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Autor: Johann Nepomuk Czermak
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Titel: Ueber Hypnotismus bei Thieren, nebst gelegentlichen Bemerkungen über Naturwissenschaft und Spiritismus, Geistermanifestationen u. dergl.
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 7–8, S. 111–113; 126–128
Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1873
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Vortrag zur genauen wissenschaftlichen Beobachtung, mit Versuchen an Krebsen und Hühnern
Zweiter Vortrag
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[111]

Ueber Hypnotismus bei Thieren,[1]

nebst gelegentlichen Bemerkungen über Naturwissenschaft und Spiritismus, Geistermanifestationen u. dergl.
Von Prof. Joh. Czermak.

Hochverehrte Anwesende! Der Gegenstand, welchen ich in meinen beiden Vorträgen zu behandeln gedenke, dürfte in doppelter Hinsicht von allgemeinem Interesse sein.

Einmal sind die physiologischen Erscheinungen, welche ich besprechen will und vor Ihren Augen an verschiedenen Thieren hervorzurufen und zu demonstriren bemüht sein werde, an und für sich außerordentlich überraschend und wunderbar; sodann aber bieten sie Gelegenheit zu allgemeinen Betrachtungen von culturhistorischem Interesse, indem sie uns den werthvollen Nachweis zu liefern gestatten, wie urtheilslos sich der naturwissenschaftlich ungeschulte Mensch bei der Beobachtung von Naturvorgängen einem trügerischen Augenschein gefangen zu geben pflegt und Dinge und Geschehnisse thatsächlich und unmittelbar wahrgenommen zu haben steif und fest überzeugt ist, welche sich in Wirklichkeit gar nicht ereignet haben!

Diese Urtheilslosigkeit und diese Hartnäckigkeit sind geradezu erstaunlich und lassen erkennen, wie wenig Gewicht der Naturforscher auf das aufrichtigste Zeugniß der glaubwürdigsten und ehrenhaftesten Personen legen darf, wenn es sich um die Constatirung von noch unaufgeklärten Naturerscheinungen und ihres ursächlichen Zusammenhanges handelt, – selbst wenn jene Personen eine hervorragende allgemeine, und vielleicht auch naturwissenschaftliche Bildung besitzen, vom Geiste der exacten Naturforschung aber doch nicht völlig durchdrungen sind. Wie oft muß man nicht von ernsten und aufrichtigen Berichterstattern über ungewöhnliche oder zweifelhafte Naturvorgänge die mit steigender Gereiztheit und Entrüstung vorgebrachte Versicherung hören: „Ich bin aber doch selbst dabei gewesen! – ich habe ja selbst Alles mit meinen eigenen Augen mit angesehen, mit meinen eigenen Ohren mit angehört! Was ich berichte, ist eine Thatsache!“

[112] Nun ja! – Der Mann ist ja selbst dabei gewesen; er hat Alles selbst mit angesehen und mit angehört; er spricht im vollen Ernst, und er spricht die volle Wahrheit – und doch! – was er berichtet, es hat sich niemals ereignet, und der Naturforscher hat vollkommen Recht, sein Zeugniß in den Wind zu schlagen und ihm nicht zu glauben, trotzdem er an seiner Wahrhaftigkeit nicht im Mindesten zweifelt. Dies klingt paradox genug, aber der unlösbar scheinende Widerspruch steigert sich noch, löst sich aber auch sofort durch die beschwichtigende Bemerkung, daß der fast schon beleidigte Augen- und Ohrenzeuge ja auch wirklich vollkommen Recht hat – insofern er nämlich wahrheitsgemäß nach bestem Wissen und Gewissen eine Thatsache berichtete, aber freilich nur eine „ungenau beobachtete Thatsache“!

Er hat in seiner naiven Urtheilslosigkeit, in der er sich gegenüber der Beobachtung und Ermittelung des Zusammenhanges von Naturvorgängen befindet, ein bloßes Nach- oder Miteinander, d. h. eine einfache zeitliche Sucession oder Coïncidenz von Erscheinungen, für ein Aus- oder Durcheinander, d. h. für einen ursächlichen Zusammenhang derselben genommen. Er hat zwar factisch eine Thatsache berichtet – nämlich zeitliche Aufeinanderfolge oder Coïncidenz von gewissen wirklichen Dingen und Geschehnissen; – indem er aber dieses einfache zeitliche Verhältniß ohne Weiteres, d. h. ohne genaue und vollständige Beobachtung und Prüfung – wozu ihm entweder überhaupt, oder gerade in diesem Falle sowohl der Sinn, als die specielle Schulung fehlt – für einen ursächlichen Zusammenhang nahm, berichtete er Etwas, was keine Thatsache mehr ist, er berichtete also ein thatsächliches Ereigniß, welches sich so, wie er meint, in Wirklichkeit niemals zugetragen hat.

Ein Ereigniß dieser Art kann man kaum anders und besser benennen, als eine „unvollständig geprüfte“ oder „ungenau beobachtete Thatsache“, und ich glaube, man ist nicht nur logisch berechtigt, sondern auch dringend veranlaßt, unter den Thatsachen der Naturbeobachtung eine neue und besondere Kategorie, die Kategorie der „ungenau beobachteten Thatsachen“ aufzustellen und zu unterscheiden, denn die Thatsachen dieser Kategorie sind es, welche eine so ungeheure Rolle in der Geschichte der menschlichen Geistesentwickelung spielen. Ohne den Begriff dieser Kategorie von vermeintlichen Thatsachen wären wir niemals im Stande, gewisse dunkle Erscheinungen und Richtungen des öffentlichen Geistes und die Hartnäckigkeit, mit welcher dieselben, kaum im Verschwinden, immer wieder auftauchen und sich erhalten, zu verstehen und zu erklären.

