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Autor: Verschiedene
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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Ernst Ziel
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Entstehungsdatum: 1880
Erscheinungsdatum: 1880
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Die Gartenlaube (1880) 121.jpg
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Inhaltsverzeichnis

[121]

No. 8.   1880.
Die Gartenlaube.

Illustrirtes Familienblatt. – Begründet von Ernst Keil 1853.

Wöchentlich bis 2 Bogen.    Vierteljährlich 1 Mark 60 Pfennig. – In Heften à 50 Pfennig.



Alle Rechte vorbehalten.
Der Weg zum Herzen.
Erzählung von Robert Byr.
(Fortsetzung.)


Das Datum, auf welches sich das nachdenkliche dunkle Auge der Baronin richtete, griff über drei Jahre zurück. So lange war es, daß dieses Bild hier seinen Platz gefunden. Die Züge eines Bildes konnte die Zeit bleichen und entstellen, nicht aber die Gefühle eines Herzens; waren es nicht heute noch dieselben? Erwachten sie nicht mit voller Gewalt, einstimmend in dieses flammende Gelöbniß grausam geknickter Liebe, Wort für Wort?

„Den 17. November.

O, wißt Ihr denn nicht, daß ich zu leben aufhören muß, wenn Ihr mir das Athmen verwehrt? Du bist mein Odem, meine Lebenslust – Dich soll ich nicht mehr sehen, mit Dir nicht mehr sprechen, Deine Hand nicht mehr drücken, mein Geliebter! In Todesnacht unterzutauchen, wäre Seligkeit, und nur um Dir, harter Vater, die Gewissenslast nicht aufzuladen, Dein eigenes Kind in's Verderben getrieben zu haben, lösche ich das Licht meines Lebens nicht aus.

So ist es denn wahr, daß Alles hier auf Erden nur durch den elenden Mammon regiert wird! O, wie er die Herzen der Menschen verhärtet und ihre Gedanken erniedrigt! Weil Gustav nur ein armer Oberlieutenant ist, darf ich nicht sein werden; als ob wir nicht reich genug wären! Aber es ist nicht der Reichthum allein, der uns scheidet. Ich sehe klar genug. Schwägerin Hilma hat ihre langen, hageren Finger in der Sache. Gustav Steinweg und weiter nichts, kein Graf, kein Baron, nicht einmal ein simples 'von' – das wäre ja eine furchtbare Mesalliance für ein Fräulein von Mildner. Der 'uralte' Stammbaum unserer Ritterfamilie würde bis in die Wurzeln erzittern, und da dieselben erst von gestern sind, könnten sie in ihrer kindlichen Zartheit durch diese Mißheirath zerrissen werden. Man muß wackelige Stämmchen in Stöcke binden, damit sie festwachsen. Bruder Heinrich ist schon fest an den seinen geschnürt: er ist Gatte eines Fräuleins aus altem Geschlechte; wie dürfte er da die Schwester wieder in die kaum verlassenen bürgerlichen Schichten hinabsteigen lassen! Und wenn Heinrich in seiner gutmüthigen Schwäche Alles hingehen ließe, so müßte doch Frau Hilma in zärtlicher Fürsorge für die Zukunft ihrer theuren Schwägerin ihre Spinnennetze ziehen. Wäre es von ihr abgehangen, ich glaube, sie hätte mich trotz meiner achtzehn Jahre zu Lora zurück in's Pensionat geschickt.

'Aus den Augen, aus dem Sinne', soll es auch hier heißen! Werd' ich ihn nicht, wo ich auch sei, täglich morgens beim Klange der Trompeten unter meinem Fenster vorüber courbettiren sehen, den kühnsten Reiter der ganzen Escadron, den schmucksten Cavalier unter seinen Cameraden, obschon er keine Krone auf dem Siegelringe trägt, der seine weiße Hand schmückt? Wart Ihr denn blind, so oft er zu Euch in's Haus kam, daß Euch seine Eleganz, seine Gewandtheit, sein liebenswürdiges Wesen nicht auffielen? Giebt es einen bessern Tänzer im ganzen Regimente? Und wie geistreich und ritterlich ist er, wenn er von seinen Stationen und Garnisonen oder von seinen Jugendstreichen erzählt! Nur Richard schwärmt für ihn und ist, seit ihn Papa als Cadet zum Regiment gegeben, sein unzertrennlicher Freund. Dafür liebe ich diesen Bruder auch doppelt, der überhaupt viel schöner, stolzer und edler ist als Heinrich; und dennoch – welch ein Abstand wieder zwischen ihm und Gustav!

O Du Herrlicher, Unerreichbarer!

Nur eins verstehe ich nicht, daß Du so gelassen die Beleidigung hinnehmen konntest, die man Dir geboten hat. Ich habe es wohl gesehen, welchen Zwang Du Dir anthun mußtest, um Deine Ruhe zu bewahren, als Du gestern Papa verließest, den Du um meine Hand gebeten, und ich mußte es bewundern, wie leicht Du durch den Hof dahinschrittest und lächelnd Dein reizendes Schnurrbärtchen kräuseltest, bevor Du in Deiner ritterlichen Weise zu meinem Fenster hinaufgrüßtest. Aber daß Du hinter diesem Lächeln der Selbstbeherrschung, um das ich Dich beneiden möchte, keinen kühnen Plan verbargst, der uns Beide erlöst hätte, das kann ich immer noch nicht begreifen.

Ich habe geglaubt, es müßte ein Zeichen von Dir kommen, ein Brief, eine Andeutung, ein Ruf. Ich wäre ja bereit, Dir überall hin zu folgen, wenn Du mich auf Dein Pferd erheben wolltest und mich mit Dir nehmen, hinaus in die Welt; Du aber sahst wahrscheinlich in mir nur das heitere Kind und ahntest nicht die starke Seele, die in mir wohnt und die der Deinen mit entfalteten Schwingen entgegenflog. Ich küsse Dein Bild; ich lege es hier herein. Zu ihm will ich flüchten in den thränenvollen Nächten, wo ich unbewacht bin; an Dich will ich hier schreiben Tag für Tag, so lange meine Hand die Feder noch zu halten vermag. O, ich fühle es, nicht lange wird es mehr währen! So lange nur noch möge mich Gott am Leben erhalten, daß ich höre, wie Du glücklich geworden. Ich wünsche es Dir so sehr, Geliebter!

Aber vor meinen Augen steht noch ein anderes Bild, und ich vermag es nicht zu bannen.

Ich sehe ein Schlachtfeld; der Sieg ist unser, aber der [122] herrliche Mann, der ihn für unsere Fahnen erkämpft hat, er liegt unter Todten und Verwundeten, neben seinem treuen Rosse, das unter ihm zusammengebrochen ist, und aus seinem Herzen noch sprießt die rothe Rose. Ueber ihn aber neigt sich eine Diakonissin, sie küßt seine bleiche Stirn und erhebt sich nicht mehr. Der Mond bricht aus den Wolken; leise gleitet er über dieses Blumengefilde, über das des Todes Sense hingemäht. Seite an Seite ruhen dort vereint, die das Leben getrennt und die rauhe Hand geknickt – die rothe und die weiße Rose.“ –

Die Baronin blickte von dem Tagebuch empor. So schwärmerisch, so phantastisch würde sie heute nicht mehr schreiben; aber das Gefühl, das aus diesen Zeilen sprach, war doch ein echtes, dauerndes gewesen – sagte sie sich; sie hatte es gestern empfunden, als ihr Bruder Richard ihr auf dem Balle unversehens denjenigen zugeführt, an den diese Zeilen einst gerichtet waren, ohne je in seine Hände zu gelangen. Welch heißen Schrecken hatte sie bei diesem Wiedersehen empfunden!

Die Jahre versanken, und sie stand wieder dem jungen feurigen Tänzer gegenüber, der ihr einst auf einem andern Balle, während er sie mit geschickter Wendung gegen die Anwesenden deckte, so stürmisch die Fingerspitzen geküßt, und der dann ein paar Tage später mit lächelndem Gruße und „den Tod im Herzen“ das Haus verlassen hatte, das er nimmermehr betreten sollte.

Wieviel Thränen hatte sie ihm nachgeweint, wieviel Seufzer ausgestoßen, um ihre junge gebrochene Liebe! Wie manche Stunde war sie vor diesem Buche gesessen und hatte ihre hochgespannten Empfindungen ausgeströmt! Da folgte noch Seite um Seite. Standhaft hatte sie ihr Wort gehalten, bei ihm Zuflucht zu suchen und von allen Verlockungen des Lebens in der Weltstadt sich fern zu halten, so standhaft, daß Heinrich und seine Frau zuletzt mit ihr sogar nach Italien gegangen waren, um sie auf andere Gedanken zu bringen und ihre schwankende Gesundheit wieder zu befestigen.

Und auch in den Tagebuchblättern aus dieser Zeit kamen inmitten scharfsinniger Beobachtungen und von erwachendem Kunstverständniß zeugender Schilderungen ähnliche Gefühlsergüsse vor. Aber die häufige Wiederkehr schien der Lesenden endlich peinlich zu werden. War ihr Empfinden doch verändert? Oder stand sie vielleicht nur unter dem Einfluß der Erinnerung an den Spott jener kalten Lippen, die sie so oft schon über „Phrasen“ aus ihrem Munde, wie er es nannte, hatte lächeln gesehen, und deren Sarkasmus sie vor wenigen Stunden erst so scharf getroffen hatte?

Rasch, wie mit einer Art Verlegenheit, glitt sie über diese Seiten des Buches hinweg.

Sternberg trat ihr vor Augen, wo ihr Gatte zur Stunde schon weilen mochte. Auch die Aufzeichnungen, welche nun folgten, datirten ja von dort, und merkwürdig war es, wie in denselben mit der Rückkehr aus dem Süden das bis dahin vorherrschende Gefühl verblaßte und ein anderes, weit nüchterneres und schärferes die Oberhand gewann. Nur ab und zu noch kehrte ein Gedanke zu dem zwischen den früheren Blättern eingesargten Bilde zurück, wie hier unter Anderem:

„25. April.

Das also ist es! Ich hatte gedacht, nur um mich nicht wieder mit G. zusammentreffen zu lassen, sei ich hierher nach Sternberg gebracht worden; aber ich habe heute von Richard erfahren, daß G.'s Regiment auf dem Marsche nach Galizien, er selbst als Lieutenant in ein anderes Regiment versetzt worden ist. Selikau wäre mir also wohl nicht mehr gefährlich. Aber Papa selbst hat seine Gründe, die Klatschzungen des Städtchens zu meiden. O meine liebe, gute Mutter, warum bist Du so früh von uns gegangen? Kann es sein, daß sich ein solches Geschöpf an Deine Stelle drängen darf? Und darum, darum also wird von nun an das stille einsame Sternberg zu unserer Residenz erkoren! Wie hat sich für mich der Eindruck des ganzen Hauses auf einmal damit verändert! Das hübsche Schloß, die Waldberge, der rasche Fluß, Alles hat seinen Reiz verloren. Die dicken schwarzen Rauchwolken aus den Schlöten ersticken mich.“

Der nächste Tag aber brachte eine längere Aufzeichnung, die sie langsam und prüfend überlas, während sich ihre Stirn in die Hand des aufgestützten Armes senkte.

„26. April.

Ich glaube, daß die Männer, wenn sie älter werden, nur noch für die Politik, die Jagd, das Spiel und Essen und Trinken Sinn haben. So ist es wenigstens bei denen der Fall, die zu uns kommen. Was war das heute für eine Gesellschaft!

Freilich hieß es schon von vornherein, es sei eine Zusammenkunft zu Wahlvorbereitungen. Aber ich sollte doch meinen, nach all den langen Debatten von Mittag bis zur Dinerstunde dürften sie alle möglichen Nüancen erschöpft haben und froh sein, ihre Besprechungen beenden zu können. Gott bewahre! Bei der Suppe herrscht das Schweigen des Hungers; beim Hors d'oeuvre werden noch einige Anläufe zu gewöhnlicher Tischconversation gemacht, die aber, noch ehe der Fisch erscheint, gescheitert sind; mit Roastbeef und Kartoffeln wird wieder Old England rege, und bei Entremet und Gemüse sitzt man bereits mitten in der Politik. Dann kommen die Toaste an die Reihe, und nun ist kein Halten mehr. Rechte, Linke, Majorität, Minorität, Antrag, Resolution, Opportunität, Indemnität, Parität und Calamität ohne Ende, daß uns armen Zuhörerinnen die Ohren schwirren.

Und nun gar, wo nur zwei Damen an der Tafel theilnehmen und unter so viel Bärten ganz verschwinden! Unter dem meines Nachbars wenigstens wäre das für mich etwas ganz Leichtes gewesen. Hilma hätte freilich ein wenig die Zügel ergreifen können; das läßt sie sich ja sonst in keiner Beziehung entgehen, diesmal wollte sie aber offenbar nicht die liebenswürdige Hauswirthin spielen. Sie saß da gleich einer ägyptischen Pharaonenstatue, und die Löckchen flossen ihr herab wie die Schlangen vom Gorgonenhaupte. Wenn sie hätten zischen können, wäre jeder Laut Mißbilligung gewesen. Sie hält, so viel ich davon verstehe, zu der andern Partei, und es ist auch Heinrich gar nicht wohl inmitten dieser Anhänger einer neuen Weltanschauung. Er wirft zuweilen Blicke nach ihr hinüber, als wollte er sie um Verzeihung anflehen, daß ein 'Ritter von Mildner' sich solchen Umsturzideen hingiebt. Wenigstens so lange, bis er sich gehörig Muth getrunken; dann brüllt der Löwe endlich auch mit. Sie aber schweigt – vielleicht fürchtet sie, durch einen Laut die schon über Papas Haupte schwebende Freiherrnkrone im ruhigen Niedersinken zu stören. So läßt sie denn die Wogen branden.

Ich aber, als Tochter vom Hause, als die jüngere, als Mädchen, kann doch nicht den Ton angeben! Mein bärtiger Nachbar hatte wenigstens Erbarmen mit mir und unterhielt mich. Und doch wäre er vielleicht mehr als die Uebrigen veranlaßt gewesen, seine politischen Ansichten zu äußern, denn so viel ich verstanden habe, will der Großgrundbesitz auch ihn zur Wahl in Vorschlag bringen, wenigstens sind sie von allen Seiten in ihn gedrungen, anzunehmen. Er lehnt jedoch ab; seine Verhältnisse erlauben es ihm nicht. Schade, ich glaube wirklich auch, daß keiner sich so gut zum Abgeordneten eignet, wie er. Eine alle andern weit überragende Intelligenz ist auf seiner Stirn zu lesen, man muß nur Baron Weifen mit ihm vergleichen oder Graf Baumbach, den ich zu meiner Rechten hatte und der mir zehnmal während des Essens die Versicherung gab, daß ich charmant aussähe, und darüber, wie über den besten Witz, in ein Kollern kam, daß ich meinte, unser alter Puter habe sich die Treppe herauf verirrt, auch an den violetten Nasen- und Kinnlappen fehlte es nicht.

Ja, da ist kein Vergleich, selbst Doctor Kalina, der sich doch, dank seinem juridischen Scharfsinn, ein hübsches Vermögen gesammelt hat und auch im Abgeordnetenhause eine Rolle spielt, macht nicht den Eindruck einer solch überlegenen Denkkraft wie Baron Lomeda, und auch seine Beredsamkeit ist nicht von derselben ruhigen, zum Verstand, aber auch zum Herzen sprechenden Art. Da mag wohl schon die tiefe wohllautende Stimme mitwirken, aber den Ausschlag giebt doch Inhalt und Auffassung. Ich will übrigens gar nicht leugnen, daß ich vielleicht etwas bestochen bin. Baron Lomeda brachte nämlich den einzigen nichtpolitischen Toast aus. Nicht eben einen neuen, aber einen, den wir uns immer wieder gern gefallen lassen – auf die Frauen nämlich.

Ich merkte wohl, wie es Hilma einen Stich gab, daß er nicht 'Damen' sagte, aber gerade das hat mich gefreut. Und wie er sprach, konnte er auch nicht recht die 'Damen' meinen. Es war kein Preisgesang, bei dem man sich immerfort schämen muß, in eine Reihe mit den Engeln gestellt und mit allerlei überirdischen [123] und unmöglichen Tugenden ausstaffirt zu werden. Es war auch keines jener Brillantfeuerwerke, wo wir nach all dem Rauch und Geprassel schließlich doch nicht viel besser dastehen als die leeren Raketenstöcke, sondern ein einfaches Lob der Frau in ihrem segensreichen Wirken in Haus und Welt, vor Allem, wo sie ihrer schönen Aufgabe gerecht werde, dem Manne treulich zur Seite zu stehen, ihn zu fördern und zu unterstützen und ihm stets ein friedliches Heim zu bieten, in welchem er ausruhen und sein Gemüth erfrischen könne, das sonst verdorren müßte im Wüstenbrande des Welttreibens.

Es ist wahr, das sind keine neuen Gedanken; jetzt, wo ich sie niederschreibe, weiß ich, daß ich sie schon oft gelesen; aber freilich stehen mir auch die Worte nicht mehr zu Gebote, welche er dafür gebrauchte. Und wie sie ihm so von den Lippen flossen, da war es gar nicht, als ob er eine einstudirte oder auch nur improvisirte Rede hielte, sondern es kam wie ein Strom tiefen Gefühls, der Erinnerung entsprungen; es glich der Schilderung eines Bildes, das, in's Leben zurückgerufen, klar vor seinem feuchten Auge stand. Ja, ich habe die Thräne deutlich gesehen, da er zum Schlusse mit mir als seiner Nachbarin zuerst anstieß.

