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Das „Schiller-Album“ im Schiller-Hause zu Weimar

Textdaten
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Autor: Friedrich Hofmann
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Titel: Das „Schiller-Album“ im Schiller-Hause zu Weimar
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 32, 33, S. 522–524, 534–536
Herausgeber: Ernst Ziel
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1880
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[522]
Das „Schiller-Album“ im Schiller-Hause zu Weimar.

Es war im Juni 1847, als der Stadtrath von Weimar das ehemalige Wohnhaus des Dichters aus Privatbesitz erwarb und in dem neugeweihten Hause ein „Schiller-Museum“ begründet wurde. Einige Weimarische Verehrer Schiller’s faßten den Entschluß, ein „Schiller-Album“ hinzuzufügen; die einzelnen Blätter wurden an die hervorragendsten Persönlichkeiten des Tages gesandt, und im Beginn des Jahres 1848 erfolgten die ersten Einzeichnungen. Seit Abschluß des Albums liegt dasselbe in zwei stattlich eingebundenen Büchern den Besuchern des Schiller-Hauses zur Einsicht vor.

Daß in einem Album zu Ehren Friedrich Schiller’s eine ausgewählte Gesellschaft zusammenkommen und Gaben des Geistes mitbringen werde, die des Gefeierten sich würdig erweisen, war wohl im Voraus als sicher anzunehmen. Nicht voraussehen, kaum ahnen konnten aber die Stifter desselben, daß sie mit diesem „Schiller-Album“ die Gelegenheit bieten würden zur Aufstellung des treuesten Spiegelbildes einer der denkwürdigsten Zeiten der deutschen Geschichte.

Wenn nämlich auch ein gut Theil dieser Blätter sich abseits von den politischen Bewegungen der Zeit stellt, den Dichter feiert, Handzeichnungen und musikalische Autographen berühmter Meister giebt (auch manche Schiller-Reliquie hat im Album ihren Platz gefunden), so beanspruchen doch zahlreiche andere ein geschichtliches Interesse: da haben von den Wehen der Zeit erregte Geister aller Schattirungen ihrem Herzen mehr oder weniger Luft gemacht, und wer die politisch-nationalen Strömungen des Jahrzehnts vor dem Sturmjahr von 1848, dieses selber und die Zeit bis zur beginnenden Reaction sich vor Durchblätterung des Albums einen Augenblick in die Erinnerung zurückruft, dem wird dasselbe einen ganz eigenartigen Genuß bereiten.

Alle vorherrschenden Gedanken und Stimmungen im Kopf und Herz der Zeit- und Kampfgenossen jener Tage – sie treten uns frisch und lebendig noch heute aus dem „Schiller-Album“ entgegen, und daß alle diese hochstehenden und hochbegabten Männer und Frauen die unumwundensten, dem Augenblick entsprungenen Darlegungen ihrer Gedanken und Gefühle, ihrer Hoffnungen und Wünsche, ihrer Klagen und Verwünschungen in der ganzen Reihenfolge der damaligen Schicksale der Nation dem „Schiller-Album“ anvertrauten, daß sie gleichsam ihr Herz dem Dichter ausschütteten, gerade das gereicht unserm Friedrich Schiller zur höchsten Ehre: er ist dadurch vor Allem gefeiert als der Sänger des Vaterlandes und der Freiheit, als der geistige Mitkämpfer in jedem Kampfe um die höchsten Güter der Nation.

Ehe wir aber in diesen Ehrenbau eintreten, lassen wir uns wie von einführenden Herolden an der Pforte von einem Dichter und einer Dichterin begrüßen. Hören wir schon einzelne weimarische Stimmen ihre Freude über die neue Weihe des alten Schiller-Heim aussprechen, so hat den rechten Thorgruß doch am gelungensten Oscar Ludwig Bernhard Wolff[1], Deutschlands erster und größter Improvisator († 1851), ausgesprochen in dem Gedichte, das er in Jena, am 20. Januar 1848, also noch vor der Revolution, dem Album widmete:

               „Schiller’s Manen.

Dir hat in diesen engen Räumen
Einst Liebe sanft die Stirn gekühlt,
Wenn, trotz urmächt’gen Dichterträumen,
Du schwer des Alltags Last gefühlt.
In dieser Heimath Heiligthume
Barg sich die Freude Deiner Welt,
Wo Du dem Adler, Deinen Ruhme,
Die Friedenstaube zugesellt.

Nun erst, nach mehr denn vierzig Jahren,
Ward es der Bürger edles Ziel,
Vor schnödem Untergang zu wahren
Das Haus, das fast zusammenfiel.
Sie eilen froh, es auszuschmücken,
Selbst des Geringsten frommer Sinn
Legt mit dem innigsten Entzücken
Sein Scherflein Deinen Altar hin.

Auch diese tief empfundnen Zeilen
Sind nur ein Scherflein solcher Art,
Ein Streben, das Gefühl zu theilen,
Das treu Dein Vaterland bewahrt.

So muß die Wahrheit sich entschleiern,
Die ernst der Nachwelt Kunde giebt:
Nicht, wie Dich deutsche Fürsten feiern,
Nein, wie das deutsche Volk Dich liebt!“

Die Dichterin, die uns am Eingang mit begrüßt, Henriette Ottenheimer, deren Dichtungen von der Frauenwelt nicht hätten vergessen werden dürften, stand mitten im Revolutionssturm, als sie (zu Regensburg am 27. April 1849) in edler weiblicher Bescheidenheit, und doch von ihrer Zeit und Schiller’s Geist erhoben, sang:

„Dir huldigen?! – Zum Lächeln ist es fast,
Nicht Du bist’s, den so arme Klänge ehren;
Sie sind der Opferrauch, der aufwärts steigt,
Ein Zeugniß, daß wir heil’ges Feuer nähren.

Dein Ziel war göttliche Vollkommenheit
Und Deine Spur, für alle Zukunft, Segen;
Jetzt liegt wohl Deine klare Sonnenbahn
Weit ab von dieser Welt verworrnen Wegen.

Im Liede aber lebst Du mit uns fort
Und streitest mit in unsrem Freiheitskriege;
Du weißt es nicht, doch hilft Dein Geist gewiß
Dem Heile unsres Vaterlands zum Siege.

Auch sagt man, und ich glaube es so gern,
Daß Liebe leicht Verständniß jenseits findet,
Sie sei im Himmel ja des Hauses Kind,
Die milde Kraft, die Stern mit Stern verbindet.

