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Autor: Verschiedene
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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Entstehungsdatum: 1857
Erscheinungsdatum: 1857
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Die Gartenlaube (1857) 693.jpg
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[693]

No. 51. 1857.
Die Gartenlaube.
Illustrirtes Familienblatt. – Verantwortl. Redacteure F. Stolle u. A. Diezmann.

Wöchentlich 11/2 bis 2 Bogen. Durch alle Buchhandlungen und Postämter vierteljährlich für 15 Ngr. zu beziehen.


Der verhängnißvolle Schatten.

Nach schriftlichen Mittheilungen von Ernst Willkomm.
{Fortsetzung.)


Im Frühjahr und Sommer machte Cornelie oft weite Fußtouren, um ihre Pächter zu besuchen, und mit ihnen über geschäftliche Angelegenheiten zu sprechen. Oft und gern verweilte sie in der Sägemühle, wo der intelligente Caspar wohnte. Verschiedene Personen sahen den jungen Mann und das trauernde Fräulein wiederholt lange mit einander sprechen, und zwar immer an ein und derselben Stelle, am rauschenden Bache, neben den Schützen. Worüber der Pachter sich mit Fräulein Hornburg unterhielt, erfuhr Niemand.

Cesar liebte es, weite Ausflüge zu Pferde zu machen. Das Wetter mochte sein, wie es wollte, er bestieg zu bestimmter Stunde seinen wiehernden Rappen, und jagte im vollen Galopp durch’s Flußthal in den rauschenden Wald hinein. Es war nichts Ungewöhnliches, daß er oft Tage lang ausblieb. Dann kam er gewöhnlich sehr ermattet zurück, sah bleich, abgespannt, geistig müde aus, und behandelte seine Untergebenen noch abstoßender als sonst. Viele waren der Ansicht, Cesar Hornburg ergebe sich aus unbekannten Gründen, vielleicht weil er den Bruder auf so traurige Weise unvermuthet verloren habe, und nun mit der Schwester in stiller Feindschaft lebe, einem wilden, die Natur rasch aufreibenden Lebenswandel.

So näherte sich der Todestag Ottwald’s. Das Gericht hatte lange nichts von sich hören lassen. Plötzlich, wenige Tage vor der verhängnißvollen Nacht, in welcher Ottwald Hornburg vor Jahresfrist ohne Zeugen gestorben war, erhielt Cesar eine Citatation zugleich mit der Anzeige, daß die Acten geschlossen seien, und die gegen seine frühere Haushälterin anhängige Klage vor den nächsten Assisen zur Verhandlung kommen solle. Cesar Hornburg ward vorgeladen, um Zeugniß abzulegen. Mit ihm zugleich wurden alle übrigen Personen, deren Aussagen möglicherweise dazu dienen konnten, Licht über diese dunkele Angelegenheit zu verbreiten, zu gleichem Behufe vor Gericht citirt. Unter diesen in erster Reihe befanden sich der Mühlenpachter Caspar und dessen Gehülfe, Anna’s, der Angeklagten, erklärter Bräutigam.

Cornelie erhielt keine gerichtliche Vorladung, da sie während der Nacht, die Ottwald aller Wahrscheinlichkeit nach den Tod gegeben hatte, nicht auf dem Schlosse gewesen war. Als nächste Anverwandte des in Folge einer Vergiftung Verstorbenen aber konnte ihr Niemand wehren, den öffentlichen Gerichtsverhandlungen beizuwohnen.

Um alles Auffällige zu vermeiden, und damit die große Menge nichts von dem Zwiespalt erfahre, welcher die Halbgeschwister nun schon viele Monate lang von einander entfernt hielt, forderte der klug berechnende Cesar Cornelie auf, ihn nach der Stadt, wo die Verhandlungen gehalten werden sollten, zu begleiten. Cornelie errieth den Grund dieser Aufforderung, erklärte sich schriftlich dazu bereit, und bestieg früh am Morgen der Assiseneröffnung den eleganten Jagdwagen ihres Halbbruders. Cesar begrüßte die tief Trauernde mit freundlicher Zuvorkommenheit. Auch er hatte Trauerkleider angelegt. Sein Aussehen war ruhig und sinnend; er sprach über gleichgültige Dinge mit Cornelie und ließ, als die Thurmspitzen der Stadt sich in der Ferne zeigten, sogar die Aeußerung fallen, er sei außerordentlich begierig, ob Anna an dem Tode des armen Bruders mittelbar oder unmittelbar schuld sei.

An dem Gerichtshause stand eine dicht gedrängte Menschenmenge, die großenteils die Neugierde herbeigelockt hatte. Die als Zeugen Vorgeladenen hielten sich ferne von diesen bloßen Zuschauern oder Zuhörern. Ihnen war ein besonderer Raum in der Gerichtshalle reservirt, und Cornelie, die zunächst Betheiligte, durfte mit Sicherheit erwarten, daß man ihr einen Platz anweisen werde, wo sie aufmerksam dem Gange der Verhandlungen folgen könne.

Bei dem Eintritte in den Gerichtssaal fiel sämmtlichen Zeugen vor allen ein sauber gearbeitetes Modell der Etage des Schlosses, wo Ottwald geendigt hatte, sowie der nächsten Umgebungen desselben in die Augen. Man sah hier die allergetreueste Nachbildung der Thalschlucht, des Mühlenbachbettes, der Sägemühle, welche Caspar bewohnte. Unter den Zeugen begegnete Cesar Hornburg auch dem Arzte, den er seit der Beerdigung seines Halbbruders nicht mehr gesprochen hatte. Beide Männer begrüßten einander höflich, sprachen einige Zeit zusammen, und musterten dann die Zuschauertribüne, welche die Zahl der Neugierigen kaum zu fassen vermochte.

Zur festgesetzten Stunde erschien der Präsident des Gerichtshofes, die Beisitzer, der Ankläger und die Geschworenen, zuletzt, von ihrem Anwalt begleitet, die jugendliche Angeklagte. Ihr Eintritt in den Saal veranlaßte eine lebhafte Bewegung und dumpfes Gemurmel rauschte wie Windesbrausen durch die geräumige Halle.

Anna sah unglücklich, aber ergeben in ihr Schicksal aus. Die Gefängnißluft, wohl auch die ausgestandene Angst, hatten die Rosen der Jugend auf ihren Wangen verblühen lassen. Bescheiden, festen Schrittes, aber ohne aufzublicken, trat sie in die Schranken, und nahm den für sie bestimmten Sitz ein. Nur einmal streifte [694] ihr Auge hinüber nach der Bank der Zeugen; sie begegnete dem Blicke ihres Verlobten, und hohe Röthe übergoß einige Secunden lang ihre bleichen Züge. Ob sie auch ihren ehemaligen Herren und Fräulein Cornelie Hornburg bemerkt hatte, war zweifelhaft. Regungslos vor sich niederblickend, harrte sie der Dinge, die da kommen sollten.

Es trat eine lautlose Stille ein, als der Staatsanwalt sich erhob, um die Anklage vorzutragen. Er sprach langsam, deutlich und nachdrucksvoll. Man konnte es aber seinem Vortrage doch anmerken, daß er von der Schuld der Angeklagten nicht völlig überzeugt sei. Aus der Anklage ging nur hervor, daß ein schwerer Verdacht auf Anna ruhe, bei der Vergiftung Ottwald Hornburg’s die Hand mit im Spiele gehabt zu haben. Es lag kein Grund vor, der annehmen ließ, das junge Mädchen habe mit Vorbedacht dem verstorbenen Bruder ihres Herrn Gift in den Labetrunk gemischt. Thatsache aber blieb, daß man bei der ungemein sorgfältigen Durchforschung des Schlosses nur in jener Kruke Gift gefunden hatte, aus welcher Anna den kühlenden Trunk für den Kranken bereitete, wie sie selbst gestand. Auf welche Weise dieser Saft mit Gift vermischt worden war, erklärte sie, nicht zu wissen.

Nicht ganz klar war ein Punkt in der Anklage, welcher die Aufmerksamkeit des Präsidenten, der Geschworenen und aller Anwesenden in nicht geringem Grade in Anspruch nahm. Es schien nämlich, als habe eine Art Liebesverhältniß zwischen Anna und Ottwald Hornburg bestanden, was dem älteren Bruder unangenehm gewesen zu sein schien. Ob eigensüchtige Gründe dabei obgewaltet, blieb unermittelt. Die Voruntersuchung erwies nur eine ausgesprochene Neigung Anna’s zu dem Knappen, den sie mit offenen Armen aufnahm, und der, wie sich durch Zeugen erweisen ließ, auch in jener Nacht, welche wahrscheinlich die Todesnacht des Verstorbenen war, auf deren Zimmer zugebracht hatte.

Die Angeklagte wechselte die Farbe, so oft ihr Name genannt ward. Im Uebrigen verhielt sie sich völlig passiv. Sie saß mit niedergeschlagenen Augen fast regungslos da. Nur einige Male hob sie schüchtern den Kopf und streifte mit klarem Auge ihren ehemaligen Herrn, der mit größter Aufmerksamkeit dem Vortrage des Staatsanwalts folgte. Dieser Blick der Angeklagten schien eine eigenthümlich magnetische Wirkung zu haben; denn so vertieft und gefesselt auch Cesar Hornburg von dem interessanten Vortrage war, immer wandte er den Kopf Anna zu, so oft der Blick des jungen Mädchens ihn traf. Diese wiederholte Berührung durch Blicke, die entweder auf ein stilles Einverständniß zwischen Cesar und Anna hinzudeuten schienen, oder auf ein nur diesen Beiden bekanntes gemeinsames Geheimniß, entging dem aufmerksamen Präsidenten nicht. Auch sein Blick ward schärfer, forschender, und alsbald war Cesar Hornburg unter allen Anwesenden für ihn die interessanteste Persönlichkeit.

Als der Staatsanwalt seinen Vortrag schloß, entstand eine schnell vorübergehende Bewegung in der menschenerfüllten Gerichtshalle. Der Präsident richtete verschiedene Fragen an die Angeklagte, die von dieser bescheiden, mit mädchenhafter Scheu, aber allgemein verständlich beantwortet wurden. Auf die Frage, ob sie schuldig sei, schlug sie die hellen Augen groß auf, und antwortete mit einem festen „Nein!“

Bei weitem der größte Theil der Zuhörer wurde durch das würdige Benehmen Anna’s für dieselbe eingenommen. Vor einer englischen Jury würde man Wetten auf und gegen ihre Unschuld gemacht haben. Und in der That mußte die Ueberzeugung in jedem ruhigen Beobachter Platz greifen, daß in der Person der Angeklagten entweder eine völlig Unschuldige vor den Schranken des Gerichts erschienen sei, oder daß man es mit einer ungemein verschmitzten Verbrecherin zu thun habe.

Das nicht hinlänglich klare Liebesverhältniß der Angeklagten, bei dessen Erwähnung Anna sichtlich von innerer Unruhe, vielleicht auch von schwer lastendem Schuldbewußtsein gepeinigt ward, erkannte der Präsident sofort als einen wichtigen Incidenzpunkt. Hier – so schien es – mußte sich ein Anhalt für weitere Ermittelungen finden lassen, und jedenfalls besaß Anna Kenntnisse über noch unerklärte Ereignisse, in deren Besitz das Gericht kommen mußte, ehe es einen Urtheilsspruch fällen konnte.

Mit väterlich milder Stimme forderte der Präsident die Angeklagte auf, jede von ihm gestellte Frage ohne Umschweife und der Wahrheit gemäß zu beantworten. Sei sie unschuldig an dem Verbrechen, dessen man sie zeihe, so werde dadurch ihre Unschuld am ehesten offenbar werden.

Anna bejahte nur durch Blicke. Auf die ersten an sie gerichteten Fragen, die von keiner großen Wichtigkeit zu sein schienen, gab sie rasche Antworten. Man fühlte aus denselben heraus, daß sie ungesucht waren und gleichsam von selbst über ihre Lippen kamen. Erst bei der scharf betonten Frage: ob sie liebe? stockte Anna, ein leises Zittern ging durch ihren Körper, die bleichen schmalen Wangen rötheten sich und mit einem nur Wenigen verständlichen Lallen gab sie eine bejahende Antwort.

„Wen lieben Sie?“ fuhr der Präsident fort.

Wieder trat eine Pause lautloser Stille ein, dann nannte die Angeklagte den Namen des auf der Zeugenbank sitzenden Mühlknappen.

Bei dem Kreuzfeuer von Blicken, das bei dieser Antwort den jungen Mann traf, ward dieser verwirrt. Er saß da wie im Fegfeuer und wagte weder rechts noch links zu sehen.

„Fanden Sie Gegenliebe?“

Auch diese Frage wurde bejaht. Der Mühlknappe athmete frei auf und ein dankender Blick glitt hinüber nach der Angeklagten.

„Wurden Ihnen von anderer Seite Hindernisse in den Weg gelegt oder gab es Menschen, die Ihre gegenseitige Neigung nicht billigten?“

„Darauf kann ich eine bestimmte Antwort nicht geben,“ sagte Anna zögernd, doch fest.

„Ich muß aber darauf bestehen, denn gerade von dieser Anrwort hängt sehr viel ab. Besinnen Sie sich.“

Anna schien einen schweren Kampf mit sich zu kämpfen. Während sie zögerte, erhob sich der Mühlknappe, sah seine Geliebte fest an und machte eine bittende Handbewegung. Aller Augen richteten sich einige Secunden lang auf den jungen Mann. Da legte die Angeklagte die Hände wie zum Gebet zusammen, neigte den Kopf ein wenig und sagte: „Möge Gott mir helfen, wenn ich Unrecht thue; ich muß ja die Wahrheit sagen. Herr Cesar Hornburg sah meinen Umgang mit dem Knappen nicht gern.“

Der Genannte zuckte zusammen, aber er blieb regungslos sitzen. Die Versammlung versuchte in den kalten Zügen des vornehmen Herrn die Enthüllung des Geheimnisses zu lesen, das immer undurchdringlicher sich gestalten zu wollen schien.

„Gaben Sie Herrn Hornburg Veranlassung zu solchem Wunsche?“

„Ich kann mich nicht erinnern.“

„Falls Ihr Gedächtniß Ihnen nicht treu ist, werde ich Herrn Hornburg um nähere Auskunft bitten müssen. Ich wiederhole meine Frage: Aus welchem Grunde sah Ihr Herr es ungern, daß Sie sich versprochen hatten?“

Die Angeklagte begann still zu weinen und bedeckte ihre Augen mit beiden Händen. Cesar Hornburg lächelte unmerklich, während der Knappe ihn trotzig und herausfordernd anblickte.

Der Präsident ließ Anna Zeit sich zu beruhigen. Er wechselte leise Worte mit dem Staatsanwalt. Nach einer längeren Pause, während welcher die Angeklagte ihre Thränen trocknete, fragte er, an welchem Tage und zu welcher Stunde sie ihren Geliebten zum letzten Male gesprochen habe.

Mit den Augen abermals Cesar Hornburg streifend, nannte Anna den Tag vor Ottwald’s Tode.

„Um welche Stunde?“ wiederholte der Präsident.

„Nachts zwischen zehn und zwölf.“

Ein banges Athmen, als bilde die ganze Versammlung nur einen einzigen lebenden Organismus, ging durch den Gerichtssaal. Cesar zog sein Taschentuch und trocknete sich den Schweiß von der Stirn.

„Wo trafen Sie sich?“ forschte, die Stille unterbrechend, mit sonorer Stimme der Vorsitzende weiter.

Abermals zögerte Anna, abermals hob der Knappe bittend die Augen zu ihr auf.

„In meinem Zimmer am Ende des Corridor, welcher zum alten Schlosse führt.“

„Verließen Sie während Ihres Beisammenseins das Zimmer, wo Sie mit einander verkehrten?“

„Nein, erst als wir uns trennten.“

„Und wann geschah dies?“

[695] „Bald nach Mitternacht.“

„Besuchte Sie Ihr Verlobter immer so spät?“

„Nein.“

„Was veranlaßte ihn, gerade in jener Nacht so lange im Schlosse zu verweilen?“

„Die Krankheit Herrn Ottwald Hornburg’s.“

„Erklären Sie sich deutlicher. Wie konnte die Krankheit des jüngeren Hornburg ein Hinderniß für Ihre Zusammenkunft mit dem Knappen sein?“

„Ich mußte vorher im Auftrage meines Herrn den kühlenden Trank bereiten, von dem man sagte, Herr Ottwald Hornburg habe sich daran den Tod getrunken,“ versetzte die Angeklagte mit von Thränen halb erstickter Stimme.

