zur Schau trug, was wohl Anlaß gab zu dem öfter abfälligen, indeß nichts weniger als gerechten Urtheile, das Manche über ihn fällten. Seiner äußeren Erscheinung nach war Vogl eine imposante, kräftige Persönlichkeit, mit ausdrucksvoller Miene und freiem edlen Anstande. Dabei aber erschienen die Bewegungen der Hände und Füße nicht immer als die anmuthigsten, auch war hie und da eine Stellung, z. B. in einer griechischen Heldenrolle, etwas zu sichtlich der Antike entnommen. Im Gesange verfolgte er mit strenger Consequenz und mit vollem Bewußtsein den einzig richtigen Weg der echt dramatischen Gesangskunst. Er besaß ein feines Ohr für den Rhythmus der Verse und hatte das seitdem, allem Anscheine nach, verloren gegangene Geheimniß des recitativen Vortrages vollkommen inne. Auch die Gesetze der Harmonie waren ihm nicht fremd. In der Darstellung des Charakteristischen, in der künstlerischen Verbindung der Wahrheit mit der Schönheit, Meister, fand er auch nur Freude an Rollen, die es ihm möglich machten, einen entschiedenen Charakter darzustellen, während ihm z. B. die Nebengestalten der modernen italienischen Oper geradezu ein Gräuel waren. Man brauchte Vogl nur in einer einzigen Rolle zu sehen, um sofort zu erkennen, daß er nicht ein gewöhnlicher Mensch sei. Seine künstlerische Ausbildung sowohl als Sänger wie als Darsteller erlangte er größtentheils durch sich selbst. Die klösterliche Erziehung aber, welche er in seiner Jugend eine Reihe von Jahren hindurch genossen, hatte nicht geringen Einfluß auf seinen Charakter geübt, eine gewisse, schon in den Keimen seines Wesens gelegene Beschaulichkeit genährt und gepflegt und so den sonderbarsten Contrast mit seinem Stande und seinen äußeren Verhältnissen gebildet. Der Grundton seines Inneren war eine moralische Skepsis, ein grübelndes Zergliedern seines Selbst, so wie der Welt; der Trieb, von Tag zu Tag besser, vollkommener zu werden, verfolgte ihn durch sein ganzes Leben. Wenn ihn die Leidenschaft, wie alle kräftigen reizbaren Naturen, zu gefährlichen, ja frevelhaften Schritten hinriß, so ward er nicht müde, sich darüber selbst anzuklagen, zu zweifeln, zu verzweifeln; ein neuer Fehltritt – neue Vorwürfe, Zerknirschung, Gewissensbisse. Lecture und Studium standen natürlich mit dieser Lebensrichtung im innigsten Zusammenhange. Das alte und neue Testament, die Evangelien, die Stoiker, Marc Aurel’s „Betrachtungen“ und Epiktet’s „Enchiridion“, Thomas a Kempis, Tauler hatte Vogl zu steten Begleitern und Rathgebern seines Lebensganges gewählt. Das Buch „Von der Nachfolge Christi“ übersetzte er und ließ diese Arbeit in Abschriften unter ähnlich gesinnten Freunden vertheilen. Ein Werk von Epiktet hatte er eigenhändig in vier Sprachen – griechisch, lateinisch, englisch und deutsch – copirt. Doch glaube man nicht, daß erst der lebensmüde Greis zu solcherlei Art von Tröstung seine Zuflucht nahm; der religiös-philosophische Faden spann sich im Kloster an und zog sich durch Vogl’s ganzes Leben ununterbrochen [177] fort. Nun war es freilich eine wunderliche Erscheinung, wenn man den gefeierten Theatersänger im Costum des Agamemnon, des Orest, oder sonst eines heidnischen Heros in der Garderobe sitzen und mit Aufmerksamkeit in einem griechischen Buche blättern sah! Wer aber die Langeweile des Lebens hinter den Coulissen kennt, wessen Ohr die schalen Reden, die allabendlich dort zu hören sind, jemals vernahm, der wird es begreiflich finden, daß sich ein geistreicher Mann von seiner lästigen Umgebung auf jede Weise zu befreien suchte und lieber für einen Sonderling gelten, als sich dem völlig Geistlosen, ja Rohen und Absurden preisgeben mochte. Daß es dabei nicht an Scherzreden über den gelehrten Mimen fehlte, läßt sich denken; aber sie wurden meist hinter seinem Rücken geführt, denn das bessere Wissen, wie überhaupt die ganze Wesenheit des Mannes, flößte Jedermann genügsamen Respect ein. Uebrigens wußte Vogl die Lehren der Stoa mit dem Gefühl für das Schöne sehr wohl zu vereinigen; auch war er für Kunstwerke aller Art empfänglich, die aus einem ihm sonst minder befreundeten Princip hervorgingen. So zählte er Goethe zu seinen Lieblingsautoren, der auch auf die Denk- und Anschauungsweise, wie auf den Styl Vogl’s entschieden einwirkte. Er führte sein ganzes Leben