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Autor: Johann Nepomuk Czermak
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Titel: Ueber Hypnotismus bei Thieren, nebst gelegentlichen Bemerkungen über Naturwissenschaft und Spiritismus, Geistermanifestationen u. dergl.
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 9–11, S. 145–147; 160–162; 176–178
Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1873
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Zweiter Vortrag zur genauen wissenschaftlichen Beobachtung, mit Versuchen an verschiedenen Vögeln und Kritik am Spiritismus
Erster Vortrag
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[145]

Ueber Hypnotismus bei Thieren,

nebst gelegentlichen Bemerkungen über Naturwissenschaft und Spiritismus, Geistermanifestationen u. dergl.
Von Prof. Joh. Czermak.
Zweiter Vortrag.

Meine hochverehrten Anwesenden! Wir waren gestern in der Untersuchung des alten Kircher’schen sogenannten „Wunderexperiments über die Einbildungskraft der Hühner“ so weit gekommen, daß wir die völlige Entbehrlichkeit des fesselnden Bandes und des mysteriösen Kreidestrichs zur Hervorrufung des merkwürdigen Hemmungszustandes im Hühnernervensystem als thatsächlich constatirt hatten.

Dieser Thatsache gegenüber wollten uns, im ersten Anlauf, diese beiden Veranstaltungen als ein ganz bedeutungsloser Hocuspocus erscheinen, während uns das Geradestrecken und Niederdrücken des Halses und Kopfes auf die Unterlage als das eigentlich wirksame Hauptmoment unter den Versuchsbedingungen imponirte. Die durch das Geradestrecken und Niederdrücken des Halses und Kopfes möglicher Weise gesetzte leise, mechanische Dehnung oder Zerrung gewisser Theile des Gehirns und Rückenmarkes schien in der That den einzigen noch übrig gebliebenen physiologisch-plausiblen Erklärungsgrund für den beobachteten Zaubereffect abzugeben, da wir uns damit doch nicht begnügen konnten und wollten, den nicht näher definirbaren allgemeinen psychischen Eindruck des Ueberwältigens und des Festhaltens auf die Thiere als den alleinigen wirksamen Factor anzusehen.

Allein so einleuchtend dies Alles schien, wir hüteten uns wohl – nach Laienart – bei einer ungenau beobachteten Thatsache stehen zu bleiben, denn wir konnten uns als nüchterne Naturbeobachter der Einsicht nicht verschließen, daß einerseits die nachgewiesene völlige Entbehrlichkeit des fesselnden Bandes und des Kreidestrichs noch lange keinen Beweis für ihre völlige Bedeutungs- und Wirkungslosigkeit an sich abgiebt, andererseits aber die supponirte besondere Wirksamkeit des Geradestreckens und Niederdrückens des Halses und Kopfes noch in keiner Weise thatsächlich begründet ist.

So wollen wir denn heute, wie bereits angekündigt, unsere Untersuchung wieder aufnehmen und zu Ende führen, um schließlich einige aufklärende Bemerkungen über Naturwissenschaft und Spiritismus, Geistermanifestationen u. dgl. anzuknüpfen.

Vor Allem will ich hervorheben, daß uns die weitere Untersuchung unseres Gegenstandes gestattet, den hypothetischen Gedanken an die besondere Wirksamkeit der Geradestreckung des Halses und Kopfes, vorläufig wenigstens, ganz fallen zu lassen, denn es wollte mir nicht gelingen, Tauben, die, wie die Hühner, in der Bauch- oder Seitenlage festgehalten wurden, durch einfaches Geradestrecken und Niederdrücken des Halses und Kopfes auf die Unterlage regungslos zu machen, obschon doch bei ihnen die gleiche Möglichkeit oder Wahrscheinlichkeit für eine hierdurch bewirkte leise, mechanische Dehnung gewisser Hirn- und Rückenmarkstheile vorlag, wie bei Hühnern, Enten, Gänsen, Truthühnern und beim Schwan.

Dagegen lehren die neuen Controlversuche, welche ich hierüber [146] anstellte, daß die sanfte, aber unwiderstehliche Gewalt, welche den widerstrebenden Muskeln angethan wird, indem man die geängstigten Thiere festhält und bezwingt, ferner der Druck auf die Hautnerven, welche beim Berühren, Festhalten oder gar Binden der Thiere unvermeidlich ist, und endlich ganz besonders auch das anscheinend so sinnlose Hinmalen des Kreidestrichs unzweifelhaft von Bedeutung und Wirksamkeit sind.

Es kommt nämlich sehr häufig der Fall vor, daß ein Huhn, welches soeben, nach minutenlanger Regungslosigkeit, die man durch einfaches Niederhalten desselben und Geradestrecken seines Halses und Kopfes auf die Unterlage hervorgerufen hatte, erwacht und entflohen war, sofort aber wieder eingefangen wird, augenblicklich in den wunderbaren lethargischen Zustand zurückversetzt werden kann, wenn man das auf seinen Füßen stehende Thier in die hockende Bauchstellung niederdrückt, indem man einfach mit der auf seinen Rücken gelegten Hand den Muskelwiderstand mit sanfter, aber unwiderstehlicher Gewalt überwindet. Schon während des langsamen und gleichmäßigen Niederdrückens beobachtet man oft ein höchst merkwürdiges Verhalten des völlig frei und unberührt gelassenen Halses und Kopfes.

Der Kopf bleibt nämlich, wie von unsichtbarer Hand festgehalten, an seinem Ort im Raume fixirt, während sich der Hals in dem Maße streckt und verlängert, als der Rumpf allmählich nach unten rückt.

Wird nun das völlig niedergeduckte Thier ganz frei gelassen, so bleibt es minutenlang in dieser absonderlichen, gestreckten Halshaltung mit offenen Augen starr hocken.

– (Zur Erläuterung des Gesagten ließ der Vortragende ein Huhn bringen, welches er durch einfaches Niederhalten und Geradestrecken des Halses und Kopfes auf die Tischplatte in jenen wunderbaren Zustand von Regungslosigkeit und Benommenheit versetzte; das wiedererwachte Thier zeigte dann deutliche Spuren einer sofortigen Rückkehr des fraglichen Zustandes, als es mit einer Hand, ohne daß Hals und Kopf berührt worden wären, aus der stehenden in die hockende Stellung niedergeduckt wurde.) –

Hier ist also der fragliche Zustand thatsächlich nur die Folge und Wirkung der Berührung, welche die Hautnerven erregt, und der sanften Gewalt, welche den Muskelwiderstand des Thieres überwindet;[1] freilich hatte sich das Thier bereits kurz vorher in demselben Zustand der Regungslosigkeit und Benommenheit befunden, was eine besondere Geneigtheit zurückgelassen haben konnte, bei der geringsten Veranlassung in denselben zurückzuverfallen, obschon allerdings das Erwachen, die Flucht und das Wiedereingefangenwerden, also der völlig normale Zustand der Leistungfähigkeit und Erholung des Nervensystems dazwischen liegt.

Aehnliche Erfahrungen, bei denen sich augenscheinlich zunächst auch nur der Einfluß und die Wirkung des Druckes auf die Hautnerven und der sanften Gewalt manifestirt, welche man den Muskeln der geängstigten Thiere anthut, indem man sie festhält und bezwingt, lassen sich bekanntlich an kleinen Vögeln machen.

Es ist eine den Vogelliebhabern längst bekannte Thatsache, daß man Zeisige, Stieglitze, Kanarienvögel etc. der normalen Leistungsfähigkeit ihres Nervensystems sofort berauben kann, so daß sie minutenlang regungslos bleiben, wenn man sie einfach kurze Zeit mit sanfter Gewalt in der Rückenlage festhält, und dann ganz frei läßt. Bei der Lebhaftigkeit dieser scheuen Geschöpfe sind diese Versuche besonders auffallend und überraschend, wie ich Sie sogleich durch die unmittelbare Anschauung zu überzeugen versuchen werde. Doch muß ich auch diesmal dem üblen Eindruck eines möglichen Mißlingens durch die ausdrückliche Bemerkung vorbeugen, daß wir den sonst fast nie versagenden Versuch unter neuen und ungewöhnlichen Umständen anstellen, welche vielleicht von störendem Einfluß auf die leicht erregbaren Thierchen sind.

