Das Kirchweihfest (Journal von und für Franken, 2. Band)

Textdaten
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Autor: X. Y. [Anonym]
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Titel: Das Kirchweihfest
Untertitel:
aus: Journal von und für Franken, Band 2, S. 255–270
Herausgeber: Johann Caspar Bundschuh, Johann Christian Siebenkees
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1791
Verlag: Raw
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Erscheinungsort: Nürnberg
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Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: UB Bielefeld, Commons
Kurzbeschreibung:
s. a. Das Kirchweihfest, Kurze Beleuchtung der Vertheidigung des Kirchweihfestes in Franken
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III.
Das Kirchweihfest.[1]

Erlauben Sie mir, daß ich über den 4ten Art. im 5ten Heft des I Bandes des Journals von und für Franken, welcher das Kirchweihfest betitelt ist, meine Gedanken äussern darf.

|  Ich weiß nicht, für wen ich den Verfasser halten soll, für einen Moralisten, Politiker oder Theologen. Unter letztere wollte ich ihn fast zählen, und zwar möchte ich ihn für einen Geistlichen halten, dem der Gäste zu viel wurden, als daß er mit den Kirchweihgeschenken seiner Beichtkinder für sie hätte auslangen können, oder der dieselben lieber allein verzehrt, als sie mit ihnen getheilet hätte. Ein Politiker, wie der Verfasser ihn nimmt, nämlich ein Cameraliste kann es nicht seyn; sonst würde er seiner Fahne nicht ungetreu geworden seyn. Ein Moralist? Ja, der würde es wohl bleiben lassen, mit Kleinigkeiten da sich abzugeben, wo ihm die große Welt weit mehrere Data an die Hand gibt, über den Grund der Sittenverderbniß nachzudenken. Noch könnte ich zwar auf einen Finanzier rathen, ein Insect, das bey einem zerrütteten Finanzsysteme den Unterthan das Sparenlernen weiß machen, für diese Kunst aber sich durch eine neue Steuer bezahlt machen will: allein solche Maden finden sich dermahl in dem Kreise nicht, für welchen Sie Ihr Journal bestimmt haben, ob es wohl ehehin dergleichen dorten gegeben haben mag, wo diese Einschränkung der Volksfreude Statt gefunden hat. Es liegt inzwischen so| viel nicht an dem Verfasser, als an dem Gegenstand, worüber er mißlaunig war. Und hier kommt es nicht sowohl auf die Geschichte, als auf den innerlichen Wehrt oder Unwehrt der Sache an.

 Man mag den Ursprung der Kirchweihen in den alten Bacchanalien oder andern heidnischen Festen, in der Freude über die neu erbaute Kirche, oder wegen glücklich eingebrachten Feldseegens, suchen, darüber werde ich niemanden den zugeworfenen Handschuh aufheben. Genug für mich, daß es ein Volksfest ist. Dieß wird wohl niemand läugnen.

 Die Beschreibung der Vorbereitungen hiezu hätte der Verfasser ersparen können. Jedermann kann sichs ja schon ohnehin einbilden, daß die Bäurin mit ihrem Gesinde vorher nicht weniger zu thun habe, als die Frau Pfarrerin, Bürgermeisterin oder Amtmännin vor einer angesagten Visite.

 Wie viele dergleichen Volksfeste aber gibt es denn in einem Jahre? Sonst keines, als dieses. Das ganze Jahr über schwitzet der Bauer hinterm Pfluge oder mit dem Dreschflegel in der Hand. Äusserst selten wird man ihn in der Schenke bey einer halben Maaß Bier oder Most erblicken. Nur der Wirth in dem Orte, wo der Beamte| wohnt, kennet ihn besser: denn dorten muß er öfters erscheinen, um seine Steuern und andere Gaben zu entrichten, dem Beamten Sporteln zu zahlen, und was noch übrig bleibt, mit dem hungrigen Amtsdiener zu theilen. Kaum daß der Rest noch zu einer Maaß Bier und einem Stück Brod hinreichet, um seinen Hunger und Durst zu stillen, und darüber seine unglückliche Lage zu vergessen, vermög welcher niemand in der Welt ist, der ihm etwas zu geben begehrt, sondern vielmehr jedermann von ihm zu haben verlanget.

