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Autor: Verschiedene
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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum: 1873
Erscheinungsdatum: 1873
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Inhaltsverzeichnis

[53]

No. 4.   1873.
Die Gartenlaube.

Illustrirtes Familienblatt. – Herausgeber Ernst Keil.

Wöchentlich bis 2 Bogen.    Vierteljährlich 16 Ngr. – In Heften à 5 Ngr.



Glück auf!
Von E. Werner.


(Fortsetzung.)


Der junge Mann hatte sich vollends erhoben und stand jetzt seinem Vater gegenüber, aber ohne seine schläfrige Haltung aufzugeben. „Du verräthst ja eine merkwürdige Detailkenntniß, Papa, die Du doch unmöglich aus unserem halbstündigen Zusammensein gestern Abend schöpfen konntest. Hast Du die Bedienten ausgefragt?“

„Arthur!“ Berkow wollte auffahren, aber die gewohnte Nachgiebigkeit gegen seinen Sohn ließ ihn auch diese Unart übersehen; er zwang sich zur Ruhe.

„Man ist hier, wie es scheint, noch nicht an die vornehme Art zu leben gewöhnt,“ fuhr Arthur unbekümmert fort. „Wir sind in dem Punkte nun einmal durchaus aristokratisch. Du liebst das Aristokratische ja so sehr, Papa.“

„Laß die Spöttereien!“ sagte Berkow ungeduldig. „Geschieht es etwa auch mit Deiner Bewilligung, daß Deine Frau Gemahlin sich erlaubt, Dich in einer Weise zu ignoriren, die bereits das Gespräch der ganzen Colonie bildet?“

„Wenigstens lasse ich ihr die Freiheit, genau dasselbe zu thun, was ich mir herausnehme.“

Berkow fuhr heftig von seinem Stuhle auf. „Das geht denn doch allzu weit! Arthur, Du bist –“

„Nicht wie Du, Papa!“ unterbrach ihn der Sohn kalt. „Ich wenigstens hätte kein Mädchen mit der Schuldverschreibung ihres Vaters in der Hand zum Jawort gezwungen.“

Die Röthe in dem Antlitze Berkow’s verblich plötzlich, und er trat unwillkürlich einen Schritt zurück, als er unsicher fragte: „Was – was soll das heißen?“

Arthur richtete sich aus seiner schlaffen Haltung empor, und das Auge gewann einiges Leben, als er es fest auf den Vater richtete.

„Baron Windeg war ruinirt, das wußte alle Welt. Wer hat ihn ruinirt?“

„Weiß ich’s?“ fragte Berkow höhnisch. „Seine Verschwendungssucht, die Last, den großen Standesherrn zu spielen, während er schon über und über verschuldet war! Er wäre verloren gewesen ohne meine Hülfe.“

„Wirklich? Also man verfolgte keinen Plan bei dieser Hülfe? Dem Baron wurde nicht die Bedingung gestellt, seine Tochter herzugeben oder des Aeußersten gewärtig zu sein? Er entschied sich freiwillig für diese Verbindung?“

Berkow lachte gezwungen auf. „Natürlich! Wer hat Dir denn erzählt, daß es anders war?“ Aber trotz des zuversichtlichen Tones sank sein Blick scheu zu Boden; der Mann hatte vielleicht noch niemals im Leben die Augen niedergeschlagen, wenn ihm eine Gewissenlosigkeit vorgehalten wurde; hier vor seinem Sohne that er es. Ein Ausdruck leiser Bitterkeit flog über die matten Züge des jungen Mannes; wenn er bisher noch irgend einen Zweifel gehegt, jetzt wußte er genug.

Nach einer secundenlangen Pause nahm Arthur das Gespräch wieder auf. „Du weißt, daß ich niemals Neigung zum Heirathen hegte, daß ich nur Deinem unaufhörlichen Drängen nachgab. Eugenie Windeg war mir so gleichgültig wie jede Andere; ich kannte sie ja nicht einmal, aber sie wäre nicht die Erste gewesen, die dem Reichthume freiwillig ihren alten Namen geopfert hätte; so wenigstens faßte ich ihr und ihres Vaters Jawort auf. Es hat Dir nicht beliebt, mich über das zu unterrichten, was meiner Bewerbung voranging und was ihr folgte; erst aus Eugeniens Munde mußte ich von dem Handel hören, den Du mit uns Beiden getrieben hast. Wir wollen das ruhen lassen; die Sache ist nun einmal geschehen und kann nicht ungeschehen gemacht werden; aber Du wirst es jetzt auch wohl begreiflich finden, daß ich es vermeide, mich erneuten Demüthigungen auszusetzen. Ich habe keine Lust, zum zweiten Male so vor meiner Frau dazustehen, wie an jenem Abende, wo mir die volle Verachtung gegen mich und meinen Vater entgegengeschleudert wurde und ich – schweigen mußte.“

Berkow, der bisher stumm und zur Hälfte abgewendet dastand, drehte sich bei den letzten Worten plötzlich um und maß seinen Sohn mit einem erstaunten Blicke.

„Ich hätte nicht geglaubt, daß Dich irgend etwas noch in solchem Grade reizen könnte,“ sagte er langsam.

„Reizen? Mich? Da irrst Du! Bis zum Gereiztwerden sind wir überhaupt gar nicht gekommen. Meine Frau Gemahlin geruhte gleich anfangs, sich so hoch auf das Piedestal ihrer erhabenen Tugenden und ihres aristokratischen Bewußtseins zu stellen, daß ich, der ich in beiden Dingen gleich unwürdig vor ihr stehe, es vorzog, sie nur aus der Ferne zu bewundern. Ich rathe Dir ernstlich, es ebenso zu machen, wenn Du überhaupt dahin gelangen solltest, bisweilen das Glück ihrer Gegenwart zu genießen.“

Er warf sich mit verächtlicher Gleichgültigkeit wieder auf das Sopha; aber mitten durch den Spott klang doch etwas von jener tiefen Gereiztheit, die der Vater an ihm bemerkt haben wollte. Berkow schüttelte den Kopf; aber die Rolle, die er bei diesem verfänglichen Thema dem Sohne gegenüber spielte, war doch zu peinlich, als daß er nicht möglichst schnell davon hätte ablenken sollen.

[54] „Wir sprechen noch einmal zu gelegener Zeit darüber!“ erklärte er, heftig die Uhr hervorziehend. „Für heute laß uns abbrechen. Es sind noch zwei Stunden bis zum Eintreffen der Gäste; ich fahre nach den oberen Werken hinaus. Du begleitest mich also?“

„Nein!“ sagte Arthur, wieder in seine volle Trägheit zurücksinkend.

Berkow machte diesmal keinen Versuch, seine Autorität zu gebrauchen; vielleicht war ihm nach diesem Gespräche die Weigerung nicht unlieb. Er wandte sich zum Gehen und ließ den jungen Mann allein, den mit der nun eintretenden Stille wieder die ganze frühere Apathie zu überkommen schien.

Und während draußen der erste klare Frühlingstag auf die Erde herniederlächelte, während die Berge dufteten und die Wälder im Sonnenglanze funkelten, lag Arthur Berkow drinnen im halbdunklen Gemach bei herabgelassenen Vorhängen und geschlossenen Portièren, als sei er allein nicht geschaffen für freie Bergesluft und goldenen Sonnenschein. Die Luft war ihm zu rauh, die Sonne zu hell; die Aussicht blendete ihn, und er selbst kam sich über alle Beschreibung nervös und angegriffen vor. Der junge Erbe, dem Alles zu Gebote stand, was die Welt und das Leben nur zu geben vermochten, fand, was er schon so unendlich oft gefunden, daß diese Welt und dieses Leben doch eigentlich entsetzlich leer und öde seien, gar nicht der Mühe werth, geboren zu werden.




Das glänzende, mit verschwenderischer Pracht und Ueppigkeit hergerichtete Diner war zu Ende. Es hatte außer den zahlreich erschienenen Gästen noch einen besonderen Triumph für Berkow gebracht. Der Adel der benachbarten Stadt war im höchsten Grade exclusiv, zumal in seinen tonangebenden Persönlichkeiten, und er hatte sich bisher noch nie herbeigelassen, das Haus eines Emporkömmlings zu betreten, den seine zweideutige Vergangenheit noch immer von der vornehmen Gesellschaft ausschloß. Die Einladungen aber, auf denen Eugenie Berkow, geborene Baroneß Windeg, unterzeichnet stand, waren allseitig angenommen worden. Sie war und blieb doch nun einmal der Sproß einer der ältesten Adelsgeschlechter; man konnte und wollte sie nicht durch eine Ablehnung verletzen, wollte dies um so weniger, als es kein Geheimniß geblieben war, was sie zu dieser Verbindung gezwungen hatte. Wenn man aber der jungen Frau mit vollster Achtung und Sympathie entgegenkam, so konnte man gegen ihren Schwiegervater, in dessen Hause das Fest ja stattfand, unmöglich anders als höflich sein, und das geschah denn auch. Berkow triumphirte, er wußte sehr wohl, daß dies hier nur das Vorspiel dessen war, was sich im Winter in der Residenz wiederholen mußte. Man werde die Baroneß Windeg in ihren Kreisen sicher nicht fallen lassen, weil sie sich aus Kindesliebe für ihren Vater geopfert, man werde sie dort nach wie vor als ebenbürtig betrachten trotz des bürgerlichen Namens, den sie jetzt trug. Was aber diesen Namen selbst betraf, so lag das so sehnlich erstrebte Ziel ja nun hoffentlich auch nicht mehr in allzuweiter Ferne.

Wenn sich der ehrgeizige Millionär nun einerseits seiner Schwiegertochter zu neuem Danke verpflichtet fühlte, trotzdem sie heut mehr als je die Airs einer Fürstin angenommen hatte und ihm und seinem ganzen Kreise völlig unnahbar geblieben war, so hatte ihn andererseits das Benehmen seines Sohnes ebenso sehr überrascht als geärgert. Arthur, der sonst ausschließlich in adeligen Kreisen verkehrte, schien jetzt auf einmal den Geschmack an dieser Art des Umganges verloren zu haben. Er war den vornehmen Gästen gegenüber von einer so kühlen Artigkeit gewesen, hatte selbst gegen die Officiere der Garnison, mit denen er doch sonst bei seinem Hiersein auf sehr intimem Fuße stand, eine so geflissentliche Zurückhaltung beobachtet, daß er mehr als einmal bis an die Grenze dessen ging, was ein Wirth sich erlauben darf, ohne zu verletzen. Berkow begriff diese ganz neue Laune nicht; was fiel denn seinem Sohne auf einmal ein? Wollte er vielleicht seiner Gemahlin damit Opposition machen, wenn er ihre Gäste so beinahe absichtlich vermied?

Diejenigen Herren aus der Stadt, welche sich in Begleitung ihrer Damen befanden, waren bereits aufgebrochen, weil bei den vom langen Regen grundlosen Wegen eine mehrstündige Fahrt in der Dunkelheit nicht rathsam erschien, und hatten dadurch der Frau vom Hause die Freiheit gegeben, sich zurückzuziehen, eine Freiheit, die sie auch sofort benutzte. Eugenie verließ die Gesellschaftsräume und begab sich in ihre Zimmer, während ihr Gemahl und ihr Schwiegervater bei den Gästen zurückblieben.

Inzwischen war zur festgesetzten Stunde auch Ulrich Hartmann erschienen. Seit seinen frühesten Knabenjahren, seit mit dem Tode der Frau Berkow die Beziehungen seiner Eltern zum Hause derselben aufgehört, hatte er es nicht wieder betreten, wie denn überhaupt für die gesammte Arbeiterbevölkerung das Landhaus des Chefs mit seiner Umgebung von Terrassen und Gärten ein verschlossenes Eldorado war, das nur hin und wieder den Beamten einmal zugänglich wurde, wenn irgend eine besonders wichtige Angelegenheit oder eine Einladung sie dorthin rief. Der junge Mann schritt durch das hohe, reich mit blühenden Gewächsen geschmückte Vestibül, die teppichbelegten Stufen hinauf und durch die hellerleuchteten Corridore, bis ihn in einem der letzteren der Diener von heute Morgen in Empfang nahm und in eins der Zimmer wies. „Die gnädige Frau werde bald erscheinen –“ mit dieser Bemerkung schloß er die Thür hinter ihm und ließ ihn allein.

Es war ein großes, reich decorirtes Vorgemach, in das Ulrich eintrat, der Anfang einer ganzen Flucht von Staatszimmern, die aber in diesem Augenblicke völlig leer waren. Die Gesellschaft befand sich noch drüben in dem nach dem Garten gelegenen Speisesaal, aber gerade die Oede und Stille, die in diesen Räumen herrschte, ließ ihre Pracht noch mehr zur Geltung kommen. Durch die überall weit zurückgeschlagenen Portièren überschaute Ulrich ungehindert die lange Reihe glänzender Zimmer, deren eins das andere an Pracht zu überbieten schien. Die schweren dunklen Sammettapeten schienen das Licht einzufangen, aber desto heller spielte es auf den reich vergoldeten Verzierungen der Wände und Thüren, auf den Seiden- und Atlasbezügen der Möbel, in den deckenhohen Spiegeln, die es in blitzenden Strahlen zurückwarfen, ja selbst auf dem spiegelglatten Parquetboden, desto voller beleuchtete es all diese Gemälde, Statuen und Vasen, die in verschwenderischer Menge und Kostbarkeit die Salons schmückten. Alles, was Reichthum und Luxus nur irgend zu geben vermögen, war hier zusammengehäuft, eine Fülle von Schönheit, Pracht und Glanz, die wohl ein Auge blenden konnte, das bisher nur gewohnt war, in den dunkeln Gängen des Schachtes seine Heimath zu finden.

Aber dieser Anblick, der sicher jeden seiner Cameraden verwirrt hätte, schien auf Ulrich nicht den mindesten Eindruck zu machen. Wohl glitt sein Auge finster durch die strahlenden Räume; aber keine Bewunderung sprach sich darin aus. Als wollte er mit jedem einzelnen der kostbaren Dinge rechten, so schaute er darauf hin, und plötzlich kehrte er, wie in aufflammendem Haß, der ganzen Zimmerreihe den Rücken und schlug leise, aber heftig mit seinem Fuß den Boden, als sich noch immer Niemand blicken ließ; Ulrich Hartmann war augenscheinlich wenig gemacht, geduldig im Vorzimmer zu warten, bis man sich herabließ, ihn zu empfangen.

Endlich rauschte etwas hinter ihm. Er wandte sich um und trat unwillkürlich zurück, denn einige Schritte von ihm entfernt, gerade unter dem Kronleuchter, stand Eugenie Berkow. Er hatte sie bisher nur ein einziges Mal gesehen, als er sie aus dem Wagen trug, im einfachen Reisekleide von dunkler Seide, während ihr Antlitz von Reisehut und Schleier zur Hälfte beschattet war, und er hatte von jener Begegnung nur die Erinnerung an Eins mit sich genommen, an die großen dunklen Augen, die sich damals so fest auf sein Antlitz geheftet; jetzt – ja freilich, das war eine andere Erscheinung als jene, die bisher in den Gesichtskreis des jungen Bergmanns getreten waren. Zarte weiße Spitzen flossen über das weiße Seidengewand und umwogten wie eine Wolke die schlanke hohe Gestalt; wie hingehaucht lagen einzelne Rosen in diesem Spitzenduft, und das gleiche Rosengewinde schlang sich durch das reiche blonde Haar, dessen matter Glanz zu wetteifern schien mit dem Glanz der Perlen, die Hals und Arme schmückten. Das volle Licht der Kerzen floß blendend nieder auf die schöne Erscheinung, die wie geschaffen schien für den glänzenden Rahmen dieser Umgebung, und die da vor ihm stand, als könne und dürfe ihr nichts nahen, was mit dem gemeinen Tagewerk des Alltagslebens nur irgend in Berührung kam. Aber so sehr Eugeniens ganzes Wesen die vornehme Salondame zeigte, die sie den ganzen Abend über ausschließlich [55] gewesen war, ihr Auge verrieth doch, daß sie wohl noch etwas Anderes sein konnte, zumal jetzt, wo es in unverkennbarer Befriedigung aufleuchtete beim Anblick des jungen Mannes, dem sie sich mit ruhiger Freundlichkeit näherte.

„Es freut mich, daß Sie meinem Rufe nachgekommen sind! Ich wünschte Sie zu sprechen, um ein Mißverständniß zu lösen. Bitte, folgen Sie mir!“

Sie öffnete eine der Seitenthüren und trat in das Nebengemach, wohin Ulrich ihr folgte. Es war der Salon der jungen Frau, der zwischen ihren eigenen Zimmern und den Gesellschaftsräumen lag – aber welch einen Contrast bildete er zu jenen! Hier floß das matte Licht der Ampel nur gedämpft über das zarte Blau der Wände und der Seidenpolster; weiche Teppiche fingen den trotzigen Schritt auf, der sie berührte, und Blumendüfte zogen leise und süß durch die milde und warme Luft und umwehten schmeichelnd Stirn und Schläfe. Ulrich war wie gebannt an der Schwelle stehen geblieben, trotzdem er doch sonst keine Schüchternheit kannte, aber es war so anders hier als in den blendenden Staatsgemächern, so viel schöner, so traumhaft still. Er konnte den Haß nicht wiederfinden, mit dem er auf die Pracht da draußen geschaut hatte; statt dessen regte sich etwas Anderes in ihm, das er noch nie empfunden, dem er keinen Namen zu geben wußte, aber es war dieser Umgebung verwandt, die ihn so seltsam umfing. Und doch wallte in dem gleichen Augenblick ein heißer Zorn darüber in ihm auf, er wich instinctmäßig zurück, wie vor einer nur dunkel geahnten Gefahr, und sein ganzes Wesen erhob sich im starren feindlichen Widerstande gegen diese Atmosphäre von Schönheit und Duft, mit ihrem schmeichelnden Zauber. Eugenie war stehen geblieben, als sie mit einiger Befremdung bemerke, daß der junge Bergmann ihr nicht folgte; sie ließ sich jetzt auf einen Sessel in der Nähe der Thür nieder, während ihr Auge prüfend sein Gesicht überflog. Das krause blonde Haar deckte völlig die noch frische Narbe, aber die Wunde, die für jeden Andern gefährlich gewesen wäre, hatte diese kräftige Natur kaum erschüttern können; Eugenie suchte vergebens in seinen Zügen nach einer Spur überstandenen Leidens. Dennoch galt ihre erste Frage jener Verletzung.

„Sie sind also völlig wiederhergestellt? Macht Ihnen die Wunde auch wirklich keine Schmerzen mehr?“

„Nein, gnädige Frau! Es war nicht der Rede werth!“

Eugenie schien den kurzen herben Ton der Antwort zu überhören; sie fuhr mit gleicher Güte fort:

„Ich erfuhr allerdings schon am nächsten Tage aus dem Munde des Arztes, daß nichts zu befürchten stünde, sonst hätten wir Ihnen auch eine eingehendere Fürsorge gewidmet. Der Herr Doctor versicherte mir wiederholt nach dem zweimaligen Besuch, den er Ihnen noch abstattete, es sei von Gefahr nicht die Rede, und auch Herr Wilberg, den ich noch am Abend des verhängnißvollen Tages zu Ihnen sandte, brachte mir die gleiche Nachricht.“

Ulrich hatte schon bei den ersten Worten das Auge gehoben und sie starr angesehen; seine finstere Stirn hellte sich langsam auf, und die Stimme hatte einen weit milderen Klang, als er endlich antwortete:

„Ich wußte nicht, daß Sie sich überhaupt so viel darum kümmerten, gnädige Frau. Herr Wilberg hat mir nicht gesagt, daß er von Ihnen kam, sonst –“

„Sonst wären Sie freundlicher gegen ihn gewesen!“ ergänzte Eugenie mit leisem Vorwurf. „Er beklagte sich über die Schroffheit, die Sie ihm an jenem Abend zeigten, und doch war er voll Theilnahme für Sie und erbot sich mit so freundlicher Gefälligkeit, mir die gewünschte Nachricht zu verschaffen. Was haben Sie gegen Herrn Wilberg?“

„Nichts! Aber er spielt Guitarre und macht Gedichte.“

Eugenie lächelte unwillkürlich bei dieser etwas seltsamen und doch erschöpfenden Charakteristik des blonden jungen Beamten.

„Das scheinen in Ihren Augen keine besonderen Vorzüge zu sein!“ sagte sie halb scherzend, „und ich glaube auch schwerlich, daß Sie sich dessen schuldig machen würden, wenn Sie die Lebensstellung des Herrn Wilberg einnähmen. Aber lassen wir das! Es war ja etwas Anderes, weßwegen ich Sie rufen ließ. Wie ich höre,“ die junge Frau spielte in leichter Verlegenheit mit ihrem Fächer, „wie ich von dem Herrn Director höre, haben Sie ein Zeichen unseres Dankes ausgeschlagen, das er beauftragt war, Ihnen zu übermitteln.“

„Ja!“ erklärte Ulrich finster, ohne die Härte dieses Ja durch ein einziges Wort zu mildern.

„Ich bedaure, wenn das Anerbieten oder die Art desselben Sie verletzt hat. Herr Berkow“ – Eugeniens Antlitz überzog eine leise Röthe, als sie die Lüge aussprach – „Herr Berkow hatte allerdings die Absicht, Ihnen persönlich seinen und meinen Dank auszusprechen; er wurde indessen verhindert und ersuchte den Herrn Director, ihn zu vertreten. Es würde mir sehr leid thun, wenn Sie darin eine Undankbarkeit oder Gleichgültigkeit unsererseits gegen unseren Lebensretter sehen wollten; wir wissen Beide, wie tief wir in seiner Schuld sind, und Sie dürfen es mir nicht auch abschlagen, wenn ich Sie jetzt bitte, aus meinen Händen –“

Ulrich fuhr auf; was die ersten Worte gemildert hatten, das verdarb der Schluß völlig wieder. Sein Antlitz war bleich geworden, als er errieth, um was es sich handelte, und in rücksichtsloser Heftigkeit brach er los:

„Lassen Sie das, gnädige Frau! Wenn Sie mir das anbieten, auch Sie, dann wollte ich, ich hätte den Wagen stürzen lassen mit Allem, was darinnen war!“

Eugenie wich zurück bei diesem plötzlichen Ausbruche jener unbändigen Wildheit, wegen deren Ulrich Hartmann auf den ganzen Werken gefürchtet war. Der Tochter des Baron Windeg mochte solch ein Ton und Blick wohl noch niemals nahe gekommen sein, wie sie denn überhaupt selbst jenen Kreisen noch nie genahet war. Sie erhob sich verletzt.

„Aufdrängen wollte ich Ihnen meinen Dank nicht! Wenn Ihnen der Ausdruck desselben so unangenehm ist, so bedaure ich, Sie hergerufen zu haben.“

Sie wandte sich um und machte Miene, das Zimmer zu verlassen, aber diese Bewegung brachte Ulrich zur Besinnung. Er that ihr heftig einen Schritt nach.

„Gnädige Frau – ich – verzeihen Sie mir! Ihnen wollte ich nicht wehe thun!“

Es lag eine so leidenschaftlich aufflammende Reue in dem Ausrufe, daß Eugenie betroffen stehen blieb und ihn anblickte, als suche sie in seinem Gesichte den Schlüssel zu diesem räthselhaften Wesen, aber die stürmische Abbitte hatte ihren Zorn entwaffnet.