O ist es so, so kannst Du nimmermehr,
Verklärter, unsern Herzensgruß verschmähen;
Denn daß der Liebe Athem ihn durchweht,
Du wirst es wohl erkennen und verstehen.“

Und nun treten wir ein, und wenn wir die beiden von Künstlerhand und Familienliebe mit Schiller’s Bildniß und einer Locke seines Haares geschmückten Bande durchblättert haben, und Anfang und Ende vergleichen, so stehen wir überrascht von der wunderbaren Fügung, daß zwei Männer, für uns beide gleich ehrwürdig durch ihr hohes Alter, der Eine der beharrlichste Vaterlandsverherrlicher bis an seinen Tod und als „treues deutsches Gewissen“ unsterblich – der Andere der Erbe und Vollender all der Kämpfe um Deutschlands Befreiung, Einigung und des Reiches Wiederaufstehen, daß beide wie zwei höchste Ehrensäulen am Anfang und am Ende dieses Albums stehen: dort der Vater Arndt und hier – der Kaiser Wilhelm! Und würdig ihres Charakters sind ihre eigenhändigen Inschriften im „Schiller-Album“.

Arndt schrieb am 14. Hornung (Februar) 1848 (also, wie Wolff, noch vor der Revolution):

„Wer sich des Muths erkühnt, zu singen und zu klagen
Dein Weh’, o Vaterland, und dein’s, o Menschenherz,
Wer die Lawine wälzt der Schicksalsräthselfragen,
Bald fliegend himmelauf, bald stürzend höllenwärts,
Der horche nimmer auf, wo Späne, von Philistern
Mit schalem Spott besprützt, durch Himmelsflammen knistern.

Hat Einer der Erde prometheische Flammen zugetragen, so trug sie Deutschlands idealistischster Dichter. Sein unsterblicher Name ist auch oft angesprützt worden und wird es zuweilen noch, aber die Flammen, die er ausgesäet hat, werden brennen und leuchten, so lange deutsch noch ein Name ist.“

Unser Kaiser, damals „Prinz von Preußen“ und aus dem Revolutionskrieg heimgekehrt, citirt, am 1. December 1850, als seine Schiller-Albumsausgabe die Stelle der „Piccolomini“ in der sechsten Scene des zweiten Acts, so bedeutungsvoll für ihn nach seinen Erlebnissen in dieser Zeit:

„Auch des Menschen Thun
Ist eine Aussaat von Verhängnissen,
Gestreuet in der Zukunft dunkles Land,
Den Schicksalsmächten hoffend übergeben.“

Wir ordnen die folgenden Mittheilungen aus dem Album nach der Zeit und beginnen mit den Inschriften politischer Farbe vor dem Ausbruche der Februarrevolution. Dies giebt uns das Recht, auch hier einen alten Volksmann, und zwar einen aus dem Volke, an die Spitze zu stellen.

Der weimarische Buchbindermeister Adam Henß schrieb am 20. Januar 1848 in das Album:

[523] „Wenn die Geschichte die Namen brutaler Volksdränger und zelotischer Finsterlinge der Nachwelt überliefert, so thut sie das nur, damit die Verachtung der künftigen Geschlechter sie ebenso trifft, wie die Verwünschungen der Gegenwart. – Aber in eigenem Lichte glänzen die Namen der geistigen Heroen, die, ihrer Zeit voraneilend, dem Ideenkreise ihrer Zeitgenossen ihre Richtung haben; ihr Geist ist lebendig durch alle Zeiten, denn die zum Gemeingut gewordene Idee ist in endloser Folge die Mutter stets wachsender Erkenntniß. – Nie wird Deutschland des ersten seiner Dichter vergessen, und sollte man einstens fragen: Wo stand Weimar? dann wird die Geschichte mindestens sagen: In seinen Mauern lebte Schiller!“

Am 22. Januar zeichnet der Weimarische Oberbürgermeister und Stadtdirector Karl Georg Hase ein:

                  „An Schiller.

Was Du von der Freiheit hast gesungen,
Hat in Deinem Volke nachgeklungen;
Ueberall schon grünet Deine Saat!
Frost und Hitze konnten sie nicht drücken,
Golden werden bald die Aehren nicken,
Und dem kühnen Worte folgt die That.“

Gustav von Struwe, der spätere badische Revolutionsmann und Geschichtsschreiber, liefert vom 3. Februar aus Mannheim folgenden Beitrag:

„Die Zeit des Dichters Schiller liegt um ein halbes Jahrhundert hinter uns. Deutschland ist an Erfahrungen reicher geworden, seit er aufhörte, seine Ideale dem Vaterlande vorzuführen. Wenn Schiller’s Zeit dazu aufforderte, für Freiheit und Recht zu schwärmen, so ist es die Aufgabe unserer Tage, für Freiheit und Recht zu wirken, Gut und Blut für diese höchsten Güter der Menschheit einzusetzen. Thun wir dieses, dann handeln wir im Geiste des Dichters der Freiheit, dann üben wir unsere Pflicht als Menschen und Bürger. Lebte Schiller unter uns, er würde in den vordersten Reihen kämpfen gegen die Verderbniß, welche von den höchsten Stufen der Gesellschaft herab ihr Gift über die ganze Nation ausschüttet.“

Adolph Stahr in Oldenburg schrieb am 4. Februar:

„,Die moralische Möglichkeit, den Staat der Noth in den Staat der Freiheit zu verwandeln, fehlt, und der freigebige Augenblick findet ein unempfängliches Geschlecht!’ (Schiller’s Briefe über die ästhetische Erziehung des Menschen.)