Ich habe den Nachweis der unglaublichen Urtheilslosigkeit, in welcher sich der vom Geiste der exacten Naturforschung nicht völlig durchdrungene, wenn auch sonst hoch gebildete Mensch den Naturvorgängen gegenüber befindet, werthvoll genannt – und die schon an und für sich interessanten physiologischen Erscheinungen, die uns hier beschäftigen sollen, deshalb und insofern als sie Gelegenheit bieten, jenen Nachweis, an den sich gewisse culturhistorische Betrachtungen wie von selbst anknüpfen, zu liefern, in doppelter Hinsicht für interessant erklärt; – weil ich der Ueberzeugung bin, daß man es nicht oft und eindringlich genug sagen kann, wie erst der Geist der strengen Naturforschung, ja die Gewohnheit, in echtem Sinne Naturbeobachtung zu treiben, eine Schärfe der Kritik, eine Strenge des Beweises und der Prüfung fordern lehrt, ohne welche die Herrschaft und das Umsichgreifen der beiden culturfeindlichen Mächte, der Leichtgläubigkeit und des Aberglaubens, weder zu brechen noch zu hemmen sind! –

Wir Kinder des neunzehnten Jahrhunderts sind nicht wenig stolz auf unsere Civilisation, Cultur und Aufklärung. Und in der That läßt sich bei einer Vergleichung des im Mittelalter herrschenden Geistes mit dem, der in jüngerer Vergangenheit und Gegenwart herrschte und herrscht, ein mächtiger Fortschritt auf der Bahn der Aufklärung nicht verkennen.

Indessen wir haben keinen Grund, die Höhe der Entwickelung, auf der wir heute stehen, zu überschätzen, so lange noch bis in die jüngste Zeit herab und in der Gegenwart selbst auf den verschiedensten Gebieten gewisse Geistesrichtungen und Erscheinungen zu Tage treten und sich geltend machen können, welche geradezu undenkbar und unmöglich wären, wenn die Resultate und insbesondere die Methode der Naturforschung, oder auch nur die Achtung vor beiden, der lebenden Generation bereits so zu sagen in Fleisch und Blut übergegangen wären.

Es würde mich viel zu weit von meinem Gegenstande abführen, wollte ich auch nur eine ganz flüchtige Umschau über alle diese Richtungen und Erscheinungen halten, welche als dunkle Flecken und schwarze Punkte auch noch die jüngste Phase unseres relativ mächtig aufgeklärten Culturlebens verunzieren. Für unsern Zweck mag es genügen, hier zunächst nur beiläufig auf die Manie des Tischrückens, des Tischschreibens, des Geisterklopfens, an den ganzen wunderlichen Spuk des Spiritismus, des thierischen Magnetismus, der Hellseherei und der verwandten Gebiete zu erinnern. Ich werde morgen, am Schlusse des zweiten Vortrages, so zu sagen als Nutzanwendung der vorgeführten Beobachtungen und Versuche diesen Gegenständen eine nähere allgemeine Betrachtung widmen.

Mit dem bisher Gesagten wollte ich überhaupt nur eine Einleitung zu meinen Mittheilungen über die merkwürdigen, an’s Zauberhafte grenzenden physiologischen Erscheinungen gegeben haben, welche – obschon zum Theil längst bekannt – noch immer keine eingehendere wissenschaftliche Untersuchung erfahren haben und deshalb auch noch immer nicht unter die eigentlich „zünftigen“ nervenphysiologischen Thatsachen aufgenommen sind. –

Doch gestatten Sie, meine hochverehrten Anwesenden! daß ich Ihnen erst noch in Kürze erzähle, durch welchen Zufall ich dazu gekommen bin, diesen Erscheinungen meine Aufmerksamkeit zuzuwenden und dieselben zum Gegenstande einer eingehenderen und noch lange nicht abgeschlossenen wissenschaftlichen Untersuchung zu machen! – –

Es war im Herbst des vorigen Jahres, als ich während eines Landaufenthaltes in Böhmen die Bekanntschaft eines Herrn machte, der mir im Laufe eines unserer, meist naturwissenschaftliche Gegenstände betreffenden Gespräche die frappante Notiz mittheilte, daß er es nicht nur oft mit angesehen, sondern auch selbst mit Erfolg versucht habe, Krebse zu – „magnetisiren“! Um nähere Auskunft gebeten, was er damit meine, sagte mir jener Herr, daß die Sache ungemein einfach sei.

Man halte den Krebs mit der einen Hand fest und mit der anderen führe man „magnetische“ Striche vom Schwanzende gegen das Kopfende des Thieres, indem man beim Streichen in der angegebenen Richtung die Fingerspitzen dem Rücken des Thieres, jede Berührung sorgfältig vermeidend, bis auf etwa einen Viertelzoll nähere, beim Zurückführen der Hand aber einen weiten Bogen beschreibe. Unter dieser Manipulation werde der Krebs nach kurzer Zeit ruhig und lasse sich nun senkrecht auf den Kopf stellen, wobei ihm sein Nasenstachel und die beiden einwärts geschlagenen Scheeren als Unterstützungspunkte dienten. In dieser absonderlichen und unnatürlichen Stellung verbleibe das Thier nun regungslos, bis man es durch entgegengesetzte, vom Kopf gegen das Schwanzende gerichtete Striche „entmagnetisire“, worauf es sich wieder zu bewegen anfange, das Gleichgewicht zu verlieren suche, endlich umschlage und davonkrieche.

