Die Gartenlaube (1870)/Heft 11

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Autor: Verschiedene
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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum: 1870
Erscheinungsdatum: 1870
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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No. 11. 1870.
Die Gartenlaube.
Illustrirtes Familienblatt. – Herausgeber Ernst Keil.

Wöchentlich 11/2 bis 2 Bogen. Vierteljährlich 15 Ngr. – In Heften à 5 Ngr.



Aus eigener Kraft.
Von W. v. Hillern geb. Birch.
(Fortsetzung.)

Am andern Tage übten sich Egon, Victor und der Freiherr zum Zeitvertreib im Scheibenschießen. Adelheid hatte in einer übermütigen Laune – sie war jetzt oft so ausgelassen, wie man sie nie gesehen – ein Bild von sich hergegeben, welches als Ziel dienen sollte. Egon hatte protestirt; er meinte, die Hand würde ihm zittern bei dem Gedanken, solche Schönheit zu zerstören; aber Adelheid bestand darauf, sie wollte ihren Spaß haben. Das Bild, ein Kniestück, ward der Scheibe aufgeklebt, und statt des schwarzen Punktes wurde in der Herzgegend mit Tinte ein Herz gezeichnet. Aber keiner der Herren hatte es bis jetzt getroffen, zur großen Freude Adelheid’s. Da forderte der Freiherr den Candidaten, der mit Alfred und Aenny von fern stand, auf, sich zu betheiligen. Er trat heran.

„Haben Sie neben Ihren Unterrichtsstunden auch noch Zeit gehabt, derlei ritterliche Künste zu üben?“ fragte Egon in beleidigendem Tone.

„Man lernt auf den Universitäten ebenso gut seine Ehre zu vertheidigen wie in den Cadettenhäusern,“ war Feldheim’s ganze Antwort. Er stand während dieser Rede mit dem Rücken gegen die Scheibe, spannte den Hahn, drehte sich um und schoß, fast ohne zu zielen, dem Bilde das Herz aus.

Victor klatschte in die Hände. „Ein Meisterstück! Onkel Egon, das kannst Du nicht einmal!“

„Ein glücklicher Zufall!“ warf Egon hin.

Schweigend lud Feldheim noch einmal und wiederholte das Kunststück; die Kugel ging denselben Weg wie die vorige.

„Fabelhaft!“ schrie Victor.

„Aber sagen Sie mir,“ begann Egon mit verbissenem Grimm, „warum haben Sie Ihrem Schüler nichts von dieser Geschicklichkeit beigebracht? Dieser Unterricht paßte wohl besser für ihn als mancher andere. Alfred ist eine von den Persönlichkeiten, die Jeder ungestraft beleidigen zu können glaubt; da wäre es gerade am nöthigsten, daß er sich vertheidigen lernte.“

Der Candidat zuckte die Achseln. „Nicht jeder, der uns beleidigt, ist es werth, daß wir uns um seinetwillen einen Mord auf die Seele laden.“ Er legte die Pistole hin. „Ich habe etwas für den morgenden Unterricht vorzubereiten und will die Herren nicht weiter stören.“

Er ging nach dem Hause. Egon bebte vor Wuth und blickte auf Adelheid, die dem Dahinschreitenden träumerisch nachsah. Sie schrak zusammen, als sie bemerkte, daß Egon sie beobachtete.

„Dieser Mann kann Alles,“ rief der Freiherr bewunderungsvoll.

„So scheint es,“ sagte Egon mit scharfer Betonung nach Adelheid hinüber.

„Willst Du nicht schießen lernen?“ fragte Victor seinen Vetter. „Komm, ich will Dich’s lehren.“

„Ja, es wäre an der Zeit dazu,“ mahnte Egon; „so etwas muß früh geübt werden. Komm her, Alfred!“

Aber Alfred weigerte sich.

„Ich kann nicht, es knallt so und da erschrecke ich. Ganz gewiß – ich kann nicht!“

„Laßt ihn,“ sagte Adelheid, „seine Nerven sind zu solchen Dingen noch zu zart.“

Victor und Aenny brachen in lautes Lachen aus.

Alfred trat vor Scham und Zorn das Blut in’s Gesicht und eine Thräne in die Augen. Er wollte sich überwinden, er nahm die Pistole und ließ sich die Griffe zeigen. Aber als er losdrücken sollte, da ließ er die Pistole fallen. Sie war stärker als er; er vermochte es nicht über sich.

Wieder stimmten die Kinder ein schallendes Gelächter an. Egon schüttelte den Kopf „Was soll daraus werden!“

Alfred wünschte, daß ihn die Erde verschlänge.

Die Herren stellten das Schießen ein, und Adelheid ging mit ihnen nach dem Hause zu. Alfred hörte, daß sie über ihn sprachen.

„Du,“ sagte Aenny, „vor Dir hab’ ich gar keinen Respect mehr. Du kannst doch auch gar nichts. – Eins, zwei, drei! Wer mich hascht, der hat mich!“ Und sie flog wie ein Pfeil durch den Garten und Victor jagte hinter ihr her.

Alfred stand still da und sah ihnen nach. Phylax, der große Bernhardiner, ließ sich einen Augenblick verleiten, mitzumachen. Als er sich aber umschaute und sah, daß sein junger Herr stehen blieb, kehrte er zu ihm zurück und legte sich zu seinen Füßen.

Aenny setzte in tollen Sprüngen über Beete, Gräben und Hecken hinweg, ihre braunen Haare flatterten lustig im Winde und Victor erhaschte sie endlich daran wie an einem Zügel. Sie blieb stehen und warf sich jauchzend und lachend ihrem Verfolger in die Arme. „Du lieber Victor,“ schrie sie und gab ihm einen Kuß, daß es weithin schallte, „wir Zwei können laufen!“

Alfred sah das Alles mit an, neidlos, aber doch nicht ohne die geheime Sehnsucht, dem kleinen wilden Geschöpf auf seinen Bahnen folgen zu können. Ach, wie schön wäre das gewesen! [162] Mit ihr umherzuflattern, von Freude zu Freude mit ihr dahinzustürmen in wirbelndem Uebermuthe und sich daher sagen zu können: „Ich gehöre zu Dir und Du zu mir, und kein Anderer kann uns folgen in unserer seligen wilden Jagd!“ Welch ein mächtiges Drängen und Sehnen war es, das sich so plötzlich in dem Knaben regte, der sich bis dahin noch nie zu einer energischen Rebellion wider seine schwächliche Körperlichkeit aufgerafft hatte! Er wußte es selbst nicht; aber es war ihm, als könne die Zeit nicht mehr fern sein, wo er den Käfig, der ihn rings umgab, sprengen müsse.

Er bückte sich und streichelte den Hund, der so viel Zartgefühl hatte, nicht mitzumachen, was seinem Herrn versagt war. Das große Thier, das ganz genau wußte, wenn Alfred traurig war, leckte ihm die Hände und gab ihm die Pfote. Es war Alles, womit er ihm seine Theilnahme zeigen konnte, aber es war für Alfred genug. Die Beiden verstanden sich vollkommen. Victor und Aenny kamen zurück, der Hund knurrte Victor an, als er sich Alfred näherte.

„Wenn Du nur das Ungethüm in seinen Stall sperren wolltest!“ sagte Victor, „man ist ja seines Lebens nicht sicher.“

„Er knurrt Dich nur an, weil Du Dich vor ihm fürchtest,“ sagte Alfred, „und ihn gleich das erste Mal, als er auf Dich zukam, mit dem Säbel abwehrtest, das hat er sich gemerkt.“

„Ich mich fürchten vor solch’ elender Bestie?“ renommirte Victor, „nicht vor einem Bären, geschweige vor einem Hunde.“

„Nun, so geh’ doch hin und streichle ihn, wenn Du keine Angst hast!“

Victor näherte sich Phylax, er fletschte die Zähne gegen ihn. Victor wich zurück. Jetzt war’s an Alfred zu lachen; das ärgerte Victor und er that das Verkehrteste, er zog das Seitengewehr aus der Scheide und drohte dem Hunde. Da fuhr das Thier gereizt auf und sprang auf Victor ein. Dieser stieß einen Schrei des Schreckens aus. Alfred rief: „Phylax, laß ab!“ und augenblicklich gehorchte der Hund und kratzte Alfred zur Abbitte mit der mächtigen Tatze ein Loch in den Aermel.

Aenny lachte, und Victor war wüthend auf Alfred.

„Aenny, Sie sollen mit den jungen Herren zum Kaffee hinüberkommen!“ erscholl jetzt eine tiefe dröhnende Stimme auf Englisch.

„Ach Frank, lieber Frank! Bist Du da?“ schrie Aenny und schwang sich an dem Neger empor. „Nicht wahr, Du spielst heute mit uns, es ist ja Sonntag!“

„Wenn ich darf?“ sagte Frank und zeigte vor Vergnügen seine weißen Zähne. Die Beiden sprachen immer Englisch zusammen, und Victor, der es nicht verstand, ärgerte sich darüber.

„Du, Victor,“ rief Aenny, „heute wird’s hübsch, heute spielt Frank mit; Du glaubst nicht, was der für prächtige Sachen angeben kann!“

„Nun,“ sagte Victor mit verbissener Wuth, „da werde ich zu Hause bleiben. Wenn Du Deinen Bedienten zum Gefährten hast, brauchst Du mich nicht.“

Aenny sah Victor ganz erstaunt an. „Aber Victor, ich verstehe Dich gar nicht, was hast Du denn?“

„Ich unterstehe der junge Lord ganz gut!“ sagte Frank ernst in seinem gebrochenen Englisch-Deutsch. „Ich bin zu gemein für ihn. Ich werde nicht spielen mit Ihnen.“

Und er ging, ohne ein Wort weiter abzuwarten in seinem stolzen gleichmäßigen Schritt von dannen. Aenny schrie aus Leibeskräften und rannte hinter ihm drein. Auch Alfred wollte ihm folgen. Da kam Egon mit Adelheid und rief ihm zu, was geschehen sei. Alfred erzählte den Vorfall, und Egon zuckte die Achseln. „Ich kann Victor nicht Unrecht geben. Ein Diener ist kein Gesellschafter für die Kinder des Hauses, und nun gar noch ein Neger! Diese dem Thiere am nächsten stehende Race! Mich dünkt, jede feinfühlende Natur müsse sich entsetzen vor einem Anblick, der uns den Uebergang vom Menschen zum Affen in so empörender Weise zur Anschauung bringt. Wir müssen ja erröthen, Mensch zu sein, sobald wir solch’ ein Geschöpf auf eine Stufe mit uns stellen wollen!“

Alfred schwieg betroffen. Von dieser Seite hatte er es noch nie betrachtet. Es that ihm weh und doch konnte er nichts erwidern.

„Ueberhaupt, lieber Alfred, muß ich hören,“ begann Egon wieder, „daß Du noch keinen Begriff von den Rechten und Pflichten Deines Standes hast. Ich muß einmal mit Dir darüber sprechen.“

Egon legte Alfred’s Arm in den seinen und schritt langsam mit ihm im Garten auf und ab. Alfred hing mit Spannung an den Lippen des Onkels. Der schöne weitgereiste Weltmann, dessen Stirn die glühende Sonne des Orients im Dienste des Christenthums gebräunt, hatte einen mächtigen Nimbus für den phantasiereichen Knaben. Seine Rede war so melodisch fließend und so glänzend, so sanft und doch so voll Kraft und Eindringlichkeit! Wie sollte sie den Knaben nicht berauschen? Wie er ihm mit zauberischen Farben die Wunder des gelobten Landes ausgemalt, wo der menschgewordene Gott zuerst mit seinem Fuße die Erde berührt, so erweckte er jetzt dem Knaben das Gefühl für die Poesie des Adels von seiner Entstehung in den Zeiten der rohen Kraft an, wo er eisenklirrend, groß und fürchterlich über das niedere Gezücht herrschte, jede Stunde seines Daseins mit seinem Blute erkämpfen mußte und nebenbei in den Klöstern, geschützt von der Unantastbarkeit des heiligen Gewandes, die geistigen Schätze der Menschheit hütete, bis zu den Zeiten, wo er in seidenen Strümpfen und gepuderter Perrücke in amorettenverzierten Muschelgrotten Voltaire las und über Newton und Descartes disputirte.

Und immer war es der Adel, der in jeder Gestalt die Blüthe der Menschheit repräsentirte, der sich für die neuen Ideen in Kunst und Wissenschaft am lebhaftesten interessirte und ihren Schöpfern freundliche Asyle bot; der nebenbei jede Stunde bereit war, Gut und Blut für irgend eine große heilige Sache hinzugeben. Und dann kam die Zeit der französischen Revolution, die ihm zu allen seinen Kronen auch noch die des Märtyrerthums aufgedrückt. Er litt und stritt für das Recht der Gesalbten, und über den schönen edlen Häuptern, die unter der Guillotine fielen, grinsten die Fratzen der Jacobiner in ihrer cynischen Scheußlichkeit. Da war Egon nun auf dem Punkte, wohin er zielte. Da war nun das Volk, das der Herr Candidat so sehr liebte, in seiner ganzen Bestialität. Und gesträubten Haares hörte Alfred zum ersten Male in dieser Ausführlichkeit die gräuelvollen Details der Auflösung eines verfaulten Staatskörpers, natürlich ohne Erklärung der Ursachen und Wirkungen, außer Zusammenhang mit der unerbittlichen Consequenz der Geschichte, und sein reines Gefühl wandte sich mit natürlichem Ekel vor Gräueln ab, derengleichen die ganze Welt nicht aufzuweisen hatte. Und der Herr Candidat wollte, daß der Adel mit einem Stande, der solcher Entartungen fähig ist, gemeinschaftliche Sache mache?

Alfred mußte sich auf eine Bank setzen, ihm schwindelte.

„Und ist das heutige Volk ein anderes als das damalige,“ fuhr Egon fort, „wenn es jetzt auch in Frack und Cylinder einhergeht und die Manieren der Vornehmen geschickter nachäfft als früher? Sind einige fünfzig Jahre hinreichend gewesen, um das Jahrtausende alte gemeine Element in ein edles umzuwandeln? Dazu hätte ja ein Wunder gehört, und wo war dies Wunder? Ein solches Wunder hätte nicht unbemerkt vorübergehen können, aber Niemand weiß etwas davon! Hingegen schlug erst vor wenigen Jahren die glimmende Revolution auch bei uns von Neuem zur verheerenden Lohe auf. Ist es nun dem Adel zu verargen, wenn er sich mit unversöhnlichem Hasse von dem Volke und Allem absondert, was das Volk betrifft? Thut er nicht genug, wenn er ihm Spitäler erbaut, seine Kranken pflegt, seine Hungernden nährt? Wahrlich, mehr zu fordern wagt nur der Communismus. Der Communismus aber ist nichts anderes als eine Moral des Neides, der es nicht ertragen kann, die Vorzüge zu sehen, deren sich ein Stand vor dem andern erfreut!“

Egon hatte geendet. Adelheid glühte, seine Beredsamkeit hatte sie hingerissen, er war so schön in seinem heiligen Feuer. Alfred brach in Thränen aus. Der frische Seewind strich leise herüber und fächelte ihm die Stirn, und da innen in seiner Seele wimmelten kämpfende Fratzen wie scheußliches Gewürm durcheinander und schöne goldlockige Köpfe, wie der seiner Mutter, rollten abgehauen dazwischen durch. Er sprang auf und warf sich seiner Mutter an die Brust, alle Adern pochten ihm, er war außer sich.

„Sie haben ihn erschreckt, es war zu viel auf einmal!“ sagte Adelheid besorgt zu Egon. „Komm, mein Kind, ich führe Dich auf Dein Zimmer, damit Du ruhest.“

„Nein, laßt mich, laßt mich!“ schrie Alfred und stieß Mutter und Onkel von sich. „Das muß ich mit mir allein abmachen.“

Und er eilte fort, so schnell ihn sein lahmes Bein trug. Er ging nach dem Landungsplatz und warf sich in den Kahn, der dort angelegt war, und wie ein ungeduldiges Pferd an der Kette [163] riß und zerrte er. „Herr, mein Gott, was ist die Wahrheit, was soll ich glauben, wen soll ich lieben, wen hassen?“ rief es in ihm.

Und während er so dalag, sanft gewiegt von dem angebundenen Kahn, haftete sein Auge in der klaren Fluth, die über bunte Kiesel dem Ufer zuebbte. Allmählich wurde es ruhiger in der empörten Seele des Knaben und es kam eine stille Tröstung über ihn. Er legte sich auf den Rücken und blickte empor zu der blauen Kuppel, die sich über ihm wölbte und die ihm noch nie so schön, so herrlich erschienen war.

Er blickte zum ersten Male ohne Schirm zu ihr auf. Er war wegen des Schirms so von Victor verhöhnt worden, daß er ihn ablegte, kostete es was es wollte! Und zu seiner unbeschreiblichen Freude vertrugen es seine Augen und gewöhnten sich an das Licht und heute zum ersten Male sah er den Himmel ganz und groß wie er war. Diese Pracht hatte ihn umgeben, so lange er lebte, und er hatte geglaubt sie zu kennen und hatte doch nicht geahnt, wie viel er entbehrte! Und jetzt plötzlich sprang er auf und breitete entzückt die Arme aus: das Wunder – da war das Wunder! Das Licht, die Wahrheit, die Liebe, sie hatten seit Ewigkeit die Welt umschlossen wie der blaue Himmel, aber das Volk konnte sie nicht erkennen, denn es trug eine Binde vor den Augen, die Binde der Unwissenheit, der Thorheit. Und wenn es daran rückte und sie lüften wollte, dann schlug ihm die Tyrannei auf die Hände, bis es in wilder Empörung die Tyrannei und alles, was damit zusammenhing, niederschlug und die Binde von den Augen riß. Da strömte ihm das Licht der Wahrheit golden entgegen und die Liebe wölbte die blaue friedliche Kuppel über ihm, da erkannte es erst, welch göttlich schöner Tempel es war, den es in seiner Blindheit geschändet, sank nieder auf die Kniee und wusch mit Thränen das Blut ab, womit es ihn besudelt hatte. Und Friede war fortan mit ihm!

