Einsegnungsstunden 1916/6. Stunde

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6. Stunde
am Montag, den 27. November, vormittags 9 Uhr.
Lied 272, 1. 2. 6. 7. Psalm 49, 1–16. Kollekte 213, 21.
Von der versöhnenden Liebe in dem Werke Jesu Christi.

Wenn Gott die Liebe ist, so wird daraus zu folgern sein, daß die Liebe etwas Göttliches ist, wenigstens die wahre Liebe, die Liebe, die nicht sich selbst meint und sucht, sondern nur andern sich aufschließen, andern sich hingeben will. Von dieser Liebe wird man sagen dürfen: sie ist nicht menschlich, sie wächst nicht auf dem Boden des natürlichen Herzens. Es ist uns manchmal ein Trost bei Menschen, die äußerlich dem kirchlichen Leben fern stehen, wenn sie die Kraft haben ein großes Maß wahrer Liebe zu erweisen, daß man hoffen darf, daß in ihnen doch mehr Leben aus Gott wohnt, als sie selbst wissen und mindestens zu erkennen geben. So mag uns das in der Gegenwart ein Trost sein bei denen, die ihr Leben für das Vaterland, für eine höhere Sache hinzugeben willig und freudig sind. Aber freilich das alles darf nur von der wahren Liebe gesagt werden und wie wenig wahre Liebe gibt es im Grunde. Wie vielfach tritt uns verkehrte Liebe entgegen, wie viel Fleischliches mischt sich in die Liebe hinein, wie viel Selbstisches! Prüfen wir uns, ob wir nicht tief im Grunde uns selber und unsere eigene Art lieb haben, wenn wir Anderer Liebe in so hohem Maß in Anspruch nehmen. Ja, wie oft decken sich geradezu die ärgsten und schwersten Sünden mit dem Vorwand der Liebe. Wie viel findet sich auch unter Christen Irriges und Verkehrtes in dem Lieben! Denken wir nur an die Eifersucht und an die Schwärmerei!

 Wir haben uns nun in der vorigen Stunde die Liebe Christi vor Augen gestellt, die Liebe, die ihn trieb, die ihn herabführte in diese Welt. Ja, das ist ein lauterer Strom der Liebe, der sich da ergoß. Da ist nichts Selbstisches, Ungeordnetes, nur lautere, heilige Liebe. Wie aber in Christo Heiligkeit Gottes und Liebe Gottes in der wunderbarsten Weise zusammentreffen, das soll sich uns jetzt erst zeigen. Wir haben uns den Lebensgang unseres Heilandes und Erlösers in Erinnerung gerufen und denselben darzustellen gesucht als eine stete Betätigung der Liebe, aber welch heilige Liebe hat der Herr in seinem ganzen Leben erwiesen! Ueberall, wohin er kam, hat er Liebe gespendet, aber auch stets sich als den erzeigt, den niemand konnte einer Sünde zeihen. Welch großes Vorbild hat er mit dieser seiner heiligen Liebe gegeben: den Kindern, noch| mehr der heranwachsenden Jugend, am allermeisten denen, die im Berufe stehen. Aber damit wiederum ist die Bedeutung des heiligen Liebeslebens Jesu noch lange nicht abgeschlossen. Nicht nur als ein Vorbild kommt es uns in Betracht, sondern diese seine heilige Liebe wirkt noch fort. Das wollen wir heute zu erkennen suchen. Wir haben in der Kürze auch schon auf das Leiden und Sterben des Heilandes hingewiesen. Wie ist in demselben wieder Heiligkeit und Liebe im allerhöchsten Maße vereinigt! Heiligkeit in der vollkommenen Unschuld und Geduld, die er in seinem Leiden erwies, daß er nicht wieder schalt, da er gescholten ward, nicht dräuete, da er litt und die Liebe in der Willigkeit auch in das Leiden zu gehen und sein Leben für uns zu lassen. Wiederum ein Vorbild ohne gleichen, das Trost und Kraft für Unzählige in sich schließt. Aber damit ist abermals die Bedeutung der heiligen Liebe, die im Leiden und Sterben Jesu Christi sich erwies, noch lange nicht erschöpft. Heiligkeit und Liebe, sie sind in Gott, sagten wir, mit innerer Notwendigkeit verbunden und bilden zusammen, wenn wir menschlich reden dürfen, die göttliche Vollkommenheit, die in sich selbst abgeschlossen, sich selbst völlig genug ist und doch sich liebend aufschließen will gegen andere, immer aber so, wie es dem Wesen seiner Heiligkeit entspricht. Aber nun tritt den Menschen gegenüber die Heiligkeit Gottes und die Liebe Gottes in gewissem Sinne auseinander durch das Verhalten Gottes gegen die Sünde und hiemit werden wir auf den Gedanken der Versöhnung hingeführt, welche die heilige Liebe Gottes gewirkt hat. Wir schreiten damit von der Lehre von der Person Christi zur Lehre vom Werk Christi weiter und reden unserm einmal ins Auge gefaßtem Gesichtspunkt entsprechend von der
versöhnenden Liebe in dem Werke Christi,

und zwar zuerst von der Notwendigkeit der Versöhnung und dann von dem Versöhnungswerk Christi selbst.


I.
