Die Gartenlaube (1883)/Heft 6

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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Ernst Ziel
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Entstehungsdatum: 1883
Erscheinungsdatum: 1883
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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No. 6.   1883.
Die Gartenlaube.

Illustrirtes Familienblatt.Begründet von Ernst Keil 1853.

Wöchentlich 2 bis Bogen. 0 Vierteljährlich 1 Mark 60 Pfennig. – In Heften à 50 Pfennig.


Gebannt und erlöst.

Von E. Werner.
(Fortsetzung.)


„Lily, scherzen Sie doch nicht in so gottloser Weise!“ rief Fräulein Hofer, indem sie sich bekreuzigte. „Sie ahnen gar nicht, was für dunkle, schreckliche Geheimnisse dieses Felseneck birgt. Wenn Sie es wüßten!“

Sie nahm eine äußerst geheimnißvolle Miene an, und Lily horchte hoch auf, als zu ihrem großen Leidwesen ihre Schwester diese interessanten Enthüllungen unterbrach. Die junge Frau schien sich nicht sehr für das Gespräch zu interessiren; sie war an die Balconthür getreten und blickte in den Garten hinaus, jetzt aber sagte sie, ohne sich umzuwenden:

„Füllen Sie Lily’s Phantasie doch nicht mit solchen Geschichten an. Wer wird derartige Märchen glauben!“

„Märchen?“ wiederholte das Fräulein empfindlich. „Es sind keine Märchen – das weiß ich am besten. Mein Vater ist ja lange Jahre hindurch Förster in Werdenfels gewesen, ehe er die großen Bergforsten übernahm, die zu Felseneck gehören. Er war es, der den jungen Freiherrn damals halb todt von der Geisterspitze herunter brachte. Sie kennen doch die Geisterspitze, Lily?“

„Ja, dort oben sitzt die Eisjungfrau!“ lachte Lily. „Das habe ich schon als Kind gewußt, als wir noch bei Vetter Gregor lebten. Ich hätte für mein Leben gern die weiße Majestät einmal gesehen, aber sie geruhte niemals zu uns herabzusteigen.“

„Der Himmel bewahre uns davor!“ fiel Fräulein Hofer ein. „Kennen Sie denn nicht das Sprüchwort hier zu Lande: ‚Wenn die Eisjungfrau in das Thal niedersteigt, dann bringt sie Verderben‘?“

„Das Sprüchwort hat sein gutes Recht,“ sagte Anna in einem eigenthümlich kalten Tone. „Von der Geisterspitze wehen im Herbste und Winter die eisigen Schneestürme nieder; von dort stürzen die Lawinen. In diesem Sinne hat Ihre Eisjungfrau dem Thale allerdings schon oftmals Unheil gebracht. Das Volk verkörpert sich eben die Elementargewalt in der Sage, aber die Gebildeten sollten sich von diesem Aberglauben frei halten.“

Damit öffnete sie die Glasthür, die auf den Balcon führte, und trat hinaus. Fräulein Hofer sah ihr mit etwas gereizter Miene nach.

„Die gnädige Frau ist ein Freigeist,“ bemerkte sie. „Freilich, in der Residenz ist man ja so sehr aufgeklärt und lacht über Alles, was sich nicht mit dem nüchternen Verstande begreifen läßt. Sie, Lily, haben das im Institute wohl auch gelernt.“

„Ach, ich höre noch gar zu gern Gespenstergeschichten!“ versicherte Lily. „Bitte, bitte, Fräulein Emma, erzählen Sie mir! Was ist das mit diesem Werdenfels und mit der Geisterspitze? Ich höre überall nur dunkle Andeutungen und sterbe fast vor Neugier, irgend etwas Näheres darüber zu erfahren. Bitte erzählen Sie!“

Fräulein Emma ließ sich nicht allzu lange bitten; sie erzählte offenbar sehr gern. Anfangs dämpfte sie noch, mit einem Blicke auf die offene Balconthür, ihre Stimme bis zum Flüstertone, aber schon nach wenigen Minuten vergaß sie diese Vorsicht und sprach ganz laut.

„Es ist schon sehr lange her –“ begann sie.

„Das wird interessant!“ unterbrach sie Lily. „So fangen gerade die schönsten Geschichten an. Also, es ist schon sehr lange her – wohl schon ein paar hundert Jahre?“

„Nein, das gerade nicht!“ sagte das Fräulein, etwas aus dem Concepte gebracht. „Im nächsten Frühlinge werden es gerade vierzehn Jahre, daß Werdenfels niederbrannte, und unmittelbar nach dem Brande verschwand der junge Freiherr.“

Lily hatte sich dicht neben die Erzählerin gesetzt und las ihr förmlich die Worte von den Lippen. Ihr konnte man augenscheinlich nicht den Vorwurf nüchterner Aufklärung machen; sie hatte noch das ganze gläubige Interesse des Kindes für die „Gespenstergeschichten“.

„Er war nirgends im ganzen Schlosse zu finden,“ fuhr das Fräulein fort. „Man fragte und suchte überall umsonst: endlich erfuhr man, daß er in die Berge geritten sei, aber als der Tag zu Ende ging und auch die Nacht verfloß, ohne daß er zurückkehrte, mußte man nothgedrungen ein Unglück annehmen. Der alte Freiherr, der sonst gar keine besondere Zärtlichkeit für seinen Sohn hegte und ihn im Gegentheile sehr streng behandelte, gerieth diesmal ganz außer sich und schien das Schlimmste zu fürchten. Es wurden Boten nach allen Richtungen hin ausgesandt, und als sie sämmtlich unverrichteter Sache zurückkehrten, nahm mein Vater mit seinen Jägerburschen die Nachforschungen auf. Sie kamen auch bald auf die rechte Spur; sie fanden das Pferd auf einer Bergwiese gerade am Fuße der Geisterspitze, herrenlos und fast zusammengebrochen vor Erschöpfung. Baron Raimund aber war, wie sich später ergab, weiter bergaufwärts gestiegen und hatte sich dort wahrscheinlich bei einbrechender Dunkelheit verirrt; denn er war bis in die Klüfte und Schneefelder der Geisterspitze gerathen. Dort wurde er denn auch gefunden, besinnungslos, erstarrt, ohne alle Lebenszeichen. Man glaubte anfangs, er würde überhaupt nicht wieder erwachen, und [90] er trug auch eine schwere Krankheit davon. Seitdem ist er gebannt.“

„Ah, gebannt?“ fragte Lily, der das Wort ungemein imponirte, da sie es durchaus nicht verstand. „Ist das etwas Grausiges?“

„Etwas sehr Grausiges!“ bestätigte das Fräulein. „Die Eisjungfrau hat ihn da oben geküßt, und wer einmal in ihren eisigen Armen geruht hat, der kann nie wieder zum Leben erwarmen, der ist in all seinen Empfindungen abgestorben. Seit jener Stunde war der junge Freiherr nicht wieder zu erkennen. Ich habe ihn ja früher oft gesehen und gesprochen, wenn er nach der Försterei kam. Er war wohl immer ernst und ein wenig träumerisch, aber er konnte doch auch lachen und heiter sein und hatte gar nichts von dem Hochmuthe seines Vaters. Seit seiner Krankheit aber war das Alles vorbei. Er blickte keinen Menschen mehr an, sprach auch mit Keinem mehr und sah aus, als hätte er im Grabe gelegen. Es war ja auch beinahe so gewesen - denn die Eisjungfrau läßt nicht wieder los, was ihr einmal verfallen ist!“

Lily hörte mit großen Augen und mit halb geöffneten Lippen zu; die Geschichte war augenscheinlich ganz nach ihrem Geschmacke.

„Deshalb hat er sich auch da oben in Felseneck angesiedelt,“ meinte sie. „Da hat er die Geisterspitze ganz in der Nähe. Die Bauern meinen, daß er da oben allerlei Hexenkünste treibt. Ist es denn wahr, daß er damals Werdenfels angezündet hat?“

„Lily , um Gotteswillen schweigen Sie!“ rief das Fräulein erschrocken. „Dergleichen sagt man nicht laut.“

„Aber im Geheimen erzählt es sich doch alle Welt. Mir hat es unser Gärtner, der alte Ignaz, anvertraut. Er behauptet steif und fest, es sei die Wahrheit. Wissen Sie etwas Näheres darüber?“

„Nein, es weiß überhaupt Niemand etwas Bestimmtes darüber. Es ist freilich wahr, daß Baron Raimund seit dem Brande Werdenfels förmlich geflohen hat und, wenn er wirklich einmal dorthin gekommen, das Schloß kaum verließ. Sein Vater allerdings ließ sich das Gerücht ebenso wenig anfechten, wie den Haß der Bauern. Er fuhr und ritt nach wie vor durch das Dorf, so hochmüthig wie immer, der Sohn aber setzte keinen Fuß wieder hinein. Später, als er selbst Herr auf den Gütern wurde, da versuchte er es freilich, in ein besseres Verhältniß mit den Leuten zu kommen, und er that alles Mögliche für sie, aber sie hatten ein Grauen vor ihm und seinen Wohltaten, und jetzt ist er ja schon seit Jahren förmlich verschollen da oben in seiner Felsenburg!“

„Es existiren aber doch wenigstens Menschen in Felseneck,“ sagte Lily, die diese Thatsache bisher ernstlich bezweifelt zu haben schien. „Wer mag nur der junge Jäger gewesen sein, der uns begegnete?“

„Wahrscheinlich Paul von Werdenfels, der Neffe des Freiherrn; er soll ja jetzt dort zum Besuche sein.“

„Hu, was muß das für ein Leben bei diesem schrecklichen Onkel sein! Der arme junge Mann, wenn ihm nur nichts zu Leide geschieht! Er sah so freundlich aus, und er grüßte mich so tief, ganz wie man es bei einer Dame thut. Der Justizrath nickt mir nur immer so obenhin zu, wie einem Kinde, und Gregor möchte mir noch am liebsten mit der Ruthe drohen. - Aber ist Anna denn noch immer draußen aus dem Balcon? Sie kommt ja gar nicht zurück.“

Mit diesen Worten sprang das junge Mädchen auf und eilte gleichfalls hinaus.

Anna stand in der That noch auf dem Balcon, obgleich es heute empfindlich kalt im Freien war. Sie blickte nach den Bergen hinüber, von denen ein schneidender Wind herwehte, und ihre Rechte griff dabei wie unbewußt in die schon halb entblätterten Rosengesträuche, die das Gitter umranken"

„Hier wird man ja beinahe fortgeweht!“ rief Lily, welche vergebens versuchte, sich gegen den Wind zu schützen. „Ist es Dir denn nicht zu kalt, Anna? Du hast ja nicht einmal ein Tuch umgeworfen.“

Anna wandte sich um, und wie zur Bestätigung der Worte schauerte sie zusammen.

„Ja, es ist kalt, Komm, laß uns hineingehen!“

Sie zog langsam die Hand zurück, die mit beinahe krampfhaftem Griff das Rosengebüsch umfaßt hielt, und auf der weißen Haut zeigten sich einige Blutstropfen.

„Mein Gott Du hast in die Dornen gegriffen.“ rief Lily. „Du blutest ja! Thut es sehr weh?“

Die junge Frau sah aus ihre Hand nieder, von der die einzelnen dunkelrothen Tropfen niederrannen.

„Ich weiß nicht - ich habe es nicht gefühlt.“

„Nicht gefühlt?“ wiederholte Lily, die nicht begriff, wie man sich an einem Dorn ritzen konnte, ohne einen Schmerzensschrei auszustoßen.

„Nein! Aber was Dir Fräulein Hofer da drinnen erzählt hat, ist ein Gemisch von Aberglauben und Kindermärchen, das Du auf keinen Fall für Wahrheit nehmen darfst. Wenn sie fortfährt, Dich mit solchen Dingen zu unterhalten, so werde ich Dich nicht mehr in ihrer Gesellschaft lassen. Und noch eins, Lilly Du wirst nie wieder den Umkreis von Felseneck betreten! Hörst Du, nie wieder!“

„Weshalb denn nicht?“ fragte Lily, halb verwundert, halb eingeschüchtert durch den ganz ungewohnten Ton.

„Ich will es nicht! Das muß Dir genug sein, und ich fordere unbedingten Gehorsam in diesem Punkte - richte Dich darnach!“

Sie schritt an der Schwester vorüber und kehrte in das Zimmer zurück.

Lily hatte Recht, die junge Frau konnte auch hart sein, sehr hart, und jetzt war sie es sogar gegen ihren sonstigen Liebling. Gregor's Erziehung trug ihre Früchte: in diesem Augenblick war seine Schülerin ebenso eifrig und mitleidslos wie er selbst.



Paul Werdenfels befand sich nun schon volle acht Tage in Felseneck und hatte zu seiner eigenen höchsten Verwunderung bisher noch nicht die mindeste Langeweile empfunden. Seine persönliche Freiheit wurde allerdings in keiner Weise beschränkt; die Wagen und Pferde standen den ganzen Tag lang zu seiner Disposition, und es fragte Niemand, wohin er seine Ausflüge richtete. Ueberdies war er ein ziemlich leidenschaftlicher Jäger, und die Bergwälder boten in der That ein vorzügliches Jagdterrain.

Dies half dem jungen Manne einigermaßen über die Einsamkeit fort, zu der er hier verurtheilt war; denn den Freiherrn sah er nur wenig. Er betrat dessen Zimmer nur dann, wenn er eigens gerufen wurde, was oft tagelang nicht geschah, aber selbst diese Besuche dauerten immer nur kurze Zeit, und die eisige Ruhe und Gleichgültigkeit Raimunds blieb immer dieselbe. Er ließ seinem jungen Verwandten alle mögliche Freiheit; er stellte ihm alle Annehmlichkeiten seines Schlosses zur Verfügung, aber ein wärmeres Interesse verrieth er niemals, und es war unmöglich, ihm auch nur einen Schritt näher zu kommen, als bei der ersten Begegnung.

Trotzdem unterhielt sich Paul sehr gut; seine hauptsächliche Unterhaltung bestand allerdings darin, die Aussicht von seinem Fenster aus zu bewundern und Tag für Tag einen gewissen Punkt derselben mit dem Fernglase zu beobachten - zu Arnolds Verzweiflung, der durchaus nicht entdecken konnte, was sein junger Herr dort so eifrig suchte. Er hatte zwar jetzt alle Ursache, mit der Solidität desselben zufrieden zu sein, hatte aber seinen Argwohn hinsichtlich des bewußten Gegenstandes „unter sechszig“ noch keineswegs aufgegeben. Trotz aller Anspielungen aber erfuhr er nicht das Geringste, und diese ganz ungewohnte Verschwiegenheit brachte ihn schließlich zu dem Resultat, daß die Sache diesmal „bedenklich“ sei.

Paul hatte längst jene augenblickliche Verstimmung überwunden, welche die Mittheilung des Justizrathes bei ihm hervorgerufen. Er suchte und fand mehr als eine Erklärung und Entschuldigung für jene Vernunftheirath. Die Ueberredung der alten Dame, die jedenfalls für den Wunsch ihres Bruders eingetreten war, das Drängen, vielleicht sogar der Zwang von Seiten des geistlichen Verwandten, der für seine Pflegebefohlene diese glänzende Partie befürworten mußte - es war am Ende nur natürlich, wenn die arme abhängige Waise diesem Drängen ihrer Umgebung nachgab und sich drückenden Verhältnissen entzog.

Paul beklagte jetzt die Frau, die er im ersten Momente fast verurtheilt hatte, und interessirte sich, gerade in Folge dieser Heirath, noch mehr für sie. Wann wäre auch je eine jugendliche Leidenschaft solchen Rücksichten gewichen? Und es war wirklich die erste ernste Leidenschaft seines Lebens. Was er bisher an derartigen [91] Empfindungen gekannt hatte, waren Tändeleien gewesen, denen er selbst keinen tieferen Werth beigelegt hatte und die sich ebenso flüchtig knüpften wie lösten. Jetzt zum ersten Mal fühlte er sich tief und nachhaltig gefesselt, obgleich er Frau von Hertenstein kaum dreimal gesehen und gesprochen hatte, und eben weil sie gar keinen Werth auf seine Huldigung zu legen schien und ihm die Annäherung in jeder Weise erschwerte, suchte er diese um so eifriger.