 Und diese zwey oder drey Tage, die man Kirchweihe nennet, will man ihm mißgönnen? Ihm, dem die unausgesetzten sauern Arbeiten des ganzen Jahres nicht verstatten, das süsse Vergnügen zu genießen, seine Kinder und Enkel zu umarmen, als an einem solchen Tage, den, nicht mürrische und menschenfeindliche Theologen, sondern weise Gesetzgeber bestimmt haben, damit der geplagte Landmann doch auch einmahl von seiner Arbeit ausruhen, und im Zirkel seiner Familie sich seines Gottes erfreuen, und dabey sein hartes Schicksal auf einige Augenblicke vergessen möge.

 Und gesetzt auch daß der Bauer nicht seine eigene Kirchweih feyre, sondern seine Verwandten wieder an den ihrigen besuche, so| geschiehet doch dieses den ganzen Sommer über etwa nur zweymahl oder höchstens dreymahl. Meistens ist nur der Sonntag der zur Gegenvisite bestimmte Tag. Man nehme aber auch noch den Montag dazu, so ist dieses alles, und er hätte somit in allem drey Werktage geschwänzet. Wir wollen 8 Tage dazu nehmen. Was sind diese gegen die Hälfte des Jahres, die der Städtebewohner mit Wirthshausbesuchen, Visiten, Spiel, und Komödien seinem Schöpfer abstiehlt? Um diese Faullenzer besser bezahlen zu können, soll der erwerbenden Classe nicht ein einziger oder so wenige Erhohlungstage gegönnet seyn? Und für das, daß der Städter bey seinen Besuchen alle Leckerbissen, auch mit Schuldenmachen, aufzutreiben suchet, soll der geplagte Landmann, der das ganze Jahr über mit harter Kost vorlieb nimmt, nicht einmahl ein fettes Mahl halten dürfen, das ihm nichts kostet, sondern welches er aus seiner Ökonomie hernimmt?
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 Die Kammern und Amtleute haben an diesen Festen die wenigste Schuld. Erstere befahlen das Kirchweihhalten nicht. Sie wollten nur von dieser einmahl herkommlichen allgemeinen Freude, wo es den Fröhlichen um eine kleine Gabe zum allgemeinen Besten| nicht viel zu thun ist, profitiren, um der Tranksteuer einen kleinen Zuwachs zu verschaffen.

 Letztere sind weit darüber hinaus, um in der Kirchweihschutzparade eine Ehre, oder ein paar Gläser Wein umsonst zu erhalten zu suchen. Auf alle Fälle ist ihr Accidens denen Metzelsuppen, die der Pfarrer bekommt, bey weitem nicht zu vergleichen. Dem Verfasser muß wohl nicht bekannt seyn, warum die Ämter diese Ceremonie verrichten. Aber es ist unnöthig, dieses hier auszuführen. Nur dieses muß ich bemerken, daß es schon aus dem Grunde erforderlich sey, damit die unruhigen Pursche und Stänker, die sich allenfalls einfinden, andere rechtschaffene Leute nicht bey dem allgemeinen Vergnügen stören möchten. Also ist nicht die Kirchweihe der Beamten wegen, sondern der Friede gebietende Beamte der Kirchweihe wegen da.

 Wer kann nun auf den verhaßten und in allem Betrachte höchst unklugen Einfall gerathen seyn, die Kirchweihen alle auf einen Tag zu verlegen, oder, was noch ärger und unpolitischer wäre, sie gar abzuschaffen, als ein die Freude hassender Seelenhirte, oder ein Misanthrop von Rath, oder ein in die Enge getriebener Finanzminister, der bey einem verdorbenen Staate kein anderes und unglückliches| Mittel mehr vor sich siehet, als dem ausgesaugten, gedrückten und murrenden Unterthan neben seinem Gelde auch noch seine einzigen freudigen Tage zu rauben, und das Geld in die Casse seines Fürsten, unter einem gleißnerischen Vorwand, zu erpressen, was diesem noch übrig blieb, um sich auf etliche Tage von seinen Seufzern zu erhohlen.

