Die Gartenlaube (1870)/Heft 12

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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum: 1870
Erscheinungsdatum: 1870
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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No. 12. 1870.
Die Gartenlaube.
Illustrirtes Familienblatt. – Herausgeber Ernst Keil.

Wöchentlich 11/2 bis 2 Bogen. Vierteljährlich 15 Ngr. – In Heften à 5 Ngr.



Aus eigener Kraft.
Von W. v. Hillern geb. Birch.
(Fortsetzung.)

„Vater,“ rief Heiri empört, „mit solchen Drohungen schreckst Du mich nicht, ich bin ein Mann, kein Kind mehr. An Ketten legen und in den Keller sperren kannst Du mich nicht. Du kannst nichts als mich enterben. Auch dazu lache ich. Ich bin ein Mensch, der sich überall in der Welt sein Brod verdienen und sich ein Vermögen erwerben kann! Ich sollte meinen, ich hätte Dir’s beim Bau der Fabrik gezeigt, daß ich mehr verstehe, als Seide zu spinnen –“

„O, dieser verwünschte Bau!“ unterbrach ihn Hösli. „Mit eigenen Händen will ich ihn niederreißen, ehe ich dulde, daß mein Sohn, mein eigen Fleisch und Blut, sich auf ihm über seinen Vater erhebe!“

„Hör’ mich zu Ende, Vater! Ich wollte nichts anderes sagen, als daß Du mich nicht mit Gewalt zum Gehorsam zwingen kannst. Wenn Du mir nicht mehr als Vater gegenüber stehst, so messen wir uns Mann gegen Mann – und dann bin ich Dir gewachsen – bin ich doch von Deinem eigenen harten Schlage! Aber, Vater – eben das ist es ja auch wieder, was mich bändigt, daß wir so eins sind, daß ich bei aller Verschiedenheit der Meinungen mich doch so ganz als Dein Fleisch und Blut empfinde, als Deinen Sohn! O Gott im Himmel, Vater, nicht Deinen Zorn, nicht Deine Macht, nicht Dein Testament, – nur den Verlust Deiner Liebe fürcht’ ich, nur die Trennung Deines Herzens von dem meinen – denn, magst Du’s nun glauben oder nicht, Vater, ich liebe Dich!“

Herr Hösli stand mit unterschlagenen Armen inmitten des Zimmers, es war als ob sein kräftiger Körper wanke, als Heiri sich, im plötzlichen Ausbruch des Gefühls, an seine Brust warf. Aber er schwieg.

„Vater,“ fuhr Heiri leidenschaftlich fort, „es wird, es darf nicht so weit mit uns kommen! Du darfst mich nicht so schwer dafür strafen, daß ich wurde, wie ich bin, denn Du warst es ja, Du selbst, der mich ferne von Dir, in einem Lande aufwachsen ließ, dessen mächtigen Zauber auf ein junges Gemüth Du doch am besten selbst kanntest! Hättest Du mich als Knaben mit in die Heimath genommen, so wäre ich hier festgewachsen wie dort. Nun bin ich es aber dort, mit meinem ganzen Wesen, mit den zartesten Banden des Herzens – ist es meine Schuld?“

Herr Hösli schwieg noch immer, er schien einen Augenblick überwältigt. Nach langem Bedenken begann er: „Du hast Recht, ich darf Dich nicht strafen für meinen Fehler, und es war ein unverzeihlicher Fehler, Dich in Amerika zu lassen. Ich baute zu fest auf die Treue des Hösli’schen Blutes. Ich will das Aeußerste thun, will Dir einen Weg zur Versöhnung zeigen. Wir müssen beide etwas zu- und abgeben. Ich verzichte auf meinen Plan mit der jungen Altmurer. Gehe hin nach New-York und hole Dir das Mädchen hierher, das Du liebst. Ich will Dir hier ein eigenes Maschinengeschäft gründen, wie es Dein Herz ersehnt, mehr kann ich nicht thun – ich denke, Du wirst zufrieden mit mir sein!“

Er betrachtete mit liebevoller Spannung die Züge des Sohnes, aber Heiri senkte die Wimpern und schwieg.

„Nun?“ fragte Hösli in einem seltsamen Tone.

„Lieber Vater,“ sagte Heiri und kämpfte sichtbar mit einer qualvollen Verlegenheit, „Dein Anerbieten, – wie großmüthig es auch ist – ich kann es nicht annehmen – es kann mir nichts nützen!“

Herrn Hösli zuckte es bedrohlich über das Gesicht, er hielt den Athem an, um seine Mäßigung zu bewahren, bis er Heiri vollends gehört. „Nun? Weiter!“

„Ich muß Dir endlich gestehen, daß ich schon vor meiner Abreise nach London mit Mary’s Eltern gesprochen habe, da ich mir Deiner Einwilligung zu gewiß war, und sie erklärten sich meinem Wunsche geneigt, aber nur unter der Bedingung, daß ich nach drei Jahren wiederkehre, mich mit ihnen associire und mir das amerikanische Bürgerrecht erwerbe. Sie lieben ihr eigenes Kind zu sehr, um es nach Europa ziehen zu lassen. Nur auf dies Versprechen hin entschlossen sie sich, an eine Heirath Mary’s mit einem Ausländer zu denken.“

„Nun, so müssen sie eben von ihrer Bedingung abstehen!“ sagte Herr Hösli, immer noch gefaßt.

„O Vater, das wird nie geschehen – ich kenne diese stolzen Amerikaner, sie werden ihre Forderung niemals zurücknehmen, niemals ihr Kind in das Ausland geben!“

„Wie,“ rief Herr Hösli ausbrechend, „aber ich soll thun, was Jene nicht mögen? Ich soll ihnen den Sohn nachwerfen, den Aeltesten meines Hauses, für ein Mädchen, das nach göttlicher und menschlicher Satzung Vater und Mutter verlassen muß, um dem Manne zu folgen? Und solch ein schmachvolles Anerbieten wagst Du Deinem Vater zu machen, einem Hösli?! Habe ich weniger Ursache stolz zu sein, als diese Stones? Soll ich alle Hoffnungen und Entwürfe für die Zukunft, welche ich auf Dein [178] Haupt gebaut, zum Opfer bringen, während jene nicht einmal die Tochter, an der gar nichts hängt, als die Zärtlichkeit der Eltern, hergeben mögen? Wahrlich, diese Stones müssen Dir’s angethan haben, daß Du so vergessen konntest, was Du Deiner Ehre als Mann und als Schweizer schuldig bist! Nun höre, was ich Dir sage: Ich wollte thun, was irgend möglich, ich wollte Dir ganz gegen meinen Wunsch die Heirath mit einer Fremden gestatten, nun aber verbiete ich Dir jede weitere Verbindung mit dem Hause Stones ein- für allemal. Du bleibst hier und nimmst keine Andere zur Frau als eine Schweizerin. Ich will es hindern, da es noch Zeit ist, daß Du Dich und Deine Nationalität an jene Fremden verkaufst!“

„Vater, solche Strenge kannst Du nicht vor Gott verantworten! Auch Du hast nach Deiner Neigung gewählt, auch Du nahmst eine Amerikanerin zur Gattin und ich denke, Du warst glücklich mit meiner Mutter.“

„Ja, das war und bin ich. Aber ich habe sie zur Schweizerin gemacht, nicht sie mich zum Amerikaner, darin liegt der Unterschied!“

„Kann es Dir aber nicht gleichgültig sein, wo ich glücklich und reich werde, wenn ich es nur werde?“

„Nein, denn dann wäre ich nur ein Vater oder ein Speculant, aber kein Staatsbürger. Ich habe noch nicht verlernt, so alt ich bin, neben dem eigenen Vortheil auch den des Vaterlandes im Auge zu haben! Als ich nach Amerika ging, that ich es in seinem Dienst, um seine Interessen dort zu vertreten, und wie mir dies gelungen, das frage jeden Schweizer. Ich vergrößerte dort mein Vermögen und machte eine glänzende Partie, aber Alles, meine Reichthümer, mein Weib, meine Kinder, mit Ausnahme – leider – von Dir, und mein ganzes unverändertes Schweizerherz brachte ich zurück in die Heimath! Du aber –“ Herr Hösli streckte abwehrend die Arme gegen seinen Sohn aus, der ihn unterbrechen wollte, und fuhr in steigender Erregung fort: „Du aber, Du Abtrünniger, willst das Deine von hier mit fort nehmen, Dein Geld, Deine Fähigkeiten, Dein Herz, willst Alles, was Deinem kleinen Vaterlande so sehr zu gute käme, einem Staate anbieten, wo Du nicht mehr bist als ein Tropfen im Meere, willst Dich dort einbürgern und Deine Kinder als Amerikaner erziehen – und ich soll Dir mit warmer Hand Dein Erbe auszahlen, damit nur ja zwischen uns Alles abgethan und Du so schnell als möglich von uns los und ledig seist? Ein Hösli soll seinem Sohne die Mittel geben, damit er desertiren könne aus dem Vaterland? Nein! So wahr ein Gott lebt, der unsere Heimath sichtbar begnadigt hat, so wahr wir Schweizer seit Menschengedenken unsere Kraft, unser Gut und Blut zusammengehalten, wie kein anderes Volk der Erde, so wahr wirst Du nicht länger mein Sohn sein, als Du ein Schweizer bist!“

„Vater!“ schrie Heiri auf.

„Du weißt jetzt, wonach Du Dich zu richten hast – nun geh’ – geh’ an Deine Arbeit!“

Heiri zögerte, er wollte noch etwas sagen, aber ein Blick auf die ausgestreckte Hand, womit sein Vater nach der Thür deutete, belehrte ihn, daß hier keine Widerrede möglich. Mit glühenden Wangen und fiebernden Pulsen eilte er aus dem Zimmer an die Arbeit. Mechanisch gehorchte er dem Befehl und der mächtigen Gewohnheit. Er ging hinüber in die Fabrik.

Mittlerweile hatten die Brüder Martin und Conrad ihren Racheplan gegen Aenny ausgesponnen. Er war heimtückisch genug. Sie suchten Aenny auf und thaten, als sei ihnen beim Vater gar nichts geschehen und als seien sie ihr gar nicht böse. Dann schlugen sie ihr vor, auf dem Speicher der Fabrik Versteckens zu spielen, und Aenny, welche dies Spiel sehr liebte, war sogleich bereit. Sie gingen miteinander auf den großen Speicherraum des Mittelgebäudes über dem Kesselhause und tummelten sich eine Zeit lang umher. Wenn Eines sich versteckte, gingen die Andern hinaus und warteten auf der Treppe, bis der Ruf „Jetzt!“ erscholl. Als aber die Reihe an Aenny war und die Brüder hinaus mußten, schlossen sie die Speicherthür von außen zu und Aenny war gefangen auf unbestimmte Zeit.

Die Knaben steckten den Schlüssel in die Tasche und stahlen sich kichernd fort. Sie hörten noch, wie Aenny mehrmals „Jetzt!“ rief und freuten sich ihres Schreckens, wenn sie entdecken würde, daß sie allein auf dem großen Speicher eingeschlossen sei. Sie gingen zuvörderst hinunter in den Kesselraum. Sie schauten gerne in den feurigen Rachen des schnaubenden Ungethüms. Es war so schauerlich schön. Ihr Bruder Heiri war da. Aber, wie es schien, in einer fürchterlichen Laune. Er befand sich mit dem Wärter in heftigem Streit wegen einer Versäumniß in der Speisung des Kessels, die dieser nicht zugestehen wollte. Beide standen am Kopfende des Generators und untersuchten eine schweißende Stelle. Auf Heiri’s Stirn lag eine dickgeschwollene Ader und als er seine Brüder erblickte, fuhr er sie heftig an: „Macht, daß Ihr fortkommt, auf der Stelle!“

Die Knaben entfernten sich erschrocken über die ungewohnte Strenge des Bruders, und traten einen Spaziergang an, während dessen sie Aennchen da droben „brummen“ lassen wollten.




13. Frank.

Als Heiri das Zimmer seines Vaters verlassen, traf Herr Hösli eiligst Anstalten abzureisen. Er wollte nach der unweit gelegenen Stadt Baden, um mit einem dortigen intimen Geschäftsfreund die peinliche Lage der Dinge zu berathen.

Lilly und Alfred waren wieder trocken nach Hause zurückgekehrt und Frau Hösli, welche mit Besorgniß ihres Mannes Aufregung wahrnahm, bat, ihn im Schiff bis Zürich begleiten zu dürfen.

Er willigte ein, und da der Ruderknecht nicht so schnell zu finden war und Herr Hösli durchaus vor Abgang des nächsten Zuges Zürich erreichen wollte, übernahm Frank das Rudern und die Drei fuhren so schnell als möglich nach der Stadt.

Herr Hösli hatte auf der kurzen Fahrt nur Zeit, seiner Frau mit wenigen Worten zu erzählen, was zwischen ihm und seinem Sohne vorgefallen. Sie schüttelte traurig den Kopf: „Ich fürchte, Du warst zu streng; er ist in Amerika geboren, es ist das Vaterland seiner Mutter, kannst Du ihm ein Verbrechen daraus machen, daß ihn die Gewohnheit eines ganzen Lebens dahin zurückzieht? Ich will ihn nicht entschuldigen, daß er seinem Vater so störrisch entgegentritt. Aber es thut mir doch weh, meinen Sohn so schwer darunter leiden zu sehen, daß er die Heimath seiner Mutter liebt!“

Herr Hösli schwieg nachdenklich. Man legte an. Er stieg aus und küßte seine Frau. „Behüt’ Dich Gott!“ sagte er, „mach’, daß Du heimkommst, es liegt so schwer auf mir, als müsse es ein Gewitter geben.“

„Das sind die Sorgen, die auf Dir lasten, der Himmel ist rein!“ erwiderte Frau Hösli und winkte dem Gatten liebevoll.

Er wandte sich und schritt dem Bahnhof zu. Frau Hösli setzte sich wieder in das Schiff und Frank stieß ab. Sein Auge ruhte betrübt auf der Herrin, weil er ihren Kummer sah, und er wagte doch nichts zu sagen. Die Gondel flog rasch dahin von seinen kräftigen Ruderschlägen getrieben. Wie ein bewegliches Panorama drehten sich die grünen Ufer mit den stattlichen Bauten und weiterhin mit den duftigen Gebirgszügen um sie her. Frau Hösli heftete den Blick nach oben. Ja, der Himmel war rein, da trübte kein Wölkchen nah oder fern das azurne Blau. Je weiter die Stadt zurückblieb, desto stiller und einsamer wurde es auf dem See. Die Sonne brannte heiß herab, aber der frische Luftzug, den der dahinfliegende Kahn hervorbrachte, milderte die mittägliche Gluth. Kein Schiff zeigte sich weit und breit, kein Vogel schwirrte vorüber, keine Welle kräuselte sich, ein göttlicher Friede lag über der unabsehbaren Wasserfläche, es war, als sprächen Engel mit ihren Geistesstimmen von dem hochgespannten Firmament herab und die ganze Natur hielte den Athem an, um ihrer wonnevollen Botschaft zu lauschen. Da plötzlich ertönte ein Knall, als berste Erde und Himmel, daß die Lüfte schrieen und der Grund des Sees erzitterte, ein Getös, als zerschmetterten Titanenhände die Felsen der Gebirge ringsum und würfen die gewaltigsten Blöcke durcheinander. Und daher sauste ein schwerer unkenntlicher Gegenstand, etwas wie ein gewaltiges Wurfgeschoß hoch im Bogen über Frau Hösli weg und schlug dicht neben dem Schiff in’s Wasser, daß der Gischt haushoch emporspritzte. „Allmächtiger Gott – da ist der Kessel gesprungen!“ kreischte Frau Hösli und Frank’s schwarzes Gesicht starrte fahl vor Schrecken nach der Richtung, von wo ein fortdauerndes Krachen und Donnern zusammenstürzender Mauern, ein wildes Geheul von Menschenstimmen verkündete, daß etwas Gräßliches geschehen sei.

„Mein Sohn!“ schrie Frau Hösli auf, „mein Sohn – er war in der Fabrik, als wir fortfuhren – mein Sohn!“ schrie sie [179] in langgezogenen Tönen, daß es schneidend durch den weiten Raum schrillte, und streckte die Arme nach dem Ufer aus, daß das Fahrzeug schwankte.

„An’s Land, Frank,“ befahl sie, als könne der Befehl die Ruder beschwingen, „schneller, schneller – hier leg’ an – nicht erst an die Stufen. Halt nur, halt!“ Ehe noch das Boot anlegen konnte, sprang sie heraus, daß sie bis über die Brust in das schlammige Wasser versank, und watete den Strand hinauf. Sie ging nicht, sie flog. Sie sollte schon dort sein, warum war sie es nicht? Sie war ja noch gar nicht von der Stelle gekommen, da stand sie auf demselben Fleck, wo sie das Ufer erklommen und konnte nicht weiter, ihre Kleider waren so schwer, ihre Füße wie Blei – aber ihr Sohn, ihr Sohn lag da drüben unter dem Schutt – sie mußte vorwärts! – Es ging nicht, es dunkelte ihr vor den Augen, die Kräfte verließen sie, sie brach in die Kniee, sie hatte ein Gefühl, als sei sie nun klaftertief in die Erde eingerammelt wie ein Pfahl und Niemand könne sie mehr herausziehen.

„Mistreß, Mistreß!“ tönte ihr Frank’s Stimme in’s Ohr und sie kam wieder zur Besinnung. „Frank, guter Frank,“ flehte sie in ihrer Muttersprache, „heb’ mich auf, ich kann nicht weiter, führe mich, trage mich hin – nur schnell, nur hin, hilf, Frank, hilf mir vorwärts!“

Und Frank hob die schwere erlahmte Gestalt vom Boden auf und schleppte sie weiter, halb geführt und halb getragen durch den Garten dem Schreckensorte zu. „Ach Gott, die Frau!“ schrieen die Leute, als man sie kommen sah.