Der Arme! Es ist kaum anderthalb Jahr, daß er seine Frau verlor. Er scheint ihr ein treues Andenken bewahrt zu haben. Und dennoch erwähnte er ihrer über Tisch nicht ein einziges Mal gegen mich. Erst nachher sagte mir Papa, daß er vor drei Jahren seine Cousine geheiratet habe. Er selbst erzählte mir nur von seinem kleinen Mädchen, von Riefling, und dann von Italien, wo er ja auch gewesen ist, da er ursprünglich für die diplomatische Carrière bestimmt war, aus der ihn erst der plötzliche Tod seines Vaters riß. Nach Hilma's Andeutungen war er zur Uebernahme des Gutes gezwungen, wenn er es noch retten wollte, da der alte Baron Lomeda ein großer Lebemann gewesen und ganz zerrüttete Vermögenszustände hinterlassen; das werden wohl auch die Verhältnisse sein, die ihn verhindern, ein Mandat anzunehmen.

Er will einige landwirthschaftliche Einrichtungen von Papa übernehmen und sagte mir, daß er in nächster Zeit wiederholt nach Sternberg herüberkommen werde, worauf ich ihm in aller Aufrichtigkeit versicherte, daß mich das sehr freuen würde. Ich muß das ein bischen lebhaft gesagt haben; denn er blickte mich darauf so überrascht an, daß ich ganz verlegen wurde. Ich muß dunkelroth geworden sein, wie das einfältigste Gänschen; was wird er von mir gedacht haben!

Wir haben ein Gefühl gemein: den Schmerz. Er wie ich, wir trauern Beide um unsere Todten.“

Lange sah die Lesende auf den letzten Satz hin. Eine leise Röthe trat in ihre feinen Züge, die dabei eine eigene Durchsichtigkeit gewannen.

„19. Mai.

So ist es denn da,“ las sie weiter, nachdem sie einige Blätter umgewendet hatte, „wirklich und wahrhaftig da, das Unerhörte, Widerwärtige, nun ist es nicht mehr möglich, vor ihm die Augen zuzuthun, in der Hoffnung, daß es vielleicht doch noch vorübergehen würde, wie die drohende Wolke ohne Gewitter. Es ist niedergegangen, die Erklärung erfolgt, und sie wird nicht mehr zurückgenommen werden. Ich habe es an dem entschlossenen Ausdruck und den Falten auf der Stirn gesehen, als ich Papa mit gerungenen Händen beschwor, uns nicht die Schmach anzuthun, die er uns verkündete.

Kann ich ihn denn noch Vater nennen? Mir ist, als erstarrte mir das Wort auf der Zunge.

Mutter soll ich diese Heuchlerin nennen, die sich in das thörichte Herz eines alternden Mannes listig einzuschmeicheln wußte? Diese ehemalige Dienerin meiner lieben guten Mutter soll jetzt deren Stelle einnehmen, ihren Titel führen, ihre Rechte auf unsere Liebe und Achtung erben? Nimmermehr! nimmermehr! Für mich kann sie nie etwas anderes sein, als die ehrgeizige, ihre Ränke spinnende Wirthschafterin. Ich kann an ihr vorüber gehen, als ob sie nicht vorhanden wäre, ihr aber Gehorsam, Neigung, Ehrerbietung zollen, all das, was auch von einer Stieftochter gefordert wird – niemals!

'O Mutter, warum hast Du Deine Kinder verlassen? Unter diesem Dache ist kein Raum mehr für mich; thu' Dein stilles Grab auf und nimm mich auf in Deine Arme!'“

Der nächste Tag gab schon ein neues Stimmungsbild:

„20. Mai.

Ich muß wohl sehr verwirrt ausgesehen haben, als ich gestern an der Straße saß. Das Weh, der Zorn, die Verzweiflung hatten mich hinausgetrieben, und ich habe, während ich in die sinkende Sonne sah, wohl davon geträumt, wie es wäre, wenn ich so fort ginge auf der Straße, immer weiter und weiter ohne umzukehren, bis an das Ende der Welt. Sicherlich stand mir das auf der Stirn geschrieben, oder das ernste milde Auge Baron Lomeda's weiß tiefer in die Seele zu blicken als jedes andere, daß er, nachdem er den Wagen hatte halten lassen, sich so ohne Weiteres zu mir auf den Grabenrand setzte und mir weich und herzlich zuzureden begann, ich möge doch nicht so traurig sein.

Ja, es ist etwas in ihm, das zu mir spricht, wie die Stimme eines lieben treuen Bruders, nur daß ich Lomeda nicht mit meinen beiden Brüdern vergleichen will. Weder Heinrich noch Richard haben diesen Ton je gefunden. Es ist ein Geschwistergefühl, wie ich es leider nur aus Schilderungen Anderer kenne, die glücklicher sind als ich.

Hab' ich ihm das gesagt? Es mußte so sein, ich war ja meiner Worte und Gedanken kaum mächtig, während mir die Thränen von Neuem aus den Augen strömten, und sicherlich hätte er sonst nie gewagt, den Arm um mich zu schlingen und meinen Kopf an seine Schulter zu legen, wie man es allenfalls mit einem Kinde thut.

'Armes Kind!' sagte er und forderte mich auf, mich von dem feuchten Grase zu erheben und nach dem Schlosse zurückzukehren.

'Ach,' erwiderte ich, 'ich möchte, daß ich nie mehr heimzukehren brauchte – ich habe nun ja doch keine Heimath mehr.'

Er drückte meine Hand und sagte nach einer kleinen Pause mit seltsam zitternder Stimme, die mir das Herz fast stocken machte:

'Ich möchte Ihnen eine neue anbieten, Fräulein Lisa, wenn ich hoffen dürfte, daß Sie sich in derselben glücklicher fühlen werden.'

Ich war so erschrocken, daß ich keine Antwort fand, und er schien auch auf keine gewartet zu haben, sodaß wir eine ganze Weile still neben einander hergingen. Die Frage hatte ich wohl verstanden, aber sie war mir, was auch Hilma voll hämischer Anzüglichkeit hatte fallen lassen, so unerwartet gekommen, daß ich mich nicht zu fassen vermochte. Du, Buch meines Vertrauens, weißt ja, daß ich auch nicht mit einem einzigen Gedanken je die Möglichkeit erwog, in Lomeda einen Freier zu sehen. Glaubt sie, ich könne so rasch den Aschenkrug vergessen, in dem ich meine Liebe bestattet? Es giebt Naturen, die nur einmal sich diesem Himmelsfunken erschließen. Könnte er jemals erlöschen, zerfiele auch das Herz in Staub.

Nein, ich liebe ihn nicht, und ohne Liebe eine Ehe einzugehen, habe ich bis heute für eine Unmöglichkeit gehalten.

Zum Glück – nun ja, es mag stehen bleiben, da ich es schon einmal geschrieben habe – ich hoffe wenigstens: 'zum Glück' kam er dem schon in mir heraufschwellenden Worte zuvor. Er hatte eine Brieftasche hervorgezogen und nahm aus derselben eine Photographie, die er mir reichte.

'Sie lieben ja Kinder,' sagte er dabei, 'könnten Sie meinem Gretchen eine liebevolle Mutter sein?'

Es war ein herziges Kindergesicht, das mich wunderlich mit den erstaunten großen Augen unter den kurzen krausen Löckchen hervor anzusehen schien. War es doch, als lächle es – und indem ich es jetzt ansehe, ist es mir wieder, als lächle es und wolle ein süßes Wort lallen. Ja, ja, Du liebes, liebes kleines Wesen, Dich muß man küssen!

Es war ein so plötzliches stürmisches Empfinden über mich gekommen; es mag Mitleid, Erregung gewesen sein, vielleicht auch ein rein physischer Nervenreiz; die Thränen waren ja nur künstlich gestaut; ich drückte das Bildchen an die Lippen; dann war ich beschämt über die Auslegung, die man solcher Zärtlichkeit geben konnte, und wollte etwas zur Entschuldigung stammeln, aber ich kam nicht über 'den holden Engel' hinaus; ich brach auf's Neue und so heftig in Weinen aus, daß er mich wohl für eine hysterische Närrin gehalten haben muß.

Und ich fand nicht einmal Zeit, mich zu beruhigen und eine Erklärung meines ungereimten Verhaltens zu geben; denn Papa, der den vorausgefahrenen Kutscher im Hofe gesehen hatte, war uns entgegengekommen, und da ich mich vor ihm nicht so zeigen wollte, schlüpfte ich davon.

[124] Es erschien mir schon sonderbar, daß Baron Lomeda nicht wie gewöhnlich zu Thee blieb; meine Zweifel, ob ich dazu hinabgehen oder mich entschuldigen lassen sollte, wurden bald behoben, denn Papa kam selbst zu mir, um mir zu sagen, daß der Baron um mich angehalten. O, wie muß es ihm selbst darum zu thun sein, mich aus dem Hause zu haben, da er mir so eindringlich aus einander setzte, wie sehr diese Verbindung auch zu seinen Wünschen stimmen würde!

Wohl kann es ihm nicht angenehm sein, einer störrischen Miene, gleich der meinigen, alltäglich zu begegnen. Ich habe aus jedem seiner Worte die Absicht herausgehört, mich bald zu entfernen, um dann auch um so eher mehr Freiheit für sich selbst zu erhalten.

Er fühlt es, wie ich, daß mein Platz hier nicht mehr ist. Er drängt, und ich verstehe dieses Drängen. Habe ich denn auch noch einen andern Ausweg?

Wenn ich auch wollte: alle meine Talentchen reichen nicht zu, daß ich mit ihnen als Lehrerin mein Brod verdienen könnte, und selbst wenn ich es wagen und insgeheim entfliehen wollte, Papa würde mich ausforschen, mit Gewalt wieder zurückbringen lassen. Ich habe nur die Wahl: Sternberg, Selikau oder – Riefling.

Ach, ich habe ja eigentlich schon gewählt, wenn ich mir auch drei Tage Bedenkzeit ausbat und zur Bedingung machte, daß man mich unterdeß nicht zu überreden suche. Eine Gnadenfrist, nichts weiter, und ich wollte fast – es wäre die Qual derselben vorbei!“ – –

Nun fiel Blatt um Blatt von der Rechten zur Linken, hastig, als ob der Herbstwind vergilbtes Laub herüberwehte; erst bei der letzten längeren Aufzeichnung, da, wo das letzte Drittel des Buches begann, hielt die kleine blätternde Hand inne.

„3. September.

Heut' ist mir, als müßt' es ein Gebet sein, das ich hier niederschreibe. Ich will mich in Allem den übernommenen Aufgaben würdig zeigen, und Gott wird mir helfen, sie zu erfüllen.

Der letzte Tag!

Eine Unruhe ist in mir, die unbeschreiblich ist. Weihe kann ich das nicht nennen; denn Weihe ist hohe Ruhe im höchsten Erfassen der Bestimmung und des Augenblicks, und dennoch ist etwas davon lebendig in meiner Brust, und das leise Zagen, das mich just im letzten Augenblicke überkommt, ist doch eigentlich weit entfernt von dem Wunsche, alles wieder rückgängig zu machen. Nein, nein, das wollte ich nicht, selbst wenn ein ganzes Jahr wie ein Traum aus meinem Leben gelöscht werden könnte.

Ein Jahr, und auch das nicht einmal voll! Was ist doch das Menschenherz? Wie steht es mit den Vorsätzen, die wir fassen? Verzeih, du Ferner, wenn ich untreu geworden! Heute darf ich noch einmal dein gedenken; morgen verbietet es mir die Pflicht und mein eigener Wille. Dir habe ich ja mein Wort nie gegeben – ihm will ich es halten.

Wie sie sich Alle entsetzen würden, wenn ich plötzlich zurücktreten wollte! Papa wäre wohl sehr ungnädig. Wie zeigt er seine Freude, und mit welch kostbarem Schleier – es sind echte points d'Alençon – und welch reizender Brauttoilette er mich überrascht hat, wie reich er alles veranstaltet! Es ist, als wolle er das ganze Fest recht blendend hell arrangiren, damit gleichsam im Schatten desselben das andere verschwindet, das er sich selbst im Laufe der nächsten Woche bereiten will. Es war doch am Ende auch rücksichtsvoll, seine Heirath so lange zu verschieben, damit nicht morgen an der Tafel die neue Hausfrau präsidirt. Ich glaube wohl, sie würde sich entsetzen, wenn mich ein plötzliches Bedenken verhindern sollte, ihr den Platz zu räumen.

Aber ich will nicht boshaft sein, und es ist nicht recht, mit solchem leichtfertigen Gedanken zu spielen. Doch was kann ich dafür, daß er mir schon mehr als einmal gekommen ist?

Eigentlich möcht' ich nur wissen, wie es ein Einziger – wie es mein künftiger Gatte aufnähme. Ob wohl Witold einen tiefen Schmerz darüber empfände?

Manchmal meine ich beinahe, es würde ihm gleich sein. Doch es liegt dieses ruhige, gelassene, gleichmäßige Wesen wohl in seiner Natur, und das flößt mir eigentlich mehr Respect ein, als nach meiner Ansicht zu einer glücklichen Ehe eben nöthig wäre. Zu Zeiten glaube ich sogar, mich ihm widersetzen zu müssen, aber mein Trotz schmilzt sogleich hin, wenn ich in diese dunkeln, tief und weichblickenden Augen schaue, die mir wie ein melancholischer Bergsee zwischen ernsten Felsen und düsteren Tannen erscheinen, in denen sich doch die Himmelsbläue spiegelt. Und er ist so gütig; wie hat er alle meine Wünsche zu Rathe gezogen! Sogar die ganze Einrichtung in der Stadt, wohin wir nun doch ziehen, da er das Abgeordnetenmandat angenommen hat, ließ er genau nach meinen Zeichnungen anfertigen. Er ist nicht feurig und enthusiastisch wie ein – Liebender, aber wäre mir denn das auch recht? Es würde mich beengen, mich erkälten, mich zurückstoßen. Wir haben ja erst so wenig mit einander verkehrt. Daß er mir aber gut ist, das glaube ich, und ich will ihn achten und verehren und sein treues Weib sein, ja mehr als das – muß ich es doch morgen selbst an dem Altare geloben – ich will mir Mühe geben, ihn allmählich auch lieben zu lernen.

Liebe ich ja doch schon sein Kind wie das meine! Wie könnte ich aber auch nicht? Wie süß ist das kleine Ding, wie froh aufjauchzend hat es die Aermchen mir entgegengestreckt, als er es zu uns herüberbrachte für einen Tag! Gewiß sagt auch schon diesem winzigen Geschöpfe eine natürliche Ahnung, wie tief ich es in mein Herz geschlossen habe.

Morgen, morgen, lieb' Gretchen, ist dein Mütterlein bei dir, und dann bleiben wir beisammen, nicht nur für einen Tag, sondern für immer und immer.

Ja, ich hoffe es, wir werden glücklich sein.“ –

Darnach aber begann der neue Abschnitt. Er enthielt nur eine einzige, in großen, weit kräftigeren Schriftzügen hingeworfene Zeile:

Sie lautete:

„Märchenbuch, klapp zu! Träume sind nicht für's kahle Leben.“ –

(Fortsetzung folgt.)




Gefängnißwesen und Strafvollzug im deutschen Reich.
Von Karl Fulda, Landgerichtsrath.[1]

Mit der am 1. October vorigen Jahres in's Leben getretenen Organisation der deutschen Gerichte ist eine Reihe reformatorischer und organisatorischer Arbeiten von höchster Bedeutung auf dem Gebiete der Justizgesetzgebung und Justizverwaltung abgeschlossen worden. Noch aber gilt es, die letzte Arbeit zu vollenden; noch fehlt der Schlußstein an dem denkwürdigen Bau – die einheitliche Regelung des Strafvollzugs. Beschlossen hat sie der deutsche Reichstag auf Antrag des Abgeordneten Dr. Tellkampf in der Sitzung vom 29. Januar 1875. Justizminister Leonhardt hat darauf hin den Geheimrath Dr. Starke nach Belgien entsandt, um das dortige Gefängnißwesen an Ort und Stelle zu studiren, und hat alsdann einen Gesetzentwurf ausarbeiten lassen, der bereits dem Bundesrath in Berlin zur Begutachtung unterbreitet wurde. Da die Schwierigkeiten in formeller wie in materieller Beziehung groß sind, auch die durch Umgestaltung der Strafanstalten sich ergebenden enormen Kosten schwere Bedenken erregt haben, so wird wohl noch einige Zeit darüber hingehen, ehe der Entwurf an den Reichstag gelangen und zum Gesetz erhoben werden kann.

In diesem entscheidenden Zeitpunkte erscheint es bei der

[125]
Die Gartenlaube (1880) b 125.jpg

Zum ersten Male im Gefängniß.
Nach dem Gemälde von Baditz auf Holz übertragen.

außerordentlichen Wichtigkeit des Gegenstandes, welcher einen Wendepunkt in der Entwickelung unseres Gefängnißwesens bezeichnet, höchst wünschenswerth, die Ueberzeugung von dem Bedürfnisse einer gesetzlichen Regelung des Strafvollzugs auch den weiteren Kreisen unseres Volkes zu vermitteln, namentlich aber über die Richtung, in welcher die projectirte Reform sich zu bewegen hat, einige Andeutungen zu geben.

Das deutsche Reichsstrafgestzbuch geht nicht weiter, als [126] daß es über den Arbeitszwang, über die Zulässigkeit der Einzelhaft, über das Institut der vorläufigen Entlassung und über die Trennung jugendlicher Gefangener von den erwachsenen einige allgemeine Verfügungen erließ. Die Lücken sind in den Particular-Gesetzgebungen nur spärlich ausgefüllt.