Eine Versöhnung setzt voraus, daß ein Streit eintrat, daß etwas zwischen zweien lag. Der deutsche Ausdruck Versöhnung hängt mit Sühne zusammen, daß man dem andern etwas bietet, was ihn, was sein Gemütsleben sozusagen wieder befriedigen kann, ein Gedanke entsprechend dem deutschen Gemüt. Die lateinische Sprache hat zwei Ausdrücke für Versöhnung: der eine ist etwa dem deutschen Wort entsprechend eine Sache so hinausführen, daß das Pietätsverhältnis wieder hergestellt ist, der andere, meist gebrauchte, bedeutet Genugtuung, ist also sozusagen vom Rechtsstandpunkt aus gefaßt, für eine vorgekommene Schädigung oder Beleidigung Genugtuung| zu bieten. Die griechische Sprache, die Sprache des Neuen Testamentes, gebraucht wieder abwechselnd zwei Ausdrücke für Versöhnung: der eine bedeutet mehr eine Veränderung im Verhältnis herbeiführen und der andere heißt mehr den andern günstig stimmen. Die hebräische Sprache, auch hier wieder die tiefste, wie sie nach Luthers richtig gemachter Bemerkung besonders reich ist an Zeitwörtern, die sämtlich Stammwörter sind, nicht erst von andern abgeleitet zu werden brauchen, die hebräische Sprache hat für den Gedanken der Versöhnung den Ausdruck des Zudeckens, daß also das zugedeckt wird, was scheidend, trennend zwischen zwei hineingetreten ist. Es braucht nicht erst gesagt zu werden, wie besonders tief gerade dieser Ausdruck ist für das, um das es sich uns handelt. Jedenfalls aber ist der Gedanke überall der, daß etwas inmitten liegt zwischen Gott und uns, was gleichsam überbrückt, was ausgeglichen werden muß. Daß etwas inmitten liegt zwischen Gott und uns, das bezeugt uns auch unser Gewissen. Woher all die Unruhe des Gewissens? Woher die Erfahrung, der Augustin Ausdruck gab: Unser Herz ist unruhig in uns, bis daß es Ruhe findet in Gott? Weil etwas zwischen inne liegt, weil dem Menschen durch sein Gewissen bezeugt wird nicht im rechten Verhältnis zu Gott zu stehen. Und wie oft muß des Gewissens Unruhe sich zu Vorwürfen des Gewissens steigern. Das Gewissen ist der stille Mahner, der besonders in einsamen Stunden sich geltend macht. Manchmal bricht diese Mahnung und Strafe des Gewissens wie mit Macht und Gewalt hervor. Wer hätte nicht erlebt, daß anscheinend kleinere Versehen und Unterlassungen aus früheren Jahren oft späterhin erst mit Macht vor uns hintreten und uns der Uebertretung zeihen? Daß etwas mitten inne liegt zwischen Gott und uns, das bezeugen auch die Religionen aller Völker und aller Zeiten. Denn was ist der gemeinsame Gedanke alles dessen, was man Religion nennt? Die Gewißheit, es gibt eine höhere Welt, es gibt eine höhere Macht, die in unser Leben bestimmend herein wirkt. Ob man diese Kraft auf der niedersten Stufe des Geisterglaubens, des sogenannten Sintoismus, des Ahnenkultus der ostasiatischen Völker zu erkennen glaubt in den Geistern der Verstorbenen, die bald hemmend bald fördernd eingreifen, ob man nach dem Standpunkt höher stehender Heidenvölker sittliche Gewalten oder imposante Naturkräfte für Gott ansieht, immer ist die Religion die Erkenntnis davon, daß es eine höhere Macht und eine höhere Welt gibt, die in dies Leben hereinwirkt und das Bestreben aller Religionsbetätigung ist diese höheren Mächte günstig zu stimmen. Da liegt immer der Gedanke inmitten: es ist etwas dazwischen und der Mensch muß etwas Ausgleichendes suchen. Im Zusammenhang damit steht der Gedanke der Opfer, die schon an der Schwelle der Menschheitsgeschichte uns entgegentreten. Das Opfer ist immer eine Leistung des Menschen| an die Gottheit; darum wird das Opfer verbrannt, damit es nicht mehr da sei, damit es insbesondere keinem irdischen, menschlichen Gebrauche mehr dienen könne. Ja es soll im Rauch aufgehen, mit dem Rauch emporsteigen zum Zeichen, daß es der Gottheit dargebracht sei. Man hat die Frage gestellt, ob das Opfer wohl auf göttlicher Einsetzung beruhe und manche Schriftausleger finden im Bericht des 3. Kap. des 1. Buchs Mose – da Gott nach dem Sündenfall den Menschen Kleider aus den Fellen von Tieren machte – die Einsetzung der Opfer: Tiere müssen ihr in gewisser Hinsicht unschuldiges Leben lassen um dem Menschen eine Bedeckung darzubieten für seine sündige Blöße. Möglich ist der Gedanke, ob er wirklich darin ausgesagt sein will, wird dahingestellt bleiben müssen. Man wird es doch vielleicht so anzusehen haben: die Opfer gingen hervor aus dem tiefsten Bedürfnis des sündig gewordenen Menschen, seinen Dank gegen Gott, den er ihm schuldet, zum Ausdruck zu bringen. Der Mensch ist sich bewußt, sich selbst Gott zu schulden und für das, was er selbst nicht leisten kann, setzt er nun etwas von ihm selbst Hervorgebrachtes, das den Eindruck der Reinheit und des Wertvollen hat, gleichsam an die Stelle und bringt das der Gottheit dar. Jedenfalls hat Gott diesen Dienst der Menschen sich gefallen lassen, aber freilich von Anbeginn an nicht auf die äußere Darbringung, sondern auf die Gesinnung geachtet; denken wir an das erste uns berichtete Opfer Kains und Abels! Wir werden anzunehmen haben, daß wenn man von Enos Zeit an begann anzurufen den Namen des Herrn, gemeinsamen geordneten Gottesdienst zu pflegen, daß da sicherlich die Opfer mit eingeschlossen gewesen sind. Näher berichtet wird uns Noahs Dankopfer nach der Sintflut, auf das wir schon Bezug genommen