Er wußte allerdings, daß diese Annäherung hier nur eine Bewerbung sein konnte und durfte, aber er war auch fest entschlossen, die schöne Wittwe zu erringen, koste es, was es wolle. Freilich bedurfte er dazu der Zustimmung des Freiherrn, von dem er nun einmal abhängig war, aber Paul rechnete auch in dieser Beziehung auf die Großmuth seines Onkels, dem es bei seinem Reichthume sicher nicht darauf ankam, die Zukunft seines Verwandten und einstigen Erben zu sichern. Die Hauptsache blieb die Bewerbung selbst, und der junge Mann zählte mit Ungeduld die Tage, die er nothgedrungen verstreichen lassen mußte, ehe er es wagen kannte, die Bekanntschaft zu erneuern und den lang ersehnten Besuch in Rosenberg zu machen.

Endlich war die Woche verstrichen, und schon am nächsten Vormittage ritt er nach Rosenberg, das von Felseneck ungefähr ebenso weit entfernt lag wie Werdenfels und in zwei Stunden zu erreichen war. Aber der Zufall schien ein boshaftes Spiel mit der Sehnsucht des jungen Mannes zu treiben! Frau von Hertenstein war ausgefahren und kehrte erst gegen Abend zurück. Der alte Gärtner, der das Gitterthor geöffnet hatte und die Auskunft gab, mußte wohl glauben, daß es sich um eine sehr wichtige Angelegenheit handele, weil der fremde Herr ein gar so verzweifeltes Gesicht machte, und fügte deshalb tröstend hinzu, die gnädige Frau sei in Werdenfels bei ihrem Verwandten, dem Herrn Pfarrer.

Paul danke und wandte schleunigst sein Pferd nach der Richtung von Werdenfels. Er sagte sich zwar, daß es sich nicht schicke, die Dame, der er noch so fern stand, in einem fremden Hause aufzusuchen, aber wer hinderte ihn denn, dieses Zusammentreffen für einen Zufall auszugeben? Um die Sache recht unverfänglich zu gestalten, brauchte er nur vorher im Schlosse einen kurzen Besuch abzustatten. Es war am Ende natürlich, daß er den Stammsitz seiner Familie einmal zu sehen wünschte, und ebenso natürlich, daß er auf dem Rückwege durch das Dorf bei dem Pfarrer einsprach; sein Onkel hatte ja alle möglichen Patronats,- und sonstigen Rechte über Werdenfels. Der Neffe aber hegte doch eine gewisse Scheu vor dem ernst fragenden Blick seiner schönen Reisegefährtin, und so groß auch seine Sehnsucht war, sie wieder zu sehen, er hätte um keinen Preis der Welt als zudringlich erscheinen mögen.

Ein scharfer Ritt von einer halben Stunde brachte ihn nach Werdenfels, und der Castellan, dem er sich zu erkennen gab, beeilte sich, das Schloß und die Gärten zu zeigen. Paul fand auch hier dieselbe öde Pracht wie in Felseneck, die sorgfältig geschont und erhalten wurde, aber keinem Menschen diente und keinen erfreute; nur war hier alles freier, lichter und freundlicher. Auch Werdenfels war ein beinahe fürstlicher Wohnsitz, welcher der Stolz jedes anderen Besitzers gewesen wäre, und jetzt bekam es seinen Herrn nicht einmal zu Gesichte.

Paul hätte unter anderen Umständen wohl dem Orte, von dem sein Geschlecht den Namen führte, ein eingehenderes Interesse gewidmet, heute war er etwas zerstreut und eilig, aber er konnte doch einen Ausruf der Ueberraschung nicht unterdrücken, als der Castellan ihn auf die große Terrasse führte.

Das Schloß stand auf einer mäßigen Anhöhe; zu seinen Füßen lag auf der einen Seite das Dorf, ein großer, freundlicher Ort; auf der anderen erstreckten sich die Gärten, die es wie mit einem großen, blühenden Kranze umgaben und selbst jetzt im Spätherbste noch einen Theil ihres Schmuckes zeigten. An dem Dorfe und den Gärten vorüber aber schoß mächtig und brausend der Bergstrom, der oberhalb Felsenecks aus dem Gebirge hervorbrach. Er tobte hier allerdings nicht so wild, wie dort oben in dem engen Thale, aber er schien doch unter Umständen gefährlich werden zu können; denn der ganze Park war an jener Seite durch breite Stein- und Erdwälle geschützt. Man hatte sie zwar sehr geschickt in die Anlagen hineingezogen und sie ganz mit Hecken und Gesträuchen bedeckt, sodaß sie das Malerische des Parkes noch erhöhten, aber sie schienen doch nur der Nothwendigkeit ihr Dasein zu verdanken.

„Das ist herrlich!“ sagte Paul, dessen Blick von dem reichen Landschaftsbilde, das sich dort in der Ferne ausrollte, wieder zu den Rasenflächen und Baumgruppen des Parkes zurückkehrte, „solche Anlagen hat ja kaum ein Fürstenschloß aufzuweisen.“

„Ja, die Gärten von Werdenfels sind auch weit in der ganzen Umgegend berühmt,“ versetzte der Castellan mit Stolz. „Der Großvater unseres jetzigen Herrn hat sie mit ungeheuren Kosten angelegt. Der verstorbene Freiherr hatte freilich keine besondere Neigung für solche Dinge, aber er war doch sehr stolz auf diesen Schmuck seines Schlosses und wachte sorgfältig darüber, daß er in seinem vollen Umfange erhalten blieb. Nun, erhalten wird das alles ja auch jetzt noch, aber –“ Er brach ab und fügte dann in einem beinahe wehmüthigen Tone hinzu: „Es ist das erste Mal, daß wir wieder Jemand von der Herrschaft zu sehen bekommen, Herr Baron – das ist in Jahren nicht geschehen.“

Paul zuckte die Achseln.

„Mein Onkel liebt nun einmal Werdenfels nicht; er zieht den Aufenthalt in Felseneck vor. Aber die Unterhaltung dieser Anlagen muß ja jährlich eine Riesensumme kosten!“

„Das kostet sie auch,“ bestätigte der Castellan. „Es giebt nicht Viele im Lande, die dergleichen durchführen können; unser Herr kann es freilich. Sehen Sie, Herr Baron“ – er beschrieb mit der Hand eine weite Bogenlinie – „das alles ringsum gehört zu Werdenfels, und dort hinter den Wäldern liegen die anderen Güter des Herrn, und die großen Bergforsten von Felseneck sind ja auch sein Eigenthum.“

Der Blick des jungen Mannes folgte der bezeichneten Richtung. Jawohl, es war ein riesiger Besitz, und das alles lag in der Hand eines Mannes, der nicht das mindeste Interesse dafür zeigte und sich jahraus jahrein in seine Felseneinsamkeit vergrub. Paul unterdrückte einen Seufzer bei diesem Gedanken und fragte dann ablenkend:

„Aber was sind denn das für seltsame grüne Mauern, die den Park dort drüben abgrenzen? Es sieht ja aus, als wäre er auf jener Seite mit einem Festungswall umgeben.“

„Das geschieht des Flusses wegen,“ erklärte der Castellan. „Er kann bisweilen recht wild sein und hat früher regelmäßig im Frühjahr und Herbst dem Parke Schaden gebracht. Wenn das Wasser aber einmal ernstlich ausgebrochen wäre, dann hätte es mehr gekostet, als den Park allein. Die ganzen Werdenfels’schen Besitzungen liegen ja in der Thalsenkung, und die wären in solchem Falle verloren gewesen. Der verstorbene Freiherr hat deshalb die Schutzwälle aufführen lassen; da ist Stein an Stein gemauert, und die Erde und die Hecken halten sie nun vollends eisenfest zusammen. Das reißt kein Bergwasser fort, und wenn es noch so wild ist.“

„Aber das Dorf liegt ja auf derselben Seite,“ warf Paul ein, „und dort sehe ich nicht die mindeste Schutzvorrichtung.“

„Das ist den Leuten zu kostspielig gewesen,“ meinte der Castellan achselzuckend. „Die Gemeinde ist nicht reich; sie hat schon Noth und Mühe genug, nur das Nothwendigste zu schaffen, und solch ein Bau kostet Tausende. Man verläßt sich eben auf sein gutes Glück und auf den lieben Herrgott, und es ist ja auch seit Jahren nichts passirt. – Wollen Sie nicht noch einen Gang durch den Park machen, Herr Baron?“

„Nein, ich danke,“ sagte Paul zerstreut. „Meine Zeit ist heute sehr kurz, und ich will noch in das Dorf hinunter. Wo führt der nächste Weg dorthin?“

Der Castellan schien etwas verwundert, daß der junge Baron in das Dorf wollte ; er gab aber bereitwillig die geforderte Auskunft. Paul schlug den bezeichneten Weg ein, der an der Rückseite des Schloßberges hinabführte, aber der gewundene Fußpfad war ihm zu lang; er ging geradewegs den Abhang hinunter, der hier nur mit Rasen und wildem Gesträuch bewachsen war, bis er an eine etwas abschüssige Stelle gelangte, wo das Hinabkommen seine Schwierigkeiten hatte.

Da ertönte plötzlich dicht unter ihm die erste Strophe eines Volksliedes, das vielfach in der Gegend gesungen wurde. Es war eine helle, jugendliche Stimme, und sie klang so anmuthig, daß Paul unwillkürlich stehen blieb und lauschte. Er beugte sich weiter vor, um die zu der Stimme gehörige Person zu entdecken, und blickte in die Tiefe hinab. Durch die schon herbstlich gelichteten Gebüsche hindurch gewahrte er auch wirklich einen Arm [92] und eine kleine rosige Hand, die eben im Begriff war, die Haselgesträuche am Fuße des Schloßberges zu plündern; sie zupfte und riß sehr energisch daran. Allmählich kamen auch ein paar lange braune Flechten zum Vorschein, die bei den Bewegungen ihrer Trägerin bald rechts, bald links fielen, und endlich zeigten sich auch die Umrisse eines zierlichen Kopfes. Weiter aber war vorläufig nichts zu sehen, und Panl, dessen Neugierde geweckt war, trat bis an den äußersten Rand des Abhanges und schob vorsichtig einen Baumzweig zur Seite, der ihm die Aussicht nahm: dabei gab aber das lockere Erdreich nach; plötzlich schwand der Boden unter seinen Füßen, und er fuhr mitten durch brechende Gesträuche und stäubende Erdmassen in die Tiefe nieder.

Ein lauter Angstschrei von unten her begleitete seine Niederfahrt. Die junge Sängerin war schleunigst seitwärts gesprungen und blickte mit allen Zeichen des Entsetzens auf den unfreiwilligen Bergfahrer, während ihr Taschentuch zu Boden fiel und die darin gesammelten Nüsse nach allen Richtungen aus einander rollten.

„Mein Gott, was ist das?“ rief sie laut.

„Ein Bewunderer Ihres Gesanges, mein Fräulein!“ rief Paul, der mitten in die Haselsträuche gerathen war und krampfhafte, aber vergebliche Anstrengungen machte, sich wieder daraus zu befreien. „Ich konnte dem Wunsche nicht widerstehen – das sind ja ganz schändliche Haseln! – Entschuldigen Sie, daß ich auf diesem etwas ungewöhnlichen Wege zu Ihren Füßen – O du verwünschter Abhang!“

Er hatte allerdings Grund, den Abhang zu verwünschen; denn dieser sandte noch nachträglich eine große Erdscholle herunter, die den jungen Mann auf’s Neue mit einem Regen von Erde und Steinen überschüttete. Der Anblick war so komisch, daß die junge Dame in ein lautes Gelächter ausbrach.

Diese demüthigende Situation konnte Paul nicht ertragen; er schlug wüthend rechts und links in die Haseln, bis sie ihn endlich losließen, sprang dann empor und schüttelte sich die Erde ab.

„Verzeihen Sie, mein Fräulein, daß ich meine Bewunderung in etwas ungestümer Weise kund gab!“ begann er, sich ihr nähernd, „aber Sie selbst tragen die Schuld daran. Ihre Töne lockten mich unwiderstehlich und da – verlor ich das Gleichgewicht.“

Sein Blick überflog während dessen rasch die Erscheinung des jungen Mädchens. Es lag für ihn etwas Bekanntes in diesen Zügen, aber er fand nicht Zeit, sich näher darauf zu besinnen; denn die jugendliche Sängerin blickte wehmüthig auf die verstreuten Haselnüsse nieder und schien zweifelhaft zu sein, ob sie dieselben wieder an sich nehmen dürfe.

„Es ist nicht das erste Mal, daß ich das Vergnügen habe,“ sagte Paul, indem er sich bückte und eifrig die einzelnen Nüsse zu sammeln begann. „Vor einigen Tagen in Felseneck –“

„Ja, Sie kamen gerade aus dem Schlosse, als wir vorübergingen –“ fiel die junge Dame ein, indem sie sich gleichfalls bückte und ihm beim Sammeln half.

„Ich bin als Gast dort,“ erklärte Paul, der es doch nun nöthig fand, sich vorzustellen, mit einer regelrechten Verbeugung. „Mein Name ist Paul von Werdenfels.“

„Und ich heiße Lily Vilmut,“ versetzte diese mit einem Knix, und darauf machten sie sich schleunigst Beide wieder an das Einsammeln und ruhten nicht, bis auch die letzte Nuß gefunden war.

„So, jetzt sind wir fertig!“ sagte Lily mit höchster Befriedigung, „Ich danke, Herr von Werdenfels.“

„O, ich bitte,“ entgegnete dieser. „Es war meine Schuld, daß Ihre Ernte verloren ging. Ich habe Sie wohl sehr erschreckt?“

„Ja, im ersten Augenblick war ich sehr erschrocken,“ gestand die junge Dame. „Ich glaubte nämlich, es sei Ihr Herr Onkel, der mit Donner und Blitz vom Berge heruntergefahren käme, weil ich seine Haselsträuche angerührt habe, aber sie wachsen doch ganz wild hier, und ich esse Haselnüsse gar zu gern.“

„Aber haben Sie denn eine so schreckliche Vorstellung von meinem Onkel?“ fragte Paul. „Ich bin überzeugt, er würde Ihnen mit Vergnügen sämmtliche Haselnüsse von Werdenfels zu Füßen legen, und überdies ist er ja in Felseneck.“

„Ich glaube, er kann überall sein!“ fuhr Lily heraus. „Sagen Sie, Herr von Werdenfels – geschieht Ihnen denn auch wirklich nichts da oben in Felseneck?“

„Was soll mir denn geschehen?“ fragte Paul verwundert.

(Fortsetzung folgt.)




Die Thüringer „Drei Gleichen“.
Von Ferdinand Lindner.

Wenn man, von Erfurt kommend, sich der Herrnhuter-Colonie Neudietendorf nähert, so erblickt man, scharf vom westlichen Horizont sich abhebend, drei hochragende Burgen die thüringischen „Drei Gleichen“. Sie nehmen unter den durch die Traditionen der Geschichte und Sage ausgezeichneten Schlössern des Thüringer Berglandes einen hohen Rang ein, und mit Recht – denn ihre Geschichte ist nicht allein ein gut Stück thüringischer – sondern auch deutscher Geschichte überhaupt.

Auf dem Boden, auf welchem sich die „Drei Gleichen“ wie Wahrzeichen erheben, wurde der Kampf zwischen den das Reich erschütternden Gegensätzen des Mittelalters ausgefochten; hier hallte der Feldruf „Hie Welf, hie Waibling!“, hier zeigt uns die Geschichte die tragische Gestalt Heinrich des Vierten, wie er im Kampf mit den rebellischen Fürsten unter der Burg Gleichen eine schwere Niederlage erleidet; hier erscheint im Bund mit den Fürsten die massive Macht der Städter auf dem Plan, und ihre Karrenbüchsen brechen den Uebermuth kleiner Herren; hier vor Allem feiert der Feudalismus in endlosen Fehden blutige Orgien.

