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Die „Gehturniere“ und der „Autoren-Carneval“ in San Francisco

Textdaten
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Autor: Theodor Kirchhoff
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Titel: Die „Gehturniere“ und der „Autoren-Carneval“ in San Francisco
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 37–38, S. 606–607, 619–620
Herausgeber: Ernst Ziel
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1880
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[606]
Die „Gehturniere“ und der „Autoren-Carneval“ in San Francisco.
Von Theodor Kirchhoff.
I.


San Francisco ist eine Großstadt, in der sich die Bewohner fast unaufhörlich in einer intensiven, aber verhältnißmäßig harmlosen Aufregung befinden, welche für einen echten San Franciscaner gleichsam zur Lebensexistenz gehört. Heute ist es eine wilde Minenspeculation, welche alle Gemüther erhitzt und Jedermann zum Millionäraspiranten macht; morgen predigt der hirnverbrannte Agitator Bearny vor vielen Tausenden Mord und Verwüstung gegen alles Bestehende in fulminanten Reden, welche ihn in jedem andern Lande der Welt hinter Schloß und Riegel setzen würden, während man hier die Gluth durch ihre eigene Hitze sich austoben läßt; bald sind es die unliebsamen Chinesen, gegen welche man in gewaltigen Volksversammlungen Rache schnaubt, die aber nie zur Ausführung kommt; bald setzt eine Wahlcampagne Alles außer Rand und Band; oder ein öffentliches Vergnügen, ein patriotisches Fest, wie z. B. der Empfang des von seiner Weltumseglungsreise heimkehrenden Grant, reißt die ganze Bevölkerung mit sich fort, wie in einem Taumel.

Jedermann betheiligt sich an diesen Aufregungen (Excitements). Die spießbürgerliche Ruhe einer deutschen Stadt würde einen San Franciscaner vor Langerweile tödten. Es scheint etwas in der Luft dieser Metropole zu liegen, was das Blut hier so schnell pulsiren läßt; denn die Neu-Ankömmlinge sind bei der geringsten Veranlassung bald in dieselbe fieberhafte Aufregung versetzt, wie die alten Bewohner der Goldstadt. Dabei nehmen die sogenannten höheren Classen der Gesellschaft in San Francisco durchaus nicht eine so reservirte Stellung ein, wie ihres Gleichen in anderen Ländern und Städten. Bei einem öffentlichen Vergnügen irgendwelcher Art drängt sich Alles zusammen, ohne Unterschied von Reichthum, Bildung oder Stand. Selbst die elegante Damenwelt wird bei einem echten „Excitement“ demokratisch und vergißt die bevorzugte Stellung, welche das schöne Geschlecht sonst überall in Amerika vor den Männern zu wahren versteht.

Wer während des letzten Jahres San Francisco besucht hat, der wird ohne Zweifel sehr oft über die aufgeregte Unterhaltung gestutzt haben, welche er dort tagaus tagein aller Orten mit anhören mußte. Monatelang bildeten die sogenannten „walking matches“, Gehturniere, hier das Stadtgespräch. Die Zeitungen jeder Farbe und Tendenz ergingen sich täglich in langen Leitartikeln über die Vorzüglichkeit dieses oder jenes Laufhelden mit einem Ernste, als ob es gälte, die Verdienste eines berühmten Staatsmannes oder eines großen Feldherrn zu preisen.

Zuerst marschirten die leichtfüßige Französin Madame La Chapelle und ihre amerikanische Rivalin Fanny Edwards wochen- und wochenlang um die Wette, unter einem stets wachsenden Volksenthusiasmus; dann betritt eine ganze Reihe von Männern die Gehbahn; dann wieder waren es ein Halbdutzend ruhmsüchtiger Frauen und Jungfrauen, welche einen Wettmarsch anstellten; in abwechselnder Reihe folgten Männer und Frauen demselben Beispiel, und zuletzt war es ein Kampf von Ausdauer und Schnelligkeit zwischen Männern und – Pferden.

Die beiden vorhin genannten Wettläuferinnen marschirten länger als einen Monat jede Viertelstunde eine viertel englische Meile in der Plattshalle um den Siegespreis der Ausdauer. Die halbe Stadt hatte für die Französin, die andere Hälfte für die Amerikanerin Partei genommen, und aufgeregte Menschenmassen strömten Tag und Nacht nach der Arena, um die beiden Heldinnen dort anzustaunen und das Ergebniß des wichtigen Streites mit eigenen Augen zu verfolgen.