„War Ihr Verlobter zugegen, als Sie diesen Trank bereiteten?“

„Nein.“

„Wann besuchte er Sie?“

„Wenige Minuten nach der Rückkehr des Herrn aus dem Zimmer des Kranken.“

„Um welche Zeit erfolgte diese Rückkehr?“

„Die Schloßuhr hatte eben ein Viertel nach zehn geschlagen.“

„Wohin begab sich Herr Cesar Hornburg?“

„Auf sein Zimmer.“

„Welchen Weg dahin schlug er ein?“

„Er ging über den Corridor.“

„Ging später Niemand mehr über den Corridor?“

Anna legte die Hand an ihre Stirn und verneinte nach kurzem Sinnen diese Frage, jedoch in einem Tone, der es zweifelhaft ließ, ob sie die volle Wahrheit sage oder mit Vorbedacht etwas geheim halte.

„Man hat aber später, wie durch Zeugen bewiesen ist, noch Licht im Schlosse gesehen.“

„Nicht im Corridor,“ sagte rasch und deshalb vielleicht in Uebereilung die Angeklagte. Sie mochte selbst fühlen, daß sie eine zu schnelle Antwort gegeben habe, denn sie erröthete und senkte beschämt die Blicke.

„Sie geben durch Ihre Antwort zu,“ fuhr der Vorsitzende mit größter Kaltblütigkeit fort, „daß später noch Licht im Schlosse zu sehen war. Wo haben Sie dasselbe bemerkt?“

„Am Ende des Korridors,“ erwiderte in sichtbarer Angst die Angeklagte.

„Sie sehen hier ein genau gearbeitetes Modell aller Räumlichkeiten des Schlosses,“ sprach der Präsident weiter. „Bezeichnen Sie jetzt die Stelle, wo Sie das Licht zuletzt bemerkten.“

Anna deutete auf den Raum zwischen der Thür des Zimmers, in welchem Ottwald gestorben war, und dem Eingange zum alten Schlosse.

„Das ist seltsam,“ erwiderte der Vorsitzende. „Ehe es gerade in diesem Raum kam, der nach keiner Seite hin ein Fenster hat, muß es doch anderswo geleuchtet haben. Wie also und von welcher Seite kam es in den von Ihnen bezeichneten Raum?“

Anna war offenbar unschlüssig. Unstät flog ihr Blick von der Gruppe der Gerichtspersonen bald auf ihren Verlobten, bald auf Cornelie und den wie eine Marmorstatue dasitzenden Cesar Hornburg. Endlich nannte sie die Thür des letzten zum Neubau gehörenden Zimmers.

„Wann bemerkten Sie das Erscheinen des Lichtes in der Thür dieses Zimmers?“ fuhr der Präsident in seinem fürchterlichen Examen fort.

„Einige Minuten vor zwölf Uhr Nachts.“

„Und in welcher Hand befand sich das Licht?“

„Wenn meine Augen mich nicht getäuscht haben, hielt es Herr Cesar Hornburg in der linken Hand,“ sagte Anna unbefangen und mit festerer Stimme.

„Wohin wendete sich der von Ihnen als Herr Hornburg Erkannte von diesem Winkel aus?“

„Ich habe darauf nicht geachtet,“ versetzte die Angeklagte.

„Warum nicht?“

„Weil ich fürchtete, der Herr möge mich bemerken und mich fortjagen, weil ich gegen sein Gebot mit meinem Verlobten zu so später Stunde zusammentraf.“

„Bemerkten Sie auch nicht, ob das Licht in diesem Raume ausgelöscht wurde oder ob es sich später wieder entfernte?“

„Es entfernte sich wieder.“

„Ohne vorher diesen Raum verlassen zu haben?“

„Nein, ich sah es durch den Schlüsselspalt verschwinden und erst nach längerer Zeit wieder erscheinen.“

„Wissen Sie nicht, wo es in der Zwischenzeit sich befand?“

„Darüber habe ich nur Vermuthungen.“

„Theilen Sie uns diese Vermuthungen mit.“

„Ich glaube, Herr Cesar Hornburg ging mit dem Lichte nach dem Eckzimmer, wo sich die alte Bibliothek befindet.“

„Was veranlaßt Sie zu dieser Annahme?“

„Weil ich zwei Mal das schrille Knarren einer Thür hörte. Die Thüren im Neubau, welche auf den Corridor sich öffnen, knarrten nie, eben so wenig die zum Zimmer des kranken Herrn Ottwald führende.“

„Und Sie erinnern sich ganz deutlich, daß der Besitzer des Schlosses, Herr Cesar Hornburg, in jener Nacht um die von Ihnen angegebene Zeit, mit einem Lichte in der linken Hand, aus der letzten Thür dieser Zimmerreihe trat und eine knarrende Thür öffnete, durch die er mit dem Lichte verschwand?“

„Ich bin bereit, meine Aussage zu beschwören.“

Während dieser Verhandlung richtete sich die Aufmerksamkeit des lautlos zuhörenden Publicums mehr und mehr auf den Mann, dessen Name so oft genannt worden war. Cesar Hornburg saß mit übereinander gelegten Armen auf seinem Platze, verwandte kein Auge von seiner früheren Haushälterin und schien jede ihrer Antworten zu verschlingen.

Es folgten jetzt Seitens der Präsidenten noch einige Fragen, deren Zweck war, zu constatiren, auf welche Weise der zu so später Stunde durch das Schloß wandelnde Cesar wieder zurück in sein Zimmer gegangen sei. Anna’s Antworten harmonirten vollkommen mit der Aussage des Mühlenpachters Caspar. Der Weg, den Hornburg, wie Anna angab, genommen hatte, entsprach in jeder Hinsicht dem Lichtschimmer, welchen Caspar, am Mühlbache stehend, genau um die angegebene Zeit durch die Zimmerreihe gleiten sah. Ein einziger Punkt nur, der sowohl den Gerichtspersonen wie dem gespannt zuhörenden Publicum viel zu denken gab, blieb unklar. Cesar Hornburg war nach dem Bibliothekzimmer gegangen, das blos den einen Eingang vom Corridore aus hatte, und doch sah Caspar gleich nach dem Verschwinden des Lichtes den Schimmer desselben zugleich mit einem beweglichen Schatten in das Zimmer treten, wo man am Vormittage darauf Ottwald entseelt in seinem Bette fand!

Die bereits weit vorgeschrittene Zeit und die sichtliche Abspannung der Angeklagten veranlaßten den Präsidenten, die Verhandlungen abzubrechen. Es war ohnehin nöthig, die vorgeladenen Zeugen zu vernehmen, um, vielleicht durch ihre Aussagen auf andere Spuren geleitet, die Untersuchung fortzusetzen. Im Publicum machte sich, als es den Gerichtssaal verließ, bereits die Meinung geltend, die unglückliche Angeklagte könne möglicherweise das vergiftete Getränk dem Verstorbenen bereitet haben, eines mit Absicht begangenen todeswürdigen Verbrechens aber werde sie schwerlich zu überführen sein.




VIII.

Am andern Tage war der Zudrang der Menge zu dem Gerichtssaale noch größer. Man mußte die Thüren militärisch besetzen, um möglichen Störungen, welche der ungestüme Andrang Neugieriger veranlassen konnte, vorzubeugen.

Die Gerichtshalle selbst hatte ein verändertes Aussehen erhalten. Die Fenster waren heute mit dichten schwarzen Gardinen versehen, die mittelst einer Schnur zugezogen werden konnten. Diese Draperie fiel den Zuhörern sogleich in die Augen und beschäftigte eine Zeitlang die Meisten mehr, als die in den Proceß verwickelten Personen.

Die Nachbildung des Schlosses, in welchem das Verbrechen begangen worden war, stand heute, etwas erhöht, gerade vor dem Präsidenten.

Nach Beeidigung der Zeugen, die zuvörderst vernommen werden sollten, und Erledigung sonstiger Förmlichkeiten, mußte zuerst der Verlobte Anna’s seine Aussagen machen. Der gewandte Richter erleichterte dem jungen Manne, dessen Schuldlosigkeit ja nicht erwiesen war, diese in keiner Weise. Seine Fragen waren so scharf zugespitzt, so ganz eigenthümlich gefaßt, daß ein Mensch, [696] der geflissentlich Manches zu verheimlichen hatte, alle Geisteskräfte anstrengen mußte, wollte er sich durch seine Antworten nicht in ein Netz von Widersprüchen verstricken. Der Knappe jedoch bestand diese schwierige Feuerprobe mit bewundernswürdiger Unbefangenheit. Er antwortete immer schnell und bestimmt, er suchte nirgends Ausflüchte, gab sich keine Mühe, irgend etwas zu verheimlichen, und so trafen denn seine Aussagen so ganz mit denen seiner Verlobten überein, daß Niemand an deren Wahrheit mehr zweifeln konnte. Auch der Knappe erklärte sich bereit, zu beschwören, daß es Cesar Hornburg, der Besitzer des Schlosses, gewesen sei, den er um die angegebene Zeit mit einem Lichte das Bibliothekzimmer habe betreten und etwa nach einer Viertelstunde es wieder verlassen sehen. Die Furcht, von dem jähzornigen Herrn bemerkt zu werden, der ihm wiederholt die Besuche im Schlosse verboten, habe ihn veranlaßt, sich ganz ruhig zu verhalten, um so mehr, als er gewahr geworden sei, daß Herr Cesar Hornburg nach allen Seiten hin sich umgesehen, gelauscht und nur zögernd den Rückweg angetreten habe. Selbst als er sich schon sicher geglaubt, sei er am Verlassen seines Versteckes noch einmal verhindert worden, denn der Schloßherr habe zwei Mal hinter einander die Thür geöffnet und gehorcht, als falle ihm ein Geräusch auf, dessen Ursache er ermitteln wolle. Die Furcht, dem Schloßherrn am Ende doch noch in die Hände zu fallen, erkläre auch die Zerstreutheit, welche Caspar an ihm bemerkt und welche diesen zu der scherzhaften Frage, ob er einen Geist gesehen, veranlaßt habe.

Zunächst mußte nun der Mühlenpachter Caspar sein Zeugniß deponiren. Die Spannung des Publikums steigerte sich, als auf einen Wink des Präsidenten die schwarzen Gardinen an den Fenstern unhörbar sich zusammenfalteten und dichte Finsterniß die Gerichtshalle einige Secunden lang erfüllte. Die Versammlung glich in diesem Moment einem Vehmgerichte. Darauf brachte man Lichter, die durch bereit gehaltene Hüllen leicht verdeckt werden konnten. Wozu diese seltsamen Vorbereitungen dienen sollten, errieth Niemand. Bald aber begriffen alle die Bedeutung, welche denselben beigelegt war. Man vernahm keinen Laut, keinen Athemzug, als der Vorsitzende die Frage an Caspar richtete:

„Wo befanden Sie sich, als Ihnen der Lichtschimmer im Schlosse zuerst auffiel?“

Caspar bezeichnete den Ort auf dem hochstehenden, sämmtlichen Anwesenden sichtbaren Modell. Man ersuchte den Zeugen, jetzt die nämliche Stelle einzunehmen. Darauf fielen die Hüllen über die Lichter, die Halle erfüllte Finsterniß, nur in einem einzigen Zimmer des Modelles brannte ein Licht, das mit einer einfachen mechanischen Vorrichtung alsbald langsam durch die Flucht der Zimmer fortbewegt ward.

„Ich fordere den Zeugen auf,“ sprach der Vorsitzende, „jede in der Bewegung des Lichtschimmers ihm bemerkbar werdende falsche Richtung genau zu bezeichnen.“

So glitt nun das bewegliche Licht von Zimmer zu Zimmer, verschwand momentan in jeder Thür und glänzte dann weiter. Caspar beobachtete den Schimmer, fand aber nichts zu erinnern. Jetzt trat das Licht auf den Corridor. Der Präsident winkte. Es blieb stehen.

„Erkennen Sie in dieser Nachahmung ein treues Abbild des wandelnden Lichtes in jener Nacht auf dem Schlosse des Herrn Cesar Hornburg?“ fragte er den Zeugen.

Caspar bejahte, ohne sich zu einer weiteren Bemerkung veranlaßt zu sehen.

Auf einen abermaligen Wink des Präsidenten begann das Licht sich wieder in Bewegung zu setzen. Jetzt erleuchtete es das Eckzimmer, wo sich die Schloßbibliothek befand. Hier rastete es und der Frage des Präsidenten an den Zeugen:

„Gleicht dieser Schimmer ebenfalls dem, welchen Sie beobachteten?“

folgte die kurze, das ganze Publicum erregende Antwort Caspar’s:

„Nicht ganz. Das Licht stand etwas niedriger.“

Sofort verkürzte sich dieses, der Schimmer im Modell gestaltete sich anders. Ein Schatten kroch an dem Fenster hinauf und fiel halb gegen die Decke.

„Das ist der Schatten, den ich sah,“ sprach der Zeuge. „Genau so bewegte sich das Licht.“

„Wo befindet es sich jetzt?“ fragte der Präsident.

„Auf der Stelle, wo man die Wachstropfen auf der Diele bemerkte,“ lautete die Antwort.

„Wie lange beobachteten Sie diese Gruppirung von Licht und Schatten?“ klang die nächste an den Mühlenpachter gerichtete Frage.

„Drei bis vier Minuten.“

„Wo bemerkten Sie später den Schein desselben?“

„Im Nebenzimmer, wo der jüngere Bruder Herrn Hornburg’s, wie ich wußte, krank lag.“

„Das Bibliothekzimmer hat aber keinen Augang nach dieser Seite. Wie also war es möglich, daß Sie von diesem aus einen Lichtschein in das Zimmer des Kranken dringen sahen? Sie werden sich geirrt haben.“

„Geirrt habe ich mich nicht,“ versetzte Caspar. „Ich hatte Zeit genug, den Schein, noch mehr den Schatten, den er warf, zu beobachten; er fiel mir seiner sonderbaren Gestalt wegen auf.“

„Wir müssen versuchen, durch eine veränderte Lichtstellung diesen Schatten zu erzielen.“

Alsbald verschwand das Licht, die Fenster blieben einen Augenblick dunkel, dann erhellte es den Raum, in welchem Ottwald Hornburg seinen Geist aufgegeben hatte.

„Die Erleuchtung des Zimmers ist gegenwärtig ganz anders, als ich sie in jener Nacht sah. Das Licht wirft jetzt gar keinen Schatten.“

„Wie ist dies möglich?“ sagte der Präsident.

„Die Erklärung ist leicht,“ bemerkte der Architekt, welcher im Auftrage des Gerichtes das Modell angefertigt hatte. „Die Thüren aller Zimmer öffnen sich nach dem Corridor. Ein Licht, das Jemand trägt, kann auf diese Weise keinen Schatten werfen.“

„Von wo aus bewegte sich der Schatten?“ fragte der Präsident den Mühlenpachter.

„Von der Seite links gegen das Fenster, das er ganz bedeckte.“

„Also vom Bibliothekzimmer aus?“

„So schien es mir.“

Der Zeuge durfte sich entfernen. Mit vernehmbarer Stimme ward nunmehr Cesar Hornburg aufgerufen. Aller Augen richteten sich auf den blassen, vornehmen, mit unsichern Schritten vor die Richter tretenden Mann. Mit gewohnter Ruhe und Sicherheit stellte der Präsident auch an diesen seine Fragen. Cesar antwortete ebenso ruhig und sicher. Er zeigte keine Spur von Befangenheit, nachdem die ersten Antworten über seine Lippen gekommen waren.

„Haben Sie etwas gegen die Aussagen zu erinnern, die in gleicher Weise sowohl die Angeklagte wie deren Verlobter gemacht haben?“

Cesar Hornburg verneinte, während seine bis dahin klare Stirn sich verfinsterte.


(Schluß folgt.)




Die Pulver-Explosion in Mainz.

Der achtzehnte November dieses Jahres war für die Stadt Mainz ein Tag, dessen schreckliches Andenken in dem Gedächtnisse ihre Bewohner fortleben und in den Blättern der Geschichte dieser alten deutschen Stadt für alle Zeiten seine Stelle behaupten wird. Wer je einen Augenblick der Todesangst erlebt hat, dessen Seele wird die scharfen Züge des Momentes unauslöschlich bewahren. Einen solchen Moment hat Mainz am 18. November dieses Jahres überstanden; es ist nicht Einer in dieser volkreichen Stadt gewesen, den an diesem Tage nicht eine Minute lang der Todesschrecken erfaßt; und eine solche Minute läßt sich nicht vergessen.

Es ist sehr begreiflich, daß sich die Kunde einer Explosion des Pulverthurmes dicht vor den Thoren der Stadt Mainz rasch nach ganz Europa verbreitete und daß alle Zeitungen sich beeilten,

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Die Gartenlaube (1857) b 697.jpg

Ober-Gaugasse mit der Stephanskirche in Mainz nach der Pulverexplosion (photographisch aufgenommen).

ihren Lesern umständlich über die Katastrophe zu berichten. Die Berichte der Tagespresse außerhalb Mainz sind jedoch nicht geeignet, ein zusammenhängendes, klares und wahrheitsgetreues Bild des furchtbaren Ereignisses zu bieten; wir unternehmen es daher, in Folgendem eine ausführliche Schilderung desselben zu veröffentlichen, die als um so zuverlässiger betrachtet werden darf, als wir Augenzeuge des ganzen Herganges gewesen sind.