Vor Allem entbehren wir in Deutschland gesetzlicher Bestimmungen über die Haftform, sodaß eine bunte Musterkarte der verschiedensten Strafvollzugsarten, von der Zellenhaft an bis herab zu den dürftigsten Einrichtungen in manchen Polizei- und Untersuchungsgefängnis, vorhanden ist. Es fehlt an gesetzlichen Bestimmungen über eine durchgreifende Beaufsichtigung der Gefängnisse, über das Beschwerderecht der Gefangenen, darüber, ob für sie mündlicher und brieflicher Verkehr mit Verwandten und Freunden, ob Selbstverpflegung und Tragen eigener Kleider, ob Bewegung in freier Luft zulässig ist, ob den Sträflingen eine Aussicht auf Lohnvergütung für ihre Arbeiten zusteht, ob Gottesdienst und Schulunterricht stattzufinden hat etc.

Es ist hier nicht der Ort, auf alle diese Einzelheiten einzugehen. Verfasser wird sich im Nachfolgenden darauf beschränken, den Leser auf dem Wege einer kurzen Geschichte der Strafhaft zu derjenigen allgemeinen Form des Haftwesens hinzuführen, welche nach Erwägung aller Umstände als die relativ vollkommenste erscheinen muß.

Die Verbüßung von Freiheitsstrafen in dazu eingerichteten Strafanstalten, wie bei uns, kannte man in alter Zeit nicht. Als Strafe ist die Freiheitsentziehung wahrscheinlich zuerst von der Kirche und zwar zunächst in den Klöstern zur Anwendung gebracht worden; Papst Bonifacius der Achte (gest. 1303) fand es nöthig, die Gefängnißstrafe ausdrücklich für zulässig zu erklären. Von dort ging sie in das weltliche Recht über; man trifft jedoch keine eigens eingerichteten Strafanstalten vor der Mitte des sechszehnten Jahrhunderts. Das erste Zuchthaus wurde 1552 in London, ein anderes in Amsterdam 1595 erbaut. Mit Einrichtung ähnlicher Anstalten ging es aber langsam; je mehr sie zunahmen, um so mehr gestalteten sie sich bei dem ungeordneten Zusammenleben der Verbrecher als Stätten sittlicher Verwilderung, als Gesellschaftslocale des Auswurfs der Menschheit, als Tummelplatz der Gauner und Diebe. Erst mit Howard in England beginnt eine neue Epoche in der Geschichte des Gefängnißwesens; er entschied sich zuletzt für die Isolirung eines jeden einzelnen Gefangenen – die Einzelhaft oder Zellenhaft. Die Hauptreformbewegung aber ging von Nordamerika aus. Schon 1786 bildete sich in Philadelphia ein Verein unter dem Namen: „Philadelphische Gesellschaft zur Milderung des Elends in den öffentlichen Gefängnissen“, und seine Wirksamkeit war eine sehr bedeutende und einflußreiche. Für das neue Zuchthaussystem, welches die Gefängnisse nicht als Straf-, sondern als Bußanstalten betrachtete, wurde maßgebend, daß Pennsylvanien vorzugsweise von Quäkern bewohnt wird, in deren religiöser Anschauung das Dogma von der Selbstbeschauung, von dem Insichgehen in der Einsamkeit eine Hauptrolle spielt. Da sie nicht viel Werth auf das kirchliche Lehramt legen, vielmehr annehmen, daß der Geist Gottes unmittelbar auf den einzelnen Menschen sich niederlassen müsse, empfehlen sie nur Lesen in der Bibel, Einsamkeit und hermetische Abgeschlossenheit, halten dagegen Arbeit für zerstreuend. Die Philadelphische Gesellschaft setzte bei der Legislatur des Staates Pennsylvanien im Jahre 1818 ein Gesetz für die Errichtung von zwei großen Staatsgefängnissen durch. Ohne Auswahl und ohne Rücksicht auf Charakter, Temperament, Geistesbildung wurden die Sträflinge in Zellen gesperrt und bekamen höchstens den Wärter zu sehen, der ihnen die tägliche Nahrung brachte. Arbeit erhielten sie fast gar nicht.

Die Ergebnisse waren höchst abschreckender Art und führten schon nach zehn Jahren zu einer gemilderten Zellenhaft. Es entwickelte sich hieraus das Auburnsche System, so genannt nach der Stadt Auburn im Staate New-York, wo das erste Zuchthaus nach dieser neuen Methode gebaut wurde. Sie schrieb Folgendes vor: die Sträflinge sollen nicht nur nach dem Geschlecht, sondern auch nach ihrer Arbeitsfähigkeit classificirt werden; sie sollen Nachts vereinzelt in den Zellen schlafen, bei Tage aber truppweise zu gemeinsamer Arbeit geführt und unter strenger Aufsicht gehalten werden; endlich ist ihnen bei Züchtigung untersagt, während der gemeinsamen Arbeit mit einander zu sprechen oder sich durch Winke, Geberden oder auf andere Weise mit einander zu verständigen. Zwischen den Anhängern beider Systeme wurde in Amerika der heftigste Kampf geführt. Sie sind beide in Europa, namentlich auch in Deutschland, angewandt worden.

In Deutschland nahm zuerst die badische Regierung diese Gefängnißreform in die Hand und führte im Jahre 1845 die Einzelhaft in Bruchsal ein. Erst im Herbst 1856 folgte Preußen unter König Friedrich Wilhelm dem Vierten, welcher nach den Vorschlägen von Dr. Julius, Dr. Wichern und Anderen die Einzelhaft in der für dieses System erbauten Strafanstalt Moabit anwandte. Das in Bruchsal und in Berlin eingeführte, mir aus wiederholten Besuchen wohl bekannte System, welches weiterhin auch in vielen anderen Strafanstalten, zu Plötzensee in Berlin, in den Zellengefängnissen zu Vechta, Hamburg, Bremen, Nürnberg, Heilbronn etc. Anwendung gefunden, stellte sich zur Aufgabe, die Gefangenen einerseits von jedem Umgange mit ihren Genossen auszuschließen, um sie vor sittlicher Verschlechterung zu bewahren, andererseits dagegen durch zweckmäßige gewerbliche Beschäftigung, durch Gottesdienst, geistig anregenden Schulunterricht, Lectüre und häufige Besuche von auf ihr Wohl bedachten Personen, nämlich den Beamten, Geistlichen und Lehrern der Anstalt, Alles zu bieten, was zur Erhaltung und Förderung der geistigen und körperlichen Gesundheit nöthig erscheint.

So lag die Sache bei der Einführung des neuen Strafgesetzbuches. Um den Standpunkt zu verstehen, welchen dasselbe in Bezug auf die Frage einnimmt, muß zuvörderst gesagt werden, daß, abgesehen von den höchsten todeswürdigen Verbrechen, dem Mord im Allgemeinen und dem Mordversuch am Kaiser und an den Landesherren, bei welchen die Todesstrafe noch beibehalten worden ist, die jetzige Gesetzgebung des deutschen Reiches dahin abzielt, den Verbrecher durch die Art und Weise der Vollstreckung der Strafe der Gesellschaft gebessert zurückzugeben. Drei Hauptmomente sind es besonders, welche das Gesetz, um jenen hohen Zweck zu erreichen, zu Hülfe genommen hat. Das erste ist die Arbeit, und zwar nicht nur die Pflicht zur Arbeit, sondern auch das Recht des zur Gefängnißstrafe Verurtheilten, beschäftigt zu werden; das andere ist das Beurlaubungssystem, darauf berechnet, den Verbrecher bei sicheren Zeichen der Besserung der Gesellschaft auf Widerruf zurückzugeben, damit er dort die Besserung vollende; das dritte ist die Einzelhaft.

Das deutsche Strafgesetzbuch betrachtet die Vollstreckung in Einzelhaft nicht als eine Verschärfung der Strafe und bestimmt (§ 22), daß die Zuchthaus- und Gefängnißstrafe sowohl für die ganze Dauer wie für einen Theil der erkannten Strafzeit in der Weise in Einzelhaft vollzogen werden können, daß der Gefangene unausgesetzt von anderen Gefangenen gesondert gehalten, wird. Die Einzelhaft darf ohne Zustimmung des Gefangenen die Dauer von drei Jahren nicht übersteigen. Die Entscheidung, ob und wie lange im Einzelfalle eine Zuchthaus- oder Gefängnißstrafe in Einzelhaft zu vollziehen sei, steht der die Strafanstalt leitenden Behörde zu; im verurtheilenden Erkenntnisse ist darüber nichts zu bestimmen, der Verurtheilte, hat aber nie das Recht die Vollziehung der Strafe in Einzelhaft zu fordern.

Man hat mit Unrecht darüber gestritten, ob die Isolirzelle eine Schärfung oder Milderung der Strafe in sich schließt – ich sage: mit Unrecht, weil die Wahrheit in der Mitte liegt. Für den sogenannten geborenen Zuchthäusler, an dem Alles verloren, der nur in Verübung von Verbrechen und in Gemeinschaft mit Verbrechern sich wohl fühlt, ist die Isolirzelle unzweifelhaft eine Schärfung und steht in Beziehung auf die Besserung höchstens der körperlichen Züchtigung gleich. Bei Verbrechern dagegen, in denen noch ein Funken von Ehrgefühl glimmt, welche die Grundsätze der Moral übertreten, aber nicht vollständig mit ihnen gebrochen haben, ist, wie es die Erfahrung unumstößlich lehrt, die Isolirzelle nicht nur eine wesentliche Milderung, sondern auch das hervorragendste Mittel zur Besserung. Aber auch die Anwendung der Einzelhaft darf über eine gewisse Zeitgrenze nicht ausgedehnt werden, wenn man nicht die unleugbar guten und heilsamen Wirkungen dieser Strafart auf den Besserungsproceß wieder in Frage stellen und außerdem noch große Gefahren für die geistige und leibliche Gesundheit der Gefangenen heraufbeschwören will.

Zweifellos darf die Zahl der Jahre im Interesse des Isolirten bei langen Freiheitsstrafen nur einen verhältnißmäßig nicht sehr großen Theil der ganzen Strafzeit umfassen. Die strenge langjährige Einzelhaft verschließt durch Fernhaltung aller [127] versucherischen Anregungen die Mittel, welche einzig ein Fortschreiten der Charakterbildung bewirken, sowie die Möglichkeit, eine Besserung zu constatiren. Bei vielen ungebildeten Personen tritt zudem eine Schwächung der Verstandeskräfte und bei den meisten Sträflingen eine Erschlaffung derjenigen Muskeln ein, deren die Tagelöhner und der Bauer dringend bedürfen. Es folgt somit die Nothwendigkeit, eine Art der Strafverbüßung in Aussicht zu nehmen, welche alle Vorzüge der Einzelhaft verwerthet und alle Nachtheile derselben vermeidet. Das Verdienst, hier ein brauchbares Vorbild geliefert zu haben, gebührt dem dafür in Großbritannien hochgefeierten und von der Königin zum Baronet erhobenen Sir Walter Crofton. Sein System ist das Irische oder Progressivsystem, welches in England vom Jahre 1854 ab in's Werk gesetzt wurde, nachdem seit 1853 die Transportationsstrafe auf ein geringes Maß beschränkt worden war.

Das Irische System, bei uns hauptsächlich durch die Schriften des Professors von Holtzendorff und des holländischen Ministers van der Brugghen[WS 1] bekannt geworden, trennt die äußerliche Durchführung der Haft in vier Stadien. An erster Stelle steht die Einzelhaft von neun Monaten, welche bei gutem Verhalten um einen Monat abgekürzt werden kann. Man hält diese Zeit für ausreichend zur Erzielung der heilsamen Wirkung der Isolirung. Ob es entsprechender erscheint, das Strafstadium der Isolirung je nach der Länge der Strafzeit – etwa unter Festsetzung eines Minimums von fünf bis sechs Monaten und eines Maximums der Isolirung von zwei bis drei Jahren – verhältnißmäßig abzustufen, wird von dem Temperament und der Individualität der Sträflinge abhängen.

Gemeinschaftliche Zwangsarbeit in einer zur Länge der Freiheitsstrafe angemessenen Dauer bildet die zweite Stufe. Die Gefangenen haben in ihr fünf Classen zu durchlaufen. Mit jeder höheren Classe sind außer besonderen Abzeichen durch Klappen und Ringe auch verschiedene äußere Vortheile in Betreff der Verköstigung und eines den Sträflingen später auszuzahlenden kleinen Geldbetrags verbunden. Die Sträflinge werden bei gutem Verhalten von einer niederen zu einer höheren Abtheilung versetzt und erhalten dann sogenannte Zufriedenheitsmarken, welche einmal im Monat ausgetheilt werden und deren der Gefangene drei für gutes Betragen, drei für Fleiß in der Schule und drei für gute Arbeit, im Ganzen also neun in einem Monat, verdienen kann. Dieses Markensystem hat sich als höchst zweckmäßig bewährt. Es ermöglicht einmal eine zuverlässige Censur der Sträflinge seitens der Oberaufseher, Lehrer etc., dann aber hat es, indem man die Erwerbung von Marken seitens der Gefangenen einräumt, die gute Wirkung, daß die Sträflinge durch die Besorgniß um ihre Sonderinteressen vom Complotiren mit den schlechteren und leichtsinnigeren Mitgefangenen abgehalten werden. Bei auffallend schlechtem Verhalten werden die Sträflinge in ein niederes Stadium, z. B. aus der Gemeinschaftshaft in die Isolirzelle, wieder zurückversetzt.

Es folgen als drittes Stadium die sogenannten Zwischenanstalten, theils gewerblichen, theils landwirthschaftlichen Charakters, vorzugsweise darauf berechnet, den Sträfling auf seine Entlassung vorzubereiten. In ihnen, den Zwischenzuständen zwischen Freiheit und Gefangenhaltung, wird den Gefangenen, um sie auf eine stärkere Probe zu stellen, ein größeres Maß von Freiheit gewährt, ohne daß der Charakter der Strafe verloren geht. Von den beiden Zwischenanstalten ist die eine in Lusk für Ackerbauer und Handarbeiter, die andere in Smithfield für Gewerbtreibende bestimmt. Die Gefangenen legen die Sträflingskleidung ab und werden nur von einem nicht bewaffneten und nicht uniformirten Aufseher, der zugleich Werkmeister ist, geleitet und wie freie Arbeiter beschäftigt. In der Zwischenanstalt zu Smithfield in Dublin werden den Sträflingen geeignete Vorträge über das Wesen und den Werth der Arbeit, über Physik, Naturkunde, Geographie, Geschichte, Nationalökonomie etc. gehalten. Es befinden sich unter diesen Sträflingen Männer von allen Altern und fast allen Bildungsstufen. Auch Examina finden wöchentlich statt; sind die Themata der Vorträge dafür passend, so ist es den Gefangenen auch gestattet, sich das Wort zu erbitten, zu opponiren und ihre Bedenken und Gedanken kurz vorzutragen.

Haben die Sträflinge auch die Zwischenanstalten zur Zufriedenheit durchgemacht, so treten sie in die vierte und letzte Strafstufe, in die der Beurlaubung, während der sie unter polizeilicher Aufsicht bleiben und einen ehrlichen Erwerb nachzuweisen haben. Dieser mit strenger Aufsicht verbundene Schutz seitens der Gefängnißbehörden ist für die Sträflinge höchst werthvoll, weil er darin besteht, daß sie zu Dienst- und Arbeitsstellungen empfohlen werden und daß ihnen bei eintretender Noth mit Rath und That beigestanden wird. Sobald aber der Beurlaubte ein neues Vergehen verübt, ein faules Leben führt, mit übelberüchtigten Subjecten umgeht oder über einen eingeschlagenen Weg zu einer ehrlichen Subsistenz sich nicht ausweisen kann, erfolgt die Widerrufung für den Rest der noch nicht abgelaufenen Urlaubszeit.

Die Anhänger des Zellensystems, die in Europa fast das Uebergewicht erhalten, haben stark abgenommen. Die Staaten, die sich erst verpflichtet fühlten, das System der Einzelhaft in Anwendung zu bringen, hielten in ihrem Eifer ein, und es brach sich allmählich die Ueberzeugung Bahn, daß die Frage der Gefängnißreform neuerer Studien und ausgedehnterer Versuche bedürfe. Selbst der berühmte Vertreter des Zellensystems Mittermayer in Heidelberg bekannte sich schon im Jahre 1867 als einen Anhänger des Irischen Systems, und vor Allen machte Professor von Holtzendorff auf die große Bedeutung des in dem Irischen System liegenden Grundgedankens aufmerksam.

In Deutschland hat denn auch das Strafgesetzbuch an Stelle der Einzelhaft das Progressivsystem angenommen, und dem Vernehmen nach hält auch die durch den neuen Gesetzentwurf über den Strafvollzug vorbereitete Reform an letzterem System fest. Professor Tellkampf selbst ging bei seinem vom Reichstage zum Beschluß erhobenen Antrage von einem Plane der Gefängnißreform aus, welcher mit dem Irischen System übereinstimmt.

Das Irische System ist besonders in der Schweiz in der neuen trefflichen Anstalt Lenzburg eingeführt worden, und es sind diesem vom glücklichsten Erfolge begleitete Beispiele andere Schweizercantone nachgefolgt, namentlich Zürich und Tessin.

Dem jetzigen preußischen Justizminister Dr. Friedberg verdanken wir das Werk, welches in Gestalt des einheitlichen Strafgesetzbuchs dem deutschen Volk verliehen und dem – unter Entfernung alles Fremdartigen – nur zu Grunde gelegt ist, was die Wissenschaft gelehrt und deutsche Sitte geboten hat. Hoffen wir, daß das deutsche Reich die pädagogischen Grundsätze des Crofton'schen Systems zur Grundlage seiner Gefängnißgesetzgebung machen, daß diese eine wirkliche einheitliche Organisation und Verwaltung schaffen und vor Allem – neben Einführung gleichmäßiger Einrichtungen zum Wohle der entlassenen Sträflinge – die Möglichkeit bieten werde, den Menschen ganz seiner Individualität nach zu behandeln und ihn zu den Quellen zurückzuführen, aus denen ihm allein wirkliche geistige Gesundung kommen kann – zur rechten Gottesfurcht, Tüchtigkeit und Gesittung!