Und der Knabe sank in dem Kahn auf die Kniee und begrub das Gesicht in den Armen, als wolle er das Tageslicht absperren, um desto besser das Licht sehen zu können, das ihm die Seele durchleuchtete.




12. Schweizer.

Es war kein guter Stern, der seit Kurzem über den beiden Villen am See aufgegangen. Selbst der feste Boden eines langen arbeitsamen Lebens sonder Fehl und Irren, in dem das Glück der Hösli’s begründet lag, wurde erschüttert unter seinem feindlichen Strahl.

Seit Wiedereröffnung der Fabrik war kein frohes Lächeln mehr über Herrn Hösli’s Lippen gekommen. Damals hatte er den ersten Zusammenstoß mit seinem Sohne gehabt, und obgleich es sich dabei nur um eine Kleinigkeit handelte, war er für alles spätere Unheil maßgebend gewesen: Heiri hatte nämlich nebst anderen defecten Maschinen auch den Handwebestuhl ausrangiren und verkaufen wollen, auf dem der erste Vorfahr der Hösli’s Bänder für das Landvolk webte.

Dies war der Anfang der großartigen Hösli’schen Seidenindustrie gewesen und der einfache Webestuhl, auf dem der Aeltervater ihren Wohlstand mit seiner Hände Arbeit begründet, war von einer Generation auf die andere vererbt und heilig gehalten worden. Denn der Mensch hängt unzerreißbar fest an den Wurzeln seiner Ehre, wie weit sie auch in die graueste Vergangenheit hineinragen; er saugt aus ihnen geheimnißvolle Kräfte, wie das frische Blatt aus den hundertjährigen Wurzeln seines Stammes. Das bleibt sich gleich durch alle Stände beim Adel wie beim Bürgersmann; Art will nicht von Art lassen und es wäre noch zu entscheiden, wo diese Eigenthümlichkeit am zähesten haftet!

Herr Hösli jun. aber war das Kind einer Zeit und insbesondere eines Landes, wo so Viele sich ohne alle Familientradition lediglich aus dem Dunkel emporarbeiten und sich ihre eigene Ehre schaffen aus eigener Kraft, daß dieses fromme Kleben am Alten mehr und mehr als ein Vorurtheil betrachtet wird.

Ohne irgend etwas Schlimmes dabei zu denken, wollte er den alten wurmstichigen Webestuhl, der ihm zu nichts nütze schien, fortschaffen. Das gab schweren Verdruß mit Vater und Großvater, ein Wort gab das andere und hier stellte es sich zum ersten Male heraus, wie ganz anders der Ideenkreis des jungen Mannes war, als der, in dem sich sein Großvater und Vater bewegten. Seit der Zeit schwand die Hoffnung, den Sohn im Vaterhaus und Land heimisch zu machen, mehr und mehr. Wo einmal ein kaum merklicher Riß entstand, da drängt sich jede Kleinigkeit hinein und erweitert ihn.

Jedes Lächeln des Jünglings über irgend eine specifische Schweizerredensart war eine Beleidigung. Daß er keine Schwarzbrodsuppe und keine „Nükli“, ein Lieblingsessen der Schweizer, mochte, war ein boshafter Uebermuth; jede Gelegenheit, wo sich sein fremdes Wesen zeigte, steigerte die Spannung und der Vorfall bei dem Feste von neulich hatte endlich den Conflict auf die Spitze getrieben.

So stand es im Hause Hösli, während auch um das Haus Salten sich Wolke um Wolke zusammenballte. Nur unter den Kindern ging Alles seinen alten Gang. Aenny und ihre Brüder spielten nach wie vor mit Victor, und Alfred sah ihren lustigen Streichen von ferne zu. Er war und wurde immer mehr ausgeschlossen aus dem Kreise, auf den ihn doch seine Jugend angewiesen hatte, und das machte ihn mit jedem Tage um ein Jahr älter. Er hielt sich nur noch an den Candidaten. Seine Mutter hatte, seit Schorn anwesend war, so wenig Sinn für ihn; Tante Lilly bekam seit dessen Ankunft von den Schwestern so viel Scheltworte, daß sie ganz dumm davon wurde; nicht einmal Frank, mit dem er sonst manche halbe Stunde verplauderte, sah er mehr. Es war doch etwas von Schorn’s Rede über den Neger an Alfred hängen geblieben. Ja, ihm war, wie wenn er selbst an Herrn und Frau Hösli nicht mehr mit der früheren Ehrerbietung hinauf sehe; eine so unwiderstehliche Rednergabe hatte Egon, dem es in diesen Tagen sogar gelungen, den Freiherrn zu überzeugen, wie nothwendig es sei, daß er endlich wieder in die Heimath in den Verband seiner Standesgenossen zurückkehre, um seinem Sohne die Erziehung zu geben, deren ein Letzter von Salten bedürfe. Des Knaben Gesundheit schien ihm dazu hinlänglich gestärkt. „Was haben Sie davon, bester Cousin,“ hatte er gesagt, „wenn Sie der Erhaltung des Knaben alles opfern, was Ihr Stand verlangt, und Sie erziehen sich einen Abtrünnigen?“ Dazu kam noch, daß die Güter des Freiherrn unter fremder Verwaltung nicht so viel eintrugen, wie unter der eigenen; endlich hatte der Fürst, dessen Unterthan Salten war, sein langes Fortbleiben „höchst übel vermerkt“, was dem alten Herrn auch nicht gleichgültig war – kurz Egon brachte eine solche Wucht schlagender Gründe zusammen, wobei er heimlich einen triumphirenden Blick mit Adelheid wechselte, daß Salten sich endlich mit dem Gedanken einer Rückkehr zu beschäftigen begann.

Alfred sollte vorerst nichts erfahren; Adelheid fürchtete den Einfluß der Gemüthsbewegung auf seine Gesundheit und Egon fürchtete den seiner Thränen auf die weichen Herzen seiner Eltern. Aber man hatte die Unvorsichtigkeit begangen, nicht leise genug zu sprechen. Lilly, welche durch die harte Behandlung, die sie erfuhr, in letzter Zeit ganz störrisch geworden und auf allerhand neue Unarten gekommen war, hatte sich auch unter anderen das Horchen angewöhnt. Man sperrte sie, seit Egon da war, gar zu oft aus, und sie wollte doch auch wissen, was gesprochen wurde. So erlauschte sie denn das Geheimniß endlich, verhörte sich jedoch darin, daß sie für beschlossene Sache hielt, was noch im Bereich der Familienberathung schwebte, und sie ging sogleich, die wichtige Nachricht ihrem Verbündeten, Alfred, mitzutheilen.

Am selben Tage saß Herr Hösli in trüben Gedanken am Schreibetisch, da stürzte Aenny herein: „Du, Papa, das muß ich Dir sagen, die Buben Conrad und Martin waren wieder so unartig!“

„Laß mich, Aenny!“ sagte Herr Hösli verstimmt, „ich habe jetzt an Anderes zu denken.“

„Nein, Papa, Du mußt es hören. Denk’ nur, sie haben den Alfred und die kleine Tante Lilly mit der großen Gartenspritze vollgespritzt, daß sie ganz pudelnaß geworden sind!“

„Was?“ rief Herr Hösli. „Wie kamen sie zu solch einer Rohheit?“

„Wir spielten gerade beim Brunnen Haschens, und Alfred sah zu und stand bei Fräulein Körner, da kam die alte Tante hergelaufen und sagte ihm etwas, wir verstanden nicht, aber Fräulein Körner hat gehört, daß die Saltens von hier fortzögen. Da ist Alfred vor lauter Schreck umgefallen und war ganz von sich. Da haben die Buben gelacht und gesagt, sie wollten ihn schon wieder [164] zu sich bringen, und da haben sie den großen Schlauch auf ihn gerichtet, daß ein ganzer See um sie herum war. Der arme Alfred ist so erschrocken und über die Tante ging’s auch noch weg, daß ihr das Grüne von ihren Haubenbändern über das Gesicht lief.“

Herr Hösli ging mit raschen Schritten auf und nieder. „Ruf’ mir die Knaben her, schnell!“ befahl er und Aenny sah, daß seine Stimme nichts Gutes verhieß.

Sie schwenkte das Röckchen triumphirend hin und her, als sie die Brüder im Garten fand. „Ihr sollt zum Vater kommen!“

Die Knaben sahen sich erschrocken an; „’s ist nicht wahr, sie will uns nur bange machen,“ meinte Conrad.

„Nein, nein, ’s ist wahr, Ihr werdet schon sehen,“ sagte Aenny und schmatzte herausfordernd an einem Bonbon, das ihr Lilly aus der Tasche des nassen Kleides gegeben. „Heute giebt’s was, ui!“ sie machte eine äußerst beleidigende Pantomime mit der Hand, „Feigen, aber keine süßen!“

„Aenny,“ drohte Martin, „wenn Du uns wirklich beim Vater verklatscht hast, dann sieh zu, wie Dir’s geht. Diesmal kommst Du, weiß Gott, nicht ungestraft durch.“

„Haha,“ lachte Aenny, „so sagt Ihr immer,“ und das Bonbon splitterte und krachte unter ihren scharfen Zähnchen, daß es eine Freude war.

Die Knaben gingen in’s Haus und streckten vorsichtig den Kopf zu ihres Vaters Thür herein. „Ist’s wahr, daß Du uns gerufen?“

Der aufgeregte Mann winkte ihnen heftig hereinzukommen. „Ja, es ist wahr,“ sagte er, „und es wird schnell abgethan sein. Wenn man sich benimmt wie ungezogene Kinder, so verdient man auch die Strafe ungezogener Kinder.“ Er trat auf die Knaben zu und gab jedem einen scharfen Streich auf die Backe, daß sie hoch aufschwoll. Sie bissen die Zähne zusammen vor Schmerz, aber sie sagten nichts. „Jetzt hinaus!“ herrschte er sie an und sie schlichen still aus dem Zimmer. Diesmal, das schwuren sie sich zu, sollte aber eine ganz besondere Strafe für Aenny ausgedacht werden und wenn sie noch einmal so viel Ohrfeigen dafür bekämen – hier handelte es sich um’s Princip!

Herr Hösli war in der übelsten Stimmung wieder an seine Arbeit gegangen. Er hatte heute von innen und außen her Verdruß gehabt, denn seine ungeheure Geschäftsvergrößerung hatte natürlich die Concurrenz zu Gegenanstrengungen aufgeregt und deren erste war ihm heute bekannt geworden.

Da ging die Thür auf und Heiri trat brennenden Kopfes in großer Aufregung herein. „Vater, darf ich etwas mit Dir reden?“

„Du kommst mir zuvor, ich wollte Dich eben rufen lassen,“ sagte Herr Hösli.

„Nun, das ist gut, also willst Du mich hören?“

Herr Hösli zog die Stirne kraus. „Bei uns ist’s Brauch, daß die Kinder zuerst den Vater hören und dann sprechen.“

„Nun ja, Vater, ich bin aber doch kein kleiner Junge mehr! Meine Angelegenheit ist wichtig genug,“ sagte Heiri ungeduldig. Er konnte es nicht besser anfangen, um seinen Vater gegen sich aufzubringen.

„Du schweigst jetzt und hörst, was ich Dir zu sagen habe!“ herrschte er den Sohn an. Dieser biß die Lippen zusammen und warf sich in einen Stuhl.

„Du weißt, daß Altmurer-Zivy seine Preise herabgesetzt hat?“

„Nun freilich, was weiter?“ warf Heiri gleichgültig hin.

„Ich habe ihm gestern Vorschläge zu einem Cartel gemacht. Heute früh bekomme ich die Antwort: Er lehnt sie ab!“

Heiri strich sich den Bart. „Nun, so erklären wir ihm den Krieg!“ meinte er in leichtfertigem Tone.

„Wenn wir können – ja!“ sagte Hösli und sein Blick ruhte durchbohrend auf dem Sohne. „Träumst Du oder bist Du gedächtnisschwach geworden? Sind alle Zahlenverhältnisse unserer letzten Ausgaben und Einnahmen in Deinem Kopfe verwischt? Doch wozu rede ich! Die Sache ist einfach die: Altmurer-Zivy ist unser mächtigster Concurrent und nicht geschwächt durch außerordentliche Anstrengungen, wie wir es im Augenblick sind. Es muß etwas Ernstes geschehen. Die Nanni Altmurer ist jetzt heirathsfähig. Er hat mir schon einmal angedeutet, Du wärst eine Partie, zu der sich Jeder gratuliren könnte. Du bist im zwanzigsten Jahre, das ist bei uns in der Schweiz alt genug zum Heirathen. Du bewirbst Dich um die Nanni und das giebt eine Allianz zweier Häuser, wie keine prächtigere im Lande geschlossen worden ist.“ –

Heiri erbleichte. „Das ist allerdings gerade das Gegentheil von dem, um was ich Dich zu bitten kam!“

Herr Hösli stutzte. „So, ei! Nun, geh’ nur gleich mit der Sprache heraus, wie Du’s ja ohnehin gewöhnt bist. Aber kurz und bündig, Du weißt, ich liebe keine Umschweife.“

„Nun denn, kurz und bündig. Ich habe hier einen Brief von Stones. Sie rufen mich nach New-York zurück, sie wollen mich zum Compagnon für den Fall, daß Du mir jetzt schon mein Erbe auszahlen wolltest, oder wenn das nicht, zum Director der Maschinenfabrik mit fünftausend Dollars Gehalt und Antheil an der Einnahme. Der Brief ist sehr schmeichelhaft und ich will Dir auch nicht länger verschweigen, daß mein Herz mich zu Stones zieht und daß ich Hoffnung auf Stones’ jüngste Tochter habe.“

„So –!“ sagte Herr Hösli gedehnt. „Und da willst Du ganz zum Maschinenfach übergehen und das Seidengeschäft aufgeben?“

„Ja, Vater, Du weißt, daß ich nur zum Maschinenfach Neigung habe, und ich dächte, es wäre eine wahre Sünde, wenn ich meine Ausbildung in den technischen Fächern nur an die Construction von Webestühlen verschwenden sollte!“

„Und deshalb willst Du Dich für immer in New-York niederlassen und dem Elternhause den Rücken kehren? Ahnst Du nicht, was für eine Herzlosigkeit darin liegt?“

„Vater, ich glaube, uns Allen wird besser sein, wenn ich fort bin. Du bist mir von meiner Rückkehr an nur ein Zuchtmeister gewesen, meine Gewohnheiten waren Euch nicht recht und ich sollte als ein erwachsener Mensch noch erzogen werden wie ein Knabe! Das giebt keine Liebe. Ich bin gewöhnt, zu leben wie ein Gentleman, und hier soll ich fast leben wie ein Bauer. Ihr haltet mich für einen Verschwender, weil ich mir keine Entbehrungen auferlege, deren Nothwendigkeit ich nicht einsehe – und fordert mir von jedem Franc, den ich ausgebe, Rechnung ab! Denkst Du denn wirklich, Vater, ein Mensch, der in den fürstlichen Häusern der amerikanischen und englischen Geldaristokratie groß geworden, könne sich wohl fühlen in einem Elternhause, wo ihm die Gespenster aller Nationalfehler der Heimath, Krämergeist, Unkenntniß aller höheren Lebensbedingungen, Feindschaft gegen jeden das Dasein veredelnden Genuß und an Geiz grenzende Sparsamkeit, den Aufenthalt verbittern?“

Herr Hösli hatte ihm mit auf der Brust gekreuzten Armen zugehört. „Ich verstehe Dich vollkommen. Auch ich kenne das Leben und die Genußsucht der großen Städte Amerikas, ich war, ich dächte, lange genug dort. Du aber, Bursche, bist noch nicht lange genug hier, um über unser Leben und Treiben aburtheilen zu können! Wir sind ein Volk der Arbeit und wollen weiter nichts nach der Mühe des Tages, als unser Auge zu den Firnen unserer Berge zu erheben – das ist die Erholung, die uns Gott gegeben, das ersetzt uns alle Schöpfungen der Kunst, denn es ist eine Welt des Schönen. Strömen nicht alle Völker der bewohnten Erde herbei, um sie zu sehen? Holen sich hier nicht Kranke Genesung, Dichter und Maler ihre unsterblichen Schöpfungen? Können wir nicht mit dem Urbild zufrieden sein, wenn Könige ihre Paläste mit den Abbildern schmücken? Bedürfen wir noch mehr? Daß wir einfach leben, nichts aus Essen und Trinken und äußeren Luxus verwenden, ist nicht Geiz, wie Du meinst, sondern Verachtung des materiellen Genusses. Wir haben wenig Bedürfnisse; Bedürfnißlosigkeit ist aber die sicherste Grundlage des Wohlstandes und der Freiheit – sie ist ein Charakterzug der Schweizer, in unserer Enthaltsamkeit liegt unsere Kraft! Und jeder Einzelne hat die Pflicht, sie seinen Nachkommen anzuerziehen, so bleibt sie dem ganzen Volke erhalten. Sieh unsere Schulen, unsere Krankenhäuser, alle unsere öffentlichen Anstalten. Haben wir da geknausert? Was hat diese Prachtbauten der Barmherzigkeit und Gemeinnützigkeit erstehen lassen? Der Wohlstand und Patriotismus der Bevölkerung. Doch wozu rede ich so lange, Du wirst das Alles erkennen, wenn Du reifer und länger hier eingebürgert bist!“

„So willst Du mich nicht fortlassen, Vater?“

„Konntest Du das im Ernst einen Augenblick glauben? Du hast soeben gehört, daß Du die Altmurer heirathen sollst; Du [165] weißt, so lange Du lebst, daß Du das Seidengeschäft übernehmen sollst; denkst Du, ich werde alle meine wohlbedachten Projecte umstoßen lassen von der Laune eines herzlosen undankbaren Burschen, dem es einfällt, sich über seine Eltern zu erheben und sich zu gut für sein Vaterland zu halten? Mit welchem Recht forderst Du solche Opfer von mir, Du, der noch nichts, noch gar nichts für seinen Vater gethan?“