Mir nicht?“ wiederholte sie. „Ist es Ihnen denn gleichgültig, wenn Sie Andere mit Ihrer Schroffheit verletzen? Den Director zum Beispiel und Herrn Wilberg?“

„Ja!“ entgegnete Ulrich finster, „wie es umgekehrt auch ihnen gleich sein würde. Die Beamten und wir – da ist von keiner Freundschaft die Rede!“

„Nicht?“ fragte Eugenie betreten. „Ich wußte in der That nicht, daß das Verhältniß zwischen Beamten und Arbeitern hier ein so gespanntes ist, und auch Herr Berkow scheint keine Ahnung davon zu haben, sonst würde er wohl irgendwie vermittelnd eingetreten sein.“

„Herr Berkow“ – sagte Ulrich schneidend – „hat sich seit zwanzig Jahren um alles Mögliche auf den Werken gekümmert, nur nicht um die Arbeiter, und das wird so lange fortgehen, bis wir einmal anfangen, uns um ihn zu kümmern, und dann – ja so, gnädige Frau, ich vergesse ganz, daß Sie die Frau seines Sohnes sind. Entschuldigen Sie!“

Die junge Frau schwieg, fast bestürzt über diese harte und rücksichtslose Offenheit. Was sie hier vernahm, war freilich nichts Anderes, als was sie schon hin und wieder, wenn auch nur andeutungsweise, über ihren Schwiegervater gehört hatte, aber die furchtbare Bitterkeit in jenen Worten zeigte ihr mit einem Blick die ganze Tiefe der Kluft, die er zwischen sich und seinen Untergebenen aufgerissen. Wer Berkow anklagte, konnte im voraus der Sympathie seiner Schwiegertochter gewiß sein; sie hatte selbst den bittersten Beweis von der Gewissenlosigkeit dieses Mannes erhalten, aber freilich, die Gattin seines Sohnes durfte das mit keiner Miene verrathen; sie mußte die Bemerkung zum Mindesten nicht gehört haben, wenn sie dieselbe nicht rügen wollte, und Eugenie zog das Erstere vor.

„Also sie wollen durchaus kein Zeichen der Erkenntlichkeit, auch aus meinen Händen nicht?“ nahm sie, rasch von dem gefährlichen Thema ablenkend, das frühere Gespräch wieder auf. „Nun denn, so bleibt mir nur übrig, dem Manne, dessen Hand mich dem sichern Tode entriß, meinen Dank zu sagen. Werden Sie auch das zurückweisen? Ich danke Ihnen, Hartmann!“

[56] Sie reichte ihm die Hand. Es waren nur wenige Secunden, während welcher diese Hand, weiß und zart wie ein Blumenblatt, in der rauhen, hartgearbeiteten Faust des jungen Bergmanns lag, aber die leichte Berührung schien ihn seltsam zu durchzucken. Die ganze Bitterkeit verschwand aus seinen Zügen, die Düsterheit aus dem Blicke; das trotzige Haupt beugte sich, mit ihm der starre Nacken, und er neigte sich über die dargebotene Hand mit einem Ausdrucke von Milde und Nachgiebigkeit, wie kein über ihm Stehender sich rühmen konnte, sie jemals an Ulrich Hartmann gesehen zu haben.

„Ah, Sie geben hier Audienz, Eugenie, und noch dazu einem unserer Leute?“ tönte Berkow’s Stimme hinter ihnen, der in diesem Augenblicke die Thür öffnete und in Begleitung seines Sohnes eintrat. Eugenie zog die Hand zurück, und Ulrich richtete sich rasch empor, es hatte nur dieser Stimme bedurft, um seiner Haltung wieder ganz die stumme Feindseligkeit zu geben, die sie sonst so bedeutsam charakterisirte und die noch mehr hervortrat, als Arthur mit einer Schärfe, die eigenthümlich mit seinem sonstigen matten Tone contrastirte, auf einmal fragte:

„Hartmann, wie kommen Sie hierher?“

„Hartmann?“ wiederholte Berkow, aufmerksam gemacht durch den Namen, und trat einen Schritt näher. „Ah, da haben wir ja den Herrn Agitator, der –“

„Der unsere scheu gewordenen Pferde bändigte und dabei selbst eine Wunde davontrug, während er uns das Leben rettete!“ unterbrach ihn Eugenie ruhig, aber mit vollster Entschiedenheit.

„Ja so!“ sagte Berkow, ebenso sehr aus der Fassung gebracht durch diese Erinnerung, wie durch den sehr bestimmten Ton seiner Schwiegertochter. „Ja freilich! Ich hörte bereits davon und der Director sagte mir auch, daß sie und Arthur bereits erkenntlich dafür gewesen wären. Der junge Mann ist jedenfalls hier, um seinen Dank für das Geschenk auszusprechen. Sie waren also zufrieden, Hartmann?“

Die Wolke auf Ulrich’s Stirn ballte sich wieder drohend zusammen und die Entgegnung, welche auf seinen Lippen schwebte, hätte diesmal wahrscheinlich die schwersten Folgen auf ihn herabgezogen, aber Eugenie war ihrem Schützlinge beschwichtigend näher getreten und berührte leise warnend mit dem Fächer seinen Arm. Er verstand die Warnung; er sah sie an, sah den Ausdruck unverhehlter Besorgniß in ihrem Auge, und Trotz und Haß sanken wieder machtlos nieder, als er ruhig, fast kalt entgegnete: „Gewiß, Herr Berkow! Ich bin zufrieden mit dem Danke der gnädigen Frau.“

„Das freut mich!“ sagte Berkow kurz abbrechend. Ulrich wandte sich zu Eugenie.

„Ich darf jetzt wohl gehen, gnädige Frau?“

Sie neigte in stummer Einwilligung das Haupt. Sie sah es nur zu gut, mit welcher Gewalt sich der trotzige Mann hier zur Ruhe zwang; noch ein Gruß gegen den Chef und seinen Sohn hin, ein Gruß, dem man das widerwillig Gezwungene ansah, und er verließ das Gemach.

„Nun, das muß man gestehen, Eugenie, viel Lebensart besitzt Ihr Schützling nicht!“ bemerkte Berkow höhnisch. „Er verabschiedet sich sans façon, ohne zu warten, bis man ihn beurlaubt. Freilich, wo sollen solche Leute auch Manier lernen! – Arthur, Du scheinst diesen Hartmann für eine ganz besondere Merkwürdigkeit zu halten! Hast Du ihm nun lange genug nachgesehen?“

Arthur hatte in der That dem sich Entfernenden unverwandt nachgeblickt und sah noch jetzt ebenso unverwandt auf die Thür, die sich hinter Jenem geschlossen. Die Augenbrauen des jungen Mannes waren leicht zusammengezogen, die Lippen fest auf einander gepreßt. Erst auf die Frage des Vaters hin wendete er sich um.

Dieser näherte sich mit großer Artigkeit seiner Schwiegertochter. „Ich bedaure, Eugenie, daß Ihre völlige Unkenntniß der hiesigen Verhältnisse sie in der Herablassung zu weit gehen ließ. Sie konnten natürlich keine Ahnung davon haben, welche Rolle grade dieser Mensch unter seinen Cameraden spielt, aber er durfte auf keinen Fall in’s Haus kommen, am wenigsten Ihren Salon betreten, selbst unter dem Vorwande eines Dankes für empfangene Geschenke nicht.“

Die junge Frau hatte sich niedergelassen, aber ihr Antlitz trug wieder völlig jenen Ausdruck, der es ihrem Schwiegervater rathsam erscheinen ließ, nicht, wie er anfangs beabsichtigte, an ihrer Seite Platz zu nehmen, sondern ihr gegenüber zu bleiben; sie schien ihn in der That zu zwingen, sie gleichfalls nur „aus der Ferne zu bewundern“.

„Man hat Ihnen, wie ich sehe, nur die Hälfte der fraglichen Angelegenheit mitgetheilt,“ erwiderte sie kühl. „Darf ich fragen, wann sie den Herrn Director zuletzt gesprochen haben?“

„Heute Morgen, wo ich von ihm erfuhr, daß er beauftragt sei, noch im Laufe des Vormittags dem Hartmann eine Summe zu übermitteln, die ich, beiläufig gesagt, viel zu groß finde. Das ist ja ein Vermögen für solche Leute! Indessen ich mochte Ihnen und Arthur darüber keine Vorschriften machen, wenn Sie nun einmal glauben, in dieser übertriebenen Art erkenntlich sein zu müssen.“

„Also wissen Sie noch nicht, daß der junge Mann die ganze Summe ausgeschlagen hat?“

„Aus – ausgeschlagen?“ rief Berkow zurückprallend.

„Ausgeschlagen?“ wiederholte auch Arthur, „weshalb?“

„Vermuthlich weil es ihn beleidigte, durch einen Dritten mit einer Geldsumme abgefunden zu werden, während die, welche er rettete, es nicht der Mühe werth hielten, auch nur ein Wort des Dankes hinzuzufügen. Ich habe die letztere Versäumniß allerdings wieder gut zu machen gesucht, konnte ihn aber nicht bewegen, auch nur das Geringste anzunehmen. Es scheint doch nicht, als ob der Director das so ‚ausgezeichnet arrangirt hätte‘!“

Arthur biß sich auf die Lippen. Er wußte, an welche Adresse die Worte gerichtet waren, obgleich sie zu seinem Vater gesprochen wurden.

„Es scheint also, Du hast ihn eigens herrufen lassen?“ fragte er.

„Allerdings!“

„Ich wollte, Sie hätten das unterlassen!“ sagte Berkow etwas gereizt. „Gerade dieser Hartmann wird mir von allen Seiten als das eigentlich revolutionäre Element unter den Arbeitern bezeichnet, gegen das ich eben im Begriffe bin, mit vollster Strenge vorzugehen. Daß man mir nicht zuviel gesagt hat, sehe ich jetzt deutlich! Untersteht sich dieser Mensch, eine solche Summe auszuschlagen, nur weil man bei der Auszahlung nicht mit all der übertriebenen Umständlichkeit zu Werke geht, die sein Hochmuth verlangt! Ja freilich, der ist zu allem fähig. Ich muß sie doch daran erinnern, Eugenie, daß meine Schwiegertochter gewisse Rücksichten zu nehmen hat, selbst da, wo es sich um einen Beweis ihrer Güte handelt.“

Um Eugeniens stolze Lippen legte sich wieder jener verächtliche Ausdruck, mit dem sie ihrem Schwiegervater schon öfter entgegengetreten war. Die Erinnerung an das, wozu er sie gezwungen, war freilich am wenigsten geeignet, sie seinen Wünschen geneigt zu machen, und die bei dieser Erinnerung neu aufflammende Bitterkeit ließ sie sogar das ursprünglich Gerechte in seiner Forderung übersehen.

„Ich bedaure, Herr Berkow, daß mir denn doch noch einige andere Rücksichten maßgebend sind, als nur die, Ihre Schwiegertochter zu heißen!“ entgegnete sie eisig. „Es lag hier ein Ausnahmefall vor und Sie werden mir erlauben, auch künftig in solchen Fällen mein eigenes Urtheil zur alleinigen Richtschnur meines Handelns zu machen.


(Fortsetzung folgt.)




Beim schwarzen Jack im Zoologischen Garten in Berlin.


Wohl jedem Besucher zoologischer Gärten wird sehr bald ein Unterschied zwischen diesen und den wandernden Menagerien aufgefallen sein, und zwar derjenige, daß, während in den Menagerien aus zwingenden Gründen immer und immer wieder vorzugsweise die größeren Raubthierarten nebst den unvermeidlichen Affen gezeigt werden, die zoologischen Gärten sich mit besonderer Liebe der Pflege der pflanzenfressenden Säugethiere widmen und mit ihnen gewöhnlich beginnen. Die Gründe dafür

[57]
Die Gartenlaube (1873) b 057.jpg

Der schwarze Jack im Zorn.
Nach der Natur gezeichnet von H. Leutemann.



[58] sind so selbstverständlich, daß sie hier gar nicht wohl brauchen angeführt zu werden. Freilich die seltensten Hirsche und Antilopen, die unbekanntesten Ochsenarten etc. verhindern doch niemals die Frage, wo die Löwen und die Affen sind; aber ein gut organisirtes und auf gesunder Basis ruhendes Institut dieser Art soll eben das Eine thun, ohne das Andere zu lassen, und kann es also doch hier vielleicht Allen recht machen.

In dieser und anderer Beziehung über den Berliner zoologischen Garten etwas zu schreiben und denselben zu preisen, ist jetzt ein so billiges Verdienst, wie wenn man Rafael’s Tüchtigkeit als Maler hervorheben wollte; immerhin aber waltet die Thatsache ob, daß der Berliner zoologische Garten, weil jetzt so gut wie neu und immer noch im Werden begriffen, stets neue Bewunderung hervorruft, gleichviel ob man ihn schon kennt oder nicht. Es war daher etwas sehr Naheliegendes, daß bei der großen Dreikaiserzusammenkunft in Berlin der Besuch dieses Instituts mit in das Programm der Festlichkeiten aufgenommen wurde, und unser Kaiser kann gewiß sein, seinen Gästen etwas gezeigt zu haben, was dieselben in ihren eigenen Reichen vorläufig wenigstens noch nicht aufzuweisen haben, und zwar nicht blos in Bezug auf die Großartigkeit der Anlagen, sondern auch hinsichtlich des Thierlebens selbst. Müssen die hohen Gäste z. B. nicht gestaunt haben, daß in dem nordischen Klima Berlins die Straußin sich entschlossen hat, Eier zu legen, und zwar, naturgeschichtlich ganz richtig, in einem das Nest vorstellenden ausgescharrten Loche, wo die über zwanzig zählenden, zusammengeschichteten gewaltigen Eier sich in der That ganz stattlich ausnahmen. Nur die in einiger Entfernung herumgelegten Eier fehlten, und allerdings zuletzt das – Ausbrüten, aber dafür war dies auch der erste Versuch.

Wäre die Zeit und die Oertlichkeit gerade günstig gewesen, so hätten die Kaiser auch das Nest der Talegallahühner besuchen können, wo wirklich gebrütet worden ist, wenn man so sagen darf. Der Hahn hatte hier, ganz wie in der Freiheit, durch ebenso energisches als unermüdliches Zusammenscharren von Erde und besonders von abgefallenem Laub einen im Umfange ziemlich großen, wenigstens halbmannshohen Hügel geschaffen und die Henne darein ihre Eier versenkt, das Ausbrüten aber der sich in der Feuchtigkeit entwickelnden Hitze überlassen. Diese that auch ihre Pflicht, und zur rechten Zeit arbeiteten sich einige junge Talegallas aus dem gewaltigen Neste und – flogen auch gleich, beinahe auf Nimmerwiedersehen, davon.

Weiterhin haben vielleicht, wahrscheinlich aber nicht, die Kaiser die beiden numidischen Kraniche gesehen, wie sie ihr Junges, den einzigen Sprößling, am Ufer des Teiches entlang führten, die Fliegen von den Uferpflanzen fingen und dem Erben mit reizend-graziöser Halswendung hinreichten, ein prächtiges, gewiß von den Meisten übersehenes Familienbild.

Diese und ähnliche Beobachtungen kann man in der Regel nur machen, wenn man solche Orte öfter besucht und sie nicht als Schnellreisender unserer Tage im Fluge durcheilen muß, nur um sagen zu können, daß man dagewesen ist. Daher gleich hier der gutgemeinte Rath an alle nach Berlin kommenden Besucher des dortigen zoologischen Gartens, demselben einen ganzen Tag zu widmen. Wer noch kein Interesse für die Thierwelt und ihre Schönheit hat – er bekommt es dort! Und wenn der Leib ermüdet ist, so sorgt Herr Schneider, der mit seinen Zwecken großartig gewachsene Pächter der prächtigen Restauration, für dessen Erquickung in ausgiebiger Weise.

Es ist bereits gesagt, daß Zeit dazu gehört, um die einzelnen Scenen, wie sie der Garten bietet, schauen zu können, und die Kaiser haben offenbar diese nicht gehabt; so viel Zeit hatte aber der russische Kaiser doch, um, wie mir berichtet wurde, anhören zu können, daß sich im Garten noch kein männlicher Auerochs befindet, und daß dies sehr traurig ist. Daß diese Mittheilung gerade an seine Adresse kam, ist sehr natürlich, denn er ist bekanntlich nicht blos der Selbstherrscher aller Reußen, sondern er verfügt auch allein über das nur noch in Litthauen und dem Kaukasus lebende Auerwild. Selbstverständlich verstand er den Wink, und ein männlicher Auerochs ist dem Garten zugesagt worden. Ein erwachsener, weil man ihn erst fangen müßte, wird es wohl kaum sein, aber auch ein junger ist sehr willkommen und wird eine längst gefühlte Lücke ausfüllen.

Früher waren die ochsenartigen Wiederkäuer im Berliner Garten lange Jahre hindurch nur durch den gewöhnlichen Büffel und eine sehr gewöhnliche Buckelochsenart vertreten. Beide bildeten kleine Herden, vermehrten sich regelmäßig, und verschiedene andere neu entstehende zoologische Gärten in Deutschland wurden von hier mit diesen Thieren versorgt. Ungefähr 1862 kam mit der Japanesischen Expedition eine andere Büffelart, vertreten durch eine Kuh mit Kalb, hin; die Thiere lebten aber, wie es scheint, nicht lange. Endlich, nachdem alle deutschen Thiergärten schon längst den schönen langhaarigen Jack angeschafft hatten, kamen 1864 oder 1865 diese Thiere auch nach Berlin, und zwar sogar ein sehr seltenes schwarzes Exemplar, während man sonst überall nur weiße oder graue oder dergleichen gefleckte sieht. „Den verdienen sie in Berlin gar nicht!“ so hörte ich in Bezug auf dieses schöne Thier einst eine auswärtige Autorität sagen. Wie fast alle Thiere in der damaligen Zeit des Gartenelends, so standen auch die Jacks weit von ihren Verwandten, und es fehlte ganz an Gelegenheit, diese zusammengehörigen Thierarten mit einander bequem zu vergleichen. Jetzt ist diesem Mangel in prachtvoller Weise abgeholfen. In der Art einer langen Galerie dehnen sich die Gehege der verschiedensten Ochsenarten, eines neben dem anderen, aus, und natürlich jedes mit einem originell gebauten Stall.

Diese Ställe, aus unbehauenen Baumstämmen verschiedener Arten und jeder anders gebaut, sind allein des Anschauens werth; sie gehören eben auch zu der zoologischen Architectur, welche sich durch das Aufblühen dieser Institute entwickelt hat und gerade im Berliner Garten sich jetzt so schön entfaltet.

Als Einleitung gleichsam eröffnen die ochsige Galerie die schon erwähnten Zebus oder Buckelochsen; hat man sie schon seit zwanzig Jahren dort gesehen, so sehnt man sich allerdings krampfhaft danach, nun auch einmal eine andere stattlichere Art dieser bei größerer Figur ganz prächtigen Thiere hier zu sehen, ein Wunsch, dem, wenn es nicht bereits geschehen, auch bald entsprochen werden wird. Sodann kommen als nächste Art die Sundaochsen, junge Thiere und, irre ich nicht, von den alten dieser Art, welche in Amsterdam gehegt werden, abstammend. Sie sollen die wilde Form des Thieres sein, und auch der Director Westermann in Amsterdam ist dieser Meinung. Indeß versicherte mir in Amsterdam kürzlich ein eben zu Besuch in seiner Heimath anwesender Holländer, welcher in Java ansässig ist und von dort für den Amsterdamer Garten Thiere besorgt, daß diese Gattung die gezähmte Form jener Ochsenart sei, ein neuer Beweis dafür, wie viele Ungewißheiten selbst da, wo die Europäer schon seit Jahrhunderten herrschen, in naturwissenschaftlicher Beziehung noch bestehen.

Es ist mir nicht mehr genau erinnerlich und es kommt für den gegenwärtigen Zweck auch gar Nichts darauf an, in welcher weiteren Reihenfolge die anderen Ochsenarten nun folgen. Darum möge nur noch angeführt sein, daß außer den beiden eben Genannten sich noch hier befinden: der schwarze Jack mit zwei Kühen und deren Kälbern, die europäischen Büffel, die indischen Büffel, die Capbüffel und die beiden berühmtesten ihrer Gattung, der Auerochs und der amerikanische Bison, letzterer mit zwei Kühen und deren Kälbern. Wie man sieht, bilden Einige kleine Herden und bieten dadurch einen noch viel anziehenderen Anblick.

In einem früheren Jahrgang brachte die Gartenlaube einmal das Bild des im Dresdener zoologischen Garten damals befindlichen weißen Jacks, wie er erzürnt einhergaloppirt und einen alten ihm widerwärtigen Futterkorb in die Höhe schleudert. Es war bei diesem Thiere nicht immer der Futterkorb, an dem es sein Müthchen kühlte, denn auch seinen Wärter ließ es einst eine solche Luftreise machen, so daß derselbe nur mit Mühe mittelst langer Stangen gerettet werden konnte. Dieses Thier war überhaupt leicht reizbar und der Wärter mußte stets auf seiner Hut sein. Ganz im Gegensatz damit habe ich den Wärter, welcher die Ochsen des Berliner Gartens zu pflegen hat, mit allen diesen, auch mit dem Jack, in sehr gutem Einvernehmen gesehen. Durch alle Gehege schreitet er oder fährt er mit dem Futter sorglos dahin, und um so erstaunter mußte ich daher sein, als ich einst Zeuge der Scene war, die das Bild darstellt, und die ich hier kurz erzählen will.

Ich war wieder ganz früh am Morgen nach dem Garten herausgepilgert (denn da ist man von dem lieben Publicum am ungestörtesten) und bog rechts vom Eingang ein, um zu sehen, [59] ob bei den Ochsen noch Alles in Ordnung sei, als gerade der Wärter Brauer mit seinem Maulthierfuhrwerk von Weitem sichtbar wurde, um seinen Pflegebefohlenen das Frühfutter zu bringen. Von Gehege zu Gehege hielt der Wagen, und mittelst eines Schubkarrens ward den Insassen ihr Futter je nach Befinden in den Stall oder sonst wohin geschüttet. Die Thiere merken das natürlich längst vorher an den nahenden Tönen, und wie die Kraniche im Amsterdamer Thiergarten den Ton der Holzschuhe ihres Wärters ganz genau kennen und beachten, alle übrigen Holzschuhe aber verächtlich ignoriren, so lernen auch andere Thiere solche Töne sehr bald unterscheiden.

So stand denn auch unser schwarzer Jack schon bereit zum Frühstück, und harrte mit seinem Harem seines Pflegers, bis dieser erschien. Ich weiß nicht, wie es kam, mochte er dabei zu zudringlich gewesen sein und das Bischen Bildung, das einem Ochsen zuzutrauen ist, vollends bei Seite gesetzt haben, genug, plötzlich hörte ich Brauer’s kurzstielige, aber im Uebrigen um so gediegenere Peitsche sausen und des Jacks Fell bearbeiten. Dieser wandte sich sofort zur Flucht und hier sah ich ihn, der sonst immer nur im langsamen Schritt wandelte, nun einmal im schnellen Lauf, aber doch nur im Trab. Der Wärter war offenbar bestrebt, dem Thier seinen Standpunkt ein für allemal klar zu machen, und folgte dem Jack mit geschwungener Peitsche. Wie prächtig schallte da dieses zoologische Knallen durch die morgendliche Stille des Gartens! Es war ein Ton, so voll und kräftig, und nur der Ochse schien keinen Sinn dafür zu haben, denn plötzlich, als er eben wieder einen Hieb erhalten, drehte er sich um, senkte den Kopf mit den gewaltigen Hörnern und ging ohne alle Kriegserklärung auf den Wärter los. Mit großer Geistesgegenwart wandte dieser dem erzürnten Jack sofort seinen Rücken zu und retirirte mit großen Sprüngen nach dem Stall und hinter das an den Seiten desselben angebrachte Geländer, über dessen Zweck ich jetzt sofort klar war. Der Ochs folgte zwar und rannte mit Wucht gegen die Balken des Geländers, aber diese widerstanden, und damit war auch das Thier befriedigt, kehrte ruhig um, und als der Wärter nach einigen Minuten seinen Schutzort verließ, ließ er denselben ruhig seinen Geschäften weiter nachgehen. Also von Nachtragen keine Spur, was gewiß sehr für den Charakter dieses Ochsen spricht und ihn nicht blos seiner Schönheit wegen achtungswerth macht.

