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Autor: Rudolf von Gottschall
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Titel: Literaturbriefe an eine Dame
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 46, S. 774–776
Herausgeber: Ernst Ziel
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1879
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[774]

Literaturbriefe an eine Dame.

Von Rudolf von Gottschall.

XXI.

Ich weiß nicht, verehrte Freundin, ob Sie in den Herbstmonaten, wenn die Saison sich dem Christfest zuneigt, in einem Buchladen jene Kunstgewerbe-Ausstellung eleganter Einbände gemustert haben, hinter denen sich die bescheidene Lyrik der Gegenwart verbirgt. Und gewiß, sie hat alle Ursache bescheiden zu sein; denn wer kümmert sich um sie? In den Salons ist von ihr nicht mehr die Rede; da spricht man nur von den Feuilletons dieses oder jenes Schmock, der „lauter Brillanten“ schreibt, von neuen Theaterstücken „hochbegabter Dichter“, die im Stil Kotzebue’s und Iffland’s schaffen, oder höchstens noch von einem Roman, welchen gelesen zu haben zur Mode des Tages gehört. Und wie selten ist in Feuilletons der politischen Zeitungen von einem Lyriker die Rede!

Was soll ein harmloser Lyriker in einer sensationsbedürftigen Zeit? Daß die Lyrik das Auge der Dichtung sei, gilt ja längst für eine Wahrheit, die in die ästhetische Rumpelkammer gehört; man lacht über die Behauptung, daß keiner ein hervorragender Dichter sein könne, der nicht eine lyrische Ader habe; die Berufung auf die griechischen Trauerspieldichter, auf Shakespeare und Schiller wird verworfen. Die arme Lyrik ist als eine überflüssige Schönrednerin in den Bann gethan; sie braucht ja viel Worte, um das zu sagen, was ein anderer Mensch, den nicht der göttliche Wahnsinn des Plato erfaßt hat, weit kürzer auszudrücken weiß, und wir leben in einer Zeit, in welcher vor allem der Spruch gilt: Time is money.

Der Sortimentsbuchhändler wird Ihnen, verehrte Freundin, wenn Sie sich nach eleganten Christgeschenken umsehen, gewiß außer den Albums zuerst verschiedene poetische Anthologien zeigen. Wie der Goethe’sche Homunculus die Schönen, so liebt das deutsche Publicum die Dichter „im Plural“ und kauft sie gern en masse; in einer Auslese und Sammlung ist ihrer immer eine stattliche Zahl beisammen. Dann wird Ihnen der Buchhändler eine Zahl [775] neuer Auflagen beliebter Poeten vorlegen, Mirza-Schaffy in Diamant- und Perlschriften, Geibel, Heine und was auf dem Parnaß seit lange anerkannten Ruf hat. Zuletzt kommen dann die eleganten Ladenhüter an die Reihe, neue Gedichte und Dichtungen mit Goldschnitt, in zierlichen Einbänden, auf Velin- oder sonstigem mit feinem Farbenhauch schimmernden Papier. Da wird gewählt, bisweilen gekauft, selten gelesen. Das ist das Loos der neuen Ausstellungslyriker; die ungebundenen, broschirten Poeten verstauben indeß melancholisch in ihren Fächern. Keine Zeit war der Lyrik so ungünstig wie die gegenwärtige: sie hat kein Echo bei der Nation; ist es da ein Wunder, wenn begabte Dichter in äußerer Noth und innerem Schmerz verkommen?