Da mir mein Berichterstatter als ein intelligenter Mann und völlig glaubwürdiger, ehrenhafter Charakter bekannt geworden war, so durfte ich wohl keinen Zweifel an der Wahrhaftigkeit seines einfachen und klaren – wenn auch absonderlichen Berichtes hegen, und einen solchen am wenigsten in einer schroffen Weise aussprechen; allein mein Naturforschergewissen verpflichtete mich, ihm sofort zu sagen, daß ich zwar seiner Mittheilung den vollsten Glauben schenkte, daß ich aber der Meinung sei, er habe mir da doch nur eine „ungenau beobachtete Thatsache“ mitgetheilt.

Zwar, daß die Krebse sich hätten auf den Kopf stellen lassen, und regungslos in dieser Stellung geblieben wären, nachdem sie gestrichen worden waren, sei gewiß eine wirkliche Thatsache, da er mit seinem Zeugniß dafür einstehe; daß aber die sogenannten „magnetischen“ Striche mit den Fingerspitzen und ein durch dieselben wirksam werdender „Magnetismus“ die thatsächliche Ursache des auffallenden Verhaltens der Krebse gewesen seien, das könnte für mich, trotz der Glaubwürdigkeit seines Zeugnisses und ohne ihm irgend nahetreten zu wollen, noch lange keine wirkliche Thatsache sein, die ich auf Treu und Glauben annehmen oder überhaupt nur einer ernsten Beobachtung werth halten müßte, weil sie ja gar nicht Gegenstand seiner Wahrnehmung und Prüfung gewesen sei.

Uebrigens werde er mich sehr verbinden, wenn er mir, seinem freundlichen Anerbieten entsprechend, den interessanten Versuch zeigen wolle, nicht etwa, weil ich ein Mißtrauen in seine thatsächlichen [113] Angaben setzte, sondern weil ich im Augenblick nichts Besseres zu thun wüßte, und weil ich glaubte versprechen zu können, ihm bei dieser Gelegenheit, als einen kleinen Gegendienst, einen klareren Begriff von nüchterner Naturbeobachtung beibringen und an einem Beispiel zeigen zu können, was eine „ungenau beobachtete Thatsache“ sei! Gesagt, gethan. Es wurde sofort der Auftrag gegeben, aus dem nahen Bache Krebse herbeizuschaffen, und bald hatten wir ein Körbchen voll vor uns stehen.

Was nun weiter geschah, will ich Ihnen durch dieselben Versuche erläutern, welche wir damals anstellten, denn ich habe in diesem Gefäß hier ebenfalls eine Anzahl frischer Krebse vorräthig.

Mein freundlicher Gesellschafter ergriff, seines Erfolges sicher, eines der Thiere und begann seine sogenannten „magnetischen“ Striche vom Schwanzende gegen das Kopfende, gerade so, wie ich es jetzt vor Ihren Augen thue. Der anfänglich widerstrebende Krebs beruhigte sich allmählich, und nun hat er sich in der That, den gekrümmten Schwanz hoch in der Luft, auf den Kopf stellen lassen und verharrt regungslos, wie schlafend, in dieser gezwungenen, unnatürlichen Stellung, indem er an dem Nasenstachel und den beiden untergeschlagenen Scheeren die nöthigen drei Stützpunkte findet.

Es ist wahrlich ein überraschender Anblick!

Während wir damals, wie jetzt, dem Gelingen des Versuches mit Befriedigung und Interesse zusahen, hatte ich jedoch meinerseits ein Thier ergriffen in der Absicht, sofort zu versuchen, dasselbe ohne alle vorhergehenden magnetischen Striche auf den Kopf zu stellen und damit jeden vernünftigen Gedanken an einen geheimnißvollen „magnetischen“ Einfluß der Luftstriche auszuschließen.

Und siehe da! – mein Krebs stand wirklich nach einigem, durch mein Festhalten vereiteltem Widerstreben ebenso regungslos frei auf dem Kopfe, wie der sogenannte „magnetisirte“ meines Gesellschafters und wie dieser hier, den ich soeben vor Ihren Augen ohne allen magnetischen Hocuspocus unmittelbar auf den Kopf gestellt habe.

Und wie verhielt es sich mit den sogenannten „entmagnetisirenden“ Strichen in der Richtung vom Kopf- gegen das Schwanzende? Mein Gesellschafter bearbeitete eifrig, schon während ich den schlagenden Gegenversuch anstellte, seinen „magnetisirten“ Krebs mit aufwärts geführten Kopfschwanzstrichen. Es dauerte ziemlich lange, bis sich der Krebs zu regen begann und endlich umkippte und fortkroch.

Sie sehen, auch meine Kopfschwanzstriche hier an diesem Krebs sind noch immer wirkungslos, fast muß ich fürchten, daß Sie die Geduld verlieren. In der That! unterbrechen wir getrost die sogenannte „entmagnetisirende“ Manipulation, und stellen wir lieber noch die übrigen vorhandenen Krebse ohne magnetischen Hocuspocus auf ihre Köpfe, um die frappante Thatsache wiederholt zu constatiren.