Da lag es vor ihr, das stolze Werk des Gatten und des Sohnes, ein Trümmerhaufen. Die ganze schöne Front war weggerissen, das Innere lag offen da, es war nichts mehr als ein hohler Raum und nur die Rück- und Seitenwände ragten geborsten mit leeren Fensterhöhlen in den blauen Himmel hinein. Wie ein gefälltes Ungeheuer lag der Rumpf des gesprungenen Kessels weit hinausgeschleudert am Rande der Straße, und eingehüllt in Wolken von Staub zwischen Schutt und Trümmern wühlten und gruben lärmende, jammernde Menschen herum, um herauszuschaffen, was darin begraben war. Aus dem Chaos ragte eine hohe dunkle Gestalt hervor, um die sich Alle schaarten, und ordnete an und griff zu wie Keiner. Es war der Candidat. Mit eigenen Händen hob er Bretter und Balken ab, die kaum zwei Mann von der Stelle brachten, und die geschlossenen Lippen öffneten sich nur zu einem knappen bestimmten Commandoruf, womit er die schreckliche Arbeit leitete, die hoffnungslose Arbeit, den eigentlichen Kern des Unglücks herauszuschälen, die Leiber der Erschlagenen.

„Mein Sohn!“ schrie Frau Hösli und brach sich an Frank’s Seite Bahn durch die dichtgedrängte Masse. „Mein Sohn?“ fragte sie nochmals und Jeder wußte, was sie meinte, aber die furchtbare Antwort war ihm erspart, denn in diesem Augenblick bildete sich ein dichter Knäuel auf dem Schutt und es war ein Bücken und Köpfezusammenstecken.

„Sie haben Einen gefunden,“ murmelte es schreckenbleich durch die Reihen.

„Wen?“

Es war, als wollte Keiner mit der Antwort den Jammer wecken, der nun gleich aus dem geheimnißvollen Knäuel hervorbrechen mußte.

„Lebt er?“ fragte es wieder aus tausend Kehlen zugleich und wieder wagte es Keiner zu antworten.

„Ach, die arme Frau, die arme Frau!“ hörte Frau Hösli es um sich her jammern; war sie damit gemeint?

Sie wußte nichts mehr, als daß sich ihr eine Hecke abwehrender Arme entgegenstreckte, die sie durchbrechen mußte, und „hilf mir, Frank,“ sagte sie noch und dann verstummte sie. Die Hecke hatte sich aufgethan, vier Männer trugen ihr einen verhüllten Körper entgegen.

„Ist er’s?“

„Er ist’s!“

„Die arme Frau, die arme Mutter!“ und ein lautes Schluchzen ging durch die Menge.

Frau Hösli aber weinte nicht. Sie lag still auf der zerschmetterten Brust ihres Sohnes, auf den Trümmern ihres stolzen Glücks und Keiner hörte ein Wort, einen Laut der Klage von ihr.

Aber das Maß dessen, was sie ertragen sollte, war noch nicht voll.

„Um Gotteswillen,“ erscholl plötzlich eine zarte Stimme, „hört denn Niemand in dem Lärm Aennchen schreien, sieht denn Niemand, wo Aennchen ist?“ Und Alfred hinkte athemlos, fliegenden Haares herbei und winkte und rief und stürzte taumelnd dem Candidaten in die Arme. „Aennchen – da oben – Hülfe!“

„Aennchen?“ zuckte es jetzt wie ein elektrischer Schlag durch das erstarrte Herz der unglücklichen Mutter, sie hatte ja noch mehr zu verlieren! – „Noch mehr – mein Gott, noch mehr?“ Sie schnellte empor und jede Muskel spannte sich an zur Hülfe für ihr Kind. Hülfe? wenn diese noch möglich war!

Und Alle blickten nach der Richtung, wo Alfred’s zitternde Hand hinwies – zur Niobe versteinert starrte Frau Hösli hinauf.

Da oben hing Aenny und hielt mit beiden Armen einen der geknickten Balken umklammert, deren Enden noch hie und da aus der Mauer hervorragte. Wie durch ein Wunder mußte es der Kleinen gelungen sein, beim Einsturz des Speichers denselben zu erfassen. Da hing sie, über ihr der blaue Himmel, der durch das Gebälk des abgehobenen Daches hereinschaute, unter ihr eine Tiefe von vier Stockwerken und rings um sie her nichts, als ein öder leerer Raum. Eine Bewegung, ein Nachlassen ihrer Kräfte und sie war verloren! –

Jetzt erst legte sich das dumpfe Brausen und Tosen so vieler aufgeregter Menschen, und man konnte nun hören, wie das Kind um Hülfe wimmerte.

„Leitern, Leitern herbei!“ schrie Frau Hösli und stürzte sich wie eine angeschossene Löwin durch die Gruppe hindurch nach der Stelle, über der das Kind hing.

„Leitern, Leitern!“ brüllte der Haufe durcheinander.

„Keine Leitern da!“ heulte, fluchte, wüthete es durch die wogende Masse, die von Zürich her immer mehr anzuschwellen begann.

„Die Feuerwehr ist ja aufgeboten, die bringt Leitern!“

„Und bis dahin kann mein Kind herabgestürzt sein!“ schrie Frau Hösli, „helft, Leute, helft; wer mir das Kind lebend da herunter bringt, soll fordern, was er will: wenn ich’s besitze, soll er’s haben!“ beschwor sie die zögernde rathlose Menge.

„Ja, wer soll da hinauf ohne Leiter? da ist gut versprechen,“ murrten die Burschen.

„Aber, mein Gott, es werden doch Leitern in der Fabrik gewesen sein?“ rief ein neuer Ankömmling, es war Egon.

„Ja, es sind schon welche da, aber sie sind zu kurz, wenn man sie auch zusammenbindet,“ sagten ein paar Männer, die alles, was in der Art vorhanden war, herbeischleppten. „Und wenn wir auch Leitern hätten, die lang genug wären –“ überlegten die Männer, „was hülf’ es? Das Kind ist zu weit nach der Mitte hin von der Wand aus kann man’s nicht erreichen und wer will auf dem schmalen Balken hinkriechen, der vielleicht kaum das Kind noch trägt, geschweige einen Erwachsenen?“

Was war zu machen? Wenn man die Leiter an den Balken selbst anlegte, so konnte er brechen, bevor der Helfer halb oben war, das Kind und der Mann wurden hinabgeschleudert und rettungslos zerschmettert. Wer konnte wissen, ob und wie fest die zerbröckelnde Mauer, in welcher der Kopf des Balkens steckte, diese noch hielt? Er hatte ohnehin schon eine bedenkliche Neigung nach abwärts.

Was war zu machen?

„Herr Gott, erleuchte uns!“ betete eine alte rührende Stimme. Es war die des Großvaters. Auch er wußte keinen Rath.

Ein neuer Jammerschrei unterbrach das angstvolle Schweigen. Aennchens Brüder hatten sich endlich von der Straße her durch das Gewühl durchgearbeitet. Die Knaben waren wie vom Strafgericht Gottes getroffen, denn sie wußten, daß sie Aennchens Mörder waren, wenn das Entsetzliche geschah. Bleich und still fielen sie neben ihrer Mutter nieder und verbargen das Antlitz in den Falten ihres Kleides.

„So will denn Keiner helfen, Keiner?“ schrie Alfred.

„Wir wollten ja gerne, wenn wir nur wüßten, wie?“ klagten die Leute.

Alfred war wie verwandelt. Seine Augen funkelten, seine Wangen glühten, sein ganzes Wesen flammte auf. „Seid Ihr Männer?“ schrie er und stampfte mit den Füßen. „Seid Ihr Männer? Wollt Ihr das Kind da oben hängen lassen? Wollt [180] Ihr’s herabstürzen sehen? Allmächtiger Gott, kann denn Keiner etwas thun? Onkel Egon, schaffe Rath, rette, rette, Du bist ein Johanniter, es ist Deine Pflicht, Du hast darauf geschworen; wer soll denn helfen, wenn Du es nicht thust?“

„Ich thue, was ich kann, hier kann ich nicht helfen,“ sagte Egon.

„Herr Feldheim, wo sind Sie?“ schrie Alfred und sah sich nach dem Candidaten um. Der war eben dabei, mit eigenen Händen einen zweiten Verschütteten herauszuschaffen. „Auch diese haben ein Recht auf unsere Hülfe,“ sagte er und bog sich zu dem Verunglückten nieder, der noch zu leben schien.

Alfred schlug sich mit den Fäusten vor die Stirn, indeß Thränen ohnmächtiger Wuth über seine Wangen strömten. „O, daß ich ein Krüppel sein muß, ein Krüppel! Wäre ich gesund und stark wie Ihr, mit Händen und Füßen an der geraden Wand arbeitete ich mich hinauf, dem Kinde zu helfen. Ach, ich kann’s ja nicht, kann’s nicht, ich elender erbärmlicher Schwächling!“

Und außer sich vor Verzweiflung warf sich der Knabe zur Erde, seine Glieder zuckten, seine Pulse jagten, er war wie ein Wahnsinniger.

„Hilf Gott, sie hält sich nicht mehr!“ schrie jetzt Frau Hösli auf. Aennchen hatte eine Bewegung gemacht, als wollte sie den Balken loslassen.

„Breitet Decken unter, Betten her!“ rief der Großvater; und ein Trupp rannte nach den Villen, um das Verlangte zu holen.

„Das dauerte zu lang – es ist zu weit bis nach den Häusern,“ schrie Alfred. „Ich weiß, im Keller hier unten liegt die rohe Seide. Schafft die herauf. Schnell, schnell!“

Er eilte Allen voran nach der Stelle, wo die Kellertreppe lag, aber sie war zusammengestürzt und die Seide in einer Tiefe von etwa fünfzehn Fuß nicht mehr zu erreichen.

„O mein Gott, Aennchen, nichts, gar nichts kann ich für Dich thun!“ fieberte Alfred. „Wir wollen sie auffangen, Leute, wenn sie stürzt, kommt hierher;“ er stellte sich neben Frau Hösli und ihre Söhne und breitete die schwachen Arme aus. „Kommt, stellt Euch nebeneinander hierher, so muß sie uns in die Arme fallen.“

Es lag eine Kraft in dem Befehl, den der Knabe gab, eine Kraft des Willens, daß Männer und Jünglinge ihm unwillkürlich Folge leisteten. Eine Gruppe bildete sich um die Knaben und Frau Hösli her, auf’s Gerathewohl das stürzende Kind zu fassen.

Frau Hösli konnte nicht mehr sprechen, nicht mehr athmen. Es war ein Tosen und Donnern in ihren Ohren, als brächen Lawinen über sie herein, es waren die Schläge ihres eigenen Herzens. Ewigkeiten waren die Secunden, Ewigkeiten lagen zwischen dem Tode ihres Sohnes und jetzt! Es war eine dunkle, längst verklungene Erinnerung, daß man einst ihren Aeltesten todt aus den Trümmern gezogen. Zwischen dem Vorhin und dem Jetzt lag eine Kluft in ihrem Geist, die nichts ausfüllen konnte. Es gab für sie keine Vergangenheit, keine Zukunft mehr – nur noch eine Höhe und eine Tiefe, die ihr noch lebendes Kind zu durchmessen hatte, ehe es zerschmettert zu ihren Füßen lag! Und jeder Nerv in ihr drehte sich zu einem Strick, das Kind da oben festzubinden, und ihre Arme wuchsen immer länger und länger, bis sie hinaufreichten, das Kind zu fassen, und doch blieb Alles, wie es war, und wieder zogen Ewigkeiten über ihrem Haupte und sie wußte nichts mehr, als daß keine Rettung sei, keine Rettung!

Da plötzlich erhob sich ein unbeschreiblicher Tumult. „Herr Gott, der Mohr, der Mohr!“ kreischte es durch die Reihen und Alles drängte nach einer Richtung hin, wo etwas Unerhörtes geschehen mußte, denn die Menschen waren wie die Rasenden. Schreck und Freude zugleich hatte sie wie im Wirbelwind erfaßt. Weiber fielen auf die Kniee und beteten laut.

Da oben, schon in der Höhe eines Stockwerks, hing ein Mann an der nackten Mauer, das braune Gesicht und die athletische Gestalt war unverkennbar, es war Frank.

Die Mauer war in schräger Richtung von oben nach unten geborsten, der Riß neigte sich oben nach dem Balken zu, der Aennchen trug. Er war so weit, daß eine Hand und ein Arm sich allenfalls hindurchzwängen konnte, weiter oben waren streckenweise ganze Quader ausgebrochen und die Durchschnittskante der Mauer bildete einen schmalen schwindelnden Pfad zwischen zwei Abgründen diesseits und jenseits.

Mit der Behendigkeit und Geschmeidigkeit einer Katze klomm der Neger empor, nicht von Schritt zu Schritt, sondern von Hand zu Hand sich aufwärts windend. Schwankend hing der wuchtige Körper an den langen Armen, deren Muskeln sich gleich lebendigen Schlangen dehnten und zusammenzogen, und das den Negern eigene röchelnde Keuchen klang schaurig durch die Stille bei der furchtbaren Arbeit um Leben und Tod.

Still, grabesstill war es ringsumher geworden; ein Geräusch, ein Laut konnte ihn wecken und herabschleudern, den Nachtwandler, der am hellen Tage träumen mußte, einen Traum von Liebe und Treue, von Muth und Kraft, wie ihn noch Keiner geträumt von Allen, die da standen. Und wie wir mit geheimem Grauen alles Das anstaunen, was weit über die Grenzen unseres Denkens und Fühlens hinausreicht, so graute den weißen Menschen da unten in der Tiefe vor dem Schwarzen, dem Halbmenschen, der da oben über ihnen schwebte in schwindelnder Höhe ohne einen anderen Halt als die Spalte, in die er seine Hände einklemmte, und ohne einen Ruhepunkt als dann und wann die Höhlung eines ausgebrochenen Steins oder das Bruchstück eines vorstehenden Gebälks, worauf er knapp den Fuß setzen konnte.

Das arme beschränkte Gehirn reichte wohl nicht so weit, um sich der Gefahr völlig bewußt zu sein, in die es sich stürzte; es reichte wohl nicht weiter, als um in dem Mauerriß den Weg zu sehen, auf dem das Kind zu erreichen war, und es machte zur That, was es dachte, ohne weiter zu grübeln. Wie ein Hund seinem Herrn nachkriecht schwindelfrei an Abhängen hin, wo noch ein Fleck ist, auf den er treten kann – so kroch er einfach, der treue Thiermensch, den Spuren seiner kleinen geliebten Herrin nach, und die Träger der Civilisation da unten sahen zu, und der Herzschlag stockte ihnen und der Athem ging ihnen aus, sie mußten mit den Füßen den Boden stampfen, um sich zu überzeugen, daß er fest sei und nicht mit ihnen hin und her schwanke!

Und Frau Hösli, die Mutter, wer beschreibt, was sie fühlte! Die Frau, vor deren verglastem Blick sich das wunderbare Schauspiel aufthat, tödtete beinahe die Angst, die größte, bitterste, die Angst der Hoffnung – einer Hoffnung, die an einem Haare hing, einer Hoffnung, deren Scheitern sie nicht überleben würde! Und sie schaute und schaute von ihrem Kinde auf den Retter und von diesem auf ihr Kind; denn während sie nach dem einen blickte, konnte das andere herabstürzen. Ihre Augen waren nicht schnell genug, von einem zum andern zu fliegen, wie sie es gewollt. Ihr Herz war schneller, seine Schläge waren nicht mehr zu zählen, es that in diesen wenigen Minuten die Schläge vieler Jahre. Jetzt war Frank im dritten Stock angelangt und nun kam die offene Stelle in der Mauer. Auf einem vorspringenden Balken rastete er ein wenig und wischte sich das Blut von den Händen und den Schweiß von der Stirn. Dann wieder – auf! und weiter ging’s auf der tödtlichen Bahn dem Gipfel zu. Jetzt konnte er endlich mit Händen und Füßen klimmen, und rascher als bisher in mächtigem Anlauf kletterte er an der freistehenden geschrägten Kante der Mauer hinauf.

„Er ist oben,“ flüsterten die Menschen athemlos, „er ist oben,“ wiederholten die Lippen der Mutter, und ein Zittern überflog den erstarrten Körper, daß man ihre Zähne auf einander schlagen hörte.

Er ist oben! Aber was wird er nun beginnen? Es ist eine Strecke von drei, vier Fuß hinüber zu dem Kinde. Dicht bei dem Balken, wenig entfernt von der Stelle, wo Frank hängt, ist eine leere Fensterhöhle. Seine Arme können sie erreichen; er umfaßt das Mauerstück, das ihn von ihr trennt, und schwingt sich hinüber. Jetzt hat er festen Fuß gefaßt, er setzt sich rittlings auf das Gesims.

Was nun?

Auf den Balken hinauszutreten, der Aennchen trägt, wäre Wahnsinn!

Er macht einen Strick los, den er um den Arm gewickelt hat, an dessen Ende ist ein großer Stein. Niemand weiß, was er damit will. Er spricht mit Aennchen, aber man kann es nicht bis hinunter verstehen. Was will er mit dem Stricke?

Frau Hösli allein weiß es. Sie hat ja als Kind so oft zugesehen, wie sich der wilde Knabe mit den andern Negern im Werfen des Lasso übte. Eine Ahnung dämmert ihr auf. Frank hat den Strick gelöst, er läßt ihn mit dem Steine ein paarmal prüfend hin und her schwingen. Er ruft Aennchen zu, sich festzuhalten nur noch einen Augenblick, aber recht fest!

[181]
Die Gartenlaube (1870) b 181.jpg

Ein Lehrbrief des Altonaer Zimmergewerks.