Sie haben gewiß nichts von der Lebenstragödie des jüngstverstorbenen Schweizer Dichters Heinrich Leuthold gehört. Auch er ist dem Wahnsinn und traurigen Tode verfallen. Wie oft schon hat sich das willkürliche Spiel von Vorstellungen, das dem Dichter eigen ist, in jenes unwillkürliche verwandelt, aus welchem der Wahnsinn spricht! Der Herrscher im Reiche der Phantasie ist dann deren Sclave geworden; dieses Loos hat einen Tasso, einen Lenau und manche dunkle poetische Existenz getroffen. Gegenüber der Gleichgültigkeit und Nichtachtung der Welt ist der Größenwahn eine oft nothwendige Reaction, wenn die dichterische Schöpfungskraft nicht ganz erlahmen soll. Heinrich Leuthold war ein Jünger der Münchener Dichterschule, er hat in Gemeinschaft mit Emanuel Geibel treffliche Uebersetzungen französischer Lyriker und doch erst in diesem Jahre einen größeren Band eigener Gedichte herausgegeben; er ist ein Sänger von meistens untadelhafter Form, der die persische Ghasele beherrscht, wie die antike Ode, und nur hier und dort mit einem Anflug schweizerischer Derbheit den edlen, harmonischen Guß seiner Verse unterbricht. Dann merkt man, daß sein Thyrsus ursprünglich ein Alpenstock ist. Deshalb haben seine Gedichte neben dem schwermüthigen und resignirten Zug auch einen trotzig herausfordernden und wenden sich vielfach mit satirischer Herbheit gegen eine Zeit der „Literaturfabriken“ und gegen das „dampfkraftfrohe Geschlecht“. Von dem Beruf des Dichters hat Leuthold die höchste Meinung; er hebt, mit einer classischen Wendung, die an Platen’s geflügelte Worte erinnert, hervor:

„Wie der Genuß, der Seele Wohllaut hinzustreun
Im Liede, eine göttliche, erhabene Verschwendung ist –“

und in dem folgenden Ghasel preist er den Triumph des echten Dichters über die kalte Gleichgültigkeit, den Neid und die Rohheit der Zeitgenossen:

„Dem Dichter ward ein karges Loos; die Nüchternen verhöhnen ihn,
Es kehrt die Welt sich ab von ihm; nur schöne Frau’n verwöhnen ihn,
Doch wenn kein irdisch Weib ihm je das Herz erschloß mit keuschem Kuß,
In heiliger verschwiegner Nacht umarmen die Camönen ihn.
Ihn lehrt ein Gott der Dinge Maß; er lauscht entzückt dem Sphärenchor;
Wie Offenbarungen des Alls umrauscht ein Meer von Tönen ihn.
Entsinkt der Muth ihm, richtet neu ein hohes Vorbild ihn empor,
Verwandter Seelen Kampf und Leid erheben und versöhnen ihn.
Dem Ew’gen dient er, lebt nur halb der Zeit, die oft ihn ganz verkennt,
Doch ehrt die Nachwelt seinen Staub, und späte Enkel krönen ihn.
Mag Neid ihm, mag die Rohheit drohn, ihm ziemt zu lächeln ihres Wahns,
Vor ihrem giftgetränkten Pfeil beschirmt der Schild des Schönen ihn.“

Gewiß, verehrte Freundin, dieses Selbstbewußtsein ziert den echten Dichter in einer Zeit, in welcher von den feilen Herolden des Tagesruhms manche geschickte Routiniers für gottbegnadete Poeten ausgegeben werden, während die echten Talente von Neid und Rohheit in den Staub gezerrt werden. Das Maß des Schönen und die Empfänglichkeit dafür scheint ganz verloren gegangen zu sein, und selbst die schönen Frauen, welche „die Dichter verwöhnen“, wo finden sie sich, außer der einen am baltischen Gestade?

Und diesem schweizer Poeten, der in seinen Liedercyklen „Von der Riviera“ und „Die zerfallene Vigne“, in diesen anmuthigen Erinnerungsblättern italienischen Lebens, der in seinen Ghaselen und Oden des Liedes Wohllaut so verschwenderisch ausstreut, ihm hat das Leben nur herbe Dissonanzen geboten, und er ist zu Grunde gegangen in geistiger Verstörtheit.

