Textdaten
>>>
Autor: Sophie Junghans
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Schwertlilie
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 14–26, 27–34, S. 221–229, 242–250, 261–267, 277–284, 293–298, 309–315, 325–330, 341–346, 357–362, 373–376, 389–392, 409–414, 429–434
Herausgeber: Adolf Kröner
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1893
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Fortsetzungsroman in den Nummern 14–34
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
korrigiert
Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal Korrektur gelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite
[221]

Schwertlilie.

Roman von Sophie Junghans.
1.

In dem Gartensaale im Flügel des pfalzgräflich Birkenfeldschen Schlosses waren die Glasthüren weit geöffnet. Draußen auf dem großen Kiesplatz, den hohe glattgeschnittene Taxushecken gleich Wänden einfriedigten, lag eine milde Septembersonne. Eben knirschte der Sand unter dem kräftigen Tritte eines hochgewachsenen Herrn; dieser kam quer über den sonnigen Platz und betrat über die flache Treppe von wenigen muschelförmig weit geschwungenen Stufen den Gartensaal, als ob er rasch hindurch wollte. Er stockte aber, sah sich um und wieder um und zog dann die geraden Brauen mit einem belustigten Frageblick in die Höhe.

„Was giebt’s denn hier Wendel?“ sagte er zu dem ältlichen Manne in dunkler Hausoffiziantenlivree, der eben die Einrichtung des Raumes vollendet zu haben schien.

Der Haushofmeister der Pfalzgräflichen Hoheit kam mit devotem Dienerschritt heran, um dem Kavalier Rede zu stehen. Er schien es nicht ungern zu thun: das schöne, heitere, vornehm sorglose Antlitz des jungen Herrn mit dem gutmüthig spöttischen Zug unter dem dunklen Bärtchen verrieth einen Mann von der Art, der das Vertrauen und die Ergebenheit der Dienerschaft gewiß niemals zu fehlen pflegt.

„Die Frau Obersthofmeisterin hält die Lesestunde,“ erklärte Herr Wendel und machte eine Pause, während die Blicke beider noch einmal über die beiden halbkreisförmigen Doppelreihen der weißen geschweiften Sessel mit den etwas verblichenen Seidenbezügen flogen. Aber auch Tische waren in gewissen Abständen zwischen die Sessel vertheilt, und auf diesen Tischen standen Körbchen mit Garnknäueln und lag allerlei weibliches Handarbeitsgeräth. Neben demjenigen Armstuhl, welcher eine Art Ehrenplatz oben in der Mitte zwischen den Sesselreihen einnahm, lag auf einem Tische ein großes Buch, schwarz gebunden und von ehrwürdiger Dickleibigkeit. Der jüngere Herr hatte, wie gesagt, diese ganze Einrichtung überflogen mit dem scharfen Auge, in dessen Tiefe dabei ein Funken lustigen Spottes glomm. Auch der etwas erhöhte Platz war ihm dabei nicht entgangen, hinter dem Sitze der Vorleserin, und auf ihm der tiefere, größere, weiß und goldene Sessel, dessen Schnörkellehne oben die Pfalzgrafenkrone trug.

[222] „Ja, die Frau Obersthofmeisterin halten heute wieder die Lesestunde,“ sagte Wendel noch einmal. „Sehr erbaulich, Herr von Nievern. Ein paarmal schon haben Hoheit die Frau Pfalzgräfin geruht, eine Weile zuzuhören. Wie Sie bemerken, muß immer ein Sessel für sie gesetzt werden.“

„Ja, den Sessel sehe ich,“ meinte Herr von Nievern trocken.

„Es geht aber sonst ganz zwanglos, ganz – wie soll ich nur sagen? – nun, ganz familiär zu,“ redete der alte Hausoffiziant weiter. „Die Frau Pfalzgräfin wünscht, daß die Damen sich unter sich und wie zu Hause fühlen ... sie bringen ja auch, was die Verheiratheten silld, ihre Kinder, will sagen die jungen gnädigen Herrschaften mit. Drinnen im grünen Sälchen wird ein goûter serviert ... die jungen Herrschaften bekommen Konfekt und Milch.“

Jetzt saß das Lächeln des Herrn von Nievern gleichsam in dem Grübchen des hübschen festen Kinns. „Trinken die Damen auch Milch?“ fragte er.

„Nein, wenn die Lektüre beendet ist, wird Thee herumgereicht,“ belehrte Herr Wendel ernsthaft. Seine Augen wanderten dann nach der großen Uhr über der mittleren Saalthür, und er fügte hinzu: „Dreiviertel auf sechs! Jetzt müssen die Damen bald hier sein.“

Parbleu, schon so spät!“ meinte Herr von Nievern, und er schritt nun rasch auf eben jene Thür unter der Uhr zu, die von dem Flügel in den Mittelbau des Schlosses führte. Haushofmeister Wendel folgte ihm ehrerbietig, um die Thür vor ihm aufzustoßen und sich mit einer Verbeugung daneben aufzupflanzen, während der Hofherr hindurchschritt. Merkwürdig, daß er es fertig brachte, dabei, während seine ganze Person diensteifriger Respekt war, doch noch eine Frage an den Mann zu bringen: „Gnädiger Herr haben jetzt Vortrag bei der Frau Pfalzgräfin?“

„Ja, vortrefflichster der Haushofmeister“ – mit angenommenem Ernst und übermüthigem Augenblitz – „immer vorausgesetzt, daß Hoheit ihren ergebenen Diener nicht samt seinem Vortrag zum Teufel schickt, um Muße für die fromme Lektüre mit Milch zu gewinnen.“

„O – ah – gnädiger Herr scherzen!“ Der Haushofmeister verbeugte sich, etwas betreten lächelnd, hinter dem Herrn her, den sein federkräftiger Schritt jetzt davontrug. Er schloß die hohen Flügelthüren hinter jenem und sah dann die leeren wartenden Sessel für die Erbauungsstunde und besonders den mit der Krone kuriosen Blickes an. Der wird ja nun wohl leer bleiben – das waren so seine Gedanken dabei.

Eine halbe Stunde später waren aber die andern Stühle wenigstens zum großen Theile besetzt, und wo sich noch ein leerer fand, da bedeckten ihn beinahe die weiten Falbelröcke der Damen, und die Köpfe mit den Lockenscheiteln neigten sich über die Lücke gegeneinander mit Bewegungen des Beifalls, wenn die Frau Obersthofmeisterin oben am Ende einmal eine Pause im Lesen machte. Und die „Betrachtungen über den Nutzen, so die heilige Kirche durch ihre Sakramente denen Seelen gewähret“, waren von dem geistlichen Verfasser glücklicherweise in ziemlich kurze Kapitel eingetheilt. Wenn die Obersthofmeisterin mit einem zum Schluß gelangt war, legte sie das Buch offen neben sich auf den Tisch, und das war dann das Zeichen für den Beginn einer anfangs noch mit mäßigen Stimmen geführten Unterhaltung, die aber allgemach etwas lebhafter wurde und zuletzt auch hier und da ins Weltliche hinüberschattierte. Immerhin aber lag doch eine gewisse leicht feierliche Dämpfung über dem ganzen Verein der zu diesen Erbauungsstunden Eingeladenen.

Diese Einladung war eine Ehre, besonders für die weiter unten sitzenden Damen, von denen einige, wie die Kammerräthin, die Prokuratorin und die Schultheißin, nicht einmal von Adel waren. Sie sahen besonders erbaut aus und hörten mit einer völlig hingenommenen Ausschließlichkeit zu, als Personen, welche sich dem Heile, das ihnen unter so ehrenvollen Umständen entgegengebracht wurde, ganz kritiklos hingaben. Der Adel weiter oben ließ die Sache schon etwas mehr an sich herankommen. Man hörte zwar auch mit schicklichem Ernste zu, aber man begab sich doch nicht aller Urtheilskraft; wie zum Beispiel die Frau von Wartenberg dem Fräulein von Oettingen jetzt zuflüsterte, die Obersthofmeisterin sei einmal wieder greulich verschnupft heute, worauf das Fräulein die Augen zum Himmel hob, als wollte sie sagen, es gehöre christliche Geduld dazu, den durch die Nase gehaltenen Vortrag überhaupt anzuhören.

Durch die Nase sprach sie allerdings, die arme Obersthofmeisterin, und zwar durch eine nicht eben schöne, dünne, vorn geröthete. Wenn sie an chronischem Schnupfen litt, so war das kein Wunder. Das Hofleben fordert, wie alle wissen, die es kennen, eine unerhörte Abhärtung und Verleugnung aller körperlichen Menschlichkeiten, ja sozusagen des Körpers überhaupt. Jung war sie auch nicht mehr, die Obersthofmeisterin von Kallenfels, sondern in dem Alter, in dem eine Frau bürgerlichen Standes, oder die in der Familie lebt, sich erlanben darf, eine Matrone zu sein. Aber so gut wurde es der Obersthofmeisterin nicht. Mageren langen Körpers, auf dem die Hoftoiletten recht gut zur Geltung kamen, war sie eine jener ton- und farblosen Naturen, denen das Leben alles mögliche Säuerliche bietet, weil sie dabei nur wenig die Miene verziehen. Ihr Amt bei der ziemlich jung verwitweten Pfalzgräfin war keine Sinekure; es erforderte ihre Gegenwart bei allem, was der Hof vornahm. Sie saß mit der Hoheit in der Karosse, und so oft der durchlauchtigsten Dame eine fliegende Hitze ankam, wurde auf der Seite der Obersthofmeisterin und ihres wahrscheinlich daher empfindlichen linken Ohres ein Wagenfenster geöffnet, wenn nicht gar auf beiden Seiten die Scheiben niedergelassen und einem heillosen Zugwind Eingang gewährt wurde. Vom langen Stehen auf den Steinplatten des kleinen Empfangssaales hatte die Obersthofmeisterin eine Steifheit im linken Beine davongetragen, die ihren am Hofe heimlich bespöttelten Stelzengang verursachte. Der Aufenthalt in einem kaum geheizten Kabinett neben dem Schlafzimmer der Fürstin, morgens vor dem Lever derselben, war für sie und die Ehrenfräulein an Wintertagen auch nicht angenehm. Da sie sich aber niemals beklagte und alles mit demselben trockenen Anstand ertrug, so bestand die willkürliche Annahme, daß sie die Kälte nicht fühle. Ueber ihre rothe Nasenspitze und die bläulichen Finger wurde von seiten der Jugend gekichert, keinem Menschen aber fiel es ein, diese Eigenthümlichkeiten mit einem Mangel an körperlichem Behagen bei ihr irgend in Verbindung zu bringen.

Eben war das zweite Kapitel beendet, und die Damen bedienten sich der Freiheit, nun auch ihrerseits ihre Zungen mäßig gebrauchen zu dürfen. Dagegen gönnte man den Händen einige Ruhe, die während der Vorlesung keineswegs müßig waren, sondern sich in einer diesen Erbauungsstunden angemessenen Weise mit der Anfertigung von Kleidern für Arme beschäftigten.

Eine der Damen hielt eben ein Kinderkamisol, an dem sie sich bethätigt hatte, in die Höhe und schüttelte jetzt das Kleidungsstück wie ermuthigend, da es ihm irgendwo zu fehlen schien.

„Mich dünkt, Sie haben die Aermel verkehrt eingesetzt, Fräulein von Motz,“ sagte ihre Nachbarin, eine noch hübsche Frau mit zartem verblühten Gesicht und kühler Stimme.

„Ach, Frau von Biberen, machen Sie mich nicht unglücklich! Das alles noch einmal auftrennen!“ rief Fräulein von Motz in halb scherzhafter Verzweiflung. „Polyxene hatte mir neulich den einen Aermel eingesteckt, mit Heftnadeln, damit ich mich danach richten könnte, aber die Nadeln sind herausgerutscht .. “

„Wo mag Fräulein von Leyen denn heute bleiben?“ warf eine Dame von gegenüber dazwischen.

„Sie kommt gewiß noch,“ meinte Fräulein von Motz und wandte einen hilflosen Blick von dem Machwerk in ihren Händen nach der Gartenseite des Saales.

„Wahrscheinlich wenn wir uns mit dem Sakramente der Ehe beschäftigen,“ sagte Frau von Biberen, deren scharfes Züngelchen gefürchtet war. Fräulein von Motz, noch ziemlich jung, aber vorausbestimmt zur alten Jungfer mit ihrem Knörzlein von Nase in einem dicken apfelrunden Gesicht, Fräulein von Motz war demnach durchaus nicht schön, aber eben so wenig bösartig. Sie ließ die spitze Bemerkung der Frau von Biberen unbeachtet und schaute unverwandt nach ihrer Freundin aus, um dann einige Augenblicke später mit einem Seufzer der Erleichterung vor sich hinzumurmeln: „Da ist sie.“

Ueber den Kiesplatz vor dem Saale kam in stolzer Haltung ein schlankes blondes Mädchen geschritten, den Arm über der Schulter eines ebenso schönen hellhaarigen Knaben. Sie hatten beide etwas vornehm Unbekümmertes, wie sie, so nahe der fürstlichen Behausung, noch mehr miteinander als mit der Versammlung drinnen beschäftigt schienen, die aber auf die Herankommenden desto aufmerksamer war. Die Damen machten fast sämtlich lange Hälse. „Wieder in dem dünnen Fähnchen!“ flüsterte eine – es war die Prokuratorsfrau – zu ihrer Nachbarin. „Das kennen wir nun auch.“

Indessen hatten Polyxene von Leyen und ihr kleiner Vetter Ludwig von Leyen sich draußen auf der Rampe vor der Glasthür, die zu dem grünen Sälchen führte, getrennt. Denn der zwölfjährige [223] Junker Ludwig mußte hier unter die Kinder, so wenig das auch dem kräftig aufgeschossenen Jungen behagte. Fräulein Polyxene guckte erst noch einmal durch die Scheiben der Thür und sah, wie er der kleinen Gesellschaft eingereiht wurde, dann trat sie durch die nächste Thür bei den zur Erbauungsstunde versammelten Damen ein.

Zu spät kam sie nun einmal, aber Verlegenheit und Schuldbewußtsein deswegen zu zeigen, lag nicht in Polyxenens Natur. Sie schritt erst mit ihrem leichten sichern aufrechten Gang hinter der einen Sesselreihe hin bis in die Nähe der vorsitzenden Obersthofmeisterin und machte der eine gefällige wohlabgemessene Verbeugung und dann nahm sie ihren Platz zwischen Fräulein von Motz und Frau von Biberen ein, beide freundlich begrüßend.

„Sehr glücklich, Sie noch zu sehen, liebe Leyen,“ sagte Frau von Biberen, die niemand etwas schenkte. „Wissen Sie auch, daß Sie einen großen wichtigen Theil der heutigen Erbauung versäumt haben?“

„Ist schon so viel gelesen? Da hätte ich wohl besser gethan, gar nicht mehr einzutreten,“ meinte Polyxene, mit einem Anflug von Schalkheit und der Miene eines großen Schulmädchens. Sie setzte sich ehrbar zurecht, zog aus einem großen seidenen Retikül, den sie am Arme getragen hatte, ihre Arbeit, wurde aber zunächst von Fräulein von Motz flüsternd um Hilfe angegangen von wegen des unglücklichen Aermelsitzes. Und jetzt begann auch die Obersthofmeisterin ein neues Kapitel, so daß die beiden jüngern Damen wenigstens vollauf zu thun hatten, ihre Aufmerksamkeit schicklich zwischen dem frommen Werke ihrer Hände und dem geistlichen Ohrenschmause zu theilen. –

Und die Frau Pfalzgräfin? Der erhöht stehende Sessel mit der Krone hinter der lesenden Obersthofmeisterin blieb heute leer, Herr Wendel hatte richtig vermuthet. Die Frau Fürstin befand sich indessen im Hauptbau des Schlosses im blauen Kabinett und nahm den Vortrag ihres Landforstmeisters, des Herrn von Nievern, entgegen. Kabinett hieß das hohe stattliche Gemach nach Versailler Muster. Welcher westdeutsche Hof hätte sich wohl damals, im Jahre 1716, dem Einflusse des französischen entzogen! Der Birkenfeldsche insbesondere folgte ihm aus der Entfernung wie ein Planet bescheidener Größe der Sonne; es war schon zu Lebzeiten des Pfalzgrafen so gewesen, und seine Witwe blieb um so mehr in diesem Geleise, als es kaum irgend etwas gab, was ihrer Natur besser entsprochen hätte als diese Art Nachahmung aus der Ferne, wobei der weibliche Eigenwille doch noch freien Spielraum behielt.

Sie war kein übles Weibchen, Frau Sabine Eleonore; auch eine Pfälzerin, aus der Veldenzer Linie des Hauses. Recht hübsch auf den ersten Blick, nur daß das glatte Gesicht vielleicht allzuglatt war. Ein Puppenmäulchen, zu kurzes und zurückweichendes Kinn und ebensolche Stirn, und hohe schwache Augenbrauen, das waren die Mängel, die aber meist nur der merkte, der von den leuchtenden Farben des Antlitzes, des Halses und der Arme nicht geblendet wurde. In ihrer ersten Jugend war dieser Schmelz ein echter und großer Reiz der Pfalzgräfin gewesen; jetzt half die Kunst ein wenig nach, aber es war doch auch noch viel vom Eigenen da. Daß sie deshalb an Schönheit mit allen Göttinnen des Olymps verglichen wurde, war die kleine Pfalzgräfin gewohnt und sie betrachtete das als einen schuldigen Tribut. Aber seltsam: der Mann, der jetzt in ehrerbietiger Haltung zwar, doch ohne alle Steifheit in einiger Entfernung von ihr mit seinen Papieren an einem Tischchen saß, hatte ihr fast niemals Huldigungen dieser überschwenglichen, wenn auch damals ganz gewöhnlichen Art dargebracht. Und trotzdem war die fürstliche Frau ihm nicht ungnädig gesinnt, ganz im Gegentheil. Er hatte ihr nämlich dennoch von jeher die Empfindung zu geben gewußt, daß kein Reiz ihrer Person an ihm verloren sei und daß er gewisse Feinheiten – der Toilette sogar – besonders zu würdigen wisse.

Heute trug Frau Sabine Eleonore graue Seidengewänder wie gewöhnlich – die Farbe paßte zu ihrem Witwenstand, und diese sanften und diskreten Halbtrauertöne waren auch zugleich diejenigen, welche während der kürzlich verflossenen letzten Jahre des großen Königs Ludwig die Herrscherin von Versailles, die Gattin seines frommen Greisenalters, die kluge Frau von Maintenon, stets beliebt hatte. Der viereckige tiefe Ausschnitt der steifen Taille ließ den Hals und den Ansatz des Busens frei; um die weiße Kehle aber war wieder eine schwarze Spitzenkrause gelegt. Und die Pfalzgräfin Sabine, deren französische Kammerfrau dieses letztere kleine Raffinement heute zum ersten Male angebracht hatte, hatte deutlich gesehen, wie im Anfang einmal, kurz nach seinem Eintritt, der Blick des Herrn von Nievern auf dem Stückchen Hals zwischen dem Kleiderausschnitt und der schwarzen Krause wenn auch ohne Dreistigkeit, denn solche lag ihm fern, so doch immerhin mit einer gewissen Billigung geruht hatte.

Etwas mehr als ein solcher Blick wäre hier ganz undenkbar gewesen, denn es ging bei diesen Vorträgen, die der jugendliche Landforstmeister seiner Herrin von Amtswegen hielt, mit fast steifem Dekorum zu. Aber freilich konnte er, wenn er wollte, schon darin eine leise Gunst seiner Landesherrin spüren, daß er diese Vorträge überhaupt zu halten berufen wurde. Denn es war noch nicht lange her, daß sich die hohe Dame für das Forst- und Domänenwesen ihres Ländchens interessierte; eigentlich erst, seit diese Zweige der Verwaltung in den Händen des Herrn von Nievern ruhten, von ihm übrigens weit ernstlicher gepflegt wurden, als man es dem sorglosen Hofkavalier zugetraut hätte. Herr von Nievern hatte kürzlich eine kleine Inspektionsreise nach der Kur-Trierschen Grenze hin gemacht, um ein altes Jagdschloß, Hubertstein, welches die Birkenfeldschen Pfalzgrafen dort besaßen, der Besichtigung zu unterziehen und in jener abgelegenen gebirgigen Gegend den Zustand der Waldungen zu prüfen. Darüber erstattete er jetzt Bericht.

Pfalzgräfin Sabine Eleonore saß sehr gerade und aufrecht in ihrem Sessel – eine andere Haltung hätten die Fischbeine in ihrem Kleide schon gar nicht gestattet – hatte den einen weißen Arm, den vom Ellbogen an nur noch zarte Spitzen bedeckten, aufgestützt und verhielt sich wenigstens so ruhig, als ob sie aufmerksam zuhörte. Herr von Nievern gab bündige Vorschläge, eine nothwendige Aufforstung der Waldungen betreffend, und schloß dann auf einmal, die Hand mit dem Papier sinken lassend und die hübschen Augen auf die Dame gerichtet: „Was ich Pfalzgräflicher Hoheit gehorsamst unterbreitet haben wollte. Sind Hoheit mit meinen Vorschlägen einverstanden?“

So unmittelbar befragt, konnte die hohe Dame es nicht völlig bergen, daß ihr die Stimme des Herrn von Nievern nur mehr die angenehme Begleitung zu einer Reihe ebenfalls nicht unangenehmer Gedanken gewesen war und daß sie kaum wußte, wovon die Rede sei. Ganz überraschend war dem Landforstmeister die Sache nicht, denn trotz seiner gesetzten Miene schoß ihm ein Blick leisester Schalkheit aus den Augen. Und der traf, halb zufällig, auf ein anderes Augenpaar und wurde verstanden. Es war nämlich noch eine Person mit den Zweien im Gemach, eine etwa dreißigjährige fahlblonde Frau, nicht häßlich, aber mit einem nonnen- oder witwenhaften Anflug in Kleidung, Haltung und Miene. Sie hielt die hellen Wimpern meist gesenkt, und doch hatten sich, als Herr von Nievern eben halb belustigt über die Zerstreutheit der fürstlichen Dame aufblickte, ihre Augen und die des Kavaliers sekundenlang getroffen in jenem plötzlichen unwillkürlichen Einverständniß über die andere Person hin, welches zwei Klügere gegen einen Dritten auf Augenblicke zu Verbündeten macht.

Herr von Nievern hatte sie vorher kaum angesehen. Zum Teufel, dachte er jetzt, dumm ist die wenigstens nicht, und er musterte die bescheidene Dame nun erst aufmerksam. Sie sprach indessen zur Fürstin, und er hatte Ursache, bei seinem Urtheil zu bleiben: dumm ist sie nicht, ganz im Gegentheil! Denn sie faßte mit großem Geschick noch einmal kurz zusammen, was der Landforstmeister vorgetragen und worüber er eine Entscheidung von der Pfalzgräfin gewünscht hatte. Sie ihrerseits hatte ihm gut zugehört; es schmeichelte ihm förmlich, wie genau sie wußte, was er gesagt hatte. Er wendete ihr das hübsche Gesicht jetzt voll zu und – nur ein Herr von Nievern erlaubte sich so viel in fürstlicher Gegenwart – und nickte leicht seinen Beifall. Sie achtete nicht darauf; den ehrerbietigen Blick ausschließlich auf die Fürstin geheftet, fuhr sie fort: „Meiner Unerfahrenheit und meinem geringen Verstande in weltlichen Dingen bitte ich es zugute zu halten, wenn ich den Herrn Landforstmeister nicht völlig verstanden habe; ich habe immer viel Nachsicht nöthig. Der Scharfsinn Pfalzgräflicher Hoheit, der alles sofort zu durchdringen pflegt, wird uns zu Hilfe kommen.“

„Schmeicheln Sie nicht, liebe Méninville,“ sagte Frau Sabine Eleonore, aber mit sehr wenig ernstlicher Abwehr. Und dann zu Herrn von Nievern: „Wir sind sehr mit Ihnen einverstanden, Herr Landforstmeister, darin, daß unsere Waldungen wieder in die Höhe gebracht werden müssen. Und Sie haben Vollmacht von uns, die Beforstung um Hubertstein herum in der von Ihnen vorgeschlagenen Weise vorzunehmen. Lassen Sie sich, ich bitte, die dazu nöthigen Beträge von der fürstlichen Rentkammer auszahlen. Eine schriftliche [224] Anweisung?“ – wieder war es Frau von Méninville gewesen, die halblaut und bescheiden an diese nothwendige Form erinnert hatte – „Gewiß ... lassen Sie das aufsetzen .. ich werde unterschreiben.“

Wenn die Pfalzgräfin die Sprache der Regierungs- und Verwaltungsgeschäfte redete, hatte sie immer etwas von einem altklugen Kinde, das diese und jene Wendung von den Erwachsenen aufgefangen hat. Nach Kinderart verfuhr sie auch mit ihrer Signatur. Zuweilen unterschrieb sie alles in Bausch und Bogen, viel zu ungeduldig und träge, um sich mit dem Inhalt der ihr vorgelegten Aktenstücke ordentlich bekannt zu machen. Und dann wieder, je nachdem ihre Laune stand, wurde sie mißtrauisch und störrisch, witterte Bevormundung von seiten der alten erfahrenen Beamten und es war irgend eine nothwendige Unterschrift von ihr Wochen hindurch nicht zu erhalten. „Wenn wir nicht alle so ehrlich wären, Herr Landforstmeister,“ hatte noch neulich der alte Rentamtmann Döberlein zu dem Herrn von Nievern bedeutsam gesagt, „ja, ja, wenn wir nicht alle so ehrlich wären!“

Herr von Nievern verbeugte sich in Anerkennung der ertheilten Vollmacht und blätterte dann noch einmal in seinen Papieren. Er suchte nach einer Notiz, die er sich gemacht hatte. Da war es. „Die Hubertsteiner Jagd,“ sagte er, „würde noch weit ergiebiger sein, wenn es Dero Pfalzgräflichen Gnaden gelänge, den an die Herren von Leyen seiner Zeit abgetretenen Theil wieder in Ihren Besitz zu bringen. Er ist –“ er blickte in seine Aufzeichnungen – „fünfzig Morgen groß, also von gar nicht unbedeutendem Umfang, liegt als Enklave mitten in den fürstlichen Waldungen und umfaßt außer sehr werthvollen Beständen von altem Hochwald die höchste Gipfelfläche des sogenannten Heidenkopfes. Das ist, wie der gnädigen Frau ohne Zweifel bekannt sein wird, ein wilder Bergrücken, wohl eine halbe Meile ins Geviert. Der Wald, der die Höhe einst bestanden hat, ist längst gefallen; jetzt giebt es da oben nur Moor- und Bruchland und dichtes Gestrüpp. Das gute dumme Bauernvolk der wenigen Dörfer in der Umgegend blickt mit Scheu von weitem nach dem kahlen Gipfel; es mögen dort von der Heidenzeit her gottlose Bräuche getrieben worden sein, und sie vermeinen, es sei heute noch droben nicht geheuer. Das alles aber stört Birk- und Auerhahn nicht, im Gegentheil, das edle Wild hat dort, wo schon seit Jahren wenig Abschuß ist, sein Paradies. Ich selber habe nachts auf dem Hubertstein die Hähne von drüben balzen hören ... es zuckte mir in den Fingern.“ Er brach ab, wahrscheinlich um nicht einem in der fürstlichen Gegenwart unziemlichen Weidmannseifer zu verfallen, nahm wieder seine Zuflucht zu seinen Papieren und fuhr dann in einem andern Tone fort: „Die dermaligen Besitzer haben in dem herrlichen Waldrevier nichts als eine Krähenhütte stehen und dann allerdings noch ein Gemäuer, nicht viel größer als ein Backofen, in dem ein uralter Moosbart von einem Förster haust, ein ungefüger Waldmensch, hab’ ich mir sagen lassen, ohne Respekt vor irgend jemand, so daß der Hubertsteiner Schloßverwalter es für nöthig hielt, selbst mich zu warnen.“ Herr von Nievern lächelte leicht. Nun, es ist nicht meine Art, auf fremdem Gebiet zu pirschen. Aber die Grenze ist für den zeitweiligen Jagdgast auf Hubenstein nicht immer leicht kenntlich; das Wild wechselt zuweilen kurz herüber und hinüber, und dero Kastellan machte mir bemerklich, daß es dem unmanierlichen Alten drüben ganz einerlei sei, wer ihm vor den Büchsenlauf komme, und daß er meist scharf geladen habe.“

„Ich erinnere mich,“ sagte die Pfalzgräfin, „daß schon mein seliger Herr darüber klagte, die Leyens seien von jeher widerhaarig und hoffärtig gewesen. Aber jetzt steht ja das Geschlecht nur auf vier Augen. Es lebt nur noch der Enkel des alten Freiherrn Josias, der kleine Freiherr Ludwig, bei seinem Vormund, dem wunderlichen alten Obersten von Gouda auf der Herrenmühle, und von dem andern, dem weniger begüterten Zweige ebenfalls nur eine Minorenne, die Polyxene, das hübsche Fräulein von Habenichts, die der Alte auch bei sich aufgezogen hat.“

Erst als Frau von Méninville wahrnahm, daß die Pfalzgräfin hier eine Pause in ihrer Rede eintreten ließ, erlaubte sie sich bescheidenen Tones eine Bemerkung. Dieselbe lautete: „Ist Fräulein Polyxene von Leyen noch nicht zweiundzwanzigjährig?“

Der leise Nachdruck auf den Worten „noch nicht“, überhaupt der ganze Irrthum belustigte die Pfalzgräfin. „Wo denken Sie hin, liebe Méninville! Das Mädchen ist kaum achtzehn Jahre alt!“ rief sie. Frau Sabine war über alle Verhältnisse des Adels ihres Landes sehr genau unterrichtet.

„Mich dünkt, sie sehe viel älter aus,“ meinte Frau von Méninville, immer mit der bescheiden unterdrückten Stimme. „Es liegt dies wohl an ihrer Haltung.“

„Ja, sie trägt den Kopf sehr hoch,“ sagte die Fürstin. Und dann, wieder zu dem Landforstmeister gewendet, der an dieser kleinen Abschweifung, eine junge Schöne betreffend, keinerlei Antheil genommen hatte: „Man müßte sich, Herr von Nievern, in Betreff der Leyenschen Enklave an den Vormund des jungen Erbherrn, den Obersten von Gouda, wenden. Ich ermächtige Sie, Unterhandlungen mit ihm einzuleiten.“

Das klang recht schön, fürstlich und zugleich geschäftsmäßig, aber damit hörte auch der praktische Werth dieser Ermächtigung so ziemlich auf, wie der Landforstmeister bald erfahren sollte. Er verneigte sich jetzt abermals, ließ eine schickliche Pause entstehen und durfte, da die Pfalzgräfliche Hoheit von nichts weiterem begann, seine Audienz als beendet betrachten.

Nun nahte sich der stattliche Mann der Dame um wenige Schritte, gewinnende, ritterliche Ehrerbietung in jeder Linie seiner biegsamen Gestalt. Er sah, daß es ihm vergönnt sei, ja, daß es erwartet werde – denn Hand und Arm seiner Gebieterin wurden ihm ein wenig entgegengebracht, mundgerecht, sozusagen: zart und ehrfurchtsvoll berührte und stützte er diese weiße Hand mit den Fingerspitzen und drückte dann das weiche Bärtchen und die Lippen darauf, Lippen, die zu küssen verstanden! Und nicht nur seine warmen Lippen sprachen eine stumme Sprache, auch seine schlankkräftigen Finger, mit denen er die wächsernen Fingerspitzen der Pfalzgräfin ganz eigen, mit einem zögernden Nachdruck, umschlossen hielt und dann langsam, langsam nur, losließ. Und ebenso langsam hob er das Auge und ließ einen raschen prüfenden Blick über sie gleiten. Er sah, was er erwartet hatte: den leisesten Anhauch von weiblicher Verwirrung auf diesem hübschen leeren Gesicht.

Aber er sah auch noch etwas, und das hatte er weder erwartet, noch sehen wollen. Ganz zufällig streiften seine Augen jenen Schatten der Pfalzgräfin, das schmale Wesen in Grau und Schwarz, das sich seitwärts hinter ihr hielt. Und wieder, zum zweiten Male heute, traf Blick in Blick; und aus diesem gedankenschnellen Kreuzen der Klingen ging der Mann nicht als unzweifelhafter Sieger hervor, denn die bescheidene Witwe wurde nicht verlegen wie eine ertappte unwillkommene Zeugin, sondern schien mit ruhigem Auge vielmehr zu sagen: ja, allerdings, ich habe Euch eben zugesehen. Etwas Weiteres freilich auszudrücken, sei es nun Billigung oder Mißbilligung dessen, was sie beobachtet hatte, erlaubte sie ihren frommen blonden Mienen nicht, und am allerwenigsten etwa einen Triumph über ihre kleine Mitwisserschaft.

Jedenfalls aber wußte Herr von Nievern nunmehr, daß er mit dieser würde zu rechnen haben. –

Frau Sabine Eleonore war wieder allein mit der Gesellschafterin, welche sie in der letzten Zeit auffallend viel an sich herangezogen hatte. Die Witwe des Herrn von Méninville, eines sehr mäßig begüterten lothringischen Edelmannes, war auf die allerbeste Empfehlung, die man haben kann, auf geistliche nämlich, an den pfalzgräflichen Witwenhof gekommen. Dem Beichtvater der Fürstin, dem Jesuitenpater Gollermann, war sie von einem Ordensbruder in Philippsburg, wo sie den Herrn von Méninville vor einigen Jahren begraben hatte, sehr warm ans Herz gelegt worden, bildlich gesprochen natürlich. Und Frau von Méninville rechtfertigte alles, was ein geistlich gesinnter Freund von ihr sagen konnte, um ihr den dornigen Witwenpfad ein bißchen zu ebnen, in vollem Maße.

Es gehörte gar nicht wenig dazu, sich so bald der allgemeinen Duldung am Hofe zu erfreuen, wie Frau von Méninville es that, sie, die diesem kleinen Hofe im großen Stile, diesem Hofe voll wichtiger Etiketterücksichten und daraus sich ergebender Eifersüchteleien und Empfindlichkeiten, so kurz erst und so ganz von außen und wurzellos eingepflanzt worden war. Aber bei ihr war es doch wieder kein Wunder. Sie war ja eigentlich nur halb weltlich, wie sie zuweilen mit einer Art von sanftem Scherze sagte. Sie erstrebte nichts, beanspruchte nichts, wollte keinen verdrängen, ordnete sich allenthalben unter – sie war die christliche Demuth selber. Nur mit Mühe hatten ihre Freunde – man wußte das hier aus bester Quelle, nämlich von ihr selber – nur mit Mühe hatten die Freunde sie nach dem Tode ihres Gemahls davon abgehalten, sich in ein Kloster zurückzuziehen. Ihr Herz und Gemüth strebte unablässig dorthin, der Entschluß, die frommen Gelübde doch noch auszusprechen, war nur aufgeschoben, nicht aufgehoben.

[226] Sie machte aus diesem allem kein Hehl; war sie doch, wie sie von sich bekannte, die Offenheit selber. Frau von Méninville war überhaupt eine Vereinigung guter und nützlicher Eigenschaften. Zu den letzteren gehörte ihre große christliche Dienstfertigkeit. In den Häusern, in denen sie, besonders zu Anfang ihres Aufenthalts in Birkenfeld, verkehrt hatte, ehe sie soviel am Hofe war wie jetzt, hatte sie ohne den geringsten Stolz zu allerhand Verrichtungen, Dienstleistungen sogar, sich gebrauchen lassen; sie hatte die Dienstboten, die Kinder überwacht, hatte geholt, gebracht – dafür dann natürlich die Mahlzeiten und die volle häusliche Vertraulichkeit ihrer Gönner getheilt, die meist dahin gekommen waren, sich vor der guten harmlosen Seele in jedem Sinne, auch moralisch, im Negligé zu zeigen. Frau von Méninville war aber zuverlässig und verschwiegen – wieder zwei gute und brauchbare Eigenschaften; man hatte nie davon gehört, daß sie die genaue Kenntniß einzelner Haushaltungen, die sie besaß, etwa in anderen verwerthet hätte. Kurz, Klatsch gewöhnlicher Art konnte man ihr nicht zum Vorwurf machen.

Uebrigens lagen jene Zeiten ihrer bescheidenen Anfänge in Birkenfeld jetzt weit hinter ihr, jetzt, wo die höchste Person des Landes, die Pfalzgräfin Sabine Eleonore selber, Frau von Méninville immer ausschließlicher ihres Vertrauens würdigte.

Die beiden Damen waren also allein. Die Pfalzgräfin hatte nach des Herrn von Nievern Abgang noch eine Weile aufrecht und steif dagesessen, ohne zu reden. Die umständliche Handarbeit, die in einem vergoldeten Korbe ihr zur Seite stand, hatte sie noch nicht wieder aufgenommen. Es war eine mit reicher Gold- und Seidenstickerei zu verzierende Altardecke, ein großes Unternehmen. Gerade aber, als die hochfürstliche Geduld der Dame für diese Arbeit zu erlahmen und ihre anfängliche Lust daran einem mäßigen Abscheu Platz zu machen begann, da hatte es sich gezeigt, daß Frau von Méninville dieser Stickerei kundig war und eine wahre Leidenschaft für dieselbe hegte – wenn man bei einer so sanften Seele überhaupt von Leidenschaften sprechen konnte. Sie bat bescheiden um die besondere Gunst und Gnade, zuweilen an der fernsten Ecke der Decke arbeiten zu dürfen, während die hohe Frau an der von ihr angefangenen Seite derselben beschäftigt war; schon durch diesen Zwischenraum konnte die ungeheuere Rangabstufung ausgedrückt werden. Gern gestand Gräfin Sabine Eleonore ihr die Erlaubniß zu. Und so saß denn Frau von Méninville jetzt oft stundenlang im Gemach der Pfalzgräfin, in der hochfürstlichen Gegenwart, auf einem niederen Tabouret etwas hinter dem kronengeschmückten Sessel, in den fleißigen Händen ihren Zipfel der Altardecke, an der Frau Sabine Eleonore auch ihrerseits ein weniges stichelte, mit vielen Pausen, ein Zustand, dem ein unsagbares Etwas von Schmeichelhaftem und Auszeichnendem für die bescheidene Witwe anhaftete.

Eben wanderten die leeren blauen Augen der Pfalzgräfin nach dem Zifferblatt der Wanduhr mit ihrem verschnörkelten Gehäuse, und sie sagte gedehnt: „Ma foi, die Erbauungsstunde im Gartensaal muß ja längst begonnen haben!“

Frau von Méninville, die sie beobachtet hatte, war gleich mit ihrer Bemerkung bereit. „Die Erbauung dürfte nunmehr fast beendet sein,“ sagte sie. „Hoheit beliebem sich zu erinnern, daß die Frau Obersthofmeisterin ein für allemal die Weisung hat, nicht auf Pfalzgräfliche Hoheit zu warten, wenn hochdieselbe einmal durch wichtige geschäftliche Angelegenheiten verhindert sein sollte, zu erscheinen, wie es heute der Fall war.“

„Ja, ganz recht; es ist für heute nichts mehr damit,“ sagte die fürstliche Dame erleichtert. Also eine wichtige geschäftliche Angelegenheit hatte sie vorhin mit dem Herrn von Nievern erledigt. Wie hübsch von ihr! Sie empfand beifällig gegen sich selbst. Sie war dessen vorher gar nicht recht inne geworden, aber die Méninville hatte zugehört, die mußte es ja wissen.

„Der Herr vom Nievern nimmt sich, dünkt mich, seines Postens recht gut an,“ ließ sie sich jetzt vernehmen. Sie konnte der Versuchung, noch einmal den Namen dieses Mannes ins Gespräch zu bringen, so wenig widerstehen, wie es das allerunfürstlichste Frauenzimmerchen gethan haben würde.

Frau von Méninville durchschaute sie wie Glas. Die gute Méninville – sie sagte immer, was man gerade zu hören wünschte. Den kleinen Skrupel wegen der Versäumniß der neu eingerichteten Erbauungsstunde hatte sie da eben so hübsch aus dem Wege geräumt. Jetzt entgegnete sie mit ihrer bescheidenen Zurückhaltung: „Daa ist die allgemeine Stimme. Jeder rühmt den Scharfblick Eurer Pfalzgräflichen Hoheit, mit dem Hoheit diesem Kavalier gerade dies wichtige Amt übertragen haben.“

„So!“ sagte die Pfalzgräfin geschmeichelt. „Erst wollten einige meinen, er wäre nicht sérieux genug dafür.“

„Er ist ein Herr von Geschmack und vortrefflichen Manieren. Hier zu Lande soll aber einer, der die Geschäfte versteht, immer auch zugleich ein grober Bär sein.“

Die Pfalzgräfin lachte über die anzügliche Bemerkung ihrer Gefährtin. Frau von Méninville aber wußte, daß der Gegenstand, an dem man war, einiges Verweilen recht wohl vertragen würde. Daher begann sie wieder: „Der Herr von Nievern ist, wie ich neulich von den Damen Ihrer Hoheit hörte, längere Zeit auf Reisen gewesen? Man merkt es seinem Betragen auch wohl an, daß er sich an fremden Höfen umgethan hat.“

„Ja. Mein seliger Herr, dem er hart darum anlag, hat ihm damals noch in Gnaden Permiß gegeben,“ sagte die Pfalzgräfin. „Er hatte Geschäfte in Holland, wo ein Oheim von ihm kinderlos verstorben war; es hieß, er sollte erben. Wie es damit geworden ist, hat der schlaue Vogel nie recht kundthun wollen. Bar Geld muß er aber wohl einiges überkommen haben; hat er sich doch von da nach England gewendet und ist, um seine Lust am Abenteuer zu büßen, dort gar zur See gegangen und zu Schiff in der Neuen Welt gewesen!“

Selten, daß die Pfalzgräfin so anhaltend sprach; Frau von Méninville machte sich ihren Vers darauf. „Man hört dergleichen nicht von vielen deutschen Edelleuten,“ sagte sie in bescheidenem Tone. „Die meisten begnügen sich mit ein paar Campagnen, die sie in anderer Herren Ländern mitmachen, unter einem Feldherrn von Renommee, und es ist ihnen darum zu thun, mehr mit heimzubringen, als sie fortgetragen hatten. Seine Reiselust hat doch aber den Herrn von Nievern seiner gnädigen Herrschaft nicht abwendig gemacht. Als eine Sonne hat dieselbe diesen schweifenden Planeten wieder an sich gezogen. Und man merkt es, er ist jetzt zufrieden genug, dieselbe in größerer Nähe umkreisen zu dürfen.“

Die Pfalzgräfin begriff nicht rasch und war meist viel zu träge zum Nachdenken. Hier aber verlohnte es sich. Die Meinung der Méninville war jedenfalls schmeichelhaft gewesen, und wie gut gewählt der Ausdruck! Die fürstliche Dame suchte sich ihn im Geiste zu wiederholen, was ihr ziemlich gelang. Sie eine Sonne – das war sie gewohnt, was hätte sie im System der Weltkörper wohl anders sein können! – und der Planet dieser liebenswürdige Mann, der in angemessener Entfernung – die Entfernung brauchte ja nicht sehr groß zu sein – aber an diesen seinen Platz gebannt jahraus jahrein um sie seine Bahn zog, die Augen stets nur auf ihre Person gerichtet, stets bewundernd wie heute ... sie war das wohl zufrieden! „Sie reden zuweilen wie ein Buch, liebe Méninville,“ sagte sie denn auch nach einer Pause gnädig. „Wenn doch unsere andern Damen auch so unterhaltend wären!“

„Mein Glück ist vollkommen, wenn ich Eurer Hoheit zuweilen die Zeit kürze,“ erwiderte darauf Frau von Méninville, sich im Sitzen verneigend. „Das Hauptverdienst beim Genuß dieser für mich so unschätzbaren Stunden darf aber Pfalzgräfliche Hoheit selber beanspruchen, die meinen bescheidenen Bemerkungen mit so feinem Verständniß entgegenkommt.“

Leute, welche die Sache nicht selber betreiben, die ehrlicheren Naturen, haben meist keinen Begriff davon, wie dick aufgetragen eine Schmeichelei sein darf, um doch noch vortrefflich zu wirken. Sabine Eleonore stand nach kurzer Zeit auf und begab sich in eine Ecke des Gemaches, wo auf geschweiftem Tischchen eine Schatulle stand. Sie öffnete und zog die zierlichen Schubfächer auf. Frau von Méninville war auch in die Höhe gefahren; sobald die Hoheit stand, stand alles, was sich in ihrer Gegenwart befand. Sie hielt dabei nicht ohne Unbequemlichkeit die durch ihre Goldstickereien schon recht schwere Altardecke schwebend und verlor keine Bewegung der kleinen fürstlichen Pompfigur drüben aus den Augen. Die Gräfin hatte ein mittleres Fach geöffnet, und die matten Augen der Méninville hatten sich geschärft. Da lagen Schmucksachen von einigem Werthe, das wußte sie. Mit spitzen Wachsfingern stocherte die Pfalzgräfin ein weniges darin herum; sie nahm auch etwas zwischen diese Finger, verblieb aber damit im Schublädchen und mußte den Gegenstand wohl wieder hingelegt haben, denn die Hand kam leer heraus und verschloß das Fach wieder. Es schoß etwas über das Gesicht der sanften Witwe, blitzschnell – es war ein verächtliches Lächeln gewesen; man wußte, daß die kleine Pfalzgräfin geizig war.

[227] Diese öffnete ein anderes Gefach und enthob demselben nach einigem Zögern ein Etwas, das auch glimmerte und gleißte, als sie jetzt damit auf Frau von Méninville zukam. Aber ach, der Schimmer war nur derjenige dünner Goldflitter; sie hingen franzenartig von dem kleinen Dinge herab, einem mit Gold- und Silberfäden verzierten Buchzeichcn, welches die Pfalzgräfliche Hoheit jetzt der devot dastehenden Méninville hinhielt. „Da, nehmen Sie das, liebe Méninville, als ein kleines Andenken ... ich ... ich hatte es Ihnen zugedacht,“ sagte Sabine Eleonore dabei, etwas ungeschickt und stotternd, wie ihr das bei Gnadenbezeigungen geschehen konnte.

Die Méninville empfing das Ding, augenscheinlich eine Klosterarbeit, mit tiefer Verneigung und einem durch den Respekt gemilderten Entzücken, dessen Ausdruck ihr vorzüglich gelang. Zugleich haschte sie nach der Hand der Fürstin und küßte sie inbrünstig. Dann versenkte sie sich in die Beschauung des Geschenkes, dessen Werth sie zugleich im stillen auf einen viertel Gulden etwa taxierte.

„Es ist nur eine Kleinigkeit,“ sagte die Pfalzgräfin in einem Tone, in dem deutlich ihre kindische Bewunderung der Herrlichkeit durchklang.

„Von unschätzbarem Werthe für mich als ein Souvenir an die Huld und Gnade Pfalzgräflicher Hoheit gegen dero unwürdige Dienerin“ erwiderte die Méninville.

Jetzt trat, nach beendigter Erbauungsstunde, die Obersthofmeisterin von Kallenfels ihren Dienst bei der Pfalzgräfin wieder an, und Frau von Méninville zog sich zurück.

Sie wohnte in der Nähe des Schlosses, immerhin aber hatten ihre ziemlich verwöhnten Füße sie durch mehrere Gassen zu tragen, die ein außerordentlich holperiges Pflaster aufwiesen und zudem durch allerhand Abhub aus den Häusern, der unbekümmert hinausgeworfen wurde, alles andere eher als sauber waren. Auch eng waren diese Gassen, und als jetzt eine von zwei schweren Pferden gezogene Karosse hinter ihr her kam, mußte Frau von Méninville sich dicht an die Häuser drücken, um sie vorüber zu lassen.

In der großen veralteten Kutsche, vor welcher die Fußgängerin dergestalt Front machen mußte, saßen zwei Personen, links ein Knabe, zu seiner Rechten hochaufgerichtet ein junges Fräulein. Die Leyens waren es, Vetter und Base, die sich nach der eine viertel Meile von dem Städtchen entfernten Herrenmühle zurückbegaben. Frau von Méninville, im Begriff, ihren Gruß anzubringen, mußte bemerken, daß Polyxene von Leyen in aller Aufrichtigkeit ihrer nicht acht hatte, und kniff die Lippen zusammen. Des jungen Ludwig helle fröhliche Blauaugen aber waren sie gewahr geworden. Sie mochte eine etwas wunderliche Figur abgeben, auf einem abschüssigen Haufen Küchenabfall stehend, platt an die Wand des Hauses gedrückt, an dem derselbe sich niedersenkte, in ihrem schwärzlichen weiten Faltenmantel, dessen Kapuze hoch über ihrem Kopfe aufstand und der wohl ehrbar und halb geistlich, aber nicht eben schön ließ. Ludwig von Leyen packte lachend den Arm seines Bäschens und sagte ihr halblaut etwas, worauf sie ein weniges den hochgetragenen Kopf wendete und flüchtig nach der Seite neigte, der Frau von Méninville so einen sehr leichten Gruß spendend. Uebrigens hatte der Junker, sich seiner Kavalierspflicht erinnernd, doch auch noch zuguterletzt den Federhut gerückt.

Als die Kutsche glücklich vorüber gerumpelt war – sie hing in ziemlich altersschwachen Federn – stieg Frau von Méninville von ihrer unsauberen Höhe herab auf das Niveau der Gasse. Das Gesicht mit der empfindlichen Blondinenhaut sah fleckig geröthet aus und die dünnen Lippen verschwanden fast. Wie waren die Worte gewesen, die sie da eben hatte hören müssen, von dem unbesonnenen Knaben gesprochen? „Sieh doch die Krähe, die Scheuche dort!“ – Frau von Méninville wiederholte sich bedächtig den schmeichelhaften Vergleich – sie würde ihn nicht vergessen!

Dem Knaben war der lustige Spott von seiner Verwandten auch verwiesen worden. „Das war nicht fein, Lutz,“ hatte Polyxene ernsthaft gesagt. Sie hatte zwar die fromme Witwe bisher weit weniger beachtet, als diese jedenfalls verdiente; aber es lag nicht in ihrer Natur, unbedeutende oder gar dürftige Leute mit Worten mißhandeln zu lassen. Daß sie von Fräulein von Leyen für letzteres, sehr mit Unrecht aber auch für das erstere, für völlig unwichtig nämlich, gehalten wurde, merkte Frau von Méninville selber gar wohl. Und es ist noch die Frage, was sie den Verwandten mehr übel nahm, den unartigen Uebermuth des einen oder die geringschätzige Duldung der anderen.




2.

Es war in der ersten Morgenfrühe eines dieser Septembertage und noch nicht fünf Uhr, als in dem alten weitläufigen Gebäude, welches man die Herrenmühle nannte, und auf dem Hofe drunten ein gedämpftes Regen begann. Menschenstimmen hörte man nicht oder kaum. Der Mann, der die beiden Pferde aus dem Stalle führte und an einen ländlichen Wagen spannte, enthielt sich jedes lauten Zurufs. Die Pferde freilich schnaubten und scharrten, aber der dicke Herbstnebel, der noch alles einhüllte und ihnen alsbald in Tropfen um die Mäuler hing, schluckte diese Laute ein.

Während dessen traten aus dem Thor des Herrenhauses Ludwig und Polyxene von Leyen in den Hof. Sie waren beide zur Jagd gerüstet. Er wie sie trug eine Flinte am Lederriemen über dem dunklen Ueberrock. Diese beiden tuchenen Jagdkamisole mit langen Schößen waren einander sehr ähnlich und die Filzschlapphüte, an einer Seite mit altersgeschwärzter Goldschnur in die Höhe geheftet, auch. Nur daß, wo er in wildledernen Beinkleidern steckte und hoch gestiefelt war, bei ihr ein langer Rock herabfiel, machte einen Unterschied in der Tracht.

Das junge Mädchen warf den Blondkopf zurück und zog behaglich die herbe Morgenluft ein, sie selber frisch und rein wie der Morgen.

Der junge Ludwig hatte sofort mit dem Verständniß eines Erwachsenen nach den Pferden gesehen und hier und dort eine Schnalle am Geschirr fester angezogen. Jetzt legte er sein und Polyxenens Gewehr, welches sie inzwischen abgenommen hatte, sorgfältig auf den Rücksitz. Man hätte den prächtigen Jungen, der erst zwölf Jahre zählte, für fünfzehnjährig halten können, so groß und kräftig war er und so verständig, mannhaft und geschickt in allen Leibesübungen. Polyxene, seine Base, war ihm bei diesen früher wie ein guter älterer Kamerad gewesen. Jetzt, da sie in die Fräuleinsjahre gekommen war, hielt sie sich wohl mehr zurück, aber die alte Lust brach doch noch zuweilen durch. Ihm war von früher ein tüchtiger Respekt geblieben vor allerhand, was sie trotz einem Jungen gekonnt hatte und vielleicht noch konnte, wenn sie nur gewollt hätte. Und ihrer Besonnenheit und Einsicht pflegte er sich meist willig unterzuordnen.

Der ältliche Mann, der den Kutscher machte, stand jetzt mit der Mütze in der Hand. „Also wo hinaus, Euer Gnaden?“ fragte er, zu den beiden gewendet. Ludwig seinerseits sah wieder Polyxene an. „Auf Keula zu?“ sagte er halb fragend.

Sie entschied sich rasch. „Ihr fahrt über Keula hinaus, den alten Kirchweg hinauf, so hoch es geht, nach dem Moor zu,“ rief sie als eine Person, die das Befehlen gewohnt war und verstand. Der Mann wagte nicht, etwas zu erwidern, obwohl ihm die Weisung nicht recht zu gefallen schien. Keula war eines der Dörfer unterhalb des Heidenkopfes, und zwar das diesem kahlen Rücken am nächsten gelegene. Gleich über dem Dorfe begannen, mit Wald abwechselnd, die öden übelberufenen Moorstrecken. Auch Polyxene hatte sich früher vor dem Wald und Moor da oben gefürchtet, so gut wie andere Leute. Als sie aber auf ihren Pirschgängen mit dem heranwachsenden Vetter dahintergekommen war, daß der Heidenkopf besonders wildreich sei und gerade das seltenere Weidgethier hege, da hatte die Jagdlust über die halb zweifelnde, halb gläubige Furcht vor allerlei Spuk den Sieg davongetragen. Und was war ihnen seitdem nicht schon alles vor die Büchse gekommen da oben, während sie weder im Morgen- noch im Abenddämmer je etwas Unheimliches wahrgenommen hatten!

Heute galt es nur einem Rehbock, das merkte Ludwig nun, da Polyxene den Weg über Keula hinaus nehmen ließ. Dort über dem Dorfe in der Tannung hatte dies dreiste Wild seinen Stand und that den magern Aeckern der Dorfleute Schaden genug, wenn es morgens und an mondhellen Abenden weit heraustrat.

Die Nebelluft biß Polyxenens sonst zartgefärbte Wangen mit scharfem Kusse glühend roth, und die Morgenfeuchte hing wie Perlen an dem rauhrandigen großen Hute und dem blonden Haar. Sie saß und blickte mit ihren ruhigen Augen zufrieden vor sich hinaus, ließ dieselben auch wohl aufmerksam schweifen, wenn undeutlich sichtbar und kaum hörbar der Flügelschlag eines aufgescheuchten Gefieders durch die Luft strich, nach dem Walde zu.

Auch Ludwig sah sich hell um. „Sieh’ nur die Sonne, Polyxene,“ sagte er; „man kann hineinschauen.“ Strahlenlos war die blasse runde Scheibe eben rechts über den ersten niedrigen windschiefen Häusern des Dörfchens Keula sichtbar geworden. [228] Polyxene nickte ihrerseits nach dem Gestirn hinüber. „Der Nebel verheißt einen guten Tag,“ meinte sie, „aber ich fürchte, die Sonne wird höher sein, als uns lieb ist, ehe wir unsern Platz gewinnen. Wenn wir nur zum Schusse kommen!“

„Ja, wer hat denn beim Rüsten auf sich warten lassen, ich oder Du?“ rief der Knabe. „Fahr zu, Dietlieb!“ Der stellte sich im Wagen aufrecht und feuerte durch Zuruf die knochigen Gäule an.

Sie durchschnitten ein paar elende obere Gassen des am Berge gelegenen Dorfes. Aus den Thüröffnungen seiner baufälligen Hütten schauten ihnen einzelne der Bewohner nach, meist hagere struppige Weiber, mit dem stumpfen, leer verweilenden Blicke des Viehes eher als mit menschlicher Neugier oder menschlichem Antheil. Und Polyxenens Auge glitt klar und heiter und ebenso unbewußt über sie hin wie der Sonnenstrahl über den Stein; sie hätte niemals daran gedacht, sich diesen Menschen zu nahen, die ihr, die den Vornehmen überhaupt unendlich viel ferner standen und unbekannter waren als ihre Jagdhunde und Pferde.

Jene lückenhaften Reihen schmutziger Lehmhütten ließ der Wagen bald hinter sich; er arbeitete sich jetzt ziemlich steil hinauf auf dem alten Kirchweg, wie ihn Polyxene vorhin bezeichnet hatte. Es war eine Straße, die seit langem nicht mehr in stand gehalten wurde, nach einem Kirchlein führend, das nicht mehr da war. Nur ein offenes Mauerwerk stand noch am Abhang, von dessen Innenraum Gesträuch Besitz genommen hatte, denn dies Gotteshaus war vor mehr als zwei Menschenaltern im großen Kriege als ein papistischer Greuel von den Schweden zerstört worden.

Jetzt erbarmte es die jungen Herrschaften nachgerade der Pferde, da der Boden moorig und bruchig wurde, vom Wege auch kaum mehr eine Spur vorhanden war. „Halt, Dietlieb!“ rief Polyxene mit ihrer frischen herrischen Stimme, „wir steigen aus!“

Im Nu waren sie beide vom Wagen, hatte Ludwig die Gewehre heruntergeholt und hingen ihnen diese über den Schultern. Nach kurzer Weisung entließen sie den Mann mit dem Wagen. Er sollte Fuhrwerk und Pferde im Dorfe unterbringen und ihnen dann nachkommen, mit einem Buben des Herbergshalters dort, um die Jagdbeute hinabzutragen.

Nun stiegen sie rüstig allein weiter und bald hatten sie die Stelle erreicht, wo sie, in eine Vertiefung geduckt und hinter dicken Heideknollen verborgen, die Rückkehr ihres Wildes ins Dickicht – denn herausgetreten war es beim frühesten Morgengrauen – belauern wollten. Es war eine muldenartige Vertiefung im Boden, trocken und reinlich, denn die unzähligen Thaudiamanten, die an den Moosen und Flechten glitzerten, waren ein oberflächliches Naß, welches die Sonne bald auflecken würde. Vorn hatte Ludwig die Heidepolster noch mit verschränkten Kieferzweigen zu einer Art Brustwehr erhöht, und dahinter konnten sie nun sitzen wie in einem behaglichen Nestchen, horchen auf allerhand Vogelstimmen, Auslug halten nach ihrem Wilde, das sie, wenn es sich die Höhe heraufzog, langsam und sorglos, wie die Thiere hier waren, lange genug aufs Korn nehmen konnten, um prächtig zum Schusse zu kommen.

Ehe sie sich’s aber in ihrer offenen Höhle bequem machten, meinte Polyxene: „Es ist noch Zeit; laß uns nach der Fährte sehen, Lutz!“ Und sie zogen lautlos, eines hinter dem andern her, noch einige hundert Schritte am Waldrand entlang bis zu einer Art Einbuchtung in den Forst. Das war die Stelle, wo das Wild zu wechseln pflegte. Wassergeäder von der Höhe durchsickerte hier den grünen Boden, so daß es feucht um den auftretenden Fuß aufquoll. Deutlich waren die Fußspuren des Wildes auf dem flach bewachsenen Grunde sichtbar.

Polyxene stand und stand, den hübschen Kopf gebückt über dem Boden. Plötzlich packte sie den Vetter am Arm und zeigte mit der andern Hand starr auf einen Fleck. Auch er bückte sich tiefer – es war eine Schweißspur. Kamen sie zu spät? Wer hatte vor ihnen hier zu pirschen gewagt? Mit einem Male sprang Polyxene vor und stieß einen leisen leidenschaftlichen Ruf aus. Gleich war Ludwig an ihrer Seite; ihrem Blicke folgend, gewahrte er, was sie sah ... die mächtige runde Fährte, schnurartig gereiht, da, da und da und dann – die beiden jungen Verwandten, die sich nun ohne Worte verstanden, eilten vorwärts – erst hier wieder, wohl sechs Ellen weiter ... daran erkannten sie ihn, den wildesten und gierigsten Räuber, den diese Einöden bargen. Er war das erste Mal fehlgesprungen, als er von seinem Versteck auf dem breiten mannsdicken Aste der einzelnen Eiche dort sich auf sein Opfer gestürzt hatte. Dann aber, mit einem Riesensatz, hatte er dasselbe doch noch erreicht und niedergerissen.

Der Knabe und das Mädchen sahen einander an, mit Blauaugen, in denen es sprühte über die Entdeckung. „Ein Luchs,“ wisperte Lutz. Sie nickte stumm, und nun verfolgten sie die rückwärtsführende Fährte. Es war nicht schwer; das Wild war von dem Räuber eine Strecke weit geschleift worden, das verrieth die Spur. Dann hier eine tief eingedrückte Stelle im feuchten Boden – hier hatte er sich an dem Blute des Thieres gütlich gethan und seine Mahlzeit gehalten, bei der er, wählerisch wie er war, sich auf die besten Bissen beschränkt und das übrige wahrscheinlich den Füchsen überlassen hatte. Richtig, dreißig Schritte weiter lag ein Hinterlauf und das traurig zernagte Köpfchen des Bockes mit dem zierlichen Gehörn; herausgefressen war sogar das Hirn von gierigen spitzen Schnautzen.

Die beiden Leyens standen noch, betrachteten das alles und ließen sich kein Anzeichen entgehen, auch das kleinste nicht, bis die Sonne die Wipfel der nächsten Bäume erreicht hatte und jetzt ihr Licht rasch tiefer herab sich verbreitete und zu herrschen begann. „Zum Schusse kommen wir heute nicht mehr, Ludwig,“ sagte Polyxene endlich in bitterer Enttäuschung. „Der Luchs hat unser Wild versprengt; hierher wechseln sie sobald nicht wieder. Jetzt heißt es, von neuem einen Platz auskundschaften.“

„Und das sollte dem vermaledeiten Diebe so hingehen?“ rief da der Knabe. „Jetzt, wo wir seine Spur haben? Komm, Polyxene, laß uns der Fährte folgen, so weit wir nur können ... Du hilfst suchen, Dein Auge ist scharf.“

„Er ist von Baum zu Baum gekommen,“ sagte Polyxene überlegend. „Wer weiß, wo er zuvor auf dem Boden gewesen ist und wie weit von hier. Heute fänden wir die Spur schwerlich. Und jetzt hat er sich schon wieder verkrochen, denn er geht nur in der Nacht heraus, das habe ich vom alten Strieger,“ fuhr sie fort. „Unter Tags liegt er im Geklüft und Geschlüft. Und ich dächte, das wilde Felsgestein links unter dem Heidenkopf wäre so recht ein Schlupfwinkel für diesen und seinesgleichen.“

„Da magst Du recht haben,“ rief der Knabe lebhaft. „Und der Strieger, der soll uns auf die Spur helfen. Daß ich nicht gleich an ihn gedacht habe!“

„Strieger weiß, wo der Luchs liegt, so gut wie er weiß, wohin er selbst abends seinen borstigen Graukopf zu legen hat,“ meinte auch Polyxene und lachte dabei leise vor sich hin. – Strieger war der alte Waldwart, von dessen Mangel an jeder höflichen Rücksicht, selbst gegen Kavaliere des fürstlichen Haushalts, Herr von Nievern die Pfalzgräfin unterhalten hatte, „Aber was hilft uns das alles? In der Nacht, da allein dem Räuber beizukommen wäre, können wir nicht hinaus. Wir müssen es dem Strieger überlassen, ihn abzuschießen, wann er es für gut hält.“

„Der alte Murrkopf,“ rief Ludwig unzufrieden, „der immer anders will, als man ihn bedeutet! Nein, den Luchs schieß’ ich!“ Die hübsche derbe Knabenhand schloß sich um die Büchse und die Augen leuchteten. „Ich getrau’ mich wohl, einmal eine Nacht hier draußen zu bleiben – nach dem Abendbrot schleich ich mich fort – der Oheim soll es schon nicht merken.“

„Nein, Lutz, daraus wird nichts,“ sagte Polyxene mit ruhiger Bestimmtheit. Sein Gesicht wurde lang, bis sie hinzufügte: „Allein kommst Du mir in der Nacht nicht hinaus!“ Einen Augenblick stand er zweifelnd, und dann jauchzte er beinahe: „Du gehst mit, ich seh’ Dir’s an! Wann, Polyxenchen, wann? Wieviel Wild soll er sich erst noch holen?“

„Laß nur – auf einen Rehbock mehr oder weniger kommt es nicht an. Wir führen das Stückchen nicht eher aus, als bis wir ihn völlig ausgekundschaftet haben, all seinen Weg und Wandel, und dann haben wir ihn. Das können wir aber nicht ohne den Strieger.“

„So laß uns ihn aufsuchen,“ drängte Lutz.

„Wir finden ihn nicht daheim,“ wandte Polyxene ein. „Komm!“ fuhr sie überredend fort und nahm ihn leicht beim Arme, „noch haben wir Zeit; wir pirschen uns lieber sachte hier quer durch die Tannen, so daß wir drüben auf der Blöße herauskommen; wer weiß, ob uns nicht doch noch etwas vor den Schuß kommt.“

„Es muß immer alles gehen, wie Du willst, Polyxene,“ sagte der Junge, willig, aber doch einen Blick des Bedauerns hinter dem Luchsabenteuer herschickend. Polyxene widersprach seiner Behauptung nicht gerade und mochte denken, daß das auch wohl in der Ordnung sei.