Wir Ober- & andere Meister des löblichen Zimmergewerks allhier in der königlich Preußischen Schleswig-Holsteinischen Kauf- und Handelsstadt Altona urkunden hiermit daß Franz Peter Schmidt, … gebürtig aus Altona … das Zimmerhandwerk bei unserem Mitmeister, Hernn P. H. Schmidt … während dreier Jahre wohl erlernt habe und daß derselbe am 31sten des Weinmonds, 1869, im Meisteramte vor offner Lade im Beisein der Altgesellen vom Burschenstande freigesprochen und zum Gesellen erhoben ist.

Zur Beglaubigung hat unser Obermeister diesen Lehrbrief mit seiner Unterschrift und unserm Innungssiegel versehen.

Altona den 9ten Januar, 1870.

H. Voß 

[182] Frau Hösli athmet nicht mehr, ihr Herzschlag setzt aus.

Frank wirft die Schleuder versuchsweise nach dem Kinde, sie ist zu kurz, er zieht sie zurück und wickelt noch ein Stück des Seils von seinem Arme ab. Er zielt nochmals, diesmal reicht es. Der Stein fliegt weit über Aennchen hinaus. Jetzt erhebt er sich auf dem schmalen Sims hoch auf seine Kniee, ein tiefer Athemzug lüftet seine breite Brust und findet da unten in der Tiefe ein hundertfaches Echo. Mit der Linken hält er sich an der Außenseite der Mauer und die mächtige Rechte holt aus. Zwei, drei Mal beschreibt der nervige Arm einen Kreis durch die Luft, der ganze Körper wird zur Muskel, das zielende Auge tritt weit aus seiner Höhle wie das des Raubthiers auf dem Sprunge und jetzt – ein gewaltiger Wurf – „halt Dich fest!“ Der Lasso ist geschleudert und in immer kleineren Kreisen wickelt sich der schwingende Stein fünf, sechs Mal um den Leib des Kindes, so lange der Strick reicht, daß das Kind ganz davon eingeschnürt ist.

„Halt Dich fest!“ ruft Frank noch einmal und zieht an, ob der Strick sicher ist für das, was er jetzt wagen will. Die Schlinge hält die Probe aus, sie ist unlöslich, er kann sich auf sie verlassen.

Einen Augenblick verschnauft er, dann stemmt er sich fest gegen die Mauer. „Laß los!“ befiehlt er, das Kind wagt nicht, ihm zu gehorchen, ein Ruck und er reißt es von dem Balken los, ein Schrei des Entsetzens: „Es fällt!“ aber nur, so weit der Strick es erlaubt, an dem es hängt, dessen anderes Ende Frank sich um den Arm gewunden. Der Ruck des abwärts wuchtenden Seils mit seiner Last war zu jäh. Frank verliert fast das Gleichgewicht. Die Menschen da unten drängen sich zusammen und fassen einander unwillkürlich bei den Händen, als wolle Einer den Andern halten für die da oben, die er nicht halten kann. Aber Frank hat den Prall parirt und bleibt fest. Er läßt sich wieder in eine sichere Lage nieder, wo er beide Hände frei hat, und windet das Seil vorsichtig zu sich auf. Jetzt faßt er das Kind am Arme und zieht es empor an seine Brust. Nun ist es geborgen!

Wie ein Donner aus der gespannten Gewitteratmosphäre brach jetzt die langgverhaltene Aufregung hervor und ein Jubel durchzitterte die Luft, der kein Ende nehmen wollte, ein Weinen und Lachen, Sichumarmen und Herzudrängen! War Aennchen doch in dieser qualvollen Stunde eines Jeden Kind geworden, hatte doch in der überstandenen Angst ein Jeder es gleichsam selbst geboren. Aber noch war nicht Alles vorüber. Noch mußte der Mohr ja mit dem Kinde herunterkommen aus seiner schwindelnden Höhe. Doch das war nur eine kleine Sorge, denn die Feuerwehr konnte nicht mehr lange ausbleiben, die brachte sicher Hülfe.

Und es vergingen auch nur noch wenige Minuten ungeduldiger Erwartung, während Frank ruhig da oben saß und das Kind, das von dem Schreck ohnmächtig geworden, tausend Mal herzte und küßte. Da rasselten endlich die schweren Wagen im Galopp einher und Alles stürzte ihnen entgegen. Man riß die ungeheueren Feuerleitern herab und drei derselben wurden neben einander angelegt. Zwei Feuerwehrmänner eilten hinauf, Frank beizustehen. Alles drängte sich herzu, die Leitern zu halten. Die Menge war so dicht eingekeilt, daß Frau Hösli ausgeschlossen blieb und von ferne stehen mußte.

Jetzt bestieg Frank mit Aennchen die letzte steile Bahn. Aber ihm rechts und links zur Seite stützten ihn die Feuerleute, daß er nicht strauchle, und es war auch nöthig, denn die übermenschliche Anstrengung machte sich geltend und den starken Mann überflog jetzt ein Zittern, daß die Leiter unter ihm schwankte, Näher und näher kam für die gemarterte Mutter die selige unglaubliche Gewißheit. Noch stand sie aufrecht und zählte die Stufen, die Frank zurückzulegen hatte: jetzt noch etwa zehn – jetzt nur noch drei – jetzt war er unten! Und als wollten sie ihn vor Freude zerreißen, fielen die fiebernden Menschen über ihn her. Er aber wehrte sie stumm von sich ab und schritt auf die Mutter zu, ihr das Kind zu bringen.

Sie taumelte ihm entgegen, aber sie konnte Aennchen nicht mehr in ihren Armen empfangen, das Maß ihrer Kraft war erschöpft, sie wollte noch etwas sagen, aber sie konnte nicht. Lautlos stürzte sie Frank zu Füßen und drückte ihre Lippen auf seine blutende Hand.

(Fortsetzung folgt.)




Literaturbriefe an eine Dame.
Von Rudolf Gottschall.
III.

Sie besinnen sich, Madame, auf den kleinen Philologen, der, so lang er in der benachbarten Gymnasialstadt Lehrer war, Sie öfter auf Ihrem Schlosse besuchte. Ihm voraus ging der Ruf einer außerordentlich tiefen Gelehrsamkeit, namentlich im Fache der altclassischen Dichtung. Wir hatten allen Respect vor dieser Gelehrsamkeit; aber wir konnten uns ihren Vertreter nicht zusammendenken mit der Dichtung alter und neuer Zeiten. Es wehte uns immer so urprosaisch an in seiner Gegenwart, als ob alle Grazien und Musen vor ihm Reißaus nehmen müßten. Die wasserblauen Augen unter den Brillengläsern hatten jene nixenhafte Kühle, die man sich bei weiblichen Sirenen eher gefallen läßt, als bei männlichen Größen; denn eine Undine, welcher die Seele fehlt, kann immer noch, wie wir aus alten und neuen Erfahrungen wissen, einen verführerischen Zauber ausüben.

Er sprach wenig, nur selten setzten seine Worte die zahlreichen Falten des pergamentenen Teints in netzförmige Bewegung, und wenn er sprach, so geschah es so nachdrucksvoll langsam, mit so gewichtiger Bedachtsamkeit, daß seine Rede stets von den Gedanken der Zuhörer überflügelt wurde und daß wir Alle längst am muthmaßlichen Ende der Periode angekommen waren, während er sich noch mit einigen rebellischen Zwischensätzen herumschlug. Wie oft gaben Sie mir einen heitern Wink, Madame, zum Zeichen, daß Sie die unwillkürliche Komik dieser salbungsvollen Weisheit empfanden und bei mir die gleiche Genußfähigkeit voraussetzten! Wir konnten den Gedanken nicht fassen, daß dieser Lehrer seine Schüler für die heitere Lebensweisheit des Horaz, für den schwunghaften Patriotismus des Virgil und die genialen Göttergeschichten des römischen Heinrich Heine, des kecken Ovidius Naso, erwärmen könne.

Gleichwohl hat unsere profane Kritik jenem Gelehrten Unrecht gethan. Die Männer von Fach haben seine Bedeutung anerkannt; ihm ist der Lehrstuhl der Philologie an einer Hochschule anvertraut worden. Und diese Hochschule ist weit entfernt von Ihrem Schloß, Madame; Sie müssen jetzt seines lehrreichen Umgangs entbehren. Er selbst wird sich ebenso rasch darüber zu trösten wissen; denn er hatte keinen Sinn für Naturschönheiten und blieb kalt in Ihrem herrlichen Park, in dem weitschauenden Felspavillon und, was noch unverzeihlicher ist, selbst in Ihrer liebenswürdigen Nähe.

Sie werden mich fragen, Madame, warum ich das etwas farblose Bild des ehrenwerthen Mannes heraufbeschwöre und gleichsam als Vignette vor diesen Literaturbrief setze? Weil er mir eine willkommene Anknüpfung giebt, das Verhältniß der Gelehrsamkeit zur Dichtkunst zu besprechen, und auf einige neue Gestaltungen desselben hinzuweisen, die Ihnen gewiß sehr fremdartig vorkommen werden. Ohne Frage bedürfen die Dichter der Griechen und Römer des Commentars, und wenn auch oft durch die umhertastende Gelehrsamkeit der Flügelstaub von ihren Schwingen abgestreift wird, so sind doch die Verdienste unserer Gelehrten um Erläuterung jener unsterblichen Meisterwerke des Alterthums, um die Kenntniß der alten Culturwelt, ihrer Sprachen und Sitten hoch anzuschlagen. Ein unversiechlicher Quell geistiger Bildung entströmt ihnen, und noch heutigen Tags wird man es dem modernsten Schriftsteller anmerken, ob er die hohe Schule durchgemacht hat oder nicht; denn nur sie gewährt eine wahrhaft geläuterte Geschmacksbildung. Die dichterischen Werke der geistreichsten Autodidakten zeigen oft Risse und Sprünge, denen man es gleich anmerkt, daß sie aus dem Mangel jener unerschütterlichen Grundlage hervorgehen. Es haben zwar jene mächtigen Bauten der geistigen Könige des Alterthums auch vielen Kärrnern zu Thun gegeben; es sind unglaubliche Schuttmassen überflüssiger Weisheit zusammengekarrt worden; es haben sich jene parasitischen Berühmtheiten gebildet, die nur von dem Ruhm der anerkannten großen [183] Dichter zehren, aber auch feine und geistreiche Köpfe führten uns in die Weisheit und Schönheit der alten Denker und Dichter ein und wiesen die Staatsmänner und Philosophen, die Künstler und Poeten hin auf die großen Muster, denen ein dauernder Ruhm zu Theil geworden ist.

Doch man begnügt sich jetzt nicht mehr mit der gelehrten Behandlung der altclassischen Dichter; auch die neueren und neuesten werden nach denselben Grundsätzen wissenschaftlich, textkritisch, mit allem Aufgebot staubiger Schulweisheit zurechtgeknetet. Und das ist das Phänomen, Madame, auf welches ich Sie aufmerksam machen wollte.

Sie freilich, wenn Sie Ihren Shakespeare lesen, glauben auf Rosen zu wandeln und ahnen gar nicht, welch’ ein tückischer Abgrund, den hundert Folianten nicht auszufüllen vermögen, sich unter Ihren Füßen aufthut; Sie glauben Shakespeare zu verstehen und wissen gar nicht, daß Sie das nöthige Zeugniß der Reife für das Verständniß des britischen Dichters noch lange nicht besitzen; Sie lassen sich von einzelnen seiner Dramen begeistern und merken nicht, wie hohl Ihre Begeisterung ist, da Sie nicht einmal den Grundgedanken der Stücke richtig gefaßt haben; Sie tadeln dies und jenes an seinen schwächern Werken und ahnen nicht, daß diese anscheinenden Fehler längst als unvergängliche Schönheiten nachgewiesen sind, und daß man in den Kreisen der Eingeweihten über derartige Ketzereien einer ungeläuterten Auffassung vornehm die Achseln zuckt! Sie glaubten in dem englischen und deutschen Shakespeare, der in so schönem Einband von Ihrem Bücherbrett auf Ihr epheuumranktes Arbeitstischchen herabsieht, den Inbegriff aller Shakespeare-Weisheit zu besitzen, während ein solcher Shakespeare doch nur ein ganz ungenießbarer Rohstoff ist, der erst durch die Verarbeitung der gelehrten Köpfe dem Genuß zugänglich gemacht wird.

Sie lächeln, Madame? Sie meinen, ein Dichter müsse sich selbst erläutern, durch die Macht der Poesie, durch den Zauber der Schönheit wirken? Das sind veraltete Ansichten! Wer Shakespeare verstehen will, muß Schulgeld bezahlen. Shakespeare ist jetzt eine ganze Facultät für sich, die alle anderen umfaßt; es giebt eine Shakespeare-Philologie, eine Shakespeare-Philosophie, eine Shakespeare-Theologie, ja selbst eine Botanik, eine Jurisprudenz und alle erdenklichen Hülfswissenschaften hat man aus den Werken des großen Dichters zusammengestellt. Es hat sich in Weimar eine Shakespeare-Gesellschaft gebildet und die reichhaltige Bibliothek dieser Gesellschaft würde Ihnen beweisen, Madame, daß auch in Bezug auf Shakespeare die Kunst lang und das Leben kurz ist, und daß man Shakespeare zu seiner Lebensaufgabe machen kann. Schon Goethe seufzte: „Shakespeare und kein Ende!“ Und jetzt ist seitdem ein halbes Jahrhundert vorübergegangen, und die Shakespeare-Literatur ist noch immer im Wachsen. Gewiß ist die ernste Beschäftigung mit einem bedeutenden Dichter verdienstlich und rühmlich, und da sich die Shakespeare-Gesellschaft diese Aufgabe gestellt hat, so wollen wir sie nicht nur Ihnen, Madame, sondern auch weitesten Kreisen empfehlen. Gleichwohl ist die Art und Weise, wie sie diese Aufgabe in den bisher erschienenen Jahrgängen des „Shakespeare-Jahrbuchs“ zu lösen gesucht hat, nicht durchweg zu billigen; die Bedeutung Shakespeare’s für uns, die Sonderung des Bleibenden und Vergänglichen in seinen Werken tritt allzusehr zurück gegen eine in bengalischen Flammen leuchtende Apotheose.

Da trat neuerdings ein Kritiker auf, der sich den „Realisten“ nannte, Gustav Ruemelin, seines Zeichens ein würtembergischer Minister außer Diensten, und wagte in seinen anregenden geistvollen „Shakespeare-Studien“ ästhetische Bedenken gegen mehrere Werke des großen Britten, gegen seine Motivirungen, gegen die Auslegung von Seiten der deutschen Gelehrten auszusprechen namentlich aber die Ueberlegenheit des britischen Dichters über unsere großen deutschen Dioskuren, Schiller und Goethe, zu bestreiten. Diese Studien hätten unbedingt in das Shakespeare-Jahrbuch gehört; denn sie brachen einer modernen Auffassung des britischen Dichters die Bahn; sie beleuchteten seine Werke vom philosophischen und politischen Standpunkte des neunzehnten Jahrhunderts aus und maßen sie mit dem Maßstabe unserer doch wesentlich fortgeschrittenen ästhetischen Bildung, Doch was that das Shakespeare-Jahrbuch? Es zuckte vornehm die Achseln über den neuen Kritiker; er gehörte ja nicht zur Facultät. Dazu muß man mindestens eine neue Lesart in einem Shakespeare’schen Trauerspiele entdeckt oder, wenn man die höheren Grade erlangen will, ein Shakespeare’sches Drama in englischer Sprache mit Noten herausgegeben haben.

Fällt Ihnen da nicht wieder unser kleiner, dürrer, poesieloser Philologe ein? Sie sehen, meine Vignette war nicht blos eine müßige Arabeske! Auch die Shakespeare-Weisheit und das Shakespeare-Jahrbuch hat solche Philologen aufzuweisen. Es hat etwas Unheimliches, diese gespenstigen Schatten hervorhuschen zu sehen aus dem Zauberwalde der Shakespeare’schen Poesie, wie der Londoner Annoncenmohr mit Zetteln, von Kopf zu Fuß mit Lesarten, Varianten, Noten beklebt. Sie haben etwas von den blutsaugenden Vampyren, wenn sie über einen Dichter herfallen, um mit seinem Lebensblut ihre eigene geistige Existenz zu fristen.

Da giebt es zunächst die Räthsellöser, welche an den dunkeln Stellen Shakespeare’s ihren Scharfsinn üben. Hierin sind namentlich die Engländer groß, ein Volk, das die größten Seehelden und die größten Wortklauber hervorgebracht hat, ein Volk von einer unglaublichen Orthodoxie und einem Fetischdienst des Buchstabens, wie er in Deutschland trotz unseres gelehrten Rufes unbekannt ist. Shakespeare-Nüsse zu knacken gehört dort zu den beliebtesten geistigen Uebungen; Gevatter Nußknacker und Compagnie erfreuen sich dort des größten Ansehens.

Sie werden, Madame, in Shakespeare, sowohl im Original wie in den Uebersetzungen, manche dunkle Stelle gefunden haben, die mehrfache Auslegungen zuläßt. Solche Dunkelheiten entstehen theils aus dem allzugroßen Phantastereichthum des Dichters, der von Verworrenheit des bildlichen Ausdrucks nicht freizusprechen ist, theils aus der Incorrectheit seines Styls oder des Textes, in welchem er überliefert ist. Sie würden sich irren, Madame, wenn Sie meinten, daß bei Erklärung dieser Stellen ein höheres Interesse und eine andere geistige Thätigkeit im Spiele sei, als beim Auflösen eines Rebus von jüngstem Datum, über dem eine ganze Familie am häuslichen Heerd mit allen confirmirten und unconfirmirten Töchtern oder die Modedamen der Salons mit dem ganzen Hofstaat ihrer Verehrer nachdenklich brüten.

