Wendische Sagen, Märchen und abergläubische Gebräuche/Kapitel X

IX. Wenden- und Schildbürgerstreiche Wendische Sagen, Märchen und abergläubische Gebräuche (1880) von Edmund Veckenstedt
X. Die Pšezpolnica
XI. Die Anna Subata
Die Bedeutung der Doppellinie erläutert Veckenstedt im Vorwort auf Seite V folgendermaßen: „Die Sagen und Märchen der deutschredenden Wenden finden sich in jedem Abschnitte nach dem Zeichen, welches zwei parallele Striche bilden.“ Ferner führt er auf Seite X den Grund der Kennzeichnung an: „Nicht unwillkommen wird, hoffe ich, der Forschung die Art sein, wie ich die reine Sorbentradition von derjenigen Ueberlieferung geschieden habe, welche zwar auf wendischer Grundlage ruht, aber eben weil sie einem Geschlecht deutschredender Menschen entnommen ist, vielleicht eine oder die andere Modification erlitten hat.“
[105]
X.
Die Pšezpolnica.

1.

Wer in früheren Zeiten über Mittag arbeitete, der verschwand spurlos. Einst wagte es eine Frau, welche bei dem Wiethen des Flachses beschäftigt war, ruhig weiter zu arbeiten, als die Mittagsstunde nahte. Da trat plötzlich die Pšezpolnica auf sie zu und bot ihr einen guten Tag. Die Frau dankte. Als nun die Pšezpolnica sich mit ihr in ein Gespräch einliess, da antwortete die Frau stets sehr langsam, um die Mittagsstunde zu vertrödeln. So sprachen sie denn über den Flachs und dessen Nutzen und es passte sich, dass die Frau gerade, als es eins schlug, sagte: „zum Hemden nähen“. Da schrie die Pšezpolnica auf und sagte: „Das hat Dir der Teufel gesagt, Hemden nähen.“ Nach diesen Worten verschwand sie. Seit der Zeit kann man getrost während der Mittagszeit arbeiten, denn die Pšezpolnica ist nicht wieder gekommen.

Dissen.     
2.

Die Pšezpolnica unterhielt sich einmal mit einer Frau, welche während der Mittagszeit auf dem Felde geblieben war, eine ganze Stunde lang. Die Frau wusste ihr die ganze Zeit hindurch zu antworten; als es eins schlug, füllte ihr die Pšezpolnica die Schürze mit Geld und verschwand.

Ströbitz.     
3.

Wenn in der Erntezeit die Mittagsstunde naht, so verlassen die Bauern das Feld. Die Abwesenheit der Bauern haben sich schon oft Diebe zu Nutzen machen wollen, allein [106] nie hat man gehört, dass ihnen ein Diebstahl gelungen ist. Es wacht nämlich die Pšezpolnica über die Felder und schneidet mit einer Sichel den Dieben den Kopf ab, den sie dann in ein Täschchen, welches sie bei sich führt, steckt. Deshalb wird die Pšezpolnica auch die Beschützerin des Feldes genannt.

Ströbitz.     
4.

Die Pšezpolnica geht mit einer goldenen Sichel bewaffnet auf den Feldern umher und schneidet den Kindern, welche das Korn zertreten, damit den Hals ab. Die abgeschnittenen Köpfe der Kinder thut sie in ein Fässchen, welches sie bei sich trägt. Sie selbst ist mit einem langen, weissen Gewande bekleidet.

Ströbitz.     
5.

Die Pšezpolnica pflegte in der Mittagsstunde mit dem Serp das Gras auf dem Felde abzuschneiden; wenn dann die Leute kamen, um das Gras zu sammeln, so war es verschwunden.

Gross-Gaglow.     
6.

Die Pšezpolnica erscheint überall auf dem Felde und in der Haide, wo sich Menschen in der Mittagszeit aufhalten; sie ist weiss gekleidet und mit einer Sichel bewaffnet.

Kolkwitz.     
7.

Die Pšezpolnica ist ein Weib, welches immer grösser wird, je näher es kommt.

Guhrow.     
8.

Der Pšezpolnica ist auf dem Kopf eine Sichel festgewachsen.

Sylow.     
9.

Die Pšezpolnica ist völlig schwarz behaart, sie hat Pferdefüsse, aber ein menschliches Antlitz. Wer ihr nicht eine Stunde vom Flachs oder von der Hirse erzählen kann, dem schlägt sie mit der Sichel den Kopf ab. Um ein Uhr ist sie stets verschwunden.

