Hauptmenü öffnen

Die Ostseefluth und ein neues Lied von „braven Männern“

Textdaten
<<< >>>
Autor: Arno Hempel
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Die Ostseefluth und ein neues Lied von „braven Männern“
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 49, S. 813
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1872
Verlag: Verlag von Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite

[813] Die Ostseefluth und ein neues Lied von „braven Männern“. In einer Nacht und an einem Tage ist ein aller Beschreibung spottendes, entsetzliches Unheil geschehen. Alle Schrecken einer Sturmfluth, wie sie sonst nur dem darauf vorbereiteten Halligbewohner drohen, brachen diesmal über das Festland herein. Je trügerischer die Sicherheit war, in welche die jahrhundertlange Sanftmuth des Elementes die Bewohner der deutschen Ostseeküstenlande eingewiegt hatte, desto furchtbarer, desto niederdonnernder war die Enttäuschung des 13. November. Seit Menschengedenken nicht hatten die brandenden Wogen des entfesselten, wüthenden Meeres eine solche Höhe erreicht. Die von den Ueberschwemmungen der letzten Jahrhunderte der diesjährigen Novembersturmfluth am nächsten kommende war längst dem Gedächtniß der Massen entschwunden – sie wüthete im Jahre 1694 – und blieb, was Höhe und verderbliche Wirkung anbelangt, weit hinter dieser zurück. Selbst die mit Wind und Wellen vertrauten Bewohner hielten eine Fluth von solcher Höhe für unmöglich, aber „Gott der Allmächt’ge blies“, und los donnerten die Fluthen der sturmgepeitschten Ostsee, und entsetzt, bewundernd und hülflos wich der Mensch der grandiosen Zerstörungswuth des Elementes! Es mußte ein unglückliches Zusammentreffen vieler unheilvoller Umstände sein, was eine solche verheerende Hochfluth ermöglichte. Wenn wir nach ihren Grundursachen forschen, so finden wir zunächst, daß durch anhaltende West- und Südweststürme die Wasser der Nordsee in das Ostseebecken getrieben wurden und diese dadurch zu ungewöhnlicher Höhe stauten. Der beste Beweis für die Stichhaltigkeit des Gesagten liegt darin, daß zur Zeit der höchsten Fluth der Ostsee die Elbe bei Hamburg so niedrigen Wasserstand hatte, daß die Fahrten der Haarburger Dampfboote eingestellt werden mußten.

Die räumliche Ausdehnung der Verwüstungen ist eine überaus große; sie umfaßt so ziemlich das ganze deutsche Ostseegebiet. Die Sturmfluth äußerte ihre verheerendste Wirkung, wie bekannt, an der schleswig-holsteinschen, pommernschen und mecklenburgischen Küste. Um durch eine einzelne Schilderung ein Bild der ganzen Verwüstung zu geben, sei es mir gestattet, hier von Kiel und den Ortschaften der Kieler Bucht zu sprechen, und wenn ich hinzufüge, daß verhältnißmäßig dieser in Rede stehende Küstenstrich am wenigsten gelitten hat, so wird der Leser sich einen Begriff von der Verheerung machen können, welche die Gegenden heimsuchte, die ihr schutzloser exponirt waren.

Am 12. November Mittags stand ich an der Barbarossabrücke in Kiel. Das Wasser war schon bedeutend gestiegen und spülte bereits an’s Ufer. Der Wogenschlag war ein überaus heftiger, sturmesähnlicher, aber von dem entsetzlichen Unglück, das noch kommen sollte, hatte Niemand eine Ahnung. Von Mittag bis gegen Abend war das Wasser in rapider Weise gestiegen und überfluthete bereits den Hafenwall und die Ufereisenbahn. Der Sturm wüthete die Nacht hindurch fort, und Morgens sechs Uhr am 13. November ward mir schon die verbürgte Kunde: „Die Holstenbrücke ist unpassirbar!“ Das Wasser stand also mitten in der Stadt. Ich begab mich über den Markt nach der Holstenstraße. Die Verbindung zwischen der Holstenstraße und dem Bahnhof, die frequenteste Kiels, war aufgehoben und konnte nur schwer durch hochgehende Wagen und später nur durch Boote vermittelt werden. Die Kellerwohnungen, meistentheils Eigenthum der ärmeren Classen, waren in vielen Gegenden völlig unter Wasser gesetzt. Mit schreckensbleichen Gesichtern, die hellen Thränen im Auge, enteilten die Bewohner dem plötzlich hereinbrechenden Wasserschwall, um wenigstens das Leben zu retten, und ihr Heim und Besitzthum war die Beute der tückischen Wellen. So überraschend kam die Fluth, daß es fast ein Wunder ist, daß wir kein Menschenleben zu beklagen haben. Eine kleine Scene, die auf mich erschütternd wirkte, möge hier Platz finden. Ich fuhr in Begleitung einiger Freunde im Boot eine abgelegene, dem Hafen zuführende kleine Straße entlang. Plötzlich werden wir angerufen. Der Ruf kam aus einer Kellerwohnung. Es war ein junger Bursche, der ihn ausstieß. Er stand auf einem Tisch, auf den ein Stuhl gesetzt worden war, und hielt seine alte, an beiden Beinen gelähmte Mutter in den Armen, welche fast die Kraft zu versagen drohten. Wir ruderten hinzu und wahrlich – ich mußte die Thränen niederkämpfen, als ich in das beglückte Gesicht des Jungen blickte, wie er uns die entsetzte alte Mutter in’s Boot reichte, wie er nachfolgte, ein altes wollenes Tuch um die leidenden Fuße der Mutter schlang, sie vor Nässe zu schützen, und wie ihm dann die Thränen des glücklichsten, freudigsten Stolzes über die Backen liefen, in dem Bewußtsein: die Mutter, seine Mutter gerettet zu haben! –