Freilich, der Eine findet diesen Sinn heraus, der Andere jenen, und das Schlimmste ist, daß hier nicht, wie in der nächsten Nummer des Journals, die richtige Auflösung des Rebus steht. Nun begiebt es sich aber oft, daß der größte Scharfsinn in einer solchen dunkeln Stelle gar keinen Sinn zu finden vermag. Soll er sich nun händeringender Verzweiflung überlassen, irre werden an seiner eigenen Mission und an dem Phosphorgehalt der von der Natur ihm angewiesenen Hirnsubstanz? Nein, da giebt es glücklicherweise noch einen Ausweg. So wie die Stelle dasteht, kann sie Shakespeare nicht gedichtet haben, dies oder jenes Wort muß anders lauten. Die Abschreiber, die Drucker, die Herausgeber haben sich einen Fehler zu Schulden kommen lassen. Ein anderer Buchstabe schafft ein anderes Wort; das andere Wort einen andern Sinn. So nur konnte Shakespeare geschrieben haben. Gefunden – ruft der glückliche Entdecker und wie Pythagoras seine hundert Ochsen, schlachtet er aus Freude über seine Entdeckung alle früheren Herausgeber, Ausleger und Erläuterer ab, in deren dumpfes Gemüth nicht jener Blitz vom Himmel zündend und erleuchtend fuhr.

Dies, Madame, nennt man mit einem sehr gelehrten Namen eine Text-Emendation. Sie bereitet dem glücklichen Urheber in der Regel eine schlaflose Nacht, während das stumpfe Menschengeschlecht diese geistige Großthat oft mit einer bedauerlichen Gleichgültigkeit betrachtet. Sie können sich denken, Madame, daß mit dieser anscheinend so harmlosen Beschäftigung nicht unbedeutende Gefahren verbunden sind, nicht für den Entdecker, nein, für den Dichter selbst, der dies Alles über sich ergehen lassen muß und nicht einmal von irgend einem Medium citirt werden kann, um sich darüber auszusprechen, welcher von den Herren ihm seine aus den Gelenken gefahrenen Gedanken am sachgemäßesten eingerenkt hat.

Im Vertrauen will ich Ihnen sagen, Madame, daß ich oft wunderbare Curen erlebt habe, welche der Diagnose dieser Herren nicht das günstigste Zeugniß ausstellen. Die kritischen Nachfolger verfahren denn auch auf das Rücksichtsloseste mit den Erfolgen ihrer Vorgänger, ähnlich den Aerzten, die mit einem schlecht geheilten Armbruch in so grausamer Weise zu Werke gehn, daß sie den Knochen noch einmal zerbrechen. In der That ist einem poetisch empfindenden Gemüthe im Atelier dieser Texteskritik oft zu Muthe, wie in einer chirurgischen Klinik, wo man rings um sich raspeln, sägen und die Gebeine knacken hört, während der als Opfer daliegende [184] Patient, der Dichter selbst, so chloroformirt ist, daß aller Zusammenhang des Denkens bei ihm aufgehört hat.

Wenn Sie nun von „Varianten“ hören, Madame, so werden Sie alsbald wissen, was Sie sich unter diesem an die Varietäten der Blumenflora erinnernden Ausdruck zu denken haben. Eine Shakespeare-Ausgabe mit Varianten stellt eine Blüthenlese der verschiedenen Lesarten unter den Text und baut an den erhabenen Park des dichterischen Genius einen kleinen Blumengarten menschlichen Scharfsinns an, in welchem zugleich dafür der Beweis geliefert wird, daß der letzte kritische Kunstgärtner die beste „Varietät“ entweder ausgewählt oder selbst erzeugt hat.

Sollten Sie noch der kindlichen Naivetät huldigen, Madame, von einem Stück zu glauben, daß es von Shakespeare gedichtet sei, weil es in Shakespeare’s Werken steht, so vergessen Sie, daß Shakespeare nicht blos dramatischer Dichter, daß er auch Schauspieldirector war. Wie aber ein moderner Finanzminister das Geld nimmt, wo er es findet, so nimmt ein Theaterdirector die Stoffe, wo er sie findet, und in einer um das geistige Eigenthum nicht so besorgten Zeit, wie die unsrige, konnte er sich allerlei aneignen, was schon selbst eine Kunstform, oft sogar schon eine dramatische trug; er machte solche Stücke zurecht, überarbeitete sie und brachte sie dann auf die Bühne. Auch eigene Jugendwerke goß er im reiferen Alter um. Im Uebrigen nahm er aus Novellen, Gedichten, Stücken nicht blos Motive und Situationen, sondern auch Verse, Bilder, Gedanken, so daß sein Zeitgenosse Robert Greene ihn eine Krähe nennen durfte, die sich mit fremden Federn putzt.

Ihr Scharfblick, Madame, hat bereits erkannt, welche Arena sich damit für die staubaufwühlende Weisheit wetteifernder Kritiker aufthut! Welche Fragen sind da zu beantworten! Ist dies Stück von Shakespeare? Ist es nicht von ihm? Ist es eine Jugendarbeit von ihm, die er später überarbeitet hat? Ist es das Werk eines andern Dichters, das er der Bühne anzupassen suchte?

So lange ein leidliches Einvernehmen unter den Shakespeare-Kritikern herrscht, können auch wir, Madame, uns bei den Resultaten ihrer Untersuchungen beruhigen; aber ach! Madame, wenn der eine Jahrgang des „Shakespeare-Jahrbuchs“ mit dem andern in Streit geräth, was sollen wir da beginnen, nachdem uns einmal die Milch der frommen Denkart durch kritische Zweifel getrübt worden ist? Und solche Zweifel zu erregen, sind die begeisterten Shakespearomanen unermüdlich.

Wir alle lebten lange Zeit in dem süßen Wahne, „Timon von Athen“ sei ein unbestreitbares Eigenthum des Shakespeare’schen Genius. Da tritt zuerst ein englischer Text-Kritiker auf und beweist, daß „Timon von Athen“ nicht von Shakespeare gedichtet, sondern das Werk eines Anonymus sei, welches Shakespeare nur in einzelnen Scenen umgearbeitet habe, namentlich da, wo der Charakter des Timon ihm Gelegenheit gegeben, seine psychologische Meisterschaft zu bewähren.

Delius, der Shakespeare anfangs gegen den Engländer vertheidigt, schließt sich später der Ansicht desselben an, die nun so lange die Parole des Tages ist, bis ein Hallenser Kritiker glücklich wieder das Gegentheil beweist. Nach dieser neuesten Ansicht ist der „Timon“ von Shakespeare, aber durch einen späteren Bearbeiter entstellt und verunstaltet.

Nicht wahr, Madame, Sie fühlen wie der Schüler des Faust ein Mühlrad im Kopfe herumgehen? Ich wasche meine Hände in Unschuld! Ich wollte Ihnen nur an einem recht schlagenden Beispiele zeigen, was es mit der sogenannten Shakespeare-Gelehrsamkeit für eine eigenthümliche Bewandtniß hat. Ich selbst halte nach wie vor den „Timon“ für ein Werk Shakespeare’s; die Ungleichheit des Styls hängt von der Ungleichheit der dichterischen Stimmung ab. Die Schauspieldirectoren haben zu allen Zeiten viel Aergerniß gehabt, und auch der Meister wird zum Stümper, wenn ihm die reine schöpferische Laune getrübt ist. Auch halte ich das Stück nicht für eine Jugendarbeit, sondern für ein Werk der reiferen Jahre und zwar gerade wegen einzelner Schwächen. In der Jugend schafft man mehr aus einem Gusse; später wird man empfindlicher für jede Störung. Ueberhaupt, Madame, welch thörichtes Vorurtheil, dem Alter des Dichters vor seiner Jugend Vorzug zu geben! Für Dichter und Frauen ist die Jugend ein unersetzlicher Schatz, und wer im Vollgenusse desselben schwelgt wie Sie, Madame, der weiß nicht einmal, wie viel solche Jugend voraus hat vor dem sogenannten reiferen Alter, in welchem Alles reifer geworden ist, auch unsere Fehler.

Doch nicht blos diese kritischen Untersuchungen, auch die Charakteristiken der einzelnen Dramen und ihrer Helden sind zu Bibliotheken herangeschwollen. Gervinus, Kreyßig, Rötscher, Ulrici und hundert Andere haben in den einzelnen Stellen die verschiedensten Grundgedanken, in den einzelnen Charakteren die verschiedensten Eigenschaften entdeckt.

Doch das „Shakespeare-Jahrbuch“ enthält neben den überflüssigen Turnieren des kritischen Scharfsinns und den müßigen Spielen des Witzes auch manchen trefflichen Aufsatz, der für das Verständniß des Dichters in der That neue und wichtige Punkte giebt. Da ist namentlich ein Vertreter deutscher Industrie, Director einer großen Gascompagnie, Heinrich Oechelhäuser[WS 1], der durch gesunde und verständige Darlegungen viele Fachgelehrte beschämt und außerdem ein schönes Beispiel giebt, wie in Deutschland praktische Tüchtigkeit mit warmer Begeisterung für die großen Meister der Poesie vereinigt. Wie ich jüngst erfahren, ist man auch des „trockenen Tones“ satt und will in den nächsten Jahrgängen des Jahrbuchs mehr auf Shakespeare’s Bedeutung für die Gegenwart, auf das Verhältniß der Bühnen zu ihm, auf die Darstellung und auf die Darsteller seiner Hauptrollen in Deutschland Rücksicht nehmen.

Sie aber, Madame, können aus diesen Abhandlungen wohl manche Belehrung schöpfen, doch das wahre Verständniß des Dichters ruht in Ihrer eigenen Brust. Wer der Begeisterung des Poeten mit gleicher Begeisterung folgt, der findet von selbst das Rechte und bedarf des Commentars nicht. Ein Strahl erleuchtet ihm das Ganze und alles Einzelne, während die Camera obscura der Kritik nur von einem hier und dort aufleuchtenden Phosphorschimmer erhellt wird.




Die Damen auf dem Congreß zu Erfurt.
Josephine und Hortensie. – Die Frau Jerome’s. – Stephanie von Baden. – Louise von Weimar. – Frau von der Recke. – Eine preußische Antwort.

Man sollte glauben, daß an einem diplomatischen Congreß nur Männer theilnehmen, daß nur sie das Wort führen, wenn es gilt, einen verworrenen Weltlauf zu ordnen, kampfdrohenden Hader zu schlichten, oder schon begonnene Kriege durch Unterhandlungen zu enden. Und doch ist das weibliche Geschlecht oft lebhaft mitthätig, zuweilen öffentlich, häufiger aber im dunkeln Hintergrunde waltend als gute oder böse Fee. Damen aus der höheren Gesellschaft, Fürstinnen erfüllen gern ihre Mußestunden mit politischen Träumereien und Intriguen, finden Mittel und Wege, ihre Ansichten und Wünsche zur Geltung zu bringen. Wie oft sind schon diplomatische Missionen an Frauen übertragen worden; manche Gemahlin eines Gesandten hat größeren Einfluß geübt als der Gesandte selbst; nicht selten wurde dem öffentlichen Vertreter einer Macht ein geheimer beigesellt, bisweilen eine schöne interessante Frau, von deren Talent zur Intrigue ein günstiger Erfolg zu erwarten war oder deren persönlicher Liebreiz einen unwiderstehlichen Zauber ausübte, wodurch sie Alles, was sie wollte, erreichen konnte.

Die beiden größten Regenten des achtzehnten und neunzehnten Jahrhunderts indeß, Friedrich der Große und Napoleon, wußten dem weiblichen Ehrgeiz gewisse Schranken zu setzen; in ihrem hohen Rathe durfte keine Frauenstimme sich vernehmen lassen.

Den Traditionen des preußischen Hofes entsprach die Ausschließung der Frauen von der Politik; sie hatten in Preußen in jener für ehrgeizige Schöne so verlockenden Sphäre nie eine Rolle gespielt. Für Napoleon hingegen war es viel schwieriger, die für politische Intriguen sehr enthusiasmirten Französinnen von diesem Gebiete, auf dem ihre Vorfahrinnen Jahrhunderte hindurch geglänzt, zu verdrängen. Waren doch unter den Valois wie unter den Bourbons bei großen Weltbegebenheiten Frauen sehr oft die leitenden Persönlichkeiten gewesen; ja mehr als einmal hat in Frankreich eine Frau fast allein das Staatsruder gelenkt. Unter Napoleon sollte das zarte Geschlecht nur die Gesellschaft verherrlichen, die jungen und schönen Gemahlinnen der Marschälle und Herzöge sollten durch ihren Liebreiz und ihre Anmuth den [185] Festen in den Tuilerien, in Malmaison und St. Cloud den Reiz, einer heiteren, lebensvollen Geselligkeit verleihen.

Seine Gemahlin Josephine und seine Stieftochter Hortensie, Beide graziös, liebenswürdig, regsam, munter, glänzten in der Gesellschaft. Sobald nur die Kriegsstürme ausgetobt, suchten sie das Gerassel der Waffen, die Verheerungen des Kampfes durch gesellige Genüsse vergessen zu machen. Obwohl Napoleon, dessen Geist immer auf dem Weltschauplatz schwebte, an derartigen Vergnügungen keinen Geschmack fand, beförderte er sie seiner politischen Zwecke halber. Er wollte eine oder die andere diplomatische Bitterkeit aus dem Gedächtniß Derer, die sie getroffen, durch Scherz, Laune, glänzende Lustbarkeiten verwischen und darum ward seiner Gemahlin wiederholt, zuerst durch ihren Aufenthalt im Schlosse Montebello bei Mailand, der dem Frieden von Campo Formio vorausging, dann durch ihren Aufenthalt zu Mainz im Jahre 1807 die Aufgabe zu Theil, in einem fremden Lande durch den Zauber ihres Wesens die Anhänger des Kaisers noch mehr zu fesseln oder seine Gegner versöhnlicher zu stimmen.

Auf dem Congreß zu Erfurt im Jahre 1808 erschien Josephine nicht mehr, vielleicht aus konventionellen Rücksichten, weil Kaiser Alexander ohne seine Gemahlin kam, vielleicht dachte auch Napoleon schon damals ernstlich an die Auflösung seiner kinderlosen Ehe und an eine Vermählung mit einer russischen Großfürstin. Doch war er bedacht, der militärischen und diplomatischen Versammlung durch zwei anmuthige Frauengestalten, von denen die eine in der That eine reizende Blüthe der Geselligkeit war, frischeres Leben, einen gefälligeren Ton zu verleihen. Die dritte Dame, welche der Aufforderung des Kaisers nach Erfurt gefolgt, hatte Napoleon wohl theils aus Courtoisie, theils aus Achtung vor dem Muthe, den sie selbst ihm gegenüber einmal gezeigt, eingeladen. Es hegte keine von ihnen das Verlangen, in die dunklen Regionen diplomatischer Fehde einzudringen; zwar nicht frei von persönlichen Wünschen und Hoffnungen auf staatliche Veränderungen, aber ohne den Muth, sie laut werden zu lassen, nahmen sie nur an den Lustbarkeiten Theil; die beiden ersterwähnten fühlten sich befriedigt durch die Strahlen der kaiserlichen Sonne, welche auf sie herabfielen; die dritte bewahrte ihre edle Frauenwürde, unter der sie manche schmerzliche Empfindung über die Zeitereignisse zu verbergen wußte.

Die Königin Katharina, eine Tochter des Königs von Württemberg, war, obwohl eine Deutsche, durch ihre Vermählung mit Hieronymus Bonaparte, dem jüngsten Bruder Napoleon’s, ganz für das französische Interesse gewonnen; sie regierte, in einem deutschen Lande, war aber von Herzen Französin, und hegte eine große Verehrung für den Kaiser Napoleon. Als gute Tochter hatte sie ehedem die Freude ihres Vaters über die Vergrößerung des württembergischen Gebiets, die Erhebung des Kurfürstenthums zu einem Königreiche durch Napoleon getheilt. Außerdem fühlte sie sich, als Gemahlin eines französischen Prinzen weit glücklicher denn früher als deutsche Prinzessin. In ihrer Kindheit und Jugend hatte sie viel zu leiden gehabt und frühzeitig die Mutter verloren, welche vor der tyrannischen Behandlung ihres Gemahls geflüchtet, dann dem Leichtsinn verfallen und bald gestorben war. Nur die Jahre, welche die Prinzessin Katharina unter dem Schutze ihrer Großeltern verlebt, waren ungetrübt verflossen. Dort hatte sie eine sorgfältige Erziehung genossen und sich in einem Kreise bedeutender Persönlichkeiten bewegt, wodurch ihre natürlichen Anlagen sich schnell entwickelt. Sie war lebhaft, verständig, sehr gebildet, heiter und fröhlich. In ihrem sechszehnten Jahre raubte der Tod ihr die Großeltern; sie mußte in das väterliche Schloß zurückkehren. Obwohl dem Vater die muntere, kluge Tochter viel Vergnügen machte, behandelte er sie doch mit Strenge und Härte. Er hatte sich inzwischen zum zweiten Male vermählt mit der Tochter des Königs Georg des Dritten von England, einer Dame von sehr festen Grundsätzen, aber kalt, steif und langweilig. Zwischen der heiteren, lebenslustigen Tochter und der ernsten, schweigsamen Stiefmutter war kein vertrautes Verhältniß möglich; die Tochter zollte der Mutter Achtung, aber sie hegte keine Liebe für sie, fühlte sich in ihrer Nähe unbehaglich, gedrückt. Der Mutter war die Tochter gleichgültig; sie zeigte sich unfreundlich, lieblos gegen sie.