Der Name der „Drei Gleichen“, unter dem die Burgen in ganz Deutschland bekannt sind, hat keine historische Berechtigung; denn nur der beim Flecken Wandersleben gelegenen kommt der Name Burg Gleichen zu. Die beim Dorfe Holzhausen heißt die Wachsenburg, und die dritte trägt mit dem unten liegenden Flecken Mühlberg den gleichen Namen. Wie sehr aber der engere, im gemeinsamen Namen zum Ausdruck gebrachte Zusammenhang dieser drei Burgen vom Volke empfunden wurde, darauf deutet z. B. die Sage, laut welcher ein Blitzstrahl im Jahre 1230 alle drei Burgen zugleich entzündet haben soll.

Auf dem Haltepunk Haarhausen der in den Thüringer Wald führenden Arnstädter Linie verläßt man die Bahn. Dicht vor uns steigt in imposanter Masse der Berg der Wachsenburg empor, gekrönt von einem nicht unmalerischen Häusercomplex, dem man, im Unterschiede von den Schwesterburgen, den wohl erhaltenen Zustand an den geschlossenen Formen und soliden Ziegeldächern schon von fern ansieht.

Beim Eintritt in die Burg fühlen wir uns – ich möchte sagen historisch – angeweht. Der kleine, von schönen Linden und grauem Gemäuer umschattete Hof trägt ein alterthümliches Gepräge, und da er andererseits auch verräth, daß noch Leben in der Burg herrscht, so könnte man sich recht wohl in die Zeiten zurück versetzt fühlen, wo hier noch Harnische klirrten und Armbrüste gespannt wurden. Aber dieser Eindruck ist sicher auch der interessanteste in der Wachsenburg; denn im Uebrigen ist in Folge von späteren Bauten aus der alten Zeit nicht allzu viel übrig geblieben. Aus den Fenstern und von den Zinnen der Burg blickt man besonders nach Norden auf ein lachendes, mit zahlreichen Ortschaflen geschmücktes, farbenreiches Landschaftsbild, als dessen ferner Hintergrund der Brocken erscheint; im Süden und Westen zieht der Kamm des Thüringer Waldes vom Schneekopf bis zur Wartburg hin. Ganz im Vordergrund befindet sich ein kahler Ausläufer des Berges, aus rothem Schieferthon bestehend, an den sich eine charakteristische Sage knüpft.

Der berüchtigte Apel Vitzthum, welchem Herzog Wilhelm von Weimar die Burg 1450 verpfändet hatte, beherbergte einst drei Raubgesellen, Zeißig, Fink und Storch mit Namen, mit denen er in Gemeinschaft Unfug trieb. Einmal fingen sie einen Mönch und sperrten ihn in eine Art Vogelbauer, in dem er sich bei den Zechgelagen allerlei Unbill gefallen lasten mußte, wobei er schließlich in der Verzweiflung den Apel in’s Gesicht schlug; dafür ließ ihm dieser sofort auf dem in Rede stehenden Berge den Kopf abschlagen. Vor seiner Hinrichtung aber prophezeite der Mönch, der Berg werde von seinem Blute roth und immer unfruchtbar

[93]
Die Gartenlaube (1883) b 093.jpg

Burg Gleichen.       Burg Mühlberg.             Wachsenburg.
Die „Drei Gleichen“ in Thüringen.
Nach der Natur aufgenommen von Ferdinand Lindner.

[94] bleiben, und die Prophezeiung sei dergestalt eingetroffen, daß das Erdreich von dem Gestein des Berges herabgeschwemmt wurde. –

Die Wachsenburg, die Ende des sechszehnten Jahrhunderts Wasserburg, Waßinburg genannt, ist eine Gründung des Stifts Hersfeld. Sie wurde in der ersten Hälfte des zehnten Jahrhunderts zum Schutz der umliegenden Hersfeldischen Lehngüter erbaut, und die Grafen von Schwarzburg und Kevernburg wurden mit der Burg belehnt. Bon da ab finden wir die Burg in alle wichtigeren Kämpfe verwickelt, vor Allem in diejenigen, welche in Thüringen gegen Kaiser Heinrich den Fünften ausgefochten wurden, und in die Kämpfte zwischen Welfen und Hohenstauferen, in denen wir die Wachsenburg und Mühlberg auf der Seite der ersteren, Gleichen auf der Seite der letzteren erblicken.

Unter denjenigen Herren der Wachsenburg, welche ein allgemeines Interesse beanspruchen dürfen, steht Graf Meinhard der Fünfte im Vordergrunde, da er gerade in den Zeiten der thüringischen Geschichte handelnd auftritt, welche uns durch die Sage ganz besonders vertraut sind. Es war wenige Jahre nach dem Sängerkriege auf der Wartburg, als Meinhard der Fünfte vom Landgrafen Hermann auserwählt wurde, mit Walther von Bargula als Brautwerber zum König Andreas von Ungarn zu ziehen und für seinen Sohn Ludwig um die Hand von dessen Tochter Elisabeth zu werben. Dieser Herr von Wachsenburg war es also, der das vierjährige Kind, welchse das Volk dereinst als heilige Elisabeth verehren sollte, seiner schicksalsreichen Zukunft entgegen in’s Thüringer Land trug; er war es auch, der die zur Jungfrau Erwachsene ein Decennium später zum Altar geleitete, als sie sich mit Ludwig, der später gleichfalls heilig gesprochen wurde, vermählte.

Nach mehrfachem Wechsel des Herrn in den folgenden Jahrhunderten finden wir die Wachsenburg mit den übrigen Gleichen in den unheilvollen Bruderkrieg verwickelt, welcher, wie ganz Thüringen, so auch die Gegend um die drei Burgen schwer heimsuchte; brannten doch eines Tages in Thüringen sechszig Ortschaften zugleich – weshalb das Jahr 1450 auch den Beinamen des „feurigen“ erhielt.

Eine der wichtigsten Episoden dieses Krieges ist aber die Belagerung und Erstürmung der Wachsenburg durch die Erfurter. Nachdem sich die beiden Brüder, Herzog Wilhelm und Kurfürst Friedrich versöhnt hatten, wurde der hauptsächlichste Urheber ihres Zwistes, der oben genannte Apel von Bißthum, ein durch seine Rohheit und Schlechtigkeit verhaßter und vom Volke „der Brandmeister“ genannter Mensch, als Landesverräther in die Acht erklärt. Der Herzog schloß mit den Erfurtern einen Vertrag, nach welchem sich dieselben gegen Ueberlassung eines anderen Bißthumschen Besitzes zur Eroberung des Wachsenburg verpflichteten.

Durch Hülfstruppen aus Mühlhausen und Nordhausen unterstützt, begann die Belagerung im November des Jahres 1451. Fünf Batterien, welche rings um den Berg errichtet waren, bewarfen die Burg aus den „Knarrenbüchsen“, dem Urtypus der heutigen Kanone, mit steinernen Kugeln, von denen heute noch zwei im Gemäuer des Burghofes zu sehen sind. Zugleich benutzte man die im Bergbau erfahrenen Mansfeldischen Bergleute, welche eine Mine von hundert Klaftern Lange unter die Mauern trieben und ein großes Stück derselben zum Einsturz brachten.

Bei dieser unterirdischen Arbeit soll es auch auf eine Abgrabung des Brunnens abgesehen gewesen sein, die nicht vollständig gelang. Noch heute findet man an der Ostseite des Berges Oeffnungen, aus welcher Wasser hervorsickert, was als ein Ueberbleibsel jenes Abgrabungsversuches angesehen wird. Vier Wochen lang hallten die Wälder vom Donner der Knarrenbüchsen wieder, und am 3. December wurde die Feste mit stürmender Hand genommen.

Den Erfurtern kostete die Belagerung 1250 Schock Groschen. Als aber das silberne Rad im rothen Felde, die Fahne der Erfurter, siegreich über dem Thurme der Wachsenburg flatterte und Posaunenschall die ganze Nacht hindurch den Sieg verkündete, da ahnten die Erfurter nicht, daß sie für diese Erstürmung einen noch weit höheren Preis würden zu zahlen haben, der das Schicksal und die Zukunft der Stadt für immer bestimmen sollte.

Apel Bißthum hatte den Erfurtern Rache geschworen, und nach Verlauf von einigen Jahren ließ er durch einen Mönch aus dem Kloster Pforte die Stadt an zwölf Enden zugleich anstecken, sodaß ein Drittel Erfurts niederbrannte und ein großer Theil seines Reichthums zerstört wurde – ein Schlag, von dem es sich nie wieder erholt hat, umsomehr, als Leipzig ihm nunmehr den Rang ablief. Der Mönch wurde übrigens erwischt und mit glühenden Zangen zerrissen.

Die Burg sank nun, ihre strategische Bedeutung an andere Plätze abtretend, zum Sitze eines kurfürstlichen Amtes, was sie auch für die Zukunft blieb. Nachdem sie im Laufe des folgenden Jahrhunderts einmal schon so weit verfallen war, daß des Himmels Wolken durch das zerbröckelte Dach hineinschauten, wurde sie wieder in ordentlichen Stand gebracht und wird, gegenwärtig zum Herzogthum Gotha gehörig und auch als Staatsgefängniß verwendbar, lediglich um ihres historischen Interesses willen erhalten.

Die Burg Mühlberg ist eine der ältesten Thüringes; sie stand schon, ehe Bonifacius hier das Christenthum predigte. Im elften Jahrhundert finden wir sie im Besitz der Grafen von Orlamünde; im vierzehnten Jahrhundert wechselte sie wiederholt ihren Besitzer und diente namentlich auch dem Erzbischof von Mainz als Pfandstück, bis sie von der Stadt Erfurt gekauft wurde, welche die Edlen von Hellbach damit belehnte. Eines der Familienmitglieder deren von Hellbach war ein so toller Bursche, daß Niemand mit ihm auskommen konnte, und so beschloß die Edelfrau auf Mühlberg, ihren Nachbar, den Grafen von Gleichen, zu bitten, daß er jenen einmal wegfange und einsperre, welche Bitte auch erfüllt wurde. Da geschah es, daß in der Burg Gleichen Feuer ausbrach, wobei der junge Hellbach in seiner Zelle erstickte. Jetzt erhoben seine Anverwandten auf Mühlberg nach alter germanischer Sitte Anspruch auf einen Ersatz in Silber, und zwar an Gewicht soviel, wie der Junker gewogen. Weil jedoch der Graf von Gleichen die Silbermenge nicht beschaffen konnte – „denn“ wie ein altes diesbezügliches Lied besagt, „der verbrannte wog so schwer, das ihm gros gelt druf gange wehr“, so soll er sich zur jährlichen Lieferung eines Füllens verpflichtet haben. Ganz glatt scheint es aber nicht abgegangen zu sein, denn man beehrte sich mit damals zeitgemäßen Liebenswürdigkeiten verschiedenster Art; so schossen z. B. die Mühlberger nach Gleichen hinüber, und als Antwort schickten die auf Gleichen ihre Bediensteten vor die Burg, welche zum Hohn die Stellen, wo der Schuß aufgesessen haben könnte, mit Flederwischen reinigen mußten.

Von den Herren auf Mühlberg tritt im Weiteren Keiner in den Vordergrund, und ebenso wenig spielt die Burg noch irgend eine Rolle. Sie versinkt vielmehr immer mehr in Unbedeutendheit, bis sie endlich im Besitze der Erfurter verödet und zum Schlupfwinkel räuberischen Gesindels wird, zu dessen Vertreibung der Graf von Gleichen Seitens des Kurfürsten wiederholt den Auftrag erhält.

Obgleich unter einem Namen zusammengefasst und gekannt, unterscheiden sich die Drei Gleichen ihrer Individualität nach auf das Schärfste. Während die Wachsenburg einen höchst soliden bürgerlichen Anstrich hat, wie es auch einem ehemaligen Amtssitze geziemt, ist Mühlberg recht eigentlich das verfallenen, ringsum von Schutt erfüllte alte Raubnest. Gleichen aber hat sich, obgleich auch zerfallen, ein durchaus edles Gepräge bewahrt. Zwar erscheint es in seinem Aeßerem nicht so malerisch wie das in seinen Contouren geschlossenen Mühlberg; denn das Gemäuer zieht sich auf dem Bergrücken lang hin, auf beiden Seite von zwei hohen Resten, einem Thurme im Osten und einem Saale im Westen, flankirt. Aber seine inneren Räumlichkeiten sind überaus hell und trotz des Verfalls anmuthig anheimelnd. Wer Gleichen besucht, wird es in seinen Grundmauern hochragenden Festsaales nicht vergessen, welcher immer noch den Eindruck eines mit Oberlicht versehenen und mit reichem Pflanzenschmucke erfüllten Saales macht – ein lichter, freundlicher Aufenthalt unter dem grünen duftigen Laube zwischen den sonnenhellen ehrwürdigen Mauern. Und dann die übrigen in ihren Grundzügen erhaltenen Räume, die man halb durchschreiten, halb durchklettern muß – welch reizende Verbindung des alten Gemäuers mit dem sich allenthalben durchdrängenden, emporstrebenden Grün der Bäume und Schlingpflanzen! Von allen drei Burgen wird Gleichen unstreitig den imposantesten Eindruck hinterlassen.

Und wie noch heute das Bild er Burg ein stattliches genannt werden kann, so war auch das Geschlecht, das in der Zeit ihrer höchsten Blüthe saß, ein stattliches, durch Kriegsruhm ausgezeichnetes.

Die Zeit, in welcher die Burg erbaut wurde, ist nicht bekannt [95] und die Sage führt ihre Gründung sogar auf Nachkommen Wittekind’s zurück. Wir finden sie zunächst im Besitze der Grafen von Orlamünde, von welchen sie durch Heirath in den Besitz Egbert des Zweiten, Markgrafen von Meißen, überging und in dessen Kämpfen gegen Kaiser Heinrich den Vierten eine hervorragende Rolle spielte. Nachdem nämlich Egbert sich zum wiederholten Treubruche gegen den Kaiser hatte verleiten lassen, wurde er seiner Güter für verlustig erklärt, und der Kaiser rückte vor die Burg Gleichen, welche Egbert jedoch nicht selbst vertheidigte, da er inzwischen vor Quedlinburg zog, wo sich des Kaisers Gemahlin aufhielt. Es war um die Zeit des Weihnachtsfestes, und der Kaiser beging die Unklugheit, während er vor der Burg lag, einen Theil seiner Edlen zur Feier des Festes nach Hause zu entlassen. Dies benutzte Egbert nun am Weihnachtsabend, als die Sonne sich zum Untergange neigte, das kaiserliche Lager zu überfallen und das Heer des Kaisers unter großen Verlusten zu schlagen. Gleichen blieb im Besitze des rebellischen Markgrafen, welcher aber nach einigen Jahren ermordet wurde.

Später wurde die Burg den Grafen von Tonna zu Lehen gegeben, welche den Namen der Grafen von Gleichen annahmen. Der Berühmteste dieses Geschlechtes ist nun Derjenige, welcher, wie neuere historische Kritiker darzuthun versucht haben, gar nicht existirt haben soll – der wegen seiner Doppelehe vielgenannte Graf Ernst von Gleichen. Die allgemein bekannte, in Wort und Bild verherrlichte Sage ist kurz folgende: Ein Graf von Gleichen gerieth auf dem Kreuzzuge Friedrich’s des Zweiten in die Gefangenschaft der Saracenen und aus dieser befreite ihn Melechsala, die Tochter des Sultans, entfloh mit ihm, ward Christin und auf die Dispensation des Papstes hin Frau des Grafen, der sie mit auf seine Burg Gleichen zu seiner ihm früher schon angetrauten Gemahlin nahm, mit welcher sie, jedenfalls das Wunderbarste an der Sage, im besten Frieden lebte.

Die Wahrheit dieser Geschichte wird besonders deshalb angezweifelt, weil nicht nur in Bezug auf den Namen, wie ganz besonders auch in Bezug auf die Zeitangaben die größten und zum Theil unlösbaren Widersprüche herrschen, sondern auch der zuverlässige Biograph des Landgrafen Ludwig, welcher sämmtliche Theilnehmer des erwähnten Kreuzzuges auf’s genaueste angiebt, von einem Grafen von Gleichen, der an ihm theilgenommen hätte, nichts zu berichten weiß.