haben. Um dieses Opfers willen, dessen Gesinnung Gott angenehm war und wohl gefiel, gibt Gott die Verheißung fortan das Menschengeschlecht zu erhalten und keine Sintflut mehr kommen zu lassen. Hier erscheint auch erstmals der Altar: auf einer entweder von der Natur gebotenen oder vom Menschen gefertigten Erhöhung wird das Opfer dargebracht, auch zum äußeren Zeichen, daß es Gott gehören soll. Von Abraham wissen wir, daß er überall, wohin er kam, einen Altar errichtete und da anrief den Namen des Herrn. Aus seinem Leben kennen wir den besonders wichtigen Vorgang, der vorbildlich geworden ist für den Opferdienst Israels, ja für das höchste Opfer, das im letzten Hintergrunde steht; ich meine die Gehorsamsprobe, die dem Abraham ihn versuchend auferlegt wurde. Weil die Menschen die Gottheit günstig stimmen wollten durch Darbringung solcher Dinge, die sie selbst hervorgebracht und erzeugt hatten und die wertvoll waren, so sind die Menschen in besonders ernsten Zeiten auf den freilich schrecklichen Gedanken gekommen, das Allerwertvollste, was der Mensch haben kann, Gotte| zu opfern um ihn günstig zu stimmen: den erstgebornen Sohn oder eine reine Jungfrau, eine Königstochter, die als der höchst begehrenswerte Preis für alle erschien – freilich zugleich die furchtbarste Verirrung, die es geben kann, da der Mensch nie das Recht hat über eines andern Leben zu verfügen und ihn zum Tode zu bringen. Die Menschenopfer hat Gott später sehr nachdrücklich verboten und Abraham sah sie wohl auch sicherlich als Greuel an, da sie bei den kananitischen Völkern auch üblich waren. Nun verlangte Gott von ihm das gleiche zur Probe seines Gehorsams und das Lob, das ihm Gott erteilte, lautete: „Denn nun weiß ich, daß du Gott fürchtest und hast deines eigenen Sohnes nicht verschonet um meinetwillen.“ Da sehen wir den Hinweis, der darin liegt auf das vollkommene Opfer und bis dahin will nun Gott mit dem Opfer von Tieren sich begnügen. Deshalb wird dem Abraham der Widder gezeigt in der Nähe, den er darbringen soll und die Stätte, da er dies Opfer brachte, war Morija, wo später der Tempel stand als die Stätte, wo Gott die Opfer Israels wollte annehmen. So gehen die Opfer überall durch die heilige Geschichte. Ob die Israeliten in Aegypten in der Knechtschaft Gott opfern konnten, mag zweifelhaft erscheinen; aber es war ihr Wunsch Gott ein Opfer bringen zu dürfen in der Wüste, in der Freiheit. Im Gesetz hat Gott das Opfer völlig akzeptiert und ausgestaltet und alles bis ins kleinste angeordnet. Da wird genau bestimmt die Stätte. Wo das Gedächtnis des Namens Gottes wohnen sollte und wo Gott seine Gegenwart seinem Volke verheißen hatte, da soll auch die Stätte des Opfers sein und nirgends anders. Auch die Zeit der Opfer wurde aufs genaueste festgesetzt. Wir wissen, fortwährend mußte das heilige Feuer erhalten werden, fortwährend der Opferduft aufsteigen wie vom Brandopferaltar im Vorhof so vom Rauchopferaltar im Heiligtum. Und auch die Personen, die opfern durften, wurden von Gott selbst erwählt. Die verschiedenen Arten der Opfer stellen die verschiedenen Bedeutungen des Opferns genau vor Augen: Dank und Lob in den Brandopfern, die ganz verbrannt wurden, in den Speiseopfern der Gedanke der Gemeinschaft Gottes mit den Menschen, die durchs Opfer betätigt wird. Bei den Dankopfern, die man eigentlich Friedopfer nennen müßte, ist die Opfermahlzeit das Hervorstechende und es tritt der Gedanke hervor, daß die Opfernden wie mit Gott so auch untereinander Gemeinschaft genießen wollen. Dann die eigentlich blutigen Opfer zum Zweck der Versöhnung, die Sünd- und Schuldopfer, bei denen besonders das Blut des Opfers auf den Altar gegossen, oder an die Hörner desselben mit Ysopstengeln gestrichen wurde, die Sündopfer aus dem allgemeinen Sündenbewußtsein heraus, die Schuldopfer bei einzelnen Verfehlungen in Verbindung mit der Wiedererstattung, in diesem Fall gesetzliches Gebot. Am großen Versöhnungstag erreichte| dieser Opferdienst Israels seinen Höhepunkt, wo der Hohepriester selbst das Opfer darbringen, die Sünde des Volkes bekennen mußte unter Handauflegung auf das eine der beiden durch das Loos zu bestimmenden Tiere und wo er mit dem Blut des andern Opfertieres eingehen durfte in das Allerheiligste, um siebenmal mit dem Finger das Blut des Opfers zu sprengen gegen den Gnadenstuhl, den Deckel der Bundeslade, um dadurch Israel aufs neue wieder zu entsündigen. Was sollte dieser Gesamtopferdienst Israels anderes, als dem Volk deutlich vor Augen stellen die Notwendigkeit einer Versöhnung mit dem heiligen Gott, den Gedanken, daß man sich wohl Gott nahen darf, aber nur auf Grund des Opfers, auf Grund der Versöhnung aus Gnaden. Wie nun dieser äußere Opferdienst Israels stets das Bewußtsein wach erhalten sollte von der Notwendigkeit einer Versöhnung, so sollte in innerlicher tieferer Weise dazu dienen das Gesetz, von dem wir in dem Vortrag über die erziehende Liebe Gottes in der Vorbereitung auf Christus schon gehört haben. Wir wissen schon, daß des Gesetzes wichtigster Zweck der war, die Erkenntnis der Sünde zu wecken und aufrecht zu erhalten, dem Volk Israel in Erinnerung zu rufen, daß Gott ein eifriger Gott ist, der es genau nimmt mit der Liebe, die man ihm schuldet und daß es einen Zorn Gottes gibt, der eine Sühnung erheischt.