Unter solchen Verhältnissen konnte die Prinzessin Katharina am Hofe ihres Vaters sich nicht gefallen, dennoch blieb sie lebensfrisch und immer gut gelaunt, ihr angeborener Frohsinn ließ sie das Unangenehme leichter überwinden. Gegen ihre Vermählung mit dem Könige von Westphalen hegte sie eine entschiedene Abneigung. Sie hatte damals die Aussicht, den Erbprinzen von Mecklenburg zum Gemahl zu bekommen, den sie gern mochte und den man ihr sehr vorteilhaft geschildert. Eine Hofintrigue brachte die Unterhandlungen in’s Stocken und der Prinz vermählte sich später mit der Prinzessin Caroline von Weimar, die ihm die nachmalige Herzogin von Orleans gebar. Mehr noch als das Wohlgefallen, welches sie an dem Prinzen von Mecklenburg fand, hielt sie von einer Verbindung mit Hieronymus Bonaparte seine frühere Ehe mit Elisabeth Patterson zurück, deren Auflösung sie als ein schweres Unrecht ansah. Aber sobald der Vater ihr vorstellte, daß das Glück der ganzen Familie, das Fortbestehen und die Zukunft des Landes von ihrer Einwilligung abhingen, gab sie jeden Widerstand auf und brachte, wie sie in ihren Denkwürdigkeiten erzählt, sich selbst zum Opfer, wo so heilige Interessen im Spiel waren. „Ich konnte damals nicht voraussehen,“ sagt sie in ihren Denkwürdigkeiten, „daß ich darin das reinste, dauerndste Glück finden würde.“

Zur Zeit ihrer Vermählung war die Prinzessin Katharina vierundzwanzig, der König von Westphalen dreiundzwanzig Jahre alt. Ihre mittelgroße Gestalt prangte in lieblicher Fülle, in der etwas gehobenen Haltung des Kopfes, der von zarten, aber zugleich kühnen Linien umschriebenen Stirn drückte sich ein edler Stolz aus, die blauen Augen blickten freundlich aus dem frischen, blühenden, von goldblondem Haar umrahmten Antlitz hervor, das Lächeln auf den rosigen Lippen ließ zwei Reihen blendend weißer Zähne sichtbar werden. Die persönlichen Reize der jungen Fürstin, ihre edle Denkweise, ihre Hochherzigkeit und Liebenswürdigkeit gewannen ihr die Achtung und Zuneigung ihres Gemahls, wenngleich sie das Andenken an seine erste Liebe nie verdrängen konnte. In den Augen der Prinzessin contrastirte das leichte ungezwungene Wesen, die elegante Tournüre des Königs Hieronymus sehr vortheilhaft gegen die damalige Steifheit der deutschen Cavaliere, und bei ihrer Lebenslust müßten ihr die glänzende Hofhaltung in Kassel, die vielen Vergnügungen mehr zusagen, als das langweilige, einförmige Leben und die große Sparsamkeit in Stuttgart. Während die Prinzessin Katharina früher immer gehorchen, in die Wünsche Anderer sich fügen mußte, lebte ihr Gemahl ihr ganz zu Gefallen, war aufmerksam und zärtlich gegen sie; von Seiten des Kaisers Napoleon und der Kaiserin Josephine hatte sie sich einer außerordentlichen Aufnahme und vieler feinen Artigkeiten zu erfreuen. Sie theilt in ihren Denkwürdigkeiten mit: „Als Mitgift erhielt ich hunderttausend Gulden. Obwohl mein Vater der Verbindung mit dem Kaiser Napoleon, der über sein ganzes Schicksal zu entscheiden hatte, eine große Bedeutung beilegte, mußte ich Schulden machen, um die gebräuchlichen Geschenke einzukaufen, bekam eine Aussteuer, die ich nicht tragen konnte, und sah mich genöthigt, mit hundert Louisd’or in der Tasche abzureisen. Der Kaiser ließ mir mein Hochzeitkleid machen, mein Gemahl bezahlte meine Schulden, schenkte mir eine neue Aussteuer und wußte durch seine Zartheit und Großmuth meine unangenehme Lage zu verbergen.“

Als Nichte und Adoptivtochter des Kaisers, dem sie allein die Erhebung auf den Thron zu verdanken hatte, mußte wohl auch die Erbprinzessin Stephanie von Baden mit dem innigsten Dankgefühl zu Napoleon aufblicken, dessen Ruhm die halbe Welt erfüllte, der Könige ernannte und absetzte und mit seinen Winken fast Europa regierte. Von Kindheit an hatte Josephine, mit mütterlicher Zärtlichkeit über sie gewacht, sie mit ihrer Tochter zusammen in dem berühmten Institut der Frau von Campan erziehen lassen. Die junge Stephanie, von einem lebhaften Geist und regen Eifer unterstützt, erwarb sich gediegene Kenntnisse, mit Liebe und Ausdauer pflegte sie Wissenschaften und Künste, vereinigte mit der feinsten Sitte eine reizende Liebenswürdigkeit und hohe Bildung. Sie hielt sich noch im Institut der Frau von Campan auf, als Napoleon sie adoptirte, zur kaiserlichen Prinzessin erhob und dem Erbprinzen von Baden zur Gemahlin bestimmte. Der Erbprinz von Baden war schon halb und halb mit der Prinzessin Auguste von Baiern versprochen gewesen, als Napoleon diese zur Gemahlin Eugen Beauharnais’ begehrte. Da dem König von Baiern die Allianz mit Frankreich bereits eine Vergrößerung seines Territoriums eingebracht und er durch eine Familienverbindung noch größere Vortheile zu erlangen hoffte, nahm er sein dem Prinzen von Baden gegebenes Wort zurück. Der Großherzog von Baden, Großvater des Erbprinzen, ein eifriger Anhänger des Rheinbundes, [186] war ganz damit einverstanden, denn Napoleon hatte ihm versprochen, seinen Enkel in anderer Weise zu entschädigen, indem er ihm selbst eine Gemahlin zuführen werde. Auf Napoleon’s Einladung kam der Erbprinz nach Paris. Als er die ihm bestimmte Braut sah, fühlte er sich sehr beglückt durch die Wahl, die der Kaiser für ihn getroffen.

In dem Herzen der jungen Stephanie erweckte hingegen die Erscheinung des Erbprinzen nicht so freudige Gefühle. Er hatte kein einnehmendes Aeußeres und sein Benehmen – er war sehr ernst, still, phlegmatisch, linkisch – konnte einem lebhaften, feurigen, geistreichen Mädchen wie Stephanie von Beauharnais nicht gefallen. Wo aber das politische Interesse sprach, durften persönliche Gefühle und Wünsche nicht laut werden, der kaiserliche Wille gebot der Prinzessin Stephanie durch Thränen zu lächeln. Mit großem Pomp ward die Vermählung vollzogen, der Erbprinz führte seine junge Gemahlin in seine Staaten. Während der Großherzog von Baden die Vermählung des Erbprinzen mit einer Verwandten des Kaisers Napoleon dringend gewünscht und die junge Fürstin mit großer Freundlichkeit bewillkommnete, war die übrige Familie, besonders die Mutter und ein Oheim des Erbprinzen, sehr aufgebracht über diese Verletzung des Legimitätsprincips. Die Familie verstand es, den Erbprinzen gegen seine Gemahlin einzunehmen, sie säete Zwietracht unter den fürstlichen Eheleuten, und der Prinz vernachlässigte die Prinzessin auffallend. In dieser Zeit legte man ihr geflissentlich Fallstricke, um bei dem kleinsten Schatten, der auf ihr Benehmen fiele, sie mit dem Schein des Rechts heftig anklagen zu können. Ihrer Unschuld und Tugend durfte aber keine Verführung nahen, sie gingen fleckenlos aus allen Versuchungen hervor. Die Anfeindungen der Familie hatten wirklich in der ersten Zeit dunkle Schatten auf die junge Ehe geworfen, aber das liebenswürdige Naturell und holdselige Wesen seiner Gemahlin entzückten und fesselten den Prinzen so, daß er endlich allen Verleumdungen sein Ohr verschloß. Mit Klugheit und Zartgefühl benahm sich die Prinzessin in der für sie peinlichen Lage, sie war sehr bemüht, sich die Gunst und Liebe der ihr feindlich gesinnten Familienmitglieder zu erwerben, ohne ihnen jedoch zu verhehlen, daß sie die Verwandtschaft mit Napoleon, die jene ihr zum Vorwurf machten, sich zur höchsten Ehre anrechne.

In Erfurt stand diesen beiden ganz französisch gesinnten Fürstinnen die Herzogin Louise von Weimar mit ihren echt deutschen Gesinnungen gegenüber. Was jene mit Selbstbefriedigung erkannten, die Uebermacht Frankreichs und die Unterordnung aller anderen Länder, erfüllte sie mit stillem Schmerz. Wie sehr hatte sie mit ihrer Familie und ihren Unterthanen schon darunter leiden müssen, wieviel Jammer und Unglück war über ihr verwandte und befreundete Fürstenfamilien und deren Länder gekommen! Die glänzenden Lustbarkeiten in Erfurt, bei denen Napoleon’s Oberherrschaft ebenso klar an den Tag trat, wie auf dem Schlachtfelde und am grünen Tisch, konnten der Herzogin von Weimar kein Vergnügen bereiten. Nur der Zwang der Etikette hatte sie nach Erfurt geführt. Wenn die Fürstin jenes Tages gedachte, da Napoleon nach der Schlacht bei Jena in Weimar eingezogen, der Verwüstungen, die seine Truppen in der Stadt angerichtet, wo sie ganze Häuser geplündert, Feuer angelegt, – wenn sie gedachte, wie kalt und schroff der Sieger sich gegen sie gezeigt, als sie in bescheidener Würde ihn an der großen Schloßtreppe empfangen, wie er ihr nicht einmal Rede gestanden, sondern sogleich in sein Zimmer geeilt war, konnte sie nur mit Widerwillen die Einladung nach Erfurt angenommen haben. Ihre feste großartige Haltung in der Audienz, die sie damals bei dem Imperator nachgesucht, die ruhige Gediegenheit ihrer Worte, mit der sie ihren Gemahl gegen Napoleon’s Drohungen und Vorwürfe vertheidigt, der laut äußerte, Fürst und Land entgelten zu lassen, daß der Herzog mit seinen Truppen an der Seite der Preußen gekämpft und ein preußisches Corps geführt, hatten zur Zeit selbst dem stolzen Sieger imponirt. Aeußerte er doch zu dem General Rapp: „Das ist eine Frau, welcher nicht einmal unsere zweihundert Kanonen haben Furcht einjagen können.“

Stillschweigend, ja mit gläubiger Miene mußte die Herzogin damals zuhören, wie Napoleon von der ihm unwillkürlich aufgedrungenen Nothwendigkeit seines jetzigen Feldzuges sprach, wobei er unter anderm sagte: „Glauben Sie mir, Madame, es giebt eine Vorsehung, welche Alles leitet, und ich bin nur deren Werkzeug.“

Die Herzogin Louise war eine zu aufgeklärte Dame, um an ein derartiges Walten unsichtbarer Mächte zu glauben, hatte von den politischen Verhältnissen Verständniß genug, um zu wissen, daß nur Napoleon’s Thatendurst und Ehrgeiz an den immerwährenden Kriegen Schuld sei. Doch durfte sie, die Schwache, dem Gewaltigen nicht widersprechen, ihn nicht seiner Ueberschätzung überführen, wozu es ihr wohl an Beweisen nicht gefehlt hätte. In ihrer bedrängten Lage war die Herzogin schon zufrieden, als sie dem Kaiser abgewonnen, daß, wenn der Herzog in einer bestimmten Frist die preußische Armee verlasse, nach Weimar zurückkehre und sein Contingent zurückrufe, ihm verziehen und seine Souverainetät nicht vernichtet werden solle, was außerdem unwiderruflich beschlossen sei.

Bei dem Kriegswirrwarr war es anfänglich unmöglich gewesen, den Herzog aufzufinden, damit er die Forderungen Napoleon’s erfülle, um sich und sein Land vom Untergang zu retten. Napoleon, über diese Zögerung aufgebracht, sagte zu dem weimarischen Abgesandten, der ihm nach Berlin gefolgt war, ein eigenhändiges Schreiben der Herzogin mit der Bitte um Verlängerung der Frist für den Herzog zu überbringen: „Machen Sie es Ihrem Herzog recht einleuchtend, daß er sein Land und seine politische Existenz einzig und allein der hohen Achtung, ja der innigen Freundschaft verdankt, welche ich für seine Gemahlin die Frau Herzogin gefaßt habe.“

Der Herzog Karl August war nach Weimar zurückgekehrt, hatte sich der Nothwendigkeit, dem Rheinbunde beizutreten, gefügt, und noch eine bedeutende Contribution gezahlt, um nicht von dem Herrschersitz seiner Ahnen vertrieben zu werden. Es war eine Zeit schwerer Sorge und harter Bedrängniß für die Herzogin gewesen. Seit Jahrzehnten befand sich der weimarische Hof in einer Umgebung geistiger Elemente, welche ihn auf ein erhöhtes Lebensfeld versetzt hatten. Ein genialer Fürst mit großen und schönen Eigenschaften nährte seine reinsten Empfindungen, seine edelsten Erhebungen in der Freundschaft eines Goethe. Ihm zur Seite standen zwei ausgezeichnete Fürstinnen mit immer regem Bedürfniß geistigen Behagens, die Herzogin Amalia, die Mutter Karl August’s, und die Herzogin Louise, seine Gemahlin.

Männer wie Schiller, Wieland, Herder brachten Blüthen und Früchte diesem Kreise zu. In das schöne Geistesleben, das bis dahin in freier Höhe über den Tageswogen geschwebt, hatte Napoleon plötzlich die Fackel des Krieges geschleudert und schmerzlich fühlte die heldenmüthige Fürstin das rücksichtslose, barsche Auftreten des Kaisers gegen sie, den Zwang, den er auf ihren Gemahl ausgeübt, die Bedrückungen und Verluste, welche das Volk zu erleiden gehabt.

Mit solchen Empfindungen kam die Herzogin Louise von Weimar nach Erfurt, wohin Napoleon sie mehrmals zur Mittagstafel und zum Theater einlud. Der Kaiser hatte die größten französischen Schauspieler nach Erfurt kommen lassen, wo jeden Abend ein Trauerspiel von einem der berühmten französischen Classiker aufgeführt wurde. In dem sonst so stillen Erfurt herrschte in dieser Zeit ein reges Leben und lautes Treiben. Außer dem Kaiser Alexander und dem Kaiser Napoleon hatten sich alle Fürsten des Rheinbundes, Könige und Herzöge mit ihrem Gefolge dort eingefunden. Glänzende Equipagen rollten hin und her, hohe Militairs und Staatsbeamte in strahlender Uniform mit Sternen und Ordensbändern drängten sich in den Salons der Herrscher, auf den Straßen wogte die schaulustige Menge in dichtem Gewühl. Levers bei dem Kaiser Napoleon, Audienzen bei dem Kaiser Alexander und den Königen, Revüen, Paraden, Geschäftsbesuche füllten die Tagesstunden aus. Um fünf Uhr speiste der Kaiser Alexander bei Napoleon, die hohen französischen Würdenträger regalirten das Gefolge der Fürsten. Nach sieben Uhr Abends strömte Alles in’s Theater, das bis nach elf Uhr dauerte.

Als die Herzogin von Weimar zum ersten Mal nach Erfurt kam, war nur die Königin von Westphalen anwesend, die Erbprinzessin von Baden wurde erwartet. Die Herzogin machte zuerst der Königin von Westphalen einen Besuch, die nach dem Bericht einer Augenzeugin sie sehr freundlich aufnahm. Um fünf Uhr fuhr sie allein zu Napoleon und mußte mit allen Königen und der westphälischen Königin eine Stunde im Vorzimmer warten. Während dessen unterhielt sich Napoleon mit Alexander im Nebenzimmer laut und streitend. Als er herauskam, ging es sogleich zur Tafel, wo die Herzogin Louise an Napoleon’s Seite saß. Er war sehr freundlich gegen die Herzogin, bat sie zu essen und zu trinken, schenkte ihr selbst ein und sagte, als sie sich weigerte: „Aber trinken Sie doch, ich möchte Sie gerne zanken hören.“

[187] Nach der Tafel begab man sich in’s Theater, wo Mahomet aufgeführt wurde. In der oberen Hauptloge nahmen die Fürstinnen Platz: auf einem Fauteuil, der etwas erhöht stand, die Königin von Westphalen; an der Seite, aber niedriger, die Herzogin von Weimar. Dieselbe Augenzeugin berichtet: „So freundlich die westphälische Dame mit der Herzogin allein war, so sah sie dieselbe nun im Publicum nicht mehr an und sprach auch kein Wort mehr.“ Dieses auffallende Benehmen hatte wohl seinen Grund nur in einer augenblicklichen Verstimmung, die von der Theilnahme herrührte, welche die Königin Katharina für ihren Gemahl fühlte. König Hieronymus war nämlich mit sehr vielen Klagen und Beschwerden nach Erfurt gekommen, hatte aber bei seinem kaiserlichen Bruder kein Gehör gefunden. Er äußerte laut, daß er kein Geld habe, das Land so arm sei, er kein Deutsch verstände, und daß er als Prinz von Frankreich tausend Mal glücklicher gewesen sei. Der Kaiser hatte es wiederum an Ermahnungen nicht fehlen lassen, hatte dem König Vorwürfe über seine Regierungsweise gemacht und ihm jede Hoffnung auf Verbesserung seiner Stellung genommen. Der Verdruß, der über diese Mißerfolge die Brust des Königs Hieronymus erfüllte, wirkte natürlich auch auf die Königin zurück, die unter solchen Umständen nur wenig beitrug, die Geselligkeit zu beleben.