Die Experimente mit dem sogenannten thierischen Magnetismus.
Von Professor Dr. Richard Rühlmann.


Schon im Alterthum war es bekannt, daß man durch Auflegen der Hand, Bestreichen mit den Fingerspitzen gelegentlich die Schmerzen eines Leidenden lindern könne. Zu einem eigentlichen Zweige der Heilkunst suchte Mesmer (geboren 1733, gestorben 1815) dieses Verfahren auszubilden. Er errang zum Theil großartige Erfolge und gebrauchte für diese Art der Einwirkungen zuerst den Namen „thierischer Magnetismus“. Die französische Regierung setzte im Jahre 1784 eine wissenschaftliche Commission zur Prüfung dieser neuen Kraft und ihrer Wirkung ein, an deren Arbeiten sich sogar Franklin und Lavoisier betheiligten. Das Resultat der Untersuchung dieser Naturforscher und Aerzte war aber für Mesmer und seinen thierischen Magnetismus so ungünstig, daß jener bald darauf Paris verließ.

Außer den eigentlichen medicinischen Wirkungen waren indeß [128] von Mesmer und seinen zahlreichen Schülern bei von Magnetiseuren behandelten Personen noch eine Menge anderer Erscheinungen beobachtet worden, die durch ihre Fremdartigkeit und den Reiz des Mystischen, der ihnen anhaftete, die allgemeine Aufmerksamkeit erregten.

Es wurden geeignete Leute, besonders zu hysterischen Zufällen geneigte Mädchen und Frauen, mit ausgespreizten Händen derart gestrichen, daß die Streichbewegungen vom Kopfe anfingen und am Körper herabgingen, wobei nur eine leise oder gar keine Berührung stattfand. Gewöhnlich versanken die derart Behandelten nach Ablauf weniger Minuten in einen mehr oder minder tiefen Schlaf. Bei Einzelnen trat nach einiger Zeit noch ein eigenthümlicher traumartiger Zustand (Somnambulismus) ein, in welchem dieselben auf Fragen, die man an sie richtete, oft unerwartet treffende Antworten gaben; von Vielen wurde sogar behauptet, sie wären in diesem Zustande hellsehend gewesen, hätten also über Vorgänge, die sich in großer räumlicher Entfernung vollzogen hätten, Auskunft gegeben; es wäre ihnen möglich gewesen, zukünftige Dinge vorauszusehen, vor ihrer Zeit geschehener Dinge sich zu erinnern u. dergl. m.

Lange stritt man darüber, ob man es in solchen Fällen mit abgefeimten Betrügern oder mit Selbsttäuschung zu thun habe, oder ob wirklich etwas Wahres an den Berichten sei. Mehrmals gelang es thatsächlich, Betrügereien bei derartigen Erscheinungen nachzuweisen, in den meisten anderen Fällen ergaben Beobachtungen, welche vorurtheilsfreie Naturforscher und erfahrene Aerzte an solche in magnetischem Hochschlaf befindlichen Somnambulen anstellten, nichts Geheimnißvolles und Unerklärliches, was nicht auch sonst im Krankenzimmer bei Nervenleidenden wahrgenommen werden könnte. Allmählich verlor das ganze Gebiet in wissenschaftlichen Kreisen derart allen Credit, daß man glaubte, gegen die Wohlanständigkeit zu verstoßen, wenn man das heikle Feld berührte, und viele wissenschaftliche Genossenschaften verbannten sogar diesen Gegenstand durch besondere Beschlüsse aus ihren Discussionen, so z. B. die Pariser Akademie der Wissenschaften im Jahre 1830.

Gleichwohl gab es zu allen Zeiten gute Beobachter und wahrheitsliebende Gelehrte, welche für die Thatsächlichkeit der wunderbarsten Erscheinungen dieser Art eintraten. Noch heute finden sich in jeder größere Stadt eine Anzahl Leute, welche durch Streichen mit den Fingerspitzen Kranke curiren zu können meinen, und sehr viele „Gartenlauben“-Leser dürften von überraschenden Curerfolgen solcher Magnetiseure seitens durchaus glaubwürdig erscheinender Freunde und Bekannter berichten gehört haben.

Gerade das Geheimnißvolle, welches diesem Gebiete anhaftet, übt einen besonderen Reiz auf fast alle Kreise der menschlichen Gesellschaft. Jener wunderbare Zug nach dem Uebernatürlichen, welcher sonst im religiösen Glauben seine Befriedigung findet, sucht, wenn dieser Glaube durch eine materialistische Zeitstimmung erschüttert, oder wenn durch eine zelotische, buchstabengläubige Orthodoxie ein Widerwille gegen die Lehren und Formen der Kirche erzeugt worden ist, meist unbewußt auf anderen Gebieten die ersehnte Beruhigung.

Immer und immer wieder haben daher bis auf unsere Tage die Anhänger der Lehre Mesmer's Gläubige gefunden, und auch heute wird es noch Viele geben, die sich Angesichts der überraschenden Resultate, welche die Magnetiseure häufig erzielen, nicht von der Irrigkeit ihrer Meinung überzeugen lassen werden, auch wenn Gegenversuche unzweifelhaft beweisen, daß es sich bei allen sicher constatirten und oft wiederholten Experimenten mit dem sogenannten thierischen Magnetismus thatsächlich nicht um eine besondere, von Person zu Person wirkende Kraft, sondern lediglich um einen eigenthümlichen Zustand des Nervensystems solcher Personen handelt, mit welchen derartige Versuche vorgenommen werden können.

Doch will ich zunächst diese Versuche beschreiben, deren Zustandekommen man einer Wirkung des thierischen Magnetismus zuschreibt, und zwar werde ich vorzugsweise von Experimenten und Beobachtungen berichten, die ich selbst angestellt habe.

Den Anlaß zu diesen Untersuchungen, an welchen mehrere Naturforscher und Aerzte unserer Stadt (Chemnitz in Sachsen) theilnahmen, gab das Auftreten des dänischen Magnetiseurs Hansen. Bald überzeugten wir uns Alle, daß man es in den eigenthümlichen Productionen dieses Mannes keineswegs mit absichtlichen Täuschungen oder mit Selbsttäuschungen der den Versuchen Unterworfenen zu thun habe, vielmehr gelang es nach einigen Bemühungen nicht nur, die nämlichen Experimente, welche Hansen in seinen öffentlichen Vorstellungen anstellte, zu widerholen, sondern auch die Versuche beliebig abzuändern und die Ursache der zum Theil sehr überraschenden Erscheinungen zu erkennen.

Um festzustellen ob eine Person sich zu solchen Experimenten eignet, läßt man sie eine Zeit lang ein helles Licht von geringer Ausdehnung, meist einen hellbeleuchteten kleinen geschliffenen weißen Stein in mattschwarzer Fassung, in einem sonst wenig hellen Raume fest ansehen, so zwar, daß sie regungslos zu verharren und alle Aufmerksamkeit nur darauf zu richten hat, daß ihre Augen von diesem hellerleuchteten Punkte nicht abweichen, während alle anderen Gedanken thunlichst zu unterdrücken sind.

Der eigenthümliche Zustand, um den es sich handelt, tritt hierauf bei manchen Menschen schon nach einigen Secunden, bei anderen erst nach längerer Dauer ein. Ist die angewendete Lichtquelle nicht zu grell gewesen und gehört die behandelte Person nicht gerade zu den im höchsten Grade Empfindlichen, so ist zunächst nichts Besonderes an dem Betreffenden wahrzunehmen. Die Pupille ist jedoch meist etwas weiter als sonst geöffnet, ein Gefühl der Schläfrigkeit und Mattigkeit macht sich bemerklich.

Läßt man nunmehr die Augen schließen, überstreicht dann mit einer gewissen Feierlichkeit, die in dem Betreffenden die Ueberzeugung hervorruft, es geschehe etwas Außerordentliches mit ihm, dieselben einige Male mit den Fingerspitzen und sagt in bestimmtester, überzeugendster Weise, es sei nicht möglich, dieselben zu öffnen, so sind Empfindliche in der That, trotz der größten Muskelanstrengung, nicht fähig, die Augen zu öffnen; die Lider sind wie zusammengeklebt.

Hochgradig Empfindliche verlieren schon bei dieser ersten Operation, oft schon durch scharfes Ansehen des Experimentators, vollkommen das Bewußtsein und geraten in einen eigenthümlich traumartigen Zustand; andere verfallen sogar in einen tiefen, ohnmachtartigen Schlaf, in welchem sie vollkommen starr und steif sind. Die Glieder behalten zwar ihre ursprüngliche Geschmeidigkeit, verharren aber in dieser Starrsucht in jeder noch so gezwungenen Stellung, die ein Mensch im bewußten Zustande kaum anzunehmen im Stande wäre.

Plötzliches Anblasen, Anwedeln mit einem Tuche, ein rascher, lauter Ausruf: „Wach auf!“ genügt, um die Möglichkeit, die Augen zu öffnen, wieder zu geben. Bei Solchen, welche schon beim erstmaligen Augenschließen bewußtlos oder starrsüchtig geworden sind, ist meist längeres Zuwedeln kalter Luft oder gar das Benetzen der Stirn und des Nackens mit kaltem Wasser nöthig, um ein Erwachen und die vollständige Rückkehr eines normalen körperlichen und geistigen Zustandes herbeizuführen.

Bei sehr Vielen gelingt nichts weiter, als das Schließen der Augen. Bei Manchen jedoch kann man durch Nachahmung des magnetischen Streichens auch andere Muskelpartien: die Kaumuskeln, den Arm, die Hand, ein Bein, beide Beine, einzelne Finger, den ganzen Körper starr machen, ohne den Betreffenden wirklich das Bewußtsein zu rauben. Derartige Versuche gelingen jeder Zeit dann, wenn man die geeignete Person, welche dem Versuche unterworfen wird, die Augen offen halten läßt – denn sonst schwindet leicht das Bewußtsein – und ihr in bestimmtester Weise nach Vornahme der betreffenden Operation erklärt: „Jetzt geht die geballte Faust nicht auf,“ oder: „Der Finger ist vollständig steif“ u. dergl. m.

Bei vielen von Hansen und auch von uns untersuchten empfindlichen Leuten trat nach kurzer Zeit in den behandelten Gliedern ein heftiger, auch äußerlich sichtbarer Starrkrampf ein; dies ist der beste Beweis dafür, daß es sich bei diesen Experimenten nicht etwa blos um Selbsttäuschungen der Objecte über die Fähigkeit handelt, die Glieder willkürlich bewegen zu können.

Ist eine Person einmal so weit zu solchen Versuchen geeignet, so gelingt es fast immer, mit derselben weiter noch frappantere Resultate zu erzielen. Man kann nämlich dieselbe vollkommen steif machen, sei es im bewußten Zustande, also vorzugsweise bei geöffneten Augen, sei es im Zustande der Bewußtlosigkeit. Hansen legt z. B. solche Leute, die er völlig starr gemacht, mit dem Kopfe und mit den Füßen auf zwei Stühle (Fig. 2), sodaß der ganze Körper frei in der Luft schwebt, und setzt oder [129] stellt sich auf diese lebende Brücke.[2] Die Einbiegung, welche der Körper solcher Starrsüchtigen bei einer so bedeutenden Belastung erfährt, ist deutlich wahrnehmbar, aber nicht sehr erheblich. Ferner kann man sich auf die horizontal ausgestreckten Füße eines auf einem Stuhle Sitzenden und dort durch Niederdrücken Festgehaltenen stellen (Fig. 1), nachdem man Unterleib, Schenkel und Beine in diesen Zustand der Starre gebracht hat.


Die Gartenlaube (1880) b 129 1.jpg

Hansen’sche Experimente. (Fig. 1.)


Sind die, welche zu diesen Experimenten brauchbar sind, während des Versuches in leidlich zurechnungsfähigem Zustande geblieben, was, wie schon mehrfach erwähnt, durchaus nicht immer der Fall ist, so geben sie an, nur einen mäßigen Druck von der kolossalen Last zu empfinden, ungefähr den, welchen sonst einige Pfunde Gewicht ausüben würden.

Diese Versuche, durch welche der Magnetiseur Hansen in seinen öffentlichen Productionen stets stürmischen Beifall erregte, sind übrigens durchaus nicht so erstaunlich, wie sie dem Publicum erscheinen. Jeder kräftige Mann, zumal ein guter Turner, ist im Stande, ohne Weiteres genau dasselbe zu leisten, wie ich mich oft durch eigene Versuche und Anschauungen überzeugt habe. Der Unterschied ist nur der, daß solche in den Zustand der Starrsucht Versetzte keine wesentliche Anstrengung dabei empfinden oder eine solche wenigstens nicht äußerlich kund geben.

In den steif gemachten Muskeln wird Kneipen mit den Nägeln nicht mehr als Schmerz wahrgenommen, und ich habe selbst oft Nadeln ziemlich tief in sehr empfindliche Stellen des Körpers eingestochen, ohne daß man eine unangenehme Empfindung äußerlich an den Versuchspersonen bemerken konnte. Bei Manchen ging die Empfindungslosigkeit so weit, daß man die Nasenschleimhaut mit Federn kitzeln konnte, ohne daß die normale Reaction des Niesens oder sonst irgend eine Wirkung eintrat; selbst die Pupille, welche sonst bei momentanen Einwirkungen grellen Lichts sich jäh zusammenzieht, zeigte, kaum merkliche Verengungen, wenn plötzlich ein heller Lichtstrahl in das Auge geworfen wurde.


Die Gartenlaube (1880) b 129 2.jpg

Hansen’sche Experimente. (Fig. 2.)


Ich will jedoch nicht verschweigen, daß bei einigen Leuten, die sonst zu den meisten Versuchen brauchbar waren, es nie gelang, die Empfindsamkeit in ähnlicher Weise vollständig zu unterdrücken.

Neben diesen fast ausschließlich den Körper betreffenden immerhin sehr überraschenden Erscheinungen lassen sich jedoch mit vielen Personen noch weit auffallendere, vorzugsweise dem geistigen Gebiete angehörende Versuche anstellen. Zu denselben eignen sich keineswegs immer gerade die, mit welchen die Versuche der vorher beschriebenen Art gelungen waren, wie denn überhaupt unter den Empfindlichen eine überraschend reiche Mannigfaltigkeit der Abstufung und Qualifikation existirt.

Ich beschreibe zunächst eine Reihe von Versuchen, die ich mehrfach vor einer großen Zahl von Zeugen mit einem siebenzehnjährigen, gesunden und kräftigen Mädchen angestellt, mit anderen männlichen und weiblichen Personen unter zum Theil wesentlich abgeänderten Umständen öfters wiederholt habe. Jenes Mädchen erwies sich als zu allen für ihr Geschlecht sich eignenden Experimenten der theilweisen und totalen Körperstarre brauchbar, und es hatte sich bei ihr die volle Ueberzeugung festgesetzt, daß ich eine besondere, geheimnißvolle Einwirkung auf sie auszuüben im Stande sei; es genügte daher ein vorübergehendes festes Ansehen meinerseits, um sie vollständig jedes eignen Willens zu berauben und in einen lebenden, meinem Willen vollkommen unterworfenen Automaten zu verwandeln.

Zeigte ich in die Höhe und sagte ihr, über ihr hingen an einem Baume schöne, rothbackige Aepfel von besonderem Wohlgeschmack, so richtete sie ihre Blicke verlangend nach den Stuckverzierungen der Decke, und auf meine Aufforderung langte sie, wie ein moderner Tantalos, vergeblich darnach. Als ich ihr nunmehr eine rohe geschälte Kartoffel oder eine Zwiebel in die Hand gab und ihr sagte, es sei dies einer dieser delicaten Aepfel, sie möge ihn nur kosten, so aß sie mit allen Zeichen des Wohlgeschmacks von dieser Kartoffel oder Zwiebel, und die Geschmacksnerven straften die ihr eingeredete Ueberzeugung nicht Lügen.

Eine unter dem Nähtische der Hausfrau stehende vierbeinige Fußbank hielt sie für einen Hund, nachdem ich ihr gesagt, es sei ein schwarzer Pudel, und sie verrieth in ihren Mienen deutlich Furcht, als ich äußerte, der Hund wolle sie beißen. Hierauf trank sie mit größtem Behagen farbloses Salzwasser für Rothwein, einen scharfen Liqueur für Weißwein, nachdem ich ihr gesagt hatte, es sei dies oder jenes. Ein Glas reines, brunnenkaltes Wasser kostete sie mit größter Vorsicht und nahm ängstlich nur kleine Schlucke, weil ich ihr versichert hatte, es sei heißer Kaffee.

Als ich ihr hierauf befahl ihrem Bräutigam zu schreiben, der doch so lange schon vergeblich auf einen Brief warte, nahm sie ein ihr als Feder gereichtes Messer, tauchte dies in ein ihr als Tintenfaß vorgestelltes Wasserglas und schrieb mit Riesenlettern, aber immerhin deutlich erkennbar auf den Tisch, dessen schwarze Decke ich für weißes Briefpapier ausgegeben hatte: „Lieber Gustav“. Weiter setzte ich diesen Versuch nicht fort, um nicht widerrechtlich in die Geheimnisse des jungen Herzens einzudringen.