Auch Hermann Lingg, verehrte Freundin, ist wieder in der Arena der Lyrik erschienen; Sie werden in seinen „Schlußsteinen“ eine Mosaik sehr ungleichartiger Gedichte finden. Einige sind mit der Adlerfeder geschrieben, mit welcher der Dichter seine ersten gedankenreichen Oden verfaßt hat; andere sind allzu flüchtig hingekritzelt; es fehlt ihnen Reinheit und Harmonie, ja bisweilen die unerläßlichste Feile. Sehr schöne Gedichte enthalten die Liebeselegien: „Vergilbte Blätter“. Da findet sich oft der ergreifende, prägnante Ausdruck echter Empfindung:

„Weil du mir zu früh entschwunden.
Blieb ein unerfülltes Glück
Ungenoss’ner schöner Stunden
Ruhelos in mir zurück.
Ungeküßte Küsse leben
In getrennten Herzen fort,
Und die Lippe fühlt noch beben
Das zu früh verstummte Wort.“

Schön ist auch das Gedicht, welches die Trennung von der Geliebten, die innere Trennung besingt, seit jenem sonnenlosen Tag, als er den Abgrund erkannte, der sich zwischen ihnen aufthat. Doch wenn ich Sie auch einladen möchte, nur bei dem Schönen zu verweilen, zu welchem auch mehrere Balladen, besonders das schwunghafte Gedicht „Die Kämpfer von Eleusis“, und sociale Romanzen, wie „Der Ball der Armen“, zu rechnen sind: ganz kann ich es Ihnen doch nicht ersparen, auch einen Blick zu werfen auf jene Schattenseiten der Sammlung, die sich allzu sehr dem Blick aufdrängen, um übersehen zu werden. Der Mangel an Selbstkritik ist bei einem hervorragenden Talent doppelt bedauerlich.

Bald spricht der Dichter wie ein Prophet in begeisterten Hymnen; bald stammelt er wie ein unmündiges Kind in Fibelversen:

„Man kann nur reine Freude haben,
Getrübte sind schon keine mehr“

oder:

„Wer kennt denn wirklich die Natur?“

In dem Gedichte „Der Kampf um’s Dasein“, der an einer Stelle „um’s Dasein das Gerauf“ genannt wird, finden sich die Verse, welche an die bekannte Manier von Wilhelm Busch erinnern:

„Man sieht dann in die Kammern,
Worin der Mord entsteht.“

Und der Schlußvers der Ballade: „Ein Gang im Park“ lautet:

„ … bis der Tod sie trennte,
Bis der ein’ des andern Brust durchsticht;
In dem nämlichen Momente (!)
Löscht auch oben aus ein schwankend Licht.“

Es kann nur in Deutschland vorkommen, daß ein Dichter neben den schönsten so schlechte Verse der Welt übergiebt. Hat denn unser Poet keinen Freund, der den „schlafenden Homer“ weckt? Seine Gegner könnten sonst boshaft genug sein, den Vers des Dichters auf ihn selbst anzuwenden:

„Es flattert wohl im Windeshauch
Von einem todten Schmetterlinge
Ein Flügel noch und schimmert auch,
Doch ist es nicht mehr eine Schwinge.“

Und das wäre grausam ungerecht gegenüber den genialen poetischen Würfen, welche die Sammlung enthält.

Erst neulich sprach ich Ihnen, verehrte Freundin, von dem Romandichter Wilhelm Jensen; heute mache ich Sie aufmerksam auf das Sommernachtsgedicht „Holzwegtraum“, das Jensen vor Kurzem verdeutlicht hat. Es ist ein echt romantischer Sommernachtstraum; alles erscheint darin in phantastisch duftigen Umrissen, und es singt und klingt darin märchenhaft wie in den Poesien von Brentano, Tieck und Arnim. Doch nicht wie sein Held geht die Muse des Dichters auf den Holzwegen der alten Romantik; es ist nicht die alles auflösende Ironie, der sie huldigt, sondern aus diesem Silberflor traumhafter Beleuchtung tritt ein allgemein gültiger, echt poetischer Grundgedanke hervor; es ist eine Feier von Lied und Liebe, allerdings in romantischer Form, in verdämmernden Umrissen, in träumerischer Fassung.