Ueber die eigenthümlich schöne Erscheinung, die dieser Jack bietet, braucht kaum Etwas gesagt zu werden, da sie in dem Bilde wohl genügend dargestellt ist. Früher waren die langen, lockigen, glänzenden Haare noch nicht ganz so entwickelt, so daß man damals noch die Hufe erblicken konnte, jetzt aber ist dies bei dem ruhig stehenden Thiere nicht mehr möglich, und die Vergleichung desselben mit dem Berliner Armenleichenwagen muß man als ganz zutreffend finden, wenn man dieses Gefährt mit seinem über die Räder herabhängenden schwarzen Tuch nur einmal gesehen hat.

Einer eigenthümlichen Angewohnheit hatte sich das Thier im vergangenen Sommer hingegeben: fast jeden Tag um die Mittagszeit konnte man dasselbe in seinem Gehege ganz vorn am Wege, gleich einem Hunde, auf dem Hintertheil sitzen sehen. Stundenlang saß der Jack so da, mit großer Seelenruhe das Necken des Publicums ertragend, und nur, wenn es manchmal zu arg wurde, stand er auf, um sich aber nach Entfernung des Störenfrieds gleich wieder hinzusetzen. Er saß dabei nicht ganz gleichmäßig, wie die katzenartigen Thiere, sondern etwas auf der Seite des Hintertheiles, wie man diese Stellung oft bei Hunden sieht.

Wer sich naturwissenschaftlich über den Jack unterrichten will, muß bescheiden sein; denn wie bei den meisten innerasiatischen Thieren ist die Kenntniß auch des Jacks, das heißt seines Freilebens, eine noch sehr geringe. Seine Aufenthaltsorte, die höchsten Gegenden des Himalayagebirges, sind so unzugänglich, daß er bis jetzt nur sehr wenig beobachtet worden ist, so wünschenswerth dies auch in Bezug auf ihn und andere größere Thiere seiner Verwandtschaft ist. Denn die Wildnisse Indiens bergen noch andere gewaltige Ochsenarten, die kaum durch ausgestopfte Bälge bekannt sind. Als ich einst den Thierhändler Jamrach, denselben, dessen anziehende Schilderung des Tigerfanges den Lesern der „Gartenlaube“ noch in der Erinnerung sein wird, anzuregen suchte, doch womöglich auch solche seltene Ochsen nach Europa zu bringen, erwiderte er mir: „Ich bringe Alles herüber, was bestellt wird, aber bei solchen Kosten, wie sie mit dem Fang und Transport so großer Thiere verknüpft sind, muß ich vorher wissen, daß ich Abnehmer dafür habe; ich habe schon ganz seltene Thiere, sogar neue Arten, herüber gebracht, bin sie aber Monate lang nicht los geworden und war zuletzt froh, als sie todt waren!“ Herr Jamrach scheint damals seine Thiere dem Berliner Garten nicht angeboten zu haben, oder es ist noch die Zeit des dortigen Gartenelends gewesen.      L.



Das Wagnertheater in Bayreuth.


Noch stolzer als auf seinen todten Jean Paul ist gegenwärtig Bayreuth auf seinen lebendigen Richard Wagner. Es erblickt in ihm die Gewähr einer glänzenden Zukunft, erwartet von ihm gewaltige Thaten, welche mit einem bunten, festlichen Getümmel froher Gäste von nah und fern die stille, dem Weltverkehr entrückte Stadt erfüllen sollen. Für diese hat, was er in ihrer Mitte in’s Werk zu setzen gedenkt nicht nur künstlerische sondern auch erhebliche materielle Bedeutung. Welche einflußreiche Rolle der Dichterkomponist unter seinen getreuen Bayreuthern spielt, daß er ihnen der licht- und wärmespendende Mittelpunk ist, es macht sich dem Fremden gleich in den ersten Stunden bemerklich. An den Schaufenstern begegnet man auf Schritt und Tritt seinem Bilde, überall seinem Namen in den Spalten der Localpresse. Jedes Kind weiß zu erzählen, daß er einstweilen draußen in der Fantasie wohnt, bis das eigene mit dem Gelde seines freigebigen Königs zu errichtende Haus für ihn bereit sein wird. Noch bei einem anderen Bau ist er der oberste Leiter und Werkmeister. Auf städtischem Grund und Boden soll sich nach seiner Angabe ein neues Theater erheben, mit dem es eine ganz besondere Bewandtniß hat. Von allen übrigen Bühnen unterscheidet sich dieser Kunsttempel sowohl durch die Art seiner Entstehung wie durch die äußere Anlage und innere Einrichtung, endlich nicht minder durch seine Bestimmung. Zunächst über die letztere einige Worte.

Wagner beabsichtigt bekanntlich das von ihm erst in zahlreichen ästhetischen Abhandlungen umschriebene, später praktisch in Angriff genommene Kunstwerk der Zukunft mit seinem „Ring der Nibelungen“ zu krönen. Dieses Festspiel hat den Umfang von vier gewöhnlichen Opern, es besteht nämlich aus ebenso vielen äußerlich getrennten, aber innerlich eng zusammenhängenden Stücken. Zwei darunter, das „Rheingold“ und die „Walküre“, sind schon in München zur Aufführung gelangt; von dem dritten, „Siegfried“, liegt die Partitur vor; das letzte, „Götterdämmerung“, geht seiner Vollendung noch entgegen. Das ganze Werk ist aber darauf berechnet, an vier einander unmittelbar folgenden Tagen zur Darstellung zu gelangen, und da unsere Theater zu einem solchen Unternehmen sich schwerlich entschließen würden, mußte sein Autor bedacht sein, sich selbst den geeigneten Schauplatz herzurichten. Und nicht blos durch seine Ausdehnung, auch durch den befremdlichen Inhalt entzieht sich dies Festspiel der herkömmlichen Bühnenpraxis. Im Gegensatz zu allen bisherigen Bearbeitungen des schon wiederholt von unseren dramatischen Dichtern und Componisten benutzten Nibelungenstoffes schließt es sich nicht dem deutschen Epos, sondern der ältesten, in der Edda aufbewahrten Gestalt der Sage an. Durch kein sittliches Motiv ist hier die Wildheit der Charaktere gebändigt. Zügellos schalten und walten sie gleich den blinden Naturkräften, deren symbolische Verkörperung sie ja auch nur sind. Richtung und Verlauf unserer Bildung haben uns allen Ueberlieferungen aus der heidnischen Vorzeit unseres Volkes so völlig entrückt, daß wir in ihnen nimmermehr Fleisch von unserem Fleisch und Geist von unserem Geist zu erkennen vermögen.

Die Götter der Walhalla sind uns seelenlose Masken, spukhafte Gesellen; scheu und betroffen weicht vor ihnen unsere Empfindung zurück. Zwischen der Welt, in der sie heimisch gewesen, und der unsrigen hat das Christenthum eine unausfüllbare Kluft aufgerissen. Wie sich auch die Einzelnen zu dem dogmatischen

[60] Gerüste des Christentums stellen mögen, sein ethischer Gehalt ist gänzlich hineingewachsen in die deutsche Volksseele, umfängt, beherrscht und durchdringt unser gesammtes Bewußtsein. Der Nibelungentext strotzt von Ungeheuerlichkeiten, die, um gläubig hingenommen zu werden, unserm poetischen und sittlichen Gefühle den gewaltsamen Bruch mit dem ganzen Erwerbe einer mehr als tausendjährigen Cultur zumuthen. Urwüchsige Rohheit, wüste, durch keine Humanität angekränkelte Sinnlichkeit sind das Element, in welchem die Personen leben und weben. Aus Raub, Mord, Blut, Meineid und Blutschande setzt sich die Handlung zusammen. Die mit bewußter Absichtlichkeit alterthümlich gefärbte, reckenhaft ungeschlachte, in Stabreimen stammelnde Sprache verwirrt und betäubt das Ohr. Zu den Absonderlichkeiten der Dichtung kommen endlich die nicht geringeren der Musik. Mit ihrer grundsätzlichen Verachtung jeder gegliederten Melodie, ihrem lediglich dem Redetone sich anschmiegenden Gesange, ihrem Getümmel instrumentaler Klänge und Gestalten ist sie die äußerste Consequenz und lauteste thatsächliche Bekräftigung dessen, was der Componist in seinen Schriften als alleinseligmachende künstlerische Wahrheit der Welt verkündet, aber in seinen früheren Opern gleichsam nur präludirend andeutet. Ein Werk von der Art der Nibelungen zählt natürlich auf ein seinem Autor in unbegrenzter Liebe, Demuth und Bewunderung hingegebenes Publicum, und das Bestreben, ein solches zusammenzubringen, ist, wie wir noch sehen werden, eine der Haupttriebfedern des Bayreuther Unternehmens.

Von der äußeren und inneren Einrichtung des neuen Theaters läßt sich bis jetzt noch nicht viel sagen. Sein Begründer hat erklärt, daß es nur ein provisorisches Werk sein soll, dessen mit dem dürftigsten Material ausgeführte Umschalung im glücklichsten Falle an die flüchtig gezimmerten Musikfesthallen der rheinischen Städte erinnern werde. Auch die innere Ausstattung verzichte auf jeden Zierrath. Dagegen werde die dem Ganzen zu Grunde liegende künstlerische Idee in den Verhältnissen des Raumes und der Anordnung der Sitzplätze zum Ausdrucke gelangen. Besonderes Gewicht legt ferner Wagner darauf, daß sich sein Orchester dem Blicke entzieht, und man kann ihm darin Recht geben, wenn er auch den Werth der Neuerung zu hoch anschlagen mag. Der geheimnißvolle Eintritt der Musik muß die künstlerische Illusion fördern, es der mitthätigen Phantasie des Hörers erleichtern, ihre Schwingen frei und voll zu entfalten. Führte doch bekanntlich schon Goethe darüber bittere Klage, daß ihn die aufgeblähten Backen der Bläser, die Armverrenkungen der Geiger nie zum ruhigen Genusse kommen ließen. Das ist es aber nicht allein; noch viel wesentlicher scheint der folgende Punkt. Fast so alt wie die Oper selbst sind auch die Beschwerden über den die Stimmen der Sänger deckenden und verhüllenden Lärm der Instrumente. Geben die letzteren ihren bevorzugten Platz zwischen der Bühne und dem Publikum auf, so ist dem Uebelstande mit einem Male abgeholfen. Ueber den scenischen Apparat der Bayreuther Bühne verlautet noch nichts, man darf aber von ihrem Decorations- und Maschinenwesen Wunderdinge erwarten. Nach jeder Seite hin wetteifert der Autor der Nibelungen mit der Einbildungskraft des erfinderischsten Balletregisseurs. Er verheißt uns die mannigfaltigsten Wald- und Bergpanoramen, Sonnen- und Mondschein in Hülle und Fülle, Feuerwerkskünste jeder Art, eine Regenbogenbrücke, über die Wotan und die Seinigen gen Walhalla ziehen, wilde Reiterinnen der Lüfte, Götter über den Häuptern ihrer Schützlinge schwebend und sie mit Speer und Schild vertheidigend, einen flammenspeienden, schweifringelnden Drachen, eine Bärenhetze und was nicht sonst noch.

Mit seinem Theater will der Dichterkomponist nicht etwa für die künstlerischen Localbedürfnisse der Bayreuther sorgen, er zählt vielmehr auf ein aus allen Theilen Deutschlands zusammengekommenes Publicum; auch wird in dem neuen Kunsttempel keineswegs Jahr aus, Jahr ein gesungen und gespielt werden, sondern nur in langen Zwischenräumen soll er seine Pforten zur Feier glänzender musikalisch-dramatischer Nationalfeste öffnen. Der Gedanke, abseit vom Marktgewühl des großstädtischen Verkehrs den Musen eine Stätte zu bereiten, hat gewiss für manches feiner geartete Gemüth etwas in hohem Grade Verlockendes; findet doch die Kunst in den Herzen der Menschen den lautesten Widerhall, wenn sie uns ihre Gaben als seltene Weihgeschenke und nicht als tägliches Brod bietet. Wie wir sie zumeist empfangen und genießen, sind wir kaum angethan, sie voll und ganz hinzunehmen, noch den erhaltenen Eindruck rein und harmonisch ausschwingen zu lassen, denn unmittelbar vor und hinter uns liegt die Prosa der gemeinen Wirklichkeit. Wer ein rheinisches Musikfest mitgefeiert, der hat es an sich erfahren können, welche unwiderstehliche Gewalt die idealen Mächte auf die vom Staub des Werkeltags befreite Seele üben. Der Anblick der blühenden Landschaft, das heitere Beieinander so vieler durch den gemeinsamen Genuß verbundener Menschen, der frische Wandermuth, das frohe Feriengefühl, die selbst das gewöhnlichste Reiseereigniß verklären, alles das vereinigt sich, den Tönen in unserer Brust den kräftigsten Resonanzboden zu bereiten. Trefflich hat es Wagner verstanden, eine für sein Unternehmen geeignete Stätte zu wählen. Bayreuth liegt so recht in der Mitte zwischen den nord- und süddeutschen Metropolen, dabei ganz nah an einer der vornehmsten Straßen nach der Schweiz, Salzburg und Tirol, den sommerlichen Reisezielen so vieler Tausende. Selbst einer größeren Anzahl von Gästen bietet der Ort behagliches Obdach. Vielleicht das beste Erbe der deutschen Kleinstaaterei leidigen Angedenkens sind die vielen schmucken Städte in allen Gauen unseres Vaterlandes. Ehedem Regierungssitze, verdanken sie dem Geschmack und Reichthum der früheren Landesherren ihre breiten Straßen und Plätze, eine Menge ansehnlicher Gebäude, dazu mancherlei freundliche Anlagen in der nächsten Umgebung. Fast immer mit dem Schweiß, oft mit dem Blute der geplagten Unterthanen wurden freilich diese Dinge bezahlt, und um sich ihrer zu freuen, muß man die erbarmungslose Steuerwirthschaft des achtzehnten Jahrhunderts, den Soldatenhandel mit England und was der allerhöchsten Erpressungen mehr gewesen, zu vergessen suchen. Auch Bayreuth verräth sich gleich dem ersten Blick als ehemalige Residenz; überall wird man an das Walten eines wohllebigen Fürstengeschlechts gemahnt; Stadt und Land erzählen uns von der Prachtliebe der alten hohenzollernschen Markgrafen. Man muß gestehen, mit klugem Vorbedacht hat sich Wagner den Schauplatz für sein Unternehmen ersehen, und von der Wahl der Mittel, durch die er es in’s Werk zu setzen gedenkt, ist das Gleiche zu behaupten.

Um eine Bühne mit der sie erfüllenden Welt von Klängen, Farben und Gestalten hervorzuzaubern, dazu gehört zu allernächst Geld, sehr viel Geld. Die Kosten für das Bayreuther Theater sind vorläufig auf dreihunderttausend Thaler angeschlagen, und eigenthümlich ist die Art, wie sie zusammengebracht werden sollen. Es hat sich zu dem Zweck eine Actiengesellschaft gebildet, die den Betheiligten statt fetter Dividenden lediglich künstlerische Genüsse verheißt. Für dreihundert Thaler kann man einen sogenannten Patronatsschein erwerben und durch ihn das Recht, den ersten drei Vorstellungen der Nibelungen-Tetralogie beizuwohnen. Um den Ankauf zu erleichtern, sind diese Scheine in drei Serien getheilt, die auch einzeln abgegeben werden. Weil nun aber ein Preis von hundert Thalern für ein auf vier Tage gültiges Theaterbillet doch immer noch an die Zahlungsfähigkeit der Enthusiasten gewaltige Ansprüche macht, sind an vielen Orten Wagner-Vereine in’s Leben getreten, welche durch die Veranstaltung von Lotterien und musikalischen Aufführungen das Vorhaben ihres Herrn und Meisters zu fördern suchen. Es werden hier die Bayreuther Actien gegen einen Einsatz von zehn Thalern ausgespielt, ja selbst an arme, solcher Gunst würdige Kunstjünger verschenkt, und zu dem letzteren Zweck sind eben die zu erzielenden Concerteinnahmen bestimmt. Höchst sinnreich ist, wie man sieht, dieser ganze Apparat ausgedacht und in Scene gesetzt. Durch die geräuschvolle Art, in der er seine Arbeit verrichtet, muß er immer von Neuem die Blicke des Publicums auf die Angelegenheit lenken und zugleich gewährt er die Bürgschaft, daß der Dichtercomponist das von ihm in Aussicht gestellte große musikalisch-dramatische Nationalfest nur in dem geschlossenen Kreis seiner Freunde und Verehrer feiern wird.

In Gegenwart zahlreicher Gäste unter Sang und Klang, großem Gepränge und vielen Reden ist am 22. Mai des vergangenen Jahres, dem neunundfünfzigsten Geburtstage Wagner’s, der Grundstein zur neuen Bühne gelegt. Wann sie für die Aufführung der Nibelungen bereit sein wird, hängt vor Allem von dem Zufluß der nothwendigen Geldmittel ab. Man sollte fast glauben, daß der Gründungs-Verein die Kostspieligkeit des [61] ganzen Unternehmens viel zu gering geschätzt, daß er in dem Voranschlag die Rechnung ohne den Wirth gemacht. Da hier die Actionäre des Theaters zugleich dessen Publicum bilden, muß aus dem von ihnen aufgebrachten Capital nicht blos der Bau, sondern auch der gesammte künstlerische Betrieb bestritten werden. Wagner beabsichtigt sein Orchester ungewöhnlich massenhaft zu besetzen, dazu durchweg mit den erlesensten Kräften. Auch nur die allerbesten Sänger und Sängerinnen gedenkt er für sein Werk zu werben. Im Voraus gar nicht zu berechnen ist aber der Aufwand an Mühe und Zeit, dessen es bedürfen wird, um alle an der Darstellung Betheiligten zur genauesten Erfüllung ihrer musikalischen und dramatischen Pflichten in den Stand zu setzen. Was es mit dem Einstudiren einer Wagner’schen Partitur auf sich hat, kann man ungefähr danach ermessen, daß der ersten Berliner Aufführung der „Meistersinger“ etwa fünfzig Proben vorangingen, und hier handelte es sich doch nur um eine einzige Oper, während in Bayreuth gleich vier auf einmal das Licht der Lampen erblicken sollen. Auch macht es einen gewaltigen Unterschied, ob man ein lediglich für den bestimmten Anlaß improvisirtes Personal zur Verfügung hat, oder einen in langjähriger Zucht und Gewöhnung zusammengewachsenen und erstarkten Organismus. Außerordentliche Summen muß ferner das Decorations- und Maschinenwesen verschlingen, welchem, wie wir sahen, in den Nibelungen eine gar einflußreiche Rolle beschieden ist. Es steht zu erwarten, daß für so viele Anforderungen und Bedürfnisse der Säckel der Patrone nicht langen wird. In diesem Fall hat jedoch der Bauherr des Theaters einen letzten kräftigen Rückhalt an der ihm gegenüber stets geöffneten Hand seines großmüthigen Freundes und Gönners, des jungen bayrischen Königs.

Wagner erblickt in den deutschen Bühnenzuständen dasjenige, „was auf deutschem Boden als das des Ruhmes der großen Siege unserer Tage Unwürdigste sich bezeigt und fortgesetzt bewährt, dessen Tendenz sich laut und kühn als den Verräther deutscher Ehre bekennt“. Befangen ist nach ihm das gegenwärtige Schauspiel in dem rathlosen Hin und Her zwischen dem falschen Pathos, der mißverstandenen Erbschaft unserer großen nationalen Dichter, und der platten Prosa des bürgerlichen Schauspiels, die Oper aber der ihr ureigenen Sphäre des Erhabenen entfremdet und zu einem gefälligen, blos die Sinne reizenden Spielzeug herabgewürdigt. Dennoch könne sie allein die Wiedergeburt des deutschen Theaters bewirken. Seine auf dieses Ziel gerichteten Bestrebungen würden jedoch durch die in dem verdorbenen Dunstkreise des heutigen Bühnenwesens entarteten Directoren, Capellmeister und Sänger gänzlich vereitelt. Allenthalben stoße er hier auf Uebelwollen, Unvermögen und Mißverstand; nur entstellt und gefälscht wären bisher seine Schöpfungen dem Publicum geboten. Sie in ihrer ursprünglichen Echtheit und Lauterkeit zur Erscheinung zu bringen, das ist die Bestimmung des Theaters, das auf sein Geheiß in Bayreuth ersteht. In pomphafter Rede hat er der Welt verkündigt, daß hier nichts Geringeres vorbereitet werde, als das höchste Culturwerk des deutschen Genius, dessen reinste, beseligendste Ausstrahlungen in sich begreifend. Besäße er aber selbst das geeinigte Vermögen von Shakespeare und Beethoven, Schiller und Gluck, Goethe und Mozart, seine neue Bühne würde deshalb doch nimmermehr den von ihr beanspruchten Platz in dem geistigen Leben der Nation einnehmen. Schon ihre Ausschließlichkeit prägt ihr den Stempel des Besonderen, rein Persönlichen auf. Die erlauchten Mehrer unserer künstlerischen Habe schufen immer für das gesammte Volk, darauf vertrauend, daß ihre Werke schon die rechten Hände finden würden, fähig und bereit, ihnen die Wege zu den Herzen der Menschen zu bahnen. Unsere klassischen Schauspieler und Sänger sind die Kinder unserer klassischen Dichter und Tonsetzer. Von deren Geiste geweckt und groß gezogen, sehen wir sie ihnen stets auf dem Fuße folgen. Diese bildende Kraft scheint Wagner seinen Opern nicht beizumessen. Lediglich mit Hülfe einer in Rücksicht auf sie besonders hergerichteten, von ihm in jedem Stück überwachten und geleiteten Bühne steht er für ihre Wirkung ein. Auch blos an der vornehmen Gesellschaft der ihnen blind ergebenen Patrone und Patroninnen sollen sie ihre Macht üben. Nach einem treffenden Worte Fröbel’s will der Schöpfer der Nibelungen an die Stelle von Staat und Religion ein Opernhaus setzen. Wie reimt sich aber damit der hocharistokratische Charakter des Bayreuther Theaters? Der heilspendende Kunsttempel, das große, ruhmreiche Nationalwerk, zu dem es sich aufbauschen möchte, hat mit dem eigentlichen Volk auch nicht das Mindeste zu schaffen. Ihm bleiben seine Pforten geschlossen; den Einlaß finden nur wenige Auserwählte.


Otto Gumprecht.



Orientalische Palast- und Hofbilder.
Von Heinrich Freiherrn von Maltzan.
Nr. 1.
Der Hof in Tunis. – Prinzenkäfige. – Ein orientalischer Kaspar Hauser. – Geistererscheinung eines Lebenden. – Ein Prinz als Rebell wider Willen.