Die Veranlassung zur Entstehung dieser Sage gab offenbar ein Leichenstein in dem Erbbegräbniß der Grafen von Gleichen in Erfurt, auf dem einer derselben zwischen zwei Frauen abgebildet ist. Dies ist aber der Graf Sigismund der Erste zwischen seinen zwei Frauen erster und zweiter Ehe, und überdies hat dieser Graf zwei Jahrhunderte später gelebt.

Für die geschichtliche Wahrheit dieser Doppelehe schien auch das Vorhandensein von orientalischen Beutestücken und ganz besonders ein Bild zu sprechen, ein „Contrefait der Saracenin, welche der Graf von Gleichen in der Türkei geheuratet“, welches eine Saracenin darstellt und das sich gegenwärtig auf der Wachsenburg befindet. Das Bild ist aber ein Oelbild, das also, da diese Technik erst aus dem Anfange des fünfzehnten Jahrhunderts stammt, nicht in jene Zeit zurückreicht; und überdies hat die Saracenin eine höchst fatale Aehnlichkeit mit dem niederländischen Typus, der deutlich auf den Ursprung des Bildes hindeutet.

Wer von der Burg Gleichen erzählt, muß diese Historie dem allgemeinen Interesse gegenüber eingehender behandeln, als er vor der eigentlichen Historie verantworten kann, zu der wir nun nach kurz zurückkehren.

Im Bruderkriege wurde die Burg, wenngleich vergeblich, durch den Kurfürsten Friedrich belagert. Es ist diese vergebliche Belagerung besonders deshalb auffällig, weil die Burg als befestigter Platz einen bedenklichen Fehler hatte – sie besaß keinen Brunnen; doch wird nicht berichtet, daß ihr während der vielen Kämpfe ein Nachtheil daraus erwachsen wäre.

Aus dieser Zeit des Bruderkrieges ragt als treuer Anhänger des Herzogs Wilhelm der Graf Sigismund der Erste von Gleichen hervor als einer, in dem die Kriegslust und Kriegswuth der Grafen von Gleichen ganz besonders zum Ausdruck kam; das Volk – den eigenen Untergebenen war er übrigens ein gerechter Herr – nannte ihn den Thüringer Teufel; soll er doch eines seiner Schlösser selbst angesteckt haben, damit es dem Feinde nicht als Aufenthalt diene.

1631 starb in Ohrdruff der letzte Gleichen, Johann Ludwig.

Mit der Burg wurden die Grafen von Hatzfeld beliehen und nach dem Erlöschen dieser Linie kam sie 1802 an Preußen, freilich nur als Ruine. Doch selbst dieser drohte noch die völlige Vernichtung – eine Verwendung als Baumaterial, und zwar durch keinen Geringeren, als Napoleon, welcher sie als französische Domäne erklären und auf Abbruch verkaufen ließ! Doch legte sich noch zur rechten Zeit ein benachbarter Fürst in’s Mittel und verhinderte den Vandalismus.

Gegenwärtig befindet sich Gleichen im Besitz der Familie von Müffling, welche sie vom König Friedrich Wilhelm dem Dritten als Geschenk erhielt.


Die Samojeden.

Seit einiger Zeit bereist eine sonderbare Gesellschaft die größeren Städte Deutschlands und lockt überall, wo sie erscheint, Tausende von Neugierigen herbei, welche für billiges Geld Wilde und Heiden sehen wollen. In dem Augenblicke, wo wir diese Zeilen niederschreiben, weilen die „Herrschaften“ in der Kaiserstadt Berlin und haben dort in der „schwedischen Eisbahn“ an der Pionierstraße ihre luftigen Zelte aufgeschlagen. Auf der glatten Fahrbahn treiben sie munter ihre Renthiere an, daß der Schlitten mit den eissportlustigen Herren und Damen um die Wette dahinjagt; das Frostwetter thut der Gesellschaft wohl; denn die sonderbaren Gäste stammen von hohem Norden her; Samojeden sind es.

Dort, wo die steile Grenzwand zwischen Asien und Europa, wo das Uralgebirge seine nördlichsten Ausläufer in die kalten Fluthen des eisbedeckten Polarmeeres versenkt, liegt ihre unwirthliche Heimath. An den Mündungen der Petschora, an den Gestaden des Karischen Meeres und an dem unteren Laufe des Ob lebt ihr Volk, von dem sie sich getrennt haben, um ein Gastspiel in Europa zu geben. Unterthanen des weißen Czaren sind es, deren Sitten und Gebräuche wir heute unsern Lesern zu schildern gedenken.

Der Riese Rußland ist gewaltig groß; nach West und Ost, gen Süd und Nord streckt er seine Arme aus. Viele Völker und viele Länder hält er fest umschlungen, und wenn man ihn schildern will, so muß man von vielen Menschenrassen und von vielen Erdzonen reden.

Im Süden Rußlands da reifen Mais und Weizen, da sprießt der Tabak und da gedeiht die feurige Rebe. Das ist eine der sieben klimatischen Zonen des Czarenreiches. Aber weder diese noch die drei folgenden des Obst- und Ackerbaues sind die Heimath der Samojeden. Hinauf nach Norden müssen wir ziehen, um diese zu finden, hinauf nach dem verlorenen Winkel der Erde, der nordöstlich von der Stadt Archangelsk gelegen ist.

In dieser Gegend, an der äußersten Spitze von Nowaja-Semlja, finden wir die erste klimatische Zone des russischen Reiches – die Zone des Eises. Dort giebt es keine steuerpflichtigen Völker; denn Walrosse, Seehunde, Eisbären und Polarfüchse bilden die einzigen Bewohner des Landes.

Aber unmittelbar an diese öden Strecken grenzt die Sumpfzone oder die Zone des Renthiermooses – weite kahle, baumlose Flächen. Im Winter liegt über denselben das weiße Schneetuch gleichmäßig ausgebreitet, und auch die Kraft des nordischen Sommers vermag kein höheres Pflanzenleben über diese Gefilde zu zaubern. Auf den unabsehbaren Moortriften gedeihen nur die niedrigsten und unscheinbarsten Kinder der Flora – Flechten und Moose. Ist der Grund und Boden feucht, so sprießt auf ihm Moos hervor; ist er steinig und trocken, so bedeckt ihn eine dichte Hülle von Flechten. Solche baumlose Flächen werden von den finnischen Völkern Tuntur oder Tundra genannt, und der Name hat sich mit der Zeit bei den Russen und bei anderen Völkern eingebürgert. Die Tundra ist die vorzüglichste Weide für Renthiere, und sie bildet auch die Heimath des [96] Nomadenvolkes der Samojeden, welches einzig und allein von der Renthierzucht lebt.

Seltener steigen sie mit ihren Heerden in die dritte Zone Rußlands hinauf, in die Zone der beginnenden Wälder, in welcher die Weißtanne und der Lärchenbaum die Einöden beleben und in welcher Schaaren von Eichhörnchen ihr muthwilliges Spiel treiben.

Fragt man nun nach dem Grunde, der diese Menschen bewegt, in einem so ungastlichen Lande zu wohnen, was sie davon abhält, zu wandern nach den spärlich bevölkerten südlichen Grenzländern, so findet man in der genaueren Beobachtung ihrer Lebensweise die gewünschte Antwort. Die Samojeden sind reine Nomaden, denen der Ackerbau durchaus fremd ist, und die nur durch die Zucht von Renthieren ihr Leben zu fristen verstehen. Sie müssen sich daher bei der Wahl ihres jeweiligen Wohnsitzes nicht nach eigenem Geschmacke, sondern nach den Bedürfnissen ihrer Heerden richten, und so sind sie sozusagen Sclaven ihrer Hausthiere geworden. Das Ren kann bekanntlich den Sommer in den Wäldern der südlicher gelegenen Landstriche nicht gut vertragen, da es dort von Insecten verschiedener Art in schrecklicher Weise geplagt wird, und im Winter sucht es selbst im wilden Zustande die Tundra auf, welche ihm an Flechten und Moosen Nahrung in Hülle und Fülle bietet. So wohnt der Samojede auf dem Weidelande seiner Heerde und wechselt hier seinen Sitz, so oft es nöthig ist, neue Weidegründe aufzusuchen.

Dieser Wohnungswechsel bereitet ihm freilich keine besonderen Schwierigkeiten; er ist ja ein Nomade. Sein Haus kann leicht abgebrochen und ebenso leicht wieder errichtet werden. Sein Zelt, die „Jurta“, besteht ja nur aus wenigen Stangen, die schräg gegen einander aufgestellt und mit Renthierfellen überdeckt werden. Ein kräftiger Sturmwind wirft manchmal die ganze Bude über den Haufen, aber der Sohn der Tundra ist zu wetterfest, um auf Dach und Fach besonderes Gewicht zu legen. In der luftigen Wohnung, wie sie unsere Abbildung zeigt, trotzt er, mit Renthierfellen bekleidet, dem schneidenden Froste des Polarwinters.

Wohl wärmt er sich von Zeit zu Zeit an dem Feuer, das er mitten in seiner Jurta anzündet, aber warme Speisen sind ihm völlig unbekannt. Er nährt sich vom Fleische der geschlachteten Renthiere, von Seehunden und Fischen, welche er roh verzehrt, und die einzige warme Kost, die er genießt, besteht in dem frischen Blute, welches er gierig trinkt. Diese thierische Ernährungsweise mag wohl die Veranlassung dazu gegeben haben, daß die Russen dieses Nomadenvolk Samojeden, das heißt Selbstesser oder Menschenfresser, benannten. Sie selbst nennen sich, nebenbei gesagt, „Chasawa“, was so viel wie „Menschen“ bedeutet.

Man pflegt die Culturstufe der Völker nach ihren Sitten und Gebräuchen zu bemessen. Besonders interessante Einzelheiten dürften, was dieses Capitel anbelangt, unsere Leser in diesem Falle nicht erwarten, und in der That, was wir hier zu erzählen haben, ist äußerst einfach und naiv.

Man berichtet uns, daß das Samojedenkind unmittelbar nach der Geburt tüchtig im Schnee herumgewälzt wird, wobei die Mutter die Worte spricht: „Leide Kälte, leide Hunger und Frost!“ Dieser samojedische Taufspruch scheint uns, was seine Uebersetzung anbelangt, ein wenig verstümmelt zu sein, aber einen tieferen Sinn wird ihm Niemand absprechen wallen. Dieser Sinn ließe sich wohl in die Worte zusammenfassen: „Lerne Leid und Weh ertragen, und beuge nicht dein Haupt vor dem Unglück, das wie Hunger und Frost zu den natürlichen Beigaben des Lebens zählt.“ Die Befolgung dieser samojedischen Weisheit könnten wir getrost Manchem von den Philosophen unseres hochcivilisirten Europa empfehlen.

Doch nicht mit diesen, sondern nur mit dem neugeborenen Samojeden haben wir es jetzt zu thun. Nach dem oben beschriebenen Schneebade wird das Kind in ein Renthierfell genäht, und es wächst dann ohne besondere Erziehung zum Jüngling oder zur Jungfrau heran.

Bei anderen nomadischen Völkern, wie z. B. bei den Kirgisen und Kalmücken, werden die Brautwerbung und die Hochzeit mit besonderem Prunk gefeiert. Das Weiterleben umgiebt den Sohn der Wüste mit einem eigenartigen Zauber, und unsere Leser werden sich ohne Zweifel noch des kalmückischen Brautzuges erinnern, welchen ihnen die „Gartenlaube“ (vergl. Jahrg. 1880, Nr. 50) vorführte. In der armseligen Jurta des Samojeden sind die Heirathsceremonien viel einfacher. Der verliebte Jüngling schickt einen Brautwerber in das Zelt seiner Auserkorenen, und dieser trägt eine Stange, die am oberen Ende mit einem Haken versehen ist. Behält die Familie die Stange, so wird dies als Jawort der Braut gedeutet, kehrt dagegen der Werber mit der Stange heim, so hat er sich für seinen Auftraggeber einen Korb geholt.

In den nächsten Tagen wird der Ehecontract geschlossen, wobei der Bräutigam einige Renthiere dem Vater des Mädchens übergeben muß. Eins derselben wird in der Jurta der Braut geschlachtet und von den Angehörigen der beiden Familien roh verzehrt. Nachdem die Gesellschaft ihren Hunger gestillt, wird ein Corso um die Jurta des Bräutigams veranstaltet. Der junge Mann springt aus seinem Zelt hervor, holt sich seine Frau während der Fahrt aus ihrem Schlitten und trägt sie in seine Jurta.

Damit ist die Hochzeitsfeier beendigt, aber die Ehe bindet den Samojeden nicht für ewige Zeiten. Mann und Frau können sich scheiden, wenn es ihnen beliebt, und von Neuem heirathen, und das geschieht oft; denn das Loos der Frauen ist auch bei den Samojeden beklagenswerth; sie müssen die meisten Arbeiten verrichten und für ihre Herren und Gebieter sorgen.

Wie wird nun der Samojede begraben? Einfach, ohne Sang und Klang! Man legt die Leiche in eine offene Kiste und packt in dieselbe einige Habseligkeiten des Verstorbenen. Ein Renthier schleppt diesen schlichten Sarg auf einen nahen Hügel, auf welchem es geschlachtet wird. Das Trauergeleite ißt nun von diesem Schlachtopfer, so viel es verzehren kann, und überläßt die übriggebliebenen Fleischstücke dem Todten als Wegzehrung. Nach vollendetem Mahl kehren die Lebenden heim, und die Leiche bleibt unbestattet liegen, bis sie Raubthieren zum Fraße verfällt. Aber das Andenken des Verstorbenen wird lange heilig gehalten. Drei Jahre nach dem Tode schwebt nach dem landesüblichen Glauben der Geist des Samojeden über den Gefilden seiner Väter und nimmt unsichtbar an den Leiden und Freuden der Lebenden theil. Während dieser Zeit machen sich nun die Hinterlassenen ein Holzbild des Verstorbenen, setzen es Mittags an den Ort, wo sie ihre Mahlzeit verzehren, und legen es Abends in’s Bett.

Wir haben die Samojeden im Eingange des Artikels als Heiden bezeichnet. In der That steht ihre Religion auf einer sehr tiefen Stufe der Entwickelung; denn sie glauben zwar an ein höchstes Wesen, welches sie „Num“ nennen, aber opfern dabei Götzen, die roh aus einem Holzblock gezimmert sind. Auch bei diesem religiösen Actus spielt das Schlachten eines Renthieres die Hauptrolle, und das eifrigste Verzehren des Fleisches scheint die einzige Andachtsäußerung zu bilden.

Erstaunt wird hier wohl mancher unserer Leser fragen: Ist denn in jenes „europäische Land“ das Licht des Christenthums noch nicht gedrungen? Hat denn die nicht weit entfernte abendländische Cultur dieses seiner Natur nach gutmüthige Volk mit ihren Wohlthaten nicht versorgt?

Bekehrungsversuche sind unter den Samojeden wohl gemacht worden, aber von der Civilisation haben sie nur zwei Dinge erhalten: die Feuerwaffen und das Feuerwasser. Der Branntwein, den sie „Jucasta“ nennen, ist bei ihnen sehr beliebt geworden und stürzte das Volk in schweres Unglück.

Das bezeugt die neueste Geschichte dieses Stammes, wenn von solcher überhaupt die Rede sein kann. Von kriegerischen Thaten seiner Vorfahren weiß der Samojede nichts zu berichten; denn ihm fehlt die Verwegenheit des Tekinzen und der schlaue Muth des Tataren. Während diese, seine mongolischen Brüder, die Dörfer und Städte Osteuropas bedrohten, weidete der Samojede friedlich die Renthierheerden auf den weiten Tundren des hohen Nordens.

Als das Volk der Samojeden schließlich mit den nordwärts vordringenden Russen in Berührung kam, da gerieth es zunächst unter die Abhängigkeit Nowgorod’s, dem es Tribut entrichten mußte, kam später unter das Scepter der Czaren, denen es Abgaben zu zahlen hatte, und als schließlich eingewanderte Russen auf den Tundren Renthierzucht zu betreiben anfingen, da wurden die Samojeden übervortheilt, geriethen in Schulden, verloren zum großen Theil ihre Renthierheerden und sanken herab zu Leibeigenen der Fremden.