Je näher diese große Aufgabe der Menschheit ihrer Lösung entgegenschreitet, desto tiefer und dankbarer wird es erkannt werden, daß Schiller’s unsterblicher Genius die Menschheit zu derselben erzogen hat und täglich erzieht.“

Günther von Ziegeler, fürstl. Schwarzburg-Sondershausener wirklicher Geheimrath a. D. in Sondershausen, ein Verwandter von Schiller’s Gattin, schließt seine am 12. Februar 1848 im Album niedergelegten persönlichen Erinnerungen an seine Aufnahme in Schiller’s Hause zu Jena (1793 und 1794) mit den ganz im Geiste von 1847 gedachten Worten:

„Offener Sinn für alles Wahre und Gute, und dann vorwärts zum Besseren, aber nicht im Sturmschritte, sondern in besonnener Weise, das sey unser Losungswort und die Maxime unseres Handelns!“

Von Dr. Joh. Wilhelm Schäfer in Bremen, berühmtem Literaturhistoriker, auch Dichter, lesen wir:

„Das ist des deutschen Volkes Hoffnungstraum,
Daß einer neuen Hansa Bund sich webe,
Daß durch des Weltenmeeres Wellenschaum
Am stolzen Mast die deutsche Flagge schwebe,
Und daß in seinem ungemeßnen Raum
Die deutsche Flotte ihr Panier erhebe;
Die Hansa schlummert noch im Zeitenschooße:
Der Tag kommt für das Herrliche und Große.

Ein Völkerfrühling naht mit mächt’gem Wehen,
Er sendet seine Boten schon voran.
Nicht hemmen ihn die eisbedeckte Höhen;
Vom Süd zum Norden macht er kühn sich Bahn.
Und was vom Belt bis zu den Alpenseeen
Prophetisch sich verkündet, ist kein Wahn:
Ein Jugendfeuer strömt durch Deutschlands Glieder,
Und Eine große Hansa eint uns wieder.

Worte zum Schlusse einer öffentlichen Vorlesung über die Geschichte der deutschen Hansa – niedergeschrieben im Vorgefühl großer vaterländischer Ereignisse am 20. Februar 1848.“

Louise von Ploennies, die Dichterin in Darmstadt, hat das „Schiller-Album“ mit einem längeren Gedichte geschmückt, welches beginnt:

„Ich hab’ dir manches Lied gesungen,
Doch nur im innersten Gemüth,
Wenn still von deinem Geist durchdrungen
Es mir im Herzen tief geglüht“ –

und schließt, schon die erwachenden Ansprüche des Weibes auf Betheiligung am öffentlichen Leben andeutend – es ist am 22. Februar 1848 geschrieben –:

„Wenn an der Geister Heiligthume
Nicht mehr vergebens pocht die Frau,
Dann blüht der Liebe Wunderblume
Noch herrlicher auf deutscher Au.“

Unter den Prophetenstimmen einer anderen Richtung möge, um auch in dieser Beziehung eine Probe zu bringen, dem Theologen und Literaturhistoriker, damaligen Gymnasialdirector in Marburg, Dr. August Friedrich Christian Vilmar das Wort gegeben sein. In seinem Beitrag, der am 22. Februar (Schiller’s Hochzeitstag 1790) niedergeschrieben worden ist, heißt es unter Anderem:

„Sie feiern dir manch ,Schiller-Fest’, manch ,Hoch!’ gilt deinen ,Manen’;
Im Prunksaal deine Büste steht, dein Bild in Sänger-Fahnen;
Dort weihen sie ein Standbild dir; dies Album wird gegründet;
Sie lesen, wie die Briefe einst mit Körner dich verbündet etc.

Wer noch dich liest, der pflückt doch nur an deinen Ruhmeskränzen,
Liest auch vielleicht aus dir heraus – moderne Staatstendenzen.
Wer fühlt, wie wir als Knaben einst, dein sturmgewalt’ges Wehen?
Wo sind die Dichter, die allein den Dichterheld verstehen?
Die Sänger, die aus tiefster Brust zu deiner Harfe singen?
Die Seelen, die du kühn einst trugst auf deiner Seele Schwingen?
Die Wangen, die wie Morgenroth bei deinem Sang geleuchtet,
Die Augen, die mit Thränenglanz dein Liederstrom befeuchtet?
Wo ist ein Herz, in das dein Wort wie Blitz und Sturm gewittert,
Daß selbst noch in des Greises Brust Begeistrung es durchzittert?
Ein Herz, in das dein mächt’ger Klang des Lebens Odem hauchte
Und tief es in den frischen Quell der ew’gen Jugend tauchte?
Kaum lernen wollen sie von dir, nur über dich viel sprechen etc.

Nichts werden wollen sie durch dich, von dir nur vieles wissen,
Und wenn sie Leben und Gedicht zergliedert und zerrissen,
Dann thun sie breit und groß damit, was du durch sie geworden –
Sie werden alles nur durch sich, die Literatenhorden etc.

Doch wenn dereinst ein neu Geschlecht durch dich will etwas werden,
Dann bricht ein neuer Tag herein der Lieder hier auf Erden,
Und wieder, wie in alter Zeit, wird’s von den Bergen klingen
Und regen sich in Flur und Wald ein neues frohes Singen.
Wenn wieder dann bei deinen Lied die Herzen freudig schlagen,
Dann wird Gesänge stolzen Klangs ein Sturm durch Deutschland tragen,
Der kühn als junge Freiheit braust, wie Ost im Frühlingslaube,
Und mild und warm, wie Maienhauch, als alter treuer Glaube.
Sein Odem ruft die Todten auf, die Grüfte sprengt sein Wehen:
Es wird aus seinem Felsengrab der Rothbart auferstehen,
Und weltgebietend rauscht, wie einst, des deutschen Aars Gefieder.
Heran! du freie neue Zeit, du Zeit der deutschen Lieder!“

Und nun treten wir in die Sturmwehen der Revolution selbst ein und begrüßen voll Ehrfurcht den ersten Verkündiger derselben im Schiller-Album, der kein Geringerer ist, als der 1860 verstorbene Ignaz Heinrich von Wessenberg, damals Bisthumsverweser in Constanz (in der „Gartenlaube“ in Bild und Wort – Jahrgang 1863, Seite 37: „Die Tiara mit dem Eichenkranze“ – dargestellt). Er, der als Kirchenfürst, Patriot und Dichter gleich hervorragende Mann, singt begeistert – am 25. Februar 1848 –:

                 „Der Völker Auferstehen.

Wer fühlt jetzt nicht allwärts die Schauer wehn,
Wie sie voraus der Morgensonne gehn?
Wo ist ein Volk so tief in Schlaf versunken,
Daß es, durchzuckt von einem Himmelsfunken,
Nicht lauschte sehnsuchtsvoll und freudetrunken
              Dem Ruf zum ,Auferstehn’?