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 Und das bestätigt vollauf das Neue Testament. Auch der Herr selbst deutet wiederholt an, daß die Menschen von Natur unter dem Zorn stehen: „Wenn ihr euch nicht bessert, werdet ihr alle also umkommen.“ „Des Menschen Sohn ist gekommen zu suchen und selig zu machen das verloren ist.“ Ein hochzeitlich Kleid bedarf der Mensch um vor Gott bestehen zu können. So wird auch durch Christum die Notwendigkeit einer Versöhnung angedeutet in seinen Vorhersagungen vom Gericht, die einen nicht unbedeutenden Teil seiner Reden ausmachen. Schon in der Bergpredigt weist er darauf hin, daß er einst als Richter der Menschen da stehen wird und das Urteil sprechen, ob er sie kenne oder nicht. Joh. 5. hat dann der Herr bestimmt bezeugt, daß der Vater ihm das Gericht übergeben hat, darum daß er des Menschen Sohn ist; weil er gekommen ist als Erlöser der Welt, darum wird er auch als Richter vor ihr stehen. Und so in gar manchem Gleichnis. Wir dürfen sagen: auch das Wort Christi bezeugt es uns deutlich, daß es eine Sünde gibt und ein Gericht. Die Menschen stehen in der Sünde, die Sünde hat als Folge und Strafe nach sich den Tod, die Zurückweisung und Ausschließung von Gott, der Quelle des Lebens. Die Menschen stehen im Verhängnis des Todes und bedürfen einer Rettung, einer Erlösung, die geschehen wird und muß auf dem Wege der Versöhnung. Das bezeugen uns auch die heiligen Apostel. Am deutlichsten Paulus im Römerbrief, wenn er aus dem Alten Testament das| Wort wiederklingen läßt. „Wir sind allzumal Sünder und mangeln des Ruhms, den wir vor Gott haben sollten“ und wo er so deutlich bezeugt, daß es einen Zorn Gottes gibt, dem die Menschen unterstehen von Natur.


II.
 Wie wichtig ist nun das auch für uns! O wollen wir uns doch täglich mit allem Ernst unter das Gericht der göttlichen Heiligkeit stellen! Wollen wir doch nie die Erkenntnis, den Gedanken verlieren, daß wir um unserer Sünde willen von Gott geschieden sind! Wie stets in uns das Verlangen lebendig sein muß Gott zu finden und ihn zu haben, so auch die Erkenntnis, daß dazu notwendig ist Tilgung der Schuld, Versöhnung mit dem heiligen Gott. Aber wir haben auch eine Versöhnung, wir haben einen Versöhner. 1. Joh. 2, 1 und 2 bezeugt uns das der Apostel der Liebe so deutlich: „Solches schreibe ich euch, auf daß ihr nicht sündiget. Und ob jemand sündiget, so haben wir einen Fürsprecher bei dem Vater, Jesum Christ, der gerecht ist. Und derselbige ist die Versöhnung für unsere Sünden.“ Wir haben die Lehre von der Person Christi besprochen und haben erklärt, daß wir mit der Kirche festhalten an dem, was die Väter in Chalcedon so deutlich und klar bezeugt haben, daß in Christo die zwei Naturen, die göttliche und die menschliche vereinigt sind in einer Person. Warum halten wir daran fest? warum geben wir nicht den Modernen nach, die sagen: Ja, Christus war wohl der Sohn Gottes insofern eben, daß er erstmals klar erkannte, daß die Menschen trotz der Sünde sich als Kinder Gottes betrachten dürfen? Warum lassen wir uns nicht herab auf den bequemen Standpunkt des alten Rationalismus, der Christus als größten Propheten und Weisheitslehrer rühmte und als den, der durch seine Liebe und Treue, die er auch im Leiden bewies, entschieden zur Sinnesänderung mahnte und auch die rechte Sinnesänderung uns vor Augen stellte? Ritschl, der eigentliche Vater der modernen Theologie, stand ja so, daß er sagte: Der Mensch wird vor Gott gerecht, wenn er die Ueberzeugung erlangt, daß er trotz seiner Sünde mit Gott in Gemeinschaft stehen kann, und aus dieser Rechtfertigung ergibt sich dann die Versöhnung. Also nicht ruht die Rechtfertigung auf der durch Christum gewirkten Versöhnung, sondern durch die Rechtfertigung wirkt der Mensch sich die Versöhnung selbst; aber immer steht Christus deutlich auf Seiten der Menschheit. Und wenn einer, der noch einer der kirchlichsten unter den Modernen sein wollte, der verstorbene Kirn in Leipzig, es so hinstellt: „Christus in seinem Leiden und Sterben garantiert der Menschheit die Sinnesänderung Gottes und garantiert Gott die Sinnesänderung der Menschen,“ so steht auch hier im tiefsten Grund Christus deutlich| auf Seiten der Menschheit. Wir halten mit den Vätern daran fest: Christus ist wahrer Gott und wahrer Mensch in einer Person. Nur dadurch ist Christus die vollkommene Offenbarung Gottes an die Menschheit, nur dadurch ist er Anfang und Haupt einer neuen Menschheit, nur dadurch ist er der Mittler zwischen Gott und den Menschen. Er ist der Mittler zwischen Gott und den Menschen als der Mensch gewordene Sohn Gottes; aber wozu ihn der Vater sandte, das hat er als der treue Knecht Gottes auch hinausgeführt. Er hat das Werk der Versöhnung vollbracht.