Heute hat sich unter milderen Gesetzen ihre Lage günstiger gestaltet, aber der Stamm ist im Aussterben begriffen und zählt im europäischen Rußland kaum 6000 Seelen, während in Sibirien vielleicht noch 10,000 von ihrem Volke leben.

[97] Die gegenwärtig in Deutschland weilenden Samojeden stammen von der Insel Warandei her und sind die ersten ihres Stammes, die überhaupt nach Europa gekommen sind. Ein russischer Kaufmann, Namens Kalinzoff, trieb lange Zeit Handel mit den Samojeden und kam aus den Gedanken, einige dieser Leute zu einer „Kunstreise“ nach der civilisirten Welt zu veranlassen. Es gelang ihm auch wirklich, zwei Männer mit ihren Frauen und einem Kinde für diesen Plan zu gewinnen, und nachdem die fünfköpfige Gesellschaft ihr Hab und Gut auf Schlitten geladen hatte, zog sie von Warandei nach Archangelsk und von dort nach Petersburg. Das älteste Mitglied dieser Truppe erlag in Prag einer Krankheit; es war der alte Wasco, welcher schon arg verstümmelt zu uns gekommen war, da er im Kampfe mit einem Eisbären einen Fuß und an der rechten Hand drei, an der linken Hand aber zwei Finger verloren hatte. Die übrigen vier Samojeden erfreuen sich guter Gesundheit und werden hoffentlich ohne Unfall in ihre Tundra heimkehren.

Unsere heutige Abbildung zeigt uns die Leute und ihre Jurta, wie sie in dem zoologischen Garten zu Leipzig aufgeschlagen war. Die ältere Frau, Njeja, ist die Wittwe des verstorbenen Wasco und zählt vierzig Jahre; sie hat ihm vor sechs Jahren den Knaben Ortje geschenkt, der, in ein Renthierfell eingenäht, mit europäischem Spielzeug sich die Zeit zu vertreiben weiß. Das junge Ehepaar, der neunzehnjährige Iderach und die siebenzehnjährige Piripitja war kinderlos, als es die Reise antrat. Vor Kurzem aber erblickte ein munterer Samojedenknabe in unserer Kaiserstadt das Licht der Welt und das Heidenkind wurde in der russischen Capelle getauft.

Die Gartenlaube (1883) b 097.jpg

Die Samojeden im zoologischen Garten zu Leipzig.
Nach der Natur aufgenommen von Gustav Sundblad.

Die kräftig gebauten, vier bis fünf Fuß hohen Leute machen keineswegs einen unangenehmen Eindruck, und widerwärtig ist nur ihr Anblick, wenn sie rohes Renthierfleisch oder blutige Weißfische verzehren. Auch ihr Hab und Gut: die Jurta, einige Kleidungsstücke aus Renthierfellen, die üblichen Schneeschuhe und ihre Hausthiere, die Renthiere, deren Zahl auf acht Stück zusammengeschmolzen ist, und der sibirische Hund, bietet viel Interessantes.

Wenn nun unsere seltenen Gäste in das Land ihrer Väter heimgekehrt sein und in der langen Polarnacht ihren Landsleuten von den Ländern und Völkern, die sie gesehen, erzählen werden, dann wird wohl ein großes Staunen im Samojedenlande herrschen, bis die Ungläubigen Herrn Iderach und seine Gemahlin, sowie die verwittwete Njeja im Stillen einer maßlosen Aufschneiderei beschuldigen.

v. J.




Vor zwölf Jahren in Paris.
Eine Kriegserinnerung, von Friedrich Hofmann.
1. Am 7. Februar 1871.

Vierundzwanzig Stunden im Paris der bittern Noth“ – so lautet die Ueberschrift eines Artikels in Nr. 12 der „Gartenlaube“ von 1871, in welchem ich meine Erlebnisse am 7. und 8. Februar in der damals, in Folge des Abschlusses der Kapitulation von Paris und des Waffenstillstandes, erst seit wenigen Tagen dem Verkehr wieder erschlossenen Stadt zu schildern versuchte. Da ich den Plan hegte, über meine „Fünf Wochen in Frankreich, vom 12. Januar bis 14. Februar 1871, mit Abstechern nach Straßburg, Nanzig, Orleans und Paris“, in einem besonderen Buche ausführlichen Bericht zu erstatten, so wollte ich auch von dieser Pariser Fahrt nur das Hervorstechendste erzählen, das geplante Buch blieb jedoch so unvollendet, wie der oben genannte Artikel, ersteres wohl, ohne vermißt zu werden; war doch der Büchermarkt mit Kriegserinnerungen so reich bestellt, daß ich mich scheute, auch meinen Beitrag dazu zu geben. Jetzt aber, wo ein Zeitraum von zwölf Jahren das Bild von Paris, wie es damals war, das [98] Bild von dem Paris ohne Pferde – das allein sagt schon genug – längst vollständig verwischt hat, wird eine kurze Auffrischung desselben durch die Vervollständigung meines Berichts von 1871 unseren Lesern vielleicht doch willkommen sein.

Von jenem ersten Artikel wiederhole ich hier des Zusammenhangs wegen nur das Wesentlichste, muß aber auch manches, namentlich mich persönlich Angehendes, das ich früher verschwieg, nun nachholen.

Meine Absicht war nicht, nach Paris, sondern nach Versailles zu reisen, als ich am 7. Februar früh auf dem Bahnhofe von Orleans eine Fahrkarte nach Vitry nahm. Der freundliche Präfect des Departements Loiret (ein sächsischer Landsmann, Herr von Könneritz) hatte mich mit einem Paß zur Reise über Versailles nach Deutschland ausgerüstet; auf diesen hin erhielt ich die Fahrkarte bis Vitry, der nächsten durch die Bahn zu erreichenden Station von Versailles, und dampfte am Siebenten früh acht Uhr in Gesellschaft zweier deutscher Officiere und dreier Französinnen, die nach ihrem geliebten Paris zurückkehrten, gen Norden ab. Der Morgen war schön, die Fahrt reizend, besonders durch die Unterhaltung mit den beiden Officieren, einem Obersten und seinem Adjutanten, welche wahrhaft fesselnde Züge aus ihrem Kriegsleben mittheilten. Eine der Damen konnte das Rückwärtsfahren nicht vertragen, weshalb ich ihr einen Tausch der Plätze anbot, was sie dankbar annahm. Ich war dadurch dem Obersten gegenüber zu sitzen gekommen, der plötzlich laut zu mir sagte: „Betrachten Sie sich einmal die blühende Schöne am Fenster: die hat Wangen und Lippen nicht übel gemalt.“ Mein Blick folgte der bezeichneten Richtung, belehrte mich aber auch sogleich, daß die Bemerkung verstanden worden sei. Wenige Minuten später wendete dieselbe Dame in unbefangenster Weise sich im besten Deutsch an den Obersten mit der Frage, ob Paris schon von deutschen Truppen besetzt sei.

Nun gab’s freilich erst ein Tableau – aber der alte Herr besiegte sofort die kleine Verlegenheit, indem er den Damen die Versicherung gab, daß die um Paris gezogene Demarkationslinie kein deutscher Soldat während des Waffenstillstandes überschreite, falls dieser nicht verletzt werde. Die Unterhaltung nahm nun ihren Fortgang in aller Heiterkeit. Die Deutschsprecherin bemerkte dabei, daß sie eine Polin sei und mit ihren Pariser Freundinnen aus dem Süden zurückkehre. Für mich hätte diese Bekanntschaft jedoch leicht verhängnißvoll werden können.

In Juvisy, dem Knotenpunkt der Bahnen von Orleans, Corbeil und Paris, kam unsere Gesellschaft aus einander. Es war da längerer Aufenthalt. Ich benutzte ihn, mich für die Weiterreise kräftig zu verproviantiren: ein schwäbischer Marketender packte mir eines der langen Laibe Brod, dazu vier Stück Butter und ebensoviel Würste in ein blaues Papier und umwickelte es fest mit Bindfaden. Dieses Paket, das an demselben Tage noch eine große Rolle spielen sollte, stolz unterm Arm, trat ich die Weiterfahrt nach Vitry an.

Ich kann’s nicht verbergen, daß mich die Nähe der Weltstadt mit dem ungeheuren Schicksal mehr und mehr aufregte. Es ist ja Paris, dem man sich Ruck um Ruck näher fühlt. Und wie liebenswürdig begrüßt uns die mächtige Stadt mit ihrer reizenden Umgebung auf dieser Fahrt der Seine entlang, wo die Bauten und Anlagen des Luxus und der Industrie an Großartigkeit und Geschmack mit einander wetteifern – und wo ebendeshalb die Spuren des Krieges um so furchtbarer erscheinen! Da liegt Choisy-le-Roi mit seinen Fabrikpalästen in dem schönen Thale, aber in der Nähe zweier gefährlicher Wächter, der Forts Ivry und Charenton. Waren es nun ihre oder waren es deutsche Kugeln, welche diese Häuserreihen längs der Straße in grausig aufstarrende Ruinen verwandelt hatten? –,Mancher Wehschrei wurde laut in den mit Heimkehrenden überfüllten Waggons, aber unterdrückt von der Furcht vor dem hier noch allgewaltigen Feinde; denn vor uns lag Vitry, in diesen Waffenstillstandstagen ein Schreckenspunkt für die Franzosen, die auf der Orleansbahn nach Paris hinein oder von dort heraus wollten. Hier war die Etappenstation der Demarcationslinie. Da ich die Unmöglichkeit erkannte, zu Fuß von da nach Versailles zu gelangen, so ertheilte mir der commandirende Officier die Erlaubniß zur Weiterfahrt nach Paris, von wo aus aus einer der beiden Eisenbahnen wohl leichter nach Versailles zu kommen sein könnte. Verhehlt wurde mir nicht, daß es deutschen Schutz in Paris nicht gebe und daß man wünsche, ich möge auf demselben Wege zurückkehren.

Ich habe in dem frühem Artikel erzählt, welche tobende Wuth in der ganzen Wagenreihe ausbrach, als der Zug Vitry verlassen hatte und die deutschen Fahnen den Blicken entschwunden waren. Die Wageninsassen waren theils Pariser, welche den Waffenstillstand zum Einkauf von Nahrungsmitteln, theils Flüchtlinge der Hauptstadt, welche ihn zur Heimkehr benutzten. In Allen kochte der Ingrimm der ausgestandenen Leiden und noch mehr der Waffenschmach. Alles, was unbändiger Haß und machtloser Rachedurst im Ausdruck der Rohheit, im Schimpfen zu leisten vermochten, wurde gegen die „Prussiens“ losgelösten. Man ballte die Fäuste und spuckte zu allen Fenstern hinaus, kurz, es war, als ob hier die Grade des Patriotismus nach denen der Tollheit gemessen würden – und zwar bei Männern wie bei Weibern. In diesem Augenblick lernte ich den Werth meines Incognito schätzen und beschloß, es als meinen besten Schutz zu bewahren. Hätte in diesem Augenblick mich Einer als „Prussien“ erkannt und verrathen, so wäre ich schwerlich mit nach Paris hineingekommen.

Als der Zug schon durch die „Enceinte“ gerasselt war und Alles nach dem Gepäck griff, kamen mir plötzlich die drei Französinnen in den Sinn. Wenn ein böser Zufall dich wieder zu ihnen gesetzt, – ob sie dich als „Prussien“ verrathen hätten? Und ob sie’s nicht noch immer thun könnten? Wo sie wohl sind? Da ich nicht mit Taschen und Schachteln belastet war, so schob ich mit meinem Proviantpaket mich rasch durch die schwatzende Menge dem Ausgang zu; der wachende Mann am Gitter überzeugte sich, daß ich nur „un peu de pain“ (ein Bißchen Brod) einführte, und öffnete mir mit einem freundlichen „Entrez, Monsieur!“ die Thür – und dann that ich meinen ersten Schritt in Paris hinein und kam gerade noch zurecht, um zu scheu, wie meine drei Damen auf dem einzigen oder letzten Fiacre des Platzes nach der Seine hin davonfuhren.

Wie gern ich auch derselben Richtung gefolgt wäre, um den Anblick der größten Herrlichkeiten von Paris der Seine entlang im Vorbeigehen mitzunehmen, so gebot jetzt die Vorsicht, links abzuschwenken, zumal auch die sogenannte „Rive-gauche-Bahn“ (die Bahn am linken Seine-Ufer) nach Versailles hier am nächsten zu erreichen sein mußte.

Das Wunderlichste von der Welt war mir in diesem Augenblick meine eigene Stimmung; sie bestand aus einer sehr bunten Zusammensetzung. Ganz vornedran strahlte die ungeheure Freude über das Glück, das tausendmal im Leben ersehnte Paris nun doch zu sehen; auch etwas Stolz drängte sich ein, daß dieses gerade in einer solchen Zeit geschehe; selbst die Ehrfurcht machte sich bereit, die großen Denkmale der Weltgeschichte zu begrüßen. Gleich neben der Freude zappelte die Neugierde jedem neuen Bild und Erlebniß jedes nächsten Augenblickes entgegen; einige Beklemmung stellte sich ein über das eigentlich doch ein wenig tolle Wagniß, und die racheschnaubende Umgebung, die ich kaum verfassen hatte, hätte mir vielleicht störende Besorgniß verursachen können, wenn sich nicht im allen Herzen das akademische Blut wieder gerührt hätte; mit kecker Studentenzuversicht hob ich mein bemoostes Haupt empor und sprach zu mir: „Alter, sei gescheit, das Andere findet sich!“

Zweierlei mußte ich vor Allem festhalten. In ganz Frankreich herrschte damals eine wahre Gespensterfurcht vor „Spionen“ und „Verrath“. Um nicht nach dieser gefährlichen Richtung hin verdächtig zu werden, durfte ich von meinem Plane von Paris zur Orientirung gar keinen und von der Lorguette nur vorsichtigen Gebrauch machen. Zweitens mußte ich das Sprechen, wenigstens von längeren Sätzen, vermeiden; denn an meinem Französisch hätte auch jedes andere als ein Pariser Ohr sofort erkannt, daß ich nicht vom Strand der Seine, sondern von dem der Itz bei Coburg herstamme. Und so schritt ich denn, mein mächtiges Paket unterm Arme, ohne Stock und Schirm, mit eifrigem Geschäftsgang den Boulevard de l’Hopital dahin, bis die Straße sich mir zu lang nach Süden erstreckte. Ich war an zwei rechts abbiegenden Straßen vorübergekommen und ging nun zurück, um in die erste derselben einzulenken.

Möglichst die westliche Richtung verfolgend, kam ich von Straße zu Straße, immer rechts und links alle Vorkommnisse beobachtend. Was ich da gesehen, wäre wirklich des Wagnisses nicht werth gewesen. Bilder des Elends und der Verkommenheit der armen Menschen, die Folgen der langen Belagerung und der Nahrungsnoth waren es, die mir in den verschiedensten Gestalten [99] begegneten, abgezehrte Frauen, Kinder mit eingefallenen bleichen Gesichtchen, Männer in unsauberer Kleidung, aber jeder mit irgend einem rothen Streifen an Mütze, Hose oder Rock, müßiges Herumlungern, aber selten Bettelei. Einen anständig gekleideten Menschen habe ich auf dem langen Gange so wenig gesehen, wie ein anderes lebendes Wesen außer den Menschen. Das Ergreifendste waren mir mehrere Kinderleichenbegängnisse; da diese alle nach einer Richtung zogen, so erkannte ich später auf dem Plaue von Paris, daß ich mich in der Nähe des „Cimetière du Mont Parnasse“ (des Friedhofs vorn Berge Parnaß) befanden und daß ich also auch dem Versailler Linken-Ufer-Bahnhof ziemlich nahe gewesen war.