Etwa eine halbe Stunde außerhalb Tunis ragt aus der einförmigen Ebene eine kleine Stadt von Palästen, Wachthäusern, Wohnungsgebäuden, Werkstätten und Bazars mit eigenen Mauern und Thoren hervor. Es ist der Bardo, die Palaststadt des Bey’s von Tunis, eine ausschließliche Hofschöpfung, denn Alles, was hier lebt, existirt einzig und allein durch und für den Hof. Gänzlich ohne Einheitsplan ist diese kleine Stadt, die etwa zweitausend Bewohner zählen mag, angelegt, ein wirres Durcheinander von Prachtbauten und bescheideneren Häusern, luftigen Säulenarcaden, schattigen Bogengängen, sonnigen Sälen, dunklen Haremskammern und finsteren gefängnißartigen Hintergebäuden, die der Volksmund mit geheimnißvollem Grauen als „Prinzenkäfige“, um nicht zu sagen Gräber für Lebendige, bezeichnet. Könnten diese Mauern das Echo aller Seufzertöne, den Angstschrei der Gemarterten, das Todesröcheln der Erwürgten, das sie im Laufe der Zeiten vernommen, wieder ertönen lassen, sie würden eine finstre, grauenerregende Geschichte erzählen. Aber in den vorderen Hallen und Prunkgemächern sieht Alles heiter und glanzvoll aus. Da herrscht ein fast zu blendendes Licht, wie hinter ihnen nur zu finsterer Schatten. Dennoch sind und waren es Glieder einer und derselben Fürstenfamilie, welche sich hier im Licht sonnten, dort im Schatten ihr Dasein elend endeten, und oft hat eine einzige Stunde das Trauerspiel gesehen, das den Einen mit seinem gesammten zahlreichen Anhang von dem Glanz der Vordersäle in die Nacht der hinteren finstern Kammern stürzte, um dort eines Todes zu sterben, von dem Niemand etwas zu sagen weiß, als der Fürst, der ihn befahl, und das blindgehorchende Werkzeug, das ihn zur That machte.

Die allerwenigsten jener dunklen Thaten sind von den einheimischen Geschichtschreibern angedeutet. Europäische wissen noch viel weniger davon. In der älteren Geschichte finden wir die Mordthaten nur dann erwähnt, wenn der Fürst auf dem Thron selbst getödtet wurde. Dies kam zwar oft vor, oft jedoch war der Uebergang weniger plötzlich. Manche Fürsten, von einem glücklichen Rivalen besiegt, glaubten durch Abdankung ihr Leben zu sichern. Thörichte Hoffnung! In tiefer Nacht stellte sich ein verhängnißvoller Besuch bei ihnen ein. Es waren die Würgengel in Gestalt von nubischen Eunuchen. Von einem solchen entthronten Fürsten heißt es dann gewöhnlich. „Er starb bald darauf im Gefängniß,“ oder es ist auch gar nicht mehr von ihm die Rede. Es galt für selbstverständlich, daß er nicht weiter lebte.

Nur ein einziges Mal in der Geschichte nordafrikanischer Höfe hatte dieser grausige Zustand der Unsicherheit des Fürstenlebens zu einem rettenden Familienvertrag geführt. Das war zur Zeit der Meriniden in Marokko. Eine Anzahl gefangen gehaltener Prinzen hatte sich das Wort gegeben, daß, wenn einer derselben auf den Thron gelangen sollte, er seine Vettern nicht um’s Leben bringen, sondern sich mit deren Verbannung begnügen werde. Dieser Vertrag wurde innegehalten, ein ziemlich seltnes Beispiel im Orient. Als Sultan Abu’l Abbas einst von einem Feldzug heimkehrte, fand er sein Land und seine Hauptstadt in den Händen eines siegreichen Rivalen und sah sich selbst dessen Willkür

[62] preisgegeben. Schon war sein Tod beschlossen; da erinnerte er den Sieger an jenen Vertrag, dem beide, als sie noch im Prinzenkäfig schmachteten, beigestimmt hatten, und er konnte frei in’s Ausland ziehen; ein schönes Beispiel von Milde, das selbst in Europa im Mittelalter nicht immer befolgt wurde; denn es ist ohne Zweifel im Geiste jener Zeit gesprochen, was Shakespeare in Richard dem Zweiten sagt, wo er Jemand den Vorschlag in den Mund legt, den entthronten Fürsten lediglich zu verbannen, anstatt ihn einzukerkern in der Absicht, ihn nachher heimlich zu tödten: „Wohl gütiger wäre dies, doch weniger politisch.“

Das Loos, das Eduard den Zweiten und Richard den Zweiten traf, ist auch das fast aller entthronten Fürsten des Orients gewesen. In Europa freilich hat die Zeit die Sitten gemildert. Sogar in der Türkei ist der schreckliche Brauch, daß der zur Regierung gelangte Sultan alle seine Brüder tödten ließ, seit mehreren Generationen nicht mehr geübt worden. Aber an geheimnißvollen Thaten, die das Dunkel der Prinzengemächer umhüllt, fehlt es doch auch heut zu Tage in mohamedanischen Ländern nicht ganz, und da wir gerade bei Tunis sind, so will ich von zweien berichten, die sich in neuester Zeit zugetragen haben.

Der im Jahre 1814 von seinem Vetter und Nachfolger ermordete Bey Othman hatte eine Nebengattin, eine schwarze Sclavin, in gesegneten Umständen hinterlassen. Ihr Zustand war noch nicht bemerklich, sonst hätte sie sicher das Loos aller Kinder und schwangeren Frauen ihres Gatten getheilt, die sämmtlich gleichzeitig mit ihrem Herrn einem gewaltsamen Tode erlagen. Mit dessen noch übrigem Harem in ein enges Gefängniß gebracht, kam sie nach abgelaufener Frist nieder und hatte das Glück, daß man ihr das Kind ließ. Wahrscheinlich hatte sie es für ein Mädchen ausgegeben, und ein Mädchen ist im Orient Niemandem im Wege. Möglich war dies, weil kein Mensch ein solches Gefängniß zu betreten braucht; das Essen wird durch ein Schiebfenster hineingeschoben; für Entfernung des Unraths ist im Innern vorgesorgt. Man entdeckte erst den kleinen Prinzen Mohammed, als er schon vierzehn Jahre alt war und man den gefangenen Harem frei geben wollte. Der regierende Bey war gewiß sehr unangenehm überrascht, als er von der Existenz dieses kleinen Thronprätendenten hörte. Indeß die milderen Sitten dieses Jahrhunderts waren inzwischen auch in Tunis nicht ohne Einfluß geblieben. Man hatte bereits angefangen, Civilisation zu spielen, und damit hätte das Erwürgen des Knaben denn doch zu sehr in Widerspruch gestanden. Man ließ ihn also am Leben, brachte ihn, da seine Mutter inzwischen gestorben war, mit einer Wärterin in einen andern kleineren Prinzenkäfig, traf für die nöthigen täglichen Rationen Vorsorge und kümmerte sich nicht weiter um ihn. In diesem Gefängniß, gänzlich von der Welt abgeschlossen, blieb der Sohn des einstigen Sultans bis 1855, also bis zu seinem einundvierzigsten Lebensjahre.

Im gedachten Jahre gelangte Mohammed Bey auf den Thron, ein sanfter, gutmüthiger Fürst, der seine Regierung damit begann, seinem gefangenen gleichnamigen Vetter die Freiheit zu geben. Aber was sollte dieser mit ihr machen, da er nie gelernt hatte, sich frei zu bewegen? Er war auch viel zu alt, um noch die ihm bisher gänzlich unbekannt gebliebenen Gebräuche der Außenwelt zu erlernen. Man glaubte einen neuen Kaspar Hauser zu sehen, so linkisch benahm, so unwissend in den einfachsten Dingen zeigte er sich, so gänzlich fremd war ihm die Welt. Nur war der wirkliche Kaspar Hauser ein Jüngling und folglich noch lernfähig gewesen; der einundvierzigjährige Mohammed dagegen, dessen Fähigkeiten nie geübt worden waren, vermochte nicht mehr, sich in die Welt zu schicken. Er war ein Kind, aber leider ein sehr altes Kind. Man machte zwar allerlei Versuche, ihn ein wenig zu dressiren, aber ohne Erfolg. Man gab ihm Unterricht im Sprechen, denn er redete kaum eine menschliche Sprache, aber er blieb bei seinem kindischen Kauderwälsch. Man ließ ihn spazieren fahren, reiten, den Bazar besuchen. Als er zum ersten Male ausfuhr, beängstigte ihn die Bewegung des Wagens dergestalt, daß er weinte, schrie und herausspringen wollte. Man mußte ihn gewaltsam festhalten. Noch unglücklicher fiel sein Versuch im Reiten aus; dem Orientalen kommt das Reiten so einfach vor, daß er nicht daran denkt, daß auch dies gelernt sein will. So gab denn der Fürst Befehl, Mohammed sollte spazieren reiten; die Stallknechte thaten auch das Ihrige, diesen Befehl in’s Werk zu setzen. Aber mehr glaubten sie nicht thun zu können, als den Prinzen auf ein Pferd zu setzen und ihn so lange festzuhalten, als dieses stille stand. Kaum war es aber im Gange, so verlor der Unglückliche das Gleichgewicht, fiel und beschädigte sich. Wenn er den Bazar besuchte, so gefiel er sich darin, die bunten, ihm meist unbekannten Waaren durcheinander oder auch wohl auf die Straße zu werfen. Für den Hof wurden diese Besuche sehr kostspielig, aber seltsamer Weise (für uns Europäer, dem Orientalen jedoch sehr erklärlich) machten ihn seine Absonderlichkeiten bei dem gewöhnlichen Volk beliebt. Man sah darin ein Zeichen gestörten Geistes, und da jeder Verrückte im Orient für heilig gilt, so fing man an ihn als einen Auserwählten zu verehren. Nebenbei zeigte es sich, daß er mit gemeinen Leuten vom Schlage seiner Wärterin, des einzigen menschlichen Wesens, das um ihn gewesen war, viel leichter und verständlicher sprechen und verkehren konnte, als mit vornehmen. Seine Volksthümlichkeit wuchs dadurch. Man sprach nur noch von dem „heiligen“ Prinzen, dem Freunde der Armen und Geringen; ja man raunte sich in die Ohren, daß er rechtmäßiger Weise eigentlich der Herrscher oder wenigstens der Thronfolger sein müsse. Ersteres war nicht richtig, letzteres zweifelhaft, denn er stand mit dem damaligen designirten Thronfolger etwa in einem Alter und das Alter der Prinzen (einerlei ob sie mit dem Herrscher näher oder entfernter verwandt sind) entscheidet bei der Thronfolge im Orient. War er aber einige Tage älter oder jünger, als sein begünstigter Vetter, wer vermochte es zu sagen? Dies genügte jedoch, um ihn dem Hofe gefährlich erscheinen zu lassen. Man gab plötzlich Befehl, die Spaziergänge einzustellen. Man sperrte ihn zwar nicht wieder ein, aber man sorgte dafür, daß er den Bardo nicht mehr verließ. So erfreute er sich einer relativen Freiheit bis zum Jahre 1859, als sein Beschützer starb und eben jener Thronfolger, der mit ihm gleichaltrig war, die Herrschaft antrat. Jetzt war es mit stiller Freiheit vorbei. Er mußte wieder in den Prinzenkäfig wandern, diesmal allein, denn man trennte ihn sogar von seiner alten Wärterin. Man weiß nicht genau, wie lange er noch im Gefängniß gelebt hat. Daß er aber noch im Jahre 1866 lebte, ist gewiß. Nach und vor jenem Jahre fanden zwei Rebellionen in Tunesien statt und mit den Schreckensmaßregeln, welche ihrer Ueberwältigung folgten, bringt man den Tod des Prinzen in Verbindung; daß dieser ein gewaltsamer war, wird allgemein geglaubt. Sein Datum ist aber Niemand bekannt, außer natürlich dem, der ihn befohlen, und dessen Werkzeugen. Mohammed starb, wie er gelebt, unbemerkt und geheimnisvoll.

Wenn ich freilich einem Manne Glauben schenken dürfte, den ich einmal in einer Ramadhan-Nacht in einem Kaffeehause von Tunis kennen lernte, so könnte ich die Geschichte jenes Todes mit mehr Einzelheiten erzählen. Sie ist allerdings ein wenig grauenhaft, nebenbei auch hinlänglich abergläubisch, aber man muß der orientalischen Phantasie etwas zu Gute halten und nicht vergessen, daß es eben ein Orientale ist, der sie erzählte oder vielmehr erzählt, denn ich will sie hier mit seinen Worten, so gut ich im Gedächtniß habe, wiederholen und werfe damit alle und jede Verantwortlichkeit an derselben von meinen Schultern ab.

„Wissen sie,“ so begann mein tunesischer Kaffeehausbekannter, „was die eigentliche Ursache von des Prinzen Mohammed Tode war? Eine Geistererscheinung, aber keine Geistererscheinung gewöhnlicher Art, also keine Erscheinung eines Verstorbenen. Dergleichen kommt bei uns alle Tage vor. Was aber ganz unerhört ist, besteht darin, daß eine noch lebende Person, von der man genau weiß, daß sie wo anders ist, plötzlich leibhaftig vor uns steht. so ging es unserm Herrn, dem Bey von Tunis, mit dem Prinzen Mohammed, von dem er doch sehr gut wußte, daß er in einem Hintergebäude seines Palastes wohlverwahrt hinter Schloß und Riegel saß. Dennoch zeigte sich dieser eines Abends neben dem Ruhebette des Fürsten. Er hatten eine alte Dschobba (Aermelhemd) und ein Paar gelbe Babuschen an, einen grünen Turban auf dem Haupte und sah sehr wehmüthig aus. Der Fürst war zum Tode erschrocken und konnte lange nicht um Hülfe rufen. Als er dies endlich vermochte und seine Diener kamen, suchte man den Prinzen umsonst. Man schickte nach seinem Gefängnisse und fand ihn zwar ganz so gekleidet, wie ihn der Bey gesehen, aber in tiefem Schlafe. Man gewann durch Untersuchung des Kerkers die Gewißheit, daß er nach dem natürlichen Laufe der Dinge unmöglich entschlüpfen konnte. Dennoch [63] hielt es der erste Minister, dem der Fürst die Schrecken jener Erscheinung geschildert, für angemessen, den Prinzen in Ketten zu legen. Wenn er aber glaubte, seinem Herrn dadurch eine ruhige Nacht zu verschaffen, so irrte er sich. Wieder zeigte sich die Gestalt, diesmal mit den Ketten belastet, die ein grauenerregendes Gerassel ertönen ließen, so daß der Bey noch viel mehr erschreckt wurde. Die Untersuchung ergab ganz dieselben Resultate wie die frühere. Da aber doch etwas geschehen mußte, so verfiel der erste Minister auf den Gedanken, dem Prinzen die Bastonade auf die Fußsohlen ertheilen zu lassen. Nach dieser Operation vermag der Mensch tage-, oft wochenlang nicht zu gehen. Diesmal glaubte man also alle Gefahr des Wiedererscheinens des Tausendkünstlers, von dem man trotz seiner Einfalt anzunehmen schien, daß er Riegel und Ketten brechen und wieder unbemerkbar schließen könne, beseitigt zu haben. Eitle Hoffnung! In der Nacht zeigte sich eine auf Knieen und Händen kriechende Gestalt am Bette des Fürsten. Es war der Prinz, der mit einem Ausdrucke des Vorwurfs dem Bey seine blutigen Fußsohlen zeigte. Neuer Lärm, neue fruchtlose Untersuchung. Der Bey rief seinen ersten Minister und befahl ihm, mit allen ihm zu Gebote stehenden Mitteln die Wiederholung der Erscheinung zu verhindern. Er habe volle Freiheit, mit dem Prinzen zu machen, was er wolle. Aber sein, des Ministers, Kopf stehe auf dem Spiele, wenn die Erscheinung sich noch einmal zeige.

Hätte der Minister noch Haare auf dem Kopfe gehabt, so würden sie ihm wahrscheinlich zu Berge gestanden sein. In seiner Angst rief er seine Vertrauten, darunter auch einen europäischen Arzt. Dieser meinte mit seiner ketzerischen Gesinnung, der Bey habe nur eine sogenannte Vision gehabt und das Beste wäre, ihm blutreinigende und nervenstillende Mittel beizubringen, den Prinzen aber, der ganz unschuldig an der Sache sei, ungeschoren zu lassen. Diese Ansicht war so sehr im Widerspruch mit Allem, was ein frommer Moslem glaubt, daß sie nicht durchdrang. Alle Andern waren der Meinung, daß der Prinz ein Hexenmeister sein müsse, der mit dem Teufel im Bund stehe und von ihm übernatürliche Macht erhalten habe, und daß er dem Tode verfallen sei.

In der nächsten Nacht hatte unser Herr, der Bey von Tunis, wieder eine Erscheinung, schrecklicher, grauenvoller, als alle früheren, aber glücklicherweise auch die letzte. Abermals erblickte er den Prinzen, diesmal sich auf dem Boden windend, eine Schnur um den Hals, die von zwei auf ihm knieenden Eunuchen fest angezogen wurde. Er glaubte das Todesröcheln seines unglücklichen Vetters zu vernehmen; er sah seine Glieder in krampfhaften Zuckungen ringend, wie ein Huhn, das man erwürgt; er sah ihn erst kupferroth im Gesicht werden, dann allmählich erbleichen und ihn zuletzt mit geisterhaften Augen, voll entsetzlichen Vorwurfes erstarren. Ueber diesem schrecklichen Gesicht verfiel der Bey selbst in Krämpfe. Als er wieder zu sich kam und das Geschehene schilderte, erfuhr er, daß in eben jener Stunde Mohammed auf Befehl des ersten Ministers erdrosselt worden war. Von diesem Augenblick an verbot unser Herr, der Bey von Tunis, allen Personen seines Hofes, jemals wieder des Prinzen mit einer Sylbe zu erwähnen. Er ließ ihn übrigens im Stillen ehrbar begraben und soll sogar heimlich auf seinem Sarge geweint haben.“

So weit der Tuniser. Es wird natürlich Niemandem zugemuthet, an seine Geistergeschichte zu glauben, mich aber erinnert sie unwillkürlich an etwas, das ich mich entsann in Immermann’s Münchhausen gelesen zu haben. Dort erzählen nämlich die sechs Gebrüder Piepmeyer, jene hoffnungsvollen zopfverschlungenen Gardisten von Hessen-Cassel, daß während König Jerôme’s Herrschaft der in Prag abwesende Kurfürst Wilhelm dennoch jedesmal an seinem Geburtstage auf der Löwenburg erschienen, dort eine gewisse Sorte Varinas (linker Hand oben) geraucht habe und dann eben so geisterhaft wieder verschwunden sei, wie er von Prag, das er körperlich nie verlassen, gekommen war. Als ich im letzten Sommer die Löwenburg besuchte, erzählte mir der Castellan (leider kein Piepmeyer mehr) etwas, das jenes Gerücht, auf welches Immermann seine satirische Erzählung gegründet hat (denn das Gerücht existirte wirklich), erklärt. Das Merkwürdige war, daß Jerôme an die Sache zu glauben schien. Dieser vermied nämlich während seiner letzten Regierungsjahre, einen gewissen Saal auf der Löwenburg zu betreten, weil ihm dort etwas Seltsames begegnet war. In diesem Saal befindet sich der Schreibtisch des Kurfürsten Wilhelm und an diesem Schreibtisch hatte Jerôme einst, wie er deutlich zu sehen glaubte, den Kurfürsten, von dem er doch genau wußte, daß er sich zur Zeit in Prag befand, sitzend gefunden. Jerôme glaubte vielleicht an eine Vision, und da diese Vision ihm seinen Feind gezeigt hatte, mochte für ihn der Saal von nun an eine unangenehme Erinnerung haben. Aber es war Fleisch und Blut gewesen, was er gesehen hatte, nämlich einen seiner Pagen, einen Schalk[1], der in einem alten Schrank eine abgelegte Uniform nebst Hut und Perrücke des Kurfürsten gefunden, diese angelegt und sich an den Schreibtisch gesetzt hatte, um Jerôme einen Streich zu spielen. Jerôme verließ erschreckt den Saal. Er untersuchte übrigens die Sache damals nicht, sprach überhaupt nur sehr selten davon. Erst nach den Befreiungskriegen soll der Thäter sich dazu bekannt haben. Es wäre nun freilich ein sehr schlechter Geschmack gewesen, wenn irgend einer der zahlreichen tunesischen Hofpagen, jener durch Fürstengunst verwöhnten und übermüthig gemachten Bürschchen, sich herausgenommen hätte, seinem Herrn einen ähnlichen, wenn auch leider für den, welchen er darstellte, schrecklich verhängnißvollen Streich zu spielen, wie jener hessische dem Carnevalskönig. Wer sich nicht entschließen kann, dies für möglich zu halten, dem bleibt ja noch immer das Auskunftsmittel, an eine Vision des Bey von Tunis zu glauben, und Visionen sind ja von den Aerzten anerkannte pathologische Zustände.

Dieser grauenerregende Vorfall hatte übrigens leider nicht den Erfolg, künftige Prinzenmorde zu verhindern. Kaum ein Jahr war vergangen, als das Gefängniß mit dem Schiebfenster wieder einen Todescandidaten aufnahm. Derselbe war freilich nicht so unzurechnungsfähig, wie sein unglücklicher Vorgänger. Es war der Prinz el Adel, der jüngste Bruder des Bey. Dieser junge Springinsfeld hatte sich verleiten lassen, Partei für einen aufrührerischen Beduinenstamm zu nehmen, zu diesem zu entfliehen und sich zum Gegenfürsten aufzuwerfen. Eigentlich war er jedoch zu seiner Rebellenrolle fast ohne sein Zutun und wider seinen Willen gekommen. Der genannte Stamm hatte sich empört, und da im Orient selbst die Empörer nicht so demokratisch sind, einen Mann des Volkes an ihre Spitze zu stellen, sondern stets einen hohen Herrn als Aushängeschild haben wollen, so hatte man sich nach einem Prinzen umgesehen. Einer der Hofdiener wurde bestochen, und dieser versprach, ihnen einen Prinzen zu liefern. Man wählte el Adel, weil dieser gerade mit dem allmächtigen Minister eine ziemlich bissige Differenz hatte. Bei einer Spazierfahrt des Prinzen war der Kutscher dazu bewogen worden, recht weit von der Stadt hinauszufahren. El Adel sah sich plötzlich um fünf Uhr Nachmittags einige Meilen von Tunis. Es war Winter, und beim Dunkel zurückzukehren, gestatteten die schlechten Wege nicht. Ums Uebernachten war man übrigens nicht verlegen, denn plötzlich tauchte ein gastfreundlicher Landbesitzer auf, der sich die Ehre des prinzlichen Besuchs ausbat und seinen Gast mit Pomp und Ueberfluß bewirtete. El Adel brachte einen höchst angenehmen Abend zu; aber der nächste Morgen war weniger angenehm. An demselben erhielt der Prinz Brief über Brief von Tunis, alle angeblich mit Extra-Couriren angelangt, worin er vor der Rückkehr gewarnt wurde. Der erste Minister habe seine nächtliche Abwesenheit sogleich erfahren und diese in Verbindung mit dem Aufruhr gebracht. Der Prinz kannte den Minister und wußte, wessen dieser fähig war. Er beschloß also, vor der Hand von Tunis fortzubleiben. Wohin aber gehen? Darum waren seine Begleiter nicht verlegen. Sie kannten einen reichen und angesehenen Scheich, der sich eine Freude daraus machen würde, den Prinzen so lange zu bewirthen, bis die kleine Differenz mit dem Minister ausgeglichen wäre.

