Textdaten
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Autor: Friedrich Uwinger
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Titel: Zur Geschichte des Strumpfes
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 27, S. 454–455
Herausgeber: Ernst Ziel
Auflage:
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Erscheinungsdatum: 1878
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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Zur Geschichte des Strumpfes.

Eine Skizze von Fr. Uwinger.

Auch der Strumpf hat seine Geschichte. Bücher sind freilich nicht darüber geschrieben worden, und Gelehrte haben weder Zeit noch Mühe darauf verwandt; trotzdem gebührt ihr vom sittlichen, culturhistorischen und künstlerischen Standpunkt aus eine nicht zu unterschätzende Stelle. Nur bescheiden sieht sie aus den Aufzeichnungen alter und neuer Zeit hervor, führt uns aber an einer Reihe höchst interessanter Culturmomente vorüber, die in Kürze hier berührt werden sollen. Für die zart besaiteten Gemüther will ich von vornherein bemerken, daß ich keine Toilettengeheimnisse verrathen werde, auch nicht gesonnen bin, mich in eine Polemik über die Strumpfkoketterie einzulassen.

Der Strumpf, dieses jedem civilisirten Menschen jetzt unentbehrliche Kleidungsstück, ist ein Kind der Neuzeit. Das classische Alterthum und der größte Theil des Mittelalters kannten ihn nicht. Seine Mutter war ein langes, von den Hüften bis zum Fuß reichendes Beinkleid, welches große Aehnlichkeit mit dem jetzt von uns getragenen hatte. Dieses Beinkleid ist urdeutsch, wie schon sein Name andeutet: „Hose“ (chausse). Die Römer fanden es bei uns, doch blieb es für sie stets ein Gräuel und ein Merkmal der Barbarei. Das älteste deutsche Beinkleid-Document haben sie uns trotzdem erhalten: auf der trajanischen und antoninischen Säule sehen wir unsere Ahnen – in Beinkleidern.

Anfänglich war das Beinkleid weit, formte sich indeß im Laufe des Mittelaltars derart um, daß es allmählich immer enger wurde und zuletzt, in einem Stück gearbeitet, Fuß, Bein und Schenkel bedeckte. Es machte hierin viele Phasen durch, behielt aber diesen Hauptcharakter ständig bei. Erst gegen Mitte des sechszehnten Jahrhunderts sollte mit ihm eine bedeutende Aenderung vor sich gehen. Die Mode hatte ihm damals eine sehr unbequeme Form gegeben. Vom Knie aufwärts war es bauschig, zerschlitzt und zerrissen, niederwärts dagegen immer noch eng anschließend. Vornehmlich den Soldaten machte die Tracht unbeholfen; denn das An- und Auskleiden war zeitraubend und eine Reparatur desselben im Felde schwierig auszuführen. Die deutschen Landsknechte sollen die ersten gewesen sein, die mit aller Macht gegen die Mode geeifert haben.

Der Name des Chirurgen, der zuerst die nun folgende Operation vornahm, ist uns nicht aufbewahrt, wir wissen nur so viel, daß plötzlich das bis dahin ganze Beinkleid mit kühner Hand am Knie durchschnitten wurde. Auf diese Weise tritt uns das haut–de–chausse, das eigentliche Beinkleid, und das bas-de-chausse, oder schlechtweg bas entgegen – der Strumpf war geboren.

Diese Modeänderung wurde sehr bald als äußerst praktisch erkannt, und mit Ausnahme Spaniens, wo noch lange das tricotförmige anschließende Beinkleid üblich blieb, sehen wir dieselbe sich schnell von Deutschland aus über die übrigen civilisirten Länder verbreiten.