„Vater,“ sagte Heiri, „Du bist ungerecht. Ich bin nicht herzlos, nicht undankbar. Ich bin nur eine Natur, die Du nicht verstehen kannst, weil ich unter anderen Verhältnissen aufwuchs als Du. Ich bin noch unreif, die Zeit, wo ich Dir vergelten könnte, ist noch nicht da, aber sie kommt, darauf verlaß Dich, wenn Du nur noch Geduld haben und nicht ermüden wolltest mir Opfer zu bringen, wenn Du mir nur nicht andere Wege vorschreiben wolltest als die, auf welchen ich allein zur vollen Entwickelung gelangen kann.“

„Es giebt keine besseren Wege als die, auf denen Vater, Großvater und Urahn gewandelt und tüchtige Männer geworden sind. Alles Andere, mein Sohn, ist Phantasterei! Das, was durch zwei Jahrhunderte – und so alt ist unser Haus – sich als gut und zweckmäßig bewährt hat, daran müssen wir uns halten, nicht an das unbewährte Neue. So lange die Firma Hösli besteht, hat sie sich vom Aeltesten auf den ältesten Sohn vererbt, und wir sind groß und reich dabei geworden. Und so soll es bleiben in alle Zukunft. Glaube mir, Heiri, wer nicht festen und frommen Herzens am alten Brauch und Herkommen hängt und die Ueberlieferungen seiner Vorfahren ehrt, der ist eine vom Schaft gerissene Fahne, die sinn- und bedeutungslos im Winde flattert!“

„Vater,“ sagte Heiri, „wenn ich einen von den Saltens da drüben so sprechen hörte, würde ich es eher begreifen als von Dir. Ich habe kein Verständniß dafür. Wir jungen Leute haben nur eine Richtschnur, die uns unsern Weg vorschreibt, es ist die des Talents! Das Talent ist ein Factor, mit dem Ihr alten Leute nicht zu rechnen gewohnt seid, weil sich unter dem Zwange Eurer patriarchalischen Familientyrannei keine Individualität frei entfalten konnte. Ihr habt Euch einander von Generation zu Generation in ein und dieselbe Schablone geknetet. Ich bin der Erste, der diesem ertödtenden Zwange entkommen, dadurch, daß ich in Amerika aufwuchs; mein Talent ist zu selbstständiger Entfaltung gelangt wie mein Charakter; ich bin zu groß, um mich noch in Eure alte Schablone einzwängen zu lassen.“

„Bube,“ schrie Hösli, „sprich anders mit Deinem Vater, oder ich zeige Dir, daß ich nicht nur Dein Vater, sondern Dein Herr bin. Weh’ Dir, wenn Du erfahren müßtest, welche Mittel Dein Vater in Händen hat, einen ungerathenen Sohn ‚in die alte Schablone zu zwängen‘!“

(Fortsetzung folgt.)




Die Gartenlaube (1870) b 165.jpg

Victor Scheffel.


Gaudeamus!

Gaudeamus. So lautet der Titel jener hochpoetischen, durch die Frische ihres Humors und durch die Unmittelbarkeit ihrer Empfindung gleich ausgezeichneten Lieder, welche den Namen ihres Verfassers zuerst in weitesten Kreisen bekannt gemacht und wiederholt schon in verschiedenen Ausgaben Verbreitung gefunden haben. Wir setzen darum ihren Titel auch den nachfolgenden biographischen Mittheilungen über den Dichter vor, der von seinem „Trompeter von Säckingen“ bis zu den erst vor wenigen Wochen erschienenen „Bergpsalmen“ sich immer in steigender Gunst bei seinen Lesern zu erhalten wußte. Geboren im Jahre 1826 zu Karlsruhe in Baden, wo sein Vater, ein verdienter Major und Veteran aus den Befreiungskriegen, im Winter 1869 gestorben ist, erhielt Joseph Victor Scheffel seine erste Ausbildung in dem Lyceum seiner Vaterstadt, einer Gelehrtenschule, die sich damals eines hohen Rufes erfreute und für die vorzüglichste in Baden galt. Mochte sich auch gegen die Richtung des einen und andern unter den Lehrern Manches einwenden lassen, so waren es doch zumeist bedeutende Männer, welche in ihren Fächern anregend wirkten und die Selbstthätigkeit der Schüler in der fruchtbringendsten Weise lebendig zu machen verstanden.

Dabei herrschte im äußern Leben der Lyceisten kein allzustrenger Zwang, manche Vorrechte der Studenten durfte sich die frohe, lebenslustige Jugend herausnehmen, und was in einer größeren Stadt zu erlauben bedenklich gewesen wäre, war in dem kleinen, bürgerlich soliden Karlsruhe ohne schlimme Folgen.

An sonstiger Anregung fehlte es in der Residenz auch nicht. Das Theater besaß vorzügliche Kräfte und wurde von den Lyceisten fleißig besucht, und selbst die Politik, sonst der Jugend fremd, bewegte das heranwachsende Geschlecht. Damals war ja Baden der Brennpunkt, wohin sich in ganz Deutschland Aller Augen richteten; und wenn auch Mannheim der Heerd des politischen Treibens war, so versammelte doch die Kammer eine Reihe von Männern in Karlsruhe, deren [166] Namen noch jetzt in Baden und über seine engen Grenzen hinaus unvergeßlich sind: Itzstein, Welcker, Bassermann, Hecker, Mathy, Soiron! Mit reger Theilnahme las man die Berichte, in freien Stunden besuchte man die Gallerie des Ständehauses; der graue Filz, damals Heckerhut genannt, im Jahre 1849 geächtet, trat an die Stelle der harmlosen Mütze, und Schreiber dieser Zeilen erinnert sich noch mit Vergnügen an das komische Entsetzen, womit einer der Lehrer beim Erblicken eines mit dieser Kopfbedeckung geschmückten Schülers in breiter, schwäbischer Mundart in die Worte ausbrach: „Schon wieder ein Hätchen!“

Mit Ehren und als einer der besten Schüler machte Joseph Victor die ganze Anstalt durch und bezog zu Anfang der vierziger Jahre die Hochschule, um die Rechtswissenschaft zu studiren. In Heidelberg schloß er sich einer der sogenannten Fortschrittsverbindungen an; an der badischen Revolution, die so viele seiner früheren Karlsruher Schulcameraden, und nicht gerade die unbegabtesten, in jahrelanges Exil trieb, hat er sich nicht betheiligt.

Nach zurückgelegter Prüfung treffen wir unsern Dichter als Rechtspraktikanten in dem Städtchen Säckingen. Wohl mochte dem jungen Manne der Abstand zwischen der Residenz, seiner Vaterstadt, oder dem geistig bewegten Leben einer Universität gegen das kleine Amtsstädtchen gewaltig erscheinen. Doch konnte ihn die herrliche Gegend für Vieles entschädigen; mit befreundeten Familien wurden Ausflüge in die Thäler gemacht, die sich vom Feldberg, diesem badischen St. Gotthard, nach allen Himmelsgegenden herabziehen; im Rhein, der nach seinem Fall bei Schaffhausen in wildem Laufe an den vier Waldstädten Waldshut, Laufenburg, Säckingen und Rheinfelden vorüberrennt, bewährte sich Scheffel als muthigen, ja verwegenen Schwimmer, der, den Hut zum Gruß schwenkend, mehr als einmal unter der Brücke zu Säckingen durchschwamm, und in den herrlichen Wäldern der Umgegend wurde im Freundeskreis, unter Sang und Klang, manch’ Fäßchen schäumenden Gerstensaftes geleert. Auf dem Amt, einem früheren Damenstift, gab es anziehende Urkunden die Menge, und so entstand, nach einer wahren Begebenheit, das Erstlingsweck Scheffel’s: „Der Trompeter von Säckingen“, eine Dichtung, die durch ihre frische Natürlichkeit einen wohlthuenden Gegensatz gegen das damals auf seiner Höhe stehende Amaranthfieber bildete. Doch nicht allzulange verweilte Scheffel in der alten Stadt des heiligen Fridolin.

Sagte ihm das Leben in dem kleinen Städtchen nicht mehr zu oder konnte er sich nicht mit dem Gedanken befreunden, nach zurückgelegter Praktikantenzeit als Amtsvorstand und hochmögender Gebieter, sonst auch Pascha genannt, etwa im Odenwald, wo „Füchse und Hasen einander gute Nacht sagen“, oder auf der Höhe des Schwarzwaldes, wo der Sommer nur allzu oft ein „grün angestrichener Winter“ ist, zu versauern und seine einzige geistige Erholung im Biertarok, hier zu Lande Caeco genannt, zu suchen; genug, er gab die Juristerei auf, und nun beginnt für ihn ein Wanderleben. Indeß besaß er eine anerkannte Gabe, sich in die Leute jener Gegend, die rauhen und biderben „Hotzen“, einzuleben, und namentlich auch, sie in ihrer Mundart anzureden, und bis auf den heutigen Tag steht er bei Vielen in freundlicher und dankbarer Erinnerung.

Längere Zeit verweilte er als Fürstenbergischer Archivbeamter in Donaueschingen. Die Stadt ist gleichfalls klein, die Gegend rauh und an Schönheit mit dem romantischen Oberrhein gar nicht zu vergleichen, aber am Hofe der kunstliebenden Fürsten von Fürstenberg gab und giebt es eine Reihe geistig bedeutender Beamter, und eine an alten Handschriften und Werken reiche Bibliothek reizte zu Forschungen, namentlich über das Mittelalter.

Die geologisch nicht uninteressante Gegend, wo der granitische Schwarzwald hart an den schwäbischen Jura, diesen Lieblingsaufenthalt der Ichthyosauren stößt, wo in nicht bedeutender Entfernung die Molassehügel sich zum See hinabsenken, durchbrochen vom eruptiven Klingstein mit dem seltenen Natrolith, hat wohl in unserem Dichter jene köstlichen geologischen Lieder geweckt, die namentlich bei der allen Teilnehmern unvergeßlichen Naturforscher-Versammlung zu Karlsruhe im Jahre 1858 so ungetheilten Jubel hervorriefen, besonders die Verse:

„Es rauscht in den Schachtelhalmen, verdächtig leuchtet das Meer,
Da schwimmt mit Thränen im Auge ein Ichthyosaurus daher.“

Unendlich war die Begeisterung bei den Worten:

„Da war es denn zu Ende mit der ganzen Saurierei,
Sie kamen zu tief in die Kreide, da war es natürlich vorbei!“

Früchte seiner mittelalterlichen Studien gab unser Dichter in dem Romane „Ekkehard“ und in seiner „Frau Aventiure“, einem reizenden Büchlein, in welchem Scheffel theils ganz frei gestaltend, theils sich an ein Thema mittelalterlicher Sänger anlehnend, der Jetztzeit die Poesie des Minnegesangs, der fahrenden Ritter und Schüler in scherzhaften oder auch in tief zu Herzen gehenden Liedern vorführt. Sein gekanntestes Werk aber, sein Gaudeamus, entstand bei einem zweiten längeren Verweilen in Heidelberg.

Ein „engerer“ Freundeskreis, der sich jeden Mittwoch versammelte und in dem „ein Meister, dessen Tod wir klagen,“ der allzufrüh hingegangene Häusser, mit anerkannter Meisterschaft die Bowle bereitete, lockte jene Funken des unübertrefflichen Humors, den letzten Ichthyosaurus, den alten Granit, den erratischen Block, das Guanobild hervor, die als „Lieder aus dem Engern“, zuerst als lose Blätter verbreitet, dem Namen Scheffel’s bald die weiteste Verbreitung gaben. Namentlich der studirenden, sangesfrohen Jugend hat unser Dichter mit diesen Gesängen eine bleibende Gabe geschenkt, und wer vermöchte ernst zu bleiben beim Klange des Liedes: „Im schwarzen Wallfisch zu Askalon“, oder:

„Wer reit’t mit zwanzig Knappen ein
Zu Heidelberg im Hirschen?
Das ist der Herr von Rodenstein,
Auf Rheinwein will er pirschen.“

Oder wer vermöchte nicht den unendlichen Humor nachzufühlen, der aus so flotten Liedern, wie „der Fünfundzechziger“ hervorbricht, dessen letzte Strophe lautet:

Derweilen ging draus auf dem Damme
Spießtragend ein vierter vorbei,
Der blies eine wundersame
Gewaltige Melodei:
„Ihr Herren, und lasset euch sagen,
Die Stadtgemeinde braucht Schlaf,
Die Glocke hat elf Uhr geschlagen,
Wer jetzt nicht zu Bett geht, zahlt Straf’.“

Und in jenen Tagen entstand auch jenes geheimnißvolle Lied vom „Enderle von Ketsch“, in dem es heißt:

Ott Heinrich, der Pfalzgraf bei Rheine,
Der sprach eines Morgens: rem blemm!
Ich pfeif’ auf die saueren Weine,
Ich geh’ nach Jerusalem! etc.

Auch als Scheffel eine Römerfahrt antrat und längere Zeit in Italien verweilte, erfreute er den heimischen Freundeskreis, der emsig beflissen war, „den Mittwoch in den Donnerstag zu längern“, durch „Lieder aus dem Weitern“. Wollte ich sie alle genügend würdigen, so müßte ich diese Zeilen allzuweit ausdehnen, deren Zweck keine eingehende Charakteristik ist – diese behält sich die Gartenlaube für spätere Zeit vor – sondern nur der, biographische Mittheilungen über einen Dichter zu geben, der jüngst erst wieder durch sein neuestes Werk „die Bergpsalmen“ die Aufmerksamkeit der weitesten Kreise auf sich gezogen hat. Wer Scheffel’s Lieder, wer seine Poesie aus der Zeit des Gaudeamus recht verstehen will, der gehe dahin, wo sie entstanden oder wohin sie gerichtet sind, in’s herrliche Heidelberg. Hat er Herz und Gemüth an der „alten, schicksalskundigen Burg“, an den Wäldern und am rauschenden Strom erfreut; hat er einen Blick auf das liedgefeierte Tegulinum-Ziegelhausen herabgeworfen oder fern am Horizont, dort am Rheinufer hinter Schwetzingen, den Kirchthurm von Ketsch gesucht: so kehre er dann ein, „wo man einen Guten schenkt“, etwa im alterthümlichen Ritter. Ist er nicht schon unterwegs von einem jener plötzlichen Güsse erweicht worden, die Heidelberg den Vers eintrugen:

Heidelberg, du schöne Stadt,
Wenn es nicht geregnet hat,

und welche der Pfälzer Dichter Nadler in seinem „Brand im Huzzelwald“ so köstlich geschildet hat, so wird er beim Safte der Reben, welchen die Sonne an den Hügeln der gesegneten Pfalz gekocht hat, bald mit Scheffel finden, daß „der Genius loci Heidelbergs feucht ist“ und daß in der Pfalz „die Leber auf der Sommerseite liegt“. Ist ein Freund dabei oder trifft er einen Genossen der fröhlichen Studentenzeit auf der alten Ruperto-Carolina, mit dem er alte Erinnerungen auffrischt, so möchte es ihm wohl gehen wie jenem Hildebrand und Hadubrand unseres Dichters:

Hildebrand und sein Sohn Hadubrand
 Hadubrand
Tranken sich Beid’ einen Riesenbrand.

[167] und er wird am andern Morgen jene Worte zu würdigen wissen:

„Ein wildes Kopfweh, erst der letzten Nacht entstammt,
Durchsäuselte die Luft mit mattem Flügelschlag,
Und ein Gefühl von Armuth lag auf Berg und Thal.“

Nur behüte ihn der Herr vor dem Schicksal des biedern Etruskers Pumpus von Perusia:

Er fischte lang’ in seiner Chlamys Faltenwurf
Und suchte wieder, suchte auch zum drittenmal
Und fand nicht, was er suchte ….
 O, wer kennt den Schmerz,
Der auf sich bäumt im biederen Etruskerherz,
Wenn Alles, Alles, Alles auf die Neige ging
Und nur der Graus des Leeren in der Tasche wohnt,
Wo der Sesterz sonst fröhlich beim Denar erklang!
Wohin verschwindet – ha! was spricht mein Mund es aus! –
Das dreimal gottverfluchte Wort, wovon allein
Des Tuskers Schicksal abhängt, ha – das baare Geld?

Aber der moderne Culturmensch ist besser daran als jener alte Etrusker; er trägt über der Chlamys einen Ueberzieher und in der Westentasche eine Uhr. Da heißt es denn:

Elkan Levy, dunkler böser
Trödler, nimm sie! sie sei dein!

Mit dieser Fülle eines sprudelnden, beinahe übermüthigen Humors hat sich Scheffel, der seit einiger Zeit wieder in Karlsruhe lebt und der manchmal durch körperliches Leiden heimgesucht und auch durch schwere Verluste im Kreise seiner Familie schmerzlich getroffen wurde, mehr als einmal die Wolke des Trübsinns verscheucht. Und wer vermöchte diese Lieder zu lesen, ohne erheitert zu werden? Hier tritt uns ein Humor und eine Laune entgegen, nicht das Lächeln des Weisen, der mit gereifter Erfahrung und heiterem Geiste dem tollen, lustigen Gebahren der Jugend sinnend zuschaut, auch nicht das mitunter höhnische Lachen eines Menschen, der mit wundem Herzen und bitterem Gefühle eigene und fremde Thorheit verspottet, nein! das frische, muntere und darum ansteckende Lachen des Studenten, der an und in der Welt seine unbefangene Freude noch hat, eine Freude aber, daß er auch nach seinem jugendlich frohen Gaudeamus, ohne zu erröthen und ohne schmerzliche Rückblicke nach Jahren noch sagen kann: Olim meminisse juvabit!
G. Arnold. 




Eine Thierversteigerung in Antwerpen.
Von Brehm.