Nach Jägerart durchschritten sie nun hintereinander auf leisen Sohlen den Tann. Keine forstmäßig gereihten Fichtenzeilen gab [229] es hier, denn seit vielen Menschenaltern war dieser Wald sich selber überlassen – vielleicht war er’s von Anbeginn gewesen. Im Dunkel der Tannen, im Bereiche ihrer abgestorbenen, mit bösartigem Gezack nach allen Seiten starrenden Aeste war es eintönig und fast beklemmend. Oben in den Wipfeln mochte die Sonne weben und der freie Lufthauch hindurchziehen, hier unten merkte man nichts davon, und kein fröhliches Kraut gedieh am Boden, nur schattenliebende Unheilspender wie die Tollkirsche. Endlich lichtete sich der Tann. Ein scharfer Flügelschlag war vor ihnen hergestrichen zu der Stelle, die sie nun erreichten. Die eng verfilzten Tannen wichen hier rings zurück vor der freien, mit edelsteingrünem Moos überdeckten Stelle, auf der in der Mitte eine der gewaltigsten des Geschlechtes, eine uralte Edeltanne, sich erhob.

Die gewaltige Breite ihres in offenliegende Riesenwurzeln auslaufenden Stammes zog sich nach aufwärts alsbald zusammen, und an der nun schlank aufstrebenden himmelhohen Säule zweigten sich erst weit oben die Aeste ab, so daß das Sonnenlicht ungehindert ihren Fuß und den ganzen Boden ringsumher erreichen konnte. Daher hob sich der Kreis hier wonnig grün ab von dem Düster ringsum. Das Moos schimmerte, die Farrenwedel nickten – es war ein Waldbild wie ein Märchen so schön und jetzt gerade wunderherrlich durch den Silberschleier von Thau, der darüber lag, der zum Vorschein gekommen war, nachdem die Geister den dicht wallenden Nebel vor der ansteigenden Sonne in die Höhe gezogen und aufgewickelt hatten. Ja, aufgewickelt und dann, zu flockigen Ballen gezaust, in die Luft geschleudert, wo sie nun noch eine Weile weiß in den höchsten Tannenspitzen hingen und dann sich allgemach in die Breite zogen, feine Streifen wurden und vergingen.

Aber nicht nach dem geisterhaften Flöckchen, welches die Edeltanne hoch oben festgehalten hatte, blickte Lutz jetzt so scharf, sondern nach einem grauen Punkte etwas tiefer. Polyxene sah ihn die Büchse an die Wange reißen, und noch ehe sie hätte sprechen können, krachte der Schuß. Es knackte durch die Tannenäste, weißliche Federn stoben umher, und dann schlug hart und fühllos auf den Boden nieder, was sich eben noch da oben als warmes Leben behaglich gurrend gesonnt hatte. Ludwig sprang hin und hob den Vogel auf, eine schön gezeichnete Holztaube. „Da, besser als nichts!“ rief er fröhlich, die leichte Beute in die Höhe haltend.

„Daß Du die Büchse nicht in Ruhe lassen kannst!“ sagte dagegen Polyxene unzufrieden. „Wer weiß, was Du uns durch den Schuß verscheucht hast!“

„Es ist doch ein Anfang,“ erwiderte er und hing den Vogel an die Jagdtasche. „Meinst Du, ich wollte leer nach Hause kommen?“

Was Lutz verscheucht haben mochte, indem sein Gewehr dem vorsichtigen Wilde ein Warnungszeichen gab, das erfuhren sie natürlich nicht. Wohl aber schien es, als habe umgekehrt der Schuß auch etwas herbeigerufen. Als sie jetzt um die mächtige Tanne herumgingen, knackten in dem Dickicht auf der anderen Seite die Aeste ... es kam heran, war jedoch dann wieder still. Sie horchten, rückten nach Jägerart vorsichtig weiter, fuhren aber dann doch zurück, als mit einem Male das mißfarbig abgestorbene untere Gestrüpp der Tannenwand sich nur wenig auseinander that und ein Antlitz und Oberkörper erschien, auch grau, verwittert, struppig und der Umgebung so ähnlich, wie es etwas Menschliches den Waldbäumen nur zu sein vermag.

„Ach, Ihr seid’s, Strieger?“ sagte Polyxene gleich darauf, halb lachend, halb unwillig über den eigenen Schreck. Und Ludwig, dem es nicht anders ging, rief mit seiner hellen Stimme – was er bei besserem Besinnen wohl nicht gesagt haben würde: „Habt Ihr’s denn vom Schwarzen, daß Ihr durch die Luft fahren könnt? Immer seid Ihr da, wo man sich Euer am wenigsten versieht!“

„Hör’ einer, wie das junge Hähnchen schon kräht!“ meinte darauf der alte Mann, wie grimmig in sich hinein gurgelnd, was bei ihm so viel wie Lachen war. „Wenn hier in des Striegers Revier geschossen wird, dann ist er dabei ... das laßt Euch nicht weiter wundern, Herrlein!“

Textdaten
zum vorherigen Teil
<<< >>>
zum nächsten Teil
aus: Die Gartenlaube 1893, Heft 15, S. 242–250

[242] Nach der sonderbaren Begrüßung mit Ludwig und Polyxene trat der Jäger aus dem Gebüsch heraus, eine untersetzte und jetzt vom Alter gebeugte Gestalt, aber mit mächtigen Schultern und Armen. Daß der Strieger sich vor Gott nicht und auch nicht vor dem Teufel fürchtete, galt für ausgemacht; niemand band deshalb gern mit ihm an. Aber dazu war auch wenig Gelegenheit. Der Waldwart, mit seinen nunmehr fast neunzig Jahren auf dem Rücken, war für die Menschen außerhalb des Waldes nur noch wie eine Sage; hätte man genauer nachgeforscht, so würde man gefunden haben, daß viele von den Birkenfelder Städtern zum Beispiel wissen wollten, ja, einen solchen habe es gegeben, in ihrer Kinderzeit; der lebe aber nun schon lange nicht mehr.

Die Leyens wußten es besser. Der Alte lebte und gehörte ihnen, das heißt, er gehörte zu ihrem Walde mit Leib und Seele. Er saß im Forste fest, mit Recht über Leben und Tod, und wenig war in ihm, was ihn an dessen rücksichtsloser Ausübung, auch wenn es sich einmal nicht um ein Gethier handelte, hätte hindern können. Störrisch und widerborstig war er, auch gegen die eigenen Herren. Und so hielten ihn diese etwa wie man einen bösen untraktabeln Hund hält, der den Feind allerdings nicht herankommen läßt oder ihn zerfleischt, der aber auch imstande ist, einmal mürrisch nach der Hand zu schnappen, welche ihm sein Futter reicht.

Sei dem wie ihm wolle: während der langen Minderjährigkeit des jetzigen Erben, dessen Vater kurz vor der Geburt dieses Sohnes verstorben war, und bei den Eigenheiten des Vormundes, des Obersten von Gouda, eines stubenhockerischen Grüblers, hätte es schlimm um den Bestand der ausgedehnten Leyenschen Wildbahn ausgesehen, wenn nicht die Furcht vor dem alten Waldwart einen Bannkreis um den Forst gezogen hätte. Und der Alte war klug genug, das zu wissen, und nichts freute ihn mehr, als wenn die Birkenfeldschen drüben, die Hubertsteiner, sich bei seinem bloßen Namen bekreuztell. Wie hätte denn einer allein sonst des Reviers so gut zu walten vermocht ohne Untergebene, die ihm halfen? Nun, dem Strieger half kein Geringerer als der Böse mit einem ganzen Stabe von feurigen Männern, kopflosen Reitern und dergleichen – lauter Gestalten, die in der Phantasie seiner Reviernachbarn so wirksam lebten, wie man es nur verlangen konnte.

Wer ihn und diese seine Hilfsmächte vielleicht noch am wenigsten fürchtete, das waren seine Nachbarn auf der andern Seite, die armseligen Dörfler von Keula. In seinen Wald freilich kamen sie ihm nicht, davor war er sicher; kaum, daß ein paar Weiber, kühn gemacht durch die Noth des Winters, sich herzuwagten und Holz lasen, wenn er, grau zwischen den grauen Stämmen erscheinend und nie recht deutlich sichtbar, sie von weitem angerufen und ihnen einen Platz dazu ausdrücklich angewiesen hatte. Wenn ihnen aber das Wild in ihre mageren Aecker brach und dort einige feiste Stücke verschwanden und nicht wieder zum Vorschein kamen, so schien es, als ob des Striegers unheimliche Allgegenwärtigkeit ihm ein paarmal nicht stand gehalten habe. Und der Teufel, der es doch jedenfalls wissen könnte, hatte seinem Getreuen von dem wohlgezielten Knittelwurf auch nichts verrathen, mit welchem Melchior Krotze oder einer seiner Nachbarn sich an dem genäschigen Spießhirsche rächte.

Hier, bei seiner Herrschaft, begab sich der Strieger nun aber der Unsichtbarkeit, die er sonst liebte. Er war, wie gesagt, in ganzer Figur aus dem Tannendickicht getreten, stand vor ihnen und griff jetzt ohne weiteres nach der Wildtaube an Lutzens Jagdtasche und prüfte den Schuß, der sie herabgeholt hatte. Dann nickte er nur, indem er sie wieder fahren ließ, weiter nichts. „Den Rehbock gesehn, was?“ Dabei blickte er schlau von unten herauf aus den noch immer scharf funkelnden Augen.

„Gefehlt! Das wäre eine Kunst gewesen, da ihn der Luchs schon im Magen hatte,“ rief Ludwig voll Eifer, ehe noch Polyxene zu Wort kommen konnte.

Der Alte sah dem Knaben mit bedächtiger Aufmerksamkeit in das hübsche Gesicht. Allemal, wenn er nach längerer Pause seiner einmal wieder ansichtig wurde, betrachtete er ihn so genau; er mußte wohl in seiner Art Freude an dieser kräftig heranblühenden Jugend haben. „Der Luchs!“ warf er jetzt hin. „Was redet Ihr von einem Luchse, junger Herr – von dem müßt’ ich doch wissen.“

Verblüfft stockte Ludwig, aber ein Blick auf Polyxenens Gesicht machte ihn wieder sicher. „Das wißt Ihr auch!“ rief er. „Ihr und kein anderer wißt, wo er liegt. Polyxene sagt es, und Ihr sollt uns hinführen.“

„Polyxene sagt es?“ wiederholte Strieger nicht gerade ehrerbietig. „Das Fräulein, so!“ Jetzt wendete er sich um und musterte das junge Mädchen so scharf wie eben den Junker. „Es war kein Luchs, Fräulein,“ sagte er dann ruhig zu ihr.

„Doch, Strieger, und Ihr wißt es am bestem“ erwiderte sie ebenso.

„Woher wollt Ihr die Fährte kennen?“ hob er wieder an.

„Von Euch,“ sagte sie ohne Zögern. „Ihr habt sie vor Jahren dem Herrn aus Lothringen gewiesen, der den Oheim besuchte und den wir in den Wald begleiteten. Keinmal habe ich seitdem dergleichen wieder gesehen, bis heute. Aber ich irre mich nicht.“

„Ihr irrt Euch nicht, so? Und wo liegt der Luchs am Tage? Weiß das das junge Fräulein auch?“

Polyxenens graublaue Augen trafen ungekränkt durch den Spott gerade in die seinen. „Zwischen den großen Steinen links dicht unter dem Heidenkopf,“ antwortete sie kecklich aufs Gerathewohl. Da zuckte es doch über sein verwittertes Gesicht wie ein Verwundern. Und mit einem Male riß er den alten zerfetzten Filz von dem Graukopf herab, was er vorhin bei der Begegnung nicht gethan hatte, und sagte: „Vor Euch zieh’ ich den Hut, Fräulein ... das heißt, soviel noch davon da ist. Die Herrschaft dürfte mir einmal einen neuen verehren.“

„Den sollt Ihr haben, Strieger,“ sagte Polyxene lebhaft. Es war eigen, wie ein Lob von dem Alten wohl that.

„Wenn ich sage, einen neuen, so mein’ ich einen abgelegten vom Herrn,“ fuhr der Waldwart fort. „Etwas Frischeres paßt auf diesen alten Kopf nicht ... Den Luchs wollt Ihr wegschießen, so –“ er stellte sich breitbeinig hin, schlug Feuer und brannte die Stummelpfeife wieder an, die ihm ausgegangen war, ehe er fortfuhr: „Den Luchs, der sich dann und wann einen Rehbock holt, junger Herr? Meist begnügt er sich mit Kleinzeug, und dessen giebt’s hier oben genug. Leben will so ein Vieh doch auch. Ja, und wer noch leben will, das sind die von Keula, die Tröpfe. Sie sagen aber, Euer Wild fräße sie auf.“

„Und darum habt Ihr Spitzbube, der mit den Schlingeln immer unter einer Decke steckt, die Wildräuber geschont!“ rief da Ludwig, scharf dreinfahrend wie ein echter adliger Herr und mit einem raschen Verständniß fast über seine Jahre.

„Gebt Euch zufrieden, jetzt soll’s ihnen an den Kragen gehen,“ sagte der Alte, der diesen Zorn nicht übelzunehmen schien. Und dann, in sich hinein lachend: „Es sind ihrer heuer viere.“

„Vier Luchse?“ schrie Ludwig mit sprühenden Augen.

„Ja – aber ich werde sie doch wohl wegschießen müssen, junger Herr. Denn am Tag ist ihnen nicht beizukommen, und in der Nacht vermögt Ihr nicht heraus.“

„Doch, wir kommen in der Nacht, Polyxene kommt mit,“ rief Lutz. „Ich traut’s Euch zu,“ knurrte der Alte, halb wohlgefällig zu der jungen Dame hin. „Ja, wenn Lutz kommt, bin ich dabei,“ sagte diese einfach. „Allein gehen laß ich ihn nicht. Und wie wollt Ihr viere gemerkt haben, Strieger?“

„Von dreien wußt’ ich lange schon,“ entgegnete er kurz, wie ausweichend, „und jüngst hab’ ich auch den vierten gespürt.“ Dann, als wenn er sich anders besänne, sah er sie scharf mit den kleinen Funkelaugen an, diesmal nur sie, nicht ihren Vetter, und sprach weiter: „Ein Tager achte mögen es her sein, daß ich die Fährte von allen vieren fand; sie hatten ein Schmalthier niedergerissen, das vom Rudel versprengt war. Ich war lange vor Tag draußen dazumal, denn ich bestahl Euch, das heißt, meinen Herrn da. Dazu hab’ ich freilich alle vierundzwanzig Stunden Zeit, aber, was dünkt Euch, es ist doch klüger, wenn ich dazu die Stunde aussuche, in der Ihr mir nicht begegnen könnt?“

Lutz von Leyen horchte auf, betroffen, aber nicht allzu sehr, denn man war kuriose Reden von dem Strieger gewohnt. Das Antworten darauf überließ er seiner Base, und Polyxene meinte denn auch gelassen: „Man wird’s Euch wohl glauben dürfen, Strieger, da Ihr es selber sagt. Aber redet deutlicher!“

„Wollt Ihr alles erzählt haben? Warum nicht, da wir einmal dabei sind! An den Kragen geht’s dem Strieger nun auch [243] nicht mehr, da er’s seit dreißig, vierzig Jahren treibt. Was ich an jenem Morgen in aller Frühe abgeschossen hatte – war’s ein Hase, waren’s ein paar Hühner, einerlei ... ich könnt’ Euch ja vormachen) was ich nur wollte, und Ihr bliebet so klug wie zuvor – also was ich mir geholt hatte aus Eurem Forste, das trug ich nicht in mein Loch, sondern hinunter nach Keula und in ein Haus – wenn man eine schlechte Hundehütte von Lehm und Stroh, so nennen will – hinten am Schindanger. Bekreuzt Euch, Fräulein, daß Euch die Krankheit nicht etwa anfliegt, die da drinnen haust ... Mir thut sie nichts mehr –“ er lachte hier, als einer, der die menschliche Lebensgrenze schon überschritten hat und über das Fürchten und Hoffen hinaus ist – „ich fahre ja doch einmal ohne Pfaffen dahin, wohin ich gehöre. Aber mit meiner adligen Herrschaft ist das ein anderes, die darf sich mit Ketzerei nicht befassen, und je weniger sie davon weiß, desto besser ist’s!“ Das war sein völliger Ernst.

Wenn nur Polyxene von Leyen nicht eine so scharfe ehrliche Neugier oder vielleicht Wißbegier gehabt hätte. Mit der sagte sie jetzt: „Ihr habt nicht umsonst so viel verrathen; jetzt sprecht auch weiter. Ist ein Krankes in dem Haus am Schindanger, dem Ihr für stärkende Kost habt sorgen wollen? Und was geht die Person Euch an?“

Es ist schon berichtet worden, daß es für eine Polyxene von Leyen und für ihresgleichen einen Zusammenhang mit Leuten wie den Dörflern von Keula nicht gab, da eine anscheinend unüberbrückbare Kluft diese von jenen trennte. Nun erhob aber eigenthümlicherweise auf das, was in Polyxenens Herz an menschlichem Mitgefühl schlummerte, das Wort Krankheit fast allein einen Anspruch. Krankheit war ihr mit ihrer herrlichen Gesundheit etwas so Fremdes, aber auch so Beklagenswerthes! Das mochte daraus zu erklären sein, daß ihre Mutter, eine zarte Frau, ein süßer traurig holder Schatten im ersten Frühdämmer ihrer Erinnerungen, lange gekränkelt hatte, wie man ihr zum Ueberfluß erzählte; denn sie wußte es noch, mochte auch niemand ihr das glauben, weil sie beim Tode der Mutter erst ein dreijähriges Kind gewesen war. Sie hatte aber bis jetzt den Begriff jenes zarten hilfsbedürftigen Siechthums mit den meist wölfisch hager und derb aussehenden Weibern, Männern und Kindern von Keula nie in irgend eine Verbindung gebracht.

Der alte Strieger hatte ein paar Züge aus seiner Pfeife gethan – halb abgewandt von seiner jungen Herrschaft, damit der Dampf seines bösen Krautes ihr nicht ins Gesicht steige; soviel Höflichkeit hatte er doch. Jetzt kehrte er sich wieder um. „Vor allen Dingen ist eine schlimme Pest in dem Hause dort.“ Dabei sah er Polyxenen scharf in das längliche, vornehm zarte Gesicht. „Die darin lebt, ist von der Kirche in Bann gethan ... ein garstiges Uebel; steckt an, wie man sagt, daher sich auch von den Nachbarn beileibe keiner um sie kümmert. Daß sie siech ist, ist kein Wunder ... so ein regelrechtes Verfluchen, mit umgekehrtem Weihwedel und Krucifix, dörrt aus bis in die Nieren. Hat doch der Hahn auf der Stelle die Kolik gekriegt und ist verreckt, an dem es der Meßnerbub’ probiert hat in gottlosem Scherze. Ja, ja, junger Herr, seht mich nur groß an! Aber das ist schon lange her.“

„So hat die kranke Frau keinen, der sich um sie kümmert, als Euch?“ fragte Polyxene weiter, fast wider Willen gefesselt.

„Keinen, Ihr trefft den Nagel auf den Kopf, kluges Fräulein. Mich, ausgepicht wie ich bin durch das schier heidnische Waldleben, mich ficht die Ketzerluft nicht an. Deshalb sehe ich dann und wann nach ihr ...“

„Aber Polyxenchen,“ rief hier Ludwig, der seine Ungeduld nicht länger zu zügeln vermochte, „was hast Du danach zu fragen? Daß der Graukopf uns das Wild maust, wie er selber sagt, müssen wir leiden. Mag er’s doch zustecken, wem er will, und mag, wer es kriegt, sich die Kränke daran essen!“

„Oho, das solltet Ihr nicht sagen!“ rief da der Strieger, und das fuhr ihm ernstlicher heraus als alles, was er bisher an Reden hatte hören lassen. Und doch hätte er merken können, daß die Worte bei dem gutherzigen Jungen nicht allzu schlimm gemeint waren. „Werdet nur nicht falsch,“ rief der Knabe jetzt mit seinem freundlichen Lachen, dem so leicht keiner widerstand, und klopfte dem Alten auf die Schulter. „Und nun sagt, wann wir uns nächtens treffen wollen und wo!“

„Das kann jetzt nicht eher sein, als bis wir den Neuen Mond haben, und auch dann nur, wenn die Nächte klar sind,“ sagte der Strieger mit barscher Bestimmtheit. „Am besten wär’s, Ihr geduldetet Euch bis kurz vor dem Vollmond. Um die Zeit herum will ich bei Sonnenuntergang hier bei dem Baume Eurer warten. Dann zeig’ ich Euch den Platz und sag’ Euch die Kunde. Also, kommt Ihr, so ist’s gut – kommt Ihr nicht ...“

Die letzten Worte wurden zum unverständlichen Murmeln, während er den Riemen seiner Büchse fester über die Achsel schob und mit keinem anderen Gruße als einem kurzen Rücken der Hutkrempe sich abwendete. „Kommt Ihr nicht, so ist’s noch besser!“ – wer die Rede so ergänzt hätte, würde wohl nicht weit gefehlt haben.

Da – die beiden Verwandten waren doch ein wenig verblüfft über den kurzen Abschied – da stapfte er über den Moosboden und hatte schon die Tannenwand erreicht, aus der er vorhin so unversehens hervorgetreten war. Mit einem Male war Polyxene neben ihm und bekam ihn am Aermel des abgetragenen Lederwamses zu packen. „Wer ist die kranke Frau, Strieger, wie heißt sie?“ fragte sie halblaut und in Hast.

Er blieb stehen. Gewartet hätte er nicht auf die Frage, das war klar, aber ebensowenig wollte es scheinen, daß sie ihm unerwartet oder unerwünscht kam. „Es geht jetzt stark auf das Ende zu mit ihr,“ sagte er. „Und lange liegt sie mir schon an, Euch vor ihrem Tode noch zu ihr zu führen.“

„Mich!“ rief Polyxene erstaunt. „Mich?“

„Ja, das Fräulein von Leyen. Denn sie ist – bei ihren Lebzeiten, hätt’ ich bald gesagt; ist sie doch für Eure Welt lange schon abgestorben – also vor Zeiten ist sie Kammermagd Euerer Frau Mutter gewesen.“

Polyxene stand still, ihr zartblühendes Antlitz war erblichen. „Das sagt Ihr jetzt erst,“ brachte sie nach einer Weile leise heraus. Und dann, indem sie die grauen Augen groß auf ihn gerichtet hielt wie in unschuldiger Verwunderung: „So seid Ihr denn wirklich böse, wie die Leute meinen? Ihr habt Eure Freude daran gehabt, mir dies so lange zu verhehlen?“

„Zum Teufel, Fräulein, was fällt Euch ein!“ knurrte er da. „Eueres hochadligen Vortheils hatte ich wahrzunehmen. Sagte ich Euch nicht: sie ist exkommuniziert. Und wer ihr nicht mit gebührender Vorsicht nahe käme, dem könnte es geschehen, daß er auch in einen üblen Geruch bei der Geistlichkeit geriete. Davor soll man sich hüten, ja, ja, sogar ein Fräulein wie Ihr!“

Er hatte sie zuletzt durchdringend angesehen und ihr auch noch am Schlusse etwas wie ein Zeichen mit den Augen gemacht, nach Ludwig hin, dem er den Rücken zuwendete. „Das ist alles, was der Junge davon zu wissen braucht; hütet Euch!“ sollte das heißen. Und dann hob er sich wirklich davon, ins Dickicht, und keins von den beiden hielt ihn mehr auf.




3.

Als die jungen Verwandten in vorgerückter Morgenstunde wieder im Hofe der Herrenmühle einfuhren, streifte Polyxene die Fensterreihe droben mit den Augen, spähend, ob ein glücklicher Zufall ihre Heimkehr wohl werde unbemerkt vom Oheim vor sich gehen lassen. Denn der Oberst von Gouda war durchaus kein Freund der Jagdleidenschaft seiner beiden Mündel und that, was er konnte, ihnen die Freude an ihren Pirschgängen krittelnd zu verleiden. O weh, diesmal hatten sie mit ihrer Heimlichkeit kein Glück! Er hätte in seinen Büchern vergraben sein können wie gewöhnlich, statt dessen aber sahen sie ihn da mit der Hälfte seiner hageren Figur über eine Fensterbrüstung in die Höhe ragen. Das Fenster war geöffnet, Herr von Gouda stand und blickte gemächlich in den Hof hinab. Und er war nicht allein. Neben ihm lehnte, ganz in derselben Haltung müßigen Beschauens, ein anderer Mann, den Polyxene anfänglich nicht weiter beachtet hatte. Dann aber blickte sie ganz zufällig noch einmal hinauf, eben als der Wagen hielt. Als sie da aber in ein belustigtes Gesicht sah, in das eines jüngeren und offenbar vornehmen Mannes noch dazu, da fühlte sie sich plötzlich ärgerlich und beschämt über ihren ganzen Aufzug, den schlechten alten Wirthschaftswagen, die groben Gäule und nicht zum wenigsten auch über ihren vertragenen Filzhut und den Jagdrock, in den ihre schlanke Figur eingeknöpft war, denn Polyxene von Leyen wußte, was sie ihrem Stande schuldig war. Sie hatte sich heute gekleidet für den nebligen Morgen, das Kauern im feuchten Heidekraut und das Streichen durch verschränktes Unterholz und dorniges Waldgestrüpp. Dafür war der derbe Tuchrock gut und der verregnete Hut. Aber ein Anzug, in dem man sich vor fremden Augen sehen lassen konnte, war das nicht.

[246] Mit der ihr eigenen Besonnenheit bezwang sie aber jetzt ihren Unmuth. Sie stieg ruhig vom Wagen herunter, an Ludwigs Hand, und grüßte dann nach dem Fenster hinaus, mit anmuthiger Würde nach Männerart den Filzhut lüftend. Das Mädchen war sie nicht, welches sich jetzt durch ein verlegenes und eiliges Verkriechen lächerlich gemacht hätte.

„Du, Polyxenchen, jetzt werden wir wieder zu schanden gemacht vom Oheim,“ flüsterte Ludwig ihr zu. „Gut, daß ich den Hasen noch geschossen habe, zuguterletzt, vom Wagen herab, sonst wäre des Gestichels kein Ende gewesen über unser geringes Glück. Aber das sage ich Dir, in die Küche kommt er so frisch nicht.“

Sie waren damit in den Flur des Hauses getreten, außer Sicht des fremden Besuchers, über den Ludwig in knabenhafter Gleichgültigkeit kein Wort verlor. Polyxene that es ebensowenig. Sie hatte den Herrn von Nievern erkannt, und dem war sie nicht geneigt. Sie betrachtete – seit der kurzen Zeit, da dies neue Gestirn am Hofhimmel stand – das etwas hochfahrend unbekümmerte Gebahren dieses Herrn von weitem stets mit einer Art von gekränktem inneren Widerspruch.

Da ihr nun aber gemeldet wurde, droben erwarte man sie, so erwies sie dem Landforstmeister jetzt die Ehre, eines ihrer besseren Kleider anzulegen, „das Fähnchen“, wie dies von ihr selber noch sehr geschätzte lilafarbene Seidenkleid von der Prokuratorsfrau bei der letzten Erbauungsstunde gehässiger Weise genannt worden war. Polyxene besaß keine große Garderobe, da sie arm war. Weit entfernt aber, sich darüber zu grämen, empfand sie den Mangel gar nicht einmal. Im Hause ging sie einfach, aber immer standesgemäß, und der Schmuck ihres abgetragenen Kleides war dann ihre eigene blühende Jugend. Und wenn sie bei besonderem Anlaß, wie jetzt zum Beispiel oder im engeren Cirkel bei Hofe, in dem aus dem Nachlaß der Mutter hergerichteten einfachen Seidengewand erschien, mit breiter Spitze um die schimmernde Kehle – Spitze, die ungesteift und gelb war, aber desto echter – so hielt sie sich für eben recht und dazu in ihrem unschuldigen Stolze so hoch erhaben über die Kritik einer bürgerlichen Prokuratorsfrau etwa, wie der Mond über der Erde steht.

Ruhig und sicher trat Polyxene dem Fremden im Gastgemach des Hauses entgegen, Herr von Nievern strich sich über das Bärtchen und musterte sie freundlich, ehe er sich gebührend verneigte. Außer ihm befand sich noch der Oberst, weiland in holländischen Diensten, der Vormund der beiden Leyens, in dem langen niedrigen Saale. Herr von Gouda war hager wie der edle Ritter von la Mancha und glich diesem auch sonst mit dem spitzen ernsthaften Gesicht und dem pechschwarzen dünnen Schnurrbart.

„Wo ist Dein Vetter Ludwig, wir brauchen ihn auch,“ sagte Herr von Gouda nach der Begrüßung.

„Ludwig? Ich will ihn gleich rufen,“ erwiderte Polyxene, befremdet über dies Verlangen. Ludwig hatte sicher an nichts weniger gedacht als daran, daß man seiner im Gastzimmer bedürfen würde. Wenn Visiten kamen, dabei man stille sitzen mußte, ließ er sich recht gern nicht für voll ansehen. Sie ging, den Vetter zu suchen, in kindlicher Dienstfertigkeit, wie denn ihr ganzes Wesen eine eigene Mischung war von großer natürlicher Einfachheit und unerschütterlichem Standesbewußtsein.

Herr von Nievern sah ihr aufmerksam nach und betrachtete nicht ohne Wohlgefallen die lilienschlanke Gestalt, die edeln Formen und ließ sogar den Streifen weißen Halses hinten über dem Kleide und den vollkommenen Nacken, an dem das Blondhaar leicht wellig ansetzte, nicht unbeachtet. Arm und adelsstolz, schade – so hübsch sie ist, wird sie nicht leicht zu verheirathen sein, dachte er flüchtig.

Die beiden Männer hatten sich wieder an dem schweren dunklen Tisch mit seinen plumpen, zu dicken Schlangenlinien gedrehten Beinen zurecht gesetzt. Auf dem Tische standen geschliffene Gläser und ein Krüglein fein duftenden holländischen Likörs, bei dem konnten sie es abwarten.

Das Gemach war niedrig wie alle Räume des alten Hauses und erschien noch niedriger vermöge seiner Länge; tiefdunkel war die schwerfällige Holztäfelung an den Wänden und waren die wulstigen Säulen, ebenfalls von Holz, welche die lastende Decke trugen, Die kleinen vielscheibigen Fenster befanden sich alle an der einen Längsseite des Gemaches, und durch das grünliche Glas blickte man in den Hof, das heißt durch die wenigen der vielen bleigefaßten Scheiben, deren Glas zufällig nicht so derb und knotig war, daß es alle Linien draußen wunderlich brach und verzerrte. Zur einzigen Zier des Saales dienten die in die braune Holzvertäfelung geschnitzten bunt gemalten Wappen des Geschlechts, und das war allerdings eine Dekoration, deren sich nur ein altadeliges Haus, mochte es sonst so niedrig, kahl und ländlich sein, wie es wollte, rühmen konnte. Das Leyensche Wappen, kenntlich am silbernen Thurm mit rother Thür und ebensolchen Fenstern im blauen Felde, kehrte mehrfach wieder; aber in langer Reihe waren es hauptsächlich die Wappenzeichen der Häuser, aus denen die Gemahlinnen derer von Leyen gestammt hatten, Embleme, die von diesen nachher neben dem Geschlechtswappen der Gatten geführt worden waren. Das Goudasche, von altniederländischem Adel, war auch dabei; die von Gouda hatten sich im kürzlich verflossenen Jahrhundert durch mehrere Heirathen mit den Leyens verschwägert.

„Sie sind ein sehr gewissenhafter Vormund, Herr Oberst,“ begann der Landforstmeister von Nievern jetzt wieder, indem er den Arm lang machte und sein zierliches Glas füllte, ohne sich sonst aus seiner gemächlichen Stellung zu rühren. „Ich dächte, Sie hätten das kleine Geschäft, um dessentwillen ich hier bin, später wohl verantworten können, ohne erst den Minorennen zu Rathe zu ziehen, der ja doch nichts von dem Handel versteht.“

„Meinen Euer Gnaden?“ sagte der von Gouda mit seiner dünnen und hohen Stimme. „Mir ist die Verantwortlichkeit aber schon zu viel; ich finde mich dadurch in meinen studiis gehindert. Zudem war ich niemals ein Jäger – das steckt mehr im Leyenschen Blut. Und dann ist mein Mündel mannhafter und verständiger, als Ihr Birkenfeldschen vielleicht annehmt.“

Herr von Nievern glaubte dem Sprecher kein Wort. Dieser war seiner Meinung nach ein Sonderling und müßiger Querkopf, der an Umständlichkeiten seine Lust hatte. Daß ihm an der Sache selber, um die es sich handelte, nichts lag, das freilich mochte wahr genug sein, und darum eben würde er sich dem Wunsche der Pfalzgräfin auch nicht ernstlich widersetzen. Nur eine überflüssige Verbrämung der Angelegenheit war es, daß der Oberst den Beauftragten der Fürstin überhaupt mit dem Herbeicitieren des Jungen aufhielt. Nun, mochte es drum sein. Herr von Nievern, dem seine Reisen den Blick geweitet hatten, nahm alles, was ihm in Birkenfeldschen Diensten vorkam, nicht allzuschwer, war vielleicht überhaupt geneigt, als ein freier Kopf, das ganze Leben mit kühler Ironie als ein vor einigen klugen Leuten seiner Art aufgeführtes Schauspiel zu betrachten. Ja, ja, und darin war die kleine gravitätische Pfalzgräfin – Himmel, wenn sie es gewußt hätte! – mit dem Weiß und Roth ihres fürstlichen Lärvchens doch nur eine der spielenden Figuren wie andere auch.

Jetzt that sich am fernen Ende des langen Gemaches die schwere dunkle Thür auf und die beiden Leyens traten ein, Hand in Hand. So ähnlich einander in blühender Jugend, schlank und blond, so zutraulich einig wie Geschwister ... Herr von Nievern sollte noch oft an den Anblick denken!

Daß es sich hier nicht um eine Rüge der heimlichen Jagdfahrt handeln würde, hatte Ludwig begriffen, und so sah denn sein frisches Gesicht wohl ein weniges verdutzt aus über diese Einladung ins Gastzimmer, sonst aber unbekümmert genug. Er grüßte den Landforstmeister, den er vom Hofe her kannte, frank und artig; dieser war aufgestanden und reichte ihm die Hand. Dann rückte Lutz ritterlich einen der Stühle – gewaltige Holzungeheuer mit gedrehten, fest untereinander verbundenen Beinen – für Polyxenen zurecht und alle vier nahmen um den Tisch Platz.

In Ludwigs Augen fing es an lustig zu zwinkern und er suchte Polyxenens Blick bei all dieser Feierlichkeit. Da begann Herr von Gouda mit seiner trockenen Stimme, die niemals viel von dem verrieth, was er empfinden mochte: „Ich habe Dich rufen lässen, Neffe, weil der Besuch, dessen uns der Herr Landforstmeister würdigt, nicht sowohl mir als Dir oder vielmehr Deinem Eigenthume gilt. Es ist der Einsicht Seiner Gnaden offenbar geworden, daß die Leyensche Enklave inmitten der pfalzgräflichen Waldungen die fürstliche Jagd nicht unerheblich beeinträchtigt, da die Dickichte des Heidenkopfes dem Wilde vortreffliche Schlupfwinkel geben. Das Wild, anstatt es sich in Deinem Wald wohl sein zu lassen, hätte die sonnenklare Unterthanenpflicht, hochfürstlicher Jägerei zur weidgerechten Zeit vor die Büchsen zu laufen. War’s nicht so, Herr von Nievern, wie?“

Herr von Nievern blickte dem Obersten in das unbewegte lange magere Gesicht mit dem kohlschwarzen Bärtchen und barg dann seine leichte Betroffenheit unter einem Lachen. „Ihr liebt [247] eine scherzhafte Einkleidung, wie ich merke, Herr Oberst,“ sagte er. „Aber in der Hauptsache gabt Ihr mein Anliegen richtig wieder. Ich habe mich in der That davon überzeugen müssen, daß es wünschenswert wäre, wenn das ganze fürstliche Jagdgebiet wieder in der ehemaligen ununterbrochenen Ausdehnung hergestellt würde. Die gnädige Frau Pfalzgräfin hat mich daher beauftragt, Junker Ludwig, Unterhandlungen mit Euerem sehr ehrenwerthen Vormund, dem Herrn Obersten von Gouda, einzuleiten, zu dem Endzweck, eine Abfindung der Leyenschen Ansprüche auf die beregte Enklave, unter strengster Wahrung Eueres gerechten Vortheils natürlich, mein werther Junker, bewirken zu lassen.“

„Was, ich soll den Wald am Heidenkopfe hergeben?“ rief da Ludwigs helle Stimme scharf in all die diplomatische Gehaltenheit des pfalzgräflichen Kavaliers hinein.

„Hergeben ist wohl nicht das richtige Wort ... Man würde die paar Morgen Wald mit einem an anderer Stelle gelegenen Terrain vertauschen.“ Herr von Nievern sprach noch immer höflich, aber doch sehr ausdrücklich zugleich an Herrn von Gouda gewendet und mit einer leichten Falte der Ungeduld in der breiten Stirn, die dem Umstand gelten mochte, daß man ihn hier mit Kindern verhandeln lassen wollte.

Da nahm auch Polyxene das Wort. „Von uns ist niemals pfalzgräfliches Wild weggeschossen worden,“ sagte sie stolz. „Wir, Ludwig und ich, kennen den Wildstand am Heidenkopfe ziemlich genau, und noch besser kennt ihn unser Waldwart und Förster oben, der seit sechzig Jahren in dem Revier heimisch ist. Oft aber habe ich ihn sagen hören, daß sich unser Wild hinüber ins Hllbertsteinsche verläuft und dort abgeschossen wird. Ja, Oheim,“ der Oberst hatte eine Bewegung gemacht, so daß sie nun mit zu ihm sprach, „Strieger meint, ein gutes Theil der Sechzehn- und Achtzehnendergeweihe, die in Hubertstein die Wände schmücken, müßte von Rechtswegen hier hängen.“

„Ei, ei, mein gnädiges Fräulein, so scharf? Ihr geht von der Abwehr gleich zum Angriffe über,“ sagte Herr von Nievern und sah sie, sein Bärtchen streichend, mit einem Lächeln an. Diese Verhandlung wurde ja pikanter, als er erwartet hatte! „Da darf ich wohl auch einige Verstärkung meiner Position nicht verschmähen,“ fuhr er fort. „Ihre Pfalzgräflichen Gnaden beklagen sich durch mich bitterlich über das Raubzeug, welches in Euerem, nichts für ungut, ziemlich vernachlässigten Forste horstet und wohnt. Fortwährend wird, wie ich mich selber überzeugt habe, pfalzgräflicher Jagd dadurch Schaden gethan. Uns wehren und das Zeug fortschießen können wir aber nicht, da, wer Eurer Grenze zu nahe kommt, und wäre es noch so unwissentlich, Gefahr läuft, von dem alten Unhold, dessen Ihr, Fräulein, eben Erwähnung thatet, meuchlings übern Haufen geschossen zu werden.“

Er war zuletzt doch ein klein wenig warm geworden, und aus seinen hübschen Augen hatte ein-, zweimal ein Funke gesprüht. Als er von Raubzeug sprach, blickte Ludwig zu Polyxene hinüber; er dachte an die vier Luchse und ganz wohl war ihm bei der Sache nicht. Sie sah den Vetter nun auch an und sagte ruhig, aber mit leiserer Stimme, nur zu ihm gewendet: „Willst Du den Wald am Heidenkopf aufgeben, Lutz, der Deines Vaters und Großvaters Lieblingsrevier war? Und Geld dafür nehmen oder ein paar Ackerbreiten?“

„Nimmermehr!“ rief da der Knabe. „Wenn ich das thue, soll mich jeder unecht schimpfen! Ich weiß, Oheim, Ihr zwingt mich nicht.“

Was – das wurde wirklich ernst! Jetzt zuerst stellte sich dem Herrn von Nievern die entfernte Möglichkeit dar, daß er unverrichteter Sache würde vor die Pfalzgräfin treten müssen. Den Teufel auch! Aber freilich, wenn man mit Kindern und Narren zu thun hat! Der Landforstmeister schlug jetzt einen etwas andern Ton an; er selber merkte noch gar nicht, daß er innerlich schon auf die Seite dieser Jugend hier gezogen wurde; daß eine Vergewaltigung der offenbaren Jagdlust des Knaben durch den Vormund wenig nach seinem Sinn sein würde. Ziemlich steif und ernst sagte er: „Mein Auftrag ging an Sie, Herr Oberst von Gouda. Sie wissen so gut wie ich, daß geschäftliche Abmachungen mit Minorennen nicht abzuschließen sind. Die Wünsche des jungen Herrn und“ – er verbeugte sich ein wenig – „der jungen Dame in Ehren: aber ich möchte jetzt Ihre Meinung hören.“

„Meine Meinung geht dahin, mein verehrter Herr Landforstmeister,“ entgegnete Herr von Gouda mit unbewegter Miene, „daß hier anwesender Ludwig von Leyen, mein Neffe und Mündel, alt und verständig genug ist, um über seine Zustimmung zu dem gewünschten Handel befragt zu werden. Ehe ich aber dazu schreite, bitte ich mir zu eröffnen, welche Entschädigung denn unsere erlauchte Frau im Falle jener Gebietsabtretung meinem Mündel zu offerieren geruhe.“

Herr von Nievern war auf diese Frage nicht vorbereitet. Hatte er in der Hauptsache mehr Willigkeit zu finden erwartet, als er fand, so hatte er wiederum willkürlicherweise angenommen, man werde zur Erörterung der Einzelheiten des gewünschten Abkommens heute gar nicht mehr gelangen. Die waren ja auch nicht seines Amts.

Doch faßte er sich als ein gewandter Mann. „Von einem bestimmten Terrain im Umtausch gegen die abzutretende Enklave ist bis jetzt nicht die Rede gewesen,“ sagte er geschäftsmäßig, aber auch ehrlich. „Man würde dabei jedenfalls Ihre Vorschläge berücksichtigen, Herr Oberst. Auch durch eine Geldsumme kann selbstverständlich die Ablösung der Leyenschen Rechte an das Forstgebiet bewirkt werden ...“

Er stockte. Er hatte erwähnt, was erwähnt werden mußte, ihm selber als Edelmann aber wenig zusagte. Man hatte Beispiele genug, wo die solchergestalt durch Geld für alten Grundbesitz Entschädigten die erhaltene Summe achtlos hatten durch die Finger laufen lassen oder gar an derselben erst zu Lotterbuben und Verschwendern geworden waren. Dann war nachher das Geld fort und das Land auch! Nievern hatte auf den Gesichteru des Oheims und des Neffen nach der Antwort auf seinen letzten Vorschlag geforscht, und nun wanderten seine Augen auch einmal wieder zu dem Antlitz des Fräuleins hinüber. Warum auch nicht? War es doch für einen Mann in seinen Jahren jedenfalls das wohlgefälligste von den dreien.

Sie aber schien auf diesen Blick gewartet zu haben. Und – tausend, wie sie ihn anblitzte, den Herrn Landforstmeister von Nievern! Wahrhaftig, beinahe verächtlich! „Einen solchen Vorschlag thut Ihr meinem jungen Vetter, Herr von Nievern?“ sagte sie. „Er soll schnödes Geld nehmen für das Erbe von seinen Vätern her und sich arm machen, nur damit Ihr auf der Jagd der Pfalzgräfin ein paar Hirsche mehr schießen könnt? Ja, Ihr –“ hier brach etwas durch von dem Groll, den sie immer schon, ohne recht zu wissen warum, gegen diesen Mann gehegt hatte – „denn die Frau Pfalzgräfin hätte an dies alles nicht gedacht ohne Euch. Was lag ihr bisher an ihrer Jagd ... Ihr habt sie erst darauf gebracht!“

Wie scharfsinnig sie war bei aller jugendlichen Unerfahrenheit! Böse war ihr der ironisch überlegene Herr im Grunde gar nicht – welcher echte Mann wäre es denn, wenn ihn ein hübsches Mädchen angreift! Aber da sie ihn so in die Enge trieb, mußte er sich wehren. „Erlaubt zunächst eine Bemerkung, mein sehr ungnädiges Fräulein,“ sagte er. „Daß man eine Person arm macht, der man eine nicht unbeträchtliche Geldsumme zuweist – wie hier wohl der Fall sein würde – das ist eine Auffassung der Sache, die mir noch neu war. Das Geld hat einen Werth, der Euch unbekannt geblieben zu sein scheint; es vermag oft mehr in der Welt als der Besitz baufälliger, wenn auch altadeliger Häuser, elender Dörfer und verrotteten Waldes.“

Herr von Nievern konnte auch drein fahren, wo es ihm angebracht schien, und er that es dann stets mit großer Kaltblütigkeit. Diesmal jedoch war’s ihm leid, sobald er ausgesprochen hatte. Es war nicht eben großmüthig gewesen, Polyxene, das „Fräulein von Habenichts“, wie die Pfalzgräfin sie genannt hatte, daran zu erinnern, daß sie den Werth des Geldes aus Erfahrung kennenzulernen wohl wenig Gelegenheit gehabt habe.

Aber siehe da, ihre Stirn blieb klar und ihr Gesicht völlig unbefangen. Sie hatte den Stich gar nicht gefühlt. „Ich verstehe allerdings nicht viel von Geld,“ sagte sie mit Ruhe, „aber ich weiß, daß es uns ziemt, zu halten, was wir an Grundbesitz noch haben, und auch nicht tauschend damit zu spielen. Ludwig, um dessen Eigenthum es sich ja handelt, denkt wie ich. Und was, Oheim, ist nun Euere Meinung?“

„Was sagt Ludwig?“ fragte Herr von Gouda dagegen. „Laß ihn seine Sache selber führen, Polyxene!“

„O nein, sie hat ganz recht, wenn sie für mich spricht,“ rief hier Ludwig und drängte dabei unbewußt seine Schulter an die des Fräuleins, das neben ihm saß. „Gerade so, wie sie denkt, denk’ ich auch. Ich halte, was ich habe ... der Wald am Heidenkopf ist mir lieb ünd werth, ... ich möchte gar nicht leben, wenn er nicht mein wäre. Daß der Strieger ein wüster alter [248] Waldmensch ist, damit mögt Ihr recht haben, Herr von Nievern,“ fuhr er fort, sich jetzt zutraulicher an den Landforstmeister wendend. „Aber er weiß Bescheid im Forste wie keiner, und wenn wir ihn von dort wegtreiben wollten, so wäre das sein Tod. Den Schlupfwinkel des Luchses weiß er auch – ja, Oheim, und nun müßt Ihr leiden, daß wir zur Nacht hinausgehen und ihn abschießen. Ihr hört ja, Herr von Nievern beklagt sich darüber ... Und heute nacht hat er erst den Rehbock geholt, den wir Euch für den Tisch schießen wollten ... Polyxene gewahrte seine Fährte zuerst. Wir meinten, es sei nur einer ... vielleicht treiben wir ihrer mehr auf,“ fügte er mit schlauer Zurückhaltung hinzu. Beinahe wäre ihm entfahren, daß Strieger von vieren dieser gefährlichen Wildräuber gesprochen hatte. Aber das brauchte ja der Herr da nicht zu wissen!

Dieser lächelte jetzt gutmüthig über den Eifer des Jungen. „Mir scheint, daß ich meine Antwort für die Frau Pfalzgräfin habe, Herr Oberst,“ sagte er dann, sich auf seinem Sitze zurechtrückend wie einer, der demnächst aufzustehen gedenkt.

Dixit ipse,“ sagte Herr von Gouda darauf, mit dem Kopfe nach dem Knaben deutend. „Er selber hat gesprochen; ich will ihm in dieser Sache nicht entgegen sein. Wir wollen es – und möge unsere allergnädigste Frau Pfalzgräfin das weiter nicht übel vermerken – mit dem Walde beim alten lassen, Herr Landforstmeister. Ich kann die Verantwortlichkeit, eine so wesentliche Aenderung im Besitzstand meines Mündels zugelassen zu haben, nicht auf mich nehmen. Ist er erst einmal mündig, so mag er es damit halten, wie er will.“ Hier fing Herr von Nievern einen Blick heiteren Einverständnisses zwischen Ludwig und seiner Base auf. „Ja, dann kann die Pfalzgräfin erst recht warten, bis sie meinen Forst bekommt,“ war darin zu lesen.

Darauf erhob sich der Kavalier rasch. Ohne gerade üble Laune zu zeigen, ließ er merken, daß er einen anderen Ausgang der kleinen Unterhandlung lieber gesehen hätte. Als alle standen, trat er dicht an Herrn von Gouda heran, neben dessen etwas häringsartiger Figur die seine sich sehr stattlich ausnahm. Und jetzt wendete er sich so ausdrücklich nur an den Vormund, daß Polyxene ihren jungen Vetter, der arglos hatte hinzutreten wollen, sacht am Aermel zurückzog. „Fern sei es von mir, Sie nun noch in Ihrem Entschlusse wankend machen zu wollen, mein Herr Oberst,“ sagte Nievern. „Ich hoffe, Sie haben auch überlegt, daß ein wenig mehr Entgegenkommen in dieser Sache der pfalzgräflichen Hoheit geschmeichelt und in ihr ein günstiges Vorurtheil für den Junker von Leyen zuwege gebracht haben würde. Im Vertrauen gesagt, unsere erlauchte Frau hat früheren kleinen Mißhelligkeiten, die es zwischen ihrem verstorbenen Gemahl und dem letzten Freiherrn, Josias, dem Großvater Eures Mündels, gesetzt zu haben scheint, ein bewunderungswürdig gutes Gedächtniß bewahrt.“

Hatte er in wirklicher guter Meinung geglaubt, dem Herrn von Gouda da einen sehr beachtenswerthen Wink gegeben zu haben, so mußte er gewahren, daß die erhoffte Wirkung ausblieb. „Der Freiherr Josias, mein seliger Schwager, war bekanntermaßen ein starrköpfiger Mann, ehrlichen Gemüthes aber,“ sagte der Oberst mit seiner trockensten Miene. „Hat er irgend bei Hofe angestoßen – und vielleicht ebensowohl vermöge dieser zweiten Eigenschaft als durch jene erste – so soll man uns das billigerweise nicht nachtragen. Und was die Zukunft betrifft, so muß ich es meinem Neffen und Mündel da überlassen, wie er mit unserer allergnädigsten Herrschaft fertig wird. Sie ist ja, glücklicherweise, ein Frauenzimmer. Und wächst er sich zu dem heraus, was er jetzt verheißt, nun, so wird er in seiner Person schon einen ganz guten Fürsprecher bei Ihrer Pfalzgräflichen Hoheit haben. Oder wie dünkt Euch, Herr Landforstmeister? Man will wissen, daß sie für stattliche Kavaliere eine kleine faiblesse habe – in allen Ehren, natürlich.“

Das war so deutlich auf den Angesprochenen selber gemünzt, daß dieser kaum wußte, ob er die Anspielung noch als einen Scherz oder als eine Beleidigung auffassen sollte. Indem er nun aber dem Manne vor sich sekundenlang funkelnd in das hagere Gesicht blickte, entschied er sich für das erstere, trotz des unerschütterlichen Ernstes auf diesem Antlitz. Gerade die trockene Gravität des Obersten war das Lächerliche an der Sache; was brauchte man diesen Ritter von der traurigen Gestalt – Herr von Nievern kannte den anmuthigen Roman des spanischen Poeten Cervantes sehr wohl – ernsthaft zu nehmen? Er blieb ein halber Narr, daher er denn freilich mit der Freiheit eines solchen seine Zunge brauchte.

So lachte Herr von Nievern nur gutlaunig auf und meinte: „Nun, ich wünsche dem jungen Herrn da alles Glück bei Hofe, und ich verspreche, daß ich ihm meinerseits seinen kleinen Eigenwillen von heute nicht nachtragen werde. Wer weiß, wie er später über denselben denkt, und ob nicht der Tag kommt, wo ein Lächeln unserer Gebieterin fertig bringt, was meine geringe Redegabe heute nicht vermocht hat.“

„Nicht, so lange ich da bin, um ihm zu sagen, was die Ehre des Leyenschen Namens von ihm heischt!“ Das war Polyxene. Die jungen Verwandten waren mit verschlungenen Armen wieder näher getreten; kein Wort, das gefallen war, war dem Mädchen entgangen, und dabei hatte die rosige Farbe ihres Gesichts mit Blässe gewechselt. Auch jetzt, da sie sprach, sah sie bleicher aus als sonst und ihre Augen schienen dunkler.

Herr von Nievern musterte sie, leicht erstaunt über den abermaligen Angriff. „Kein Zweifel mehr, daß mein Antrag an Euch seine schärfste Gegnerin hier gefunden hat, mein Fräulein,“ sagte er. „Ich versage Eurem uneigennützigen Antheil an Eures Vetters Angelegenheiten meine Bewunderung nicht –“ er behielt sie im Auge; keine Wimper zuckte in dem stolzen offenen Antlitz bei den prüfenden Worten – „aber verkennt meine gute Meinung nicht, wenn ich Euch rathe, anderen gegenüber mit diesem Antheil, insofern er die Wünsche unserer allergnädigsten Fürstin kreuzt, etwas mehr zurückzuhalten.“

Sie sah ihn groß an, als verstehe sie ihn nicht. Und er perstand sich selber kaum; seit wann lag es ihm ob, arme adlige Fräulein zu warnen vor den Folgen schlecht angebrachten Freimuthes? Wenn diese hochfahrende Jugend da sich bei Hofe in Ungnade bringen wollte, bei der lange nachtragenden, nein, wie alle beschränkten Naturen eigentlich nie verzeihenden Pfalzgräfin, so war das ihre Sache.

„Der Herr möge meinetwegen keine Sorge haben,“ entgegnete jetzt Polyxene stolz, aber nicht unfreundlich; „ich schreie meine Meinung nicht unnöthig aus. Daß sie die Frau Pfalzgräfin durch Euch erfährt, kann und will ich freilich nicht hindern. Gewiß, Ihre Hoheit ist viel zu fürstlichen Sinnes, um uns zu verargen, wenn wir an dem Unseren hangen und zu Veränderungen nicht willig sind.“

„Hoffen wir es,“ sagte Herr von Nievern. „Wir“; „am Unseren“! Ein sonderbares Mädchen, das sich – und offenbar in aller Harmlosigkeit – so mit dem Vetter für eins hielt; sie, deren Habe federleicht wog, mit ihm, dem Besitzenden!

„Darf ich den Herrn Landforstmeister ersuchen, zu verweilen und als Tischgast mit uns vorlieb zu nehmen, jetzt, da er sich seines Geschäftes entledigt hat?“ hob jetzt der Oberst wieder an, mit ernsthaftester Höflichkeit. Und nun machte auch Polyxene unwillkürlich einen Schritt nach Nievern hin, wie um die Einladung zu unterstützen. Sie schämte sich plötzlich vor sich selber. Was war ihr nur in den Sinn gekommen, ihrer geringen Hinneigung zu dem Kavalier heute so offen nachzugeben! Sie hätte das gern wieder gut gemacht, denn der Verstoß gegen die gute Lebensart beschwerte 1hr Gemüth. Aber Herr von Nievern lehnte die Einladung ohne Zögern und mit höflicher Bestimmtheit ab. „Gestärkt hatte ich mich ja schon nach meinem Morgenritt, wenn anders das nöthig gewesen wäre,“ sagte er mit lächelndem Blicke, nach der Flasche und den Gläsern deutend. „Jetzt ist es hohe Zeit, daß ich in die Stadt zurückkehre. Gestattet mir, mich zu beurlauben.“ Dabei hatte er den Hut vom Stuhle neben der Thür aufgegriffen und hielt ihn in der Hand, so daß die langwallende Feder den Erdboben berührte, während er den hübschen Kopf vor dem Obersten und seinem Neffen und dann ritterlich noch etwas tiefer vor der Dame neigte.

Aber hier brach durch die gewohnten Formen etwas von der absonderlichen Freiheit durch, welche die Bewohner der Herrenmühle sich gegen das bloße Ceremonienwesen wahrten. „Verweilt doch wenigstens, bis Euer Pferd vorgeführt ist,“ schlug Herr von Gouda vor, und nun rief Lutz lebhaft: „Das Pferd? Auf welchem seid Ihr gekommen, Herr von Nievern? Auf dem dunkelbraunen Engländer? Ich gehe, zu bestellen, daß er herausgebracht wird!“ und damit war er leichtfüßig hinaus.

„Vielleicht beliebt es Euch, so lange im Garten zu wandeln, Herr von Nievern,“ sagte Polyxene, immer in dem Bestreben, etwas von ihrer bisherigen Rauhheit wieder gut zu machen. „Der Oheim hat sehenswerthe holländische Tulpen darin gezogen.“

„Mit Vergnügen folge ich Euch, mein Fräulein,“ erwiderte Herr von Nievern artig und ließ der Schlanken den Vortritt. [249] Der Oberst schloß sich an und so stiegen sie die Treppe mit dem schweren dunkeln Holzgeländer hinab. Sie hatten den Hof quer zu überschreiten und gelangten dann durch das Thürchen eines zierlichen Stakets in den Garten.

Herr von Nievern sah sich von hier noch einmal nach dem Hause um, dem langen Gebäude mit dem gewaltigen steilen Dach, aus dem zwei Reihen Fensterluken übereinander ganz wunderlich wie zahlreiche schläfrige Augen schauten, denn die Ziegelbekleidung des Daches hing in geschwungener Linie wie ein tief niederfallendes Augenlid über jedem. Alles war dunkelgetönt, zeitgeschwärzt und verwittert. Mönche, die Kugelherren genannt – von ihrer Kopfbedeckung Kogel oder Kugel, wie der alten Bräuche kundige Leute wissen wollten – hatten das Haus gebaut; das bestätigte der Herr von Gouda jetzt dem Landforstmeister, welcher eine Bemerkung über den Namen des Anwesens hingeworfen hatte. „Sie bauten es Anno 1410; die Jahreszahl ist dort in dem Schlußstein des niedrigen Gewölbbogens über der Thür zu lesen,“ fuhr Herr von Gouda fort. „Diese Kugelherren waren aber keine Müßiggänger und Schlemmer wie viele andere Mönche. Sie gehörten auch keinem der großen geistlichen Orden an, jener Pflanzen welschen Bodens. Ein Landsmann von mir, ein Niederländer, Geert Groot mit Namen, hat ihre Brüderschaft gestiftet. Sie nannten sich ‚Brüder vom gemeinsamen Leben‘ und dies Leben brachten sie unter Betreibung von allerlei nützlichen Handwerken hin, außerdem daß sie beteten, sangen, lasen und schrieben.“

„Brave Leutchen,“ sagte Herr von Nievern beifällig, „Und hierorts scheinen sie Müller gewesen zu sein, wenn ich mir den Namen dieser Besitzung richtig deute. Hoffentlich“ – er lächelte und kniff nachlässig die hübschen Augen halb zu, während sie noch einmal über das schläfrige Hausdach schweiften – „hoffentlich haben die Vorfahren unseres jungen Freiherrn ihnen nicht auf allzu unmanierliche Weise das Handwerk gelegt. Oder sind die Leyens nicht die direkten Nachfolger der Kapuzenleute gewesen?“

„Haus und Hof sind durch Kauf im Jahre 1663, wenn ich mich recht erinnere, aus den Händen der Ordensbrüder in die von Maximilian von Leyen gelangt,“ nickte Herr von Gouda. „Wir dürfen annehmen, es sei bei dem Handel ehrlich zugegangen. Wie Ihr richtig vermuthet, betrieben die geistlichen Herren die Mühle hier, die aber mit der Zeit verfallen ist. Es sind die Gebäude dort hinten am Graben gewesen ..“

„Ja, dort liegt noch ein gewaltiger Mühlstein, tief eingesunken in die Erde und mit Gras überwachsen,“ sagte hier Fräulein Polyxene. „Und das Wehr ist noch da, oberhalb des Gartens, und beim Mühlenbau die Schleuse. Und der Graben ist noch immer voll und tief. Es war die stete Angst der Wärterinnen, wir möchten dort zu Schaden kommen.“

„Ja, der Graben ist an einer Stelle so tief, daß selbst ein Mann darin ertrinken könnte,“ fiel hier Ludwig, der wieder hinzugetreten war, mit einiger Wichtigkeit ein, „gerade da, wo früher der Steg drüber lag. Den hat aber Polyxene fortnehmen lassen, weil es gefährlich sei.“ Er lachte lustig.

„Du meinst wohl, ich ginge seitdem nicht mehr hinüber, Polyxenchen? Mit einem Brette, das gerade langt von einem Ufer zum anderen, und einer Stange zum Stützen habe ich es schon oft genug fertig gebracht, wenn ich rasch auf die Landstraße wollte, der Frau Pfalzgräfin vier weiße Rosse und den Galawagen vorbeikommen zu sehen, oder dergleichen!“ Polyxene drohte ihm nur ruhig mit dem Finger. „Früher glaubte ich, daß es nichts Prächtigeres auf der Welt geben könnte als diese Schimmel,“ plauderte der Knabe weiter, vertraulich zu Herrn von Nievern gewendet, dessen männliche Jugend und heiter bequemes Wesen ihn anziehen mochte. „Jetzt aber denke ich weit anders.“

„Nun, und wie denkt Ihr?“ fragte der Landforstmeister lächelnd.

Auch Ludwig lachte und blinzelte vertraulich zu ihm hinüber. [250] „Das vordere Handpferd hat den Spat; das zur Linken verliert den Schweif und ist ein elender Klepper, wird wohl auch immer ein solcher gewesen sein, nur daß ich das damals noch nicht verstand; und steif im Kreuze wegen ihres hohen Alters sind sie jetzt alle.“

„Ihr seid ein scharfer Kenner, junger Herr,“ lächelte Herr von Nievern wohlgefällig. „Für den Dienst, den die Pferde zu verrichten haben, sind sie übrigens noch tauglich genug. Aber nun gestattet, daß ich den Tulpenflor hier bewundere. Ah, das ist ja prächtig!“

Sie gingen nun alle eine Weile zwischen den steifen buntprangenden Blumenreihen hin, wobei Herr von Gouda das Lob, welches seine Tulpen erhielten, nicht ohne Wohlgefallen zwar, aber mit stets unvermindertem Ernst entgegennahm. Wäre sein Gesicht eine Fastnachtslarve von der feierlichen Sorte gewesen, es hätte nicht unbewegter bleiben können.

Herr von Nievern, der ein offenes Auge für die äußere Welt hatte und von seinen Reisen her gewohnt war, sich aufmerksam umzusehen, betrachtete Blumen und Sträucher genau und mit verständigem Blick. Er fragte nach diesem und jenem und trat dann neben Polyxene, wie um eine stolze Blüthe besser zu betrachten, die aus einer grünen Scheide spitzer Schilfblätter an schlankem Speerschaft emporgeschossen war. „Welch schöne Blume!“ sagte er. „Mich dünkt, ich habe sie noch nie gesehen.“

„Auch ein Pflegling des Oheims,“ entgegnete Fräulein von Leyen, und Herr von Nievern meinte: „So treibt Ihr neben den Fortifikationswissenschaften, welchen Ihr, wie man weiß, privatim obliegt, auch diese ganz friedliche Kunst der Gärtnerei, Herr Oberst, und zwar mit Meisterschaft?“

„Ich versuche allerlei, und diese Varietät der Iris war mir von Kennern in Holland, zu denen ich in Beziehung stehe, empfohlen worden,“ sagte Herr von Gouda trocken. „Es ist übrigens keine große Kunst dabei, Gewächse aus Zwiebeln zu ziehen.“

Indessen hatte sich Polyxene zur Seite gebückt und mit einem Messerchen, welches sie bei sich trug, gefällig eine der Blüthen abgeschnittn. Sie reichte dem Kavalier den schlanken Stengel mit seiner Wehr scharfer Blätter, die ihn am unteren Ende noch fest umschränkten und knapp durchgelassen hatten, und mit der bläulichen halb erschlossenen Blüthe und sagte dabei freundlich: „Die neue Blume theilt etwas mit den Erinnerungen aus des Oheims Soldatenzeit, durch ihren Namen. Man heißt sie Schwertlilie.“

„Schwertlilie,“ wiederholte er langsam, nahm den schlanken wehrhaften Schaft mit der zarten Blüthe aus der Hand, die ihn bot, und umfaßte dabei Mädchen und Blume mit einem eigenthümlichen Blicke, dem jetzt die Worte folgten, rasch und nur so laut gesprochen, daß sie allein sie verstehen konnte: „Das ist ein vortreffliches Symbol für Euch, Fräulein.“

Polyxene, wider ihre Art, verwirrte sich ein wenig bei dieser Sprache der Galanterie, die sie hier nicht erwartet hatte. Aber war es denn eine Schmeichelei gewesen, die da eben an ihr Ohr gedrungen war? Oder nicht vielmehr eine spöttische Herausforderung? Und war er es gewesen, von dem sie gekommen war? Von dem Mann, der jetzt, als wisse er gar nichts mehr davon, so ruhig neben dem Obersten von Gouda herschritt und ihm zuhörte und das Fräulein in diesem Augenblick gar nicht zu beachten schien? Polyxene wunderte sich über eine solche Fertigkeit in kleinen Verstellungen, und ihre Wangen blieben, solange der Landforstmeister noch im Garten verweilte, unwillig geröthet.

Er seinerseits schien nicht zu merken, daß er das Fräulein wieder erzürnt hatte. Die Blume behielt er in der Hand, und als er wenige Minuten später sein am Gartenstaket vorgeführtes Pferd bestieg – einen schlanken kräftigen Braunen englischer Zucht, dem Junker Lutz viel Aufmerksamkeit schenkte – da schob er die Blüthe mit einer gewissen Sorgfalt vorn durch das Bandelier seines Degens und blitzte gleich darauf das Fräulein, indem er vor allen Dreien ritterlich den Federhut schwenkte, mit einem Blicke des Verständnisses an ... ob sie auch sehe, wo er die symbolische Blume geborgen habe! Der Lilienstengel reckte sich da steif und wenig anschmiegsam hervor. Und Fräulein Polyxene war überzeugt, daß der lustige Kavalier und Günstling der Pfalzgräfin sie damit zum besten habe.

Sie trug das mit Würde. An den Herrn von Nievern dachte sie von da ab etwa wie an einen Feind; doch hinderte sie ihr Stolz daran, sich allzu sehr durch ihn verletzt zu fühlen, oder wenigstens, es sich einzugestehen.

Textdaten
zum vorherigen Teil
>>>
zum nächsten Teil
aus: Die Gartenlaube 1893, Heft 16, S. 261–267
[261]
4.

In Birkenfeld hatte sich eine kleine Veränderung vollzogen, die aber doch in dem Städtchen, in dem keine großen Dinge zu geschehen pflegten, von sich reden machte. Es war weiter nichts, als daß das Gelaß mit den schräggeneigten Dielen, der niedrigen Decke und den kleinen Fenstern im Hause des Bäckers Jost Lüttebrand, im Oberstock über seinem Gaden und seiner Mehlkammer gelegen, leer stand, weil Frau von Méninville, die es bewohnt hatte, auf das pfalzgräfliche Schloß gezogen war.