Auf ein alle Viertelstunden erschallendes Glockensignal trat die – wie im Programm gedruckt stand – nur hundertneunzehn Pfund wiegende, kokett gekleidete Französin behende aus ihrem Zimmerchen hervor, durchmaß im Geschwindschritt eine viertel englische Meile und verschwand unter dem Applaus der versammelten Menge wieder hinter dem blau-weiß-rothen Vorhang ihrer Privatwohnung. Ihre kräftiger gebaute Nebenbuhlerin Fanny nahm das Marschiren weit phlegmatischer. Mit einer Reitgerte in der Hand spazierte sie, ohne sich zu echauffiren, ihre viertel Meile um die Arena.

In den für die beiden Damen wohnlich eingerichteten Privatzimmern wurde ihr körperliches Wohlbefinden nach jedem Marsche von den „Trainers“ regelrecht untersucht; die Dauerläuferinnen streckten sich gemüthlich auf ihr Kanapee und erhaschten ein kurzes Schläfchen, oder sie erquickten sich mit Speise und Trank, bis die Glocke sie wieder in die Gehbahn rief. Die Vorhänge der beiden Zimmer waren meistens zurückgeschlagen, sodaß das Publicum zusehen konnte, wie die „Trainers“ das Schuhwerk der beiden Damen sorglich prüften, ihre Füße und Knöchel mit stärkenden Essenzen einrieben, die Schlummernden mit Wolldecken einhüllten etc. Auf jeder Seite des Saales prangte eine herrliche Blumenflora von vielen Hunderten prächtiger Sträußer, welche die Anhänger der beiden Damen denselben als Tribut spendeten. Die Wettläuferinnen musterten diese Blumenschätze mit neidischen Blicken, falls die Gegnerin ungebührlich vom Publicum bevorzugt wurde. Wenn die Nacht weit vorgeschritten war, pflegten die Fußgängerinnen, von einem Begleiter am Arm festgehalten, während des Marsches oft fest zu schlafen, was einen seltsamen Anblick gewährte. Der ursprünglich auf dreitausend viertel englische Meilen in ebenso vielen Viertelstunden festgestellte Wettgang wurde von den beiden Gegnerinnen noch um einige hundert viertel englische Meilen ausgedehnt und zuletzt als unentschieden beschlossen. Dies Gehturnier war der Beginn von den nun monatelang folgenden großen „walking matches“.

Der Schauplatz der Dauermärsche wurde nach dem „Mechanick's Pavillon“ verlegt, einem riesigen Holzgebäude von fünfhundert Fuß Länge und zweihundert Fuß Breite. Der Unternehmer der Gehturniere setzte für Denjenigen, welcher innerhalb sechs Tagen und Nächten die größte Meilenzahl zurückzulegen vermöchte, einen Preis von tausend Dollar aus und für die nächstbesten Marschirer respective fünfhundert und zweihundertfünfzig Dollar, wozu noch ein Theil von der Einnahme kam. Ein mit Diamanten besetzter californischer Siegesgürtel wurde außerdem von einigen Enthusiasten als Belohnung für den ruhmreicher Gewinner angeschafft. Jedem der Fußgänger stand frei, zu gehen oder zu laufen, wie er Lust hatte, und er durfte zwischendrein schlafen, so oft und so lange er wollte.

Etwa ein Dutzend wie Circusleute gekleidete Männer betraten die Arena unter dem Jubel der dort versammelten Menge, und fort ging die lange Pilgerfahrt, stets im Oblong herum auf der mit Sägemehl bestreuten Bahn. Eine lange Reihe von Zelten stand an der einen Seite des gewaltigen Raumes, die Wohnungen der verschiedenen Fußgänger. Jedes Zelt war mit einer Nummer und dem Namen seines Eigenthümers zur Orientirung für das Publicum bezeichnet. Dorthin konnte der Wettrenner sich nach Belieben zurückziehen und den leiblichen Adam durch Schlaf, Essen und Trinken, Abreiben der Beine und Füße etc. stärken, wenn die Muskeln und Sehnen ihm den Dienst versagten, oder der erschöpfte Körper den Schlaf peremptorisch forderte.

Auf einer hohen Tribüne saßen die Richter und Unparteiischen, welche die zurückgelegte Meilenzahl genau controllirten; an einer großen schwarzen Tafel wurden die Meilen jede Stunde zur Kenntnißnahme für das Publicum verzeichnet. Innerhalb der langgestreckten Arena wogten die nach Tausenden zählenden Zuschauer auf und ab, wie eine lebendige See; auf den amphitheatralisch aufgestellten Bänken saßen Männer, Frauen und Kinder in buntem Gemisch, und Kopf an Kopf drängte sich die Menge an das die Gehbahn abschließende leichte Holzgitter. [607] Abends war in dem von elektrischem Lichte taghell erleuchteten riesigen Raume ein ausnehmend interessantes Leben und Treiben. Es war Mode geworden, jeden Abend nach dem „Pavillon“ zu gehen, wo man mit seinen Bekannten sicher zusammentraf. Selbst Solche, die anfangs am meisten gegen das barbarische Schauspiel geeifert hatten, konnten dem Reize, dasselbe mit anzuschauen, nicht widerstehen, wenn sie in einer schwachen Stunde erst einmal dort gewesen waren.