Der Held ist ein armer Geiger, der sich in die Tochter seiner Wirthin verliebt, aber von dieser als „dummer Junge“ tractirt wird und aus seiner Mansarde in den Wald wandert. Dort spielt er und schläft ein; doch er hat mit seinem Spiel Wunder gethan: er hat die Elfenprinzessin aus den Zähnen eines Unholds errettet. Das erfährt er im Traume; er sieht die Hochzeit der Elfenprinzessin mit an, die vor dem Kelch der weißen Wasserrose getraut wird. Zum Dank für seine Errettung weihen die Elfen und Blumengeister seine Saiten zu sieghaften Klängen. So schmilzt er das Herz eines alten Geizhalses, der anfangs den [776] Kettenhund auf ihn losläßt, ihn dann aber an seinen Tisch zieht und ihm eine gefüllte Börse giebt. In der Hauptstadt rührt er mit den Zauberklängen das Herz eines despotischen Herrschers; dieser zieht ihn an den Hof und spendet ihm reiche Ehren. In seinem Glanz wirbt er um die Hand der armen Geliebten. Sie folgt ihm in den Wald; sie hofft dort auf eine glänzende Morgengabe. Er aber wirft das prunkende Hofgewand ab; sie erschrickt, daß sie einem Bettler sich hingegeben, doch er rührt die Geige, und von ihren Zauberklängen entzückt, sinkt sie in den Arm des jungen Spielmanns, und beide ziehen weiter in den Wald.

Mit dieser träumerisch beleuchteten Darstellung der Schicksale seines Helden hat der Dichter allerlei barocke Einfälle und humoristische Zwischenspiele arabeskenhaft verwebt. Sein Stil ist durchaus originell. Er beseelt, wie der echte Dichter soll, das Todte draußen in der Welt.

Gleich beim Beginn der Dichtung sehen wir den jungen Geiger aus hoher Mansarde auf die Nachbardächer schauen:

„Morgenroth und Abendröthe
Hellten ihm die braunen Dächer,
Wenn der Tag begann und hinsank;
Immer gleiche Wellenrücken
Aufgereckter Ziegelsteine
Kalt und schweigsam auch wie Steine.
Nun im Licht und nun im Schatten,
Rechts hinüber lag der grämlich
Alte Giebel, lag zur Linken
Angeschwärzt der breite Schornstein;
Sahn sich an, als hielten Zwiesprach
Sie aus langverschollnen Tagen,
Doch in wunderlicher Sprache,
Unverständlich und unhörbar,
Daß es nichts dem Ohre frommte,
Wenn gespannt hinaus er horchte.
Aber was auch hätt’s ihm frommen
Sollen, wenn er es verstanden,
Des zerborstenen Gemäuers
Brummend dumpfes Windfangmurren
Von vergangnen Sonnen einst’ger
Zeiten, von begrabnen Menschen,
Todtem Glück, verstummtem Herzleid;
Ihm, dem heut der Herzschlag pochte,
Der des eignen Lebens Sehnsucht
In sich trug nach heut’ger Sonne –
Ach, was sollte in des Mondlichts
Bleichem Weben ihm der todten
Steine geisterhaftes Raunen!“

Gewiß, verehrte Freundin, Sie spüren hier mit mir den Mosesstab, der aus todten Steinen den lebendigen Quell der Dichtung schlägt.