Alljährlich, gegen den Herbst hin, läuft bei den Directoren aller Thiergärten Europas, bei Thierhändlern und Liebhabern, welche sich einmal in ihrem Leben als kauflustig und zahlungsfähig erwiesen haben, ein bereits seit geraumer Zeit erwartetes Schriftstück unter Kreuzband ein. Es wird von jedem Empfänger vorerst zur Hand genommen, sorgfältig geprüft und, je nach Sachlage, mit Befriedigung oder Gleichmuth, auch wohl Enttäuschung aus der Hand gelegt. Und doch enthält es nichts weiter, als die Angabe eines bestimmten Dienstags und des darauf folgenden Mittwochs, sowie verschiedener Thiernamen in französischer Sprache oder wissenschaftlicher Benennung, wobei es auf eine gänzliche Nichtachtung neuzeitlicher Ergebnisse der Wissenschaft selber eben nicht ankommt. Gedachtes Schreiben besagt, daß sich Herr Vekemans, Director der königlichen zoologischen Gesellschaft und desgleichen Gartens zu Antwerpen, die Ehre giebt, Alle, die es angeht, zu dem großen Thierverkauf einzuladen, welcher öffentlich stattfinden soll in den Tagen so und so viel des Monats September, gegen baare Bezahlung.

London und Hamburg, Bordeaux und Marseille sind, auch in gegebener Reihenfolge, die Stapelplätze, Antwerpen ist die Börse des europäischen Thierhandels. Jamrach in London und sein würdiger, von den Deutschen mit Recht bevorzugter Nebenbuhler Hagenbeck in Hamburg, Reiche in Alfeld, Poisson in Bordeaux sind die Großhändler in diesem Geschäftszweige; Vekemans ist Groß- und Kleinhändler, Liebhaber und Züchter, Makler, Beherrscher des Marktes, Bestimmer des Preises einzelner Thiere für das laufende Jahr etc. in einer Person. Vekemans gilt als der tüchtigste Leiter aller Thiergärten Belgiens, in gewisser Hinsicht als einer der erfahrensten Thierkundigen der Erde. Er ist gastfrei wie ein Araber und gewinnsüchtig wie ein armer Handelsmann, macht das ehrlichste Gesicht von der Welt und versichert Jeden, welcher es hören will, daß Einer, der Thiere von ihm zu kaufen beabsichtigt, seine Augen vor allen Dingen auch zum Sehen verwenden möge; er ist, um es mit einem Worte zu sagen, in seinem Thiergarten der rücksichtsloseste, selbstsüchtigste Geschäftsmann, in seinem Hause der rücksichtsvollste, aufopferndste Wirth unter der Sonne. Das weiß Jeder, darum schilt auch Jeder auf ihn, und muß ihm Jeder trotzdem Achtung zollen. Was aber vor Allem zu bedenken: Keiner, welcher seine Thiersammlung zu einer möglichen Vollzähligkeit bringen will, kann ihn entbehren! Vekemans besitzt Verbindungen und Hülfsmittel, von denen Andere gar keine Ahnung haben, macht kaltblütig Geschäfte, vor denen Andere zurückschrecken, erzielt Erfolge und Gewinne, erträgt Mißerfolge und erleidet Verluste, ohne einen Muskel seines ehernen Gesichtes zu verziehen. Und doch ist dieser Mann, dessen Herz kein weibliches Wesen zu rühren vermochte, welcher jeder Leidenschaft entsagt zu haben scheint, ein leidenschaftlicher Liebhaber, ein Spielball aller Furien der Eifersucht, wenn er ein geliebtes Wesen, nach welchem seine Seele strebt, in eines Anderen Besitz weiß, wenn es gilt, solch geliebtes Wesen – eine Antilope, einen Fasanen! – jenem Anderen abspenstig und sich zu eigen zu machen. Die Thiergärtnerei dankt diesem Manne unendlich viel, mittelbar also auch die Wissenschaft; er muß als eine Größe in seiner Art angesehen werden. Während der in Rede stehenden Tage bildet er den Mittelpunkt aller Thierzüchter Europas, den Fixstern, um welchen die leuchtenden und im geborgten Lichte dämmernden Gestirne der Thierliebhaberei in sicheren oder noch schwankenden Bahnen kreisen.

Am Morgen des betreffenden Dienstags pflegt er bei Ankunft des Brüsseler Schnellzuges auf dem Bahnhofe zu sein, um die Gäste zu bewillkommnen. Wer ihn kennt, sieht, wie das Auge sich lichtet, wenn ein Bekannter nach dem andern dem Zuge entsteigt, oder bemerkt, wie der Blick finsterer wird, wenn er zu einem Ankommenden bemerkt, daß keine Liebhaber eingetroffen. „Liebhaber“, sind sie heute Alle: Milne-Edwards, der Vorsteher des Pariser Pflanzengartens, wie Jamrach, der Thiergroßhändler; Liebhaber gelten mehr als die Leute von Fach, weil sie weniger rechnen und flotter bieten als diese. Uebrigens dürfen die Worte „keine Liebhaber“ auch durchaus nicht wörtlich genommen werden. Im Thiergarten Antwerpens geben sich während der Versteigerung die Directoren der verschiedenen Gärten Europas, die namhafteren Händler und mindestens die belgischen, holländischen und französischen Liebhaber ein Stelldichein – und darin liegt die Bedeutung dieser Tage.

Sie sind sämmtlich hier, fast Alle wenigstens. Jener kleine freundliche Herr, welchen Alle mit sichtlicher Hochachtung begrüßen, Alle umringen, Alle mit Wünschen und Bitten angehen, ist der Nestor der Thiergärtner, Westermann aus Amsterdam, ein Mann, welcher in Zweifel läßt, ob er kenntnißreicher oder liebenswürdiger ist, welcher als Freund gilt Allen, die ihn kennen, und wie ein Vater verehrt wird von den Jüngeren, welcher schon Jedem mindestens einmal einen großen Dienst erzeigte, welcher, uneigennützig wie kein Anderer, nur das Ganze im Auge, den Fortschritt der Wissenschaft im Sinne behält, welchem Amsterdam den noch immer unbestrittenen Ruhm dankt, durch ihn den ersten Thiergarten des Festlandes erhalten zu haben und zu besitzen. Jener ihm in vieler Hinsicht ähnliche Mann ist Bartlett, Superintendent der „zoological gardens“ zu London, ein tüchtiger Thierkundiger und achtungswerther Berufsgenosse, der kleine dicke Herr mit den etwas matten Augen und dem unvermeidlichen Bandröschen im Knopfloche Milne-Edwards, eine Größe der Wissenschaft, nicht aber der Thiergärtnerei, der jüngere Mann, mit welchem er eben spricht, A. Geoffroy St. Hilaire, Vorsteher des Acclimatisationsgarten im Bois de Boulogne bei Paris – in meinen Augen der Westermann der Franzosen, ein in jeder Hinsicht trefflicher Mensch, Jener dort –

„Ah, theuerster Chinese, willkommen in Antwerpen!“

[168] „Danke bestens, lieber Brehm, sollen wir Holländer denn ewig Chinesen bleiben in Ihren Augen?“

„Ja, van Bemmelen, das seid und bleibt Ihr, die Chinesen Europas; aber Ihr wißt ja wie ich Euch, und insbesondere auch Sie schätze und liebe,“ –

es ist der Director des Dierentuin“ in Rotterdam, der würdige Nachfolger des alten Martin, Monsieur Martin, seiner Zeit berühmter Thierbändiger, später Gründer des besagten Thiergartens, jetzt ausruhend auf seinen Lorbeeren, zurückgezogen von einem hübschen Vermögen lebend, welches er sich erworben im Laufe der Jahre, – nicht immer leicht, vielmehr oft recht schwierig, mit seinem eigenen Blute sogar, wie die von seinen Gegnern, Tigern und Löwen, zerfetzten Glieder, sichtlich erweisen. Jetzt widmet er sich einzig und allein der Erziehung seiner Kinder, an welcher er nichts fehlen läßt von all’ dem, was er sich niemals anzueignen vermochte, und klagt über den Verfall der Thiergarten; „denn eigentlich,“ meint er, „werden doch nur in London und Amsterdam die Thiere gepflegt“ – Raubthiere natürlich, denen gegenüber alle übrigen kaum der Erwähnung werth. In seinen Augen gelten sie wenig, die Herren Collegen; nur in „dem Bodinus“ sieht auch er den hervorragendsten aller deutschen Thiergärtner und kann sich gar nicht genug darüber wundern, daß es Berlin gelungen den Kölnern solchen Mann zu entfremden; auch zu Schöpff, dem Inspector des Dresdener Thiergartens, hat er Vertrauen: – „sehr gutes Raubthierhaus das in Dresden, Löwen, fast so schön wie meine waren,“ bemerkt er mit sichtlicher Befriedigung.

Ja, sie sind alle hier, die Würdigen: Funck aus Brüssel, jetzt Köln, Dr. Hammelrath, Funck’s vielversprechender Nachfolger, Roberti de Grady aus Lüttich, Dr. Maitland aus ’sGravenhaage (Haagh), Desmeurs aus Florenz; nur die Thiergärten Hamburgs, Frankfurts, Hannovers und Breslaus haben ihre Vertreter nicht gesandt. Sie sind alle hier, auch die Unwürdigen: Dytgard aus Gent, früher Advocat, jetzt kenntniß- und bedeutungsloser Director des verkommenen und mehr und mehr verkommenden Thiergartens, nebenbei und hauptsächlich aber Zuckerfabrikant; sie sind hier, die Händler: Jamrach, Hagenbeck, Reiche, Poisson, Southerland und Sohn aus Rotterdam, Bocquet aus Paris und Andere; auch sie sind gekommen, die Liebhaber: Grafen Beauford, Reneß, Baron Cornely de St. Gerlach – in früheren Jahren der Vergnügungsmeister und guter Abnehmer von allerlei brauchbaren und unbrauchbaren Thieren, jetzt, nachdem er verheirathet, ein sehr solider Mann, Touché, le Prêtre und wie sie sonst heißen; – Vekemans mustert nicht ohne Befriedigung die bunte Gesellschaft, hält auch die Händler durch vernichtend strenge Blicke gebührend im Zaume.

„Haben Sie meine Vögel schon gesehen, Mijnheer Brehm?“ fragen Southerland und Sohn fast flüsternd und scheu um sich schauend; „wir haben drüben im Pelekan eine große, sehr schöne Sammlung, mehr als hundert ‚vreemde Vogelsoorten‘ – aber still, Vekemans sieht uns zusammen sprechen!“

„Ja, warum denn nicht, verehrter Southerland und Sohn?“

„Nein, nein, der Mann duldet nicht, daß auch Andere Geschäfte machen; ich will langsam vorausgehen; kommen Sie nach, lauter ‚zonderlinge Vogels‘ und alle in ‚kleuren‘ (Farbe),“ schließt Southerland, Vater.

Die Reihen lichten sich bedenklich; Einer nach dem Anderen schleicht hinüber nach dem Pelekan, um die „mengelingen Vogelsoorten“ anzusehen, bezüglich ein und das andere Stück zu kaufen.

„Ich muß auch hinüber; lieber Bodinus, falls etwas Gutes kommt, sei so freundlich, es zu kaufen.“

„Geh’ ohne Sorgen; erst kommen hier immer die gemeinen Vögel zur Versteigerung; Du hast Zeit genug.“

Vekemans erkennt die Verschwörung, besteigt seinen gewöhnlichen Sitz auf dem Musiktempel, vor welchem, zumeist im Schatten, eine lange Tafel aufgestellt worden, und giebt dem schwarzen Thürsteher des Gartens, welcher mit dem Ernste eines Pavians hinter seinem Stuhle steht, bedeutsam und würdig einen Wink. Ein breiter Pflanzerhut beschattet sein ausdrucksvolles Gesicht – für alle Kundigen das untrügliche Zeichen, daß die Versteigerung beginnen wird; auch van der Stappen, der königliche Notar und Steigerer, der Secretär des Gartens und die nöthigen Schreiber haben sich bereits eingefunden. Der Schwarze rührt die Klingel, um die im Garten Zerstreuten zusammenzurufen; einige Dutzend unreife Jungen nehmen eiligst auf den vordersten Mühlen zu beiden Seiten der Tafel Platz. Herr Agthe, ein deutscher Uhrmacher, Freund des Gewaltigen und heimlicher Mithelfer beim Bieten, sichert sich einen Sitz den Versteigerers gegenüber; die noch übrigen Plätze werden nach und nach eingenommen von Namenlosen, deren Wünsche in Erlangung eines Jako oder eines Pärchens Prachtfinken gipfeln. Vom „Museum“ her schleppen mehrere Wärter Käfige mit Hühnern, Tauben, ausländischen Finken und dergleichen herbei, zwischen welche Papageien, Pfefferfresser und andere Prachtvögel, Mähnenäffchen, überhaupt seltene Thiere, als Schaustücke und Lockvögel gestellt werden, in der Absicht den Kreis der „amateurs“ zu dichten und zusammenzuhalten.

Ein Pärchen Paradieswittwen, das Männchen im vollsten Schmuck seiner lang herabhängenden Schwanzfedern wird zuerst ausgeboten, vorher aber allmänniglich so nah, als eben erwünscht vor das Gesicht gehalten, indem der Beauftragte auf der einen Seite der langem Tafel hinauf, auf der anderen Seite zurückgeht.

„Meine Damen und Herren,“ sagt van der Etappen, ohne sein schlaffes, aber gutmüthiges Gesicht zu verändern, „ein Paar seltene Vögel aus Afrika, treffliche Sänger, leichte zu erhalten, brüten auch in Gefangenschaft; eingesetzt zu zwanzig Franken, fünfzehn, – zehn, – fünf Franken.

„Marchand!“ ruft Agthe.

Und nun wird auf diese Vögel, welche in der That ihre sechs bis zehn Franken werth sind, mit einem Eifer geboten, als gäbe es nur dieses eine Paar in der Welt.

Es folgen in bunter Reihe Haushühner, Finken, Wildtäubchen, Papageien, Haustauben und dergleichen, ohne daß vorher zu ahnen, wann diese, wann jene Art ausgewählt wird. Nur das Eine erfährt bald Jeder, daß ein erzielter hoher Preis unabänderlich sofortiges Ausbieten anderer Stücke derselben Art zur Folge hat. Denn Vekemans will nicht, daß ein Liebhaber unbefriedigt von dannen gehe, und giebt, seine Lieblinge ausgenommen, das letzte Stück einer Art, welche Erfolg hatte, den Kauflustigen preis.

„Ein Amazonenpapagei!“ läßt sich van der Stappen vernehmen, „ein Vogel, welcher spricht, ,Papa‘ und ,Mama‘ sagt, ein sehr ausgezeichneter Papagei; er wird mit hundert Franken eingesetzt.

„Der Vogel ist krank,“ flüstert mir Bodinus zu; „er hat die Schwindsucht.“

Vorher saß der arme Gesell kläglich genug im Gebauer; jetzt, als sein Schicksal entschieden werden soll, klettert er mit glattem Gefieder auf und nieder. Aber freilich, dem Eingeweihten erscheint das nicht wunderbar; denn jeder Wärter, welcher Vögel vorzuzeigen hat, hält in seiner Hand ein feines Stöckchen, das gerade Gegentheil einer Wünschelruthe, weil es Verborgenes deckt, nicht verräth, ein Zauberstäbchen, mit welchem der geschickte Mann so lange an die Wände des Gebauers klopft, bis auch ein todtkranker Vogel das Gefieder glättet und sich aus Furcht so zusammennimmt, als ihm möglich.

„Zwanzig Franken,“ lispelt eine zarte Frauenstimme; fünf Franken mehr, und der Amazonenpapagei, welcher Papa und Mama ruft, ist ihr Eigenthum. In acht Tagen wird sie einen Todten beweinen.

„Schönsittiche! Zehn, zwölf, achtzehn, zwanzig Franken.“

„Wollen sie dreißig Paare zu zwölf Schilling das Paar?“ fragt Jamrach, listig mit den Augen zwinkernd.

„Fünfundzwanzig Franken!“

„Lauter schöne, gesunde Vögel, seit drei Monaten im Käfige. Diese hier sind auch von mir.“

„Dreißig Franken!“

„Senden Sie mir ein Dutzend Paare.“

„Aber schweigen Sie!“

„Natürlich!“

„Noch ein Paar Schönsittiche – perruches Edwards,“ beginnt van der Stappen von Neuem. Und ein zweiter Amateur versorgt sich.

„Ein Paar unbekannte Vögel aus Afrika, für Sie, Herr Brehm? Hundert Franken!“

„Vierzig Franken!“

„Abgeschlagen, Herrn Brehm!“

„Allgemeines Erstaunen! Vierzig Franken – eine außerordentliche Summe für ein Paar schwarze, unbekannte Vögel!

„Nun,“ meint Bodinus, „hundert Franken hättest Du wohl auch gern daran gewandt. Textor alecto, der Büffelweber, Erbauer der mächtigen Gesellschaftsnester, welcher vorher noch nie auf dem Markte war!“

[169] „Ja, theurer Freund, etwas Kenntniß ist freilich nothwendig, um billig einzukaufen.“

„Haben Sie meine Liste gesehen?“ fragt Geoffroy, „das Durchstrichene ist verkauft.“

„Ein Paar Dschiggetais (asiatische Wildesel) sechstausend, chinesische Rennthierhirsche viertausend, ein Paar Königsfasanen tausendfünfhundert Franken – nichts für mich, Geoffroy; doch halt, hier kommen berechtigte Bürger für’s Vivarium. Schreiben Sie –“

„Können Sie ein Paar Trompetervögel brauchen? Ich weiß ein schönes Paar, grünrückige, nicht theuer.“

„Wie viel müssen Sie denn verdienen, Cornely, wenn Sie sagen, wo, wann und wie theuer?“ ist die zwar boshafte, aber nicht unberechtigte Gegenfrage.