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 Die Lehre vom Werke Christi schließt sich am natürlichsten an die Betrachtung seines Lebens an, aus welchem seine Liebe überall hervorleuchtet. 33 Jahre hat der Herr auf Erden gelebt, welche Zeit in die ungleichen Hälften zerfällt von 30 und 3 Jahren. Groß ist er in seinem Warten, daß er abwartet bis des Vaters Stunde kam. Er hat auch in den Jahren seiner 30jährigen Stille uns Hochwichtiges gegeben und geschenkt. Wie ist er uns da ein Vorbild gewesen, den Kindern, der Jugend, wie denen, die im reifen Alter stehen. Wie hat er dadurch die Arbeit geheiligt, daß er es nicht verschmähet hat auch in dem Handwerk seines Vaters sich zu betätigen. Aber nicht nur das. Er hat auch da schon etwas für unser Heil getan, worauf wir nachher geführt werden sollen. Als er sich der Taufe Johannis unterzog, hat er dadurch gezeigt, daß er willig sei für die Menschheit einzutreten. Indem er, der Heilige, sich taufen ließ, als ob er auch ein Sünder wäre, auch einer Reinigung bedürfe, hat er zu erkennen gegeben, daß er, der Heilige, eintreten wolle für die Sünder. Er hat dann zunächst das prophetische Amt geführt, gelehrt, dem Volk Israel die wahre Offenbarung Gottes gebracht. Er hat im Leiden und Sterben sein hohepriesterliches Amt betätigt und thront nun als der König zur Rechten des Vaters. Dieses dreifache Amt des Herrn gehört enge und notwendig zusammen. Er hat uns das Heil verkündigt, er hat uns das Heil erworben, erteilt das Heil von der himmlischen Höhe herab mit. Nur darf diese Trennung, dieser Unterschied nicht etwa ein äußerliches Abschneiden und Abgrenzen gegen einander werden, sondern alles liegt auch hier in einem. Schon als er sein prophetisches Amt führte, ist der Herr ein Mittler und Vertreter für die Seinigen gewesen. Noch mitten im Leiden bezeugt er sich schon als den König. Und jetzt in seiner königlichen Würde vollendet sich zugleich sein prophetisches und hohepriesterliches Amt; denn auch jetzt noch, jetzt gerade lehrt er uns durch seinen heiligen Geist, durchs Wort, durchs Predigtamt. Auch jetzt in seiner himmlischen Höhe ist er der Vertreter, der Mittler, der Fürsprecher zwischen Gott und den Menschen. Und gerade darin besteht sein königliches Amt, daß er das durch ihn erworbene Heil den Menschen stets offen hält durch seine mittlerische Vertretung und es ihnen durch| den heiligen Geist anbieten und mitteilen läßt, wodurch er eine Kirche, eine Gemeinde auf Erden sich sammelt.

 Wir müssen nun zum rechten Verständnis von der Lehre der Versöhnung uns klar werden über das Verhältnis von Erlösung und Versöhnung. Die Erlösung ist das Allgemeine, wir bezeichnen damit das ganze Werk, zu dem Gott ihn gesandt hat. Die Erlösung aber ist geschehen auf dem Wege der Versöhnung. Er hat uns dadurch erlöst, daß er die Sünde ausgetilgt hat. Die Sünde ist ja noch da; sie ist nicht alsbald aus der Welt hinausgeschafft worden. Dazu wird es erst kommen, wenn Christi Werk vollendet ist in Herrlichkeit, dann wird die Sünde überhaupt nicht mehr sein. Aber die Schuld der Sünde, die hat Christus bezahlt und getilgt, so daß die Sünde uns nicht mehr kann in Verdammnis bringen. So ist die Erlösung das Ergebnis der Versöhnung und durch seine Versöhnung hat Christus eine ewige Erlösung erfunden. Eben darin betätigt sich im höchsten Maße seine Liebe.