[262] Wie das gekommen war? Ganz einfach so. Einige Tage nach jenem Heimwege der bescheidenen Witwe vom Schlosse, bei welchem sie der Leyenschen Karosse hatte Platz machen müssen, war die Méninville einmal wieder bei der Pfalzgräfin. Diese hielt kleinen Damenzirkel; Frau von Méninville, die im pfalzgräflichen Gemache an ihrem Deckenzipfel gearbeitet halle, wollte sich entfernen, als die andern Damen sich einfanden, wurde aber durch ein paar Worte ihrer Herrin zurückgehalten, wie das jetzt Zuweilen geschah. Die Unterhaltung in diesen Zirkeln war der Pfalzgräfin, die neuerdings nach einem bestimmten Reize des Gesprächs verlangte, zu einförmig ohne die Méninville. Die brachte gleich etwas Belebung hinein; und schon daß die andern Damen sich ärgerten, wenn sie da blieb und von der Fürstin soviel Duldung erfuhr, war ein kleines Amusement mehr.

An jenem Tage nun hatte Frau von Méninville, um der Unterhaltung aufzuhelfen, sich selbst ein wenig preisgegeben, indem sie sehr lächerlich erzählte, wie sie neulich von dem Wagen der Leyens an die Wand gedrückt und gezwungen worden war, auf einen Kothhaufen sich zu retten. Es gehörte der Méninville ganze christliche Selbstverleugnung hierzu, denn einige der Damen enthielten sich nicht, schadenfroh zu lächeln bei der Schilderung. „Ja, ich muß eine drollige Figur abgegeben haben,“ sagte die liebe Frau, selber in besonderer Weise lächelnd. „Die Leyensche Kutsche ist ja wohl eine von den breitesten; es muß die ältere Façon sein, die man früher baute und die sich nur noch in vereinzelten Exemplaren findet. Benutzen Sie nicht auch noch eine solche, aus Liebhaberei, Frau von Biberen – ehrwürdig wie die Arche Noah, wie?“

Frau von Biberen, die rothblonde Dame mit dem feinen, etwas zu früh verblühten Gesicht, war selber scharfzüngig genug. Sie wurde zwar jetzt roth vor Aerger, sagte aber unverweilt: „Die Geräumigkeit meiner Karosse hat mich noch nie gestört; ich weiß nicht, wie sie denen vorkommt, die zu Fuße zu gehen genöthigt sind.“

„Karossen kenne ich, wie Frau von Biberen eben bemerklich machte, allerdings nur noch von außen seit den Jahren meines entbehrungsreichen Witwenstandes,“ erwiderte Frau von Méninville sanft, mit Ergebung die Augen niederschlagend. „Ich kann deshalb dem Herrn nur danken für die angeborene Znfriedenheit eines Gemüthes, das all diesen Prunk wenig entbehrt.“

„Das sind sehr tugendhafte Empfindungen ... Sie sind ... Sie sind eine vortreffliche Frau, liebe Méninville.“ Die Pfalzgräfin war es, welche gesprochen hatte, etwas holprig, wie das eine fürstliche Eigenheit von ihr war.

„Pfalzgräfliche Hoheit überschätzen mich ,“ sagte Frau von Méninville bescheiden. „Ich will mich nicht besser machen, als ich bin. Während ich in meiner Bedrängniß dastand, dicht an die Mauer gedrückt, deren Kalk ich nachher an meinem Mantel mit nach Hause brachte, und auf das Piedestal des Schmutzhaufens erhöht, eine beiqueme Zielscheibe zur Belustigung der jungen Herrschaften im Wagen – der junge Herr hat sich weidlich amüsiert, er wird es bezeugen – da waren Fleisch und Blut doch nicht ohne Verdruß; ich hatte eine recht unfreundliche Regung gegen diese übermüthige Jugend, deren ich mich jetzt selber als einer Thorheit anklage ... Was sagten Sie, Fräulein von Motz? Sie halten Ihre vortreffliche Freundin Polyxene für unfähig, mich ausgelacht zu haben in jener fatalen Lage? Sie kennen die junge Dame genau: sie sah mich gar nicht ... ihre Augen erniedrigten sich nicht so weit, einen Gegenstand wie mich auch nur zu streifen ... ich bin viel zu gering, um von ihr überhaupt bemerkt zu werden.“

Da hatte die gute Motz, das Fräulein mit dem ein wenig lächerlichen dicken Apfelgesicht und der zu kleinen Nase, ihrer Polyxene, der sie treulich anhing, einen schlechten Dienst erwiesen. Sie saß ziemlich weit von der Pfalzgräfin entfernt und hatte sich nicht enthalten können, ihrer Nachbarin jene Bemerkung zuzuraunen, welche die Méninville also doch gehört hatte, obwohl die Worte nur halblaut gesprochen worden waren. Jetzt schwieg Fräulein von Motz betreten. Hatte sie zuweilen, sogar im Beisein der Pfalzgräfin, jene glückliche Dreistigkeit, die man ihr halb aus Mitleid hingehen ließ, weil sie für ein junges Mädchen doch gar so unschön war, so war sie der liebenswürdigen Witwe dennoch nicht gewachsen.

Die Pfalzgräfin sprach jetzt. „Fräulein von Leyen thäte aber sehr wohl, Sie, liebe Méninville, zu beachten,“ sagte sie. „Sie könnte von Ihnen lernen.“ Und nun fuhr sie fort, ihre Sätze kurz abstoßend, wie sie pflegte; „Warum ist die Leyen heute nicht hier? Sie wartet uns sehr wenig auf. Wenn sie einmal ihre Fortune durch den Hof machen will, sollte sie sich mehr dazu halten.“

„Hoheit belieben zu bedenken, daß die Herrenmühle ein entlegener Ort zum Wohnen ist,“ sagte hier die Obersthofmeisterin Frau von Kallenfels, die – das mußte man ihr lassen – recht gern einmal ein gutes Wort für jemand bei der Fürstin einlegte, wenn sie konnte. „Wünschen Pfalzgräfliche Gnaden das Fräulein zu regelmäßigerem Dienste um sich zu haben, so wäre ihr vielleicht das kleine Appartement zuzuweisen, welches Fräulein von Ochsenstein innehatte ...“

Sie kam nicht weiter. „Jetzt keine derartigen Vorschläge, Frau von Kallenfels, wenn ich bitten darf,“ sagte Sabine Eleonore beinahe ungnädig. „man plagt mich stets mit Geschäften – man überrumpelt mich ... Ist mein Hofstaat nicht vollzählig, so hätte ich das längst wissen sollen.“ Sie war mit einem Male ganz roth geworden, sie ärgerte sich augenscheinlich. Die Obersthofmeisterin, die diese Anzeichen kannte, war jetzt des Winkes gewärtig, der auch alsbald erfolgte. „Ich bin etwas ermüdet ...“ Sogleich erhoben sich sämtliche Damen. „A revoir, mes dames!“

Den üblichen Handkuß beim Zurückziehen ließ sie dann wieder huldvoll geschehen. Auch der Obersthofmeisterin, die sie nicht entbehren konnte, zeigte sie zuletzt keine üble Laune mehr; sie war eben froh, den Damenschwarm los zu werden. Frau von Méninville kam natürlich zuletzt an die Reihe der Verabschiedung, ihrem bescheidenen Rang nach, und wollte sich eben tief zum Handkuß neigen, als die Fürstin sagte: „Bleiben Sie, liebe Méninville, noch ein wenig an Ihrer Stickerei; es beschwert mich, daß ich selbige heute meiner vapeurs wegen so wenig gefördert habe.“

Wieder eine unerhörte Gunst, und wie bescheiden wurde dieselbe empfangen! Frau von Méninville war sogleich, wie fortgeweht, in der Ecke des Gemaches, und zum Zeichen, daß sie hier nicht mehr Theilnehmerin an einem Hofzirkel, sondern nur noch die Hand sei, welche die Goldfäden durch das Gewebe aus- und einführe, sank sie an ihrem Platz in sich zusammen und verschwand fast unter den Sammetfalten der Decke, trotzdem die Pfalzgräfin noch stand.

Als die Thür sich hinter den Damen geschlossen hatte, nahm Gräfin Sabine Eleonore ihren Sessel wieder ein und meinte: „Sie haben dort wenig Licht; kommen Sie näher, liebe Méninville.“ Und bald zeigte sich, wo ihre Gedanken noch waren; sie wiederholte eine schon einmal gemachte Bemerkung: „Die Leyen wartet mir nicht so oft auf wie andere Damen! Sie weiß wohl nicht, wie schwer es sein wird, sie einigermaßen standesgemäß durch eine Heirath zu versorgen.“

„Vielleicht glaubt Fräulein von Leyen dazu die Protektion Euerer Hoheit nicht nöthig zu haben,“ sagte hier Frau von Méninville, über ihre Stickerei geneigt. „Sie verläßt sich, und wie manche meinen, nicht ohne Fug, auf ihre Schönheit.“

„Sie ist eine eingebildete Stange!“ rief darauf die kleine Dame mit überraschender Derbheit. „Wir wollen einmal hören, was sie in zehn Jahren sagt. Weit lieber wäre mir es freilich, wir würden sie beizeiten los. Wissen Sie etwas davon, daß sie schon beachtet worden wäre – von einem unserer Kavaliere oder sonst einem Mann von Stande?“

Frau von Méninville schien nachzusinnen. „Schwerlich würde solches, wenn es der Fall wäre, zu meiner Kenntniß kommen,“ sagte sie dann. „Ich lebe in einer zu bescheidenen Sphäre, in deren Dunkel nur die unvergleichliche Gnade Euerer Hoheit zuweilen ein um so helleres Licht wirft. Das einzige Mal freilich, daß ich Fräulein von Leyen durch einen liebenswürdigen Kavalier erwähnen hörte, da geschah es nicht ohne Beifall.“ Die Pfalzgräfin blickte noch ruhig und ahnungslos und daher ausdruckslos vor sich hin; die Méninville fuhr fort: „Entsinnen sich Pfalzgräfliche Gnaden nicht, wie Herr von Nievern neulich rühmte, es habe sich das Fräulein von Leyen der Sache ihres Vetters gegen Euere Hoheit recht wacker angenommen? Mich dünkte, er sprach wärmer von dem Fräulein, als er sonst pflegt.“ Frau von Méninville stickte emsig weiter – es fand sich gerade ein Knötchen in dem Goldfaden, welches ihre besondere Aufmerksamkeit in Anspruch nahm. Als sie endlich wieder aufblickte, sah sie, daß ihre Gabe gewirkt hatte.

„Ganz recht, da ist sie unserem Vortheil auch entgegen gewesen,“ sagte Sabine Eleonore, und man hätte kaum glauben sollen, daß das Puppengesicht eines solchen Ausdruckes von Gehässigkeit fähig wäre, wie es ihn jetzt trug. „Gut, daß Sie mich daran erinnern; ich hatte es vergessen.“

[263] Sie hatte, als kürzlich Herr von Nievern über seine erfolglose Unterhandlung mit dem Vormund des jungen Freiherrn von Leyen Bericht erstattete, nach ihrer Art auf den Kern der Sache wenig acht gehabt. Und Herr von Nievern, gutmüthig, wie er im Grunde war, hatte auch das Seinige dazu beigetragen, daß jene Weigerung von Leyenscher Seite nicht zu tief eindringe in das fürstliche Gemüth und Gedächtniß und da üblen Willen gegen die Waisen erzeuge. Zum Unglück aber hatte er jene Bemerkung über Polyxene wirklich gemacht; leicht hingeworfen, als harmlose Redeblume, die aber, wie sich nun zeigte, von Frau von Méninville mit spitzen Fingern aufgelesen und dem Herbarium ihres Gedächtnisses einverleibt worden war, welchem sie jetzt von ihr entnommen wurde, um, vorher in feinen Giftstaub eingetaucht, unter die fürstliche Nase gehalten zu werden. „Jugend hat keine Tugend,“ sagte die vortreffliche Witwe jetzt entschuldigend. „Das Fräulein ist eben jung und vorwitzig.“ Und nun prüfend, leise lauernd unter den blonden Wimpern hervor: „Ein Aufenthalt am Hofe, in der Nähe Euerer Hoheit, würde ihre Manieren gewiß alsbald verbessern; und diese Verbesserung, zusammen mit jenem – leider allzu flüchtigen – Jugendreiz, den man an ihr rühmt, würde ihr vielleicht die soliden Attentionen eines unserer Kavaliere verschaffen ... es sind ja einige ansehnliche noch unvermählte Herren in den besten Jahren am Hofe ...“ ein leises Zaudern, ob man noch weiter gehen dürfe – ja, bei Sabine Eleonore waren starke Dosen nöthig, also wohlan denn, noch eine! „Den Beifall des Herrn von Nievern scheint sie schon erlangt zu haben ...“

Da, endlich! Die kleine Dame reckte sich steif auf und kollerte wie eine zankende Taube: „Wer sagt, daß ich sie haben will? – Ich möchte sie nicht um mich leiden, und wenn mir eine flandrische Stadt dafür geschenkt würde! Bin ich diesem paupern Adel schuldig, ihn zu erhalten? Mitnichten! Warum geht sie nicht in ein Kloster? Dafür langte ihr bißchen Armuth gerade noch, sich einkaufen zu können.“

„Sie mag wenig Beruf dazu in sich spüren, und der Schritt würde ihr alsdann zur Sünde gereichen, das dürfen Hoheit nicht vergessen,“ erinnerte Frau von Méninville in erbaulichem Tone. „Der Herr will Herzen, die sich ihm freiwillig ergeben. Der Sinn dieser jungen Dame steht nach fast männlicher Lust, wie man hört, nach Jagd und Jägerei.“

Die Pfalzgräfin hörte die letzten Worte nicht mehr. Selten oder nie in ihrem Leben hatte diese matte Natur soviel innere Beängstigung und Verlegenheit empfunden als in den letzten Augenblicken, bis, aus dieser Noth geboren, ein rettender Gedanke kam. Und nun, in angewöhnter schlauer Vorsicht und Zurückhaltung, sprach sie nicht gleich, sondern begann erst nach einer Pause ganz ruhig und vornehm näselnd: „Was ich vorhin schon sagen wollte, liebe Méninville: es ist unpassend, daß eine Person von einigem Stande wie Sie, für die wir noch dazu zu besonderer Rücksicht gewillt sind, so erbärmlich wohnt. Sie sollen nicht wieder durch die Karossen meines Adels, der sich allzu viel einbildet, in den Gassenschmutz gedrängt werden! Sie ziehen hierher aufs Schloß! Das Appartement der Hofdame von Ochsenstein steht leer – gut, daß mich die Obersthofmeisterin darauf brachte ... Sie werden es beziehen ... und Sie werden künftig in einem von meinen Wagen fahren!“

„Unmöglich, Hoheit!“ schrie die fromme Frau, ganz fassungslos erschrocken.

„Warum unmöglich?“ fragte Sabine Eleonore hochmüthig. „Kann ich nicht thun, was ich will?“

Sie war aber doch in einer gewissen Bewegung; ihr Wachsgesicht röthete sich ungleich. Frau von Méninville mochte einsehen, daß es nicht wohlgethan sein würde, ihren Scheinwiderstand allzu ernstlich zu betreiben und der launischen Fürstin Gründe an die Hand zu geben gegen den auffälligen Schritt, die sie vielleicht gar stichhaltig gefunden hätte. So sagte sie denn – was, wie sie wußte, die Pfalzgräfin wenig rühren würde: „Ich befürchte für das Heil meiner Seele bei einer Erhöhung, welche die weltliche Hoffart wieder in mir beleben könnte. Es ist dem durchdringenden Blicke Euerer Hoheit nicht entgangen, wie völlig ich meinen Sinn abzuwenden suche von der Herrlichkeit der Welt, die mich, das bekenne ich, erst in Euerer durchlauchtigsten Person aufs neue unwiderstehlich angezogen hat.“

„Ach, papperlapapp!“ sagte denn auch die fürstliche Dame kurzweg. „Sie werden die christliche Demuth im Dienste um unsere Person schon nicht aus den Augen setzen. Sie bleiben einstweilen ohne besonderen Rang, da ist man ganz ungeniert –“

„– und kann nachträglich soviel an der Sache knausern wie man will,“ fügte Frau von Méninville in Gedanken hinzu. Gleichviel! Sie würde sich verbindlich gemacht haben, eine Weile von der Luft, sicherlich aber mit Vergnügen von Wasser und Brot zu leben, nun, da sie so viel erreicht hatte. Ein ungeheurer Schritt weiter war gethan; sie war ihrem heimlichen Vorbild, der Madame von Maintenon, wieder ein gutes Stück näher gekommen.

„Ich brauche eine ergebene Person in meiner Nähe, die klug ist und keine Prätensionen macht,“ sagte Sabine Eleonore hier mit echt fürstlicher Rücksichtslosigkeit. „Sie sind mir ergeben, denk’ ich, liebe Méninville?“

Statt aller Antwort haschte die Witwe nach der fürstlichen Hand und küßte den seidenem Halbhandschuh mit Inbrunst. Und so kam es, daß das Quartier über dem Laden und der Mehlkammer des Bäckers Lüttebrand drei Tage später leer stand.




5.

In eben diesen Tagen begab sich Fräulein Polyxene von Leyen in glücklicher Unkenntniß alles dessen, was zur Zeit am fürstlich Birkenfeldschen Hofe für und gegen sie verhandelt worden war, eines Nachmittags, da es schon gegen den Abend ging, nach dem Dorfe Keula hinauf. Des adligen Anstandes wegen folgte ihr ein Diener, derselbe Mann, der sie und den Vetter neulich zur Jagd gefahren hatte. Dietlieb trug ein Körblein, in welchem sich, wie er mit Verwunderung festgestellt hatte, ein feines Weißbrot, von der Wirthschafterin auf der Herrenmühle gebacken, und ein kleiner Krug Wein befand. Auch ein paar edle Aepfel von dem Zwergobst, welches der Herr von Gouda an sonnigem Spalier zog, hatte das Fräulein selber zuguterletzt noch herbeigebracht. Sie waren schon beinahe durch die lange aufwärts führende Dorfgasse hindurch, da blieb Polyxene, welche bisher keine Unsicherheit und kein Zögern gezeigt hatte, stehen und ließ den Diener herankommen; nicht ohne ein wenig Scheu, unwillkürlich leise sprechend, fragte sie ihn: „Wo mag der Schindanger des Dorfes sein, Dietlieb?“

„Der Schindanger? Gott behüte uns, Euer Gnaden!“ Er sah sie an, als ob sie nicht ganz bei Verstande sei. „Was soll uns der Schindanger?“ Wollte sie etwa Knöchlein ausgraben, um Mittel zur Erhaltung der Schönheit zusammenzukochen, wie manche thaten? Dazu hätten sie aber doch gegen Mitternacht gehen und Hacke und Spaten mitnehmen müssen!

Sie ließ ihn nicht lange im Unklaren. „An dem verlassenen Anger steht ein Haus, und die darin wohnt, die will ich sehen. Wißt Ihr Bescheid hier im Dorfe? Kennt Ihr das einzelne Haus? Ein gar elend Häuslein soll es sein.“

„Da weiß ich von keinem,“ sagte er kopfschüttelnd. „Hinter dem Galgenfeld in der Schlucht, die nach dem Heidentopf hinaufzieht, stand früher eine Hütte, die muß aber längst zerfallen sein; schon damals hing sie vornüber und die Lehmwände barsten. Ich bin lange nicht hingekommen – man ging nicht gern vorüber. Vor Zeiten habe einer der Freiknechte da gewohnt, erzählen sie; das war, als dort oben noch der Galgen stand, den die Grafschaften Birkenfeld, Hippoltstein und Veldenz gemeinsam unterhielten. Das ist lange her; jetzt wird nur noch zu Heidelberg gehenkt, wenn ich’s recht verstehe.“

Ob Dietlieb mehr wußte, als er sagen wollte? Er war ein kümmerlicher, ängstlicher Gesell. Polyxene fragte ihn nicht weiter, sondern hatte das Antlitz stetig nach der Höhe über dem Dorfe gewandt und verfolgte ihren Weg. Sie kannte die Schlucht, von welcher ihr Begleiter gesprochen, und hatte dort zu Zeiten, oben vom Waldrande aus, mit flüchtigem Verwundern das einer menschlichen Behausung ähnliche braune Genist mit dem elenden Dache über den Rand des Hohlweges hinausragen sehen, sie war jetzt überzeugt, daß das der Ort sei. Dahin aber getraute sie sich allein zu finden. Als sie daher durchs Dorf vollends hindurch waren, blieb sie stehen und streckte die Hand nach dem Körbchen aus. „Was beliebt, Euer Gnaden?“ fragte der Mann, wie ängstlich, und hielt den Korb fest. „Gebt nur her,“ sagte das Fräulein, auf eine Weise, die ihm jeden ferneren gutgemeintem Widerstand kurz abschnitt, „ich brauche Euch nun nicht mehr. Wartet meiner bei der Kirche!“

Zögernd gehorchte Dietlieb; Polycene wandte sich, nachdem sie die weite öde Heidefläche oberhalb des Dorfes erreicht hatte, ohne weiteres Besinnen rechts, dem Eingange jenes schluchtartigen Hohlweges zu. Er war trocken bis auf die schmale Sohle, die feucht und so tief dalag, daß weder Sonne noch Mond hineinschienen. Es [264] war düster und wild hier unten; Bäume und Gesträuch, oben am Rande der Schlucht wachsend, verdunkelten sie noch mehr. Polyxene strebte darin aufwärts, bis die Wände sich weiteten; kahles scholliges Erdreich jetzt, so alles Pflanzenwuchses bar, als hätte hier ein Fluch es versengt. Enttäuscht schickte sie die Augen in die nun wieder frei werdende Weite. Wo war jene Hütte? Da zog eine Unregelmäßigkeit des Bodens ihre Blicke auf sich. Das war etwas wie ein Steinhaufen und – Polyxene sah schärfer hin – kein Zweifel: Menschenhände waren hier im Spiel gewesen, so formlos auch der Klumpen aus der Ferne aussah! Näher kommend, unterschied sie Gemäuer und Lehmwände, die in ihrer Färbung kaum vom Boden rings umher abstachen; allem Anschein nach das Elendeste, Baufälligste und Verwahrloseste, was je noch für eine menschliche Wohnung hatte gelten können. Wie ein in allem Wechsel ausharrender Freund stand ein alter Birnbaum daneben, der einzige Baum weit und breit. Und Baum und Hütte so beieinander hatten etwas Ergreifendes in ihrer Verlassenheit.

Das Fräulein erbangte plötzlich, als sie nun ganz nahe bei der Hütte war. Wie, wenn diese wüstem Gesindel zum Aufenthalte diente anstatt derjenigen, welche sie suchte! Wie öde sah alles hier aus! Doch jetzt bemerkte sie an der Längswand des Hauses ein kleines Fenster. Dasselbe gemahnte an ein offenes freundlich blickendes Auge – als ob etwas drinnen sei, was der elenden Hütte Leben verleihe wie die Seele dem Leibe, Entschlossen öffnete sie den Holzriegel an der Thüre, der zwar außen vorgeschoben, aber auch von innen zu bewegen war.

Ja, sie war am Ziele! Ehe der zaudernde Fuß sie einen Schritt weiter trug, nahm sie rasch in sich auf, was der erste Blick umfaßte. Nun, die wüste Höhle, auf welche das Aeußere der Hütte hinzudeuten schien, war der Raum, den sie hier vor sich hatte, nicht, wenn auch die größte Dürftigkeit ihn bewohnte. Offenbar enthielt das Haus nur dieses eine Gelaß; Tisch und Stuhl standen ordentlich da und ebenso das wenige von schlechtem Kochgeräth, das um die geschwärzte gähnende Feuerstelle seinen Platz hatte. Das Hauptstück des Gemachs war ein hochpfostiges Bett, massiv, wie aus besserer Umgebung hierher verpflanzt. Vorhänge von grobem blaugewürfelten Zeug, die an den Pfosten herabhingen, brachten einen entfernten Anklang von etwas wie Behagen in das Ganze.

Und von dem schlechten Kopfkissen schauten aus einem abgezehrten Gesicht die Augen der Bewohnerin der Hütte der Besucherin ruhig entgegen. Einen Blick nur hatte das Fräulein auf dies Gesicht geworfen, da sah sie sonst nichts mehr. All die unheimliche Oede, welche diesen Fleck umgab, der nackte Mangel, der hier herrschte, die Niedrigkeit und Verlassenheit waren wie ausgelöscht vor dem unerklärlichen Ausdruck, der auf dieser Stirne thronte, aus diesen eingesunkeneu Augen sprach. Keine Verwunderung war in dem Gesicht der bresthaften Frau zu lesen bei dem Besuch, der ihr doch hätte überraschend kommen müssen. Als Polyxene jetzt scheu näher trat, da sagte jene, einen glänzenden Seherblick auf das helle Antlitz vor sich heftend: „Ich horchte und hörte Euren Schritt, der Euch eben am Fenster vorübertrug. Und als Euer Schatten einen Augenblick diesen Raum verdunkelte, da wußte ich, wen Gott mir endlich schickte. Angekündigt seid Ihr mir schon lange, Polyxene von Leyen.“

„Durch den Strieger?“ fuhr es dem Fräulein heraus. „Warum hat er mir denn nicht früher von Euch gesprochen?“

Die Frau betrachtete sie indessen mit einem eigenen Blick stiller prüfender Aufmerksamkeit, „Nein, nicht durch ihn,“ sagte sie jetzt. Und dann, als wäre das, was nun kam, das Einfachste und Natürlichste von der Welt: „Durch ein Gesicht in der Nacht, wie mich deren der Herr zu Zeiten würdigt, seid Ihr mir gezeigt worden, so wie ich Euch jetzt vor mir sehe. Nur Euer Antlitz hatte der Herr vor mir verschleiert; so sehr ich mich bemühte, ich vermochte es nicht klar zu schauen. Jetzt erkeuue ich die Augen, die mich da wie durch einen Schleier anblickten; seltsam, denen Eurer Mutter gleichen sie nicht.“

Da war Polyxene mit einem Male dicht an dem Bette, von dem die Scheu der Edeldame vor der zu nahen Berührung mit der Niedrigkeit sie bisher noch zurückgehalten hatte. „Ihr seid in Diensten meiner lieben theuren Mutter gewesen,“ sagte sie rasch und drückte die flachen Hände gegeneinander vor Inbrunst bei dem Namen. „Ihr werdet mir von ihr erzählen? Thut es, ich bitt’ Euch! Wie nenn’ ich Euch? Wenn Ihr einer Stärkung bedürft – ich habe Wein mitgebracht und Brot ...“

Polyxene von Leyen war nicht gewohnt, Almosen auszutheilen, und fühlte sich fast verlegen dabei. Und als die Frau jetzt sagte: „Vermögt Ihr die Noth eines Armen Euch vorzustellen? Hättet Ihr das gute Herz Eurer Mutter? Dann ist Euch viel auferlegt in diesen Zeiten und Ihr könnt mich fast dauern,“ da wurde sie roth vor Beschämung.

„Euren Wein und Euer Brot brauche ich nicht,“ fuhr die Bewohnerin der Hütte fort, mit einer Stimme und in einem Tone jedoch, welche dieser Zurückweisung jeden Stachel nahmen, „aber Ihr braucht etwas von mir, Was es ist, weiß ich noch nicht – ich warte, daß es der Herr mir offenbaren wird. Aber da er Euch mir ankündigte, gab er mir zugleich das innere Wissen einer Noth, in der Ihr Euch befindet oder in die Ihr kommen würdet.“

Das war eine Sprache, die das Fräulein von Leyen kaum verstand. Ueberhaupt, wie überwältigend seltsam war dies alles! Das kranke Weib da vor ihr redete nicht, wie das rohe und geringe Volk es zu thun pflegte. Ihre Ausdrucksweise war die der bessern Stände, ja es war die derjenigen, welche mit dem gedruckten Worte verkehrten, nur ohne ihre Steifheit und gelehrte Verbrämung. Und sie selber, die dalag wie an das Bett gewachsen, war mit niemand, weder mit Mann noch Weib, die Polyxene je gekannt hatte, zu vergleichen. Das Fräulein hätte kaum zu sagen gewußt, ob jene Frau alt sei. Eine Sieche war sie; ihr dünnes Haar lag fahl und farblos an den eingefallenen Schläfen. Das abgezehrte Gesicht trug den Zug des Leidens, ja den des Todes. Die Hände, gelblich, blutlos, schienen gichtisch verkrümmt. Aber auf der blassen Stirn stand ein anderes Wort als Leiden, da stand: Sieg! Nicht die Mattigkeit des Alters, sondern das Licht einer zeitlosen Jugend wohnte in den Augen unter den scharfen Bogen; eine unbeschreibliche Feierlichkeit lag über der ganzen Gestalt, etwas von jener fast triumphierenden Ergebung, welche die Hände den Fesseln und der Schmach entgegenstreckt und sie trägt, als wären es goldene Ehrenketten.

Während Polyxene noch schweigend stand, der Empfindung dieses Fremdartigen und Neuen ganz hingegeben, betrachtete die Frau sie wieder und murmelte dann mit einem Male: „Gott verzeihe mir, an mich und das Meine habe ich gedacht mehr als an Euch, Kind. Ihr wollt von Eurer Mutter hören, die Euch allzufrüh verließ ... Ihr wißt wenig von ihr?“

„So klein ich war, als sie starb, ich erinnere mich ihrer,“ sagte Polyxene. „Und Ihr habt ihr gedient? Sie war gütig gegen Euch?“ fuhr sie flehentlich fragend fort.

„Sie konnte nicht anders sein als gütig; sie war in dem, der die Güte selber ist und er war in ihr,“ antwortete die Kranke. „Der Heiland hatte sein Bild in ihr schon frühe zu besonderer Herrlichkeit vollendet. So hat die Zeit der irdischen Arbeit auch nicht lange für sie zu währen gebraucht ... sie durfte früh von hinnen gehen, während wir andern unter Mühe und Schweiß zurückblieben.“

Welche Sprache, in der es bei aller Ueberschwänglichkeit der christlichen Empfindung zugleich durchklang wie völlige Gleichstellung von Herrin und Dienerin vor dem Allerhöchsten, vor Gott! Und doch wurde der sonst so wache Stolz des Fräuleins durch das, was sie vernahm, nicht beleidigt. Und wie sie so stand, fielen ihre Augen mit Erstaunen auf einen Gegenstand, der in einer viereckigen kleinen Nische der Wand neben dem Bette lag, zu Händen der Kranken, wenn diese die Arme hätte heben können. Es war ein altes kleines, aber dickleibiges Buch in braunem Ledereinband. Bücher hatten Anziehungskraft für Polyxenen, wo sie sich auch fanden. Die Augen der Kranken, mit jenem klaren, ruhig eindringenden Blick für die Außenwelt begabt, der sich gerade mit der Loslösung des innern Menschen von allen irdischen Wünschen zusammenfindet, hatten wieder auf dem Fräulein geruht und sie sagte jetzt: „Ihr wundert Euch, die Nahrung der Weisen und Gelehrten zu finden in dieser Hütte des Elends. Aber Ihr kennt jenes Buch nicht. Nicht die Klugheit der Klugen will es nähren, sondern die Thorheit der Einfältigen. Es ist ein kostbares Werkzeug Gottes geweseu und hat die Arbeit des Herrn an vielen Seelen gethan. Ja, nehmt und betrachtet es! Ich kann es nicht mehr erreichen mit meinen Händen, wenn es dort liegt –“

„Eure Arme sind gelähmt?“ flüsterte Polyxene, ehe sie über das Bett hinüber nach dem Buche griff, mit einem Schauer von Mitleid und Schrecken.

„Ja, der Herr hat seinem bösen Engel Macht gegeben, mich zu binden mit starken Ketten des Siechthums. Fester und fester werden sie um mich geschnürt, und in der Nacht sitzt der Widersacher gekauert dort in der Ecke; sogar bis auf den Bettrand hier ist er schon gekommen, um sich grinsend an meiner Ohnmacht zu weiden. Gott hat mich so tief gedemüthigt in diesen letzten Zeiten noch, daß ich wähnte, jenem verfallen zu sein und vom Herrn [266] verworfen. Das ist vorüber jetzt,“ sprach sie weiter, mit einem stillen Leuchten in den Augen „vorüber für diese Zeitlichkeit, wie Gott mich hat erfahren lassen. Mein Friede ist unaussprechlich, und der böse Feind, da er mich nächtens dem Herrn hat singen hören mit lauter Stimme, ist gewichen. Pfauchend vor Wuth fuhr er durch den Rauchfang. Ich sah ihn nicht, denn mondlose Finsterniß war allenthalben, aber ich hörte ihn. Und schwerlich wird er mir in dieser meiner Leiblichkeit noch einmal kund werden.“

Polyxene hörte dies alles an, erstaunt wohl, aber weit entfernt, diejenige, die so sprach, für eine halbverrückte Thörin zu halten. Davon würde schon der klare Blick jener Augen sie abgehalten haben und die ruhige Sprechweise felsenfester Ueberzeugung, auch wenn nicht über dem ganzen Wesen der Einsamen der Hauch des Ungewöhnlichen, der von seltenen inneren Erfahrungen auszugehen schien, gelegen hätte. Das Fräulein hielt jetzt das alte abgegriffene Buch in Händen; dasselbe sprang auf beim Titelblatt, und sie las die Worte: „Theologia Germanica oder Teutsche Theologie“ in krausen tiefschwarzen Lettern und dann, das Einzige, worauf noch sonst ihr Auge fiel, die Jahreszahl MDXVI. Also ein Buch, das zweihundert Jahre alt war!

Daß Theologie Gottesgelahrtheit heiße, wußte das Fräulein wohl; war man doch, auch als Katholikin, am Hofe der kleinen Pfalzgräflichen Hoheit jetzt mit diesem und mit noch längeren Worten nicht nur, sondern sogar mit allerhand theologischen Spitzfindigkeiten vertraut, seit der Berather des Witwenstandes der Fürstin, der Jesuitenpater Gollermann, ein sehr eifriger Mann, dort die Gewissen regierte. Wenn aber diese kranke Frau ein Buch, welches sich Theologia benannte, las und über alles schätzte, warum war sie dann aus der Gemeinschaft der übrigen Christen schmählich ausgestoßen? Vielleicht, dachte Polyxene in ihrer Einfalt, weil diese Theologia sich die deutsche nannte? Sie ließ einige Seiten des Buches durch ihre schlanken Finger laufen. Der Text war in deutscher, etwas alterthümlicher Sprache abgefaßt. Sie stieß auf Kapitelüberschriften, die in ungefügen Wendungen ebenso ungewohnte Dinge sagten: „Wie wir zum wahren Licht nitt gelangen mögen durch vill fragens und studirens, oder durch des natürlichen Menschen Einsehen und Verstand, sondern indem wir warhafftiglich uns selbsten ganz auffgeben, hassen und verschmähen, uns und alle Ding“ hieß es da. Das klang allerdings ganz anders, als was in der Erbauungsstunde im Schlosse durch die Obersthofmeisterin vorgelesen wurde, aus Büchern, welche der Pater Gollermann verordnete. Aber mehr noch stand Polyxenen bevor. Die Blätter des Buches, als es so mit dem Rücken auf ihrer Hand lag, fielen auseinander, so daß die innere Seite des Einbandes vorn und daneben ein weißes Blatt sichtbar wurde. Und auf diesem las Polyxene mit leisem Aufschrei die abgeblaßten Schriftzüge eines Namens – es war der ihrer Mutter!

„Anne Rochette von Leyen.“ Polyxene hatte die feinen und bestimmten Federzüge kaum erblickt, als sie – mit einer Regung flammenden Unwillens zu allererst – das alte braune Buch gegen die Brust drückte. Etwas, das ihrer sehnsüchtig betrauerten Mutter gehört hatte – wie konnte das irgendwo anders sich befinden als in ihrem Besitz! Einen Schatten des Vorwurfes in den Augen, wendete sie sich wieder an das Buch, wie um Auskunft. Und das stumme Buch sprach weiter zu ihr. Sie sah, daß dem Namen ihrer Mutter noch einige Worte in deren Handschrift folgten. Offenbar aber waren sie später, mit anderer Tinte hinzugefügt. „Anne Rochette von Leyen ihrer getrewen Magdalena, sie Gottes Huld empfehlend“ – so stand hier geschrieben.

„Ihr seid Magdalena?“ fragte Polyxene, scheu und in Ehrfurcht zu der hinüberblickend, die doch nur eine Magd gewesen war.

„So hieß ich, ja,“ sagte jene, als liege die Zeit, da sie einen Namen geführt hatte wie andere Menschen, weit hinter ihr. „Ich war jung damals und in all der Thorheit befangen, die der Herr auch den Seinen zuläßt, damit sie erfahren, daß sie nichts sind, weniger als nichts ohne ihn. Aber ich liebte Euere Mutter, nach meiner irdischen Thorheit freilich zuerst nur ihres adlig holden Wesens halber, von ganzem Herzen. Sie hingegen, bei dem Lichte, das in ihr wohnte, erkannte, daß Gott auch mich möge ausersehen haben. Sie machte mich zu ihrer Kammermagd; da war ich stets um sie in den letzten Wochen ihrer Schwäche, als ihr zarter Körper von der reinigenden Flamme des Siechthums verzehrt wurde.“ Und mit leiserer geheimnißvoller Stimme fuhr sie fort: „Da habe ich Wunder der Gnade geschaut, die der Herr in ihr wirkte, so groß, daß auch die, deren Augen gehalten waren, erstaunen mußten.“ Sie verstummte wieder; Polyxene wartete geduldig. Jedes Wort war ihr werth, das ihre Mutter zum Gegenstand hatte, aber wie viel lieber noch hätte sie andere weit geringere Dinge gehört als diese schwärmerischen Zeugnisse von der Verklärtheit jenes geliebten Schattens schon auf Erden – Dinge, wodurch der Schatten Körper gewonnen hätte! Wie ihre Mutter ausgesehen, gesprochen, sich gekleidet habe; ob sie sich ihres kleinen Mädchens, dieser armen Polyxene, die sie so bald verlassen mußte, auch gefreut? Ob sie Schmerzen gelitten in der Krankheit, wie lange diese gedauert habe, und unendlich vieles mehr. Ja, so ungeistlich war Fräulein Polyxene noch gesinnt: hätte sie jetzt erfahren können, ob etwa ein Husten ihre arme zarte Mutter gequält habe in jenen letzten Wochen und ob diese Hände da vor ihr sie alsdann treulich gestützt hätten, so wäre ihr das viel wichtiger gewesen als alle Wunder der Gnade, von denen sie mit beklemmender Ehrfurcht erfuhr. Und wie würde sie die gelähmten Hände dort dafür verehrt und geliebt haben! Sie merkte aber, sie müsse sich bescheiden. Magdalena war, sogar Polyxenens ungeübtem Blicke blieb dies nicht verborgen, auf der Reise begriffen, von der niemand wiederkehrt. Ihr blieb wohl nur noch kurze Frist; kein Wunder, daß vor ihren Augen zusammenschrumpfte, was irdisch war, und nur das, was sie als bleibend erkannt hatte, noch vorhanden schien.

Nach einem Dinge aber zu fragen, war das Fräulein entschlossen, wenn sie auch davor zurückscheute, wie vor der Berührung einer schmerzenden Stelle. Und so sagte sie denn, mit leicht bebender aber doch klarer Stimme: „Wollet mir eins nicht verhehlen: warum hat meine Mutter dieses Buch nicht meinem Vater hinterlassen?“

Hätte die kranke Frau jetzt erwidert: weil er desselben nicht würdig war, oder ähnliches, so würde sich Polyxene, leicht scheu gemacht, wie sie in ihrem spröden Wesen war, innerlich von ihr abgewendet haben. Aber so sprach auch die Kranke nicht. Sie las mit ihrem schon fast überirdischen Scharfblick vom Gesicht des Fräuleins eine gewisse Furcht und zugleich den sehnsüchtigen Wunsch, sich die beiden lange verstorbenen Eltern einig denken zu dürfen. Und sie sagte: „Eueren Vater nannten alle, die ihn kannten, einen biederen Edelmann, und sie thaten nicht unrecht daran. Euere Mutter ist von hinnen gegangen des fröhlichen Glaubens, es werde ihr selber vergönnt sein, Gottes Werk noch nach der Zeitlichkeit an ihm vollenden zu dürfen. Hier schien sie wenig Macht über ihn zu haben, ob er sie gleich lieb hatte. Bitterlich hat er um sie geweint, als sie starb. Und da er sich einsam fühlte – denn Ihr waret noch ein kleines Kind – suchte er nun erst recht seine alleinige Lust auf der Jagd, der er immer nur allzusehr zugethan gewesen war. Jagen und Zechen ... es mußte scheinen, als bliebe ihm keine Zeit und kein Ohr, des Herrn Stimme zu vernehmen, die da leise spricht. Dieses Buches, hätte er es besessen, hätte er nicht geachtet, oder er hätte sich vielleicht daran geärgert. Ich war noch im Hause nach dem Hinscheiden Euerer Mutter; mir war die Sorge für Leinen und Geräth anvertraut. In meiner Thorheit und dem Stolze meiner Unerfahrenheit – denn des Herrn Arbeit hatte noch kaum an mir begonnen – hielt ich damals Eueren Vater für verloren. Euere Mutter hat es besser gewußt. Und sie gab mir ein Zeichen, das meinen Hochmuth strafte. Mir war im Traume, als sollten wir, Euer Vater und ich, Aepfel zusammen brechen von einem Baume im Garten, für eines großen Königs Tisch. Ich, jung und behende, dachte, das sollte mir leicht werden. Aber so sehr ich mich mühte, keine Frucht konnte ich erreichen. Und dann gewahrte ich, weshalb nicht. Euere Mutter war da zwischen den Zweigen, wie ein Vogel, und den Ast, nach welchem ich griff, den bog sie von mir hinweg und Euerem Vater zu, so daß ihm die goldgelben und rothen Aepfel in die Hand rollten. Und darauf sah ich ein anderes noch. Sie lächelte ihm, der sie anblickte, freundlich und lieblich zu, neigte sich und küßte ihn, aber nicht auf den Mund, was mich wunder nahm; nein, auf das Herz küßte sie ihn. Diesen Traum, den mir der Herr gesandt hatte, bewegte ich hin und her in meinem Sinn und verstand ihn nicht. Zwei Tage darauf brachten sie Eueren Vater tot von der Jagd nach Hause. Ich war im Gemach, als sie ihn entkleideten; ich trug die frischen Laken herbei für das letzte Lager. Mit bitteren Thränen that ich das. Denn der kräftige Mann jammerte mich, und noch viel mehr jammerte mich seine Seele. Dachte ich doch nicht anders, als die müsse ewig verloren sein, da er so rasch dahin gefahren war! Da sah ich in seiner linken Brust die rothe [267] Todeswunde, eine kleine Wunde nur, wie ein blutiger Mund; dahin hatte ihn das Geschoß eines Jagdgenossen aus Versehen getroffen. Und es war dieselbe Stelle, die ich Euere Mutter hatte küssen sehen. Da mit einem Male waren meine Thränen getrocknet. Unaussprechliche Freude erfüllte mich. Ich wußte nun, daß Euere Mutter sich den Gatten von Gott erbeten hatte. Er war gerettet worden vor den Listen des Teufels, der ihn tiefer und tiefer zu verstricken gedachte, und entrückt, um jenseit dieses armen Lebens vollendet zu werden.“

Erschüttert hatte Polyxene zugehört, unwillkürlich die Hände faltend; jetzt rannen langsam große Thränen über ihre Wangen, die sie erst merkte, als sie ihr auf die Hände tropften. Sie war völlig verwaist seit jenem Tage und arm, da das Majorat an die andere Linie übergegangen und sonst kein Besitz dagewesen war. Aber wie hätte sie jetzt daran denken sollen! So waren auch ihre Thränen nicht bitter, sondern erleichternde Thränen der Wehmuth. Unsäglich traurig war ihr, seit sie heranwuchs, der Gedanke gewesen, der Vater, wie er ihr geschildert wurde, könne etwa hart gegen die zarte Mutter gewesen sein. Nun war dieser Schatten einer sanften Lichtfluth gewichen, die wie Abendsonnengold aus dem Jenseits brach, Polyxene wußte nun: der Vater und die Mutter waren irgendwo zusammen; inniger vereint, als sie hier auf Erden gewesen waren.

„Ich danke Euch,“ sagte sie denn auch zunächst zu derjenigen, der sie Wohlthaten zu erweisen gedacht hatte, „Ihr habt mir Gutes gethan, wie es kein Mensch auf Erden außer Euch vermocht hätte, denn niemand wußte diese Dinge als Ihr. Und soll ich dagegen Euch gar nichts erzeigen können? Ist Euch nicht jetzt doch vielleicht ein Trunk gefällig zur Erquickung?“ Und das innig bewegte Herz lehrte sie mit einem Male, was hier noth sein möchte, so ungewohnt sie der Wartung Kranker auch war. „Soll ich den Wein, den ich mitgebracht habe, mit Wasser verdünnen? Er ist vielleicht zu stark für Euch, da Ihr desselben nicht gewohnt seid. Und mögt Ihr ein wenig Brot? Ich habe gutes weißes Brot hier,“ sagte Polyxene, hing den Kopf und begann in ihrem Körbchen zu kramen, mit einem Erröthen, das der Stolzen gar lieblich stand.

„Euer guter Wille wirbt für Euch bei dem Herrn,“ sagte die Kranke tiefsinnig. „Er wirbt für Euch mit meinem Gebet zusammen. Ich hoffe, Ihr seid erwählt. Euch zuliebe würde ich kosten, was Ihr bringt, aber ich vermag es nicht. Ueber meine Lippen ist schon seit langem nichts anderes gegangen als die Milch meiner Ziege, welche Strieger allabendlich für mich melkt. Damit fristet mich Gott auf schier wunderbare Weise. Früher brachte mir der Alte zuweilen Fleischkost, Wild aus dem Forste, und bereitete diese hier. Ich aß arglos davon. Da ich aber merkte, daß er sich in seiner rauhen Art freute, die Herrschaft um das zu schmälern, was wir also genossen, da verschloß Gott meinen Mund dagegen mit einem gewaltigen Ekel. So bewahrte er mich vor der Sünde, mich und auch den alten Mann, der mir treu ist, mit einer Treue, die bei Menschen selten gefunden wird.“

Indessen war die Dämmerung draußen herabgesunken, Bei dem sinkenden Lichte nun schien es Polyxene, als gehe eine Veränderung mit dem siechen Weibe vor. Die Gestalt schien sich steifer, länger auszustrecken, das Gesicht nahm einen noch fremdartigeren gespannten Ausdruck an. Es erschien wie das einer Horchenden. Hörte sie Töne aus einer anderen Welt? Eine leise ängstliche Frage, mit der Polyxene sich zu ihr neigte, wurde offenbar nicht vernommen. Nun aber sprach die Kranke wie mit Anstrengung, als ob ihr etwas Ueberwältigendes den Athem benehme: „Geht jetzt, geht ... verzieht nicht länger ...“

Da klagte Polyxene: „Ich kenne Euch nun und fürchte mich der Sünde, Euch ferner so hilflos allein zu lassen.“

„Ich bin nicht allein –“ die Kranke keuchte die Worte mit leiser Stimme, während ihre Augen starrten und glänzten. Nicht allein, wenn Polyxene ging? Wer war denn da? Dem Fräulein grauste, sie sah sich scheu um; es legte sich auf sie wie der Druck einer unsichtbaren mächtigen Gegenwart, Aber sie kämpfte noch mit ihrer Furcht; erst als die Frau noch einmal heiser und dringlich flüsterte: „Geht – Ihr beraubt mich, wenn Ihr noch verweilt!“ da floh sie wie gejagt von dem zwingenden Blick jener Augen.

Draußen dämmerte es, und unsäglich öde und traurig sah es in der kahlen Schlucht aus, Dennoch zögerte Polyxene vor der Thür. Wenn es der Tod war, der eben drinnen Einkehr gehalten hatte? Sie neigte mit gepreßtem Herzen das Ohr zur Thür des Häuschens. Drinnen hörte sie eine Stimme, und während ein nie gekannter Schauer über ihren Leib lief, lauschte sie, ob es die Stimme der Kranken sei. Jetzt unterschied sie einzelne Worte. Die Frau betete, oder vielmehr: sie sprach mit dem Gottessohn, als sei er leibhaftig bei ihr.

Unschlüssig, wie sie selten war, machte Polyxene einige Schritte um die Hütte herum. Und da – schreckhaft war sie nicht bei wirklichen Dingen, welche die Sinne wahrzunehmen vermochten, sonst wäre sie jetzt entsetzt zurückgefahren – da gewahrte sie eine menschliche Gestalt in nächster Nähe. Sie richtete sich höher auf, ihren Muth zusammennehmend, und spähte scharf in die Dämmerung hinein, wenige Augenblicke nur, dann athmete sie erleichtert auf – der alte Strieger stand vor ihr. Er kam vom Ziegenstall her und hielt ein Gefäß in der Hand. Gleichmüthig grüßte er das Fräulein; was er von Genugthuung empfunden haben mochte über ihren Besuch hier, das hatte er schon meistern können, denn er war seit einiger Zeit in der Nähe, wie allabendlich, und wußte um ihre Gegenwart.

Polyxene dagegen trat hastig auf ihn zu. „O, wie froh bin ich, daß Ihr da seid,“ sagte sie unverhohlen. „Die kranke Frau drinnen – ich verstehe so wenig ... ich glaube, ihr letztes Stündlein ist da. Und doch wollte sie mich nicht mehr bei sich leiden.“

Bei diesen Worten hatte er sich betroffen aufgerichtet, Sie waren in der Nähe des Fensters, Er hob den Kopf und spähte und lauschte hinein. Dann meinte er trocken: „Nein, noch ist es soweit nicht, Hört Ihr nicht, wie sie Zwiesprach mit einem hält. Wir wollen hoffen, daß es einer von den Guten ist! So geht das häufig um diese Stunde ... dann muß auch ich mich so lange draußen verhalten und thue es willig genug.“ Nach einer Weile begann er wieder: „Das dauert manchmal stundenlang. Ihr könnt nicht so lange hier oben verweilen. Es wird Nacht, und da ist es hier draußen nichts für Euresgleichen. Wer hat Euch hergeleitet?“

Das sei der Diener Dietlieb gewesen, der harre ihrer im Dorfe bei der Kirche, gab das Fräulein zur Auskunft.

„So müßt Ihr Euch meine Gesellschaft bis ins Dorf hinunter gefallen lassen,“ entgegnete der Alte. „Kommt, Fräulein! Nein“ – da Polyxene zaudernd stand und nach der Thür der Hütte blickte – „gebt Euch nur zufrieden, heute und morgen stirbt sie noch nicht.“

Sein Blick fiel jetzt auf das Körbchen, das Polyxene noch immer in Händen hielt. Und zugleich besann sich auch das Fräulein auf die verschmähte Labung. „Ich hatte Wein mitgebracht und Brot,“ sagte sie und öffnete ein wenig den Deckel. „Die kranke Frau bedarf dessen nicht; so will ich’s Euch übergeben.“ Und sie hob den kleinen Krug heraus.

„Wein? Ja, den gebt nur her,“ meinte der alte Strieger, ohne sich viel zu zieren. Jetzt hielt er das Krüglein am Henkel, beschaute es mit Beifall, zog den Stöpsel und setzte den Hals an die Lippen zu einem langen langen Zuge. Als er den Krug sinken ließ, athmete er tief und die alten Augen funkelten wie Edelsteine unter den tiefen Höhlen hervor. „Bei Sankt Hubert, das ist ein Jahr Leben für einen Kerl wie mich, Fräulein! Nun, war’s mir nicht zugedacht, so laßt’s Euch deshalb nicht reuen. Euer Großvater hatte einen Saupacker – die ‚Furia‘ hieß er – den wollten sie erschießen, als er zur Hatz nicht mehr taugte. Da sagte der Freiherr Josias: ‚Laßt ihn, der Hund frißt mich nicht arm.‘ Er warf ihm sogar dann und wann einen guten Brocken zu, ’was Weichgekochtes, denn das alte Vieh hatte schier keine Zähne mehr. Dafür hat ihn der Hund, als er, ein weniges bezecht, auf der Heimkehr von Hippoltstein am Heidemoor zu Falle kam – Euer Großvater, meine ich – mit seinem zahnlosen Rachen emporgezerrt, gehalten und geschleift und dann Leute herbeigeholt. Und ohne den Rüden wäre der Freiherr Josias elendiglich im Moore und Moder erstickt und versunken auf Nimmerwiederfinden. Merkt Ihr was, Fräulein? Wer weiß, wozu der alte Strieger noch taugt!“

„Wenn der Wein Euch eine Stärkung ist in Eueren hohen Jahren, so sollt Ihr dessen nicht entbehren; das gedenk’ ich zu verantworten,“ sagte Polyxene, die mit einem Mal am Spenden Freude zu empfinden begann. Sie hatte ihm auch das Brot gereicht – der Aepfel schämte sie sich – und er brummte beifällig, stellte sein Gefäß mit Ziegenmilch und dann den Weinkrug neben die Thür auf die Steine und legte das Brot daneben. Und nun begannen sie miteinander durch die Schlucht hinabzusteigen.

Textdaten
zum vorherigen Teil
>>>
zum nächsten Teil
aus: Die Gartenlaube 1893, Heft 17, S. 277–284

[277] Durch ein Wort hier und da – über Weg und Steg und dergleichen – zeigte der alle Strieger, daß er gesprächig aufgelegt sei. Da sagte Polyxene nach einer Weile: „Jene Frau in der Hütte hat die Treue gerühmt, die ihr von Euch erwiesen wird. Ist sie Euch denn blutsverwandt? Oder was bindet Euch sonst an sie?“

„Da ist nicht viel zu sagen,“ antwortete der Alte. „Nach Euerer Eltern Tod heirathete die Magdalena einen Teppichwirker aus Flandern und zog fort mit ihm – auch ein Betbruder von der besonderen Art, die den Pfaffen nicht behagt, weil sie selber die Nase in allerhand alte Schriften steckt. Nach Jahr und Tag kam sie als Witwe zurück nach Birkenfeld. Den Mann hatten sie ihr zu Tode gebracht mit Inquirieren nach seinem Glauben oder Nichtglauben. Eine garstige Geschichte; er hatte in einem feuchten Loche gesessen, in das nicht Sonne noch Mond schien, bis sie dahinter kämen, wie es mit seinem Credo bestellt sei; unterdessen ist er am Bluthusten draufgegangen. Ob nun die Magdalena das der Klerisei nachtrug oder was sonst – sie ging nicht zur Beichte und nicht zur Messe, betrieb vielmehr ein wunderliches Spintisieren und Beten und Schriftenlesen in ihren vier Wänden. Nicht lange, so waren die geistlichen Herren auch hier hinter ihr her … seht Euch vor, es ist ein schlechtes Gehen hier … denn die wollen nun einmal nicht, daß einer einen Weg zum Himmel gleichsam nebenher findet, wo sie nicht ihre Schlagbäume stehen haben. Wie dem armen Weibe von ihnen zugesetzt worden ist –“ er blieb mit einem Male stehen und warf den einen Arm mit geballter Faust gegen den Abendhimmel empor, und so unvermittelt kam die heftige Gebärde, daß Polyxene zusammenfuhr. Aber gleich stampfte er auch wieder ruhig weiter, als wäre nichts geschehen. „Sie kam damals auch unter Klausur in das Karmeliterkloster nach Nievenport; von dort hat sie die Gicht mitgebracht, an der sie jetzt lahm liegt.“

„Warum aber verfuhr man so strenge mit ihr?“ sagte Polyxene leise.

„Das mögt Ihr wohl fragen. Sie war ja still genug und sah niemand bei sich als die geistlichen Herren selber. Ja, die kamen. Einer von ihnen hing an ihrer Fährte wie ein übereifriger Hund, der mehr thut, als sein Herr will – es giebt solche Bestien; ich habe auch wohl schon so einen gehabt. Es war der Pater Klausinger; er kam von Philippsburg. Wer ihn dorten kennt“ – hier lachte der alte Waldmensch bösartig – „der weiß, daß er seitdem hinkt. Er kam eines dunklen Abends vor Magdalenens Thür schwer zu Fall über einen Holzklotz, den, wie sie sagten, der Teufel selber dem frommen Manne da zwischen die Beine geworfen habe. Das rechte Bocksbein brach ihm wie ein dürrer Stecken,“ wieder lachte der schlimme Alte in sich hinein, „und seitdem lahmt er. Aber sie ließen doch nicht ab von ihr, wie man denken kann. Und sie, sie blieb unter all dem Quälen, wie sie gewesen war. Nichts that sie [278] ihnen zu Gefallen. Das könne sie nicht vor ihrem Gewissen, war ihre Rede. Ihr bißchen Habe zerging; ihre alten Schriften, an denen ihr Herz hing und die schon ihrem Manne den Kopf verdreht hatten, die verbrannten sie ihr, und wie gern hätten sie die Frau selber auf den Holzstoß gesetzt, nur daß davon unser Herr Pfalzgraf in seinen Landen nichts wissen wollte.“

„Und verstoßen wurde sie aus der christlichen Gemeinschaft? So sagtet Ihr, als Ihr mir zuerst von ihr sprachet!“ rief Polyxene unter leisem Schauder.

„Ja, das war das Ende vom Liede,“ meinte der Alte, noch ziemlich gleichmüthig. „Seitdem hat sie vor ihnen wenigstens Ruhe gehabt, und das gemeine Volk, das danach wie eine wilde Meute auf sie losgelassen war, wurde es endlich auch müde, mit Steinen nach ihr zu werfen, wenn sie sich je einmal zeigte. Damals war einer, den fuchste es, daß die Klerisei auch an dem armen Weibe ihren Willen haben und sie aus dem Leben sollte hinaushetzeu dürfen, wie sie es mit dem Manne gemacht haben, und der flickte die Hundehütte da oben, des Freiknechts ehemaliges Gelaß, ein wenig zurecht und brachte die Frau an einem dunklen Abend hinauf, sie und das Wenige, das ihr vom Hausrath noch geblieben war. Es borgte ihm ein anderer, von dem er mancherlei wußte, ein Kerl aus Keula, Karren und Gaul dazu. Die große alte Bettstatt ging nicht durch die Thür – sie mußte auseinander, und da kam aus einer verborgenen Lade noch ein Buch zum Vorschein, das hatten die schwarzen Herren nicht gefunden. Mit dem Buche zusammen haust sie nun dort, Sommer und Winter, ich weiß nicht, wie viele, und diesen Winter, der jetzt kommt, wird sie schwerlich mehr erleben. Der, von dem ich gesagt habe, versorgt sie, seit sie sich wenig mehr rühren kann, so gut er vermag ... und es schiert ihn nicht, ob ihm die im Himmel oder die an dem andereu Orte einmal dafür Dank wissen werden ... So, Fräulein, dort drüben harrt Euer Geleitsmann; schlotterbeinig trabt er vor der Kirche hin und her, daran erkenn’ ich den Dietlieb von weitem. Mich braucht Ihr nun nicht mehr.“

Da trat das Fräulein unversehens rasch an ihn, der schon kehrt machen wollte, heran. „Ihr seid es, Strieger, dem die Frau ihr armes Leben dankt. Und gottlos ist sie nicht ... und Ihr, Ihr seid gut ...“ Es war wie eine überwältigende Offenbarung über Polyxenen gekommen, was gegenüber dem gedankenlos aus dem Meßbuch murmelnden oder spitzfindige Predigten anhörenden Kirchenglauben diese werkthätige Menschlichkeit sei.

Strieger lachte nur grimmig. „Das hat mir noch keiner gesagt, so alt ich geworden bin. Sie schlagen ja allenthalben das Kreuz vor dem Strieger; jetzt nun gar, wo er ein alter wüster Waldbär ist – aber früher ist’s auch nicht viel anders gewesen. Da“ – er wies mit dem Kopfe über die Schulter nach der Hütte zu – „die Mutter von ihr, die sollte mich heirathen; wir waren einig, da machten sie ihr Angst vor mir. Ich war ein Schütz, wie es wenige gab, und nun sollte ich mein Glück im Treffen dem Schwarzen verdanken. Als ich merkte, daß sie sich vor mir zu fürchten begann, da wurd’ ich wild.“ Ueher das schrundige Greisengesicht lief es auch jetzt wie der Widerschein einer fressenden Glut. „Sie war ein Ding zum Zerbrechen – ich zerbrach sie beinahe vor Jammer und Wuth, daß sie nichts mehr von mir wissen wollte ... könnt Ihr es ihr verdenken, wenn sie noch rechtzeitig einen andern nahm? Den hätt’ ich über den Haufen geschossen, beim Teufel, ich hätt’ es gethan – wenn es ihnen nicht von Anfang an schlecht gegangen wäre ...“ Er brach plötzlich ab und wandte sich nun wirklich zum Gehen. „Das ist lange her. Ich muß jetzt fort und Ihr erst recht, wenn Ihr vor Nacht in der Herrenmühle sein wollt, wohin Ihr gehört.“

Diesmal hielt Polyxene den Alten nicht noch einmal auf. Sie entfernten sich rasch voneinander, er aufwärts in die öde Schlucht, sie nach dem Dorfe zu, dessen ärmliche kleine Kirche, von einer niedrigen zerfallenden Mauer umfriedigt, von eingesunkenen Grabhügeln umgeben, gerade unter ihr lag. Dort, auf einem kahlen Platze zwischen Kirchenthür und Kirchhofspforte, bewegte sich mit der Regelmäßigkeit eines Uhrpendels eine schwarze Gestalt hin und her. Es war der Pfarrer des Ortes, wandelnd und sein Brevier betend. Polyxene wußte nichts weiter von ihm, kaum daß sie ihn von Angesicht kannte; doch sie wollte, als ihr Pfad sie jetzt außen in seiner Nähe vorbeiführte, ihren Gruß anbringen, in der ihr anerzogenen Ehrfurcht vor dem geistlichen Gewand. Aber es gelang ihr nicht. Er mußte sie bemerkt haben, wenn er nicht taub und blind war. Doch er hob nicht einmal sein großes hartes Gesicht von dem Buche.

Aus dem Schatten der Kirchhofsmauer kam jetzt Dietlieb hastig hervor. Er sah verstört aus, was aber das Fräulein erst beachtete, als sie auch schon die Ursache merkte. Hinter beiden, die jetzt rasch den Heimweg durch das Dorf hinab begannen, sammelten sich Gruppen der Dorfbewohner, Kinder und Weiber. Polyxene hatte auf einzelne drohende Rufe hinter sich bisher gar nicht acht gehabt, erst ein Stein, der dicht an ihr vorbeiflog, machte sie aufmerksam. Nur erstaunt, nichts weiter, und aus ihrem Sinnen über das Erlebte aufgestört, wandte sie sich um. Da sah sie den zerlumpten Haufen und sah freche Gebärden und hörte Hohn- und Schimpfreden. Anstatt aber rascher zu gehen, blieb sie nun stehen, ihrem stolzen Muthe folgend, und wandte das Gesicht ruhig dem ihr unverständlichen Schauspiele zu. „Kommt, kommt,“ raunte da der Diener, näher an sie herantretend, als er sonst wagte. „Sie haben gemerkt, daß Ihr bei der Verfluchten gewesen seid. Trifft Euch jetzt ein Stein, so habt Ihr den Schaden, was auch der Herr Oberst nachher thun mag, um solche dreiste Unbill an ihnen heimzusuchen.“

„Wie, sie wagen es? Und jener Armen wegen, die zum Heiland betete, als ich sie verließ?“ rief Polyxene, glühend vor Unwillen. Und sie machte ein paar Schritte auf den elenden Haufen zu. Da wichen sie zurück; was stand hielt, waren ein paar Weiber. Polyxene betrachtete diese stumpf glotzenden, von Schmutz und Elend zernagten Gesichter, und die Lust verging ihr, die Entfernung zwischen sich und jenen zu verringern. Sie wandte sich langsam wieder um und verfolgte in stolzer Haltung ihren Weg.

Hinter ihr schoß der Haufe noch einmal zusammen; es flogen noch ein paar Steine, aber mit mattem Schwung, mehr zum Schimpf als zum Schaden geworfen. Und Polyxene bezähmte ihre zornige Aufwallung darüber; sie sah ein, daß aus weiterem Zögern in der Nähe des Gesindels nichts Gutes für sie erwachsen konnte. Nur eines wunderte sie flüchtig. Als sie sich zu dem schimpfenden Haufen umgewendet hatte, da hatte sie hart an der niedrigen Kirchhofsmauer den Pfarrer stehen sehen, und jetzt hielt er den breiten Kopf nicht mehr über das Brevier gebückt, sondern schaute steinern auf das wüste Treiben, ohne demselben durch Wort oder Gebärde Einhalt zu thun.




6.

Der fürstlich birkenfeldsche Hof hielt, was seit dem Tode des Pfalzgrafen Karl Christian vor fünf Jahren niemals wieder geschehen war, ein großes Treibjagen ab. Frau Sabine Eleonore hatte für dasselbe die Theilnahme des ganzen Hofstaates und große Gala vorgeschrieben. Man wunderte sich, daß sie, die zu Lebzeiten ihres Gemahls für seinen Lieblingszeitvertreib nie Neigung gespürt hatte, jetzt mit einem Male diesem fürstlichen Vergnügen ihre Gunst zuwandte – oder man wunderte sich vielleicht auch nicht.

Zu Pferde zu steigen, hatte sie sich übrigens auch heute nicht entschließen können. Das „échauffement“ dieser Uebung war ihr verhaßt; Erhitzung verdirbt den Teint, wie jeder weiß, verträgt sich aber im besonderen nicht mit demjenigen, welchem die Toilettenkunst ein wenig nachgeholfen hat. Was sie aber nicht konnte oder nicht wollte, sollten andere auch nicht, nämlich zu Pferde ihre Reize oder ihre Reitkunst zur Schau tragen und von den gleichfalls berittenen Kavalieren sich über beides Schmeicheleien sagen lassen. Und so fehlte denn dem fürstlichen Jagdzuge diesmal der Schmuck der Amazonen, der ihn sonst geziert hatte, was hauptsächlich Frau von Bieberen, die ausgezeichnet zu Pferde saß, bedauerte. Sie machte sich auf ihre Weise Luft, indem sie zu einem der Herren achselzuckend und mit den Blicken nach der fürstlichen Karosse deutend bemerkte: „Ja, wir werden älter, mein Herr von Volz, und finden es auch gerathener, unser Roth und Weiß, das beides so dauerhaft nicht mehr ist wie vor Zeiten, den möglichen Unbilden der Witterung nicht muthwillig preiszugeben,“ worauf er, mit scherzhaft übertriebenem Ausdruck des Entsetzens über so viel Kühnheit, den Finger auf die Lippen legte.