Hier in meiner Hand ist ein ganz frisch vom Markt geholter, munterer, scheuer Vogel. Wenn ich ihn nun mit etwas nach hinten übergebogenem Kopfe, den ich von den Seiten her zwischen Daumen und Zeigefinger der linken Hand fasse, auf den Rücken lege und in dieser Lage einige Augenblicke sanft festhalte, so wird er, nachdem ich beide Hände entfernt habe – und wenn sonst keine ungewöhnlichen Störungen eingetreten sind – zwar heftig athmend, sonst aber unbeweglich und wie von einem Zauber befangen kürzere oder längere Zeit ganz frei liegen bleiben, ohne einen Versuch zu machen, seine unnatürliche Lage zu verändern oder gar fortzufliegen.

– (Demonstration: zwei der herbeigebrachten Vögelchen wurden vergeblich in der angegebenen Weise behandelt, erst das dritte – ein Zeisig – verfiel in eclatanter Weise in den schlafähnlichen Zustand und blieb, ganz freigelassen, völlig regungslos auf dem Rücken liegen, bis es endlich nach vielen Minuten unter einem Glassturz wieder erwachte und munter flatternd umhersprang, den der Vortragende über das schlafähnlich benommene Thierchen – ohne es hierdurch erweckt zu haben – gestülpt hatte.) –

Auch in sitzender oder hockender Stellung, mit etwas nach hinten übergebogenem Kopf festgehalten, gerathen die Vögelchen – wie ich gefunden habe – trotz ihrer offenen Augen in diesen, sozusagen verzauberten, schlafartigen Zustand; ja es ist mir oft begegnet, daß die Thierchen unter diesen Umständen sogleich oder nach einiger Zeit die Augen schlossen und für Minuten, ja bis zu einer Viertelstunde und darüber, hockend oder selbst stehend, mehr oder weniger fest einschliefen.

Ich kann nicht unterlassen, hier beiläufig mit besonderem Dank hervorzuheben, daß mir unser strebsamer Naturalienhändler, Herr Geupel-White, mit der größten Bereitwilligkeit das reiche Material seines Thiergartens in Connewitz an in- und ausländischen Luxus-Vögelchen zu diesen Versuchen zur Disposition gestellt hat. Auch den früher erwähnten Versuch mit dem Schwan habe ich im Geupel-White’schen Thiergarten angestellt.

Bei den Versuchen an den kleinen Vögelchen wird der fragliche Zustand von Benommenheit und Regungslosigkeit, der sogar in wirklichen Schlaf übergehen kann, offenbar zunächst auch nur durch die Folgen des Eindruckes hervorgerufen, welchen wir durch die Berührung der Haut und die Ueberwältigung der widerstrebenden Muskeln auf die geängstigten Thiere ausüben, obschon noch andere Momente mitwirken mögen, wie uns im Verlaufe unserer Untersuchung sogar wahrscheinlich werden wird. –

Daß aber die Erregung gewisser Hautnerven durch Druck oder Pressung schon ganz allein die normale Functionsfähigkeit gewisser Theile der animalen Nervencentralorgane für längere Zeit mächtig verändern, und einen ganz eigenthümlichen Zustand von Stupidität oder Willenlosigkeit herbeiführen kann, das beweist der folgende, höchst interessante Versuch am Frosch, welchen Dr. Lewissohn in Berlin angegeben und näher untersucht hat.

Wenn man einen normalen Frosch auf den Rücken legt, so bleibt er in dieser unnatürlichen Position in der Regel nicht einen Augenblick liegen, sondern dreht sich sofort um und entflieht – wie Sie selbst an diesem etwas entkräfteten Winterfrosch hier sehen können, wenn ich ihn auf den Rücken zu legen versuche.

Achten Sie nun auf den überraschenden Erfolg, den es haben wird, wenn wir ihm jeden seiner Oberarme mit einer Bindfadenschlinge mäßig fest umschnüren.

– (Der Vortragende brachte nun an die beiden Oberarme des Frosches Fadenschlingen an, zog dieselben mäßig fest zu und legte dann das Thier, wie vorher, auf den Rücken.) –

Sie sehen, jetzt bleibt der widerspenstige Frosch, heftig athmend, sonst aber vollkommen regungslos, auf dem Rücken liegen und kann nicht den geringsten Fluchtversuch machen, selbst wenn ich ihn, wie Sie sehen, berühre und aufzuscheuchen suche. Es ist, wie wenn er, wie durch einen Zauber, sein bischen Verstand und Willenskraft verloren hätte und nicht recht bei sich wäre, oder gar mit offenen Augen schliefe; – ein ganz analoger Zustand, wie wir ihn auch bei den Krebsen, Hühnern und Vögelchen eintreten sahen. Nur ist der ursächliche Zusammenhang der Erscheinungen beim Frosch viel klarer und einfacher.

Jetzt hebe ich den Druck auf die Hautnerven des Frosches auf, indem ich die Fadenschlingen an dem Oberarm löse und entferne. Noch bleibt das Thier, wegen zurückbleibender Nachwirkung, regungslos auf dem Rücken liegen; endlich aber kommt es ganz zu sich, dreht sich um und entflieht schleunigst.

Daß sich’s hier gewiß um die Hemmung der motorischen Nervencentren in Folge des Eindruckes auf die sensiblen Hautnervenfasern handelt, hat Lewissohn dadurch bewiesen, daß bei diesem Versuche einerseits die motorischen, den Bewegungsimpuls auf die Muskeln übertragenden Nervenfasern, die aus den sogenannten motorischen Centren des Gehirns und Rückenmarkes [147] entspringen, vollkommen leistungsfähig bleiben, andererseits aber der wunderbare Zustand der Stupidität oder Willenslosigkeit gar nicht mehr eintritt, wenn man vor Anlegung der Fadenschlingen die sensiblen Hautnerven durchschnitten hat. – Zuweilen gelingt es allerdings auch, den Frosch ohne Anlegung schnürender Bindfadenschlingen bei vorsichtigem Hinlegen auf den Rücken regungslos zu machen; allein dies beweist nichts gegen die Stichhaltigkeit der Lewissohn’schen Ermittelungen. –

Doch kehren wir zu unserem alten Kircher’schen „experimentum mirabile“ am Huhn zurück.

Nach der Analogie der zuletzt mitgetheilten Erfahrungen am Frosch mag das Zusammenschnüren der Füße des Huhns, so entbehrlich es auch ist, dennoch nicht blos dadurch, daß es das Thier fesseln und bezwingen hilft, sondern wohl auch dadurch, daß es die Hautnerven preßt, als eines der causalen Momente, etwas mit beitragen zur Hervorbringung des wunderbaren Effectes beim Kircher’schen Versuch, zu dessen Erklärung sich also das Zusammenwirken einer Reihe von Momenten geltend machen läßt. –

Nun bleibt uns noch der interessanteste Theil unserer Untersuchung übrig, der uns, wie ich vorweg bemerken will, hart an die bedenklichen und anrüchigen Gebiete des Mesmerismus und Somnambulismus führen wird. Es handelt sich nämlich jetzt noch um die Entscheidung der Frage: hat das, wie wir sahen, thatsächlich völlig entbehrliche Hinmalen des Kreidestrichs in dem Kircher’schen Experimente dennoch auch irgend eine Bedeutung? und welche?

Ich habe schon früher erwähnt, daß es mir nicht gelingen wollte, Tauben, welche ich wie die Hühner behandelte, indem ich ihren Leib festhielt und ihren gerade gestreckten Hals und Kopf einige Zeit auf die Unterlage sanft niederdrückte, in jenen Zustand der Benommenheit und Regungslosigkeit zu versetzen.

Ich versuchte es daher, die Tauben wie die kleinen Vögelchen zu behandeln, d. h. sie in der Rückenlage mit etwas nach hinten übergebeugtem Kopfe, den ich an beiden Seiten zwischen Daumen und Zeigefinger der einen Hand faßte, während die andere den Leib hielt, auf eine Unterlage sanft niederzudrücken.

Allein auch dieses Verfahren, welches bei den kleinen Vögelchen so wirksam ist, schien anfangs bei den Tauben zu versagen. Fast immer flogen sie mir augenblicklich davon, sobald ich sie losgelassen und meine Hände ganz entfernt hatte. Ich bemerkte jedoch bald, daß die kurze Zeit, während welcher die Tauben zwischen meinen sich lösenden Fingern denn doch immer noch ruhig bleiben mußten, beträchtlich wuchs, ja zu vielen Minuten sich ausdehnte, wenn ich die Finger der Hand, welche den Kopf hielt, auseinander that, die Hand selbst aber nur wenig zurückzog oder überhaupt gar nicht entfernte. Die den Leib des Thieres haltende Hand konnte schon viel früher loslassen, und ohne Schaden ganz entfernt werden.

Indem ich diese Spur von neuen Thatsachen eifrig weiter verfolgte, fand ich zu meiner Ueberraschung, daß es sich dabei um die Fixirung des Blickes und der Aufmerksamkeit der Taube auf meine nahe vor ihren Augen befindlichen Finger handelte.