Wenn irgend eine Stadt schon durch ihre geographische Lage zur Festung bestimmt ist, so ist es Mainz; schon seit zwei Jahrtausenden steht es gepanzert mit Wällen und Mauern da, die Beherrscherin zweier Ströme, der Schlüssel zu Deutschland. Jeder von Westen kommende Feind muß sich vor Allem in den Besitz dieses wichtigen Platzes setzen, der, am Mittelpunkte des Rheinlaufes gelegen, ihm den Weg nach Nord- und Süddeutschland öffnen würde. Das erkannten schon die Römer und darum setzten sie sich hier zuerst fest; auf den Anhöhen der Mainmündung schräg gegenüber bauten sie das alte, feste Moguntiacum; und gerade die Stelle, wo dieses gestanden, das Castrum romanum, der jetzige alte Kästrich, war es, die zunächst zum Schauplatze des schrecklichen Unglücks bestimmt war, dessen Bild wir zu entwerfen versuchen wollen.

Die Wichtigkeit von Mainz rechtfertigt die starke Befestigung desselben von Seiten des deutschen Bundes seit 1814; Mainz ist die erste und stärkste Bundesfestung Deutschlands, bestimmt, im Kriege eine Besatzung von 24,000 Mann aufzunehmen; selbst im Frieden hat es eine Garnison von 5000 Mann österreichischen [698] und eben so vielen preußischen Truppen. Von allen Seiten umstarren es mächtige Wälle, aus denen 13 Bastionen hervorspringen und außerhalb derselben sind noch Schanzen und Forts errichtet.

Der deutsche Bund hat hier eine Masse von Kriegsmunition aller Art angehäuft: es sollen sich nicht weniger als 7000 Centner Pulver hier befinden. Dieselben lagerten bis auf den heutigen Tag zum großen Theile in Pulverthürmen und Magazinen innerhalb der Festungswälle. Seit langen Jahren wurden zwar Unterhandlungen wegen Verlegung der Magazine in die Außenwerke und Erbauung von Friedensmagazinen in gehöriger Entfernung von der Stadt, wie solche fast bei allen anderen Festungen bestehen, geführt; im Jahre 1839 begann der deutsche Bund auch damit, aber die Sache kam in’s Stocken; in den unruhigen Jahren von 1848–1851 konnte die Entfernung ebenfalls nicht stattfinden und von da ab entschuldigte sich der deutsche Bund mit dem orientalischen Kriege, der eine Verlegung der Pulvervorräthe nicht gestattet habe. Auch seitdem zog sich die Sache in die Länge. Schon vor sechs Monaten begann man mit der Ausleerung der inneren Pulvermagazine, allein auch jetzt nahm dieselbe keinen Fortgang, weil von Bundeswegen die nöthigen Mittel noch nicht bewilligt waren. So blieb das drohende Wetter über der Stadt Mainz hängen, die nichts davon ahnte, bis es sich endlich, schnell wie ein Gedanke, unerwartet und plötzlich entlud. Blut und Trümmer predigen nun beredt genug das Gebot der Humanität, eine friedliche, lebensfreudige Stadt nicht mitten im Frieden mit allem Schrecken und Verderben des Krieges zu bedrohen. Mainz steht auf einem Vulcan; diese schreckliche Wahrheit hat es jetzt erst recht erkennen gelernt und jetzt kann es sich vergegenwärtigen, was ihm, der heitern, fröhlichen Rheinstadt, bevorgestanden hat, wenn nicht die gnädige Hand der Vorsehung es vor noch größerem Unheil geschützt hätte!

Dies zum Verständniß der Ursache des Ereignisses; bevor wir dasselbe in seinen Details dem Leser vorführen, sei es uns erlaubt, noch einen Blick auf den Ort zu werfen, welcher zum Schauplatze desselben werden sollte.

Die Stadt Mainz liegt am Fuße einer Anhöhe, die der Mainmündnng gegenüber bis dicht an das Ufer des Rheines vortritt, sich von da aber landeinwärts wendet; zwischen der Anhöhe und dem Rheine liegt also ein Dreieck, auf welchem die Stadt Mainz sich erhebt. Vom Rheine an steigt sie allmählich an, bis zum Fuße der Anhöhe, auf welcher noch eine Straße, aus alten Häusern bestehend und meistens von ärmeren Leuten bewohnt, – der alte Kästrich – sich erhob. Und eben auf dieser Anhöhe, dem Mittelpuncte der Stadt so ziemlich gegenüber, stand das in die Luft geflogene Pulver-Magazin, also an einer Stelle, welche die ganze Stadt beherrscht.

Nimmt man vom Rheine aus seinen Weg gerade auf den Dom zu und verfolgt von hier aus die mitten durch die Stadt in gerader Richtnng führende breite und schöne Ludwigsstraße, so gelangt man auf den Thiermarkt, auf welchem das Gouvernements-Gebäude steht; von hier führt links die Gaustraße bergauf; auf der Anhöhe steht oben die schöne, im dreizehnten Jahrhundert erbaute gothische St. Stephanskirche mit hohem Thurme, der die ganze Stadt hoch überragt. Rechts hat man den alten Kästrich. Den Ausgang der Gaustraße bildet das Gauthor, von dem eine auf 9 Bogen gestützte Brücke über den Stadtgraben führt. Von hier geht die Straße nach dem innern Rheinhessen, nach der Pfalz und Frankreich. Gauthor und Gaustraße sind daher auch immer belebt; der ganze Verkehr der Stadt Mainz mit den genannten Landstrichen nimmt diesen Weg. Daher kam es auch, daß im Augenblicke der Explosion drei Fuhrwerke die Gauthor-Brücke passiren wollten.

Kaum hundert Schritte rechts vom Gauthore stand ein großer, viereckiger Thurm, der Stockhausthurm, im 13. Jahrhundert erbaut, und dicht neben demselben das Pulvermagazin, einstöckig und massiv in Stein ausgeführt; in diesem Magazine entstand die Entzündung und dasselbe flog mit dem Stockhaus- (Martins-)Thurme in die Luft, einen furchtbaren Steinregen nach allen Seiten hin schleudernd.

Diese Bemerkungen werden zur Orientirung des Lesers hinreichen, dem wir nun die Schreckensscenen der Explosion selbst zu schildern versuchen wollen.

Es war am Mittwoch den 18. November, Nachmittags um drei Uhr, als auf einmal ein Donnergetöse die Luft erschütterte, die Erde schwankte, die Häuser erzitterten und schienen zusammenzustürzen, Dächer wurden zertrümmert, die Fenster flogen klirrend mit zerrissenen Rahmen und zerschmetterten Scheiben in die Zimmer, die Thüren wurden aus Schloß und Riegel gerissen, Bilder und Spiegel fielen in Scherben von den Wänden – es war ein Moment der allgemeinen Todesangst.

Die lebhafteste Phantasie ist nicht im Stande, sich diesen schrecklichen Augenblick zu malen: die allgemeine Bestürzung und Verwirrung, mit welcher ein Jeder sich zu retten suchte und doch nicht wußte, warum und wohin? In ganz Mainz dachte Niemand anders, als das Haus stürze ihm über dem Kopfe zusammen.

Nur wer die Menschen gesehen hat, wie sie aus ihren Wohnungen wankten, sich sammelten und mit bleichen Gesichtern einander anstarrten – der vermag sich den Schrecken vorzustellen, der alle Bewohner einer 40–50,000 Seelen zählenden Stadt ergriff.

Das Alles füllte einige Secunden aus. Was war geschehen? Die Plötzlichkeit des Ereignisses und die Schnelligkeit, mit der es vorüberging, waren so verwirrend, daß innerhalb der Stadt die beiden Donnerschläge, mit welchen das Pulver-Magazin und der Thurm in die Luft geflogen, kaum gehört wurden; allein, man brauchte nur den Blick zu erheben, um eine schwarze Rauchwolke den Himmel verfinstern zu sehen und zu errathen, was geschehen war.

Das war der erste Eindruck der Katastrophe auf diejenigen, die in der Stadt wohnen und in ihren Häusern anwesend waren. Zermalmender war der Anblick noch für diejenigen, die außerhalb der Stadt Augenzeugen der Explosion sein mußten. Am schrecklichsten war der Anblick von der Rheinbrücke aus, denn von hier sieht man die Gegend des Gauthors und die Stephanskirche, in einer Entfernung von 20 Minuten, hoch über die Stadt ragen.

Man sah den zuckenden Blitzstrahl aufflammen, aber sogleich in einer furchtbaren, schwarzen Rauchsäule verschwinden; zugleich hörte man zwei heftige Donnerschläge erdröhnen und die Luft wurde so heftig erschüttert, daß die Spaziergänger zu Boden geworfen wurden. Ganz Mainz war unter einer dicken Rauchwolke verhüllt. War die unglückliche Stadt von einem Ende bis zum andern ein Trümmerhaufe, der seine Bewohner erschlagen hatte? Gottlob, nein, denn einen Augenblick später, so lüftete sich der schwarze Nebel und der St. Stephansthurm wurde wieder sichtbar, selbst das Kreuz auf seiner Spitze ragte noch hoch über der Unglücksstätte. Der Martinsthurm aber war verschwunden.

Liebe Leser, vermögt Ihr Euch wohl zu denken, was in dieser gräßlichen Minute in den Gemüthern derer vorgegangen, die draußen diesen Anblick und in der Stadt theure Familienglieder hatten, die jetzt vielleicht in ihrem Blute schwammen? Hättet Ihr sie sehen mögen, wie sie mit wankenden Knieen und Leichenblässe auf dem Gesichte nach der Stadt eilten? Oder soll ich auch noch schildern, was mir diejenigen erzählten, die ganz in der Nähe der Explosion gewohnt, blutend aus ihren zusammengestürzten Häusern flohen – froh, daß ihnen noch das Leben geblieben und sie nicht, wie viele andere, den Tod ihrer Gatten und Kinder zu beklagen hatten? – – – Sollte ich das, so müßte ich mit dem Dichter fragen:

Wer, wer gibt mir den Pinsel, wer Farben, dies zu entwerfen?

Kaum hatte man sich von der ersten Bestürzung einigermaßen erholt, so war der erste Gedanke natürlich derjenige: wie wird es im obern Stadttheile erst aussehen, wo die Zerstörung sicherlich viel größer sein muß? In wenigen Minuten eilte Alles nach dieser Gegend hin, um einer Verheerung ansichtig zu werden, die alles überstieg, was man in banger Ahnung erwartet hatte. Der alte, düstere Thurm und das Magazin waren verschwunden; ihre Steinmassen waren über die ganze Gegend geschleudert worden. Der alte Kästrich und der obere Theil der Gaustraße waren ein Trümmerhaufe. Siebenundfunfzig Häuser waren ganz und gar zerstört, an wenigstens sechzig anderen waren Mauern und Dächer eingestürzt und aus dem Schutt dieses vernichteten Stadttheils drang der Jammerruf der lebendig Begrabenen. Ein weißgrauer Staub bedeckte die ganze Gegend und verdunkelte die Luft.

Doch was galt diese Zerstörung gegen den gräßlichen Verlust an Menschenleben, der sich herausstellte? Ueberall fand man blutige, schauderhaft verstümmelte Körper, Soldaten und Bürgersleute, zum Theil noch ächzend und mit dem Tode ringend. Die [699] Gliedmaßen getödteter Pferde zuckten im Staube. Mit herzzerreißendem Jammer rannten die Menschen umher und erfüllten die Luft mit ihren Wehklagen. Wo ist mein Vater? Ach, dort bringt man ihn todt! – Lebt meine Mutter noch? Wo sind meine Kinder, wo ist die Großmutter? So tönte es rund umher; jetzt kamen wieder Frauen und Mütter mit blutenden Wunden, jetzt zog man wieder halbtodte Verschüttete aus den Trümmern, jetzt trug man wieder zerschmetterte Leichname auf Tragbahren vorüber – – das war das Schauspiel, das sich unsern Augen darbot.

Vom Militair erlitten namentlich die preußischen Truppen bedeutende Verluste; sie haben zwölf Todte und 70–80 Verwundete zu beklagen. Es befinden sich darunter die Wachmannschaften am Gauthore und dem Pulvermagazine, die zum Theil weit weggeschleudert wurden. Auf österreichischer Seite gab es nur drei Todte.

(Schluß u. Abbild. des „alten Kästrich’s folgen in Nr. 52.)




Hundswuth und Wasserscheu, bei Thieren und Menschen.

Bei Hunden und bei den dem Hundegeschlechte angehörenden Füchsen und Wölfen scheint sich von selbst und ohne Ansteckung die ihrer Natur nach zur Zeit noch ganz unbekannte Wuthkrankheit (d. i. die ursprüngliche Wuth oder Tollheit, rabies canina) zu erzeugen, welche auch, und zwar durch Ansteckung, auf andere Thiere (Katzen, Pferde, Esel, Schweine, Hornvieh, Hühner), so wie auf den Menschen übertragen werden kann (d. i. die mitgetheilte Wuth). Diese Uebertragnng kommt entweder unmittelbar durch den Biß des wuthkranken Thieres zu Stande, oder mittelbar durch Berührung wunder Stellen der Haut mit Wuthgift (z. B. durch Belecktwerden vom tollen Thiere; durch Kleidungsstücke, die mit Wuthspeichel besudelt sind). Der Träger dieses Giftes ist der Geifer (Speichel), vielleicht aber auch das Blut des kranken Thieres. Uebrigens kommt dieses Gift nur dann erst zur Wirkung, wenn es in den Blutstrom aufgenommen wurde.

Auch der an der mitgetheilten Wuthkrankheit erkrankte (von einem tollen Hunde gebissene) Mensch kann das Gift auf andere Menschen übertragen, so wie die durch ein wuthkrankes Thier verletzten Thiere ebenfalls durch Biß die Wuth weiter verbreiten können, wiewohl das bei den übrigen Thieren meist seltner geschieht, als bei Hunden, Füchsen und Wölfen. – Man hat auch durch Einimpfung des Speichels und Blutes wuthkranker Menschen und Thiere die Wuthkrankheit bei Thieren zu erzeugen vermocht. Jedoch sind diese Einimpfungen, ebenso wie die Bisse wüthender Thiere, in der Mehrzahl der Fälle ohne nachtheilige Folge. Ja es scheint eine besondere Anlage erforderlich zu sein, damit das Gift im Körper hafte (inficire), und jedenfalls hängt der Ausbruch der Krankheit in vielen Fällen von Gemüthsbewegung und Einbildung ab, sowie von Erkältung und körperlicher Anstrengung.

Der Ausbruch der Wuthkrankheit, welcher niemals unmittelbar nach dem Bisse, selten in den ersten Tagen nach demselben erfolgt und bei absichtlich dem Bisse ausgesetzten oder geimpften Hunden nie über den 50sten Tag hinaus fiel, fällt in der größten Zahl der Fälle in die 2te, 3te, 4te und 5te Woche, seltener schon in die 6te und 7te, also in eine Zeit, wo die Wunde meist längst verheilt ist. Nach glaubwürdigen Beobachtern ist aber die Krankheit auch erst nach 1/2 Jahre, sogar nach 1 und 11/2 Jahren nach dem Bisse noch ausgebrochen. Daß sie erst nach mehreren, ja sogar nach 30 Jahren zum Ausbruch gekommen sein sollte, wie ebenfalls erzählt wird, dürfte noch zu bezweifeln sein. Die Fälle, wo zwischen Biß und Ausbruch (d. i. die Incubationsperiode) lange Zeit verging, waren gewöhnlich solche, bei welchen erst auf eine der Krankheit selbst fernliegende neue Veranlassung der Ausbruch der Krankheitserscheinungen erfolgte.