Eine halbe Stunde Pause für’s Frühstück. Und dann wiederum das Geklapper der Mundmühle van der Stappen’s, Herbeischleppen immer neuer Thiere, wenn die Kauflust ermattet, Tauschen, Handeln, Schachern, Uebervortheilen, Sichüberlistenlassen, ohne zu thun, als ob man es merke, endlich wirkliche Uebermüdung, friedfertiges Begraben aller bösen Gelüste, des Neides, der Nebenbuhlerschaft, Abstumpfung getäuschten Erwartungen, geträumten Errungenschaften gegenüber, Gleichgültigkeit sogar gegen alles Lebende, die bietenden und nicht bietenden Frauen kaum ausgeschlossen; da erscheint mit feierlichem Gesicht ein Angestellter des Gartens und überreicht den Erwählten ein versiegeltes Schreiben.

„Herr Vekemans giebt sich die Ehre, Herrn So und So zum Mittagsessen einzuladen, bei sich, gefälligst um sechs Uhr.“

Herr Vekemans bemerkt davon nicht das Geringste; denn er schickt sich eben zu einer seiner längsten Reden an, räuspert sich und spricht: „Meine Herren, zu den Lophophoren (Glanzfasanen); zwei Paare, im Garten gezüchtet, prachtvoll in Farbe; der Käufer des ersten Paares hat die Wahl.“

Die gesammte ehrenwerthe Gesellschaft ist wie elektrisirt; das Gesicht unseres Bodinus drückt alle Thatkraft aus, welche dem Manne eigen, und sagt auch ohne Worte: dieses erste Paar Glanzfasanen werde ich erstehen und wählen.

Man bricht in langem Zuge zu den Fasanengehegen auf; van der Stappen besteigt einen Stuhl, stützt sich mit der einen Hand auf den dienstwillig herbeigeeilten Fasanenwärter und erklärt, daß gedachtes Paar Glanzfasanen zu fünftausend Franken eingesetzt sei.

Tiefe Stille, jedoch keineswegs auch Verwunderung.

„Viertausend, dreitausend, zweitausend, tausend Franken,“ ruft der würdige Notar aus, zwischen jeder Erniedrigung seines Angebotes eine geraume Zeit verstreichen lassend und die Blicke in die Runde sendend. „Niemand zu tausend Franken? Niemand.“

Ein englischer Händler erhebt die Hand. „Tausend Franken – marchand – elf-, zwölf-, dreizehn-, vierzehn-, fünfzehnhundert Franken. Niemand mehr, Niemand höher – zugeschlagen; Herrn Bodinus!“

Ein zweites Paar Lophophoren, hierauf Königs-, sodann Ohrfasanen, endlich Abbruch der Verhandlungen.

Beim Mittagsessen bekundet der innerlich befriedigte Wirth nicht allein seine liebenswürdigen Eigenschaften, sondern entfaltet auch einen Reichthum, welcher es Jedem glaublich erscheinen läßt, daß er die Hälfte aller Antheilscheine des Thiergartens besitzt. Es geht munter her, und die Unterhaltung ist eine allgemeine, soweit größere oder geringere Sprachfertigkeit es gestattet. Französisch, Englisch, Deutsch, Holländisch und Vlämisch klingt durcheinander; die eine oder die andere Sprache wird zeitweilig zur herrschenden. Der Wirth läßt seine Gäste leben; Westermann spricht im Namen dieser Dank aus; ich gedenke bei einem Trinkspruche Alexander von Humboldt’s; Milne-Edwards setzt sofort Cuvier dagegen ein, was mich wiederum zu der Bemerkung veranlaßt, daß Cuvier in Deutschland gebildet worden; Bodinus erstickt die aufkeimende Eifersucht der Franzosen bezüglich aller deutschen Wissenschaft und Größe im Keime. Man verträgt sich, erzählt, berichtet, regt wissenschaftliche Fragen an, glänzt und wird überstrahlt; der weinselige Martin drückt nochmals seine Verwunderung aus wegen der Kölner betreffs seines verehrten Collegen Bodinus, kommt nochmals auf den herrlichen Tiger zu sprechen, welcher so tapfer mit ihm kämpfte; endlich erhebt man sich und geht aber noch lange nicht zur Herberge.

Der nächste Tag versammelt einen engeren, gewählteren Kreis; denn er gilt den größeren, theureren Thieren. Löwen und Jaguars, Antilopen und fremdländische Hirsche, Riesenkängurus, Mähnenschafe, Llamas, Kamele, asiatische, afrikanische und amerikanische Kraniche, schwarzhalsige Schwäne, Kaimans und Riesenschlangen etc. gelangen zur Versteigerung. Die größeren Säugethiere werden, soweit es zulässig, in ihren Außengehegen vorgeführt; jeder gute Sprung einer Antilope steigert ihren Werth um hundert Franken. Es wird eifrig geboten; aber auch das Gegentheil findet statt: man hat in den beiden Tagen genaue Kenntniß des europäischen Thiermarktes gewonnen. Ein und das andere Thier wird sogar zurückgezogen. „Es giebt keine Liebhaber mehr,“ sagt Vekemans mit wehmüthigem Gesicht, vergangener Zeiten gedenkend.

Am Donnerstag Morgen erscheinen einige der Versammelten nochmals im Garten, um beim Einpacken der von ihnen gekauften Thiere zugegen zu sein. Der größte Theil der „Liebhaber“ ist bereits gestern Abend abgefahren, manch Einer mit zwanzig und mehr Gebauern als „Reisegepäck“. Auf dem Bahnhofe zu Antwerpen verzieht man keine Miene, wenn Dieser Vögel, Jener Affen und andere Säugethiere unter erwähnter Bezeichnung aufgiebt; in Deutschland und Frankreich aber muß man oft genug Zoll- und Bahnbeamte erst beschwichtigen, bevor man mit seiner Begleitschaft weiter ziehen darf. Vielleicht trägt Vorstehendes dazu bei, sie mild zu stimmen gegen Denjenigen, welcher, weil so schwer bepackt, ihr Mißfallen erregte, wenn er ihnen sagt: „Ich komme von Antwerpen.“




Das amerikanische Hôtel.


In unseren Tagen der vervollkommneten, vervielfachten und verwohlfeilten Communicationsmittel, die Raum und Zeit von Woche zu Woche mehr verschwinden machen und wie die meisten anderen Genüsse und Vortheile, so auch das Reisen demokratisiren, reist, kurz und rund gesagt, eben Jedermann und alle Welt, so daß wir unablässig eine völlige Völkerwanderung im Gange sehen. Eine unmittelbare Folge dieser massenhaften Locomotion sind unsere modernen Hôtels, jene Monstre-Anstalten, wie sie sowohl in unseren großen Städten, als an den sonstigen Centren und Knotenpunkten des Fremdenzuges tagtäglich in steigenden Dimensionen in die Höhe schießen, Etablissements, wo, in Casernenmanier, immer gleich Hunderte, ja Tausende von Gästen auf einmal beherbergt, verpflegt und mit allem uns zur Unentbehrlichkeit gewordenen Luxus unserer Zeit umgeben werden können. In Paris und London, am Rhein und in der Schweiz, in Berlin[1] und Wien entstehen alljährlich neue dergleichen Riesenherbergen, eine durch Ausdehnung und Organisation bewundernswerther als die andere, die gewaltigsten Ungeheuer von Hôtels aber erwachsen auf dem Boden der Vereinigtem Staaten von Amerika, dem Lande, in welchem die sich Tag ein Tag aus auf der Reise befindende Menschheit augenblicklich wohl die höchsten Ziffern erreicht.

Dem Wesen der Sache nach sind unsere derzeitigen Hôtels im Allgemeinen kosmopolitischen Schlages, indeß zeigte sich das Gepräge ihrer Nationalität doch bei keinem durchaus verwischt. Am meisten national stellt sich wohl noch das amerikanische Hôtel dar; seine Eigenthümlichkeiten, Vorzüge wie Gebrechen, entspringen den Charakterzügen des Volkes, für welches es errichtet und gehalten wird. Der Amerikaner ist ein vorzugsweise geselliges Thier: er liebt den Haufen und lebt am liebsten in einem solchen. Selbst geboren wird er gleichsam in Gesellschaft, denn die Aerzte versichern uns, daß in den Vereinigten Staaten Zwillingsgeburten häufiger sind als anderwärts. In Haufen besucht er die öffentlichen Schulen und wohnt haufenweise in den höheren Bildungsinstituten zusammen. In Haufen fährt er auf Eisenbahnen und Dampfschiffen, welche stets bis zum Uebermaße mit Menschen vollgepfropft sind, und findet an nichts größere Freude als an Monstre-Versammlungen. Endlich stirbt er selbst en masse, denn nirgends auf der Erde tödten unglückliche Katastrophen mehr Menschen zu gleicher Zeit, seien es nun Eisenbahnunfälle oder Kesselexplosionen auf den Dampfschiffen.

[170] Dieselbe gesellige Tendenz bewirkt es, daß er auch im Hôtel massenweise zusammen hausen will. Kein Gasthof ist in seinen Augen ein „gutes Hôtel“, der seine Gäste nicht nach Tausenden oder mindestens nach Hunderten zählt und ihm nicht eine Reihe prachtvoll möblirter Zimmer darzubieten vermag, in denen er eine große Zahl von Freunden und Bekannten empfangen und seine Frau oder Tochter ihre umfängliche Garderobe vor einer kritischen Menge entfalten kann. Nimmermehr würde er es für möglich halten, daß die stille Thorfahrt eines europäischen Hôtels, in dessen Vorhalle sich kein anderes Wesen erblicken läßt als ein stattlicher Portier mit Dreimaster und silberbeknauftem Gigantenstocke, zu einem Hôtel „erster Classe“ führen könne. Den ganzen Tag in seinem Zimmer sitzen zu müssen, wäre ihm unerträglich, und der Gedanke, mit seiner Familie allein in einem gemächlichen abgesonderten Gemache speisen zu sollen, lächerlich und verächtlich zumal. Er verlangt vielmehr, daß er, sowie er nur das Hôtel betritt, auf einen Schwarm rauchender und spuckender Männer stößt, der sich in dem weiten Vestibul auf und ab bewegt, bis auf die Straße hinaus ergießt und die Treppe überfluthet und durch den er sich gewaltsam Bahn brechen muß, wenn er bis zu dem Comptoirtische vordringen will, hinter welchem in gelassener Haltung das Individuum steht, das während seines Verweilens im Hôtel sein unumschränkter Gebieter ist.

Wehe ihm, wenn er sich nicht vorher telegraphisch Zimmer bestellt hat! Einer kühlen Abweisung ist er dann sicher, oder höchstens weist man ihm widerstrebend ein Zimmer im siebenten oder achten Stockwerke an, das er mit verschiedenen anderen Gästen zu theilen hat. Gegen den letztern Umstand hat er in der Regel nichts einzuwenden, denn der Amerikaner trägt kein Bedenken, auch en masse zu schlafen, ja gar mancher Gast begehrt ausdrücklich, nicht nur in das nämliche Zimmer, nein, selbst in das nämliche Bett mit Anderen quartiert zu werden. Hat doch ein bekannter Präsident der Union einst sein Bett mit einem renommirten Staatsmanne getheilt und ihre gemeinschaftlichen Berathungen während der Nacht nachmals veröffentlicht!

In dieser Zimmervertheilung liegt ein wesentlicher Mißstand der amerikanischen Hôtels. Die Zimmer haben nämlich sammt und sonders den gleichen Preis, ob sie in der ersten Etage liegen und glänzend ausgestattet sind, oder sich unter dem Dache befinden und nichts weiter enthalten, als Bett, Waschtisch und Stuhl. So kommt es, daß es ausschließlich Sache des Zufalls, oft auch der Parteilichkeit ist, in welchen Räumlichkeiten der arme Reisende untergebracht wird. Jederzeit hat sich der Amerikaner durch seine ritterliche Galanterie gegen Damen, das heißt in seiner Sprache, gegen alle weißen, anständig gekleideten weiblichen Wesen ausgezeichnet, der Gentleman dagegen ist ihm durchgängig noch ein mythischer Begriff. Zwar die Tage sind glücklicher Weise vorüber, wo man es für bedenklich erachtete, bei der Table d’hôte der Damen auch Männern Zutritt zu gewähren, und das Vorrecht, an dieser Tafel mit speisen zu dürfen, noch besonders bezahlt werden mußte, allein in den Augen des Hôteliers oder seines Geschäftsführers ist ein Mann eben ein Mann, und wenn er nicht so glücklich ist, den einen oder den andern der hohen Gebieter zu kennen und ihm über das Büffet hinüber die Hand schütteln zu dürfen, so müssen gebildete Fremde sonder Widerrede mit dem sonntäglich aufgeputzten Handwerksgesellen oder, schlimmer, mit dem wüsten Spieler von Profession, der selten in einem amerikanischen Hôtel fehlt, eines Weges wandeln und zusammen campiren, wo möglich in Einem Bette schlafen. Bittet er nun ein Zimmer für sich allein, so sieht man ihn mit erstaunten Augen an und antwortet ihm mürrisch, das Haus sei voll, und bei dem wunderbaren Verkehr, der fortwährend die großen Straßen des Landes belebt, ist diese Antwort meist keine Ausflucht und gewöhnlich auch jeder Gang, jeder Corridor, jeder Vorsaal des Hauses mit einer Menge von Betten und Schlafeinrichtungen besetzt.

Seine Lust an Gesellschaft und dem mit dieser nothwendig verbundenen Lärm und Spectakel zeigt der Amerikaner vorzugsweise auch bei den verschiedenen Mahlzeiten. Wenn er nicht ein fürchterliches Geräusch, ein mächtiges Schwirren und Brausen um sich hört und sich dadurch beruhigt fühlt, daß er nicht allein, daß er vielmehr das Glied eines großen Ganzen ist, vermag er sich selbst am Ueberfluß der vortrefflichsten Schüsseln nicht zu letzen, wie solche das gute amerikanische Hôtel ohne Ausnahme liefert. Groß ist die Consternation des mit den Landesbräuchen unbekannten Fremden, der bescheiden den Wunsch ausspricht, zu einer bestimmten ihm gewohnten Stunde speisen zu wollen, noch größer die Bestürzung des armen Reisenden, welcher, müde und erschöpft nach einer langen Fahrt, auf der er nichts zu essen und zu trinken fand, zu einer Zeit im Hôtel eintrifft, wo das gemeinschaftliche Diner oder Souper eben beendet ist, wenn sie die peremptorische Mittheilung empfangen, daß die Thüren des ersehnten Speisesaals sich erst nach so und so vielen Stunden wieder aufthun werden! Der Gast eines amerikanischen Hôtels kann nicht frühstücken, wann er will, noch zu Mittag essen, wann und wie es mit seinen Geschäften und Neigungen übereinstimmt, einem Sclaven gleich ist er an einen Tyrannen gefesselt, der nach seiner Laune und Bequemlichkeit durch eine barbarische Handtrommel oder durch ein mark- und beinerschütterndes Donnern an der Fremdenthür den Beginn der Mahlzeiten verkünden läßt. Und wehe dem Unglücklichen von Neuem, wenn er in seiner Unschuld die Hoffnung hegen sollte, sich den Platz am Tische selber auswählen, sich neben etwaige Freunde und Bekannte setzen zu können! Ein gestrenger Herr wartet seiner, sowie er eintrifft, und überweist ihn mittels einer majestätischen Handbewegung einem andern Beamten, der ihm erst seinen Sitz bestimmt und sofort wieder verschwindet, ganz unbekümmert um die berechtigten Wünsche des Reisenden, nicht der gefährlichen Zugluft der Thür oder dem blendenden Lichte der Fenster ausgesetzt sein zu wollen. Die Geduld des Amerikaners bleibt auch hierbei bewundernswürdig. Er kommt in den Saal, nimmt den ihm zugetheilten Platz ein, wartet gleichmüthig das Signal seines Tyrannen ab und ißt unter zehn sicher neun Male, was sein sogenannter Diener hinter dem Stuhle ihm als Mittags- oder Abendbrod gnädigst decretirt. Seufzt er über diese Despotie, so wird der Diener mürrisch, erklärt, daß die gewünschten Schüsseln bereits vergriffen seien, und überläßt ihn ohne Weiteres seinem Schicksal, das heißt ohne Speise und Trank.

Schließlich erscheint der quart d’heure de Rabelais oder, wie wir Deutschen sagen, der Augenblick, wo wir „zuletzt zusammenkommen“. In keinem amerikanischen Hôtel wird dem Gaste die Rechnung auf sein Zimmer gebracht, er vielmehr beordert, sich vor einer Oeffnung in einem gewissen umgitterten Käfig zu präsentiren und hier seinen Namen und die Nummer seines Zimmers anzugeben. In wenigen Minuten ist die Rechnung ausgeschrieben, in runder Summe sonder Verzeichnung der einzelnen Posten, und man erwartet, daß der Fremde den geforderten Betrag bezahlt, ohne nach den Details zu fragen. Da für Kost und Logis pro Tag eine gewisse Summe festgesetzt ist und außer Wein – dessen man sich in den amerikanischen Gasthöfen indeß nur wenig bedient – nichts extra berechnet wird, so hat die gegenseitige Verständigung auch meistens keine Schwierigkeit. Doch auch hier tritt der vornehme Styl des amerikanischen Hôtels für den Reisenden in sehr empfindlicher Weise zu Tage. Auf eine Mahlzeit mehr oder weniger kommt es offenbar nicht an, und da der Tag von dem ersten Diner oder Souper zählt, welches dem Fremden nach seiner Ankunft vorgesetzt wird, so muß der scheidende Gast, der etwa um sechs Uhr Nachmittags vom Mittagstische aufsteht und kurz nach sieben Uhr abreist, unweigerlich auch den um die letztere Stunde servirten Thee mit bezahlen, da er zu dieser Zeit sich noch im Hause befand.