Dieses bisher unberücksichtigt gebliebene Moment ist es, welches, wie ich oben andeutete und hier noch mit einer Ergänzung wiederholen will, nicht nur bei den Versuchen mit den kleinen Vögelchen, sondern auch bei meinem vereinfachten Verfahren mit Hühnern wirksam werden mag; ja ich konnte mich nun kaum der Vermuthung entschlagen, daß dieses Moment überhaupt von ganz besonderer Wirksamkeit sei und selbst dann sich geltend machen dürfte, wenn dem Blicke des Thieres kein besonderes Sehobject absichtlich dargeboten wird, wie bei meinem vereinfachten Verfahren bei den Hühnern.

Um zunächst die Wirksamkeit dieses Momentes überhaupt erst zu constatiren, versuchte ich einer Taube, die ich in beliebiger Stellung mit der linken Hand am Rumpfe festhielt und niederdrückte, deren Hals und Kopf jedoch ganz frei und unberührt blieb, einen Finger meiner rechten Hand ganz knapp vor die Stirnschnabelwurzelgegend zu hatten – und siehe da, gleich die erste Taube, mit welcher ich diesen Versuch vornahm, blieb, ganz freigelassen, starr und regungslos, wie gebannt, minutenlang vor dem ausgestreckten Zeigefinger meiner rechten Hand liegen!

Ja, ich konnte die linke Hand, mit welcher ich den Rumpf gehalten, und die ich dann entfernt hatte, dem Thiere wieder nähern, ohne es aufzuscheuchen, es mit derselben ergreifen, aus der Bauchlage auf den Rücken wenden, – das Thier ließ willenlos Alles mit sich geschehen, während ich mit dem knapp vorgehaltenen, ausgestreckten Zeigefinger der rechten Hand ununterbrochen nach der Stirnschnabelwurzel zielte.

– (Der Vortragende demonstrirte diesen Versuch in gelungenster Weise mit einer herbeigebrachten Taube, einem sogenannten „Tümmler“.) –

Ich habe diesen höchst frappanten Versuch wiederholt und an einer Reihe von verschiedenen Taubenindividuen angestellt, doch weiß ich nicht, ob sich zu diesem Versuche geeignete Thiere häufiger finden, denn es versteht sich von selbst, daß derselbe nicht immer in gleich eclatanter Weise gelingen kann, da es sich dabei wesentlich um die Fixirung des Blickes und die Concentration der Aufmerksamkeit der Thiere handelt. Individuelle innere Verhältnisse und Verschiedenheiten, sowie äußere Umstände müssen nothwendig von förderndem oder störendem Einflusse sein, ob sich die Thiere der dabei erforderlichen Anstrengung gewisser Theile ihres Gehirns mit mehr oder weniger Geneigtheit und Ausschließlichkeit hingeben wollen oder müssen, oder nicht. Sie begreifen nun, warum und wie wenig man für den Erfolg aller jener Versuche, in welchen dieses Moment eine Rolle spielt, von vornherein – namentlich unter ungewöhnlichen Umständen – einstehen kann!

Oft sieht man deutlich, wie sich z. B. eine Taube durch ängstliches Abwenden des Kopfes dem Banne zu entziehen sucht; folgt man jedoch ebenso hartnäckig den oft ganz absonderlichen und charakteristischen Fluchtbewegungen des Halses und Kopfes mit dem vorgehaltenen Finger, so erreicht man entweder sein Ziel, oder man macht die Taube so perplex und aufgeregt, daß sie sich nur dadurch beruhigen läßt, daß man sie, an Leib und Kopf festhaltend, einige Zeit in der Rückenlage mit sanfter Gewalt niederzwingt. Es ist damit, wie Schopenhauer vom Einschlafen sagt: „Das Gehirn muß anbeißen!“

Beiläufig will ich hier nicht unerwähnt lassen, daß ein in meinem Hause gehaltener zahmer Papagei, ohne irgend welche vorhergehende Berührung oder sonstige Beeinflussung, durch einfaches unverrücktes Vorhalten eines Fingers knapp über der Stirnschnabelwurzelgegend, zu verschiedenen Malen in einen schlafähnlichen Zustand versetzt werden konnte.

[160] Doch lassen Sie mich, meine hochverehrten Anwesenden, eilen, Ihnen darzulegen, daß man bei dem höchst auffallenden und eigenthümlichen Einfluß, den das Vorhalten des Fingers auf die Tauben thatsächlich ausübt, vernünftiger Weise auch nicht entfernt an mystische Agentien, wie thierischen Magnetismus, Od etc. denken dürfe oder gar müsse, Agentien, welche irgendwie aus der lebendigen Organisation des Experimentators herbeifließen und etwa von dem vorgehaltenen Finger ausstrahlen sollen; eine Glaskugel, ein Korkstöpsel, eine kleine Wachskerze, oder sonst ein unverdächtiger, gleichgültiger, lebloser Gegenstand, der auf einem passenden Gestelle befestigt oder der Taube geradezu auf die Stirnschnabelwurzelgegend festgeklebt wird, thut genau dieselben Zauberdienste, wie der Finger der Menschenhand, nur muß man natürlich dafür sorgen, daß das Thier irgendwie, zum Beispiel durch vorhergehende sanfte Ueberwältigung, in die Stimmung versetzt wird, Blick und Aufmerksamkeit längere Zeit auf den Gegenstand zu fixiren, daß, mit einem Wort, sein Gehirn „anbeißt“. –

Ich habe Tauben, ganz freigelassen, minutenlang mit offenen Augen, welche sich dann allmählich wie schlaftrunken schlossen, regungslos sitzen bleiben sehen, nachdem ich ihnen, statt des vorgehaltenen Fingers, ein Zündhölzchen oder ein Wachskerzchen quer auf die Schnabelwurzel geklebt hatte.

Auch mit Hühnern gelingen diese Versuche oft in ganz überraschender Weise. So habe ich wiederholt Hühner, deren Hals und Kopf frei und unberührt blieb, zwischen beiden Händen am Rumpfe gefaßt, mit sanfter Gewalt in die hockende Stellung niedergedrückt und gegen ein Gestell herangeschoben, an welchem zum Beispiel eine kaum wallnußgroße Glaskugel in solcher Höhe befestigt war, daß sie ganz knapp über die Schnabelwurzel des Hühnerkopfes zu stehen kam. Ganz freigelassen, blieb das Thier dann minutenlang, regungslos die Glaskugel anstarrend, sitzen. Dasselbe geschah, wenn ich dem Blicke des Huhnes statt der auf dem Gestell befestigten Glaskugel einen Korkstöpsel darbot, den ich ihm flink auf die Schnabelwurzel festgeklebt hatte.

Endlich will ich noch erwähnen, daß ich den niedergehaltenen Hühnern auch ein kurzes Stück Bindfaden oder ein geknicktes Holzstäbchen, ein hufeisenförmig ausgeschnittenes Stück Pappe, wie ein „Reiterlein“ quer über den Kamm hängte, so daß die Enden dieser Körper knapp vor den Augen herabhingen, und zwar erwähne ich diese Versuche besonders, weil es sich bei denselben ereignete, daß die freigelassenen Hühner nicht nur minutenlang regungslos sitzen blieben, sondern die Augen schlossen und geradezu einschliefen, wobei der Kopf bis zur Berührung der Schnabelspitze mit der Tischplatte herabsank und die Glieder sich in Erschlaffung lösten.

Noch bevor die Hühner einschliefen, konnte bisweilen ihr Kopf durch einen sanften Druck auf den Scheitel nach unten gedrückt oder umgekehrt hoch emporgehoben werden und verblieb dann starr in der gegebenen Stellung, wie wenn er auf einem Halse von Wachs säße. Das ist aber ein Symptom des sogenannten kataleptischen Zustandes, wie er auch beim Menschen unter pathologischen Verhältnissen des Nervensystems und beim sogenannten „Hypnotismus“ beobachtet wird.