Ich ließ sie einstweilen stehen und versetzte ein zweites junges Mädchen, welches ebenfalls empfindlich und von meinen geheimnißvollen Kräften felsenfest überzeugt war, durch einige Secunden dauerndes scharfes Ansehen in denselben Zustand, worauf ich sie als den gleichfalls anwesenden Dr. X. begrüßte. Ich versicherte diesem Herrn Pseudo-X., der heutige Ballabend sei doch höchst amüsant, und fragte, ob er schon mit Frau M. getanzt habe? Nachdem ich ihn alsdann zu der andern Magnetisirten geführt, welche regungslos stehen geblieben war, und diese gefragt hatte, sie wisse doch, daß sie Frau M. sei, was sie bejahte, eröffnete ich der Pseudo-M., Herr Dr. X. wollte sie zum nächsten Tanze engagiren.

Inzwischen hatte ein mit anwesender Herr auf einem in der Nähe befindlichen Flügel leise und dann mit allmählich zunehmender Stärke begonnen, einen Walzer zu spielen. Auf [130] meinen Befehl machte der Pseudo-X. der Frau Pseudo-M. eine graziöse Verbeugung als Herr, so regelrecht, wie sie die Tanzstunde nicht besser lehren kann, und seine Tänzerin erwiderte das Compliment durch einen nicht minder zierlichen Knix. Das Paar begann nach der Melodie zu tanzen, gerieth allerdings vorübergehend aus dem Takte, jedenfalls weil das Mädchen nicht gewöhnt war, als Herr zu tanzen, hielt deshalb auch einen Augenblick an, genau wie man das im Ballsaal oft genug sieht, walzte aber schließlich einige Male flott im Zimmer umher.

Ein gebieterisches „Halt!“ ließ plötzlich die Musik verstummen, und das Paar stand, wie zum Tanz verschlungen, eine reizende Gruppe bildend, gebannt im Zimmer.

Als ich nunmehr durch den Ruf: „Auf!“ und heftiges Anblasen und Anwedeln beide Mädchen weckte, hatte keine von ihnen die mindeste Ahnung von dem, was geschehen war.

Versicherte ich solchen Traumwachen, sie könnten von meiner Hand nicht los, so folgten sie mir, als ob sie angeheftet wären, durch alle Zimmer. Ja, bei Vielen genügt der bloße Blick und die durch Bewegung und Mienenspiel gegebene Andeutung, sie sollten dem Experimentator folgen, um sie aus großen Entfernungen herbei zu citiren. Machte ich hierauf eine entgegengesetzte Bewegung, welche die Absicht einer Zurückstoßung erkennen ließ, so wichen die Versuchsobjecte ebenso geduldig zurück.

Sind solche Experimente eine Zeit lang fortgesetzt oder öfter wiederholt worden, so gewinnen die den Versuchen unterworfen gewesenen Personen eine solche felsenfeste Ueberzeugung von der Gewalt des mit ihnen Operirenden über sie und von der Erfolglosigkeit jeden Widerstandes gegen dessen Einwirkung und Willen, daß der bloße Verdacht, es solle etwas mit ihnen geschehen, sie sofort aus dem Zustande bewußten und selbstgewollten Handelns in einen Zustand versetzt, in welchem sie in der That mehr lebenden Marionetten, als vernünftigen Menschen ähneln. Um den Leser nicht zu ermüden, will ich nur noch ein selbsterlebtes Beispiel erzählen.

Eine dienende Person eines mir befreundeten Hauses, welche sich überaus empfindlich erwiesen hatte, war schon mehrmals von mir zu derartigen Experimenten verwendet worden, weil sie sehr rasch vollständig erweckt werden konnte und hinterher nicht die mindesten Unannehmlichkeiten empfand. Im Salon des Hauses war eine Gesellschaft versammelt, um meinen Experimenten beizuwohnen; im Nebenzimmer befand sich das Mädchen an einem Nähtische beschäftigt. Bei meinem Eintritte in dieses Nebenzimmer sah die Person auf Warnung ihrer Herrin, mich nicht anzusehen, starr auf ihre Arbeit, und ich begab mich durch die offen stehenden Thüren in den Salon. Unmittelbar, nachdem ich eingetreten war, sanken die fleißigen Hände des Mädchens in den Schooß, ihre Augenaxen begannen, wie gewöhnlich bei ihr in solchem Traumzustande, nach der Nasenwurzel hin zu convergiren; sie hatte, ohne daß ich sie sehen konnte, sich erhoben und kam geisterhaft leise und schwankenden Schrittes, wie eine Trunkene, durch die geöffnete Thür mir nach in den Salon.

Ich hatte nicht zu erkennen gegeben, daß sie mir folgen solle, aber das allgemeine schweigende Erwarten, was wohl geschehen, was sie thun werde, hatte genügt, sie in diesen eigenthümlichen Zustand der Befangenheit zu versetzen; jedenfalls hatte sie gemeint, einem unausgesprochenen Befehle, mir folgen zu sollen, gehorchen zu müssen.

Als ich sie nunmehr im Salon durch Anrufen und Anblasen aufweckte, war sie unendlich verblüfft und verlegen, sich dort einer großen Zahl von Herren und Damen gegenüber zu finden, und kehrte eiligst zu ihrer Beschäftigung zurück. –

So viel mir bekannt geworden, hat in Deutschland zuerst Dr. Fritz Schultze, Professor der Philosophie am Polytechnicum in Dresden, gelegentlich einer Production Hansen’s im ärztlichen Verein zu Dresden, darauf aufmerksam gemacht, daß man es bei diesen und ähnlichen Versuchen ebenso wenig mit absichtlichen oder unabsichtlichen Täuschungen, wie mit einer besonderen von Person zu Person wirkenden Kraft, also durchaus nicht mit thierischem Magnetismus oder etwas Aehnlichem zu thun habe.

Gestützt auf die hierauf bezüglichen Capitel in Carpenter’s trefflichem Werke „Principles of Mental Physiology“, welches in Deutschland überraschend wenig gekannt zu sein scheint, hatte er mitgetheilt, daß diese Zustände und Versuche unter dem Namen „elektrobiologischer“ bereits vor dreißig Jahren in England bekannt gewesen und oft als Gegenstand öffentlicher und privater Schaustellungen benutzt worden sind. Der englische Wundarzt Braid hatte schon am Anfange der vierziger Jahre gezeigt, daß die Möglichkeit, solche Versuche anzustellen, lediglich vom Versuchsobjecte abhängig sei, und daß bei geeigneten Personen die Disposition dazu durch vorherige Concentration der Aufmerksamkeit, insbesondere durch Fixiren eines leuchtenden Gegenstandes, herbeigeführt werde. Braid nannte diese Zustände hypnotische und hat schon darauf aufmerksam gemacht, daß dieselben verwandt seien mit den längst bekannten Versuchen, daß man eine Henne, die man auf den Tisch niedergedrückt hat, durch Ziehen eines Kreidestriches über ihrem Schnabel in einen Zustand der Starre versetzen kann, daß Krebse, auf Kopf und Scheere gestellt und in diesem Zustande längere Zeit erhalten, schließlich steif und regungslos werden und in diesem Zustande verharren, bis sie gewaltsam in eine andere Stellung gebracht werden, daß Kaninchen vor dem aufgesperrten Rachen der Riesenschlange starr werden und alle Versuche zu entrinnen aufgeben u. dergl. m.[3] Ich erinnere hier an den lesenswerthen Artikel über derartige Versuche mit Thieren, welchen der viel zu früh der Wissenschaft entrissene Physiolog Czermak früher einmal in der „Gartenlaube“ publicirt hat (Jahrgang 1873, Nr. 7 und 9).

In England waren fast genau die nämlichen Versuche, durch welche jetzt Herr Hansen das deutsche Publicum in Staunen setzt, durch zwei Amerikaner für Wirkungen des Mesmerismus oder thierischen Magnetismus ausgegeben worden, bis Braid die richtige Erklärung gab und seine hypnotischen Versuche größeren Kreisen vorführte.

Für Diejenigen, welche geneigt sind, an eine besondere vom Experimentator zur Versuchsperson wirkende Kraft, an einen sogenannten magnetischen Rapport zu glauben, will ich kurz aus vielen ähnlichen Versuchen einige auswählen, welche von Professor Dr. Weinhold und mir, zumeist in Anwesenheit des Herrn Dr. med. Fränkel und noch einiger jüngeren Physiker, in den Räumen angestellt worden sind, die mir für gewöhnlich zur Vorbereitung der physikalischen Versuche für den Unterricht dienen.

(Schluß folgt.)
  1. Der Verfasser hat sich seit einer langen Reihe von Jahren mit dem eingehenden Studium der Gefängnißverbesserung beschäftigt, stand mit Dr. Julius, Suringar in Amsterdam, Prof. Tellkampf, Dr. Wichern u. A. in freundschaftlichen Beziehungen und hat die Strafanstalten in Amsterdam und in anderen holländischen Städten, sowie diejenigen Belgiens, Frankreichs, namentlich in Paris, und eines großen Theiles von Deutschland wiederholt besucht und geprüft.
    D. Red.
  2. Daß dieses Experiment an sich nichts mit der vorausgegangenen Manipulation zu thun hat und keinerlei Vorbereitung erfordert, beweist der Umstand, daß es schon vor länger als einem halben Jahrhundert durch den „starken Mann“ Johann Karl von Eckeberg aus Harzgerode lediglich als Kraftproduction gezeigt wurde. Man findet es denn auch bereits in Brewster’s „Briefen über natürliche Magie“, deutsch von Wolf (Berlin, Enslin) abgebildet. Schon damals zeigte Dr. Desaguliers, daß dieses Kraftstück Jeder produciren könne.
    D. Red.
  3. Professor Preyer in Jena hat dagegen in einer 1878 erschienenen Broschüre sehr wahrscheinlich gemacht, daß es der Schrecken ist, welcher die Thiere in diesen Zustand von Starrsucht versetzt, weshalb er diese auch bei Menschen durch starkes Erschrecken eintretende Erscheinung als Schrecklähmung (Kataplexie) bezeichnet.
    D. Red.


Mein Wunsch.

Wenn ich todt bin, setzt mir auf das Grab
      Einen Dornstrauch, Sinnbild meines Lebens!
Werfet keine Blumen mit hinab,
      Denn der Todten duften sie vergebens.

Daß Nichts störe die errungne Ruh’,
      Die mir Unverstand und Härte raubten,
Deckt das kalte Herz mit Erde zu,
      Weil sie nimmer an das warme glaubten!

Sei die Stätte ihrem Aug’ entrückt,
      Wo das stille heimlich liegt begraben,
Da das warme Liebe nicht beglückt,
      Will das kalte keine Thränen haben.

Stich, o Dornstrauch, Jeden, der es wagt,
      Diesen Wunsch der Todten nicht zu ehren,
Nur die wahre Reue, wenn sie klagt,
      Daß zu spät sie liebte, laß gewähren!

[131]

Aus der französischen Schriftstellerwelt.
Zeitgeschichtliche Studie von Ludwig Kalisch.


Locke macht irgendwo die Bemerkung, daß die Luft auf dem Parnaß sehr angenehm, der Boden aber sehr unfruchtbar sei. Der Brodbaum gedeiht in der That nur höchst selten neben dem Lorbeerbaum, und die meisten von Denen, die ihre Jugend im Dienste der Musen geopfert, haben gar oft im Alter nicht, wohin sie das greise Haupt legen sollen. Dazu kommt noch, daß in der Dichterwelt jetzt bei Weitem mehr persönliche Würde herrscht, als ehedem. Man ist jetzt zu stolz, um gnädigen Schutz in den Häusern der Großen zu suchen und für Gelegenheitsgedichte oder weihrauchduftende Widmungen einige Goldstücke entgegen zu nehmen. Dichter und Schriftsteller wollen heutzutage ausschließlich von ihrer Feder leben, sie wollen aber auch den Lohn ihrer Arbeit gesichert wissen und sich nicht von schamlosen Freibeutern darum bringen lassen. Die französischen Schriftsteller haben schon seit einer langen Reihe von Jahren ihre Hervorbringungen, wenigstens in Frankreich, vor Nachdruck sicher gestellt. Baron Taylor hat sich durch Bildung von Literatur- und Kunstvereinen und durch unermüdliches, umsichtiges Wirken für die materiellen Interessen des Literaten- und Künstlerthums ein nicht genug anzuerkennendes Verdienst erworben. Andere schlossen sich ihm bald in seinem Streben an, und so kann jetzt der französische Künstler und Schriftsteller die Früchte seiner Werke ungeschmälert genießen.

Ich will hier mittheilen, wie die Sicherung der literarischen und artistischen Urheberschaft in Frankreich organisirt worden ist, und beginne mit den dramatischen Erzeugnissen.

Die dramatischen Dichter und Operncomponisten haben zwar in Paris noch viel mehr Schwierigkeiten und Hindernisse zu überwinden, noch viel mehr Mühe und Noth, als in den großen Städten anderer Länder, auszustehen, bis es ihnen gelingt, ihre Werke zur Aufführung zu bringen, wenn sie aber einen glücklichen Wurf gethan, wenn ihr Werk einschlägt, so gewinnen sie neben dem Ruf, den ihnen die Tagespresse sogleich bereitet, auch eine beträchtliche Geldernte. Die Große Oper, die früher für jede Aufführung ein Honorar von fünfhundert Franken zahlte, hat seit einigen Jahren dieses Honorar mehr als verdoppelt, da sie fünfeinhalb Procent von der Brutto-Einnahme bewilligt. Dieselbe beläuft sich nämlich auf ungefähr zwanzigtausend Franken. Componist und Textbuchdichter theilen unter sich das Honorar in gleichen Hälften. – Das Théâtre français, die erste Bühne Frankreichs, zahlte früher ebenfalls fünfhundert Franken für jede Aufführung eines den Abend ausfüllenden Stückes und gewährt jetzt fünfzehn Procent von der Brutto-Einnahme.

Die anderen Bühnen zahlen für jede Vorstellung, bei einer Brutto-Einnahme von ungefähr viertausend Franken, den Autoren zehn bis zwölf Procent. Da nun ein erfolgreiches Stück nicht selten mehrere hundert Vorstellungen erlebt, so kann man sich leicht vergegenwärtigen, welcher beträchtliche Gewinn sich schon mit einer einzigen Production erzielen läßt. Ein beifällig aufgenommenes Werk, wie die Operette „Les Cloches de Corneville“, welche sechshundert Vorstellungen hinter einander erlebte, ungerechnet die Darstellungen in der Provinz, macht den Verfasser zum wohlhabenden Mann. Außer von den Theatervorstellungen kommt noch der Gewinn hinzu, den das Honorar für die Veröffentlichung des Stückes, des Textbuches und der Partitur abwirft. Von den Verpflichtungen, welchen die Cafés chantants und sonstige Belustigungsanstalten, in denen Lieder gesungen und Verse recitirt werden, gegen die betreffenden dramatischen Componisten und Autoren nachzukommen haben, wird bald die Rede sein.

Kommt nun schon ein Autor durch ein einziges gelungenes Stück nicht selten zu Vermögen, so macht eine Reihe von Erfolgen den dramatischen Dichter und Tonsetzer zum Millionär, wenn er den Gewinn nicht leichtsinnig vergeudet. Alexander Dumas Sohn ist Millionär, Victorien Sardou mehrfacher Millionär, und unserm Landsmann Jacob Offenbach hat seine hochgeschürzte Muse gewiß einige Millionen in den Schooß geschüttet.

Neben dem materiellen Gewinn wird den begabten dramatischen Schriftstellern und Tondichtern jede mögliche Auszeichnung zu Theil. Sie werden zu Mitgliedern des Instituts erwählt, und so oft man auch über dasselbe die satirische Lauge schüttet, so muß man doch zugeben, daß die Ehre, im palmengestickten Frack unter der Kuppel des Palais Mazarin zu sitzen, nicht gering anzuschlagen ist, daß ein Mitglied der Akademie der schönen Künste, oder gar der französischen Akademie eine hohe gesellschaftliche Stellung einnimmt. Die bedeutenden Schriftsteller und Künstler bilden in Frankreich die eigentliche Aristokratie, und mit dieser Aristokratie hat sich bis jetzt noch jede Regierung gut zu verhalten bestrebt.

Wie aber, wird nun der Leser fragen, sichern sich die dramatischen Schriftsteller und Componisten ihr Eigenthumsrecht? Auf die einfachste Art von der Welt. Sie bilden nämlich unter dem Namen „Société des auteurs et compositeurs dramatiques“ eine eng geschlossene Gesellschaft, zu welcher ohne Ausnahme nicht nur Jeder gehört, der dramatische Werke schreibt oder in Musik setzt, sondern auch Liederdichter und Liedercomponisten.

Die genannte Gesellschaft hat überall ihre Commissäre, die mit den Theaterdirectionen in der Provinz unterhandeln, und keine Direction darf ein Stück zur Aufführung bringen, ohne sich zuvörderst mit den Commissären verständigt zu haben, die denn auch die Tantième sogleich von der Brutto-Einnahme in Empfang nehmen.

Die dramatischen Dichter und Tonsetzer sind aber nicht blos den Bühnen, sondern auch, wie bereits erwähnt, den cafés chantants gegenüber vor unberechtigter Ausbeutung geschützt. Wo in solchen und ähnlichen Anstalten eine Arie aus irgend einer Operette gesungen oder ein Vers aus irgend einem Stücke recitirt wird, bezieht der betreffende Autor seinen Antheil an der Einnahme. So verliert kein Berechtigter auch nur einen einzigen Pfennig von dem Ertrage seiner Arbeit.

Die Gesellschaft der dramatischen Schriftsteller und Componisten zählt gegenwärtig über siebenhundert Mitglieder. Unter den wenigen Ausländern, die zu derselben gehören, befinden sich Flotow, Rosenhain und Richard Wagner. Ersterer hat bereits mehrere Opern in Paris zur Aufführung gebracht; von den beiden letzteren ist jeder in der Großen Oper mit einem Werke aufgetreten.