Für einen Vielesser hat der allgemeine Brauch, drei, vier oder fünf Dollars täglich für Wohnung und Kost in Anrechnung zu bringen, ohne Zweifel seine Vorzüge; er kann sich an fünf substantiellen Mahlzeiten erlaben, deren einfachste, Frühstück und Abendthee, allein mehr als genug der Nahrung auftischen, um einen hungrigen Handarbeiter über und über zu sättigen. Allein der minder glücklich Organisirte, dessen Appetit nicht so umfänglicher Art ist; der Reisende, welcher in der Stadt vielleicht Familienbekanntschaften besitzt und in deren Folge Gelegenheit findet, der mit Recht gerühmten amerikanischen Gastfreundschaft theilhaftig zu werden; der Kranke, dem sein Arzt eine strenge Diät vorgeschrieben hat, und der neugierige Forscher, welcher die Küche auch anderer vielgenannter Etablissements und Restaurants, in New-York etwa Delmonir oder Guy etc., erproben will – sie Alle leiden unter der Einrichtung jener normirten festen Preise, die man erlegen muß, man mag etwas im Hôtel genossen haben oder nicht. Die vornehme Dame in ihrem prachtvollen Gemache im ersten Stock und der unglückliche Gast in seinem Kämmerchen über der Dampfküche; der derbe Farmer, welcher jährlich nur einmal zur Stadt [171] kommt und sein Quantum mehr als abißt an der reichbeladenen Tafel, und das zarte Mädchen, das kaum berührt, was ihm präsentirt wird – sammt und sonders zahlen sie einen und denselben Preis.

So lange in den Vereinigten Staaten das Geld so leicht gewonnen und mit so freigebiger Hand verausgabt wird, wie jetzt, so lange wird das amerikanische Hôtelsystem sicher keine Aenderung erleiden, um so weniger, als echt republikanischen Sinnes Jedermann darauf besteht, mit den Ersten im Lande sich auf gleichem Fuße behandelt zu sehen. Zum Reisen hat der Amerikaner, der Nomade der Civilisation, immer Geld, und für dies sein Geld verlangt er auf reichen Teppichen in einer Fluth von Gas zu wandeln, von Spiegeln und Vergoldung, von kostbaren Möbeln und Geräthen umgeben zu sein und an einer Tafel zu sitzen, welche schier bricht unter der Last aller Delicatessen der Jahreszeit. Zu Hause begnügt er sich vielleicht mit Bohnen und Schweinefleisch oder mit Kohl und Wurst, und zieht seinen Rock aus, wenn er speist; sobald er aber reist, gerirt er sich als Gentleman in feinstem schwarzen Anzug, der sich in Bezug auf Speise und Trank weit wählerischer und den Dienern gegenüber viel herrischer zeigt, als der hochgebildete Herr, welcher von seinem Landsitze am Hudson oder von seiner Zuckerplantage am Mississippi zur Stadt kommt.

Uebrigens dürfen wir nicht vergessen, daß nach amerikanischen Begriffen und Anschauungen die Hôtels des Landes wirklich Muster von Vollkommenheit sind. Sie sind geräumige und luxuriöse Gebäude, oft aus weißem Marmor errichtet und immer verschwenderisch geschmückt mit architektonischer Zierrath. Weite Hallen und Vestibule mit prächtigen Treppen nach den oberen Etagen verleihen dem Ganzen einen palastartigen Anstrich, während die endlose Reihe von Zimmern einen Glanz von Ameublement entfaltet, der selbst den Habitué von Fenton’s und Mivart’s Hôtel in London und des Grand Hôtel in Paris verblüfft. Die Frühstücks- und Theezimmer strahlen von mächtigen Spiegeln und bunten Fresken, während der kolossale Speisesaal mit brillanten Ornamenten überladen ist. Die Reichlichkeit der Mahlzeiten selbst übersteigt alle europäischen Begriffe; dagegen läßt die Zubereitung der einzelnen Schüsseln nicht selten zu wünschen übrig, was kaum anders zu erwarten ist, wo zu gleicher Zeit so ungeheure Speisenmengen zubereitet werden müssen. Was aber dem Fremden stets am meisten aufzufallen pflegt, ist die förmlich schrankenlose Ueppigkeit des Desserts, welches aus zahllosen Pasteten und Kuchen aller Art und aus einer überschwänglichen Fülle der herrlichsten Früchte des Landes zu bestehen pflegt.

Das Hauptmerkmal des amerikanischen Hôtels bleibt die Vollständigkeit, mit welcher es für alle möglichen Bedürfnisse und Bequemlichkeiten seiner Gäste sorgt. Ein höchst eleganter Salon, häufig der reichst decorirte Raum des Hauses, enthält einen Schänktisch, wo eine Schaar wohlerfahrener Männer eine unendliche Mannigfaltigkeit von einfachen und complicirten Getränken verabreicht – Getränke, welche man in Europa meist nicht einmal dem Namen nach kennt – während Rauch- und Lesezimmer dicht daneben liegen und alle erdenklichen Einrichtungen und Materialien zum Briefschreiben in Hülle und Fülle und vorzüglichster Beschaffenheit vorhanden sind. Ein specielles Postbureau fehlt ebenso wenig wie eine Telegraphenexpedition, und ein gut ausgestatteter Buchladen liefert einen Ueberfluß von Zeitungen, Journalen und Büchern. Ferner giebt es ein Bureau, wo sich der Fremde mit Billets für jedwede Reise zu Lande und zu Wasser, von einem Ausflug nach der nächsten Stadt bis zu einer Fahrt auf der Pacificbahn nach dem fernen Californien, versehen kann. Fortwährend sind außerdem mehrere Commis beschäftigt, Briefe und Pakete in Empfang zu nehmen, welche für die Gäste des Hôtels anlangen und von diesen abgesandt werden, während im Vestibul immer eine ganze Schaar von Dienern sitzt, des Rufs der zahllosen Glocken und Schellenzüge des Hôtels gewärtig. Braucht der Fremde einen Barbier, so hat er sich nur in ein luxuriöses Local im Erdgeschoß des Hauses zu verfügen; Haarkräusler und sämmtliche zur Toilette gehörige Apparate und Gegenstände befinden sich in den verschiedenen Etagen. Schneider und Hutmacher, Schuhmacher und Kurzwaarenhändler haben Magazine im Hause, und so giebt es buchstäblich nichts, was ein Mensch im gewöhnlichen Laufe des Lebens braucht und was er sich nicht im Hôtel selbst beschaffen könnte.

Die innere Verwaltung des amerikanischen Hôtels endlich ist zu einem Grade von Vollkommenheit gebracht worden, der mit Recht die Verwunderung jedes Ausländers erregt, und erfordert so viel Talent und Energie, daß „die Kunst ein Hôtel zu führen“ in Amerika nachgerade gleichbedeutend geworden ist mit der Entwickelung großer administrativer Befähigung.

In Europa pflegen die meisten Gasthöfe ihre bestimmte Classe von Kunden zu haben; in Amerika ist dies, mit einigen wenigen Ausnahmen in Newyork, nicht der Fall. Hier wählt sich Jedermann sein Hôtel nach Lust und Belieben oder vielmehr das, welches gerade Mode und en vogue ist. In den großen Städten wird das zuletzt erbaute immer das fashionablere; dahin strömt Alles, um den Glanz zu bestaunen und nachher zu Hause sich rühmen zu können, daß man das prachtvolle Etablissement auch gesehen habe. Dagegen besitzen die amerikanischen Hôtels ihre eigene Art von Gästen, die Boarders oder Pensionäre. In Amerika bietet der eigene Haushalt so große Schwierigkeiten dar und ist so kostspielig, daß eine Menge von Junggesellen nicht nur, sondern auch von Familien es vorziehen, sich keinen eigenen Hausstand zu gründen, vielmehr im Hôtel zu leben. Dies geschieht hauptsächlich, weil es nahezu unmöglich ist, gute Dienstboten zu finden, und die Anforderungen derselben nachgerade bis zum Unerschwinglichen und Unerträglichen steigen. Welchen verderblichen Einfluß auf die Entwickelung eines gesunden Familienlebens dieses beständige Nomadisiren im Gasthofe hat, darüber bedarf es, namentlich für unsere deutschen Frauen und Mütter, keines Wortes und namentlich geschieht mit dieser amerikanischen Unsitte den Kindern, die dadurch der Heimath, des Elternhauses beraubt werden, das grausamste Unrecht.

Wie alle Einrichtungen der transatlantischen Republik gleich- und einförmig sind, so sind dies auch die Hôtels durch das gesammte weite Land. Von Osten nach Westen, von Norden nach Süden ist das „gute Hôtel“ in jeder Stadt genau dasselbe; dasselbe in seinen hohen Preisen, ohne Rücksicht auf den Verbrauch des Gastes, dasselbe in seiner vom Wirthe gegen den Fremden ausgeübten Tyrannei und dasselbe in der wunderbaren Menschenrasse, die sich unablässig in ihm herumdrängt. Offenbar hat der Amerikaner eine Leidenschaft, den Hôtelier zu spielen, und ein eigenthümliches Talent dafür, und was auch sonst der Fremde für Eindrücke aus den Vereinigten Staaten mit nach Hause bringen mag, sicher wird er nicht ohne Bewunderung des amerikanischen Hôtels gedenken.




Ein Tempel der Hauscultur.

Im Herbst 1828 verweilte Ludwig Börne auf der Rückreise von Hamburg einige Tage in Kassel. Er war überrascht, ja geängstigt von der damaligen Stille der schönen Stadt und ihrer herrlichen Umgebungen. Auffallend menschenverödet erschien ihm auch die berühmte Karlsaue, dieses wundervolle Stück landschaftlicher Poesie. Um zu erproben, wie groß die Einsamkeit des Parks sei, ließ Börne eines Tages beim Herausgehen dort auf einer Bank einen Sechsbätzner liegen. Als er nach drei Tagen die Aue wieder besuchte, fand er das Geldstück noch auf derselben Stelle.

Die Verwunderung über die Stille des öffentlichen Lebens, über den Mangel an heiterem, bewegtem Menschenverkehr in und um Kassel bildet einen stehenden Refrain in den älteren Schilderungen der Stadt von berühmten und unberühmten Besuchern. Sie gleiche einer spanischen Stadt, wo man gerade Siesta halte, oder einer schönen Frau, die Alles anwende, Fremde zu bezaubern, und darüber den Mann vergesse, bemerkt Demokritos-Weber, und der bekannte Aesthetiker Bouterweck, welcher eine Leidenschaft hatte, Alles mit poetischen Stichworten zu stempeln, nannte Kassel einen „Tempel des Schweigens“. Es hat freilich auch ehedem dann und wann Zeiten gegeben, während deren es in diesem Tempel eine Weile sehr rührig und laut wurde, und die Kasseler Siesta hat stellenweise äußerst lebendige Unterbrechungen erfahren; aber die Dämpfung, welche das öffentliche Leben der [172] Stadt niederhielt, gewann nach solchen Intermezzo’s immer rasch wieder die frühere Kraft, obschon gerade Kassel das Schlachtfeld abgab, auf welchem jener berühmte vieljährige politische Kampf gestritten wurde, der auf dem kleinen Kurhessen und seiner Hauptstadt so oft die Blicke Europa’s theilnehmend und erwartungsvoll ruhen ließ.

Man kann die tiefgreifende Wandelung, welche das Geschick des Hessenlandes durch den siebentägigen Krieg von 1866 erfahren hat, sich nicht einfacher veranschaulichen als durch einen Blick auf das trefflich gelungene Bild aus dem neuen Leben der Stadt Kassel, welches die Gartenlaube heute ihren Lesern vorführt. Es versetzt uns in dieselbe Karlsaue, in welcher sich für Börne’s Sechsbätzner weiland kein Finder finden wollte. Es zeigt uns Etwas, was vor dem Juli 1866 in Kassel ein Menschenalter hindurch zu den Unmöglichkeiten zählte, ein Werk des Friedens, welches, damit es in’s Leben treten konnte, den jüngsten deutschen Bruderkrieg zur unerläßlichen Vorbedingung hatte.

An Leuten, welche die Vergangenheit, auch die kläglichste, rosenfarben und die Gegenwart in um so dunkleren Tinten sehen, ist zu keiner Zeit Mangel gewesen, am wenigsten nach großen Umgestaltungen des Völker- und Staatenlebens. Was aber die gute Stadt Kassel anlangt, so wird auch der verbissenste Verehrer ihrer „guten alten Zeit“ zugestehen müssen, daß deren Zustände in Einer Hinsicht keine „erbaulichen“ waren. Nämlich im ursprünglichsten Sinne des Wortes. Auf keinem Gebiete des öffentlichen Lebens war in der kurhessischen Hauptstadt die Bewegung bis vor einigen Jahren empfindlicher gehemmt, als auf dem des Bauwesens; auf keinem Gebiete hat sie sich seit 1866 munterer entfaltet, als eben dort. Nach gewissen Krankheiten pflegt sich beim noch entwickelungsfähigen Menschen ein rapides Wachsthum einzustellen. Das heutige Kassel gleicht in diesem Betracht einem Genesenen. Es reckt und streckt sich an allen Gliedern. Hunderte von neuen Häusern sind dort in den letzten Jahren entstanden. Man sieht die Stadt gleichsam wachsen, und wer etwa eine Gegend vor ihren Thoren vier Wochen lang nicht besucht hat, der findet neue Grundmauern und Erdgeschosse an allen Ecken und Enden wie durch Zauberkunst aus der Tiefe gerufen.

Es mag mit diesem frisch erwachten Trieb zu „häuslicher Erbauung“ zusammenhängen, daß gerade in Kassel einige unternehmende Köpfe auf den Gedanken geriethen, eine Industrie- Ausstellung zu veranstalten für das „Gesammtgebiet des Hauswesens“. Eine glückliche Idee, just wegen ihrer Beschränkung, und – eine echt deutsche Idee! Ein Hausvolk werden wir Deutschen vor Anderen bleiben, wenn wir auch hoffentlich für immer aufgehört haben, ein bloßes Stubenvolk zu sein. Die Poesie des Hauses, die weltgründenden Mächte des Familienlebens sind ja bei keiner Nation so tief im Gemüthe gewurzelt, als bei der germanischen, und darum mag der Gedanke, die Zeugnisse für die staunenerregenden Fortschritte des modernen Gewerbewesens, die Schöpfungen genialen Erfindungsgeistes, die Wunder des Fleißes und der Betriebsamkeit in ihren speciellen Beziehungen zum Hausleben an Einer Stätte zu versammeln, wohl ein wahrhaft deutsch-nationaler Gedanke genannt werden.

Die Ausstellungsgegenstände zerfallen in nicht weniger als vierzehn Classen, die wir hier gerne einzeln anführen, um den Lesern der Gartenlaube einen Begriff von der Reichhaltigkeit zu geben die des Besuchers wartet, und um ihnen klar zu machen, was die Kasseler Ausstellung, an welcher sich die Fabrikanten aller Länder betheiligen können, alles unter „Hauswesen“ versteht.

Den Reigen eröffnet mit Fug und Recht das Wohnhaus selbst und der Bau des Wohnhauses; man wird hier Plänen und Modellen von Wohngebäuden und Hausgärten, Constructionstheilen und Decorationsgegenständen begegnen, Tapeten und Parquetböden Badeapparaten und Haustelegraphen etc. Hieran schließen sich Hof und Stall mit dem Hausgarten, Brunnen, Zäunen, Zelten, Lauben, Pavillons, Gartenmöbel und Gartenornamente, Gartengeräthe, Fontainen etc. Dann folgt die Küche mit all ihren Apparaten und Geräthen aus Thon, Porcellan, Holz, Stroh, Eisen etc., und von ihr führt der Weg zum Salon, zum Wohn-, Kinder-, Speise-, Schlaf- und Badezimmer. Wir finden hier Alles, was zur bescheidensten und zur luxuriösesten „Einrichtung“ gehört, Möbel, Möbelstoffe, Spiegel, Gardinen, Standuhren, Teppiche, Stickereien Photographien, Pianofortes, Kinderspielzeuge etc. und fassen dann die Haushaltungsgeräthe aus edeln Metallen und Compositionen in’s Auge, wie Tafelaufsätze, Tafelbestecke, Becher, Fruchtschalen und dergleichen. Die Abtheilung Kleider und Wäsche enthält Stoffe und Fabrikate aus Leinen, Baumwolle, Flachs, Hanf, Seide, Tuch, Sammt, Papier, Stroh, Filz, Leder, Wachstuch etc., während die Schmucksachen und Reiseutensilien auch das verwöhnteste Verlangen befriedigen werden. An die Gegenstände des täglichen Gebrauches – wie Schwämme, Seife, Parfümerien, Necessaires, Briefmappen, Portemonnaies, Rauchutensilien etc. – reihen sich Beleuchtungswesen und Heizungsapparate, Reinigungswesen (Apparate und Utensilien zum Waschen, Bleichen, Plätten, Trocknen von Wäsche, sowie der Hausrath zum Reinigen) und sonstige zur Ausstattung des Hauses gehörige Gegenstände und Maschinen, als Thermometer, Barometer, Spieldosen, Nähmaschinen, Geldschränke etc., den Schluß der langen Reihe aber bilden mit Recht die Nahrungsmittel, worunter alle Fabrikate von Mehl, Kartoffeln, Gerste, Trauben, Raps, Chocolade, Zucker, dann conservirtes Fleisch, Gemüse, Früchte etc. begriffen sind.

Nichts begreiflicher, als daß die Kasseler Industrie-Ausstellung, welche am 1. Juni 1870 eröffnet werden soll, im weiten deutschen Vaterland eine Theilnahme gefunden hat, welche selbst die kühnsten Hoffnungen der Unternehmer übertreffen mußte. Auch das Ausland brachte dem schönen Plane das regste Interesse entgegen. Um Mitte Februar waren die Ausstellungsräume bis auf den letzten Platz vergeben. Die Mannigfaltigkeit und der Werth der angemeldeten Gegenstände stellen den Besuchern eine großartige Fülle von Belehrung und Genuß, den Ausstellern lohnendste Anerkennung und vor Allem auch, was bei derartigen Veranstaltungen ja die ideelle Hauptsache bleibt, dem industriellen Leben selbst reichste Förderung in Aussicht.