Die Hundswuth oder die Krankheit der Thiere, deren Speichel in eine Wunde eines Menschen übertragen, bei diesem die Wuth hervorbringt, ist bis jetzt für die Wissenschaft noch vollkommen dunkel; auch ist es noch ganz ungewiß, welche Umstände ihrer ursprünglichen Entstehung am günstigsten sind. Hunde jeder Race, jedes Geschlechtes und jedes Alters sind in jeder Jahreszeit und Witterung und bei jeder Lebensart ihr ausgesetzt. Weder schlechte Nahrung und schlechtes Wasser oder gänzlicher Mangel an Speise und Trank, noch große Hitze oder Kälte, noch gehinderte Geschlechtsbefriedigung sind nach den neuesten Untersuchungen als alleinige Ursachen dieser furchtbaren Krankheit anzusehen. Wahrscheinlich ist es, daß mehrere dieser erwähnten Ursachen vereint bei schon nervenkranken Thieren dieselbe erzeugen. – Auch die Krankheitserscheinungen bei tollen Hunden sind, besonders nach Race, Temperament, Alter, Geschlecht u. s. w., sehr verschieden. Und ganz irrig ist es, wenn behauptet wird: daß tolle Hunde eine vollkommene Abneigung gegen das Wasser und Licht hätten (wasserscheu würden); daß sie ihren Herrn nicht mehr erkennten und folgten; daß sie den Schwanz zwischen den Hinterbeinen hindurch unter den Leib zögen, und daß sie immer nur geradeaus liefen. Im Gegentheil saufen sie sehr oft recht viel Wasser und sind nie ganz unfolgsam gegen ihren Herrn; das Licht scheuen sie nur, wenn sie entzündete Augen haben, und den Schwanz lassen sie erst dann sinken, wenn die Hinterbeine schwach werden. Auch das Geifern aus dem Munde, sowie das Verschlingen unverdaulicher Gegenstände, ferner das Fliehen gesunder Hunde vor dem wuthkranken Thiere, sind durchaus keine constanten Erscheinungen. – Bei der Verschiedenheit der Krankheitserscheinungen hat man sich veranlaßt gefunden, zwei Formen der Erkrankung beim Hunde anzunehmen, die der rasenden Wuth und die der stillen Wuth, obwohl auch zwischen beiden Mittelfälle vorkommen. Auch ist der Biß von Thieren, welche noch wenig und zweifelhafte oder gar keine Krankheitserscheinungen zeigten und bei welchen die Krankheit erst später ausbrach, in vielen Fällen ebenso verderblich gewesen, als der Biß der in Tobsucht befindlichen Thiere. – Als Vorboten des Krankheitsausbruches können: die Unruhe, der veränderte und sonderbare Appetit, sowie die veränderte Gemüthsstimmung (das Traurig- und Verdrossensein) des Hundes angesehen werden.

Die rasende Wuth oder die Tollwuth gibt sich besonders dadurch kund, daß die Hunde mit dem Anfange der Krankheit ihr bisheriges Betragen ändern, was besonders auffällig gegen Personen ist, denen sie sonst zugethan waren; daß sie ungewöhnlich unruhig sind und rastlos umherschweifen; daß sie viel an kalten Gegenständen lecken und fremdartige Stoffe (Stroh, Holz u. s. w.) verschlingen; daß die Stimme merklich abgeändert, ein rauhes, heiseres, bellendes Heulen ist; daß sie große Neigung zum Beißen (erst gegen Katzen, dann gegen Hunde und zuletzt gegen Menschen) bekommen, und oft auch in die bloße Luft schnappen. Es zeigt sich ferner eine wesentliche Veränderung in dem wohlbekannten gewöhnlichen Aussehen des Hundes; er magert ab, die Haare werden struppig und rauh, die Augen geröthet und matt. – Die stille Wuth (Stillwuth) unterscheidet sich von der rasenden hauptsächlich dadurch, daß der Trieb zum Beißen (die Beißlust) und zum Umherlaufen weit geringer ist; daß die Stimme selten eine Veränderung zeigt, der Unterkiefer aber gelähmt, schlaff herabhängt und deshalb der Speichel, sowie alles Genossene wieder aus dem Munde herausfließt, auch die bläuliche Zunge heraushängt; daß die Hinterbeine wegen lähmungsartiger Schwäche, bald einen unsichern Gang annehmen. – Der Verlauf der Krankheit ist bei beiden Formen verschieden und unbestimmt; der Tod tritt stets und zwar binnen 6 bis 8 Tagen nach dem ersten Erkranken, entweder plötzlich oder unter Konvulsionen oder bei allmählich zunehmender Erschöpfung ein.

Die Untersuchung des todten Hundes kann niemals darthun, daß derselbe im Leben wuthkrank war. Denn die meisten der krankhaften Veränderungen, wenn überhaupt welche gefunden werden, kommen auch bei andern Krankheiten vor. Ganz besonders ist auf unverdauliche Dinge, die öfters im Magen gefunden werden, gar nichts zu geben. Daß die sogenannten Marocchetti’schen Wuthbläschen unter der Zunge des Hundes gar nichts mit der Tollheit zu thun haben, ist längst bewiesen. Ebenso hat der sogenannte Tollwurm, ein fester, faserig-fettiger Körper im Zungenfleische, keine Bedeutung, denn er findet sich bei allen gesunden Hunden. Die sogenannten Wuthzellen im Speichel sind aber nichts, als Fetttröpfchen. – Sonach ist es also eine sehr schädliche Voreiligkeit, einen der Wuth verdächtigen Hund sofort zu [700] tödten; er muß durchaus lebendig eingefangen und in sicherem Verwahrsam genau beobachtet werden, wenn über dessen Krank- oder Gesundsein geurtheilt werden soll. Es klingt ferner sehr unwissenschaftlich, wenn man in Berichten liest, daß die Richtigkeit der Annahme einer Wuthkrankheit beim Hunde durch die Section bestätigt worden sei.

Beim Menschen, der von einem tollen Hunde gebissen oder beleckt wurde, kündigt sich der Eintritt der Krankheit in der Regel zwischen der zweiten und fünften Woche, – wenn sie überhaupt ausbricht, was ja sehr oft trotz des Bisses eines wirklich tollen Hundes doch nicht der Fall ist, – häufig schon mehrere Tage vorher durch Veränderung in der gebissenen Stelle an. Die noch offene Wunde schmerzt, wulstet sich auf und klafft, wird bläulich und sondert eine dünne Jauche ab; die bereits vernarbte Wunde fängt wieder an zu schmerzen, zu schwellen, sich zu entzünden und eine bläuliche Farbe anzunehmen; sie bricht auch wohl wieder auf. Von der Wunde oder Narbe aus verbreiten sich die Schmerzen, oder Prickeln und Ziehen, oder ähnliche Empfindungen weiter hinauf in das Glied, zuweilen bis zum Nacken. – Mit diesen örtlichen Erscheinungen treten als Vorboten des eigentlichen Anfalles auch noch allgemeine auf, die dann auch spater noch den Anfall begleiten. Es sind: eine unerklärliche Angst, Unruhe und Beklommenheit; veränderte Gemüthsstimmung, Mißmuth und erhöhte Reizbarkeit, Schreckhaftigkeit; dabei gewöhnlich Abgeschlagenheit und Ermattung, unruhiger, durch schreckhafte Träume gestörter Schlaf, Schlaflosigkeit, allgemeines Unwohlbefinden; Kopfweh, Schwindel, Ohrensausen, herumziehende Schmerzen, leichtes Zucken in den Muskeln, Lichtscheu und verändertes Aussehen der Augen, heisere Sprache, Herzklopfen, Verdauungsbeschwerden. Schon frühzeitig findet sich eine Erschwerung des Schlingens und ein Gefühl von Zusammenziehen des Schlundes, besonders beim Hinunterschlucken flüssiger Dinge, ein; auch gesellt sich bisweilen Ziehen im Nacken hinzu, sowie ein Schaudern bei jedem Versuche zu trinken. – Diese Vorboten der Krankheit, welche manchmal von kurzer Dauer sind, bisweilen sich aber auch über mehrere Wochen erstrecken, fehlen nicht selten ganz oder sind so unbedeutend, daß sie übersehen oder für andere unwichtige Krankheitserscheinungen gehalten werden. Haben sie eine längere Dauer, dann steigern sie sich allmählich, zumal die Angst und Unruhe.

Der eigentliche Krankheitsanfall (das suribunde Stadium) bricht entweder plötzlich aus, wenn die genannten Vorboten fehlten, oder er geht aus diesen hervor. Er thut sich dadurch kund, daß, wenn der Kranke trinken will, ein Gefühl von Erwürgtwerden und Ersticken auftritt, was sich bei jeder Wiederholung des Trinkversuchs steigert und mit entsetzlich wachsender Angst verbindet. Ja nach einiger Zeit erweckt schon der Anblick des Wassers und anderer Flüssigkeiten, sogar glänzender Gegenstände, das Hören von Rauschen und Ausgießen des Wassers, das Anfächeln kühler Luft und das Berühren der Haut mit kalten und nassen Gegenständen, diesen Erstickungskrampf (d. i. die Wasserscheu). Später wird auch, das Verschlucken fester Nahrungsmittel unmöglich; ebenso vermag der Kranke den reichlich abgesonderten Speichel, der ihm als Schaum vor den Mund tritt, und den er beständig um sich her spritzt, nicht zu schlucken. Bei diesen Schlund- und Kehlkrämpfen ist das Athmen kurz, ängstlich und seufzend, der Kranke eigenthümlich hastig und enorm aufgeregt. Bald erscheinen nun auch nach furchtbarem Angstgefühle wirkliche Wuthanfälle von etwa 10 bis 30 Minuten Dauer, wobei das Gesicht roth und aufgetrieben wird, die Augen hervortreten, unheimlich glänzen und wild rollen, die Miene wildängstlich ist, der Kranke phantasirt, tobt und schreit, bisweilen auch um sich speit und zu beißen sucht. – In der Zeit zwischen den Wuthanfällen ist der Kranke bei vollem Bewußtsein, verzweiflungsvoll, sucht sich zu tödten, warnt seine Umgebung, klagt über brennenden Schmerz in der Brust und über außerordentlichen Durst. Der Schlaf fehlt ganz. Die Anfälle wiederholen sich in immer kürzeren Zwischenräumen und dabei nimmt die Heftigkeit derselben fort und fort zu, zumal wenn Zwangsmittel angewendet werden. Endlich tritt Erschöpfung mit periodischem Aussetzen des Athems, Ohnmachten, Lähmungserscheinungen und zeitweiser Bewußtlosigkeit ein. Der Tod erfolgt schließlich, in einem oder wenigen (3 bis 6) Tagen nach dem Ausbruche der Krankheit, entweder ganz plötzlich oder in einem heftigen Anfalle von Zuckungen, bisweilen aber auch in der höchsten Erschöpsnng ganz ruhig, selbst unter dem Scheine von Besserung, nachdem die Fähigkeit zu trinken wiedergekehrt war. – Kinder und Weiber zeigen sich bei der Hundswuth weniger ängstlich und tobsüchtig, als Männer, wahrscheinlich weil sie sich die Gefahr nicht so vorstellen können und ein schwächeres Nerven- und Muskelsystem haben. – Die Leichenöffnungen sind bis jetzt noch nicht im Stande gewesen, diese Krankheit zu enträthseln; es wird sehr oft nicht die geringste Abnormität gefunden. – Ebenso war die Behandlung der ausgebrochenen Hundswuth bis jetzt noch stets erfolglos; es dürften energische und fortgesetzte Chloroformeinathmungen dem Leidenden noch am besten thun. Alle Geheimmittel gegen die Hundswuth sind nichtsnutzige Charlatanerien, auch das isopathische Hydrophobin der Homöopathen nicht ausgenommen.

Wer nur einen Anfall der Hundswuth beim Menschen sah, wird sicherlich dem ganzen Hundegeschlechte den Krieg erklären, und für ganz enorme Hundesteuer, sowie für ein Verbot gegen das freie Umherlaufen der Hunde stimmen. Die Luxushunde müssen durchaus vermindert werden, da das Tragen von Maulkörben wohl auf der Straße, aber nicht im Hause, wo diese Körbe abgenommen werden, sichert, und die meisten Hundebesitzer ihren Hunden viel zu wenig Aufmerksamkeit schenken, um das Erkranken derselben gehörig bald zu bemerken. Schließlich aber nochmals den Rath: Hundebisse stets sofort tüchtig auszusaugen (s. vorige Nummer der Gartenlaube.)
Bock.


Edmund Hoefer.

Edmund Hoefer, einer der beliebtesten Novellisten der Neuzeit, wurde im Jahre 1819 zu Greifswald als Sohn des dortigen Senators und Stadtgerichts-irectors Justizrath Dr. Hoefer geboren. Die Liebe zur Natur erbte er von beiden Eltern, und da er dieselben schon in frühester Jugend auf größeren Reisen in das mittlere Deutschland und auf sich täglich wiederholenden Spaziergängen in der freundlichen Umgegend der Vaterstadt begleiten durfte, da überdies auf dem Lande lebende Verwandte und Bekannte bald tage-, bald wochenlang besucht wurden, so wuchs die Liebe immer mehr und schon der Knabe fand Gelegenheit, Feld, Wald und Meer mit ihren Producten, die Bewohner des Landes in ihren Sitten und Gebräuchen kennen zu lernen. Neben dieser Naturliebe beherrschte den Knaben eine unstillbare Lust an Lectüre und bald ein Drang zu eigenen poetischen Productionen, welche vom zwölften Lebensjahre an in ununterbrochener Reihe über ein Decennium lang entstanden. – Nach der üblichen Gymnasialbildung ging er 1839 zur Universität und studirte in der Vaterstadt, in Heidelberg und Berlin Philosophie und Geschichte. In diese Zeit fallen seine ersten Versuche, nebst den Versen auch prosaische Stücke zu schreiben, die jedoch ihm selbst am wenigsten genügten und daher stets auf die Seite gelegt wurden. An eine Veröffentlichung dachte er nicht. Und so viel und so vieles er las, stets kehrte er mit dem gleichen Drange und dem gleichen frischen Interesse zu Thukydides, Goethe und Lessing zurück und holte sich aus ihnen Kraft und Genügen. Dagegen trat Schiller, für den der Knabe geschwärmt und dessen Dramen und Gedichte er zum Theil auswendig gewußt hatte, nach und nach ganz in den Hintergrund, wie Edm. Hoefer auf dem dramatischen Felde denn auch niemals einen Versuch gemacht.

Im Jahre 1842 kehrte er nach Greifswald zurück, um bei dem dort stehenden Jägerbataillon sein freiwillig Jahr zu dienen und sich zu seiner weiteren Carrière vorzubereiten. Der letztern traten jedoch Krankheiten und häusliche Verhältnisse von Jahr zu Jahr hindernd in den Weg, und so geschah’s, daß er sich nach und nach ganz dem literarischen Fache zuwandte, welches er noch Jahre lang nach seinem ersten öffentlichen Auftreten nur als Nebensache betrachtete. Im Herbst 1844 schrieb er in zwei Vormittagen die erste Tambourgeschichtc: „Anno zweiundneunzig,“ und

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Die Gartenlaube (1857) b 701.jpg

Edmund Hoefer.

schickte sie an das Stuttgarter Morgenblatt, wo sie bereitwillig angenommen und abgedruckt wurde. Zwei andere Stücke dagegen, die er im natürlichen Gefühl jugendlicher Eitelkeit gar zu selbstvertrauend dem ersten alsbald folgen ließ, erhielt er mit Protest zurück, und diese Lection blieb ihm unvergeßlich und war von den besten Folgen, indem sie ihn zu größerer Aufmerksamkeit und Sorgfalt trieb. Erst über ein Jahr später schickte er die zweite Tambourgeschichte ab und verkehrte dann manche Jahre mit dem gedachten Blatte, bis der Buchhändler Adolph Krabbe in Stuttgart eine Sammlung der Geschichten wünschte und dieselben 1852 unter dem Titel: „Aus dem Volk“ erscheinen ließ. – Diesem Buche folgten ein Band „Gedichte“ 1853 bei Simion in Berlin, und seitdem bei Krabbe: „Aus alter und neuer Zeit“ 1854, – eine vermehrte Sammlung der „Tambourgeschichten“ 1855, – „Schwanwink, ein Skizzenbuch aus Norddeutschland,“ 1856, – und „Bewegtes Leben“, 1856; nebenher ging noch eine Sammlung sprüchwörtlicher Redensarten: „Wie das Volk spricht“, 2. Auflage 1856. – Nach dem Tode seines Vaters siedelte Edm. Hoefer, der sich inzwischen auch den Doctor-Titel erworben, 1854 nach Stuttgart über und gründete dort im Verein mit Hackländer die bei Krabbe erscheinenden „Hausblätter“, deren Redaction er auch jetzt noch führt.

Hoefer hat sich durch seine Leistungen rasch die Gunst des Publicums erobert, und er verdient diese mehr als viele Andere. Tiefes, sinniges Gemüth, schöpferische Phantasie, eine glückliche Erfindungsgabe und seltene Herrschaft über Form und Sprache zeichnen alle seine Erzählungen aus, die zu dem Besten gerechnet werden müssen, was wir in dieser Gattung aufzuweisen haben. Einige davon sind wahre Kunstwerke. Namentlich sticht sein markiger gedrängter Styl sehr vortheilhaft gegen die breitgetretene langathmige Schreibweise der meisten jetzigen Novellisten ab. Was aber Hoefer besonders auszeichnet, und ihn bei allen gebildeten Lesern so sehr beliebt macht, das ist seine große Kunst der Naturschilderung, seine haarscharfe Charakterzeichnung und die einfache schmucklose Weise, wie er das Gemüth des Lesers anzuregen und zu rühren versteht. Viele neben ihm bezwecken dasselbe, aber sie verfallen in Weichheit und Sentimentalitäten, während Hoefer stets gesund und kernig bleibt.




Berliner Kirchhöfe.