Die mit einer großen weißen Nummer auf der Brust und in ein phantastisches Costüm gekleideten Fußgänger stellten mitunter bei rauschender Musik ein förmliches Wettrennen unter einander an. Wenn sich einer der bevorzugten Lieblinge des Publicums durch Schnelligkeit besonders hervorthat, so wurde er mit lautem Jubel beim Vorbeigehen begrüßt, und die ganze Menschenmenge wogte wie eine Sturmwelle von einer Seite des großen Gebäudes nach der andern hinüber, um den Rivalen des Riesen mit den Siebenmeilenstiefeln in nächster Nähe anstaunen zu können. Alle Gesellschaftsstände waren unter den Zuschauern vertreten. Der reiche Kaufherr und sein Clerc, der Bonanzakönig und der einfache Miner, die haute volée der Stadt und die Arbeiter und Handwerker, Damen in Seidenroben und Biberpelzen und irische Köchinnen in grellfarbenen Kattunkleidern, Hoodlums (der Straßenpöbel) und ehrbare Bürger – Alles war hier auf gleichem Niveau unter einander gemengt.

Diese Gehturniere zeigten, welchen erstaunlichen Strapazen der menschliche Körper zu widerstehen vermag. Es befanden sich Mehrere unter den Fußgängern, welche fünfundsiebenzig bis hundert englische (nahezu zwanzig deutsche) Meilen innerhalb vierundzwanzig Stunden zurücklegten. Aber welche Jammergestalten waren sie, als das Turnier sich seinem Ende näherte! Hohläugig, mit wankenden Schritten durchmaßen die meisten Wettläufer die Bahn, und selbst die Sieger sahen aus wie wandelnde Sterbende. Die größte Meilenzahl, welche zurückgelegt wurde, belief sich auf fünfhundert englische Meilen in sechsmal vierundzwanzig Stunden, allerdings fünfzig englische Meilen weniger, als der berühmte Fußgänger Weston in London in derselben Zeit machte, aber immerhin eine recht anerkennenswerthe Leistung.

Das Gehturnier der Damen versetzte die Stadt in eine wo möglich noch größere Aufregung, als der Wettlauf der Männer es gethan hatte. Madame La Chapelle schwor, ihre Todfeindin Fanny Edwards diesmal zu besiegen, oder sich nie mehr unter Menschen zu zeigen. Und es gelang ihr sozusagen mit fliegenden Fahnen. Nie in meinem Leben habe ich ein weibliches Wesen so schnell auf den Füßen gesehen, wie Madame La Chapelle. Wenn es ihr darauf ankam, ihre Schnelligkeit zu produciren, flog sie fast um die Arena herum, nicht laufend, sondern in einem langgestreckten Sturmschritt. Ihre Jockeykappe schien alsdann über den Köpfen der dichtversammelten Menge wie ein bunter Vogel durch die Luft zu streichen. Am letzten Abende war sie scheinbar so frisch und munter wie am ersten Tage. Fanny hielt sich ziemlich rüstig aufrecht, aber einige andere Damen kamen dahergewandelt, als hätten sie soeben die Bastonnade empfangen. Das schmerzliche Lächeln, mit dem sie die ermunternden Zurufe des Publicums entgegennahmen, hätte Mitleid erregen müssen, wenn man nicht überzeugt gewesen wäre, daß sie in Folge einer eitlen Ruhmgier sich ihre Pein freiwillig auferlegten.

Die Zeitungen besprachen täglich die Fortschritte und Ergebnisse der verschiedenen Gehturniere in langen Leitartikeln; die Theater und Concerte waren verödet, und es schien, als ob San Francisco für nichts mehr Sinn hätte, als für diese sinnlosen Wettmärsche. Vor den in den Hauptstraßen angebrachten riesigen Tafeln, auf welchen stündlich die zurückgelegte Meilenzahl der einzelnen Laufhelden mit Kreide verzeichnet wurde, befand sich stets eine dichte Menschenmenge, und die ganze Stadt stand, wie der Amerikaner poetisch zu sagen pflegt, „auf den Fußspitzen der Erwartung“, um zu erfahren, wer Sieger oder Siegerin in diesen neuesten „olympischen Spielen“ sein würde. An den Schlußabenden der verschiedenen Gehturniere befanden sich oft acht- bis zehntausend Menschen im „Mechanick's Pavillon“, welche den Obolus von einem halben Dollar für die Person als Eintrittsgeld mit Vergnügen auf den Altar des „Fortschritts“ legten.