Je länger wir warten, um die „entmagnetisirenden“ Kopfschwanzstriche wieder aufzunehmen, desto sicherer sind wir, dieselben endlich erfolgreich zu finden. Es ist damit, wie mit jenem feierlichen Bittgang, welchen eine fromme katholische Gemeinde in Oesterreich von ihrem Pfarrer verlangte, um Regen auf die dürren Felder vom Himmel herabzuflehen, welchen aber der aufgeklärte „Josephiner“ mit den Worten auf später zu verschieben rieth: „Ja, Kinder! gern – aber schaut’s, jetzt no’ nit, der Barometer steht halt no’ all’weil viel z’ hoch!“

Befolgen denn auch wir den guten Rath des klugen Pfarrers, Sie würden, wenn wir es abwarten wollten, selbst sehen, daß nach und nach alle die auf ihren Köpfen regungslos dastehenden Krebse ganz von selbst, ohne irgend eine mysteriöse Manipulation, wieder beweglich werden! Also auch mit dem „entmagnetisirenden“ Einfluß der Kopfschwanzstriche ist es nichts, höchstens mögen sie auf ganz mechanische Weise durch Erregung von Luftströmungen, von Abkühlungen und Erwärmungen oder sonstigen natürlichen Störungen den Vorgang des Wiedererwachens, das heißt die Wiederherstellung der normalen Functionsfähigkeit des alterirten Krebsnervensystems etwas beschleunigen!

Sie sehen also, meine hochverehrten Anwesenden! unsere damaligen und jetzigen Versuche verliefen genau so, wie ich es vorhergesehen hatte, und ich hoffe, Sie werden jetzt, wie mein Gesellschafter von damals, die Ueberzeugung gewonnen haben, daß das sogenannte „Magnetisiren“ der Krebse zwar eine Thatsache ist, aber, wie ich es nenne, eine „ungenau beobachtete“ Thatsache, also keine! Zugleich wird Ihnen der eigentliche Begriff, welchen ich mit der Bezeichnung „ungenau beobachtete Thatsache“ verbinde, und der Grund, warum ich gerade diese Bezeichnung für Etwas, was eben keine Thatsache ist, dennoch wähle, klar und deutlich geworden sein.

Das allein wirklich Thatsächliche beim sogenannten „Magnetisiren“ der Krebse ist die auf die Luftstriche nachfolgende Regungslosigkeit der Thiere; indem man aber diese thatsächliche, zeitliche Succession ohne alle Prüfung für einen durch ein mysteriöses, sogenanntes „magnetisches“ Agens vermittelten ursächlichen Zusammenhang nimmt, so glaubt man diesen in Wirklichkeit gar nicht existirenden Zusammenhang als thatsächliches Ereigniß unmittelbar wahrgenommen zu haben. Deshalb nenne ich eben solche vermeintliche Ereignisse, wie das „Magnetisiren“ der Krebse, die sich in Wirklichkeit niemals zugetragen haben, nichtsdestoweniger Thatsachen, aber zum Unterschiede von wirklichen – „ungenau beobachtete“, um zugleich den charakteristischen Umstand anzudeuten, daß ihnen stets etwas wirklich Thatsächliches zu Grunde liegt und ihnen einen Schein von Realität giebt, der den Urtheilslosen unwiderstehlich bestrickt und gefangen nimmt, und der nur bei nüchterner Prüfung und genauerer Beobachtung in sein Nichts verschwindet. Diese letzteren sind aber nicht Jedermanns Sache, und hieraus erklärt sich die alle Schranken der Vernunft und Besonnenheit durchbrechende Macht, welche die „ungenau beobachtete Thatsache“ ausübt, und die ungeheuer wichtige Rolle, die sie in der Geschichte des menschlichen Irrthums spielt!

[126] Beim sogenannten „Magnetisiren“ der Krebse reducirt sich nach genauer Prüfung und Beobachtung das allein wirklich Thatsächliche, wie gesagt, einfach darauf, daß Krebse die merkwürdige Eigenschaft besitzen, die höhere normale Erregbarkeit und Leistungsfähigkeit ihres Nervensystems zu verlieren und von selbst wiederzuerhalten, wenn man sie in irgend welcher Lage und Stellung genügend lange Zeit, trotz ihres anfänglichen Widerstrebens, mit den Fingern sanft, aber unwiderstehlich fixirt. Die sogenannten „magnetischen“ Luftstriche sind ohne alle Bedeutung.

Daß aber die thatsächliche, alterirende Wirkung auf die normale Leistungsfähigkeit des Krebsnervensystems während dieses Bezwingens und ruhigen Festhaltens der Thiere mit den Fingern auch nicht etwa auf dem Ueberströmen eines mysteriösen Agens, eines „magnetischen“ Fluidums und dergleichen aus den Fingern und Händen des Experimentators beruhe, daß sie dagegen ganz gewiß zurückgeführt werden müsse auf die ganz natürlichen Folgen des äußeren mechanischen Zwanges, der das Widerstreben des Krebses für längere Zeit fruchtlos macht, das beweisen die Versuche, bei welchen die Krebse gar nicht mit der lebendigen Menschenhand berührt und festgehalten werden, sondern nur durch beliebige mechanische Zwangsmittel, wie Bindfaden oder Holzklammern, bezwungen und fixirt werden, und jener auffallende Zustand der einige Zeit andauernden und endlich von selbst verschwindenden Regungslosigkeit dennoch ganz ebenso, wie sonst, bei ihnen in Erscheinung tritt!

Ich werfe um die Schwanzwurzel dieses Krebses, ohne denselben zu berühren, eine lose Bindfadenschlinge, ziehe sie leicht zu und hänge das Thier vermittelst derselben an dies Gestell. Sie sehen, wie der mit dem Kopfe nach unten hängende Krebs sich vergeblich abarbeitet, um sich aus seiner ganz unnatürlichen Situation zu befreien. Nicht lange, so beruhigt er sich und hängt nun, wie vorhin, als er durch meine Hand festgehalten worden war, völlig regungslos herab, bis er nach kürzerer oder längerer Zeit von selbst wieder seine Bewegungen aufnimmt.