Verlassen wir nun das dramatische Gebiet und sprechen wir von der Romanliteratur, die gegenwärtig in aller Herren Ländern den literarischen Markt überschwemmt, besonders aber in Frankreich, wo das Erzählertalent von jeher auf's Sorgsamste gepflegt und sehr hoch geschätzt worden.

Es erscheinen in Frankreich jährlich an sechshundert neue Romane und ungefähr hundert in neuen Auflagen. Außer der beträchtlichen Schaar der Romanschriftsteller von Fach hat man noch vierzig bis fünfzig Liebhaber zu zählen, welche die Früchte ihrer bei den Haaren herbeizogenen Muse auf eigene Kosten herausgeben. Diese Dilettanten, welche eitel genug sind, um auf die Unsterblichkeit zu hoffen, und reich genug, um sich ihre Niederlagen zu erkaufen, kommen hier nicht in Betracht, sondern nur die Romanciers, die entweder zum Theil oder ausschließlich von der Feder leben.

Es giebt auf jedem Kunstgebiete nur wenig echte Künstler neben vielen Handwerkern, auf keinem anderen Gebiete giebt es aber so wenig echte Dichter und so viel Fabrikanten, wie in der Romanliteratur. Die Wenigen, die sich in Frankreich der Romanschriftstellerei mit Ernst widmen, der Kunst gerecht werden und zu einem literarischen Ruf gelangen wollen, bemühen sich außerordentlich, mit ihren ersten Hervorbringungen in der „Revue des deux mondes“ aufzutreten, da sich dieselbe einer großen Verbreitung in den gebildeten Classen aller Nationen erfreut und dem Autor sogleich eine geachtete Stellung in der Literatur erwirbt. Die genannte Revue weiß dies nur zu sehr; deshalb zahlt sie den Romanschriftstellern für deren Erstlinge kein Honorar. Das Honorar indessen, das sie namhaften und selbst berühmten Romanschriftstellern bewilligt, wiegt just auch nicht schwer. So erhielt George Sand für ihre in der „Revue des deux mondes“ erschienenen Romane während einer langen Reihe von Jahren blos [132] 150 Franken für den Druckbogen, und erst später wurde dieser sehr mäßige Ehrensold um 100 Franken vermehrt.

Jules Sandeau, dem bekanntlich George Sand die Hälfte seines Namens entlehnte und mit dem sie im Verein ihren ersten Roman, „Rose et Blanche“, schrieb, Jules Sandeau gehörte früher zu den fleißigsten Mitarbeitern dieser Halbmonatsschrift, und Octave Feuillet gehört noch jetzt zu denselben. Diese beiden Romanschriftsteller sind sich darin ähnlich, daß sie in ihren Werken nicht nur alle heftigen gewaltsamen Erschütterungen, sondern auch jeden nur einigermaßen anstößigen Ausdruck vermeiden. Es herrscht in ihren correct geschriebenen Romanen, die weder zahlreich, noch bändereich sind, eine gewisse holländische Sittenreinlichkeit, sodaß sie in der höhern Bürgerclasse von den Töchtern in Gegenwart ihrer Mütter gelesen werden.

Jules Sandeau war nie sehr productiv, und seit einigen Lustren hat er blos ein paar Novellen veröffentlicht. Unter dem zweiten Kaiserreich ward er zum Bibliothekar an der „Bibliothèque Mazarin“ ernannt, eine höchst angenehme Sinecure, die ihm das Alter weniger schwer macht. Octave Feuillet, den man einen Familien-Alfred de Musset nennt, war unter der Regierung Napoleon's des Dritten eine höchst beliebte Persönlichkeit in den Tuilerien, wo ihn die wenig lesende Eugenie über die Wahl ihrer Lectüre gern zu Rathe zog. Sandeau und Feuillet sind Mitglieder der Akademie, eine Ehre, die den beiden fruchtbarsten genialsten und populärsten Romanschriftstellern, Balzac und Alexander Dumas, nicht zuerkannt wurde.


Die Gartenlaube (1880) b 132.jpg

Die Insel Juist: Blick auf das Dorf.
Nach der Natur aufgenommen von Fr. Schreyer.

Ich muß jetzt ein Wort über zwei junge Romanschriftsteller sagen, von denen der Eine viel von sich reden macht, der Andere allzuviel von sich selbst redet – von Alphonse Daudet und Emile Zola. Alphonse Daudet, der auch in Deutschland sehr beliebt ist und dessen „Froment jeune et Risler aîné“ bei unseren Landsleuten schnelle Verbreitung gefunden, ist gegenwärtig der beliebteste Romanschriftsteller Frankreichs. Er wird in allen Schichten der Bevölkerung mit Vergnügen gelesen. Sein „Nabab“, vor wenigen Jahren als Feuilleton im „Temps“ erschienen, sieht in diesem Augenblicke schon der fünfzigsten Auflage entgegen. Daudet hat sich Dickens zum Vorbild genommen, und wenn er auch an dieses Vorbild hier und dort allzu lebhaft erinnert, so ist ihm doch ein hervorragendes Erzählertalent nicht abzusprechen. Er besitzt auch einen frischen Humor, ein warmes Temperament und eine ideale Anschauung, Eigenschaften, die sehr anziehend auf den Leser wirken. Der große Erfolg des „Nabab“ ist auch dem Umstande zuzuschreiben, daß in diesem Romane die Fäulniß des zweiten Kaiserreiches in einigen nach der Natur geschilderten Hauptpersonen auf's Lebendigste vorgeführt wird. Daudet hat noch eine lange Laufbahn vor sich, und da er fruchtbar ist, so kann er, wenn er sich durch die Gunst des Publicums nicht zur Vielschreiberei verleiten läßt, noch manches tüchtige Werk hervorbringen.

Was Emile Zola betrifft, so strebt er nicht nur nach einem hohen Ehrenplatz in der Romanliteratur, sondern will auch als Reformator derselben betrachtet, bewundert und gefürchtet werden. Er nennt sich Naturalist und verwirft in ellenlangen Artikeln alle Romanschriftsteller, die nicht, wie er, dem Naturalismus huldigen. Die Idealisten, die Sensualisten und sogar die Realisten müssen über die Klinge springen. Worin besteht aber dieser alleinseligmachende Naturalismus? Da er neben Diderot auch J. J. Rousseau zu den Schutzpatronen seiner neuen Kirche auserwählt, so sollte man glauben, Zola verherrliche, wie Jean Jacques, die Natur und wolle in seinen Lesern die Liebe zu derselben erwecken oder neu beleben. Das ist aber keineswegs der Fall. Zola's Naturalismus besteht darin, daß er seine Stoffe in den alleruntersten Volksschichten wählt und das Gemeine mit den gemeinsten Worten beschreibt. Er findet die wahre Kunst darin, photographisch genau die widrigste, die ekelhafteste Naturwirklichkeit darzustellen. An mancher seiner Figuren ist geschildert nicht blos wie sie sich räuspert und wie sie spuckt, sondern auch oft – ich bitte den Leser um Verzeihung – was sie spuckt.

Ohne Talent ist Zola durchaus nicht; allein die Selbstbewunderung ist ihm zu sehr in den Kopf gestiegen, und wenn ihm ein langes Leben bescheert ist, wird er lange vor seinem Tode sich überlebt haben. Sein populärster Roman ist „L’assommoir“, der höchst wahrscheinlich auch in Deutschland durch eine, wo nicht gar durch mehrere Uebersetzungen eingeführt ist.

Wie auf jedem Gebiete der Kunst und Literatur, giebt es [133] auch in der französischen Romanschriftstellerei viel Berufene und wenig Auserwählte, und nicht nur die Werke der Auserwählten, sondern auch der Berufenen, ja nicht selten sogar der Unberufenen werden in’s Deutsche übertragen. Keiner von den nur einigermaßen bekannten französischen Romanschriftstellern ist in Deutschland unbekannt.

Von diesen will ich daher nicht sprechen. Hingegen darf ich nicht mit Stillschweigen die Unzahl der Romanfabrikanten übergehen, die jeden Tag mehrere Tintenfässer erschöpfen und die ganz gewiß verlegen wären, wenn man sie um die Zahl oder die Namen ihrer Musenkinderschaar fragte. Ich habe einen dieser Romanmachermeister gekannt, der für fünf verschiedene Feuilletons fünf Romane zu gleicher Zeit schrieb, und ich kenne einen andern, der in diesem Augenblick an einem viertel Dutzend arbeitet. Jeden Morgen um zehn Uhr setzt er sich an den Schreibtisch, wo er, ohne eine Secunde zu verschnaufen, auf je fünf langen Papierstreifen die Fortsetzung eines seiner drei Feuilletonromane ausspinnt. Nach ein paar Stunden vertheilt er die fünfzehn engbeschriebenen Blätter an die drei Journale. Manche dieser mit zehn Pferdekraft arbeitenden Romanschreiber unterliegen bald der sauern Arbeit. Andere, die dies befürchten, suchen sich dieselbe durch Mitarbeiterschaft zu erleichtern. Die Mitarbeiterschaft bei dramatischen Erzeugnissen ist bekanntlich in Frankreich eine gewöhnliche Sache, und vielleicht wäre sie auch schon in Deutschland eingeführt, wenn Deutschland eine Hauptstadt hätte. In der Hauptstadt Englands hat sie schon zur Zeit Shakespeare's bestanden, wie man an den Werken Beaumont's und Flechter's ersieht. Bei solcher Mitarbeiterschaft thut sich in der Regel der Bühnenunkundige mit dem Kundigen zusammen, der den gelieferten Stoff zum darstellbaren Stück ausarbeitet. Die Namen Beider sind dann unzertrennlich auf dem Theaterzettel. Beim Roman ist das Verfahren natürlich ganz anders. Der gewiegte Romanschreiber läßt sich von einem ungewiegten nicht nur das Material herbeischaffen, sondern auch dasselbe roh ausarbeiten; er setzt dann die Feile daran, oder schmelzt es gänzlich um und versieht das Werk mit seinem Namen, nachdem er sich mit dem Gehülfen abgefunden.


Die Gartenlaube (1880) b 133.jpg

Die Insel Juist: Kirche und Kirchhof.
Nach der Natur aufgenommen von Fr. Schreyer.


Die beliebten Romanschreiber suchen ihre Popularität so viel wie möglich auszubeuten. Sie lassen ihre Hervorbringungen zuvörderst als Feuilletons erscheinen. Der „Temps“, das „XIX. Siècle“, „Siècle“, und die „Indépendance belge“ zahlen gut und sehen auf einen gewissen literarischen Werth.

Die kleineren Journale sehen aber vor Allem darauf, daß der Roman die Massen packe und daß in demselben möglichst viel Blut vergossen werde. Den beliebten Romanschreibern wird ein Honorar von sechs Sous, den gelesensten, wie Zola, Montepin, Richebourg, wohl zehn Sous für die Zeile bewilligt. Das ist aber auch der höchste Satz. Die große Menge der Romanfeuilletonisten begnügt sich mit einem Honorar von drei Sous für die Zeile. Die Feuilletons erscheinen dann in Bänden und werden je nach der literarischen Stellung des Autors honorirt. Die erste Ausgabe eines solchen bereits in Feuilletons erschienenen Romans wird in zweitausend Exemplaren, die folgenden Auflagen werden je in tausend Exemplaren abgezogen. Der Autor erhält in der Regel vom Verleger für jeden Band zehn Procent vom Ladenpreis; die besonders populären Schriftsteller erhalten acht Sous und die populärsten wohl zehn bis zwölf Sous für jeden Band. Die kleineren Provinzialjournale bemühen sich natürlich, die in Paris erschienenen Feuilletons so schnell wie möglich ihren Lesern zu bieten. Sie haben sich jedoch zuvor mit den Verfassern abzufinden, deren Eigenthumsrecht von den Commissionären der „Société des gens de lettres“ auf's Sorgsamste überwacht und geschützt wird.

Die französischen dramatischen Dichter und Romanciers sind schon dadurch günstiger als ihre Mitbrüder anderer Nationalitäten gestellt, daß ihre Stücke auch im Auslande zur Aufführung gelangen, daß ihre Romane dort große Verbreitung finden, da die gebildeten Classen aller Nationen französisch verstehen. Ein französischer Schriftsteller von Talent wird schnell in allen Enden der Welt bekannt, erwirbt sich nicht selten ein bedeutendes Vermögen und behauptet in seinem Vaterlande einen hohen Rang. Fälle, wie sie in Deutschland vorkommen, daß populäre Componisten, wie Conradin Kreutzer und Lortzing, daß productive Theaterdichter, wie Roderich Benedix, in dürftigen Verhältnissen sterben, und daß ein Mann wie Gutzkow, dessen Romane in Aller Händen waren, von dem einzelne Stücke sich länger als [134] ein Menschenalter auf allen deutschen Bühnen erhielten, gegen Nahrungssorgen kämpfen mußte – solche Fälle kommen in Frankreich nicht vor.

Indessen ist auch hier der Pfad des Künstlers und Schriftstellers nicht mit lauter Rosen bestreut. Sie haben beim Beginne ihrer Laufbahn hart, ja vielleicht noch härter zu kämpfen als anderswo, und nur verhältnißmäßig Wenige gehen siegreich aus dem Kampfe hervor, während die Anderen in Frankreich ebenso unterliegen wie in Deutschland. Die wenigen Schriftsteller aber, denen in Deutschland ein großer Erfolg zu Theil wird, sind nicht halb so gut gestellt, wie die französischen, denen nur einigermaßen die Gunst des Schicksals lächelt.




Die neuen Hafenanstalten zu Mannheim.


Am 15. August 1875 feierte die Stadt Mannheim ein Fest, großartig in seinen Dimensionen, glänzend in seinem Verlaufe, hervorragend durch seine Bedeutung. Es galt der Eröffnung der neuen Hafenanstalten.

Und Mannheim hatte in der That alle Ursache, diesen Eröffnungsact festlich zu begehen, denn mit der damals erfolgten Fertigstellung des großen Hafencanals und einiger anderen Abtheilungen des Gesammthafens hatte eine lange Periode ständiger Verlegenheiten für Handel und Verkehr ihren Abschluß gefunden, und da gleichzeitig auch der inmitten des Hafengebiets gelegene Centralgüterbahnhof vollendet worden war, so waren damit diejenigen Voraussetzungen erfüllt, welche unbedingt zutreffen mußten, sollte Mannheim das Emporium Süddeutschlands für den Großhandel in Colonialwaaren, Droguen, Getreide, Tabak etc. sowie für den Speditionshandel bleiben können.

Noch andere Ursachen veranlaßten freudige Stimmung. Wohl an keinem anderen Handelsplatze des deutschen Binnenlandes sind in der verhältnißmäßig kurzen Zeit eines Jahrzehnts von der Staatsverwaltung lediglich für Verkehrszwecke Anlagen und Bauwerke von solchem Umfang und mit solchem Kostenaufwande geschaffen worden, wie in Mannheim und seiner nächsten Umgebung.

Mit der Neckarcorrection beginnend, ließ die badische Regierung seit Mitte der 1860er Jahre außer den bereits erwähnten Bauten eine feste Brücke über den Rhein für Bahn- und Landverkehr (diese gemeinschaftlich mit Baiern), einen Rangirbahnhof, eine Verbindungsbahn nach dem Rheinvorland und eine neue Haltestelle an der Rheinbrücke mit Zufahrtsstraße vom Schlosse aus zur Ausführung bringen. Theils in Angriff genommen, theils in sichere Aussicht gestellt waren zur Zeit den Festes auch der definitive Personenbahnhof – ein monumentales Bauwerk – der Verbindungscanal zwischen Rhein und Neckar und mehrere Lagerhäuser am Quai des neuen Hafencanals. Der Gesammtaufwand aller dieser Bauwerke beträgt über 22 Millionen Mark.

Es ist bereits erwähnt worden, daß mit der Fertigstellung der neuen Hafenanstalten eine an Verlegenheiten und Mißständen überreiche Periode ihren Abschluß gefunden. Die früheren Hafeneinrichtungen waren nämlich für Verhältnisse berechnet, wie sie vor etlichen vierzig Jahren, also zu einer Zeit bestanden hatten, in welcher die Dampfschifffahrt auf dem Rheine kaum begonnen, in welcher der Eisenbahnbau noch zähe Gegner fand, in welcher verschiedene Städte am Rhein und Neckar zum großen Nachtheil Mannheims noch allerlei Stapel- und andere Rechte voraus hatten, in welcher die Rheinschifffahrt unter dem Octroi und der Recognitionsgebühr seufzte, der Verkehr zwischen den einzelnen deutschen Staaten durch zahllose Schlagbäume und andere Schranken lahm gelegt, der Anschluß Badens an den Zollverein kaum in Aussicht genommen war. Mannheim hatte in jener Zeit circa 20,000 Einwohner, und obgleich der Nahrungsstand der Stadt bereits seit der Entfernung des kurpfälzischen Hofes (1778) hauptsächlich auf Handel und Gewerbe ruhte, so bewegte sich doch der Verkehr während der drei ersten Decennien des laufenden Jahrhunderts in sehr dürftigen Grenzen. Erst nach dem Eintritt Badens in den Zollverein bekamen die Dinge eine andere, günstigere Gestaltung. Während der Warenverkehr noch im Jahre 1833 nur 114,888 Centner betrug, stieg derselbe, nachdem Baden 1835 dem Zollverein beigetreten war, in den nächsten Jahren erheblich, und schon zu Anfang der vierziger Jahre war Mannheim nach Köln und Mainz bereits der belebteste Hafen am Rhein geworden.