Berlin besitzt keinen Kirchhof, wie den des Père-La-Chaise in Paris, diese große Gräberstadt, die versteinerte Geschichte der französischen Nation, der Mittelpunkt und Sammelplatz der berühmten Gestorbenen. Der Deutsche gehört zunächst seiner Familie und erst dann seinem Volke an; wir scheuen die Oeffentlichkeit – selbst im Tode. Der Mangel an Nationalsinn macht sich auch auf unseren Kirchhöfen bemerkbar, die zerstreut vor allen Thoren liegen. Dort müssen wir auch unsere großen Todten erst zusammensuchen und nur mit Mühe werden wir sie finden. Die Gräber einer Stadt sollten wie die Kirchen und öffentlichen Denkmäler zu [702] jeder Stunde geöffnet bleiben; was in Berlin keineswegs immer der Fall ist. Sie gehören, wie das Leben der großen Männer, welche darunter ruhen, weder einer Familie, noch einer bestimmten Gemeinde, sondern ihrem Volke, dem Vaterlands an. Viele Einwohner der Residenz haben keine Ahnung, welche Berühmtheiten vor den Thoren der Stadt schlummern.

Die milde Herbstsonne verlockte uns, diesen Gräbern einen Besuch abzustatten. Vor dem Oranienburger Thore liegt zunächst der Kirchhof der dorotheenstädtischen und werder’schen Gemeinde, welcher die ausgezeichnetsten Namen umschließt. In der Nähe der Einschlußmauer erhebt sich ein einfacher Granitblock mit der Inschrift: „Georg Wilhelm Friedrich Hegel, geb. den 28. August 1770, gest. den 14. November 1831.“ Es gab eine Zeit, wo dieser Gelehrte in Berlin als absoluter Herrscher auf dem Throne der modernen Philosophie saß; Staatsmänner, hohe Officiere, Leute aus allen Ständen lauschten zu seinen Füßen den Worten eines neuen Evangeliums. Eine Anzahl geistreicher Männer wurden seine begeisterten Apostel und übertrugen sein System auf alle übrigen Wissenschaften. Wie Alexander der Große hatte Hegel das Weltreich der „Idee“ begründet, das aber nach seinem Tode wieder in Nichts zerfiel. Die entarteten Epigonen versanken in eine Anarchie, welche mit ihrer gänzlichen Niederlage endete.

Die Hegel’sche Philosophie, deren mächtigen Einfluß wir nicht verkennen, liegt gegenwärtig begraben mit ihrem Schöpfer auf dem Kirchhofe vor dem Oranienburger Thor. In der Nähe des Meisters ruhen mehrere seiner Jünger, unter denen Eduard Gans besonders hervorragt. Der schlichte Grabstein trägt die Inschrift: „Eduard Gans, geb. am 22. März 1797, gest. den 5. Mai 1834.“ Er war ein geborner Berliner und gehörte einer angesehenen und wohlhabenden jüdischen Familie an. Sein Witz und die seiner Nation eigenthümliche geistige Beweglichkeit trugen nicht wenig dazu bei, die Hegel’sche Philosophie populär zu machen. Gans war der Apostel des Salons, der Jünger im Gesellschaftsfrack; er machte Progaganda bei einem Diner und predigte bei einer Tasse Thee. Trotz seiner Jovialität fehlte es ihm nicht an muthiger Streitlust. Er wendete seine Waffen hauptsächlich gegen den berühmten Rechtslehrer Savigny und die historische Schule, welche er mit vielem Glück und Geist angriff. Als Lehrer der Geschichte stand Gans in fortwährender Opposition gegen die Regierung. Seine Vortrage über die französische Revolution waren besonders stark besucht und das größte Auditorium der Berliner Universität faßte kaum die Zahl seiner Zuhörer. Gans war bei der akademischen Jugend außerordentlich beliebt und wurde fast von ihr vergöttert. Bei Tische traf ihn der Schlag mitten im kräftigsten Mannesalter; sein Tod wurde von der ganzen Stadt betrauert. Ein unübersehbarer Leichenzug bewegte sich längs der Linden. Alle Notabilitäten Berlins gaben ihm das letzte Geleit, darunter der hundertjährige Präsident von Grollmann und der vom Alter gebeugte Minister von Altenstein. Es war ein erschütternder Anblick, zu sehen, wie diese Greise den rüstigen Mann begraben halfen.

Ein spitzer Obelisk steigt wie das reine „Ich“ auf dem Grabe empor, unter welchem der berühmte Fichte ruht. Auf der einen Seite des Denkmals steht der Vers aus Daniel: „Die Lehrer aber werden leuchten wie des Himmels Glanz und die, so Viele zur Gerechtigkeit weisen, wie die Sterne immer und ewiglich!“ Ein Medaillon zeigt die bekannten, scharf ausgeprägten Züge dieses eben so großen Denkers als Charakters, dessen „Reden an die deutsche Nation“ zur Zeit der französischen Herrschaft in Berlin eine kühne That waren und den schlummernden Funken der Vaterlandsliebe und des Volksbewußtseins zur hellen Flamme anfachten.

Die Lyra und die richterlichen Fasces bezeichnen das Grab von Eduard Hitzig, der in der Criminaljustiz und in der deutschen Literatur sich einen bedeutenden Namen erworben hat. Jenes Kreuz von Eisen haben Freunde dem Dichter Langbein gesetzt, dem lustigen Poeten, dessen Schwänke und lustige Erzählungen unsere Väter erheiterten. Sein Grab ist vom Epheu so dicht überwuchert, daß man kaum seinen Namen findet. Bald wird es seinen Werken ähnlich gehen.

Ein antiker Genius mit einer klagenden Muse schmückt das Grab des Philologen Buttmann, dessen griechische Grammatik der Jugend so viel Kopfzerbrechen verursacht hat. Hier ruht der treffliche Solger, der Uebersetzer des Sophokles und fein gebildete Aesthetiker; ferner der Director des Werder’schen Gymnasiums Bernhardi, der Schwager und Freund Tieck’s, mit dem er gemeinschaftlich die geistreichen, satirisch tollen „Bambocciaden“ herausgab. Grau und nüchtern, wie er selber einst im Leben war, ist der Leichenstein des bekannten Biester, der mit Gedicke zusammen die „Berlinische Monatsschrift“ unternahm und für prosaische „Aufklärung“ schwärmte.

Mit dem Zirkel in der Hand grüßt uns die Statue des Bildhauers Schadow, auf seinem Grabe so lebenswahr und treu wie sein Talent. Auf Schinkel’s Grabstein, von seinen Freunden und Verehrern dem berühmten Architekten errichtet, lesen wir die Inschrift: „Was vom Himmel stammt, was uns zum Himmel erhebet, ist für den Tod zu groß, ist für die Erde zu rein.“ – Seine schönsten Denkmäler, die er sich selbst gesetzt, sind seine Bauten, das herrliche Schauspielhaus, das großartige Museum, die Bauakademie und unzählige Privathäuser im reinsten Styl.

Dieser große Sandstein bedeckt die Asche des Geheimen Rath Beuth, des genialen Schöpfers unserer Gewerbinstitute, des unermüdlichen Förderers aller industriellen Unternehmungen in Preußen. Nebenbei war der alte Beuth eine der originellsten Erscheinungen in Berlin. Mit der Militairmütze auf dem grauen Kopfe und in seinem blauen Rocke konnte man ihn zur bestimmten Stunde unter den Linden sehen, es mochte stürmen und regnen. So hat ihn auch der Hofmaler Krüger auf seinem großen bekannten Huldigungsbilde abgemalt.

Unter einem offenen Tempel, mit seiner Statue geschmückt, liegt der reiche Fabrikant Borsig, der sich durch Fleiß und Tüchtigkeit ein großes Vermögen und einen Namen in der deutschen Industrie erworben hat. Er kam als ein armer Tischler nach Berlin und starb als einer der reichsten und geachtetsten Besitzer. Viele hundert Dampfmaschinen sind aus seinen Werkstätten hervorgegangen und durchfliegen Deutschland nach allen Enden.

Ebenfalls in der Nähe des Oranienburger Thores befindet sich der alte Kirchhof der französischen Gemeinde.

Der große Kurfürst und seine Nachfolger öffneten nach Aufhebung des Edicts von Nantes den Refugié’s aus Frankreich gastlich ihre Länder und tausend fleißige, geistig begabte Einwanderer fanden in Berlin und in der Mark eine neue Heimath. Diese Flüchtlinge brachten eine höhere Bildung, feinere Sitten und einen bereits weitfortgeschrittenen Sinn für Industrie und Kunst aus ihrem alten Vaterlande mit. Sie vergalten die ihnen erzeigten Wohlthaten durch Verbreitung nützlicher Kenntnisse und Anlegung von Fabriken. Die bedeutende Seidenweberei in der Mark ist einzig und allein ihr Werk, so wie der feinere gesellschaftliche Ton ihr Verdienst. Aus ihrer Mitte ist eine Reihe hervorragender und berühmter Männer hervorgegangen, welche keinen geringen Einfluß auf die Entwickelung des preußischen Staates ausübten. Noch heute bilden die Nachkommen dieser Refugié’s eine besondere Colonie mit ihrem eigenen Gottesdienst, Schulen und Kirchhöfen.

Auf diesem fällt uns zunächst das große Denkmal in die Augen, welches der König Friedrich Wilhelm der Vierte seinem Lehrer, dem Minister Jean Pierre Frederic Antillon setzen ließ. Auf der vorderen Seite des mächtigen Würfels erscheint das geistreiche Gesicht des Staatsmannes, der zugleich als Schriftsteller durch seine historischen und philosophischen Werke sich einen bedeutenden Namen gemacht hat.

Dicht daneben ruht ein berühmter Gestorbener, der in einem ganz andern Wirkungskreise und auf einem verschiedenen Schauplatze das Größte geleistet hat. Heute ein König, war er morgen ein Bettler, bald der arme Poet Kindlein mit dem weichen Gemüth, bald der furchtbare Franz Moor, der heimtückische Shylok. Sein Reich waren jene Breter, die die Welt bedeuten, seine Unterthanen die Herzen seiner Zuhörer, welche er durch seine Kunst unbeschränkt beherrschte, in allen Fibern beben und erzittern ließ; in einem Augenblick Lachen oder Weinen erregend, wann und wie er wollte. Der Leichenstein trägt die Inschrift: „Ludwig Devrient, geb. den 15. December 1784, gest. den 30. December 1832, von seinen Kunstgenossen.“ Die Masken der heiteren und ernsten Muse deuten auf seinen Stand. – Ludwig Devrient war zum Schauspieler geboren wie Rafael zum Maler, Shakespear zum Dichter. Er gehörte nicht zu den sogenannten denkenden Künstlern unserer Tage, welche den Mangel an Darstellungskraft und Beruf durch erkünsteltes Studium und ängstliche Kleinmalerei kümmerlich zu ersetzen suchen. Nach den Berichten seiner Zeitgenossen schuf der geniale Künstler aus dem Ganzen und [703] Vollen, begabt mit dem göttlichen Prometheusfunken und einer an das Dämonische grenzenden Darstellungskraft. Unzählige Anekdoten und Geschichten werden von ihm und dem eben so eigenthümlich begabten und mit ihm innig verbundenen Dichter E. T. A. Hoffmann erzählt. In der Weinhandlung bei Lutter, an der Ecke des Gensdarmenmarktes, verkehrten die beiden Freunde bis spät nach Mitternacht, beim schäumenden Champagner sitzend, umgeben von einem Kreise staunender Hörer und begeisterter Bewunderer. Während der Wein im Glase feine Perlen warf, ließen sie gleich ihm ihren Geist emporsteigen und entluden in gegenseitiger Berührung die elektrischen Funken ihres wunderbaren Wesens. Dort in einer Ecke der Weinstube, welche noch heut’ mit seinem wohlgelungenen Bilde geziert ist, saß der geniale Künstler mit dem scharf gezeichneten Gesicht, das in seiner dunklen Färbung und in seinem kühnen Schnitt den südlichen Franzosen nicht verkennen ließ. Mit den dunkel blitzenden Augen hing er an den nervös zuckenden Lippen Hoffmanns, der irgend ein keckes Capriccio seiner Erfindung oder einen scurrilen Einfall zum Besten gab. Dann ließ Devrient aus der tiefen Brust sein hohles Lachen erklingen, oder er warf eine kühne Bemerkung dazwischen, schneidend wie ein greller Blitz. Arm in Arm schritten die Freunde, wenn der Morgen bereits dämmerte, durch die einsamen Straßen, wo Hoffmann’s überreizte Phantasie jene Spukgestalten träumte, an welche er zuletzt mit offenen Augen glaubte, während Devrient über die fieberhafte Gluth klagte, die sein Leben so schnell verzehrte. Im Leben unzertrennlich hat der Tod sie erst geschieden, da Beide auf verschiedenen Kirchhöfen begraben sind.

Ebenfalls vor dem Oranienburger Thore, auf dem neuen katholischen Kirchhofe in der Liesenstraße ruht ein Kunstgenosse Devrients, Karl Seydelmann. Der rothe Grabstein zeigt die Inschrift: „Die Spuren dieses Lebens sind eingezeichnet in den Sand der Wüste und der Geist dessen, der sie zu ziehen gesendet war, ruft uns liebend und kräftig zu: tretet nach, achtet mein Erbe, indem ihr es nützt.“

Seydelmann’s Natur unterschied sich wesentlich von der seines großen Kunstgenossen. Wie dieser, auf sein Genie und auf die Inspiration des Moments gestützt, fast unbewußt schuf und die Zuhörer mit sich fortriß, so erzwang sich Seydelmann Achtung und Anerkennung durch tiefes Studium, sorgsame Aufführung und stets selbstbewußte Erfassung seiner Aufgabe. Er war ein durch und durch gebildeter Schauspieler, von einem seltenen Fleiße beseelt, und mit den gediegensten Kenntnissen ausgerüstet. Er suchte vorzugsweise den Umgang mit bedeutenden Gelehrten, nicht aus Eitelkeit, sondern um sein Wissen zu bereichern. Mit seiner Kunst nahm er es höchst gewissenhaft und ernst; seine Rollen behandelte er mit einem Studium und einem Fleiße, wie sie nur noch selten bei seinen Kunstgenossen angetroffen werden. Dadurch erhielten seine geschichtlichen Charaktere, wie Cromwell, Karl der Zwölfte von Schweden etc. einen Anspruch auf geschichtliche Wahrheit, da er zu diesem Zwecke ganze Bibliotheken durchwühlte. Seine Masken waren historische Portraits, bis in die kleinsten Züge wahr, treu und vollendet. Sein Geist besaß eine seltene Klarheit und kritische Schärfe, die sich öfters in satirischen Ausfällen gegen das gewöhnliche Komödiantenwesen Luft machte. Er liebte seine Kunst über Alles und ihr sichtbarer Verfall ging ihm zu Herzen. Seydelmann war, was man bei seinen Standesgenossen so selten findet, ein abgeschlossener Charakter im guten wie im schlechten Sinne. Von ihm gilt der Spruch des großen Dichters: Nehmt Alles in Allem, – er war ein Mann.

An dem entgegengesetzten Ende der Stadt vor dem Hallischen Thore liegen zunächst vier große Kirchhöfe, nur durch eine Mauer oder Zaun getrennt. Eine kurze Allee von bereits herbstlich gefärbten und entblätterten Bäumen führt zu dem Eingange. Ein einfaches Monument bezeichnet die Stätte, wo der berühmte Theolog Neander ruht, an seiner Seite die treue Schwester, die erst vor Kurzem dem Bruder gefolgt ist. Beide waren ein Bild der rührendsten Geschwisterliebe, und welcher Berliner erinnert sich nicht des treuen Paares, dem wir so häufig unter den Linden begegnet sind, dem kleinen Mann im braunen Rocke, der oft durch sein Denken zerstreut, sich von der Schwester leiten ließ. Unzählige Anekdoten von der Zerstreutheit und Herzensgüte des berühmten Professors sind hinlänglich bekannt, doch vor Allem verdient seine Toleranz hervorgehoben zu werden, mit der er, trotz seiner eigenen strengen Gläubigkeit, das beabsichtigte Verbot gegen „das Leben Jesu“ von Strauß abwendete, indem er sich energisch für die freie Forschung auch auf dem Gebiete der Theologie aussprach. –

In seiner Nähe hat auch der Reisende und Naturforscher Pallas Ruhe von seinen weiten Wanderungen durch alle Theile Europa’s und Asiens gefunden.

Auf dem nächsten, verschlossenen Kirchhofe liegt unter dem grauen, verwitterten Denksteine der Schauspieler Johann Ferdinand Fleck, den Tieck für den ersten darstellenden Künstler seiner Zeit erklärte. Die charakteristische Inschrift lautet:

J. F. Fleck, erwachte zum Leben zu Breslau den 10. Jan. 1759 und ging zu schlafen den langen Schlaf den 20. Dec. 1801 zu Berlin. Wahr, edel, groß auf der Bühne und im Leben biederherziger Freund, zärtlicher Gatte und Vater ging er, droben Großes zu schaun, was er hinieden ahnend empfand.