Ganz anders zeigte sich die Erbprinzessin von Baden, welche bald nach der erfolgten Abreise der westphälischen Majestäten mit ihrem Gemahl in Erfurt eintraf. Durch ihren hellen Verstand, ihre geistige Lieblichkeit, ihre Lebensfrische, ihren liebenswürdigen Humor elektrisirte sie Alle. Namentlich war von dem Zauber ihres Wesens der Kaiser Alexander entzückt, jener glänzende Anbeter weiblicher Schönheit und Grazie, ebenso ausgezeichnet in der Galanterie wie im Kriege und in der Politik. So oft die Etiquette es zuließ, befand er sich an der Seite der schönen Stephanie, ihre reizende Unterhaltung fesselte ihn ebenso wie ihre blendende Erscheinung. Gern hätte er bisweilen die diplomatischen Verhandlungen abgekürzt und die Stunden lieber in ihrer Gesellschaft zugebracht. In Erfurt sprach er sie fast nur an der Mittagstafel oder wenn er ihr einen Besuch machte; im Theater waren die Plätze der Herren und Damen von einander getrennt, die Herren saßen im Parquet, die Damen in der oberen Logenreihe. Auf dem Balle, den die Herzogin von Weimar auf Napoleon’s Wunsch zu Ehren der beiden Kaiser im Schlosse zu Weimar veranstaltete, hingen seine Blicke voll Bewunderung an der reizenden, anmuthigen Gestalt, wie sie gleich der Muse des Tanzes auf dem glatten Boden dahinschwebte, die zarten, elastischen Glieder mit Leichtigkeit und Grazie im rhythmischen Schwunge bewegend. Mit edler Weiblichkeit und Zartheit nahm die Erbprinzessin die schmeichelhaften Huldigungen des Zaaren entgegen und auch hier zeigte sich wieder ihre Tugend im schönsten Licht.

Nach Napoleon’s Abreise von Erfurt verweilte der Kaiser Alexander in Gesellschaft vieler anderer Fürstlichkeiten, unter ihnen der Erbprinz und die Erbprinzessin von Baden, noch einen Tag in Weimar. Sobald die Mittagstafel aufgehoben war, begab man sich in das Theater, wo „Don Carlos“ aufgeführt wurde und hier hatte der Zaar das Vergnügen, in derselben Loge mit der Prinzessin Stephanie der Vorstellung beizuwohnen. Nach der Aufführung fand ein glänzender Hofball statt, den der russische Kaiser mit der Erbprinzessin von Baden eröffnete. Der Kaiser soll an diesem Abend in Entzücken geschwelgt haben, als die leuchtenden Augen seiner Tänzerin ihm entgegenstrahlten, ihr süßer Athem ihn umkoste. Bis drei Uhr Nachts hielt der Kaiser im Ballsaal aus, zum großen Leidwesen Vieler, denn in Weimar war man gewohnt, selbst nach Hofbällen zeitig genug zu Bette zu gehen.

Die reizende Erscheinung der Prinzessin Stephanie hatte wohl zu Gunsten Napoleon’s und der Familie Bonaparte-Beauharnais auf den Zaaren eingewirkt, insoweit Schönheit und geistige Anmuth auf politische Beziehungen Einfluß üben können. Als Napoleon später neue Gewaltschritte that und durch seine Maßnahmen Rußlands Handel immer größeren Schaden brachte, hatte die Freundschaft zwischen beiden Kaisern bekanntlich ein Ende.

Nicht von fürstlichem Geblüt, nicht von Kaisern und Königen umgeben, aber ein belebendes Element geselliger Verhältnisse und durch ihren glühenden Patriotismus dem großen politischen Schauspiele näher stehend, war eine vierte Dame, die Präsidentin von der Recke in Erfurt. Napoleon hatte nicht ihre Anwesenheit veranlaßt, wahrscheinlich hätte er sogar, würde er ein kleines Zwiegespräch haben voraussehen können, für ihre Entfernung, Sorge getragen haben. Schon unter preußischer Herrschaft hatte Herr von der Recke die Stelle eines Präsidenten in Erfurt bekleidet und war unter der neuen Regierung in seinem Amt geblieben. Herr und Frau von der Recke waren beide aus Preußen gebürtig und die Schmach ihres Vaterlandes, für die sie allein Napoleon’s Ehrgeiz verantwortlich machten, erfüllte sie mit tiefem Kummer.

Die Stellung des Herrn von der Recke in Erfurt erforderte, daß er ein Haus machte und besonders während des Congresses den Fremden eine gastliche Aufnahme gewährte. In dieser Zeit hatte sich der Minister Maret, später Herzog von Bassano, bei ihm einquartiert. Für den Präsidenten war nur ein kleines Arbeits- und Schlafstübchen im obersten Stock übrig geblieben, die Präsidentin mußte sich mit zwei kleinen Zimmern zu ebener Erde behelfen. Jeden Abend nach dem Theater versammelte sich in diesen kleinen Räumen eine glänzende Gesellschaft der verschiedensten Nationalitäten und Parteien in ungezwungenem geselligen Verkehr. Preußische Officiere und Geschäftsmänner, mit blutendem Herzen über die qualvolle Lage ihres Vaterlandes und mit dem tiefsten Hasse gegen seinen Ueberwinder, trafen hier harmlos mit französischen Militärs und Diplomaten zusammen, tauschten die Neuigkeiten des Tages, die verschiedenen umlaufenden Gerüchte, die Eindrücke, welche das mächtig aufregende französische Theater bei Allen zurückließ, mit einander aus. Der Mittelpunkt dieser glänzenden Geselligkeit, welche sich so wohlthätig den Fremden darbot, war die noch jugendlich schöne, in allen Reizen edler Weiblichkeit strahlende Frau des Hauses. Unendlich graziös von Gestalt und Bewegung, im Gespräch durch rasche Wendungen pikant, durchwärmt von der reinsten Güte, der lebhaftesten Theilnahme für fremdes Wohl und Weh, stand sie würdig, dem durch große Eigenschaften ausgezeichneten Gatten zur Seite, der mit einem klaren, hochgebildeten Verstande Witz und fröhliche Laune verband. Gern ruhte er sich nach den Anstrengungen des Tages in einer traulichen Abendunterhaltung aus und man hörte ihn oft mit seinem sprudelnden Humor die Gespräche würzen.

Zu dem Ball, den die Herzogin von Weimar während Napoleon’s Anwesenheit in Erfurt veranstaltete, erhielt auch Frau von der Recke eine Einladung. Napoleon bemühte sich, jeder Dame, die in seine Nähe kam, durch einige Worte seine Aufmerksamkeit zu bezeigen, seine Ansprachen und Fragen sollen indeß ziemlich gewöhnlich, manche sogar schroff und unfreundlich gewesen sein. Frau von der Recke mußte ihm wohl durch ihre Schönheit aufgefallen sein, denn er erkundigte sich, woher sie sei. Als er hörte, daß sie von Erfurt sei, sagte er zu ihr: „Ich hätte nicht geglaubt, daß es in Erfurt so schöne Frauen gäbe. Aber sind Sie denn auch eine geborne Erfurterin?“

„Nein, Sire, ich bin zu Stettin geboren!“

„Also Preußin?“

„Ja, Sire, und Preußin von Herz und Seele!“

„Gut, man muß seinem Vaterlande anhängen.“ Bei diesen Worten entfernte sich der Kaiser mit einem verbindlichen Gruß.

Wie ein Lauffeuer verbreitete sich die Antwort der Frau von der Recke in der großen glänzenden Versammlung, man bewunderte den Muth der schönen Frau, die dem allmächtigen Imperator gegenüber ihre Theilnahme für ihr unglückliches Vaterland auszusprechen gewagt.

Fünf Jahre nach dem Congreß zu Erfurt wurde die Schlacht bei Leipzig geschlagen, welche Deutschland nach langer Knechtschaft die erste Morgenröthe der Freiheit brachte. Es war eine glückliche Stunde für alle Patrioten, für Fürsten und Volk. Mit lebhafter Spannung, zwischen Furcht und Hoffnung schwebend, folgten die Herzogin von Weimar und die Präsidentin von der Recke dem Gang der Ereignisse; die Einnahme von Paris, Napoleon’s Sturz ließen sie nach drückenden Sorgen wieder besseren Tagen entgegensehen.

Während diese beiden Frauen Deutschlands Erhebung und Befreiung mit hoher Begeisterung begrüßten, sahen die beiden andern, zwar deutsche Fürstinnen und deutsche Namen führend, den Zusammensturz des napoleonischen Weltgebäudes als ein großes Unglück an. Mit Napoleon’s Abdankung verschwand die Größe und Herrlichkeit der Napoleoniden. Das Königreich Westphalen wurde aus der Reihe der Staaten gestrichen, der König von Württemberg stellte an seine Tochter das Verlangen sich von ihrem Gemahl zu trennen, unter welcher Bedingung er ihr eine glänzende Versorgung am Hofe zu Stuttgart versprach. Tief verletzt durch diese unwürdige Zumuthung, verweigerte die Königin entschieden ihren Gemahl im Unglück zu verlassen. Gezwungen hatte sie ihm [188] ehedem ihre Hand gereicht, aber seitdem sie mit ihm verbunden, hing sie mit der zärtlichsten Liebe an ihm und ihre Treue war unerschütterlich. Sie theilte sein Schicksal und ertrug geduldig alle Kränkungen, Aergernisse und Zurücksetzungen, welche ihr von Seiten des württembergischen Hofes widerfuhren. Napoleon sagte auf St. Helena von der Königin Katharina: „Durch ihr Verhalten im Jahre 1815 hat diese Fürstin sich selbst in die Weltgeschichte eingeschrieben.“

Als Napoleon’s Stern untergegangen, muthete man auch dem Großherzog von Baden zu, seine Gemahlin zu verstoßen. So schwach dieser Fürst sich sonst zeigte, widerstand er doch in diesem Fall allen Bestürmungen, schloß sich nur um so inniger an seine Gemahlin an, gleichsam als solle sie in seiner Liebe und Achtung die Stütze wiederfinden, die sie in ihrem mächtigen Beschützer verloren. Auch der Kaiser Alexander trat als warmer Vertheidiger ihrer Rechte auf, aus den schmeichelhaften Huldigungen, die er ihr auf dem Congreß zu Erfurt mit so überschwenglicher Galanterie dargebracht, hatte sich eine aufrichtig dauernde Freundschaft entwickelt.

Als Wittwe genoß die Großherzogin allgemeine Anerkennung und Verehrung, die hohen Häupter, die sich gewöhnlich während des Sommers in Baden-Baden aufhalten, gaben ihr vielfache Beweise ihrer Achtung. Als im Jahre 1848 durch die Wahl Louis Napoleon’s zum Präsidenten der französischen Republik die Familie Bonaparte aus dunkler Vergessenheit sich zu Macht und Ansehen erhoben, hatte auch der Großherzogin Stephanie wieder neues, helles Licht gestrahlt. Sie war aus ihrer bescheidenen Zurückhaltung in eine glänzendere Lebenssphäre getreten, hatte sich auf Napoleon’s Einladung nach Paris begeben, die Honneurs im Elysée zu machen. Sie verlieh der Hofhaltung des Präsidenten eine sittliche Würde, welche später unter dem Kaiserreich, als andere Damen an ihre Stelle traten, zum großen Schaden der Franzosen ganz verloren ging.

Gebrochen an Leib und Seele war die Königin Katharina schon 1835 gestorben, sie hatte die Restauration der Napoleoniden nicht erlebt.

F. Arndt. 




In einem baierischen Stellwagen.
Von Karl Stieler.

Es giebt eine Phrase, daß nur der Land und Leute kennt, der zu Fuße wandert. Allein das ist da nicht richtig, wo das Fahrzeug zum charakterischen Gepräge der Gegend gehört, wo sich im Fahren selbst ein Stück Culturgeschichte abrollt. Wer Italien ganz kennen will, muß mit dem Vetturino gereist sein, und wer Altbaiern verstehen soll, muß auch auf der Folterbank eines Stellwagens gesessen haben. Davon läßt sich nicht dispensiren. Wenn man verschämte Touristen fragt, mit welcher Gelegenheit sie weiter reisen, so sagen sie: „mit dem Omnibus“. Das ist wenigstens ein lateinisches Wort und klingt nicht so plebejisch.

Im Wesen sind natürlich beide gleich. Denn die Pferde sind mager hier wie dort, der Kutscher ist in beiden Fällen gleich grob und der Wagen gleich enge. Es ist nur ein verschiedener Name für dasselbe Leid, und für diese Verschiedenheit zahlt man sechsunddreißig Kreuzer mehr. Zwischen den einförmigen Pappelalleen des Flachlands und zwischen den grünen Bergen des Hochlands trollen Stellwagen und Omnibus des Weges. Sie sind dort die Seele des Weltverkehrs, sie sind die Träger der Neuigkeiten und das Symbol des Fortschritts.

Den Sinn für Präcision hat man den Eisenbahnen überlassen; wer mit dem Stellwagen fährt, darf mit den Minuten nicht so knauserig sein. Darum ist es unsäglich schwer, ihn flott zu machen. Wenn er um drei Uhr vom Wirthshause abfahren soll, so liegt der Kutscher gewöhnlich um halb vier Uhr noch im Stall und schläft. Dann trampelt der Hausknecht mit schweren Stiefeln herein und spricht ihn freundlich an: „Wia, Hansei, Spitzbua fauler, steh auf, die Leut sind da zum Fahren.“ Mit einem Gähnen, das zehn Zoll im Durchmesser hat, hebt sich der Angeredete hinweg und brummt: „Schau, schau, daß die Tröpf’ immer zu früh kommen!“ Alsdann füttert er gemächlich die Pferde und ruft hinaus: „So, jetza fahren wir nachher bald!“ Schlimmer ist es noch, wenn er statt im Bett in der Schenke liegt und zecht; denn dann muß der Hausknecht nicht bloß die Pferde, sondern auch den Kutscher herausführen und das „bald“ dauert noch um eine Stunde länger.

Hierauf beginnt die Verpackung, die dadurch große Schwierigkeiten leidet, daß die Sitzplätze des Wagens nicht immer in räumlichem Einklang mit dem Sitzplatz der Fahrgäste stehen. Am tollsten geht es natürlich bei jenen Stellwagen zu, die an Bahnhöfen stehen, um die Passagiere über Land zu verfrachten. Denn im Galopp stürzt Alles aus dem Waggon an den Wagen, die Einen stolpern über die Schienen, die Andern verlieren ihr Gepäck, – es wird geflucht und gesucht, geeilt und geheult ohne Ende. Da die Menschen an äußerem Umfang ebenso verschieden sind, wie an innerem, so giebt es hier in der That ein difficiles Rechenexempel, dessen Lösung schließlich nicht der Kunst, sondern nur der Grobheit gelingt.

Alltäglich ereignen sich diese Scenen zum Beispiel in Holzkirchen, wenn der Hochsommer kommt und die Epidemie der Gebirgsreisen alle Münchner ergriffen hat. Mancher der verehrten Leser ist vielleicht selbst das Opfer solcher Momente gewesen und kann bestätigen, daß nicht gelogen wird.

Betrachten wir nun das Publicum, welches diesen Wagen füllt, ein wenig näher. Im Sommer sind es, wie gesagt, die „Luftreisenden“, die den großen Städten entfliehen wollen und die Gebirgsstraßen nach allen Seiten durchkreuzen. Außerdem findet man nur solche, die ihr Geschäft auf Reisen führt, aber auch diese sind bunt genug zusammengewürfelt. Kinder des Geistes und Kinder der Welt sitzen neben einander, der Pfarrer und der Gensd’arm, der Holzknecht und die Hochzeiterin. Die Disciplinargewalt über Alle handhabt der Kutscher, und wenn die Gegensätze platzen, wenn es Spectakel giebt, dreht er sich um und ruft durch’s Fenster hinein: „Wollts a Ruh’ geben, Ihr Sacra, oder nit, sonst wirf’ ich Euch gleich Alle in Straßengraben ’nein.“

Wer protegirt wird, der kommt auf den Bock; denn der Mensch lebt nicht vom Brode allein, er will sich auch unterhalten. Einen solchen Moment hat der junge Künstler gewählt, dem wir das nebenstehende reizende Bild verdanken. Auf der sonnigen Straße rollt der Wagen dahin, aber der Postillon ist mehr mit den Passagieren, als mit den Pferden beschäftigt und macht bedenkliche Wendungen auf seinem Sitze.

Ohne Zweifel kommen solche auch in seinem Gespräche vor. Drei Gestalten sehr verschiedener Art sitzen im Coupé: die eine ein Bild des freien Genießens, die anderen das erzwungener Entsagung. Da selbst ein Kutscher weiß, daß man gegen Nonnen nicht galant sein darf, so fällt ihm die Wahl nicht schwer, und ungehindert kann er sich dem jungen „Bauernkinde“ widmen. Die beiden Braunen finden schon von selbst den Weg, sie machen ihn ja seit sieben Jahren täglich, und somit ist die Gelegenheit zur Unterhaltung ganz gefahrlos. Nur dann und wann, wenn man den Radschuh einlegen muß, wird auch das Gespräch gehemmt.

Der Postillon weiß natürlich wer das schmucke Mädchen ist; denn ein Postillon kennt jedes lebende Wesen auf fünfzehn Meilen im Umkreis und läßt, wenn es hübsch ist, wie in dem gegebenen Falle, keine Gelegenheit vorbei, die Bekanntschaft zu erneuern. Sie war heute bei Amt und hat sich ihre „Papierer“ geholt, ist doch in vierzehn Tagen die Hochzeit. Darum der Sonntagsstaat. An den grimmigen Schnauzbart des Amtmanns, der die Heiterkeit seiner Kunden schmählich einschüchtert, denkt sie schon lange nicht mehr, sondern nur an das lachende Gesicht ihres Künftigen. Jetzt fährt sie heim und läßt sich gute Rathschläge geben, wie sie denselben kutschiren soll. Sieh nur, wie schelmenklug die Aeuglein blinzeln! Die hat zur Regentschaft viel Talent und wird die Zügel fester halten, als der Postillon!