Nachdem ich die eben mitgetheilten und theilweise vorgeführten Thatsachen bei den Tauben und Hühnern entdeckt hatte, war mir nun sofort zweierlei klar:

Erstens, daß das Ziehen des Kreidestrichs im Kircher’schen Experiment allerdings etwas und – was es zu bedeuten habe; – es giebt die die Kreide führende Hand und der gezogene Strich ein Object ab, auf welches das Thier den Blick und die Aufmerksamkeit richtet, durch welche Anstrengung allein schon ein räthselhaft veränderter Zustand der Leistungsfähigkeit gewisser Theile des animalen Nervensystems hervorgerufen werden, von kataleptischen Erscheinungen begleitet sein und in Schlaf übergehen kann; und

zweitens, daß es somit, wie man zwar schon längst vermuthet und sogar ausgesprochen, bisher aber noch niemals genauer untersucht und erwiesen hat, thatsächlich auch bei Thieren echte sogenannte „hypnotische“ (von ὕπνος der Schlaf) Erscheinungen giebt; das heißt jene eigenthümlichen und räthselhaften, schlafähnlichen, mitunter von kataleptischen Erscheinungen begleiteten und in Schlaf übergehenden Verstimmungen oder Alterationen des Nervensystems, welche bei manchen Menschen eben durch einfache, gespannte Fixirung des Blickes auf einen gleichgültigen kleinen Gegenstand und durch Concentration des Willens, behufs der Ablenkung der Aufmerksamkeit von den bunt wechselnden Eindrücken der Außenwelt auf den gleichförmigen Zustand des unverwandten Blickes oder einer sonstigen monotonen Action oder Wahrnehmung hervorgerufen werden können.

Es ist bekannt, daß im Jahre 1841 M. Braid, ein schottischer, in Manchester etablirter Chirurg, welcher den öffentlichen „mesmerischen“ Schaustellungen des „Magnetiseurs“ Lafontaine beigewohnt hatte, zuerst auf die Idee kam, daß die als Wirkungen eines mysteriösen, sogenannten magnetischen Fluidums proclamirten und producirten sonderbaren Erscheinungen wohl nur eine ganz natürliche Folge der Starrheit des Blickes und der intensiven Abstraction der Aufmerksamkeit sein könnten, welche sich bei den Versuchsindividuen unter den monotonen Manipulationen des Magnetiseurs einzustellen pflegen.

M. Braid bewies in der That durch seine Versuche die völlige Entbehrlichkeit eines sogenannten Magnetiseurs und seines vermeintlichen, durch gewisse Manipulationen von ihm aus- und überströmenden, geheimnißvollen Agens oder Fluidums; er lehrte nämlich die dafür empfänglichen Versuchsindividuen sich selbst willkürlich in jene sogenannten magnetischen, schlafartigen Zustände einfach dadurch versetzen, daß sie einen beliebigen, leblosen Gegenstand mit gespannter Aufmerksamkeit und unverwandtem Blicke längere Zeit fixirten. Es ist hiernach klar, daß der durch die Starrheit des Blickes und durch die Abstraction der Aufmerksamkeit in einem Theile des Gehirns willkürlich hervorrufbare Zustand der Nervenelemente jene anderen Hirntheile in Mitleidenschaft zieht und in ihrer Function verändert, an deren normale Thätigkeit die Erscheinungen des Willens und der Intelligenz geknüpft sind. Dies ist der thatsächliche, natürliche, physiologische Zusammenhang dieser mysteriösen Erscheinungen, nur bleibt noch zu ermitteln, welche Gehirntheile primär und secundär dabei betheiligt sind und verändert werden, und worin diese Veränderungen eigentlich bestehen.

Nach Braid’s Bericht hatten sich zum Beispiel bei einer Gelegenheit, in Gegenwart von achthundert Personen, zehn von vierzehn erwachsenen Männern durch dieses einfache Verfahren in hypnotische Zustände versetzt.

Alle hatten den Versuch zu gleicher Zeit begonnen; die Einen, indem sie die Augen auf einen an ihrer Stirn vorspringenden befestigten Kork richteten, die Anderen, indem sie mit ihrem Blick beliebig gewählte, feste Punkte im Versammlungslocal fixirten.

Schon nach zehn Minuten hatten sich die Augenlider dieser zehn Personen unwillkürlich geschlossen. Bei Einigen blieb dabei das Bewußtsein erhalten, Andere waren in Katalepsie und vollständige Unempfindlichkeit gegen Nadelstiche verfallen, Andere endlich wußten beim Erwachen von Allem, was während ihres Schlafes mit ihnen geschehen war, absolut nichts. Ja noch mehr, drei Personen aus der Zuhörerschaft fanden sich ebenfalls eingeschlafen, indem sie ohne Wissen Braid’s das angegebene Verfahren befolgt hatten, welches einfach darin bestand, den Blick starr und unverwandt auf einen Punkt im Versammlungslocale zu richten.

Braid’s Versuche, welche als der erste Anfang einer nüchternen, wissenschaftlichen Untersuchung äußerst verwickelter und mit Recht verdächtiger Nervenerscheinungen zu bezeichnen sind, fanden damals nicht jene bleibende Beachtung und Würdigung, welche sie verdienten, und geriethen bald in Vergessenheit; – was sich aus ihrer unliebsamen Verquickung mit dem Mesmerismus sattsam erklärt, obschon gerade jener Lafontaine, dessen „magnetische“ [161] Schaustellungen für Braid die erste Veranlassung zu seinen Untersuchungen geworden waren, nicht ohne Animosität auf’s Lauteste dagegen protestirte, daß der „Hypnotismus“ oder „Braidismus“ mit seinem „Mesmerismus“ identisch sei.

Leider kam noch dazu, daß Braid selbst, im weiteren Verlaufe seiner Beschäftigung mit diesen heiklen Dingen, seine anfängliche Nüchternheit und wissenschaftliche Strenge als Forscher allmählich eingebüßt zu haben scheint, und daß bald darauf, seit 1848, der Amerikaner M. Grimes mit seiner „Electro-Biologie“ hervortrat und jene intellectuelle Epidemie der Mediumwirthschaft und des ganzen spiritistischen Spuks hereinbrach, welche wir staunend miterlebten und fast alle Welt mehr oder weniger unheilbar ergreifen sahen! Da war es wohl kein Wunder, daß auch der Hypnotismus oder Braidismus in Mißcredit gerieth und von der Wissenschaft unbeachtet blieb.

Nur einmal, im Anfang der sechsziger Jahre, fesselte er, freilich nur sehr vorübergehend, das ernste wissenschaftliche Interesse, nachdem nämlich im December 1859 Velpeau und Broca, zwei angesehene französische Chirurgen, der Société de Chirurgie in Paris ihren das ungeheuerste Aufsehen erregenden Bericht über eine schmerzhafte Operation erstattet hatten, welche sie an einer nach Braid’s Verfahren in den hypnotischen Zustand versetzten vierundzwanzigjährigen Frauensperson ausgeführt hatten, ohne derselben den geringsten Schmerz verursacht zu haben. Damals wurde in den Journalen auch vielfach der Versuche über „Hypnotisation“ der Hühner gedacht, deren Beschreibung sich schon in einem Werke des Pater Kircher gefunden hätte!

Allein, charakteristisch genug für die nur nach praktischer Verwerthung der wiederverkündeten frohen Botschaft jagende Hast jener Tage – auch damals hat sich meines Wissens Niemand mit der Untersuchung des alten Kircher’schen experimentum mirabile ernstlich befaßt und nachzuweisen gesucht, daß es sich dabei in der That um echte hypnotische Zustände handelt, obschon dies doch von einleuchtender Bedeutung für die wissenschaftliche Lösung der damals brennenden Frage vom Hypnotismus überhaupt gewesen wäre, da man einerseits bei Thieren vor jedem Gedanken an Betrug und absichtliche Täuschung sicher ist, andererseits aber alle Hülfsmittel der exacten physiologischen Forschung – bis zu vivisectorischen Eingriffen – in Anwendung bringen kann, um das eigentliche Wesen der diesen wunderbaren Erscheinungen zu Grunde liegenden materiellen Veränderungen zu ergründen. Dieser Nachweis des Vorkommens echter hypnotischer Erscheinungen bei Thieren ist nun das vorläufige wissenschaftliche Endresultat meiner soeben mitgetheilten Beobachtungen und Versuche, welche ich noch weiter zu verfolgen und namentlich auch auf Säugethiere, an denen ich noch nicht experimentirte, auszudehnen gedenke. –

Dieselben haben aber für uns noch ein anderes Interesse. Sie haben uns schlagend gezeigt, wie schwer es ist, aus dem trügerischen Gebiete der „ungenau beobachteten“ Thatsache heraus auf den festen sicheren Boden wirklich thatsächlichen Geschehens zu gelangen; sie haben uns ferner gezeigt, welche Umsicht, welche Strenge des Beweises, welche Schärfe der Kritik die naturwissenschaftliche Forschung unbedingt fordern muß, wenn es sich um die Auffindung und Constatirung von Thatsachen handelt – und endlich haben sie jeden Einsichtigen erkennen lassen müssen, wie wenig Gewicht das aufrichtigste Zeugniß der glaubwürdigsten und ehrenhaftesten Personen für die Wissenschaft haben kann, wenn jene Personen – trotz aller Ehrenhaftigkeit und aller sonstigen, vielleicht selbst naturwissenschaftlichen Bildung – vom Geiste der exacten Naturforschung doch nicht wirklich und nicht völlig durchdrungen sind.