 Von beiden, von der Erlösung und von der Versöhnung wird nun bezeugt, daß sie sonderlich geschehen seien durch das Blut Jesu Christi, d. h. dadurch daß er freiwillig sein Leben für uns dahingab. Das hat der Herr Jesus selber gesagt. Von Cäsarea Philippi an bezeugt er seinen Jüngern, daß er müsse leiden und sterben; er hat ihnen andeutend schon kurz vorher gesagt, daß er sein Fleisch, sein Leben dahingeben werde für das Leben der Welt. Ganz besonders wichtig aber ist das Wort, das er zu den Zebedaeiten sagte, als sie so Großes von ihm begehrten: „Des Menschen Sohn ist nicht gekommen, daß er sich dienen lasse, sondern daß er diene und gebe sein Leben zu einer Erlösung für viele,“ zu einem Lösegeld an vieler Statt. Und in der heiligsten Stunde, der Einsetzung des heiligen Sakramentes, spricht er von seinem Leibe, der dahingegeben wird und von seinem Blute, das vergossen wird für uns zur Vergebung der Sünden. Und so ist auch die Verkündigung der heiligen Apostel darin völlig eins. St. Petrus bezeugt es: „Wisset, daß ihr nicht mit vergänglichem Silber oder Gold erlöset seid von eurem eitlen Wandel nach väterlicher Weise, sondern mit dem teuern Blute Christi als eines unschuldigen und unbefleckten Lammes.“ St. Johannes: „Das Blut Jesu Christi, seines Sohnes, macht uns rein von aller Sünde.“ St. Paulus: „An welchem wir haben die Erlösung durch sein Blut, die Vergebung der Sünden.“ Und noch in der Offenbarung wird das Lamm gepriesen, wird der gepriesen „der uns erkaufet hat mit seinem Blut.“ Auch auf die Vorbilder des alten Testamentes darf wiederholt hingewiesen werden, besonders auf das Passah, das der Herr selbst als Vorbild dessen hinstellt, was er nun zu tun im Begriffe ist, da er mit den Jüngern zum letzten Mahl, nach dem ihn herzlich verlangte, sich zusammenfand.

|  Wie ist nun diese Versöhnung und Erlösung durch das Blut Jesu Christi näher zu denken? Im gemeinen Glauben der Kirche stand vom Anfang an fest, daß wir erlöst sind durch Christi Tod. Das volle und umfassende Verständnis war nicht alsbald und nicht immer da. Die ältesten Väter vertraten hauptsächlich den Gedanken, daß Christus da einen Kampf geführt hat wider den Teufel. Dieser hatte – so faßte man es auf – ein Recht an den Menschen erlangt; dafür überläßt ihm Gott nun die Seele des Menschgewordenen; da diese aber heilig ist, kann der Tod sie nicht halten und so sieht sich der Satan betrogen. Etwas Richtiges ist an diesen Gedanken ja wohl auch. Sie kommen im Osterliede Luthers einigermaßen zum Ausdruck: wie ein Tod den andern fraß; ein Spott aus dem Tod ist worden. Andere Väter heben schon mehr den Gedanken des Opfers hervor. Gott hat den Tod verhängt; er mußte vollzogen werden, sonst wäre Gott nicht wahrhaftig. So gab sich der Herr freiwillig in den Tod und drang zum eben hindurch. Dieser Gedanke des neuen Lebens zu dem der Herr durch Tod und Auferstehung hindurchdrang, wird auch anderwärts stark hervorgehoben und auch daran ist etwas Richtiges. Den ersten Versuch einer zusammenhängenden, wie man sagt, systematischen, lehrhaften Darlegung der Versöhnung hat Anselm von Canterbury, † 1109, gemacht. Er stammte aus lombardisch-deutschem Geschlecht aus Oberitalien; seine Mutter war eine Frau deutschen Namens. Er schrieb das Büchlein: „Cur Deus homo,“ Warum Gott Mensch ward. Er legt zum ersten Mal den Gedanken der Versöhnung im Zusammenhang dar. Den Gedanken eines Rechtes des Satans an die Menschen lehnt er ab und ebenso den Gedanken eines Betrugs, gleichsam einer Täuschung, in der der Satan gehalten worden sei. Er hebt dagegen sehr hervor den Gedanken der Schuld. Er lehrt etwa so: Die Verletzung der Ehre Gottes hätte nur ein Doppeltes nach sich ziehen können, Strafe oder Genugtuung. Hier trat sich entgegen die göttliche Heiligkeit und die göttliche Barmherzigkeit und die göttliche Weisheit fand nun den Ausweg in der Versöhnung durch Christi Tod. Es ist viel Richtiges daran, nur in manchem zu äußerlich gedacht und gefaßt. So wird der Gedanke der verletzten Ehre Gottes doch wohl auszuschalten sein. Auch die Bedeutung des Lebens Christi und seiner Auferstehung tritt hier zu sehr zurück. Auf der Linie Anselms haben sich im ganzen unsere lutherischen Väter gehalten; doch haben sie nicht nur von der Genugtuung gesprochen, von der Erleidung der Strafe; sie nahmen auch das Leben Christi hinzu und unterscheiden den tätigen und den leidenden Gehorsam. Der tätige Gehorsam bestehe darin, daß Christus durch die Erfüllung des Gesetzes und durch die Betätigung vollkommener Heiligkeit in allen menschlichen Verhältnissen das Gesetz vollkommen erfüllte und dadurch eine Gerechtigkeit vor Gott| beschaffte, während er durch sein Leiden und Sterben die Schuld der Sünde tilgte. Etwas zu äußerlich denken sie diese Tilgung der Schuld durch den Tod und die Beschaffung der Gerechtigkeit durch sein heiliges Leben; da doch beides zusammenfällt: Tilgung der Schuld und Gerechtwerdung vor Gott.