Hier wälze ich einen zweiten Krebs vermittelst eines Glasstabes auf den Rücken, er arbeitet sich ab, um wieder auf die Beine zu kommen; zufällig oder in Folge einer leichten Verhinderung mit dem Glasstabe gelingt ihm dies einige Zeit hindurch nicht. Sein Widerstreben ist fruchtlos; die Schwere hält den Ungeschickten unerbittlich fest, und siehe da! nun bleibt er regungslos auf dem Rücken liegen, um erst nach längerer oder kürzerer Pause seine Bemühungen von selbst wieder aufzunehmen.

Hier, wie in dem vorigen Versuch, kann doch von einem geheimnißvollen thierisch-magnetischen Einfluß, der vom Experimentator ausginge, auch nicht im Entferntesten mehr die Rede sein, nichtsdestoweniger ist aber der Krebs in beiden Fällen für längere Zeit vollkommen regungslos geworden, nachdem seine anfänglichen Widerstandsbewegungen in Folge unserer Veranstaltungen durch den Zug der Schwere, also durch rein äußeren mechanischen Zwang überwunden und erfolglos gemacht worden waren. Aber auch Krebse, die, das Schwanzende voran, ihre Krebsbahn munter dahin rutschen, sieht man oft durch irgend einen nicht einmal wahrnehmbaren Umstand veranlaßt, für längere Zeit regungslos Halt zu machen. Wir erfahren also, daß auch ganz unbelästigte, normale Krebse ebenso gut, wie unsere Versuchsthiere, regungslos werden können.

Allein darum verlieren unsere allerdings ohnehin schon alles mysteriösen Charakters entkleideten Versuche noch lange nicht alles und jedes Interesse, denn es waltet hierbei der doppelte und wesentliche Unterschied ob: erstens, daß das Eintreten der Bewegungslosigkeit bei unseren Versuchsthieren durch unsere Veranstaltungen künstlich und willkürlich hervorgerufen, oder, wenn Sie wollen, nicht gehindert werden kann, während der unbehelligte, normale Krebs unter keinerlei irgend nachweisbaren außergewöhnlichen Umständen in Regungslosigkeit verfällt, und zweitens, daß die Versuchsthiere regungslos werden und verbleiben, trotzdem sie in Folge der oft höchst unnatürlichen und gezwungenen Stellungen und Lagen, in welche wir sie bringen, einem fortwährenden mächtigen Anreize zur Bewegung ausgesetzt sind und sich daher ganz bestimmt nicht in dem völlig munteren und normalen Zustand und Grade der Erregbarkeit und Functionsfähigkeit ihres Nervensystems befinden können, während der unbehelligte Krebs augenscheinlich gar keinem Anreiz zur Bewegung ausgesetzt ist.

Beim unbehelligten Krebs, der in Regungslosigkeit verfällt und darin verharrt, läßt sich wenigstens zweierlei annehmen; entweder, daß er zwar im vollkommen wachen und normalen Zustand sich befindet und sich nur deshalb nicht bewegt, weil er keine Veranlassung, kein Motiv zur Bewegung hat, sich also nicht bewegen will, oder, daß er sich nicht bewegen kann, weil er erschöpft ist oder sich in einem zufälligen oder durch die Jahreszeit nothwendig bedingten, etwa schlafähnlichen oder lethargischen Zustand befindet. Hinsichtlich unserer Versuchsthiere hingegen waltet hierüber, wie gesagt, kaum ein Zweifel ob, da sie in Lagen und Stellungen gebracht sind, in welchen sie müßten sich bewegen wollen, wenn sie könnten, das heißt, wenn sie in einem ganz leistungsfähigen Zustand ihres Nervensystems wären.

Und so sehen Sie denn, wie wir durch eine nüchterne, wissenschaftliche Untersuchung und Beobachtung der Erscheinungen dazu gekommen sind, statt der vermeintlichen Thatsache des „Magnetisirens“ der Krebse die wirkliche Thatsache zu finden, daß Krebse, wenigstens im Herbst und Winter, wo ihre Lebensgeister vielleicht mehr als in anderen Jahreszeiten herabgestimmt sein mögen, die merkwürdige Eigenschaft besitzen, die dem völlig munteren Zustande entsprechende, normale Erregbarkeit und Leistungsfähigkeit ihres Nervensystems, selbst in den gezwungensten Stellungen, zu verlieren und erst nach längerer Pause von selbst wiederzuerhalten, sobald sie eine gewisse Zeit lang, trotz ihres anfänglichen Widerstrebens, überwältigt und in einer beliebigen Stellung ruhig festgehalten werden. –

Einmal angeregt durch die eben mitgetheilten Versuche, erinnerte ich mich sogleich ähnlicher „ungenau beobachteter Thatsachen“ von künstlich und willkürlich durch gewisse mysteriöse Manipulationen hervorrufbarer Regungslosigkeit bei Hühnern, welche ich zwar von Hörensagen kannte, ohne jedoch jemals Gelegenheit oder Veranlassung zu ihrer genaueren Untersuchung gehabt zu haben. Ich beschloß daher, sofort an der Bevölkerung des Hühnerhofes meines ländlichen Gastfreundes, bei dem ich mich damals aufhielt, zu experimentiren.