Die fürstliche Karosse, der hervorstechende Mittelpunkt des ganzen Zuges, war ein gewaltig großes Gehäuse, dessen Seiten und Vorderwände fast ganz aus Glasfenstern bestanden. Man hatte diese Fenster für heute zum Theil herausgehoben; allen Zuschauern weithin sichtbar, saß da bolzengerade aufrecht die kleine Hoheit. wie [279] gewöhnlich stets vor sich hinausblickend, auf dem Kopfe einen dreistutzigen Männerhut, der jedoch die breiten Puffen und Locken ihrer umständlichen Frisur bei weitem nicht bedeckte.

Sie so zu sehell, war männiglich gewohnt; wer aber war die so himmelweit von ihr verschiedene Person neben ihr? Etwas wie ein grauer Sack war da an ihrer Seite, einem solchen um so ähnlicher, als es oben faltig spitz zulief. Wo diese Falten sich vorn auseinander thaten, da schaute ein mattgefärbtes blondes Antlitz mit wenig Augenbrauen und Wimpern und einer aufgesetzten Miene äußerster Demuth hervor, das Antlitz der Frau von Méninville. Und wenn irgend etwas den übrigen Hofstaat mit der unerhörten Gunst, welche die Wltwe auch heute wieder genoß, zu versöhnen vermochte, so mußte es sicherlich der frommen Frau christliche Bescheidenheit sein. Ja, unerhört war diese neue Bevorzugung, sie allein im fürstlichen Wagen sitzen zu lassen, in welchem zunächst doch der Platz der Oberathofmeisterin und der älteren Ehrenfräulein gewesen wäre! Diese folgten in der nächsten Karosse; die jüngeren Damen noch mit etwas erregten oder betretenen Mienen, denn kurz vor der Abfahrt erst war unter einem nichtigen Vorwande von der Pfalzgräfin das Unterbringen dieser Damen im zweiten Wagen verfügt worden. Sie selbst hatte sich dabei offenbar ein wenig gefürchtet vor der Obersthofmeisterin und hatte stotternd und unsicherer gesprochen als sonst, so daß Frau von Kallenfels geradezu im Vortheil gegen die Pfalzgräfliche Hoheit gewesen war. Denn ihr kaltes abfälliges Befremden über eine solche Neuerung offen zur Schau zu tragen, daran hätte kein Respekt in der Welt diese Dame verhindern können. Sie that es und sie that sogar noch mehr. „Meine Pflicht gebietet mir, Euere Hoheit darauf aufmerksam zu machen,“ sagte sie eintönig und durch die Nase redend wie gewöhnlich, „daß Frau von Méninville durch ihren Rang von dem Vorzuge, sich neben Pfalzgräflicher Hoheit öffentlich zu zeigen, nach allem Gebrauch und Herkommen ausgeschlossen ist.“ Darauf hatte die Pfalzgräfin etwas gestottert wie: man müsse sehen, wie dem abzuhelfen sei, und sich eiligst herumgedreht. Bei der Verbannung der Obersthofmeisterin mit ihren Damen in die zweite Karosse war es aber geblieben.

Daß die Méninville, die vorher sehr wohl gewußt hatte, welche Rolle ihr heute zugedacht war, trotzdem in ihrer abscheulichen witwenhaften Kleidung geblieben, war ein Zug ihrer Klugheit. Sie hatte kein Recht, zu erwarten, daß sie an einem Jagdzug theilnehmen werde, bewahre! Und himmelweit entfernt von ihr war die Anmaßung, sich je in der weltlichen Hoftracht zeigen zu wollen! Es gehörte übrigens wirklich Selbstverleugnung für eine Frau dazu, sich so zu entstellen, wie sie es that – durch die Beguinenhaube, welche ihr helles feines Haar verbarg, und vor allem durch den grauen nonnenschleierartigen Sack, der, vom Scheitel faltig herabfallend, aus ihrer ganzen Gestalt ein unförmiges Bündel machte. Ja, sie sah abscheulich aus und wußte es, aber sie wußte auch noch etwas anderes. Sie wußte, daß jemand, der nicht umhin gekonnt hatte, aufmerksam auf ihr kluges Verständniß zu werden, zwischen durch wohl auch gedacht hatte: „Ich möchte sie wirklich einmal ohne diese verwünschte Vermummung sehen. Sie scheint nicht übel gewachsen. Ihr Haar, von dem sich zuweilen ein Löckchen unter der abscheulichen Haube hervorstiehlt, dies röthliche Blond ist durchaus nicht häßlich! Und parbleu, nicht häßlich ist auch die schmale Hand, mit welcher sie diese rothe Locke so außerordentlich sorgfältig wieder unter die Haube streicht!“ Ja, ja, die fromme Witwe verstand sich auf das sündige Geschlecht der Männer, sie sah auch, wo sie gar nichts zu sehen schien, und hatte alle diese Dinge in kurzen Aufblicken, flüchtig wie Blitze, aus des Herrn von Nievern heitern und meist ein wenig spöttisch auf sie schauenden Augen gelesen.

Als Oberjägermeister hielt sich Herr von Nievern, vorzüglich beritten, heute fast unausgesetzt am Wagenschlage der Frau Pfalzgräfin. Er ritt so nahe, daß er einmal, den Dreispitz vom Kopfe reißend und diesen hübschen Kopf tief neigend, um Entschuldigung zu bitten hätte, weil eine Schaumflocke von der Stange seines Rappen in den Wagen geflogen war, als das edle Thier ungeduldig den Kopf zurückwarf. Der Fürstin Sabine Eleonore gefiel dies sehr gut; sie nahm den Diensteifer des stattlichen Kavaliers hin als etwas, was sowohl ihrem Stande wie ihrer Person galt und gar nicht anders sein könne.

Wagen und Pferde, Reiter, Treiber, Piqueurs und die Meuten, das alles zog dahin auf breitem Wege, der durch

mageres Weideland zu dem bewaldeten Gelände führte, auf welchem das Treiben stattfinden sollte. Weithin schallte das helle Getöse, Gerassel, Getrappel, Hörnersignale und Rufe, Peitschenknall und das vieltönige Gebell der Rüden.

Zum Sammelplatz war eine große Waldblöße bestimmt. Hier befand sich am Rande des Gehölzes ein vorn offenes Blockhaus; anstatt der Vorderwand besaß dasselbe nur eine Art Geländer mit Vorrichtungen zum Stützen der Gewehre; von hier aus hatte der hochselige Pfalzgraf Karl Christian mit den Damen des Hofes auf das vorbeigetriebene Wild zu schießen gepflegt. Der Holzbau war sauber imstande; Nievern war am Tage zuvor hinausgeritten und hatte sich persönlich davon überzeugt – stand doch die ganze heutige Hofjagd unter seinem Zeichen! Wie hatten die Damen sich bedeutungsvoll angesehen und sich leise zugenickt, als zuerst vom Entschlusse der Pfalzgräfin, den lange vernachlässigten Zeitvertreib wieder zu begünstigen, etwas laut geworden war!

Sauber also, aber etwas urwüchsig nach Jägerbrauch war die aus Holz mit der Borke gezimmerte Halle. Ob die Pfalzgräfin etwas anderes erwartet hatte? Einen Schmuck von Teppichen oder Behängen? Ueber dem Giebel wehte ein Wimpel mit dem pfalzgräflich-birkenfeldschen Wappen; das war alles. Ihr Fuß hätte, wie jeder andere gemeine auch, die roh gehobelten Bretter der Stufen und des Fußbodens betreten müssen. Sie betrachtete vom Wagen aus abgünstig den fürstlichen Schießstand und befahl dann mit einem Male, man solle etwas weiter fahren und die Karosse längs des Waldrandes halten lassen; sie werde vom Wagenfenster aus schießen.

„Vom Wagen aus? Und die Pferde?“ Es sei zu befürchten, daß die Pferde ihrer Hoheit scheu würden, gab der Oberjägermeister zu bedenken.

„Die Pferde muß man halten; man stelle einen Mann neben jedes Pferd,“ verfügte die Dame. „Es muß gehen; Ihr bringt mich nicht dazu, jene Kirchweihbude zu besteigen; wir sind solcher Mühseligkeit nicht mehr gewöhnt.“

Herr von Nievern traf nunmehr ohne ein weiteres Wort über die Sache neue Anordnungen; er sah aber aus, als ob er denke: hole der Teufel die Weiberlaunen! Noch einmal mußte die Hoheit befragt werden: die Damen des Hofstaates? Sollten die auch von den am Waldrand aufgepflanzten Karossen aus schießen, oder war es ihnen gestattet, den verschmähten Stand zu benutzen? Sabine Eleonore zögerte, endllch aber fand sie einen Ausweg. Denn so sehr ihr auch die Arbeit des Denkens im allgemeinen zuwider war, um ihren Eigenwillen durchzusetzen, fehlte es ihr keineswegs ganz an Erfindung. „Man lasse den Wimpel herab,“ befahl sie. „Ehe er herunter ist, soll niemand von ihnen die Halle betreten. Nachher mögen sie sich dort aufstellen.“ Und so geschah es. Der umfangreiche Prachtwagen mit den zwei Paaren langgespannter Schimmel war inzwischen längs des Waldrandes, mit der Seitenwand nach dem offenen Platze zu, aufgefahren worden. Und in demselben stehend, konnte die Fürstin allerdings die Fläche, über welche das zusammengetriebene Wild seinen Weg nehmen würde, ebensogut beherrschen wie von dem Blockhause aus. Die Büchsenspanner, welche ihr die leichten Gewehre luden und reichten, waren zur Stelle; dicht am Schlage stand zudem der Oberjägermeister, um gleichsam die Honneurs der Hirsche und des kleinen Wildes zu machen, welches die Ehre haben würde, heute der Pfalzgräflichen Hoheit als Zielscheibe zu dienen, Trotz dieses seines bevorzugten Postens sah aber der stattliche Kavalier ein wenig verdrießlich aus. Zu keiner Zeit war er bisher ganz in diesem Hofleben, welches er führte, aufgegangen. Er nahm dasselbe leicht ironisch, bis auf die Jägerei und was darin seines Amtes war. Das versah er tüchtig, den persönlichen Dienst bei Frau Sabine Eleonore aber immer mit einer kleinen Beimischung von heimlichem Uebermuth, als ob er im Grunde damit spiele. Heute nun war ihm der stete Anspruch an sein Gewärtigsein lästig; die Langeweile neben der Pfalzgräfin wäre ohne die Méninville gar nicht zu ertragen gewesen, und zu dem allen hatte ihn die Laune der Hoheit eben aufs äußerste verdrossen. Und er legte dem Ausdruck seiner Mienen keinen großen Zwang auf, denn eine Leserin in den Gesichtern ihrer Umgebung war Sabine Eleonore nicht; und selbst wenn es anders gewesen wäre: was war ihm Birkenfeld, was war ihm der pfalzgräfliche Hof? – Ein Edelmann mit seinen persönlichen Vorzügen konnte [282] der schmeichelhaftesten Aufnahme in der Sphäre viel größerer fürstlicher Gestirne sicher sein.

Zwei andere Augen als die der Pfalzgräfin waren es, welche dem Oberjägermeister das alles vom Gesicht ablasen. Und Frau von Méninville, denn von dieser trefflichen Dame ist die Rede, hielt für die ihr sehr deutliche üble Laune des Kavaliers ein Mittel bereit, wenn seine hübschen Augen sich nur einmal wieder ihr zuwenden würden. Das war nicht ganz leicht, jetzt wo die Pfalzgräfin breit vor ihr stand. Als es aber endlich doch einmal wieder geschehen war, da blickte er auch gleich noch einmal hin, betroffen, wie von einem Räthsel gereizt. Es war, als habe dies kluge Weib mit einem Male einen Schleier fallen lassen, mit dem sie sogar vor ihm bisher beharrlich ihr wahres Antlitz verhüllt hatte – so unverhohlen brach herausfordernder Spott, über die Fürstin, über ihn, über ihrer beider lächerliche Abhängigkeit von der Puppe da, auf ihrem Gesicht hervor. Er gab ihr den Blick voll zurück, und nun war etwas wie eine magnetische Verbindung zwischen ihnen hergestellt. Sie thaten nicht mehr und nicht weniger, als daß sie sich fortan über die kleine Pfalzgräfliche Hoheit, die zwischen ihnen stand, lustig machten. Aber vorsichtig erfolgten diese Mittheilungen, lediglich von Blick zu Blick. Dem Himmel sei Dank – das war doch eine Unterhaltung für den jungen Oberjägermeister, neben der sehr mäßigen, welche die Treibjagd am heutigen Tage abwarf!

Das Treiben hatte begonnen und verlief planmäßig. An Wild war kein Mangel, und das Erlegen desselben wäre so ziemlich aller Aufregung für die bequem aufgestellte Jagdgesellschaft bar gewesen, wenn die Pfalzgräfin nicht so schlecht geschossen hätte. Dadurch aber, daß sie selten traf und dann meist etwas anderes als das, worauf sie mit lauer Absicht gezielt hatte, kam etwas Leben in die Sache. Denn ihren Fehlschüssen mußten auf geschickte Weise bessere Treffer untergeschoben werden, zu welchem Ende einer von der Jägerei hinter der Karosse, also seitwärts von der Fürstin, seinen Stand hatte. Dieser, ein nie fehlender Schütz, brachte zur Strecke, was Serenissima erlegt haben sollte. Man wies ihr dann ihren angeblichen Schuß vor; das durch denselben geehrte verendete Stück Wild wurde bezeichnet und mit Laub geschmückt, und sie war überzeugt von ihrer Kunst, mit einer Einfalt, welche die zu ihrer Täuschung verschworene Gesellschaft eigentlich hätte beschämen müssen. Diese kleine Komödie, die der ganze Hof mitspielte, gewährte den Herren und Damen immerhin einige Unterhaltung.

Endlich nahte die Jagd ihrem Schlusse, was niemand besser wußte als Herr von Nievern und seine Leute von der fürstlichen Jägerei, da sie den Wildbestand der umliegenden pfalzgräflichen Forsten genau kannten. Da erscholl noch einmal das Hallo der Treiber; Herr von Nievern blickte gespannt hinüber nach dem Waldrande, von wo das Geschrei angehoben hatte und sich nun fortpflanzte, und zwar mit frischer Kraft, als ob etwas ganz besonderes den Kerlen da drüben die Lungen schwellte. Den Teufel auch, was war das? Was brach da aus dem Holze hervor, so daß man das Krachen durch das übrige Getöse hindurch bis hierher hörte? Ein Kapitalhirsch, ein Sechzehnender mindestens, und ein Thier von ungewöhnlicher Größe und Schönheit, aber – offenbar angeschossen, denn er schweißte stark, was dem Herrn von Nievern sein scharfes Jägerauge aus der Entfernung verrieth.

Der Oberjägermeister fuhr herum zu dem Jäger, der ihm zunächst war. „Was ist das, Tobel – wo hat der Hirsch gestanden?“ fragte er hastig. „Kennt Ihr ihn? Oder –“

Der Mann, vorsichtig jedes Wort vermeidend, nickte nur. Es ist, wie Ihr annehmt, hieß das; der Prachtkerl hat aus der angrenzenden Wildbahn herübergewechselt und geht uns nichts an. Frage und Antwort nahmen nur wenige Sekunden ein. Jetzt waren wieder aller Augen auf das edle Thier gerichtet; die ganze Hofgesellschaft hatte sich neu belebt; Spannung lag auf allen Mienen, den meisten klopfte das Herz dem Augenblick entgegen, da das herrliche Geschöpf, der Gekrönte der Wälder, zusammenbrechen würde.

Auf dem Stande der Kavaliere und Damen hob sich trotzdem kein Büchsenlauf; man wußte ja, wem hier, wo es sich offenbar um die Hauptbeute des heutigen Tages handelte, der Schuß zukam. Serenissima gab denn auch den ihrigen ab, der ein seltsames unmittelbares Echo zu haben schien, denn es klang gerade, als wenn zwei Schüsse hart nacheinander fielen. Der Hirsch hob sich hoch auf den Hinterläufen, warf den Kopf mit dem Prachtgeweih zurück und stürzte zusammen. Er war aufs Blatt getroffen, aber nicht von der kleinen Hoheit, und verendete alsbald. Nachdem sie ihre Büchse abgegeben hatte, geruhte die Pfalzgräfin sich zu Frau von Méninville herumzuwenden, um von dieser Glückwünsche zu ihrem vortrefflichen Schusse entgegenzunehmen. Die Dame ließ es daran nicht fehlen. „Wie Hoheit in allem excellieren,“ rief sie mit Begeisterung, „das reißt mich zu immer neuem Anstaunen hin!“

„Nun, das Schießen ist so schwer nicht,“ sagte Frau Sabine Eleonore mit selbstgefälliger Herablassung. „Sie würden es zwar wohl nicht fertig bringen, liebe Méninville. Bei uns aber liegt dergleichen im Blute, ohne daß man sich allzu große Mühe zu geben braucht.“ Und von Herrn von Nievern gestützt, verließ sie nun endlich den Wagen und begab sich in Begleitung ihres ganzen Hofstaates an den Platz, wo die Jagdbeute zusammengetragen war und wo jetzt das Halali geblasen wurde. Die langen Reihen der Hasen wurden wenig beachtet. Aber auch an Hochwild hatte eine ganz stattliche Anzahl diesem Tage den schuldigen Tribut des Lebens gebracht. Die Köpfchen mit der blanken Nase und den jetzt klebrigen erloschenen Augen mit Laub und Fichtenreisern bekränzt, lag da ein Vierteldutzend Stück Rehwild und vor allem der majestätische Sechzehnder, durch jene Zierde als Beute der hochfürstlichen Hand ausgesondert und bezeichnet! Sabine Eleonore stand davor, steif und mit leerem Gesicht, und sah das angeblich von ihr erlegte Wild an, etwa als wären es ebensoviel Nüsse, die sie geknackt hätte – mit leichtem Fingerdruck; mehr war ja auch hier nicht nöthig gewesen – und wer den nicht eben verschlungenen Gängen ihrer innersten Gedanken zu folgen vermocht hätte, der würde wahrgenommen haben, daß sie das erlegte Gethier als wirklich und wahrhaftig durch ihre Hand geehrt und deshalb auch schon wieder, als etwas Besseres denn die übrige Beute, mit einer Art Respekt betrachtete.

Was nur Herr von Nievern an dem noch zuguterletzt geschossenen Hirsch so besonderes hatte? Eben stand er wieder davor, diesmal mit einem ältlichen Förster, und die beiden tauschten, viel unbekümmerter um hochfürstliche Gegenwart, als es sich ziemte, halblaute Worte über das Thier aus, das von den Treibern auf eine Bahre von frischgrünem Tannicht wie auf ein Paradebett gelegt worden war. Eben strich die derbe Hand des Försters wie suchend an seiner gewölbten Flanke entlang und zog sich dann rasch zurück, nachdem sie, auf eine Sekunde nur, eine Stelle freigelegt hatte, wo das Haar des Thieres, voll röthlichem „Schweiß“ leicht gefärbt, zusammenklebte. Jetzt ruhte auch die hübsche vornehm kräftige Hand des Oberjägermeisters auf jener Stelle; die Männer bückten sich tief nieder über das Wild und tauschten ein paar leise Worte. Mit einem Male fuhren sie in die Höhe; noch eine andere Hand hatte sich auf die Flanke des Hirsches gelegt, eine Hand in vertragenem Wildlederhandschuh, die, obwohl nicht gerade klein an sich, doch viel kleiner als die Männerhand des Oberjägermeisters war. Die Männer starrten empor; da stand sie, ihnen gegenüber auf der anderen Seite des Hirsches, die Eigenthümerin der Hand. Herr von Nievern riß den Hut herunter, als wäre es die Pfalzgräfin, und es war doch nur ein junges schlankes Geschöpf in einen verschossenen Jagdrock, welches jetzt, ihm leise zunickend, sagte: „Ganz recht, da sitzt er – mein Schuß, Herr von Nievern.“

Und das alles in hochfürstlicher Gegenwart! Aber der kleine Vorgang hatte sich so rasch abgespielt, daß ihn wenige gewahrten; zudem war hier auf der Jagd die Etikette nicht so streng. Fräulein Polyxene von Leyen, die keine Einladnug zur Hofjagd erhalten hatte – was nicht unbemerkt geblieben war – und der man deswegen ihre wenig hoffähige Kleidung zugute halten mußte, mochte mit ihrem jungen Vetter auf einem Pirschgang auf eigene Hand begriffen gewesen sein, der sie zufällig in die Nähe dieses Platzes geführt hatte; die beiden Verwandten traten jetzt vor, um die Pfalzgräfin in schuldiger Ehrfurcht zu begrüßen. Sie thaten dies mit vollständiger Korrektheit, als junge Leute, welche in der Luft des Hofes herangewachsen waren. Lutz, der hübsche Bursch, war allerliebst anzusehen, als er, den Hut zur Seite haltend, mit gesetzter Miene sich tief vor der steifen Puppe verneigte. Die Fürstin wurde auch unwillkürlich ein wenig freundlich dabei; mit abgünstiger Kälte aber nahm sie den respektvollen Gruß des jungen Fräuleins entgegen.

Polyxene merkte davon nichts. Sie war mit dem beschäftigt, was sie hier zu sagen hatte, für sich und für Lutz, oder eigentlich nur für letzteren. Ganz angenehm war die Sache nicht, aber in ihrer arglosen Weise fürchtete sie sich auch nicht davor; sie gedachte [283] jetzt, ihre Zeit abzuwarten. Wenn nur Herr von Nievern nicht gewesen wäre! Er mußte doch eine Art Gegner von ihr sein, sonst hätte er ihr wohl ein wenig geholfen, ihr und dem Vetter die Sache erleichtert. Denn er und der alte Förster da, revierkundig wie sie waren, wußten gut genug, um was es sich handelte. Statt sich aber einzumischen, stand wenigstens der Oberjägermeister stockstill da, einen eigenen Zug gespannter Erwartung auf dem Gesicht, und verwandte während der nun folgenden Scene keinen Blick von ihr, als seien diese Leyens nur gerade gut genug, um ihm zum Schauspiel zu dienen, wie Polyxene jetzt bald bitterlich zürnend dachte.

Frau von Méninville hatte der Pfalzgräfin mit einem kleinen Lächeln etwas zugeflüstert, worauf die fürstliche Dame, dem ganzen Hofstaat vernehmlich, sagte: „Haben Sie uns durch Ihr Erscheinen eine Lektion geben wollen, Fräulein von Leyen, dafür, daß wir Sie zur Jagd nicht hatten laden lassen? Lieber Himmel, Sie sind einmal vergessen worden. Dergleichen kann vorkommen.“

Alles spitzte die Ohren. Eine so wegwerfende Sprache – das klang nach unverhohlener Ungnade! Fräulein Polyxene selber war offenbar mehr verwundert darüber als niedergeschmettert. Sie stand ruhig der Fürstin gegenüber – der Hirsch lag zwischen ihnen – und sagte: „Verzeihen Pfalzgräfliche Hoheit, wenn ich ungebeten vor dero Angesicht trete. Es geschieht ganz zufällig ... wir hatten kein Arg daran, Ludwig und ich, daß wir diesem Platze so nahe waren.“ Und da die Fürstin hierauf kalten Antlitzes schwieg und mit ihr natürlich die ganze große Versammlung, so fuhr das Fräulein, auf das aller Augen gerichtet waren, wie bittend und entschuldigend fort: „Der Jagdeifer ist schuld daran: wir folgten einem angeschossenen Hirsche ...“

„Das heißt, Ihr pirschtet in unserem Gehege,“ rief da die kleine Pfalzgräfin höhnisch. Der ganze Hof stand erstarrt; es war unerhört, die Dame so zornig aus sich herafusgehen zu sehen. „Seht Euch in Zukunft besser vor, ich bitte! Man hat uns berichtet, daß unser Wildstand durch Euere unwillkommene Nachbarschaft geschädigt wird!“

Jetzt stand auch Polyxene starr vor Staunen und Scham. Redete denn niemand für sie und widerlegte diese thörichte Unwahrheit? Wirklich niemand? Nein. Einer wollte reden, augenscheinlich, das war aber nur der junge Lutz. Der Knabe hatte sich an seine schwesterliche Verwandte herangedrängt und seine Hand in die ihrige geschoben und der Druck seiner Finger sagte: sprich doch, oder ich spreche! Mit sprühenden Blauaugen sah er zu der mit einem Male so bösartigen fürstlichen Figur hinüber. Aber noch hielt ihn Polyxenens Gebärde, die er wohl verstand, gebieterisch zurück. Das Fräulein hatte indessen mit einer Besonnenheit, die jeder Unparteiische im stillen an dem jungen Geschöpf bewunderte, die Antwort unterdrückt, die ihr zuerst auf die Lippen wollte. Aber was nun kam, war auch nicht viel besser. „Verzeihung, gnädigste Frau,“ sagte sie gehalten, „ich glaube, die fürstliche Wildbahn könnte schlimmere Nachbarn haben als die Leyens.“

„So?“ meinte die Pfalzgräfin feindlich. Sie war aus dem Konzept gebracht, aber in ihrer Gewohnheit, so unvernünftig sein zu dürfen, wie es ihr beliebte, kümmerte sie sich nie viel darum, wenn sie den Faden irgend eines Gedankens verlor. So fragte sie mit einem Male, mit einem mißtrauischen Blicke: „Wo ist denn der Hirsch geblieben, den Ihr angeschossen haben wollt?“

Ein sekundenlanges Zögern, ein Warten Polyxenens vielleicht auf die Einmischung des Rechts- und Billigkeitsgefühls von befugter Seite her, und dann, da wieder niemand anders sprach, ihre Stimme: „Hier!“

Es gab eine unwillkürliche allgemeine Bewegung in der Hofgesellschaft, als das Fräulein die Hand, wie vorhin schon einmal, auf den als fürstliche Ehrenbeute so ausdrücklich bekränzten Sechzehnender legte. Jetzt verstand die Méninville mit einem Male das sonderbare Behaben des Oberjägermeisters vorhin, als der Hirsch gefallen war. Scharfsinnig, wie sie war, begriff sie, daß er und der Förster gleich gemerkt hatten, welche Bewandtniß es mit dem Thiere habe. Sehr viel aber fehlte daran, daß auch Frau Sabine Eleonore den Sachverhalt begriffen hätte oder nur hätte begreifen wollen. „Erklärt mir, Herr von Nievern,“ begann sie und drehte den Kopf steif wie auf einem hölzernen Zapfen zu dem Oberjägermeister. „Was bedeutet diese ganze Komödie, die das Fräulein von Leyen da aufzuführen beliebt?“

Jetzt mußte sich Herr von Nievern aus seiner so lange beibehaltenen beobachtenden Stellung der Scene gegenüber herausbegeben; er trat aber nur einen Schritt vor und machte mit ehrerbietiger Bewegung die Herrin darauf aufmerksam, daß ein anderer an seiner Statt zu reden wünsche – der junge Ludwig von Leyen. Die Verwandten mochten sich durch einige rasche Worte indessen verständigt haben. Der Knabe verließ Polyxenens Seite, näherte sich der fürstlichen Dome und bat, sie treuherzig ansehend, die Frau Pfalzgräfin möge den Hirsch, der heute erst aus Leyenschem Gehege ausgebrochen und in die Treiberlinie gerathen sei, allergnädigst zum Geschenk annehmen.

Der hübsche Junge war roth geworden, während er sprach, und das stand ihm gut. Jedermann fühlte, daß es eine vornehme Anmuth in der Denkweise war, welche den jungen Verwandten gerade diesen Ausweg wies. Nievern strich halb lächelnd sein Bärtchen und nickte beifällig. Auch die kleine Hoheit sah nicht ohne Wohlgefallen auf den Knaben, der in wenigen Jahren ein schöner Jüngling sein würde. Da veranlaßte sie eine leise Bewegung hinter ihr, sich zu ihrem getreuen Schatten, der Frau von Méninville, umzudrehen „Ein recht artiger Einfall, wie?“ sagte sie zu dieser.

„Klug zum Verwundern,“ gab die Méninville halblaut zurück und fügte dann einige noch leisere Worte hinzu. „Ha, das wäre!“ sagte die Pfalzgräfin. Und nun, das Kinn des leeren Gesichts wieder hochmüthig emporreckend wie vorher, sprach sie, dem Knaben zur Antwort, dabei aber feindselig nach dem Fräulein hinüberblickend: „Ehe man ein Geschenk annimmt, mein lieber Junker von Leyen, muß man erst wissen, ob es ein Geschenk ist! Wir wären närrisch, wenn wir uns beschenken ließen mit dem, was eigentlich unser war.“

Auf Lutzens offenem Knabengesicht war noch kaum ein Verständniß der schmählichen Unterstellung zu lesen, da war schon Polyxene neben ihm. „Komm, lieber Vetter,“ sagte sie, seine Hand fassend, mit leicht bebender Stimme, „es ziemt sich nicht für uns, länger zu bleiben an einem Orte, wo man uns beschimpft – Dich beschimpft, mein armer Junge.“ Die Thränen waren ihr nahe; sie wendete sich ab, den Knaben, der kaum wußte, wie ihm geschah, sanft mit sich ziehend. Von ihrer Umgebung sah und hörte sie nichts; alles schwamm ihr ineinander in der bittern Pein dieser Demüthigung, die so unvermuthet und unbegreiflich sie überfiel. Wie in einem Traume klang ihr daher die kräftige, tief gefärbte Stimme neben ihr, die sie jetzt aufhielt: „So sollt Ihr nicht gehen, Fräulein – hört erst, was noch jemand zu sagen hat.“

Herr von Nievern war es. Er faßte sogar leicht ihre Hand, indem er sie nöthigte, sich noch einmal dem großen, vor ihren brennenden Augen nur undeutlichen Halbkreise zuzuwenden, den die Pfalzgräfin und ihr Hofstaat bildete.

Der Frau Sabine Eleonore war es in diesem Augenblicke nicht wohl zu Muthe. Ihr unsicherer Blick wich ihres Oberjägermeisters männlichem Antlitz aus, auf welchem jetzt ein leicht spöttischer Zug sichtbar wurde, den sie wohl kannte und vor dem sie sich geradezu fürchtete. „Gestatten mir Pfalzgräfliche Hoheit, zu versichern, daß der Junker sich nicht irrt, wie Hoheit anzunehmen scheinen,“ sagte er „Der Hirsch gehört in das Leyensche Revier: Förster Brandt hier kennt ihn. Es wären also diesmal nicht Pfalzgräfliche Gnaden, sondern Pfalzgräflicher Gnaden Waldnachbarn der geschädigte Theil gewesen, wenn nicht der Junker, von dem wir in diesem Falle alle etwas lernen können“ – und mit gewinnender Freundlichkeit neigte der statttiche Mann das Haupt gegen den Knaben – „aus seinem Nachtheil den Vortheil gezogen hätte, Eurer Hoheit eine Huldigung zu Füßen zu legen. Ich hätte gewünscht, sein guter Wille wäre ihm besser gelohnt worden.“

Es schien, als wollte nach diesen starken Worten die höchst ungnädige fürstliche Laune sich gegen den Oberjägermeister kehren. Die kleine Dame sah auch ihn böse an – was aber nur versteckte Furcht vor ihm war – und sagte, mit einer besonderen Logik: „Wenn Ihr uns jetzt auch schulmeistern wollt, Herr von Nievern, so möcht’ ich wissen, warum Ihr vorhin geschwiegen habt. Es wäre Eures Amtes gewesen, gleich zu melden, daß der Hirsch nicht aus unserer Wildbahn war!“

Herr von Nievern neigte nur stumm das Haupt, nachdem sie gesprochen hatte, hob dann aber seinerseits noch einmal an: „Gewiß werden Pfalzgräfliche Hoheit, nachdem das Uebersehen von dero Dienern nunmehr nachgeholt worden ist, gerne Ihrem [284] Herzen folgen und den Junker durch huldvolle Annahme des Wildes erfreuen, welches er zu verschenken das beste Recht hatte.“

Die eigensinnige kleine Dame zögerte sekundenlang, dann aber beugte sich ihr unsicherer Wille unter den kräftigern des Mannes. „Wenn es sich so verhält, wie der Oberjägermeister sagt,“ wendete sie sich wieder zu Lutz, „dann nehmen wir den Hirsch von Euch zum Geschenk an, Junker von Leyen, und bleiben Euch dafür in Gnaden gewogen.“

„Ich danke der Frau Pfalzgräfin,“ sagte des Knaben helle Stimme, und die Dame betrachtete ihn noch einmal nicht ohne Wohlgefallen. „Kein Wunder, daß der Junker Lutz einen Fürsprecher an dem Herrn von Nievern findet,“ meinte sie alsdann, zur Méninville gewendet, „es ist ein feines junges Blut, dem man nicht lange gram sein kann.“

Was Frau von Méninville hierüber dachte, behielt sie für sich; ihre Gefühle in betreff des Junkers eigneten sich zur Mittheilung nicht. Er hatte sie eine Vogelscheuche genannt und über sie gelacht – dergleichen vergaß Frau von Méninville nicht. Sie haßte den Knaben dafür mit ihrem gesunden nachhaltigen Hasse; gesund, insofern der Haß bei ihr eine schier unzerstörbare Lebensdauer hatte. „Ein vielversprechendes Kind; es wird dem Hofe Euerer Gnaden dermaleinst zur Zierde gereichen,“ bemerkte sie, der Fürstin anscheinend beipflichtend. „Möge er sich alsdann die Kavaliertugenden des Herrn von Nievern zum Muster nehmen, nicht aber den Eifer, welchen der Herr Oberjägermeister für Damen zeigt, denen die Sonne Euerer Huld zeitweilig durch Gewölk verborgen ist.“

Frau Sabine Eleonore war schon gewohnt, von ihrer Vertrauten gesprächsweise allerlei Aufschlüsse zu erhalten, die ihrem hochmüthig langsamen Begriffsvermögen durch eigene Anschauung so leicht nicht geworden wären. Sie folgte jetzt der Richtung, welche die Blicke der frommen Witwe genommen hatten. Da sah sie den Oberjägermeister vor dem Fräulein von Leyen stehen, den Hut in der herabhängenden Hand, nicht viel anders, als er eben noch vor ihr gestanden hatte. Es war, als suchte er etwas wie eine Rechtfertigung bei dem Mädchen. Und sie, schlank in ihrem schmucklosen Jagdkleide, schien ihn noch nicht einmal günstig anzuhören! Es lag etwas in dem Anblick, ins rechte Licht gerückt, wie er es war durch die Worte der Méninville, was Sabine Eleonore um alle fürstliche Fassung brachte. „Fragt doch das Fräulein, mein Herr Oberjägermeister,“ rief sie schrill hinüber, „wie lange sie noch in unserer Gegenwart zu verweilen gedenkt, trotzdem wir ihrer werthen Person für heute nicht begehrt hatten!“

Mit einer Art von ungläubigem Entsetzen, als könne sie nicht recht gehört haben, starrte Polyxene groß zu der Pfalzgräfin hinüber. Was konnte sie nur verbrochen, womit diese beispiellose Feindseligkeit der Fürstin auf sich gezogen haben? Sie stand hilflos, regungslos, wie am Pranger. Da bot sich ihr ein Arm, und wie im Dunkeln tastend legte sie den ihrigen hinein. Sie wäre jedem gefolgt, der ihr jetzt diese Stütze angetragen hätte; sie wußte anfangs kaum oder hatte nicht acht darauf, wem sie dieselbe dankte. Als sie dann nach einigen Schritten merkte, daß es der Herr von Nievern war, wunderte oder berührte sie das weiter nicht. Und doch war, was er that, hier ein fast Ungeheuerliches. Er verrichtete diese Handlung des Protestes gegen fürstliche Weiberlaunen aber auf die einfachste Weise. Artig und ritterlich geleitete er das Fräulein von dem Platze fort, einem dem Hochwald vorgelagerten kleinen Gehölze zu, von dem aus sie jedenfalls vorhin den pfalzgräflichen Jagdstand erreicht hatte. Lutz folgte ihnen. Daß die Augen des ganzen Hofes auf sie gerichtet waren, schien den Oberjägermeister nicht im geringsten zu kümmern. Von seitwärts herab streifte sein scharfer Blick Polyxenens erblaßtes Gesicht. Das Fräulein heuchelte keine trotzende Gleichgültigkeit; sie sah verstört aus, aber ihre bebenden Lippen schwiegen und hatten einen Zug stolzer Geduld angenommen. Und halblaut, obwohl jetzt niemand in der Nähe war, der hören konnte – niemand außer Lutz – sprach Nievern: „Ihr müßt mir gestatten, Euch zu geleiten, Fräulein, um Euch zu beweisen, daß nicht allen am Hofe der Frau Pfalzgräfin, durch den Stich der heißen Sonne oder was weiß ich, heute der Kopf verrückt ist.“

„Ihr handelt wie ein Edelmann, Herr von Nievern,“ sagte Polyxene mit bebendem Munde, „obwohl Ihr unser Freund nicht seid.“

„Nicht?“ fragte er nur und sah wieder von der Seite auf sie nieder. Sie antwortete nicht, hatte vielleicht gar nicht auf das Wort gehört. Bald darauf blieb sie stehen, neben einem mit Brombeergerank umsponnenen uralten Markstein, von dem aus eine schmale Pfadspur auf der Waldwiese in das nahe Gehölz führte. „Hier fängt Leyensches Gebiet an,“ sagte sie einfach; das sollte heißen: hier brauche ich keinen Schutz mehr.

Auch er schien so zu denken. Er gab ihren Arm frei, verneigte sich tief vor ihr, grüßte auch den jungen Ludwig freundlich und sagte: „Nehmt Euch, werthes Fräulein und lieber Junker, die heute erfahrene Kränkung nicht allzu tief zu Herzen. Mich dünkt, ich sah heute schon, wie alle ehrlichen Gemüther am Hofe auf Euerer Seite waren. Die Frau Pfalzgräfin wird sich wieder anders besinnen, und dann soll sie Euch, dafür stehe ich, volle Genugthuung leisten.“

Polyxene hatte dem freundlichen Zuspruch, wie es schien, nicht ungern gelauscht. Bei den allerletzten Worten aber und dem Geständniß seines Einflusses auf die Fürstin, das Herr von Nievern damit ablegte, richtete sie sich mit kalter Miene wieder höher auf und trat von ihm fort. Ehe sie entgegnen konnte, rief Lutz: „Das sag’ ich Euch schon jetzt, Herr von Nievern, der Pfalzgräfin dien’ ich nicht, wenn ich groß bin! Nein, da geh’ ich lieber fort, zu den Holländern, wo der Oheim war, oder gar nach Spanien, Sagt selbst: einer zankenden Frau zu Willen zu sein, ist das eine Ehre für einen Edelmann?“

Herr von Nievern lachte bloß leichthin zu diesen Worten. Sein Geleit des Fräuleins hatte alles in allem nur wenige Minuten gedauert, aber doch war es jetzt hohe Zeit, daß er ein Ende machte. Es schien fast, als werde Polyxene ihn gar nicht noch einmal ansehen. Auch hier also kleinliche Unart, wie sie diese verwöhnten Weiber trieben! Nein, er hatte ihr unrecht gethan, und wie sehr! Sie neigte sich jetzt abschiednehmend vor ihm, mit lieblicher Würde, als müsse alles, was sie heute gekränkt hatte, in diesem Augenblick zurücktreten vor dem Dank gegen ihn. Da kam es über ihn, daß er rasch noch einmal dicht an sie herantrat und fast bewegt sagte: „Und nun verzeiht Ihr mir, Fräulein?“

Seltsam, daß sie sofort wußte, was er meinte. „Daß Ihr heute so lange, wahrlich allzu lange schwieget, Herr von Nievern?“ fragte sie, Und dann, mit einem ergreifenden Blicke: „Warum, o, warum thatet Ihr das?“

„Ja, warum?“ Das war alles, was Herr von Nievern antwortete, sie ansehend wie in einer plötzlichen, bei ihm seltenen Erregung. Und dann wandte er sich rasch ab und verließ sie.


Textdaten
zum vorherigen Teil
>>>
zum nächsten Teil
aus: Die Gartenlaube 1893, Heft 18, S. 293–298
[293]
7.

Stürme und Herbstregengüsse waren dem klaren sonnigen Septembertag, an dem Pfalzgräfin Sabine ihre Hofjagd abgehalten hatte, gefolgt, Auch heute flogen die Wolken noch windzerfetzt an einem trüben Himmel hin, und unter diesem bleifarbenen, nun schon dem Abend zudunkelnden Himmel lag die Herrenmühle ganz besonders still und düster da, als wäre alles Leben in ihr erstorben.

Polyxene saß in dem weiten und niedrigen Gemache, in welchem ihr Himmelbett stand, am Fenster und hatte ein Gebetbuch auf dem Schoße. Aber darin zu lesen hatte sie aufgegeben, lange ehe das schwindende Licht es ihr verwehrte. Sie war heute früh am Nachmittag in dem Häuschen am Galgenfeld gewesen, bei der Kranken, die noch ganz ebenso sich fristete wie vor etwa zehn Tagen bei jenem ersten denkwürdigen Besuch Polyxenens dort oben. Und von den Lippen Magdalenens waren wieder wunderbare Worte gefallen, von einer geheimnißvollen Inbrunst erfüllt, ihr eingehaucht von einem Geiste, desgleichen das Fräulein von Leyen bisher nicht gekannt hatte. Kein Zweifel, das elend hingestreckte Weib wurde gestärkt auf unbegreifliche Weise. Von wannen ihr auch dieser mächtige Beistand kam – irdisch war er nicht; und der Hauch aus einer anderen Welt, welcher jenes Lager umgab, der konnte, so dünkte es Polyxene, unmöglich herauf von dem schwülen Aufenthalt der Verdammten wehen.

Da nun Magdalena den Namen Christi so vertraulich nannte, so hatte Polyxene nach ihrer Rückkehr ein Verlangen empfunden, auch auf ihre Weise diesem Freunde der Seelen sich zu nahen, denn einsam fühlte sie sich oft genug. Und sie hatte daher zu dem einzigen Buche in ihrem Besitz gegriffen, das seinen Namen nannte, zu ihrem kleinen Gebetbuch. Sehr bald aber saß sie vor diesem Buche rathlos. Da waren Anrufungen der Jungfrau Maria, Verherrlichungen gar vieler Heiligen, Litaneien um Sonnenschein und Regen – Polyxene kannte das alles. Wie oft hatte sie die Worte, schon als kleines Dirnlein, gedankenlos mitgemurmelt. Jetzt, da sie dieselben zum ersten Male prüfend las, verloren sie aber jene gewohnte Vertraulichkeit. Fremd starrten sie ihr entgegen, fremd und über alle Maßen unzulänglich!

Eine Bangigkeit ergriff Polyxene, wie den, der sorglos bei heiterem Himmel dahin gewandelt ist; jetzt aber, gerade da sich dunkles Gewölk anhäuft und die Sonne erbleicht, wird er inne, daß er auf falschem Wege sei, und er fängt an zu ahnen, daß er ein langes mühsames Zurückgehen wird beginnen müssen, um vielleicht noch den richtigen Pfad zu finden. Sie schloß das Buch und erhob sich. Unwillkürlich horchte sie, wie sie es gewohnt war, auf Lutzens Stimme oder Tritt. Aber das Haus war ganz still; und doch mußte es Zeit zum Abendbrot sein.

Herr von Gouda, in sein Museum vergraben, wie man das mit Büchern, Instrumenten und Seltsamkeiten vollgepfropfte Gemach wohl nennen konnte, pflegte diese Stunde leicht einmal zu vergessen. War er gar zu tief in Berechnungen oder Versuche versenkt, [294] so wurde ihm ein Imbiß und ein Krug Wein vom Tische, an dem seine beiden Mündel dann allein saßen, hineingeschickt. Wahrscheinlich dachte er heute, als er sich von einem Globus umwendete, an dem er mit dem Zirkel Messungen vorgenommen hatte, daß es sich um diese Unterbrechung handle. Er nickte nur flüchtig nach der eingetretenen Person hin und fuhr in seiner Arbeit fort – ein seltsamer Anblick für den, der seiner nicht gewohnt war: der hagere Mann, dessen lange dürre Finger sich noch fortzusetzen schienen in den zwei Schenkeln des Meßinstrumentes, über welches er das ernsthafte gelbe Gesicht neigte; spitz alles an ihm, spitz die Ellbogen, spitz das Kinn und beinahe nadelspitz und dünn unten am Kinn das kohlschwarze Bärtchen.

Jetzt aber wurde er angeredet, und zwar durch Polycenens Stimme. „Wollt Ihr nicht zu Tische kommen, Oheim?“ fragte sie.

„Ja, ja,“ sagte er wie abwesend und fuhr fort, den Zirkel gleich einem phantastisch stelzbeinigen Geschöpf große Schritte über den Globus machen zu lassen. Erst nach einigen Minuten merkte er, daß Polyxene noch da war. „Ihr konntet ja unterweilen ohne mich anfangen,“ sagte er etwas ungeduldig, legte nun aber doch sein Instrument zusammen. Getrieben und gestört zu werden, war er nicht gewohnt, am wenigsten von dieser seiner Nichte, die er deswegen auch für ein verständiges Frauenzimmer zu halten geneigt war.

„Ich bin allein, Oheim,“ sagte Polymelie darauf. „Lutz ist noch nicht zu Hause. Wißt Ihr, wo er stecken mag?“ Es brach bei ihren letzten Worten eine leise Unruhe durch, welche das Fräulein auch endlich in das Zimmer des Oheims geführt hatte, nachdem sie eine Weile in dem großen Eßzimmer mutterseelenallein auf ihre beiden sonstigen Gefährten gewartet hatte.

„Nein; wie soll ich wissen wo der Bursche sich herumtreibt,“ erwiderte der Oberst. „Sehr ungehörig aber von ihm, die Stunde der Mahlzeit nicht einzuhalten!“ Damit reichte der alte Herr von Gouda seinem Mündel mit großer Würde den Arm, um sie in den Speisesaal mit den vielen Wappen zu führen. Polyxene hatte auf seine letzten Worte geschwiegen, weil sie den Vetter diesmal nicht zu vertheidigen wußte.

Die beiden speisten also allein, das heißt, sie nahmen an dem alten geschonten damastenen Tafeltuch und von werthvollem, zum Theile silbernem Geschirr einen einfachen aber anständigen Imbiß zu sich, der hauptsächlich aus kaltem Wildbraten, Brot und Wein bestand. Das Fräulein horchte und schaute fortwährend nach der Thür, denn sie konnte sich Lutzens Ausbleiben je länger je weniger erklären. Ja, wenn sie nicht vorhin selber in der Küche gewesen wäre und von der alten Wirthschafterin erfahren hätte, daß der Junker nicht etwa zwischendurch der Speisekammer einen Besuch abgestattet habe, wie er zuweilen pflegte und besonders jedesmal, ehe er eine Streiferei in den Wald antrat! Aber er hatte sich seit zwölf Uhr, der Stunde des Mittagsmahles, im Hause nicht mehr blicken lassen. Polyxene nahm sich vor, ihn sehr ernstlich zu schelten, sobald er heimkomme.

Es war unter diesen Umständen bisher ziemlich still am Tische gewesen, da begann der Oberst: „Heute mittag war ein Besuch für Dich hier, Nichte.“

„Für mich?“ sagte Polyxene verwundert. „Frau von Biberen vielleicht?“ – Das gute Fräulein von Motz war schon zwei Tage nach der Jagd draußen in der Herrenmühle gewesen und hatte ihrer Freundin Polyxene eifrig vertraut, wie sehr der ganze Hof sich durch das Benehmen der Pfalzgräflichen Hoheit verletzt gefunden habe. „Die Obersthofmeisterin sagt, sie wasche ihre Hände von allem, was bei Hofe geschehe,“ hatte das kleine runde Fräulein mit dem kurzen Näschen versichert, „seit gewisse Leute ohne Rang und Charge sich einer nie erhörten Bevorzugung erfreuen. Und weißt Du, Polyxenchen, wie Frau von Biberen diese Person, diese Méninville, nur noch nennt: der Frau Pfalzgräfin bösen Engel! Die Biberen ist ja selber ein wenig scharf, wie wir alle wissen, aber sie ist ehrlich. Sie hat öffentlich Deine Partei genommen, vor den Ohren dieser ... dieser Méninville – so lieb ich Dich habe, Polyxenchen, soviel hätte ich mir nicht herausgenommen – und sie wird Dich besuchen; sie hat es laut vor aller Welt gesagt.“

„Nein, nicht Frau von Biberen,“ antwortete indessen der Oberst, „überhaupt kein Frauenzimmer.“ Polyxeue war wie in leisem Schreck innerlich zusammengefahren bei den letzten Worten. Jetzt aber blickte sie in gleichmüthigem Befremden auf als ihr Vormund hinzugefügt hatte: „Zwei geistliche Herren; der Dekan von St. Aloysius und sein Kaplan.“

„Was wollten die Herren von Euch, Oheim?“ fragte sie.

„Von mir? Nichts! Wie ich schon einmal bemerkte, galt der Besuch Euch, dem Fräulein von Leyen,“ erwiderte er in seiner pedantischen Art.

„Mir? Wie wunderlich!“ sagte Polyxene. Die Sache war in der That so wunderlich, daß sie es für jetzt aufgab, eine Erklärung dafür zu finden, Allerdings war die Herrenmühle mit ihren Bewohnern in St. Aloysius, der stattlichen Jesuitenkirche der Residenz Birkenfeld, eingepfarrt. Da aber der Weg weit war, so pflegte Polyxene zur Messe und zur Beichte in das Siechenhofskirchlein draußen vor dem Brunnenthor, dahin sie es am nächsten hatte, zu dem guten alten Pfarrer Wehrbein zu gehen. Allzu oft geschah es nicht; die Religionspraxis wurde dazumal in Birkenfeld überhaupt ziemlich lau betrieben, wenigstens bis vor kurzem noch. Den Dekan, Pater Antonius Zindler, ihren eigentlichen Seelsorger, kannte daher das Fräulein kaum, und so brachte sie es jetzt nicht einmal zu einer Vermuthung über den möglichen Zweck seines Besuches.

Der Oheim hatte darüber auch nichts weiter gesagt, blieb aber noch bei seinem Weine sitzen, länger als gewöhnlich. Das war Polyxenen lieb, Lutzens wegen, der sie hoffentlich beide noch bei Tische fand, denn er mußte ja jetzt bald kommen. „Erfuhret Ihr von den Herren nicht, was ihr Geschäft hier war?“ fragte sie nach einer langen Weile, nur um das Gespräch noch zu fristen und den Obersten dadurch womöglich länger am Tische zu halten.

„Nicht ein Wort,“ sagte Herr von Gouda mit einer gewissen trockenen und unparteiischen Beifälligkeit, die hier etwa bedeutete: ja, erfahre du von einem Jesuiten, was er nicht sagen will! „Dagegen hatten sie vor, von mir dies und jenes sich mittheilen zu lassen. Es ist aber nicht viel damit geworden, Zum Beispiel begehrten sie von mir zu wissen, wohin Ihr heute Euren Weg gerichtet hättet. Und dann: ob Ihr häufig hinauf gen Keula ginget? Ob der Heidenkopf sich nicht Eurer besonderen Vorliebe erfreue? Ich bin den Herren auf ihre Fragen die Antwort schuldig geblieben. Einmal, weil ich nicht abzusehen vermochte, was die hochwürdigen Herren an allen diesen Dingen zu kümmern habe. Und fernerhin: alldieweilen ich mich in einer völligen Unkenntniß über die beregten Punkte befand.“

Polyxene schüttelte nur in neuer Verwunderung leise den Kopf; sie wußte nichts aus der ganzen Sache zu machen, hatte heute aber auch keinen rechten Sinn dafür. Als der Oberst jetzt Miene machte, den Tisch zu verlassen, erhob sie sich rasch: „Soll ich Euch die Pfeife hierher holen, Oheim?“

Hierher, in das Eßzimmer. die langstielige Thonpfeife, die er allabendlich mit großem Gusto zu schmauchen pflegte, sein Museum ganz erfüllend mit jenem von vielen dem Höllenbrodem gleichgeachteten Qualme des damals noch kaum eingebürgerten virginischen Krautes! Hierher, von wo dann der Tabaksrauch durch die vielen Thüren in das ganze Haus dringen, sogar in die profanen Nasen der beiden Dienstboten steigen würde!

„Was ficht Euch an, Nichte?“ meinte der Oberst, Polyxene abfällig ansehend, als habe sie ihm eine Entweihung seines abendlichen Rauchopfers zugemuthet.

„Es ist nur,“ sagte sie und trat ihm näher, wie in einer Regung von Hilflosigkeit „daß Lutz immer noch ausbleibt! Was dünkt Euch davon, Oheim?“

Sie wollte nicht allein bleiben mit ihrer Angst, deren sie sich jetzt nicht mehr erwehren konnte. Ludwig war dreist und sorglos, ja tollkühn; wenn ihm ein Unfall zugestoßen war! Die Dunkelheit war längst hereingebrochen; auf dem Tische brannten ein paar Kerzen. So beträchtlich hatte sich der Knabe noch nie verspätet.

„Er wird schon kommen,“ entgegnete Herr von Gouda gleichmüthig und verfügte sich nach seinem Gemache.

Lutz kam aber nicht. Nicht an jenem Abend, nicht in der Nacht, welche die Bewohner der Herrenmühle sämtlich in mehr oder minder großer Unruhe verbrachten, und nicht am andern Morgen. Polyxene hatte sich gar nicht entkleidet. Es war ihr, als könne sie gar nichts anderes thun als am Fenster stehen, versuchen, die Dunkelheit draußen mit ihren heißen Augen zu durchdringen und horchen, horchen. Von Müdigkeit überwältigt, setzte sie sich gegen Morgen auf ihr breites Bett und legte den Kopf aufs Kissen, fest entschlossen, nicht einzuschlafen und den ersten Laut jenes kräftigen Knabenschrittes zu vernehmen, nach dem sie sich so unaussprechlich sehnte. Ja, sie wußte, sie mußte [295] scharf horchen. Denn wenn er nun kam – wie es ja gar nicht anders möglich war – er hatte sich gestern abend verspätet, hatte irgendwo ein abenteuerliches Nachtquartier gehabt, vielleicht auf einem Baum im Walde – wenn er kam, dann war es vor Tage; er würde versuchen, sich leise einschleichen, daß man ihn nicht merke, um dann am Morgen ruhig vorhanden zu sein, als wäre nichts gewesen, der Schelm! – Da war er! Aber wie seltsam sah er aus, blaß und verändert! Und warum war er so stumm? Polyxene fuhr auf und sah sich verwirrt und suchend um. Ihr Gemach war leer und die bleiche kalte Dämmerung der noch sonnenlosen Frühe herrschte darin. Wo war Lutz? Sie hatte doch eben noch mit ihm gesprochen! Ach, es war nur im Traume gewesen! Verstört erhob sie sich, horchte hinaus in das noch stille Haus, schlich zum Ueberfluß auf leisen Sohlen in das Nebengemach, wo Lutz sonst schlief und sah wieder das leere unberührte Bett.

Am Morgen begann das Suchen und Forschen nach dem Knaben. Der Oberst, ein etwas gleichgültiger und wunderlicher, aber doch kein gewissenloser Vormund, entsandte selber sämtliche Dienstboten des Hauses und ein paar Knechte, die auf den zur Herrenmühle gehörigen Ländereien in der Nähe arbeiteten, nach verschiedenen Richtungen. Zwischendurch aber versenkte er sich wieder in seine Studien, annehmend, daß man es am Ende doch nur mit einem Knabenstreich zu thun habe und daß jeden Augenblick von irgendwoher der gedankenlose junge Schlingel selber oder eine Nachricht über seinen Verbleib eintreffen müsse. Anders Polyxene. Wie ein ruheloser Geist durchwanderte sie unausgesetzt das weitläufige alte Haus und alle Nebengebäude, leidenschaftlich suchend in den unzähligen Ecken und Winkeln, die niemand so gut kannte wie sie und der Vetter, von ihren Spielen her. Ach, wie leichten Herzens hatte sie da – es war noch nicht allzu lange her – diese staubigen Böden und halbdunklen Speicher, die ehemaligen Vorrathsräume der Mönche, durchkrochen, und mit wie schwerem geschah es jetzt! Der kindlich sorglose Sinn, den sie hier in ihrer ruhigen Jugendheimath bisher noch gehegt hatte, trotz ihrer achtzehn Jahre, der war ihr überhaupt in den letzten Wochen abhanden gekommen. Und heute lastete die Furcht vor einem unausweichlichen Unglück auf ihr, und sie schleppte je länger je mühsamer die bleischweren Glieder, gleichwohl von fiebernder Rastlosigkeit immer vorwärts getrieben.

Wie anders als mit Bangen und Grauen konnte sie aber auch von den Speichern in die Tiefen der darunter liegenden verbauten Räume, kaum zugänglicher Schachte, hinablugen, die Lutz manchmal mit halsbrechendem Klettern erreicht hatte! Wenn er dort hinuntergestürzt wäre, was hätte sie alsdann von ihm gefunden? Und wenn sie, sich gewaltsam bemusternd, mit Mühe die schweren Deckel uralter Truhen hob, in die sich der leichtsinnige Junge wohl einmal versteckt hatte, konnte es anders geschehen als unter unsäglicher Angst vor dem Anblick eines im Erstickungskrampf entstellten Totenantlitzes, das ihr vielleicht entgegenstarrte?

Fruchtlos jedoch alles Suchen: lebendig oder tot – wie sie ihn nun schon manchmal mit eisigem Jammer sich vorstellte – in der Herrenmühle war Lutz nicht. Und die Boten, die ausgeschickt worden waren, kehrten im Laufe des Vormittags einer nach dem andern unverrichteter Sache zurück.

Jetzt wurde auch der Herr Oberst von Gouda selber ziemlich rathlos. Als letzter kehrte der Knecht zurück, welcher auf des Fräuleins Weisung sogar den Strieger, den alten Waldwart, in seiner Klause am Heidenkopfe hatte aufsuchen müssen. Der Alte war zwar auf der Streife gewesen, der Mann hatte ihn aber doch noch getroffen. Und auch Strieger hatte von dem Junker nichts gewußt; bei ihm 1m Walde hatte sich Lutz gestern und heute nicht blicken lassen. Auf diese Nachricht hin winkte der Oberst der mit starren verstörten Augen dastehenden Polyxene, ihm auf sein Zimmer zu folgen. Hier hieß er sie sitzen. „Mich dünkt, Ihr nehmt Euch die Sache wunderlich schwer zu Herzen, Nichte,“ sagte er, sein eigenes Unbehagen unter einem krittelnden Tone verbergend. Polyxene sah ihn nur an und rang die schlanken Finger ineinander; schelten wollte sie sich gerne lassen, wenn er nur Trost wußte! „Ist Euch nicht schon zu Ohren gekommen,“ fuhr er fort, „wie manch ein junger Fant heimlich das sichere Dach seiner Heimath verlassen hat, um auf Abenteuer in die weite Welt zu gehen? Zu Schiffe nach den Goldländern jenseit des Oceans, oder auch nur der ersten besten Werbetrommel folgend, um als Soldat der Fortuna nachzurennen, freventlich unbekümmert in seinen Phantasien um die Angst liebender Anverwandten?“

Polyxene sah ihn verwirrt an, ob sie ihn auch recht verstehe. „Und Ihr meint, dessen wäre Ludwig fähig gewesen?“ rief sie endlich. „Nein, Oheim, das glaube ich nimmermehr! Lutz unter den Werbern!“ – Wie gegen ihren Willen duldete sie nun doch auf Augenblicke den schrecklichen Gedanken. „Das müßten holländische gewesen sein, die zuweilen über die Grenze gehen. Freiwillig wäre er nicht gefolgt. Und sollten sie ein Kind, das sie noch nicht gebrauchen können, gewaltsam fortführen? Er hätte es nicht geduldet – er ist von altem Adel – der Frevel wäre unerhört.“

„Nein, an offene Gewalt denke ich nicht,“ sagte der Oberst. „Der schöne Bursch wäre gerade recht, um eine Trommel zu tragen. Und sein Sinn stand auf Abenteuer ...“

„Die sucht ein Edelmann nicht mit der Trommel auf dem Rücken, wenn er den Degen tragen darf,“ rief Polyxene unwillig. „Und vor allem wäre er nicht heimlich fortgegangen! Ich kenne ihn besser als Ihr: nimmermehr hätte er uns – hätte er mir das angethan!“

Während sie jetzt beide eine Weile schwiegen, hatte sich dem Mädchen die ganze tolle Unwahrscheinlichkeit der Vermuthung des alten Herrn immer mehr aufgedrängt. Und im selben Verhältniß stieg von neuem die verzweifelte Ungewißheit, die Ahnung größern Unglücks. „Warum sollte der Knabe uns haben verlassen wollen?“ sagte sie klagend. „Er war frohen Sinnes und zufrieden; er hatte seine Heimath lieb und uns auch, Oheim ...“

Auf die letzten Worte des Fräuleins hatte Herr von Gouda aber nun doch noch eine Entgegnung, die des Scharfsinnes nicht ermangelte, wenn sie auch nicht die echte innere Wahrscheinlichkeit für sich hatte, wie Polyxene im tiefsten Herzen fühlte. Er sagte: „Habt Ihr mir nicht neulich vermeldet – nur flüchtig freilich, da meine Studien mir die Aufmerksamkeit auf einen allzu ausführlichen Bericht nicht verstattet hätten – es sei wegen eines Hirsches zu kränkenden Worten der Frau Pfalzgräfin gegen Euch Leyens gekommen? Wie, wenn der thörichte Knabe aus diesem Vorkommniß den Anlaß genommen hätte, trotzend davon zu gehen?“

„Nein, so schwer traf ihn die Sache nicht,“ sagte Polyxene bestimmt. „Die Frau Pfalzgräfin hat ihm auch gleich darauf wieder Freundlichkeit erwiesen.“ Freilich fielen ihr jetzt die Worte Lutzens aufs Herz, die er damals zu Herrn von Nievern gesagt hatte, vom Dienstenehmen beim Kaiser oder bei den Holländern. Aber wenn er erwachsen sein würde, hatte er gemeint. Nein – sie hatte in seinem Kinderherzen immer bis auf den Grund sehen können! Nimmermehr hätte er einen tollkühnen Entschluß von weittragenden Folgen tagelang und wochenlang vor ihr zu verbergen vermocht und gewiß auch keinen gefaßt, der ihr so bittere Angst und Schmerzen bringen mußte!

Sie sah dem Oheim aber an, daß er sich nicht würde überzeugen lassen, sondern sich bei dieser seiner Auslegung des unerklärlichen Verschwindens seines Mündels vorderhand bis zu einem gewissen Grade zu beruhigen wünschte. „Wir dürfen selbstverständlich von unseren Nachforschungen nicht ablassen,“ sagte er jetzt noch. „Ich werde meditieren, welche Maßregeln die geeignetsten dafür sein möchten.“ Damit hatte er sich schon wieder halb seinem Büchertisch zugewendet, und Polyxene mochte gehen und sehen, wie sie mit ihrem Jammer allein fertig wurde. Sie besann sich darauf, daß sie in den Oberstock des Hauses steigen und von einem seiner zahlreichen Dachaugen aus umherspähen wollte. Da war ein Fenster, aus dem überschaute man ein großes Stück der Landstraße nach Keula zu. Vielleicht, daß er doch noch von dort, aus dem Walde oberhalb des Dorfes, zurückkehrte.

Da trat am Aufgang zum oberen Geschoß jemand an sie heran. Der winklige Flur war hier selbst am Tage dämmerig, und Polyxene war schon zusammengefahren, ehe sie erkannte, daß es nur Dietlieb war. Der stille Mann sah sie halb mitleidig an, als sie mit stockendem Athem fragte: „Nun, Dietlieb? ... bringt Ihr etwas?“ Nein, immer noch nichts – sie las es ihm in tiefer Muthlosigkeit vom Gesicht ab. Aber jetzt drehte er die Mütze in den Händen; er hatte doch etwas zu sagen. Es schien selbst ihm nicht ganz leicht zu werden ... das Fräulein sah so wie so schon so verstört aus! Endlich begann er: „Haben Euer Gnaden noch gar nicht an den Mühlgraben hinten im Garten gedacht?“

[296] Polyxene griff hart in das Treppengeländer und sah den Mann an wie einen Feind. „Er ist dort verunglückt – Ihr habt ihn gefunden,“ sagte sie mit fremder ruhiger Stimme.

„Nein,“ entgegnete Dietlieb nur, anstatt die Annahme nachdrücklich abzuwehren, „nein – wir haben noch nicht ordentlich gesucht.“

„So kommt,“ sagte das Fräulein und schritt ihm voran, durch den Hinterhof unter einem offenen Schuppen hindurch, dessen thürlose hintere Einfahrt den Ausblick in den verwilderten alten Mühlgarten wie ein in Grün getauchtes Bild umrahmte. Ein Knecht hatte sich ihnen angeschlossen; Polyxene sah mit halbem Blicke, was ihr das Herz schwer wie einen Stein werden ließ: wie auf einen Wink Dietliebs dieser Bursche aus der Ecke des Schuppens ein paar große Stangen griff. Jetzt schritten sie durch das hier immer feuchte lange Gras, welches sich wie Schlingen um die Füße legte. Schattig und unhold war der Ort; an der geschwärzten Hinterwand des Schuppens unter dem tief herabreichenden Dachvorsprung wuchs der Schierling fast zu Mannshöhe; im Grase jagen mächtige alte Mühlwalzen, das Holz schwarz von der Zeit und von Feuchtigkeit, schleimig überzogen, schimmelnd, hier und da mit Pilz- und Schwammansiedlungen in dicken weißlichen Schuppen bedeckt. Und bedeckt mit allem, was schmarotzend ihnen die Lebenskraft und Fruchtbarkeit entziehen konnte, standen auch die matten Obstbäume da, die das Fleckchen so dunkel machten, obgleich die mächtigen Aeste, die sich schwer auf das vermorschende Dach des Anbaus legten, nur noch wenig rostiges Laub trugen.