Nachdem sich noch einige Apache-Indianer als Wettläufer producirt hatten, fand zum Schluß ein sechstägiger Dauerlauf zwischen Männern und Pferden statt. Es war noch nie entschieden worden, wer mehr auszuhalten vermöchte, ein Mann oder ein Pferd, obgleich sich die öffentliche Meinung mehr auf die Seite der Männer hinneigte. In dieser wichtigen Streitfrage konnte nur der Versuch entscheiden.

Sechs Pferde betraten die Arena, und sieben wackere Männer nahmen die Herausforderung der Vierfüßler trotzig an. Da jedes Roß noch einen Reiter tragen mußte, der jedoch auch abwechselnd mit einer langen Leine in der Hand nebenher laufen durfte, so waren die Fußgänger eigentlich bedeutend im Vortheil, was die Rosse jedoch mit Gleichmuth hinzunehmen schienen. Unter letzteren befand sich der aus einer hocharistokratischen Pferdefamilie stammende Traber „Controller“, dessen Vettern und Tanten bereits Derbyrennen gewonnen haben und der selbst einmal zwanzig englische Meilen in achtundfünfzig Minuten und siebenundfünfzig Secunden trabend zurückgelegt hat, eine Leistung, die auf dem weiten Erdball noch nie übertroffen worden ist.

Die Pferde errangen einen glänzenden Sieg über ihre zweibeinigen Rivalen. Aber es war nicht der vor ein leichtes Cabriolet geschirrte aristokratische „Controller“, welcher den Sieg davontrug, auch nicht seine Collegen „Hoodlum“ und „Denver Jim“, die als Rennpferde in Californien einen respectablen Ruf genießen, sondern ein ganz gewöhnlicher Leihstallschimmel mit Namen „Pinafore“[1], der sogar eine sehr unelegante Gangart hatte. 559 englische Meilen legte der Gaul „Pinafore“ in sechsmal vierundzwanzig Stunden zurück, ohne sich besonders dabei zu echauffiren. „Pinafore“ ist nicht mehr ein obscurer Schimmel, sondern wird mit einem geschichtlichen Namen wie „Bucephalos“ auf die Nachwelt kommen. Er hat den berühmten Engländer Weston um volle neun englische Meilen geschlagen und damit die welterschütternde Frage, ob Menschen oder Pferde am meisten auszuhalten vermögen, endgültig entschieden.

Der aufmerksame Leser, welcher die Beschreibung dieser Wettläufe zwischen Männern, Frauen und Pferden verfolgt hat, wird dadurch gewiß eine sehr geringe Meinung von dem Culturzustande der berühmten Goldstadt erlangt haben. Als Entschuldigung für die Laufmanie kann nur der Umstand dienen, daß dieselbe wieder einmal ein „Excitement“ war, welches alle Schichten der Bevölkerung in seinen Strudel hineinriß.

Während jedoch die Turniere in der Gehbahn scheinbar alles Interesse absorbirten, wurden bereits umfassende Vorbereitungen für ein anderes, großartigeres öffentliches Fest getroffen, welches der Welt den Beweis liefern sollte, daß die Bevölkerung von San Francisco durchaus nicht so verwahrlost sei, wie Mancher vorauszusetzen wohl geneigt war, daß es vielmehr nur nöthig sei, den richtigen Impuls für ein feineres Vergnügen zu geben, um die Bewohner der Handelsmetropole des Goldlandes für ein solches zu enthusiasmiren. Ich meine den während der letzten Woche des October vorigen Jahres ebenfalls im „Mechanick's Pavaion“ abgehaltenen „Autoren-Carneval“, eine originelle Schaustellung, die mit einem Glanz und Erfolg in's Werk gesetzt wurde, welche ihres Gleichen suchen. Von dem „Autoren-Carneval“ im zweiten und letzten Abschnitt dieses Artikels!