Welch Brausen in den Tiefen, auf den Höhn?
Wem giebt sich Gottes Finger nicht zu sehn?
Ist’s der doch, der gelöst der Völker Zungen,
Daß eine Stimm’ ist durch die Welt gedrungen:
Wornach umsonst Jahrhunderte gerungen,
              Soll jetzt uns auferstehn.

Kein Wahnbild nennt’s, um was die Völker flehn?
Wer dürfte so, was Menschen heilig, schmähn?
Gerechtigkeit und Freiheit sind die Güter,
Wofür der Völker Chor jetzt treue Hüter
Begehrt. Ist Frevel gegen die Gebieter –
              Solch edles Auferstehn?

O nein! Gott will, daß ernten, welche sä’n,
Will, daß nach Licht frei alle Geister spähn.
Aufrecht zu ihm soll jedes Antlitz schauen,
Sich jeder Mund erschließen mit Vertrauen,
Und jedes Volk, um sich sein Haus zu bauen,
              Frohlockend auferstehn!

[524] Dieses Auferstehungslied sei dem Genius unseres deutschen Sophokles geweiht, dessen Muse im ,Don Carlos’, im ,Wilhelm Tell’, im ,Wallenstein’, in ,Maria Stuart’ und ,Jungfrau von Orleans’ die Morgenröthe des Auferstehens der Völker zum Licht und zur Freiheit mit hoher Begeisterung begrüßt hat.

Constanz, den 25. Hornung (Februar) 1848.

J. H. Wessenberg.“

Oscar von Wydenbrugk, der Weimarische Märzminister, schrieb am 4. März in Weimar in das Album:

„Schlägt Deutschland sich nicht selbst die tiefsten Wunden,
So wird kein Feind dem schönen Lande schaden.“

Eine Inschrift vom 19. März lautet:

„ Tief sinkt der Same in der Erde Schooß,
und Ceres Klage tönt ob seinen Grüften –
Der Frühling naht, mit ihm ein selig Loos,
Die goldne Aehre dringt zu lauen Lüften.

Kühn richtet der Gedanke sich empor
Aus langer Nacht – des Geistes heil’ge Habe!
Durch Deutschlands Gauen tönt der Jubelchor,
Und freudig leuchtet es ob Deinem Grabe.“

v. Canaval in Prag.

Dr. J. G. E. Schwarz, Kanzelredner und freisinniger Theologe in Jena, knüpft an Schiller’s Ausspruch in „Tell“:

„Seid einig – einig – einig,“

das Sinngedicht im Geiste des damaligen großen Augenblicks:

„Immer ist auch ein Prophet, wem die echte Weihe des Dichters
Wohnt in der Tiefe der Brust, seinem Geschlechte zum Heil.
Darum hört, was im ,Tell’ der Sänger der Freiheit gelegt hat
In des Sterbenden Mund – hört es, ihr Lebenden heut!

Jena, den 18. Mai 1848. Am Tage der Eröffnung des deutschen Parlaments.“

Gervinus schreibt unter Anderem:

„Schiller faßte den großen Gedanken, daß durch die Bildung, durch Kunst das deutsche Volk in dem Maße müßte veredelt werden, daß eine ähnliche Stunde (wie die der französischen Revolution) der politischen Erhebung Deutschlands ein für die Segnungen der Freiheit und für das Staatsleben besser vorbereitetes Volk finden müßte. Diese Fassung schließt so viel höchsten Seelenadel, so viel vaterländisches Gefühl, Freiheitsliebe und politischen Sinn in sich, daß es das Glänzendste, Edelste und Beste in Schiller’s Wesen ausspricht etc.“

(Jeden Besucher des Schiller-Hauses machen wir auf dieses Blatt unseres Gervinus besonders aufmerksam.)

Margaretha von Schiller, die Wittwe von Schiller’s Sohn Friedrich Wilhelm Ernst (schon 1841 †), sandte als „Dank für die Pietät der hochherzigen Stadt Weimar gegen den unsterblichen Dichter“, von Köln, im Frühling 1848, folgendes ebenfalls vom Geist des Völkerfrühlings dictirte Gedicht:

„Du schriebst mit Deines Herzens Blut,
Du warst des deutschen Volkes Herz,
Drum ist Dein Wort sein heilig Gut,
Bleibt ewig jung ihm, ewig wahr.

Du ahntest freie Morgenluft,
Vorläufer deutscher Freiheit Du –
Und sieh, gesprengt ist ihre Gruft!
Jetzt wird erfüllt Dein Seherwort!

Jetzt klingt Dein Name doppelt hell
An jedes brave deutsche Herz –
Mich freilich rührt zugleich er stets
Mit stiller Wemuth, stillem Schmerz.“

Günther, reg. Fürst zu Schwarzburg-Sondershausen, schrieb zu derselben Zeit in das Album:

„Die schönen Worte, welche Schiller in seinem ,Don Carlos’ den Marquis von Posa an den König Philipp richten läßt, sind auch in die Ohren deutscher Fürsten gedrungen, und nicht überall sind sie an den kalten Felsenherzen zurückgeprallt, in welchem der finstere Philipp seine Königswürde zu finden glaubte.“

[534] Friedr. von Wichert, königl. Hofrath, Bureau-Vorsteher und Bibliothekar bei der königl. Regierung in Königsberg in Preußen, widmet Schiller „im ersten Halbjahr 1848“ ein Sonett dessen Terzinen lauten:

„– – Wohl schwiegest Du nicht länger,
Du unser Stolz, Du edelster der Sänger,
   In solcher Zeit, wo Deutschland groß erstand.