Als el Adel zu diesem Scheich kam, merkte er erst, daß er sich im Lager der Rebellen befand. An ein Zurückweichen war nun nicht mehr zu denken; er mußte gute Miene zum bösen Spiele machen. Die Araber sorgten übrigens dafür, daß er vor lauter Zerstreuungen nicht zu sich selbst kam. Erst wurde er reich beschenkt. Man spricht von einem ganzen „Zelt voll Thaler“, das unter diesen Geschenken figurirte. Das „Zelt voll Thaler“ ist eine sehr beliebte orientalische Redeblume, aber der Araber glaubt daran. Abd el Kader soll mehrere solcher Zelte besessen haben, und ich selbst kannte einen Scheich, dem seine Diener gar den Besitz eines „Zeltes voll Goldstücke“ nachrühmten. Dann [64] gab man Feste, Phantasias, führte ihm Tänzerinnen, Sänger und Sängerinnen vor, und damit der Festjubel ja nicht so bald verstumme, verheirathete man den Prinzen mit einer schönen jungen Beduinin, Tochter des angesehensten Scheichs, und eine solche Hochzeit hat immer vierzehntägige Lustbarkeiten im Gefolge.

Später hörten zwar die Lustbarkeiten auch noch nicht ganz auf, aber sie wechselten mit etwas Ernsterem ab. Man hielt „Kriegsrath“. Jetzt erst merke der Prinz, in welche schlechte Hände er gerathen war. Seine Bundesgenossen waren gänzlich unfähig, einen andern Krieg zu verstehen und zu führen, als den rohen beduinischen, der vor dreihundert Jahren sehr wirksam sein mochte, aber moderner Bewaffnung gegenüber keine Aussicht auf Sieg hatte. Denn so erbärmlich die Armee des Bey’s von Tunis auch genannt werden muß, sie hat eben doch moderne Gewehre und – was der Hauptschreck für die Araber – Kanonen. Jedesmal, wenn ich die Araber fragte: „Giebt es etwas, wovor Ihr Euch fürchtet?“ antworteten sie unwandelbar: „Nur eins, Kanonen!“ So erlag denn auch die ganze Schilderhebung bei dem ersten Anprall der Waffen: für die Araber gerade keine sehr ernste Sache, denn diese hatten ihre Herden schon in die Berge geflüchtet und zogen jetzt in die Wüste, wohin die faule Armee des Bey ihnen nicht nachging. Aber für den Prinzen waren die Folgen die schlimmsten. Gefangen nach Tunis gebracht, wurde ihm zwar, auf die Bitte mehrerer menschenfreundlichen Vertreter europäischer Mächte „verziehen“; eine sehr rührende Scene fand zwischen ihm und seinem regierenden Bruder statt, aber das hinderte nicht, daß er doch in den Käfig mußte. Uebrigens nahm ganz Tunis, und namentlich auch die dortigen Europäer, Theil an dem Schicksal des Irregeführten, denn man kannte seinen heitern, sorglosen Charakter und wußte, daß er sich fast wider seinen Willen in eine Sache verrannt hatte, die ihm eigentlich fremd war. Man besorgte für ihn das Aeußerste und der Regierung gingen von Seiten einzelner Consuln indirekte Mahnungen zu, diesmal wenigstens kein Blut zu vergießen, was man um so mehr zu fürchten Grund hatte, als kurz vorher zwei angesehene hohe Staatsbeamte, die ganz ohne Schuld, blos weil sie Freunde des Prinzen waren, im Verdacht standen, die Rebellion zu begünstigen, in’s Gefängniß geworfen worden und dort eines geheimnißvollen Todes gestorben waren. Als nun plötzlich das Gerücht ging, der eben eingesperrte Prinz sei schwer erkrankt, und die europäische Colonie dem Bey ihren besten Arzt anbot, den Gefangenen zu behandeln, wagte dieser nicht, den Antrag zurückzuweisen. Der Arzt fand den Prinzen am Fieber leidend, zwar an keinem unheilbaren, doch verursachten manche Erscheinungen seine Besorgniß, ja seinen Verdacht. Uebrigens machte die Genesung Fortschritte, freilich langsame, aber der Arzt hoffte, ihn zu retten. Als er eines Morgens sich einfand, sagte man dem Erstaunten, der Prinz sei ganz genesen und bedürfe keines Arztes mehr. Dieselbe Antwort bekam er an dem folgenden Morgen. Da, fast nach acht Tagen, erfuhr er, daß der angeblich genesene inzwischen in aller Stille und zwar bereits seit einer halben Woche begraben worden wäre. Nach strengem Recht hatte Niemand die Befugniß, hier Einwände zu machen. Die Consuln schwiegen. Der Tod des Prinzen war eine vollendete Thatsache, ein Glied mehr in der Kette jener geheimnißvollen Blutthaten, welche orientalische Harems und Prinzenkäfige nach wie vor aufweisen.


Aus dem Lande der Freiheit.
Von Ludwig Büchner.
Vierter Brief.
Die Nationalitäten in Amerika. – Ein Tanzkränzchen einer kirchlichen Secte. – Der Brand in Boston. – Wissenschaftliches Leben und Mäßigkeitsgesetze daselbst. – Die Chancen der Arbeiter in Amerika. – Aneignungen deutscher Sitte. – Volksbibliothek, Lese-Anstalt und kunstindustrielle Institute in Boston und New-York. – Schurz als Redner. – Die Töchter Greeley’s.

In dem soeben erschienenen Buche von D. F. Strauß, „Der alte und der neue Glaube“, welches vollständig mit der bisherigen religiösen Weltanschauung bricht und sich beinahe ganz auf materialistische Standpunkte stellt, sagt der berühmte Theologe, indem er gegen das Ende seiner Schrift auch die Politik in den Kreis seiner Besprechung zieht, von Amerika Folgendes: „Unter den Schäden, an denen das Volk der Vereinigten Staaten Nordamerikas krankt, ist einer der tiefsten der Mangel des nationalen Charakters. Auch unsere europäischen Nationen sind Mischvölker: in Deutschland, Frankreich, England haben sich celtische, germanische, romanische, slavische Bestandtheile vielfach übereinandergeschoben und bunt durch einander gemengt. Aber schließlich haben sie sich doch durchdrungen, sich im Hauptkörper der Nationen (gewisse Grenzstriche abgerechnet) zu einem neuen Producte, eben der jetzigen Nationalität jener Völker, neutralistirt. In den Vereinigten Staaten hingegen brodelt und gährt der Kessel, in Folge unaufhörlichen Zuschüttens neuer Ingredienzien, immerfort; die Mischung bleibt ein Gemisch und wird kein lebendiges Ganze. Das Interesse an dem gemeinsamen Staate kann das nationale nicht ersetzen; es hat, wie thatsächlich vorliegt, nicht die Kraft, die Einzelnen aus der Enge ihrer Selbstsucht, ihrer Geldjagd zu idealen Bestrebungen zu erheben; wo kein Nationalgefühl ist, da ist auch kein Gemüth.“

Sind auch in obigen Sätzen die Farben etwas stark aufgetragen, so hat doch der scharfsinnige Denker, obgleich er Amerika nicht aus eigener Anschauung kennt, im Ganzen richtig gesehen. Die Amerikaner selbst gestehen zu, daß sie in Folge der ununterbrochenen Zufuhr fremder Bestandtheile in ihrem Leben als Nation wesentlich behindert sind. Engländer, Irländer, Skandinavier, Deutsche, Niederländer, Slaven, Italiener, Franzosen, Spanier, Afrikaner etc., – allerdings unvereinbare Elemente zum Brodeln und Gähren genug! und genug, um das Zustandekommen eines einzigen nationalen Gusses unmöglich zu machen. Und dennoch sind diese Elemente wieder unentbehrlich zum Bestehen der Union und zum Zustandekommen ihrer riesigen Entwickelung. Wer sollte die zahllosen Eisenbahnen bauen, wenn es nicht die Irländer thäten? Wer sollte die große Classe der Dienstboten bilden, der Kutscher, Bedienten, Aufwärter, Kellner, Köche und Köchinnen, der Mägde etc., wenn nicht Irländer, Neger, und zum Theil auch Deutsche sich dazu hergeben würden? Kein Amerikaner würde als Herrschaftskutscher eine Peitsche in die Hand nehmen oder einem anderen Menschen die Stiefel putzen. Für alle derartige Geschäfte macht ihn sein persönlicher Stolz, sein Freiheitgefühl untauglich; und es würde in der That schwer sein, sich den Zustand der amerikanischen Gesellschaft ohne die einwandernden Elemente vorzustellen. Bekanntlich ist die irische Einwanderung die stärkste; und so große Nachtheile dieses auch auf der einen Seite in den großen Städten durch den Einfluß der Irischen auf die Stadt- und Staatswahlen, sowie durch ihre katholischen Neigungen haben mag, so bereitet doch andererseits gerade das irische Element als solches die wenigsten Schwierigkeiten, weil sich der Irländer am raschesten und leichtesten amerikanisirt. Am nächsten kommt ihm hierin der Deutsche, welcher ebenfalls, wenn unter Amerikanern lebend, leicht und bald zum Amerikaner wird. In fast allen deutschen Familien, in denen ich zu verkehren Gelegenheit hatte, fand ich, daß die Kinder, wenn sie nicht schon in einem gewissen Alter aus Deutschland gekommen waren, lieber und leichter englisch als deutsch redeten; und dies erklärt sich mit Leichtigkeit aus dem Einflusse der Schule. Auch sind Ehen zwischen Amerikanern und Deutschen sehr häufig, in welchem Falle das ganze Hauswesen rasch den amerikanischen Charakter anzunehmen pflegt.

Das ungünstigste Mischungselement als solches bildet ohne Zweifel der Neger, dessen körperlicher Einfluß bei der Mischung fast noch den des Weißen zu übertreffen scheint. Wenigstens sieht man oft genug Menschen mit fast weißer Hautfärbung, welche dennoch den charakteristischen Typus der Neger-Physiognomie im vollsten Maße besitzen. Die Eigenschaften der Mischlinge werden im Allgemeinen nicht gerühmt; doch werde ich darüber im Süden, wo die Mischlinge häufiger sind, genauere Informationen einzuziehen suchen. Uebrigens ist auch ihre Fortpflanzungsfähigkeit keine unbegrenzte.

[65] 
Die Gartenlaube (1873) b 065.jpg

Plastuni, Tscherkessen aufspürend. Nach der Skizze des russischen Artillerie-Hauptmannes W. im Kaukasus.

[66] Verschwindend ist bezüglich der Racen- oder Völkermischung der eingeborene Indianer, dessen gänzliches Aussterben im Gebiete der Union nur noch eine Frage der Zeit ist, obgleich sich gerade in der letzten Zeit die Indianergrenzen wieder sehr unruhig gezeigt haben. Aber das Indianerwesen und der Indianercharakter wird darum nicht verloren gehen, weil dieses Wesen, wie es scheint, ein nothwendiges Product des Landes, des Klimas, des Bodens ist und sich bei den Eingewanderten nach Verlauf einiger Zeit geradeso geltend macht, wie bei den Eingeborenen. Es ist hier eine allgemein anerkannte und zugestandene Thatsache, daß, wie überhaupt der Angelsachse in Amerika bekanntlich ein anderes Wesen geworden ist, als in der alten Heimath, sich seinem ganzen Charakter etwas Indianerhaftes aufgeprägt hat. Ich glaubte dies sogar zu bemerken, als ich vor einiger Zeit einem amerikanischen Damenkränzchen beiwohnte und die Bewegungen der tanzenden Damen beobachtete. Abgesehen von der Toilette, welche von der unserer europäischen Damen bei ähnlichen Gelegenheiten sehr differirt und eine gewisse phantastische, mehr durch Farbenzusammenstellung, als durch die Farben selbst getragene Düsterheit repräsentirte, war die Art des Tanzens eine von der unsrigen ganz verschiedene und mehr gleitende als hüpfende. Mit der eigenthümlichen, an den Amerikanerinnen so viel gerühmten Grazie ließen sie nicht blos die Füße, sondern den ganzen Körper an dem Tanze theilnehmen und bogen denselben rasch, aber leise und schlangenartig und unter fortwährendem Auf- und Niedergleiten zwischen ihren Tänzern hindurch, so als ob ein Indianer unhörbar das Lager seiner Feinde zu beschleichen im Begriffe sei. Daher auch Contretänze mit vielen Variationen, wobei jenes Biegen, Schmiegen und Schleichen möglich ist, hier viel beliebter sind als unsere Rundtänze, welche übrigens ebenfalls von den Amerikanerinnen zum Theil in jener eigenthümlichen Manier getanzt werden. Mit Sinnlichkeit hat diese Manier, wie man vielleicht denken könnte, nichts zu thun, da die Hinneigung der Frauen zu den Männern in Amerika, wenigstens in den zuerst von den Puritanern besiedelten sogenannten Neu-England-Staaten (zu denen man Connecticut, New-Hampshire, Rhode-Island, Massachusetts, Maine, Vermont rechnet) oder in der eigentlichen Heimath der sogenannten Yankees, bedeutend geringer sein soll, als in den meisten anderen Ländern, und da hier sehr über Unfruchtbarkeit der Ehen, wenigstens in den Städten, geklagt wird. Rechnet man dazu die in großen Städten leider immer mehr in Aufnahme kommende und von der Gerechtigkeitspflege nicht hinlänglich verfolgte Sitte künstlicher Unfruchtbarkeit, so kann man der angelsächsischen Race bei dem riesigen Wachsthume des Landes keine allzu glänzende Zukunft versprechen, und es wäre möglich, daß dieser eine Umstand hinreichen würde, um dieselbe mit der Zeit und im Laufe der Jahre dem fruchtbaren und obendrein durch fortwährende Einwanderung sich recrutirenden deutschen Elemente gegenüber in Nachtheil zu bringen. Doch ist dies eine Sache der Zukunft und schwer vorherzusagen.

Nebenbei gesagt, war die amerikanische Gesellschaft, in der obige Beobachtungen gemacht wurden, die einer religiösen Gemeinschaft, welche den radicalsten oder vorgeschrittensten Kirchen-Standpunkt repräsentirt, den es in New-York giebt. Die sonntägliche Andacht ist mehr eine philosophische, als eine religiöse und wird von Herren Frothingham geleitet, welcher sehr freisinnigen Ideen huldigt und nach dem berühmten Beecher für den besten Kirchenredner New-Yorks gilt. Die feingebildetsten Elemente der Stadt sollen zum Theil der Gemeinschaft angehören.

In der zweiten Hälfte des December las ich in Boston, welche Stadt durch ihr großartiges Brandunglück in den letzten Wochen die Aufmerksamkeit der halben Welt auf sich gezogen hat. Uebrigens verschwindet der ungefähr eine englische Quadratmeile große Brandplatz, welcher ein trostloses Bild der Verwüstung und Verwirrung darbietet, im Vergleich mit der Größe der sehr ausgedehnten Stadt, welche durch ihre unvergleichlich schöne Lage zwischen dem Meer und einer dasselbe in gewisser Entfernung begrenzenden sanften Hügelkette sich vor den meisten amerikanischen Städten auszeichnet. Dazu kommt, daß Boston als die älteste der amerikanischen Städte auch durch ihre Bauart einigermaßen an europäische Städte erinnert und sogar (eine in Amerika fast unerhörte Eigenthümlichkeit) einige krumme und enge Straßen aufzuweisen hat. Auch in geistiger Beziehung scheint Boston an der Spitze der amerikanischen Städte zu stehen und hat den Ehrennamen des amerikanischen Athen erhalten. Hier wirkt und lebt in der Vorstadt Cambridge der berühmte Agassiz, der Humboldt Amerika’s, welchen die Amerikaner wie eine Art wissenschaftlichen Herrgotts verehren, und dem sie ungeheure Summen für Reisen, wissenschaftliche Arbeiten, Anlegen von Sammlungen etc. zur Verfügung gestellt haben. Freilich hat er zum Danke dafür seine Wissenschaft dem amerikanischen Puritanismus anbequemt und geberdet sich als heftiger Gegner Darwin’s, Huxley’s etc. Daß es übrigens auch unter den hiesigen Amerikanern nicht an Widersachern des Puritanismus fehlt, beweist das Erscheinen eines sehr verbreiteten atheistischen Wochenblattes, des „Investigator“ (Untersucher), welches einen erfolgreichen Kampf gegen die kirchliche Richtung unterhält. Ueberhaupt scheint es, daß Boston unter allen amerikanischen Städten das Vorrecht habe, große Reform-Ideen zuerst zum Ausdruck zu bringen. Denn von hier ging zuerst die Revolution und der Befreiungskampf gegen England aus. Von hier wurde auch zuerst die große und später so erfolgreiche Abolitionistenbewegung oder die Bewegung zur Abschaffung der Sclaverei in Scene gesetzt. Die Männer, welche Boston und der Staat Massachusetts überhaupt in den Congreß nach Washington schicken, gehören in der Regel zu den intelligentesten und fortgeschrittensten Mitgliedern jener Körperschaft. So ist z. B. der berühmte Senator Sumner ein Bostoner Kind. Auch die für Amerika so wichtige Frauen- oder Frauen-Rechts-Bewegung hat ihren Hauptsitz in Boston, wo, wie überhaupt in den Neu-England-Staaten, eine große Menge unverheiratheter Damen leben, welche in allen möglichen Beschäftigungen Ersatz für das ihnen zweifelhaft erscheinende Glück der Ehe suchen und finden. So giebt es z. B. nicht weniger als zwanzig weibliche Aerzte in Boston, welchen es nicht an reichlicher Beschäftigung fehlt. Das von Fräulein Dr. Zakrzewska aus Berlin gegründete Hospital für Frauen und Kinder kann als eine wahre Musteranstalt dieser Art betrachtet werden und ist, abgesehen von seiner vortrefflichen Lage auf einer nach allen Seiten freien Bodenerhöhung, mit allen Einrichtungen modernster Art für Heizung, Lüftung, Abhaltung von Miasmen und dergleichen reichlich versehen. Diesem Hospital, sowie allen Anstalten ähnlicher Art kommt der in Amerika überhaupt, namentlich aber in Boston, in reichstem Maße vorhandene Wohlthätigkeitssinn sehr zu statten, und auch hierin stehen die Frauen überall in erster Linie. Es ist unglaublich, wie vieles hier für öffentliche Zwecke durch Privatthätigkeit geleistet wird, und dieses mag nicht wenig dazu beitragen, daß die Bostoner unendlich stolz auf ihre Stadt sind und dieselbe für die erste Stadt der Union erklären, während andere Städte, z. B. New-York, diese Rangstufe für sich in Anspruch nehmen.

Bei der Abneigung der New-Yorker gegen Boston spielen, neben politischen Gründen, vielleicht die im Staate Massachusetts besonders strengen Temperanz- oder Mäßigkeitsgesetze eine Rolle, obgleich in der Stadt Boston selbst, wie in den meisten größeren Städten, die Temperanzler bis jetzt nicht im Stande gewesen sind, ihre Grundsätze in gleicher Weise durchzusetzen, wie auf dem Lande und in kleineren Städten. Hier ist, wie fast in allen Neu-England-Staaten, jeder Genuß geistiger Getränke streng verboten, und können sogar solche Getränke, welche nur für das Haus bestimmt sind, auf öffentlicher Straße weggenommen werden. Dies schließt nun freilich eine arge Beschränkung der sonst in Amerika so außerordentlich hochgehaltenen und viel gepriesenen persönlichen Freiheit ein, verliert aber doch Vieles von seiner Auffälligkeit, wenn man die Sache in der Nähe betrachtet. So wenig man z. B. Temperanzgesetze in Deutschland nöthig hat oder dulden würde, so unentbehrlich scheinen dieselben für Amerika zu sein, da der Amerikaner eben ein ganz anderer Mensch ist, als der Deutsche, und im Genuß geistiger Getränke, wenn er denselben einmal angefangen hat, durchaus kein Maß zu alten versteht. Wie er im Leben und im Geschäft Alles mit Hast, Energie und Leidenschaft betreibt, so verfährt er auch im Trinken, und weiß, wenn einmal übermannt, seiner Natur keinen Zügel mehr anzulegen. Jener ruhige, behagliche und zugleich heitere Lebensgenuß, den man in Deutschland so hochschätzt und der nicht mit Unmäßigkeit verbunden zu sein braucht, ist in Amerika, wie es scheint, ein unbekanntes Ding, wenn auch das amerikanische Familienleben selbst sehr gelobt wird. Der amerikanische Charakter hat in seiner stark hervortretenden Eigenthümlichkeit ebenso starke [67] Licht- wie Schattenseiten, könnte aber zur Bewältigung der kolossalen Schwierigkeiten dieses ungeheuren Landes kaum anders gedacht werden, als so, wie er wirklich ist, und als das Gegentheil von deutscher Aengstlichkeit und Engherzigkeit. Daß dieses andererseits auch wieder mancherlei Ausschreitungen im Gefolge hat, kann darnach nicht allzusehr auffallen.

Die Zahl der Deutschen ist in Boston im Verhältniß zu andern Städten eine sehr geringe und wird auf nur acht- bis zwölftausend geschätzt. Dennoch zeigte der starke und, wie mir gesagt wurde, bei gleicher Gelegenheit so noch nicht dagewesene Besuch meiner Vorlesungen für das hier auch unter den Deutschen verhältnißmäßig mehr, als an andern Orten, entwickelte geistige Leben. Leider kann sich dieses Leben bis jetzt immer nur auf eine mehr oder weniger gebildete Minderzahl beschränken, da die weitaus größte Mehrzahl der Deutschen in den amerikanischen Städten lediglich aus Arbeitern besteht, für welche Amerika in Wahrheit ein ebensolches Eldorado ist, wie für alle Arten von Dienstboten. Nirgendwo in der ganzen Welt wird die Arbeit so gut bezahlt, wie hier, nirgendwo leben daher die arbeitenden Classen in gleicher Weise gut und comfortabel; nirgendwo fühlt sich der Arbeiter, eben dieses materiellen Wohllebens wegen, in gleicher Weise behaglich. In geistiger Beziehung macht er freilich in der Regel keine Ansprüche, wenigstens keine höheren, als er sie in der alten Heimath auch gemacht hat, und kann daher meistens auf ihn nicht als auf eine Stütze für vom alten Vaterlande her eingeführte geistige Bestrebungen gerechnet werden. Dies wird sich jedoch von Jahr zu Jahr bessern, namentlich im s. g. Westen, in welchem das deutsche Element bedeutend stärker durch Zahl, Bildung und Einfluß sein soll, als im Osten. Dort wird es möglicherweise auch in nicht allzu ferner Zeit an einzelnen Plätzen das vorherrschende Element werden, während im Großen und Ganzen an ein Verdrängen des Amerikanerthums durch das Deutschthum, wie es einzelne Enthusiasten träumen, vorerst noch nicht zu denken ist. Dagegen haben wiederum die Amerikaner in geselliger Beziehung Manches von den Deutschen angenommen, z. B. die früher ganz ungebräuchliche und jetzt fast allgemein eingeführte Feier des Weihnachtsfestes. Man könnte sich fast in Deutschland glauben, wenn man jetzt in der Weihnachtszeit die geschmückten Läden im Glanze der Lichter strahlen oder die Christbäume durch die Straßen tragen sieht. Auch das Bier ist eine deutsche Importation und wird gegenwärtig von den Amerikanern kaum weniger gern als von den Deutschen getrunken, obgleich das, was man hier als „deutsches Lagerbier“ zu genießen pflegt, von seinem edlen Vorbilde kaum mehr als den Namen und die Farbe hat. Nur im Westen wird gutes deutsches Bier gebraut.