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 Es wurde nun bald mehr der leidende, bald mehr der tätige Gehorsam betont. Die den leidenden Gehorsam ausschließlich betonen, wie man das besonders in manchen Erbauungsschriften finden kann in alter und neuer Zeit, werden wohl so weit geführt, daß sie meinen, Christus habe auch die Höllenstrafe für uns erdulden müssen und erduldet wie das etwa auch Ludwig Harms in einer Charfreitagspredigt vorgetragen hat. Davon weiß die heilige Schrift nichts, ja sie schließt es aus durch das Wort: Es ist vollbracht. Das Erdulden der Höllenstrafen ist doch nicht denkbar von dem Sohn Gottes; denn was ist das Furchtbarste der Höllenstrafen? Das Bewußtsein es selbst verschuldet zu haben. Das konnte der Sohn Gottes nicht kennen. Er hat auch in dem tiefsten Leiden daran festgehalten, daß er den Weg des Gehorsams gegen seinen Gott und Vater geht: „Nicht mein, sondern dein Wille geschehe,“ auch da, wo alles vor ihm dunkel geworden ist. Andere betonten wieder zu sehr den tätigen Gehorsam. Das hat zur Reformationszeit Osiander, der Reformator Nürnbergs – bekanntlich aus Gunzenhausen gebürtig – getan, der den Gedanken ausführte, wie in dem menschgeborenen Christo das Ebenbild Gottes wieder geschaffen sei und die Rechtfertigung darauf gründet, daß dies neue Leben auch in uns erstehe, was unsere Kirche mit Recht als nicht unbedenklich ablehnen mußte. Etwas Aehnliches hat zu unsern Zeiten der große Schriftforscher Hofmann vorgetragen, der den Gedanken des Strafleidens glaubt ablehnen zu müssen. Christus, so meint er, bewährte sich unter den Folgen der Sünde in vollkommenem Gehorsam und ging so aus dem alten in ein neues Leben hinüber, das er für die Menschheit beschaffte. Wir werden da doch etwas zu wenig den Gedanken des stellvertretenden Leidens und Sterbens finden, den der Herr selber ausspricht in den Worten: „Ich gebe mein Leben zu einem Lösegeld für viele.“ So etwa werden wir es uns zu denken haben: Die Heiligkeit Gottes erfordert allerdings eine Strafe und wenn diese Strafe auch nach der Barmherzigkeit Gottes nicht sollte vollzogen werden, so verlangte die göttliche Heiligkeit eine Sühne. Die Menschheit konnte sie nicht selber beschaffen, sie konnte nicht selbst den Rückweg zu Gott finden. Aus der Menschheit sollte und mußte diese Sühne hervorgehen. Da sie dieselbe nicht selbst zu leisten vermochte, so trat der menschgewordene Sohn Gottes für uns ein, wie er durch seine Taufe schon ausdrücklich bezeugte. Und was wollte er nun für uns leisten? Das, was die Menschheit hätte leisten müssen, um eine Versöhnung zu wirken. Unter diesem Gesichtspunkt wird| das gesamte Tun und Leiden zu stellen sein. Was die Menschheit hätte leiden und leisten müssen um eine Versöhnung) mit Gott zu wirken, dazu gehörte vor allem dies, alle Folgen der Sünde willig auf sich zu nehmen, und unter denselben vollkommenen Gehorsam und völlige Heiligkeit zu beweisen, zugleich aber diese Folge auch auf sich zu nehmen als Strafe der Sünde. So ist denn Christus für uns eingetreten als unser Vertreter. Nicht so, wie man es manchmal dargestellt finden kann, als ob er nun alle und jede Strafe, die denkbar ist bis zur Höllenstrafe, hätte auf sich nehmen müssen; nicht so, als ob er etwa in allen und jeglichen menschlichen Verhältnissen, die denkbar sind, alle und jegliche Gesetze hätte erfüllen müssen; sondern er vertrat uns eben in seinem Erdenleben durch seinen vollkommenen Gehorsam im Tun und im Leiden. Dieser zwiefache Gehorsam bietet gewiß einen wichtigen und richtigen Gesichtspunkt. Nur darf man nicht nach Art unserer alten Väter allzu äußerlich abschneiden und abteilen. Auch ehe Christus in sein Leiden kam, als er sich betätigte in den menschlichen Verhältnissen, ist ihm Leiden genug auferlegt gewesen und auch als er in sein Leiden eingetreten war, beweist er seinen Gehorsam durch die Tat; auch sein Leiden, auch die große Passion ist im höchsten Sinn eine Tat und die höchste Tat ist seine Hingabe in den Tod. Von diesem Gesichtspunkt aus wollen wir das ganze Tun und Leben des Herrn anschauen. Das Entscheidende ist der freiwillige Gehorsam, der bis zum freiwilligen Opfer des Lebens sich erhebt. Der Sohn stellt sich zum Vater in das Verhältnis des freiwilligen Gehorsams; er, der dem Vater in Ewigkeit gleich war, ist ihm freiwillig gehorsam geworden. In diesem Gehorsam entäußert er sich seiner göttlichen Gestalt, verzichtet auf die Weltstellung, die ihm zustand, verzichtet auf Allmacht und Allwissenheit. Er wird ganz und wirklich ein Mensch und lebt in den menschlichen Verhältnissen. Das wunderbarste dabei ist