Nebenan sitzen zwei junge Nonnen und beten ihre Litanei; aber noch niemals war die Litanei so langweilig, wie heute. Nur mühsam versenkt die eine sich in das fromme Buch, sie hört das

[189]
Die Gartenlaube (1870) b 189.jpg

In einem baierischen Stellwagen.
Nach seinem eigenen Oelgemälde auf Holz gezeichnet von Joseph Watter.

Kichern nebenan, und wenn sie emporschaut, soll sie ein ernstes Gesicht machen.

Es ist aber auch seltsam genug, wie geräth ein Nonnenkloster in den Stellwagen? Vielleicht kommen die beiden „barmherzigen Schwestern“ von einer vornehmen Städterin, die mitten in der Sommerfrische erkrankt war; sie haben ihre Pflicht gethan, sie haben heilen oder begraben helfen und kehren nun aus der Welt voll Leiden wiederum in ihr Kloster zurück. Aus der Welt voll Leiden! Durch die Zweige spielt der Sonnenstrahl, am Wege blühen die Blumen, und dazu das immerwährende Lachen! Wie die Ahnung ober wie die Erinnerung eines fernen Glückes geht es den Beiden durch die Seele. Glück ist ein altes Räthsel und es ist überall dasselbe, ob es auf dem Glanz des Parquets oder auf dem Bock einer Postkutsche spielt.

[190] Das ist der eigentliche Kern des Bildes; aber der Künstler (der damit seinen ersten trefflichen Versuch gemacht) zeigt uns dasselbe nicht von der wehmüthigen, sondern von der heiteren Seite. Sonnenschein liegt darüber, und nur in tiefer Ferne ahnen wir das Leid, das hinter den Gegensätzen des Lebens athmet.

Watter, der Maler dieses Bildes, das auf der internationalen Kunstausstellung des vergangenen Jahres zu München sich allgemeinen Beifall erwarb, ist noch sehr jung; er ist ein geborener Baier und hat sich schon frühe durch seine feinsinnigen Illustrationen bekannt gemacht, die in München bei Braun und Schneider erschienen sind. In denselben war noch der Einfluß der Richter’schen Gestalten bemerkbar, obschon er näher als der Dresdener Meister an die moderne Sphäre heranrückte, die er insbesondere seit jener Zeit entwickelte, da er in die Münchener Akademie und in die Schule des Baron Ramberg trat. Jener gemüthvolle Zug, welcher durch seine Bilder geht, verkörpert sich auch im Verkehre, und eine liebenswürdige Bescheidenheit sichert seinen Talenten doppelte Anerkennung.

Doch kehren wir zu unserm Wagen zurück, in dessen Innerem unterdeß von allem Möglichen geplaudert wird, und wer erkennen will, wie das Volk fühlt und denkt, der kann keine bessere Studirstube wählen, als den verruchten gelben Kasten. Ueber Liebe und Politik, über die Lebendigen und Todten wird hier verhandelt, als wäre ein förmlicher Congreß berufen. Manches schlagende Wort springt über die wulstigen Lippen, manche feine Bemerkung fällt unter die rasselnden Räder; im Ganzen aber ist das Publicum sehr dankbar – weil es Langeweile hat.

Nicht immer freilich ist der Styl zierlich und der Inhalt zahm. Die größten Virtuosen sind in dieser Beziehung die Flößer, welche auf der Isar nach München fahren und über Holzkirchen im Stellwagen heimkehren. Als Pertinenzen führen sie eine große Axt und einen Centner Seile bei sich, die sie dann ihrem Gegenüber auf den Schooß legen. Da sie müde sind, schlummern sie gewöhnlich auf der Schulter des Nachbars ein, und alle Versuche, solch’ holde Last von sich abzuwälzen, sind vergeblich. Und doch ist es vielleicht besser, sie schlafen; denn ihr Gespräch betritt gar leicht einen schlüpfrigen Boden, gegen den nur solche Wasserstiefel unempfindlich sind.

Vorn auf dem Bock thront der Kutscher als eine Macht. Er weiß Alles, er besorgt Alles, er schimpft und protegirt ganz nach Befinden. Wer ihn milde stimmen will, muß ihm eine Cigarre geben; und je schlechter sie ist, desto besser wird er sie finden, desto näher wird sie seinem Verständniß sein. Bedenklicher als jedes andere Hinderniß aber wirken die Wirthshäuser, für die der Stellwagen eine unverbrüchliche Anhänglichkeit besitzt. Denn wer hat jemals gesehen, daß ein Stellwagen an einem Wirthshause vorüberfuhr? Und wer hat es je erlebt, daß ein Kutscher seine Pferde tränkt, ohne selbst ein Glas Bier zu trinken? Wehe, wenn einer der Gäste sich beigehen ließe hierüber zu murren; solche Einrede beantwortet der Lenker höchstens damit, daß er sich noch ein zweites Glas einschenken läßt. Unter diesen Umständen kann man allerdings nicht behaupten, daß der Stellwagen ein Culturfahrzeug ersten Ranges sei. Aber trotzdem kann man bisweilen ganz vergnügte Stunden darin verleben, ja sogar manchmal schöne und poetische.

So gedenk’ ich noch immer gern einer Fahrt, die ich einmal bei Nacht gemacht; es ging auf den Herbst zu und tiefe Dämmerung lag schon auf der Landschaft, als wir wegfuhren; am Himmel glänzten die ersten Sterne, in den Häusern die ersten Lichter. Unter der Thür saßen die Leute und riefen uns ihren Gruß, als wollten sie sagen: „Ei, wer wird so spät noch fortreisen; wir sind froh, daß wir daheim bleiben können.“ Die Straße führte am See entlang; man hörte, wie die Wellen eintönig anschlugen, wie das Schiff sich regte im Nachtwinde. Der Postillon knöpfte sich den Mantel zu, die Passagiere drückten sich in die Ecke und die kühle Nachtluft flog mir um die Schläfe. Ich saß draußen auf dem Bock. Stückweise ging es dahin unter hohen Buchen, daß die Zweige das Dach des Wagens streiften; dann ward die Straße wieder frei und stieg mäßig bergan. Jetzt ergriff der Postillon sein Horn mit der blauweißen Schnur und blies in die Nacht hinein. Anfangs waren es lustige Weisen, dann kam das alte schmerzenreiche Lied:

Du hast mich zu Grunde gerichtet!
Mein Liebchen, was willst du noch mehr?

Kein Wanderer begegnete uns, nur der Wiederhall antwortete auf die stille Weise. Immer glänzender wurden die Sterne; es war, als ob das Firmament sich wölbte vor unseren Augen, als ob man den kühlen Nachtthau fallen sähe. Dann und wann scholl fernes Gebell zu uns her, und wenn wir an Häusern vorbeifuhren, sah man wohl ein verliebtes Paar, das unter der breiten Altane stand, Arm in Arm oder verstohlen flüsternd. Da knallte der Postillon mit hellem Lachen; doch wenn wir vorüber waren, nickte er still und dachte: „cosi fan tutte.“ Auch er hatte einst ein Lieb gehabt, das seinen Weisen lauschte; er erzählte die lange Geschichte, aber es war nichts davon übrig geblieben als das alte Lied:

Du hast mich zu Grunde gerichtet!
Mein Liebchen, was willst du noch mehr?




Schulkindkrankheiten oder Schulkrankheiten?
Ohne phosphorhaltiges Gehirn kein Verstand, kein Gemüth, kein Wille, also keine geistige Thätigkeit.
Strafpredigt für Eltern, Lehrer und Schulvorsteher.
III.

Daß in den Schuljahren eine große Anzahl von Kindern an Uebeln leiden, die diesem Lebensalter vorzugsweise angehören und zum großen Theile auch in das spätere Lebensalter mit hinübergenommen werden, ist gewiß. Und ebenso gewiß ist es, daß diese Uebel durch die falsche Behandlung des Schulkindes, jedoch nicht blos in der Schule, sondern auch im elterlichen Hause, veranlaßt werden. Ihrem Entstehen muß also von Seiten ebenso der Lehrer wie der Eltern entgegengetreten werden, und dabei ist auf diejenigen Organe des Schulkindes die meiste Rücksicht zu nehmen, welche in diesem Lebensalter in Folge der Geistesbildung am meisten thätig sein müssen und durch falsche Behandlung am leichtesten erkranken können. Es sind vorzugsweise: das Gehirn und das Auge, sowie das Rückgrat.

Das Gehirn hat beim Schulkinde die wichtigste, deshalb aber auch die schwierigste und anstrengendste Aufgabe und Arbeit. Denn dieses Organ ist es, welches zu allen geistigen Thätigkeiten gebraucht und zum Verständig- und Vernünftigwerden des Menschen bearbeitet, erzogen werden muß. Dieses Erziehen des Gehirns darf nun aber nur äußerst vorsichtig vor sich gehen, wenn nicht für’s ganze Leben Schaden angerichtet werden soll. Erzieher müssen darum genaue Kenntniß von der Einrichtung und dem Leben des Gehirns haben, denn es handelt sich bei der Entwickelung und Vervollkommnung der geistigen Thätigkeit des Gehirns ganz besonders darum, daß die Ernährung der Hirnmasse nicht gestört werde. Dies kann aber, ebenso wie durch falsche und unzureichende Nahrung, sowie durch Störung des Blutlaufs innerhalb des Gehirns, auch dadurch geschehen, daß man dem Gehirne ein unzweckmäßiges, zu anstrengendes Arbeiten zumuthet und ihm das durchaus nöthige Ausruhen vom Arbeiten (besonders im Schlafe) vorenthält. Es muß durchaus das Geistig-Thätigsein in seiner Dauer und seiner Stärke dem vorhandenen Hirnzustande genau angepaßt und deshalb hierbei ganz besonders auf das Alter und den Ernährungszustand (die Blutmenge) des Kindes Rücksicht genommen werden. Auch darf die Steigerung dieses Thätigseins nur ganz allmählich geschehen. Aeußerst vorsichtig, weit vorsichtiger als dies zur Zeit in den Schulen geschieht, ist mit einem schwach ernährten, leicht ermüdenden, blutarmen Gehirne umzugehen.

Von der allergrößten Wichtigkeit für das Gedeihen des Gehirns und der Hirnarbeit ist das Gesetz: daß dem arbeitenden Gehirne stets eine seiner Arbeit entsprechende Ruhe, die richtige Pause im Arbeiten, gegönnt werden muß. Diese Ruhe ist aber deshalb für das Gehirn ganz unentbehrlich, weil (wie früher in Nr. 1 des Jahrg. 1870 der Gartenlaube erklärt wurde) während derselben die „ermüdenden Stoffe“ (nämlich die Zersetzungsproducte, welche [191] sich bei dem der Hirnarbeit zu Grunde liegenden Stoffumsatze bilden) aus der ermatteten Hirnmasse fortgeschafft werden müssen, und an Stelle des Abgenutzten neue Hirnmasse sich ansetzen muß. – Es dürfen deshalb in der Schule ja nicht mehrere Stunden, in denen Kopfarbeit (besonders Denkübung) getrieben wird, gleich aufeinander folgen, sondern sie müssen, nach gehöriger Pause, mit Stunden abwechseln, in denen das Gehirn nichts oder nur wenig zu thun hat, wie mit Schreibe-, Zeichen- und dergleichen Stunden. – Für kleinere Kinder ist schon eine ganze Stunde Kopfarbeit zu viel, und es würde eine halbe Stunde hinreichen. – Auch ist in der Pause nach solchen das Hirn anstrengenden Stunden der Aufenthalt und das Bewegen in freier Luft (mit Freiübungen) von großem Nutzen, zumal dann, wenn dabei kräftig und tief ein- und ausgeathmet wird. Durch das Tiefathmen wird nämlich der Blutumlauf bethätigt, und so nicht blos die Zufuhr von Sauerstoff (der, wie bei jeder Lebensthätigkeit, ebenso ganz besonders beim Hirnarbeiten eine Hauptrolle spielt), wie von neuem Hirnbildungsmaterial zum ermüdeten Gehirn, sondern auch die Abfuhr der ermüdenden Stoffe aus dem Gehirne befördert.

Unterrichtsstunden bald nach dem Essen sollten durchaus nicht gestattet sein, am wenigsten dürfen sie aber die Hirnthätigkeit in Anspruch nehmen. Denn, abgesehen von der nicht zu vermeidenden Unaufmerksamkeit des Schülers, wirken sie stets auf den Verdauungsproceß störend ein und legen dadurch den Grund zur Blutarmuth und zu Verdauungsbeschwerden. Man bedenke auch, daß durch gespannte Aufmerksamkeit das Athmen unvollständiger vor sich geht, und daß dies um so mehr der Fall ist, wenn der gefüllte Magen das Zwerchfell gegen die Lungen in die Höhe drängt. – Durch Gähnen wird von der Natur dem unvollständigen Athmen entgegengetreten, und der Lehrer thäte deshalb auch gut, wenn er die Kinder öfters zum tiefen Athmen anhielte. – Daß angestrengte Hirnarbeit die Herz- und Gefäßthätigkeit abnorm (zu Congestionen) steigern kann, wurde früher (siehe Gartenlaube 1870 Nr. 1) auseinandergesetzt. – Eine abnorme Beschaffenheit der Luft, welche das Schulkind nicht selten einzuathmen gezwungen ist, hat insofern Einfluß auf das Wohl des Gehirns, als diese Luft nach ihrem Uebergange in das Blut und beim Durchströmen mit diesem durch das Gehirn nachtheilige Einwirkung auf die Hirnsubstanz ausüben kann. Die Schulzimmerluft kann aber besonders durch ihren Gehalt an Kohlenoxyd und an größeren Mengen von Kohlensäure und Ausdünstungsstoffen der Schüler dem Gehirne Nachtheil bringen (siehe später). – Uebrigens versteht es sich wohl von selbst, daß Alles, was dem Gehirne von außen Schaden zufügen könnte, wie Schläge und Stöße an den Kopf, sehr große Hitze und Kälte, vermieden werden muß. Es ist eine nicht zu entschuldigende Rohheit vom Lehrer, wenn er seine Schüler durch Ohrfeigen und Kopfnüsse bestraft. Denn es giebt Fälle, wo durch solche Bestrafung, bei welcher der Lehrer meist in seinem Zorne die Kraft des Schlages nicht bemessen kann, der Tod des Kindes herbeigeführt wurde. Auch die Seh- und Gehörswerkzeuge können durch Schläge an den Kopf Schaden erleiden. – Nicht unerwähnt ist ferner zu lassen, daß das Gehirn auch von den Sinnesorganen aus, weil deren Nerven im Gehirne wurzeln, geschädigt werden kann, und daß sehr heftige Erregungen oder Ueberanstrengungen dieser Organe in den bei diesen abnormen Sinneseindrücken betheiligten Hirnpartien Schaden (Lähmungszustände) anzurichten im Stande sind.

Der Schaden, welcher dem kindlichen Gehirne in den Schuljahren durch falsche Behandlung, besonders durch Ueberanstrengung in seinen Arbeiten, ebenso von Seiten der Lehrer wie der Eltern zugefügt wird, ist sehr oft auch nach der Schulzeit nicht wieder gut zu machen und trägt die Schuld an der so häufigen sogenannten nervösen Reizbarkeit, an den immer mehr um sich greifenden Geisteskrankheiten und Selbstmorden (sogar von Schülern), an dem habituellen Kopf- und Weltschmerz und an so vielen Nervenkrankheiten (Epilepsie). Dem Allen könnte entgegengetreten werden, wenn die Kinder weit später als jetzt und auf zweckmäßigere Weise zum Geistigthätigsein angetrieben würden und dafür länger als jetzt die Schule besuchten, so daß die Geistesbildung nicht übereilt und nicht einem noch unkräftigen Gehirne zu viel zugemuthet zu werden brauchte. Aber leider wollen die Eltern, zumal diejenigen, die selbst in ihrer Jugend nicht viel gelernt haben, ihre Kinder so schnell als möglich recht klug gemacht wissen und sind ganz ungehalten über die Leistungen der Schule und der Lehrer, wenn ihre durch vielen Privatunterricht dämlig gewordenen Sprossen nicht Wunder an Klugheit werden. – Sehr häufig wird von den Eltern gegen das Kindergehirn auch dadurch gesündigt, daß demselben nicht der gehörige Schlaf gestattet wird, obschon während desselben die Restauration des Gehirns, theils durch Abfuhr der ermüdenden Stoffe, theils durch Anbildung neuer Hirnmasse, stattfindet. Auch ist der Schlaf außerdem noch darum von enormer Wichtigkeit, weil in dieser Zeit Sauerstoff, die Quelle aller Lebensvorgänge und gewissermaßen die Dampfkraft, die unsere Lebensmaschine treibt, in solcher Menge durch das Blut in unsere Organe aufgenommen wird, daß wir dann im wachen und thätigen Zustande von demselben zehren können. Denn die Arbeitsfähigkeit unserer Organe, und ganz besonders des Gehirns, ist von der Menge Sauerstoff abhängig, die sie vor der Arbeitsleistung in sich aufgespeichert haben. Weniger als acht bis zehn Stunden darf ein Schulkind nicht schlafen.