Branitz.     
[107]
10.

Man erzählt, dass die Pšezpolnica in dem Walde wohnt und nur des Mittags in der Zeit von zwölf bis ein Uhr auf das Feld kommt.

Eichow.     
11.

Nicht weit von Branitz befindet sich eine Sakasńa; man erzählt, dass sich früher die Pšezpolnica dort oft gezeigt hat.

Branitz.     
12.

Es ist räthlich, in der Mittagszeit auf dem Felde Feuer zu unterhalten oder zu Hause Kräuter zu kochen, dann kann die Pšezpolnica Einem nichts anhaben, wenn man um diese Zeit auf dem Felde bleiben will.

Gross-Döbern.     
13.

In den Dörfern Stradow und Suschow geht die Sage von einer weissen Frau, welche den Flachswiethern und anderen Personen zur Mittagszeit erschienen ist. Das letzte Mal ist dieselbe im Jahre 1811 einer Frau aus dem Dorfe Stradow erschienen. Als nämlich die Frau fleissig ihren Flachs wiethete, erscholl in der Ferne ein wunderschöner Gesang, ein Gesang so schön, wie ihn die Frau noch nie gehört hatte. Sie dachte bei sich, es ist gewiss irgend ein des Weges ziehendes Landmädchen, welches singt, aber sowie sie ihre Blicke nach jener Gegend wandte, von wo der Gesang erscholl, sah sie zu ihrem Erstaunen eine wunderschöne Frauengestalt, in weisse Gewänder gehüllt, welche ein Bund Flachs auf dem Rücken trug. Die weisse Frau zog dicht an ihr vorüber und verschwand im Erlengebüsch am Stradower Fliess.

Stradow.     
14.

In Guhrow kam einmal die Pšezpolnica zu einem Maurer, als derselbe gerade von der Arbeit nach Hause zu gehen beabsichtigte. Sie wollte, wie es ihre Art war, ihm Fragen vorlegen, die er beantworten sollte, er aber, da er mit den Antworten nicht recht Bescheid wusste, stellte sich, als habe er noch ein Loch in die Holzmauer zu bohren. Als er damit [108] fertig war, sagte er der Pšezpolnica, sie solle einmal in das Loch fassen, das sei noch ganz heiss. Die Pšezpolnica that also. In demselben Augenblicke ergriff der Maurer einen Nagel und nagelte den Finger der Pšezpolnica fest, dann entfernte er sich eilig.

Am Nachmittage, als die Arbeit an dem Hause wieder begann, fand man in dem Loche der Holzmauer einen abgebrochenen, menschlichen Finger.

Guhrow.     


Die Dziewica.
15.

In der Zeit von zwei bis drei Uhr des Nachmittags durchwandelt die Pšezpolnica die Felder und wird den Menschen gefährlich. Man kann sich durch die Flucht vor ihr retten, denn sie stösst, sobald sie Jemand im Felde erblickt, einen Warnungsruf aus. Zu derselben Zeit durchwandelt ihre Schwester, die Dziewica die dunklen Tannenwälder, gefolgt von wunderbar schönen Jagdhunden.

Schmogrow.     


Die Mittagsfrau.
16.

Die Mittagsfrau zerreisst diejenigen Leute, welche sie des Mittags auf dem Felde antrifft.

Drebkau.     
17.

In den Dörfern bei Drebkau pflegte früher die Mittagsfrau die Kinder, welche sie auf dem Felde antraf, zu tödten; deshalb nahmen die Leute oft fremde Kinder mit auf das Feld, damit sie diese tödte, ihre Kinder aber verschone.

Drebkau.     
18.

Die Mittagsfrau war mit einem langen weissen Tuche bekleidet und hatte auf dem Kopf eine Kapuze, welche aus demselben Tuche zusammengefaltet war.

Senftenberg.     
19.

Die Mittagsfrau sagte zu denen, welche ihre Fragen beantworteten: „So, jetzt bin ich erlöst,“ oder „Dir hat der [109] Teufel den Verstand gegeben.“ Fortan erschien sie auf der betreffenden Flur nicht mehr.

Senftenberg.     


Die Serpolnica.
1.

Die Serpolnica zeigte sich des Mittags zwischen elf und zwölf Uhr auf dem Felde, wenn eine Sechswöchnerin sich mit ihrem Kinde um diese Zeit dort aufhielt. Sie kam deshalb zu den Sechswöchnerinen, weil diese mit dem Kinde um die Zeit hätten zu Hause sein müssen.