Der frühere Hafen war für Schiffe von 4000 Centner Ladungsfähigkeit eingerichtet, während seit geraumer Zeit solche von 12,000 bis 14,000 Centner Ladungsfähigkeit eintrafen. Die Hebewerke bestanden ausnahmslos aus Handkrahnen, und diese waren nicht in genügender Anzahl vorhanden. Mit einem solchen Apparate konnten aber bei mittlerem Wasserstande täglich nur circa 1500 Centner ausgeladen werden. Die natürliche Folge dieser Verhältnisse war, daß größere Schiffe zehn bis zwölf Tage auszuladen hatten und überdies noch wochenlang zuwarten mußten, bis ein Hebewerk zu ihrer Verfügung stand. Es fehlte zudem an Magazinen und Lagerplätzen für Güter des freien Verkehrs; es fehlte an genügenden Kellerräumen für zollpflichtige Weine und Spirituosen – kurz, eigentlich konnte man fragen: an was fehlt es nicht?

All diese Mängel verlangten rasches und energisches Eingreifen. Als im Jahre 1864 an die Spitze des badischen Handelsministeriums der geniale Mathy getreten war, dessen Scharfblick es nicht entgehen konnte, daß eine Verbesserung der Mannheimer Hafen- und Verkehrsanstalten gleichbedeutend war mit der Förderung der Interessen der badischen Staatsbahnen, da ließ denn auch die Abhülfe, die Anbahnung entsprechender Umgestaltungen und neuer Schöpfungen, nicht mehr lange auf sich warten. Bereits Mitte der sechsziger Jahre war Oberbaurath Keller mit der Ausarbeitung der betreffenden Pläne betraut worden, und mit einzelnen Werken wurde ohne Verzug begonnen. Der große Hafencanal konnte zwar verschiedener Vorarbeiten wegen erst im Jahre 1870 in Angriff genommen werden, die Riesenarbeit wurde aber so gefördert, daß sie nach fünf Jahren bewältigt war. Der erste Spatenstich erfolgte – ein eigenthümlicher Zufall – durch Kriegsgefangene derselben Nation, deren Heere im Jahre 1689 die Stadt Mannheim in einen Schutthaufen verwandelt und 1794 stark beschädigt hatten. Erst 1879 waren sämmtliche Anstalten fertig.

Der Mannheimer Gesammthafen zerfällt in folgende Abtheilungen: in den Hafencanal, den Zollhafen, den Neckarhafen, den Rheinhafen, den Floßhafen und den Verbindungscanal.

Was zuerst den großen Hafencanal betrifft, so ist derselbe mitten durch die Mühlau-Insel gelegt, hat eine Länge von 2100 Meter und eine Breite von 120 Meter und steht durch Ein- und Ausmündung mit dem Rheine in unmittelbarer Verbindung. Um ihn herzustellen, waren 1,620,000 Cubikmeter Material auszuheben. Die Wassertiefe bei Mittelwasser beträgt 4,7 Meter. Zur Ausgleichung des Gefälles ist etwa 300 Meter unterhalb der Einmündung eine 96 Meter lange und 10,5 Meter breite Kammerschleuße mit massiven Schleußenhäuptern und eisernen Schleußenthoren angebracht, welche für sich einen Kostenaufwand von 471,428 Mark veranlaßt hat. Auf dem rechten Ufer ist eine auf Beton ruhende Quaimauer von 1100 Meter Länge hergestellt, hinter welcher sich zunächst zwei Geleise für Dampfkrahnen und Bahnwagen, sodann drei Werfthallen, eine offene Verladepritsche, sechs größere Waarenmagazine und eine Sammelhalle für Stückgüter befinden. Bis jetzt sind sieben Dampfkrahnen vorhanden, welche nahezu auf der ganzen Quaimauerstrecke in der Art Verwendung finden können, daß vermittelst derselben die Güter direct aus den Schiffen in Bahnwagen oder, wenn zollamtliche Abfertigung erforderlich oder Lagerung beabsichtigt ist, in die Werkhallen, beziehungsweise Lagerhäuser abgesetzt werden. Diese sehr zweckmäßige Einrichtung erinnert an jene am Kaiser- und Sandthorquai zu Hamburg. Unterhalb der Werfthallen sind größere Plätze zur unentgeltlichen Lagerung von Roheisen, Harz, Farbholz und dergleichen Waaren zur Verfügung gestellt. Auch hier ist die Einrichtung so getroffen, daß die Waaren vermittelst der Dampfkrahnen nach den Bahnwagen oder im Fall der Lagerung nach den Lagerplätzen befördert werden können.

Vom nördlichen Ende der Quaimauer bis zur Ausmündung des Hafens ist das Ufer abgeschrägt. Die betreffende Hafenstrecke dient zur Aufstellung leerer Schiffe, ausnahmsweise auch zu Ein- und Ausladungen.

Auf dem linken Canalufer befinden sich acht Getreidehallen mit Lagerraum für 100,000 Centner.

An diese Hafenanstalten schließt auf dem rechten Ufer der Centralgüterbahnhof, auf dem linken der Fruchtbahnhof an. Der erstere hat eine Länge von 2580 Meter und eine Breite von 150 Meter; fünf Güterhallen nebst mehreren offenen Verladepritschen dienen zur Aufnahme der Bahngüter; in einer größeren Anzahl auf der östlichen Seite des Bahnhofs aufgeführten Gebäulichkeiten befinden sich die Geschäftslocalitäten für Zoll-, Bahn- und Hafenverwaltung, sowie Wohnungen für circa 80 Beamtenfamilien.

Bezüglich des Fruchtbahnhofes soll nur erwähnt werden, daß sich die Getreide-Einfuhr über Mannheim im Jahre 1878 auf über 2 Millionen Centner belaufen hat. Der Güterverkehr des Centralgüterbahnhofs betrug 16,602,733 Centner.

Beide Bahnhöfe sind mit dem Rangirbahnhof durch besondere Geleise, welche in der Nähe der Canaleinmündung über zwei größere eiserne Drehbrücken führen, in Verbindung gesetzt.

Der alte Zollhafen, zu dem wir uns jetzt wenden, ist hinter dem Hauptzollamtsgebäude gelegen; er ist der Rest des früheren Haupthafens, aber mit Ausnahme des Werfts nach allen Seiten umgestaltet worden. Bis zur Eröffnung des neuen Hafens wurde dort der größere Theil der wasserwärts bezogenen oder versendeten Güter aus-, beziehungsweise eingeladen, auch die zollamtliche Waarenabfertigung vorgenommen. Jetzt finden in dieser Hafenabtheilung nur noch Einladungen zu Thal gehender Güter statt, welche in den Hallen und Schuppen des angrenzenden Zollhofes vorübergehend unentgeltlich lagern dürfen. Auf dem Werfte sind sechs Handkrahnen aufgestellt, wovon einer eine Tragfähigkeit von 600 Centnern – an keinem Hafenplatze des Rheines ist ein Hebewerk von gleicher Stärke – die übrigen von 50 Centnern haben. Werft- und Zollhof finden ihren Abschluß durch das Hauptzollamtsgebäude und die beiderseits an dasselbe angebauten Niederlagemagazine für zollpflichtige Güter.

Der Neckarhafen, als die dritte Abtheilung des Gesammthafens, wird durch die linksseitige Flußhälfte von der Kettenbrücke bis zur Ausmündung des Flusses in den Rhein gebildet. Zunächst an der Brücke befindet sich die zollärarische Abtheilung mit Quaimauer, drei Handkrahnen, Werfthallen, Schuppen, geräumigem Lagerhause und Verwaltungsgebäude. Diese Abtheilung ist für jene Güter des freien Verkehrs bestimmt, welche nicht im Freien lagern können. Von hier gegen die Neckarmündung hin folgen eine Hafenstrecke für Baumaterialien, eine solche mit fünf Dampfkrahnen und Spundwand für Steinkohlen, eine dritte für Schnittwaaren und eine vierte für Petroleum, zu dessen Lagerung 48 Keller, für circa 45,000 Fässer ausreichend, vorhanden sind. Diese Keller sind Eigenthum der Mannheimer Lagerhausgesellschaft, welche auch vier der Waarenmagazine rechts vom großen Hafencanal besitzt und die acht Getreidehallen links in Pacht hat. Das an die vorgenannten vier [135] Strecken angrenzende Neckarvorland dient zu Lagerplätzen, und ist durch Schienengeleise mit dem Centralgüterbahnhof verbunden.

Der Rheinhafen, die vierte Abtheilung, umfaßt die rechtsseitige Stromhälfte von der Rheinbrücke bis zur Ausmündung des großen Hafencanals. Die der Brücke zunächst gelegene Strecke, etwa ein Drittel des Ganzen, dient den Dampfern, welche in regelmäßigen Fahrten den Eilgutdienst zwischen hier und Rotterdam vermitteln. Jede Dampfschifffahrtsgesellschaft hat dort ihre besondere Güterhalle, sodaß jederzeit Ein- und Ausladung ermöglicht ist. Nacht- und Sonntagsarbeit ist nicht ausgeschlossen. Die übrige Strecke dieser Hafenabtheilung ist für Flöße bestimmt, welche vom Oberrhein kommen und, wenn ein Umbau nicht erforderlich, dort anlegen müssen, um nach den Bestimmungen der Rheinschifffahrtspolizei und Flußordnung bezüglich der Festigten ihres Baues untersucht zu werden.

Der Floßhafen bildet die fünfte Abtheilung, ein Stück Altrhein, welches in Folge der Neckarcorrection speciell für den Floßholzverkehr abgegrenzt werden konnte. Der Hafen ist circa fünf Kilometer lang, an seiner Einmündung gegen den Neckar mit einer massiven Schleuße versehen und durch seine Ausmündung mit dem Rhein in Verbindung gesetzt. Dort, und zwar in der Holzmarktstrecke, finden zunächst jene Flöße aus dem Neckar und obern Rheinthal Aufnahme, welche hier verkauft, im übrigen Theile des Hafens jene, welche zu sogenannten Holländerflößen umgebaut werden oder aber hier überwintern sollen.

Längs der Holzmarktstrecke wird gegenwärtig auf dem linken Ufer dieses Hafens ein Bahngeleis der hessischen Ludwigsbahn – Linie von Mannheim nach Frankfurt – hergestellt, und wird sehr bald die Verladung der Hölzer ermöglicht sein, welche per Bahn weiter gehen sollen. Zwischen der Bahn und der Holzmarktstrecke ist ein größeres Gelände vorhanden, das sich namentlich für Herstellung von Dampfsägemühlen eignen würde, welche durch Seitengeleise mit der Bahn verbunden werden könnten.

Die Zahl der im Jahre 1878 in Mannheim angekommenen Flöße beträgt 673, jene der umgebauten 150; überwintert haben 46,942 Stämme, und das Gesammtgewicht des Floßholzverkehrs pro 1878 ist zu 2,877,607 Centner berechnet. Die Benutzung des Floßhafens ist dabei eine vollständig gebührenfreie.

Der Verbindungscanal, die sechste Abtheilung, ist im Jahre 1876 begonnen und hat erst im vorigen Jahre als Abschluß der Mannheimer Hafenbauten seine Vollendung gefunden. Derselbe ist 950 Meter lang und 60 Meter breit. Um ihn herzustellen, mußten 470,000 Cubikmeter Material ausgehoben werden, womit der frühere Zufahrtscanal nach dem alten Zollhafen ausgefüllt wurde. Das so gewonnene Gelände ist zur Stadterweiterung bestimmt.

Der Verbindungscanal dient in erster Linie zum Uebergang der Schiffe vom Rhein in den Neckar und umgekehrt, sodann als Winterhafen. Es war ein glücklicher Gedanke der badischen Finanzverwaltung, dieses Werk herstellen zu lassen, denn abgesehen davon, daß die gewonnenen Bauplätze den Kostenaufwand voraussichtlich decken werden, ist der Canal von ganz hervorragendem Nutzen für den Speditionshandel sowie für verschiedene Branchen des Großhandels und der Industrie von Mannheim. Derselbe hat nämlich seiner ganzen Länge nach beiderseits Vorländereien, welche 40 Meter breit, mit je zwei Bahngeleisen versehen und mit dem Centralgüterbahnhofe in Verbindung gesetzt sind. Dieses Gelände wird 20 bis 25 Jahre an solche Unternehmungen als Lagerplätze abgegeben, welche mit dem Bahn- und Hafenverkehr in näherer Verbindung stehen; auch wird gestattet, dort Waarenmagazine, Bureaux und selbst gewerbliche Etablissements herzustellen. Wasserweg und Schienenstrang auf der einen Seite, gute Zufahrtsstraßen auf der andern ermöglichen Bezüge und Versendungen mit geringstem Kostenaufwand und lassen die Lage der in Frage stehenden Lager- beziehungsweise Bauplätze so günstig erscheinen, wie sie kaum irgendwo geboten sein dürfte: das Flächenmaß dieser Vorländereien beträgt circa 50,000 Quadratmeter, wovon bis jetzt ungefähr ein Viertel vergeben ist. Ueber den Canal führen drei Brücken, wovon zwei für den Land- und die dritte für den Bahnverkehr bestimmt sind. Der Kostenaufwand für das ganze Werk beträgt 1,200,000 Mark.

Das sind Mannheims Hafenanstalten; sie sind nicht allein schön, sondern auch zweckmäßig, und ihre Benutzung ist – was man wohl von keinem anderen Hafen sagen kann – vollständig gebührenfrei. In welchem Maße sie zur Vermehrung des Verkehrs beitragen, ist aus dem Umstande zu erkennen, daß der Mannheimer Gesammthafenverkehr, welcher während der Schwindelperiode die Ziffer von 15 Millionen kaum erreichte und 1874 sogar nur wenig über 13 Millionen Centner betrug, trotz der Ungunst der Zeiten im Jahre 1878 auf 17,817,962 Centner und die Zahl der beladen in Mannheim angekommenen oder von dort abgegangenen Schiffe auf 2882 gestiegen ist.

Möge ein günstiger Stern über dem Mannheimer Hafen walten!




Blätter und Blüthen.


Die Insel Juist. (Mit Abbildungen S. 132 und 133.) Der Reisende, welcher vom Fährhaus am Norddeich (im ostfriesischen Amte Norden) kommend, nach etwa anderthalbstündiger Ueberfahrt die Insel Juist vor sich sieht, glaubt eine der schönsten Gebirgsketten zu erblicken.

Es ist dies die zehn bis zwanzig Meter hohe Dünenreihe, welche sich vom Osten nach dem Norden der Insel hinzieht und derselben gegen die Sturmfluthen der Nordsee reichlichen Schutz gewährt. Die Juister Dünen zeichnen sich vor allen anderen der Nordsee durch ein Ueberwiegen scharfer, zackiger und felsgratähnlicher Contouren aus, deren malerischer Reiz zur vollsten Wirkung kommt, wenn die Sonne ihre grellen Strahlen auf die großen weißen Sandflächen wirft und die interessantesten Beleuchtungen hervorzaubert. Lagert sich nach solchen Lichtwirkungen eine dichte schwarze Wolkenschicht vor die Sonne, so werden die noch eben grell beschienenen weißen Sandflächen in ein sammetartiges Dunkel gehüllt.

Zur Erhaltung der Dünen wird auf denselben von Seiten der Regierung Sandhaargras gepflanzt, welches allein im Stande ist, dem angehäuften Flugsande Halt zu gewähren. Das sogenannte „Wandern“ der Dünen kann man genau beobachten; setzt man sich z. B., wie ich that, auf eine Düne, um zu zeichnen, und legt Zeichenkasten oder sonstige Utensilien neben sich in den Sand, so wird man bei auch nur geringem Winde nach ganz kurzer Zeit bemerken, wie die Sachen allmählich von dem Sande begraben werden. Bei genauerer Betrachtung der Sandfläche sieht man Millionen Sandkörner, vom Winde getrieben, in steter Bewegung nach dem Innern der Insel rieseln oder sich über einander ansetzen. Lange jedoch kann man eine solche Beobachtung nicht aushalten, denn das grelle Licht und das fortwährende Bewegen des Sandes greifen das Auge an. Sprach ich mit der Unkenntniß eines Festlandbewohners die Befürchtung aus, es werden die Dünen allmählich verweht oder weggespült werden, so erhielt ich von den Insulanern die beruhigende Antwort: was das Meer auf der einen Seite wegspüle, setze es auf der andern wieder an.

Da auch der übrige Boden der Insel fast nur aus lockerem Seesande besteht, so ist er im Ganzen höchst unfruchtbar. Hin und wieder findet man freilich etwas lehmigen Boden, auf welchem man sofort Culturversuche angestellt hat, indem man die betreffende Stelle mit einem vier bis fünf Fuß hohen Damm umzogen (um Wind oder Springfluth abzuhalten) und selbige noch mit etwas Dünger gefüllt hat. Darauf pflanzt man Kartoffeln, Bohnen und Kohl; im Uebrigen muß die Nahrung der Juister vom Festlande bezogen werden; es ist aber bei heftigem Sturm und Eisgang vorgekommen, daß die Juister zwölf Wochen von jeglichem Verkehr mit der Außenwelt abgeschlossen waren. Die Insel besteht aus zwei Theilen, deren Verbindung von Regierungswegen künstlich erhalten wird. Der kleinere westliche Theil, „Bill“ genannt, ist der fruchtbarere und war auch früher der bewohntere. Jetzt steht nur ein Haus und ein Schuppen mit Material für Rettungszwecke dort, während die Einwohner sich auf der weniger gefährdeten Ostseite in zwei Häusergruppen, dem Loog (nur fünf Häuser) und dem Ostdorf, niedergelassen haben.

