ADB:Fritzsche, Hermann

(Weitergeleitet von ADB:Fritsche, Hermann)

Empfohlene Zitierweise:

Artikel „Fritzsche, Hermann“ von Friedrich August Eckstein in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 8 (1878), S. 119–121, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Fritzsche,_Hermann&oldid=- (Version vom 18. Februar 2020, 19:12 Uhr UTC)
Allgemeine Deutsche Biographie
>>>enthalten in<<<
[[ADB:{{{VERWEIS}}}|{{{VERWEIS}}}]]
Band 8 (1878), S. 119–121 (Quelle).
Wikisource-logo.png [[| bei Wikisource]]
Wikipedia-logo-v2.svg Adolf Theodor Hermann Fritzsche in der Wikipedia
GND-Nummer 104238860
Datensatz, Rohdaten, Werke, Deutsche Biographie, weitere Angebote
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Kopiervorlage  
* {{ADB|8|119|121|Fritzsche, Hermann|Friedrich August Eckstein|ADB:Fritzsche, Hermann}}    

{{Normdaten|TYP=p|GND=104238860}}    

Fritzsche: Adolf Theodor Hermann F., Philolog, geboren am 3. Juni 1818 in Groitzsch (K. Sachsen), † am 9. Februar 1878 in Leipzig. Er stammte aus einer Familie, deren Glieder über ein Jahrhundert schon Predigerstellen bekleidet hatten und deren Glieder durch den Oheim, dessen Söhne und Enkel in Theologie und Philologie wissenschaftlich berühmt sind. Sein Vater Johann Dorotheos F. († 1863) war Pfarrer in dem anmuthig gelegenen, an geschichtlichen Erinnerungen reichen Oertchen Groitzsch; seine Mutter Dorothea Charitas, eine Tochter des verdienten Leipziger Bürgermeisters Hermann, der aus Goethe’s Dichtung und Wahrheit in den weitesten Kreisen bekannt ist. Die Eltern mußten dem zarten und schwächlichen Kinde große Sorgfalt zuwenden, um es zu erhalten. Den Unterricht ertheilte der Vater selbst, bis er ihn Ostern 1830 der Nicolaischule in Leipzig übergab, in deren Quinta F. aufgenommen wurde. Unter den damaligen Lehrern haben Funkhänel und Frotscher den meisten Einfluß auf ihn geübt und dem Rector Nobbe verdankt er die frühe Hinweisung auf die Dichtungen Theokrit’s und die Lust an lateinischer Versification. Tüchtig geschult bezog er Ostern 1836 die Universität Leipzig, um Philosophie und Philologie zu studiren. Bei Klotz und Westermann hat er philologische, bei Wachsmuth historische Vorlesungen gehört, besonders aber hat G. Hermann ihn gefördert nicht allein durch seine Vorlesungen, sondern mehr noch durch die Uebungen im philologischen Seminar und in der griechischen Gesellschaft. Hier schloß er ein inniges Freundschaftsbündniß mit Ziegler, dem einzigen Würtemberger unter Hermann’s Schülern, mit Ameis und Kreusler, die alle in ihren wissenschaftlichen Arbeiten fast gleiche Wege verfolgten, mit Stephani (dem Archäologen) u. a. Als Student schon hat er mehrere lateinische Oden drucken lassen, die von einer jetzt seltenen Fertigkeit und Gewandtheit zeugen. Später wendete er sich nach Gießen und habilitirte sich an der Ludwigsuniversität am 21. Februar 1844 durch Vertheidigung der Abhandlung „De poetis Graecorum bucolicis“. Im J. 1849 erhielt er eine außerordentliche Professur, die er am 12. Mai mit der „Oratio de philologia humanitatis fundamento“ antrat. Sie ist in dem Archiv f. Phil. u. Pädag. jenes Jahres gedruckt worden und gibt in sehr excentrischen [120] Formen den Werth der Hilfswissenschaften, Grammatik, Hermeneutik, Kritik, um dann die Bedeutung für eigentlich humane Bildung zu entwickeln, die neben der christlichen ihre Geltung behalte. 1850 kam er als außerordentlicher Professor nach Leipzig; zu einem Ordinariate ist er nicht gelangt, hat aber den Hofrathstitel erhalten. An Auszeichnungen sind ihm von Preußen der Kronenorden 4. Klasse und von Schweden der Nordsternorden verliehen. Er las über alte Schriftsteller, über Metrik, Grammatik, wurde aber in der Regelmäßigkeit der Vorlesungen durch Kränklichkeit vielfach gestört. Die lausitzer Predigergesellschaft veranstaltete unter seiner Leitung Uebungen in der Exegese des neuen Testaments. Nach Hermann’s Muster hatte er eine societas graeca gebildet, deren Uebungen er in seiner Wohnung abhielt und wol am Schlusse des Halbjahres mit einem Symposion schloß, bei dem den mit Kränzen geschmückten socii römischer Wein vorgesetzt wurde. Hier wurde Sophokles, Theokrit und Aristoteles interpretirt, aber auch die lateinischen Schriftsteller sind beachtet, mit Vorliebe die Lieder des Horaz. Durch die Pflege des Lateinsprechens übte er einen guten Einfluß. Durch die philologischen Uebungen erhielten diejenigen eine zweckmäßige Vorbereitung, welche nicht sofort Aufnahme in dem Seminare finden konnten. Die