Du ließest jetzt nicht ,blühn nur im Gesange
Das Schöne’, nein, Du sängst mit vollem Klange
  Von schöner That, vom deutschen freien Land.“

Ludwig Storch, der alte Dichter und Patriot und jetzt ältester Mitarbeiter der „Gartenlaube“, legt im August 1848 in Gotha seine Ansicht über die nationale Bedeutung von Goethe und Schiller im Album nieder, und namentlich den zum Kosmopolitismus verführenden Idealismus Schiller’s bekämpfend, kommt er auf den Schluß, den wir hier mittheilen müssen:

„Schiller schrieb 1795 unter Anderem an Jacobi: ‚Wir wollen dem Leibe nach Bürger unserer Zeit sein und bleiben, weil es Nicht anders sein kann, sonst aber und dem Geiste nach ist es das Vorrecht und die Pflicht des Philosophen und Dichters, zu keinem Volke und zu keiner Zeit zu gehören, sondern im eigentlichen Sinne des Wortes Zeitgenosse aller Zeiten zu sein.‘ Dies ist Schiller’scher Idealismus, der, auf das Leben angewandt, sich verflüchtet und uns einem trostlosen Kosmopolitismus anheim giebt. Nein, wir Alle, nicht Philosophen und Dichter allein, sondern das ganze Volk, wir wollen, und nicht blos dem Leibe nach, sondern auch dem Geiste nach, mit allen Kräften desselben, Zeitgenossen unsrer Zeit, Bürger unsres Staats, echte Söhne unsres deutschen Vaterlandes sein und bleiben, und nicht etwa, weil es nicht anders sein kann, sondern aus freier Liebe und lebendiger Ueberzeugung; wir wollen Partei nehmen für uns und unsre gute Sache, für ein freies deutsches Bürgerthum; wir wollen uns festklammern an dieses partikulare Deutschland, wir wollen uns mit Leib und Seele an den bestimmten Zeitangelegenheiten betheiligen. Das ist unsre große und schöne Aufgabe, das ist das unabweisbare Bedürfniß unsres Jahrhunderts. Darum kein starres Schillerthum, so wenig wie ein starres Lutherthum! Vielmehr ewig frisches Ringen und Streben nach Ausbauung und Vollendung des Lebens nach allen Seiten hin, von Geschlecht zu Geschlecht vererbt und erhöht. Schiller und Luther seien uns und unsern Nachkommen ideale Leitsterne, leuchtende Vorbilder, zu streben und groß zu sein in Gesinnung und That.“

Roderich Benedix, der Leipziger Lustspieldichter und Volksmann, schrieb im October 1848 in Köln am Rhein unter Anderem:

„Blitzartig durchzuckte in diesem Jahr der Gedanke, der Freiheit alle deutschen Volksstämme, und alle erhoben sich zu kräftiger That. – So rasch aber hätte der Blitzfunke der Freiheit nicht gezündet, wenn er keinen Brennstoff in den Gemüthern der Deutschen gefunden: – das war die Liebe zur Freiheit, genährt durch Schiller, der wahrhaft der Freiheitsapostel des deutschen Volkes ist. Jahre lang haben wir uns an den Gestalten eines Verrina, eines Posa, Tell, Stauffacher begeistert und ihre – Schiller’s – unsterbliche Worte leben nicht blos in unserm Gedächtniß, sie sind uns in Fleisch und Blut übergegangen. Die Geschichte des Jahres 1848 ist vorzugsweise Schiller’s Werk!“

Leopold Schefer, der berühmte Dichter des „Laienbrevier“, widmete zu Muskau am ersten Donnerstag im December 1848 dem Album folgende Dichtung:

                  „Die wahren Potentaten.

Ich stand auf hohem Berge im Maienabendroth,
Da sagte mir ein Wandrer: ‚Gott! – Schiller, der ist todt!‘ ‚Unmöglich!‘ sprach ich damals, ‚unmöglich ist er todt!‘
Er lebte mir im Herzen, als Sonn’ im Morgenroth;
Und jetzt in diesen Tagen erst rief ich laut: ,Er lebt!‘
Er hat mit Macht im Volke am Vaterland gewebt!
Den Tag, der uns umleuchtet, hat Er mit vorgebracht;
Die Todten leben göttlich! Sie sind die größte Macht!
Die großen Genien herrschen in stiller Ewigkeit –
Die kleinen Herrn regieren danach ihr Stündchen Zeit.
Im Geist der Menschen herrschen gar andre große Herrn!
Sie sterben nicht; begraben, bleibt erst ihr wahrer Kern.
Ein solcher Potentate war Schiller allen Herrn
Und allen Völkern eben. Er steht als Feuerstern
Klar über unsrer Erde und schauet jetzt uns gern!
Der Schiller herrscht in Deutschland, und noch auf Erden fern
Und fern in allen Zeiten. Ihn wählet Euch zum Herrn,
Begrüßt ihn alle Morgen als heil’gen Morgenstern.
Schaut Ihn als Posa drängen, als starken Tell Ihn thun.
Vor Brüderfeindschaft warnen, im Freiheitskampf nie ruhn!

Ebenfalls noch im December 1848 schrieb Heinrich König in Hanau in’s Album:

„Schiller hinterließ bei seinem leider! zu frühen Tode, außer dem edelsten Vermächtniß seiner menschlichen und poetischen Begeisterung für die Freiheit, das Legat eines liebenswürdigen Irrthums, den er mit seiner kosmopolitischen Zeit theilte. – ‚Das vaterländische Interesse’ – schreibt er an Körner – ‚ist überhaupt nur für unreife Nationen wichtig, für die Jugend der Welt.’ – Doch gerade jene Begeisterung löste diese Täuschung. Denn so wie die erste, unserm großen Dichter nachwachsende Generation das Vaterland von fremder Unterdrückung befreite, erwachte das nationale Selbstgefühl, das zuerst durch Franzosenhaß – seit 1813 – dann durch französische Sympathien – seit 1830 – zuletzt durch entschlossene Haltung gegen Frankreich – seit 1840 – fortwährend unter einheimischer Bevormundung, zum Selbstbewußtsein der letzten Märztage reiste. Wir wissen nun, daß das Ewig-Menschliche, dem Schiller huldigte, sich nur in den Eigenthümlichkeiten der Völker offenbart. Sind wir nun aber auch durch wirkliche Reife zum vaterländischen Interesse gekommen, so erinnert doch leider! so vieles in den Bewegungen, wodurch wir jenes Interesse in’s Leben einführen wollen, an Schiller’s ‚unreife Nationen’. Könnten wir doch heut noch einmal des Dichters reine und edle Begeisterung in uns erwecken, die, weit entfernt von unserm Taumeln, die hohe Göttin Freiheit nicht fasennackt und ohne das edle Gefolge von Mäßigung und Humanität, von Würde und Ehrerbietung auf den Thron eines großen Volkes setzen wollte, das sich selbst bisher der höchsten Ansprüche und des herrlichsten Glücks einer freien Nation für so würdig hielt!“

J. M. von Radowitz, der preußische General, Staatsmann und Gelehrte, einer der bedeutendsten Männer und besten Redner des Frankfurter Parlaments:

„Innerlich Freiheit, äußerlich Maß in Allem und Schranke,
Das ist des Lebens Gesetz, wie zu dem Menschen es spricht.