Ist aber diese überhaupt nie zu vernachlässigende Vorsicht bei der Werthschätzung von Berichterstattungen und Zeugnissen, namentlich über solche thatsächliche Erscheinungen, welche aus dem Rahmen der gewöhnlichen Naturvorgänge herauszutreten scheinen, schon dann besonders gerechtfertigt, wenn, wie bei hypnotischen Zuständen der Thiere, jede Spur eines Verdachtes von absichtlicher Täuschung und Betrug ausgeschlossen ist: um wieviel mehr ist dann selbstverständlich Zweifel, Zurückhaltung und Ablehnung unabweisliches Gebot und Pflicht, wenn es sich um Erscheinungsgebiete handelt, welche einerseits dem ganzen bisherigen sicheren Besitz der Wissenschaft Hohn sprechen, andererseits nicht nur dem Verdacht, sondern, zuweilen wenigstens, notorisch einem wirklichen Hineinspielen von absichtlicher Täuschung und Betrug unterliegen! Dieses letzteren, zwiefach bedenklichen Charakters erfreuen sich nun aber, wie jeder Besonnene zugeben muß, zweifellos die von Tausenden von Augen- und Ohrenzeugen berichteten und für wirklich gehaltenen Erscheinungen im Gebiete des Mesmerismus, der Hellseherei, des Spiritismus, der Geistermanifestationen etc.

Indessen, die strenge Naturwissenschaft, als eine Erfahrungswissenschaft, entscheidet sich niemals a priori, und der angedeutete, zwiefach bedenkliche Charakter an sich würde die Wissenschaft niemals abhalten, Erscheinungsgebiete solchen Charakters ernstlich in den Bereich ihrer Forschung und Prüfung zu ziehen – und dennoch verhält sich die Wissenschaft unserer Tage gegenüber dem Spiritismus und den verwandten Gebieten in jeder Hinsicht absolut ablehnend! Sollten etwa die leidenschaftlichen Anklagen und Vorwürfe, welchen die Vertreter der Wissenschaft und die Wissenschaft selbst, eben wegen ihres bisher unerschütterten, absolut ablehnenden Verhaltens, von Seiten der zahllosen fanatischen Bearbeiter und Gläubigen dieser mysteriösen Gebiete fortwährend ausgesetzt sind, am Ende doch nicht ganz unberechtigt sein?

Keineswegs!

Es wird mir leicht sein, vor Ihrem Urtheil, meine hochverehrten Anwesenden, nach Allem, was Sie hier gesehen und gehört haben, die viel verketzerte Haltung der Wissenschaft und ihrer echten Vertreter vollkommen zu rechtfertigen, oder doch zu erklären und zu entschuldigen, jene Vorwürfe und Anklagen aber einmal gebührend zurückzuweisen und abzufertigen. – Ich glaubte mich dieser undankbaren Aufgabe, als einer Pflicht meiner besonderen Berufsthätigkeit in diesen der Verbreitung wahrer Aufklärung errichteten Räumen, um so weniger entziehen zu dürfen, als mich das Thema meiner vorgeführten wissenschaftlichen Untersuchung so nahe an jene Gebiete herangeführt hat, auf denen Leichtgläubigkeit, Aberglaube, Urtheilslosigkeit – und oft noch Schlimmeres dominiren. „Undankbar“ nannte ich die Aufgabe, weil man sich Potenzen gegenüber befindet, gegen welche, wie das Sprüchwort sagt, „Götter selbst vergebens kämpfen“.

Immerhin! Die geringe Hoffnung, oder vielmehr die begründete Hoffnungslosigkeit, Besonnenheit und Vernunft mit einigem Erfolg zu predigen, das heißt Verirrte auf den rechten Weg zurückzuführen, Unkundige vor Irrwegen zu bewahren, die in ihrer Selbstüberschätzung und Verblendung durch die unwiderstehliche Macht der ungenau beobachteten Thatsache keiner Führung, keines Rathes zu bedürfen meinen, kann mich nicht abhalten, meine Pflicht zu thun. Die Genugthuung darf ich mir jedoch von vornherein versprechen, daß alle nüchternen Vertreter der Naturwissenschaft – ohne Ausnahme – mit meinen Bemerkungen, welche ich übrigens, schon zu meiner Sicherstellung gegen absichtliche oder mißverständliche Entstellungen, demnächst publiciren werde, völlig übereinstimmen werden. Ich bin mir klar und voll bewußt, daß ich im Sinne und im Namen der strengen Naturwissenschaft spreche.

So hören Sie denn, meine hochverehrten Anwesenden, was ich zu sagen habe, und machen Sie sich davon für Ihr ferneres Verhalten gegenüber den Lockungen vielleicht allzu lieb gewordener Beschäftigungen so viel zu Nutze, wie der ernsten und ruhigen Ueberlegung und Prüfung, die Sie nur immer aufbieten können, irgend möglich sein wird! –

Diejenigen, welche auf den fraglichen, durch den Reiz des Geheimnißvollen und Wunderbaren anziehenden und bestrickenden Gebieten thätig sind, lassen sich in zwei Hauptclassen bringen. – Die eine Classe wird von Menschen gebildet, welchen es gar nicht um die Constatirung und Erforschung der angeblichen wunderbaren „Thatsachen“ ernst und ehrlich zu thun ist, sondern die aus irgendwelchen mehr oder weniger unlauteren oder auch harmlosen Motiven zur Betheiligung an diesen Dingen getrieben werden. Hierher gehören die frivolen Zeitvertreib oder materiellen Gewinn Suchenden, also jene Berufslosen, die sich mit einem eitlen Nimbus umgeben und die Zeit mit scheinbar bedeutsamer Geschäftigkeit todtschlagen wollen, ferner die mehr oder weniger bewußten Charlatane, die betrogenen Betrüger und die Betrüger schlechthin. Von diesem Gelichter brauche ich hier nicht weiter zu sprechen!

[162] Die andere Classe jedoch machen jene anständigen und ehrenwerthen Leute aus, welche es wirklich ernst und aufrichtig mit der Sache meinen – und diese haben ein volles Recht, von uns berücksichtigt, besprochen und ernst und wohlmeinend zurechtgewiesen zu werden – wenn auch Rath und Belehrung natürlich taube Ohren finden!

In dieser Classe sind wieder zwei Gruppen zu unterscheiden: erstens gute Menschen, aber schlechte oder vielmehr gar keine Musikanten, d. h. die naturwissenschaftlichen Laien, die sich entweder niemals oder nur ganz oberflächlich mit Naturforschung, ihren Resultaten und Methoden beschäftigt haben; und zweitens einige wenige Naturforscher von Beruf, die sich sogar auf ihren speciellen Fachgebieten wirkliche und bleibende Verdienste um die Wissenschaft erworben haben können.

Von Denjenigen, welche zur ersten Gruppe dieser Classe gehören und somit ohne Beruf und specielle Vorbildung anscheinend so verwickelte und räthselhafte Vorgänge zu untersuchen sich unterfangen, können wir einfach Folgendes sagen: Hätten diese Biedermänner auch nur eine Ahnung von den Erfordernissen und Schwierigkeiten einer exacten Naturbeobachtung, einen leisen Begriff von der Strenge des Beweises, welche die Wissenschaft unbedingt fordern muß, wenn es sich um die Constatirung von Thatsachen und um die Ermittelung des ursächlichen Zusammenhanges selbst der einfachsten Vorgänge handelt, so würden sie in aller Bescheidenheit von ihren wunderlichen, sinn- und fruchtlosen Bestrebungen gänzlich ablassen, und – wohlgemerkt – zuerst und vor Allem mit dem so reichen Schatze der Errungenschaften der heutigen Naturlehre, und mit jenem Geiste der nüchternen, strengen Forschung sich bekannt zu machen und zu durchdringen suchen, ohne welchen der Mensch – einem Schiff ohne Steuer und Compaß vergleichbar – auf dem Meere des Irrthums und der Täuschung rettungslos herumgeworfen – bis zum Blödsinn verwirrt werden kann! – Ihnen sei der aufrichtige und wohlgemeinte Rath ertheilt, sich, trotz aller Lockung, alles Reizes des Geheimnißvollen und Uebernatürlichen, von jenen nutzlosen und die Integrität ihrer Geistesfunctionen gefährdenden Beschäftigungen absolut fernzuhalten. Ein trefflicher Wahrspruch sagt: „Es giebt eine Tugend der Entsagung im intellectuellen, wie im moralischen Gebiet.“ Und man muß hier, um sich nicht in Versuchung zu führen, diese Entsagung nach den übertrieben rigorosen, aber praktisch erprobten Principien der englischen Temperance-Vereine bis zum intellectuellen „Teatotalism“ treiben!