Man fertigte den Strumpf anfangs aus Wolle oder Baumwolle. Gegen Ende des sechszehnten Jahrhunderts muß indeß schon Seide dazu verwandt worden sein: sonst könnte der französische Sittenschilderer Brantome nicht erzählen, daß er viele Liebhaber gekannt, die, wenn sie sich neue seidene Strümpfe gekauft, ihre Schönen ersucht hätten, sie erst acht bis zehn Tage anzulegen, wonach sie die also eingeweihten mit großer Befriedigung getragen.

Das neue Kleidungsstück fand fast gleichzeitig bei den Frauen Eingang; sie kannten bis dahin nichts Aehnliches. Farbige Seide oder filet de Florence war bei ihnen als Stoff am meisten beliebt. Obwohl das Stricken nicht unbekannt war, wurden doch [455] die Strümpfe vielfach genäht, und es gehörte große Kunstfertigkeit dazu, sie faltenlos, gut sitzend „proprement et mignonnement“ herzustellen.

Allgemeiner dehnte sich ihr Gebrauch erst aus, als die höchst sinnreiche Strumpfwirkmaschine erfunden war (1589 von William Lee in Cambridge). Das charakteristische Leben und Emporblühen des Strumpfes, sein selbstständiges Dasein wurde erst hierdurch ermöglicht; erst jetzt konnte den Anforderungen in vollem Maße genügt werden, welche die Schönheit von Bein und Fuß an ihn stellte. Nicht allein dem Beine und Fuße des Mannes, nein, auch dem der Frau schenkte man die größte Beachtung, und ein schönes Bein, ein schöner Fuß einer eleganten Frau übte weit mehr als früher seine Anziehungskraft auf die Männer aus. Mit Vorliebe wurde darüber discutirt; man besang sie und schrieb sogar Bücher, wie der oben erwähnte Brantome, von dem man eine Abhandlung „über die Schönheit des Beins“ besitzt.

Was war natürlicher, als daß auch die Damen auf den Gedanken kamen, mit dem Strumpfe zu paradiren. Da das lange Kleid noch immer den Fuß bedeckte und gelegentliches kokettes Heben desselben der gefallsüchtigen Zeit nicht genügte, ein bedeutendes Kürzen aber den klimatischen Verhältnissen nicht entsprach, mußte anderweit Rath geschafft werden. Die in Sachen der Mode stets vorangehenden Höfe brachten Hülfe. Sie erfanden die allegorisch-mythologischen Schäferspiele. Kein größeres Zusammensein fand statt ohne à la Nymphale und zum guten Ton gehörte es, das Hauptamusement in dergleichen Aufführungen zu suchen. Bis gegen Ende des achtzehnten Jahrhunderts können wir diese Aufführungen in reichster Abwechselung verfolgen.

Dieses plötzliche Geltendmachen eines bestimmten Körpertheiles übte seinen merkwürdigen Einfluß auf die malende Kunst aus. Betrachten wir die Werke, hauptsächlich unserer deutschen Maler, vor der Mitte des sechszehnten Jahrhunderts, so wird uns die wenige Beachtung ausfüllen, welche sie, im Gegensatze zum Kopfe, den unteren Extremitäten zollen. Letztere sind fast durchgängig äußerst stiefmütterlich, oft sogar kindlich naiv behandelt. Ganz anders gestaltet sich dies jetzt. Fuß und Bein ist nicht mehr Nebensache, und Accuratesse sehen wir auch dort, oft sogar mit einer gewissen Vorliebe, angewandt.

Der Strumpf ließ noch auf anderem Gebiet seine Macht fühlen.