Abhandlungen von zwei Mitgliedern widmete er 1863 als „Acta societatis graecae“ der Philologenversammlung in Meißen. Mit regem Interesse berieth er junge Studirende über die Einrichtung ihrer Studien, plauderte gern mit ihnen und schenkte ihnen liebevolle Theilnahme. In seinen letzten Lebensjahren übertrug ihm die Universität die Redaction der halbjährlich erscheinenden Verzeichnisse der Vorlesungen. – Seine schriftstellerische Thätigkeit beschränkte sich auf einen früh schon gezogenen Kreis, auf bucolische Dichter der Griechen, Pindar, Tragiker und außerdem Horaz. Die Beschäftigung mit der Geschichte der griechischen Philosophie hatte ihn in Gießen auf Aristoteles geführt; das achte und neunte Buch der Nicomachischen Ethik erschien 1847, die Eudemische folgte 1851, nachdem 1849 die „Epistola critica de locis quibusdam ethicorum Eudemiorum“ vorausgegangen war. Theokrit’s Idyllen gab er mit deutscher Erklärung zuerst 1857 und in zweiter Auflage 1869 heraus; die beigefügte faßliche Uebersicht des Dorismus sollte die Schullectüre dieses Dichters erleichtern. 1865–68 folgte die große Asgabe „commentario critico et exegetico instructa“, in welcher die vollständige Sammlung des kritischen Materials und ein reichhaltiger Commentar für Gelehrte beabsichtigt ist. Die litterarhistorischen und dialectischen Untersuchungen sind nicht erschienen und damit das Werk unvollendet geblieben. Zur Ergänzung mögen dienen das Schriftchen „Theokrit und Virgil“ (1860), der in Heidelberg gehaltene Vortrag „Theokrit als Idyllendichter“ (1865) und die „Epistula critica de Theocriti carmine aeolico“, welches Studemund in Mailand gefunden hatte, 1866 in dem Rhein. Mus., Bd. 21 S. 247; außerdem die in Gelegenheitsschriften veröffentlichten lateinischen Uebersetzungen von „Thysis“ (1856) und „Pharmaceutriae“ (1862), auch „Bionis et Moschi idyllia quinque“ (1860). Eine Frucht seiner Pindarischen Studien sind nur die deutsche Uebersetzung der zweiten olympischen Siegeshymne (1861) und der Vortrag auf der Rostocker Philologenversammlung „Der ἀνὴρ ἀγαθός[WS 1] bei Pindar“. Durch Heindorf’s Ausgabe der Horazischen Satiren schon auf der Schule angeregt hatte er sich lange mit einer neuen Bearbeitung dieser Dichtungen beschäftigt; sie erschien 1875 u. 76 unter dem Titel „Des Horaz Sermonen“ in zwei Bändchen und bietet eine ungemein reiches, aber nicht so geschmackvoll wie bei seinem Muster verarbeitetes Material. In der Kritik ist er conservativ und nimmt Holder zum Vorbild, bei den Erklärungen denkt er weniger an Schüler als an gereistere Leser und Freunde des Dichters. Das Schriftchen „Horaz und sein Einfluß auf die deutsche Lyrik“ [121] (1861) charakterisirt seine Eigenthümlichkeit bei der Erklärung der Alten, die durch seine genaue Kenntniß moderner, namentlich deutscher Dichter veranlaßt wurde, das Heranziehen von Parallelstellen aus diesen, was in solchem Umfange keiner so leicht ihm nachmachen wird. Die lateinische Dichtung übte er mit großem Geschick in den verschiedensten Arten als Oden, Eklogen, in Catullischen und Horazischen Formen; er ließ nicht leicht eine festliche Gelegenheit vorübergehen, ohne sie mit einem Gedicht oft von großem Umfange zu feiern. Sogar aus orientalischen Dichtern hat er mit Dr. Amthor „Horti Persici et Arabici in Latii valles translati“ (1842) drucken lassen. Auch deutsche lyrische Dichtungen hat er viele geliefert; der Titel der Sammlung „Hebe und Charis“ (2. Ausg. 1859) läßt nicht vermuthen, daß einige geistliche Lieder sich darin finden. Aber er war das echte Kind eines protestantischen Pfarrhauses und bewährte sich als solches in seinem Verhältnisse zur Kirche bis an sein Lebensende. Zu den philologischen und kritischen Zeitschriften hat er viel Beiträge geliefert und zuletzt noch durch seinen Antheil an Bursian’s Jahresberichten bekundet, wie genau er selbst auf die kleinsten litterarischen Erscheinungen, die in seinen Kreis gehörten, achtete. – Trotz seiner Gebrechlichkeit reiste er gern und weit; bei den Versammlungen deutscher Philologen fehlte er ungern. Heiterer Geselligkeit war er nicht abhold; in größerer Gesellschaft trug er durch seine lateinischen Tischreden zur Hebung derselben bei. Er war glücklich verheirathet und hinterläßt einen Sohn. In den letzten Wochen hatte er schwer zu leiden, sodaß der sanfte Tod eine Erlösung war. Um seinen Sarg sammelten sich treue Freunde und dankbare Schüler.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. „aner agathos“, etwa: der gute, der edle Mensch.