Der Leidenschaften Flamme, des Hochsinns Adel, der Tugend Göttergestalt prägte er mit des Genius Schwunge staunenden Hörern in’s Herz und das Laster bebte. Dem hartsinnigen Alten, dem bespotteten Sonderling, dem höchsten Schmeichlervolk hielt er den Spiegel vor und die Thoren errötheten.“

Dicht an der Mauer ruht sein Kunstgenosse, der nicht minder berühmte Iffland, der zugleich als dramatischer Schriftsteller seiner Zeit eine bedeutende Stellung einnahm und noch heute als ein Muster feiner Durchführung und psychologischer Malerei im bürgerlichen Schauspiel und Familienstücken gelten darf. Das Denkmal ist von den Mitgliedes des königlichen Theaters im Jahre 1846 renovirt worden.

Zwei große Aerzte ziehen die Aufmerksamkeit auf sich. Unter einem prachtvollen Monument in Form eines griechischen Tempels mit der Büste des Verstorbenen geschmückt, schläft von Gräfe, der berühmte Chirurg und Vater des berühmten Augenarztes, und in seiner Nähe der alte Heim. Der Letztere war wohl der beliebteste Arzt, den Berlin besessen hat, bekannt durch seinen außerordentlichen Scharfblick, durch sein unübertroffenes diagnostisches Talent, womit er die Krankheiten oft bei einem flüchtigen Anblick, zuweilen durch den bloßen Geruch erkannte; so wie durch die Originalität seiner ganzen Erscheinung und die Eigenthümlichkeit seines Geistes. Wie viele charakteristische Züge werden noch heute von seiner Herzensgüte, seinem Humor und seinem überraschenden Talent erzählt, bald wie er an dem Pulse eines Kindes gleich erkannt, daß die Amme desselben sich berauscht hatte, bald wie er zu Pferde durch die Straßen Berlins ritt, um seine Patienten zu besuchen; gekannt und gegrüßt von Jedermann, angehalten von Armen und Hülfsbedürftigen, die er mit gleicher Liebe und Aufmerksamkeit behandelte, wie seine reichsten Patienten, darunter selbst Fürsten und Mitglieder der königlichen Familie waren. Alle diese vereinzelten Züge hat sein Schwiegersohn in seinem trefflichen Lebensbilde „Ernst Ludwig Heim“ gesammelt. Das Buch verdient ein Volksbuch zu sein, so wie der alte Heim im eigentlichsten Sinne ein Mann des Volkes war.

Hier finden wir auch das Grab des liebenswürdigen Chamisso, des Dichters und Weltumseglers, der von Geburt Franzose, von Herzen und im Geist ein Deutscher war. In seinen Gedichten und besonders in dem reizenden Märchen „Peter Schlemihl“ spiegelt sich der Genius seines zweiten Vaterlandes wieder. Auch die bekannte Rahel, die Gattin Varnhagens, ruht auf demselben Kirchhofe. Sie war lange Zeit der geistige Mittelpunkt eines Kreises ausgezeichneter Männer und Frauen, der sich damals in Berlin zusammenfand. Jüdin von Geburt vereinte sie den scharfen Witz ihres Volkes mit echt weiblicher Feinheit und Milde; sie war die eigentliche Schöpferin einer höheren Geselligkeit und in ihrem Hause erschienen die verschiedensten Elemente zu einer seltenen Harmonie verschmolzen. Zu ihren Freunden zählte sie den genialen Prinzen Louis Ferdinand, den edlen von der Marwitz, den geistreichen Gentz, Brinkmann, Gualtieri, später den Fürsten Pückler, den damals noch unbekannten, jungen Heine, eine Gallerie bedeutender Persönlichkeiten, welche die Meisterhand Varnhagens gezeichnet hat. Ihr „Briefwechsel,“ von ihrem Gatten herausgegeben, ist, abgesehen von seinem tiefen Inhalt, ein höchst interessanter Beitrag zur Geschichte jener Zeit. Mit echt weiblicher Hingebung wandte sie sich wie die Sonnenblume dem großen Tagesgestirn Goethe zu. Der Cultus dieses Genius ging für Berlin zunächst von ihr und dem sie umgebenden Kreise aus.

[704] Auf dem letzten der vier Kirchhöfe vor dem Hallischen Thore steht ein einfaches Kreuz, unter dem Felix Mendelssohn-Bartholdy, der berühmte Tondichter, schlummert. Er starb zu früh für seine Kunst, doch seine tief ergreifenden Lieder leben in den Herzen und auf den Lippen der deutschen Sänger. Ihm zur Seite liegt die theure, hochbegabte Schwester Fanny Cäcilie Hensel. Auf ihrem Grabsteine stehen die Noten zu dem schönen Text: „Gedanken gehn und Lieder fort bis in’s Himmelreich.“ Sind doch die musikalisch so ausgezeichneten Geschwister wie Lieder und Gedanken des Himmels zur Erde gekommen, um nach kurzem Verweilen wieder zu der höheren Heimath aufzusteigen.

Unter dem einfachen Leichensteine dort ruht der dramatische Dichter Ernst Raupach, der mehr als hundert Trauer- und Lustspiele geschrieben hat. Lange Jahre beherrschte er fast ausschließlich das Repertoir der Berliner Hofbühne. Zahllose Gegner traten zwar gegen Raupach und die sogenannte Jambentragödie auf, aber keiner der neueren Dichter hat ihn an dramatischer Wirksamkeit, Bühnenkenntniß und Reichhaltigkeit erreicht oder gar ersetzt. Im Leben glich Raupach den Früchten, deren Kern in einer bitteren und rauhen Schale steckt; hatte man diese einmal durchbrochen, so fand man einen gediegenen Geist und ein ehrliches Herz. Er war ein fester, männlicher Charakter und besaß mehr Energie und Willenskraft, als man sonst bei deutschen Dichtern anzutreffen pflegt. Er sagte sowohl den Schauspielern wie den Directoren seine Meinung gerade heraus und mancher Theaterprinzessin entpreßte sein grimmiger Humor heiße Thränen; doch meinte er es nicht so bös, wenn er auch sehr grob und rechthaberisch werden konnte.

Noch weiter vor dem Hallischen Thore, zwischen dem Kreuzberge und der Hasenhaide, erhebt sich der Dreifaltigkeitskirchhof, der nächst dem der Dorotheen-Werderschen Gemeinde wohl die größte Zahl der berühmten Todten aufzuweisen hat. Wir wenden uns links, wo wir die Büste Schleiermacher’s erblicken. Der Grabstein trägt die Inschrift: „Gedenket an eure Lehrer, die euch das Wort Gottes gesaget, welcher Ende schauet an und folget ihrem Glauben nach.“ In Schleiermacher fand der Glaube einen beredten Vertheidiger, wie seine „Reden über die Religion“ bekunden. Er war einer der vorzüglichsten Prediger, doch blieb seine Wirkung nicht allein auf die Kanzel beschränkt. Wie Fichte suchte auch er die Liebe zu dem unter der Franzosenherrschaft geknechteten Vaterland durch Lehre und Beispiel zu erwecken. Sein Glaube blieb weit entfernt von finsterer Orthodoxie und lichtscheuem Pietismus. Griechische Klarheit und Heiterkeit erschien in ihm mit christlicher Milde und Tiefe des Gemüthes gepaart. Im gesellschaftlichen Leben überließ sich Schleiermacher seiner frischen Laune, und mancher sarkastische Scherz wechselte mit sokratischer Weisheit auf seinen beredten Lippen.

In seiner Nähe liegt ein ihm befreundeter Zeitgenosse, Henrik Steffens. Von Geburt war Steffens ein Norweger, aber er nahm sowohl an der politischen wie an der geistigen Erhebung Deutschlands den lebendigsten Antheil und hat sich im eigentlichen Sinne das Bürgerrecht bei uns erkämpft. Steffens war eine poetische Natur, und seine lebendige Phantasie trieb auch in der Wissenschaft eine Fülle von Blüthen, welche oft durch ihre Ueppigkeit zu keiner Frucht gedeihen konnten. Durch seine Romane und Novellen hat er sich eine ehrenvolle Stellung in der deutschen Literatur erworben. Im Umgange zeigte er eine seltene Liebenswürdigkeit und Kindlichkeit, wobei seine lebendige Unterhaltung durch die fremde Aussprache, die er bis zu seinem Lebensende beibehielt, einen eigenthümlichen Reiz erhielt. An seiner Seite schlummert die geistvolle Gattin, eine Tochter des bekannten Componisten Reichardt.

Dies neue Denkmal von rothem Marmor mit der frischen, goldenen Inschrift ist für Ludwig Tieck bestimmt. Der Dichter des Phantasus, das Haupt der Romantiker, war ein geborner Berliner. Seit Goethe’s Tod nahm Tieck den verwaisten Thron der deutschen Literatur ein, er ruhte auf seinen Lorbeern als Dichter und Vorleser aus. Seine Thätigkeit in letzter Zeit erstreckte sich auf die Wiederbelebung der „Antigone“ und des „Sommernachtstraumes“, wobei er als Kenner der griechischen und altenglischen Bühne zu Rathe gezogen wurde. Bis zum legten Augenblicke bewahrte der greise Tieck, dessen Körper schwer von der Gicht zu leiden hatte, die Frische seines Geistes und den Glanz seiner herrlich blauen Augen, die im ewigen Jugendfeuer zu leuchten schienen.

Eine bescheidene Gedenktafel erinnert an August Kopisch, dessen humoristisches Weinlied „Als Noah aus dem Kasten stieg“ in ganz Deutschland bis zu dieser Stunde gesungen wird. Dort ruht der geniale Kritiker und deutsche Sprachforscher Lachmann, dem Jakob Grimm in seinem akademischen Vortrage über den Verstorbenen das schönste Denkmal gesetzt hat.

Mitten unter diesen Notabeln der Wissenschaft liegt der ehemalige Cultusminister, Freiherr von Altenstein. Er hatte seine Aufgabe vollkommen erfaßt und Preußen zum Staate der Intelligenz erheben helfen. Mit seltener Liberalität schützte und förderte er die Wissenschaft durch alle ihm zu Gebote stehenden Mittel gegen die sie bedrängende politische und kirchliche Reaction.

Von den berühmten Todten der Kunst und Wissenschaft wenden wir uns zu den Helden, welche auf dem Kirchhof der Invaliden vor dem Louisenthore vom Geräusch der Waffen ausruhen. In der Mitte erhebt sich das von dem Bildhauer Friedrich Tieck, einem Bruder des Dichters, errichtete Kenotaphium des Generals Bernhard David Scharnhorst. Ein ruhender Löwe von Marmor mahnt an den Löwen, der unter dem Denkmal ruht. Scharnhorst faßte zuerst den Gedanken einer gänzlichen Reorganisation des preußischen Heerwesens, das er volksthümlich umzugestalten suchte. Die Schöpfung der Landwehr war sein Werk; wie mit einem Zauberschlage stand die Stütze des preußischen Staates gerüstet da. Scharnhorst erlebte noch die dem Genie nur selten gestattete Freude, den Segen und Erfolg seiner Ideen verwirklicht zu sehen. Leider wurde er in der Schlacht bei Groß-Görschen durch eine Kugel getroffen; er starb in Folge seiner Wunde in Prag, von wo seine Leiche nach Berlin gebracht, und auf dem Kirchhof der Invaliden beigesetzt wurde. Rings um sein Denkmal ruhen die tapferen Waffengefährten Hiller von Grätringen, Friedrich und Gustav von Rauch, Karl von Gagern, von Wolzogen u. s. w., die Helden des Befreiungskrieges.

Auch dem Garnisonkirchhof fehlt es nicht an großen Namen, darunter von Lützow, der Führer jener verwegenen Freischaar, der Theodor Körner angehört, und die der Dichter in seinem bekannten Gesange so schön gefeiert hat. Noch heute tönt das Lied von Lützow’s verwegener Jagd.

Dicht am Potsdamer Bahnhofe, wo jetzt das Pfeifen und Brausen der Locomotive grell ertönt, schläft der Componist der Oper „Fanchon“, der Schöpfer so vieler reizender Melodien, der lebenslustige Musikdirektor Himmel, während Lortzing, der ihm in vielen Stücken glich, nach einem Leben voll Mühe und Sorgen in der Nähe des Stettiner Bahnhofs Ruhe fand. Sein Grabstein singt von ihm:

„Deutsch war sein Lied und deutsch sein Leid,
Sein Leben voll von Kampf und Neid.
Das Leid flieht diesen Friedensort;
Sein Lied tönt freudig fort und fort.“

Auf dem Sophien-Kirchhofe an der nahe liegenden Kirche bezeichnet ein bemooster Stein das Grab des Odendichters Rammler, der Friedrich den Großen in antiken Versmaßen feierte und Lessing’s, seines Freundes, Gedichte feilte. Dort ruht auch die Karschin oder, wie sie von ihren Freunden genannt wurde: „Die deutsche Sappho.“

Auf dem alten jüdischen Kirchhofe finden wir das Grab des Philosophen Mendelssohn, der den Phädon geschrieben und mit Lessing an den deutschen Literaturbriefen arbeitete; die Denksteine von Markus Herz, der ein berühmter Arzt war, und von Meyer Hirsch, ausgezeichnet als Mathematiker und berühmt durch sein Rechenbuch.

Noch zwei Kirchhöfe wollen wir nicht unbesucht lassen. Auf dem einen ruhen die Gefallenen und Opfer der Befreiungskriege, auf dem andern die Leichen derer, welche am 18. März 1848 in den Straßen Berlins gekämpft. Beide Kirchhöfe sind verwildert, vernachlässigt; keine großen Namen werden mit prunkender Inschrift da genannt. Die unter ihren Hügeln schlafen, sind Männer gewesen, welche voll Begeisterung für eine Idee ihr Leben hingaben. Beide Kirchhöfe in der Hasenhaide und im Friedrichshain waren Zeugen einer großen nationalen Bewegung, und wenn sie auch kein Denkmal von Erz und Marmor ziert, sie leben in der Erinnerung, sie gehören der Geschichte an.
Max Ring.

[705]
Die Flederhunde oder „Vampyre.“

Da an vielen Orten Deutschlands, namentlich in Berlin, in neuerer Zeit die Gelegenheit geboten wurde, ein Pärchen, später nur noch das Männchen obiger Flederhundart lebend zu sehen, und gewiß viele meiner verehrten Leser und Leserinnen dieselbe nicht ungenützt vorübergehen ließen, so erlaube ich mir, hier etwas ausführlicher die Naturgeschichte dieser nur den heißen Erdstrichen angehörigen, daher bei uns zu Lande nicht lange am Leben zu erhaltenden Thiere zu besprechen und zugleich die irrthümlichen Mittheilungen über dieselben zu berichtigen, welche der Menageriebesitzer bei seinen Demonstrationen dem Publicum gemacht hat. Die Flatterthiere (Fledermäuse) zerfallen in:

1) insectenfressende oder Fledermäuse und
2) fruchtfressende oder Flederhunde,

welche beide Gruppen in ihren äußern Formen die auffallendsten Unterschiede darbieten. –

Die Flederhunde gleichen oder übertreffen noch an Größe ihres Rumpfes unsere gemeine Ratte. Schnauze, Nase, Ohren, überhaupt die Form des ganzen Kopfes erinnert so lebhaft an die Hundephysiognomie, daß man bei der Taufe der Thiere darauf Rücksicht genommen hat. Die Augen sind groß, die Ohren weit von einander abstehend, übrigens bei den verschiedenen Arten verschieden in Länge, Breite, Zuspitzung und Behaarung. Von den Backzähnen, meist an Zahl fünf in dem Ober-, sechs im Unterkiefer, ist der erste am kleinsten und bildet mit seinem Nachbar, der nach außen mit einem kegelförmigen Höcker besetzt ist, die sogenannten Lückenzähne. Die folgenden, eigentlichen Backzähne, dienen zum Kauen und sind, nach hinten allmählich kleiner werdend, stumpf dreihöckrig. Die vier Eckzähne sind drei- oder vierkantig, beide untere schlanker im Vergleich zu denen im Oberkiefer und ragen alle weit hervor. In jedem Kiefer stehen endlich zwischen den kräftigen Eckzähnen vier kleine, deren untere meist immer kleiner sind als die oberen. Die Zunge ist rauh, wie die der Katzen und deshalb hat man sie wohl ehemals für Blutsauger gehalten. Was nun die Bildung der Gliedmaßen anlangt, so stimmen diese Thiere im Allgemeinen mit den Fledermäusen überein, worin ja eben das Charakteristische der Flatterthiere besteht.

