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Titel: Neue Untersuchungen über Farbenblindheit
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aus: Die Gartenlaube, Heft 27, S. 456
Herausgeber: Ernst Ziel
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Erscheinungsdatum: 1878
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[456] Neue Untersuchungen über Farbenblindheit. Bekanntlich hat man früher die Farbenblindheit bei Menschen nur als ein Curiosum betrachtet oder gar solche Individuen, welche vorgaben, bestimmte Farben nicht unterscheiden zu können für Ueberspannte, ja für Simulanten gehalten. Ueber die bedeutendere Berücksichtigung, welche von Seiten der Behörden und Aerzte dem häufigen Vorkommen der Farbenblindheit in neuerer Zeit gezollt wurde, hat die „Gartenlaube“ mehrfach Mittheilungen gebracht. In der jüngsten Zeit haben nun zwei Breslauer Augenärzte, die Herren Professor Dr. Herm. Cohn und Docent Dr. Hugo Magnus, sich der mühsamen Aufgabe unterzogen, die heranwachsende Jugend auf Farbenblindheit zu prüfen, um der bezüglichen Statistik eine festere Grundlage zu verleihen. Bisher haben die Genannten gegen 6000 Schüler und Schülerinnen zu Breslau auf deren Capacität des Farbensinnes untersucht. Die Kinder wurden, um jegliche Täuschung zu vermeiden, durch vier Methoden auf Farbensinn geprüft; durch das Aussuchen farbiger Wollfäden, durch das Prüfen mit Farbebildern, durch das Prüfen mit Contrastfarben, sowie durch Prüfung mit dem physikalischen Spectralapparate. Unter 2561 Schülern fanden sich 67 farbenblind, = 2,7 Procent. Unter 2318 Schülerinnen fand sich nur eine farbenblind, = 0,04 Procent. Unter den Mädchen scheint also die Farbenblindheit zu den größten Seltenheiten zu gehören. Der einzige Fall, der beobachtet wurde, betraf ein Mädchen, welches sowohl für roth und grün, wie für blau und gelb unempfindlich war. Bei der Untersuchung der Schüler einer Realschule, welche von sehr vielen jüdischen Zöglingen besucht wird, ergab sich das überraschende Resultat, daß bei den jüdischen Schülern die Farbenblindheit sich bedeutend mehr verbreitet zeigte, als bei den christlichen. Unter 1947 christlichen Schülern fanden sich 42 farbenblind, = 2,1 Procent, unter 814 jüdischen Schülern 34 farbenblind, = 4,1 Procent. Es wurden also doppelt so viel jüdische als christliche Schüler farbenblind befunden. Auf den Mädchenschulen waren 836 Jüdinnen untersucht und alle normal befunden worden. Das Interessanteste bei diesen Untersuchungsergebnissen ist demnach: 1.) daß unter den Mädchen die Farbenblindheit fast nie vorkommt und 2) daß die Farbenblindheit unter den Juden noch einmal so verbreitet ist, wie unter den Christen. Letzterer Umstand hat noch das besondere Interesse, einen Beleg für die Vererbung menschlicher Eigenschaften zu bieten.

Bekanntlich hatte der berühmte Sprachforscher Lazarus Geiger aus vergleichend naturwissenschaftlich-philologischen Forschungen den Schluß gezogen, daß bei den alten Völkerschaften die Entwickelung des Farbensinnes (vergleiche Gartenlaube“ „Nr. 4, Jahrgang 1876 und Nr. 39 von 1877) eine ungenügende war und sich erst allmählich zu der Höhe der heutigen Empfindung entfaltet habe. In den jüngsten Jahren haben Dr. Magnus in Breslau und der auch als Sprachforscher bedeutende ehemalige Premierminister von Großbritannien und Lordrector der Universität von Glasgow, W. E. Gladstone, welcher schon früher ähnliche Untersuchungen veröffentlicht hat, die Geiger’schen Ansichten bestätigt. Der obenerwähnte merkwürdige Befund an den jüdischen Schülern der Breslauer Schulen dürfte nun einen neuen Anhaltspunkt dafür bieten, daß bei vielen alten Völkerschaften die Empfindlichkeit für Farbeneindrücke weniger entwickelt war, wie denn auch die Bibel wichtige Anhaltspunkte für jene Ansicht bietet, worüber schon früher Näheres in der „Gartenlaube“ auseinandergesetzt wurde. Da sich das jüdische Volk zum größten Theile in seiner Abstammungsreinheit bis heute erhalten hat, dürfte wohl das häufige Vorkommen der Farbenblindheit unter den Juden in der mehrerwähnten Theorie seine Erklärung finden. Merkwürdig und eigenthümlich bleibt es indessen immer, daß die Farbenblindheit bei dem weiblichen Geschlechte eine verhältnißmäßig so äußerst seltene ist, ein Umstand, für welche die Fachleute uns die Erklärung noch schuldig geblieben sind. Uebrigens hat ein Correspondent der „Gartenlaube“ (D. in B.) schon in Nr. 21. des vorigen Jahrgangs unter dem Titel: „Die Farbenblindheit in der Schule“ auf die merkwürdige Erscheinung hingewiesen, daß unter sämmtlichen in jener Anstalt untersuchten Mädchen keine einzige Farbenblinde zu finden war.
St.