Frankfurt am Main, den 18. Februar 1849. Im neunten Monat des ersten deutschen Parlaments geschrieben.“

Friedrich Wilhelm Schlöffel, aus Schlesien, Reichstagsabgeordneter in Frankfurt am Main, einer der edelsten, muthigsten und entschiedensten Männer der ersten „deutschen constituirenden Nationalversammlung“, preist den Sänger der Freiheit in sechs Distichen, deren Geist wir aus den beiden folgenden erkennen:

„Lernet doch männlich reif die Worte der Muse zu deuten!
Sittliche Freiheit sei Herold der wirklichen nur!“

„Endet entschlossen den Bau auf des Menschenrechts mächtigen Pfeilern:
Thatloses Staunen belohnt nimmer des Dichters Verdienst.“

Der Schluß eines längeren Gedichts, das Moritz Hartmann dem „Schiller-Album“ widmet, lautet:

„Ein treuer Freund ist mir das Volk – symbolisch –,
Das herbergt, birgt und schützt in seinem Schooß
Die Männer, die verfolgt und obdachlos
Den neuen Glauben lehren apostolisch.
So war es stets – so wird es immer sein
Das Volk wird nach des Dulders Worte dürsten,
Und die bedroht von Kerkern ihrer Fürsten –
Die schließt das Volk in seine Herzen ein.

Frankfurt a. M. Paulskirche 27/2. 49.“

Eduard von Peucker, 1848 Reichskriegsminister, preußischer General, schreibt in’s Album am 1. März 1849:

„Nur in der vollkommenen Gleichheit aller Pflichten liegt die sichere Bürgschaft für die Erhaltung gleicher Rechte Aller. Gleichheit vor dem Gesetz und persönliche Ableistung jeder Wehrpflicht als unablösliche Ehrensache, sowohl für den Aermsten, als für den Reichsten, müssen als die wichtigsten Träger jeder Heeresverfassung angesehen werden etc. – Nur einer Heeresverfassung, welche gestattet, alle Kräfte des Landes zu seinem Schutze verfügbar zu machen, ist die Zukunft unseres deutschen Vaterlandes anzuvertrauen, nur in ihr ist der feste Unterbau zu suchen, auf welchem Deutschland, seiner selbst würdig, den ihm gebührenden politischen Standpunkt behaupten kann. Wenn daher Deutschland, als das Herz Europas, mit frischen und kräftigen Pulsschlägen auf seine Lebensthätigkeit einwirken will, so wird es jeden Tropfen Blutes seiner Söhne in seiner Wehrverfassung aufnehmen und seinen Heeren durch die Vereinigung aller moralischen Kraft und geistigen Bildung seiner Gaue jene höhere Weihe der edelsten Begeisterung, der Vaterlandsliebe und der Intelligenz ertheilen müssen, welche allein den Stand des Kriegers zu adeln, ihn aus den Tiefen roher Kraft auf den Gipfel geistiger Höhe zu erheben vermag.“

[535] Hoher Beachtung Werth ist die folgende Album-Gabe:

„'Der Mensch ist frei geschaffen, ist frei,
Und würd’ er in Ketten geboren?'

So sang der unvergeßliche Schiller.

Wollten doch Alle dem wahren Geist dieser Worte folgen, wahrlich es wäre mehr Freiheit unter uns. Lebte Schiller jetzt, sähe das allgemeine Ringen und Sehnen nach Freiheit, sicher würde er in das Chaos rufen: ,sucht erst unter Euch der Einheit Blüthe zu entfalten, dann reift die Frucht der wahren Freiheit – die des Geistes – sicher, und dann erst habt Ihr mich richtig erfaßt.’

Dem, was den Jüngling begeisterte, des Mannes Brust mächtig hob, dem zum Lohne verkündeter Wahrheit und vertheidigter Menschenrechte sieben Jahre lang Eingekerkerten Trost und Beruhigung gewährte, und dem Vertrauen auf den endlichen Sieg rechtlicher Freiheit zur festen Stütze diente – den Grundsätzen der Geistes- und Charaktergröße unseres unsterblichen Schiller – bringt, wenn auch mit zitternder Hand, an der Schwelle seines 75. Lebensjahres, dennoch mit inniger Pietät den Zoll seiner Verehrung anmit gerne dar

Bamberg, im März 1849.

Dr. Wilh. Jos. Behr,

vormals Professor der Rechtswissenschaften, dann erster Bürgermeister zu Würzburg, zuletzt Abgeordneter zur deutschen Nationalversammlung.“

Ebenso beachtenswert ist die folgende Inschrift eines ebenso edlen wie begabten Mannes, welchem die „Gartenlaube“ (Jahrgang 1869, Nr. 1, im Artikel „Banz und der Pater Roman“, S. 7) eine Erinnerung gewidmet hat:

„Schiller! Dein großer Geist hat alle Zeiten gelebt, auch die, welche Dein sterbliches Auge nicht sah, denn in der Seele des Dichters spiegelt sich das All, wie in der Natur. Der See, der, vom Föhn aufgewühlt, hier brandet, ist auch ein Beweis davon; Dein Fuß betrat nie sein Gestade und dennoch malt es uns Dein herrliches Gedicht so wahr, als habest Du die Farben dazu aus dem Duft seiner Berge und aus dem tiefen Grün seiner Fluth geschöpft. Theuer gemacht hast Du ihn dem Herzen aller Generationen und ihn mit jenem ewigen Glanz umwoben, welcher dem Morgenlicht gleicht, wenn es die hohen Firnen des Axenberges vergoldet. – Dieser See – o Schiller! – ist auch das Bild meiner Zeit; Baumgarten, der die Hände flehend nach einem Retter ausstreckt – ist er nicht Dein und mein Volk? Doch ihm erscheine kein Tell, es durch die Brandung zu steuern: – es vertraue der eigenen Kraft, die es – ach! so lange mißachtet hat. Nicht nach Frankfurt oder Berlin soll es sich umschauen nach seinen Helfern: daß sie dort nicht sind, fängt es endlich an – zu erkennen.

Dies in Dein Album, Schiller, von einem der Millionen Deiner Verehrer.