Schwerlich dürfte eine andere deutsche Stadt günstigere Bedingungen für ein solches Unternehmen bieten. Die Reize der Umgebungen Kassels, die weltberühmten Schönheiten der nahen Wilhelmshöhe, die kostbaren Besitzthümer der Kunstsammlungen der Stadt – bekanntlich enthält die Kasseler Bildergallerie einen ganz großartigen Reichthum an Meisterwerken höchsten Ranges, besonders aus der niederländischen Schule – haben von jeher alljährlich viele Tausende von Besuchern nach Kassel geführt. Die Anziehungskraft der Industrie-Ausstellung muß die regelmäßige Zahl dieser Gäste um ein Enormes steigern, zumal die Unternehmer mit unermüdlicher Thatkraft und bestem Erfolge bemüht sind, zu den vorhandenen Anziehungspunkten neue, künstlerische etc. für die Ausstellungszeit heranzuziehen.

Der Ausstellungsplatz in der Karlsaue ist mit glücklichstem Tact gewählt. An das Orangerieschloß, welches auf der vorliegenden Zeichnung die Gebäudefront zur Rechten bildet und dessen großartige Räume theils für eigentliche Ausstellungszwecke, theils für Concerte etc. bestimmt sind, schließen sich die übrigen Ausstellungsgebäude, von prächtigen Alleen umkränzt, in imposanter Ausdehnung gegen Osten hin an. Wer in den ersten Monaten dieses Jahres die Kasseler Aue besuchte und, vor den trotz der Winterkälte rasch emporwachsenden Ausstellungsräumen stehend, seine Blicke umherschweifen ließ, den mußten eigenthümliche Gedanken erfassen. Während unmittelbar vor seinen Augen der hölzerne Industriepalast im Werden war, wurde drüben auf der östlichen Höhe, einige hundert Schritte entfernt, ein Zerstörungswerk vollzogen. Hier ein Bau im Entstehen begriffen, dessen körperliche Dauer nur für wenige Monate berechnet ist, dessen Zwecke aber weit hinaus in die Zukunft reichen und nicht unerfüllt bleiben werden; dort ein Palast-Torso, der für Jahrtausende gegründet schien, nach halbhundertjährigem Dasein im Verschinden. Es ist die kolossale Ruine der Kattenburg, welche dort abgetragen wird, daß kein Stein auf dem andern bleibt. An der Stätte dieses Riesenbaues haben seit den Tagen Heinrich’s des Kindes von Brabant die hessischen Fürsten ihren Wohnsitz gehabt. Dann, nachdem das alte Landgrafenschloß (und mit ihm beinahe sein damaliger Bewohner, König Jerome von Westphalen) im November 1811 ein Raub gefräßiger Flammen geworden war, begann Kurfürst Wilhelm der Erste mit ungeheuren Kosten jenen Kolossalbau, den sein Sohn und sein Enkel zur Ruine werden ließen und der nun den Forderungen einer Zeit weichen muß, welche für keine Romantik und für keine Ruinen dieser Art mehr Raum hat.

Auch von anderer Seite her umgeistern den Betrachter des Ausstellungsgebäudes Erinnerungen mannigfaltiger Art aus althessischen Tagen. Das Orangerieschloß selbst, das aus langem

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Die Gartenlaube (1870) b 173.jpg

Vor dem Ausstellungsgebäude in der Karlsaue bei Kassel.

[174] trostlosen Verfall nun zu Zwecken, denen es ehedem unendlich fern war, erneuert wird, mahnt unter Anderem an jenes siebenjährige Märchen, während dessen der Faschingsjubel des Königs „Morken wieder lustik“ die Straßen der Stadt Kassel und die sonst so stillen Baumgänge der Aue und Wilhelmshöhe erfüllte, um dann, ebenso plötzlich wie er gekommen, gleich einem Walpurgis-Nachtspuk vom Schauplatz zu verschwinden, als der (gallische) Hahn geschrieen hatte, nämlich unter den Schlägen, die ihn in der Leipziger Ebene auf den hochgeschwollenen Kamm trafen. In dem Orangerieschloß nahm König Jérome am Neujahrstag 1808 die Huldigung der westphälischen Reichsstände entgegen und ließ sich bei dieser Gelegenheit eine Rede vortragen, bei deren elenden Kämmerlingsphrasen er selbst hätte erröthen müssen, wenn dazu seine aus Sanct Domingo gelb gebrannten Wangen noch im Stande gewesen wären. Diese Rede stammte aus der Feder eines Mannes, der viel von der Freiheit geschrieben und wenig für die Freiheit gelebt hat: des großen Gelehrten und kleinen Menschen Johannes von Müller. In den prächtigen Parkanlagen der Karlsaue erlustigte zuweilen der kleinste unter den Napoleoniden seine Hofdamen und sonstigen Freundinnen mit dem echt weiblichen Vergnügen einer Parforcejagd, für welche Hirsche und Sauen, im Reinhardswald gefangen, zu Wagen in die Aue geschafft wurden. Die Kasseler Tradition fabelt auch, daß im nördlichen Nebenpavillon des Schlosses, in dem berühmten „Marmorbad“, welches Stephan Monnot’s Meißel mit classischen Gestalten erfüllte, der westphälische Landesvater seinen durch Ausschweifungen entnervten Leib in Bädern von Rothwein gestärkt habe, der dann um Billiges an seine armen Kasseler Landeskinder verkauft sein soll.

Vom Mittelbau der Orangerie aus schweift der Blick über die herrlichen Baumgänge der Aue. Kassels Parkumgebungen sind besonders ausgezeichnet durch die wundervolle Gesundheit und Schönheit ihrer Baumgestalten. Als Ernst Koch, der viel umhergetriebene Verfasser des „Prinz Rosa Stramin“, dieses außerhalb Kurhessen zu wenig bekannt gewordenen köstlichen Erzeugnisses echtestem Humors, die Heimath vor Jahren einmal wieder besuchte und mit dem Schreiber dieser Zeilen einen Erinnerungsgang durch die Aue machte, sagte er in seiner unvergleichlichen treuherzig schalkhaften Weise: „Von allen Schlägen, die ich im Leben kennen gelernt, sind und bleiben mir doch die liebsten die Kasseler ‚Baumschläge‘.“

Der Name Ernst Koch’s ruft eine Reihe von anderen Namen ausgezeichneter Männer in’s Gedächtniß, welche weiland in den Prachtalleen, um die stillen Weiher und unter den mächtigen Rothbuchen und Steineichen in der Karlsaue lustgewandelt sind. Außer dem schon genannten Johannes von Müller, Georg Forster, der „Naturforscher des Volkes“, der lustige Knigge, der hier auf einsamen Wegen manchen Gedankem zu seinem „Umgang mit Menschen“ gesammelt haben mag, der langfingerige Erich Raspe, dem wir Münchhausen’s unsterbliches Lügenbuch verdanken; aus späteren Tagen Ludwig Spohr, der edle Tonmeister, Franz Dingelstedt, der in weltschmerzlichen Träumereien die berühmten Fortschrittsbeine oft bewegt hat, und Andere mehr.

Von der Höhe gen Westen grüßt zum Ausstellungsgebäude herab aus der Bellevuestraße das Haus, in welchem die Brüder Grimm einen Theil ihrer großen Wissenschaftsthaten vollbracht haben und in welchem unter Anderm auch der Plan zu ihrem deutschen Wörterbuche, diesem unvergleichlichen Nationalwerke, festgestellt und in Angriff genommen worden ist.

So drängen sich in bunter Reihe Gestalten, Schatten und Lichter aus vergangenen Zeiten heran an den sinnenden Besucher der Karlsaue. Nicht lange aber, so wird hier die Gegenwart so gebieterisch lebendig und fesselnd ihre Rechte geltend machen, daß das Ernste daneben nur mit Mühe Gedankenraum behalten mag. Noch wenige Monate und die Wallfahrt aus Nähe und Ferne beginnt zu der Stätte des großartigen Wettkampfes um die Palme des Kunstfleißes und der gewerblichen Erfindungsgabe, zu den Hallen, wo ein olympisches Spiel vor sich gehen wird, wie es dem Genius des neunzehnten Jahrhunderts behagt. Da wird zu schauen sein in mustergültigen Werken, was in’s Haus und zum Hause gehört, was dem Bedürfniß der Nothdurft und was dem üppigsten Schmucke des Ueberflusses dient, was der Mensch zum Schutze gegen Wind und Wetter, zur treulichen Auskleidung seiner Heimstätte bedarf, Schönes und Zweckmäßiges, Nöthiges und Ueberflüssiges. Die Hausfrau und Mutter für Küche und Keller, für Salon und Kinderstube, der Gelehrte für seine Wissenschafts-, der Geschäftsmann für seine Geldwerkstatt, der Rentier und der Arbeiter, vor Allen auch die Braut, die sich das häusliche Nestlein behaglich ausbauen will – sie Alle werden in der Karlsaue zu Kassel finden können, was ihr Sinn begehrt und ihr Geldbeutel erlaubt. Auch Wiege und Grab, das erste und das letzte enge Haus des sterblichen Menschen, haben ihre Vertretung in den weiten Räumen der Ausstellung „für’s Haus“. Kommet und schauet! Gußstahlkanonen und sonstige Mordwerkzeuge trefft ihr zwar nicht an, wohl aber Alles, was zur friedlichen Ausstattung des heimischen Heerdes und seiner Umgebung nützlich und erfreulich ist.

Die Gartenlaube wird die Kunde von diesem Friedenswerke auch in die weite Ferne, über den Ocean tragen zu den vielen Söhnen des Hessenlandes, welche unter fremdem Himmel wohnen. Sie werden mit wehmüthigen Heimathgedanken das Bild in diesen Blättern betrachten, aber freuen werden sie sich doch an dem Zeugniß des neuen Lebens in der alten Fuldastadt, welches ihnen aus diesem Bilde entgegentritt. Seid mir gegrüßt!




Vom deutschen „Cantor-Fritz“ in Ungarn.

Der Dorfschulmeister hatte seine Augen zum letzten Schlummer geschlossen. Die alte Wittwe mit ihrem zwölfjährigen Jungen mußte heraus. Sie zog also über eine torfschwarzstaubige Straße und eine hohe Brücke in die benachbarte Schul- und Universitätsstadt. Einige Möbels und Kleidungsstücke, der helläugige, schwarzhaarige Junge und Aussicht auf sechszig Thaler – jährlichen Wittwengehalt – damit rüstete sie ein kleines Zimmer unweit der Franke’schen Stiftungen in Halle und ihre Hoffnungen für die Zukunft aus. Mit Hülfe des Vormundes fand der Knabe Aufnahme in der Bürgerschule des Waisenhauses. Aber bald hieß es: der dumme Dorfjunge sollte lieber ein Handwerk lernen. Er läuft zum braven „Alten“, dem ehrwürdig-weißhaarigen Director der Franke’schen Stiftungen Diek, der ihn nach kurzer Prüfung in die letzte Classe der lateinischen Schule aufnimmt. Von da rückt er, der Tolpatsch, mit uns anderen dummen Jungen und unseren dummen Streichen bis nach Quinta, wo wir in der Geschichte von Preußens Noth unter Napoleon hören und für dessen Ermordung mit Dolchen im Gewande eine Verschwörung stiften, sie gründlich vorbereiten und am Vorabende der Ausführung endlich noch erfahren, daß er sehr weit weg wohne und außerdem schon längst todt sei.

Unser „Cantorfritz“ war nun um so fleißiger und sparte sehr oft seine Frühstücksdreier, um sich Bücher dafür zu kaufen. Freilich waren einige so dick und theuer, daß er sie sich Tage und Nächte lang borgte und abschrieb. Er wollte durchaus „studiren“; aber bei den sechszig Thalern Wittwengehalt erschien dies unmöglich. Der Vormund wollte also einen Dorfschulmeister aus ihm machen und nahm ihn aus Secunda zu einem frommen Geistlichen, dem er aber bald wieder entlief, um auf eigene Faust und nach eigenem Kopfe zu studiren. Dies that er auch redlich bei der Mutter zu Hause, nachdem er sie jeden Morgen angekleidet, gekämmt und gewaschen, für das Mittagsessen eingeholt und den Topf zum Kochen gebracht hatte; denn die arme gelähmte Mutter war endlich ganz hülflos geworden. Sehr oft legte er den Horaz, Sophokles oder Plato weg, um Strümpfe zu stopfen oder Hemden zu flicken. Endlich saß er eines Nachts allein neben der sterbenden Mutter, entsetzte sich über ihre Todeskämpfe und trug dann die Leiche in’s Nebenzimmer. – Lebte, studirte, kochte und wirthschaftete dann zwei Jahre allein, meldete sich bei Niemeyer, dem er zwei Foliobände Gedichte vorlegte, am königlichen Pädagogium zum Abiturientenexamen und erhielt gerade im Hebräischen, das er durchaus ohne Lehrer gelernt, die beste Censur, erbte fünfzig Thaler und studirte damit fünf Jahre auf der Universität. Tholuck wollte einen Geistlichen, Fouqué einen Poeten oder Officier aus ihm machen; er aber zog es vor, aus sich selbst etwas ganz Anderes zu machen. Doch seien wir auch dankbar für die dreißiger [175] Jahre in Halle mit Tholuck und Wegscheider, Ruge und Leo, Diesterweg, Fouqué und den Hallischen Jahrbüchern, Schweigger und Schaller, Erdmann und Hinrichs, der Werdelust des Hallischen Dichterbundes und den Freitischen à drei Silbergroschen. Welch’ eine bewegte, gegensatzvolle Zeit wirkte auf uns ein! Wir hatten nicht viel zu beißen und zu brocken, am wenigsten Cantorfritz, und doch schwelgten wir in beseligenden Genüssen, und doch dachten wir, von diesen Gegensätzen zerrissen, oft über die dramatischste Art des Selbstmordes nach.

Der schon damals alte Tholuck, jetzt noch immer jung, entführte uns durch seine Predigten in erhabene Wonneschauer des Glaubens, und der blonde, ruchlose Ruge zertrümmerte vom Katheder herab, besonders aber durch die Donner und Blitze der Halle’schen Jahrbücher, nicht nur alle Satzungen des Glaubens, sondern auch die Säulen alter heiliger Wissenschaftstempel. Der kleine gelbe Leo im blauen Leibrock mit gelben Knöpfen hatte Wuthgischt vor dem Munde, wenn er gegen den modernen „Aufkläricht“ und dessen „scrophulöses Gesindel“ mit anstoßender, zischender Zunge vom Katheder herabwetterte und uns einen Theil seiner giftigen Broschüren gegen Diesterweg oder Ruge zu kosten gab. Wir machten dann wohl Spottverse auf ihn und trommelten ihn aus, aber dann horchten wir wieder ehrfurchtsvoll seinen begeisterten Schilderungen des romantischen Mittelalters und saßen hernach reuig und mit neuen, poetischen gläubigen Schauern vor dem weißschnurbärtigen, kindlichen Undinendichter, der uns mit süßester dünner Stimme in die Geheimnisse und Wunder dichterischer, religiöser und politischer Romantik einweihete. Wie glückselig und sicher fühlte sich der edle, kindliche, oft beinahe kindische Greis in seinem rührenden Glauben an den Sieg der damaligen spanischen Carlisten, an einen allmächtigen, gütigen Gott, Auferstehung des Fleisches mit Haut und Haar für eine ewige Seligkeit durch den Erlöser, an einen unfehlbaren, absoluten König und die herrlichen Wesen der Phantasie, welche wohlthätig, beglückend und segnend zwischen Himmel und Erde gleiten und fliegen, um hier eine mühselige und beladene Seele zu trösten oder in den Himmel zu führen, oder ein dichterisches Herz mit gottbegnadeten Versen zu beglücken! O welche scharfe, scheinbar alle in sich berechtigte und richtige Gegensätze des geistigen Lebens wirkten auf uns ein und gährten den Most jugendlichen Wissensdranges in uns auf! Einige wurden allerdings wahnsinnig oder Selbstmörder, aber der „Cantorfritz“ kam herrlich durch. Von ihm hieß es:

„Der Most, der gährend sich vom Schaum geläutert,
Er wird zum Trank, der Geist und Sinn erheitert.“

Nur mußte ihn später ein erschütterndes Ereigniß an diese Tage des tragischen Geisteskampfes erinnern, dem ein blühender, talentvoller Sohn nicht gewachsen war, so daß er ihn eines Tages mit eigner Hand erschossen fand.

Wir wollen die fünf Studentenjahre als durchstudirt, durchfroren, durchhungert, erst mit Tholuck, dann mit Fouqué zerfallen, von Leo mit einer durchgefallenen Candidatur bedroht, als vollendet ansehen. Er wurde erst Hülfs-, dann wirklicher Lehrer an der Realschule und heirathete mit hundertsechszig Thalern Gehalt ein schönes lockenhaariges Mädchen aus Leipzig, welches zwanzig Silbergroschen zur Begründung der Wirthschaft erhielt, gab Tag und Nacht Privatstunden, nahm Pensionäre, schrieb für Journale und erschien später auch in der Gartenlaube, gründete dann selbst Zeitschriften für pädagogische Reform, und zwar gleich drei auf einmal, studirte alle möglichen Wissenschaften und kaufte in einem Jahre bei einem auf vierhundert Thaler gestiegenen Gehalte für achthundert Thaler Bücher und schrieb seitdem bis jetzt selbst über fünfzig Bände naturwissenschaftlichen, culturgeschichtlichen und besonders segensreich schul- und erziehungsreformatorischen Inhaltes. Das Honorar dafür verwandte er zur Anschaffung einer Bibliothek, die bereits bis viel über fünftausend Bände ausgewähltester Literatur anwuchs.