Um einem solchen Leichenzuge auszuweichen, hatte ich eine Seitengasse zum Abbiegen benutzt und war da in eine Art Gartenstraße gerathen, deren Fußsteige ein tiefer liegender Fahrweg trennte. Hinter den Gärten lag zu beiden Seiten eine Reihe von ein- und zweistöckigen Häusern, alle mit dem Genfer rothen Kreuz, aber auch mit dem großen mit Kreide angeschriebenen V (Varioleux) bezeichnet, das ich schon von Orleans her kannte. Hier waren Blatternkranke abgesperrt. Die Gasse dehnte sich weit hin, sodaß man wohl dabei das Gruseln lernen konnte. Ich war froh, daß ein milder Regen nieder zu fließen begann, unter dem ich vorwärts eilte.

Plötzlich stand ich vor einer Bretterwand, die eine Straße absperrte. Durch die Spalten sah ich eine Reihe zertrümmerter Häuser. Hier überlegte ich eben, wohin nun? Da zog eine Arbeiterschaar des Wegs vorüber, der ich nachging. Der Regen troff immer stärker, und der Abend nahte. Die Straßen wurden noch öder und doch sollte da noch der Zufall mir eine Kunde bringen, nach welcher ich nicht zu fragen gewagt hatte. Von einem Fenster aus rief eine Stimme einem der Arbeiter zu, ob er von der Rive-gauche-Eisenbahn komme.

„Ja,“ antwortete dieser, „aber sie geht noch nicht“ (il ne marche pas encore).

Da wußte ich’s nun, daß ich meine Hoffnung, heute noch nach Versailles zu kommen, aufgeben mußte.

Ich kann hier nicht wiederholen, was ich früher (1871, S. 156 und 205) von meinen Versuchen in mehreren Kaufläden, ob man deutsches Geld annehmen werde, erzählt habe. Sie waren total mißlungen, und so entschloß ich mich kurz, zum Bahnhofe von Orleans und womöglich nach Vitry zurückzukehren. Ich war von der Seine, die ich spät endlich erreicht hatte, wieder ab in eine der südlichen Straßen gekommen. Der Himmel hatte sich aufgeheilt, und so sah ich am Ende einer Straßenperspective ein hohes Gebäude mit Glasbedachung aufragen, das ich für den gesuchten Bahnhof hielt. Ich steuerte darauf los, erkannte war bald meine Täuschung, fragte nun aber doch den stattlichen Mann am Thore nach dem „Gare d’Orléans“.

Plus gauche, monsieur!“ („weiter links“) sprach er mit einem gnädigen Handwink. Und ich ging plus gauche und immer plus gauche – und als ich, je mehr die Dämmerung zunahm, um so hastiger plus gauche gelaufen war, kam ich wieder bei demselben Thore an. Da verließ mich alle Geduld und Ueberlegung; ich wetterte auf gut deutsch alle Millionen Donner und Hagel auf das verdammte Nest heraus, sodaß ein Hause spielender Knaben und neben diesen eine Gruppe von Männern zu mir herschauten, und vergaß alle Vorsicht soweit, daß ich, eine Hand voll Kupfermünzen (von denen man in Orleans, wo damals alle Münzforten der deutschen Länder conrsirten, immer die Tasche voll hatte) den Buben entgegenstreckend, rief: „Wer von Euch will mich zum Gare d’Orléans führen’?“ Ich hatte noch nicht ausgesprochen und war schon von den Jungen umringt, als von der Gruppe der Männer einer zu mir hersprang und mir zuflüsterte, ich solle mich vor den Buben hüten, er wolle mich führen. Im selben Augenblicke schlenderte ich die Hand voll Münzen über den Köpfen der Jungen in die Luft, und während diese darüber herstürzten, zerrte der Mann mich fort und hatte mich so rasch von dem gefährlichen Schauplatze entfernt, daß ich heute noch nicht weiß, wie geschickt er das eingerichtet. Bald befand ich mich mit ihm allein auf einer breiten Straße, und nun bat ich ihn um Erklärung des Vorgangs.

„Daß Sie kein Pariser, ja nicht einmal ein Franzose sind, verrieth Ihr erstes Wort,“ sprach er. „Sie waren auch von den Jungen als Fremder erkannt, diese würden Ihr Geld genommen und dann Sie verrathen haben. Man liebt jetzt in Paris die Rache an den Fremden. Ein Haufen Volk ist jetzt geschwind beisammen, wo man ruft: ,Hier ist ein Preuße! Hier ist ein Spion!’ Was wäre dann geschehen? Ihr Leben stand in Gefahr. Gestehen Sie mir jetzt: was wollten Sie in Paris?“

„Ich wollte durch Paris nach Versailles,“ gestand ich offen. „Und weil ich nicht nach Versailles kommen konnte und nicht französisches Geld genug eingewechselt habe, um hier bleiben zu können, so ist’s jetzt meine einzige Absicht, sofort wieder aus Paris hinaus und nach Vitry zurück zu gelangen.“

„Das ist nicht nöthig, wenn Sie vorsichtiger sein wollen, und auch Geld ließe sich beschaffen,“ sagte er nun viel ruhiger. „Wenn Sie sonst nichts daran verhindert, so können Sie hier übernachten und dann morgen wenigstens erst einen Gang durch Paris machen, ehe Sie wieder abreisen.“

„Ja, wenn Sie, mein Herr, mich führen wollen, mit Freuden!“ rief ich da, und als er mit einem eigenthümlich freundlichen Blicke auf mich sofort sein:

„Herzlich gern, mein Herr!“ aussprach, konnte ich nicht länger an mich halten; ich mußte die Frage an ihn richten: „Lieber Herr, gestehen Sie mir offen, warum nehmen Sie solchen Antheil an mir fremdem altem Manne’?“

„Warum?“ sagte er da plötzlich sehr ernst. „Eben wegen Ihrer grauen Haare und weil Sie meinem lieben alten Vater so ähnlich sehen. Als ich Sie in der Gefahr erblickte, war’s, als hörte ich die Stimme meines Vaters rufen: ,Jules, laß einen alten Mann nicht mißhandeln!’“

Da rollten mir die Thränen aus beiden Augen. Das war in dieser Zeit und in dieser Stadt des unmenschlichen Hasses so menschlich schön, daß ich den Mann an’s Herz drückte und freudig rief: „Ihnen vertraue ich ganz; ich bleibe hier!“

Arm in Arm gingen wir nun zum Orleans Bahnhof, um uns für den kommenden Tag zu instruiren. Es war Nacht geworden, als wir die Haupthalle des Bahnhofs betraten. Der ungeheure, besonders durch die Höhe seiner Wölbung imponirende Raum war kümmerlich mit einem halben Dutzend Petroleumlampen erleuchtet. Wenige Bahnbeamte schlichen in den weiten Räumen umher, und von einem derselben erfuhren wir, daß „die verfluchten Hunde von Preußen“ jeden Tag nur zwei Zuge nach Orleans gestatteten, den ersten früh acht, den anderen Nachmittag vier Uhr. Ich wählte mir natürlich den letzteren für die Abreise.

Wir begaben uns nun in ein Restaurant an, Boulevard de l’Hôpital, wo wir eine Flasche Wein tranken, mein neuer Freund seinen Namen (Jules P.) und seine Wohnung (Avenne d’Italie) in mein Skizzenbuch einschrieb, für mich ein „Diner“ bestellte und sich dann für kurze Zeit verabschiedete, um nur ein Nachtquartier zu suchen.

Die Schilderung meiner ersten Belagerungs-Mahlzeit in Paris findet der Leser auf S. 205 und 206 des oft genannten Artikels. Hier habe ich wiederum nur das nachzutragen, was ich dort kurzweg behandelt oder ganz verschwiegen. Als ich das „Diner“ bis auf die „Confitures“ glücklich bewältigt und den Garçon, dem ich bereits als „Prussien“ verdächtig erschienen war, durch ein Stück meines angeblichen „pain d’Orléans“ für mich gewonnen hatte, mußte ich die Zahlung doch mit deutschen, Gelde, und zwar mit einem Thaler, wagen. Während der Garçon, schon kopfschüttelnd, mit dem silbernen Bildniß des Königs Wilhelm abging, musterte ich meine Münzen und fand noch drei österreichische Vereinsthaler. Wie ein Blitz schoß mir jetzt für den Fall der Noth ein rettender Gedanke durch den Kopf, und als wirklich der Kellner mit verlegener Miene zurückkam, galt’s, eine kecke Komödie zu spielen. Mit großer Entrüstung warf ich den mir zurückgebrachten Thaler verächtlich bei Seite, legte den österreichischen mit dem Gesicht nach oben vor ihn hin, zeigte stolz auf dasselbe und rief: „Violà, c’est mon empereur!“ („Das ist mein Kaiser!“) und gab mich dem Manne vertraulich als „Autrichien“ zu erkennen. Ich hatte richtig gerechnet. Der Krieg von 1866 und die „Rache für Sadowa“ waren in Paris noch unvergessen: der österreichische Thaler ward zu dreieinhalb Franken angenommen.

Gleich darauf trat Jules P. wieder ein und meldete mir, daß er ein Hôtel für mich gesunden. Er erschien mir sehr niedergedrückt. Ich fragte ihn um die Ursache.

„Ich war in meiner Wohnung,“ sagte er, „um nach den Meinigen zu sehen. Mein Kind ist so schwach,und auch meine [100] Frau ist leidend, alles, weil noch immer auch für viel Geld keine guten Nahrungsmittel zu haben sind.“

„Was?“ fuhr ich fast ärgerlich, ihn da an. „Sie haben Weib und Kind, denen gesunde Nahrung fehlt, und verschweigen mir das?“

Rasch riß ich mein Paket auf, zeigte ihm meine Vorräthe, warf die „Confituren“ dazu und übergab ihm Alles. Er starrte mich an, aber mit leuchtenden Augen, und ohne ein Wort zu verlieren, rannte er mit dem Paket davon.

Ich fehle mich wieder an meinen Tisch, und es überkam mich ein so seelenfrohes Gefühl, wie ich es lange nicht empfunden. Wie segnete ich meinen Einkauf in Juvisy! In der Freude meines Herzens und pochend auf meine „guten Oesterreicher“ gönnte ich mir noch eine Flasche Wein und trank ein volles Glas auf das Wohl meiner Lieben in der fernen Heimath, die keine Ahnung davon haben konnten, daß ich in diesem Augenblick mitten in Paris als ein einsamer froher Mensch dasitze. Auch der Unterhaltung der Gäste, die beim Abendschoppen in der Stube neben dem Speisezimmer saßen, mußte ich lauschen: sie drehte sich zwar meist um das „Ravitaillement“ (die Wiederverproviantirung) und die angemeldeten Zufuhren, aber auch des morgenden Tages gedachten sie, an welchem die Wahl zum Parlament in Tours und die Entwaffnung der Linientruppen und die Uebergabe der Waffen an die „Preußen“ stattfinden solle. Das regte auch an diesen Tischen wieder zu heftigen Ausbrüchen des Ingrimms gegen die „Prussiens“ auf.

Es wurde mir nach und nach unheimlich zu Muthe; es war eine lange Zeit vergangen. Der Kellner, der wohl das fortgetragene Brod nicht vergessen konnte, fragte mich mehrmals mit zweifelnder Miene, ob „mon ami“ wohl wieder komme? Mir stieg darüber nicht der geringste Zweifel auf, mein Vertrauen auf ihn stand felsenfest. Und ich hatte Recht. Endlich kam er, und zwar glückstrahlend: die Freudenthränen glänzten ihm noch an den Wimpern. Er konnte mir die Hände nicht dankbar genug drücken für die große Hülfe, für die Rettung seiner Lieben, die nun mit gesunder Kost versorgt seien für die wenigen Tage, bis Hülfe von außen kommen müsse. Damit ich nicht in Zahlungsverlegenheit sei, steckte er mir ein Fünffrankenstück zu; als ich ihm aber mittheilte, wie ich mir indeß geholfen, daß ich den österreichischen Thalern zu Liebe ein „Autrichien“ geworden sei, lobte er das als ein gutes Auskunftsmittel auch für morgen.

Jules P. führte mich nun in mein Nachtquartier, das „Hôtel de Tours“, gerade der Salpetrière gegenüber, jenem großartigen Asyl für (nahe an 4000) alte und Pflegeort für geisteskranke Frauen. Vom Hausplatz dieses „Hôtel“ aus, der zugleich ein Weinhandelslocal zu sein schien, ging eine sehr enge Wendeltreppe hinauf, durch einen sehr engen Gang in ein sehr langes Zimmer, dessen eine Schmalseite ein Bett, dessen andere ein ebenso breites Fenster einnahm; die Möbel einfach, aber genügend. Ich sah mich wohlgeborgen. Wir verabredeten auf sieben Uhr morgen den Abmarsch und schieden, nach so kurzen aber ernsten Erlebnissen, wie ein paar alte Freunde.

Ich war allein, aber zur Ruhe brachte ich es noch nicht. Lange blickte ich zum Fenster hinaus, mit dem aufgeregten Geist in die Ferne eilend; denn die Nähe bot zu wenig. Alles da draußen still und dunkel. Nur in dem großen Gebäude gegenüber waren einzelne Fenster erhellt. Es trug wohl auch das rothe Kreuz; denn die meisten öffentlichen Gebäude waren ja Leidensstätten geworden. Großes, schönes, armes Paris, was hatte der Wille der Menschen in Dir wieder einmal aus Dir gemacht!

Ich mußte einen Blick auf das geistige Treiben in dieser abgesperrten Welt werfen und nahm dazu die erste beste von den Zeitungen vor, die ich in den verschiedenen Straßen gekauft hatte. Der Griff war gut. „La petite Presse“, ein auf erbärmliches gelbes Papier gedrucktes Soublatt, gab mir vor Allem Aufschluß über die vielen kleinen Särge, die ich an diesem 7. Februar gesehen hatte. „Pour les petits enfants“ („Für die kleinen Kinder“) war ein Artikel überschrieben, welcher die maßgebenden Diplomaten beschwört, der massenhaften Hinopferung der Unschuldigen endlich Einhalt zu thun. Er wies statistisch nach, daß in der Woche bis zum Siebenten 900 Kinder in Paris gestorben seien, darunter 716 unter einem Jahre! Geboren waren in derselben Zeit nur 90 Kinder. „Das Bombardement,“ sagte er, „hat aufgehört, aber die Sterblichkeit nimmt zu. Wie viele der unglücklichen Säuglinge sterben vor Hunger und Frost! Ein herzzerreißender Anblick sind diese kleinen Skelete, die kaum noch Kraft genug haben, ein wenig Brod zu kauen. Aus Mangel an Milch sind während der vier Belagerungsmonate über 10,000 Kinder zu Grunde gegangen. Jetzt besitzt Paris nur noch 3000 Milchkühe, und selbst diese sollen geschlachtet werden, sobald der Verproviantirung sich ein neues Hinderniß entgegenstellt. Vier Fünftel von den wenigstens 500,000 Liter Milch, welche Paris täglich brauchte, kamen aus der Brie, Beauce, Picardie, Normandie und Orléanais, – Provinzen, die jetzt sämmtlich von den deutschen Armeen besetzt sind. Sollte nicht die Regierung vor Allem dafür sorgen, daß wenigstens einige dieser Milchzufuhrlinien für Paris aufgethan werden, um uns den Rest unserer Kinder zu retten?“

So jammerte am 7. Februar 1871 dieses Blatt. Der ganze übrige Inhalt drehte sich um die „Question des vivres“, um die Nahrungsmittelfrage, um die Zufuhren auf den Bahnen, um die in Belgien und England versprochenen Sendungen – der Magen beherrschte den Geist völlig, und diese, wie jede andere Zeitung und der Anblick der Menschen auf Gassen und Plätzen, Alles verkündete die entsetzliche Wahrheit: das stolze Paris bettelte um Brod! So stand Victor Hugo’s „Herz der Welt“ vor zwölf Jahren da! – Tief aufgeregt und vom Frost in meinen nassen Kleidern und in dem kalten Zimmer geschüttelt, sagte ich endlich dem Paris draußen gute Nacht und ging zur Ruhe.




Literaturbriefe an eine Dame.
Von Rudolf von Gottschall.
XXX.