Gegen vier Uhr sprang der Sturm um, von Nordost zu Ost. Das Steigen der Fluth ließ nach. Der Sturm legte sich in den Abendstunden. Am Morgen des 14. November war die See in ihr altes Bett zurückgekehrt; der Himmel war von selten reiner Bläue, und der helle, goldene Sonnenschein goß den ersten Trost in die geängsteten Herzen, beleuchtete aber auch die schrecklichsten Scenen der Verwüstung. Grauenhafte Bilder allüberall!

Mächtige Pappeln an der Seeburg entwurzelt! Die Brücken zerstört! An der Brücke gegenüber dem Fischerthor die stärksten Balken wie Strohhalme geknickt! Und dann der überaus traurige Anblick der mit Wasser gefüllten Kellerwohnungen mit den darin treibenden Mobilien! Den großartigsten Zerstörungsanblick gewährte der Bootshafen. Die ganze Fläche desselben war von Brettern bedeckt, welche die schäumende Fluth aus den nahegelegenen Holzlägern weggeschwemmt hatte. Auf der Straße lagen mächtige Balken, hergeschwemmt von den Werften, Boote, Thüren, Fensterkreuze und Ruderstangen. Die Drehscheibe der Ufereisenbahn am Pfaffenthor war herausgerissen und lag mitten aus der Straße. Waarenballen aus dem Zollschuppen, Tonnen, Bretter bildeten einen schrecklichen Knäuel!

Schon waren tausend rüstige Hände rege, den Schaden zu heilen. „Aber,“ fragte man sich, „wie mag’s drüben in Ellerbeck, Jaarden und Laboe aussehen?“

Das arme Ellerbeck mit seiner größtentheils vom Fischfang lebenden Bevölkerung! Fünfzig Fischerboote weggeschwemmt, die Häuser am Strande zerstört! Und dann Laboe! Von sämmtlichen Häusern am Strande sind nur zwei stehen geblieben!

Welch eine herzzerreißende Scene ist es, die sich am Schönberger Strande abspielte! Dort bewohnte der Fischer Ehler mit Frau, Sohn und Tochter ein allein liegendes Haus. Er war kurz vor Einbruch der Fluth von Laboe in seinem Boote zurückgekehrt, hatte dasselbe aber nicht bis zu seinem Hause gegen den Nordost aufbringen können und es daher bei dem Schäferhause in der Fehrnwischer Haide in Sicherheit gebracht. Das war am Dienstag, den zwölften! Der Sturm raste am dreizehnten mit ungeschwächter Kraft, und doch dachten die Leute nur mit Bangen daran, Haus und Herd verlassen zu müssen. Als nun durch die Grundbrüche die Wellen als wahrer Wasserberg in die Niederung stürzten, war an ein Verlassen des Hauses ohne Boot nicht mehr zu denken. Die Wogen durchbrechen den unteren Theil des Hauses, die Unglücklichen sehen das entfernt liegende massive Nachbarhaus zusammenstürzen, da packt sie die sinnverwirrende Verzweiflung! Sie glauben sich in ihrem noch trotzenden Hause nicht mehr sicher und der Hausvater zimmert ein nothdürftiges Floß, um damit das hochliegende Land zu erreichen. In Jammer, Thränen und Angst wird es bestiegen; ohne Steuer treibt es dem Festlande zu. Da brechen Wellen und Sturm mit neuem, mächtigerem Wüthen über die Bejammernswerthen herein und reißen die mit Verzweiflungsschreien sich Festklammernden weg vom letzten Schutze. Die brausenden Wellen ersticken den Todesschrei dreier Menschen; der vierte, der Sohn, vermag sich unter unsäglichen Mühen zu retten!