Sergen.     
2.

Einst ging eine Frau des Abends spät aus, um Gras zu sicheln; sie war schwerhörig und so vernahm sie denn nicht, dass es zwölf schlug. Kaum war der letzte Schlag verhallt, so stand die Serpolnica vor ihr, griff sie an und rang mit ihr eine ganze Stunde hindurch. Erst als es eins schlug, stand die Serpolnica vom Ringen ab. Eilig ging nun die Frau heim; ganz zerzaust und entkräftet kam sie zu Hause an und erzählte, was sie soeben erlebt.

Branitz.     
3.

Zu einem Hirten kam einst die Serpolnica. Der Hirt, welcher eine Peitsche bei sich hatte, wie in den alten Zeiten jeder Hirt eine solche führte, knallte in seiner Angst dreimal damit; sobald er dies gethan, war die Serpolnica verschwunden.

Branitz.     
4.

Die Serpolnica, welche von den Kindern Anna Subata genannt wird, ist eine wilde Frau; sie hat aufgelöstes schwarzes Haar, flammende Augen und wohnt in einer Höhle im Walde. Des Mittags von zwölf bis ein Uhr geht sie aus und sucht nach jungen Leuten und zwar mit Vorliebe nach jungen Männern, welche um diese Zeit sich allein im Walde befinden. Sobald sie einen dieser Unglücklichen angetroffen hat, legt sie ihm einige verfängliche Fragen vor: beantwortet sie der Betreffende ungenügend, so muss er sich ihre Umarmung, [110] ihre Küsse und bis um ein Uhr ihre widerwärtige Gesellschaft gefallen lassen. Macht er einen Versuch zu entrinnen, so wird er von der wilden Frau sofort wieder eingeholt: dann muss er sich von ihr eine harte Züchtigung gefallen lassen und sie steckt ihm ihre behaarte Zunge in den Mund.

Mischen.     
5.

Die Serpolnica, welche von den Kindern Anna Subata genannt wird, erscheint gewöhnlich mit zwei Begleiterinnen.

Mischen.     
Die Serpyšyja.
1.

Die Felder stehen unter der Obhut der Serpyšyja. Deshalb darf man keinen Getreidehalm muthwillig ausreissen. Wenn die Kinder Blumen pflücken und dabei des Getreides nicht schonen, so erscheint denselben die Serpyšyja und bringt ihnen Verderben.

Papitz.     
2.

Die Serpyšyja war eine weiss gekleidete, weibliche Gestalt, welche zur Zeit der Blüthe der Kornblumen oder Raden, oder wenn die Erbsen Schoten hatten, sich im Korne oder in den Erbsen aufzuhalten pflegte und zwar in der Mittagszeit. Gingen dann Kinder in das Getreide oder in die Erbsen, so schnitt sie denselben mit der Sichel den Kopf ab, die Leiche steckte sie in einen Sack.

Leuthen.     
3.

Die Serpyšyja ist eine grosse Frau, welche ohne Kopf auf dem Felde herumwandelt; sie hat unter dem Arme eine Sichel. Kindern, welche in das Getreide gehen, um dort Kornblumen oder Kornraden und andere Blumen zu pflücken, und welche dabei die Halme zertreten, schneidet sie mit der Sichel die Köpfe ab.

Papitz.     


Die Sichelfrau.
1.

Im Göritzer Grunde erscheint immer am Johannistage und in den zwölf Nächten eine weisse Jungfrau. Sie hat [111] eine Sichel in der Hand und einen Strohkranz auf dem Haupte; so zieht sie leise über die Felder. In den zwölf Nächten ist sie schon Manchem erschienen, sie hat aber Niemandem etwas zu Leide gethan.

Göritz.     
2.

Als im Jahre 1813 das Heer der Franzosen in Drebkau und Umgegend einen Rasttag hielt, entfernten sich vier Franzosen aus der Stadt, um Nahrungsmittel von den Dörfern zu holen. Sie waren noch nicht weit gegangen, als sie plötzlich vor einer grossen Grube standen; in derselben sahen sie Gold und Silber. Sie griffen schon nach dem Golde und wollten mit dem, was sie genommen, forteilen, als in demselben Augenblicke eine weisse Frau vor ihnen stand, welche in der Hand eine Sichel hielt und damit drohte. In ihrer Angst liessen die Soldaten das Gold fallen und eilten davon.

Drebkau.     



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