DieSinneswerkzeuge des Schulkindes, und vorzugsweise der Gesichtssinn, verlangen, nach dem Gehirne, die größte Aufsichtbig> und Sorge. Denn durch der Sinne Porten zieht der Geist in unsern Körper (in das Gehirn) ein; das heißt: durch die Sinneseindrücke erlernt unser Gehirn sein geistiges Arbeiten. Die Sinne sind die Zubringer der geistigen Speise, deren passende Auswahl und deren richtiges Verdauen der Lehrer zu beschaffen hat. Die Entwickelung der Sinne ist die Grundlage für die Entwickelung des Geistes. Deshalb muß sich ein wirklich vernünftiger und zeitgemäßer Unterricht des Kindes vorzugsweise auf Anschauungen von Gegenständen aus der Natur gründen, und es sind darum auch die Schulbehörden verpflichtet für solche Unterrichtsgegenstände (ganz besonders auch vom menschlichen Körper) gehörig Sorge zu tragen.[1] Die Lehrer aber sind verpflichtet, die Kinder schon von der ersten Schulzeit an in die Natur so einzuführen, daß jeder Mensch die unabänderlichen Naturgesetze, welche bei allem Geschehen im Weltall in Kraft treten, so zeitig als möglich genau kennen lernt, dadurch aber von dem leider jetzt noch so arg herrschenden, dem Menschenverstande Hohn sprechenden Wunder- und Aberglauben befreit bleibt. Daß noch so viel dumme und kranke Menschen existiren, kommt nur daher, daß ebenso die Lehrer in ihren Erziehungsanstalten, wie die Kinder in den Schulen vom menschlichen Körper nichts oder so gut wie nichts lernen, ja sehr viele Lehrer leider davon auch nichts lernen wollen. – Das in den Schuljahren am meisten mißhandelte Sinneswerkzeug ist das Auge, und davon später.

Bock. 




Blätter und Blüthen.


Eine Urkunde des Handwerks. Mit Abbildung. Aus dem alten, streng geregelten Zunftleben haben einzelne Einrichtungen so tiefe Wurzeln in unserem Handwerks- und Kunstgewerkstande getrieben, daß sie selbst dem Nivellirungssturme der Gewerbefreiheit Trotz bieten. Ueberhaupt darf es einmal ausgesprochen werden, daß das Gute, das mit dem Veralteten des Innungswesens zu Grunde ging, durch das Neue der gegenwärtigen Einrichtungen noch nicht wieder ersetzt ist. Es ist wahr, man stieß auf viel Zopf, auf viel durch Beschränktheit Hemmendes, auf viel Lächerliches, das seinen Ursprung dem deutschen Urfehler, dem Hang zur Kleinlichkeit, verdankt, aber doch waren dies nur Auswüchse eines an sich ganz ehrenwerthen Stammes, der einem guten Kern entsprungen war: das war die Selbstregierung und der Selbstschutz jeder Innung, welche den später so üppig aufgeblühten Polizeieingriffen und der schreibseligen Vielregiererei nur selten Gelegenheit boten, sich gegen sie zu kehren.

Um dies nicht als leere Behauptung erscheinen zu lassen, sei uns wenigstens ein Rückblick auf die Bedeutung der sogenannten Quartale der Innungen gestattet. Wie das Wort von selbst erklärt, nennt man so die Vierteljahrsversammlungen sämmtlicher Innungsmeister. Den Vorsitz führte der Obermeister, als Innungsbote hatte der Jungmeister zu dienen. Die Quartale zu den Zeiten des goldenen Bodens des Handwerks beriethen und beaufsichtigten nicht blos die Verwaltung der gemeinsamen Interessen der Innung, sondern sie übten auch innere Polizei aus und erhoben sich

[192] bis zum Friedensgerichtshof. Viele Klagen, die jetzt bei den Landesgerichten um schweres Geld geschlichtet werden, fanden damals ihre mündliche Erledigung vor dem Quartal, und Niemand, der zur Innung gehörte, würde es je gewagt haben, der Vorladung und den Aussprüchen desselben nicht Folge zu leisten. Dieser Respect vor der eigenen Versammlung, an sich schon soviel als Selbstachtung, wurde den Innungsgenossen gleich von Anfang an tief eingeprägt, schon bei der Lehrlingsaufnahme.

Wo nicht besondere Innungslocale vorhanden waren, versammelte sich das Quartal gewöhnlich beim Obermeister. Die Meister saßen im Kreise, in ihrer Mitte stand die Lade, welche die Urkunden und Kleinodien der Innung umschließt: der silberne „Willkomm“, oft mit reichem Münzengehänge geschmückt, stand auf dem Tische. Der Deckel der Lade ward aufgethan, denn jede feierliche Handlung geschah vor offener Lade. In diesen für ihn geheimnißvollen Kreis trat der Lehrling, vom Jungmeister gerufen, ein; der Obermeister nannte ihn bei seinem ganzen Namen und stellte ihm die Pflichten und Ehren des Handwerks vor, und wenn der Lehrling durch sein „Ja!“ verheißen hatte, nach dem Besten zu streben, mußte er jedem Meister in der Runde die Hand darauf reichen. Ein solcher Act war sicher geeignet, mit dem Respect vor dem Quartal auch das Ehrgefühl für sein Handwerk im jungen Lehrlingsherzen zu befestigen.

Mit derselben Feierlichkeit wurde dem „ausgelernten“ Lehrjungen der Lehrbrief ausgestellt und in der Lade niedergelegt; der neue Geselle bekam eine beglaubigte Abschrift davon. Ein tüchtiger Arbeiter wurde damals durch den Ruf, welchen die Wanderburschen seines Zeichens von ihm oft durch ganz Deutschland trugen, so bekannt, wie dies heute nur durch die Zeitungen geschehen kann. Auch das hob den Stolz auf die eigene Innung.

Und nun noch eine Wahrnehmung, die allerdings mit dem schlimmsten Zunftzwange zusammenhängt, dennoch aber das Humane des ursprünglichen Zwecks nicht verkennen läßt. Zu jener Zeit konnte beim redlichen und fleißigen Handwerker nie ein Beispiel so tiefen Sinkens in Armuth und Elend vorkommen wie heute; es war gleichsam ein Gemeingefühl, daß die Innungsehre nicht durch einen verarmten Genossen gekränkt werden dürfe, welches jedem Ueberreich- und Uebermächtigwerden Einzelner auf Kosten Vieler durch strenge Regeln einen Riegel vorschob. Dazu gehörte die genaue Bestimmung der Zahl der Meister, die an einem Orte die Innung bilden, und der Gesellen und Lehrlinge, die je ein Meister halten durfte. So durften um Leipzig herum in den Städten auf drei Stunden Entfernung die sogenannten Landmeister gar keine Gesellen halten. In Hamburg waren den Korbflechtern zum Beispiel nur zwei Gesellen gestattet; wer dennoch mehr Arbeit hatte, mußte von einem wenig oder gar nicht beschäftigten Meister sich Gesellen leihen und deshalb auch jenem einen Verdienst gönnen. So stellte sich neben den Schaden für kühnere Unternehmungen und die Großindustrie das versöhnende Wohlbefinden der durch Glück und Geschick weniger begünstigten Genossen und ihrer Familien.

Noch im Jahre 1847 unternahm es ein Verein von Innungsmeistern in Leipzig, auf reformatorischem Wege das Gute der Zunft zu retten durch gründliche Entfernung des Verfaulten; in friedlichen Zeiten würde dieser Versuch vielleicht gelungen sein, allein das Sturmjahr von Achtundvierzig fuhr dazwischen und machte auch hier sein unerbittliches „Zu spät!“ geltend.

Seit der Einführung der Gewerbefreiheit hat das alte Lehrlings- und Gesellenwesen einen gewaltigen Stoß erlitten: der Zwang ist gefallen, den ehedem der Meister gegen Beide ausüben durfte. Vollkommen frei ist es Lehrlingen und Gesellen gestellt, durch eine Prüfung sich die Gesellenwürde, und damit den Lehrbrief, und die Meisterwürde zu erwerben. Nur bei den Baugewerken, also den Maurern und Zimmerleuten, zu denen in Sachsen noch die Steinhauer kommen, ist von Staatswegen eine Prüfung angeordnet, und eben darum hat bei diesen auch die Ausstellung eines förmlichen Lehrbriefs noch Bedeutung. Einen solchen Zimmermanns-Lehrbrief jüngsten Datums theilen wir in Abbildung mit als eine Urkunde des Handwerks, die vor dem unwiderstehlichen Drange der Freiheit jeder Arbeit sicherlich auch bald von der deutschen Erde verschwinden wird.




Dichter- und Künstlerdenkmäler. Bei der Restaurirung der alten St. Peterskirche zu Heidelberg hat man kürzlich einen Grabstein aufgefunden, welchen man für den des einstmals berühmten Dichters und Gelehrten Petrus Lotichius (gestorben 1560) hält, desselben, den Otto Müller zum Helden seines neuesten biographischen Romans „Der Professor von Heidelberg“ gemacht hat. Wer kennt heute noch Lotichius und seine Werke, welche nach der damaligen, unserer Generation freilich unbegreiflich dünkenden Sitte in lateinischer Sprache geschrieben waren! Und doch war Lotichius nicht nur als einer der bedeutendsten Dichter und Gelehrten, als ein edler deutscher Charakter von seinen Zeitgenossen hoch verehrt und geschätzt, sondern auch durch sein merkwürdig tragisches Lebensschicksal ein Gegenstand ganz besonderen Interesses. In Bologna, der berühmten mittelalterlichen Hochschule, war es nämlich, wo das reiche blühende Leben des jungen deutschen Gelehrten durch die Rachsucht einer eifersüchtigen Italienerin gebrochen wurde. Er erhielt Gift von ihr; und obwohl er durch die Kunst und Sorgfalt seiner Freunde vom Tode errettet wurde, obwohl seine Uebersiedelung nach Heidelberg, wohin ihn der kunstsinnige Pfalzgraf Otto Heinrich als Professor der Medicin und Botanik berief, ihm anscheinend seine Gesundheit wieder zurückgab, verfiel er doch bald in unheilbaren Wahnsinn und starb in dem Augenblick, wo ihm, dem vom Pfalzgrafen bei Einweihung des berühmten Ottheinrichbaus gekrönten Dichter, die Jugendgeliebte den goldenen Kranz Ariost’s auf die Stirn drückte. –

Es ist ein merkwürdiges Zusammentreffen, daß die Auffindung des Grabsteins des alten unglücklichen Dichters unmittelbar nach seiner dichterischen Verherrlichung und Neubelebung durch Otto Müller’s Roman stattfindet. Dies wiederholt sich nun zum dritten Mal bei Romanen des genannten Autors. Unmittelbar nach dem Erscheinen seines Jugendromans „ Bürger“ entdeckten die Göttinger Studenten auf dem Kirchhof vor dem Weender Thor den versunkenen Grabhügel des 1794 verstorbenen Sängers der Lenore. Auch bei dem Roman „Charlotte Ackermann“ machte man kurz nach dessen Erscheinen einen interessanten Fund. In einem der schönen Gärten an der Elbe zu Hamburg entdeckte man, ganz unter dichtem Strauchwerk versteckt, ein altes Steindenkmal mit dem noch lesbaren Namen der jungen berühmten Künstlerin, deren frühzeitiger Tod (1775) von ganz Hamburg betrauert wurde. Wahrscheinlich hatte einer ihrer enthusiastischen Verehrer dieses Denkmal zu ihrem Gedächtniß errichtet, das später in Vergessenheit gerieth, oder dessen Bedeutung doch wenigstens von den späteren Besitzern des Gartens nicht mehr gekannt wurde.




Ist Das wirklich möglich? – Einer unserer Leser macht uns folgende Mittheilung:

„Ich wohne mit einem Bahnwärter einer schlesischen Eisenbahn in einem Hause. Der Mann hat mit seiner Frau und vier Kindern nur ein kleines Stübchen inne, aber die Leutchen leben still und friedlich zusammen, Mutter und Kinder kommen uns den ganzen Tag nicht in den Weg, während der Vater von früh halb fünf bis Nachts halb zwölf Uhr in seinem Dienst vom Hause entfernt ist.

Da begegnete mir, es war am ersten Sonntag im Februar mit seiner damaligen grimmigen Kälte und ich wollte eben zur Kirche gehen, die Frau des Bahnwärters mit verweinten Augen. Ich stutzte, als ich ihr in das leidende Antlitz sah, und konnte nicht umhin, sie nach der Ursache ihrer Traurigkeit zu fragen. Mit ausbrechenden Thränen sagte sie mir: ‚Ich komme von meinem Manne, habe ihm Frühstück hingetragen und mußte sehen, wie er in seiner elenden, durchsichtigen Bretterbude von Bahnhäuschen auf der harten Bank liegt und sich vor Frost kaum rühren kann. Ach, er hat sich in der kalten Hütte schon alle Glieder erfroren!‘

‚Aber bekommt denn Ihr Mann nicht so viel Feuerung, wie er in seinem Bahnhäuschen braucht?‘ fragte ich.

Ihre Erklärung machte mich staunen. Sie lautete: Mein Mann bekommt nur auf vier Wintermonate für den Tag einen Silbergroschen zu Holz und Kohlen. Wie soll er damit und in solcher Kälte eine Bude heizen, zu welcher der Wind von allen Seiten eindringt? Wir haben von unserem monatlichen Gehalt von zehn Thalern schon vergangenen Monat einen Thaler für Feuerung draußen zugesetzt und werden nun noch einen uns von unserer kargen Haushaltung abdarben müssen. Das hohe Directorium würde gewiß diesem Uebelstande abhelfen, wenn es davon Kenntniß erhielte. Mein Mann erzählte mir, daß schon Bittschreiben in dieser Angelegenheit an die vorgesetzten Betriebsbeamten abgegangen, aber bis jetzt ohne Erfolg geblieben seien; letztere zu übergehen und sich direct an das Directorium zu wenden, verbiete den Bahnwärtern ihre Instruction.‘

So erzählte mir die Frau, die sich über die Leiden, die ihr braver Mann in seinem Dienst auszustehen habe, nicht trösten konnte.

Wenn aber diese eine Leidensgeschichte wahr ist, so ist sie es für Hunderte ebenso behandelter Bahnwärter, und der Jammer betrifft Tausende von armen Menschen im Dienste der einträglichsten Speculation.“

Wir verschweigen heute noch die nähere Bezeichnung der betreffenden Bahnverwaltung, in der Hoffnung, daß der Glaube der Bahnwärtersfrau an „das hohe Directorium“ in Erfüllung gehe, nachdem ihm dieses Blatt vor Augen gekommen sein wird. – Verhält sich aber Alles so und erfährt trotz alledem unsere Bitte dieselbe Nichtbeachtung wie die der frierenden Bahnwärter an ihre Vorgesetzten, dann werden wir uns allerdings genöthigt sehen, die betreffende Verwaltung so laut und so lange beim Namen zu rufen, bis sie ihrer Pflicht der Menschlichkeit gerecht geworden ist.




Die Priester als Kunst-Mäcene. Wo die Päpste und hohen Würdenträger der römischen Kirche angegriffen werden, da pflegt man doch von den Verdiensten zu sprechen, die sie sich um die Förderung der schönen Künste erworben haben. General Garibaldi theilt auch diese letztere Anerkennung der Priesterherrschaft nicht. In seinem soeben frisch aus der Presse gekommenen (auch gleichzeitig deutsch in Hartleben’s Verlag erschienenen) Roman „Die Herrschaft des Mönchs“ sagt er über den betreffenden Punkt:

„Wie kann ein Künstler in Rom existiren und seine Familie gut ernähren, wenn er sich nicht der Gönnerschaft der Geistlichkeit erfreut und von ihr beschäftigt wird? Eine der wirksamsten Waffen der römischen Kirche ist von jeher die Gunst gewesen, welche sie den schönen Künsten angedeihen läßt. Von jeher hat sie sich der Zeit und des Talents der ersten italienischen Meister bemächtigt, um Statuen und Gemälde anfertigen zu lassen, welche darauf berechnet sind, die von ihr gepredigten Lehren dem Volke einzuprägen, indem sie zugleich demüthig das Lob hinnimmt, welches ihr für diese dem Genie erwiesene Aufmerksamkeit gespendet wird, so daß Künstler aller Nationen sich durch diese Ermuthigung zur Niederlassung in Rom veranlaßt sehen.“

Und in einer Anmerkung, welche sich auf diese Stelle bezieht, fügt der Kenner der römischen Zustände und Persönlichkeiten weiter hinzu: „Eine der treffendsten Illustrationen der Art und Weise, wie die römische Kirche ihren Schutz der schönen Künste zur Einschärfung ihrer Lehre und zur Vergrößerung ihrer Macht anwendet, sind die Frescomalereien des Campo Santo in Pisa. Hier sehen wir die Bilder des Todes, Fegefeuer und Hölle, Engel und Teufel, die um die Seelen der Hingeschiedenen kämpfen, Schlangen, die ihr Fleisch verschlingen, Teufel, die es braten oder mit glühenden Haken zerreißen. Aus dieser schrecklichen Lage, so lehren die Priester, können die auf der Erde Lebenden ihre unglücklichen Verwandten retten, wenn sie den geistlichen Vätern Schenkungen machen, die dann für die Erlösung der Gepeinigten beten. Wir lesen im Neuen Testament, daß die Reichen schwer in den Himmel kommen. Nach der römischen Lehre aber sind es gerade die Reichen, welche leicht Eingang finden, während die Armen, die nichts geben können, ganz ausgeschlossen bleiben!“


Verantwortlicher Redacteur Ernst Keil in Leipzig. – Verlag von Ernst Keil in Leipzig. – Druck von Alexander Wiede in Leipzig.

  1. Für den anthropologischen Unterricht sind ganz besonders zu empfehlen: 1) Anatomische Wandtafeln, auf Veranlassung des königlich sächsischen Cultusministeriums herausgegeben, nebst einem Leitfaden von Dr. Fiedler. – 2) Plastische Nachbildungen für den Lehrunterricht, von Fleischmann in Nürnberg; ein ganz vorzügliches und allgemein als äußerst instructiv anerkanntes Lehrmaterial. – 3) Anatomische Photographien, von Dr. Rüdinger; ausgezeichnete Darstellungen, die auch den Medicinern nicht genug zu empfehlen sind.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Gemeint ist: Wilhelm Oechelhäuser.