Der Schnppen reichte bis nahe an das Ufer, und das Stückchen verwilderter Garten hinter ihm bildete eine vorspringende Landzunge, deren eine Seite der alte Mühlgraben, die andere eine unbedeutende Wasserrinne begrenzte, welche ehemals in besonderen Fällen dem Mühlwerk das Wasser gespendet hatte. Der Graben aber war hier voll, breit und an einzelnen Stellen tief und das Wasser hatte noch immer den mächtigen Zug der Stelle zu – wenig unterhalb des Schuppens – wo es früher die gewaltigen Mühlräder getrieben hatte, die jetzt stille standen und zerfielen. Und da war ein Platz am Ufer, wo der Steg hinübergeführt hatte, den, als er allzu morsch wurde, Polyxene hatte abbrechen lassen. An der Ufermauerung des Grabens befand sich ein Vorsprung, der dem Steg als Fundament gedient hatte. Hier hatte jedenfalls Lutz das Brett aufgelegt, auf welchem er, wie er neulich eingestanden, noch oft den zum Sprunge zu breiten Graben überschritt. Und da, sie hatte es längst gesehen, aber es nicht sehen wollen, bis sie dicht davor stand und sich überzeugen mußte, da ragte das eine Ende einer wassergeschwärzten schlüpfrigen Bohle auch jetzt in die Höhe; das kürzerr Ende nur; über die Hälfte lag sie im Wasser – sie war am andern Ufer abgeglitten.

Polyxene stand vor diesem Anblick lange stumm; es war, als ob jede um das Unglücksbrett herziehende Welle von dem Restchen Hoffnung, das ihr geblieben war, mehr unterspüle und hinwegnage. Dann aber raffte sie sich mit einem Male wieder auf. Die Bohle konnte erst abgeglitten sein, als der, der sie benutzt hatte, drüben ans Ufer sich schwang, das dort höher aufstieg. Der Zufall, daß sie im Wasser lag, brauchte nichts zu bedeuten, gar nichts. Und war es Lutz überhaupt gewesen? Warum nicht ebensogut einer der Knechte, der sich seinen Weg nach dem Acker hatte abkürzen wollen?

Das Fräulein hatte es vermieden, dem hinter ihr stehenden Manne, dem Dietlieb, wieder ins Gesicht zu sehen. Er hatte sie hergeführt, er hatte vorher schon gewußt, wie sie das Uebergangsbrett finden würden; sie wollte nicht Gewißheit haben über seine Gedanken. Endlich aber mußte sie sich doch zu ihm umwenden. Da schaute er aber nicht sie an; sondern blickte so sonderbar neben ihr weg auf den Boden. Sie folgte seinen Augen und gewahrte nun erst im Grase nahe am Ufer Lutzens wohlbekannte Jagdtasche. Nun wußte sie alles! Eine starre Ruhe überkam sie. Sie bückte sich, nahm die kleine alte Jagdtasche auf und strich liebevoll darüber her; sie bückte sich noch einmal und sah mit aufmerksamen trockenen Augen die Stelle im Grase an, auf der sie gelegen hatte, und blickte dann hinüber nach dem anderen Ufer, als müsse von dort das helle heitere Knabengesicht ihr zugeschaut haben und sie nun über ihre thörichte Angst auslachen, Dietlieb aber mochte glauben, daß er nun nichts mehr zurückzuhalten brauche. Er trat neben das Fräulein dicht ans Ufer und sagte, mit dem Kopfe hinüber auf die glatt ansteigende Böschung deutend: „Seht, wie dort drüben das Gras ausgerissen ist, als ob sich einer daran hätte halten wollen. Da, den Streif hinunter, da ist die Bohle heruntergeglitten. Aber rechts davon, zur Seite oben, seht Ihr die Stelle? Da sind ganze Büschel Ufergras losgearbeitet. Und wenn er dort hinabgerutscht ist – der Graben hat ein paar Löcher hier herum und ist da über mannstief – ein Erwachsener könnte sich schwer heraushelfen . . .“

„Der Junker Ludwig war kräftiger und gewandter als mancher Mann.“ Polyxene hatte es gesagt fast unwillig; plötzlich entsetzte sie sich über ihre eigenen Worte. „War!“ Sagte man das von einem Lebenden? Hatte durch ihren eigenen Mund ohne ihre Absicht eine Prophezeiung gehen müssen, vor der es ihr selber graute?

Dietlieb schüttelte den Kopf. „Des Schwimmens war er nicht kundig“ – auch er fiel in diese Redeweise! – „und es hätte ihm nicht einmal viel geholfen. Das Wasser zieht hier stark . . . und wenn er sich etwa beim Abrutschen verletzt hatte . . . Wenn wir ihn nur finden,“ murmelte er noch, „ehe der Graben in die überwölbte Rinne einläuft. Denn da heraus kommt so leicht nichts wieder ans Tageslicht. Hierher, Klaus!“ Er nahm dem Knechte die eine Stange ab. Dann mochte ihm etwas einfallen und er wandte sich zu Polyxene. „Geht lieber, Fräulein,“ sagte er gutmüthig überredend. „Dies ist nichts für Euch zum Zusehen.“

Polyrene verließ zögernd den Grasgarten. Dietlieb hatte recht – dabeizustehen, wenn die Männer ihre Stangen in jene verhängnißvollen Löcher des Grabengrundes stießen, wenn sie dann stockten, sich ansahen und nun angestrengter arbeiteten, um etwas, was sie da unten gefühlt hatten, zutage zu fördern – es wäre schwer zu ertragen gewesen. Aber das Fräulein ging nicht weit. Sie verweilte im Hofe und warf von dort scheue Blicke durch den viereckigen Rahmen der Durchfahrt in das Grün dahinter. Das Plätzchen war bisher die Stätte so friedlicher Erinnerungen gewesen. Als Lutz noch ganz klein war und sie ein halbwüchsiges Mägdlein, da hatte sie den Buben dort bei sich gehabt und gehütet, während sie dicke Vergißmeinnichtkränze wand Und obwohl er sonst wild war, dies Kränzebinden hatte ihn lebhaft mitbeschäftigt und sehr artig gemacht. Er hatte ihr dann die Blumen ausgerauft, ungeschickt, mit allzu viel Gras dazwischen, und sie in den dicken Händchen herbeigebracht. Noch vor wenigen Monaten, als die Frau Pfalzgräfin besonders gnädig gelaunt gewesen war, im Zirkel nach der Erbauungsstunde, da war auf jene Vergißmeinnicht die Rede gekommen, von denen einmal die kleinen Leyens dem verstorbenen Gemahl der Fürstin zu seinem Namenstag eine kunstvoll gewundene Kranzspende dargebracht hatten, den hochseligen Herrn herzlich damit erfreuend. Polyxene, ihre Gedanken ziellos zurückwandern lassend, erinnerte sich, wie sie bei jener Gelegenheit im Damenzirkel auch eine Beschreibung eben dieser ihr jetzt so fürchterlichen Stätte gemacht habe, und mit schmerzlichem Staunen über sich selber dachte sie jetzt an die Unbefangenheit, mit der sie damals noch von der gefährlichen Tiefe des Mühlgrabens aller Welt heiter vorgeplaudert hatte.

Ruhelos schleifte Polyxene die müden Füße auf dem Hofe umher. Der Durchgang, durch den die Männer zurückkommen mußten, hielt sie in einem qualvollen Banne, Die Angst litt nicht, daß sie sich allzu weit davon entfernte, das Entsetzen vor dem, was erscheinen konnte, nicht daß sie allzu nahe kam.

Der gewölbte Kanal, von dem Dietlieb gesprochen hatte, nahm den Graben hinter dem ehemaligen Mühlwerk auf und führte ihn unterhalb des Hofes fort. Es mar dieser Kanal auch ein Werk der betriebsamen und kundigen Kugelherren; man fand seinesgleichen damals noch wenig, die geistlichen Herren aber waren gute Tiefbaumeister gewesen. Und dann gab es im alten Mühlbau, im Kellergeschoß, einen Ort, da sah man das Gewässer wieder, dicht vor sich und kaum spannbreit unterhalb der eigenen Augen, mit denen man durch eine Kellerluke schaute. Und zugleich sah man da, ebenfalls in nächster Nähe, den dunkeln Gewölbebogen, unter dem das Wasser hinlief, um erst jenseit des Gartens am Herrenhaus wieder ans Tageslicht zu kommen und nun schlecht und recht wie ein anderer Vach zwischen wechselnden Ufern ins Land hinein weiter zu fließen, Jenes Fensterloch im Kellerraum der Mühle hatte von jeher eine geheime Anziehungskraft, aber von der schauerlichen Art, für die Kinder gehabt. So, wie beschrieben, war es bei gewöhnlichem Wasserstand; nun aber erst bei niedrigem! Schwellten Frühjahrs- oder Herbstgüsse den Graben übervoll, dann stand das Wasser in jenem Keller und er war unzugänglich. In [298] der Sommerdürre jedoch, wenn nur noch eine dünne Wasserader im Grunde des bloßgelegten Grabenbettes herschlich und seine schlimmen Vertiefungen mit trüber Lache füllte, dann sah man hier die Hügel schwarzen Schlammes am Kanaleingang, und dann wimmelte es in diesem garstig dunstenden Schlamme und Moder von feisten Ratten. Einmal hatte Lutz in solcher Jahreszeit sein Bäschen halb zwangsweise an die Kellerluke im Mühlbau geführt, damit sie sehe, wie er mit seiner Armbrust und mit Bolzen nach den Ratten schoß. Für ihn war das ein echtes Bubenvergnügen gewesen; sie hatte damals einen lebhaften Abscheu vor dem Orte gefaßt. Und jetzt stand ihr die dunkle Höhle des Kanaleingangs immer vor Augen, zur Zeit mit trüber Fluth gefüllt, und ein unsägliches Grauen bemächtigte sich ihrer vor einer gewissen Vorstellung: der fühllose Körper des Knaben da hineingezogen von den Gewässern; innen in stockender Enge festgehalten, ein Sammelpunkt für alles, was modernd, verwesend vom Wasser mitgeführt wurde und nun hier nicht weiter konnte. Dann, im blinden Dunkel massenweis herzulaufend auf den schlammigen Mauervorsprüngen, das ekle Geziefer … und nun, der goldene Kopf, das liebe Angesicht zerstört, so grauenvoll – nein, der Gedanke war nicht zum Ausdenken!

Jetzt kam es vom Grasgarten in langsamen Schritten zurück, und langsam und widerwillig erhob Polyxene den Kopf. Die Männer gingen leer; Dietlieb schüttelte schon von weitem den Kopf – sie hatten, soweit der Graben offen lag, in seinem Bette nichts gefunden.

„Und daß er schon fortgetrieben sein sollte mit dem Wasser, unter die Erde, glaub’ ich auch nicht,“ sagte Dietlieb herzutretend und sah rathlos aus. Er hatte fest geglaubt, daß die Stangen da eine Lösung des unglückseligen Räthsels zu Tage fördern würden. Aber diese Lösung fand sich nicht, heute nicht und nicht an den folgenden Tagen.

Textdaten
zum vorherigen Teil
>>>
zum nächsten Teil
aus: Die Gartenlaube 1893, Heft 19, S. 309–315
[309]
8.

Das Verschwinden des jugendlichen Herrn von Leyen erregte, wie begreiflich, das allergrößte Aufsehen, nicht nur am pfalzgräflichen Hofe, sondern in der ganzen Residenz. Tagelang sprach man sogar in den Bürgerhäusern beinahe von nichts anderem, und um den seltsamen Vorfall zu erklären, wurden natürliche und übernatürliche Mächte ins Spiel gezogen. Mit der einfachen Annahme, der verwegene Knabe könne bei seinen Jagdstreifereien im Walde verunglückt sein, begnügten sich die wenigsten.

Auch vor dem Hause Jost Lüttebrands, des Bäckers – desselben, bei dem Frau von Méninville gewohnt hatte – stand eine [310] Gruppe, und auch hier wurde die Sache erörtert. Der Meister war selber dabei, ein teigiger Mann, mit dicken mehlbestäubten nackten Armen. Er sprach nicht allzu viel, denn er war schwerfällig, und so wurden seine Meinungen, wenn er deren einmal von sich gab, ihrer Seltenheit wegen mehr geachtet, als sie es verdienten.

„Da ich im Fränkischen als Geselle arbeitete,“ sagte er jetzt, „da ist uns einmal ein Lehrbube abhanden gekommen. Er war eine Waise, und bei der Meisterin gab es nichts für ihn wie Kinderwiegen und Prügel. Auf einmal war er fort.“

„So ist er wohl davongelaufen,“ meinte eine Nachbarin, eine gutmüthige jüngere Frau mit einem Kind auf dem Arme, der man es ansah, daß sie jenem verwaisten Prügelknaben die Befreiung gönnte.

„Kann sein, kann auch nicht sein,“ erwiderte Jost Lüttebrand in einem Orakelton. „Mein Mitgesell wollte zur Nacht im Ziehbrunnen ’was plumpen gehört haben. Und dann gegen Morgen hätte der Eimer beim Aufziehen an der Kette geächzt und geknarrt wie sonst nicht. Ich hatte nichts vernommen. Wenn es meine Tour war, durchzuschlafen, so schlief ich trotz einem. Von dem Jungen hat man nie wieder etwas gehört.“

„Hineingesprungen, oder gar –?“ Eine Alte fragte es halblaut, in ihrem Eifer sich herandrängend, während sie die Gebärde des Stoßens machte. Der Meister zuckte die Achseln.

„Das paßt aber doch auf den Junker nicht,“ sagte darauf die junge Frau wieder, „der hatte es ja so gut auf der Welt.“

„Daß er sie freiwillig quittiert habe, wird auch wohl keiner behaupten wollen,“ meinte der Nachbar Nothnagel, ein Schreiber, und sah aus, als könnte er viel sagen, wenn er nur wollte. Doch bedurfte es keines großen Drängens, und er fuhr fort: „Was trieb sich denn das gottlos verwegene junge Blut so viel im Walde am Heidenkopf herum! Nicht nur am Tage, auch nächtens hat er dort gejagt und gelauert. Was aber noch von alten Zeiten her dort webt und wohnt und in stürmischen Nächten mit Pfeifen und Hallo durch die Wipfel saust, das kehrt sich an Junker und Adel nicht – das dreht jedem, den es etwa neugierig lauschend am Wege trifft, das Gesicht in den Nacken.“

„Ja, ein Naseweis war der Junker,“ sagte ein Mann, der noch nicht gesprochen hatte. „Und das Fränlein, seine Base, soll es auch wunderlich treiben. Von meiner Frauen Bruder, dem Meßdiener in Keula, habe ich es, daß sie gar einen seltsamen Verkehr pflegt. Wenn ich zum Fenster hinausschaue, sagt er, so sehe ich sie die Wildschlucht hinaufsteigen. Was hat sie da oben zu suchen? Der Weg führt auf den Schindanger; kein ehrlicher Christenmensch begeht ihn. Und nun gar, wenn sie etwa linker Hand oben im Steinbruch ihr Geschäft hätte . . . Gott bewahr’ uns, meinte er . . .“

Hier hielt der Sprecher inne. „Was ist’s doch gleich mit dem Steinbruch?“ hieß es eifrig; die Köpfe neigten sich näher zusammen. „Gott bewahre uns! Die lebt noch! Und da geht sie hin! Ja, was so ein Vornehmes nicht alles wagen darf! Unsereiner sollte das probieren, vielleicht in der Noth um einen guten Rath, den man dem Doktor und auch dem Herrn Pfarrer nicht danken mag, und den so eine wohl wüßte . . . man wäre ja seines Lebens nicht sicher bei den Leuten, und wie würde einen erst die Geistlichkeit kuranzen! – Eine sonderbare Gesellschaft aber doch, die von der Herrenmühle! Seht doch nur den Alten, den Herrn von Gouda an . . . mich gemahnt er immer an den Ritter im Puppenspiel, mit seinem dünnen Ziegenbart. Und das Fräulein . . . o ja, hübsch ist sie, aber so vornehm brauchte sie auch nicht zu thun und über unsereinen hinwegzusehen, wenn ihr eine solche von Gott und allen Heiligen Verlassene, ein solcher Teufelsbraten gut genug ist, daß sie unter ihr verfluchtes Dach eingeht! . . . Gott behüte uns!“ Und eifrig wurde, was ja auf alle Fälle nichts schaden konnte, von den Weibern das Kreuz geschlagen.

So redeten die Bürgersleute. Am Hofe und unter dem Adel konnte man sich standeshalber mit solchen rohen Märchen wie dem von der gespenstischen wilden Jagd nicht befassen. Man betrachtete dergleichen als einen Aberglauben, dem neben der Lächerlichkeit zugleich die Gewöhnlichkeit, das völlig Unstandesgemäße anhafte. Was ein frommer hoher Adel von bösen Mächten anerkannte und redlich fürchtete, das befand sich gewissermaßen, trotz seines Gegensatzes zur Gottheit, noch innerhalb der Kirche, sofern der Versucher, der herumgeht wie ein brüllender Löwe, von der Geistlichkeit allenthalben approbiert war.

Daß man nun das Verschwinden des Junkers Lutz von Leyen mit dunklen Mächten in Verbindung gebracht hätte, davon verlautete am Hofe nichts. Wohl aber erregte dasselbe allgemeine lebhafte Theilnahme, die sich besonders der armen Polyxene zuwendete. War sie früher vielleicht wegen ihres stolz ausgeprägten Wesens nicht so ganz allgemein beliebt gewesen, so verschwand das jetzt. Jeder beklagte sie; sogar die Damen ließen ihr ein ehrliches Bedauern zu theil werden, da es genugsam bekannt war, wie geschwisterlich die beiden Leyens gelebt hatten, nur enger verbunden durch des Vormundes Wunderlichkeit.

Wie die Pfalzgräfin über die Sache dachte, hatte man noch nicht erfahren. Sie war in den letzten Tagen weniger als sonst für den Hof sichtbar gewesen; es hieß, sie leide an Migräne. Da aber Sabine Eleonore bisher für launisch, jedoch nicht für bösartig gegolten hatte, so war anzunehmen, daß ihr Groll gegen das Fräulein von Leyen, welche Ursache derselbe nun auch haben mochte, vor diesem Unglück nicht Stich halten würde.

Noch stand übrigens die förmliche Mittheilung des räthselhaften Vorgangs von seiten der Verwandten an die fürstliche Herrin aus. Und um diese zu bewerkstelligen, hatte sich der Vormund des Verschwundenen, der Oberst von Gouda, nach dem Residenzschlosse begeben, in welchem er eine sehr seltene Erscheinung war. Es saß neben ihm in der altväterischen Leyenschen Hoskarosse die kummervolle Gestalt seines anderen Mündels, des Fräuleins Polyxene. Neun Tage waren seit jenem schrecklichen Abend vergangen, an welchem Lutz zuerst nicht heimgekommen war. Polyxene war, so lange es ihre Kräfte nur irgend erlaubten, in diesem Zeitraum ruhelos umhergestrichen, hatte kreuz und quer den Forst durchstreift, war an allen ihr und Ludwig bekannten Stellen desselben gewesen – nach der Stadt aber war sie seitdem noch nicht gekommen.

Die Birkenfelder reckten die Hälse nach dem Wagen. Der Oberst, den kannte man ja, er sah mit seinem gelben Gesicht und pechschwarzen Haar immer schon wie eine Trauerfigur aus. Das Fräulein aber – wie, hatte sie denn keine schwarzen Kleider angelegt? Nein, sie sah aus wie sonst, wenn sie zu Hofe fuhr. Viele verübelten es ihr, daß sie sich der äußeren Trauerzeichen noch enthielt. Polyxenen dagegen würde es fürchterlich vorgekommen sein, solchergestalt zuzugeben, daß sie den Vetter für tot achte. Und da sie es auch für richtig hielt, Fremden und Fernstehenden nichts von dem, was ihr Gemüth bewegte, zu verrathen, so blickte jetzt während der Fahrt ihr reizendes Gesicht anscheinend sehr ruhig vor sich hin. Daß es schmäler geworden war und der Glanz der graublauen Augen durch Wachen und Weinen sich getrübt hatte, das bemerkten die Aufpasser nicht.

Im Residenzschlosse ließen sich der Oberst und sein Mündel vorschriftsmäßig bei der Obersthofmeisterin melden, welche dann die Einführung bei der Pfalzgräflichen Hoheit zu bewerkstelligen hatte. Frau von Kallenfels war dazu sofort bereit. Hoheit werde zwar in den letzten Tagen von Kopfschmerzen geplagt, welche ihre Laune sehr ungünstig beeinflußten, sie sei aber heute schon für die Fräulein des Dienstes sichtbar gewesen und werde unter diesen besonderen Umständen – die lange, verblichene Dame sagte das mit einem gutmüthigen Blick der im Hofdienst so ausdruckslos gewordenen Augen – also unter diesen antheilswürdigen Umständen werde Hoheit gewiß Audienz gewähren.

Die beiden hatten noch nicht lange gewartet zwischen den wenigen steifen Prachtmöbeln des Vorgemaches, als die Obersthofmeisterin zurückkehrte. Wäre ihr Gesicht nach ihrer lebenslangen Unterwerfung unter die Form nicht so wenig ausdrucksfähig gewesen wie etwa ein lederner Tabaksbeutel, so hätte man ihr anmerken müssen, daß ihr soeben das geschehen war, was bei anderen Menschen einen heftigen Aerger bedeutet. Herr von Gouda freilich, zerstreut, wie er meistens war, achtete nicht auf ihre immerhin betretene Miene, sondern schickte sich an, in die Gemächer der Frau Sabine Eleonore einzutreten. Er hatte schon ein paar Schritte gemacht, da sagte sie: „Halt, mein Herr Oberst von Gouda! Die Frau Pfalzgräfin Hoheit empfangen heute nicht. Hoheit befinden sich in ihren Gemächern in Gesellschaft der Frau von Méninville, der einzigen, wie man uns zu wissen thut, welche sie bei ihren vapeurs heute ertragen kann.“ – [311] Die Kallenfels hatte ruhig gesprochen; was sie empfand, darauf durfte es ja nie ankommen. Auch auf die beiden Audienzsuchenden schien ihre Mittheilung – der Gallapfel, den sie freilich erst im eigenen Munde hatte aufbeißen müssen – keine große Wirkung zu thun. Polyxene war viel zu sehr mit ihrem Kummer um Lutz beschäftigt, als daß irgend etwas sonst sie groß hatte berühren können. Und für den Obersten waren die verschiedenen Bewegungen der Puppenspielfiguren am Hofe und welche Puppen gerade die Scene besetzten, wenn er einmal einen Blick darauf warf, immer von sehr geringem Interesse gewesen. So war er denn mit einer Höflichkeitsbezeigung gegen die Obersthofmeisterin im Begriff, sich ruhig mit Polyxenen zu entfernen – als einer, von dem eine Form erfüllt worden und der nun froh ist, daß ihn dies wenigstens nicht mehr Zeit gekostet hat. Aber die Dame hielt ihn zurück.

„Verweilt, wenn es Euch beliebt, noch einige Minuten, Herr Oberst, und Ihr, mein werthes Fräulein!“ sagte sie. „Die Frau Pfalzgräfin läßt Euch durch mich ihren allergnädigsten Antheil an dem Schicksal ausdrücken, welches Euer Haus betroffen hat. Sie bedauert, unpaß zu sein und Euch desselben nicht mit eigenem Munde versichern zu können, zugleich möchte sie Genaueres darüber erfahren, wie die Sache sich zugetragen hat.“

„Das ist es eben, was wir selber gerne wüßten, meine vielwerthe Dame,“ entgegnete der Oberst trocken. „Der Junker, mein Neffe, hat sich vor neun Tagen aufs dem Hause entfernt, wenigstens nehmen wir dies an, da er in demselben seit dem Morgen jenes Tages nicht mehr erblickt worden ist; und er ist bis dato nicht zurückgekehrt, noch auch hat irgend eine Kunde über seinen Verbleib uns erreicht. Daß ich es an Nachforschungen nicht habe fehlen lassen, ist selbstverständlich, und diese sollen auch fortab keineswegs ruhen. An sämmtliche Aemter dieses pfälzisch-birkenfeldischen Landes ist eine genaue Beschreibung der äußerlichen Person des Junkers gesendet worden, mit der Bitte, von dem Betreffen eines solchen, sei er lebend oder tot, mir, dem betrübten Vormund und Pfleger, alsobalb die hocherwünschte Mittheilung zu machen.“

Polyxene blickte hier in trübem Staunen auf, da von dieser Maßregel des Oheims sie selber jetzt das erste Wort hörte. Daß er aber die Wahrheit sagte und gewiß nicht weniger gethan hatte, als er angab, dafür kannte sie ihn. „Dies alles aber,“ nahm der Oberst noch einmal das Wort, „halte ich noch nicht für genügend, da es sich um den letzten männlichen Sproß eines hochadligen Namens und den Erben ansehnlicher Güter handelt. Wir wollen deshalb auch an die unserer gnädigsten Pfalzgräfin verwandten pfälzischen und sonstigen Fürstenhäuser uns wenden und in ihren Landen forschen lassen und haben vor, ihre Hoheit zu ersuchen, daß sie ihrer Kanzlei verstatte, uns hierin Vorschub zu leisten.“

Die gnädige Frau werde gewiß nicht ermangeln, einem so verdienstlichen Vorhaben sich geneigt zu erweisen, nahm die Obersthofmeisterin auf sich, zu erwidern. „Der Junker war, wie man spricht, dem Walde und Weidwerk sehr zugethan,“ wendete sie sich dann an Polyxenen, deren schweigende Bekümmerniß sie dauerte. „Daß er im Forste zu Schaden gekommen sei, ist aber wohl nicht anzunehmen, da man ihn sonst schon gefunden hätte?“

„Wir haben unseren Wald weit und breit durchsucht, der alte Strieger, unser vielerfahrener Waldwart, und ich selber, und haben nichts entdeckt,“ sagte Polyxene traurig. Und dann, mit einem inneren Schauder: „Die einzige Spur von ihm, die wir fanden, war an einem anderen Orte. Auf der Herrenmühle selber, am Mühlgraben . . . dort fanden wir seine Jagdtasche . . . Und Dietlieb, unser Diener, glaubt fest, Lutz sei beim Ueberschreiten des Grabens verunglückt, indem die Bohle, auf der er hinüberzugehen pflegte, abglitt und ins tiefe Wasser rutschte. Die Männer haben darauf den Graben durchsucht . . .“

„Und nichts gefunden,“ ergänzte die alte Dame mitleidig, da das arme Mädchen abbrach.

Polyxene verneinte, mit ihren trockenen, vom Kummer müden Augen vor sich hinschauend. Aber auch Herr von Gouda schüttelte, und zwar ziemlich energisch, den Kopf. Er verweigerte der Annahme, sein Mündel sei dort ertrunken, den Glauben vollständig, was Polyxene in ihrem Gram zu einer Art Trost gereichte. „Thorheiten“ sagte er jetzt. „Ein gewandter Wagehals wir unser junger Fant kommt aus einem unfreiwilligen Bade im Mühlgraben wohl wieder heraus.“ Die Obersthofmeisterin war im stillen anderer Meinung; ihr schienen jene Anzeigen bedenklich. Doch verschwieg sie dies; wozu das augenscheinlich fast zu Boden gedrückte Mädchen noch mehr quälen!

Unter den gegenseitigen umständlichen Höflichkeiten solcher Standespersonen, wie sie alle drei waren, nahmen dann Herr von Gouda und das Fräulein von Leyen von der Obersthofmeisterin Abschied und verfügten sich zu ihrer Karosse zurück. Frau von Kallenfels aber betrat noch einmal die Gemächer ihrer Pfalzgräfin – hatte sie dieser doch das Ersuchen des Obersten von Gouda in aller Form vorzutragen.




9.

Die Pfalzgräfin war in ihre geblümte seidene robe de chambre gehüllt – ein anderer Name als dieser französische war für das Kleidungsstück nicht gangbar; eine Uebersetzung desselben ins Deutsche hätte kein Mensch verstanden – und so saß sie, über und über Falbeln und Bauschen, ein Spitzentuch über dem breiten Lockenbau, damit beschäftigt, ihre Vapeurs zu pflegen, indem sie dann und wann in ein Fläschchen mit scharfer Essenz roch, und ließ sich außerdem von der stickenden Madame von Méninville unterhalten. Die Obersthofmeisterin fand, als sie nun wieder eintrat, einen nicht ganz so kalten Blick ihrer Herrin auf sich gerichtet, wie sie dessen in der letzten Zeit hatte gewohnt werden müssen. Denn was Frau von Kallenfels jetzt melden sollte, versprach einige Linderung des Leidens der Hoheit, welches zum guten Theil aus Langerweile bestand. Was ihr aber eigentlich fehlte, wußte am besten ihre liebe Méninville, vor deren klugem Auge das innere Getriebe dieser kleinen Pompadur so verständlich dalag, als gehe sie wirklich auf Rollen, werde aufgezogen zu dieser Bewegung und habe eine Vorrichtung, die für den Wißbegierigen ihr inneres Räderwerk bloßlege. Herr von Nievern nämlich war am Tage nach der Hofjagd schriftlich um einen längeren Urlaub eingekommen. Seine Gesundheit, wie er in diesem Gesuche kurz angab, machte es ihm wünschenswerth, einige Zeit der Schonung von Geschäften zu widmen. Er habe vor, diese Zeit hauptsächlich bei seinem Anverwandten, dem Kanonikus von Wildenfels in Malmedy, zuzubringen. Für seine Stellvertretung that er einige bündige Vorschläge; und im übrigen hatte er die gnädige Erlaubniß seiner Gebieterin gar nicht abgewartet; als man ihr sein Schreiben überreichte, war er, wie sie zugleich erfahren mußte, schon abgereist. Das heißt, er war in Begleitung eines Dieners, der den Mantelsack auf dem Pferde hinter sich hatte, in der Morgenfrühe eben jenes Tages gen Norden geritten.

Solche Einzelheiten auszukundschaften, wäre unter der Würde der Pfalzgräfin gewesen; Frau von Méninville hatte das besorgt. Auch sie war überrumpelt durch den selbstwilligen Schritt des Kavaliers, ließ sich das aber natürlich so wenig wie möglich merken. Die Gebieterin dagegen war anfangs fassungslos. Sie gerieth in einen solchen Zorn, daß sie das Urlaubsgesuch ihres Oberjägermeisters mitten durchriß und zur Erde schleuderte; nachher mußte das Schriftstück, um doch gehörig fascikuliert und registriert zu werden, auf fürstlichem Hofmarschallamt von einem Kanzlisten sorgfältig wieder zusammengeklebt werden. Als Folge dieses heftigen Aergers gab dann eine Migräne in bester Form – mit Sprengen der Schnürsenkel am steifen Kleiderleibchen der Fürstin, Essigwaschungen, Fußbädern, Räucherungen und allem sonstigen damaligen Zubehör – zum Glück Beschäftigung und Ablenkung für einige Stunden, bis die Dame ein paar Kammerfrauen, aber zugleich auch sich selber todmüde gemacht hatte und in einen gesunden Schlaf fiel.

Indessen hatte Frau von Méninville sich die Sache einigermaßen zurechtgelegt. Allein mit sich selber, gestattete sie sich zunächst einmal die Empfindung, daß sie eigentlich getroffen werde durch diese fluchtähnliche Entfernung des Mannes, der so häufig in der letzten Zeit mit ihr und der Pfalzgräfin ein vertrauliches Trio gebildet hatte. Und wenn er sich offenbar gut unterhalten hatte während dieser Stunden, war das etwa das Verdienst der albernen Puppe gewesen, die jetzt im Nebengemach da drinnen unter ihrem riesigen kronengeschmückten Betthimmel wie ein Murmelthier schlief? Bei der stahlkräftigen Gesundheit des Herrn von Nievern war der Vorwand, den er gebraucht hatte, von einer dreisten Durchsichtigkeit: Zwar plagte ihn, trotz seines noch jugendlichen Mannesalters, zuweilen das Gliederreißen, als [314] Andenken an die Seefahrt nach England, die von ihm in einem offenen Segelboot unternommen worden war und sich bei stürmischem Wetter unter einweichenden Regengüssen fast über eine Woche ausgedehnt hatte. Er selber hatte dies alles, sich dabei zum Besten haltend, noch kürzlich erzählt. Hätte er sich dann wenigstens die Mühe gegeben, zu lügen, daß er in der alten Stadt Aachen, in deren Nähe er sich ja begeben hatte, die heilkräftigen Bäder gebrauchen wollte! Wie gering er doch seine Pfalzgräfin und sie, die Frau von Méninville, anschlug, daß er einer Anwandlung von übler Laune so ohne Scheu nachgeben zu dürfen glaubte! Die Keckheit dieses Mannes reizte die fromme Frau. Er fing an, sie zu kennen – für so klug wenigstens hielt sie ihn – aber er kannte sie noch nicht genug. Sie, die über die spielenden Thorheiten anderer Weiber weit erhaben war und immer nur sehr ernstliche Zwecke verfolgte, sie hatte ihn ihres Antheils gewürdigt und er mußte es gemerkt haben. Glaubte er nun am Ende auch mit ihr umspringen zu können wie mit einer beliebigen, ein weniges in ihn verliebten Närrin, deren nicht mehr frischer Reiz solchen Schwächen noch dazn einen Beigeschmack von Lächerlichkeit verlieh? Frau von Méninville legte hier die Lippen fest aneinander und gelobte sich innerlich, daß dies anders werden sollte. Noch war durchaus nichts verloren. Der Oberjägermeister mußte ja an den Hof zurückkehren, und dann hatte sie Zeit. Und das war alles, geradezu alles, was sie brauchte. Frau von Méninville hatte einmal irgendwo den Wahl- und Wappenspruch eines alten schottischen Geschlechts gelesen, welcher, in der Ursprache kurz und bündig, in der Uebersetzung etwa lautete: die Zeit und ich, wir zwei zusammen nehmen es mit jeden andern Zweien auf. Das hatte ihr eingeleuchtet! Um aber solchergestalt mit der Zeit sich zu verbünden, dazu gehörte es, unermüdlich jede neue Möglichkeit zu benutzen, und das gedachte Frau von Méninville zu thun.

Am nächsten Morgen gegen Zehn war sie zu der Pfalzgräfin befohlen worden. Ein sechzehnstündiger Schlaf hatte die Dame soweit gestärkt, daß sie sich den Kopf zur Negligéfrisur hatte „aufsetzen“ lassen, wie man das nannte, und nun im Bette ihre Chokolade einnehmen konnte.

Frau von Méninville hatte mit Inbrunst die dargereichte fürstliche Hand gekußt. „Wie habe ich mit Euerer Hoheit gelitten,“ versicherte sie. „Haben Hoheit ein weniges zu schlafen vermocht?“

Ja, die Nacht sei erträglich gewesen, gab Frau Sabine Eleonore zu, aber sie fühle sich immer noch schwach.

„Kein Wunder,“ bemerkte Frau von Méninville mit schonender Krankenstuben-Stimme. Sie that jetzt, mit einer ihrer kleinen Tücken, die sie selbst da Verstellung üben ließen, wo dies gar keinen Zweck zu haben schien, als wolle sie sich sofort wieder zurückziehen, um den ermatteten Lebensgeistern ihrer Herrin noch ferner Zeit zur Erholung zu gönnen. Dabei hätte aber Frau Sabine Eleonore ihre Rechnung nicht gefunden. „Bleiben Sie, liebe Méninville,“ sagte sie mit schwacher Stimme. „Ich habe mein Lever heute abbestellt. Selbst wenn ich mich kräftig genug dazu fühlte – die Stimme der Kallenfells genügt, um mir von neuem Migräne zu machen. Ihre angenehme Unterhaltung dagegen wird mir hoffentlich über das Uebel vollends hinweghelfen, welches mich von Zeit zu Zeit ganz aus heiler Haut befällt.“

Die Méninville hörte die Worte an mit der Miene eines durch Ehrfurcht gedämpften Antheils. Sie nahm auf einem Schemel am Bette Platz und erzählte nun, wie man ihr früher einmal berichtet habe, die letzte Königin von Frankreich sei eine große Dulderin an Migräne gewesen, habe oft danieder gelegen an Kopfschmerzen bis zur Betäubung, die dann erst den stärksten Mitteln der Aerzte gewichen seien.

Wenn man denn scholl an Kopfweh zu leiden hat, so theilt man diesen Vorzug fein besaiteter Naturen immer noch nicht ganz ungern mit einer allerchristlichsten Majestät; lieber wenigstens als mit gewöhnlichen Leuten, die eigentlich kein Recht auf solche vornehme Uebel haben. „Ja, die Migräne ist eine Plage vieler regierender Häupter gewesen,“ sagte Frau Sabine Eleonore denn auch mit selbstgefälliger Ergebung.

Dies Kapitel wurde noch eine Weile erörtert, indem die Méninville verschiedenes von hohen Herrschaften beibrachte und von den Medikamenten, welche denselben in eben dem Falle, darin die Pfalzgräfin sich jetzt befand, genützt hatten. Als nun aber eine halbe Stunde verflossen war, ohne daß des Urlaubsgesuchs des Herrn von Nievern Erwähnung geschehen wäre, da merkte Frau von Méninville, daß die steife Fürstin nicht Geschick genug habe, den Gesprächsgegenstand einzuführen, um den es ihr doch allein zu thun war, und daß sie ihr helfen müsse. Sonst hätte sie am Ende erleben können, wie die fürstliche üble Laune sich auch einmal gegen sie richtete. Ihr erfinderischer Geist ließ sie um einen Anfang nicht verlegen sein. „Pfalzgräfliche Hoheit,“ begann sie, „sind so wohl versiert in den Adelsgeschlechtern Ihres eigenen Landes nicht nur, sondern auch des Reiches, ja des Auslandes . . . wo soll ich die Familie von Wildenfels hinthun? Ist es ein pfälzer Adel?“

„Nein,“ sagte die Pfalzgräfin unverzüglich und war munter und lebhaft bei der Sache, „die Wildenfelser gehören in das bayerische Franken. Es gab mehrere Linien, Wildenfels-Buchheim, Wildenfels-Dyk – die Rochsburger auch, aber die sind schon vor fünfzig Jahren oder mehr ausgestorben, und von den Wildenfels- Dyk ist der Mannesstamm jetzt erloschen. Die Freifrau Aloysie auf Wildenfels hab’ ich gekannt; ihr Sohn, der Erbherr, ist blutjung unter dem Prinzen Eugen bei Turin, wenn mir recht ist, gefallen. Das kinderlose Witthum hat ihr nicht behagt; sie hat sich noch einmal vermählt mit einem Herrn von Salm.“

Bei einer Fürstin, die selber Witwe ist und dazu noch eine ziemlich junge, thut man gut, in der Beurteilung solcher Fälle wie der hier erzählte vorsichtig zu sein. „Hoffentlich hat die Dame eine passende Wahl getroffen,“ bemerkte daher die Méninville zurückhaltend.

„Wahl hin, Wahl her; sie war in den Fünfzigen, da hieß es zugreifen, wenn sie noch einmal vor den Altar wollte,“ sagte die Pfalzgräfin und lachte; sie war jetzt ganz munter geworden. „Der von Salm aber kroch bei ihr unter, ein ausgedienter alter Klepper von so und so vielen Feldzügen, der selber so gut wie nichts sein nannte. Sobald er auf Wildenfels zu Hause war, fing er an und gab seiner Gicht Audienz und saß mit eingewickelten Beinen ... die Dame hat nicht gar viel Freude mehr an ihm gehabt.“ Und Frau Sabine Eleonore lachte noch einmal schadenfroh.

„So hätte das Paar wohl besser gethan, voneinander zu bleiben.“ Frau von Méninville glaubte, diese Bemerkung wagen zu können, fuhr jedoch fort: „Bei jüngeren Jahren dünkt es mich dagegen oft das Richtige und Gott Wohlgefällige, wenn Personen hohen Standes nicht allein bleiben, nachdem der Herr einen ersten Ehebund durch den Tod zu lösen für gut befunden. Doch verzeiht meine Abschweifung, gnädigste Frau! Gehört demnach der Wildenfels von Malmedy zu dem fränkischen Geschlecht?“

„Ah, Sie sprechen von dem Domherrn, dem Vetter Nieverns,“ sagte die Fürstin. „Er ist einer von den Buchheimern, ist weltlicher Kanonikus von St. Alban in Trier, soweit ich mich erinnere. Das sind gesuchte Stellen, diese weltlichen Chorherrenstellen und ich entsinne mich, wie mein seliger Herr erzählte, daß der Buchheimer Wildenfels den Fürsten und Ständen angelegen habe bis zum Ueberdruß, bis er es soweit hatte, daß das Kapitel des Erzstifts pon St. Alban seinen jüngeren Sohn aufnahm.“

„Und wird sich Herr von Nievern bei diesem geistlichen Herrn behagen?“ warf die Méninville nach einer Weile leicht hin.

„Geistlicher Herr! Damit ist’s nicht weit her!“ rief die Fürstin. „Lassen Sie sich sagen, liebe Méninville, daß die weltlichen Chorherren durch ihr Amt nicht allzu sehr gedrückt werden. Sie dürfen sich nicht vermählen, allerdings, sonst aber treiben sie, was ihnen lieb, und oft, was Gott leid ist. Die Adventszeit, wenn mir recht ist, oder die Fastenzeit haben sie am Orte ihres Kanonikats zu residieren und amtieren dann auch etlichemal. Und wenn Kapitel gehalten wird, dann müssen sie zur Stelle sein. Sonst aber verzehren sie ihre reichen Pfründen, wo sie wollen. Der Wildenfels hat ein schönes Burghaus in Malmedy; mein Gemahl hat es mich bemerken lassen, als wir damals zur Hochzeit unseres Vetters nach Dendermonde zogen und in Malmedy rasteten. Und seine Hauptlust ist die Jagd. Wenn Nievern jetzt mit ihm in der Hohen Veen auf den Mooren zur Reiherbeize reitet, so mögen Sie glauben, daß der Wildenfels sich nicht damit abgiebt, ihm vorher die Messe zu lesen.“

Wie redselig sie geworden war! Eine solche Zuhörerin aber auch wie die Méninville! Der ehrfurchtsvollsten Aufmerksamkeit wußte sie immer ein Etwas von Bewunderung beizumischen über [315] die Belehrung, welche ihr zu theil wurde; harmlos verwundert meinte sie jetzt:

„Also auf Ausübung der Jagd war es abgesehen bei dieser Reise des Herrn von Nievern? Wie aber reime ich das mit dem leidenden Zustand seiner Gesundheit, von dem doch, dünkt mich, in seinem Briefe an Eure Hoheit die Rede war?“

Nun fing die kleine Dame Feuer. „Das mögen Sie wohl fragen!“ rief sie bitterböse. „Bringen Sie mich nicht darauf, liebe Méninville; ich fühle gleich, wie mir die Vapeurs wieder den Athem benehmen vor lauter Aufregung!“ Sie fuhr aber doch fort, mit unverminderten Kräften, so daß Frau von Méninville, die schon auf dem Sprunge war nach einem Beruhigungsmittel, verziehen mußte. „Krank könnte man selber werden über solche ingratitude, ein solches Vergessen jeder Rücksicht gegen eine wohlgeneigte Fürstin, welche das Beste mit diesem Kavalier vorhatte. Ja, ich versichere Sie, wäre meine Unpäßlichkeit gestern nicht dazwischen gekommen, ich hätte längst darauf gedacht, dem Herrn von Nievern nun auch auf eine recht empfindliche Weise zu zeigen, daß er unser Wohlwollen bis auf weiteres völlig verscherzt habe!“

Mit der ernstesten und angelegentlichsten Miene hatte Frau von Méninville auch dies angehört. Mochte die Zumuthung immerhin eine starke sein, daß man thun sollte, als sei einem der enge Zusammenhang zwischen der Abreise des Oberjägermeisters und eben jener Unpäßlichkeit unbemerkt geblieben – Frau von Méninville, zur fürstlichen Vertrauten geboren, war dem gewachsen.

„Ich begreife den Unwillen der allergnädigsten Frau,“ sagte sie mit gesetzter Miene. „Die plötzliche Abreise des Herrn von Nievern hat etwas Ueberraschendes und wird dem ganzen Hofe zu reden geben. Nicht als ob letzterer Umstand die gnädigste Fürstin zu berühren brauchte. Gesällt es Euerer Hoheit, so lassen wir diesen Gegenstand des Gespräches fallen, bis Sie sich wieder völlig gekräftigt haben. Hochdero Gesundheit ist zu wichtig, als daß selbst die Angelegenheit einer Person vom Stande des Herrn von Nievern der Rücksicht auf dieselbe vorgezogen werden dürfte.“

Durch ein solch vorsichtiges Manövrieren bewirkte die Méninville, die immer wußte, was sie that, daß Sabine Eleonore sich nun nachgerade völlig gehen ließ. Sie wollte von einem schonenden Fallenlassen des ärgerlichen Themas nichts hören, sondern schimpfte höchstselbst zu augenscheinlicher Erleichterung ihrer Vapeurs auf den Oberjägermeister wie ein Rohrspatz. Zu offenbar aber war dabei für den durchdringenden Scharfblick der Méninville das Behagen des verliebten Weibes an dem fortwährenden Herumspielen des Gespräches um den einen Namen. Mochte derselbe im guten oder im bösen genannt werden, gleichviel, wenn er nur da, nur auf dem Tapet war. Und dieser Stand der Dinge ließ den Schluß zu, daß trotz all ihres Zornes die fürstliche Dame an eine ernstliche Abtrünnigkeit ihres Kavaliers doch noch nicht gedacht hatte. Dies selbstgefällige Behagen der Hoheit nun aber ein weniges zu versalzen, dafür war die fürsorgliche Méninville da. Sie sagte, als es ihr dazu Zeit schien:

„Neben allen übrigen erstaunenden Tugenden meiner Fürstin muß ich auch in diesem Falle wieder hochdero Langmuth und Geduld bewundern. Hoheit gehen in Gnaden ganz über den eigentlichen Anlaß hinweg, dem wir diesen dreisten Streich des durch Euere Huld verwöhnten Kavaliers wohl zuschreiben dürfen. Er selber unterfängt sich doch aber, geringere Geduld zu üben, wenn eine seiner Launen einmal gekränkt wird.“

„Was meinen Sie? Von welchem Anlaß reden Sie?“ fragte die Pfalzgräfin scharf, mit nun endlich erwachendem Argwohn.

Bedächtig erwiderte hierauf Frau von Méninville: „Ich sage meiner gnädigsten Frau doch gewiß nichts Neues, wenn ich die Vermuthung ausspreche, der gerechte Verweis, den Hoheit, hierin als strenge aber wohlmeinende Mutter handelnd, dem allzu stolzen Fräulein von Leyen ertheilt haben, sei von diesem Kavalier nicht gebilligt worden. Hoheit erinnern sich, wie er dem Fräulein gleich darauf merkliche Höflichkeit erwies; er führte sie davon, nicht anders, als wollte er sie öffentlich gegen ihr widerfahrene Unbill in Schutz nehmen. Und nachher trug er eine wenig freundliche Miene zur Schau. Pfalzgräfliche Hoheit, wie es Ihrem erhabenen Stande zukommt, bemerken dergleichen nicht; dero geringe Dienerin aber pflegt, aus ergebener Liebe zu ihrer Gebieterin die Augen offen zu halten.“

Die Pfalzgräfin sprach nicht gleich; sie war vor Wuth und Schrecken jetzt wirklich blaß geworden. Kaum glaublich erschien der Méninville die Verblendung, welche die Fürstin bis jetzt den eigentlichen Grund der plötzlichen Abreise Nieverns nicht hatte erkennen lassen. Aber freilich, die Meinung, welche die kleine Dame von dem Gewichte ihres Standes und ihrer Reize zusammen hatte, konnte man sich auch gar nicht ungeheuerlich genug vorstellen.

„Er soll mir nie wieder unter die Augen kommen. Heute noch lasse ich seine Enthebung von sämtlichen Chargen, die er innehat, ausfertigen.“ Das waren die ersten Worte, die sie nach längerer Pause murmelte. Gegen ihn also wendete sich die erste Zorneshitze. Er und immer wieder er! Die Méninville merkte jetzt erst, daß eine Art Empfindung für den anziehenden Mann bei der Pfalzgräfin doch so tiefe Wurzeln geschlagen hatte, wie es in dem flachen Boden dieses Charakters überhaupt möglich war. Nun, um so besser! Da war also nicht zu fürchten, daß man den losen Vogel nicht mit der Zeit wieder hierher gewöhnen würde. Seine Abwesenheit jetzt aber kam wie gerufen; Frau von Méninville gedachte sie zu nutzen. Sie ließ die Dame ihren ganzen Zorn gegen Herrn von Nievern ausschütten und bereitete ihr mit Geschick das Vergnügen, auf diese Weise fortwährend von ihm reden zu können. Mit seiner Entlassung jedoch wurde es an jenem Tage nichts und an den folgenden war nicht mehr die Rede davon.

So verging eine ganze Reihe von Tagen. Mit jedem derselben fast wurde Frau von Méninville ihrer Gebieterin unentbehrlicher; war doch die vortreffliche Witwe die einzige, bei der die Pfalzgräfin eines hingebenden und zugleich diskreten Antheils gewiß sein konnte an demjenigen, worauf ihr verwöhnter Wille sich mit eigensinniger Heftigkeit geworfen hatte. Leicht war übrigens der Posten der Méninville nicht. Er wurde es je länger je weniger, denn täglich entbehrte man den angenehmen Gesellschafter schwerer, den man verloren hatte und auf wer weiß wie lange missen sollte. Langeweile und Verstimmung nahmen bei der kleinen Hoheit überhand. Und hatte es Frau von Méninville auch in ihrer unermüdlichen Fürsorge an einer weitern zweckmäßigen Ablenkung der bösen Launen ihrer Dame nicht fehlen lassen, indem sie ihr einen weit bessern Gegenstand als den treulosen und doch ersehnten Oberjägermeister unterschob, das Fräulein von Leyen nämlich, so begann doch auch dieser nachgerade an Ergiebigkeit einzubüßen. Alles Gehässige, was man innerhalb einer noch leidlich gemessenen Form nur irgend sagen konnte, war über Fräulein Polyxene gesagt und zur Genüge wiederholt worden. Daß sie entschieden bei der Fürstin in Ungnade sei, war jetzt am Hofe allgemein bekannt, wenn auch niemand recht wußte, weshalb.

So standen die Sachen, bis, vierzehn Tage etwa nach der Abreise des Oberjägermeisters, in der Stadt und alsbald auch am Hofe die seltsame Kunde von dem Verschwinden des jungen Ludwig von Leyen sich zu verbreiten begann. Nun gab es von neuem etwas zu reden. Die Pfalzgräfin ließ jetzt sogar nach und nach die Damen ihres Hofstaates wieder zu, welche diese vierzehn Tage her ihr Angesicht kaum gesehen hatten. Denn jetzt wußte eine jede von ihnen noch diesen oder jenen Umstand dem verwunderlichen und traurigen Ereigniß erzählend beizufügen, oder, als dann darüber auch die Zeit verging, da war es schon etwas, wenn man an jedem Tage einmal beiläufig fragen konnte: „Nun, hat man etwas über den Junker von Leyen in Erfahrung gebracht?“ und darauf, unter immer bedenklicherem Kopfschütteln der Gefragten, die Antwort erhielt: „Nichts, soviel ich weiß. Er ist und bleibt verschwunden, Hoheit.“

Wer sich an den weitläufigen Erörterungen über den seltenen Vorfall wenig oder gar nicht betheiligte, das war Frau von Méninville. Sie hörte mit der Miene gebührenden christlichen Antheils zu, nickte theilnehmend, zuckte bedauernd die Achseln, doch eine selbständige Meinung über die Sache äußerte sie nicht.

Es kam aber ein Tag, wo auch sie eine solche hören ließ. Und das war der Tag, an welchem die Obersthofmeisterin von Kallenfels, nicht ohne Wohlwollen gegen die so seltsam betroffene Familie und zugleich mit einer gewissen Genugthuung, sich des Auftrags entledigte, der ihr von dem Vormunde des Junkers Lutz an die Frau Pfalzgräfin geworden war.


Textdaten
zum vorherigen Teil
>>>
zum nächsten Teil
aus: Die Gartenlaube 1893, Heft 20, S. 325–330
[325]
10.

Frau Sabine Eleonore saß, wie schon berichtet, an jenem Tage, an dem der Oberst von Gouda mit Polyxene bei Hofe erschienen war, noch in ihrem bauschenden Morgengewande mit der Méninville zusammen und sah der Obersthofmeisterin diesmal mit einer gewissen Neugier entgegen. Daß sie den alten Herrn und sein Mündel nicht zur Audienz zugelassen hatte, das war eine launische Unart gewesen, deren Spitze sich gegen Polyxene richtete. Gleich bei der Nennung dieses Namens war der boshafte Groll wieder aufgewacht und hatte sie die Zusammenkunft heftig ablehnen lassen. Nun aber war sie doch begierig auf die soeben aus der Quelle geschöpften Nachrichten der Obersthofmeisterin. Zuerst entledigte sich diese Dame mit Gewissenhaftigkeit dessen, was sie als eine Art Auftrag des Obersten von Gouda betrachtete: der vorläufigen mündlichen Bitte um Unterstützung weiterer Nachforschungen nach dem Junker von seiten der pfalzgräflichen Kanzlei. Diese sagte Sabine Eleonore ohne weiteres zu. Frau von Kallenfels hatte aber noch mehr zu erzählen. Und die Pfalzgräfin fuhr förmlich in die Höhe und vergaß ihrer hochfürstlichen Steifheit, als die Reihe an Polyxenens Befürchtung von wegen des Mühlgrabens kam und an den Fund, den man dort dicht neben dem tiefen Wasser gethan hatte. Das war etwas Neues; hiervon hatte das Stadt- und Hofgeschwätz bisher noch nichts vermeldet.

„Ertrunken im eignen Garten!“ rief sie voll Eifer. Und dann fiel ihr ein: „Potz Tausend – das wäre doch schade um den hübschen Jungen!“

Der Oberst von Gouda wolle davon auch nichts hören, berichtete die Obersthofmeisterin weiter; er glaube nicht daran. Das Fräulein schon eher. Sie sei weit niedergeschlagener als ihr Herr Oheim und scheine geringere Hoffnung zu hegen auf eine glückliche Lösung dieses Räthsels.

„Wie? Sagten Sie etwas, liebe Méninville?“ fragte die Fürstin hier.

„Ich? Nein, ich sagte nichts, Hoheit,“ erwiderte Frau von Méninville und machte ein Gesicht, als gedenke sie überhaupt nie wieder zu reden in ihrem Leben. Daß sie aber gut zuhörte, war trotzdem anzunehmen.

Die Pfalzgräfin hatte sich indessen mit der Sache beschäftigt. So weit sie überhaupt für den Nächsten zu empfinden vermochte, empfand sie vielleicht in diesem Falle, bei dem Untergang einer frisch erblühenden männlichen Jugend. „Wenn der Junker im Mühlwasser verunglückt wäre, müßte man ihn doch aber gefunden haben,“ sagte sie zuletzt, nach einigem Nachdenken.

Frau von Kallenfels wußte hierauf nichts zu erwidern. Und da war es Frau von Méninville, die ihr bisheriges Schweigen brach mit den Worten: „Im Falle der Mühlgraben etwa einen unterirdischen Abfluß hat, könnte die Leiche dahin gespült worden sein und käme schwerlich wieder ans Tageslicht.“

„Da höre einer unsere kluge Méninville!“ rief die Fürstin bewundernd. „Wer wäre wohl auf so etwas gekommen wie Sie.“

Die ausdrückliche Anerkennung ihres Scharfsinnes schien der frommen Witwe nicht ganz zu behagen; wahrscheinlich litt ihre Bescheidenheit darunter. „Pfalzgräfliche Gnaden haben von meinem geringen Verstand stets eine zu hohe Meinung,“ wehrte sie ab. „Erinnern sich Eure Gnaden nicht, wie umständlich uns das Fräulein von Leyen einstmals eben diesen Mühlgraben beschrieb? Derselbe [326] habe, so sagte sie, für sie von jeher eine besondere Anziehungskraft gehabt.“

„So, sagte sie das? Nun hat das Gewässer aber nicht sie, sondern ihren armen Vetter angezogen, wie es scheinst,“ bemerkte dazu die Pfalzgräfin, sich sogar zu einer Art Wortspiel versteigend. Ihre Lebensgeister waren eben ungewöhnlich angeregt durch dieses ganz neue Licht, das auf den Vorfall schien. „Und hat die Polyxene denn da auch schon von dem geheimen Abfluß des Grabens gesprochen?“

„Geheim“ nun schon anstatt „unterirdisch“! Die Pfalzgräfin hatte das eine Wort absichtslos mit dem andern vertauscht; aber als sie sich nun hörte, fand sie, daß das unheimlichere so klinge, als sei es hier sehr am Platze, und gebrauchte es von da an ausschließlich.

„Wenn mir recht ist, ja,“ entgegnete Frau von Méninville auf die letzte Frage der Fürstin. „Wie käme ich sonst darauf?“

Die Pfalzgräfin aber hatte eine eigene Art, von einer Sache nicht loskommen zu können, und zwar meist von Nebenumständen derselben. „Haben Sie die Leyen von dem geheimen Wasserabfluß sprechen hören?“ fragte sie die Obersthofmeisterin. Das verneinte diese Dame entschieden, obwohl sie an dem Tage und in dem Zirkel, an welchen Frau von Méninville jetzt die Erinnerung aufgefrischt hatte, auch zugegen gewesen war. Ihr Gedächtniß war indessen wohl schwerlich so gut wie das der Méninville.

„Zum Grausen wäre es aber doch, wenn er so nahe am Hause zu Grunde gegangen wäre und nun unbegrabeu dort irgendwo läge,“ beharrte die Fürstin. „Da möchte ich an des Fräuleins Stelle nicht länger auf der Herrenmühle sitzen; ich würde immer denken, er erschiene mir einmal.“

„Behüt’ uns Gott, Hoheit,“ sagte hier die Kallenfels, nicht viel anders, als die Weiber auf der Gasse vor dem Bäckerhause bei ähnlichem Anlasse auch gerufen hatten.

„Mich deucht, das Fräulein sei von starkem Gemüth; eine solche Furcht wird sie wohl nicht beschweren,“ meinte Frau von Méninville.

Die beiden Damen wurden nunmehr entlassen, da die Fürstin sich kräftig genug fühlte, einmal wieder Toilette zu machen. Sie hatte auch der Obersthofmeisterin den Entschluß kundgegeben, heute noch mehrere Personen zu empfangen; ihr Befinden schien innerhalb der letzten Stunden eine Wendung zum Bessern erfahren zu haben. –

Nicht eigentlich in die Klasse der Audienzsuchenden gehörte eine Person, die kraft ihres Amtes sozusagen zu jeder Zeit freien Zutritt zur fürstlichen Gegenwart hatte, der Beichtvater der Hoheit nämlich, der Pater Gollermann, Vorsichtig aber und taktvoll, wie es einem Mitgliede der Gesellschaft Jesu ziemte, hatte der geistliche Herr von seinem Vorrecht immer nur einen maßvollen Gebrauch gemacht. Und in ähnlicher Weise pflegte er auch mit dem Gewissen seines fürstlichen Beichtkindes sehr glimpflich umzugehen. Und doch oder vielleicht gerade deshalb war der Einfluß des klugen Herrn nicht gering am Hofe. Er kam heute, um sich zunächst nach dem körperlichen Befinden der Fürstin zu erkundigen, welches, wie er voll Antheil bemerkte, ja leider nicht zum besten gewesen sein solle in der letzten Zeit. Eine kleine Reise ins Lothringische, in Sachen des Ordens, hätte ihn für eine kurze Frist fern gehalten, sonst wäre er längst erschienen.

Mit dem Jesuitenpater zugleich war auch Frau von Méninville wieder zur Fürstin beschieden worden. Sie störte hier nicht, im Gegentheil, sie gehörte gewissermaßen mit in ein solches kleines geistliches Kollegium und war ja auch als die Schutzbefohlene des Paters ins birkenfeldische Land gekommen. Ja so sehr am Platze schien sie alsdann in dieser geistlichen Gesellschaft, daß sie da unmerklich einen andern Ton annahm. Hier in Gegenwart des geistlichen Herrn pflegte sie immer noch mit schicklicher Zurückhaltung, aber doch mit weit größerer Sicherheit zu reden als sonst. Und es muß gesagt sein, daß Pater Gollermann ihren Meinungen stets Aufmerksamkeit, ja sogar, soweit sich dies mit der schuldigen Ehrfurcht vor hochfürstlicher Gegenwart vertrug, eine merkliche Achtung zollte,

Es konnte nicht fehlen, daß jetzt mit dem gewandten und umgänglichen Mann, der gar nicht immer nur den Geistlichen herauskehrte, die Rede sehr bald auf das Tagesgespräch von Hof und Stadt kam, auf das Verschwinden des Junkers von Leyen. Pater Gollermann, dem doch schon einige Kunde von dem Ereigniß zugegangen sein mußte, machte von dieser keinen Gebrauch, sondern ließ sich von den beiden Damen alles, was zu ihrer Kenntniß gekommen war, berichten, hierin vielleicht einer Ordensgewohnheit folgend. Er saß in ehrfurchtsvoller Haltung, etwas vorgeneigt, und strich zuweilen mit der langen Hand um das Kinn, diesen sehr ausgeprägten Theil des angenehm magern bartlosen Gesichts. So hörte er zu, während die kleine Pfalzgräfin bunt durcheinander alles vorbrachte, was über die Sache geschwatzt wurde und was sie selber dachte. Wie schade es um den schönen Jungen sei; und daß der von Gouda der richtige Vormund wohl auch nicht gewesen sein möge, Stubenhocker und halber Alchimist, der er sei; und wie ihr die Herrenmühle von jeher als ein ganz verlassener, erbärmlicher Aufenthalt für Leute von einigem Stande erschienen; und manche sprächen auch von Werbern oder holländischen Preßgängern; das glaube sie aber nimmermehr, daß die Generalstaaten in pfalzgräflich birkenfeldischen Landen eine solche Gewaltthätigkeit wagen würden, da man doch freundnachbarlich stehe; und dann handle es sich gar um einen von Adel – und was dergleichen mehr war.

Pater Gollermann wiegte dabei den Kopf hin und her oder nickte, je nachdem. Als aber das Gesicker des fürstlichen Redebächleins einmal stockte, da wendete er sich, nach nochmaligem respektvollen Neigen des Hauptes vor der pfalzgräflichen Weisheit, zu Frau von Méninville, ganz entschieden, wie ein Mann, der weiß, daß er etwas zu erwarten hat. Er thut dies schweigend, aber, wie gesagt, ausdrucksvoll. Und nun erst gestattete sich die vortreffliche Frau dasjenige, was sie bisher so gewissenhaft vermieden hatte: sie äußerte auch ihrerseits eine Meinung über den sonderbaren Vorfall. „Sollte nicht,“ bemerkte sie zuerst, „eine wahrhafte gründliche Untersuchung dieses Falles nunmehr bald am Platze sein?“ Worauf aber die Pfalzgräfin sogleich ausrief: „Wie Sie reden, liebe Méninville! Das ist Sache des Vormundes, und was schiert es uns weiter, wie er es betreibt! Ich wünsch’ ihm alles Glück. Nicht daß ich glaube, der alte superkluge Umstandskrämer werde viel herausbringen.“

Frau von Méninville fuhr fort, halb zu dem geistlichen Herrn gewendet: „Das ist die edle Arglosigkeit in der Natur unserer gnädigsten Fürstin, welche alles nach der Güte und Unschuld ihres eigenen Herzens beurtheilt und deshalb nicht bedenkt, wie weit die Verderbtheit der menschlichen Natur zu reichen vermag.“ Und noch einmal unterbrach Frau Sabine Eleonore diese Rede etwas ungeduldig: „Mir wäre lieb, Sie kämen nunmehr zur Sache. Das klingt ja, als hätte man dem Junker absichtlich ans Leben gewollt, nach Ihrer Meinung. Wer sollte ihm denn ein Leid angethan haben?“

Größer war vielleicht die innere Verachtung der Méninville für den Mangel an Witz bei ihrer lieben Pfalzgräfin nie gewesen als in diesem Augenblick. Noch immer an dasjenige nicht zu denken, worauf doch schon ihre Malice allein sie sollte geführt haben! So war also sogar die Bosheit kraftlos bei ihr und schärfte ihren stumpfen Verstand nicht! „Ich fürchte,“ sagte sie aber mit um so mehr äußerer Sanftmuth, „ich fürchte, ich komme immer noch viel zu früh zur Sache, zu demjenigen nämlich, was vielleicht dem landesmütterlichen Herzen Eurer Hoheit eine schmerzliche Wunde schlagen wird. Ich habe bis jetzt geschwiegen und schwiege am liebsten ganz. Aber mich zwingt der Eifer eines wahrheit- und rechtliebenden Gemüthes zum Reden. Und die Gegenwart des hochwürdigen Herrn, dem ich nach Eurer Hoheit in schuldiger Demuth meine Gedanken vorlege, sei Bürgschaft dafür, daß ich nicht leichthin spreche, sondern nach Ueberwindung vieler banger Zweifel.“

„Nun, so lassen Sie endlich hören!“ sagte die Pfalzgräfin und glättete ungeduldig an den Falbeln ihres Kleides herum.

„In aller Bescheidenheit,“ begann Frau von Méninville darauf, „wollte ich nur auf einen Weg hingewiesen haben, der vielleicht dahin führte, einiges Licht in das Dunkel dieser Angelegenheit zu bringen. Wenn ich von einer Begebenheit höre, welche den Menschen unbegreiflich scheint, so pflege ich mich zu fragen: wem nützt dieser Vorfall? Wer hat den Vortheil davon? Und die Beantwortung führt dann gemeiniglich auf die Spur einer richtigen Erklärung.“

Pater Gollermann schob die Unterlippe über die obere und nickte beistimmend. Frau Sabine Eleonore begriff, was ihr übrigens zur Ehre gereichte, offenbar noch immer nicht, Frau von Méninville mußte deutlicher werden. Man konnte ihr ansehen, wie schmerzlich es ihr war.