 Der Verfasser dieses Aufsatzes hätte sich hüten sollen, sich auf Concilien zu berufen. Waren dieses nicht jene Zeiten, wo man unter dem ausgehängten Schilde, zur Ehre Gottes, von geistlicher und weltlicher Seite her den Unterthan plünderte, um in Klöstern und Pallästen hochschmausen und Sardanapalien feyern zu können?

 Daß hie und da in einigen Staaten aus unklugen hierarchischen oder politischen Ursachen diese Feste beschränkt worden sind, oder daß sie noch eingeschränkt oder gar abgeschafft werden sollen, weil ein berühmter Jurist, der nur Jurist, aber nicht Staatsmann war, dawider eiferte, das macht die Sache noch nicht aus.

 Die Präjudicialfrage ist immer diese: Soll man der erwerbenden, und der am meisten von allen Seiten gedrückten Classe von Menschen nicht einige Stunden oder Tage| von Vergnügen gönnen, wenn sie auch gleich nicht durchaus auf der Linie bliebe, die Hippokrates, Aaron und Justinian vorgeschrieben haben, die kein Mensch, so erleuchtet er auch ist, immer halten kann, und von welcher niemand weniger abweichet, als der Landmann? Hier lange jeder nach einem Stein, dessen Brust rein ist. Ich habe keinen Wurf zu fürchten.

 Bis diese Frage bejahend entschieden wird, und damit wird es aller Concilien und Juristen oder Kanonisten ohnerachtet noch eine Weile Zeit haben, muß ich den Verfasser fragen, ob er denn im Ernste glaube, daß, die Kirchweihen abzuschaffen, das sicherste und leichteste Mittel sey, daß die Herrschaften aufhörten, junge Leute zum Tanz zu zwingen?

 Wie wenn ich sagte: „das sicherste und leichteste Mittel, dieses verderbliche Fest in Abgang zu bringen, wäre dieses, daß die Pfarrer keine Kirchweihgäste mehr einlüden?“ Wenn der Bauerpursch einmahl auf dem sogenannten Plan getanzet hat, so bekümmert sich der Beamte nichts weiter um denselben. Aber wenn der Herr Pfarrer 32 Gäste invitiret, denn der Etiquette gemäß darf hier so wenig als im Evangelio jemand ungeladen zur Kirchweihe, wie dorten zur| Hochzeit, kommen, und wenn der Bauer hiedurch also zum Kirchweihschmauß, so wie durch die vorhergegangene Predigt privilegirt zu seyn glauben darf; so wird jeder Unparteyische leicht einsehen, an wem die Schuld liegt, daß die Kirchweihen noch nicht aus der Mode gekommen sind. Sehr selten vermögen weltliche Verordnungen das zu bewirken, was ein unbescholtener Geistlicher bey seiner ihn ehrenden Gemeinde ganz leicht ausrichten kann. Er versuche es nicht ein, sondern etliche male, die Kirchweih-Predigt, wofür er meistens besonders bezahlet wird, zu unterlassen, er lade keine Gäste ein, zum Zeichen, daß er in seiner Art sich nicht selbst ein erlaubtes Vergnügen machen wolle, und zum unumstößlichen Beweis seiner Orthodoxie verbitte er sich auf das strengste alle Kirchweih-Kuchen und Braten, und sehe dann zu, ob er sein geistliches Netz mit Vortheil ausgeworfen habe. Mir scheinet, er würde mit dieser Selbstverläugnung mehr gehofftes Gute ausrichten, als von herrschaftlichen Befehlen zu erwarten ist, gegen deren Urheber der Unterthan immer mißtrauisch ist, weil er solche ohne Ausnahme als Prätendenten auf seinen Beutel ansiehet.
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|  Es ist billig, den Geistlichen, weil sie doch überall als Seelenhirten den Vorgang haben, auch hier die Ehre zu überlassen, ihren Beichtkindern die Kirchweyhen verhaßt zu machen, und dadurch den Obrigkeiten einen guten Weg zu bahnen, an ihrer Seite von weltlicher Herrschaft wegen den Concilien, Kanonisten, Murrköpfen und Menschenfeinden sich gefällig zu erzeigen, auch sich keiner Medisance auszusetzen, wenn sie die Zahl der geistlichen Kirchweihgäste auf einen Tisch von 8 Personen für die ganze Kirchweihzeit herunter setzet.