Von dem materiellen „Stoff“, bei dessen Betrachtung es demnach zweifelhaft bleibt, ob die nothwendige Verbindung mit dem entsprechenden Quantum von „Kraft“ vorhanden ist oder nicht, muß ich noch einmal auf den geistigen Stoff zurückkommen und erwähnen, daß auch Boston, wie New-York, sich einer Institution erfreut, welche man in europäischen Städten in ähnlicher Weise wohl vergeblich suchen würde, nämlich einer öffentlichen, unentgeltlichen und Jedem jederzeit zugänglichen „Volks-Bibliothek und Lese-Anstalt“. Ihre Einrichtung bietet viele Aehnlichkeit mit der New-Yorker „Mercantile Library“ oder Kaufmanns-Bibliothek, welche man gewissermaßen als „die größte der Welt“ bezeichnen könnte, und welche sich von der Bostoner Anstalt dadurch unterscheidet, daß in der Regel nur Abonnenten dieselbe besuchen und benutzen können. Sie ist aus einem ganz kleinen im Jahre 1821 von einer Gesellschaft junger Kaufleute gemachten Anfang entstanden und besitzt gegenwärtig ungefähr einhundertfünzigtausend Bände und zehn- bis zwölftausend Mitglieder. Sie hat ein prachtvolles Gebäude (die sogenannte Clinton-Hall) zu ihrer Verfügung und erhebt, da sie von reichen Kaufleuten unterstützt wird, nur einen sehr geringen Beitrag von ihren Mitgliedern. Das riesige Lesezimmer enthält mehrere hundert Zeitungen und Zeitschriften, und die jährliche Bücher-Circulation beträgt etwa zweihundertsechzigtausend Bände. Eine besondere deutsche Abteilung mit einem deutschen Bibliothekare besitzt zehntausend Bände. Die Freundlichkeit und Zuvorkommenheit, mit der man den Verfasser dieser Briefe bei seinem Besuche der Anstalt empfing und ihm die ausgedehnteste Benutzung derselben frei stellte, kann derselbe nicht genug rühmen.

Eine erwähnenswerthe Merkwürdigkeit von Boston ist die chromolithographische Anstalt von Prang, einem Deutschen, der durch unermüdliche Ausdauer und Geduld nach und nach dahin gekommen ist, eine bewunderungswürdige Fertigkeit in Nachbildung und Vervielfältigung bedeutender Kunstwerke oder sonstiger Malereien (namentlich für häusliche und für Schulzwecke) auf dem Wege des Oeldrucks zu erlangen. Seine wirklich ausgezeichneten Leistungen dürften kaum von irgend welchen europäischen Anstalten übertroffen werden. Ueberhaupt darf man als Deutscher stolz darauf sein, wenn man hier so oft Deutsche als Begründer und Leiter von industriellen oder sonstigen Unternehmungen findet, zu denen ein besonderer Grad von Intelligenz, Geschicklichkeit oder Ausdauer erforderlich ist.

Die berühmteste Pianofortefabrik der Welt ist wohl diejenige von Steinway in New-York, dessen Name vermuthlich die etwas englisirte Lesart für den guten deutschen Namen Steinweg ist. Die Familie Steinweg stammt aus Braunschweig und besteht gegenwärtig noch aus drei in New-York wohnenden Brüdern, welche die Geschäfte ihrer nach und nach aus den winzigsten Anfängen emporgewachsenen großartigen Anstalt, welche ein ganzes Häusergeviert bildet, untereinander verteilt haben. Der Ruf der Steinway’schen Instrumente, von denen die Fabrik durchschnittlich in jeder Stunde eins liefert, ist allzu bekannt, als daß ich etwas darüber zu sagen nötig hätte. Allerdings haben die amerikanischen Clavierbauer einen Vortheil vor den europäischen voraus, der jede Concurrenz der letzteren auf dem hiesigen Markte ausschließt; derselbe liegt zum Ersten in den vortrefflichen amerikanischen Hölzern und zum Zweiten in der großen Trockenheit der Luft, welche das Holz, namentlich bei längerer Aufstapelung im Freien, bis zu einem in Europa unerreichbaren Grade austrocknen läßt. Daher auch europäische Claviere in Amerika in der Regel durch Springen zu Grunde gehen. Uebrigens ist der Pianoforteverbrauch in Amerika ein kolossaler, und es bestehen neben der Steinway’schen noch eine große Menge anderer, kaum weniger berühmter Firmen.

Der Weg zwischen Boston und New-York, ein Weg, der ungefähr so weit ist wie der zwischen Hamburg und Berlin, der aber für nichts gerechnet wird, zieht sich zum Theil an dem Meeresufer hin und entschädigt den Reisenden durch gelegentliche Ausblicke auf die See für die sonstige Oede der Gegend, welche Oede übrigens durch die zahlreichen, lauter Wohlhabenheit athmenden hellen amerikanischen Farmhäuser mit ihren hölzernen Veranden unterbrochen wird. Bisweilen zeigt auch die Gegend landschaftliche Abwechslung und Scenerie, namentlich zwischen New-York und New-Haven, einer am Long-Island-Sund sehr schön gelegenen Stadt von circa fünfzigtausend Einwohnern, in welcher die deutschen Turner eine für meinen Rückweg von Boston bestimmte Vorlesung arrangirt hatten. Trotz ihrer verhältnißmäßig geringen Anzahl waren die Deutschen sehr zahlreich aus New-Haven und der Umgegend erschienen und zeigten sich dankbar genug für die empfangene Anregung. Für den 31. December ist hier eine Vorlesung unseres berühmten Landsmannes Schurz in englischer Sprache über „Frankreich und Deutschland“ angekündigt. Er wird zu den ersten Rednern des Landes gezählt.

Seit ich Ihnen das letzte Mal schrieb, ist der durchgefallene Präsidentschaftskandidat Greeley gestorben. Sein Mißerfolg scheint seinen Verstand verwirrt und sein Herz gebrochen zu haben, wozu noch der rasche Tod seiner Frau mitgewirkt haben mag. Offenbar war Greeley aus einem andern Teige gebacken als die meisten seiner Landsleute und besaß eine mehr innerliche, empfindsame Natur, welche die Aufregung der Wahlcampagne und die daraus gefolgte Enttäuschung nicht zu ertragen vermochte. Auch mag er wohl den größten Theil seines Vermögens der Wahlagitation geopfert haben und sah sich nach dem Fehlschlagen seiner Pläne nicht mehr im Besitze der gewohnten Mittel. Mit bekannter Großmuth und Freigebigkeit offerirten die Amerikaner sofort den zurückgebliebenen Töchtern eine Summe von hunderttausend Dollars, welches Anerbieten jedoch von ihnen ausgeschlagen wurde. Auch das großartige Leichenbegängniß Greeley’s, bei welchem sogar Präsident Grant aus Washington erschienen war, zeigte, wie rasch hier der Tod oder irgend eine Entscheidung überhaupt allem politischen Hasse ein Ende macht – gewiß eine der wohlthuendsten Erfahrungen politischer Freiheit! [68]

Aus den Zeiten der schweren Noth.
Der Mann von Hersfeld.


Es ist eine alte, schöne Sitte, großen Kriegshelden nach ihren höchsten Ruhmesthaten ehrende Beinamen beizulegen. Das Alterthum kannte einen Asiaticus, einen Africanus, einen Numantinus; die neue Zeit kennt eine Jungfrau von Orleans, einen Fürsten von Wahlstatt, einen Löwen von Skalitz. Das sind leuchtende, von Mit- und Nachwelt unvergessene Namen. Aber wie manche von nicht minder strahlendem Glanze sind, nachdem sie eine Weile im Ohre der Menschheit geklungen, verschüttet und begraben worden im Staube der Geschichte! So auch der Name des Mannes von Hersfeld.

Viele Schriftsteller haben schon seine That verherrlicht: Hebel erzählt davon im „Rheinischen Hausfreund“ und im „Schatzkästlein“; Venturini erwähnt sie in der „Chronik des neunzehnten Jahrhunderts“; Sommerlatt zählt sie auf in seinen „Zügen deutschen Muthes und Hochsinnes“; Lotter ebenso in seinen „Beispielen des Guten“; der „badische Militärkalender von 1863“ zeichnet sie in markiger Skizze; vor nicht allzulanger Zeit wurde sie (wenn auch etwas kühn und nicht ganz mit historischem Hintergrunde) zum Stoffe eines Dramas gewählt; da, wo sie sich hat zugetragen, hat sie die dankbare Mitwelt in Silber geprägt, in Verse gekleidet und in Stein gehauen … und doch! doch möchten wir wetten, daß im halben deutschen Vaterland die That gar nicht bekannt ist und daß sie für die andere Hälfte, wenn wir sie eben hier erzählt haben, nur trübe in der Erinnerung auftaucht, wie ein lange vergessenes Kindermärchen.

Sie ist es aber werth, gekannt zu sein; und darum soll hier erzählt werden, wer der Mann von Hersfeld ist und wie er zu diesem Beinamen kam.

Wilhelm der Erste von Hessen hatte sich als deutscher Fürst geweigert, dem für ihn mit dem süßen Köder der Gebietserweiterung versehenen Rheinbunde beizutreten, und wollte sich neutral halten. Napoleon erkannte diese Stellung zuerst an; als aber der Kurfürst zur strengen Wahrung seiner Neutralität Truppen an den Grenzen seines Landes aufstellte, jagte er ihn einfach mit dem Rechte des Allgebietenden vom Thron und erklärte das Land für einen Theil des für seinen Bruder „Morgen wieder lustig“ creirten Königreiches Westfalen, welchem zudem noch eine ordentliche Hauptstadt, wie sie sich jetzt in Kassel bot, fehlte.

Die gewaltigen Zuckungen aber, die vom Jahre 1789 an in schneller Folge wie Blitze von Paris aus über den Rhein gefahren waren, hatten nicht allein in den Oberrheinländern, die in ihren Miniaturgebieten von Krummstab und Scepter sehr feudaliter regiert wurden, eine bedeutsame Gährung, ja hin und wieder Auflehnung gegen die herrschende Hand zu Wege gebracht – sie hatten auch in Hessen Wiederklang gefunden, und als nun zu Ende des Jahres 1806 die bei Mediatisirung des Kurfürstenthums entlassenen kurhessischen Soldaten, die wieder einberufen waren und französisch organisirt werden sollten, sich unter ihren eigenen Officieren bei Kassel gegen den französischen Generalgouverneur Lagrange zusammenrotteten, fanden sie viel Sympathie beim Volke. Man hatte die gepriesenen Apostel der Freiheit als räuberische Usurpatoren, welche bei jeder Gelegenheit das seitdem geflügelte Wort „C’est la guerre!“ („Das ist der Krieg!“) im Munde führten, in’s Land einbrechen, die angestammten Fürsten verjagen und das Heiligste spottend entweihen sehen. Man bäumte sich daher, durch das Beispiel der Soldaten ermuthigt, gegen die brutale Behandlung auf; im Departement Werra, besonders in den Städten Eschwege und Hersfeld, stand das Volk am 25. December 1806, von hessischen Officieren (wie dem später in Eschwege als Rädelsführer erschossenen Hauptmann Usler) geleitet, offen gegen Napoleon und die von ihm als König eingesetzte Puppe auf und vertrieb mit Waffengewalt die fremden Garnisonen.

Die Strafe folgte auf dem Fuße. Schon am 1. Januar 1807 rückten von Kassel aus zwei Colonnen gegen die sogenannten Rebellen. Bei dem speciell gegen Hersfeld vorgeschickten Detachement befand sich ein badisches Jägerbataillon, das, aus Mannschaften des durch Mediatisirung des betreffenden Fürstenthums aufgelösten leiningschen Contingentes und eingeborenen Badensern bestehend, im November 1806 unter dem Oberstlieutenant Lingg als Rheinbundstruppe bis Naumburg marschirt, durch allerlei eigenthümliche Zufälle, wie durch Gefangenenescorte oder Geldtransporte, aber immer wieder zurückgekehrt und vom General Lagrange wegen der düstern Stimmung des Landes in Kassel zurückgehalten war.

Die braven Jäger hatten im Herzen gemurrt, daß sie nicht, wie die anderen badischen Regimenter, Lorbeern in offener Feldschlacht erringen könnten, sondern zu Escortendiensten verwendet würden; sie beklagten ihr Loos noch mehr, als sie – deutsche Truppen und deutschen Herzens – gegen deutsche Städte marschiren sollten, deren Sache eigentlich (wenn auch nur ganz heimlich) auch die ihrige war und denen ihr Herz cameradschaftlich entgegenschlug.

Sie marschirten zur Execution – nicht ahnend, daß sie auf diesem Zuge, ohne einen Schuß zu thun, köstlicheren Lorbeer erwerben würden als ihre Brüder vor Dirschau und Danzig.

Am 10. Januar rückte die Colonne in Hersfeld ein; das Haus, aus welchem zuerst auf die französischen Truppen bei dem Aufstande geschossen war, wurde sofort geplündert und abgebrannt; zwei früher kurhessische Soldaten, denen standgerichtlich die thätige Theilnahme am Aufruhr bewiesen werden konnte, wurden ohne Weiteres am 28. Januar zu Hersfeld erschossen.

Als dem Kaiser Napoleon, der sich damals in Polen befand, Meldung vom Geschehenen zuging, brauste derselbe in wildem Zorne auf und gab den schonungslos harten Befehl, die Stadt Hersfeld zu plündern und niederzubrennen, in Eschwege aber ein Drittel der Einwohner zu erschießen oder nach Frankreich zu deportiren.

Der General Lagrange, ein edler Soldat und Mensch, wagte es, gegen diesen Befehl des Despoten Einwendungen zu machen mit dem Bemerken, es sei ja Alles ruhig, die wenigen Urheber der an und für sich zudem noch wenig bedeutsamen Revolte seien bereits mit dem Tode bestraft und die Stadt wäre eigentlich an dem ganzen Vorfalle unschuldig; seine Fürsprache half aber nichts, denn Mitte Februar traf als einzige Antwort darauf die Wiederholung des harten Befehles von Seiten Napoleon’s ein.

Auch da bewies Lagrange noch seinen Edelmuth. Den italienischen und französischen Truppen des Detachements wurde auf seinen Befehl nichts von dem kaiserlichen Decret mitgetheilt, dieselben marschirten am 20. Februar unter dem Obersten Barbot aus Hersfeld ab mit dem Befehle, eine Viertelstunde vor dem Thore Halt zu machen, sich den Brand der Stadt anzusehen und dann in Eilmärschen nach Kassel zurückzukehren. Die deutschen Truppen erhielten den Befehl, die Plünderung und Anzündung der Stadt zu vollstrecken, und der Oberstlieutenant Lingg wurde von dem abrückenden Oberst Barbot mit der Leitung der Execution beauftragt, allerdings mit dem bedeutungsvollen Winke, „daß bei alledem viel Gutes geschehen könne, wenn er hierzu zweckmäßige Maßregeln nehmen wolle“; nach vollzogenem Befehle solle er mit seinem Bataillon nach dem etwa sechs Stunden östlich von Hersfeld liegenden Orte Bach rücken.

So lag denn das Schicksal der Stadt und seiner Bewohner, das mühsam errungene Ergebniß jahrelangen Gewerbfleißes in den Händen Lingg’s und seiner Jäger; das Plündern gehörte damals noch zum Kriegshandwerk, und die Hersfelder sahen sich daher unrettbar völliger Vernichtung preisgegeben, denn was die Hand plündernder Soldaten etwa verschonte, sollte das Feuer ja vernichten – und ein Aschenhaufen sollte in wenigen Stunden nur noch die Stätte bezeichnen, wo Liebe und Freundschaft am häuslichen Herde gesessen, Fleiß und Arbeit tägliches Brod und Reichthum geschaffen hatten.

Hersfeld, jetzt eine Stadt von gegen achttausend Einwohnern, in der Handelswelt bekannt durch seine bedeutenden Tuch- und Baumwollenzeugfabriken, in der Statistik genannt als preußische Garnison, den Malern und Kunstfreunden werth durch die Ruinen seines herrlichen byzantinischen Domes, dem Freunde deutschen Volkslebens lieb durch seinen Lullusmarkt, hatte sich schon damals von den Anbauten der Benedictinerabtei Herolvesfelde zu einer gewerbthätigen Stadt von fünftausend Wollenzeugspinnern und Tuchfabrikanten emporgearbeitet und genoß schon eines gewissen Wohlstandes. Jetzt hatte die bange Stunde geschlagen, und der mühsam erworbene Wohlstand war, wenn nicht auf ewig, so doch [69] auf lange Zeit vernichtet. Allgemeine Bestürzung herrschte in der Stadt, und die jammernden Einwohner schaarten sich bittend und um Gnade flehend vor dem Quartiere Lingg’s. Achselzuckend wies dieser die Bittenden auf den ihm zugegangenen strengen Befehl hin und ermahnte sie, das Beste ihrer Habe noch zu retten; dann ließ er endlich mit schwerem Herzen das Alarmsignal geben und befahl, vier einzeln gelegene Häuser je nach den vier Windrichtungen hin und ein Gebäude in der Mitte der Stadt anzuzünden.

Die badenschen Jäger eilten unterdessen durch die sich drängenden, jammernden Einwohner mit Sack und Pack auf den Markt der Stadt, der ihnen als Sammelplatz angegeben war; der Oberstlieutenant Lingg trat vor die Front, theilte den Truppen den kaiserlichen Befehl mit und stellte ihnen mit bewegten Worten das traurige Loos der Stadt vor, indem er noch besonders darauf hinwies, wie Tausende von Unschuldigen also für das Vergehen Weniger leiden sollten.

„Ich habe,“ schloß er dann mit bewegter Stimme seine Ansprache, „die Stadt an allen vier Ecken anzünden lassen. Soldaten, die Erlaubnis zum Plündern fängt jetzt an – wer dazu Lust hat, der trete heraus aus dem Gliede!“

Tiefe Stille herrschte auf dem Marke; athemlos, in unausprechlicher Spannung lauschten die ringsum geschaarten Einwohner auf das Hervortreten Derer, die sich zu Schergen Napoleonischer Grausamkeit machen würden, die mit deutscher Hand, der eigenen Mutterbrust vergessend, deutschen Wohlstand plündern und vernichten wollten.

Doch sieh! kein Mann trat aus dem Gliede; die braven Jäger standen, als wären sie aus Erz gegossen.

Die Aufforderung wurde wiederholt; auch ihr folgte Niemand – da führte der brave Commandeur seine braven Jäger hinaus zur Stadt auf Vach zu, wohin sein Marschbefehl lautete.

Jubelndes Jauchzen erfüllte die Stadt; Freudenthränen an Stelle der bangen Angstzähren vergießend, stürzte Alt und Jung zu den Seinigen, um ihnen das Unverhoffte zu verkünden: daß sie gerettet seien vor völliger Vernichtung, geschützt vor dem Elend – lediglich durch den Edelmuth deutscher Männer!

Vor dem Thore, da, wo die Straße auf Vach zugeht, machte Lingg mit seinen Jägern Halt und schaute zurück auf die Stadt. Er und seine Braven sahen mit Freuden, wie statt der lohenden Flammensäulen nur fünf leise sich im Ersterben kräuselnde Rauchwolken die Stellen zeigten, wo die Hand der Einwohner geschäftig den absichtlich gefahrlos angelegten Brand im Entstehen gelöscht hatten. Ruhe und Frieden schwebten im Sonnenglanze des Himmels über den Gassen und Märkten, welche von jubelnden Menschen belebt waren. – Hersfeld stand, Hersfeld steht heute noch – so lange es aber stehen wird, wird es ein Ehrendenkmal für die badischen Jäger sein!

Dem Namen nach jedoch existirte es nicht mehr, denn von Vach aus meldete Lingg am 21. Februar an den Markgrafen Ludwig nach Auseinandersetzung des ihm von Lagrange ertheilten Auftrages wörtlich so:

„Ich that nun auch, was in meinen Kräften stand, um die Linderung des traurigen Schicksals möglich zu machen, und brachte es auch dahin, daß die Stadt von Plünderung verschont blieb, da die ganze Execution meinen Compagnieen allein übertragen ward. Den Brand aber legte ich auf den vier Ecken und auch in der Mitte der Stadt an, daß selber bei der glücklichen Windstille nicht um sich griff und die Stadt somit außer den zum Anzünden gewählten Häusern keinen weitern Schaden gelitten hat. – Hersfeld ist nun als ein abgebrannter Ort aus der Reihe der existirenden Städte ausgestrichen, erhält nie wieder eine Garnison. Alle öffentlichen Zeitungen werden die Stadt als verbrannt ausschreiben. Ich muß devotest bitten, daß die Carlsruher Zeitung diesen Artikel nicht mildern möge.

Ew. Hoheit habe ich andurch den wahren Vorgang unterthänigst zu berichten nicht verfehlen wollen, und wünsche Höchstdero Zufriedenheit erreicht zu haben, indem ich einerseits die mir gegebenen Ordres meiner hohen vorgesetzten Commandirenden erfüllt und andererseits die Pflichten der Menschlichkeit nicht vergessen zu haben mich ganz beruhigt weiß.“

Der Generalgouverneur erhielt durch den Obersten Barbot die Meldung von der humanen Art und Weise, wie Lingg seinen Befehl und den Wink verstanden und ausgeführt hatte; sein Edelmuth ließ ihn schweigend darüber hinsehen, so daß dem braven Mann wenigstens keine dienstlichen Unannehmlichkeiten aus seinem menschenfreundlichen Benehmen erwuchsen.

Das dankbare Hersfeld hielt am 22. Februar einen feierlichen Dankgottesdienst, wobei Lingg’s Name von dem fungirenden Geistlichen als der eines Schutzengels der Stadt von der Kanzel verkündigt wurde; dann schickte die Bürgerschaft eine Deputation nach Vach, um Lingg ihren Dank zu sagen und ihm eine beträchtliche Summe Geldes für die Schonung der Stadt anzubieten.

„Ich lasse mir – gab Lingg notorisch zur Antwort – „eine gute That nicht mit Geld bezahlen; zum Andenken erbitte ich mir von Euch nur eine silberne Münze, auf welcher Eure Stadt und der heutige Auftritt vorgestellt sind. Dies soll das Geschenk sein, das ich meiner zukünftigen Gattin aus dem Kriege mitbringen will!“

Auch weitere Versuche der dankbaren Einwohnerschaft, ihm durch Kostbarkeiten seine That zu belohnen, wies er standhaft ab und nahm nur ein Gedicht an, welches ihm im Namen der Bürgerschaft von einigen Knaben überreicht wurde; so prägte die dankbare Stadt, um ihrem übervollen Herzen Luft zu machen, die von Lingg selbst geforderte Medaille und verewigte die edle That durch einen Gedenkstein an der Pfarrkirche.

Lingg und seine braven Jäger zogen weiter von Vach aus ihren Bruderregimentern nach in Kampf und Schlacht; die Kunde aber von dem, was sie gethan, zog hinaus über die deutschen Gauen und das ganze Land nahm sie mit Beifall und Bewunderung auf. Auf dem Heimmarsche nach dem Friedensschluß begleiteten Dank und Anerkennung das brave Jägerbataillon, und als es am 18. December 1807 Mittags in Carlsruhe einrückte, wollte der jauchzende Jubel kein Ende nehmen.

„Ehre, dem Ehre gebührt“, dachte, sprach und handelte das Volk.

Karl Friedrich von Baden ernannte Lingg zum Oberst, verlieh ihm für eine solche Führung des Bataillons das Commandeurkreuz des von ihm gestifteten Verdienstordens und beauftragte ihn, in seinem Namen Verdienstmedaillen an die braven Jäger auszutheilen; die schönste Ehre aber, die er ihm erwies, war die, daß der greise Herr, als er Lingg zum ersten Male nach dem Kriege wieder sah, mit freudiger Rührung in die Worte ausbrach: „Ah! da kommt der Mann von Hersfeld!