hindurch Tagebücher, welche neben seinen freilich ganz schlichten Erlebnissen, neben Auszügen aus seinen Lieblingsautoren, auch zahlreiche eigene Reflexionen enthalten, die einen scharfen Denker, einen geistvollen Beobachter bekunden, wie solche nicht allzu häufig vorkommen. Sein Biograph hat aus diesen Tagebüchern etwas über ein halbes Hundert solcher Aussprüche, Ansichten und Reflexionen mitgetheilt, welche weitere Verbreitung verdienen. Kunst, Geschichte, Moral, Natur, Menschen, Alles zieht Vogl in den Kreis seiner Betrachtung und spricht dann seine Ansicht aus. „Wir sollen nur im Anschauen, nicht im Besitze glücklich sein. So lehrt uns Natur und Welt“. – „Ertragen ist schwerer als Thun“. – „Wünsche sind Bekenntnisse unserer Schwäche“. – „Wo man wahrhaft geachtet werden will, muß man sich nie zum Zeitvertreib brauchen lassen“. – „Die größte Weisheit ist, die Anderen zufriedenzustellen“. – „Wer über sich nicht Meister werden kann, für den ist jeder Herr der Rechte“. Diese und ähnliche Reflexionen finden sich in Menge in seinen Tagebüchern, so daß sich eine Auswahl und Sammlung derselben verlohnte. Hält man die Bildung, die sich in diesen Betrachtungen und Selbstbekenntnissen kund gibt, mit Vogl’s Wirksamkeit auf der Bühne zusammen, so begreift man leichter, wie edles Streben und Wissen in einer Kunst zum höchsten Ziele leiten konnte, deren Jünger gewöhnlich in der rohesten Empirie umher zu tappen pflegen. Die Erfahrungen, die sich ihm als Opernsänger und später als Gesanglehrer darboten, sammelte Vogl im reiferen Alter zu einem Werke, welches aber leider unvollendet blieb. Es ist nämlich eine „Singschule“, welche er verfaßte, und welche einen solchen Schatz geistreicher und praktisch anwendbarer Bemerkungen enthält, da sich eine von geschickter Redaction unternommene Beendung des Werkes und dessen Veröffentlichung verlohnt hätte. So war denn Vogl als Mensch ein Charakter, wie er nicht häufig vorkommt, als darstellender Künstler aber geradezu ein weißer Rabe. Daß er als Schubert-Sänger seines Gleichen [178] nicht hatte, galt unter seinen Zeitgenossen als unbestritten, und sein vorzüglichster Schüler war ein Baron Schönstein.

Allgemeine Theater-Zeitung. Redigirt und herausgegeben von Adolph Bäuerle (Wien, gr. 4°.) 34. Jahrg., 4. und 5. Mai 1841, Nr. 106 und 107: „Erinnerung an J. M. Vogl“. Biographische Skizze von Eduard von Bauernfeld. – Dieselbe. 21. September 1844: „Oesterreich, das Vaterland der Sänger“. [Daselbst beißt es: „Der große Sänger Vogel (sic), der vor drei Jahren (also 1841, was auch unrichtig ist, da Vogl 1840 aus dem Leben schied) in Wien gestorben, ist in Kremsmünster geboren“. (Vogl kam in (Stadt Steyr zur Welt.)] – Gaßner (F. S. Dr.) Universal-Lexikon der Tonkunst. Neue Handausgabe in einem Bande (Stuttgart 1849, Franz Köhler, schm. 4°.) S. 872. – Gesammelte Schriften von Bauernfeld (Wien 1873, W. Braumüller, 8°.) Bd. XII: „Aus Alt- und Neu-Wien“ S. 94 u. f.: „Ein Schubert-Sänger“ [nach diesem wäre Vogl am Abend des 19. November 1840 – gerade am Jahres- und Erinnerungstage von Schubert’s bereits 1828 erfolgtem Tode – gestorben]. – Hanslick (Eduard. Geschichte des Concertwesens in Wien (Wien 1869, Braumüller, gr. 8°.) S. 267. – Memoiren meines Lebens. Gefundenes und Empfundenes. Von Dr. I. F. Castelli (Wien und Prag 1861, Kober und Markgraf, 8°.) Band I, Seite 146, 148, 149 und 222 [Castelli sucht das Gesangstalent Vogl’s, in einer wohl übel angebrachten Empfindlichkeit, mit dem Witze zu charakterisiren: „Vogl hat sich jede seiner Rollen selbst mundrecht gemacht, weil sein Mund nicht der rechte war“.] – Neues Universal-Lexikon der Tonkunst. Für Künstler, Kunstfreunde und alle Gebildeten. Angefangen von Dr. Julius Schladebach, fortgesetzt von Ed. Bernsdorf (Offenbach 1861, Joh. André, gr. 8°.) Bd. III, S. 818 und im Nachtrag S. 346 [daselbst ist der 20. November 1840 als Vogl’s Todestag angegeben, während Bauernfeld den Abend des 19. November als solchen bezeichnet]. – Oesterreichische National-Encyklopädie von Gräffer und Czikann (Wien 1837, 8°.) Bd. V, S. 376. – Schilling (Gustav). Das musicalische Europa (Speyer 1842, F. C. Neidhard, gr. 8°.) S. 347.
Porträt. Unterschrift: „M. Vogl“. Kriehuber (lith.) 1830. Gedruckt bei Mansfeld und Comp. (Wien, Diabelli, Fol.).