Vielen von Ihnen wird es ebenfalls aus Erzählungen oder vielleicht aus eigener Erfahrung bekannt sein, daß ganz wilde, scheue Hühner, die man eben erst mit Mühe eingefangen und festgehalten hat, alsbald ganz freigelassen werden können und kürzere oder längere Zeit völlig regungslos, wie verzaubert, liegen bleiben, nachdem man auf dem Fußboden oder dem [127] Tische, wo sie in oft ganz unbequemer Bauch- oder Seitenlage mit sanfter Gewalt niedergehalten worden waren, einen geraden Kreidestrich in der Verlängerung des Schnabels oder in querer Richtung von jedem Auge aus hingemalt hat. Nun, auch dies ist, so unglaublich es klingt, eine wirkliche Thatsache, und ich will versuchen, Ihnen dieselbe zu demonstriren, doch muß ich von vornherein ausdrücklich hervorheben, daß ich nicht dafür einstehen kann, ob der meist so eclatante Versuch hier, in dieser so zahlreichen Versammlung, bei dieser grellen Beleuchtung, bei dieser, trotz aller Ruhe und Aufmerksamkeit, denn doch von leisen, ungewöhnlichen Geräuschen nicht völlig freien Stille, nach Wunsch gelingen wird, da ich denselben noch niemals unter solchen Umständen angestellt habe und daher nicht wissen kann, ob sich nicht irgend ein störender Einfluß auf meine Hühner geltend machen wird.

Ich muß Sie, zu meiner Sicherstellung als vor- und umsichtiger Experimentator, nothwendig daran erinnern, daß wir da sozusagen einen neuen Versuch machen oder vielmehr einen alten, thatsächlich gelingenden Versuch unter etwas veränderten, neuen Bedingungen. Wir müssen daher auch vorbereitet sein, eine neue Erfahrung zu machen, die uns möglicher Weise eine recht unangenehme Enttäuschung bringen kann, wenn sie uns nämlich des Vergnügens berauben sollte, jetzt und hier den wunderbaren Zustand mit eigenen Augen zu constatiren, in welchen ein scheues Huhn in kürzester Zeit und unter anscheinend so abgeschmackten und sinnlosen Veranstaltungen wirklich und thatsächlich zu versetzen ist.

– (Der Vortragende ließ nun durch seinen Assistenten ein Huhn bringen und auf dem Tisch am Leibe festhalten, was nur unter heftigem Widerstreben und Geschrei des scheuen Thieres gelang; sodann drückte er mit seiner linken Hand Hals und Kopf des niedergehaltenen Huhns auf die Tischplatte und zog mit der rechten Hand einen geraden Kreidestrich von der Schnabelspitze anfangend auf die mit dunkler Farbe lackirte Fläche. Ganz freigelassen, blieb das vorher so widerspenstige Huhn, zwar heftig athmend, sonst aber vollkommen regungslos auf dem Tische liegen und ließ sich widerstandslos und ohne zu erwachen, auf den Rücken wälzen und verblieb dann in dieser unnatürlichen Stellung regungslos bis zum Schlusse des Vortrages. Erst durch das Geräusch des aufbrechenden Publicums wurde es erweckt.) –

Als ich das erste Mal diesen interessanten Versuch und zwar sogleich mit demselben eclatanten Erfolg, den Sie hier vor Augen haben, anstellte, war ich einen Moment, ich gestehe es, starr vor Staunen, denn das Huhn blieb nicht nur viele Minuten lang ganz regungslos in seiner unbequemen und gezwungenen Stellung liegen, sondern machte auch dann nicht den geringsten Versuch, sich zu bewegen oder gar zu entfliehen, als ich es wiederholt aufzuscheuchen suchte. Es war klar, das Huhn hatte unter den anscheinend so sinnlosen und gleichgültigen Veranstaltungen des Versuchs die volle normale Functionsfähigkeit seines Nervensystems eingebüßt und war, wie durch einen Zauber, in einen höchst auffallenden Zustand von Benommenheit versetzt worden, der sich durch eine mehr oder weniger vollständige Suspension seiner Intelligenz oder seines Willens charakterisirte.

Aber „nil admirari!“ (lasse dich nicht verblüffen!) ist die erste Maxime des nüchternen Naturforschers. Es gilt nun, den ursächlichen Zusammenhang der Erscheinungen zu ermitteln, um nicht bei einer „ungenau beobachteten Thatsache“ stehen zu bleiben, wie der alte Athanasius Kircher, der berühmte Vielwisser und Jesuit aus Fulda, welcher diese mysteriöse Geschichte in seinem bereits 1646 zu Rom erschienenen Werke „Ars magna lucis et umbrae“ als eine thatsächliche Bestätigung der übergroßen Imagination oder Einbildungskraft der Hühner berichtet. Kircher stellte nämlich den Versuch, welchen er das „experimentum mirabile de imaginatione gallinae“ nennt und sogar durch einen naiv-kräftigen Holzschnitt trefflich illustrirt, folgendermaßen an.

Er schnürte zuerst die Füße des Huhnes vermittelst eines schmalen Bandes zusammen und legte das Thier auf den Boden, wo es sich nach kürzer oder länger andauerndem Geschrei und heftigem Umsichschlagen endlich beruhigte, „wie wenn es,“ sagt er, „bei der Fruchtlosigkeit seiner Bemühungen, an der Flucht verzweifelnd, sich der Willkür des Siegers preisgäbe.“ Darauf zog Kircher in querer Richtung, von jedem Auge aus, einen geraden Kreidestrich, löste das fesselnde Band und sah nun das Huhn, obschon es nunmehr völlig frei und unbehindert war, regungslos liegen bleiben, selbst wenn er es aufzuscheuchen suchte. Deshalb berichtet Kircher, daß der Kreidestrich von dem Thiere in Folge der überaus lebhaften Imagination, deren sich nach seiner Meinung gerade die Hühner erfreuten, für ein Band gehalten werde, vermittelst dessen es gefesselt sei, wie an seinen Füßen, trotzdem letztere bereits wieder aller Bande los und ledig sind.