Noch eine andere, eben erschienene Dichtung kann ich Ihnen empfehlen, „Murillo“ von Ernst Eckstein, eine Künstlernovelle in wohltönenden Versen von einem Autor, dessen größere humoristische Gedichte oft einen kecken Ton anschlagen und bisweilen an Meister Boccaccio erinnern. „Murillo“ ist aber eine Erzählung für den Familientisch; ihr Hauptvorzug besteht in dem treuen spanischen Colorit, das der Dichter, der Spanien aus eigener Anschauung kennt, vollkommen beherrscht. Mag er uns Andalusiens blühende Gefilde oder die öden Strecken der Mancha schildern: stets erhalten wir ein lebendiges stimmungsvolles Bild. Erzählt wird uns in dem Gedicht, wie der Knabe Murillo früh seine hohe Begabung an den Tag legt, Gönner und Schützerinnen, aber auch Neider und Feinde findet, wie er von Sevilla nach Madrid wandert, dort von Velasquez zum Meister ausgebildet wird und später, nach Sevilla zurückgekehrt, einen großen Triumph feiert. Sein Bild, Santa Justa und Santa Rufina, welche Sevillas Thurm schützen und halten, wird trotz der tadelnden Kritik der neidischen Maler vom Volke bewundert und auch vom König anerkannt, der dem Dichter den Lorbeer reicht. Die Liebe Murillo’s zu einer vornehmen jungen Dame bildet einen zweiten durch die Künstlernovelle sich hindurchziehenden Faden: auch diese Liebe erringt den Preis. Ehe Murillo nach Madrid wandert, erblickt er seine Schöne, welche ihm damals unerreichbar scheint.

„Schon regt sich’s droben am Altan …
Was hast du, fiebernder Esteban?
Ja wohl, sie ist’s, die Wonnereiche,
Die Blumenschöne, die Engelgleiche …
Es rauscht des Kleides schneeige Pracht.
So tritt sie hinaus in die stille Nacht.

O welch ein Bild! Durch Baum und Strauch
Fächelt ein luftig kühler Hauch,
Und leise schauernd mit zarter Hand
Schließt sie am Busen das leichte Gewand.
Ein blauer Mantel faltenreich
Rollt von den Schultern voll und weich,
Und ob der eignen Pracht erschrocken
Beben die aufgelösten Locken.
So steht sie da, die Heilige, Reine,
Glanzumflossen im Mondenscheine,
Und schaut empor in’s ewige Blau,
Verzückt wie Unsere liebe Frau,
Da einst durch Gottes ewige Gnade
Als Bote ihr der Engel nahte.
Kennt ihr das Werk, so hehr und mild,
Das wunderholde Madonnenbild?
Seht ihr die Heilige von Madrid?
Auf Wolken schwebt ihr leichter Schritt;
Voll zarter Scheu, voll heiliger Lust
Preßt sie die Hände vor die Brust.
Sie hebt verklärt den Blick, den süßen;
Der Halbmond flimmert ihr zu Füßen,
Und alles leuchtet rings und strahlt.
So hat Murillo sie gemalt
Als Fürst der Kunst in spätern Tagen,
Da er den Kranz davongetragen.
Das Bild des Mädchens am Altane,
Das er geschaut in trunknem Wahne,
Es sank dem Künstler unbewußt
Als höchstes Urbild in die Brust;
Denn traun, es ist der Liebe Art,
Daß sie das Ew’ge offenbart.“

Das ist gewiß lebendig geschildert und treffend ausgedrückt.

Sie sehen, verehrte Freundin, unsere lyrische Epik bietet noch immer Beachtenswerthes, und es ist nicht alles so schablonenhaft, wie es die Gegner unserer modernen Poesie ausschreien. Auch unsere Lyrik hat noch einige originelle Charakterköpfe aufzuweisen; freilich, die nichtssagenden Alltagsgesichter, die uns aus hundert Versbändchen entgegenblicken, verehrte Freundin, verdienen keinen Platz in Ihrem poetischen Album.

WS-Anmerkung:

Dieser Beitrag erschien als Nr. XXI in der Serie Literaturbriefe an eine Dame