 Sollte es denn zu glauben möglich seyn, daß eine ganze Gemeinde vom kleinsten bis zum größten durchaus um deswillen etliche Tage lange fröhlich und guter Dinge sey, daß vorher Küchen und Keller gefüllt werden, und daß der Pfarrer 32 Gäste einlade, bloß weil der Amtmann 5 oder 6 junge Pursche zwinget, unter freyem Himmel um einen Baum herum zu tanzen? Und daß alles dieses unterbleiben werde, wenn man diese Ceremonie von längstens einer halben Stunde unterließ? Es verlohnt sich nicht der Mühe, solche Gründe zu widerlegen.

 Wenn der Verfasser den Aufwand des wohlhabenden Bauers auf die Kirchweihen| berühret, so hätte er bemerken sollen, daß ausser etwa für 1/4 oder 1/2 Eimer Most, der, wenn er nicht selbst Weinberge hat, ihm etwa 1 oder 2 fl. kostet, er für alles übrige nicht einen Heller ausgebe, sondern sein ganzer Aufwand in Sachen bestehe, die er aus seiner Ökonomie beziehet. Wer kann ihm also die Tage mißgönnen, in denen er mit seinen Verwandten und Freunden fröhlich ist?

 Man wende nicht ein, daß er zu jeder andern Zeit für sich allein mit ihnen fröhlich seyn könne. Wo ist je ein Vergnügen herzlicher, als wo man siehet, daß alles von gleichem Geiste beseelet wird? Nimmt ja selbst der Herr Pastor mit seinen 32 Gästen hieran Antheil. Und wer tanzet lieber mit seiner Dulcinea alleine, als in großer Gesellschaft und in der Redoute?

 Nein, entweder der Herr Pfarrer kann seine nicht zugelangten Kirchweihbraten nicht verschmerzen, oder der Städter, den der Moses Samson täglich, an die Folgen seiner Kränzchen, Concerte, Comödien und Bals erinnert, siehet den Bauer scheel darüber an, daß derselbe sich, ohne sich wehe zu thun, und ohne Gewissensbisse einer herzlichen Freude überlassen kann.

|  An der Kirchweihe werden die Marsche-Routen ins Kämmerchen der schönen Mädchen concertiret. – Nun wenn das ist, dann hat Moses und Aaron freylich mit allen Kräften auf die Ausrottung der Kirchweihen zu denken, und kein Geistlicher darf mehr einen scandaleusen Kirchweihgast abgeben. Aber ich denke immer, der Hanns habe mit seiner lieben Grete schon bey einer Kommnacht in ihrem Bette den künftigen Tanz an der Kirchweihe verabredet. Es gehet hier, wie in großen Städten, wo sich Phyllis mit Damon vorher engagiret. Die Sachen sind die nämlichen, nur die Worte sind zierlicher.
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 Sollte, da es alle Welt weiß, denn dem Verfasser unbekannt seyn, daß jede Samstags-Nacht zu Besuchen der Geliebten des Bauernpurschen auf Dörfern herkömmlich ist? Warum eifert er nicht hiewider, sondern wider die unschuldige Kirchweihe? Er lege das, was an diesen Tagen aus herzlicher Liebe vorgehet, mit den Greueln einer Nacht in Städten in zwey Waagschalen, und sehe, welche Schaale sich neiget. Aber seine Concilien, seine zu vielen Kirchweihgäste, oder seine Hypochondrie lassen ihn nichts anders sehen und hören, als Unordnungen| und Verbrechen, Fresser und Säufer, Amtleute und Amtknechte, die ihre Kirchweih-Geschenke in großen Bündeln mit nach Hause nehmen und ruhig verzehren, während daß der Herr Pastor die seinigen mit seinen ehrenthalben eingeladenen Gästen theilen muß.

 Verzeihen Sie dieser Abhandlung, die nur ein kurzer Brief seyn sollte. Ich mag die Kirchweihfeste betrachten, auf welcher Seite ich immer will, so kann ich weder für den Staat etwas schädliches, noch für die Moralität etwas nachtheiliges daraus erzwingen.