Wir kennen Alle die Bedeutung, welche sich durch eine bestimmte Kleidung auf den Menschen überträgt. Es ist durchaus nicht gleichgültig, ob ich mich im bequemen Morgenrocke oder im gestickten Staatskleide bewege. Gang, Sprache, Benehmen wird darnach gemodelt, und der Ton, der durch mein ganzes Leben hallt, ist mehr oder minder davon abhängig. Die Männertracht gestattete bis zur Einführung des Strumpfes wenig Beweglichkeit. Steif, gravitätisch schritt man daher, sprach ebenso hölzern, tanzte mehr trippelnd oder hüpfend, und dem ganzen Sein fehlte die Grazie. Der Strumpf sollte hierin als Reformer auftreten. Die durch ihn geschaffene freiere Bewegung ging auf den ganzen Habitus des Menschen über. Der Gang wurde leichter, in den Tanz Grazie gelegt; der zierliche Pas trat an die Stelle des unbeholfenen Schrittes, der Galanteriedegen für das schwere Schwert ein, und die ausschmückende phrasenreiche Redeweise entsprach dieser Wandlung.

Nur einmal drohte der Herrschaft des Strumpfes Gefahr, als während des dreißigjährige Krieges der kolossale, herunterklappende, oft mit Spitzen besetzte Reiterstiefel ihn ganz zu verdecken suchte. Es blieb ein ohnmächtiges Streiten. Das tonangebende galante Frankreich schüttelte ihn nach dem Friedensschluß schnell wieder ab, und in noch weit schärferem Maße trat der Strumpf in sein altes Recht, und mit ihm spannte sich die Forderung, die man an ein wohlgeformtes Bein stellte, noch höher. Man verlangte von letzterem möglichst plastische Schönheit, und mit äußerster Sorgfalt wurde die richtige Bekleidung von Fuß und Bein zu einer Art Studium gemacht. Wo die Natur Lücke zeigte, half die Kunst nach. Stoff, Farbe und Ausstattung des Strumpfes mit Zwickel, Band oder Schnalle erforderte genaueste Uebereinstimmung, denn die Augen Aller ruhten zuerst dort; die Bewegung von Bein und Fuß zeigte beim Manne, ob er zur guten Gesellschaft gehöre.

So schritt der Strumpf über zwei Jahrhunderte, fast unberührt von allen Moden, ruhig seinen Weg, bis sich die französische Revolution auch an ihm vergriff. Seinem sichtbaren Dasein sollte ein Ende gemacht werden und des Strumpfes Mutter wieder zu Ehren kommen. Das Beinkleid des Mannes machte sich auf die Wanderung und begann in schneller Folge über seine bisherigen Endpunkte an Hüfte und Knie hinauszugreifen. Diese Halt- und Endpunkte rückten unter mancherlei Schwankungen immer weiter hinauf, am Ende bis unter die Achsel, und am Schienbein immer weiter hinab, bis eines Tages, um das Jahr 1796, das knappe Pantalon, die neue Stammmutter eines zahlreichen glücklichen Geschlechts, der Welt präsentirt wurde. Nicht lange währte es, da bekam es den langen anspruchsvollen blankgewichsten Stiefel unter sich uns ging nach kurzem Kampfe als unbestrittener Sieger über Schuh, Strumpf und Kniehose hervor. Das Pantalon und der Stiefel begruben beim Manne den eleganten Strumpf unter Stoff und Leder und jenes hüpfte süffisant in den Tanzsaal und an den Theetisch, wo wir es noch heute finden.

Die Zeit der Schäferspiele ist vorüber, und unsere Frauen lassen uns höchstens bei Regenwetter ein Streifchen des weißen Strumpfes zu Gesicht kommen. Ob sich die Geschichte des letzteren, bis hierher gelangt, ein für alle Mal der Forschung entziehen wird – wer kann es wissen? Betrachten wir die Damenmoden der letzten Jahrzehnte in ihrem raschen Wechsel vom ungeheuren Reifrocke bis zu dem anatomisch zeichnenden Gewande, von der langen Schleppe bis zum knappen Röckchen, von dem fußhohen falschen Haaraufbau bis zu den wunderbarsten Coiffuren – dann freilich sind wir nicht sicher, daß uns die Damen vielleicht auch einmal in Röcken à la Nymphale begrüßen und die goldene Zeit des Strumpfes von Neuem beginnt.