sein allmähliches Werden vor und nach der Geburt; er unterstellt sich dabei dem Gesetz alles menschlichen Werdens; er bewahrt in allem vollkommene Reinheit und Unschuld und verschmäht auch nicht die menschliche Arbeit und dies alles nicht nur im Sinne des Vorbildes. So hat er auch in der Zeit bis zum 30. Lebensjahr für unsere Versöhnung mit Gott Großes getan, indem er in allen menschlichen Verhältnissen und Vorkommnissen in völligem Gehorsam sich betätigt hat. Durch die Taufe stellt er sich in diesem Gehorsam als der Vertreter der Menschheit ein und empfängt vom Vater das Zeugnis, daß dieser Weg der von Gott gewollte ist. Er besteht auch die Versuchung des Argen, der ihm naht wie ein Engel des Lichts. Er vollbringt in seinem Beruf nur den Wink des himmlischen Vaters; von ihm läßt er sich alles geben, auch die Wunder und Werke, die er tun soll. Und was hat er hier schon| während dieser Tätigkeit seines Amtes erlitten! In Armut ging er einher, so daß er auch von den Liebesgaben derer lebte, die ihn lieb hatten. Alle Schwachheiten der menschlichen Natur nahm er auf sich. Wieviel litt er durch den Unverstand seiner Jünger und den Widerspruch seiner Feinde und das alles im Umkreis des menschlichen Denkens und Fühlens. Und so sehr ist er völlig Mensch geworden, daß er sogar mit einer gewissen Wehmut von seinem Scheiden spricht; nichts von Heimweh finden wir bei ihm nach der himmlischen Heimat, sondern das volle Bewußtsein, solange er hier auf Erden stand sein Werk führen zu müssen und er spricht vielmehr immer von seinem Tode so, daß es hier so gehen werde, daß der eine säet, der andere erntet. Durch dies alles hat er seinen Gehorsam herrlich bewiesen und wie nun vollends im Leiden! Beim Leiden tritt uns das doppelte entgegen: völlige Freiwilligkeit und doch ihm vom Vater auferlegtes Widerfahrnis. Das Leiden haben ihm seine Feinde angetan, hinter denen der böse Feind stand, der hoffte durch Leiden ihn von Gott loszureißen oder von dem Weg des Gehorsams abzubringen: Bist du Gottes Sohn, so– steig herab vom Kreuz. Aber im höchsten Sinn war es ihm auferlegt von seinem himmlischen Vater. Freiwillig begibt er sich darein. Er hat es zuvor gewußt, er hätte sich ihm leicht entziehen können; aber freiwillig gibt er sich in die Hände seiner Feinde und betont selber: „Niemand nimmt mein Leben von mir, sondern ich lasse es von mir selber. Ich habe es Macht zu lassen und habe es Macht wieder zu nehmen.“ Damit wird sein Leiden und Sterben im höchsten Sinn zum Opfer. Da nimmt er nun das Letzte und Schwerste auf sich, den Tod, den er auch als das empfindet, was er in Wahrheit ist, als Scheidung von Gott, Strafe der Sünde, Erleidung des göttlichen Zornes. Damit wissen wir aber gewiß und wußte er selbst, daß er alles hat hinausgeführt. Noch ehe der Tod selbst über ihn kam, ist er sich bewußt alles vollbracht zu haben, was notwendig war zur Erfüllung der Schrift. Nun war unser Ungehorsam gesühnt; nun war die Strafe erlitten; nun war die Gerechtigkeit wiedergebracht und so ist sein Leiden für uns von dem höchsten, herrlichsten Wert. Das Leiden hat darum diesen unendlichen Wert, weil es die Tat des Menschensohnes ist, der unser Bruder war nach dem Fleisch und doch Gottes Sohn von Ewigkeit, so daß wir zusammenfassen können in dem Satz, daß der Sohn Gottes unter allen Folgen der Sünde vollkommene Heiligkeit und Gerechtigkeit bewahrte, sein heiliges göttliches Leben als Sühne für unsere Sünde freiwillig in den Tod gab, das hat vor Gott einen so unendlichen ewigen Wert, daß es die Sünde der ganzen Welt austilgt und daß dadurch eine ewige Versöhnung gewirkt ist. Und so ist die Erlösung die Frucht des Versöhnungswerkes. Und so dürfen wir von der versöhnenden| Liebe unseres Herrn und Heilandes sprechen, denn Seele und Kraft dieses Gehorsams war nichts anderes als seine Liebe, Liebe zum Vater, Liebe zu unseren Seelen.

 Wir können rufen mit dem alten Testament: „Die Strafe liegt auf ihm, auf daß wir Frieden hätten.“ Wir dürfen sprechen mit dem Täufer an der Schwelle des neuen Bundes: „Siehe das ist Gottes Lamm, welches der Welt Sünde trägt.“ Wir dürfen sprechen mit dem Apostel Paulus: „Gott hat den, der von keiner Sünde wußte, für uns zur Sünde gemacht, auf daß wir würden in ihm die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt.“ Wir dürfen sagen mit der Kirche: „All Sünd hast du getragen, sonst müßten wir verzagen.“ Ja, „die Schuld ist allzumal bezahlt durch Christi teures Blut, daß ich nicht mehr darf fürchten der Hölle Qual und Glut.“

Amen!
Ps. 54. Lied: 96, 1. 3. 4.





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