 Daß manchmahl kleine Unordnungen zwischen einzelnen Personen zum Vorschein kommen, kann nie einen vorzüglichen Beweggrund abgeben, ein zur Aufheiterung des Landmanns von unsern weisen Vorfahren in Aufnahme gebrachtes Fest, durch Verlegung desselben auf einen Tag, einzuschränken oder gar abzuschaffen. Es wäre dieses wahre Grausamkeit. Und was soll der Landmann mißmuthig denken, wenn er siehet, daß man zu gleicher Zeit in denjenigen Orten und Städten, wohin sein Geld kommt, immer für neue Vergnügungen und Zeitvertreibe sorget, während daß man ihm ein paar Tage nicht gönnen will, in welchen,| und sonst in keinen andern das Jahr über, er im Zirkel seiner Kinder oder Freunde sich auch einmal von seinen Sorgen und Arbeiten erhohlen, und, nicht mit fremdem ungerechtem, sondern unter Gottes Seegen wohlerworbenem Gut, eine erquickende Freude machen kann. Glaubt man ihn zu kurzsichtig, als daß er nicht wissen sollte, wohin sein Geld kommt, und zu gefühllos, um nicht den wichtigen Posten zu kennen, auf dem er stehet; o! so ist der Betrug eben so groß, als vielleicht gefährlich, und nur der, der hinter dem Pult unter seiner Schlafhaube den Bauer studiret, kann sich denselben als das Thier gedenken, welches seine Last geduldig trägt, und nicht einem Zeitpunct begierigst entgegen siehet, sich an seinem Treiber zu rächen.

 Man betrügt sich nie, wenn man in dem Landmanne, dem größten Haufen nach genommen, sich einen Menschen von unverdorbenen Sitten und von wahrem edeln Herzen gedenket: aber man irret sehr, wenn man seinen äusserlichen Anstand, der mit dem eines in der neuen Etiquette excellirenden Städters so sehr absticht, zum Maaßstab seiner Einsichten nimmt, und wenn man glaubt, seine Handlungsweise hielte zu jeder Zeit gleichen Gang mit seiner Oratorie.

|  Hätte ich eine Stimme zu geben, wiewohl bey Ihrer Einladung zu Beyträgen für Ihr Journal ist mir wenigstens diese nicht verwehrt, so würde ich, indem ich bloß die gegenwärtige Lage von Frankreich, ohne Rücksicht auf ein oder zwey vornehme Gerichtsstühle, die nur bis zum nächstfolgenden Paroxismus einstweilen Palliativ-Curen verordnen können, betrachte, so würde ich rathen, die Gelegenheiten eher zu vermehren, wobey der Landmann sich seinen Ummuth vertreiben kann, als sie auf eine so misanthrope und nie mehr als gegenwärtig unpolitische Art einzuschränken. Man nehme bey Leibe nicht aus allzugroßer Sicherheit das Gejauchze für baares Geld an, wovon die Zeitungen über die Rückkehr der Unterthanen unter ihre vorigen Obrigkeiten erschallen. Regent und Unterthan sind einander entgegen gesetzte Wesen. Nur dann, wann Despotismus und Demokratie einander auf dem halben Wege, (und welcher Engel des Lichts zeiget denselben?) die Hand geben, wird das Zünglein der Waage in der Mitte stehen bleiben. Das Schwanken derselben lässet noch keine sicheren Schlüsse für die Zukunft machen, und wenn 24 Millionen Sklaven, 200 Millionen Kriegern den Degen aus der Hand gewunden haben, welche| Hoffnung wird sich da zu einen glücklichen Erfolg zu machen seyn, wenn der zum Soldaten geprügelte Sohn gegen seinen Vater commandirt wird? Man spotte nicht, weil der Himmel heute noch heiter ist. Es ist noch nicht alle Tage Abend. Die Natur macht keine Sprünge, und was heute noch nicht geschehen ist, kann sehr wohl noch morgen geschehen.

 Nach dem, wie ich den Bauer kenne, darf ich behaupten, daß er eine doppelte Steuer geduldiger erträgt, als eine Einrichtung, wenn gleich zu seinem Besten, durch die er sich an seinen Privilegien oder dem alten in seinem Sinne löbl. Herkommen beschränket siehet.

 Ich hätte noch vieles zu sagen, wenn ich nicht Bedenken tragen müßte, dem Urtheilen meiner weit erleuchtetern Leser vorzugreifen.

X. Y. 



  1. Audiatur et altera pars!