„Wer hat den Vortheil davon?“ wiederholte sie. „Wer hat ihn in diesem Falle, Hoheit? Auf wen gehen nach dem unbezweifelten Ableben des Junkers seine Besitzungen über? Auf eine Person, welche ohne dieselben, wie man weiß, in Dürftigkeit ihr Leben hätte verbringen müssen. Und diese Person ist –“

„Polyxene von Leyen,“ sagte die Fürstin und verfärbte sich. Und mit leiserer Stimme, mit aufrichtigem Entsetzen, fügte sie hinzu: [327] „Sie wollen doch nicht sagen, Frau von Méninville, die Polyxene hätte ihren Vetter gar hinterrücks und böslich in das tiefe Wasser gestoßen! Das wäre ja himmelschreiend!“

„Gott verhüte, daß wir vorschnell richten, meine gnädigste Frau,“ rief die Méninville und wendete die blassen Augen gen Himmel. „Eine Untersuchung wird Licht in die Sache bringen und hoffentlich die Unschnld des Fräuleins vor aller Augen an den Tag stellen. Ihr selber muß eine solche erwünscht sein, um verleumderische Zungen, die sich regen könnten, zum Schweigen zu bringen.“

„Die Ansicht der trefflichen Dame scheint auch mir die richtige,“ bemerkte der Jesuit hier mit milder Stimme.

Eine Untersuchung! Eine Sache, welche die Gerichte in die Hand nahmen! Man mußte die Gerichtsbarkeit von damals kennen, wie sie ihr, der Fürstin, immerhin bekannt war, das Fürchterliche ihrer Umständlichkeit und Schwerfälligkeit zunächst und die schon daraus entspringenden Quälereien für jeden, welcher ihr, ob schuldig oder unschuldig, in die Hände fiel! Wenn Sabine Eleonore sich dies Edelfräulein dachte, wie sie auch nur in dem finstern Amtsgebäude sich einzufinden haben würde, unter allerhand Gesindel, mit dem die Justiz ja stets zu thun hat, wie sie vor den Herren mit den großen Perücken stehen und Fragen beantworten müßte, nicht anders denn eines vom geringen Volk – dann erschien ihr diese Herabwürdigung schon so groß, daß bei all ihrem übeln Willen gegen Polyxene beinahe etwas wie Mitleid mit dieser Unseligen sie befiel. Und dann der Schimpf, den jemand vom Adel damit erfuhr! Sabine Eleonore fühlte für diesen. Es war ihr angeboren und anerzogen, den Adel ihres Landes als etwas, was in althergebrachter enger Beziehung zu seinem Fürstenhause stand, zu betrachten. Die vom Adel waren die geborenen ersten Hofdiener und höchsten Beamten des Landes. Von dem Fürstensitze herab war ihnen seit Menschenaltern, nach französischem Muster, ihre Ehre hauptsächlich zugeflossen. So aber war diese ihre Ehre zugleich auch die des Hofes, ja der Fürsten selber. Dieser Empfindung gab die Pfalzgräfin jetzt Ausdruck. „Sie vergessen den Stand des Fräuleins, liebe Méninville,“ sagte sie, ein wenig verweisend sogar. „Diesem Stande sind wir eine Rücksicht schuldig, welche ihre Person an sich allerdings nicht fordern würde. Ein Skandalum für Stadt und Land hervorzurufen, muß uns fern liegen. Diese Materie will genau überlegt sein. Der hochwürdige Herr hier versagt uns seinen Rath hierin gewiß nicht.“

Das war eine Art Znrückweisung für Frau von Méninville und vielleicht ein Beweis dafür, daß diese trotz aller Vorsicht immer noch zu rasch zu Werke gegangen war. Aber die Fürstin nahm doch nur Anstoß an der Folge, welche die liebe Méninville ihrer furchtbaren Verdächtigung des Fräuleins hatte allsogleich geben wollen. Hatte sie die Verdächtigung selber mit dem Abscheu völligen Unglaubens zurückgewiesen? Durchaus nicht. Und damit war etwas, nein, damit war schon viel gewonnen.

Pater Gollermann hatte zwar eben noch den Gedanken einer Untersuchung – einer gerichtlichen doch wohl – des Falles gutgeheißen. Jetzt aber meinte auch er: „Pfalzgräfliche Gnaden weisen uns mit der Umsicht Ihres erhabenen Standes den richtigen Weg. Es muß alles Aufsehen vermieden werden, und man sollte daher vielleicht zunächst privatim in den Fall inquirieren. Es ließe sich dies“ – er strich sich hier wieder das Kinn, und wer ihn kannte, wußte, daß dann allemal etwas kam, was nicht ganz so unvorbedacht war, wie es den Anschein hatte – „es ließe sich dies vielleicht sogar mit einem Auftrag vereinigen, der mir vom hochwürdigen geistlichen Kolleg in Trier geworden ist und zu dessen Ausführung ich die Erlaubniß Pfalzgräflicher Hoheit heute zu erwirken hoffte.“

„Rede der hochwürdige Herr, ich bitte!“ sagte die Fürstin. Und nun theilte Pater Gollermann mit, wie dem geistlichen Oberhirten auch dieses Landes, dem Bischof von Trier zu Ohren gekommen sei, daß eine gefährliche Pest der Seelen, ein gewisser Irrglaube, den man nach seinem ersten Verbreiter Jansenismus nenne, von Holland her seine Ansteckung unter die Menschen trage und auch verschiedene Personen in birkenfeldischen Landen, sowohl bürgerlichen wie vornehmen Standes, ergriffen haben solle. Dem weiteren Umsichgreifen dieses Unheiles nun aber kräftig entgegenzutreten, werde die birkenfeldische Geistlichkeit durch ihren Bischof aufs ernstlichste ermahnt. An ihn, den Pater Gollermann, sei das bischöfliche Schreiben ergangen zur weitern Mittheilung an die Pfarrherren.

Er hielt inne und die kleine Hoheit entgegnete mit Würde: „Wir ertheilen Euch, hochwürdiger Herr, hierzu die Erlaubniß. In Gewissensfragen verlassen wir uns völlig auf Euch, dem wir auch die Sorge um unser Seelenheil anvertraut haben.“ Und dann in etwas anderm Tone: „War es nicht diese Ketzerei, die dem hochseligen König in Frankreich seine letzten Lebensjahre verbittert hat, indem er vergeblich versuchte, derselben in seinen Landen Herr zu werden?“

„Nicht so ganz vergeblich, gnädigste Frau,“ sagte der Jesuit, sich auf seinem Sitze verbeugend. „Und daran darf sich ohne Ueberhebung unser Orden einiges Verdienst zuschreiben. Es ist Eurer Hoheit ohne Zweifel bekannt, daß die Bulle ‚Unigenitus‘, welche Seine Heiligkeit in Rom, Clemens XI., vor nicht langer Zeit ausgehen ließ, sich gegen eben jene gefährlichen Neuerungen und verderblichen Irrthümer in der Kirche richtet. Der Vater Le Tellier von der Gesellschaft Jesu, der Beichtvater des Königs Ludwig, ist es hauptsächlich gewesen, durch dessen Eifer das Oberhaupt der Christenheit zum Ergreifen jener so höchst nothwendigen Maßregel man darf wohl sagen gedrängt wurde. Es bleibt mir aber noch eine Mittheilung, eben im Zusammenhange mit jenem Auftrag, dessen ich gewürdigt worden bin – eine Mittheilung, welche dem landesmütterlichen Herzen Eurer Pfalzgräflichen Gnaden nicht anders denn schmerzlich sein kann. Und um so mehr, als damit ein schon schmerzender Punkt in diesem Herzen getroffen werden wird.“

Die Pfalzgräfin sah den geistlichen Herrn unbehaglich und daher schon etwas abgünstig an. Ein schmerzender Punkt in ihrem Herzen! Das war ein bedenklicher Ausdruck; sie dachte alsbald an den Herrn von Nievern und setzte ihre hochmüthigste Miene auf. Doch sogleich ging eine Veränderung mit ihr vor, du er nunmehr anhub: „Es handelt sich da auch, wie ich fast fürchteu muß, um das Fräulein von Leyen. Sie gerade ist eine von den Personen, wenn mich nicht alle Anzeichen trügen, deren strenge Ueberwachung aus heilsamer Fürsorge für ihre Seele uns zur Pflicht gemacht wird. Sie ist mehr als nur verdächtig, auf Irrwege gerathen zu sein und der höchst verderblichen Praxis der sogenannten Quietisten sich zuzuneigen, welche von dem geistlichen Hochmuth eines Jansenius als vornehmlich angesteckt zu betrachten sein dürften.“

„Die Polyxene? Hei, wer hätte das gedacht!“ ließ sich die Pfalzgräfin in äußerster Ueberraschung entfahren. „Und ich vermeinte, sie hätte weit andere Dinge im Kopf als Sektiererei und die Religion überhaupt! Irrt sich der hochwürdige Herr auch da nicht in der Person?“

Während der Pater zu der letzten Frage in wohlmeinendem Bedauern den Kopf schüttelte, entgegnete Frau von Méninville: „Das eine braucht das andere nicht auszuschließen. Trauen Pfalzgräfliche Gnaden diesem Fräulein nicht zu, daß sie auch da hoch hinaus strebt, wo es sich um Dinge der allerheiligsten Kirche handelt, daß sie ihren klugen Verstand nur ungern in geistlichen Dingen gefangen nimmt, wie uns Laien doch ziemt, die wir, uns selber überlassen, nur irren und uns deshalb am besten unsern von Gott geordneten Hirten und ihrer Führung blindlings übergeben? – Mich deucht aber, das ist des Fräuleins Sache nicht.“

So mundgerecht gemacht, kam der Fürstin die Beschuldigung Polyxenes schon nicht mehr so unglaubwürdig vor. „Da mögt Ihr recht haben,“ sagte sie. „Der Hochmuth auf ihr bißchen Verstand oder was sonst und die Naseweisheit, die könnten ihr schon den Streich gespielt haben. Wenn nicht,“ fügte sie nach kurzer Pause mit Lebhaftigkeit hinzu, „die Schwärmerei schon in der Familie liegt. Die Mutter des Fräuleins ist eine wunderliche Frau gewesen, wie ich habe erzählen hören, von einer schier übermäßigen Frömmigkeit. Doch ist sie noch im rechten Glauben verstorben, in ziemlich jungen Jahren. Wenigstens habe ich es nicht anders vernommen.“

„Es steht zu hoffen, daß dem so war,“ sagte Pater Gollermann vorsichtig.

Sabine Eleonore heischte nun von dem geistlichen Herrn einige nähere Auskunft über dasjenige, was gegen Polyxene vorliegen sollte. Und zwar that sie dies in einem Tone, der ihm andeuten mochte, daß sie ein allzu selbständiges Vorgehen der Geistlichkeit in ihrem Lande nicht ganz günstig vermerken würde. Sie war eifersüchtig auf ihre Macht, die kleine Dame, und wer sie nach seinem Willen zu lenken gedachte, der durfte sie dies [328] wenigstens nicht merken lassen. „Weiß Gott, diese Herren haben ihre Nasen überall!“ soll sie sogar in diesen Tagen einmal gesagt haben, freilich nicht zur Méninville, die für ein solches Sichgehenlassen nicht die richtige Person gewesen wäre. Und jetzt, während der Jesuit sprach und sich von den Besuchen Polyxenens unter dem verrufenen Dache einer Exkommunizierten genau genug unterrichtet zeigte, da paßte die Pfalzgräfin ein wenig mißtrauisch nach Frau von Méninville hin, ob diese das, was ihr selber noch Neuigkeiten waren, etwa schon wisse. Der frommen Witwe aber war, was sie nicht merken lassen wollte, auch nicht anzusehen: sie saß mit niedergeschlagenen Augen und ihrer bescheidensten Miene da. Hatte sie mit dem geistlichen Herrn über das, was jetzt hier verhandelt wurde, schon Rücksprache genommen, oder nicht? Die Pfalzgräfin kam für heute nicht dahinter.

Am Schlusse seines Berichtes nun wagte Pater Gollermann, immer in schuldiger Ehrerbietung gegen die Fürstin, einen entschiedenen Vorschlag. „Um über den Glauben und den ganzen inneren Zustand dieses Fräuleins mir ein Urtheil bilden zu können“ – so sagte er – „wird es nöthig sein, daß ich häufig Gelegenheit zur Zwiesprache mit ihr, das will heißen: jederzeit freien Zutritt zu ihr habe. Ob sie mir denselben aber bei sich im Hause, so oft ich es für gut finde, gewähren würde, darf bezweifelt werden. Es ist sogar, bei ihrer uns nicht unbekannten eigenwilligen Gemüthsart, zu befahren, daß sie sich uns absichtlich entziehen und sehr selten zu Hause anzutreffen sein würde. Daher es mir geboten scheint – immer die Billigung der Maßregel von seiten Pfalzgräflicher Gnaden vorausgesetzt – uns der Person der jungen Dame zu versichern. Es kann dies in wenig auffälliger Weise geschehen. Gestatten Hoheit nur, daß das Fräulein auf eine Zeitlang zu den Ursulinerinnen am Brückenthor gebracht werde. Bei diesen frommen Frauen, deren Glauben und Gehorsam immer unsträflich waren, werden wir ein geziemendes Gelaß für sie finden und ich kann sie dort befragen und prüfen. Ganz unbemerkt von Hof und Stadt bliebe allerdings auch ein solcher Vorgang nicht. Aber wie leicht ist einem jeglichen Gerede darüber begegnet mit der Erklärung, das Fräulein habe aus Kummer über den Verlust ihres Vetters das Bedürfniß empfunden, sich für eine Weile in stille Zurückgezogenheit und in den Bereich geistlichen Zuspruchs zu begeben.“

Die großen und doch beweglichen Züge des Jesuiten waren sehr wohl eines gewissen Ausdrucks von Wohlwollen fähig, und sie trugen denselben bei den letzten Worten, nicht anders, als ob er selber dem Fräulein von Leyen den aus solcher Zurückgezogenheit zu schöpfenden Trost von Herzen gönne. Uebelwollend im gewöhnlichen Sinne war Pater Gollermann auch nicht. Wie hätte er dies sein sollen, da er nur einen Willen kannte: den seiner Ordensoberen. Wo dieser aber sprach, da war das Wohl oder Wehe eines Einzelnen gering anzuschlagen, also daß das Verfahren des trefflichen Herrn wie seiner Genossen der Härte, ja der Grausamkeit zum Verwechseln ähnlich sehen konnte. Aber das war nur Schein. Grausam waren er und viele seinesgleichen so wenig, wie man den Mühlstein grausam nennen wird, welchen fremde Kraft in Bewegung setzt zu seinem zermalmenden Geschäfte. Hart – nun ja, hart muß ein Mühlstein allerdings sein, weil er sonst nicht mahlen konnte, Aber er ist es, wie man weiß, doch auch nur bis zu einem gewissen nothwendigen Grade. Anders Frau von Méninville. Sie arbeitete, wenn man so sagen darf, auf eigene Rechnung und wußte am besten, wem zugute kam, was sie erstrebte. Sie sagte jetzt mit leicht verzogenen Lippen: „Der hochwürdige Herr hat recht. Bei der großen Liebe, welche das Fräulein zu ihrem Vetter getragen haben soll, wird es nicht allzu sehr Wunder nehmen, wenn sie eine Weile ihr Angesicht vor der Welt zu verbergen Lust hat.“

Die Pfalzgräfin war nicht auf das scharfe Beobachten anderer gestellt; jetzt aber hatte sie einmal halb zufällig die Méninville angesehen, und da mußte sogar ihr der Zug von bitterem Hohn in diesem sonst so beherrschten Gesicht auffallen. Sie sagte aber nichts; der Jesuit mochte fortfahren, und er that es mit den Worten: „Es hat die Maßregel, welche ich vorschlagen zu sollen glaubte, auch noch den Vortheil, daß jene andere so räthselhafte und beklagenswerthe Angelegenheit, ich meine das Verschwinden des Junkers von Leyen, an Ort und Stelle so weit besser untersucht werden kann, als wenn das Fräulein bei Wege wäre. Es geziemt uns Christen, nicht leichtlich an eine so schwarze Schuld einer anderen Christenseele zu glauben, wie dies Verbrechen an dem Knaben sein würde. Noch aber auch will es uns anstehen, irgend eine Vorsicht zu versäumen, welche die Uebelthat, sollte eine solche geschehen sein, ans Licht zu förderu vermag. Und deshalb muß meines Erachtens diesem Fräulein, sobald sie eine Kenntniß des gegen sie entstandenen Verdachts gewinnt, zugleich die Möglichkeit entzogen sein, etwaige Beweise für eine Schuld, als da wäre: Aussagen der Dienstboten und so weiter, zu verhindern oder gar andere vorhandene Indicia beiseite zu schaffen.“

Frau von Méninville mußte gewahr werden. daß sie sich hier einmal in Frau Sabine Eleonore verrechnet habe. Sie hatte gehofft, der Haß der Dame gegen Polyxene sei schon groß genug, um nun an diesem Verdacht sich noch zu kräftigen, und indem er weiter wuchs, zugleich wieder dem Argwohu zu desto frischerem Gedeihen zu verhelfen. Das war gefehlt. Man sah es der Fürstin an: angenehm war ihr diese Angelegenheit nicht, ganz das Gegentheil! Sie hatte mit trockenem Gesicht dagesessen und sagte jetzt beinahe mürrisch: „Der hochwürdige Herr scheint eines zu vergessen: daß das Fräulein eine Minorenne ist. Wird der Vormund, der Herr Oberst von Gouda, in dieser Sache leicht mit sich handeln lassen? Das ist die Frage.“ Und mit dem Sinn für das Geschäftliche, der ihr zuweilen eigen sein konnte, fügte sie hinzu: „Umgangen werden kann er nicht, das wäre wider alles, was Rechtens ist.“

„Umgangen werden kann er nicht,“ meinte hier auch Pater Gollermann mit bereitwilligster Zustimmung. „Er kann sich aber, soweit ich sehe, einer zwanglosen, sagen wir gesprächsweisen Erörterung gewisser Materien des katholischen Glaubens zwischen mir und dem Fräulein nicht wohl widersetzen. Und je nach dem Ergebniß derselben reichen meine Vollmachten von der geistlichen Behörde alsdann aus, um das weitere zu veranlassen – wobei ich, wie gesagt, einen Aufenthalt des Fräuleins bei den Ursulinerinnen, unter leichter Klausur, zunächst im Auge habe.“ Und dann fügte er mit seiner sanftesten Stimme hinzu: „Die Billigung solchen Vorgehens von seiten Pfalzgräflicher Gnaden ist mir ja vorhin schon zugesichert worden.“

So, war sie das wirklich? Aber doch nur in jener allgemeinen Fassung, die auf Untersuchung des Glaubenszustandes im Lande überhaupt zielte! Von Polyxene war dabei noch keine Rede gewesen. Die Pfalzgräfin gab sich nicht die Mühe, sich dies genau zu vergegenwärtigen – so weit nachdenken und sich besinnen, wäre ihr schon lästig gewesen – aber sie hatte doch den Eindruck, daß der fromme Herr da wieder nach etwas griff, was ihm noch gar nicht gereicht worden war. Sollte sie ihm hier einmal sein Spiel verderben, indem sie, ganz wider Erwarten, Polyxene in Schutz nahm? Launisch und selbstwillig genug war sie für dergleichen.

Frau von Méninville hatte sie beobachtet. War der Jesuit klug, so war die Méninville noch klüger. Ihren Blick auf eine Weile in den des Paters senkend, sagte sie: „Wäre es, wenn mir zu reden vergönnt ist, nicht besser, der hochwürdige Herr verzöge mit dieser seiner Maßregel einstweilen? Das milde Herz unserer Fürstin erleidet eine Kränkung dadurch. Vielleicht, ja hoffentlich, ist auch alles, was an der lauteren Frömmigkeit und Rechtlichkeit des Fräuleins zweifeln lassen könnte, unbegründet. Wie sollte eine junge Person nicht tadelfrei und liebenswerth sein, die sich des ausdrücklichen Beifalls eines so klugen und treulichen Herrn zu erfreuen hat, wie es hochdero Oberjägermeister von Nievern doch sonder Frage ist! Und nahm er sie damals im Walde – Pfalzgräfliche Gnaden wissen, was ich meine – gegen einen verdienten Verweis ausdrücklich und öffentlich in Schutz, indem er ihr vor aller Augen das Geleit gab, um wie viel eher würde ihr sein Ritterdienst, uns allen aber des Herrn Oberjägermeisters Unwille jetzt erstehen, wenn jemand es wagen sollte, an dem Glauben und der Tugend dieser Dame zu zweifeln. Und das Gutbefinden eines so ergebenen Dieners Euerer Hoheit, wie Herr von Nievern es stets war, will auch erwogen sein.“

Der Jesuit erkannte, daß seine Finger hier an eine Saite rührten, auf der zu spielen man von ihm nicht erwarten konnte, und schwieg wohlweislich. Frau Sabine Eleonore aber sagte alsbald, mit emporgerecktem Kinn: „Frau von Méninville irrt. Das Gttbefinden des Herrn von Nievern hat mit dieser Sache nichts zu thun. Dieser Kavalier ist unser Oberjäger- und Forstmeister, aber kein Berather in Angelegenheiten des Glaubens. Gehe denn [329] der hochwürbige Herr in Betreff des Fräuleins so zu Werke, wie er es für gut hält. Gelegentlich wünsche ich von dem Fortgang der Sache unterrichtet zu werden.“ Damit war dem Pater das Ende der Audienz angedeutet, und er nahm nunmehr ziemlich rasch seine Entlassung, ehe etwa die Dame noch einmal anderen Sinnes würde.

Auch Frau von Méninville hätte sich gern zurückgezogen. Es war für jetzt alles erreicht, was irgend zu hoffen gewesen; von einer weiteren Erörterung dieser Angelegenheiten war nichts mehr zu erwarten, im Gegentheil. Nun schien zwar die Pfalzgräfin nach des Paters Abgang nicht mehr zum Reden geneigt über den Gegenstand des eben gepflogenen Gespräches, ebensowenig aber eilte sie damit, Frau von Méninville fortzuschicken. Und sie machte sich dieser Dame die nächste Viertelstunde lang so unangenehm, daß dieselbe für all ihren Vorrath von christlicher Geduld reichliche Verwendung fand.

Es fiel der Pfalzgräfin nämlich plötzlich ein, von dem Fortschritt der weitläufigen Stickerei an der Altardecke sich eine Anschauung verschaffen zu wollen. Und so mußten die schon vollendeten Ecken, welche der Schonung wegen zusammengeschlagen und vernäht waren, losgetrennt und aufgerollt werden, was an sich schon Mühe machte, ganz besonders aber die weit größere der Herstellung des alten Zustandes veranlassen würde. Nun, im Herrendienst lernt Geduld, auch wer sie sonst nicht zu üben versteht, und Geduld und die Kunst des Abwartens war immer eine der Tugenden dieser lieben Seele, der Méninville, gewesen. Aber auch ihr reicher Vorrath an dieser nützlichen Eigenschaft wollte nicht mehr vorhalten, wie sie jetzt auf den Knien im ganzen Zimmer herumrutschen mußte, um bald hier bald da ein Stück des aus dem Fußboden ausgebreiteten steifen und schweren Gewebes der Pfalzgräfin ins richtige Licht zu halten, so lange, bis ihr die Arme sinken wollten, während Frau Sabine Eleonore kritische Bemerkungen machte, wie etwa: „Die Knospe hier, deucht mich, sollte noch mehr hervortreten; die überarbeiten Sie noch einmal, liebe Méninville! Machen Sie sich ein Zeichen daran – ziehen Sie ein rothes Fädchen daneben hinein. Diese? Nein, die andere meinte ich; hier muß das Zeichen hin! So; entfernen Sie aber das andere, damit Sie nicht irre werden ... O je, was haben wir da gemacht! Sehen Sie doch selber, fällt Ihnen nichts auf? Der Faden läuft ja bei der Lilie hier durchweg verkehrt! Nein, das verschimpfiert das ganze Muster; das trennen Sie doch gleich morgen wieder heraus! – Was meinen Sie, ließe nicht hier eine Wiederholung des zackigen Blattes besser als dieses mit dem rnnden Rande? Es sieht plump aus, dünkt mich. Das ändern Sie auch wohl ab!“ Und nun, drei Schritte weiter, eine ähnliche Ausstellung – drei Schritte, welche die fürstliche Dame stattlich und aufrecht dahinsegelte, welche die Méninville aber auf den Knien entlang rutschen mußte, dabei mühsam auf den erhobenen flachen Händen das spreizige Gewebe den fürstlichen Prüfungsblicken entgegenhaltend. Während dies alles vor sich ging, da waren ihre Gefühle gegen die Pfälzerin wie gegen dieses gottgefällige Werk ihrer eigenen Hände so ziemlich die gleichen und nicht gerade die erbaulichsten.

Und wer weiß, ob die Pfalzgräfin ganz so harmlos war, wie sie aussah, bei dieser Feuerprobe, welche sie der christlichen Demuth ihrer lieben Méninville verordnete. Als diese Dame endlich wieder auf ihren Füßen stehen durfte, ziemlich erschöpft, mehr noch von der inneren Wuth als von der Anstrengung – denn außer Athem kam sie nie – da beliebte es der Fürstin sogar noch einmal redselig zu werden über den Fall des Junkers von Leyen. Die etwas vorwurfsvolle Schweigsamkeit der Dulderin Méninville schien sie dabei gar nicht zu merken; sie hieß sie auch nicht sitzen, was sie sonst, wenn sie mit der Vertrauten allein und in gnädiger Laune war, meist that. Sie kam heute auf allerlei, die kleine Dame, die sonst von einer fast imponierenden, leeren, trockenen Schweigsamkeit sein konnte – so auch auf die Jagdlust Polyxenens. „Ein Wunder ist die schier übermäßige Lust am Wald in dem Fräulein nicht,“ meinte sie, „wenn man bedenkt, wer ihr Vater war und ihr Großvater vor diesem. [330] Dem Vater, dem Freiherrn Ernst Josias, war mein seliger Herr nicht abhold. Er sei ein treuherziger Kumpan gewesen, habe ich den Pfalzgrafen sagen hören, und einen Mann, der des Weidwerks aller Art kundig sei wie dieser, den solle man ihm noch zeigen. Er kam ja auch auf der Jagd zu Tode. Das alles muß ihr im Blute stecken. O ja, es ist ein adliger Zeitvertreib, die Pirsch. Mer alles mit Maß! Und wie es die Polyxene getrieben hat, das schien mir, ich bekenne es frei, für ein Frauenzimmer von Stand zu toll.“

In der inneren Verachtung ihrer Herrin versäumte Frau von Méninville jetzt doch etwas von der gewöhnlichen Beherrschung ihrer Mienen. Wenigstens wehrte sie diesmal dem Ausdruck unsäglichen Hohnes nicht, der um ihre Lippen flog, als sie sagte: „Nun, bei den Ursulinerinnen, und wenn auch in leichter Klausur, wird dem Fräulein das Waldlaufen gelegt sein, und auf eine gute Spanne Zeit, sollt’ ich denken.“

Aber trau einer den Großen! Es ist fast, als ob das hohe Postament, auf dem sie doch von vornherein stehen, sie in eine Sphäre rückte, welche selbst ihre Einfalt mit einer gewissen Schärfe durchtränkt. Die Pfalzgräfin drehte sich plötzlich zur Méninville herum und sagte bedächtig: „Wie kommt es eigentlich, daß Ihr dem Fräulein von Leyen so feind seid? Mich dünkt, Ihr haßt sie recht von Herzen … just, als ob sie Euch im Wege wäre. Ist es nicht so?“

Die fromme Witwe hatte Mühe, ihren Schrecken zu verbergen. Das war ja gewesen, als risse einer Decken und Schleier fort von dem innersten Schrein ihres Herzens! Und wer that es! Von dorther hatte sie sich eines solchen Angriffs wahrlich nicht versehen. Sie stammelte eine Entkräftung der Annahme und wurde erst nach und nach wieder sicherer, sogar vorwurfsvoll. „Wie sehr verkennen Hoheit meinen Eifer für dero fürstliche Ehre,“ klagte sie. „Wenn mich zuerst etwas gegen diese junge Person eingenommen hat, so war es ein Gebahren, welches sie bei Hofe zur Schau trug, fast als ob es ihr an der rechten schuldigen Devotion gegen Pfalzgräfliche Gnaden mangele. Doch war das vielleicht das Ungeschick ihrer unerzogenen Jahre, denn ich erfuhr ja durch den Mund hochfürstlicher Gnaden selber, daß besagtes Fräulein jünger sei, als ich gedacht hatte.“ – Es konnte auf alle Fälle nicht schaden, der durchlauchtigen Dreißigerin die gefährliche Jugend Polyxenens immer wieder in Erinnerung zu bringen.

Sabine Eleonore ging nicht weiter auf die erbaulichen Worte ihrer ergebenen Vertrauten ein, meinte vielmehr: „Papperlapapp – Ihr seid der Polyxene eben nicht grün. Aber bei Gott, leid sollte es mir doch thun, wenn man sie als eine Uebelthäterin justifizieren müßte. Und an das Skandalum, wenn so etwas auf jemand vom Adel fällt, wag ich noch gar nicht denken.“ Wobei sie aussah. als ob sie sich für jetzt, um dem bevorstehenden ernsten Geschäft der Toilette volle Sammlung entgegenzubringen, die ganze Sache gründlich aus dem Sinne zu schlagen gedachte. Und Frau von Méninville erhielt nunmehr den Wink ihrer Entlassung.

Die gute Méninville war nachdenklich geworden. Sie hatte durch den kleinen Stoß, den ihr der Pfalzgräfin Worte versetzt hatten, eine heilsame Warnung erhalten. Man begeht selten größere Fehler, als wenn man die Personen, mit denen man zu rechnen hat, unterschätzt. War ihr das etwa mit dieser fürstlichen Puppe geschehen? Steckte außer den stets vorher zu bemessenden Drahtbewegungen, vermittelst welcher jene den Tageskreis durchrollte, doch noch ein selbständiges Leben in ihr? Dann ging dasselbe auch nur von einem Punkte aus, natürlich, und so stimmte die Rechnung doch wieder. Welche Regung macht selbst das stumpfeste Geschöpf scharfsinnig? Die eine, deren Wirken in dieser kleinen Pompfigur Frau von Méninville als boshaft belustigte Zuschauerin von Anfang ihrer Hoflaufbahn an beobachtet hatte! Wenn aber die Pfalzgräfin ungewöhnlich scharfsichtig gemacht wurde durch ihre Laune – vielleicht war es sogar mehr – für den Oberjägermeister von Nievern, so hatte die Méninville alle Ursache, den wachsamen eifersüchtigen Argwohn der Fürstin, den sie schon mit Erfolg gegen die verhaßte Polyxene benutzt hatte, nicht am Ende gar – gegen sich selber zu lenken. Das eine fühlte sie nur zu deutlich: schlug dieser Argwohn – als könne auch sie, die fromme, der Welt ganz abgewendete Méninville, je von dem Oberjägermeister als ein Weib angesehen werden – nur mit einer Faser Wurzel in dem engen eigensinnigen Gemüthe der Pfalzgräfin, dann war ihr Spiel bei derselben für immer völlig verloren.

Sie war aber jetzt gewarnt und gedachte es dazu nicht kommen zu lassen.

Textdaten
zum vorherigen Teil
>>>
zum nächsten Teil
aus: Die Gartenlaube 1893, Heft 21, S. 341–346
[341]
11.

Der Pfarrer des Dörfleins Keula – eben derjenige, welcher ruhig zugeschaut hatte, als seine Dorfjugend das von einem Besuche in der Hütte am Galgenfeld zurückkehrende Fräulein von Leyen mit Steinen bewarf – hatte seiner Instruktion nach jeden solchen Besuch alsbald den Herrn Dekan von Sankt Aloysien, den Pater Zindler, wissen lassen und sich dabei innerlich wieder wahrhaft aufgerichtet. Denn daß er den gotteslästerlichen Unfug überhaupt leiden mußte, wozu ihn doch seine Oberen ausdrücklich angewiesen, das war ein Pfahl in seinem Fleische. Es war dieser Pfarrer ein großer derber Mann, ein Bauernsohn aus der Eifel, mit ingrimmig dunkeln Zügen und zur Duldung wenig geeignet. Er war noch nicht lange hier im Amt, und sein Werk war es nicht, daß die Sieche und Ausgestoßene an dem verrufenen Orte in Ruhe gelassen wurde zum Sterben. Er hätte die Stätte gern von ihr gereinigt, und wenn es mit feuriger Lohe gewesen wäre. Aber, wie gesagt, er erhielt die Weisung, um das exkommunizierte Weib sich nicht zu kümmern, jedoch ein Auge darauf zu haben, wer sie jemals heimsuche. Die dicken Lippen finster übereinander schiebend, fügte er sich darein.

Daß die Kranke durch den alten Strieger, den Waldmann, gefristet wurde, wußten die Dörfler sehr wohl; wenn der Pfarrer aber fragte, erhielt er geringe Auskunft. Die dummschlauen Bauern gaben sich den Anschein, als glaubten sie, daß bei der Erhaltung der hilflosen Gelähmten der Böse selber die Hand im Spiele habe. Und wie viel oder wie wenig dem Herrn Pfarrer hiervon glaublich sein mochte – gewiß ist, daß er die Bekanntschaft des alten Waldwarts niemals machte: dafür sorgte der Strieger schon selber. Es blieb demnach von Besuchern in der verrufenen Hütte nur jene unberathene Jugend, das Fräulein von Leyen. Der Pfarrer von Keula, ohne mehr von ihr zu wissen, als daß sie ein schlankes Geschöpf mit stolzgetragenem Kopfe war – so wie er sie von seinem Posten auf dem erhöhten Kirchhof aus nun öfters gesehen hatte – verfolgte sie dafür in seinem Innern mit fressendem Argwohn und heißer Rachgier.

An einem trüben Herbstnachmittage hatte er den Gang, den er vor der Vesper machte, auch wieder wie jetzt meistens auf der Landstraße ausgedehnt, die von Keula an der Herrenmühle vorbei nach der Stadt führte. An einem Punkte, wo sich der Weg fast jäh in die Niederung hinabsenkte, in welcher die Herrenmühle lag, stand unter windgekrümmten und zerzausten Ebereschen eine steinerne Bank. Bis hierher pflegte der Pfarrherr seinen Schritt zu lenken; von hier aus übersah man einen großen Theil der Landstraße zwischen der Herrenmühle und dem Thorthurme von Birkenfeld, und er hatte in letzter Zeit die Gewohnheit angenommen, ganze Viertelstunden lang diese Strecke spähend mit den [342] Blicken zu bestreichen. Seine Augen waren scharf, und so unterschied er denn auch heute – schon bald nachdem sie das Stadtthor hinter sich hatten – zwei dunkle Gestalten und ihr stetiges Wandern in der Richtung auf die Herrenmühle zu. Er folgte ihnen lebhaft mit den Blicken: es waren zwei Männer seines Standes, wie man nun schon längst unterscheiden konnte. Es war aber, als ob der Pfarrer noch etwas anderes erwartete, und immer und immer wanderte sein Blick wieder nach der dunkeln Höhlung des Thorbogens unter dem Thurme hin, mit einem Ausdruck, als möchte er mit den bloßen gierigen Augen das, was noch kommen sollte, darunter herausholen. Und endlich kam es. Dunkel, schwerfällig, von hier aus kaum kenntlich, von ihm aber doch sofort mit einem Auflodern des Blickes begrüßt. Es war eine geräumige Karosse, gut bespannt mit einem Paar kräftiger, feister Rappen. Auf dem Bocke saßen zwei Männer, der eine von ihnen, der Kutscher, trug eine Art dunkler Livree ohne Abzeichen. Er hatte es offenbar nicht eilig und schien die Rosse eher zurückzuhalten als anzutreiben, weil er die Weisung haben mochte, eine gewisse Entfernung zwischen dem Fuhrwerk und den beiden vorauswandelnden geistlichen Herren nicht zu verringern.

Diese beiden hatten jetzt den Punkt der Landstraße erreicht, wo rechter Hand von ihr über eine breite, mit niedriger Steinbrüstung versehene Ueberbrückung des Mühlgrabens der Fuhrweg zur Herrenmühle abbog: sie üherschritten diese Brücke und hielten auf die schwärzliche Gebäudemasse des Herrensitzes Derer von Leyen zu. Der Pfarrer aber wartete noch immer. Während sein vorwegnehmender Blick jenen beiden auf dem Wege seitab nicht so sehr folgte als daß er ihnen vielmehr gierig vorauseilte, währenddessen also hatte er die Karosse aus den Augen gelassen. Und jetzt suchte er sie vergeblich auf dem offen daliegenden Wege. Wie war das möglich? Nur durch einen Umstand, den er jetzt auch alsobald erkannte. Kurz vor der Brücke standen zu beiden Seiten der Landstraße ein paar Gruppen hoher alter Schwarzpappeln einander gegenüber. Von unten an bebuscht, bildeten sie eine Art Boskett, das gerade hinreichte, das ganze Fuhrwerk dem Blicke auf weitere Entfernung hin zu verbergen. Der Pfarrer ruhte aber nicht, als bis er es trotzdem darunter entdeckt hatte. Pferde und Leute hielten sich da ganz still, das konnte er merken. Und nun hatte er genug gesehen, wandte sich kurz um und stieg wieder gen Keula hinauf, von wo dann alsbald das dünnstimmige Glöckchen zur Vesper läutete.

Die beiden Männer in Ordenstracht, welche der Pfarrer beobachtet hatte, waren der hochwürdige Herr Antonius Zindler von St. Aloysius und der Pater Gollermann, der Beichtvater Ihrer Hoheit der Frau Pfalzgräfin. Nicht gerade eilig, doch auch ohne jedes Zögern und Stocken etwa wie das unabwendbare Schicksal selber, verringerten sie die Entfernung zwischen sich und der Herrenmühle, dabei kurze Wechselreden tauschend, und nun hatten sie das vordere Hofthor erreicht und traten in diesen traulich von alten Gebäuden umgebenen stillen Bezirk ein. Kein Mensch hier wie gewöhnlich. Doch: auf einer Holzbank neben der niedrigen steinernen Bogenthür, die zum Flur des Haupthauses führte, saß die greise Wirthschafterin, so recht in der Nachmittagssonne, die ihren alten Gliedern wohlthun mochte, und reinigte läßlich ein Gemüse über einem irdenen Napf in ihrem Schoße. Ihr Gehör war wohl das schärfste nicht mehr, denn sie nahm die Annäherung der Fremden nicht eher wahr, als bis ein breiter Schatten ihr über die Hände fiel, weil die beiden zwischen sie und die Sonne getreten waren. Da fuhr die alte Crescenz auf, halb entsetzt. Sobald sie aber erkannte, wen sie vor sich hatte, war sie voll Eifer und Ehrerbietung, konnte gar nicht rasch genug ihre Gemüseschüssel los werden und suchte knixend des Herrn Dekans, ihres Seelsorgers, Hand zu küssen. Die hochwürdigen Herren wollten den Herrn Oberst sprechen? Zunächst nicht . . . sie heischten eine kleine Rücksprache mit dem Fräulein, Das Fräulein war wohl vom Hause fort, auf einem ihrer Gänge? – Nein, Fräulein Polyxene sei nicht fortgegangen; sie werde wohl oben in ihrem Gemache sitzen oder sonst wo im Hause herum sein.

Der alten Frau, welche die düstern Stiegen mit der eichenen Balustrade so eilig erklomm, wie sie vermochte, folgten die beiden Geistlichen auf dem Fuße. Sie blieben ihr so dicht auf den Fersen, daß, als die Crescenz das Schlafgemach des Fräuleins aufgeklinkt hatte – nachdem sie erst das Speisezimmer geöffnet und völlig leer befunden – die große Nase des Pater Gollermann alsobald auch in das stille Mädchengelaß hineinragte, worauf der Pater die Frau mit den hochwürdigen Händen selber sanft ein weniges beiseite schob und in dem Gemache Fuß faßte. Das Fräulein war nicht hier; allerdings nicht. Aber dennoch gab Pater Gollermann dem Gefährten ein Zeichen mit den Augen, worauf auch dieser eintrat. Es sei ihnen vielleicht gestattet, hier die Ankunft des gnädigen Fräuleins zu erwarten, ließ sich demnächst der Pater Gollermann vernehmen, der schon jetzt die Führung übernommen hatte und an gewinnenden Formen und zugleich einer gewissen sanften Unausweichlichkeit dem Amtsbruder auch in der That überlegen war.

Was hätte die gute einfältige Alte dagegen haben sollen! Wenn die Herrn hier vorliebnehmen wollten, warum nicht! Sie rückte eifrig ein paar Stühle herbei und ging dann eilig, um ihr Fräulein zu suchen.

Nicht länger saßen die beiden Patres still, als bis der trippelnde Schritt auf dem Gange draußen verklungen war. Dann erhoben sich, wie von einem Geiste getrieben, beide zugleich, um nunmehr das Zimmer näher in Augenschein zu nehmen. Man hätte fast sagen können, daß sie es durchschnüffelten, wenn anders gegenüber der Hochwürdigkeit der beiden dieser Ausdruck gestattet gewesen wäre, Sie hatten offenbar vor, das Zimmer, so lange sie darin ungestört waren, einer eiligen aber gründlichen Durchforschung zu unterziehen. Ach, dasjenige, was für sie schon allein eine Haussuchung gelohnt hätte, das verbarg sich nicht einmal vor ihnen! Die Späher anlockend durch seine verrätherische Außenseite, so lag es da auf dem Tische am Fenster, das kostbar unselige Buch von der „Teutschen Theologie“, das Buch, welches Polyxene gestern erst als nun endlich ihr zufallendes unschätzbares Erbtheil von der dem Tode ganz nahen Exkommunizierten erhalten und, bebend in Wehmuth und Ehrfurcht, nach Hause getragen hatte. Zufällig oder vielleicht gerade deshalb, weil der ungefüge braune Band so offen dalag, waren die Augen der beiden Väter anfangs gehalten gewesen, so daß sie ihn nicht gleich gewahrten. Sie waren eben gewohnt, auf dasjenige zu fahnden, was sich vor ihnen verbarg. Dann aber hatte der Pater Gollermann auf dem Tischlein am Fenster das Buch erblickt und war mit einem langen Schritte darauf hingestoßen. Er nahm es auf, nicht hastig, sondern schon mit langsamem Auskosten der Vermuthung, welche ihn gleich beschlichen hatte. Denn der kleine kurze Band mit den eigensinnig sich spreizenden Blättern sah verheißungsvoll aus. Das war nicht das handliche glatte Meß- oder Gebetbuch, welches gedankenlos und bequem zum Gottesdienst hin und wieder zuruchgetragen wird – dieses Buch gehörte schon durch sein Aeußeres in die Einsamkeit der Gemächer, in welchen die Spintisierer sich absonderten. Und nun, da er den Titel erkannte, legte Pater Gollermann langsam die Lippen fest aneinander, was seine Art war, um ein tieferes Aufathmen der Genugthuung nicht hörbar werden zu lassen. Er hatte von diesem Buche vernommen. Allerdings war dasselbe lange vor dem Riß, der durch das Auftreten des abtrünnigen Augustinermönches Lutherus an der Kirche geschehen, von einem unzweifelhaft frommen Manne und guten Katholiken geschrieben worden. Seit aber dieser vom Hochmuthsteufel besessene und von seiner eigenen Gelehrsamkeit trunkene Neuerer, der Doktor Luther, dem alten Werklein sonderbare Ehre angethan, dasselbe mit Hilfe der neuen Kunst des Bücherdruckes der Christenheit frisch zugänglich gemacht und ausdrücklich bekannt hatte, außer auf der Bibel und den Schriften des heiligen Augustinus nirgends so viel für das wahre Heil der Seele Nützliches geschöpft zu haben wie aus diesem Buche – da wurde das Werklein den im Schoße der „alleinseligmachenden“ Kirche Verbliebenen und besonders ihrer Priesterschaft ein Aergerniß. Der Jesuit blickte daher mit kalter Abgunst hinein und seine Augen blieben hart, während er hier und da las.

Indessen war auch der Herr Dekan Zindler aufmerksam geworden. „Ah, Hochwürden, was haben wir da?“ fragte er, rasch herantretend.

„Alles, was wir brauchen,“ hätte der Pater Gollermann mit Fug erwidern können, aber ein Jesuit sagt niemals, nicht einmal einem Ordensbruder, sofort, was er denkt. „Ein Buch,“ erwiderte Gollermann daher, „von welchem uns, das Fräulein hoffentlich wird versichern können, daß es nur durch Zufall hierher gelangt ist und daß sie sich von dessen Benutzung geziemend enthält.“

Er legte dasselbe seinem Begleiter in die gierig ausgestreckten Hände. Herr Dekan Zindler griff die Sache etwas anders an; er schlug das leere Blatt vor dem Titel auf und las den dort eingezeichneten Namen: Anne Rochette von Leyen. Ob Pater Gollermann denselben auch schon gesehen hatte? Jedenfalls blieb er sehr gleichmüthig, da sein Begleiter ihm seine Entdeckung [343] vorwies und die Annahme von dem zufälligen Vorhandensein des Buches in diesem Hause damit hinfällig machte.

„Die ganze Sippschaft hat von jeher zu verderblicher Absonderung von der Kirche geneigt,“ murmelte Dekan Zindler, der bei weitem weniger gemessene der beiden hochwürdigen Herren, mit Ingrimm. „Dies“ – er deutete mit dem starken Zeigefinger auf die zarten Züge jener lange entschwundenen Hand – „dies ist die Mutter der Polyxene gewesen. Sie ist in jungen Jahren an einer zehrenden Krankheit gestorben. Hätte sie länger gelebt, wer weiß, was sie noch für Aergerniß gegeben hätte. Aber wie dünkt Euch“ – ein scharfer Strahl des Argwohns brach dabei aus seinen Augen – „wären wir etwa vergebens gekommen?“

Es gab für die Worte nur eine Deutung: Dekan Zindler fürchtete, das Mädchen könne, in Furcht versetzt durch die Meldung der Alten von diesem Besuche, den Garten hinten gewonnen und die Flucht ergriffen haben. Ach, wie weit entfernt war die Annahme des klugen geistlichen Herrn von der Wahrheit! Allerdings hatte Frau Crescenz ihr Fräulein weit hinten im alten Mühlgarten suchen müssen. An diesen traurigen Ort, vor dem es ihr doch grauste, zog es Polyxene stets von neuem hin. Da stand sie, in kummervolle Gedanken verloren, am Rande des Mühlgrabens. Und immer und immer wieder sträubte sich dann ihr Verstand und alles in ihr gegen die Annahme, Lutz, der kräftige, behende, sei da so elend zu Tode gekommen. Aber was dablieb, unumstößlich, das war die Thatsache ihres Verlustes. Sie hatte ihn doch nicht mehr, den lieben Jungen, an dem ihre ganze Seele gehangen hatte. Ihre Augen hungerten danach, sich einmal wieder auszuruhen auf dem sonnigen Knabengesicht; das Ohr horchte nach seiner hellen tapferen Stimme hin und lauschte zuletzt Trugklängen, im Innern erzeugt, die sie äfften mit dem Tone seines lieben Mundes. Während sie so dastand, wartend, horchend, sie wußte selber nicht auf was, wie das jetzt ihre Gewohnheit war, da erschien unter dem offenen Durchgang der quer vorgebauten Scheuer die alte Crescenz. Sie hatte etwas zu sagen; eifrige Worte schienen ihr schon von weitem auf den Lippen zu zittern. Sie hatte etwas gehört, von Lutz vielleicht! Polyxenen klopfte das Herz bis in den Hals. Und es war eine der vielen bittern Enttäuschungen, die sie jetzt hatte, als sie erfuhr, was die alte Frau zu melden kam. Denn von den geistlichen Herren erwartete sie keine Nachricht, die ihr wirklichen Antheil hätte abgewinnen können – eine solche nämlich, die den Vetter Ludwig betroffen hätte. Was die Herren sonst von ihr wollen könnten, dafür hatte sie, als sie jetzt der Crescenz ins Hans folgte, auch nicht einen Gedanken.

Der Dekan Zindler hatte eben jene Befürchtung angedeutet, das scheue Vöglein möchte entschlüpft sein, da ließ ein Geräusch auf dem Flur die beiden Geistlichen aufhorchen. Nun rückte der eine, der Herr Dekan, sich in seiner Amtstracht zurecht und richtete sich würdevoll in die Höhe. – Sein Begleiter legte das Buch genau wieder auf den Platz, auf dem es gelegen hatte, und stellte sich neben jenen, und so hatte das eben eintretende Fräulein den erbaulichen Anblick, die beiden frommen Männer mit gesammelten Mienen und einem von allem Aeußeren abgekehrten Blick ihrer wartend zu finden.

Ihr eignes reizendes Gesicht wies ein leises Befremden auf. „Hierher hat man die hochwürdigen Herren geführt?“ sagte sie nach ehrfurchtsvollem Gruße, „Das sollte nicht sein. Darf ich bitten, mir in den Saal zu folgen? Und mögen die Herren das Versehen der alten Dienerin verzeihen!“

Charakteristisch für die beiden geistlichen Herren war der kleine Zug, daß sie die Frau Crescenz jetzt mit keinem Worte bei ihrer Herrin entlasteten von dem unverdienten Vorwurf. Sie hatten aber auch anderes zu thun. Erst nachdem der Pater Gollermann sich davon überzeugt hatte, wie Polyxene in voller Unbefangenheit über den Flur voranschritt ohne noch einen einzigen Blick zurück in ihr Schlafgemach, erst da hielt er sich versichert, daß man ihr ruhig folgen könne und nicht befürchten müsse, sie werde jetzt heimlich aus dem Zimmer etwas wegräumen lassen, was sie verbergen wolle. Nun glitt zuguterletzt, mit einer Behendigkeit, die man seinem würdevollen Gange kaum zugetraut hätte, der hochwürdige Herr, der Pater Gollermann, selber noch einmal in das Gemach zurück, ergriff das Buch und ließ es in die Falten seines Amtsrockes gleiten, wo sich irgendwo eine beträchtlich große Tasche befinden mußte. Mit ein paar großen Schritten hatte er dann die anderen rasch wieder eingeholt.




12.

In einfacher Würde hatte Polyxene ihre Gäste in dem Saale mit den Wappen sitzen geheißen und dann sich erboten, den Oheim zu rufen, was aber von den geistlichen Herren einstweilen noch höflich abgelehnt wurde. Es dauerte lange, bis in der Unterhaltung, in welcher besonders Pater Gollermann sich nun mit ihr erging, ihre stolze Ahnungslosigkeit einem anderen Gefühl, einem dumpfen Unbehagen zunächst, zu weichen begann. Nachdem sie sich anfangs im stillen über den Besuch der beiden Geistlichen ein wenig gewundert und leichthin gedacht hatte, was wohl deren Zweck sein möge, konnte sie nicht umhin, nach und nach mit halb ungläubigem Staunen eines solchen inne zu werden. Ihr galt es wirklich und ihr allein! Zuerst hatte sie vermeint, die mancherlei Fragen, welche die beiden Herren ihr stellten, geschähen halb zufällig, dann aber kam es über sie, daß sie doch einen gewissen Zusammenhang in diesen Fragen zu merken glaubte. Und wie leicht hatte sie es den Herren gemacht! Sie hatte diesen Zusammenhang durch kein Ausweichen gehindert; sie hatte immer einfach der Wahrheit gemäß geantwortet. Wenn im Verlaufe der Unterredung ihre ehrlichen Augen mit etwas wie Bangigkeit auf ihre Befrager gerichtet gewesen waren, so war dies, während sie über alles, was ihr mit der siechen Frau Magdalena geschehen war, Red’ und Antwort gab. Nicht als ob sie für sich selber sich geängstigt hätte! Aber sie hegte die Befürchtung, es sei am Ende bei der Geistlichkeit darauf abgesehen, in heiligem Eifer die Ruhe der Sterbenden zu stören und ihr vielleicht die allerletzten Augenblicke quälend zu verdunkeln. Daß ihr selber aus ihren Besuchen in der Hütte am Galgenfeld irgend eine Gefahr sollte erwachsen können, ahnte sie so wenig, daß so viel thörichte Sicherheit den ungestümeren von den beiden Herren, den Herrn Dekan Zindler, endlich verdroß und er etwas scharf sagte: „Des Mitleids gegen die sündige Kreatur seid Ihr mehr eingedenk gewesen, Fräulein, als der Vorschriften unserer Kirche. Das Verbot derselben, mit Exkommunizierten irgend einen Verkehr zu pflegen, bei Gefahr, in denselben Stand zu verfallen – das scheint Ihr vergessen zu haben.“

Doch noch ehe Polyxene hatte antworten können, fiel Pater Gollermann mit milder Stimme ein: „Das Fräulein ist in geistlichen Dingen ohne Hüter und Berather gewesen, ihrer unerfahrenen Jugend zum Schaden –“

„Des geistlichen Beistandes, den ich, ihr von Gott gesetzter Seelsorger, hätte leisten können, hat sie leider nie begehrt.“ Das war wieder der Dekan Zindler, dessen Empfindlichkeit jetzt zu Tage trat darüber, daß die Leyens den Weg zu seiner Kirche, dem stattlichsten Gotteshaus der Residenz, im blühenden Barockstil erbaut, zu weit gefunden und den schlechten Geschmack besessen hatten, seiner berühmten, blühenden Kanzelberedsamkeit die altersschwachen Sermone des Pfarrers Wehrbein am Siechenhofskirchlein vorzuziehen. „Wüßte ich nicht,“ fuhr er jetzt fort, „durch unsern Herrn Amtsbruder an der Siechenhofskapelle, daß das Fräulein zuweilen dort gebeichtet und kommuniziert hat, so müßten wir mit tiefer Bekümmerniß annehmen, nicht nur sträfliche Lauheit, sondern eine völlige wohlbewußte Abkehr von den Gnadenmitteln unserer allerheiligsten Kirche sei hier vorhanden.“

Polyxene erröthete langsam unter diesen Worten, die sie trafen, wie einen stolzen und zugleich gerechten Sinn jeder Tadel treffen wird. Sie lehnte sich nicht von vornherein hochmüthig dagegen auf, denn sie war in ihrem Inneren noch nicht sicher, ob sie ihn nicht verdiene. Eine Ahnung eigentlicher Gefahr gewann sie aber auch jetzt noch nicht.

Und wieder begann nun Pater Gollermann. Seine Weise war im Gegensatz zu der seines Ordensbruders so milde, daß der Hörer dachte, aufathmen zu können. Fühlte aber Polyxene von Leyen jetzt diese Erleichterung, so sollte dieselbe von kurzer Dauer sein. „Ihr seid auf einen Irrweg gerathen, meine Tochter,“ sagte er. „Diejenigen, denen Euer zeitliches wie ewiges Wohl am Herzen liegt, müssen darauf bedacht sein, Euch beizuspringen, ehe es zu spät wird. Daß Ihr durch den Verkehr mit einer Exkommunizierten kirchlichen Strafen und harter Buße verfallen seid, werdet Ihr, wie ich nicht zweifle, in schuldiger Demuth vernehmen –“

Jetzt zum ersten Male gesellte sich dem ungläubigen Staunen, mit dem Polyxene die Worte vernahm, auch ein Zug der Angst. Gerade das Neue und Unbegreifliche dieser Sprache ließ sie erbangen. Kirchliche Strafen! War in dem lauen, nur auf äußerliche Gebräuche gerichteten religiösen Leben an diesem Hofe [344] dergleichen je erhört gewesen? Was aber stürmte nicht seit einiger Zeit alles auf sie ein und zeigte ihr zunächst immer ein unverständliches, dann aber im Verlauf ein drohendes, ja fürchterliches Antlitz, von dem schonungslosen Angriff der Pfalzgräfin auf der Jagd an bis zu Lutzens unselig räthselhaftem Hinwegschwinden!

Das arme Kind saß verstummt da, mit langsam erblassendem Gesicht, während des Paters Gollermann glatte Stimme fortfuhr: „Einer noch größeren Gefahr aber, als sie die pestartige Berührung jenes unter dem Bannfluch dahinlebenden Weibes mit sich bringt, finden wir Euch preisgegeben, aus der Euch zu erretten die Kirche die ihr erlaubten Mittel anwenden muß. Wir wissen, daß Ihr in dem Besitz von Schriften seid, die das Seelenheil derer, so sie lesen, aufs äußerste gefährden. Sprecht offen, liebe Tochter: wie sind solche in Euere Hände gelangt? Und beruhigt die wohlmeinenden Herzen Euerer Freunde mit der Versicherung, daß Ihr den Inhalt derselben entweder nicht kennt oder aber völlig verwerfet!“

Die Rede auch des Paters Gollermann konnte sich – aber immer mit wohlgemessener rhetorischer Abstufung – zu einer gewissen Wärme christlichen Eifers steigern, und das war eben geschehen. Trotzdem sah ihn Polyxene jetzt wieder ruhiger an als zuvor. Was andere einschüchterte oder gefügig machte, das pflegte in ihr vielmehr eine Kraft des Widerstandes zu wecken. „Ihr habt in meinem Schlafgemach das Buch von der ‚Teutschen Theologie‘ gesehen,“ sagte sie jetzt stolz, ein wenig verächtlich sogar. „Dieses nur könnt Ihr meinen, denn andere geistliche Bücher, außer denen, welche wir zum Gottesdienst brauchen, besitze ich nicht.“

„Ein Buch, dessen Platz im Gemach einer der Kirche ergebenen Jungfrau nicht sein sollte,“ erwiderte darauf der Pater Gollermann und wiegte in mildem Bedauern das Haupt. „Ist dasselbe Euer Eigenthum?“

„Der Name meiner Mutter steht darin,“ sagte Polyxene kurz.

„Das Buch ist also seit langer Zeit hier im Hause?“ warf der geistliche Herr hin, indem er das Fräulein dabei mit einem raschen forschenden Blicke streifte. „Aber der Inhalt ist Euch doch wohl fremd geblieben, wenigstens bis vor kurzer Zeit? Hoffen wir, daß der Schaden heilbar ist, den diese allzu leicht mißverstandenen und daher gefährlichen Lehren bei Euch, meine Tochter, haben anrichten können.“

Es widerstrebte Polyxene, selbst diese Männer bei einer falschen Annahme zu lassen. Mochte die Wahrheit nun nützen oder schaden, sie wollte nicht den Schein auf sich laden, als habe sie dieselbe verhehlen wollen. „Ihr irrt, hochwürdiger Herr,“ begann sie daher, „wenn Ihr meint, das Buch sei von meiner Mutter als ein Erbstück auf mich übergegangen. Ich besitze es erst seit ganz kurzer Zeit.“ Und mit einiger Ueberwindung fuhr sie fort, da die beiden schwarzen Herren mit regungslosen Mienen wartend schwiegen: „Die kranke Frau Magdalena, nach welcher Ihr mich gefragt habt, hat dieses Buch von meiner lieben Mutter kurz vor deren Tod erhalten; sie gab mir es erst gestern, da sie ihren Tod stündlich erwartet. Und ich leugne es nicht – einen köstlichen Schatz glaubte ich daran nach Hause zu tragen!“ Ihre Augen strahlten den Herren, die vermieden, diesem Blicke zu begegnen, muthig ins Gesicht, während sie weiter sprach: „Wie hätte ich denken sollen, das, was meine gute fromme Mutter werth gehalten hat, könne von üblem Inhalt sein!“

„So habt Ihr Euch mit diesem Inhalte noch nicht bekannt gemacht?“ fragte Pater Gollermann, der in der Wechselrede immer nur einen beliebigen Theil aus den Worten des andern herausgriff.

„Ob ich in dem Buche gelesen habe, meint Ihr? Ja“ – Polyxene sah bei diesen Worten an ihren beiden Besuchern vorüber traurig ins Leere – „ja, jetzt, wo ich in großem Kummer lebe um meinen armen Vetter, jetzt dachte auch ich in dem alten Buche vielleicht Trost zu finden. Aber seine Lehren scheinen mir zu hoch und schwer. Alles hingeben können soll man da, jede Freude, jedes eigene Streben. Soll ich denn nicht mehr wünschen, hoffen, beten von ganzer Seele, daß mein armer Lutz wiederkehre, weil Gottes Wille mit ihm vielleicht ein andrer ist?“ Sie schüttelte den Kopf. „Das vermag ich nicht!“

Nichts hätte besser zeigen können, wie einsam und auf sich angewiesen Polyxene von Leyen war mit all ihren Zweifeln und ihrem innern Ringen, als dies kurze aus sich Herausgehen gerade diesen beiden Besuchern gegenüber. Aber es sollte ihr wenig frommen. Auf etwas anderes antworten, als auf das, was eigentlich gesagt worden ist, ist ja immer einer der Vortheile dialektischer Kunst gewesen. So meinte denn Pater Gollermann jetzt: „Wir finden Euch geneigt, liebe Tochter, Euch auf Irrwege zu verlieren, die Euch, wie schon viele zuvor, nur ins Verderben führen können. Ihr müßt angeleitet werden, den Trost in dieser Eurer zeitlichen Betrübniß da zu suchen, wo er für Euch zu finden ist, in eifriger Hingabe an die von der Kirche in ihrer Weisheit vorgeschriebenen Uebungen. Aber ohne Leitung, wie gesagt, würdet Ihr Euch schwer zurecht finden. Entschließt Euch, zu diesem Behuf Aufenthalt zu nehmen an einem Orte, zu dem keine weltliche Störung dringt und an dem geistlicher Beistand Euch im nöthigen Maße stets zur Hand sein wird. Die Frau Aebtissin von St. Ursula, im vormaligen Stande, wie Euch bekannt sein wird, eine Gräfin Degenfeld, ist bereit, Euch im Konvent aufzunehmen und gebührend zu halten . . .“

Selbst er hemmte hier den unausweichlichen Oelstrom seiner Rede, betroffen, was ihm selten begegnete, durch die Art, wie seine letzten Worte von dem Fräulein aufgenommen wurden. Nicht daß sie Befremden, Angst, Widerwillen gezeigt hätte – nichts von dem allem! Sie hob vielmehr nur ganz ruhig, leicht abwehrend, die schlanke Hand, mit einem schattenhaften Lächeln sogar, das eine höfliche Bitte um Entschuldigung dieser Ablehnung bedeutete. „Das kann nicht sein, hochwürdiger Herr,“ sagte sie einfach und arglos. „Wie könnte ich den Oheim, meinen Herrn Vormund mein’ ich, so ganz allein lassen?“

Der Herr Dekan Zindler konnte nicht umhin, hier auf seinem Stuhle zu rücken, den Blick des Paters Gollermann zu suchen um ihn gleichsam mit dem seinigen hinüber zu leiten nach dem Fenster hin und hinaus, wo die Klostergäule hinter dem Gebüsch an der Landstraße eine selbst für ihre Geduld nachgerade harte Probe zu bestehen hatten. Pater Gollermann vermied zwar das Auge seines Amtsbruders, beantwortete aber die stumme Aufforderung desselben durch einen etwas energischeren Schritt.

„Ihr mahnt mit Recht daran, Fräulein, daß hier auch dem Herrn Obersten von Gouda eine Stimme gebührt. Es wird nunmehr Zeit sein, auch Euern Vormund mit unserm Auftrage bekannt zu machen. Darf ich bitten, daß er uns die Ehre seiner Gegenwart schenke?“

„Gewiß; ich gehe, ihn zu rufen,“ sagte Polyxene hastig. Daß der geistliche Herr von einem Auftrage sprach, den er habe und dessen jetzt erst Erwähnung geschah, gab ihr eine beklemmende Empfindung. Wenn sie an ihrem Vormunde nur etwas mehr Halt und Trost gehabt hätte! Aber er lebte fast in einer andern Welt, von welcher aus er nur ungern und gezwungen seiner wirklichen Umgebung ein halbes Ohr lieh. Auch jetzt mußte sie ihn seinen Berechnungen entreißen, und mit geringer Gunst gegen den geistlichen Besuch hörte er, daß dieser die Ursache der Störung sei.

„Was wollen sie schon wieder?“ krähte er heraus, und dann, scharfsinnig genug für einen Bücherwurm: „Ich fürchte, Nichte, sie haben es mit Euch vor! Neulich glaubte ich schon die tastenden Spinnenbeine zu merken, mit denen sie ein Netz um Euch ziehen wollten!“ Damit ging er ihr raschen Schrittes voran nach dem Speisesaal, wo die Herren saßen.

„Mit mir?“ murmelte Polyxene nur, indem sie ihm folgte. Jetzt lag die Ahnung neuen Unheils schon schwer auf ihr.