Schwieriger, so scheint es, ist’s, mit der zweiten Gruppe dieser Classe fertig zu werden, – indessen ist es für jeden Denkenden klar, wären die wenigen Naturforscher, welche diese Gruppe ausmachen, vom Geiste der nüchternen, strengen Forschung, der ihnen früher eigen gewesen sein mag, nicht gänzlich verlassen, so hätten sie längst Mittel und Wege gefunden haben müssen, die „ungenau beobachteten“ Thatsachen, für welche, als von wirklichen Thatsachen, Zeugniß abzulegen sie sich nicht entblöden, wenigstens in einer echt wissenschaftlichen, das Vertrauen und die Beachtung aller nüchternen Forscher gewinnenden Weise zu constatiren. Da ihnen dies aber niemals und in keiner Weise – höchstens gegenüber der Urtheilslosigkeit beschränkter Fanatiker – gelungen ist, so sinkt der Werth auch ihres Zeugnisses, trotz seiner zweifellosen Aufrichtigkeit und Wahrhaftigkeit, auf das gleiche Niveau mit den nicht minder glaubwürdigen und ernst gemeinten Zeugnissen der urtheilslosen Laienmenge, der ersten Gruppe dieser Classe von Biedermännern, herab.

In Bezug auf die Beobachtung und Erkenntniß der Naturvorgänge kann man nicht, wie über menschliche Gesetzesparagraphen, per majora abstimmen lassen, – hier dürfen die Stimmen eben nicht gezählt – sie müssen gewogen werden!

Um übrigens keine Veranlassung zu Mißverständnissen zu geben, will ich ausdrücklich hervorheben, daß die selbstverständlich sehr vereinzelten Naturforscher, von denen ich hier spreche, nicht etwa deshalb allen ihren früheren, etwaigen Ruf, all ihr Gewicht und Ansehen in der Wissenschaft verdientermaßen verloren haben, weil sie mit ihrem Zeugniß für die Realität unerhörter und absolut unglaublich anscheinender Vorgänge öffentlich eintraten, sondern nur deshalb, wie und auf welche Begründung hin sie dies thaten – d. h. Dinge für wirkliche Thatsachen erklärten, die bisher noch gar nichts, als höchstens „ungenau beobachtete“ Thatsachen sind. –

[176] Da zeiht man uns der Verstocktheit und Unwissenheit und verweist uns triumphirend auf die „wissenschaftlichen“ Untersuchungen und öffentlichen Kundgebungen eines Hare, eines Crookes, Butlerow und anderer wohlbekannter und anerkannter „Naturforscher“! –

Wer sich aber überwindet und diese haarsträubende Literatur einsieht, der wird nur noch mehr in seinem absolut ablehnenden Verhalten bestärkt werden. Gerade die Art, wie jene „Naturforscher“ ihre sogenannten wissenschaftlichen Experimente anstellen, und wie sie über dieselben berichten, beweist auf’s Klarste, daß sie keine mehr sind, wenn sie überhaupt jemals den Ehrennamen Naturforscher in der vollen und ganzen Bedeutung des Wortes verdient haben. Um nur Ein schlagendes Beispiel anzuführen, so erklärt Crookes – und macht davon sogar eine ganz ernsthafte Mittheilung an die Gesellschaft der Wissenschaften in London, deren Mitglied er ist, eine „neue Naturkraft“ entdeckt zu haben, die er – weil sie von gewissen Menschen, den sogenannten „Medien“ oder „Psychikern“ ausgeht – „psychische Kraft“ nennt. Durch die Einwirkung dieser Kraft soll, nach Crookes, das Gewicht eines Körpers thatsächlich um viele Pfund vermehrt und wieder vermindert werden können, ohne daß der Körper sonst irgendwie verändert, ja auch nur von dem sogenannten „Medium“ berührt wird.

Und wie denken Sie, daß Crookes eine solche, allen Gesetzen der Schwere Hohn sprechende, wahrhaft welterschütternde Thatsache begründet und sicher gestellt hat?! – Sie werden es kaum für möglich halten, wenn ich sage: er that dies einfach dadurch, daß er wiederholt wirklich gesehen und constatirt zu haben versichert, daß in Gegenwart gewisser Personen, der sogenannten Medien, eine Federwage, von ähnlicher Art, wie man sie zur Portoberechnung von Briefen braucht, Ausschläge gab, deren Ursache nicht augenfällig war!

Ich schalte hier zum besseren Verständniß eine kleine schematische Zeichnung ein,

Die Gartenlaube (1873) b 176.jpg

welche das Princip eines der von Crookes gebrauchten Apparate erläutert. B ist ein mehrere Fuß langes, starkes Mahagonibrett, dessen eines Ende mit einer scharfen, an seiner unteren Fläche vorspringenden Kante auf dem Tisch T ruht, während das andere Ende an der an einem Gestell G befestigten Federwage W hängt und von derselben freischwebend getragen wird. Der Index oder Zeiger der Federwage giebt an, wie groß das Gewicht ist, welches dieselbe zu tragen hat. Jede Zu- oder Abnahme des Gewichtes, aber auch jeder Stoß, jede Erschütterung, welche dem schwebenden Brette mitgetheilt wird, muß sich durch ein Steigen oder Fallen des Index an der Scala der Wage bemerklich machen. Und nun versichert Crookes, solche Ausschläge des Index in Gegenwart seiner Medien beobachtet zu haben, sogar dann, wenn Mr. Home, das berüchtigte Hauptmedium, den Apparat gar nicht berührte, sondern, bis drei Fuß davon entfernt, an Händen und Füßen festgehalten wurde! – Und das ist Alles! Darauf hin, daß die Federwage unter diesen Umständen deutliche Ausschläge gab, welche keine augenfällige und handgreifliche Ursache zu haben schienen, wagt Crookes seine exorbitante Behauptung!! deren Ungeheuerlichkeit wohl kaum von Ihnen Allen nach Gebühr ermessen und empfunden werden dürfte.

Von überzeugenden Controlversuchen, von ausgiebigen, vertrauenerweckenden Vorsichtsmaßregeln gegen Täuschung und Betrug ist nicht das Mindeste zu finden. Wem das, was Crookes in dieser Richtung, abgesehen von ganz allgemeinen Versicherungen seiner Scrupulosität und Vorsicht, gethan zu haben angiebt, imponirt oder genügt, der steht auf einem so kindlichen Standpunkt naturwissenschaftlicher Urtheilslosigkeit, daß er einfach kein Recht hat, über diese Dinge mitzusprechen!

Daß eine Federwage Ausschläge giebt, ist eine Thatsache, die überaus leicht sicher zu stellen ist. Wir können es daher auf Crookes’ Zeugniß hin ruhig als Thatsache annehmen, daß seine Federwage, seine Fühlhebel in Gegenwart der sogenannten Medien wirklich Ausschläge gegeben haben. Allein, wenn Crookes als Thatsache hinstellt, daß die sogenannte „psychische Kraft“ des anwesenden Mediums es war, welche diese Ausschläge verursachte, indem sie die Schwere der trägen Massen zeitweilig veränderte (!!), so ist dies, trotz aller Versicherungen, noch lange keine wirkliche Thatsache, sondern höchstens eine ernstgemeinte Angabe über eine „ungenau beobachtete Thatsache“, und zwar eine Angabe, welche gar keinen Glauben, ja nicht einmal die geringste ernsthafte Beachtung verdient. Und zwar verdient diese Angabe nicht einmal die letztere, nicht etwa deshalb, weil sie eine „ungenau beobachtete“ Thatsache betrifft, es giebt ja viele Thatsachen dieser Kategorie, welche die höchste Beachtung verdienen, und mit welchen sich auch die Wissenschaft auf’s Ernstlichste befaßt, sondern einfach deshalb nicht, weil einerseits das unzweifelhaft Thatsächliche in Crookes’ Angabe (nämlich: ein ohne augenfällige Ursache erfolgender Ausschlag an einer Federwage oder an einem Fühlhebel) an sich gar nichts Bemerkenswerthes ist, und weil andererseits nicht der mindeste, Zutrauen erweckende, experimentelle Nachweis geliefert ist, daß die beobachteten Ausschläge wirklich nur in Gegenwart von sogenannten Medien erfolgten, und daß sie in der That keine durch die bisher bekannten Naturgesetze begreifliche Ursache gehabt haben können!