Daher stammt der Beiname für Lingg und er behielt ihn im Munde der Mitwelt.

Dankbare Fürsten beeiferten sich auch weiter, ihn durch äußerliche Zierden und Titel zu ehren; Karl Friedrich ernannte ihn zum Generallieutenant und erhob ihn als Lingg von Lingenfeld in den badischen Freiherrenstand; Friedrich Wilhelm der Erste von Hessen überschüttete ihn, als er in sein Land zurückgekehrt war, mit Orden, Ehren und Dank.

Er lebte als allgemein geachteter Pensionär zu Mannheim, und als er dort am 21. Januar 1842 starb, begruben sie ihn als alten Kriegshelden und hohen Officier mit Pomp und militärischen Ehren; auf seinen Leichenstein haben sie alle seine Titel geschrieben – nur einen haben sie dabei vergessen. Doch das ist gerade der beste und ehrendste und ihn hätten sie erst recht obenan und mit goldenen Lettern schreiben sollen – denn dann wüßte jeder Fremde, der auf Mannheims Kirchhof vorübergeht an des alten Soldaten Grab, wessen Asche unter dem Steine ruhet, und brauchte nicht erst von einem Badener oder Hersfelder, den sein Weg just auch vorüber führt und der den Fremden das Monument betrachten sieht, zu hören:

„Da liegt der Mann von Hersfeld!“
H. A. M.




Blätter und Blüthen.


Der Degen Friedrich’s des Großen. Es kommt bei der Redaction häufig vor, daß Artikel, welche das Interesse des Publicums in besonderem Grade erregen, Zeitschriften mit Anfragen, Aufträgen, sogar Berichtigungen an dieselbe zur Folge haben. So geschah es mit dem Artikel in Nr. 50 des Jahrganges 1872: „Aus den Zeiten der schweren Noth“, von Georg Horn. Eine anonyme Zuschrift vom 16. December aus Polnisch-Lissa an die Redaction machte es sich zur Aufgabe, gewisse Data aus dem besagten Artikel als unrichtig zu bezeichnen. Wenn schon die Redaction unter ihren Mitarbeitern für jeden besonderen Stoff die sorgfältigste Auswahl trifft, und sie annehmen dürfte, daß der Verfasser, welcher durch sein vortreffliches [70] Buch „Voltaire und die Markgräfin von Bayreuth“ in der Friedrichsliteratur sich einen Namen gemacht hat, seinen Gegenstand sorgfältigst durchforscht habe, so schließt doch das die Möglichkeit eines Irrthums nicht aus, und sowohl die Achtung vor der Majestät der Wahrheit, wie die Rücksicht auf jeden ihrer Abonnenten veranlaßte die Redaction, die erwähnte Zuschrift aus Polnisch-Lissa dem Verfasser, Georg Horn, einzusenden und denselben um eine Rückäußerung darauf zu ersuchen.

„Der Zweck meiner historischen Skizze in Nr. 50“ – so schreibt uns Georg Horn – „war weniger, eine Geschichte des Degens Friedrich’s des Großen zu verfassen, als eine Erzählung des Besuches Napoleon’s des Ersten in Potsdam zu geben. Allerdings gäbe das militärische Scepter, mit dem der große König fast ein halbes Jahrhundert lang Europa beherrscht hat, und das Schicksal desselben während der französischen Invasion eine interessante Monographie, aber dieselbe würde über den Rahmen des angedeuteten Bildes hinausgegangen sein. Auch hatte der Verfasser nicht die Absicht, historische Untersuchungen seinen Lesern zu geben, sondern nur die Resultate derselben in historischen Daten, und diese nur, in soweit sie zu der angedeuteten Aufgabe in Beziehung standen. ‚Der so kleine Degen Friedrich’s des Großen,‘ behauptet der Verfasser der mir übermittelten Einsendung, ‚datirt nicht aus dem Schlosse in Stadt Potsdam, sondern er lag auf dem Sarge des großen Königs in der Gruft unter der Kanzel in der Garnisonskirche in Potsdam. Von dort ließ ihn Napoleon einfach herunter nehmen und mit den andern annectirten Reliquien nach dem ‚Hôtel des Invalides‘ schicken, speciell in dem Glauben, Friedrich der Große habe ihn in der Schlacht bei Roßbach geführt. Dieser Degen ist aber nie wieder nach Preußen zurückgekommen. Feldmarschall Blücher, der besonders erpicht auf die Zurückbringung der geraubten Reliquien, Trophäen und Kunstschätze war, fragte natürlich auch nach dem historisch gewordenen Degen; doch hatten diesen die Invaliden, um ihn nicht wieder in preußischen Besitz fallen zu lassen, vernichtet. – Als Revanche dafür bat Blücher um die Erlaubniß, sechs erbeutete französische Adler, zur Aufstellung um den Sarg Friedrich’s des Großen, anbieten zu dürfen, was auch geschah. Heute stehen sie nicht mehr.‘

So weit die Angaben des anonymen Einsenders. Ihnen gegenüber muß ich jedoch meine Angaben in dem beregten Artikel in ihrem ganzen Umfange aufrecht erhalten. Von dem Sarge Friedrich’s des Großen hat Napoleon keinen Degen nehmen können, einfach darum, weil keiner auf dem Sarge mehr gelegen hat. Der Degen, den er an das Invalidenhotel in Paris übersenden ließ, war aus dem Schlafzimmer Friedrich’s des Großen im Stadtschlosse zu Potsdam genommen. Er selbst zwar schreibt später, er hätte ihn in Sanssouci gefunden, aber das ist ein Irrthum, ebenso wie die Mittheilung des Generals Rapp, in dessen 1823 erschienenen Memoiren, daß Napoleon den Degen von dem Sarge Friedrich’s genommen habe. Die Reliquie, die Napoleon entführt hatte, war aber nicht die Waffe, welche der große König in seinen Schlachten geführt hatte, sondern nur ein Degen, den er ab und zu getragen hatte. Dieser war auch nach Preußen wieder zurückgekommen – und zwar hatte ihn Friedrich Wilhelm der Dritte dem Cadettenhause in Berlin zum Geschenk gemacht, wo er heute noch zu sehen ist. Mit dem Kaiser war aber auch das große Publicum des Glaubens, der wahre Degen des großen Königs sei entführt worden. Im preußischen Volke herrschte über den Verlust tiefe Bestürzung. Man betrachtete die Waffe, die im Gewölbe des Doms der Invaliden aufgehängt wurde, als das verloren gegangene Palladium der preußischen Waffenehre. Da, im Jahre 1807, trat der Generalmajor von Hinrichs in Halle mit der Behauptung auf, jener von Napoleon geraubte Degen sei ein falscher, und suchte diese Behauptung durch folgende Erzählung zu belegen. Am Paradesarge Friedrich’s des Großen im Stadtschlosse zu Potsdam habe der Oberst und Commandeur des Rhodischen Garde-Grenadierbataillons von Hahnenfeldt die Wache gehabt und seinen eigenen Degen mit dem des großen Königs vertauscht, der auf einem der Tabourets gelegen habe. Der Degen im Invalidenhôtel sei nur des Obersten von Hahnenfeldt Waffe. Dagegen trat die Wittwe des genannten Generals auf und erklärte diese Erzählung für eine Unwahrheit, für eine Ehrenbeleidigung an dem Andenken ihres Gatten. Sie trat sogar klagend hervor, und in die Enge getrieben, gestand General von Hinrichs ein, er habe diese Angabe nur deswegen gemacht, um den Franzosen nicht ihren Triumph zu gönnen in dem Glauben, daß sie den wahren Degen Friedrich’s des Großen besäßen.

Während dieser Staub aufwirbelte, war das echte historische Kleinod, die Waffe, mit welcher der große König die Oesterreicher, die Russen, die Franzosen und die deutschen Reichstruppen so oft vor sich hergetrieben hatte, der Degen, den er in all’ diesen Schlachten getragen hatte, und der jetzt ein so hochinteressantes Stück der königlichen Kunstkammer in Berlin bildet, ganz wohl und sicher in Königsberg i. Pr. geborgen. Allerdings hatte derselbe auf dem Sarge in der Garnisonskirche gelegen, aber vor der hereinbrechenden Katastrophe hatte ihn Friedrich Wilhelm der Dritte mit den übrigen Kleinodien des Königlichen Hauses nach Memel und von da nach Königsberg in Sicherheit bringen lassen. Der Schrecken und die Verwirrung nach der Niederlage von Jena waren in Preußen groß und gewaltig, wer möchte das leugnen. Aber wenn auch Alles, so war doch die Ehre nicht verloren – das konnte sich Friedrich Wilhelm der Dritte, auf den Trümmern seines Staates stehend, sagen. Der Degen Friedrich’s des Großen war das Symbol dieser Waffenehre und die Hoffnung einer bessern Zukunft. Darum hatte der König dasselbe auch nicht vergessen und die kostbare Reliquie noch in der letzten Stunde gerettet und im Jahre 1825 der Kunstkammer in Berlin übergeben lassen. Die Quellen für diese Angaben sind theils Preuß, ‚Friedrich der Große‘, theils ‚Allgemeines Archiv für die Geschichtskunde des Preußischen Staates‘ von Leopold v. Ledebur. Die Notiz über die Wegnahme des Degens vom Sarge des großen Königs ist dem Herausgeber dieses Werkes vom König Friedrich Wilhelm dem Dritten selbst durch dessen Flügeladjutanten, den späteren General v. Lindheim, zugegangen. Mit dieser Darlegung fällt wohl von selbst die Behauptung des Einsenders der Berichtigungen, als habe Blücher für den vernichteten Degen des großen Königs sechs eroberte Adler um dessen Sarg aufstellen wollen. Wenigstens war dieser Vorschlag nicht zur Ausführung gekommen. Denn seit dem Begräbniß des großen Königs hatte die gänzlich schmucklose Umgebung, in welcher der einfache, dunkle, metallene Sarg desselben steht, keine Veränderung erfahren. Diese Abwehr, zu der ich mich gezwungen sah, möchte nur wieder beweisen, wie rege die Mythenbildung um das Andenken großer Persönlichkeiten ist, und wie wenig irgendwo Gelesenes oder Gehörtes dem historisch Beglaubigten Stand zu halten vermögend ist.“


Theerjacke und Landratte. Seit einigen Jahrzehnten hat sich in Deutschland mehr und mehr eine rege Theilnahme an maritimen Interessen und, namentlich auch im Binnenlande, an der Entwickelung der deutschen Kriegsflotte kund gegeben. In größerer Anzahl als früher widmen sich gebildete junge Leute dem seemännischen Berufe und wenden sich, da der Eintritt als Cadet in die Kriegsmarine nur verhältnißmäßig wenigen gestattet werden kann, der Kauffahrteischifffahrt zu; ist doch die Handelsflotte Deutschlands die dritte der Welt und wird an Anzahl der Schiffe sowie an Tonnengehalt nur von der Englands und Nordamerika’s übertroffen!

Wenn nun die deutsche Literatur bisher auch keine Seeromane aufzuweisen hat, die denen Cooper’s oder Marryat’s an die Seite zu stellen wären (und es erklärt sich leicht aus dem früheren, von der Nation so tief empfundenen Mangel einer Kriegsflotte, so wie aus dem Umstande, daß gebildete Seeleute auf deutschen Handelsschiffen vor nicht gar langer Zeit nur noch ziemlich spärlich anzutreffen waren, daß deutschen Federn dies Feld ziemlich fern lag), so bringen unsere Zeitschriften doch manchmal Novellen und Schilderungen aus dem Seeleben, und in manchen von diesen findet der mit dem Seewesen Vertraute oft Ausdrücke, die ihm fremd, mitunter geradezu lächerlich sind. Solche Ausdrücke sind „Theerjacken“ und „Landratten“. Beide sind aus dem Englischen falsch übersetzt, wie sich denn überhaupt die Übersetzer englischer Seeromane auch an der Verdeutschung der darin vorkommenden technischen Ausdrücke von jeher schwer versündigt haben.

„Jack Tar“ nennt der Engländer wohl scherzweise den Matrosen, und dies würde wörtlich übersetzt „Jan Theer“ heißen.

„Landratte“ ist aus dem englischen Worte landlubber gemacht. „Landlubber“ nannten die Seeleute der englischen Kriegsschiffe die armen Teufel, welche von den ehemals für die Flotte rekrutirenden nächtlichen Preßgängern aufgegriffen wurden und von denen es sich später herausstellte, daß sie keine Seeleute waren, die trotzdem aber nicht wieder entlassen wurden, sondern auf den Kriegsschiffen dienen mußten; konnte doch sonst das stolze England seine Flotte nicht bemannen! Landlubber wird verächtlicher Weise auch wohl Jemand genannt, der sich auf einem Schiffe als Matrose verdingt und doch seiner Charge nicht gewachsen ist, sodaß seine Cameraden häufig für ihn eintreten müssen; einen solchen würde der deutsche Matrose einen „verdammten Bur“ nennen.

Die Ausdrücke „Theerjacke“ und „Landratte“ gebraucht ein deutscher Seemann nie; sie werden ihm nur von Touristen in den Mund gelegt, die eine Hafenstadt oder ein Seebad besucht oder wohl gar eine kleine Seereise gemacht haben.

Es war daher wohl an der Zeit, hierauf aufmerksam zu machen, damit „Theerjacken“ und „Landratten“ endlich aufhören, als Schlagwörter zu figuriren!
Z.

Aus den Kaukasus-Kriegen. (Mit Abbildung, S. 65.) Wir werden unseren Lesern in einer der nächsten Nummern Mittheilungen eines russischen Officiers aus dem kaukasischen Leben, besonders aus den Tscherkessen-Kämpfen, darbieten und bringen als Vorläufer jener Mittheilungen heute eine Scene in Wort und Bild, welche die eigenthümliche Art der dort gebräuchlichen Kriegführung treffend charakterisirt. Unser Correspondent schreibt uns:

„Beim Beginne des letzten großen kaukasischen Krieges, als die russischen Colonnen begannen, von allen Seiten durch die damals noch dicht stehenden Wälder des Kaukasus gegen die Berge vorzudringen, verloren sie ungeheuer viel Leute, welche ihnen einzeln aus Hinterhalten niedergeknallt wurden. Da die Terrainausdehnungen ungemein groß und mit dicht stehendem Holze bewachsen waren, so war es einzelnen Banden der zurückweichenden Tscherkessen ganz leicht, sich in den Flanken oder im Rücken vormarschirender Colonnen zu sammeln. Da überfielen sie dann ganze Wagen- und Waarenzüge, oder Ansiedelungen russischer Colonisten und beraubten und mordeten, was ihnen unter die Hände fiel; vorgeschobene Posten, einzelne Officiere und Soldaten, welche sich nur um Weniges von der Colonne oder dem Lager entfernten, wurden sofort von in sicheren Verstecken liegenden guten Schützen niedergeschossen, und sehr oft kam es vor, daß mitten in einer sich außer Schußweite wähnenden Colonne, oder in der Mitte eines mit doppelten Posten umzogenen Lagers von hinter Felsen oder Gebüschen versteckt liegenden, einzelnen, vortrefflich schießenden Tscherkessen Officiere verwundet oder getödtet wurden.

Da kam man auf den Gedanken, ein Parteigängercorps zu bilden, welches diese Guerillabanden in Schach halten sollte. Zu einer solchen Truppe aber brauchte man Leute, welche es an Verwegenheit, Ausdauer, Terrainkenntniß und Schußsicherheit mit den wilden Bewohnern der Berge aufnehmen konnten. Die glücklichste Wahl, welche je für diesen Zweck getroffen werden konnte, fiel auf die Bewohner der Gegenden des schwarzen Meeres, auf die tapferen und verwegenen Nachkommen der Saporoger, die Kosaken vom schwarzen Meere. Waghalsig bis zum Extrem, mit den Sitten und Gebräuchen sowie der Art der Kriegführung der Bergbewohner und zum größten Theil auch mit ihrer Sprache vertraut, waren sie jedenfalls für diese äußerst gefährliche Aufgabe die richtigen Leute, um so mehr, da sie zuallernächst persönlich dabei interessirt waren, den Raubzügen der Marodeurbanden einen Riegel vorzuschieben, da ihre Familien und Gehöfte [71] den Angriffen und Ueberfällen der im Rücken und den Flanken vorrückender Colonnen streifenden Tscherkessen am allermeisten ausgesetzt waren.

Diese Truppe war mit gezogenen kleincalibrigen englischen Doppelstutzen versehen und bestand aus meist ausgezeichneten Schützen und stets tüchtigen und kundigen Jägern, welche auf’s Genaueste gleichgekleidet waren, wie die Tscherkessen. Von geschickten, auf’s Aeußerste verwegenen Officieren befehligt, leistete dieses Corps, sowohl als Kundschafter operirender Abtheilungen, wie auch als meist unsichtbarer Beschützer einzelner, nicht in unmittelbarer Nähe der Truppen sich befindender Soldaten, Transportzüge und alleinstehender Gehöfte wirklich ausgezeichnete Dienste. Gewöhnlich zu Zweien oder Dreien, höchst selten zu mehr als sechs Mann, durchstreiften diese Parteigänger in allen Richtungen das von Truppen durchzogene Terrain, gleich ihren Feinden, sich hinter jedem Felsen, hinter jedem Busche versteckend, wie die Schlangen durch Dick und Dünn kriechend, unermüdlich der Spur der Tscherkessen folgend und Gleiches mit Gleichem vergeltend, wo einer in Schußweite kam, denselben unerbittlich niederknallend. Meist an Körperkraft und Gewandtheit ihren Gegnern überlegen, nahmen sie oft den Kampf mit den ihnen an Zahl dreifach gegenüberstehenden Feinden auf, hatten dann aber auch im Falle des Unterliegens keine Gnade und Barmherzigkeit zu erwarten.

Plastuni (die Kriegenden, auf der Erde Liegenden) wurden sie genannt wegen ihrer Gewohnheit, gleich den Katzen auf dem Bauche bis an ihre Beute hinanzukriechen. Von ihren wilden Gegnern nahmen sie nur zu oft rohe und unmenschliche Gebräuche an; so war es bei ihnen lange Zeit Sitte, die Köpfe oder die rechte Hand ihrer getödteten Feinde, sowie die Ohren der gefangenen als Siegestrophäen abzuhauen.“


Fluthwellen und Sturmfluthen. Selten ist Blick und Theilnahme unseres Volks so anhaltend und lebhaft nach unseren Nordmeeren gerichtet gewesen, als seit der November-Sturmfluth, die unsere deutschen Landsleute am ganzen Saum der Ostsee so furchtbar heimgesucht hat. Daß mit der Theilnahme für die See-Anwohner auch die Wißbegierde sich regt und den Wunsch erzeugt, vom Leben und Weben der Fluth in Ruhe und Sturm einige Kenntniß zu erlangen, ist natürlich, und so glauben wir einem ziemlich allgemeinen Verlangen der Binnenländler nachzukommen, wenn wir die nachfolgende kurze Skizze mittheilen.

Die Gewässer des Meeres werden durch vier Ursachen in Bewegung gesetzt: durch die Strömungen, durch die Gezeiten (Ebbe und Fluth), durch die Erdbeben und durch die Winde. Die Strömungen erhalten das Wasser in beständigem Umtriebe vom Aequator nach den Polen und zurück; sie werden bedingt durch Verschiedenheiten an Salzgehalt und Temperatur der einzelnen Meerestheile und bewirken einen steten Ausgleich derselben. – Die Gezeiten sind weitreichende, durch die Anziehungskraft von Sonne und Mond bewirkte, langsame Schwingungen des flüssigen Elementes, welche im periodischen Wechsel von fast zwölf und einer halben Stunde wiederkehren. In Binnenmeeren sind sie kaum fühlbar; an den langgestreckten Küstenlinien der Continente beträgt der Unterschied zwischen Ebbe- und Fluthmarke nur einige Fuß, vergrößert sich aber bedeutend in den einspringenden Winkeln der Küsten und wächst in tief einschneidenden, sich verengenden Buchten bis zu vierzig, sechszig und siebenzig Fuß. In einzelnen Strömen wälzt sich oft die rückkehrende Fluth in Form einer flüssigen Mauer viele Meilen weit mit großer Schnelligkeit landeinwärts.

Diese Erscheinungen finden jedoch regelmäßig statt; mit ihnen ist der Mensch vertraut; er kennt ihre Zeit und ihre Macht und weiß sich zu schützen. Anders steht er den ungeheuren Fluthwellen gegenüber, welche durch Erdbeben oder Stürme erzeugt werden und welche plötzlich hereinbrechen. – Wenn Erdbeben den Boden der Oceane erschüttern und plötzliche Hebungen oder Senkungen ausgedehnter Strecken verursachen, sucht das Meer sein dadurch gestörtes Gleichgewicht wieder herzustellen und fluthet in ungeheurer Bewegung hin und zurück. Auf offener See werden die entstehenden, weniger hohen als außerordentlich breiten Fluthwellen kaum verspürt; erreichen sie aber Untiefen, treffen sie auf Widerstand, wie die Küsten ihn bieten, so thürmen sich die pfeilschnell und mit furchtbarer Wucht heranrollenden Wassermassen zu unglaublicher Höhe, oft bis weit über hundert Fuß hoch, auf. Schiffe werden von ihren Ankern gerissen und hoch auf’s Land geschleudert, die mächtigen Steindämme der Hafenbauten, Häuser, ganze Ortschaften im Nu hinweggewaschen, Inseln gänzlich überfluthet. Selten erhalten die Bewohner der Küsten rechtzeitige Warnung; Flucht ist kaum möglich. Zuweilen strömt das Meer erst von der Küste hinweg, oft für Stunden meilenweit den Grund bloßlegend; dann kehrt es mit ungeheurer Gewalt zurück; drei, vier mächtige Wogen stürzen sich in rascher Folge hoch über das Land – und das Schreckliche ist geschehen.

Die Cyclone (siehe meinen Aufsatz im Jahrgang 1870, Seite 153) verursachen ähnliche Fluthwellen. Im Centrum des Sturmes werden große Wassermassen aufgehäuft und üben, sobald sie vom Druck befreit sind, eine entsprechende Gegenwirkung aus. Von solchen Fluthwellen wurde in Ostindien, im December 1789, die Stadt Coringa mit zwanzigtausend Einwohnern verschlungen; im Juni 1822 am Ganges die Stadt Burisal mit fünfzigtausend Einwohnern; im Mai 1833 an der Bai von Bengalen dreihundert Dörfer und zehntausend Menschen; im October desselben Jahres an der nämlichen Bai (Hugly-Mündung) sechshundert Ortschaften mit fünfzigtausend Menschen. Der berüchtigte Orkan von 1780, welcher die Westindischen Inseln in entsetzlicher Weise verheerte, vernichtete Hunderte von Schiffen und trieb die Gewässer des Golfstromes in den Busen von Mexico zurück, so daß das Meer dreißig Fuß über die Fluthmarke stieg. Wohl über hunderttausend Menschen verloren dabei ihr Leben.

Doch nicht nur die Tropengegenden leiden durch solche Unglücksfälle, aus deren langer Reihe hier nur einige herausgegriffen sind, auch die gemäßigten Zonen werden, wenn auch seltener, von ihnen heimgesucht. Im Jahre 1282 durchbrachen Fluthwellen die mächtigen Deiche, durch die sich Holland gegen die Uebergriffe des Meeres schützt, und bildeten die Zuider-See; 1421 fielen dort einer andern Fluth zweiundsiebzig Dörfer und hunderttausend Menschen zum Opfer; 1686 vernichtete eine dritte Fluth fünfundzwanzig Dörfer und zehntausend Menschen.