Das Dorf mit seinen einander ziemlich gleichenden Häusern macht einen freundlichen Eindruck und ist deshalb für die Ostfriesen ein beliebter Badeort, der jährlich etwa 150 Gäste auf der Insel versammelt; die Ankömmlinge werden zu Wagen vom Schiffe eingeholt. Juist ist Telegraphenstation; die Postverbindung besorgt das (Post-)Fährschiff. Die Zimmer sind gemüthlich eingerichtet und sauber und reinlich gehalten. Nach ostfriesischer Bauart ist die Zimmerdecke aus Brettern gefugt und dunkel angestrichen. Statt Bettstellen hat man die Schlafstellen in der Wand (wie auf dem Schiff) und nennt sie deshalb auch „Kojen“; am Tage sind sie mit Gardinen verhangen. Keller giebt es nicht. Zum Feuern wird nur Torf genommen, welcher auch vom Festlande herüber geschafft werden muß. Vor dem Hause hat man gewöhnlich einen sogenannten Garten, mehrere Quadratmeter groß und mit einigen Blumen, wie Malve, Georgine oder Reseda bepflanzt. Da man auch zwischen den einzelnen Häusern (von Straßen kann man kaum reden) bis an die Knöchel in den Sand einsinkt, so sind zur Erleichterung der Passage Ziegelsteine von einem Hause zum anderen gelegt.

Die Häuser findet man häufig mit Resten von gestrandeten Schiffen decorirt, über der Thür vielleicht das Namenbrett eines gestrandeten Schiffes, welches an’s Land gespült wurde, vor dem Hause einen verrosteten Böller oder aus Schiffsplanken und Rippen gezimmerte kleine Buden und Ställe. Am Strande sieht man, bei niedrigem Wasserstande, nicht wenig Ueberreste gestrandeter Schiffe; aber Strandräuber sind die Juister nicht mehr, wie die von Heinrich Kruse so hübsch dargestellte Anekdote (Jahrg. 1879, Nr. 13) sie zeichnet; sie begnügen sich bei Schiffsunfällen mit ihrem Bergelohn.

Die Kirche, welche unter dem Wandel des Terrains bereits zum vierten Mal (?) ihre Stelle hat wechseln müssen, entbehrt jeden Schmuckes. Den Glockenthurm muß ein hölzernes Gerüst (jedenfalls aus Schiffsrippen zusammengefügt) ersetzen. Rings um die Kirche liegt der Friedhof der Juister. An manchem Kreuz oder Pfahl liest man: „Unbekannter, wurde – dann und dann – angetrieben“. Die Bewohner sind echte Friesen mit rauhem Aeußeren, wettergebräuntem Gesicht und klarem Auge, gegen Fremde im Anfang etwas wortkarg, jedoch sobald sie wissen, mit wem sie es zu thun haben, desto zuvorkommender und freundlicher. Selten wird Nachts eine Hausthür verschlossen, da man Diebstahl und Betrug nicht kennt, ebenso wenig Betteln.

Die Männer, in der Jugend meist Matrosen und später Fischer und besonders gerühmte Robbenjäger, kehren, soweit sie im Sommer auswärts thätig waren, aus Liebe zur Heimath gern im Herbst heim, und den ersten Sonntag nach der Ankunft benutzt jeder, um zur Kirche zu gehen. Sämmtliche Juister sind evangelisch-lutherisch und halten streng am alten Glauben fest.

Die Insel hat auch ihre Geschichte. Unter Drusus waren die Römer dort; am Anfang dieses Jahrhunderts war die Kirche eine französische Befestigung, und die Gemeinde entbehrte des öffentlichen Gottesdienstes und verarmte, während sie früher für reich galt.

Fr. Schr.

[136] Der Teufel im Kreuztopp, ein Seitenstück zum „Teufel im Großtopp“ (vergl. Jahrg. 1878, Nr. 27). „Wir waren auf der Reise von Honolulu nach Bremen und befanden uns etwa einen Grad nördlich des Aequators, wo wir in Windstille mit Regen und veränderlichen Winden einige Tage herumtrieben. Der Capitain hatte am Vormittage in seiner Kajüte geschrieben; die Thüren standen weit offen, und das Schiff ging nur träge, von flauem Winde getrieben, durch's Wasser.

Unter anderen Curiositäten hatten wir auch einen Affen an Bord, welcher durch ein Seitenfenster den Capitain beim Schreiben beobachtet hatte. Als nun dieser auf einige Minuten die Kajüte verläßt, um einmal auf Deck zu gehen, springt der Affe in die Kajüte, taucht seine Pfote in das große geschliffene Tintenfaß und bemalt, indem er stets wieder frisch eintunkt, nicht allein die Schreiberei des Capitains, sondern auch die weißlackirten Wände der Kajüte; es sah abscheulich aus. Als der Capitain nach einiger Zeit in die Kajüte tritt, sieht er die Bescheerung. Der Missethäter springt durch die Hinterthür auf Deck, der Capitain mit einem Stocke ihm nach; gerade wie das Thier auf dem Railing ist, um sich in den Kreuztopp zu flüchten, schlägt jener zu. Der Affe fällt über Bord und versinkt sogleich vor Aller Augen in's Meer. Wir suchen Längsseit von vorn nach hinten, um eine Spur von ihm zu entdecken – vergebens; der Affe ist fort, 'versoopen', wie wir Alle sagten.

Es war zwei Tage später, gerade acht Uhr Abends; der Himmel war mit dicken Wolken überzogen, und die leichten Segel wurden eingenommen. In den Kreuztopp wurden zwei Mann geschickt, um das Oberbramsegel festzumachen, voran ein Irländer, der ziemlich gut und oft sehr drollig Plattdeutsch sprach. Wie er unter den Mars kommt, fliegt ihm ein Knäuel Kabelgarn an den Kopf, worauf ein schwerer Marlpfeim bei ihm vorbeisaust und mit großem Gepolter auf Deck dicht vor den Füßen des Steuermanns hinfällt. Dieser schimpft auf die Beiden im Kreuztopp, indem er denkt, es hat einer von ihnen den Marlpfeim fallen lassen, jedoch in demselben Augenblicke kommt eine schwere Klopfkeule auf Deck geflogen, der Irländer und sein Camerad hinterdrein; sie hatten nicht soviel Zeit, die Strickleiter hinunter zu gehen, sondern hatten sich am Backstag auf Deck gelassen. Der Steuermann schimpft und will sie wieder hinaufjagen, doch der Irländer sagt mit vor Angst bebender Stimme: 'No, Sir, Se känen mi dotschlaan, ick ga nich rup; de Düwel is in'n Krütztopp.' Mittlerweile hatten wir Anderen eine Gruppe gebildet, und die Beiden wurden verlacht; zwei beherzte holsteiner Jungen wollten hinaufgehen, um das Segel festzumachen. Sie haben kaum den Mars erreicht, da regnet es förmlich Knäuel Schiemansgarn, Bekleidungs- und Klopfkeulen, Rollen von Platting und Schmarting, zuletzt eine Wurst; dann hört es auf und ein heftiger Krach im Mars beschließt diese Vorstellung.

Die beiden Holsteiner sind schon wieder bis auf den Railing retirirt; wir stehen alle mit offenen Mäulern. Inzwischen war auch der Capitain auf Deck gekommen und hatte die Teufelswirthschaft vernommen. Er geht darauf in die Kajüte, kommt mit einem Blaufeuer auf Deck und beleuchtet den Kreuztopp gerade in dem Augenblicke, wie der Knall geschieht. Aller Augen folgen der Beleuchtung, und siehe da, unser Affe springt die Stengwandten hinan. Wir alle lachten, und Manchem fiel ein Stein vom Herzen. Jetzt gingen zwei Mann hinauf und machten das Segel bei bengalischer Beleuchtung fest, ohne jedoch des Affen habhaft zu werden, der das Stengstag hinunter in den Großtopp ging; wir ließen ihn ruhig laufen. Jeder zerbrach sich aber den Kopf darüber, wie der Affe nach zwei Tagen in den Kreuztopp gekommen war.

Darüber sollte uns der Steward Auskunft geben, nachdem er am andern Morgen die Wurst als eine aus seiner Fleischkammer gestohlene erkannte.

Der Affe war, als er über Bord fiel, wirklich untergetaucht, jedoch durch den Sog (Strudel oder Wirbel, den das Schiff beim Segeln erzeugt) dicht am Schiffe festgehalten und hinten unter der Gellung des Hecks wieder aufgekommen, was wir von Deck natürlich nicht bemerken konnten; darauf hatte er sich wohl an den Ketten, die am Steuerruder befestigt sind, angeklammert und war so auf das Ruder und durch den Rudertrichter an Deck gekommen. Ueber dem Ruder war ein sogenanntes Ruderhaus und in demselben, gerade über dem offenen Rudertrichter eine Abtheilung, worin der Steward, weil es da stets kühl war, leicht in der Hitze verderbende Sachen, unter Anderem auch einige Mettwürste, aufbewahrte. Eine Thür mit einem kleinen Fenster ging nach hinten hinaus, und durch dieses Fenster, das er einschlug, war der Affe wahrscheinlich mit der gestohlenen Wurst in der Dunkelheit auf Deck entschlüpft. Hierauf hatte er aus dem Wasserfaß getrunken, was er überhaupt öfter that, wenn er Durst hatte, denn die Wasserpumpe fanden wir am andern Morgen auf dem Quarterdeck, wo er in den Kreuztopp gestiegen sein mußte. Im Topp stand eine Schiemanskiste, in welcher einige Marlpfeime, Bekleidungs- und Klopfkeulen, sowie Knäuel mit Kabel- und Schiemansgarn zum etwaigen Gebrauch stets vorräthig waren, und in dieser Kiste hatte sich der Affe häuslich niedergelassen. Aus seiner Ruhe gestört, warf er alles in der Kiste Befindliche den Heraufkommenden entgegen, zuletzt auch die Wurst, schlug den Deckel der Kiste mit furchtbarer Gewalt zu, als er sah, daß er keine Munition mehr hatte, und floh weiter. Nach drei Tagen erst wurden wir seiner habhaft; halb verhungert, wie er war, wurde er zur Strafe an eine Kette gelegt, zum großen Aerger des Steward, der ihn lieber gleich geköpft hätte für die Schmutzerei in der Kajüte, die er reinigen mußte. Der Irländer mußte jedoch die ganze Reise mit seinem 'Düwel im Krütztopp' herhalten.

Sie sehen also, daß der Teufel nicht allein im Großtopp in Gestalt eines Papageien, sondern auch im Kreuztopp in der eines Affen spuken kann.
C. Sch . .z.“




Zu den für die Jahre 1881 und 1882 in Aussicht genommenen internationalen Polarerforschungen. Ende April 1879 hatte der zweite internationale Meteorologen-Congreß in Rom eine Separat-Conferenz auf den 1. October desselben Jahres in Hamburg anberaumt, damit durch dieselbe Vorschläge (Wilczek-Weyprecht) zur systematischen wissenschaftlichen Erforschung der Polar-Gebiete berathen würden. In Folge dessen waren Einladungen an Regierungen, Gesellschaften und Private, von denen man Interesse für die Sache erwarten konnte, ergangen, jedoch war zur Bedingung gemacht, daß die Theilnehmer sich, als Delegirte von ihren resp. Regierungen oder Gesellschaften, mit Instructionen von denselben versehen lassen möchten.

Am 1. October 1879 erschienen mit bestimmten Zusagen von ihren Absendern in den Räumen der deutschen Seewarte in Hamburg: Professor Buys-Ballot, delegirt von Holland, Capitain Hoffmeyer für Dänemark, Professor Lenz für Rußland, Professor Mascart für Frankreich, Professor Mohn für Norwegen, Capitain von Schleinitz für Deutschland, Lieutenant Weyprecht für Oesterreich sowie auch für den Grafen Wilczeck, endlich Dr. Wijkander für Schweden. Unter Vorsitz des ebenfalls anwesenden Professor Neumayer, des Directors der „Deutschen Seewarte“ in Hamburg, begann die Conferenz ihre Verhandlungen und erwählte in erster Linie aus den Herren Mohn, Weyprecht und Wijkander eine Commission zur Ausarbeitung eines Programm-Entwurfes, der in Kürze darthun solle, in welcher Weise man mit Bezug auf Meteorologie, Erdmagnetismus, Hydrographie, mathematische Geographie und die physikalischen Naturwissenschaften im Allgemeinen einheitlich vorzugehen gedenke.

Die in der Conferenz gefaßten Entschlüsse mußten vor dem Druck allen Mitgliedern unterbreitet werden und sind daher erst jetzt durch Programme in engsten Kreisen bekannt geworden. Diese Beschlüsse gehen nun dahin, daß an bestimmten, innerhalb der Polarregionen liegenden Stationen Observatorien zu errichten sind, die mindestens während eines Jahres Beobachtungen in den vorher angeführten Wissenschaften anzustellen haben, und zwar hat man für die Nordbreite: Spitzbergen, Nord-Cap, Novaja-Zemlja, Lena-Mündung, Point-Barrow, einen Punkt im amerikanischen arktischen Inselarchipel, Upernivik und Jan Mayen, oder einen Punkt der Ostküste Grönlands, in Aussicht genommen, für die Südbreite: Süd-Georgieninsel, Kergueleninsel, Auckland oder Campbellinsel und Ballenyinsel.

Gleichzeitig mit diesen Untersuchungen in den arktischen und antarktischen Regionen will das internationale meteorologische Comité dahin wirken, daß während dieser Beobachtungsepoche die schon bestehenden magnetischen und meteorologischen Stationen möglichst umfangreich ihre Beobachtungen ausführen, und daß auch provisorische Stationen dort, wo dieselben nothwendig erscheinen, eingerichtet werden; gleichfalls sollen die Schiffe der Kriegs- und Handelsmarine der verschiedenen seefahrenden Nationen um möglichst regelmäßige Beobachtungen der meteorologischen Elemente während dieser Zeit ersucht werden.

Vor Schluß der Conferenz wurde durch die Wahl eines Präsidenten in der Person des Herrn Professor Neumayer die Constituirung einer internationalen Polar-Commission vollzogen, um die Möglichkeit zu bieten, zur Ausführung der einzelnen Beschlüsse, so weit die Initiative dazu bei der Commission liegt, vorgehen zu können. Da die einzelnen Mitglieder als Delegirte der respectiven Regierungen, Gesellschaften etc. mit Bezug auf ihre Befugniß zwar während der Conferenz keine bindenden Zusagen abgeben konnten, wohl aber constatirten, daß in maßgebenden Kreisen überall der Wille obwalte, bei genügender Betheiligung die Durchführung der gefaßten Beschlüsse mit in die Hand zu nehmen, so steht uns also für die kommenden zwei Jahre ein Unternehmen in Aussicht, wie es auf dem Gebiete der Welterforschung einzig dasteht. Und was Deutschland nicht außer Acht lassen sollte: es steht zum ersten Male bei einem derartigen internationalen Vorgehen ein Deutscher an der Spitze.
R. H.




Edison’s Lampe. Während die Tageszeitungen einerseits begierig auf jede in amerikanischen Zeitungen auftauchende Nachricht über neue Erfindungen Edison’s losstürzen und oft den unverantwortlichsten Unsinn eines Spaßvogels oder schlechtunterrichteten Reporters nachdrucken, beeilen sie sich ebenso kritiklos, die oft nur von neidischen Concurrenten im Ingenieurfache ausgehenden Bemängelungen ihren Lesern aufzutischen. So ist auf den Jubel über das „Licht der Zukunft“ sofort wieder das Geschrei und Verdammungsurtheil gefolgt: die Erfindung sei keinen Heller werth, der Erfinder sei ein Renommist, ein Speculant etc. Wer seine Mitwelt mit so epochemachenden Erfindungen überrascht hat, wie Edison, der kann nun einmal dem Geschrei der Reclame ebenso wenig wie dem mißgünstiger Nebenbuhler entgehen. Wir aber freuen uns, constatiren zu können, daß unsere reservirende Anmerkung zu dem Artikel über Edison’s elektrische Lampe in Nr. 5 der „Gartenlaube“ sich als unnöthig herausgestellt hat, daß diese „Lampe der Zukunft“ keine so ephemere Erfindung ist, wie gewisse Correspondenzen sehr durchsichtigen Ursprungs uns glauben machen möchten.

Im Berliner „Mikroskopischen Aquarium“ ist seit vierzehn Tagen eine solche Lampe in Thätigkeit und hat alle Tage verschiedene Stunden ihr prachtvolles Licht leuchten lassen, ohne daß der Papierkohlenbügel, wie sich unser wissenschaftlicher Gewährsmann überzeugte, die geringste Abnutzung und Zerstörung zeigte. Wenn nun auch nicht anzunehmen ist, daß die Papierkohle in alle Ewigkeit aushält, so ist ein eventueller Ersatz doch immer viel billiger, als der bisher alle paar Stunden nöthige der Jabloschkoff’schen Kerzen und ähnlicher elektrischer Leuchtvorrichtungen. Die Hauptschwierigkeit besteht darin, daß die Glaskugel nach der Erneuerung des „Dochtes“ von Neuem ausgepumpt werden muß, aber auch diese Operation ist so einfach, daß man bei allgemeiner Einführung der neuen Lampe für die Erneuerung wahrscheinlich nicht mehr als eine Mark zu zahlen haben würde. Auch versteht es sich ja wohl von selbst, daß der Kohlenbügel noch widerstandsfähiger hergestellt werden wird; ist doch keine Erfindung gleich vollkommen und der Nothwendigkeit wie Möglichkeit einer Verbesserung enthoben. Ein großer Fortschritt aber wird ohne Zweifel darin bestehen, daß dieses Princip jede Feuer- und Explosionsgefahr absolut ausschließt, was für manche Industriewerkstätten, Kohlengruben u. dergl. gewiß einen nicht hoch genug anzuschlagenden Vorzug bedeutet.
D. Red.



Verantwortlicher Redacteur Dr. Ernst Ziel in Leipzig. – Verlag von Ernst Keil in Leipzig. – Druck von Alexander Wiede in Leipzig.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: van der Beugghen