Ueber neue Gedichte, verehrte Freundin, geht das deutsche Publicum jetzt allzu leicht zur Tagesordnung über; wäre nicht der heilige Christ, unter dessen Tannen- und Fichtenbäumchen noch den eleganten Miniaturausgaben eine Stätte bereitet wird, man müßte fast befürchten, daß außer den Sortimentsbuchhändlern Niemand diese leichtgeflügelten Geisteskinder in die Hand nimmt; es giebt freilich Ausnahmen von der Regel. Einige Lyriker sind Mode: und da salutirt das Publicum, wenn sie erscheinen, und die kritische Wache ruft in’s Gewehr.

Sie freilich, verehrte Freundin, lesen nicht des Salongesprächs wegen, und auch dies Salongespräch dreht sich mehr um neue Romane und neue Lustspiele, als um Gedichte; doch Sie nehmen auch die Sammlungen zur Hand, deren Dichter nicht zu den Lieblingen des Tages gehören. Darunter sind einige von gutem Namen in der Literaturgeschichte der jüngsten Zeit; doch das Publicum begnügt sich mit den Namen und bewundert, ohne zu lesen, wie dies schon zu Lessing’s Zeiten der Fall war; denn sonst hätte dieser Autor nicht sein classisches Epigramm auf Klopstock’s Messiade dichten können. Oft aber tauchen auch neue Dichter auf, die sich erst die Sporen verdienen wollen; den echten Freunden und Freundinnen der Musen gewährt es gerade einen besonderen Genuß, zuerst hoffnungsvolle Talente zu begrüßen, denen die Welt noch kein Gehör schenkt.

Einer der älteren Dichter, der zwar noch nicht zu den „alten Heroen“ unserer Literatur gehört, aber doch die schöne Zeit des jugendlichen Strebens weit hinter sich hat, Julius Grosse, hat eine neue Auswahl seiner „Gedichte“ erscheinen lassen. Ein Brief von Paul Heyse ist derselben vorangedruckt; wir sehen daraus, daß Grosse dem feinsinnigen Freunde seine sämmtliche lyrische Habe zugeschickt hat, damit dieser die zur Aufnahme in eine Sammlung geeigneten Gedichte bestimme. Heyse erklärt, es sei ihm weniger darauf angekommen, Gedichte auszuwählen, die sämmtlich kritisch unanfechtbar seien, als die Dichterpersönlichkeit, die sich hier offenbart, zu möglichst entschiedenem Ausdruck zu bringen. Gegenüber der zunftmäßigen Liederfabrikation, der Schablonenlyrik, hebt er die lyrischen Charakterköpfe hervor, deren persönliche Physiognomie das Interessanteste ist.

Julius Grosse gehört keineswegs zu den Dutzendlyrikern; in seiner Lyrik ist ein moderner Pulsschlag unverkennbar. Ich weiß nicht, verehrte Freundin, ob Sie seine epischen Dichtungen, wie

[101]
Die Gartenlaube (1883) b 101.jpg

Bei der Kartenschlägerin.
Nach dem Oelgemälde von Josef Rösl in München.

[102] „Die Gundel vom Königssee“, kennen; in ihnen herrscht eine warme Empfindung und die Gabe lebendiger Schilderung, besonders stimmungsvoller Naturmalerei. Beides findet sich auch in den Gedichten. Und zwar zeigt sich in ihnen die doppelte Seite seines Talentes: eigenartige Liederklänge, leicht hingehaucht, und pomphafte Rhythmen, welche wuchtige Gedanken tragen. Der Schwerpunkt seines Talentes neigt freilich mehr nach der letzten Seite; doch finden sich auch einige Liebeslieder in der Sammlung, in denen ein zu Herzen gehender Ton glücklich getroffen ist, so in dem Gedichte „Die weite Welt ist nun zur Ruh“ mit den schönen Schlußversen:

„Noch fühl’ ich das Beben Deiner Hand,
Als wir im Sommer schieden,
Der Winter kam und der Winter schwand;
Ich wand’re im fernen fremden Land
Und finde nimmer den Frieden.

Die ganze Seele füllt’ ich Dir aus,
Wärest Du jetzt mein eigen;
Doch Du schlummerst fern im grünen Haus,
Nachtfalter flattern herein, heraus
Und im Garten wandelt das Schweigen.“

Freilich schleichen sich oft bei Grosse in die leichten Liederverse schwerwiegende Gedanken; denn er giebt dem Liede, das in stiller Selbstgenugsamkeit austönen will, bisweilen weite geistige Perspectiven. Wenn aber seine Muse auf pomphaften Achtfüßlern oder in der verschlungenen Form der Terzinen, gleichsam mit weitrauschender Schleppe im poetischen Festgewande einherwandelt, da zeigt sie sich vollkommen so großer poetischer Repräsentation gewachsen in Gang und Geberde, wie z. B. in den „Tagebuchblättern“, in denen Grosse eine Kette von Reflexionen an einander reiht, die oft in prächtigen Bildern funkeln.

Ich glaube sogar, verehrte Freundin, daß diese pomphafte Eigenart der Muse des Dichters in der Sammlung nicht zu voller Geltung kommt: sie war dem Freunde, der die Auswahl traf, nicht ganz sympathisch. Paul Heyse hat mehr Sinn für das Graziöse als für das Schwunghafte; ich hätte lieber einige Humoresken gemißt, die Heyse aufgenommen hat.

In dem „Münchener Dichterbuch“, welches Heyse herausgegeben, finden Sie, verehrte Freundin, die ehemaligen Größen der königlichen Münchener Tafelrunde versammelt: Emanuel Geibel mit seinen elegischen Klängen, seinen oft wehmüthig gefärbten Jugend- und Lebenserinnerungen; Hermann Lingg mit seinem hymnenartigen Schwung, seinen grandiosen Gedanken, die sich leider oft in einer holprigen Form aussprechen; Bodenstedt mit seiner lächelnden touristischen Weisheit. Der Herausgeber selbst hat sinnige Gnomen beigesteuert und ein Drama: „Alkibiades“, das in graziösen Versen abgefaßt ist, in vornehmer dichterischer Haltung, die gegen die lässige Tagesdramatik vortheilhaft absticht. Leider ist der Held wenig heldenhaft und genial, ein Frauenliebling, der als das Opfer weiblicher Eifersucht fällt. Da hat die Perserin Mandane mehr dramatisches Blut.

In dem „Münchener Dichterbuch“ machte ich auch zuerst die Bekanntschaft des Klostermärchens „Bruder Rausch“ von Wilhelm Hertz, das jetzt vollendet in einer selbstständigen Ausgabe vorliegt. Das Gedicht enthält viel Drolliges und auch manchen poetischen Zug. Der „Bruder Rausch“ ist einer der kleinen Holden, der über siebenhundert Jahre in einem Klosterkeller einen Rausch ausgeschlafen hat. Die Verwüstungen, welche der kleine Geist in der klösterlichen Disciplin anrichtet, sind sehr munter geschildert. Auch die ferneren Abenteuer, die „Bruder Rausch“ auf seiner Wanderschaft erlebt, bei den Bauern, bei den Gelehrten und bei Studenten, sind ganz ergötzlich, bis er dann in’s Kloster zurückkehrt, den Mönchen willkommen als der Versucher, an dem sie die Kraft ihrer Tugend erproben können.

Originell ist die Episode, wo „Bruder Rausch“ einen seiner Verwandten trifft, der sich damit beschäftigt, zu spuken und als Feuermännlein umherzufackeln. Dieser führt ihn dann an den Kreuzweg, wo er ihm Walhalla’s ehemalige Heldenschaar zeigt, die jetzt als Schandgelichter umherfährt:

„Hier harre still! Sie nahen schon.
Hörst du der Eule Jammerton?
Spürst du, wie Alles, was da lebt,
In dumpfen Aengsten bangt und bebt?
Das Waldweib stöhnt im Hagedorn,
Windkatzen laufen durch das Korm.
Die Wolkenwölfe ziehn in Rotten
Mit ihren grauen Wetterzotten,
Der ganze Wald, er knarrt und kracht;
Sieh hin, da kommt’s. Es flammt die Nacht.
Und durch die Lüfte braust im Flug
Ein gräulicher Gespensterzug,
Ein Galgenvolk zu Haufen
Dem Rabenstein entlaufen;
Gehängte Diebe mit dem Strick
Um das gebrochene Genick,
Geköpfte, ein gedrängter Schwarm
Zu Roß, ihr glotzend Haupt im Arm,
Geräderte, durch’s Rad geschlungen,
Zerschellt mit ausgereckten Zungen,
Schnapphähne mit zerschlitzten Lippen,
Den Pfahl des Schinders in den Rippen,
Ein Mordgesindel ohne Zahl
In Leichenstarre fahl und kahl,
Von Krähen jämmerlich zerhackt,
In blut’gen Fetzen schmählich nackt,
Verwest, verwittert und zerzaust,
Mit Nattern in der Knochenfaust.“

Eine markige Schilderung von wüst phantastischem Gepräge! Das ganze Märchen hat diesen romantischen Zug; es klingt hier und dort eine sinnvolle Bedeutung herein; aber eine greifbare Moral läßt sich nicht herausfinden.

Noch volksthümlichere Töne als Wilhelm Hertz schlägt Rudolf Baumbach an, der in jüngster Zeit ein Liebling des Publicums geworden ist. Sehr reichhaltig ist zwar das Repertoire dieses Dichters nicht; er tritt fast immer als wandernder Geselle auf; aber er hat einen Ranzen voll drolliger Einfälle und allerliebster Genrebilder. Seine kleinen Gedichtsammlungen tragen die verschiedenartigsten Titel: „Spielmannsweisen“, „An der Landstraße“, „Mein Frühjahr“; doch es ist immer dasselbe muntere Gesicht mit den hellen Augen, das uns aus allen entgegenblickt. Die letzte Sammlung enthält „Gedichte aus Enzian, ein Gaudeamus für Bergsteiger.“ Es ist dies ein ziemlich bunter Blumenstrauß; des Dichters Muse erscheint hier in Hemdärmeln und es klingt bisweilen etwas hohl, wo sie mit dem Aspenstocke aufstößt. Scheffel’sche Humoresken in dem bekannten Naturforscherstil wechseln mit Gebirgssagen und Liederblüthen. In den späteren Sammlungen ist Baumbach indeß von dieser formlosen Jugendlichkeit zu größerer Geschlossenheit und zierlicher Rundung der künstlerischen Form durchgedrungen. Es ist wahr, daß die poetischen Jünger der Scheffel’schen Schule dem kleinen Elfengeiste von Wilhelm Hertz, dem „Bruder Rausch“, allzugern huldigen; und auch bei Baumbach finden sich zahlreiche Wein- und Schenkenlieder. Das Wirthshaus, die Frau Wirthin, die Wirthstochter ... es ist fast immer dieselbe Decoration und Staffage, doch es sind mannigfache Stimmungsbilder, die sich auf dieser Bühne ablösen. Die „Lieder auf der Landstraße“ sind meistens Vagantenlieder, wie sie auch Franz Hirsch in so frischem Ton gedichtet hat; es athmet in ihnen eine behagliche Wanderlust, wie Sie, verehrte Freundin, aus der folgenden Probe ersehen mögen:

„Wenn die arme Welt mich hat,
Freut mich Eins am meisten:
Keiner kennt in Land und Stadt
Mich, den Zugereisten.
Wie ein Junker hochgemuth
Trag’ ich meine Stirne,
Kecklich schau’ ich unter’n Hut
Jeder hübschen Dirne.

Manches Mädchenauge licht
Blinzelt durch die Lider;
Gelt, ihr kennt den Vogel nicht
Diesmal am Gefieder?
Manche aus der Mädel Schaar
Denkt wohl auch im Stillen:
Kam der Bursch am Ende gar
Her um meinetwillen?

Daß ich ein Vagante bin
Ohne rothen Stüber,
Kommt nicht einer in den Sinn,
Geh’ ich stolz vorüber.
Ob mir Geld im Säckel klirrt,
Ob mir’s fehlt am Baaren –
Fragt ihr morgen früh den Wirth,
Könnt ihr’s leicht erfahren.“

[103] Einen gänzlich verschiedenen Ton schlagen mehrere Gedichtsammlungen an, deren Verfasser verschiedenen Kreisen unseres modernen gesellschaftlichen Lebens angehören. Da sind Lieder und Balladen von Conrad von Prittwitz-Gaffron erschienen. Der Dichter gehört dem sangreichen Schlesien an: er ist Rittergutsbesitzer und Landesältester und sein Gut liegt in einem der anmuthigsten Kreise der schönen Provinz, in dem Reichenbacher, zwischen dem langen Bergrücken der Eule und der Berggruppe des Zobten, in einer an reizenden Fernblicken reichen Gegend. Er hat schon mehrere Gedichtsammlungen veröffentlicht, in denen er sich, in dem Streben nach edler Formschönheit, als Schüler Platen’s zeigt, wenn auch ein Hauch herrnhutischer Frömmigkeit in seinen Gedichten dem Griechenthum des baierischen Grafen fremd ist. Sie finden, verehrte Freundin, in der Sammlung einige volltönende Sonette und Oden, ein paar graziöse und leichtgeflügelte Lieder, wie dasjenige, welches den Frühlingsblumen gewidmet ist, und ein paar Balladen wie „Alexander und Poros“ mit sinnreicher Pointe und „des Odysseus Heimkehr“ im edlen getragenen Stil der antikisirenden Schillerschen Gedichte.

Ein anderer, den höheren Adelskreisen angehörender Dichter, Prinz Emil zu Schönaich-Carolath, erinnert uns in seinen neuen „Dichtungen“ vielfach an Alfred de Musset, besonders in den ersten poetischen Novellen: „Angelina“ und „die Sphinx“, hier und dort auch an Byron’s „Don Juan“. Die Lebensbilder in der ersten Erzählung sind in die Beleuchtung gerückt, in welcher die verlorenen Seelen in Lied und Novelle zu erscheinen pflegen. Einige grelle und wüste Lichter flimmern mit herein. Bedeutender noch ist „die Sphinx“: mit großer Kühnheit und in originellen Wendungen wird hier die dämonische Macht der Weiblichkeit geschildert; die Dichtung enthält sehr treffende prägnante Verse. Das Talent des Dichters hat einen genialen Zug. Sie werden zwar, verehrte Freundin, mit seiner Auffassung des ewig Weiblichen nicht einverstanden sein: dennoch werden Sie durch die eigenartigen, oft in kühnen Bildern sich ergehenden Verse des Dichters sich angezogen fühlen und auch widerwillig seinem Schwunge folgen.