Damit hat nun Kircher, so genau sein Bericht auch der Wirklichkeit entspricht, etwas berichtet, was sich gar nicht ereignet hat, und seine wahrheitsgetreuen Angaben in jene verhängnißvolle Kategorie der „ungenau beobachteten Thatsache“ herabgesetzt, welche eine so große Rolle in der Geschichte des menschlichen Irrthums spielt.

Das Erste, was ich that, nachdem die momentane Ueberraschung über den fast zauberhaften Effect, den ich bei dem erwähnten Erstlingsversuch thatsächlich vor Augen hatte, vorüber war, bestand darin, daß ich den Kreidestrich sofort wegwischte. Meine Ueberraschung kehrte für einen Augenblick, vermischt mit einiger Befriedigung, zurück, denn das Huhn blieb regungslos liegen, obschon der Strich verschwunden war. Der Kreidestrich schien also ebenso entbehrlich wie das bei jenem ersten und dem eben angestellten Versuche überhaupt gar nicht in Anwendung gekommene fesselnde Band Kircher’s. Freilich, dies konnte auf einer Nachwirkung des Striches beruhen. Um sofort hierüber in’s Klare zu kommen, stellte ich nun meine Versuche einfach so an, daß ich das Huhn durch einige Zeit mit den Händen festhielt und den Hals sammt dem Kopfe gerade ausgestreckt auf die Unterlage sanft niederdrückte, wie wenn ich den Kreidestrich ziehen wollte, in Wirklichkeit den Strich aber nicht hinmalte. Und siehe da! die Hühner blieben, freigelassen, ebenso regungslos liegen, wie wenn der Kreidestrich gezogen worden wäre!

Daß der Kreidestrich, sowie das fesselnde Band völlig entbehrlich ist, ist somit eine Thatsache. Was dagegen Kircher von der starken Imagination der Hühner berichtet, welche sie verleiten oder zwingen soll, den Kreidestrich für das sie fesselnde Band zu halten, ist nur eine „ungenau beobachtete Thatsache“ – also keine. Bemerken Sie wohl, das allein wirklich Thatsächliche in Kircher’s Bericht ist das regungslose Liegenbleiben des Huhnes vor dem Kreidestriche; indem er aber diese zeitliche Coincidenz ohne weitere Prüfung für einen durch die Einbildungskraft des Huhns vermittelten ursächlichen Zusammenhang nahm, berichtet er ein thatsächliches Ereigniß, welches sich nichtsdestoweniger in Wirklichkeit gar nicht zugetragen hat, wenigstens nicht so, wie er meint.

Durch mein vereinfachtes Verfahren ohne Kreidestrich und ohne fesselndes Band habe ich nun nicht nur Hühner, sondern auch Enten, Gänse, Truthühner und einmal auch einen scheuen und sehr ungeberdigen Schwan in jenen eigenthümlichen Zustand von Stupidität oder Willenlosigkeit versetzt, welche es den Thieren für kürzere oder längere Zeit unmöglich macht zu entfliehen oder überhaupt nur sich zu bewegen, um ihre unbequemen und gezwungenen Stellungen und Lagen zu verändern.

Dieser eigenthümliche Zustand dauert bei Hühnern, an denen ich am häufigsten experimentirte, oft minutenlang, ja manchmal bis zu einer Viertelstunde und mehr, und konnte so intensiv auftreten[WS 1], daß sich die Thiere erst durch wiederholtes Anstoßen und Aufscheuchen erwecken ließen. Ja, es gelang, die Thiere – wie Sie vorhin selbst sahen – aus ihrer Seiten- oder Bauchlage vorsichtig auf den Rücken zu wälzen, ohne daß sie hierbei erwacht wären oder Widerstand geleistet hätten. Bei diesem Umwälzen konnte sehr häufig beobachtet werden – auch dies konnten Sie vorhin bemerken –, daß der Kopf des Huhns, wie von einer unsichtbaren Hand festgehalten, seine Orientirung im Raume (den Scheitel nach oben, den Schnabel nach vorn und etwas nach unten) hartnäckig beibehielt, indem sich der Hals entsprechend verdrehte; zugleich wurde der Fuß jener Seite, welche beim Umwälzen nicht mit der Unterlage in Berührung gekommen war, mit zusammengekrampften Zehen hoch emporgezogen, dagegen der der andern Seite, über welche die Umwälzung stattfand, nach unten ausgestreckt. So blieben dann die Hühner, gerade so wie das unsrige hier auf dem Tische, mit verdrehtem Halse und offenen Augen, noch lange, meist tief und heftig athmend, sonst aber vollkommen regungslos auf dem Rücken liegen, bis sie endlich von selbst oder auf eine nachweisliche Störung hin, namentlich Geräusche, zu sich kamen und entflohen.