Und nun traten sie bei den geistlichen Herren ein; die Unterredung begann nach umständlich höflichen Begrüßungen, und bald bemühte sich Polyxene vergebens, trotzdem von ihr die Rede war, den gewundenen Reden des Paters Gollermann zu folgen, der auch jetzt wieder ihrem Oheim gegenüber das Wort führte. Da wurde von Dingen gesprochen, die für sie nur leere Namen waren, von gefährlicher Absonderung von der Kirche, von dem schädlichen Leben und Lehren eines längst verstorbenen holländischen Professors und Bischofs Jansenius, von Quietismus und dergleichen – alles ein unverständlicher Schall für sie. Das ging so eine Weile und hörte sich wie eine anmuthige und gelehrte theologische Erörterung an oder war auch einem kunstreichen Festspiele zu vergleichen, bei welchem der Oberst mit seinem mannigfachen Wissen und in seiner unerschütterlichen Trockenheit sogar einem Pater Gollermann gewachsen war. Mit einem Male aber, man wußte nicht recht wie, war diesem unterhaltsamen und spielenden Kreuzen der Klingen zwischen den beiden Herren ein Ende bereitet; der geistliche Herr mochte es an der Zeit halten, nun zum Ernst zu gelangen. Er erklärte, noch immer freilich in den höflichsten und mäßigsten Ausdrücken, daß Seine bischöflichen Gnaden von Trier ihn mit dem Auftrag belegt hätten, in birkenfeldischen Landen der Ausbreitung der vorgenannten gefährlichen Meinungen zu steuern, mit Mitteln, die er selber für gut halte, und gegen allzu [346] hartnäckig Widerstrebenbe sogar mit Strafen vorzugehen. „Von Strafen,“ sprach er nun weiter, „macht, wie man weiß, die Kirche in ihrer Milde nur im äußersten Falle Gebrauch. Zunächst mahnt, belehrt und bessert sie, wenn sie vermag. Daß Ihr, meine Tochter, durch Euren Verkehr mit einer von der Kirche Ausgestoßenen dem Irrthum schon verfallen seid, konnte mir nach Euren Worten nicht zweifelhaft bleiben. Ich habe das Zeugniß Eurer eignen Lippen, mir und meinem hochwürdigen Amtsbruder hier zum Gehör abgelegt. Die allerheiligste Kirche erachtet es nun an der Zeit, einzuschreiten, um Euer Mündel, sehr werthgeschätzter Herr Oberst, vor weiterem Schaden zu bewahren. Ich habe den Auftrag erhalten, sie der Obhut der Frau Aebtissin von St. Ursula, der hochwürdigen Mutter Dominika, zu übergeben. Dort wird das Fräulein zunächst der Belehrung theilhaftig werden, welche ihr Irrthum erheischt. Auch wird sie dorten am richtigen Orte sein, um durch eifrige Uebungen die Befleckung wieder hinwegzutilgen, mit der sie jetzt behaftet ist. Ich verhehle es Euch nicht, meine Tochter, die Kirche wird Euch Strafen auferlegen müssen. Aber ich zweifle nicht, Ihr werdet das strafende Rohr küssen, sobald Ihr die Milde der Hand merkt, die es führt.“

Er schwieg, und sekundenlang schwiegen auch die übrigen; es war drückend still in dem weiten Gemach. Dann sprach Polyxene, mit der gepreßten Stimme verzehrender Angst: „Ihr wollt mich ins Kloster bringen? Auch gegen meinen Willen – mit Gewalt?“ Sie wandte den Blick hilfesuchend nach dem Obersten von Gouda, flehentlich an seinem gelben unbewegten Gesicht hängend. „Oheim – werdet Ihr das nicht hindern?“

„Schwerlich wird der Herr Oberst es auf sich nehmen wollen, einer von unserem hochwürdigen bischöflichen Oberhirten verfügten Maßregel sich zu widersetzen,“ fiel der Herr Dekan Zindler scharf ein. „Und um so viel weniger, als mein Herr Amtsbruder auch von unserer allerhöchsten Landesfürstin, der Frau Pfalzgräfin Gnaden, mit allen nöthigen Vollmachten versehen ist. Rekurs an die hohe Frau nehmen zu wollen, wäre demnach überflüssig.“

„Nicht sowohl überflüssig, als daß es vielmehr ein ganz unrichtiger Weg wäre, welchen einzuschlagen mir nicht beifallen kann, hochwürdiger Herr.“ Das war der Oberst von Gouda, der sich damit in einem Tone höflicher Belehrung an den Pfarrer wandte. „Die Instanz über mir ist die Obervormundschaftsbehörde, der ich Rechenschaft abzulegen habe. Und es dürften wohl nicht wir, sondern die hochwürdigen Herren selber der dort Rekurs suchende Theil sein, falls ich, wie mir wahrscheinlich ist, meine Zustimmung zu der Entfernung meines Mündels verweigere.“

„Ach – Oheim!“ Das war ein kurzer Ausbruch der Erleichterung von Polyxenens Lippen. So gepreßt war ihre Brust noch immer, daß sie nicht mehr hervorbrachte, während sie sich auf ihrem Sitze nach dem alten Herrn umwandte und ihn, die Hände ineinander faltend, dankbar ansah.

Pater Gollermann nahm die Rede des Obersten mit der ihm eigenen Sanftmuth hin; er neigte sogar wie zustimmend das große Haupt: „Der Eifer, welchen Ihr, Herr Oberst, für Euer Mündel zeigt, steht Euch wohl an,“ sagte et ernsthaft. „Es widerstrebt mit Recht Euerem trefflichen Gemüthe, daß das Fräulein zu einem Schritte, den das Heil ihrer Seele erheischt, genöthigt werde. Aber selbst Euere Skrupel gegen diese heilsame Absonderung werden, denk’ ich, schwinden, sobald das Fräulein dieselbe freiwillig aufsucht.“

Der Oberst sah scharf nach dem Pater hinüber, als wisse er noch nicht, wo jener mit diesem Zuge hinaus wolle. Dann aber ließ er sich vernehmen: „Daß meine Nichte Lust haben sollte, ihren Aufenthalt hier mit dem von Euch genannten zu vertauschen, wird mir schwer glaublich sein. Wäre es der Fall, so bliebe mir nur übrig, sie darauf aufmerksam zu machen, daß sie gut thun würde, die Sorge für ihr Seelenheil mit der um unser Hauswesen hier zu vereinigen und letzterem mit nichten den Rücken zu kehren.“

Da hatte sich der Pater Gollermann mit einem Male erhoben, und alsbald auch sein Gefährte. Wollten sie sich verabschieden? Der Oberst von Gouda, der jetzt ebenfalls steif und lang aufgerichtet stand, ließ in aller Höflichkeit merken, daß er dies erwarte. Zu ihm trat nun aber der Herr Dekan Zindler, der bisher sich wenig an der Unterredung betheiligt hatte, und es war, als ob er das jetzt wieder gut machen wollte. Mit einer Verbindlichkeit, über die auch dieser gewichtige Herr mit dem starken Doppelkinn verfügen konnte, wenn es einmal noth that, brachte er die Rede auf die verdienstlichen Studien des Herrn Obersten in der Fortifikationskunde und in anderen noch subtileren Wissenschaften. So trocken des Herrn von Gouda Antworten auch waren, irgend etwas entgegnen mußte er doch. Auch erwies sich bald des geistlichen Herrn Unkenntniß der allerersten Grundlinien jener Wissenschaften so groß, daß sich von den Lippen des Obersten, fast ohne daß er es inne wurde, einige Sätze einschneidender Belehrung oder vielmehr Berichtigung lösten. Und merkwürdig war die Bereitwilligkeit, mit welcher Seine Hochwürden dieser Belehrung ihr Ohr lieh. Man hätte sagen können; ein Ohr lieh; das andere hatte er nöthig, um nach der Seite hinzuhorchen, wo Pater Gollermann und das Fräulein in einiger Entfernung von ihm und dem Obersten standen. Denn was dort vorging, war jetzt bei weitem die Hauptsache. Die Worte, die dort ziemlich leise gewechselt wurden, konnte er nicht verstehen, das war aber auch nicht nöthig. Es gab da andere Anzeichen fur einen erwünschten Verlauf, wie zum Beispiel, daß des Fräuleins anfänglich unbefangene Stimme mehr und mehr verstummt war. Als man sie dann wieder hörte und zwar in einem wilden Stöhnen, wie es noch niemals zuvor von den Lippen des Mädchens gekommen war, da war dennoch der Zweck seiner Sonderunterhaltung mit dem Vormund erreicht, und es brauchte ihn nicht mehr zu kümmern, daß dieselbe jäh abbrach.

Textdaten
zum vorherigen Teil
>>>
zum nächsten Teil
aus: Die Gartenlaube 1893, Heft 22, S. 357–362

[357] Der Pater Gollermann hatte sich Polyxenen rasch genähert, wie um einen höflichen Abschiedsgruß anzubringen, sobald er wahrnahm, daß sein Gefährte sich der Aufmerksamkeit des Herrn von Gouda versichert und dieselbe so von ihm und dem Fräulein abgelenkt hatte. Und nun, sie eigenthümlich ansehend, sagte er leise: „Ihr habt vielleicht gedacht, meine Tochter, daß ich vorhin müßige Worte redete, als ich davon sprach, Ihr würdet uns noch freiwillig in das Asyl zu St. Ursula folgen. Dem war nicht so. Hört mich wohl an: daß Ihr Euch durch den Verkehr mit jenem unseligen Weibe gegen die Satzungen der Kirche vergangen habt, beschwert Eure Tugend weniger, als ich wohl wünschen möchte. Doch ist dieser Fehler der schlimmste, den wir Euch, einer Tochter aus edlem Hause, zutrauen möchten. Der gemeine Pöbel aber denkt anders …“

„Was habe ich mit diesem zu schaffen?“ fragte Polyxene fast unwillig. Der Jesuit jedoch fuhr unbeirrt fort:

„Euer Rang, wollt Ihr sagen, erhebt Euch zu hoch über jede üble Nachrede der Geringen, als daß Ihr sie zu beachten brauchtet? Der Fall liegt anders. Vergegenwärtigt Euch, was diesem Hause widerfahren ist –“ Er stockte, zuwartend; sie sah ihn in voller Verständnißlosigkeit groß an. So mußte er denn deutlicher werden. „Der Erbe der Herrenmühle ist verschwunden, verunglückt und nicht mehr unter den Lebenden, wie man leider annehmen muß. Er war weit reicher an Gütern als Ihr, die Ihr, wie man sagt, nur sehr wenig besitzet, und er war der Letzte von jenem Zweige seines Geschlechts, dessen Habe, falls er wirklich tot ist, nun auf Euch übergeht …“

Der Jesuit machte hier die leiseste Pause. Doch Polyxene füllte dieselbe durch keinen Laut aus. Sie stand starr, jedoch ein wachsendes Entsetzen zeigte sich auf ihrem Gesicht. Als er nun aber hinzugefügt hatte: „Dem Volke hier zu Lande läßt das räthselhafte Verschwinden des Knaben keine Ruhe, es fragt: wem konnte sein Tod Vortheil bringen –“ da endlich brach sie hinein in seine Rede mit jenem qualvollen Stöhnen, das die beiden anderen Männer aufhorchen ließ. Und rasch, ehe der Oberst von Gouda, der mißtrauisch herüberschaute, herzutreten konnte, brachte der Pater Gollermann dem Mädchen auch noch den Rest seiner Gabe bei. „Ich will Euch nichts verhehlen; laut zeiht Euch schon die öffentliche Stimme des Mordes an Euerem Vetter und verlangt, daß Justiz an Euch genommen werde, meine arme Tochter,“ sagte er, sein Antlitz dem ihrigen nähernd. „Euerem Oheim bleibe aber, wenn Ihr meinem Rathe folgen wollt, dieses Unerhörte noch verschwiegen. Und nun versteht mich: Schutz bieten wir Euch in jenen heiligen Mauern. Kein Pöbelhaufe wird Euch dort hervorzerren, um Euch unter Mißhandungen vor den Richter zu schleppen …“

Er sah sie prüfend an. Das reizvolle jugendliche Antlitz war wie versteinert. Es lag in Polyxenens nach außen gehaltener, aber um so tiefer und stärker empfindender Natur, daß etwas Furchtbareres als dieser Verdacht sie gar nicht hätte treffen können. Aber wahrlich nicht seiner Folgen wegen! Die [358] hatten sich ihrem Geiste noch gar nicht dargestellt, als jetzt Jammer und Entsetzen sie fürs erste der Sprache, ja fast der Fähigkeit des Denkens beraubten. Der Schmerz und die Schmach, die ihr in ihrer edlen Reinheit widerfuhren, waren so groß und überwältigend – hätte man sie jetzt Glied für Glied zerrissen, die Marter wäre kaum eine Verschärfung solcher Qual, im Gegentheil, sie wäre vielleicht willkommen gewesen! Aber nichts, nichts von dem allem fand den Weg über ihre Lippen.

Der Oberst von Gouda trat jetzt heran; die Herren vermochten es nicht zu hindern und hatten ja nun auch beide ihr Theil gethan. „Nun, Nichte?“ fragte er. Sie sprach noch immer nicht und sah ihn nur aus gequälten Augen wie mit mühsamem Verständniß an, so daß der Pater Gollermann endlich mahnen mußte: „Wollet Euerem Herrn Vormund Eueren lobenswerthen Entschluß mittheilen, meine Tochter!“

Polyxene mußte sich besinnen. Einen Entschluß verlangte man von ihr? Verlangt man von einem Gelähmten, daß er gehen soll? Sie schaute mit leerem Blick in dem Gemach umher, über die Anwesenden hin, und dann erschauerte sie. Müßiges, jammervolles Spiel der Gedanken! Ihr war, als warte sie nur darauf, daß ihr Vetter durch die Thür trete, damit sie ihn fragen könne: „Soll ich von hier fortgehen, Lutz?“

Der Rückschlag dieser Wahnvorstellung war verhängnißvoll. Lutz kam ja nie wieder, und Haus und Hof hier, was alles ihm allein gehört hatte, ohne daß die wie Geschwister Lebenden sich dessen je bewußt geworden wären, das war jetzt ihr Eigenthum! Sie wurde Herrin hier durch seinen Tod, und die Leute sagten – – von Ekel und Grauen geschüttelt, bewegte sie sich wortlos nach der Thür. „Ja so; ich gehe mit den Herren, Oheim,“ sagte sie dann tonlos.

„Also doch – ein Frauenzimmer wie alle,“ murmelte der Oberst halb verächtlich. „Ich aber wünsche und rathe, daß Ihr bleibt, wohin Ihr gehört,“ fügte er dann mit erhöhter Stimme hinzu. Er verstand sie nicht, als sie schaudernd, mit fremd klingender Stimme sagte: „Hierher gehöre ich nicht; laßt mich fort, Ihr thut wohl daran!“

Es war ein Blick milden Triumphes, mit dem der Pater Gollermann den Vormund jetzt streifte. Und der Dekan Zindler sagte, vielleicht ein wenig drohend sogar: „Ich mache den hochzuverehrenden Herrn darauf aufmerksam, daß er eine schwere Verantwortlichkeit auf sich laden würde, wenn er das Fräulein in ihrem Beginnen zu hindern suchte.“

„Nichte, habt Ihr mich gehört?“ sagte der Oberst von Gouda hierauf statt aller Antwort und ging noch einmal auf Polyxene zu, zu nicht geringem Aergerniß für den Dekan, dessen Zuruf er somit gänzlich außer acht ließ.

„Ja, Oheim; aber Ihr müßt mich gehen lassen ... ich kann hier nicht bleiben,“ wehrte Polyxene und sah ihn jammervoll an.

Und nun blieb der alte Sonderling unmuthig und unthätig stehen. Er hatte in ihren Augen das gesehen, was ihn an die Unzugänglichkeit des Wahnsinns gemahnte, und obgleich rechtlich und gescheit, wie man ihn wohl nennen durfte, war er doch aller thätlichen Einmischung in das Schickfas anderer Menschen abhold, bis zur sträflichen Lässigkeit. Und so ließ er es denn auch jetzt geschehen, daß von ihm schied, was er hätte halten und schützen sollen. In der nächsten Minute war das Gemach leer. Die geistlichen Herren hatten zuguterletzt auffallend kurzen Abschied genommen, die unglückliche Polyxene gar keinen. Der Oberst war auf die Schwelle getreten, um hinter ihnen her zu sehen. Mißmuthig ging er jetzt in den leeren großen Raum mit der niedrig lastenden Decke zurück und öffnete eines der dicht aneinandergereihten kleinen Fenster. Und da sah er, was ihn mit Verwunderung erfüllte: drüben an den zwei alten Pappeln, die wie Wächter den thorlosen Eingang zum Hofe der Herrenmühle flankierten, hielt eine geräumige Kutsche. Die geistlichen Herren ließen dem Fräulein höflich den Vortritt und stiegen dann nach ihr rasch ein, wobei der Pater Gollermann seine langen Gliedmaßen mit eigenthümlicher Behendigkeit nach sich zog – wie eine Spinne, dachte der abgünstige Zuschauer grimmig. Der Schlag fiel zu und das Fuhrwerk entfernte sich in ziemlich lebhaftem Gange.

Also eine wohl vorbereitete Abführung, dachte der gelehrte Herr. Und durch die Jesuiten. Das sieht nicht gut aus. Was mögen sie mit dem armen Geschöpf vorhaben? – Jetzt, wo das alte weitläufige Haus so leer war, kam ihm das Fehlen Lutzens neu und frisch ins Bewußtsein. Bisher hatte er das Räthsel seines Verschwindens immer von sich abgewiesen, wenn es herandrängte, halb und halb in der Hoffnung, daß die Zeit eine Lösung und vielleicht noch nicht einmal die schlimmste, bringen werde. Jetzt aber packte es ihn mit einem Male wie Verwunderung über das Unglück, von welchem dieses Haus in den letzten Wochen betroffen worden war. Hier stand er allein – ein Vormund ohne Mündel; was war denn nun seines Amtes hier noch? Unerfreuliches Nachsinnen! Er griff im Geiste schon nach seinem Lieblingsphilosophen Seneca, der drüben auf seinem Büchergestell nahe zur Hand war – welchen Trost der etwa für solche Widrigkeiten des Geschickes bieten werde. Nun hörte er auch im Hause ein Geräusch, und in richtiger Erwägung, daß dies die alte Crescenz sein und daß sie ihn mit Fragen über den Verbleib des Fräuleins behelligen werde, dafern sie ihn hier antreffe, entwich er eilends nach seinem Studierzimmer. Dort einzudringen war der Wirthschafterin streng verboten. Aber so wohl verschanzt sich der Oberst auch in diesem seinem Museum gegen häusliche Störungen halten durfte, heute sollte er doch noch einmal Einlaß geben, und zwar einem Boten und einer Kunde, deren er sich wahrlich nicht versehen hatte.




13.

Das spärliche Dienstpersonal der Herrenmühle, vor allem die Crescenz und der alte Dietlieb, mochten an jenem Abend untereinander die Köpfe schütteln und abenteuerliche und thörichte, aber auch aufrichtig kummervolle Muthmaßungen darüber, daß der alte Bau heute noch einen Kopf weniger beherberge als sonst, austauschen, so viel sie wollten – vom Herrn, dem Obersten von Gouda, wurde ihnen keine Aufklärung zutheil, denn er ließ sich überhaupt vor ihnen nicht mehr sehen. Das Fräulein war spät nachmittags in Begleitung der zwei geistlichen Herren fortgefahren – daß sie heute nicht mehr zurückkehren werde, lag nun, da die Herbstnacht hereingebrochen war, auf der Hand. So schlichen denn die Leutchen, nachdem das Häuflein wie verloren in der gewaltigen gewölbten Küche unter dem ungeheuerlichen Rauchfang zum Abendbrot gesessen, bedrückt in ihre Gelasse, und in dem alten Bau verlosch ein schwaches Lichtchen nach dem andern.

Aber es war, als ob das Haus nicht völlig schliefe, sondern ein blinzelndes Auge weit in die Nacht hinein offen behielte. Das waren in Wahrheit die dicht aneinander liegenden Fenster in dem Studiergemache des Obersten, hinter denen sein Oellämpchen auf dem Pulte fort brannte, manchmal bis gegen den Morgen hin. Er vertauschte gern den Tag mit der Nacht, oder vielmehr, es kümmerte ihn das nicht. Schlaf brauchte er überhaupt nicht viel, und er pflegte desselben auch mitten im Tage, eingeschlossen in sein Museum, wenn je einmal eine Müdigkeit ihn überkam. Um den Eindruck des heute Erlebten zu tilgen, der ihm äußerst lästig war, hatte der Herr von Gouda das Werk des Sieur Sébastien le Prêtre de Vauban vor sich aufgeschlagen, welcher vor noch nicht vielen Jahren als Marschall von Frankreich zu Paris verstorben war. Diesem Werke über Befestigungskunst widmete der Oberst, selber ein großer Meßkünstler und geborener Ingenieur, eine tiefe, aber nicht unbedingte Verehrung, insofern er selber die zur Zeit geltende Vaubansche Befestigungskunst durch einige werthvolle Gesetze bereichert zu haben sich schmeicheln durfte. Zur Zeit freilich lagen diese mühevollen Ausarbeitungen in zierlicher Schrift und mit zahlreichen, aufs sauberste gezeichneten Rissen und Plänen durchschossen, noch auf seinem Pulte, und der erste Schritt sie der Mitwelt bekannt zu geben – nämlich die Anknüpfung mit einem Leydener Buchhändler, welcher die Drucklegung eines so kostbaren Werkes übernommen hätte, womöglich auf seine Kosten – dieser Schritt war von dem Herrn von Gouda bis jetzt noch nicht gethan worden. Er dachte demselben eben wieder einmal nach, wie schon öfters in den letzten Jahren. Er hätte zu diesem Zweck die Reise nach Leyden selber machen müssen. Mit diesem Gedanken spielte er seit längerer Zeit, und heute vertiefte er sich völlig hinein und machte den Plan der Fahrt gen Holland bis in alle Einzelheiten. Da, kurz ehe er fertig war, fiel mit einem Male die zur Seite geschobene Erinnerung an das Geschehniß von heute nachmittag schwer wie eine Last auf ihn nieder und das Plangewebe zerriß. Er konnte sich jetzt nicht entfernen; er mußte warten und zusehen, wo dieser böse Handel Polyxenens hinaus wollte.

Dabei hob er den Kopf und sein Ohr wurde jetzt erst wieder [359] frei für ein Geräusch, welches er während seines Nachsinnens sekundenlang äußerlich gehört aber innerlich doch nicht vernommen hatte. Es klang etwas mit feinem und zugleich scharfem Ton an den Scheiben, da – und da wieder, als wenn Hagelkörner vereinzelt aufschlügen. Nun stand er auf und öffnete ein Fenster. Unten vor ihm lag, an der Seitenwand des Hauses entlang, der Gemüsegarten der Crescenz, wo jetzt im Herbst alles ordnungslos ins Kraut geschossen war und Kohlstauden und Sträucher in der bewölkten Nacht nur in dunkeln Massen zu unterscheiden waren. Herr von Gouda, als alter Soldat, sonderte aber doch unter diesen Massen alsbald einen Schatten, unbeweglich wie die übrigen, aber von etwas größerer Form, heraus und ficierte ihn scharf: „Heda!“ rief er nach einer Weile, in der kein Laut gefallen war, mit gedämpfter Stimme hinab. Und richtig – einer der Sträucher schien lebendig zu werden und regte sich, und vernehmlich drangen jetzt die Worte: „Oeffnet die Hausthür –– Kundschaft vom Fräulein!“ zu dem Lauschenden empor.

Kurz darauf erschloß der Oberst in selbsteigener Person unten die Pforte. Alsbald regte es sich dicht neben ihm, hart am Thürpfosten; er wendete die Leuchte und blickte in ein verwittertes Gesicht, das er nicht kannte. Nach kurzem Besinnen und kaltblütigem Prüfen aber kamen von dem trockenen hagern Herrn, den nichts aus der Fassung brachte, die Worte: „Ha, vor Augen habe ich Euern Moosbart an die dreißig, vierzig Jahre nicht gehabt, aber Ihr müßt wohl der Strieger sein!“

„Viele sagen, den hätte der Teufel schon lange geholt,“ war die Entgegnung dessen, der sich dicht ans Haus in den Schatten drückte. „Ich möchte mit Euch reden, Herr von Gouda. Könnt Ihr das verdammte Flackerlicht nicht beiseite setzen, da hinter die Hausthüre, und zu mir heraustreten?“

„Kommt vielmehr in mein Gemach, Alter! Dort sprechen wir ungestört,“ sagte der Oberst.

„Ins Haus?“ Der Waldwart wich widerwillig zurück bei dem Vorschlag. Denn, seltsam zu sagen, in eines steinernen festen Hauses Wänden war der Greis seit mehr als einem Menschenalter nicht mehr gewesen, und ihn bannte davon eine Scheu, als ob die Mauern wie eine Falle sich hinter ihm zusammenschieben müßten, sobald er den Fuß hineinsetzte.

„Ja, ins Haus,“ wiederholte aber der Herr von Gouda ungerührt. „Ich bin kein halber Waldteufel mit schon gegerbtem Leder wie Ihr ... die Nachtkühle sagt mir nicht zu. Uebrigens – eines Edelmannes Wort darauf, daß ich selber Euch wieder hinauslasse, sobald Ihr wollt, was Ihr mir auch mitzutheilen haben möget!“

Die letztere Zusage war so überflüssig nicht für den mißtrauischen Alten vom Walde. Er sah dem Herrn von Gouda erst noch einmal scharf in das ernsthafte längliche Gesicht und folgte ihm dann, indem nun erst seine Gestalt in den Lichtkreis trat, die Treppen hinauf.

Sie hatten das Studierzimmer erreicht. Der Oberst hatte mit der ihm eigenen Bedächtigkeit die Leuchte so gestellt, daß in ihrem Bereiche kein beschriebenes oder bedrucktes Papier sich befand, und wendete sich nun zu dem Alten. „Jetzt sprecht, Strieger, hier hört uns niemand!“ mahnte er nicht unfreundlich. „Was hättet Ihr mir von wegen meiner Nichte zu sagen?“

Er hatte einige Geduld nöthig, denn der Waldmann, ob aus Ungeschick oder Vorsicht, blieb noch eine ganze Weile stumm und sah dabei aus, als könne man ebensogut von einer seiner knorrigen Eichen oder einem verwitterten Felsblock eine Auskunft erwarten wie von ihm. Dann lösten sich endlich die Worte, einzeln, ungefüg, manchmal anscheinend ohne Zusammenhang: „Es kam einer heute vom Galgenfelde über Keula her ... von dort oben hielt er Umschau. Denn er hatte ’was zu melden . . . von wegen daß eine Seele endlich des Leibes ledig geworden war, der es schon lange in selbigem nicht mehr behagte. Und sobald es dämmerte, gedachte er vollends hinabzusteigen, bis hierher. Unterwegs Red’ und Antwort geben mochte er keinem als nur der, die es anging. Und wie der die zwei Schwarzröcke auf der Landstraße herankriechen sah, gleich wie Spinnen, da setzte er sich hin, zog sein Messer und begann, sich aus einem Birkenstecken einen Löffel zu schnitzen, damit ihm die Zeit nicht lang würde, bis er wüßte, wo das Ding hinaus sollte. Wenn er aber wissen wollte, wozu die Kutsche mit den Klostergäulen so sacht hillter den Herren herfuhr und warum sie just hinter den Bäunlell bei der Herrenmühlen-Brücke hielt, so mußte er mit der Zeit sachte näher kommen. Und das wird er wohl gethan haben. Als er nun aber endlich wußte, warum er seit drei Stunden wartete, und auf zehn Schritt weit sah, wie das Fräulein mit den Herren in den Kasten stieg und davongeführt wurde, da gefiel ihm das schlechter als irgend etwas, was seine Augen seit vielen Jahren erblickt hatten.“

Als er diesmal stockte, ging der Oberst ein paar Schritte weit von ihm fort und kehrte zurück, wie in innerer Unruhe. „Ihr seid keiner von den Dummen, das merkt man,“ murmelte er. „Ich verhehle Euch nicht, daß auch mir nicht wohl ist bei der Sache, Aber wisset: sie ging freiwillig. Und gegen meinen Rath und Wunsch ging sie. Auf eine mir unbegreifliche Weise hatte der Jesuit sich ihres Sinnes bemächtigt. Sie erschien plötzlich verwandelt.“

Der Strieger nickte bedächtig. Dieser letztere Ausdruck für des Fräuleins verändertes Wesen sagte ihm zu. Dann aber meinte er: „Etwas mehr als Ihr, Herr Oberst, weiß der Strieger doch noch, aber nichts, was ihn oder Euch freuen kann. Wie es jener, von dem ich sprach, anfing, mit der Klosterkutsche gleichen Schritt zu halten, das ist seine Sache. Es waren nicht viele, die dem Fuhrwerk heute, da es auf den Abend ging, auf der Landstraße begegneten. Und wenn ein oder der andre neugierige Tropf sich nach der Fuhre umsah, so mag er gemeint haben, die frommen Herren hätten, ohne daß sie’s inne wären, hinten den Teufel aufgepackt und schleppten ihn mit, und hat drei Kreuze gemacht und ist nicht ferner stehen geblieben. Dann wurde es unter der Weile dunkel, und das war gut. Die Fahrt ging zum Hause der Ursulinerinnen, das hatte selbiger, von dem ich spreche, längst gemerkt. Wie das Hofthor aufgethan wurde und jener die vielen Riegel knarren hörte, da schien ihm in diese Rattenfalle mit Haut und Haaren hineinzufahren doch bedenklich. Denn wie, ich frage Euch, hätte er nachher wieder herauskommen sollen? Er ist noch leidlich gelenke“ – und hier krümmte der wunderliche Alte den rechten Arm im Ellbogen und das rechte Bein im Knie, um von der Beweglichkeit dieser Gliedmaßen eine Probe zu geben – „und etwas Glück war auch dabei. Er rafft Euch, wie er da so hinten am Wagen hängt, einen Stein vom Boden auf“ – und auch dies machte der Strieger durch Wiederholung begreiflich, indem er die Rechte wie schaufelnd nahe an den Dielen hinführte – „und wirft den zwischen Vorder- und Hinterrad. Und da nun die Kutsche zum Stehen kommt, unter dem finstern Thorwege, und die schwarzen Herren auf der einen Seite die Köpfe herausstecken, da öffnet er den Schlag auf der andern. Wie das nun kam, Herr, ist schwer zu erzählen . . . glaubt’s oder glaubt’s nicht, sie hatte mich gleich erkannt, das Fräulein, und wüßte, daß nicht viel Zeit war, wenn die Schwarzen nichts gewahren sollten. Da kriegt sie mich zu packen – unsereiner sieht auch in der Dunkelheit, wie eine Wildkatze; ich merke, daß sie eine Todesangst auf dem Leibe hat – und so kommt es heraus, ich hör’ es noch: ‚Strieger, ich soll den Lutz umgebracht haben und sie sperren mich ins Kloster, nur damit mir nichts Schlimmeres widerfährt, sagen sie.‘ Und dann noch, aber da hab’ ich die Worte nicht so behalten: wenn der junge Herr nicht wieder zum Vorschein käme, dann wäre ihr alles gleich, was man mit ihr anfinge. ‚Was sagt Euer Oheim dazu?‘ fragte ich, da mir vor Schrecken nichts anderes einfiel, Euch sei es verhehlt worden, weshalb man sie fortgebracht, sagte sie noch, und dann war’s aus. Ich duckte mich, wie Ihr denken könnt, sobald die Patres die Köpfe hereinzogen; indessen war mein Stein doch allgemach auf die Seite geschoben worden, und die Pferde zogen an. Da machte ich denn, daß ich zum Thore hinaus kam, am Pförtner vorbei, der mich jetzt erst gewahr wurde. Damit er die Neugier lassen sollte, hab’ ich ein weniges hinten ausgeschlagen nach ihm; ich will nicht wünschen, daß er seitdem ein paar Zähne weniger hat; er fing an, nach allen seinen Heiligen zu schreien. Und nun wißt Ihr, Herr, was der Pater dem Fräulein heute ins Ohr gesetzt hat.“

Da der Oberst nicht gleich sprach, fuhr er nach einigen Augenblicken fort: „Mir ist aber jetzund von dem vielen Reden die Kehle trocken geworden. Laßt mich einen Trunk thun, ehe ich mich davonhebe.“ Dabei sah er sich, bei allem Antheil an dem Lose Polyxenens, jetzt listig um. Wenn doch von irgendwoher der Wein zum Vorschein käme, den das Fräulein einmal in einem Krüglein zur Hütte der Siechen hinaufgebracht und der ihn dann geletzt hatte. Aber dieser Herr von Gouda sah selber so trocken aus, als ob er sich in seinem Leben die Lippen nicht zweimal genetzt habe – [362] und das Gemach erst! Flaschen standen da wohl oben auf den staubigen Simsen, aber man spürte zu ihrem Inhalt so wenig Zutrauen wie zu denen im Laden des Apothekers.

Doch zeigte der Oberst jetzt mehr Einsicht in den Zustand einer anderen Kehle, als ihm der Strieger zugetraut hätte. Er sagte, aus seinem unerquicklichen Sinnen zu sich kommend: „Warte, Alter, einen Botenlohn hast Du Dir verdient,“ verließ das Zimmer und kam nach kurzer Frist zurück, etwas steif und in einer Weise, der man das Ungewohnte ansah, einen Krug und einen Becher herbeitragend. Er machte auf dem Schreibpult Platz und setzte beides für den Waldmann hin. Der Strieger aber übersah das Trinkgefäß, wohl nicht ohne Absicht, und hob ohne weiteres den Krug an den Mund. Als er absetzte, flog ein hastiger Blick nach dem Spender hinüber, denn allzu bescheiden war er nicht gewesen. Der Herr von Gouda aber hatte nicht acht darauf gehabt, wieviel sein Besucher getrunken; ihm ging das, was er gehört hatte, zu stark im Kopfe herum, und als der Strieger, dem es in den vier Wänden längst schon zu enge geworden war, sich nunmehr zum Gehen wandte, hielt er ihn nicht zurück. In seiner klugen Weise jedoch warf er hin, da jener schon unter der Thüre war: „Du bist ein Freund des Fräuleins, wie ich merke, Alter. Und wenn Du heute dies fertig gebracht hast, so bist Du, dächt’ ich, auch noch nicht zu morsch, um dann und wann einen anderen Gang für mich in Sachen des Fräuleins zu thun, so ich einmal einen verläßlichen Kerl brauche. Wie alt bist Du?“ fügte er noch hinzu, halb und halb in jener trockenen Scherzhaftigkeit, die selbst bei ernsthaften Händeln seine Art war. „Du hast wohl das Nachzählen verlernt? In die Hundert, wie?“

Er habe allerdings seit langem sich nicht mehr um sein Alter gekümmert, gab der Waldwart zu. Das aber wisse er: wie damals der große Krieg zu Ende gekommen, der aber schon vor seiner Zeit begonnen habe und an die dreißig Jahre gedauert haben solle, da sei er ein Bursch in den zwanzigen gewesen.

Der Oberst rechnete nach. „Ueber neunzig,“ murmelte er dann als Ergebniß und sah darauf, beim Schein der Oellampe, mit der er ihm die Stiegen hinabgeleuchtet hatte, den sehnigen Alten noch einmal schärfer an. Wie dem die Augen noch aus den tiefen Höhlen in dem verwitterten Antlitz funkelten! „Und siehst noch scharf?“ fragte er in halbem Neid.

„Wie ein Luchs,“ versicherte der Strieger. „Und von wegen dessen, was Ihr eben sagtet, gnädiger Herr: wollt Ihr den Strieger brauchen, um dem Fräulein was zu Nutz und den Schwarzen zum Tort zu thun, so läuft er Euch noch heute nacht bis Trier.“

„Er laufe jetzt nur hinauf zum Heidenkopf und ruhe da seine Knochen aus,“ sagte der Herr von Gouda darauf nur. „Aber wenn ich seiner einmal bedarf, wie soll ich ihm das kund werden lassen? Denn hinauf zu Dir kann ich nicht, Alter; ich bin des Fußwanderns entwöhnt, und Du wärest ja auch wohl schwer zu finden.“

Mit seiner Jägerschlauheit wußte darauf der Strieger alsbald Rath. Er beschrieb einen Weidenstrunk hinter den Scheuern, im alten Grasgarten. Dahinein sollte der Herr Oberst irgend ein Zeichen praktizieren, einen Strohwickel oder ein zusammengeknotetes Tüchlein – eine schriftliche Botschaft hätte wenig Werth gehabt, da der Strieger des Lesens niemals kundig gewesen war – und der Alte verhieß, daß er des öfteren dort nachsehen und, wenn er das Zeichen finde, am Abend darauf hier zur Stelle sein wollte.

Zuletzt schüttelte er den Kopf. „Daß ich noch einmal das Umherstreifen kriege! Aus dem Walde dort oben bin ich vor diesen Tagen so lange nicht gekommen, daß unter der Weile ein saugendes Kind hätte groß und zum Bräutigam werden können. Gebt acht, das dumme Volk wird sagen, der Alte vom Heidenkopf gehe um! Denn daß er es selber noch im Leibesleben und in seiner alten Haut ist, das glauben viele nicht, und wenn’s ihnen ihr Pfarrer sagt.“ Er lachte in sich hinein. „Dem Strieger, dem hat Sankt Velten schon lange den Kragen herumgedreht, und er spukt nun herum in dem verwitterten alten Fell und thut ihnen Schabernack an, wie’s ein getaufter Christenmensch nimmermehr könnte, und wenn ihm auch Regen und Schnee von neunzig Wintern – sagtet Ihr nicht neunzig? – das heilige Wasser abgewaschen haben. Geht hinein, Herr! Ihr kriegt noch das Reißen von der Nachtluft, und ich finde meinen Weg schon.“

Plötzlich befanden sie sich beide im Dunkeln und pechschwarz schien im Gegensatz zu dem Licht eben die verhängte Herbstnacht; ein Luftzug hatte die Lampe ausgeblasen.

Vom Strieger kam es noch wie ein gurgelndes leises Lachen, dann hörte man nichts mehr von ihm, keinen Laut. Der gelehrte Herr dachte, indem er sich nun die Stiegen hinauf tastete, diesem Verschwinden des Alten noch ein weniges nach und verglich ihn im Geiste mit den braunen Jägern Kanadas, deren Bekanntschaft man jetzt in Europa durch die Berichte englischer Ansiedler machte, um sich über die Schärfe ihrer durch keine verkünstelnde Kultur geschwächten Sinne zu wundern.

Textdaten
zum vorherigen Teil
>>>
zum nächsten Teil
aus: Die Gartenlaube 1893, Heft 23, S. 373–376
[373]
14.

Der Oberst von Gouda war ein Mann von mannigfaltigen und keineswegs verächtlichen Gaben. Sein scharfer kalter Verstand war von einem rechtlichen Sinn begleitet; er hatte wenig Bedürfnisse und diese lagen weitab von dem, was der große Menschenhaufe sich als Genüsse erstrebt. Daß er uneigennützig war, floß aus dem von selbst – nicht mit jener Uneigennützigkeit aber, welche anderen Dienste aufdrängt, ohne Vergeltung zu suchen; dienstfertig war er überhaupt so wenig, wie es etwa ein Säulenheiliger sein kann. Er überließ einen jeden am liebsten sich selber, da sein Scharfblick ihm früh das Nutzlose der meisten Einmischungen in fremde Geschicke oder auch nur in fremde Gewohnheiten gezeigt haben mochte. Seine Uneigennützigkeit nahm vielmehr ihre Färbung von seiner wahrhaft ritterlichen Rechtlichkeit. Und so mochte ein Mann wohl zum Vormund schutzloser Waisen geeignet erscheinen, der ebenso leicht in Versuchung gekommen wäre, glühendes Eisen anzufassen, als sich mit fremdem Gut zu bereichern, und der auch der Verwaltung des ihm anvertrauten Besitzes allenfalls gewachsen war, wenn nicht seine einsiedlerischen Neigungen und tiefen Studien ihn hinderten.

Freilich, zum Erzieher paßte er um so weniger, dieser gelehrte Kriegsmann, der die Dinge ihren Lauf gehen ließ, so lange sie leidlich im Geleise blieben. Und so waren denn auch die beiden jungen Anverwandten mit geringer Förderung seinerseits aufgewachsen, fast bloß ihrer glücklicherweise guten und gesunden Natur nach. Wenig Sorge oder Kopfzerbrechen hatte dem Obersten sein Vormundstand gemacht bis zu dem Unglückstag, da Lutz zum Abendbrot nicht heimgekehrt war. Das war jetzt mit einem Male anders geworden. Aber die veränderte Lage der Dinge fand an dem Herrn von Gouda in gewisser Weise wenigstens ihren Mann.

Es war nicht so selbstverständlich, wie es scheinen könnte, und deshalb dem hageren Herrn mit dem gelben ledernen Gesicht doch auch anzurechnen, daß sein Scharfblick die Abgeschmacktheit jenes Verdachtes gegen Polyxene unverweilt durchschaut hatte und daß er somit auch nicht für den kleinsten Bruchtheil einer Sekunde stutzig oder an ihr irre geworden war. So gewann er alsbald Zeit, sich mit einer andern Frage zu beschäftigen und an ihr seinen Scharfsinn spielen zu lassen: hatte jener Argwohn wirklich noch eine andere Existenz, getrennt von der, welche er als Werkzeug in der Hand der Jesuiten führte? Schlich derselbe frei umher? War er am Hofe und gar in der Stadt verbreitet? Hierüber gedachte er sich ohne Aufschub nach Möglichkeit Gewißheit zu verschaffen.

Dieser Absicht folgend, ritt der Oberst am Tage nach dem nächtlichen Besuche, den er empfangen hatte, in die Residenz Birkenfeld hinein. So selten er sich auch hier zeigte, so war doch die Gestalt im verschabten Lederkoller und vertragenen Filzhut, mit hohen gelben Stiefeln an den hageren Beinen, den Bürgern wohl vertraut. Sie kannten alles an diesem seinem Reitanzug bis auf die schweren Sporen – deren er sich nie bediente – und freuten sich, wenn nach [374] fünf oder zehn Jahren das alles ebenso wiedererschien, wie sie es zuletzt gesehen, die jüngeren vielleicht nur von den älteren beschreiben gehört hatten.

Der Oberst ritt gemächlich durch die kothigen holprigen Straßen, und nicht nur, daß er mit bedächtiger Höflichkeit einen jeden Gruß, der ihm wurde, durch ein Rücken oder Lüften oder gar Abnehmen seines Schlapphutes erwiderte – er gab auch genau acht auf die Gesichter der Grüßenden; ja er verschmähte es sogar nicht, hier und da an einer Straßenecke, halb umgewendet auf seinem Gaule, festzustellen, ob hinter ihm die Leute etwa zusammenschossen, an Jost Bäckers oder Veit Krämers Gadenthür, wie das Volk thut nach dem Vorüberziehen eines, an dessen Fersen ein frisches Gerücht, ihn oder sein Haus betreffend, sich hängt. Er wurde aber nichts dergleichen gewahr. Vor einiger Zeit, als er mit Polyxenen zu jener nicht gewährten Audienz zu Hofe gefahren war, da war es anders gewesen. Er war kein schlechter Beobachter äußerer Dinge, dieser gelehrte Herr, der ja freilich einst dem Gotte Mars auf luftigem Felde gefolgt war und da alle seine Sinne brauchen gelernt hatte. Jenes Mal war ihm hier in der Stadt aufgefallen, wie die Leute mit ganz besonderen Gesichtern nach ihm und Polyxenen gestarrt hatten; denn Lutzens Verschwinden war etwas Neues gewesen und hatte ihn und das Mädchen zu Gegenständen einer erregten Neugier gemacht. Heute aber, nur wenige Tage später, war jenes räthselhafte Unglück schon in die Ferne gerückt für die Menge, und sie blieb gleichgültig bei dem Erscheinen des Obersten. Wäre jener fürchterliche Argwohn gegen Polyxene hier um ihn her, vor ihm und hinter ihm, durch die Gassen geschlichen, so hätten diese Menschen ihn anders angesehen.

Er hielt nun sogar am Hause eines alten Bekannten an, des Büchsenmachers Lorenz, da der Meister, das Käppchen in der Hand, unter die Thür trat. Das war ein ehrbarer Mann, der die Kundschaft der Leyens schon von seinem Vater erblich überkommen und als letzten nun auch den Junker Ludwig bedient hatte, frühe wie dies frische junge Blut zur Jagd die Büchse führte. Der durfte sich nun auch, da er im Gesicht seines alten Gönners eine gewisse Zugänglichkeit zu entdecken meinte, die Frage erlauben: „Noch immer keine Kunde über den Verbleib des gnädigen Junkers, Herr Oberst?“ Und er schüttelte bekümmert den Kopf, als er aus den Mienen des Herrn von Gouda sich die Antwort gleich entnehmen konnte. Unbefangener ehrlicher Antheil hatte aus der Frage geklungen, weiter nichts, und ebenso schlicht und ohne Arg kam heraus, was der Handwerksmann nun noch hinzusetzte: „Da dauert mich, mit gnädigem Verlaub, besonders unser Fräulein Polyxene, Herr Oberst. Die und der Junker waren stets zusammen wie Geschwister. Gebe doch Gott, daß Euer Gnaden bald etwas erfahren und zwar etwas Gutes!“

Dem stimmte der Oberst ernsthaft zu und ritt mit geziemendem Gruße davon, Und mit sich trug er die Ueberzeugung: mehr, als dieser Mann gesagt hatte, wußte er und wußte damit seine ganze Nachbarschaft auch nicht.

Jetzt führte ihn seine wohlerwogene Absicht in eine andere Sphäre; er hatte dem Fräulein von Motz, der Spielgefährtin Polyxenens von der Kinderzeit her und der ehrlichsten Seele von der Welt, seinen Besuch zugedacht. Fräulein von Motz bewohnte mit ihrer verwitweten Mutter ein altes Haus am Markte, welches das Wappen der Familie über der Hausthür zeigte. Sie lebten darinnen mit adligem Anstand, und keinem von den Bürgersleuten wäre es eingefallen, ihnen den standesgemäßen Respekt zu verweigern, obwohl die Damen spärlich bedient waren, der geringen Einkünfte wegen, und in ihrem ganzen Auftreten die Grenze der Aermlichkeit zu berühren zuweilen nicht vermeiden konnten.

Natürlich war dem Obersten dieses alles nicht fremd. Er stieg jetzt am steinernen Tritte der Thür ohne Hilfe vom Pferde, befestigte den Zaum seines ruhigen Thieres in dem rostigen Ring am Pfosten, läutete, nur um auf sein Kommen vorzubereiten, denn die Hausthür war unverschlossen und stand dann mit unerschütterlicher Ruhe in dem modrig riechenden Flur, während oben im Hause ein unterdrücktes Rufen, Fragen, Schlürfen und Regen begann. Von dem allem hatte er aber, seinem Gesicht nach, nicht das Mindeste vernommen als endlich nach langen Minuten das Inventarstück des Hauses, der alte Diener, im ebenfalls hochbetagten Livreerock erschien und ihn empfing. Der führte ihn dann die Treppe hinauf, und dem vorangehenden armen Kerl schien jeder seiner Füße ein Bleigewicht, im Bewußtsein der wenig präsentablen Verfassung, darin die untere Hälfte seiner Person sich befand.

Doch wie gesagt, der Herr von Gouda wußte zu rechter Zeit weder zu sehen noch zu hören, hatte auch wahrlich andere Dinge im Kopfe als die Mängel eines Haushaltes, dessen unverschuldete Armseligkeit er kannte. Auch von diesen Gedanken aber, die ihn eigentlich beschäftigten, verriethen, als er endlich im Staatszimmer den beiden Damen gegenübersaß, seine ernsthaften ledernen Mienen nichts.

Das gute kleine Fräulein von Motz mit dem unschönen Apfelgesicht, sowie die gnädige Mama, die ähnlich, nur wie ein vergessener Winterapfel um Ostern herum, aussah – sie beide hingen mit Spannung an eben jenen Mienen des Herrn von Gouda. Es war diese Spannung aber, wie sein Scharfsinn unschwer errieth, mehr nur auf die Ungewöhnlichkei seines Besuches zurückzuführen, da männiglich wußte, wie selten er seinem Studiergemach abtrünnig wurde. Die Damen hatten sich indessen darein zu finden, daß der seltene Gast einen Grund für sein Kommen ihnen nicht angab. Er erkundigte sich aufs höflichste nach dem Ergehen von Mutter und Tochter, als ob er weiter nichts bezwecke denn einen müßigen Morgenbesuch, bei dem man dies und jenes schwatzt und sich die spärlichen Neuigkeiten erzählt. Wohlgezogen und durch das Hofleben geschult, erleichterten beide ihm nun auch seine Zurückhaltung und thaten, als sei es das Natürlichste von der Welt, die wunderliche Gestalt da sitzen zu sehen. Nach kurzer Frist aber fuhr doch Cordula von Motz heraus: „Wie befindet sich meine liebe Polyxene, Herr Oberst? Und warum seid Ihr nicht im Wagen und seid ohne meine Herzensfreundin gekommen? Sie grämt sich um den Junker Lutz, wie? Aber Ihr dürft sie nicht allzu sehr sich versitzen lassen!“

Die Mutter mahnte freilich mit Wort und Wink, daß Cordelchen des unziemlich heftigen Fragens sich begebe, aber in der gleichen Harmlosigkeit, mit der die Tochter eben gesprochen hatte. Damit war der Hauptzweck von des Obersten Besnch hier schon erreicht, und was nun noch kam, nur mehr ein unvermeidlicher Schnörkel um die feste Linie seines Planes herum. Zunächst einmal verlangte die Frage des wohlgesinnten kleinen Fräuleins eine Erwiderung, und diese war nicht leicht. „Von dem heutigen Befinden meiner Nichte kann ich dem Fräulein keine Auskunft geben, da ich selbige gestern abend zuletzt gesehen habe,“ sagte er jetzt in seiner wunderlichen Weise. „Sie hat mich zu dieser Zeit verlassen, um im Kloster der Ursulinerinnen Aufenthalt zu nehmen –“

Er hätte wohl noch einige einschränkende Worte hinzugefügt, aber schon hatte Cordula aufgeschrieen: „Ins Kloster? Die Polyxene geht ins Kloster? O . . .“ und nun brach sie alsogleich in ein bitterliches Weinen aus und hörte nicht auf ihre Mutter, die ernstlich zu einem gesetzteren Verhalten mahnte. „Cordelchen hat sich schon längst um die Polyxene geängstigt,“ wandte sich die Dame darauf entschuldigend und erklärend an den Herrn von Gouda, und Cordula schluchzte dazwischen: „Ach, meine beste Herzensfreundin ... so schön und so gut und so wohlgemuth! Und die soll Nonne werden – und sich schwarz anziehen und ein langes Gesicht und eine spitze Nase kriegen vom Kasteien! Was ist ihr denn nur durch den Kopf gefahren ...“ Plötzlich wandte sie streitbar und mit einem lobenswerthen Mangel an Eitelkeit dem Obersten ihr schon roth und dick geweintes Gesicht mit dem bethränten Näschen zu. „Wie mögt Ihr als Vormund das nur leiden! Wenn sie vom Grämen um den armen Lutz zu sich kommt, wird es ihr bitter leid sein! Euch ist auch alles recht!“

„Aber, Tochter, Ihr macht mir Schande!“ rief die Mutter in großer Verlegenheit, während Herr von Gouda, ohne alles Mißfallen über diesen warmen Freundschaftseifer, die Gelegenheit ergriff, nunmehr zu Worte zu kommen. Es erfuhren die Damen von ihm, daß die Sache etwas anders liege, als sie gefürchtet hatten. Allerdings – dem Herrn von Gouda beliebte es, diesen Umstand hier bekannt werden zu lassen – hatten es die Jesuiten für nöthig gehalten, über das gefährdete Seelenheil von Fräulein Polyxene ihre besondere Wachsamkeit auszudehnen. Und von ihnen ging die fürsorgliche Absicht aus, das Fräulein eine Zeit lang im Kloster unterzubringen. Davon aber, daß sein Mündel den Schleier nehmen solle, sei, so versicherte er, keine Rede gewesen.

Aber das gereichte der guten Cordel von Motz zu geringer Beruhigung. Der Herr von Gouda merkte nicht ohne innern Beifall, wie bei dieser lieben Einfalt die lebhafte Empfindung des [375] Herzens ganz und gar die Stelle der schärfsten Einsicht vertrat. Selbst er, der nüchterne Philosoph, vergaß nicht sobald wieder den Ausdruck verwirrten Entsetzens, mit dem sie ihn angesehen hatte, als sie von ihm den weitern Umstand erfuhr, daß zwei der hochwürdigen Herren selber es fur der Mühe werth gehalten hätten, sein Mündel in einem Wagen abzuholen und ins Kloster zu führen. Dann ist alles aus! schienen ihre verstörten Mienen zu sagen.

Es ziemte sich diese hoffnungslose Ansicht für den erfahrenen Mann nun wohl nicht, aber auch in ihm wirkte jetzt das Vorgefühl, daß es sich hier um den Kampf mit einer schwer zu fassenden Macht, um einen Kampf mit sehr zweifelhaftem Ausgang handeln werde.

Von dem adligen Hause am Markte, in welchem er verweinte und betretene Gesichter zurückließ, begab sich der Oberst nach dem Residenzschlosse selber. Doch diesmal nicht als ein an allerhöchster Stelle Audienz Suchender. Er hatte seinen Besuch vielmehr der Obersthofmeisterin zugedacht. Der Herr von Gouda handelte damit wie ein Soldat, der um den Feind, dessen Ort er beschleicht, immer engere Kreise zieht. Dasjenige, dem er auf seine Art nahe kommen wollte, war die schnöde Anschuldigung gegen Polyxene. Wo das Uebel ungefähr saß, das konnte er erkennen: es mußte in der allernächsten Umgebung der Fürstin sein, zu welcher der vertraute Beichtvater gehörte. Wußte nun auch die Kallenfels nichts, dann schrumpfte das Gebiet jener unerhörten Beschuldigung so zusammen, daß Raum für kaum mehr als Einen oder Zwei darauf blieb. Und da würde es dann nicht mehr allzu schwer sein, auf den eigentlichen Urheber den Finger zu legen.

Und doch schwerer, als der Oberst von Gouda mit all seiner Kunst im Einnehmen fester Stellungen vermeint hatte! Ergab sich aber auch nicht völlig, was er wissen wollte, aus seiner Unterredung mit der Obersthofmeisterin, so erfuhr er in derselben doch mancherlei. Vor allem, daß diese Dame mit Wehmuth ihre eigene Charge am Hofe nur noch als den Schatten dessen, was diese seither gewesen war, betrachtete. Sie war des Vertrauens ihrer Fürstin beraubt, und nicht nur das: der redlichen Ausübung ihres Amtes, über die Formen und Regeln der Etikette, ja des Anstandes am Hofe zu wachen, erwuchsen stets größere Hindernisse. Es fielen jetzt „Horreurs“ in dieser Hinsicht vor, über welche die höchstseligen birkenfeldischen Herrschaften, hätten sie dieselben erfahren können, in ihren Gräbern sich würden herumgedreht haben. Welches Exempel wurde gegeben, wenn rang- und titellose Personen von keineswegs genügend bekannter Herkunft sich einer auffälligen Bevorzugung der Pfalzgräfin erfreuen durften! „Ich verhehle es Dero Gnaden nicht, daß meine Worte auf diese neue Figur am Hofe, auf die Frau von Méninville, zielen; sie thut es an Geltung bei meiner Fürstin uns allen zuvor,“ sagte die Würdenträgerin, mit der ihr eigenen trockenen Ergebenheit in ihr Schicksal; und gerade die hohe eintönige Stimme und das unbewegliche Repräsentationsgesicht mit seinen Spuren des Alters machten sie dabei für den tiefer Blickenden zu einem Gegenstande besonderen Mitleids. „Nicht nur, daß die Freundschaft mir entzogen ist, welche, wie ich wohl sagen darf, Frau Sabine Eleonore für mich hegte,“ fuhr die Obersthofmeisterin fort, „auch das Ansehen meines Amtes wird tagtäglich geschmälert durch beispiellose Vorkommnisse. Und das des Hofmarschalls nicht minder! Werdet Ihr es glaublich finden, geschätzter Herr und Freund, daß diese mehrerwähnte Person es letztlich auf sich nimmt, Audienz Suchende bei unserer Hoheit einzuführen, unter dem Vorgeben, ich sei nicht zur Stelle gewesen, um zu rechter Zeit Meldung zu thun? Daß eigene Handschreiben unserer Fürstin expediert werden, ohne daß das Hofmarschallamt ein Sterbenswörtchen davon erfährt? Um Euch ein Beispiel zu geben: Die Mittheilung, es seien heute vormittag schon Personen des Antlitzes der Pfalzgräfin theilhaftig geworden, muß ich, die Obersthofmeisterin, von Dritten erhalten!“

„Wer war hier zur Audienz? Der Pater Gollermann oder der Herr Dekan Zindler?“ warf hier der Oberst von Gouda kurz dazwischen. Die Dame sah ihn an, mit mehr Lebhaftigkeit, als sie bisher gezeigt hatte. „Also auch Euch finde ich informiert von Dingen, die ich billig zuerst wissen sollte. Ist der werthe Herr und Freund gekommen, um meiner zu spotten? Ich habe es kein Hehl: mein Brot hier esse ich mit Schanden – ich erfahre nichts und weiß nichts mehr.“

„Auch nicht, wer meiner Nichte Polyxene eine böse Suppe, wie mir fast scheinen will, eingebrockt hat?“ fragte unverweilt der Oberst, dessen unzweideutige Derbheit und Kürze nicht ohne wohlbedachte Absicht war.

„Ihr sprecht in Räthseln Herr,“ sagte Frau von Kallenfels, ihre Betroffenheit unter etwas wie steifem Unwillen verbergend. „Was meint Ihr?“

„Mit ausdrücklicher Bewilligung Euerer Frau Pfalzgräfin, wenn ich den Worten der beiden Herren trauen darf, haben der Pater Gollermann und der Dekan Zindler Polyxene gestern in das Ursulinerinnenkloster gebracht, angeblich, weil ihr Credo einer Revision bedürftig wäre,“ sagte der Oberst mit gleichmüthiger Stimme, aber die gute Dame genau im Auge behaltend.

Sie sah ihn sonderbar an, jedoch sein Scharfsinn deutete das Mißtrauen in ihrem Blicke richtig: ein flüchtiger Zweifel war ihr gekommen, ob auch der wunderliche Herr ganz zurechnungsfähig sei und nicht etwa von leeren Einbildungen beherrscht werde. „Ich berichte Euch, was wahr ist,“ sprach er mit ernsthaftem Nicken.

„Verzeiht“ – sie war jetzt, soweit dies bei ihr möglich, fassungslos; sogar die Farbe ihres Gesichtes hatte sich verändert und war fahler geworden, trotz der dauerhaften Verkupferung – „Verzeiht,“ sagte sie, „wenn ich meinen Ohren nicht traute. In dieser Sache waren also die beiden Patres heute schon hier! Herr, wenn so gegen eine vom Adel vorgegangen wird, so bedeutet das nichts Gutes für uns alle. Das beklagenswerthe Fräulein! Wessen sagtet Ihr, zeiht man sie? Es kann doch nichts Ernstliches sein?“

„Sie scheinen es in Sachen der Religion jetzt hier genauer nehmen zu wollen,“ sagte der Oberst trocken. „Meine Nichte ist verklagt worden, weil sie ein sieches Weib besucht hat, das im Kirchenbanne lag.“

„Sie hat nicht klug daran gethan. Und doch ist dies scharfe Vorgehen gegen ein junges Fräulein von Stand unerhört,“ meinte die Obersthofmeisterin bekümmert. „Wo soll das alles noch hinaus! Wir alle konnten eine üble Laune der Pfalzgräfin gegen das Fräulein von Leyen schon neulich auf der Hofjagd bemerken. Nie aber hat unsere Fürstin, wenn sie schon einmal grillig und, zu Euch im Vertraueu gesagt, widerhaarig war, eine solch eifrige Strenge und Härte gezeigt wie die, mit welcher man jetzt, und in ihrem Namen, sagt Ihr, gegen das Fräulein verfährt. Da möchst ich um alles mit Euch wetten: das kommt nicht von ihr allein. Das sieht ihr gar nicht gleich!“

Der Oberst erfuhr auf sein Befragen jetzt erst, wie peinlich die Vorgänge auf der erwähnten Hofjagd gewesen waren. Nach einigem Nachdenken begann er: „Fast möcht’ ich nun die Frage an die hochzuverehrende Dame stellen, ob sie vermeine, es habe meine Nichte Polyxene hier bei Hofe etwa einen Feind, der ihr hinterlistig schadet. Obwohl mir schwer fällt, einzusehen, womit sich ihre harmlose Jugend irgend eine Feindschaft sollte zugezogen haben.“

„O, das ist vielleicht nicht so schwer, wie der Herr meint,“ fuhr es der Obersthofmeisterin heraus. „Wir alle kennen hier eine Person, der es wohl zuzutrauen wäre, das Ohr unserer gnädigsten Frau gegen getreue Unterthanen, selbst vom Adel, einzunehmen, wenn sie sich dabei einen Vortheil ersähe!“

„Ihr meint die Frau von Méninville?“ sagte der Oberst. Das klang aber schon ablehnend, als wollte er sagen: wenn Euch Euer Groll gegen diese Frau nur nicht zu Phantasien verleitet!

„Und wenn ich sie meinte, Herr?“ gab die Dame zurück. Die beiden saßen in dem eigenen Gemache der Obersthofmeisterin, vor den Spähern und Lauschern sicher, an denen es einem Hofe nie gebricht. Die Kallenfels fuhr daher jetzt mit einem Nachdruck fort, mit dem noch wenige Menschen sie reden gehört hatten: „Verzeih’ mir Gott meine Sünde, wenn ich ihr zuviel thue, aber ich halte diese Person böslicher Einbläsereien wohl für fähig!“

„Welchen Zweck aber oder vielmehr welchen Nutzen hätten solche im Falle meiner Nichte für die beregte Dame gehabt?“ warf der Oberst mit Kopfschütteln ein.

„Danach fragt Ihr mich zur Zeit noch zuviel,“ gestand die Kallenfels. „Wie sie aber hier am Hofe in die Höhe gekommen ist, das ist etwas so Wunderbarliches, daß wir ihr auch noch ganz andere Pläne zutrauen können, Pläne, denen der Verstand rechtlicher Leute so leicht nicht nachzukommen vermag. Eins aber ist gewiß: die Méninville hat das Ohr unserer gnädigsten Frau mehr als irgend jemand sonst, und Ihr spürt, was dabei herauskommt. Wann wäre eine solche Strenge in religiösen Händeln sonst je erhört gewesen?“

[376] Der Oberst mochte sich im stillen sagen, daß der gerade und ehrliche und im langen Hofleben wettertüchtig gewordene Verstand der Obersthofmeisterin wahrscheinlich auf keiner falschen Fährte sei. Und wenn die Dame erst alles gewußt hätte! Von ihm, trotz des guten Zutrauens, das er ihr im ganzen schenkte, erfuhr sie nichts. Hinter seinen Lippen, die stets nur sagten, was sie wollten, ruhte das Geheimniß des schnöden Mittels, das man gebraucht hatte, um Polyxene ins Kloster zu locken, wie unter sieben Siegeln. Er war dem Ausgangspunkt der frevlen Anklage, das merkte er, jetzt dicht auf der Spur. Eine echt jesuitische Lüge war die Fassung gewesen, in welcher, wie er errathen konnte, das Fürchterliche des Mädchens Ohr erreicht hatte. „Ich soll den Lutz umgebracht haben,“ hatte sie in ihrer Verzweiflung ihrem wunderlichen Anhänger, dem alten Waldwart, verrathen. Das hieß so viel wie: alle Welt sagt es von mir; sie deuten aus allen Ecken mit Fingern auf mich. Das hatte man ihr vorgespiegelt. Daß es nicht so war, davon hatten die letzten Stunden ihn unwiderleglich überzeugt. Aber freilich nicht davon, daß es nicht so werden könnte. Und dann würde, auch das wußte er nun, das Gerücht den Weg, den er heute gekommen war, in umgekehrter Richtung nehmen. Aus den innersten Gemächern der Fürstin, an deren Schwelle er stand, hier hinaus ins Schloß. Von da in die adligen Häuser, zugleich aber auch, nun durch immer zahlreichere Kanäle sickernd, würde es dringen in den Gaden des Krämers, in die Werkstatt des Handwerkers und unter jedes Dach der Stadt. Und der Oberst sah in seinem Bereich kein Mittel, dies zu verhindern. Er war einsilbig, während ihm allerlei Möglichkeiten im Kopfe herumgingen, zu deren Mitwisserin er die ehrliche Obersthofmeisterin doch nicht machen konnte, und so erhob er sich jetzt.

„Ich wollte, ich hätte dem liebwerthen Herrn und Freunde bessern Trost geben können,“ sagte sie noch, „aber Ihr seid dafür hier an einem schlechten Ort. Wir sehen einander an und fragen, was will das werden? Und nun gar, seit der Oberjägermeister, der Herr von Nievern, sich einen langen Urlaub genommen hat, ist die Lanue dort“ – sie deutete mit dem Kopfe nach den Gemächern der Pfalzgräfin – „immer schlechter geworden. Er ging Knall und Fall nach jenem Jagdabenteuer, von dem ich dem Herrn vorhin berichtete. Die Biberen behauptet sogar: weil er Aergerniß an dem Verhalten unserer Hoheit gegen die arme Polyxene genommen! Aber die schwatzt mancherlei. Wäre es wahr, so hätte er dem armen Fräulein einen schlechten Dienst erwiesen.“

Hiernach verabschiedeten sich die beiden voneinander mit großer Würde. Und wie es manchmal geht: das Wort, das alle ihre übrigen theilnahmsvollen Reden aufwog, hatte die gute Dame achtlos und seine Bedeutung nicht ahnend zuguterletzt zwischen Thür und Angel noch fallen lassen.

Textdaten
zum vorherigen Teil
>>>
zum nächsten Teil
aus: Die Gartenlaube 1893, Heft 24, S. 389–392
[389]
15.

Der Kanonikus von Wildenfels, der Verwandte und zur Zeit der Gastfreund des Oberjägermeisters von Nievern, war ein schöner großer blonder Mann von heiterem Angesicht. Er saß gut zu Pferde, auf seinem stattlichen brabanter Wallach, einem dunkel gefleckten Grauen, und es war ihm jetzt, da er das Jagdgewand trug, wenig Geistliches anzumerken, wenn nicht in der Neigung zu fleischiger Fülle, welche die ganze Gestalt und besonders das frisch geröthete Angesicht mit seinem Doppelkinn zeigte. Aber das that der Gefälligkeit der adligen Züge mit den scharfen Augen und der kräftig gebogenen Nase keinen Abbruch.

Ja, anziehende Männer waren sie beide, und der dunklere sehnigere Nievern wahrlich nicht minder als sein geistlicher Vetter. Sie hatten es auch wieder erprobt; hatten sie doch eine Reihe üppiger Feste hinter sich, zu welchen sich die Jagden gestaltet, die der Graf von Arlon zu Ehren seiner Nachbarin, der lebensfrohen Aebtissin von St. Truyden, abgehalten hatte. Jetzt zogen sie von Arlon gemächlich heim, das heißt nach Malmedy, wo der Domherr einen prächtigen Haushalt hatte. Das Gefolge, ein kleiner Trupp Berittener mit dem Jagdgeräth und dem Gepäck auf Saumrossen, hielt sich ein paar hundert Schritte hinter ihnen, so daß die beiden Herren in ihrer lauten Erörterung der genossenen Freuden ungestört waren.

Es ging auf den Abend und kühl strich aus Nordwesten der Wind über das Land, einen hohen Rücken, den nur hier und da Gehölz als Ueberrest früherer ausgedehnter Waldungen bedeckte. Das Wetter, zum Reiten gerade recht, hätte weit schlimmer sein dürfen, ohne den Herren etwas auszumachen. Hatte doch der Wirth zu Herve, ihrem letzten Rastort, zum Imbiß einen herrlichen alten Burgunder verschenkt – natürlich nur für solche weinkundige Gäste, wie es der Domherr und sein Anverwandter waren – und die Geister dieses Weines leuchteten noch aus den Augen wenigstens des Wildenfelsers, als er sie jetzt sorglos an dem von windzerrissenem düsteren Gewölk bedeckten Himmel hinschweisen ließ.