Das sind nur die Verheerungen, die zu Kiel und zur Kieler Bucht zählen! Und nun Schleswig, Flensburg, Travemünde, Neustadt und besonders das schwer geschädigte Eckernförde! Das Herz jedes Schleswig-Holsteiners, jedes Deutschen schlägt höher bei dem Namen! Die Heldenthat Preußer’s, des Dänenbesiegers, hat die Stadt unsterblich gemacht. Ganze Straßen sind buchstäblich von der Erde vertilgt. Ueber die Hälfte der Bewohner ist obdachlos.

Und die Insel Fehmarn! Welch ein das Herz im tiefsten Innern krampfendes tragisches Geschick, welches über den Lootsen Kruse und seine Familie, aus Frau und zwei Kindern bestehend, hereinbrach! Sein Lootsenhäuschen stand am Fehmarnsunde. Es ward buchstäblich von den heranbrausenden Wogen in die Höhe gehoben und in die See gerissen. Von der Sundbrücke aus gewahrte man noch die sich unter entsetzlichen Hülferufen, namentlich der Kinder, am Tafelwerk des Daches anklammernden Bewohner. Etwas weiter in See, am Struckamper Leuchtthurme sah man sie nicht mehr. Die grausige Tiefe hatte Alle verschlungen. Nein, nicht Alle! Kinder haben ihre Engel. Und ein Schutzengel muß es gewesen sein, der den kleinen Knaben Kruse unter seine Fittige nahm und ihn ausdauern ließ im tollen Seetreiben, mit den erstarrenden Händchen festgeklammert am Dachreste lange und bange Stunden, bis ihn die Bemannung einer mit dem Sturme kämpfenden französischen Brigg treiben sah und ihn aufnahm. Es war die Brigg „Locquirei“, Capitain R. Cabon; sie lief hier in Kiel für Nothhafen ein und brachte den kleinen Kruse mit. Sei dein ferneres Leben gleichem Schutze geweiht, armer Knabe!

Aber „Hoch klingt das Lied vom braven Mann!“ und mit dem Bilde eines braven Mannes will ich schließen. Es tröstet in erhebender Weise den Menschen, wenn er sieht, wie sich im Einzelnen die göttliche Tugend der Hingabe aufbäumt gegen die Schrecken der blindwüthenden Natur.

Das Fischerdorf Wenningbund bei Broacker ist gewesen. Wirre Steinhaufen bezeichnen die Stätte, wo sonst rüstige und fröhlich thätige Menschen wohnten. Plötzlich, ungeahnt donnerte die See einher, und alle Bewohner des Dorfes schienen rettungslos dem grausen Tode verfallen. Da kam über den frühern Hebungsbeamten Kirkerup echter Mannesgeist, und stolz gemuthete es ihn, der empörten Natur zu trotzen: Mit vier gleich hochsinngen Männern – deren Namen mir leider bis jetzt nicht zugänglich waren – bestieg er ein Boot, und nach schwerer halbstündiger Arbeit waren die Insassen des nächst erreichbaren Hauses, neun Personen, gerettet. Aber – es galt sechsunddreißig Menschen zu retten! Nach unendlich mühseliger, toddrohender, viermaliger Fahrt gelang es den Braven, Alle wohlbehalten zu bergen! – Wo früher das Dorf Wenningbund stand, schäumt jetzt die Fluth; aber in dankbarem Andenken bleiben der Edle und seine Genossen, denen es gelang, dem rasenden Elemente das Kostbarste, das Leben so vieler Menschen zu entreißen!

Hier schließe ich. Nach bester, wenn auch schwacher Kraft, habe ich versucht, den Lesern der „Gartenlaube“, des Blattes, das wie kein anderes das deutsche Gemüth repräsentirt, ein anschauliches Bild des allgemeinen Elends, durch Schilderung des Einzelnen zu geben. Oeffnet Herzen und Hände, die ihr, unberührt von dem entsetzlichen Elende, das über eure Brüder hereinbrach, sicher im traulichen Heim sitzt! – Wo und wie wird der deutsche Weihnachtstisch der armen und elenden Bewohner der Ostseeküsten gedeckt werden?

Arno Hempel.