Ein anderer Gedankendichter, der unter dem Pseudonym Curt Falkenau „Dichtungen“ herausgegeben hat, gehört Leipziger Patricierkreisen an. Das Bedeutendste in der Sammlung sind die Gedichte „Aus dem Tagebuche eines Einsamen“, poetische Rhapsodien, denen man einen kühnen Gedankenflug nachrühmen muß und die besonders in der Neigung, die weitschweifenden Reflexionen in nachdrücklichen Sentenzen zusammenzufassen, an die Dichtweise des Prinzen Carolath erinnern. Es sind nicht Producte einer formlosen, nebelhaft ausschweifenden Phantasie, ein Tadel, den der Dichter selbst, nach der Vorrede zu schließen, fürchtet: es sind Stimmungsbilder, aber es sind die Stimmungen eines das All erfassenden und in seine Tiefen sich versenkenden Gemüthes, das bisweilen mit den Göttern rechtet. Einzelne dieser Gedichte gehören in das Gebiet jener prometheischen Literatur, die sich wie ein rother Faden durch alle Zeiten hindurchzieht. Manches erinnert an Byron und Shelley. Die poetischen Absagebriefe an eine stolze Frau sind aus dem vollen Empfinden herausgeschrieben. Wenn sich hier und dort auch in diesen Gedichten jenes „Uferlose“ der poetischen Strömung zeigt, welches Rückert überscharf gerügt hat, welches aber rhapsodischen Ergüssen mehr oder weniger eigen sein muß, so findet sich doch auch Vieles in fester künstlerischer Umrahmung. Wie schön, maß- und klangvoll sind die folgenden Verse, mit denen das Gedicht „Erinnerung“ beginnt:

„Ergieße dich, du freier gold’ner Strom,
Du meiner Lieder unversiegte Quelle,
Ergieße dich! Es blutet mir das Herz
Von tausend Wunden, und sie heischen alle,
Wie todte Krieger noch ein Denkmal fordern,
Des Liedes Ewigkeit von meinen Lippen.
Aus jeder Wunde schaut mich ein Gefühl,
Ein längst vergang’nes, an, wie eine Leiche –
Wie ein verdorrter Zweig am grünen Stamm,
Der alle Jahre seiner Blätter Schmuck
Zu Boden sinken und vergehen sieht,
Und doch, nach einer kurzen Leichentrauer,
Von Neuem blüht und neuen Stürmen Trotz
Mit seinem unbezwung’nen Gipfel bietet.“

Eine wesentlich verschiedene Physiognomie tragen die Gedichte, welche ein Philosoph und Universitätslehrer, Moritz Carrière, soeben veröffentlicht hat: „Agnes, Liebeslieder und Gedankendichtungen“. Der bekannte Aesthetiker und Culturhistoriker hat diese Gedichte seiner verstorbenen Frau Agnes gewidmet, die ihm engverbunden war im Glauben an das Ideal, das er in der „Sittlichen Weltordnung“ und anderen Schriften verherrlicht hat. Es ist dies eine Sammlung von poetischen Ergüssen, wie sie nicht nur die Lebensschicksale des Dichters, sondern auch sein geistiges Schaffen begleitet haben; sie sind auf demselben Boden erwachsen, gleichsam um die Fruchtbäume sich schlingende Blüthenranken. Solche Zerrissenheitsstimmungen, wie bei dem Prinzen Carolath und Falkenau, würde man bei Carriére vergeblich suchen: es liegt im Ganzen, trotz einiger elegischen Klänge, eine milde und freundliche Beleuchtung auf diesen poetischen Gaben; oft spricht sich in ihnen ein frohes Genügen aus und der Glaube an den Fortschritt der Menschheit zieht sich wie ein bald leiser, bald lauter verklingender Hymnus durch diese Verse, die zum Theil antiken Mustern nachstreben. Von den italienischen Reisebildern verdient „Taormina“ den Vorzug, eine gedankich schön gegliederte schwunghafte Ode; von den Geschichtsbildern ist die ältere Dichtung: „Die letzte Nacht der Girondisten“ bereits von früher rühmlich bekannt.

Auch ein Thealoge erscheint unter den lyrischen Kränzespendern, Hermann Hölty, mit seinen „Gesammelten Dichtungen“, die auch italienische Reisebilder in Prosa und zwei biblische Tragödien: „König Saul“ und „Lonoda“ enthalten. Der Verfasser ist ein liebenswürdiger Poet, der keineswegs die Kanzel auf den Parnaß mit hinauf schleppt. Seine „Gedichte“ enthalten Naturbilder von stimmungsvoller Färbung, besonders Seestücke und Marinebilder, einige kurze sinnige Romanzen und weiter ausgeführte Balladen aus der deutschen Götterwelt.

Auf eine sehr anmuthige Neudichtung muß ich Sie noch hinweisen, verehrte Freundin. Es ist das „König Rother“ von Emil Taubert, dem Verfasser des „Antiquar“ und anderer gefühlvollen und spannenden Novellen, welche in „Unsere Zeit“ zum Abdruck kamen. Den Stoff des mittelalterlichen Gedichtes hat der neue Poet geschmackvoll umgebildet und jene schleppende Wiederholung vermieden, welche dem alten Gedicht einen unbeholfenen Charakter gab. König Rother wirbt um die schöne Helene, die Tochter des Königs Constantin von Byzanz; doch seine Boten, die sieben Söhne seines Waffenmeisters, des Herzogs von Meran, werden in’s Gefängniß geworfen. Da kommt er selbst mit einem Geleite gewaltiger Riesen nach Byzanz als geächteter Vasall Rother’s, weiß sich der Prinzessin zu nähern, besiegt den König von Babylon und entführt dann die Geliebte, der er eine Niederlage der byzantinischen Truppen vorspiegelt und vorgiebt, sie vor dem bedrohlich heranrückenden Feinde retten zu wollen. In dem alten Gedichte wird sie noch einmal nach Byzanz zurück gebracht, noch einmal mit List entführt. Bei Taubert wird nur der Versuch gemacht, das Heimweh und die Liebe zum Vater in ihr wachzurufen: doch König Rother ruft sie zurück durch heiße Liebeslieder, und der Vater selbst, schiffbrüchig und des Throns beraubt, sucht und findet Trost bei seiner Tochter. Die Erzählung selbst, oft stimmungsvoll beleuchtet und an glücklichen Bildern reich, ist durchwoben mit Liedern, wie das seit Scheffel und Julius Wolff Mode geworden, und diese Lieder sind von großer Innigkeit.

Sie sehen, verehrte Freundin, welch eine Zahl verschiedenartig gefiederter Sänger mit den verschiedensten Tonweisen im deutschen Dichterwald ihr Lied ertönen läßt; fangen Sie sich den Liebling unter ihnen ein, dessen Sangesart Ihnen am meisten das Herz bewegt.




Blätter und Blüthen.


Bei der Kartenschlägerin. (Abbildung S. 101.) Im ganzen Reichthum aller Sprachen der Welt giebt es kein zweites Wort, dessen Bedeutung auf die Herzen und Geister der Menschen aller Zeiten und aller Stände und Bildungsgrade einen mächtigeren Einfluß ausgeübt hätte, als – das Geheimniß. Vor ihm ist keine Ruhe, kein Stillstand möglich gewesen von den Tagen des ersten Menschen, der nach dem Apfel der Erkenntniß griff, bis heute. Vor dem Auge der ganzen Menschheit hängt sein Schleier nieder; Staaten und Völker stehen oft zagend vor ihm, und wie unzähliger Enthüllungen sich auch der Menschengeist erfreut, immer und immer sinken neue Schleier nieder, die zu neuem Vorwärtsdringen anspornen. [104] Vor dem Geheimnisse seines Schicksals steht jeder Einzelne – und eben darum hat es zu allen Zeiten „weise“ Männer und Frauen gegeben, welche sich die Fähigkeit beilegten, für diese Einzelnen den dunklen Vorhang lüften zu können. Priester, Propheten, Orakel, Traum- und Zeichendeuter, Astrologen etc. verstanden es, die angebliche Bewältigung des Geheimnisses der Zukunft Anderer als Mittel der Macht, des Einflusses und des Erwerbes für sich zu benutzen – und kein Rang und kein Stand entzog sich ganz dem Zauber dieser reizvollen Täuschung, von den Tagen der Hexe von Endor, welche dem König Saul, bis zur Anne Marie Lenormand, welche der Kaiserin Josephine und Alexander von Rußland den Schleier der Zukunft lüftete. Warum sollen wir es nun den beiden jungen Damen verargen, daß sie ein ihnen besonders werthes Geheimniß sich von einer Kartenschlägerin entschleiern lassen? Hat auch die Kunst des Kartenlegens viel von ihrer Bedeutung und ihrem Reize dadurch verloren, daß sie nicht mehr verboten ist, so mag sie liebedürftigen Herzen immerhin noch die süße Täuschung gewähren, daß wenigstens die Karten ihnen das Glück verbürgen, welches die Jahre ihnen bereits zweifelhaft machen wollen. Man muß deshalb nicht gleich an des seligen Bock flüchtiges Wort denken, wenigstens bei so vornehmen Leuten nicht. Weiter unten, in weiten und tiefen Volkskreisen, wo Aber- und Ueberglaube in so beklagenswerther Weise die Opfer der Geheimnißwächter sind, ist’s um so lauter zu beklagen, daß auf dieser schönen Erden – nie die Dummen alle werden.

„Wilhelmsdorf“. Eine Heimstätte der Heimathlosen. Heimathlos, siech, arm und elend die Welt zu durchirren, steuer- und mastenlos auf dem wildbewegten Meere des Lebens umherzutreiben, ist ein herber, bitterer Fluch. Nach Tausenden zählt die Zahl Derer, die diesem Fluche anheimgefallen sind. Wer hätte sie nicht gesehen im Kothe der Gasse, auf der Land- und Heerstraße, im dumpfen, schweren Qualm der Herbergen, in den Strafanstalten und Spitälern? Abscheu und Mitleid einflößende Jammergestalten!

Die Klagen über das Vagabondenthum haben sich vermehrt von Jahr zu Jahr, und der Kampf gegen dasselbe war bis jetzt ohne jeden nennenswerthen Erfolg. Weder Gensd’arm noch Seelsorger, weder Vereine gegen Bettelei, noch Gesetze sind im Stande gewesen, die Hochfluth des Vagabondenthums einzudämmen.

Arbeitslosigkeit wird der stets fruchtbare Boden sein, auf welchem dasselbe emporsprießt und fortwuchert. Die blutig rothe Fanale der Socialdemokratie, der unheilschwangere Taumelbalsam, der Branntwein, werden jederzeit mitwirken auf jenem Grunde Früchte der verderblichsten Art für unser Vaterland zu zeitigen. Das erlösende Zauberwort des Meisters aus dieser großen Noth würde die Botschaft sein: Hier ist Arbeit. Sechszig Procent jener 150,000 bis 200,000, welche arbeitslos in Deutschland umherirren, waren fleißige Menschen, die durch die Ungunst der Zeitverhältnisse ihren Wirkungskreis verloren, redlich Arbeit suchten, jedoch nicht fanden und so auf die abschüssige Bahn des Vagabondenthums gedrängt wurden. Um diese wenigstens für die Gesellschaft zu retten, ist die Anstalt, auf die wir die Aufmerksamkeit unserer Leser lenken, in’s Leben gerufen worden.

Die unter dem Protectorate des Kronprinzen Friedrich Wilhelm von Preußen stehende Arbeitercolonie Wilhelmsdorf bei Bielefeld in der Senne hat den Zweck: 1) arbeitslustige und arbeitslose Männer jeder Confession und jeden Standes so lange in ländlichen und andern Arbeiten zu beschäftigen, bis es möglich geworden ist, ihnen anderweite lohnende Arbeiten zu beschaffen, und ihnen so die Hand zu bieten, vom Vagabondenleben loszukommen; 2) arbeitsscheuen Vagabonden jede Entschuldigung abzuschneiden, daß sie keine Arbeit hätten.

Neben dem Angebote von Arbeit an alle Arbeitslose wird zugleich die Einrichtung von festen Naturalunterstützungsstationen in Stadt und Land erstrebt.

Am 17. August vorigen Jahres wurde die Anstalt eröffnet und die Arbeit auf den Haidestrecken der drei angekauften Bauernhöfe begonnen. Der Erfolg war ein überraschender. Die Vermuthung, daß sich bei den harten Bedingungen nur äußerst wenige zur Aufnahme melden würden, ist durch die Thatsache widerlegt, daß sich in dem kurzen Zeitraume bis zum 1. December mehr als 1000 zur Aufnahme meldeten. Von diesen konnten jedoch nur 417 Aufnahme finden. 207 erhielten durch Vermittelung des Vorstandes von Wilhelmsdorf anderweitige Beschäftigung, 20 gingen, diese selbst zu suchen, 10 entliefen. Der Landstreicherei in den angrenzenden Kreisen ist schon jetzt erheblich gesteuert. Der arbeitsscheue Stromer wird sich gewiß den nachfolgend fixirten strengen Bedingungen nicht fügen wollen, er meidet eine Provinz, die ein „Wilhelmsdorf“ unterhält und nur die nothwendigsten Naturalunterstützungen gewährt, auf’s sorgfältigste.

Es sei uns gestattet, etwas Näheres über die innere Einrichtung von Wilhelmsdorf mitzutheilen.

Nachdem der Neueintretende ein Bad genommen, erhält er leihweise anständige Kleidungsstücke, welche mit dem Stenspel „Wilhelmsdorf“ versehen sind, über deren Empfang er mit besonderer Erklärung quittirt, daß eine Mitnahme derselben von der Colonie, ehe sie verdient sind, als Diebstahl anzusehen und zu bestrafen ist. Contractgemäß verpflichtet er sich, die ersten vierzehn Tage ausschließlich für die ihm von der Colonie zu liefernde Kost und Logis zu arbeiten. Nach Ablauf dieser Frist empfängt er, falls Fleiß und Betragen zufriedenstellend waren, in den folgenden vier Wochen eine freiwillige Vergütung von 25 Pfennig pro Tag, bei längerem Aufenthalte wird die Gratification exclusive Kost und Logis auf 40 Pfennig erhöht. Der Hausvater ist streng angewiesen, kein baares Geld zu verabfolgen, dagegen wird jede zugedachte Gratification gutgeschrieben, um zunächst auf die Schuld für etwa empfangene Kleidungsstücke abgerechnet zu werden.

Hacke und Spaten in der Hand des Arbeiters wirken wie ein Talisman auf Leib und Seele. Auf diesem Wege kann es jedem fleißigen Manne gelingen, wohlgekleidet und gestärkt nach einem Aufenthalte von drei bis vier Monaten einen ehrenhaften Platz in der menschlichen Gesellschaft zu erlangen.

Die Verwaltung und Verantwortung für die Colonie liegt in der Hand eines freien Vereins, welcher die Ausgaben aus den freiwillig eingehenden Gaben bestreitet. Die Einrichtung von Naturalverpflegungsstationen liegt den Behörden ob, deren Kosten durch Kreismittel gedeckt werden. Sie dienen dazu, dem arbeitsuchenden, mittellosen Manne Gelegenheit zu geben, ohne betteln zu müssen, sein Ziel zu erreichen, oder den freien Weg zu bahnen. Jede Naturalverpflegungsstation ist zugleich Arbeiternachweisebureau.

Wir schließen mit den Worten des hohen Protectors der Anstalt: „Ich gebe gern der Hoffnung Ausdruck, daß dies Unternehmen, welches bestimmt ist, einem weit verbreiteten Unwesen Schranken zu setzen, nicht nur fortfahren werde, sich in seinen Erfolgen wie bisher zu bewähren, sondern daß es auch in andern Provinzen, welche unter gleichen Mißständen zu leiden haben, baldige Nachahmung finden möge.“ Rumbke.


Kleiner Briefkasten.

K. M. in Altenburg. Ueber den schweizerischen Staatsmann Augustin Keller, welcher am 8. Januar dieses Jahres zu Baumgarten-Lenzburg in einem Alter von siebenundsiebenzig Jahren gestorben ist, finden Sie im Jahrgang 1872, Nr. 19, unter der ehrenden und den Mann kennzeichnenden Ueberschrift „Ein Zerstörer geistiger Zwingburgen“ ein mit dem trefflichen Portrait des nun Verewigten geschmücktes, warm und kräftig gezeichnetes Lebensbild. Dem edlen, sturmerprobten Kämpfer ist zu Theil geworden, was er mit den Worten des alten, frommen Eidgenossen Conrad Geßner auch für sich sprach: „Myn Hertz staht zum Vaterland; dem begör ich zu läben und zu dienen, aber auch frey darin zu sterben, so es Gott gefällt, als ich hoffe.“

V. Z. in Stuttgart. Nach einer statistischen Zusammenstellung beträgt die Gesammtzahl der gegenwärtig auf der ganzen Erde erscheinenden periodischen Schriften 34,274 mit einer Auflage von 116 Millionen Exemplaren. Von diesen Zeitungen erscheinen 16,500 in englischer, 7,600 in deutscher, 3,650 in französischer und 1,600 in spanischer Sprache; die Zeitungen der übrigen Länder sind für den Weltverkehr fast ganz ohne Bedeutung. Ausführliches darüber finden Sie in der vortrefflichen neu erschienenen Abhandlung: „Die Buchdruckerkunst und der Culturfortschritt der Menschheit.“ Von Dr. Karl von Scherzer (Berlin, Leonhard Simion).

Dorothea B. in Woldenberg. Wenden Sie sich an die Expedition der „Allgemeinen Anzeigen zur ‚Gartenlaube‘“ in Leipzig!

T. F. in J. Hier kann geholfen werden. Ziehen Sie einen tüchtigen Arzt zu Rath!

J. S. aus Boos. Jahrgang 1869!

W. B–le in D–m und Fr. Sch. in B. Schwindel!

B. B. in L. Ungeeignet!