Coburg, im März 1649.
Gustav von Heeringen.“

Christian Friedrich Winter, der Vater, Buchhändler und Bürgermeister in Heidelberg, ein tapferer Freiheitsmann, schrieb im März 1849 in’s Album:

„Frei muß man denken, streben und schreiben, das Gedachte, Gesprochene, Gedruckte verbreiten dürfen, wenn das Rechte, Gute und Wahre gedacht und ausgesprochen werden soll. Worte aus meiner Motion am 5. Juni 1819 für Preßfreiheit in der badischen Kammer.“

Dr. Christian Reinhold, Professor der Rechte in Tübingen, theilt einen „Prolog“ mit, eine Dichtung, die ganz ein Gedankenspiegel jener Sturmperiode ist und von welcher wenigstens die erste Hälfte hier Platz finden muß.

März 1849.

„Was soll das Spiel in dieser wilden Zeit,
Wo Alles aus den Fugen scheint zu brechen?
Die Fürsten steh’n, die Völker kampfbereit,
Die Tänze schweigen, die Kanonen sprechen;
Im Osten grollt’s, der Czar ist nicht mehr weit.
Sein Pferd tränkt der Kosak in deutschen Bächen;
Und – während wir vor Stenographen hadern,
Spritzt schon das Blut der Freiheit aus den Adern.

Es war ein Frühlingleuchten angebrochen.
Die Feuerzeichen flammten auf den Bergen;
Den Diplomaten war in’s Herz gestochen.
Sie eilten, sich in Winkeln zu verbergen.
Man sah das Volk an die Paläste pochen.
Die Fürsten bebten zwischen ihren Schergen;
Nun that die harte Faust sich auf zum Segnen,
Und mit Versprechen fing es an zu regnen.

Das war die Zeit, wo Kronen wohlfeil waren.
Das Volk besann sich seiner Majestät,
Es kam, um’s alte Banner sich zu schaaren.
So wie ein einig Volk von Brüdern geht,
Das allzu lang der Trennung Schmach erfahren; –
Wie herrlich stand’s nun da, noch kaum geschmäht!
Was man schon lange nur auf Karten fand.
Da stand’s – das eine deutsche Vaterland.

Auf ewig schien der alte Haß verbannt,
Der uns’re Reih’n so blutig oft gespalten.
Dem Welfen reicht der Ghibellin die Hand,
Der Sachse will es mit den Schwaben halten.
Vereint steht Katholik und Protestant
Und läßt die Stirn den Jesuiten falten.
Ein Frühling war da lachend aufgesprungen,
Wie ihn kein deutscher Dichter noch besungen.“

Max Joh. Ganganelli Seidel, der Regisseur des Hoftheaters in Weimar, weihet dem Album einen „Nachruf an Schiller im Jahre 1849“ in Sonettform. Es ist ein Klagegesang auf die schon damals wieder gesunkene „Freiheit“, dessen letzte Verse lauten:

„Ist frei die Red’? Sind keine Kerker offen?
Sind Deutschlands Fürsten Eins mit ihrem Volke?
Dann hat das Volk auch Gutes nur zu hoffen!
Doch ach! – noch trübet manche finstre Wolke
Den Horizont; ‚Unsterblichkeit‘ hienieden,
Wie Dir, ist unsrer Freiheit nie beschieden.

Weimar, den 18. März.“

Carl Moering, k. k. Hauptmann im Geniecorps, Reichstagsabgeordneter für Wien in Frankfurt am Main, datirt:

„Am Tage der Zerreißung Deutschlands durch die Kaiserwahl, den 28. März 1849.“

Georg Waitz, der berühmte Geschichtsforscher, Abgeordneter des ersten holsteinischen Wahlbezirks der verfassunggebenden Nationalversammlung, schreibt prophetisch:

„Weimars Fürstentochter erzieht den Sohn, von dem Deutschland für das kommende Menschenalter die feste Leitung seiner Geschicke hofft. Wenn die Väter ihm Kraft und Treue zu überliefern haben, so möge der Sinn für die freie geistige Einigung der Nation, wie sie Weimar einst in dem Bunde der Dichter darstellte, ihm als ein mütterliches Erbe zufallen.

Geschrieben in Frankfurt in den Ostertagen 1849.“

Adolph Schoder, würtembergischer Regierungsrath, der charakterfeste und volkstreue Parlamentsmann von 1848, läßt sich vernehmen:

„‚An’s Vaterland, an’s theure schließ Dich an,
Das halte fest, mit Deinem ganzen Herzen.‘

(Schiller’s ‚Wilhelm Tell‘.)

Möchte diese Aufforderung in den jetzigen Tagen, wo entschieden werden soll, ob die von der deutschen Nationalversammlung beschlossene und verkündigte Reichsverfassung in’s Leben treten werde, in jedes Deutschen Brust dringen! Durch die Einführung dieser Verfassung erst wird den Deutschen das lang entbehrte Vaterland wieder geschenkt. Welcher Deutsche ein Vaterland will, der schaare sich um die Verfassung und unterordne seine persönlichen Ansichten über die beste Staatsform dem höheren Zwecke.

Frankfurt am Main, den 17. April 1849.

Adolph Schoder.“

Noch im April 1849 schreibt Eduard von Bauernfeld in Wien:

„Die deutsche Literatur war unser wahres Vorparlament, unsere geistige Freiheit der Vorläufer der politischen. Der Samen des Wortes, der von Luther und Hutten bis Goethe und Schiller und Börne in den deutschen Volksboden gestreut ward, ist zur vollen reifen Saat, gediehen, die jetzt nur – des Schnitters harrt.“

Ebenfalls vom April 1849 stammt die Inschrift des alten Justinus Kerner in Weinsberg:

„Du würdest, könnte man Dich wecken,
Zu schauen dieses Treiben an.
Erschauern tief und rufen dann:
‚Ja, ja! Der schrecklichste der Schrecken,
Das ist der Mensch in seinem Wahn!‘“

Jakob Venedey, einer der Führer der Linken im Frankfurter Parlament (vergl. „Gartenlaube“ 1871, S. 297), klagte im Juni 1849:

„Im März des Jahres 1848 sah es fast so aus, als ob das deutsche Volk zum Selbstbewußtsein erwacht wäre, im Juny 1849 lag es in Angst und Demuth wieder auf den Knieen, auf dem Bauche und winselte. Wenn heute ein Deutscher mit einem so großen und so feinen Herzen wie der Schiller lebte, es würde brechen bei dem Gedanken an die Schmach des deutschen Volkes. Der festeste Glaube schwankt, das unwandelbarste Vertrauen in die Zukunft Deutschlands bricht zusammen. Und doch hat ein Schiller dem deutschen Volke gelebt, und doch lebt ein Schiller im Herzen des deutschen Volkes! Der Same wird nie untergehen; wie wenig Früchte er auch bis jetzt getragen hat, er wird einst auf die rechten Felder fallen. Wer aber heute, im Juni 1849, Schiller’s Werke ohne Erröthen lesen kann – für den hat kein Schiller gelebt, kein Schiller gedichtet.“

[536] Jakob Robert Steiger, der schweizerische Patriot und Staatsmann, durch sein politisches Märtyrerthum in Luzern und vom Sonderbundskrieg her eine geschichtliche Person, schrieb am 18. August 1849 für das Schiller-Album Folgendes nieder:

„Kühn wallt mit philosophischem Geiste den Völkern voran die Phantasie des unsterblichen Dichters – kaum noch Gedanke, ein Wort, ein Nebelgebilde. – Aber dem Embryo gleich, erhält das dunkle Gebilde, der Gedanke, das Wort Fleisch und Bein und wird ein lebenskräftig Geschöpf. Wenn oft unförmlich im Beginn, wie der Adler beim Durchbrechen des Ei’s, erreicht die einmal zur That werdende Idee bald die Kühnheit des ersten Gedankens, und die erst gaffende Menge jauchzt zuletzt selbst Triumph dem leitenden Geist zu.

Den Glauben an die Gewalt der Idee lasse im Glück und im Unglück sich Niemand rauben. Dem Unterdrückten ist er der leitende Stern in der Nacht des verfolgenden Schicksals, dem Unterdrücker ein blutig Gespenst für die mißbrauchte Gewalt – Allen die Aussicht des Lohns für den geistigen Werth.

Nicht verzagt! Der deutsche Geist wird eine Wahrheit sein, wie in der Idee, so in der That!“

Zehn Jahre nach der großen politischen Weihe der Paulskirche widmete Bernhard Endrulat dem Album den folgenden Dank, welcher den Schluß unserer Mittheilung bilden mag:

„Als Deutschland unter’m Schritt der Fremden stöhnte,
Da schiedest du, sein bester Geist, von hinnen.
Du sahst nicht mehr das Freiheitswerk beginnen,
Sahst nicht den Sieg, der uns’re Fahnen krönte!

Doch fort und fort dein heil’ger Name tönte;
Dein Geist sprach feurig zu des Jünglings Sinnen,
Scholl ihm im Sturz erstürmter Feindeszinnen,
Und wo der Feldschlacht Riesendonner dröhnte.

So warst du dennoch bei uns, hoher Sänger,
Und deiner Feldherrnschaft ist heiß zu danken,
Daß wir entledigt sind der fremden Dränger.

Du siegtest längst im Reiche der Gedanken
Da trug dein Volk die Schmach des Druck’s nicht länger:
Es schritt dir nach, und alle Fesseln sanken!“

Wenn ich jetzt noch einmal die beiden Album-Bände mit ihren mehr als zweihundert Blättern im Geiste überschaue, so drängt sich mir doch das Gefühl der Verpflichtung auf, noch auf manchen Namen in denselben hinzuweisen, der in unserem engen Rahmen keinen Platz fand.

Vor Allen wollen wir, eben weil es bei der jüngeren Generation nicht mehr Sitte ist, das Alter ehren. Die drei ältesten Einzeichner sind der damals achtzigjährige Hofschauspieler Graff in Weimar, der ebenso alte Geheime Medicinalrath Meyer in Minden und Graf Christian Ernst von Bentzel-Sternau, der Staatsmann und Schriftsteller, der, von seinem Humor noch im zweiundachtzigsten Jahre nicht verlassen, sondern jung erhalten, zwei Jahre später, 1851, auf seinem Landsitze Marienhalde am Zürichsee starb. Aus dem Fürstenstande finden wir den König Oscar von Schweden, den Fürsten Heinrich LXII. von Reuß-Schleiz, die Fürstin Caroline von Schwarzburg-Rudolstadt, den Fürsten Lynar in Dresden; Schiller’s Familie ist noch vertreten durch Schiller’s Schwester Christophine (Reinwald), Ludw. von Gleichen (Schiller’s Enkel), und Schiller’s Töchter Emilie von Gleichen-Rußwurm und Caroline Junot, sowie endlich durch Charlotte von Schiller, des Dichters Gattin.

Zahlreich und sinnig haben die Künstler aller Art dem Dichter ihre Huldigungen dargebracht: durch Inschriften die berühmtesten Namen der Bühne (Auguste Crelinger, L. Dessoir, E. Devrieut, Th. Döring, A. Haizinger etc.), durch Compositionen die Tonmeister (Chelard, W. Ernst, Hiller, Lindpaintner, Lortzing, J. C. Lobe, Drouet etc.) und endlich die Maler (wie Achenbach, Crola, Gegenbaur, C. G. Hammer etc.) durch Bilderschmuck. Hier müssen wir ganz besonders auch Professor Thon und Fräulein Angelika Facius, die Bildhauerin, nennen, welche, jener durch ein Titelblatt, diese durch ein Schiller-Portrait, den Einband künstlerisch ausstatten halfen.

Die im Album vertretenen Schriftsteller, Gelehrten, Dichter und sonstigen Verehrer Schiller’s hier aufzuzählen, wird man uns gern erlassen. Wer auf dem geweihten Boden Weimars weilt, wird es nicht versäumen, auch das Schiller-Haus zu besuchen und das Album aufzuschlagen. Muß doch schon der eine Reiz dazu verlocken, auf diesen Blättern die eigene Handschrift so vieler berühmter und bedeutender Männer und Frauen zu sehen und ihnen geistig dadurch näher zu kommen; denn die Handschrift verräth ja viel vom innersten Menschen, und wir finden sie von allen Arten, von der Verschnörkelung, welche die Eitelkeit liebt, bis zu den ruhigen und festen Zügen des vertrauenswürdigen Charakters, vom raschen Striche der Jugend bis zu den zitterigen Zeilen der Greise. Aus allen aber spricht das, was unser Eingangsgruß uns sagt, wie hoch unser Schiller in den Herzen aller Deutschen steht, wie innig „das deutsche Volk ihn liebt.

Friedrich Hofmann.