Im Jahre 1848 finden wir ihn in Halle als Redacteur von vier Blättern, Bürgerwehrhauptmann, Director eines Handwerkerbildungsvereins, angebetet, verhetzt und verklatscht, verfolgt und verhaftet, endlich vom Magistrat für den Handwerkerverein mit zweihundert Thalern jährlich unterstützt, alle Abende unterrichtend, leitend, anregend, bildend, an der Spitze von Ausflügen, Bällen, Concerten und überhaupt so wirksam, daß der Verein noch jetzt in seinem Geiste blüht und gedeiht. Später predigt, tauft, traut und beerdigt er mit Vollbart und Oberrock ohne Priestermantel als Geistlicher der Freien Gemeinde und lehrt und predigt im Harze und in Thüringen als Apostel. Nach einem Jahre verbietet das Schulcollegium das Wanderpredigen.

Zwei Städte wählten ihn zum Director für ihre Schulen. Doch versagt die Regierung Bestätigung. Unter der Bedingung, daß er den Bart abschneide und sich dafür gute Gesinnung wachsen lasse, wird er in eine Hansestadt berufen; aber da er weder das Eine abschneiden noch das Andere wachsen lassen will, nimmt man die Wahl zurück. Eine Berufung nach Thüringen zerschlägt sich, weil der Landtag nicht zweihundert Thaler für die Stelle bewilligen will. Endlich folgt er mit schwerem Herzen einem Rufe in’s Ausland, nach Pest. Der Deutsche litt in Ungarn am Heimweh und an der Vertreibungssucht fanatischer Magyaren, kam verschiedene Male herauf und herunter und erarbeitete sich endlich durch ehrliche, edle Ausdauer, richtiges, festes Wollen und Wirken die sicherste, weithin segensreiche Wirksamkeit als Director der Handelsakademie, in welcher sich unter seiner energischen Leitung nach langem Kampfe deutsche und ungarische Cultur in gegenseitiger Förderung herrlich vertragen. Er gründete den geachteten „Deutschen Verein“ in Pest, eine Liedertafel und allerhand wissenschaftliche und Kunstvereinigungen. Nach fünfjährigem Vorsitze im Deutschen Verein dankte er halb mit Gewalt ab und ward während seiner Abwesenheit in Wien dafür zum Ehrenpräsidenten gewählt. In einem Gesellenvereine verbesserte er die Statuten dahin, daß nicht mehr Geistliche die Culturentwickelung hindern können. Ehemalige Schüler von ihm aus der Handelsakademie riefen den kaufmännischen Verein „Mercur“ in’s Leben, um sich literarisch und praktisch fortzubilden. Auf dem österreichischen Lehrertage wirkte er als erster Vicepräsident sieg- und segensreich gegen schulverderbliche Anträge. Welche Mittel ihm dabei zu Gebote standen, das wird wohl sein jetzt erscheinender oder erschienener einundfünfzigster Band, „Pädagogik auf physiologischer und culturgeschichtlicher Grundlage“, bekunden, und daß er dergleichen Grundsätze geltend zu machen und praktisch auszuführen versteht, beweist die Thatsache, daß er in seiner Handelsakademie und anderen Bildungsanstalten, die er theils wirklich, theils moralisch leitet, den Religionsunterricht strich: Die Religion gehört nicht in die Schulen, welche wissenschaftlich und praktisch für das Leben tüchtige, thatkräftige Jünglinge auszurüsten berufen sind, sondern in das Kämmerlein, in das Herz und Haus, in die Kirche und das Gefühlsleben.

Außer der Handelsakademie leitet der ehemalige Cantorfritz Friedrich Körner auch die kaufmännische Sonntagsschule, die er seit dem Herbst des vorigen Jahres in Statuten, Disciplin, Lehrmethode etc. so gründlich und mit solchem Beifall umgestaltete, daß die Schülerzahl von dreihundertneunundachtzig auf fünfhundertdreiundzwanzig stieg. Dazu kommt vom April dieses Jahres an eine besondere Schule für Commis mit großem Hause und Pensionat als unerläßliche Zuthat zu der Handelsakademie.

Unser Friedrich Körner aus Nietleben bei Halle ist lebenslänglicher Director dieser Handelsakademie, aber auch deren eigentlicher Schöpfer und Erzieher zu der Musteranstalt, als welche sie nach langem Kampfe nun weit und breit anerkannt wird. Die Handelsschule in Prag (1856) veranlaßte die beiden Handelsgremien von Pest im folgenden Jahre zur Begründung einer Handelsakademie; doch mußte der Director bald als unbrauchbar abtreten. Ein folgender wurde ebenfalls nach kurzer Zeit wieder entlassen und Körner dafür berufen. Minister Thun beanstandete die Wahl dieses Protestanten, bestätigte sie aber nach zwei Jahren. Seit 1861 ist Körner lebenslänglicher Director. Er begann mit einer gründlichen Umwandlung des Lehrplanes, der Disciplin, der Methode, der Gegenstände, der Stundenzahl, des ganzen Wesens und Waltens, anfänglich unter mancherlei Feindseligkeiten, aber endlich anerkannt und geehrt durch ganz Ungarn. Die Schülerzahl, erst gering, nahm mit jedem Jahre zu und beträgt jetzt in der Akademie allein über dreihundertundsiebenzig. Mit jedem Jahre verbesserte, vervollkommnete er und schrieb fehlende Lehrbücher für die besonderen Zwecke einer solchen Akademie selbst, namentlich über Geographie, Handels- und Naturgeschichte in Verbindung mit Waarenkunde. Aller Notizen- und Gedächtnißkram ist verbannt, und er arbeitet mit seinen fünfzehn Professoren in jeder Wissenschaft auf lebendige, große Grundanschauungen hin, zeigt genau, wie sie im lebendigen Flusse des Lebens sich wandelnd in einander übergehen, sich entwickeln, ergänzen und einander mit Hülfe der Cultur- und Verkehrsfortschritte, der Entdeckungen und Erfindungen [176] gegenseitig fördern. Der Kaufmann wird dadurch ein praktischer Mann der Wissenschaft und gewinnt als Vermittler von Mangel und Ueberfluß zwischen den verschiedenen Völkern ein höheres, persönliches und sittliches Selbstgefühl, das herrlichste Mittel gegen Krämergeist, Philisterei und knickerigen Mammonismus.

Unermüdlich verbessernd und strebsam brachte er die Akademie endlich zu einem äußeren Glanze und einer inneren Vollkommenheit, die wir ähnlichen Anstalten nicht warm genug zu genauerer Kenntnißnahme empfehlen können. Die Professorenhonorare stiegen auf zweitausend Gulden. Schmähungen und Schmähschriften wurden zu begeisterten Anerkennungen, und ungarische Schriftsteller widmeten ihm in ihrer Sprache Bücher. Das Schulhaus wurde zu eng und er zauberte die Mittel (zweihunderttausend Gulden) zu einem neuen, größeren Tempel herbei, der sich nun auch an der schönen, breiten Donau erhebt. Die Regierung, anfangs ebenfalls feindlich, zahlt jetzt jährlich zehntausend Gulden Hülfsmittel und ertheilt den Schülern mit einem Zeugnisse der Reife das Recht zum einjährigen Freiwilligendienste. Ebenso verlegte sie die königliche Schifffahrtsschule in das Akademiegebäude und benutzte dessen Professoren.

Im Herbst vorigen Jahres wurde ihm die kaufmännische Sonntagsschule übertragen, um sie ebenfalls in seinem Geiste neu zu gestalten. Dies ist ihm bereits mit glänzendem inneren und äußeren Erfolg gelungen. Dazu kommt im April die neue Schule für Commis und bis zum October ein neues Stockwerk auf dem Schulgebäude für ein Pensionat der Handelsakademiker, moralisch und materiell für unerläßlich gehalten. Die deutsche Sprache, früher gehaßt und wenig gekannt, ist jetzt in Körner’s Anstalten neben der ungarischen die vorwaltende. Jeder Schüler muß als Ungar diese beiden gründlich und außerdem Englisch, Französisch und Italienisch lernen. In diesen fünf Sprachen wird Nationalökonomie, Wechsel- und Handelsrecht, Chemie, Physik, Technologie, Geographie mit Waarenkunde in einer so praktischen Weise gelehrt, daß die Schüler eine Fachbildung als Grundlage einer allgemeinen Geistesbildung gewinnen. Dies wird durch zweckmäßige Methode und lebendige Vereinigung des Gleichartigen, so wie durch Vermeidung alles bloßen trockenen Gedächtnißkrames mit wunderbarem Erfolge verwirklicht. Die Waarenkunde, so wichtig für den Kaufmann und sonst fast überall trocken und abgerissen besonders gelehrt, tritt bei Körner als Blüthe und Frucht der Geographie und Naturwissenschaft auf. Es wird von einem Lande, einem Thiere gesprochen; Beides vereinigt sich zu einem klaren Charakterbilde. Man sieht, wo das Thier lebt, was von ihm als Waare und wie diese in den Handel kommt, wie man sie behandelt, von wo und wohin man sie versendet. Dies nur als Beispiel.

Die Handelsakademie verwaltet und regelt sich selbst. Zwar steht Körner unter dem Handelsministerium, aber es begnügt sich mit einem jährlichen Berichte. Die Abhängigkeit von einem Comité beeinträchtigt insofern die Freiheit des Directors nicht, als er bei Verhandlungen nicht nur der Form nach, sondern auch in seinem anerkannten wissenschaftlichen und praktischen Geiste immer als Vorsitzender unbestritten anerkannt wird und bürokratische Schuriegeleien, wie sie anderswo Geist, Kraft und Wissenschaft tödten, dort unbekannte Größen sind.

„Ausdauer führt zum Ziel.“ Diese Worte hatten die Hörer der Handelsakademie schon vor mehreren Jahren unter das Portrait ihres Directors, welches sie ihm in künstlerischer Ausführung überreichten, drucken lassen. Zur Würdigung eines solchen Lebens aber gehört ein guter, ganzer Band, der auch sicherlich noch geschrieben werden wird. Jetzt mögen diese kargen Worte hinreichen, auf diesen energischen Helden einer gesunden Schul- und Geistesbildung und deutscher Cultur in Ungarn aufmerksam gemacht zu haben.
H. Beta.




Blätter und Blüthen.

Packträger, Omnibus und Schiebkarren. Es ist eine alte Erfahrung, daß die Erfinder gerade derjenigen Dinge, die wir täglich gebrauchen, und die Urheber gerade derjenigen Einrichtungen, die wir als mit uns geboren ansehen, am leichtesten vergessen werden; daß es des Scharfsinns der geistvollsten Männer bedurfte, um das eine oder das andere jener ganz gewöhnlichen Instrumente herzustellen, dessen sich heute jede Hand gedankenlos bedient und dessen Erfindung sich heute schließlich jeder Handwerker zutraute – wenn es nämlich nicht schon erfinden wäre – davon lassen sich nun gar die Wenigsten etwas träumen. Welche Stadt mit regem Verkehr und lebhaftem Gewerbebetrieb möchte heute noch das Institut der Packträger, Dienstmänner, Expreßcompagnien etc. entbehren? Keine. Wer aber erinnert sich noch Desjenigen, dessen speculativem Kopf zuerst der Gedanke entsprang, an die Straßenecken in seinem Dienst stehende Leute zu postiren und deren Arme und Beine dem Publicum für eine gewisse Entschädigung zu Gebot zu stellen? Es war niemand Geringerer als Paul Scarron, der geistreiche Komödiendichter, der liebenswürdige Verschwender, der erste Mann der nachmaligen Frau von Maintenon und Geliebten Ludwig’s des Vierzehnten, in dessen Hause sich die gewählteste Gesellschaft begegnete, und der, um seine zerrütteten Finanzen aufzubessern und seiner Frau, deren glänzende Zukunft damals noch Niemand ahnte, ein Vermögen zu hinterlassen, mitten unter den unerhörten Schmerzen eines schweren Krankenlagers jenen eines Industriellen unseres Jahrhunderts würdigen Gedanken ausheckte.

Einem Landsmann von ihm und zwar einem weit berühmteren verdanken wir ferner ein Instrument, das überall Verbreitung gefunden hat und das heute nicht der niedrigste Taglöhner entbehren möchte: es war der Mathematiker Pascal, den wahrscheinlich seine aufopfernde Liebe und Neigung zu den Armen auf den Gedanken brachte, das schwere ermüdende Tragen durch ein leichtes billiges Fahrzeug zu verdrängen. Und es glückte ihm! Der Schiebkarren hat die freundlichste Aufnahme und Verbreitung in der arbeitenden Welt gefunden. Ebenso sein Omnibus! Kein kleinerer Geist als Pascal hat das System der Gesellschaftswägen erdacht und zuerst in Paris mit Hülfe einer industriellen Brüderschaft in gelungener Weise durchgeführt, und wieder mochte ihn hierbei die Idee getrieben haben, es solle auch der Mittellose weite Strecken ohne Mühe und große Kosten zurücklegen können! Ob Pascal’s Geist noch heute über dem Pariser Omnibus schwebt oder ob das organisirende centralisirende Talent der Franzosen daran schuld ist, die Thatsache steht fest, daß das Pariser allgemeine Verkehrswesen musterhaft ist. Vom Omnibus zum Vélocipède ist kein großer Sprung und Jedermann weiß, daß auch dieser neueste Sport, der seine Reise um die Welt nunmehr schon vollendet haben wird, in unseren Tagen gleichfalls von Paris ausgegangen ist. Trotzdem war es Niemand anders als der große Newton, der im Laufe seines thatenreichen Lebens die verschiedensten Beweise von der mechanischen Fertigkeit und Geschicklichkeit seiner Hand abgelegt und schon vor zweihundert Jahren einen Wagen erfunden hat, den der darin Sitzende ohne äußere Hülfe in’s Fahren bringen konnte. Er also ist so ganz eigentlich der Vorkämpfer des Vélocipèdes.

Ein Hebel der Kunst-Industrie. Zu einem solchen sich emporzuarbeiten ist der Zweck einer illustrirten Gewerbezeitung, von welcher der vollendete siebente Jahrgang (1869) vor uns liegt, der in der That unsere bewundernde Anerkennung herausfordert. Es ist dies die „Gewerbehalle, Organ für den Fortschritt in allen Zweigen der Kunst-Industrie. Unter Mitwirkung bewährter Fachmänner redigirt von Wilhelm Bäumer, Professor der Architectur am Polytechnicum in Stuttgart, und Julius Schnorr, Zeichner. Stuttgart, Verlag von J. Engelhorn.“ Muß man leider zugeben, daß die Arbeiten des Handwerks aus ihrer allgemeinen Niederlage durch den dreißigjährigen Krieg und aus der im Laufe der nachfolgenden Zeiten immer tiefer gesunkenen Geschmacklosigkeit sich noch nicht wieder auf ihre frühere Höhe, wo sie zum Beispiel Nürnberg zu einem Schmuck von Deutschland gemacht, erhoben haben; daß die Kluft zwischen der verschwenderischen Ueberladung aller Gegenstände des höfischen Luxus und der armseligen Einfachheit in den Formen aller Gegenstände des alltäglichen Bedarfs noch immer nicht ausgefüllt ist, und daß darin keine der geringsten Ursachen zu der Klage liegt, daß das Handwerk seinen „goldenen Boden“ verloren habe: so wird man von der Wichtigkeit eines Unternehmens überzeugt sein, welches die Versöhnung der Kunst und der Industrie auf dem praktischsten Wege anbahnen will. Dies geschieht durch einfache klare Lehre und sehr reiche und zahlreiche Beispiele in Zeichnungen, welchen, wo es wünschenswerth, die Details meist in natürlicher Größe beigegeben sind. Der vorliegende Band behandelt in größeren Aufsätzen unter Anderem: Werth und Bedeutung der alten Vorbilder in der Kunst-Industrie, die Kunstarbeiten in Eisen, die Thürklopfer, den Styl in der Ornamentik etc., während die Illustrationen mit ihren kurzen Erklärungen die Arbeiten des Schreiners, Zimmermanns, Schlossers, Stein- und Bildhauers, Stuccateurs, Vergolders, Decorateurs, Ebenisten, des Gold-, Silber- und Metallarbeiters, ferner die Decorirung der Fenster, Bronzen, Uhren, der Gefäße aus Fayence, Porcellan, Glas, Krystall, der Leder- und Portefeuille-Arbeiten, der Weberei, Stickerei etc. umfassen. Daß diese „Gewerbehalle“ keine Text- und Bildersammlung für den Bücherschrank, sondern ein Werk für das Leben ist, dafür zeugt wohl auch der Umstand, daß sie zugleich als internationales Organ der Kunst-Industrie in den Sprachen Frankreichs, Englands und Amerikas, Italiens, Spaniens und Hollands erscheint.




Kleiner Briefkasten.

Julius Muth in Rußland. Der Himmel ist hoch und der Zaar ist weit und Rußland ist groß. Wir müssen Ihnen darum, nachdem Sie keine genauere Adresse angeben und doch auch noch nicht zu den europäischen Berühmtheiten gehören, auf diesem Wege mittheilen, daß uns kein Aufsatz, wie Sie ihn reclamiren, zugegangen ist.

E. D. „Ermuthigt“ hat Sie unsere ernste Mahnung an die jungen Lyriker? Schon Ihr Brief zeigt, daß Ihnen Lernen nöthiger als Dichten ist. Ihr sogenanntes Gedicht liegt bei Dutzenden ebenbürtiger im Papierkorb.




Inhalt: Aus eigener Kraft. Von W. v. Hillern. (Fortsetzung.) – Gaudeamus! Von G. Arnold. Mit Portrait. – Eine Thierversteigerung in Antwerpen. Von Brehm. – Das amerikanische Hôtel. – Ein Tempel der Hauscultur. Mit Abbildung. – Vom deutschen „Cantor-Fritz“ in Ungarn. Von H. Beta. – Blätter und Blüthen: Packträger, Omnibus und Schiebkarren. – Ein Hebel der Kunst-Industrie. – Kleiner Briefkasten.


Verantwortlicher Redacteur Ernst Keil in Leipzig. – Verlag von Ernst Keil in Leipzig. – Druck von Alexander Wiede in Leipzig.

  1. Augenblicklich ein Hôtel mit einer Million Thaler Anlagecapital.