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Titel: Der Teufel im Groß-Topp
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 27, S. 455–456
Herausgeber: Ernst Ziel
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1878
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[455] Der Teufel im Groß-Topp. Frisch und immer frischer wehte der Wind. Die Bram- und kleinen Stagsegel waren schon festgemacht. Ein feiner, dichter Regen vermehrte das Unangenehme einer finstern Nacht auf See. Das Schiff lief schnell durch die phosphorescirenden Wellen des atlantischen Oceans. Es war zwölf Uhr. Vom Achterdeck rief der wachthabende Officier: „Acht Glas und Reff in die Marssegel!“ Kurz darauf wurde die andere Wache mit dem gewöhnlichen aus voller Kehle gesungenen:

Rise,[1] Quartier is min Verlangen,
You mutten de Mann an’t Ruder verfangen,
Acht Glasen seind geschlahn.
Rise, Quartier in Gottes Namen!

und „Reff in die Marssegel!“ geweckt.

Alle Mann waren auf Deck; die Marsragen wurden heruntergeführt, und die Leute bekamen Befehl nach oben zu gehen. Kaum aber war der Erste bis unter den Mars, so kam er und mit ihm die ganze Gesellschaft in größter Hast wieder herunter. Ohne ein Wort zu sprechen, eilten Alle, wie auf Commando, nach dem Fockmast, und erst nach vielem Fragen wurde dem Officier die Antwort: „De Düwel is in’n Grot-Topp und he spreckt hollandisch.“

Kein Zureden, keine Vernunftgründe beruhigten die verstörte Mannschaft. Der Teufel ist im Groß-Topp, und noch einmal würden sie nicht nach oben gehen. Alle behaupteten deutlich die Worte: „wo mut yei natu“ gehört und Einige wollten sogar leuchtende Augen gesehen haben.

Der Wind nahm mehr und mehr zu; die heruntergeführten Segel schlugen und klatschten immer stärker. Statt des seinen Segels prasselte das Wasser in Strömen auf Deck. Die Segel mußten durchaus festgemacht werden.

Kurz entschlossen sprang der Officier die Strickleitern in die Höhe, um endlich Aufklärung in die Sache zu bringen und die Leute wieder zur Arbeit zu bekommen. Oben angekommen, wurde er mit dem Rufe: „Wo mut yei natu,“ empfangen. Unwillkürlich zusammenfahrend blieb er stehen. So sehr er auch seine Augen anstrengte, nichts Verdächtiges war zu entdecken. Da blieb also nichts Anderes übrig, als dem sprechenden Gespenst mit Licht auf den Leib zu rücken. Die Webeleinen hinab nach unten gehend, befahl er dem Koch, die Ankerlaterne anzuzünden, und so bewaffnet, stieg er wieder allein nach oben, da keiner von der Mannschaft den Muth hatte, ihn zu begleiten.

Nach einer Weile rief er den unten ängstlich zu ihm Aufsehenden lachend zu: „Nu kamt mal rup und helpt mi den Düwel fangen, sünst geit he uns noch äver Burd.“ In Lee, hinter dem Besansstengestagsegel saß, geschützt vor Wind und Regen ein niedlicher grüner Papagei. Der Teufel hatte diesmal eine besondere Gestalt angenommen und war ohne [456] Pferdefuß und Hörner zu uns armen Seeleuten gekommen. Mit großem Jubel wurde er auf Deck und unter Dach gebracht.

Jetzt ging es schnell an die Arbeit. In kurzer Zelt lagen wir bequem vor den Sturmsegeln und der alte Bootsmann hatte Zeit, ein Garn zu spinnen, das, einmal angefangen, so leicht nicht abreißt. Erklärbare und unerklärbare Gespenstergeschichten wurden aufgetischt, um die heutige Furcht zu entschuldigen und zu beschönigen. Lange noch gab diese kleine Episode, mehr oder weniger vergrößert, Stoff zu Unterhaltungen, und Gott weiß, wie verändert sie heute in den Kreisen dieser wackeren Seehelden lebt; wer weiß, wie sie sich nach langer Zeit ihre Kindeskinder erzählen, und was dann aus unserem kleinen Teufelchen für ein Gespenst gemacht werden wird! Denn sicher stammen die unter den Seeleuten so beliebten Spukgeschichten vom „Fliegenden Holländer“, „Klabautermann“, der „Seekatze“ etc. alle von ebenso unschuldigen Ursachen her. Der Papagei blieb während der Reise der Liebling Aller. Zur Erinnerung an diese denkwürdige Nacht wurde er Düwel genannt.

Abends vor Dunkelwerden war ein holländischer Ostindienfahrer, nordwärts steuernd, an uns vorbeipassirt. Von ihm mußte „Düwel“ zu uns herübergezogen sein.

P. O.
  1. Rise, aus dem Englischen aufstehen. Vier Stunden (Quartier) dauert eine Wache auf Deck. Jede halbe Stunde wird durch Glockenschläge angezeigt, die in vier Stunden von eins bis acht zunehmen, sodaß z. B. einhalb ein Uhr ein Glas, zwei Uhr vier und vier Uhr acht Glas sind. Dann ist Quartier; die Wache wird abgelöst und die Rechnung fängt von vorn an.