[128] Mein Verfahren mit dem einfachen Festhalten und Niederdrücken des gerade gestreckten Halses und Kopfes auf die Unterlage erwies sich bei verschiedenen Hühnerindividuen und bei denselben Individuen zu verschiedenen Zeiten mehr oder weniger, ja unter Umständen, die sich nicht genauer bezeichnen und vorhersehen lassen, wohl auch gar nicht wirksam. Ganz wilde, frische Hühner scheinen sich besser zu diesen Versuchen zu eignen als solche, die etwa schon öfter zu denselben gedient haben und an den Verkehr und die Nähe der Menschen gewöhnt sind. Unter allen Umständen beweist das Gelingen meiner vereinfachten Controlversuche, daß sowohl das Binden und Zusammenschnüren der Füße des Huhnes, als auch das Hinmalen des mysteriösen Kreidestriches beim alten Kircherschen Verfahren zur Hervorrufung des wunderbaren Hemmungszustandes im Hühnernervensystem völlig entbehrlich sind. Das eigentliche Hauptmoment, welches die wunderbare Veränderung der Leistungsfähigkeit des Hühnernervensystems bewirkt, scheint somit, abgesehen von der Angst und dem Schrecken, welchen wir den Thieren in allen Fällen durch die unwiderstehliche, wenn auch sanfte Gewalt beim Festhalten und Ueberwältigen derselben einjagen, in der Geradestreckung des Halses und Kopfes zu liegen, indem hierdurch möglicherweise eine leise, mechanische Zerrung oder Dehnung gewisser Theile des Gehirns und Rückenmarks, in Folge der etwas gewaltsamen Ausgleichung der natürlichen Krümmungen dieser leicht verstimmbaren Organe, gesetzt werden dürfte.

Der Kreidestrich und der Druck des fesselnden Bandes, welche ja thatsächlich völlig entbehrlich sind, scheinen hingegen offenbar der reine Hocuspocus zu sein! Ich war anfänglich selbst dieser Meinung. Allein hüten wir uns, nach Art der Laien, voreilig bei einer „ungenau beobachteten“ Thatsache stehen zu bleiben! Denn die völlige Entbehrlichkeit des fesselnden Bandes und des Kreidestriches beweist ja noch lange nicht ihre absolute Gleichgültigkeit und Wirkungslosigkeit an sich; und andererseits ist die leise, mechanische Dehnung oder Zerrung des Hirns und Rückenmarkes in Folge der Ausgleichung der natürlichen Krümmungen der Wirbelsäule beim gewaltsamen Geradestrecken des Halses und Kopfes, sowie ihre supponirte verstimmende Wirkung auf die zarten Nervenelemente der Centralorgane ein zwar sehr plausibler und naheliegender, aber durchaus noch nicht thatsächlich begründeter Gedanke. Es bleibt uns nichts übrig, wir müssen unsere Untersuchung und Prüfung geduldig und umsichtig fortführen, um den thatsächlichen Zusammenhang der Erscheinung aufzufinden.

Sie sehen, die nüchterne, strenge Naturbeobachtung ist kein Kinderspiel; sie fordert, selbst gegenüber verhältnißmäßig einfachen Vorgängen, eine Umsicht, eine Besonnenheit und Kritik, von der sich Jene nichts träumen lassen, welche, wie zum Beispiel die Herren „Spiritisten“, freischwebende Tische, selbstmusicirende Harmonica’s, fliegende Guitarren, akustische Klopferscheinungen etc. frischweg als thatsächliche Aeußerungen „neuer Naturkräfte“, als „Geistermanifestationen“ etc. proclamiren und – bezeugen!

Ja, wenn die Sache so leicht und so einfach wäre, „neue Naturkräfte“ zu entdecken, oder überhaupt nur wirkliche, naturwissenschaftliche Thatsachen aufzufinden und sicherzustellen, da könnte freilich Jedermann ein „Naturforscher“ sein und heißen wollen!

Ich hätte wahrlich gleich hier Veranlassung, der berechtigten Entrüstung oder, je nach der Stimmung, der Heiterkeit Ausdruck zu geben, welche das unwissenschaftliche und leichtfertige Gebahren jener Herren jedem Naturforscher einflößt; doch die für heute uns zugemessene Zeit ist so weit vorgeschritten, daß ich mit dieser beiläufigen Bemerkung schließen will; überdies ist es überhaupt nicht in meiner Absicht, Stimmungen und subjectiven Gefühlen Ausdruck zu geben, sondern – das nächste Mal – vor allem die weitere Untersuchung des Kircherschen „Experimentum mirabile“ zu Ende zu bringen, um schließlich, so zu sagen als Nutzanwendung des vorgeführten Beispiels einer wissenschaftlichen Experimentaluntersuchung, eine eingehende, allgemein-verständliche Betrachtung über Naturwissenschaft und „Spiritismus“, „Geistermanifestationen“ etc. folgen lassen zu können, welche allen Jenen, die einer objectiven, vorurtheilsfreien Ueberlegung fähig, einer ernsten, aufklärenden Belehrung noch zugänglich sind, den Standpunkt recht eindringlich klar und verständlich machen dürfte, von dem aus diese Dinge beurtheilt werden müssen!

Auf morgen denn!


  1. Obige Vorträge wurden den 24. und 25. Januar 1873 im Amphitheater des physiologischen Privatlaboratoriums an der Universität Leipzig gehalten. – Zur Erklärung des Wortes Hypnotismus bemerken wir, daß es von dem griechischen „ὕπνος“ (der Schlaf) abgeleitet ist. Der schottische Chirurg Mr. Braid hat dasselbe im Jahre 1841 in die Wissenschaft eingeführt; er hat damit jene eigenthümlichen schlafartigen Zustände und sonstigen Nervenerscheinungen bezeichnen wollen, welche sich bei manchen Menschen in Folge länger fortgesetzten starren Fixirens selbst eines kleinen leblosen Gegenstandes einstellen und welche man früher als Phänomen des Mesmerismus, Somnambulismus, thierischen Magnetismus betrachtete. Die Worte Hypnotismus und Braidismus sind daher gleichbedeutend.
    D. Red.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: aufauftreten