Wäre ein solcher Nachweis in exacter Weise auch nur versucht worden, so würden Crookes’ Angaben schon einige Beachtung verdienen und zu einer Wiederholung seiner Versuche einladen, um eine sonderbare, „ungenau beobachtete“ Thatsache zu prüfen; wäre jener Nachweis gar vollgültig und streng erbracht worden, dann hätte Crookes eine der unerhörtesten Thatsachen von unberechenbarer Tragweite entdeckt, und seine Angaben würden sich die allgemeinste, eingehendste Beachtung und Würdigung aller ernsten Naturforscher augenblicklich und mit Einem Schlage erzwungen haben; wie etwa seiner Zeit die Angaben Volta’s, als er seine Säule baute, welche nicht minder unglaubliche und unerhörte Erscheinungen darbot! – So aber, wie die Sachen factisch stehen, haben Crookes’ Angaben, so wie die anderen von Hunderten und Tausenden von Biedermännern bezeugten „Thatsachen“ von freischwebenden Tischen, fliegenden Guitarren, selbstmusicirenden [177] Harmonika’s, akustischen Klopferscheinungen etc. genau denselben Anspruch auf wissenschaftliche und ernste Beachtung, wie das erste beste, frappante Taschenspielerkunststückchen, dessen natürlichen Zusammenhang aufzuklären wohl von Niemandem als eine würdige Aufgabe der ernsten Naturforschung betrachtet werden dürfte, so interessant auch oft, besonders in psychologischer Hinsicht, der wahre und natürliche Grund der Täuschung sein mag.

Und so wenig es irgend einen verständigen Menschen ernstlich beunruhigen wird, wenn es ihm nicht gelingt, den natürlichen Zusammenhang eines hübschen und frappanten Kunststückchens zu ergründen, genau ebenso wenig kann und darf sich irgend Jemand, der nicht allen naturwissenschaftlichen Geistes baar ist, durch die fraglichen, so hundertfältig von den ehrenwerthesten Leuten bezeugten, absonderlichen spiritistischen etc. „Thatsachen“ beunruhigen lassen, so lange auch nicht der leiseste, Zutrauen erweckende Nachweis von Seite der Apostel dieses Spuks erbracht ist, daß jeder Gedanke an die Möglichkeit einer natürlichen Erklärung an sich so natürlicher und höchst gleichgültiger Erscheinungen, wie es die sogenannten „physikalischen“ Geistermanifestationen sind, absolut ausgeschlossen ist.

Nur dadurch, daß die Ursachen dieser Erscheinungen nicht augenfällig sind, gewinnen diese letzteren in den Augen der Urtheilslosen überhaupt eine übertriebene Bedeutung. Aber in dieser Beziehung unterscheiden sie sich doch – wie selbst der verbohrteste Fanatiker zugeben muß – durchaus nicht von guten Taschenspielerstückchen, die meist noch viel interessanter sind, und oft nicht minder unerklärlich erscheinen – sonst wären es eben nicht gute! Ob sie sich aber von Taschenspielerkunststückchen – abgesehen davon, daß wir bei ihnen den Taschenspieler nicht immer kennen, ja überhaupt nicht einmal wissen, ob ein solcher gegenwärtig ist – in irgend einer anderen Beziehung unterscheiden? darüber verlangen wir eben von den „spiritistischen“ Herren „Naturforschern“ und „Gelehrten“ wie Varley, Wallace, Crookes, Butlerow und Anderen zuerst eine halbwegs genügende Auskunft, bevor wir ihnen und der übrigen urtheilslosen Menge das Recht zugestehen, der Wissenschaft und ihren Vertretern auch nur den leisesten Vorwurf wegen ihres absolut ablehnenden Verhaltens gegenüber diesen Dingen zu machen.

Diese Herren haben weder den Schatten einer Veranlassung, sich über etwas zu beklagen, als über ihre – eigene Unfähigkeit, noch irgend ein Recht, irgend Wem einen Vorwurf zu machen, als sich selbst, daß es ihnen eben nicht gelingt, ihre sogenannten „Geistermanifestationen“ etc. über das Niveau von Taschenspielerkunststückchen zu erheben.

Damit will ich, wie ich ausdrücklich betone, durchaus nicht gesagt haben, daß man alle die an sich meist so alltäglichen und nichtssagenden Erscheinungen, welche so vielen Menschen als höchst bedeutsam und wunderbar imponiren, für mehr oder weniger geschickte, bewußte Taschenspielerkunststückchen zu halten habe, obschon manche derselben als solche nachgewiesen wurden – erinnern Sie sich nur des Davenport-Scandals![2] –, mit einem derartigen maßgebenden Ausspruche würde ich ja den einzig berechtigten, absolut ablehnenden Standpunkt der strengen Wissenschaft selbst verlassen – wohl aber will ich damit sagen, daß man die ersteren, die sogenannten „Manifestationen“, vorläufig so wenig wie die letzteren, die guten und schwer zu enträthselnden „Taschenspielerkunststückchen“, für eine würdige Aufgabe der ernsten Naturforschung betrachten könne und dürfe! Uebrigens habe ich, indem ich die Mittheilungen und Versuche von Crookes, dem bekannten englischen Gelehrten, dem verdienstvollen Entdecker des Thalliums, einem Schüler unseres großen Chemikers Hofmann in Berlin – früher in London –, als charakteristisches Beispiel aus der sogenannten „spiritualistischen“ Literatur herbeizog, noch das Beste ausgewählt, was in ihr enthalten ist. Haben sich ja doch selbst die auf diesem Gebiete thätigen Herren „Naturforscher“, wie einer der geschäftigsten Verbreiter jener Schandliteratur, bezeichnend genug, dem verstorbenen amerikanischen Chemiker und „Spiritisten“ Mr. Hare nachrühmt (!), „nicht blos bei der physikalischen Seite der (Geister-) Manifestationen aufgehalten“ (!) – und findet man in jener Literatur, auf die man uns triumphirend zu verweisen die Stirn hat, mit wachsendem Erstaunen, in einem Meere von hirnlosem Geschwätz und phantastischen Ergüssen gläubiger Fanatiker nichts – rein gar nichts als einerseits einige kindische oder ganz sinnlose Veranstaltungen, welche physikalische Apparate und exacte Prüfungsmittel vorstellen sollen – und andererseits mehr oder weniger glaubwürdige Berichte und Zeugnisse für die Realität – „ungenau beobachteter Thatsachen“!

Indessen, man wird vielleicht einwenden, „ungenau beobachtete Thatsachen“, welche von Hunderten von ehrenwerthen Menschen bezeugt werden, sind doch der wissenschaftlichen Beachtung und Prüfung werth und bedürftig?!

O ja! – aber lange nicht alle und nicht in gleich hohem Grade. Die Wissenschaft und ihre Vertreter haben das Recht und sogar die Pflicht, Zeit und Arbeit zu Rathe zu halten; sie haben mehr und Besseres zu thun, als über jedes beliebige Ding, auf jede beliebige Frage Rede und Antwort zu geben! – Sie kennen Alle das Sprüchwort von dem Einen Narren und den sieben Weisen! Was sich in keiner der ernsten Beachtung würdigen und trotz aller Unerhörtheit und Sonderbarkeit Vertrauen erweckenden Art und Weise darzustellen vermag, darf eben keinen Anspruch auf ernste Beachtung von Seiten der Wissenschaft erheben. In diesem Falle befinden sich aber die freischwebenden Tische, die fliegenden Guitarren, die akustischen Klopferscheinungen, die Crookes’schen ohne augenfällige Ursache Ausschlag gebenden Federwagen und Fühlhebel u. dergl. – von der sogenannten „intellectuellen Seite dieser Phänomene“, dem directen Verkehr mit Abgeschiedenen etc. natürlich ganz zu schweigen! –

Das Geschrei der Hunderte oder Tausende von einfachen Augen- und Ohrenzeugen, das triumphirende Hinweisen auf die sogenannten „wissenschaftlichen“ Untersuchungen einiger – eben aus der Qualität dieser Untersuchungen nachweislich unfähig gewordener Naturforscher ändert an dieser Sachlage nicht das Mindeste. Ob einer oder der andere Vertreter der Wissenschaft diese Dinge dennoch beachten mag, hängt von seinen persönlichen Neigungen und von zufälligen Umständen ab.