[619] Im Jahre 1863 fand der erste „Autoren-Carneval“, das heißt eine Darstellung durch lebende Bilder und Declamationen aus den Werken berühmter Schriftsteller verschiedener Nationen, in Boston statt, welche Stadt auf den Namen eines westlichen Athens mit Recht Anspruch machen kann und von jeher eine Pflanzstätte der feineren Cultur in Amerika gewesen ist. Später wurden ähnliche Aufführungen in Philadelphia, St. Louis, Buffalo und zuletzt in Chicago mit großem Erfolge abgehalten, und endlich kam ein speculativer Kopf auf den Gedanken, daß San Francisco der rechte Platz sei, um einen „Autoren-Carneval“ im großartigen Stile zu veranstalten. Die kosmopolitische Bevölkerung dieser Stadt bildet ein trefflich zu verwerthendes Material, falls das Unternehmen hier von den richtigen Kräften in's Werk gesetzt werden könnte.

Es gelang, sechs wohlthätige Gesellschaften in dieser Stadt für das Unternehmen zu interessiren. Ein Comité, bestehend aus hervorragenden Männern und Frauen und unter der Oberleitung eines in solchen Dingen geschulten Theaterintendanten, nahm die Sache praktisch in die Hand; nicht weniger als zwölfhundert Männer, Jünglinge, Frauen und Jungfrauen aus den tonangebenden Kreisen der Stadt erboten sich, als thätige Theilnehmer Rollen zu übernehmen, alle Kosten für die Costüme selbst zu tragen und für den Erfolg nach besten Kräften zu wirken. Wenn ich sage, daß hunderttausend Dollar für Costüme von Privatleuten ausgegeben wurden, so wird der Leser zugeben müssen, daß der Enthusiasmus unter den activen Theilnehmern des Carnevals fast ein beispielloser gewesen ist.

Die Werke von sechszehn Dichtern verschiedener Nationen sollten durch lebende Bilder illustrirt und einzelne Scenen daraus dramatisch aufgeführt werden. Hervorragende Schauspieler übernahmen es, die Rollen einstudiren zu lassen und die lebenden Bilder künstlerisch zu gestalten, und es wurde weder Geld noch Mühe gespart, um dem Unternehmen einen durchschlagenden Erfolg zu sichern. Die Franzosen, Italiener, Spanier, Engländer, Amerikaner und Deutschen stürzten sich mit einem wahren Enthusiasmus in das neue Unternehmen, um Scenen aus den Lieblingsdichtern ihrer Nationen zur möglichst vollkommenen Geltung zu bringen. Zahlreiche Proben wurden abgehalten, prachtvolle Costüme angefertigt und umfassende Vorbereitungen für das schnelle Aufschlagen der Bühnen und der Bazare getroffen, da der „Autoren-Carneval“ schon zwei Tage nach dem Schlusse des Laufturniers beginnen sollte.

Als der siegreiche Schimmel „Pinafore“, von jubelnden Volkscohorten begleitet, erst kaum den Pavillion verlassen hatte und sich die zu Tode ermüdeten Fußgänger wie die Nachzügler eines geschlagenen Heeres mühselig daraus entfernten, rückten hundertfünfzig Arbeiter in das Riesengebäude ein, um dasselbe in zweimal vierundzwanzig Stunden aus einem Pferdestalle und einer Arena niedriger Schaustellungen in einen farbenbunten, glänzenden Musentempel umzugestalten. Eine radicalere Umwandlung in so kurzer Zeit, wie sie hier stattfand, läßt sich kaum denken, aber in San Francisco, wo das gewaltige „Palace-Hôtel“ in einem Jahre erbaut wurde, ist das Wort: „langsam“ überhaupt aus dem Wörterbuche verschwunden.

Schon die mächtige, oben von einer breite Gallerie umkränzte Halle, mit dem Gewimmel der zu vielen Tausenden sich darin drängende Menge, dem Lichterglanz, Fahnen- und Blumenschmuck bietet einen überaus fesselnden Anblick dar. Zu beiden Seiten des riesigen Raumes aber reiht sich eine lange Linie von Bühnen an einander, auf denen sich bald hier, bald dort der Vorhang öffnet, um das Auge mit Schaustellungen von oft blendendem Effect zu überraschen.

Hier erschließt sich der Bazar, in welchem sich die Märchen aus „Tausend und eine Nacht“ in so verschwenderischer Pracht präsentiren, als wäre die schöne Scheherazade in eigener Person wieder erschienen, um dem Kalifen inmitten seines Harems ihre Erzählungen vorzutragen. Der Glanz der im reichsten orientalischen Stil costümirten Schönheiten aus der californischen Wunderstadt würde sicherlich auch in Bagdad Furore gemacht haben.

Auf der nächsten Bühne werden Episoden aus den Werken der deutschen Dichterfürsten Schiller und Goethe in wunderbar schönen Tableaux dargestellt. Diese Bilder waren ohne Frage das Vollendetste, was auf dem „Autoren-Carneval“ geboten wurde.