Die Gartenlaube (1857) b 705.jpg

Der Flederhund (Pteropus Edwardsi)

Die vorderen Gliedmaßen (hier Hände genannt) haben nämlich einen freien Daumen, während sich zwischen den übrigen, ungemein verlängerten Fingern längs der Körperseite bis zu den Hinterfüßen mit normaler Zehenbildung eine ungemein zarte und weiche, stellenweise behaarte Flughaut ausbreitet, die hier mehr auf dem Rücken, dort dagegen an den Körperseiten angewachsen ist. Außerdem sind die Flederhunde vor den Fledermäusen ausgezeichnet durch den langen, kräftigen Daumen und den mit einer Kralle versehenen Zeigefinger, indem dort nur der erstere eine Kralle hat; außerdem ist bei den Flederhunden die Flughaut zwischen den Hinterbeinen sehr tief ausgeschnitten, fehlt wohl auch gänzlich und schließt den hier an sich kürzern Schwanz nur an seiner Wurzel ein oder in dem Falle ganz, wo er stummelhaft ist. Um den Unterschied zwischen den insecten- und fruchtfressenden Flatterthieren recht deutlich hervortreten zu lassen, sei es vergönnt, in obiger Reihenfolge die Charaktere der ersteren noch kurz aufzuführen.

Die Fledermäuse erreichen in ihrer Körpergröße nie die einer Ratte, ihre Schnauze ist stumpf, zum Theil mit gespaltener Oberlippe, der Kopf daher mehr rund und dick, die Nase vieler mit verschieden geformten blattartigen Aufsätzen versehen, ihre Ohren verhältnißmäßig sehr groß, einander genähert, bisweilen an der Wurzel zusammengewachsen, mit häutiger, deckelartiger Klappe, die Augen verhältnißmäßig klein. Die Zahnbildung ist unter ihnen sehr verschieden und rücksichtlich der Vorder- und Eckzähne wenig abweichend von der bei den Fruchtfressern, in Rücksicht der Backzähne sind aber alle dadurch von diesen verschieden, daß ihre echten Backzähne aus zwei dreikantigen Prismen mit zackig erhöhten Spitzen bestehen.

Zwischen der Gattung Pteropus, welche den deutschen Namen Flederhund erhalten hat, und den Insectenfressern finden sich noch einige Uebergangsformen, auf welche die angegebenen Merkmale weniger passen, die aber zu den Fruchtfressern gehören. Sie alle leben nur im östlichen Afrika, Ostindien, den dazu gehörigen Inseln und ziehen sich hinüber bis Australien, während die Insectenfresser über die ganze Erde verbreitet, die blutsaugenden Vampyre unter ihnen aber nur auf Südamerika beschränkt sind.

Ehemals wurden die Flederhunde ihrer Größe wegen für gefährliche Thiere gehalten, die Vögel und kleine Säugethiere fräßen und den Reisenden die Speisen im Felde vom Feuer weg holten. Man gab ihnen den Schrecken erregenden Namen „Vampyr“ und die Alten scheinen sie im Sinn gehabt zu haben, wenn sie gewisse Strafgöttinnen mit dem Namen „Harpyien“ bezeichneten. Schon Herodot erwähnt große Fledermäuse, welche sich auf der in den arabischen Sümpfen wachsenden Pflanze Casia [706] aufhielten, sehr stark wären und fürchterlich schwirrten. Die Leute, welche mit dem Einsammeln genannter Pflanze beschäftigt wären, bedeckten zum Schutz gegen diese Thiere ihren ganzen Leib und das Gesicht bis auf die Augen mit Leder.

Nach dem in China gereisten Osbeck fliegen sie allabendlich von Sumatra nach Java über die Sundastraße und kehren des Morgens wieder dahin zurück. Bontius (in seiner Geschichte von Ostindien vom Jahre 1658) behauptet sogar, daß sie in Java in die Zimmer flögen und schlafenden Menschen das Blut aus den Füßen sögen, indeß mehr Schrecken als Schaden verursachten. In der allgemeinen Historie der Reisen wird erzählt: „Auf den Manillen sieht man unzählig viel große Fledermäuse dicht an einander an den Bäumen hängen. Sie fliegen bei Eintritt der Nacht in weit entlegene Wälder und bisweilen in solcher Menge, daß sie die Luft mit ihren sechs Palmen[1] langen Flügeln verdunkeln. Sie wissen sehr wohl im dichtesten Walde die Bäume mit reifen Früchten zu unterscheiden und fressen die ganze Nacht mit einem solchen Geräusch, daß man es sehr weit hört. Die Indianer, welche ihre besten Früchte von diesen Thieren geraubt sehen, verfolgen sie theils aus Aerger, theils um ihr Fleisch zu verzehren, das sie für so gut halten, als das vom Kaninchen.“

In einer Stelle aus A. Philipp’s Tagebuche in Hunter’s Reise nach Neu-Südwales wird großer Fledermäuse, die in ungeheueren Mengen in Neuholland leben, gedacht und von ihnen Folgendes mitgetheilt: „Sie hängen zu Tausenden an den Zweigen der Bäume; es gibt ihrer darunter, welche von einer Flügelspitze zur andern gegen vier Schuh messen. Sie werden in wenig Tagen so zahm, daß sie gekochten Reis und anderes Futter aus der Hand nehmen. Ein Weibchen hing den ganzen Tag an einem Beine und fraß in dieser Stellung alles aus der Hand, was man ihm anbot. Man schätzte die Zahl derer, welche man im Umfange einer englischen Meile gesehen hatte, auf mehr als 20,000. Als die Eingebornen das Gras anzündeten, fielen eine Menge wegen der heißen Luft von den Bäumen herunter und so viele in einen Bach, daß er mehrere Tage davon gefärbt war. Obschon sie sehr stark riechen, so werden sie doch wegen ihres fetten Fleisches für eine vortreffliche Speise gehalten.“

Die Gattung Pteropus zählt ungefähr dreißig bis jetzt bekannte Arten, die in ihrer Lebensweise mehr oder weniger mit einander übereinstimmen. Eine der gemeinsten lebt auf Isle de France und Bourbon und heißt dort die große Roussette. Herr de la Nux, welcher sich vor funfzig Jahren auf dieser letzten Insel aufgehalten hat, berichtet ausführlich über die Lebensweise dieser Thiere, welche anderen Nachrichten zufolge mit der der bekanntesten übrigen Flederhund-Arten übereinstimmt. Seine Notizen bestätigen zum Theil die obigen Mittheilungen und geben noch eine andere Erklärung der vielfach verbreiteten irrigen Ansicht von der Blutgier dieser an sich harmlosen Thiere; sie mögen als der wahre Thatbestand über das Leben der Flederhunde im Allgemeinen schließlich hier noch ihren Platz finden.

Das Geschrei der Roussetten hat nichts Unangenehmes oder gar Erschreckliches; es ist vielmehr nur ein starkes Zischen, womit sie sich gewissermaßen unterhalten, wenn sie ruhig auf einem großen Baume sitzen. Sie lassen es sich eben so wenig einfallen, einen Menschen anzugreifen, wohl aber beißen und kratzen sie mit dem Daumen, wenn sie in einem Netze stecken oder geschlagen werden. Bei einem Schuß fallen aus Schrecken oft mehrere nieder und weil sie weder auf der Erde gehen, noch unmittelbar von ihr auffliegen können, kriechen sie an allem, was sie antreffen, selbst an Menschen, in die Höhe, wodurch dieselben manchmal im Gesicht verwundet und in Schrecken gesetzt werden. Daher kommt wohl die Sage, daß es sehr grimmige Thiere seien, welche selbst den Menschen anfielen. Eigentlich leben sie nicht gesellig und es ist nur das Bedürfniß der Nahrung, welches oft eine große Gesellschaft auf den Bäumen sammelt. Sie kommen daselbst einzeln an, halten sich mit den Hinterfüßen fest, wie unsere Fledermäuse, auch wohl nur mit dem einen, und umgeben sich in der Ruhe mit ihrer Flughaut wie mit einem Mantel. In dieser Stellung bleiben sie auch beim Fressen, wenn sie ihre Nahrung durch Erheben ihres Kopfes und Vorderleibes erreichen können. Aufgescheucht durch ein ungewöhnliches Geräusch, wie einen Schuß, das Rollen des Donners, das Vorbeifliegen eines Raubvogels u. s. w., machen sie sich alle auf einmal davon. Sie fressen vorzüglich Pisange, Pfirsichen, Misteln und saftige Beeren in den Wäldern, lieben auch den Honigsaft der Blumen. Den Obstplantagen daher zum Theil sehr nachtheilig, werden sie von den Europäern weggeschossen, von den Negern als beliebtes Wildpret in Netzen gefangen. In der Gefangenschaft werden sie leicht zahm und fressen auch Brod. Die kleine Roussette oder Rougette, welche ebenfalls auf Bourbon lebt, läßt sich bei Tage nicht sehen, sondern sucht in hohlen Bäumen einen Schlupfwinkel. Der größte aller Flederhunde (Pteropus edulis), dessen Fleisch besonders schmackhaft sein soll und der auf den Inseln des indischen Archipels, besonders auf Java sehr zahlreich lebt, erreicht in seinen größten Exemplaren eine Körperlänge von 15 Zoll und eine Flugweite von 5 Fuß. Ihm sehr ähnlich ist die oben abgebildete, vor Kurzem lebendig bei uns gezeigte Art, Pteropus Edardsi, welche eine Körperlänge von nur 9 – 11 Zoll und eine Flugweite von etwas über 3 Fuß erreicht. Kopf, Kehle und Schultergegend sind schwärzlich kastanienbraun gefärbt, der Rücken braunschwarz, der Oberhals lebhaft gelblichroth, alle unteren Theile braunroth, die Flughäute braun und unterhalb längs der Arme in einem schmalen Streifen behaart, wie die Schenkelhaut auf ihrer Oberseite. Die alten Männchen haben einen Strahlenbüschel fettiger Haare an den Halsseiten. Die Zunge ist lang und sehr dehnbar, der weiche Gaumen hat 14 Querfalten. Die Wirbelsäule hat 13 rippentragende und 5 rippenlose Wirbel, die Kreuz- und Schwanzwirbel in ein Stück verwachsen, der Schwanz selbst äußerlich nicht sichtbar. Der Pteropus Edwardsi ist durch Ostindien, über Ceylon und Madagaskar verbreitet und zu weichlich, um längere Zeit bei uns leben zu können, daher das noch lebende Männchen aller Wahrscheinlichkeit nach bald seiner Ehehälfte nachfolgen wird.




Blätter und Blüthen.

Der Schmuggelhandel an den Grenzen Preußens und Rußlands. Der unglückselige Schmuggelhandel, schreibt man uns aus Litthauen, eine Folge der russischen Grenzsperre, bildet in den Annalen der Grenzbewohner eine Epoche, deren Ende wir nur herbeisehnen können, wobei wir den lebhaftesten Wunsch aussprechen, daß wir nicht in den Fall gerathen möchten, in Jahr und Tag abermals ein Dementi den officiellen Nachrichten gegenüber zu bringen, die da verkünden, Rußland wehre nicht mehr mit eiserner Strenge den freien Verkehr und gegenseitigen Austausch mit dem Nachbarlande Preußen. Leider blüht nach wie vor auf beiden Seiten der Schmuggelhandel mehr, denn je, und das nahe an der preußischen Grenze gelegene Samogitien beschränkt seinen ganzen Gewinn fast allein auf den Schmuggelhandel und ihm ähnlich betreiben es die Grenzbewohner Preußens, die, anstatt ihre Arbeitskräfte auf die Cultur in der Landwirthschaft zu verwenden und sich deren Verbesserungen anzueignen, lieber dem Paschwesen fröhnen, die Existenz ihrer Familien und ihr eigenes Leben auf’s Spiel setzen und immer mehr und mehr in moralische Verderbtheit sinken.

Denn ihr Leben schlagen sie in die Schanze, diese kühnen und verschlagenen Schleichhändler, wenn es, wie es sehr oft geschieht, zum blutigen Kampfe mit den Soldaten des Cordons kommt, den Rußland nicht verfehlt hat, als eine Mauer an seinen Marken aufzustellen und so mit dem Bajonnet in der Hand jede Verbindung wehrt. Wer hätte nicht gehört von diesen hartnäckigen Attaquen und deren für die Schmuggler meist ungünstigem Äusgange, die uns zeitweise die Zeitungen schildern und in welchen Berichten der allbekannte „russische eine Todte“ gewiß stets eine Rolle spielt. In diesen Gefechten büßen so manche Schleichhändler ihr Leben ein und glücklich können sie die Umstände preisen, wenn sie mit ihm allein davon kommen, denn der Waarentransport, den sie bei sich führen, ist wohl unwiderruflich verloren, sobald sie ihr Heil in der Flucht suchen. Gar leicht mag es der kolossalen russischen Uebermacht wohl werden, hier mit einer Hand voll preußischer Schmuggler fertig zu werden, die jedoch ihren Feinden ihr Leben stets theuer genug verkaufen. Es bleibt daher den schlauen Freibeutern, wenn sie nicht eben den Kürzeren ziehen wollen, sowohl in der Anordnung ihres Unternehmens als während des Gefechtes selbst, nichts übrig, als zu irgend einer wohlersonnenen List ihre Zuflucht zu nehmen, und zuweilen hilft ihnen wohl auch die Bestechlichkeit der russischen Grenzposten, daß sie ihre Waaren ohne alle Anfechtung in Sicherheit bringen können. Diese, auf ihren kläglichen Sold angewiesen, lassen sich, wenn sie auf ihren einsamen und der militairischen Controlle schwer zugänglichen Posten Wache stehen, durch die Ueberredungsgabe eines schlauen Hebräers, der dem Schmuggelzuge meistens zur Seite steht, wohl manchmal erweichen, zumal wenn er seiner [707] Beredsamkeit eine nachdrücklichere Mahnung durch einen Silberrubel verleiht. Ob diese Bestechlichkeit bei dem oft großartigen Umfange und Betriebe des Schmugglerwesens nicht noch weiter heraufreichen, ob sie nicht gerade in den untern Sphären oft an falscher Stelle angebracht sein und deshalb zu einem unglücklichen Ausgange des Unternehmenn beitragen mag, hierfür spricht eine von den laufenden Anekdoten, die über das russische Bestechungswesen im Beamtenthume existiren.

Im Winter des Jahres 1846–47, der noch bei uns in schrecklichem Andenken stehenden Hungerzeit, schickte die preußische Regierung einen Commissarius nach Rußland, um dort Korneinkäufe zu ermöglichen. In irgend einem kleinen russischen Neste, das an Polizei- und Sicherheitsbehörden keinerlei Mangel litt, sah dieser sich Geschäfte halber veranlaßt, einige Stunden zu verweilen und schickte zum Visiren seiner Pässe dieselben auf das dortige Polizeiamt. Die Zeit seiner Abfahrt war längst herangenaht, doch befand sich der preußische Rath noch immer nicht im Besitze seiner Legitimationpapiere, die ihm von Seiten des unteren Polizeipersonals unter allerlei vorgeschobenen Gründen vorenthalten wurden. Auch er bequemte sich, einige Rubel in die Hand der russischen Bureaubeamten gleiten zu lassen, doch wurde darum die Sache nicht besser und der Herr Regierungs-Commissarius fand sich genöthigt, wie es dem reisenden Privatmanne in Rußland so oft passirt, die Fortsetzung seiner Reise aus diesem Grunde aufzuschieben und die Nacht in dem russischen Marktflecken zuzubringen. Am folgenden Morgen wollte er seinen Forderungen ein nachdrücklicheres Gehör verschaffen, und in der Uniform eines preußischen Landwehr-Officiers stattete er, im gerechten Bewußtsein seiner offiziellen Würde, dem russischen Polizeimeister einen Besuch ab und begehrte in eindringlicher Weise seine Pässe. Der russische Polizeichef nahm die Erörterungen des preußischen Raths und Landwehr-Lieutenants höchst zuvorkommend entgegen; bedauerte, daß ohne sein Vorwissen diese Verzögerung herbeigeführt worden sei, und versprach, in kürzester Zeit die Papiere zu visiren. Beim Hinausbegleiten seines Besuches konnte er jedoch nicht umhin, diesem in gebrochenem Deutsch zuzuflüstern:

„Sie haben meinen Schreibern gestern für ihre Mühewaltung einige Rubel gegeben, hätten Sie mir dieselben zukommen lassen, würden Sie sofort Ihre Papiere erhalten und schon gestern haben abreisen können.“

Die stürmischen Herbst- und Winterabende, während der Regen oder Schnee die Fenster peitscht, sind ganz besonders für die Schmuggler zu ihren gefährlichen Unternehmungen geeignet. In Trupps von zehn bis zwanzig, ja auch dreißig Mann, je nachdem die Größe des Waarentransportes, sieht man sie auf heimlichen Schleichwegen die preußische Grenze überschreiten. Rußland hat, um dem Schmuggelhandel durch Terrainschwierigkeiten auch Hindernisse in den Weg zu legen, seine an der preußischen Grenze belegenen kolossalen Forsten soviel als möglich abholzen lassen, und so gewähren denn die mit Steinen bepflanzten Flächen, die unbebaut daliegen, einen tristen Anblick. Mit schwerem Gepäck den Rücken beladen, wenn sie es nicht im Laufe des Geschäfts dazu gebracht haben, aus seinem Erlöse sich ein kräftiges litthauisches Bauernpferd als Packträger für ihre Waaren anzuschaffen, ziehen die Pascher ihrem gefährlichen Vorhaben, ohne durch seinen etwaigen unglücklichen Ausgang sich abschrecken zu lassen, kalten Blutes entgegen. Jeder von ihnen trägt ein scharf geladenes, noch mit einem Feuerschloß versehenes Gewehr, wenn nicht eben der eine oder der andere bei einem der häufigen Kämpfe, die sie zu bestehen haben, sich ein russisches Militairgewehr erbeutet hat. Die Ladung ihrer Flinten besteht meist aus Stücken grob gehackten Blei’s und ich selbst habe früher manchmal die Tragweite und Zielfähigkeit einer solchen alten Muskete, die einem erfahrenen litthauischen Schleichhändler angehörte, der in unserem Dorfe wohnte, an den Saatkrähen auf unseren Feldern ausprobirt. Wie manchem russischen Grenzsoldaten mochte das Gewehr schon das Lebenslicht ausgelöscht haben, das ein steter Begleiter seines Besitzers auf dessen nächtlichen Streiszügen war. Johann B––, dies war der Name des litthauischen Schmuggelbauern, erzählte, so oft ich ihn auch zu Mittheilungen über seine Erlebnisse drängte, nicht gern von seinem Gewerbe und beschränkte sich meist nur auf Allgemeines, das, was meine Feder eben hier erzählt. So erfuhr ich denn von ihm, daß der Verdienst per Mann während einer Nacht zwei bis drei Silberrubel und darüber noch betrage. Erwägt man, daß die Schmuggler meistens mit ihren Waarentransporten sich erst an jüdische Unterhändler in Rußland wenden müssen, um sie feil zu schlagen, so bietet das Geschäft an und für sich immer einen höchst lucrativen Gewinn, lohnend genug jedoch noch immer nicht, wenn man bedenkt, mit welchen Gefahren und Verlusten es verknüpft ist.