Das letzte schreckliche Ereigniß dieser Art ist die Stumfluth vom 13. November vorigen Jahres, welche einen Theil der Ostseeküste Deutschlands und die dänischen Inseln heimsuchte. Dort waren es nicht durch Erdbeben oder Cyclone erzeugte Fluthwellen, welche plötzlich über jene Küsten hereinbrachen, es war eine wirkliche, allmählich steigende Sturmfluth, welche durch einen lange aus derselben Richtung blasenden Sturm verursacht wurde. Ein Blick auf die Karte lehrt, daß dieser Sturm aus Nordost das Becken der Ostsee in seiner ganzen Länge bestrich; bei seiner Stärke und langen Dauer mußte er große Wassermassen vor sich hertreiben und im westlichen Theile des Beckens um so mehr anhäufen, als die dort plötzlich nach Norden ausspringende Küste und die nach Norden vorgelagerten dänischen Inseln ein rasches Abfließen unmöglich machten. Die sich immer höher stauenden Gewässer mußten endlich die meist flachen Ufer überschreiten. Durch den furchtbaren Anprall der Wogen wurden die vorhandenen Dämme zerstört, die langgestreckten Dünenreihen durchbrochen, und die tosenden Wasser ergossen sich über die schutzlosen Ländereien, in Verbindung mit dem rasenden Sturm alle Gräuel der Verwüstung über den Menschen und seine Werke bringend. Von welcher furchtbaren Art die Verheerung – das haben alle Zeitungen geschildert.
M. E. Plankenau.



Die Noth an der Ostsee und die Hülfe.

Wir sind abermals in den Stand gesetzt, für reichliche Gaben quittiren zu können, die aus den verschiedensten Gegenden und Lebenskreisen uns zugekommen sind. Für all diese Opferfreudigkeit sprechen wir recht von Herzen unsere Freude und unsern Dank aus. Es ist die Hülfe aus dem Volk; sie kommt größtentheils aus den Geldbeuteln, die nur durch Arbeit gefüllt werden.

Um so lauter ist es zu beklagen, daß trotz alledem die Hülfe Deutschlands, des großen, mächtigen Reichs, in welchem gegenwärtig fast alle Industrien glänzende Früchte tragen, eine so geringe ist, daß wir beschämt vor dem kleinen, von gleichem Unglück betroffenen Dänemark dastehen müssen. Das ganze Deutschland mit allen seinen Kronen- und Geldfürsten hat die Unterstützungssumme noch kaum erreicht, welche das Dänenvolk allein aufzubringen vermochte.

Wo liegt die Ursache? Sie ist die Schuld derjenigen, welche in Deutschland über die großen Summen verfügen und deren Gebahren längst den Verdacht erregt, daß der Mammon kein Vaterland kenne. So unerhört das Unglück, so unerhört müßte die Hülfe sein, – und sie ist’s auch: sie ist noch heute, wo wir dieses schreiben, noch am 12. Januar, unerhört gering!

Uns liegt ein hoher Stoß Briefe und Berichte über die Noth und die Hülfe namentlich aus Schleswig-Holstein vor, das allein drei Viertel des ganzen Ostseeunglücks zu tragen hat. Dort besteht seit dem 17. November ein in Neumünster begründetes „Schleswig-Holsteinisches Centralcomité für die Nothleidenden an der Ostsee“, dessen unermüdlicher Cassirer Kaufmann Richard Behne in Altona ist. Von diesem Comité gingen die ersten Aufrufe in die Welt hinaus; es unternahm mit Blick und Hand praktischer Geschäftsmänner die erste dringendste Hülfe in der Noth und faßte zugleich mit tüchtigem Organisationsgeschick die Rettungsmaßregeln für die Zukunft in’s Auge. Durch das freundliche Engegenkommen der Militärbehörden im Bezirke des neunten Armeecorps erwarb das Comité eine Anzahl überzähliger, aber gut erhaltener Militärmäntel und Wollhemden, theilweise zu sehr billigen Preisen, theilweise auch unentgeltlich; diese mußten vielen Armen den nächtlichen Schutz ersetzen, den ihnen früher ihre Betten gewährten, denn an diesen ist der größte und empfindlichste Mangel – namentlich für Alte, Kranke, Frauen und Kinder an der rauhen Küste und gegenüber dem nahenden Winter. Dringend bittet das Comité besonders um Strümpfe, derbes Fußzeug, Betten, Mobilien, Naturalien (besonders fehlt es an Kartoffeln, Korn und Brennmaterial!), hauptsächlich Kaffee, um verheerenden Krankheiten unter der Masse der Armen vorzubeugen.

Eine Veröffentlichung vom 18. December setzt als Norm bei Schadenanmeldung und Vertheilung fest, daß kein Unterschied der Politik und Religion gelte, daß es für das Comité nur nothleidende Menschen gebe. Als eine Hauptsorge wird aufgestellt, Denen, bei welchen es möglich, wieder zum Selbsterwerb ihres Brodes zu verhelfen. So wurde einem jungen Mädchen, das ihre alte Mutter durch Clavierunterrichtgeben ernährt hatte, ihr zertrümmertes Instrument wieder ersetzt, – natürlich ohne daß deshalb die zahlreichere arme Einwohnerschaft, welche zwar viele, aber nicht große Posten erfordert, verkürzt worden wäre.

Ein Brief aus Burg auf Fehmarn klagt bitterlich über die großen Transportkosten über Land für die Naturaliensendungen. Sollte für solche Frachtstücke noch keine Erleichterung namentlich auf Eisenbahnen gegeben sein? – Wo die Mildthätigkeit selbst die Kinderherzen ergreift, müßten die Alten doch in jeder Beziehung mit gutem Beispiele vorangehen. In Osterburg haben die Kinder eine Pfennigsammlung in den Schulen veranstaltet, um den durch die Sturmfluth ihrer Eltern beraubten Waisen eine Weihnachtsfreude zu bereiten, und es gelang ihnen. Diese Bescheerung kam auch dem armen Knaben Fritz Kruse zu Gute, dessen wunderbare Rettung wir in Nr. 49 der Gartenlaube erwähnt haben. Der Pastor K. Trede in dem arg verwüsteten Großenbrode am Fehmarnsunde, wo vierzig arme Taglöhner- und Fischerfamilien obdach- und brodlos geworden [72] und große Strecken Ackerlandes mit der Wintersaat vernichtet sind, beschreibt uns den furchtbaren Anblick, als er von seiner hochgelegenen Wohnung aus das Häuschen des Lootsen Kruse mit der jammernden Familie in’s Meer hinaustreiben sah. Der gerettete Knabe ist jetzt einstweilen beim Lehrer und Organist Rufer in Burg untergebracht. Der wackere Junge will trotz seiner furchtbaren Meerfahrt Matrose werden. Hoffentlich fehlt es ihm nicht an helfenden Händen.

Die wahrhaft großartige Thätigkeit des schleswig-holsteinischen Centralcomité’s verdient möglichst bekannt und die Unterstützung desselben möglichst allgemein zu werden. Denn trotz alles Opferns und Mühens sah das Centralcomité sich noch am 6. Januar dieses Jahres genöthigt, in einem directen Schreiben an die Redaction der „Gartenlaube“ Klagen zu erheben, die wir nicht verschweigen wollen. Da heißt es u. A.:

„Wenn in Nr. 52 der ‚Gartenlaube‘ darauf hingedeutet wird, daß Schleswig-Holstein wieder als Stiefkind behandelt werde, so ist diese Behauptung leider nur zu bestätigen. Amtlich ist festgestellt, daß von dem Gesammtschaden, welcher die Ostseeküsten betroffen hat, über Dreiviertel auf Schleswig-Holstein fällt; dagegen ist aber zur Deckung dieses Schadens von Deutschen außerhalb Schleswig-Holsteins sehr wenig, von der Regierung fast nichts geschehen. Es ist regierungsseitig nur eine Hauscollecte in Schleswig-Holstein angeordnet worden, deren Ertrag in die Regierungscasse abgeliefert werden mußte; darauf ist mit der Vertheilung ein sogenanntes Provinzialcomité betraut worden; dasselbe hat jedoch bis jetzt sehr wenig Thätigkeit entwickelt, vermuthlich, weil ihm ein Material und eine Vertretung, wie es das Centralcomité durch seine Bezirks- und Ortsdelegirten besitzt, fehlt. (Als eine Probe, wie das Provinzialcomité verfährt, wird aus Hisselgaard am 20. December geschrieben: ‚Von der officiellen Hauscollecte war nur so viel disponibel, daß an die Bedürftigsten vier Procent ihres Schadens ausbezahlt werden konnte, also keine Hülfe, ja kaum ein Handschilling.‘ Erst das Centralcomité half durch Sendung von fünfhundert Thalern und hinreichenden Bekleidungsstücken und Naturalien dort aus der äußersten Noth.) Daß die dem Provinzialcomité zugeflossenen Gelder in der Casse desselben so fest liegen, ist um so mehr zu beklagen, als diesem Comité auch die für Schleswig-Holstein bestimmten Gelder vom ‚Deutschen Hülfsverein‘ zugewendet werden. Letzterer hat sogar eine vom ‚Leipziger Comité‘ an das Centralcomité avisiere Summe von viertausend Thalern dahin dirigiert. Auch diese Sendungen sind bis jetzt nicht zur Verwendung gekommen.“ Dieses Schreiben ist, wir wiederholen es, vom 6. Januar datirt.

Alle diese Klagen finden wir ausführlich dargelegt in einem Artikel der „Altonaer Nachrichten“ vom 10. Januar, welcher die Frage beantwortet: „Welche Maßregeln hat die Regierung zur Unterstützung der Ueberschwemmten ergriffen?“ Wir verweisen aus Raummangel auf diese offene Darlegung, welche die Presse ohne Zweifel weiter verbreiten wird.

Uns aber wird man sicherlich nicht tadelnswerthe Absichten unterschieben, wenn wir, Angesichts dieser Kunde aus Schleswig-Holstein und in der Ueberzeugung, daß unsere sämmtlichen Geber mit uns eine möglichst rasche Wirkung ihrer Gaben wünschen, einen Theil unserer Eingänge dem Schleswig-holsteinischen Centalcomité direct zuwenden. Wir machen gleich heute den Anfang mit einer so eben flüssig gewordenen Summe von Eintausend Thalern.

Wir zweifeln keinen Augenblick daran, daß Deutschland seine Schuldigkeit in dieser Noth seiner Ostseebewohner thun wird. Freilich geht es langsam, weil – wir wiederholen es – die Summen der großen Geldhäuser fehlen. Desto eifriger wird Alles, was sich mit Stolz zum deutscher Volke zählt, dafür schaffen und sorgen, daß die bis jetzt leider gerechte Klage Schleswig-Holsteins in warme Anerkennung des redlichen Vaterlandsgefühls umschlage, das jetzt stärker ist, denn je.




Für unsere unglücklichen Ostsee-Deutschen

gingen wieder ein: Von den Beamten und Arbeitern der Ottomanischen Bahnen in Philippopel, Tatar-Bazardschick und Balowa gesammelt, 24 Pfund Sterling oder 162 Thaler, Gruß und Dank unsern wackern Landsleuten im Morgenlande! Für Bauer’s Ring von P. von C. in Berlin 100 Thlr.; Gesangverein Constantia in Sprottau, Ertrag eines Concerts 105 Thlr. und außerdem 1 Thlr. aus einem schiedsmännischen Vergleich; B. R. in N. 5 Thlr.; Schule Wendisheim 1 Thlr. 15 Ngr.; aus Langensalza, Dank für die Erlösung eines armen unglücklichen Verwandten 3 Thlr.; Anaxe in Leipzig 6 Thlr.; Stein in Dresden 1 Thlr.; Grünewar in E. 27 Ngr.; H. Trenner in Steinpleis 2 Thlr. 19 Ngr.; H. Mittelstreu 2 Thlr.; Schule in Bockendorf und Eulendorf 3 Thlr. 15 Ngr. 6 Pf.; Sammlung der Deutschen in Couvet (franz. Schweiz) durch Ganter 12 Thlr.; Männergesangverein Liedertafel in Schlettau 8 Thlr.; Theatralische Vorstellung des geselligen Vereins in Lengefeld (Gebirge) 31 Thlr. 6 Ngr. 1 Pf.; Mathilde, Aline und Clara vom Schussenthal (Bodensee) 4. fl. rh.; F. R. G. in Kiel 1 Thlr.; gieb was Du giebst mit willigem Herzen 3 Thlr.; Casinogesellschaft in Alf a. d. Mosel 25 Thlr.; Turnverein in Grünhainichen 35 Thlr. 15 Ngr.; Casinogesellschaft in Finnentrop 22 Thlr. 26 Ngr.; Verbindung Polyhymnia in Dresden 16 Thlr. 15 Ngr.; Ungenannt aus Hamm 10 Thlr.; Liebhabertheater des Elysiums in Calbe 27 Thlr. 3 Ngr. 7 Pf.; Allgemeiner Turnverein in Annaberg 10 Thlr.; Bei einer Christbescheerung der Bärtigen in Dresden 14 Thlr.; Prof. Krieger in Weinheim 3 Thlr.; Chr. Rabe in Medschibosch 9 Thlr.; Liedertafel Fraureuth 15 Thlr. 10 Ngr. 3 Pf.; Ther. G. in Mittweida 1 Thlr.; M. R. in Gr. 2 Thlr.; W. Dte. in Schmallenberg 1 Thlr.; Schule in Großbuch 1 Thlr. 22 Ngr.; Gartenlaubenleser in Dürrhennersdorf durch Schmidt 2 Thlr.; Witzenhausen 1 Thlr.; W. und F. aus Eschefeld 1 Thlr.; Stammgäste der Pfund’schen Restauration in Dresden 3 Thlr. 7 Ngr. 5 Pf.; L. P. in Ostrowo 1 Thlr. 13 Ngr.; gesammelt in der Neujahrsnacht im Nürnberger Hof in Frankfurt a. M. 6 Thlr. 25 Ngr. 7 Pf.; von einem Israeliten in Pappenheim 1 fl. rh.; C. H. 2 Thlr.; Apponius in Wittenberg 2 Thlr.; Frau Johanne und Hänschen 3 Thlr.; Apotheker Schröppel in Markt Einersheim 5 Thlr. 21 Ngr. 4 Pf.; durch Lehrer Huth in Niederschelden 3 Thlr. 20 Ngr.; L. in Homberg 1 Thlr.; Lgn. 1 Thlr.; Sylvestergesellschaft in der Turnerstraße 4 in Leipzig 3 Thlr.; H. Bretsch in Berlin 3 Thlr.; Frauenkränzchen in Burgkundstadt 3 Thlr.; Grenzaufseher Grenz in Albersweiler 1 Thlr.; von Nördlingen nach Nürnberg 1 Thlr. 6 Ngr.; Heitere Gesellschaft im Stadtkeller zu Bernstadt 3 Thlr.; Zschopau 1 Thlr.; von der Schule in Leutzsch 1 Thlr. 1 Ngr. 1 Pf.; Arbeiterverein in Frankenberg 3 Thlr.; Abendverein in Gotha 4 Thlr. 4 Ngr.; Verein Turnerbund in Zeitz 2 Thlr.; Dritte und Vierte Classe in Wittgensdorf 3 Thlr.; aus der Casse des Lehrergesangvereins in Gottleube 10 Thlr.; E. B. in Gotha 4 Thlr.; Steueraufseher M. W. in Achern 1 Thlr.; auf dem Orlisfelder Bahnhof gesammelt 1 Thlr.; aus verschiedenen Sparbüchsen durch R. M. in Berlin 5 Thlr.; Hôtelbesitzer Sarsteiner in Ischl 5 Thlr.; Wendisheim 4 Thlr.; aus Aue, gesammelt von Anhängern der Propheten Mierecke und Schirmer in Berlin 1 Thlr. 6 Ngr.; Stammtisch im Mohren in Gera-Untermhaus 10 Thlr.; von den Arbeitern der Herzog’schen Buchbinderei in Leipzig 9 Thlr. 5 Ngr. 5 Pf.; F. und A. M. in Brauweiler 2 Thlr.; Dilettanten-Theatervorstellung in Strehla 8 Thlr. 21 Ngr. 4 Pf.; Whistverein Bildrixia in Frankfurt a. O. 2 Thlr.; Oberförster D. in Schellenberg 2 Thlr. 8 Ngr. 6 Pf.; von einer Hochzeitsgesellschaft in Oberpöllnitz 6 Thlr.; Sammlung durch Lehrer Harenstedt in Orlishausen 7 Thlr.; Ertrag einer Theater-Vorstellung in Bibra 10 Thlr.; Gartenlaubenleser in Zöpen 1 Thlr.; zum Neujahr von E. K. in Redwitz 2 Thlr.; M. S. in Riesa 5 Thlr.; Frohberg in Oberjahna 2 Thlr.; Theater-Vorstellung der Casinogesellschaft in Steinichtwolmsdorf 25 Thlr.; ein Deutscher in London 1 Thlr. 20 Ngr.; Gemeinde Podelwitz 17 Thlr.; Thalwitzer in Kados 3 Thlr.; H. F. in M. 1 Thlr.; Sammlung beim Abschiedsabend eines versetzten Lehrers 2 Thlr.; Conditor Robert Sander 1 Thlr.; am Sylvesterabend bei H. Augustin 3 Thlr. 25 Ngr.; Bocholt 15 Ngr.; aus Chemnitz 10 Thlr.; zwei Ungenannte in Uhyst 3 Thlr. 5 Ngr.; O. S. in Dresden 2 Thlr.; Louis Demme in Leubingen 2 Thlr.; aus Paulinenaue 5 Thlr.; F. Pietsch in Berlin 2 Thlr.; Schule in Schönbrunn, durch Lehrer Fiedler 3 Thlr. 10 Ngr.; drei Comptoir-Collegen in Lippstadt 2 Thlr. 15 Ngr.; Köster in St. Petersburg 6 Thlr. 6 Ngr.; unter den Deutschen in London gesammelt von R. Sch. 25 Thlr.; Günther in Pest 5 Thlr.; F. B. in Bremerhaven 1 Thlr.; eine unglückliche Frau 1 Thlr.; Schanz, Herm. Böttger u. Comp. 8 Thlr.; Bad Dirsdorf 1 Thlr. 1 Ngr. 6 Pf.; von Bertha und Martin 1 Thlr.; Familie und Arbeiter der Obermühle in Oschatz 6 Thlr. 10 Ngr.; Mohrwerker in Neustädtel 1 Thlr.; Künstlerloge in Markneukirchen 15 Thlr.; A. M. in F. 12 Ngr.; Schule in Schlechtenwege 1 Thlr. 2 Ngr.; Jung-Deutschland in Vevey 14 Thlr. 12 Ngr.; Gesang-Club Humor in Eisenberg 6 Thlr. 19 Ngr.; Unbekannt 8 Ngr.; Gewerbeverein in Oschatz 10 Thlr.; Schule in Weismünster, durch Lehrer Dünschmann 3 Thlr. 24 Ngr.; Turn-Verein in Marburg 9 Thlr. 4 Ngr. 6 Pf.; Doctor Riedel in Altenburg 4 Thlr.; Greve in Lindau 9 Thlr. 5 Ngr.; Therese Dittrich in Schönlinde 8 Thlr.; einige Landsleute in Wasquesat und Lille (55 Franken) 14 Thlr. 20 Ngr.; P. Ott in Staudernheim 7 Thlr.; W. G. in Eisleben 5 Thlr.; Gesellschaft Union in Neustadt bei Stolpen 6 Thlr. 16 Ngr. 5 Pf.; Gesammelt unter Mitgliedern des Gewerbevereins in Schandau 6 Thlr. 13 Ngr. 1 Pf.; Launige Weihnachtsgesellschaft in Geithain 5 Thlr. 8 Ngr.; Chorgesangverein in Grünhainichen 13 Thlr.; vier Classen der Schule in Heppens 9 Thlr. 3 Ngr.; v. W. in Neuburg 2 Thlr. 25 Ngr. 6 Pf.; Schulkinder in Großschweidnitz 4 Thlr. 15 Ngr. 4 Pf.; Schule in Ritzschwitz 2 Thlr. 22 Ngr.; und Gutsbesitzer Kauer daselbst 1 Thlr.; Hohmann in Malaga 5 Thlr.; Abendgesellschaft in Glücksbrunn 4 Thlr. 17 Ngr. 1 Pf.; Richter in Radeburg 5 Thlr.; Schulkinder in Göltzsche 3 Thlr. 10 Ngr.; Kinderlotterie in Winkel 2 Thlr.; A. in Waldmünchen 1 Thlr.; Gartenlaubenleser in Preßburg 5 Thlr.; Otto Fürst 2 Thlr.; Gesammelt in der Familie Wede in Plathe 5 Thlr.; E. K. in Neuhaus 1 Thlr.; von der beim Weihnachtsfest der deutschen Gesellschaft in Turin vereinigten jungen Deutschen, Schweizer und Italiener 131 Lire; Abendunterhaltung der Gesellschaft Schwefelbande und des Männergesangvereins Frohsinn in Brünn 30 fl. ö.; K. S. in Görkau 10 fl. ö.; von mitleidigen Bewohnern des Fleckens Grähnholm bei Narva[WS 1] 10 Rubel; Cassarest der deutschen Loge 7 fl. 60 kr., Spielertrag einer lustigen Weihnachtsgesellschaft und E. G. in Brünn 12 fl. 40 kr., zusammen 20 fl. ö.; eine Deutsche in Temesvar 5 fl. ö.; ein Peterspfennig aus Wien 3 fl. ö.; B. in K. 1 fl. rh; F. S. in Wien 10 fl. ö.; Dilettanten-Concert in Eßlingen, durch Rechtsanwalt Georgii 60 fl. rh. (danke für schwungvolles Gedicht); Ergebniß einer musikalischen Production in Mainburg, durch Blickenberger 19 fl. 20 kr. rh.; Kinder Stoeckers in Moskau 27 Thlr.; Neumeyer und Dr. Franke in Langensalza 28 Thlr.; Jul. Lange in Jeßnitz 25 Thlr.; Bürgergesellschaft in Markt Redwitz, durch Frl. Butter’s Weihnachtsbäumchen (60 fl. 30 kr. rh.) 34 Thlr. 17 Ngr.; Gemeinde Hartmannsdorf 36 Thlr. 5 Ngr.; Abendunterhaltung der Schüler und Schülerinnen des Lehrers Meinel in Schönheide 37 Thlr. 14 Ngr.; Handwerkerverein in Frankfurt a. O. 30 Thlr.; Sammlung in der Gesellschaft Erholung in Königstein 20 Thlr. 10 Ngr. 5 Pf.; Familie L. in C. 5 Thlr. 15 Ngr.; Nachtrag zur Einsendung aus Oederan, Ertrag eines Concerts 11 Thlr. 9 Ngr. 5 Pf.

Eintausend Thaler von diesen Eingängen wurden heute an das schleswig-holsteinische Centralcomité abgesandt.


Berichtigungen: In Nr. 1 ist fälschlich über 29 Thlr. 17 Ngr. 5 Pf. von der Donnerstagsgesellschaft in Halberstadt quittiert; soll heißen Ilberstadt. – In Nr. 2 ist der der Beitrag des Kegelvereins in Naumburg a. Qu. mit 12 Ngr. 5 Pf.; angeführt; soll heißen 12 Thlr. 5 Ngr.
Die Redaction.



Verantwortlicher Redacteur Ernst Keil in Leipzig. – Verlag von Ernst Keil in Leipzig. – Druck von Alexander Wiede in Leipzig.

  1. Ein Herr von Malsberg, wenn der Castellan Recht hat.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: Varna