Die mannigfaltigen Scenen aus „Faust“, „Don Carlos“, „Hermann und Dorothea“, „Die Glocke“, „Götz“, „Wilhelm Tell“ etc. waren herrlich, die Darstellungen vom „Haideröschen“, „Lotte und die Kinder“ classisch schön, und alle kamen unter der trefflichen Leitung des Regisseurs der hiesigen deutschen Bühne zu einer so hervorragenden Geltung, daß sich ein wählerisches deutsches Publicum in der alten Heimath gewiß nicht minder daran gefreut haben würde, als das hier versammelte kosmopolitische Publicum der californischen Metropole.

Neben der Schiller- und Goethe-Bühne liegt die sogenannte ägyptische, auf der sich die Darsteller, sechszig an der Zahl, meistens in Massenscenen präsentiren. Die Pracht der Aegypter übertrifft noch den Pomp von „Tausend und eine Nacht“. Wenn ich beiläufig bemerke, daß die durchgängig aus Seide und Sammet verfertigten und mit Goldstickereien und (allerdings meistens unechten) Perlen förmlich überladenen Costüme der vierzig Damen dieses Bazars 12,000 Dollar gekostet haben und daß z. B. die Sphinx mit Diamanten vom Nipptische einer Bonanzaprinzessin geschmückt war, die einen Werth von 50,000 Dollar repräsentiren, so wird man sich einen Begriff von dem dort entfalteten Aufwand machen können. Unter den prächtigsten Bildern auf dieser Bühne sind „Esther vor dem Könige“, „Antonius und Kleopatra“ und „Die Auffindung des Moses“ rühmlich hervorzuheben, welche letztere Persönlichkeit zum Gaudium des Publicums durch ein veritables schreiendes „Baby“ personificirt wurde.

Weiterhin steht ein Tempel der Flora, in welchem die schönsten Mädchen der Stadt – und kein Ort der Welt vermag sich schönerer Frauengestalten und lieblicherer Mädchengesichter zu rühmen, als San Francisco – in classischen griechischen Gewändern die Blumenpracht des Goldlandes für schnöden Mammon austauschen und manchen respectablen Obolus aus den Taschen eines bewundernden Publicums locken.

Auf den nächsten Bühnen werden die Werke von Walter Scott und Tennyson bildlich dargestellt. Die holländischen und schottischen Helden des zuerst genannten Dichters sind nicht minder charakteristisch, als der „Traum von den schönen Frauen“ Tennyson's, wobei die herrlichsten Frauengestalten allmählich aus dem Dunkel in den vollen Glanz hervortreten und langsam wieder verschwinden. Weiterhin präsentirt sich Longfellow mit seiner rührenden Idylle „Evangeline“ und den Indianern aus „Hiawatha“. Indianische Häuptlinge stolziren im vollen Kriegerschmuck dort auf und ab, und es ist eine Freude, sie anzuschauen; Sitting Bull oder die „Rothe Wolke“ hätten sicherlich nichts an ihnen auszusetzen. Einen seltsamen Contrast mit den romantischen rothen Kriegern und ihren Squaws und einem unverfälschten Indianer-Wigwam bildet der Salon der Madame Recamier mit dem Ensemble der französischen feinen Welt, welche sich um jenen Schöngeist zu sammeln pflegte. Die Repräsentanten der Madame de Staël, Madame Marat, der Herzogin von Broglie, von Chateaubriand etc. treten hier im getreuen Costüm ihrer Zeit auf.

Auf der gegenüberliegenden Längenseite der großen Halle befindet sich zunächst die Bühne, auf der die Werke von Charles Dickens durch Tableaux und humoristische Declamationen von nicht weniger als 120 Darstellern verherrlicht werden. Nikolaus Nickleby, David Copperfield und andere lebensgleiche Gestalten des berühmten Briten treten dort abwechselnd auf, und die Pickwickier erfreuen uns durch ihren unverwüstlichen Humor. Nebenan liegt die Cervantes-Bühne, auf welcher Don Quixote, der edle Ritter von der traurigen Gestalt, und Sancho Pansa ihre wunderbaren Abenteuer bestehen und wo mitunter ein Fandango von echten Spanierinnen aufgeführt wird. Minder schön und ganz unpassend für ihre Umgebung sind die in der Mitte dieser Bühnenreihe aufgebauten Korallenriffe, Muschelbänke und nie gesehenen Seepflanzen aus Jules Verne's Zauberstück „Auf dem Meeresgrund“, die aus New-York importirt wurden. Die zwischen dem Seetang hinter einem blauen Gazevorhang beim Orgelspiel herumschwimmenden Nixen würden schwerlich einen Fischer in den „wohlig kühlen Wellengrund“ gelockt haben.