Nach einem so enormen Verdienste sollte man annehmen, daß unter den Schmuggelbauern Litthauens eine gewisse Wohlhabenheit und Comfort in ihrem ganzen Leben und Einrichtungen herrschen dürfte. Dem ist aber nicht so. Die Mehrzahl der Schleichhändler wird aus einem Gesindel gebildet, das arbeitsscheu, träge und mit andern Lastern begabt, seinen Unterhalt eben nur in dieser Erwerbsquelle sucht und vom Verdienste eines Streifzuges sich und der Seimgen Dasein wohl eine bis zwei Wochen lang fristet. In ihren Wohnungen herrscht nur Armseligkeit und Schmutz; die Schnapsflasche ist der einzige sie an Leib und Seele entnervende Luxus, der sie umgibt. Meist sind die Pascher Besitzer kleiner Landschollen, sogenannte Eigenkäthner; oft aber auch blos Einwohner bei den mit Land angesessenen Bauern. Büßen die Schmuggler bei ihrem Gewerbe Leben oder Freiheit ein, dann bleiben die Familien unter den elendesten Umständen zurück und fallen wohl gar dem Ortsverbande zur Last.

Gegenstände ihres Schmuggelhandels sind: Cigarren, feiner Rum, Liqueure, Zucker u. s. w., dann aber auch kostbare Seidenzeuge, seltener Galanteriegegenstände, doch besitze ich als Andenken von dem oben erwähnten Schmuggelbauer ein ausgezeichnet dauerhaft und fein gearbeitetes Taschenmesser mit goldener Einfassung und Perlmutterschale. Eine oft glückende List, zu der die Schmuggler bei ihren Streifereien ihre Zuflucht nehmen, ist die, daß sie an einer Stelle, wo sie annehmen, daß ein Grenzposten Wache hält, den Uebergang scheinbar versuchen, diesen veranlassen, durch ein Nothsignal – einen Pfiff oder einen Schuß – Allarm zu schlagen und so die übrigen Wachen auf den simulirten Kampfplatz dadurch herbeilocken. Indessen unternimmt der Haupttrupp der Schmuggler mit den Waaren ungehindert, da er die Passage frei findet, seinen Uebergang und eilt dem nächsten Marktflecken oder einem Rendez-vous-Platze zu, wo schon der jüdische Unterhändler bereit steht, die Waaren in Empfang zu nehmen. Auf dem Allarmflecke werden inzwischen von den feindlichen Parteien gegenseitig einige vergebliche Schüsse gewechselt und die wenigen Schmuggler, die hier den Lärm verursacht haben, ziehen sich, ohne die Neckereien weiter fortzusetzen, bald auf preußischen Boden zurück. Der Rückweg des Haupttrupps geht in den meisten Fällen ungleich weniger gefährlich von Statten und böchst selten werden die Schleichhändler auf ihm von den Wachtposten belästigt.

Kommt es jedoch zu blutigem Handgemenge, dann kämpfen die Schmuggler mit einer Kühnheit und Ausdauer, die da bezeugt, daß vom Ausgange des Gefechtes ihr Leben und ihre Existenz abhängt. In tiefen Hohlwegen fallen da oft Scharmützel vor, die Zeugniß ablegen selbst von der militairischen Taktik, die den Schleichhändlern beiwohnt. Oft muß wohl die Hälfte und darüber noch der Schmuggler in’s Gras beißen und wer nicht sein Heil in der Flucht versuchen kann, geräth in russische Gefangenschaft, die wohl nicht viel besser sein mag, als der Tod, denn glimpflich geht Rußland gewiß nicht mit diesen eingefangenen Schmugglern um, die, einmal aus Preußen verschollen, von dessen Regierung auch nicht mehr reclamirt werden. Zum mindesten müssen sie die russische Soldatenjacke anziehen, wenn ihrer nicht vielleicht in den sibirischen Bergwerken ein noch härteres Loos wartet. Eins von diesem Allem war auch das Schicksal des mir bekannten Schmugglers J. B. Nachdem er einst in einer der November-Nächte wieder mit seinen Cameraden einen Streifzug unternommen, sah ich ihn vom folgenden Tage an nie wieder mehr. Ob er noch lebt, wo und unter welchen russisch-knutischen Verhältnissen, weiß ich nicht.

Wünschen wir daher den Reformen Alexanders einen gedeihlichen Fortgang und, wie die ganze denkende Welt, richten auch wir gegenwärtig unsere Blicke mit Spannung[WS 1] auf ihr Endresultat. Weg mit dem verhaßten Sperrsystem, das die viva vox in ganz Europa verdammt. Ein freier Handel mit dem Nachbarlande verleiht beiden Theilen wachsenden Nationalreichthum, befördert die Zufriedenheit der Unterthanen, führt eine Abnahme der Verbrechen und endlich auch das Ende des Schmuggelhandels herbei. –
Th. L.


Alte Dresdner Geschichten. Nr. 2. Die zwei Grenadiere. Der Mond schien hell, es war um die Mitternachtsstunde, als zwei Grenadiere Schildwacht hielten vor dem Palast des Grafen Rutowsky. Da nahete sich ihnen ein Mann in einem Mantel. Er fing mit den Soldaten ein Gespräch an und klagte, daß er, da es bereits so spät sei, in seinem Hause keinen Einlaß erhalte. Nach einer Weile brachte dieser Mann eine Flasche Branntwein hervor, und nöthigte die zwei Grenadiere, ihm darin Bescheid zu thun. Er brauchte nicht zum zweiten Mal zu bitten, die Flasche ging von Mund zu Mund, und die drei Männer in einsamer Nacht wurden gesprächig. Einer der Soldaten fragte, welches Geschäft der Fremde betreibe, und dieser antwortete, daß es die geheimnißvolle Kunst besitze, die Metalle zu verwandeln. „Eben in dieser Nacht,“ setzte der Gast hinzu, „habe ich einen merkwürdigen Stein gefunden, von einer Beschaffenheit, wie ich sie gerade zu meinen Experimenten nöthig habe; er liegt dort mitten in der Straße, ein paar Dutzend Schritte links von uns.“ Die Soldaten schauten hin und gewahrten nichts. „Es ist ein gewöhnlicher Pflasterstein,“ erwiderte der Fremde, „ihr seht’s ihm nicht an; doch wollt ihr mir helfen, ihn mit euren Bajonneten aus der Erde zu heben, so soll dieses Goldstück euch gehören.“ Damit brachte er einen Doppellouisd’or aus der Tasche. Die Grenadiere bedachten sich nicht lange, die Straße war einsam, das Werk konnte nicht lange dauern, das Geld war leicht verdient. Sie gingen die wenigen Schritte mit dem Fremden, und machten sich an das Geschäft, den bezeichneten Stein aufzulockern, und als dies geschehen war, nahm ihn der Fremde, und ließ dafür das Goldstück den Soldaten zurück. In seinen Mantel gehüllt, ging er mit dem Steine eilig fort. Die Grenadiere unterhielten sich während der Dauer ihrer Wachtzeit über die herrliche Kunst, die jener Fremde verstehe, und bezeigten einander ihre Verwunderung, wie ein gewöhnlicher Stein so großen Werth haben könne für den Wundermann.

Als sie abgelöst wurden und das Geld wechseln wollten, um es unter sich zu theilen, entstand die Frage, woher sie das Geld hatten. Leugnen half nicht, sie mußten gestehen, und die sonderbare Begebenheit wurde sofort von dem wachthabenden Officier weiter gemeldet. In jenen Zeiten, wo diese Geschichte spielt, nämlich unter August III., war es nichts Ungewöhnliches, daß seltsame Praktikanten aller Art im Lande umherzogen, und für ihre alchymistische Küche allerlei Utensilien einsammelten. Indessen ließ man nach dem Manne forschen; die Soldaten mußten genau angeben, wie er ausgesehen und ob er sich in seiner Sprache und seinen Manieren als ein Ausländer kund gethan. Das letztere glaubten jene als gewiß annehmen zu können. Man brachte jedoch nichts heraus. Die Geschichte gerieth in Vergessenheit.

Nach vielen Jahren wurde dieses Räthsel durch einen Zufall erklärt. Ein Diener des Grafen Rutowsky befand sich mit seinem Herrn in Wien und wurde von seinen Cameraden zu einem Abendschmause geladen. Als sich Alle versammelt halten, wurde von den Liebesabenteuern ihrer Herrn gesprochen, und Balthasar, ein besonders verschmitzter Bursche, nahm das Wort. Als ich noch bei dem französischen Gesandten in Dienst war, hub er an, geschah es, daß sich mein Herr in eine wunderschöne junge Wittwe verliebte, die aber einen sehr harten Oheim hatte, [708] der sie überall mit Spionen umgab. Man war bereits überein gekommen, daß man sich zu nächtlicher Stunde sehen wollte, und das Kammermädchen hielt ein Fenster bereit, wo allein das Einsteigen mit einer Leiter möglich war, nur mußte eine Schwierigkeit besiegt werden, und die bestand darin, daß das Fenster in geringer Entfernung von einem Palais sich befand, vor welchem zwei Posten Schildwache hielten. Diese mußten nothwendig Alles bemerken, was an dem gegenüberliegenden Hause geschah, und natürlichcherweise mußte durch sie das ganze Unternehmen vereitelt werden. Wie es nun also anfangen, dazu bei hellem Mondschein, die Soldaten unschädlich zu machen? Ich kam auf eine List. In meinen Mantel gehüllt, spielte ich die Rolle eines fremden Wunderdoktors und brachte die Burschen, die ich durch die Flasche kirre gemacht, dahin, daß sie mir einen Pflasterstein, der in gehöriger Entfernung und von dem bezeichneten Hause in entgegengesetzter Richtung in der Mitte der Straße lag, mit ihren Bajonneten ausgruben. Bei dieser Arbeit, die ich künstlich noch zu verlängern wußte, brachte ich jene Beiden in solche Stellung, daß sie dem Hause den Rücken kehrten und folglich nichts sahen, als dort die Leiter angelegt wurde, auf der mein Herr einstieg. Das Szückchen gelang vortrefflich. Es kam nichts heraus; bald darauf verließen wir auch die Stadt; mir hat der Spaß eine volle Börse eingebracht.“

„Und den armen Grenadieren zwölf Tage strengen Gewahrsam,“ setzte der Rutowsky’sche Diener hinzu. „Jetzt wissen wir, was uns in Dresden lange Zeit Unruhe gemacht, denn unser gnädiger Herr und so Viele mit ihm hatten seit der Zeit die größte Neigung, Pflastersteine zu betrachten und auszugraben. Und wie sorgfältig haben wir nach dem Alchymisten forschen lassen. Nun ist an Allem ein spitzbübisches hübsches Weib schuld.“ Das Abenteuer wurde belacht. –

Der Herr Hofrath Meusel zu Erlangen hat in seinen historischen Unterhaltungen diese Anekdote erzählt und versichert, es sei über diese Begebenheit ein Protokoll aufgenommen worden.



Goethe’s „Erlkönig.“ Auf einer meiner größeren Excursionen traf ich jüngst, von dem reizenden Dornburg kommend, nicht fern dem Dorfe Kunitz einen Greis, der, wie ich, nach Jena wollte. Als wir zusammen auf der Straße dahin schritten, lenkte ich das Gespräch auf die großen Geister, welche vor länger als einem Jahrhunderte an der Universität gelehrt und gewirkt hatten. Zu meiner Verwunderung gedachte der Alte mit Begeisterung jener Zeit; eine ganz besondere Pietät bezeigte er aber gegen den edlen Schiller. In Erinnerungen an jene Tage versunken, gelangten wir an den Gasthof „zur Tanne,“ und als die Blicke meines Begleiters auf denselben fielen, deutete er auf das eine Eckzimmer und sagte:

„Sehen Sie, dort in jener Stube hat Goethe seinen „Erlkönig“ gedichtet.“

Auf mein Befragen, ob ihm etwas Näheres darüber bekannt sei, antwortete mir der Greis, im Jahre 1781 habe sein Vater in der „Tanne“ gedient und ihm später oft das Fenster gezeigt, an dem Goethe gesessen.

„Es war im April des eben genannten Jahres“ berichtete mein Begleiter, „als ein wohlhabender Landwirth, dessen einziges Kind von einer bösartigen Krankheit ergriffen worden war, so daß keiner der herbeigerufenen Aerzte ihm helfen konnte, dasselbe, auf das Sorgfältigste eingehüllt, mit sich auf sein Pferd nahm und nach Jena ritt, um dort einen durch seine Curen berühmten Professor der Medicin um Rath zu fragen. Wirklich kam er glücklich in der Universitätsstadt an; aber auch der dortige Arzt erklärte es für ein Ding der Unmöglichkeit, den Knaben zu retten. Trostlos bestieg der Vater mit dem Kinde wieder sein Reitpferd und eilte, an der „Tanne“ vorbeijagend, seinem heimathlichen Dorfe zu; indeß ehe er dasselbe erreichte, war der Liebling in seinen Armen verschieden. – Einige Tage nach dieser Begebenheit kam Goethe nach Saal-Athen, wo ihm der traurige Ritt des Bauern erzählt wurde. Die Mittheilung ergriff ihn so gewaltig und der Stoff, der ihm durch Herder’s Uebersetzung des dänischen Volksliedes: „Erlkönigs Tochter“ vielleicht schon länger vorgeschwebt haben mochte, begeisterte ihn dermaßen, daß er sich sofort in die einsam gelegene „Tanne“ zurückzog und die herrliche Ballade dichtete. Ein Beweis mehr dafür, daß Goethe’s Poesien nicht, wie man sagt, gemacht, sondern immer das Ergebniß seiner Erlebnisse und Stimmungen waren.“

R. G.


Das Album für Deutschlands Töchter, unsern Lesern bereits früher empfohlen, ist jetzt in dritter Auflage erschienen. Der Herausgeber hat sich sichtbar bestrebt, nur solche Dichtungen aufzunehmen, welche das Gemüth und Seelenleben der Frauenwelt bewegen, und wie es scheint, hat er - das beweisen die wiederholten Auflagen – seine Aufgabe mit vielem Glück gelöst. Die meisten dieser Gedichte sind mit Illustrationen von Goetze, Georgy und Kretschmer geziert, wie denn überhaupt dieses Album, was Druck, Papier und Einband anlangt, mit einer Pracht ausgestattet ist, wie wenige Bücher des diesjährigen Weihnachtsmarktes. Es wird deshalb auch dieses Jahr als eins der brillantesten Buchgeschenke auf vielen Weihnachtstischen deutscher Frauen und Jungfrauen prangen.



Verlag von Ernst Keil in Leipzig – Druck von Alexander Wiede in Leipzig.

  1. Ein Längenmaß von etwa einer Spanne.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: Spannnung