Wer keine Neigung dazu in sich spürt und sich fern hält, den kann darum nicht der leiseste Vorwurf treffen! Mein hochverehrter, alter Freund, Professor Sharpey, der frühere, langjährige Secretär der Gesellschaft der Wissenschaften in London, z. B. war, wie ich meine, vollkommen im Recht, als er der freundlichen Einladung von Crookes, dessen „Experimenten“ mit Mr. Home beizuwohnen, nicht nachkam; ja, er handelte zugleich mit überlegter Lebensklugheit, da die Herren Spiritisten und ähnliche Fanatiker sehr geneigt sind, Männer der Wissenschaft, welche sich bei solchen peinlichen Gelegenheiten in den schonenden Formen der gebildeten Welt aussprechen, sofort als zustimmende Zeugen von Gewicht auszuposaunen. Exempla demonstrant – Beispiele beweisen! So ist der Brief des berühmten Astronomen Huggins vom 9. Juni 1871 an Herrn Crookes offenbar nichts als eine allerdings in überaus schonenden und höflichen Wendungen vorgebrachte, aber ganz entschiedene Ablehnung jeder Meinungsgenossenschaft mit Herrn Crookes bezüglich der in Huggins’ Gegenwart im Crookes’schen Hause stattgehabten Erscheinungen – und doch wird dieser Brief mit triumphirender Freude in spiritistischen Schriften citirt, und Huggins in Folge dessen – wahrscheinlich sehr gegen seinen Willen – von manchen Seiten für eine der „wissenschaftlichen Autoritäten“ gehalten, welche ihr gewichtiges „Zeugniß“ für die Realität „spiritistischer Erscheinungen“, außernatürlicher „Geistermanifestationen“ etc. abgegeben hätten! – Urtheilen Sie selbst! Zur vollständigen Ehrenrettung von Huggins und als schlagende Illustration zu dem von mir gerügten Verfahren der Herren „Spiritisten“, sehe ich mich veranlaßt, den fraglichen Brief im Wortlaut hier mitzutheilen.

„Upper Tulse Hill, S. W., den 9. Juni 1871.

 Mein hochverehrter Mr. Crookes!

Ihr mir zugegangener Correcturbogen scheint mir eine richtige Darstellung von dem zu enthalten, was in meiner Gegenwart in Ihrem Hause stattfand. Meine Stellung am Tische gestattete mir zwar nicht, Zeuge des Hinwegziehens der Hand Mr. Home’s von der Harmonika zu sein, aber es wurde dies zur Zeit sowohl von Ihnen selbst, als auch von der an der anderen Seite Mr. Home’s sitzenden Person als stattgefunden behauptet.

Die Experimente scheinen mir die Wichtigkeit einer weiteren [178] Erforschung derselben nahe zu legen; ich wünschte mich aber so verstanden, daß ich damit keinerlei Meinung in Betreff der Ursache der stattgehabten Erscheinungen ausspreche.

 Ihr treu ergebener

William Huggins.“     

Doch, wie gesagt, ob einer oder der andere der Vertreter der Wissenschaft diese Dinge beachten mag oder nicht, muß seinen persönlichen Neigungen überlassen bleiben und hängt zum Theil auch von zufälligen Umständen ab. Für die strenge Wissenschaft selbst aber existiren jene Dinge einfach – gar nicht. Die Wissenschaft anerkennt weder, noch verneint sie in solchen Fällen – sie ignorirt; – und dazu hat sie nicht nur das Recht, sondern auch die Pflicht, weil Zeit und Arbeit zu knapp und kostbar sind, um an Erscheinungen verschwendet zu werden, welche vorläufig kein anderes und höheres Interesse darbieten, als daß ihre Ursachen nicht augenfällig sind – gerade so, wie das bei guten und frappanten Taschenspielerkunststückchen der Fall ist. Bei letzteren setzt heutzutage doch kein vernünftiger, besonnener Mensch irgend welche außernatürlichen Kräfte voraus – sonst könnten wir ja gleich wieder munter anfangen, Hexen und Zauberer zu verbrennen!

Bisher aber berechtigt und zwingt uns auch noch gar nichts, bei jenen sogenannten „Geistermanifestationen“ und sonstigen zweifelhaften Erscheinungen dieser Art die Wirkung außernatürlicher oder „neuer Naturkräfte“ u. dgl. vorauszusetzen, und deshalb ist vorläufig der ganze Spuk nicht der mindesten ernsten Beachtung werth – außer vielleicht vom psychologischen, oder vielmehr vom psychiatrischen Standpunkt!

Das absolut ablehnende Verhalten der Wissenschaft gegenüber dem Spiritismus etc. ist somit, wie Sie, meine hochverehrten Anwesenden, bei ruhiger Ueberlegung[WS 1] nun wohl zugeben müssen, vollkommen gerechtfertigt, so wenig Sie sich auch von diesem Resultate unserer Darlegung befriedigt, oder so sehr Sie sich in Ihren Erwartungen davon getäuscht fühlen mögen. Ich kann nur noch hinzufügen: Möglich, daß in Folge dieser der Wissenschaft nothwendig gebotenen Reserve überhaupt Manches, vielleicht zum Schaden der Menschheit, für lange Zeit unentdeckt blieb und bleibt, denn auch wir können in aller jener Bescheidenheit, zu der sich der Naturforscher wohl mehr als andere Berufsmenschen gedrungen fühlt – doch ohne mit diesem oft mißbrauchten Citat der Leichtgläubigkeit, dem Aberglauben und jeder ihrer Ausgeburten Thür und Thor öffnen zu wollen –, mit Hamlet sagen:

„Es giebt mehr Ding’ im Himmel und auf Erden,
Als Eure Schulweisheit sich träumt, Horatio!“

Hamlet, 1. Act, 5. Scene.

Indessen, dies muß eben getragen werden; für jede Entdeckung, für jeden Fortschritt kommt die richtige Stunde! Allein wenn man – und ich citire hier wörtlich – den „Tonangebern unserer wissenschaftlichen Ueberzeugungen – den gelehrten Facultäten“ zum Vorwurf macht, daß sie „die Masse des Volkes ihren eigenen Kräften und Urtheilen im Kampfe mit den unwiderstehlichen Erscheinungen unbegreiflicher Thatsachen überlassen haben“, und ihnen darum einen Hauptantheil der Schuld und Verantwortlichkeit für alle Tollheiten, Abgeschmacktheiten und intellectuellen Ausschweifungen des Spiritismus, der Medienwirthschaft etc. aufbürden will, so entspringen solche Anklagen und Zumuthungen nur aus einer mit Anmaßung verquickten Urtheilslosigkeit und totalen Verkennung der Aufgaben und Verpflichtungen jener wissenschaftlichen „Tonangeber“ und Körperschaften, sowie des Weges und der Art und Weise, wie die „Masse des Volkes“ zu wahrer Bildung und Aufklärung zu erziehen ist.

Möchten doch jene leidenschaftlichen, unberufenen Schriftsteller, welche ja selbst Alles davon zu hoffen und zu erwarten vorgeben, wenn sich „nur einmal“ das Studium ihrer vermeintlich brennenden Frage „in den Händen der Wissenschaft befinden wird“, es auch dem überlegten und nüchternen Urtheile der Wissenschaft ruhig und vertrauensvoll überlassen, welche Fragen sie ihrer ernsten Beachtung würdig zu finden und in die Hand zu nehmen hat! Möchten sie auch, wenn sie anders noch einiges Vertrauen zu den wissenschaftlichen „Tonangebern“ und „gelehrten Facultäten“ wirklich bewahrt haben, ihre so übereifrigen und gemeinschaftlichen Bemühungen, statt der Verbreitung einer unbedingt zu verdammenden, weil gänzlich werthlosen und hirnverwirrenden Literatur, wie es zum Beispiel durch die sogenannte „Bibliothek des Spiritualismus“, Leipzig, geschieht, lieber der Verbreitung echter, nüchterner und gründlicher naturwissenschaftlicher Einsichten und Kenntnisse in der aufklärungsbedürftigen „Masse des Volkes“ widmen, und mit dieser verständigeren und dankenswertheren Thätigkeit recht bald – bei sich selbst beginnen!


  1. Hierher gehört auch die Erfahrung, welche ein Ungenannter in den „Blättern für Geflügelzucht“, Nr. 20, 16. October 1872, mittheilt. Er giebt an, daß Hühner (besonders junge), die er auf seinem Schooß auf den Rücken legte und mit der Hand vom Halse nach dem Schwanz strich, in Schlaf geriethen.
  2. Vgl. auch den reizend erzählten Bericht Tyndall’s über eine „séance“ mit Spiritisten, in dessen Werk: Fragments of science. London 1871. 2. Edition. pag. 427.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: Uebelegung