Zu den besten Darstellungen auf dem Carneval gehören die von Bret Harte. Hier ist das urwüchsige Leben in den wilden [620] californischen Minenlagern auf eine so getreue Weise wiedergegeben, daß man sich nach Roaring Camp, Red Gulch oder Sandy Bar versetzt glaubt.

Die sich auf der nebenanliegenden Bühne präsentirenden fünfzig persischen Schönheiten nebst den mit eleganten Thürflügeln versehenen Peris und ellenhohe schmale Hüte tragenden Herren Persern aus Thomas Moore's „Lalla Rookh“ vermögen nicht den Vergleich mit Bret Harte' s Minenlager auszuhalten. Die Bühne des amerikanischen Dichters Whittier ist der andere Nachbar von Thomas Moore und bildet mit Bret Harte den Rahmen zu dem orientalischen Flitterpomp.

Für Shakespeare ist in einem größeren Zimmer eine Bühne eingerichtet worden, wo die gewaltigen Gestalten des großen Briten wie zu Königin Elisabeth's Zeit über die Bretter schreiten, welche die Welt bedeuten. Einhundertsechszig Darsteller haben die Rollen übernommen, welche zwischen dramatischen Declamationen und Tableaux unter einander abwechseln. Der Zuschauerraum ist stets so gedrängt voll von Menschen, daß es fast unmöglich ist, dort mehr als einen vorübergehenden Einblick zu erlangen. Hunderte, die sich gleich beim Oeffnen der Thüren einen Platz auf einer der hölzernen Bänke erobert haben, verweilen dort jeden Abend bis zum Schlusse der Vorstellungen.

Das fröhliche Italien hat sich mit seinen farbenreichen Bildern in den höheren Regionen auf einer der Hausgallerien angesiedelt. Auf zwei einander gegenüberliegenden Bühnen, die das alte und das neue Rom repräsentiren, werden dort abwechselnd Scenen aus den Meisterwerken der alten und der neuen Schule von fünfundsiebenzig Darstellern aufgeführt. Unter den im Zuschauerraume ausgestellten Gemälden bemerkt man Piloty's „Wallenstein auf dem Wege nach Eger“, welches Werk aus der Privatgallerie eines reichen Californiers hierher gewandert ist. Ein deutsches Bild freundnachbarlich zur Verherrlichung der heiteren Italia!

Außer den bereits angeführten Bühnen befinden sich im Pavilion noch ähnliche für Bulwer, die Knickerbocker und Washington Irving, ferner eine Sennhütte, ein japanesischer Theegarten mit veritablen Japanern darin, ein kleines Amphitheater, wo die allerliebsten Märchen von Walther Crayne durch zweihundert fröhliche Kinder aufgeführt werden, der berühmte Garten „Trianon“ der Marie Antoinette en miniature, und andere mehr oder weniger hübsch arrangirte Schaustellungen, deren genauere Beschreibung hier jedoch zu weit führen würde.

Vor dem Beginn der Schaustellungen, die auf den verschiedenen Bühnen in bunter Reihenfolge einander ablösten, fand an jedem Abend ein großer Umzug sämmtlicher sich activ am „Autoren-Carneval“ betheiligenden Personen in vollem Costüm statt, welche höchst interessante Parade eine volle Stunde dauerte. Auf einer die ganze Breite der Halle einnehmenden großen Bühne wurden zu alledem an jedem Abend Massenbilder unter prächtiger Beleuchtung producirt, die einen wunderbar schönen Eindruck machten und in denen die verschiedenen Nationalitäten mit einander wetteiferten.

Die vereinigten orientalischen Darsteller producirten dort eine Haremsscene und einen Sclavenmarkt, wobei nicht weniger als 150 auf das Reichste costümirte Personen vertreten waren – ein schillerndes Farbenspiel von Roth und Gold und Geschmeide, das in Worten nicht zu beschreiben ist. Gern verzichtet hätte ich meinerseits auf die von den Amerikanern viel bewunderte sogenannte „Fächer-Brigade“ von neun Jungfrauen, welche allabends auf der großen Bühne mit Fächern kunstvolle Exercitien ausführten, und auf ein Schachspiel, wobei Herren und Damen in Costüm die Figuren darstellten und das Spiel geschwinder zu Ende geführt ward, als Murphy oder Andersen es vermocht haben würden.

Die Deutschen errangen auch auf der großen Bühne, wie von den Amerikanern bereitwillig zugestanden wurde, die höchsten Triumphe. Die „große Apotheose“ von Schiller und Goethe kam hier zu herrlicher Geltung. Um Goethe und Schiller, die lebenstreu personificirt waren, schaarten sich die Gestalten der Charaktere aus den Werken der beiden Dichterfürsten, während die Muse über der Gruppe gleichsam schwebte und einen Lorbeerkranz zu Häupten des Dichterpaares hielt. Hundert deutsche Sänger, welche sich bei dieser Gelegenheit im Vordergrunde unterhalb der Bühne aufgestellt hatten, ließen beim Aufgehen des Vorhanges ein prächtiges Lied ertönen. Nicht minder schön war das kurz darauf folgende Bild von der Kirchgangsscene aus „Faust“, welches das gesammte Publicum förmlich mit sich hinriß und einen stürmischen Beifall erntete.

Der „Autoren-Carneval“ war ohne Frage eines der schönsten Feste, die je in San Francisco stattgefunden haben, und stellt alle ähnlichen Unternehmungen in den östlichen Unionsstädten weit in den Schatten. Die Betheiligung des Publicums blieb bis an's Ende eine solche, wie sie sich Niemand vorher hatte träumen lassen. Mindestens 10,000 Zuschauer strömten an jedem Abend im Pavilion zusammen, und es war dort ein unbeschreibliches Menschengewoge von der sich unaufhörlich hin und her bewegenden Menge. Oft war es fast unmöglich einen bestimmten Punkt zu erreichen, und Mancher konnte von Glück sagen, in einem abgelegenen Winkel bei den Japanern eine diminutive Tasse Thee oder von den Dienerinnen der Lalla Rookh ein Glas Scherbet verabreicht zu bekommen, oder auch bei den Schweizern in der Sennhütte ein gastliches Unterkommen zu finden.

Ein großer Costümball beschloß das neun Abende dauernde Fest. Die Totaleinnahme betrug etwas über 45,000 Dollar; der Reinertrag von etwa 25,000 Dollar ward den früher erwähnten sechs wohlthätigen Gesellschaften und dem Dirigenten zu gleichen Theilen eingehändigt.

Gewiß hat San Francisco ein Recht, auf den Erfolg diesem großartigen Festes mit Stolz und Genugthuung zurückzublicken. Schon jetzt ist es beschlossen, daß der „Autoren-Carneval“ im nächsten Jahre wiederholt werden soll, und es wird derselbe wahrscheinlich von jetzt an regelmäßig wiederkehren. Die unvermeidlichen Mängel der ersten Aufführung, z. B. die zu niedrige Bauart der Seitenbühnen, welche einen Ueberblick für Menschen von kleinerer Statur oft zu einem schwierig zu lösenden Problem machten, wird man zu vermeiden wissen, die alten sorgsam aufbewahrten Decorationen durch neue vermehren und das Mangelhafte und Unpassende entfernen. Der Sinn des Volkes für das Schöne und Edle hat durch das Fest einen mächtigen Impuls erhalten, und es werden die „Autoren-Carnevals“ von San Francisco eine Hochschule des feineren Geschmacks für die heranwachsende Generation dieser Stadt bilden. Daß der sich von Jahr zu Jahr steigernde Ertrag durch Verringerung der Ausgaben, welche bei der Herstellung der ersten Einrichtung enorm gewesen sind, auch künftig allein den wohlthätigen Gesellschaften zu Gute kommen soll, ist eine der schönsten Errungenschaften dieser Kunstfeste.

Wer beim Lesen meiner im vorigen Artikel gegebenen Darstellung der Wettläufe eine geringe Meinung von der Culturstufe der San Franciscaner bekommen hat, muß nach meiner Beschreibung des kurz darauf folgenden „Autoren-Carnevals“ doch wohl eingestehen, daß San Francisco trotz seiner vielen Untugenden noch lange nicht der schlechteste Platz in dieser weiten Welt ist. Wie einem fidelen Burschen, der eben seinen Flegeljahren entwachsen ist, sitzt das ernstere Manneskleid der jungen Goldstadt noch etwas unbequem. Aber die Zeit wird rasch herankommen, wo San Francisco unter den cultivirtesten Städten der Erde ebenso gut wie unter den reichsten mit in erster Reihe genannt werden muß. Manchem wird es sogar leid thun, daß die alten lustigen, wenn auch etwas rauhen Zeiten bald unwiederbringlich entschwunden sein werden, um dem Leben der großen civilisirten Alltagswelt den Platz einzuräumen.

  1. „Pinafore“, eine in der englisch sprechenden Welt allbekannte neue Spieloper von Sullivan, deren Melodien dort auf allen Gassen gepfiffen werden.