„Jetzt sage mir einmal ehrlich, Viktor,“ begann der Kanonikus, „welche von den Dreien ist es, die Dalhem, die de Wytt oder unsere gelbhaarige Venus, die Appenrode? Wenn Dir nicht dreifaches Erz die Brust umschließt, so kommst Du diesmal nicht unversehrt davon. Bei Gott, sie sind kühn, diese Schönen“ – er lachte bei der Erinnerung – „aber das lob’ ich mir. Soll ein Götterweib, wie die Dalhem, von uraltem Geschlecht noch dazu, dessen Männer stets stolz waren wie Lucifer, soll sie gleich einer Schäferin schmachten, wenn Deine hübschen Augen es ihr angethan haben, Du Glücklicher! Ha, wie sie beim letzten Bankett Dir den Becher brachte – wie sie sich zurückwarf auf ihrem Sitz, ein wenig weit vielleicht, aber diese Partie“ – er legte seine kräftige Hand breit vorn auf die Kehle; in Erinnerung an den weißen Hals der Dame, von der die Rede war – „bei Gott, die Kenner sollten wallfahrten zu so viel Schönheit.“

„O ja, sie ist vom Kopf bis zu den Füßen schön,“ sagte Nievern trocken. „Aber wie Du ins Zeug gehst! Gestattet denn das Deine alte Freundschaft für die blonde Grete?“

Unter diesem Namen ging niemand Geringeres als die Freiin Margarete de Wytt, auch Stiftsdame von St. Truyden, eine reife und vielerfahrene Schönheit, deren Gelübde und [390] Kreuz sie nicht daran hinderten, im Sattel und im Festsaal jahraus jahrein ein Leben rauschenden Genusses zu führen.

„Meine alte Freundschaft!“ lachte der Domherr kurz, in gutmüthiger Selbstverspottung. „Ja, diese Freundschaft hat schon viele Geburtstage gefeiert, zu viele vielleicht. Aber die Grete hält fest . . . es ist eine eigene Sorte, diese Weiber im Stift von St. Truyden . . . das Regieren haben sie los; Graf Arlon, auf welchen die Aebtissin langjährige Rechte geltend macht, weiß davon zu sagen. Und ich, ich spüre jetzt zuweilen etwas,“ – er reckte den starken Hals wie unter einem lastenden Drucke – „bei Gott, man könnte fast ebensogut verheirathet sein!“

Nievern lachte. „Ein Liebchen, das zehn Meilen entfernt sitzt, kann das Joch nicht allzu schwer auflegen,“ tröstete er. „Du bist immer noch ein freier Mann, Engelbert.“

„Nicht so frei wie Du,“ sagte jener. „Und es hat den Anschein, als wolltest Du es noch eine Weile bleiben. Aber sieh Dich vor! Es ist Dir ja bekannt, daß die schönen Hexen von Sankt Truyden nur halb geistlich sind, nicht fest gebunden wie wir, aber ich erinnere Dich noch einmal daran. Keine hat das letzte Gelübde abgelegt, das ihr die Vermählung ganz verwehrte. Was sie hindert und was sie sämtlich in die reifen Jahre hat kommen lassen, ist einzig und allein das herrliche Leben, welches sie führen. Kann irgend ein Ehemann in der Welt einer von ihnen das gewähren?“

„Was predigst Du mir das alles, Engelbert?“ lachte Nievern. „Du fehlst weit, wenn Du mich für den Mann hältst, der eine von Euern Schönen dem Stiftskreuz abwendig machen wolle.“

„Das sagst Du,“ meinte Herr von Wildenfels, den stattlichen Vetter von der Seite ansehend. „Wenn aber Gott Amor einmal einer von ihnen allzuscharf zusetzt? Dann mag der, der gemeint ist, sich in acht nehmen. Bei meinem Schutzpatron, Viktor, den ich selten genug zum Zeugen nehme: die Dalhem hatte das in den Augen, als sie Dir zutrank, was mich für Deine Freiheit fürchten läßt. Denn dies Weib ist ebenso klug und unermüdlich, wie sie göttlich schön ist. Und wenn sie, merke auf, ich sage nur, wenn sie ihrer Ungebundenheit und den Genüssen ihres Lebens hier entsagen wollte um Deinetwillen – Bruder, hättest Du das Herz, sie auszuschlagen? Dann muß das Ding mit dem Teufel zugehen, oder Du bist schon verliebt!“

„Dn folgerst em wenig rasch, vortrefflichster Kanonikus,“ sagte Nievern und blickte ruhig geradeaus. „Soll das heißen, daß, wenn man überhaupt in den Bereich der schönen Dalhem kommt, sie auch nothwendig die Herrscherin unseres Herzens werden müsse?“

„So ungefähr, ja; und wenn sie es erst einmal darauf anlegt, dann gewiß, ohne Hilfe und Rettung. Es müßte denn, wie ich eben sagte, jener Platz allbereits besetzt sein. Und die möcht’ ich wahrlich sehen, die ihn gegen diese gefährliche Sirene auf die Dauer zu behaupten vermöchte!“

Ob Nievern sie etwa sah, die jenen Platz behauptete? Die Schärfe seines Falkenblickes schien nach innen gekehrt, als gelte es irgend einer Erinnerung. Den versuchenden Worten seines Begleiters aber wich er aus. „Sirene nennst Du sie,“ begann er. „Sage lieber Bacchantin! Bacchantinnen sind sie alle . . . halte mich für einen armseligen Schächer, Bruder, aber ich gesteh’ es Dir: es graute mir zuletzt bei diesen Weibern. Jener Tanz gestern abend, in den schwarzen Kleidern und Schleiern –“

„Aus denen dann die Schultern und Arme desto weißer hervorleuchteten. Alabasterartiger ist die Haut der Grete, aber die der Dalhem hat den rosigen Anflug, ah –“ und der Wildenfelser küßte die Fingerspitzen mit einem Kennerlächeln.

„Daß Du sie ein wenig zu warm empfiehlst, um ihr einen Abnehmer zu sichern, merkst Du wohl nicht,“ sagte darauf der Herr von Nievern trocken.

Da fuhr der Kanonikus förmlich auf. „Das von einem Weibe, welches eine ganze Provinz toll gemacht hat!“ rief er. „Dik Steenkerk ist um sie, weil sie ihn nicht haben wollte, zum Teufel gegangen, das heißt, er ist in einer Matrosenschenke in Rotterdam, wo er sich herumtrieb, erstochen worden. Und der Herr von Tirlemont, da er ihr zu Liebe ritt, hat nächtens hart vor St. Truyden mit dem Pferde den Hals gebrochen!“

„Ich brech’ ihn nicht, oder in einer besseren Sache, Engelbert,“ entgegnete Nievern ungerührt. „Es müßte denn in den nächsten fünf Minuten sein, und das kann kommen, wenn wir uns hier nicht vorsehen.“

Der Weg wand sich jetzt steil abwärts in das scharf eingeschnittene Thal, aus welchem die Stadt an der gegenüberliegenden Berglehne emporkletterte. Es dämmerte schon stark; Nievern hatte auf seinen Gaul, ein junges unruhiges Thier, zu achten. Der von Wildenfels dagegen saß sorglos, mit lockeren Zügeln nach seiner Art und schenkte dem Voranreitenden einen letzten kleinen Hieb nicht. „Mit Dir ist es nicht ganz richtig, Bruder! Dem Wirthe ziemt es nicht, seinen Gast allzu genau auszufragen, aber welcher Wind Dich damals von Deinem Birkenfelder Hofe hierhergeweht hat, das soll ich heute noch von Dir erfahren!“

Nievern parierte mit einem Scherzwort, und dann ließ der Weg kein Zwiegespräch mehr zu, bis sie zur Stadt kamen. Sie ritten durch den Thorthurm, ehrerbietig gegrüßt vom Wärter, der eben die Thore schließen wollte für die Nacht, durch die dunkelnden Gassen und hinauf zum stattlichen Burghause des Domherrn.

Hier wurde der Wildenfelser mit seinem Gast als der große Herr, als welcher er lebte, von einem zahlreichen Gesinde empfangen. Die Diener eilten mit Windlichtern die Treppen herunter, obwohl am tiefgewölbten Eingangsthor auf hoher Pechpfanne ein Feuer brannte und den ganzen Platz erhellte. Je ein Page leuchtete jedem der beiden Herren in sein Gemach, und Nievern fand in dem prächtigen Gastzimmer, das er innehatte, die Kerzen auf silbernem Armleuchter und im Kamin ein lustiges Holzfeuer flackern.

Der rothe Feuerschein spielte über die kostbaren bilderreichen Gewebe aus Arras, welche die Wände bekleideten, über heroische und üppige Männer- und Frauenglieder, die da abgeschildert waren, denn die Teppiche stellten Scenen aus der heiligen Geschichte dar, aber in barock-griechischem Gewande. Nieverns Blick streifte heute die sinnliche Pracht jener Bilder abfällig, ja mit Widerwillen. Er fand sich mit einem Male seltsam gereizt gegen die Ueppigkeit dieses ganzen Lebens und schalt sich einen Thoren, daß er sich so lange freiwillig hierher verbannt habe. Seine Freiheit, die er bisher so übermäßig hoch geschätzt hatte, kam ihm nachgerade schal und unersprießlich vor.

Als er umgekleidet war, warf er sich noch einmal in einen Sessel vor dem Kamin und übersann das innere und äußere Getriebe der letzten Wochen. Es wäre ihm nicht leicht geworden, dem Vetter Engelbert die ausreichende Erklärung für seinen plötzlichen Entschlnß zum Ritte nach Malmedy zu geben, die dieser kluge Herr bisher vermißt hatte. Jetzt versuchte er aber, mit sich selber wenigstens darüber ins klare zu kommen.

Die Beweggründe waren freilich nicht einfach gewesen und schwer zu entwirren. Um die Wahrheit zu sagen, sich selber, vorweg: die wachsende Gnnst der Pfalzgräfin hatte begonnen ihren Empfänger zu drücken. Und doch – hatte er nicht, bewußter oder unbewußter Maßen, gerade auf dieser Gunst gefußt, als er dem Unwillen ohne weiteres nachgab, den die Behandlung der Leyens durch die Fürstin, diese Behandlung vor dem ganzen Hofe, in ihm erregte? Er war gegangen ohne Abschied: so viel durfte sich nur ein Bevorzugter und einer, der wußte, daß er es war, erlauben. Aber er sah auch der Möglichkeit, den guten Hillen der Fürstin durch seine Reise verscherzt zu haben, mit großer Ruhe entgegen. Er hatte das starke Bedürfniß gefühlt, einmal jenem abgeschmackten Hofleben, wie er es bei sich bezeichnete, auf eine Weile zu entgehen.

Aber war das alles gewesen? Nein! Wenn er es früher nicht hatte wissen wollen, jetzt wußte er es. Er hatte vorauszufühlen geglaubt, daß, wenn er bliebe, gerade nach jenem Jagdabenteuer bliebe, seiner Freiheit Gefahr drohe, aber von ganz anderer Seite her als von dem Pfalzgrafenstuhle des Birkenfelder Ländchens herab. Einer heiteren und kühlen, selbstsüchtigen Lebensweisheit fröhnend, war er unvermählt geblieben, und wenn er gegen Frauenreiz auch durchaus nicht unempfindlich war, so hatten doch die heirathsfähigen Töchter eines jeden Ortes, an dem er sich befand, stets nur geringer Beachtung durch ihn sich zu erfreuen gehabt. Und als er, vor noch nicht allzu langer Zeit, zum ersten Mal auf eine reine weibliche Jugend seines Standes aufmerksam geworden war, da war es, wie ihm deuchte, eher mit einem Gefühle spöttischen Befremdens als mit etwas anderem gewesen. Wohl hatte Polyxenens eigener herber Reiz sich ihm rasch ins Auge gestohlen und war, fast zu seiner Verwunderung, seinem Kennerblicke je länger je wohlgefälliger geworden. Sonst aber hatte sie ihm wenig zugesagt, wie er selber gemeint. Der Blick ihrer ernsthaften unschuldigen Augen war etwas, worüber es seinesgleichen zu lächeln geziemte.

So war es gewesen bis zu dem Tage der Hofjagd, an welchem das Fräulein von Leyen so unverschuldet jene unerhörte Kränkung erfuhr. Als er da im Anfang schwieg, anstatt allsogleich für ihre Hilflosigkeit und ihr Recht auf den erlegten [391] Hirsch, das ihm wohl bekannt war, einzutreten, da hatte er es gethan, weil etwas Unerklärliches in ihm vorging. Unsäglich rührend, hinreißend für ihn war sie, als man sie mißhandelte; einen grausamen Reiz hatte der Ausdruck der Pein auf ihrem holden Gesicht für ihn gehabt, der Ausdruck ihres kindlichen reinen, freventlich zu Boden getretenen Stolzes, so daß er gestanden hatte wie im Banne, die ganze Seele in den Augen, welche ihre Gestalt verschlangen. Noch niemals hatte er dergleichen für irgend ein Weib empfunden. Und selbstsüchtig, wie er gewohnt war zu sein, hatte er dies Neue, Wunderbare auskosten wollen bis auf die Neige und deshalb so lange nur als Zuschauer – aber als was für ein Zuschauer! – dabei gestanden. Selbstsüchtig, ja – aber nicht bis zur Unehrenhaftigkeit und nicht etwa aus kleinlichen Beweggründen der Furcht. Selbstverständlich hatte er daher die Leyens, als es hoch an der Zeit war, gegen die erboste und zügellose Pfalzgräfin in Schutz genommen. Daß er indessen so auffällig sich auf jene Seite gestellt, daß er der Fürstin zum Tort das Fräulein am Arme fortgeführt hatte, dafür wußte nur er den Grnnd und sonst niemand in der Welt. Uebermächtig war mit einem Male das Verlangen in ihm geworden, ihre schlanke Gestalt zu berühren, zu fassen und zu halten. Warum hätte er sich zügeln sollen? Aus Rücksicht auf diesen lächerlichen Hof? Da hätte er ein anderer sein müssen, als er war. So war es denn geschehen. Und der erfahrene Mann hatte mit allen Fibern ihre Nähe empfunden während der wenigen Schritte, die sie nebeneinander gemacht. Ganz erfüllt hatte ihn der köstlich herbe Anhauch, der von dieser jungfräulichen Blüthe ausging, und um so feiner, geistiger war dieser einzige Reiz gewesen, je unbewußter dabei das verstörte liebliche Geschöpf selber war.

Als er sie aber dann an jenem Tage nicht mehr vor Augen gehabt, da war er noch einmal frei geworden, da waren noch einmal alle Geister seines bisherigen Lebens mächtig in ihm erwacht und hatten ihn gewarnt, wie er meinte. Nur nicht sich selber verlieren, nur nicht das kühle Herz, das sich so wohl befindet, indem es jeder Wärme spottet! Und lügenhaft, wie jene Geister sein konnten, sobald es ihr Vortheil erheischte, hatten sie ihm vorgespiegelt, wenn er jetzt gehe, so gehe er, um sich dem Verhältniß zur Pfalzgräfin auf eine Weile zu entziehen, da dieses Verhältniß allerdings auch auf dem Punkte stand, drückend zu werden.

Und nun? Wochen waren seitdem vergangen, zum Theil in rauschender Lust, und die Erinnerung daran bildete einen üppigen Reigen, den schöne, verführerisch schöne Weiber um ihn schlangen. Der Herr von Nievern hatte während dieser ganzen Zeit nach seinem besten Wissen nicht einmal deutlich an die arme Polyxene gedacht. Wie kam es, daß ihm trotzdem jetzt mit einem Male klar wurde, ihr und nur ihr, ihrem unschuldigen und unerklärlich mächtigen Reize habe er eigentlich entfliehen wollen, als er dem Hofe der Pfalzgräfin den Rücken kehrte? Vielleicht war es die Macht des Gegensatzes, die hier gewirkt hatte. Mitten zwischen den verwegenen Schönen, die sich ihm in die Arme warfen, hatte Nievern einen Ueberdruß und dabei doch eine innere hungrige Leere verspürt. Seit einiger Zeit schon war er auf dem Punkte, zur Besinnung zu kommen. Da hatte nun Herr Engelbert von Wildenfels seinem Gaste heute, ohne es zu wissen, einen wunderlichen Dienst geleistet, indem er ihn ahnen ließ, das man auch mit dem toll sprühenden Feuer hier nicht so ungestraft spiele, wie Nievern vermeint hatte. Diese plötzliche, seltsamerweise ganz überraschende Erkenntniß aber bewirkte eine wunderliche Gährung im Gemüth des Oberjägermeisters. Wie, sollte er sich hier, wo er nur hatte genießen und – vergessen wollen, sollte er sich hier gar mühen, dreist gelegten Schlingen zu entgehen? Dem Dufte der wundersüßen dornigen Waldrose war er entwichen, als derselbe begann, seine Sinne zu umfangen, und hier sollte er nun Gefahr laufen, daß die wildwuchernden Ranken der betäubenden Giftblume sich um seine Füße legten und ihn hielten, während sie die Blüthe, die jetzt im Erschließen sich auch schon entblätterte, unbegehrt in seinen Schoß warfen? Herr Gott, wie trieb es ihn mit einem Male zurück, von wo er gekommen war! Er sprang auf und durchmaß mit großen Schritten das Gemach, ungeduldig im Geiste nach einer einigermaßen schicklichen Erklärung suchend, mit welcher er den Vetter Kanonikus abspeisen wollte, wenn dieser sich über die eilige Abreise wundern oder gar gastlich sich ihr widersetzen würde.

Da klopfte es an seine Thür. Der Oberjägermeister ging, zu öffnen, und nahm dem draußen stehenden Pagen von der silbernen Platte einen großen vielfach versiegelten Brief ab. Nievern verzog die Lippen zum Ansatz eines spöttischen Lächelns, als er beim Lichte der Kerzen den Umschlag näher betrachtete. Die gewaltigen rothen Siegel zeigten das Hauswappen der Frau Sabine Eleonore. Die Dame aber oder ihre Vertrauensperson hatte sparsamerweise anstatt eines Kuriers die Thurn und Taxis’sche Post zur Beförderung des Schreibens benutzt, wie die Vermerke auf demselben auswiesen.

Nievern erbrach es bedächtig und entnahm der Hülle zunächst einen Brief, der auf den drei beschriebenen Seiten die eigenhändigen Schriftzüge der Herrin des Birkenfelder Landes trug. Was sie schrieb, war trotzdem rasch gelesen. Da war aber noch ein Blatt. Dieses, mit einer anderen zierlichen Schrift bedeckt, rief einen belebten, fast gespannten Ausdruck auf dem Gesicht Nieverns hervor. Dasselbe zu lesen, hatte er aber jetzt keine Zeit oder keine rechte Ruhe mehr, denn die Eßglocke war schon geläutet worden. So schlug er denn die Blätter wieder zusammen, schob alles vorn ins Kollett und begab sich nach dem Speisesaal, wo der Vetter Kanonikus seiner wartete.

Eine Mahlzeit in diesem Hause war niemals etwas Nebensächliches; eine jede wurde mit dem Aufwand von Förmlichkeit, ja von Prunk in Scene gesetzt, der ihrer Wichtigkeit im Leben des Hausherrn entsprach. Denn eine gute Tafel hielt Herr Engelbert von Wildenfels für ein Haupterforderniß des Daseins, wie solches wenigstens eines Domherrn von St. Alban würdig war. In Uebereinstimmung hiermit war der Speisesaal seines Hauses ein imposantes Gemach. An den Wänden hohe Vertäfelungen von dunklem geschnitzten Holze, auf dem Simse kostbare Tafelgeräthe, mehr zum Prunk als für den Gebrauch bestimmt. Darüber Schildereien tüchtiger Künstler, die auf ihre Leinwand gleichsam noch einmal einen lockenden Ueberfluß alles dessen gehäuft hatten, was eine vornehme Tafel zu besetzen würdig ist. Die sorgsam und prächtig gedeckte Tafel war von zahlreichen Kerzen in silbernen Armleuchtern erhellt und wurde während der Mahlzeit von drei bis vier Dienern feierlich umgangen.

Der Kanonikus, in seidenem Haustalar, ein Urbild behaglichster Wohlgestalt, winkte seinem Vetter freundlich zu. „Beatus ille, qui – das heißt in diesem Falle: Glücklich, wer einmal wieder aus dem Sattel ist, nach vierzehn Stunden, und für seinen rechtschaffenen Hunger zu Hause ein paar Brosamen findet! Greif’ zu, Viktor! Ihr habt doch noch mehr Forellen bereit?“ Dies mit herrischem Auge zu dem auftragenden Diener, welcher ehrerbietig und stumm bejahte. „Gut, sie sollen noch eine Platte voll absieden! – Was meinst Du, Vetter, die unseren hier sind zarter und schmackhafter als die zu Arlon, deucht mir!“

„Mögen alle Brosamen Deines Tisches heute abend ihnen gleichen,“ sagte Nievern, der dem Geschäft der Tafel mit geziemendem Ernste sich hingab.

„Wohl gesprochen,“ lachte der andere. „Denn wer weiß, ob ich nicht Deine Nachsicht nöthig habe. Von wegen des Rehschlegels hat der Koch sich entschuldigen lassen ... er hatte heute noch nicht auf uns gerechnet.“

„Wenn man Dich ansieht, liebwerther Vetter, so möchte wohl ein jeder Kanonikus sein,“ meinte Nievern nach einer Weile, während sie weiter tafelten. „Und doch, als wir heute früh an St. Menehould vorübertrabten und dort hinter dem Gitter des Parkes die Zöglinge der frommen Väter sich so trübselig rekreieren sahen, immer zu zweien lustwandelnd, da dauerten mich die Bursche . . . geistlich sein steht unseren Jahren immer noch besser an als der Jugend.“

„Ja, dort im Jesuitenkolleg werden sie kurz gehalten,“ sagte der Kanonikus beschaulich. „Die Väter sind berühmt als Erzieher; das heißt, manchen wilden jungen Falken, der die Kappe nicht tragen wollte, haben sie dort schon zahm gemacht, so daß er nachher nur von ihrer Hand auszustoßen wußte, Sie nehmen aber auch so leicht keinen auf, um den es sich nicht lohnt.“

„Mich dünkt, die Väter von der Gesellschaft Jesu thun überhaupt so leicht nichts, was sich nicht lohnt,“ warf Nievern trocken dazwischen.

„Du liebst sie nicht; auch ich bin dem Orden nicht sonderlich grün,“ gestand der Kanonikus. „In Frankreich sind sie es, welche die endlosen Händel in den letzten Jahren des alten Königs Ludwig erregt haben. Die zu St. Menehould, wie gesagt, befassen sich fast nur mit jungen Edelleuten, jüngeren Söhnen und meist solchen, in denen das heiße adlige Blut durch scharfe Zucht erst einmal gekühlt werden soll.“

[392] „Arme Schelme,“ sagte Nievern halb vor sich hin. „Mir war im Vorbeireiten gerade, als winkte mir einer von ihnen heimlich zu. Es spazierten ihrer immer zwei längs des Gitters hin und einer nahm uns scharf aufs Korn ...“

„Ja, zwei und zwei gehen sie stets, damit einer auf den anderen aufpasse,“ schaltete der Kanonikus ein.

„Ein blutjunges Bürschchen, soviel ich von weitem sehen konnte, das sich wunderllch ausnahm in der geistlichen Tracht und mit dem kurzgeschorenen Kopfe Er war mit einem Male dicht am Gitter, als wollte er hindurch. Auch war mir, als säh’ ich ein weißes Tüchlein wehen, doch will ich nicht darauf schwören. Denn als ich mich im Weiterreiten noch einmal umschaute, sah ich nur die schwarzen Vögel wieder paarweis im Garten.“

„Es mag ein frischer Zögling gewesen sein, ein Junker, dem die Klausur dort noch nicht schmeckt,“ meinte Herr Engelbert gleichmüthig. „Hat er wirklich gewinkt, so ist es ihm schlecht bekommen. Denn, wie gesagt, alles, was widerspenstig ist, zu biegen oder zu brechen sollen sie doch in St. Menehould ausnehmend gut verstehen.“

Als die Herren beim Nachtisch angelangt waren und die aufwartende Dienerschaft sich entfernt hatte, da zog Nievern seinen Brief hervor. „Sieh, was mir hier zugeflogen ist, Engelbert,“ sagte er. Dabei entnahm er dem Umschlag aber nur das eine Schreiben, das der Pfalzgräfin, und reichte es dem Kanonikus über den Tisch hinüber.

Herr von Wildenfels zog lächelnd die Augenbrauen in die Höhe und las, erst murmelnd und dann laut, als setzte er voraus, daß Nievern so viel Huld, von seiner fürstlichen Herrin eigenhändig zu Papier gebracht, nicht ungern noch einmal von des Freundes Lippen hören werde. Die Pfalzgräfin war nämlich eitel Güte und Freundlichkeit in diesem Schreiben. Von Empfindlichkeit über den erzwungenen Urlaub und die verlängerte Abwesenheit ihres Kavaliers keine Spur! Allerdings zeigte sie die bestimmte Erwartung an, daß seine Rückkehr nun nahe bevorstehe. Und für diesen Fall geruhte sie ihm einen Auftrag zu geben – daß er ihr nämlich einen Edelfalken aus der vortrefflichen Zucht des Meisters Nikolas in Malmedy besorge.

„Der Tausend, Du hast eine sehr gnädige Frau an der Pfalzgräfin!“ sagte der Domherr, indem er noch einmal in das Blatt schaute und sich dabei leicht schmunzelnd mit der Hand ums Kinn strich. „Darfst das Weibchen am Ende nicht mehr allzu lange schmachten lassen, Viktor. Einer Pfalzgräfin kann man schon ein wenig zu Gefallen sein.“

„Ja, ich werde bald reiten müssen,“ gab der Oberjägermeister ruhig zur Antwort, welche Gelassenheit wohl die wirksamste Abwehr gegen den anzüglichen Scherz war. Nievern fühlte sich seit einer Stunde – genaner gesagt, seit er den Brief erbrochen hatte – wieder so sehr wie nur je im Vollgenusse seiner kräftigen Persönlichkeit, die alles Gelingen an sich bannte. Wie war ihm da wieder das Schicksal zu Hilfe gekommen! Die Rückkehr nach Birkenfeld ließ sich ohne eine gröbliche Beleidigung der ihm günstigen Fürstin nun nicht wohl länger verzögern. Und wie völlig lag diese Rückkehr in einer Richtung mit der Neigung, die er sich jetzt zu gestatten, ja die er voll auszukosten beschlossen hatte!

Die beiden Herren besprachen über dem Weine noch den Falkenkauf und sagten dann einander Gute Nacht. Während aber der Domherr auf seinem weichen Bett und unter seidenen Decken schon längst in gesundem Schlafe lag, saß Nievern noch im Sessel am Kamin, in seinem verschwiegenen Schlafgemach, und hatte den Brief in Händen, den er seinem Vetter und Gastfreund heute nicht gezeigt hatte. Es war nämlich das Schreiben der Fürstin zu ihm gereist in friedfertiger Gesellschaft mit einem anderen, von dessen Sendung im gleichen Umschlage Frau Sabine Eleonore offenbar keine Kenntniß gehabt hatte. Ihre ergebene Vertraute, die Frau von Méninville, hatte sich ohne viele Bedenken, wie es schien, die Gelegenheit zu nutze gemacht, dem Kavalier eine Probe ihres Briefstils zu geben. Und es zeugte diese Probe von einer so überraschenden Kunst, daß es wirklich schade gewesen wäre, wenn die fromme Frau ihr Licht ganz unter dem Scheffel gelassen hätte. Die Dame zeigte sich nicht nur federgewandt, sondern auch in ihren Wendungen voller Sinn und Anmuth. Sie kleidete die Freiheit, die sie sich nehme, in einen allerliebsten Scherz ein, verglich sich oder vielmehr ihren Brief in schalkhafter Demuth mit dem Vöglein, genannt Zaunkönig, welches, heimlich unter die Schwinge des Adlers geschmiegt, von diesem ohne sein Wissen durch die Luft dahin geführt werde, wohin sein Begehr sei, und that in geschickter Weise dadurch gleich dem Empfänger ihrer Epistel zu wissen, daß diese immerhin als ein kleines Geheimniß vor der Fürstin zu behandeln sein würde. Dann, anstatt steife Satzungeheuer zu bilden, wie es die deutsch schreibende Welt damals that, erzählte sie, leicht, flüssig, so daß man mit heiterem staunenden Genusse las. Und ihr Brief hatte an dem Herrn von Nievern durchaus keinen Unempfänglichen Leser. Sein kräftiger Geist, durch Reisen geschärft, besaß, wie man zu sagen pflegte, alle jene Studien, die einen vornehmen Herrn zieren durften, ohne daß er zum Gelehrten wurde, was sich nicht geschickt hätte. Und für einen guten Geschmack sorgte die glückliche Uebereinstimmung, in welche eine gütige Natur seine Sinne und Geisteskräfte gesetzt hatte. So las er denn mit seltenem Behagen und dachte dabei: Teufel, was für ein Weib! Wenn man die zur Seite hätte, sollte einem vor der Langweile nicht bange sein! Und er begriff, daß sogar die Pfalzgräfin sich diesem Einflusse nicht hatte entziehen können.

Am kleinen Birkenfelder Hofe seien dem Herrn Oberjägermeister, wenn er zurückkehre, einige Neuigkeiten gewiß, und sogar verwunderliche. Und wenn er jetzt durch allerlei Unterhaltung verwöhnt sei . . . Seltsames geschehe auch zu Hause – das war eine Art Köder für seine Neugierde, den die Schreiberin zuletzt noch auswarf, aber nicht, ohne das auch selber aufs anmuthigste einzugestehen und dadurch die Wirkung vielleicht noch zu verstärken. Was mag sie meinen, dachte er flüchtig, während er sich nunmehr anschickte, ebenfalls sein Lager aufzusuchen, wie es das ganze Haus wahrscheinlich schon längst gethan hatte. Und dann kam der Gedanke, den er aber bald als allzu unwahrscheinlich wieder verwarf: sollte sich für Polyxene von Leyen, für das Fräulein von Habenichts, wie die Fürstin sie boshaft nannte, etwa gar ein vornehmer Freier gefunden haben? Das wäre in der That „verwunderlich“ gewesen. Doch deshalb war es auch nicht anzunehmen. So folgerte Herr Viktor von Nievern in der sorglosen Sicherheit, welche sein stetiges Glück in ihm großgezogen hatte. Ein armes hübsches hochmüthiges Edelfräulein, ein solches Röslein im Dorn, würde wohl ruhig sitzen bleiben, und wenn es einmal sein Belieben sein würde, nach ihr auszuschauen, so würde er sie am alten Orte vorfinden!

So legte er sich, da die Abreise auf den übernächsten Tag beschlossen war, in völlig wiedergekehrter Gemüthsruhe nieder – derselbe Herr von Nievern, der, wenn er hätte ahnen können, welcher furchtbare Freier die arme Polyxene von Leyen schon in eiserner Umarmung hielt, nicht einen Augenblick gezögert hätte, in die Nacht fortzustürmen und sein bestes Pferd ihr zu Liebe zu Tode zu hetzen, ja selber Leib und Leben dabei einzusetzen.

Textdaten
zum vorherigen Teil
>>>
zum nächsten Teil
aus: Die Gartenlaube 1893, Heft 25, S. 409–414
[409]
16.

In dem Hause der Ursulinerinnen am Brückenthor zu Birkenfeld befand sich zur Zeit keine einzige regelrechte Konventualin, welche unter fünfzig Jahren gewesen wäre, denn die etwas jüngern stämmigen Mägde, die Küche und Garten besorgten, waren Laienschwestern.

Für diese alternden Frauen, meist dürftigen Gemüthes und abgestorbenen Herzens, auch nicht durch allzu lebhaften Verstand beschwert, hatte die Regel des Klosterlebens längst nichts Drückendes mehr. Vigilie und Messe und Vesper, und Vesper und Vigilie und Messe – das war der gewohnte Kreislauf, und keine von ihnen hätte gewußt, was mit sich anzufangen, wenn sie aus demselben herausgerissen worden wäre.

Aber dem jungen frischen treibenden Leben, welches sich mit einem Male zwischen ihnen fand, eingeklemmt wie die grünende Pflanze, die in ein Geschiebe toten Gesteines gerathen ist, wie war dem zu Muthe? Zum Sterben, wie es jener entwurzelten Pflanze auch sein wird. Die neue Einwohnerin lebte nicht das ganze Klosterleben mit, denn sie war nichts anderes als eine Gefangene. Zu den Gottesdiensten in der Klosterkirche wurde sie aus ihrer sonst wohlverschlossenen Zelle von zwei Nonnen abgeholt und dann wieder dahin zurückgeleitet. Und mit ihr auf diesen Gängen ein Wort zu wechseln, war allen Konventualinnen aufs strengste untersagt.

So lag Polyxene im Banne dumpfen Schweigens. Daß jedoch dieses und ihre Einsamkeit in der verschlossenen Zelle nicht ungebrochen blieb, dafür hatten mehrfache Besuche, welche sie empfing, gesorgt. Es waren die des Paters Gollermann. Aber obwohl von seinen Lippen dabei nichts als Milde geflossen, war es der Eingeschlossenen doch nachher allemal gewesen, als rückten die Wände ihrer Zelle immer beengender auf sie ein, als senkte sich von oben die Decke auf sie nieder zum unentrinnbaren Verderben.

Allzu klein war das Gelaß nicht, in welchem Polyxene jetzt ihre Tage verbrachte, aber kahl und kerkerartig. Es zeigte an zweien seiner Wände, der des Fensters und der darauf stoßenden Seitenwand, die nackte Mauer. Das Fensterlein, klein und vergittert, bildete eine schachtartige Oeffnung in der dicken Mauer und ging auf den versumpften Graben, der das Haus der Nonnen noch von den unruhigen Kriegszeiten her auf dieser Seite hatte sichern sollen. Hinaus- und hinabzublicken aber vermochte man wegen der Form dieser Fensternische nicht. Die Bewohnerin der Zelle konnte jenseit des Fensters nur ein Stückchen Himmel sehen und wußte, daß es der Himmel war, welcher sich über den menschenleeren Feldern und dem Oedlande zwischen der Stadt und der Herrenmühle wölbte.

Aus der baren Mauer der Seitenwand [410] hervortretend und eins mit dieser, zog sich ein breiter rauher Steinvorsprung in Sitzeshöhe hin. Auf der anderen Seite des Gemaches standen an der Wand entlang das harte Bett und ein hölzerner Tisch und Stuhl. Aber Polyxene saß am liebsten auf dem nackten Stein, weil sie von da den Blick durch das Fensterlein nach dem hellen Westhimmel richten konnte. Und dürstend, in verzehrender Sehnsucht blickte sie immer und immer nur dort nach Westen hinaus, als ob die Welt sich auf jener Seite weiter öffnete und als ob die unermeßliche Ferne droben die Kraft hätte, sie zu sich ins Freie zu ziehen.

Es war ein frischer windiger Herbsttag heute; Polyxene konnte das merken am raschen Zuge der Wolken. Sie hatte auch nach tagelanger Mühe endlich das eingerostete kleine Fenster zu öffnen vermocht, nur spannenweit, und nun versuchte sie es auf alle Weise, so nahe zu kommen, daß der kühle Luftzug sie traf und ihr Stirn und Wange berührte. Durstig athmete sie ihn ein, denn herbe war die Entbehrung des frischeu Gotteshauches für sie, die an ein freies Schweifen in Wald und Feld vor andern gewöhnt war.

Sie wäre ein rührender Anblick gewesen für den, der sie so gesehen hätte – wenn es nicht gerade ein Jesuit oder eine alte Nonne war – wie sie den schlanken jungen Leib nach dem Fensterschacht hinauf reckte und das geduldig schmachtende Antlitz hob. Noch war ihre stolze Blüthe nicht abgestreift, aber über dem holden Gesicht lag es doch wie über dem Kelche einer von heißem Winde oder vom Froste leicht versehrten Rose. Es fing an zu erbleichen und dunkle Schatten umgaben die Augen, die einen seltsam starren und zugleich ruhelosen Ausdruck hatten.

Das Fräulein war es nur langsam und dann mit lähmendem Grauen innegeworden, daß sie wirklich hier nichts als eine Gefangene sei, und zwar eine, mit der man schwerlich Gutes vorhabe. Manche andere hätte das schneller begriffen als sie. Aber obwohl Polyxene wahrlich nicht ohne Scharfsinn war – in dem in vornehmer Unschuld und Reinheit aufgewachsenen Mädchen lebte etwas, was ihr das rasche Verständniß des dunklen Treibens und der lichtscheuen Pläne anderer erschweren mußte. Auch wäre wohl gegenüber den qualvollen Räthseln, die eins nach dem andern sie bedrängten, selbst ein weltlicherer und gewandterer Sinn hilflos gewesen. Erst Lutzens Verschwinden und dann das Auftreten einer feindlichen unheildrohenden Macht gegen sie, die sich keiner Schuld bewußt war! Polyxene wußte nichts und verstand nichts mehr, als daß sie unsäglich unglücklich und verlassen sei und auf einem dunklen Wege immer größerem Elend zugetrieben werde.

Heute, wie sie das zerzauste weiße Gewölk hinjagen sah an dem hellblauen Himmel und den frischen Hauch spürte, da dachte sie an ihren letzten sorglosen Pirschgang mit Lutz, da sie die Spur des Luchses entdeckt hatten. War das wirklich erst vor Wochen gewesen und nicht vor vielen vielen Jahren? Hatte der Jammer, den sie seitdem dnrchgekostet, und die furchtbare Veränderung ihres Loses, hatte sich das alles in eine so kurze Spanne Zeit zusammendrängen lassen? Sie staunte, ja ein wehvolles ungläubiges irres Lächeln trat bei diesen Gedanken auf ihre Lippen.

Nicht eher als bis alle Glieder sie geschmerzt von der unbequemen Stellung, hatte sie endlich die Festerhöhle verlassen und lehnte nun auf dem Steinsitze an der Mauer, von wo sie das Stückchen Himmel sehen konnte. Sie dachte an den Wald an jenem Tage, an den alten Strieger und wie sie damals zuerst von der Magdalena erfahren hatte. So kamen ihre Gedanken heute von dieser Seite zu der toten Frau, die ihr eigentlich immer gegenwärtig war. Ja, war es nicht fast, als ob die Magdalena hier mit eingekerkert sei, gebunden, wie sie es damals auf ihrem Lager gewesen war mit Ketten des Siechthums, und doch frei, doch beseligt und daher ein steter Vorwurf für ihr eigenes banges Verzagen?

Dort drüben auf dem Tische lag ein schwarz gebundenes Buch, das der Pater Gollermann Polyxenen gebracht hatte. Es enthielt Sündenbekenntnisse, Gebete zur Mutter Gottes und zu verschiedenen Heiligen, und er hatte sie ernstlich ermahnt, das alles zu lesen und wieder zu lesen und herzusagen; einzelne Gebete und Litaneien hatte er ihr genannt und ihr aufgegeben, dieselben so und sovielmal am Tage äbzubeten. „Mag der hochfahrende Verstand sich dagegen sträuben, meine Tochter,“ hatte er gesagt, „kämpft ihn nieder, denn seiner bedient sich der Feind der Seelen, um Euch zu verderben. Befleißigt Euch jetzt zunächst des Gehorsams, und nur des Gehorsams gegen Euere geistlichen Lenker! Die heilsamen Folgen werden nicht ausbleiben.“

Bis jetzt waren sie ausgeblieben, obwohl Polyxene sich bemüht hatte, jene Aufgabe zu erfüllen. Aber das hatte sie nicht abgünstig gemacht. In ihr wohnte kein hochfahrender Trotz, der sie getrieben hätte, von vornherein gegen diesen Mann sich aufzulehnen, denn ihre eigene innere Wahrhaftigkeit und Treue ließ sie immer zuerst von einem jeden, der in ihren Kreis trat, vermuthen, er möge es wohl redlich meinen und in seiner Weise recht haben. In seiner Weise, denn für sie, das merkte sie bald, blieben jene Gebete und Formeln tote Buchstaben. Wie ganz anders sprachen sie aber auch als das alte Buch, das Vermächtniß ihrer Mutter, das sie, kaum überkommen, nun wieder entbehren mußte! Die geistlichen Herren würden es wohl an sich genommen haben; Polyxene hatte die „Teutsche Theologie“ nicht wieder gesehen, seitdem sie von der Herrenmühle fortgebracht worden war.

Aber obwohl sich Polyxene nach dem Buche sehnte – in unüberwindlicher Ehrlichkeit, auch gegen sich selber, zweifelte sie dennoch daran, ob es ihr zu dem Gottesfrieden und zu der Ergebung geholfen haben würde, nach denen zu streben sie sich mühte. Warum nahte ihr nicht der unsichtbare mächtige Helfer und Freund in ihrer großen Noth, der so geheimnißvoll neben dem Bette der siechen Armen gestanden hatte? Sie betete und rang; sie vermeinte zuweilen, daß diese herbe Prüfung ihr vielleicht geschickt sei, damit sie seine Macht, zu helfen und aufrecht zu halten, kennenlerne; sie hatte ein Gefühl, als ob man in derselben Lage wie sie, ganz abgeschlossen von irdischer Liebe und Freude und Hoffnung, gerade desto wunderbarerer innerer Erfahrungen könne gewürdigt werden, wenn man sich völlig bereit halte, sie in sich zu empfangen. Aber das wollte ihr nicht gelingen. Ihr Beten half nichts; fühlte sie doch, und das war das Qualvollste von allem, daß sie nicht einmal mit aller Kraft ihrer Seele zu beten vermöge um diesen überirdischen Frieden, der sie frei gemacht hätte trotz ihrer Feinde. In ihrem Inneren wechselte matte trübe Nacht und Dumpfheit mit qualvoller Unruhe, mit dem jammernden verzweiflungsvollen Sehnen nach Errettung. Ach, die Magdalena hatte gelebt; die hatte nichts mehr verlangt vom Erdendasein, in das bei ihr schon der nahe Himmel hinein gestrahlt hatte, mit seiner Lichtfluth das Leuchten irdischer Sterne verschlingend. Aber Polyxene war jung, und der Himmel, obwohl sie ihn mit frommer Hoffnung als das Ziel der wohl durchlaufenen irdischen Bahn verehrte, war ihr immer sehr fern, eben am Ende einer langen Bahn erschienen. Schön, ach schön war der Sommer, war der Lenz auf der Erde, war der ernste Wald, war der frühe thauige Morgen! Wer hatte wie sie das freie Schweifen in Wald und Feld genossen, wer das unzertrennliche Zusammensein mit einem fröhlichen Gefährten, wie es Lutz gewesen, der ihr so ganz zusagte! Aber Lutz war aus ihrem Leben verschwunden! Ihr Verlangen, um sein Schicksal zu wissen, ihn wieder zu besitzen, war grenzenlos. Doch wenn sie nun darum betete mit aller Inbrunst ihrer Seele, dann fiel ihr ein: solche Gebete wie das um Befreiung, um den Wiederbesitz des geliebten Knaben sind die richtigen nicht, Gott hat alles dies von mir nehmen wollen; alles, was mich sonst freute, soll ich entbehren lernen, alles, was mir bisher gefiel, soll mir nicht mehr gefallen – solche Sätze hatte sie in der „Teutschen Theologie“ gelesen – nur nach dem unsichtbaren Gute allein soll ich verlangen. Wenn sie recht matt von Jammer war nach einem durchgequälten Tage, dann war es ihr zuweilen, als ob diese Selbstentäußerung ihr gelingen könnte. Aber der Schlaf in der Nacht, der sie zum Glücke doch noch besuchte, pflegte das mühsam Aufgerichtete wieder niederzureißen. Er erneute ihre kräftige Jugend, und diese bäumte sich auf, manchmal sogar zu dem, was sie nachher als gottlose Rebellion gegen das Heilige in bitterer Angst bereute, und so erneuerte sich das Ringen, erneuerte sich die Verzweiflung.

Dann konnte es ihr geschehen, daß sie sich in vermeinter Feindseligkeit abwandte von der göttlichen Gestalt, die sich durch das schmachvolle Kreuz verherrlicht und das Leiden geheiligt hatte, daß sie ihre Gedanken suchend, aber muthlos suchend, umherschickte nach einem irdischen Beistand. Der Oheim? Gebilligt hatte er ihre Fortführung nicht und sie kannte ihn genug, um zu wissen, daß die ebenso unsinnige wie fürchterliche Anschuldigung, die man gegen sie erhob, ihn nicht bewegen würde, an ihr zu zweifeln. Aber so abgeschieden von aller Welt, wie er seit Jahren lebte, [411] würde er wohl wenig zu ihren Gunsten vermögen. So wußte sie niemand außerhalb dieser Mauern, der sich kräftig ihrer annehmen konnte, der es auch nur wollen würde, keine Seele.

Einmal war der Herr von Nievern für sie eingetreten, vor dem ganzen Hofe, ach, auch vor langer Zeit, wie es ihr jetzt vorkam. Es war wohl nur eine Laune von ihm gewesen, denn wo sie sich vorher angetroffen, hatte er den Verkehr mit ihr leicht genommen, wie er alles leicht nahm. Aber trotzdem trat ihr sein kräftiges schönes und ein wenig spöttisches Gesicht jetzt oft vor Augen, und jedesmal wehte etwas wie ein Hauch der Freiheit um dasselbe, der ihr Herz mit Sehnsucht füllte zum Zerspringen. Wo dieser Mann war, da war Luft und Leben und Licht, und es schien ihr schon eine traurige Wohlthat, daß es jemand gab, der alledem so unendlich fern stand, womit man sie hier quälte. Gewiß ahnte er davon nichts. Ach, wenn er es gewußt hätte! Er würde vielleicht Mitleid mit ihr gehabt haben. Denn glauben, glauben jenes Fürchterliche, das man von ihr und Lutz sagte, das konnte er im Ernste nicht!

So sehnsüchtig Polyxene in das Stückchen Himmel geschaut hatte, während es nach und nach seine Abendfärbung annahm – jetzt wandte sie rasch und mit gespanntem Ausdruck den Kopf nach der Thür, an der sie ein Geräusch hörte. Denn es war nicht die Zeit, um welche sich dieselbe für sie zu öffnen pflegte zu den Gängen nach der Kapelle. Wirklich wurden die Riegel zurückgeschoben und der Schlüssel herumgedreht. Schon stand Polyxene, die ganze Seele in den Augen. Aber ein Schatten der Enttäuschung flog allsogleich über das gespannte Gesicht, als die Thür nur einer ältlichen Nonne Einlaß gewährte und weiter niemand ... Doch ging das Fräulein der Klosterfrau grüßend entgegen; sie neigte den edlen Nacken dem Segen, den diese geistliche alte Jungfer, eine schmächtige Gestalt, ihr in der üblichen Weise und ein wenig flüchtig mit ein paar ausgestreckten Fingern angedeihen ließ. Dann setzte sich die Nonne zu ihr.

Es schien, als ob sie gekommen wäre, um ein wohlwollend erbauliches Gespräch mit dem unfreiwilligen Gaste des Klosters zu führen. Sie fragte nach den Andachtsübungen, denen sich das Fräulein von Leyen nach Vorschrift zu unterziehen hatte, aber etwa so, wie die Frauenzimmer einander wohl nach dem Fortgang der Stickerei oder Strickarbeit fragen. Denn es lag in der Art und Weise dieser Schwester, die unter dem Schleier ein Gesicht von platter Gewöhnlichkeit zeigte, daß alles, was sie berührte, den Anstrich des Alltäglichen erhielt. Und doch galt sie für klug, um nicht zu sagen schlau, und war von Einfluß im Kloster; sie war sogar mit der Zeit zur Subpriorin desselben aufgerückt. Und da die Aebtissin an Asthma litt – sie war eine Raugräfin von Degenfeld und wohl mehr in Anerkennung ihrer vornehmen Herkunft als infolge ihrer sonstigen etwas verblaßten Eigenschaften zu ihrer Würde im Kloster gelangt – so war von dem Geschäftlichen nach und nach das Meiste der Subpriorin, der Schwester Veritas, zugefallen. Der Pater Gollermann hatte von ihren Gaben keine ganz geringe Meinung und pflegte sich des öfteren mit ihr zu besprechen.

Das alles aber merkte man der Nonne nicht an, und so hatte denn auch Polyxene sie noch kaum von den übrigen Schwestern unterschieden. Während sie nun nach der Zahl ihrer täglich gebeteten Rosenkränze und Ave Marias gefragt wurde und ehrlich Auskunft gab, wartete sie mit Verlangen und zugleich nicht ohne Bangigkeit darauf, daß der eigentliche Zweck des Besuches sich enthüllen möge. Oder sollte die gute Schwester wirklich keinen anderen haben als den, dem Fräulein ein wenig die Zeit in ihrer Einsamkeit zu vertreiben? Fast schien es so, denn sie kam auch auf andere als nur geistliche Dinge zu sprechen und erkundigte sich nach diesem und jenem aus dem Leben Polyxenens auf der Herrenmühle. Da mußte auch Lutzens gedacht werden, natürlich, und man konnte es dem Mädchen wohl anmerken, wie wund die Stelle war, die da berührt wurde. Aber von geistlichen Personen mit ihrem nur auf das Jenseits gerichteten Blicke darf man billigerweise ein Mitgefühl mit irdischem Jammer wie von einfachen weltlichen Leuten nicht verlangen. Und so geschah es ohne sonderliche Schonung, daß die Nonne einmal fragte: „Ihr haltet Eueren jungen Vetter demnach für ertrunken? Und wann, meint Ihr, wäre er verunglückt?“

„Ob ich ihn für ertrunken halte? Ich muß ja wohl,“ sagte Polyxene und sah doch die Nonne dabei an wie in flehentlicher Erwartung, daß diese etwas dagegen sagen möge. Aber unter deren kalten Augen wollte kein Hoffnungsfunken aufglimmen. Das Schlimmste deuchte dem armen Kinde mit einem Male das Wahrscheinlichste, und sie erschauerte und fröstelte vor Jammer.

Die Klosterfrau, die nach Ordensbrauch meist mit gesenkten Lidern saß, hatte zwischendurch doch ein scharfes Auge auf das junge Geschöpf vor sich gehabt. Sie fragte jetzt noch einmal: „Und wo ist das Unglück geschehen?“

„Am Mühlgraben, denn dort fanden wir seine Jagdtasche,“ sagte Polyxene, trostlos vor sich hinstarrend. Was half es, sich noch gegen diese Annahme zu wehren?

Die Nonne ließ jetzt den Gegenstand wieder fallen und kam von neuem auf das geistliche Gebiet. „Und habt Ihr Trost gefunden in der gehorsamen Ausübung dessen, was man Euch vorgeschrieben hat, meine Tochter?“

„Trost? Ach nein, ehrwürdige Mutter,“ sagte Polyxene, rastlos die Finger ineinander schlingend, und ihre gequälten Augen redeten dieselbe Sprache.

Da, mit einem Male – wie war es nur? – da hatte die Nonne einen anderen Ton angeschlagen. Da war von einer eiternden Wunde die Rede, die nach innen schwäre, und die sei das belastete Gewissen. Dagegen gebe es nur ein Heilmittel: ein offenes Geständniß, in das Ohr der Kirche abgelegt. Die Kirche sei unerschöpflich in ihrer Gnade, und ihre Zuchtmittel, wenn sie denn züchtigen müsse, um eine Seele zu retten, seien unendlich milder als die der weltlichen Gerechtigkeit. Taste sie doch niemals das Leben an wie diese, damit die Seele den Wirkungen der Fürbitte der Heiligen noch ausgesetzt bleiben könne.

„Ich verstehe Euch nicht, ehrwürdige Mutter, was soll ich bekennen?“ fragte Polyxene endlich, nachdem sie vergebens versucht hatte, sich in diesen Reden zurechtzufinden. Da ward das Gesicht der Nonne so eiskalt, wie man es bei seinem gewöhnlichen Ausdruck flacher Gutmüthigkeit gar nicht für möglich gehalten hätte. Sie erhob sich und sprach: „Hütet Euch, daß Euere bösliche Verstocktheit Euch nicht noch gereue! Bisher habt Ihr nur die Milde Euerer geistlichen Vormünder kennengelernt. Euere eigene Schuld ist es, wenn sie sich endlich genöthigt sehen, zu den Mitteln zu greifen, die gegen völlig verhärtete Gemüther zur Anwendung kommen. Ernstlich ermahne ich Euch: geht in Euch! In drei Tagen werde ich wieder kommen. Sehet zu, daß Ihr mir alsdann etwas zu sagen habt. Und bis dahin verlaßt Ihr, nach dem Willen unserer hochwürdigen Aebtissin, diese Zelle nicht. Haben bisher unsere Gottesdienste vergeblich an Euer eigensinniges Herz gepocht, damit es seiner Unthat sich durch Bekenntniß entledige, nun, vielleicht bringt Euch die Einsamkeit besseren Entschluß!“

Sie ging nach der Thüre, als wolle sie unaufhaltsam sich entfernen, drehte sich aber zuguterletzt doch noch einmal herum. Gar zu gerne hätte sie dem Pater Gollermann etwas zu berichten gehabt, etwas, was diese nun schon langwierige Angelegenheit förderte. Sie gab sich den Anschein, als glaube sie, das Fräulein habe sie angerufen. Vielleicht hatte auch wirklich die Furcht vor der strengern Klausur schon gewirkt! Nein – oder doch wenigstens nicht in einer Weise, aus welcher die Klosterfrau heute schon hätte Vortheil ziehen können, wie ein Blick sie erkennen ließ. Denn sie sah in ein Antlitz, das allerdings ihr noch immer zugewandt war, aber vor Entsetzen wie versteinert schien. Und der irre und zugleich wilde Ausdruck der Augen war derart, daß die Nonne alles Verlangen nach längerem Bleiben verlor und die Thüre mit einer Hast entriegelte und verschloß, die ihr sonst nicht eigen war. Draußen erst, auf der andern Seite der Thüre, nahm sie sich wieder Zeit und verwahrte den Eingang mit grausamer Langsamkeit. Wenigstens war es der starr und gedankenlos hinhorchenden Polyxene drinnen, als ob das Rasseln der Riegel und Schlösser gar kein Ende nehme.

Dasselbe hatte jedoch lange schon aufgehört, als Polyxene immer noch unbeweglich saß, den Nachhall jener Töne im Ohr, unfähig zu denken, ohne jede andere Empfindung als die eines grenzenlosen Elends. Nur langsam kehrte ihr die Fähigkeit zurück, das, was sie eben gehört hatte, in Gedanken zu bemeistern. Dann aber fuhr sie empor, warf die Arme in die Höhe und nahm den Kopf zwischen die Hände in verzweifeltem Jammer. Solchen Menschen war sie hier preisgegeben, die wie diese Nonne sie für eine Mörderin hielten und in ein tückisches Netz verstrickten, wahrlich nicht um ihres Seelenheiles willen, sondern um ein Geständniß aus ihr [414] herauszuquälen! Nichtig war der Vorwand gewesen, es handle sich um ihren Glauben – um den Schaden, den derselbe durch den Verkehr mit der Exkommunizierten genommen haben könne. Aber warum hatte man sie, wenn man sie schuldig glaubte, dem Arme der weltlichen Gerechtigkeit entzogen? In ihr regte sich der stolze Geist ihres adligen Geschlechtes. Offen und laut sollte man sie anklagen, damit sie ebenso sich vertheidigen könnte! Und wenn man ihr nicht glaubte, wenn sie etwa gar unschuldig sterben sollte – ein herzzerschneidendes Weh befiel sie bei diesem Gedanken, und doch fühlte sie zugleich, daß sie den Tod weit, weit der ewigen Einmauerung hier vorziehen würde, auf die es vielleicht abgesehen war. Der Tod würde sie vereinigen mit ihrem Vater ach, mit ihrer Mutter!

Mit der Mutter! Sie hatte sich, so lange sie zu denken wußte, nach dieser Mutter gesehnt. Und jetzt? „Mutter, Mutter – Mütterchen, ach, hilf mir!“ rief sie plötzlich außer sich und rang die wild erhobenen Hände. Die Jugend in ihr stieß diesen jammervollen Hilfeschrei aus, und er bedeutete nicht: hebe mich zu dir empor aus diesem Grauen in das lichte Reich des Friedens, sondern: öffne mir die Riegel, daß ich nur wieder frei sei, daß ich Gottes Luft wieder draußen athme und unbedroht lebe – lebe!

Textdaten
zum vorherigen Teil
>>>
zum nächsten Teil
aus: Die Gartenlaube 1893, Heft 26, S. 429–434
[429]
17.

Der Hofstaat der Frau Pfalzgräfin wies wieder eine angenehme Vollzähligkeit auf, da der beurlaubt gewesene Kavalier, der Oberjägermeister von Nievern, zurückgekehrt und sehr wohl empfangen worden war. Die Dame hatte keinen Vorwurf für ihn gehabt; sie war eitel Huld gewesen. Nieverns Falkenkauf war ihr sehr zu Dank ausgefallen; sie ließ sofort Hofjagd ansagen, um mit den neuen Vögeln den Reiher zu beizen. Nievern kam ihr bei dem Ritte nicht von der Seiten; hätte er sich – wenn anders dieser unehrerbietige Ausdruck erlaubt ist – die fürstliche Gebieterin kirre machen, ziehen und an die Hand gewöhnen wollen – er merkte wohl, daß er dazu keinen besseren Weg hätte einschlagen können als den unabsichtlich gewählten. jenen erzwungenen Urlaub und die mehrwöchige Entfernung.

Da bei dieser Jagd die Damen alle beritten waren, so fehlte diesmal der Schatten der Pfalzgräfin, wie Frau von Biberen sich ein wenig boshaft ausdrückte, Frau von Méninville nämlich. So verändert gegen früher die Stellung und Bedeutung der frommen Witwe jetzt auch war, etwas halb Geistliches haftete ihr immer an, und sie zog viel zu viel Vortheil aus dieser Schattierung ihres Wesens, als daß sie dieselbe hätte aufgeben mögen. Nicht, daß sie nicht auch ein Pferd zu besteigen gewußt hätte. Ha! Sie lachte leise in sich hinein, halb verächtlich, wenn sie an die Figur dachte, [430] welche die Pfalzgräfin zu Pferde machte. Wie steif saß Frau Sabine Eleonore auf ihrem wohlzugerittenen frommen Leibzelter! Wie eine Kartenkönigin! Frau von Méninville, die sich in diesem Augenblicke in ihrem dicht an den Privatgemächeru der Pfalzgräfin belegenen Zimmer befand, trat hier merkwürdigerweise sogar dem ovalen Spiegel näher und betrachtete das Bild, welches er zurückwarf sehr angelegentlich. Sie sah eine zierliche Figur, ein Gesicht mit sehr schmaler weißer Stirn und scharfer Nase, das man aber durchaus nicht häßlich nennen konnte. Dasselbe wäre sogar anmuthend gewesen ohne die allzu matt gefärbte Umgebung der blassen Augen, die fast unsichtbaren Brauen und Wimpern.

Frau von Méninville half diesem doch wohl empfundenen Mangel dadurch nach, daß sie Kopf und Schultern durch eine Art Haube mit schwarzen Schleiern umrahmte, welche aber den röthlich blonden Scheitel unbedeckt ließ und so die Farbe des Haares und die Weiße der Haut durch den Gegensatz hervorhob. Sie legte an diesen Kopfputz jetzt eine letzte Hand, das heißt sie knüpfte die Schleierenden über dem Busen und nestelte und zupfte so lange, bis ein Stückchen Hals, der noch weiß und glatt genug war, vorn aus den schwarzen Falten hervorschien. Und jetzt legte sie sogar die Hände um die schlanke Taille und maß und spannte, nicht ohne Wohlgefallen. Für eine nur noch halb der eiteln Weltlichkeit, mit dem Herzen aber dem geistlichen Stand angehörige Frau schnürte sie sich eigentlich recht stark, die gute Méninville.

Und nun wendete sie sich vom Spiegel ins Zimmer zurück, über das sie noch einmal einen prüfenden Blick schickte. Sie konnte zufrieden sein: das Gemach, obwohl mit Möbeln des Schlosses ausgestattet, hatte doch von seiner jetzigen Bewohnerin das Gepräge erhalten und athmete den gleichen Geist eines durch Weiblichkeit gemilderten religiösen Ernstes wie das Aeußere der Dame selber. Es war ein sehr anmuthiger, heller und luftiger Raum, in welchem Kruzifix und Betschemel sowie einiger klösterliche Zierat sich ganz unaufdringlich in den Ecken hielt. Um den großen, ovalen, in Weiß und Gold gehaltenen Tisch in der Mitte standen geschweifte Sessel, und an der Seite war aus einer Art Büffett von eingelegtem Holze sehr zierliches Geschirr aufgereiht. Denn die Pfalzgräfin hatte angefangen, sich aus ihren eigenen Gemächern, in denen sie stets mehr oder weniger repräsentieren mußte, des öfteren hierher zu ihrer Vertrauten zurückzuziehen. Und in der letzten Zeit hatte sie sogar der Frau von Méninville die Ehre geschenkt, irgend eine Näscherei, die sie sehr liebte, oder eine Tasse von dem noch seltenen Tranke, den man anfing, schätzen zu lernen, dem Kaffee nämlich, bei ihr zu sich zu nehmen.

Die Méninville bereitete diesen selber mit vieler Gewandtheit und bediente ebenso. Man war so ungestört hier ... es war dies Gemach der Méninville wirklich ein kleines Dorado. Und heute wußte man kaum, war der Vorschlag von der kleinen Hoheit selber ausgegangen oder war der Gedanke ihr so geschickt von der trefflichen Méninville eingegeben worden, daß sie ihn für ihren eigenen hielt – der Plan nämlich, daß zu einem solch kleinen goûter in allerstrengster Vertraulichkeit und Ungestörtheit der wieder zurückgekehrte Oberjägermeister von Nievern zugezogen werden sollte. Der Kavalier hatte die mit sehr gesetzter Miene ausgerichtete Aufforderung dazu durch Frau von Méninville selber im Namen der Pfalzgräfin erhalten. Und an dem leichten Aufblitzen in seiner Miene hatte Frau von Méninville gesehen, daß er den Reiz dieses kleinen Komplotts zu würdigen wisse.

Jetzt nahte die Zeit, wo er kommen mußte. Von der Reiherbeize war man schon in ziemlich früher Nachmittagsstunde zurückgekehrt. Die Theilnehmer hatten aber erst den Jagdanzug mit dem gewöhnlichen Hofkleide zu vertauschen, und da alles, was Toilette betraf, von der Pfalzgräfin mit größter Wichtigkeit und Umständlichkeit behandelt wurde, so war die Hoffnung, der Kavalier werde eher umgekleidet sein und seiner Gebieterin am Orte des Stelldicheins zuvorkommen, von seiten der Méninville keine ungerechtfertigte. Ja im verschwiegenen Herzen regte sich sogar bei ihr der Gedanke, Nievern, der doch nun endlich in ihr eine an kaltblütiger überlegener Kühnheit ihm Ebenbürtige wittern mußte, hätte nicht ungern die Gelegenheit ergreifen sollen, einmal mit ihr und noch dazu an einem so unverfänglichen Ort ungestört zusammen zu sein.

Frau von Méninville hatte aber zu warten, so lange, bis sie von der heutigen Gelegenheit wenig mehr erhoffte. Endlich ertönte draußen der ihr wohlbekannte Schritt, Herr von Nievern trat ein, und nun wurde sie entschädigt. Denn als er sich noch mit ihr allein fand, da ging etwas über sein hübsches Gesicht, womit sie wohl zufrieden sein konnte. Doch blieb alles, was zwischen beiden vorging, in den Grenzen wohl abgezirkelter Höflichkeit. Herr von Nievern verneigte sich – es schmeichelte der Frau, wie tief die Verneigung ausfiel. Sie ergriff ihn darauf bei der Hand, was die Sitte ihr erlaubte, um ihn zu einem Sitze zu führen, und da ging es durch sie hin, durch die Sinne bis zu dem kalten Herzen, wo etwas wie flüchtige Scheinwärme sich erzeugte – daß seine kräftige Rechte die Zartheit ihrer dünnen Finger empfinde und derselben gleichsam huldige mit dem allerleisesten Drucke.

„Unsere allergnädigste Frau läßt noch auf sich warten, aber sie wird hoffentlich nicht allzu lange mehr verziehen,“ begann Frau von Méninville das Gespräch. „Wolle der Herr Oberjägermeister es sich nicht verdrießen lassen, einstweilen mit meiner geringen Unterhaltsamkeit vorlieb zu nehmen!“

„Ich wünsche mir nichts Besseres,“ sagte Herr von Nievern und begleitete die Worte mit einem sehr sprechenden Blicke. Sie hob darauf die Ehre hervor, die es für sie sei, den Kavalier gerade hier, in ihrem derzeitigen Logement, zu empfangen, und lenkte dadurch die Aufmerksamkeit Nieverns auf die Umgebung, der sie ohne Zweifel einen gewissen Reiz mitgetheilt hatte.

„Dieses Gemach scheint mir ein Zufluchtsort der Grazien,“ versicherte er nun galant, sich allerdings jetzt erst etwas genauer umsehend. „Ich schätze mich glücklich, der Ehre des Eintrittes hier gewürdigt worden zu sein.“

„Ach, der Herr Oberjägermeister schmeichelt einer Person, welche dieser Sprache nicht mehr gewohnt ist und nicht gedacht hat, sie je wieder zu vernehmen,“ sagte die Dame mit einem kleinen Seufzer angenehmer Wehmuth. „Sie ist ihm aber wohl noch geläufig von seinem Aufenthalte in Malmedy her,“ fügte sie in einem anderen Tone hinzu, und dann: „Ob ich Euch wohl verrathen darf, daß man Euch hier sehr vermißt hat, Herr Oberjägermeister?“

Er blickte leicht überrascht und aufmerksam zu ihr hinüber. Sie aber behielt die Augen fest auf ihn gerichtet, während sie fortfuhr: „Der Pfalzgräfin Hoheit war die Zeit her gar mißgestimmt; mit Euerer Rückkehr ist plötzlich wieder anderes Wetter geworden. Sie war damals sehr erzürnt, als Ihr so eilfertig verschwunden waret. Aber an der Entbehrung wurde der Werth des hochzuverehrenden Herrn gemessen, und jetzt ist Euch, wie Ihr merken werdet, nur die Huld der gnädigsten Frau übrig geblieben.“

Wieder sah der Oberjägermeister die Dame forschend an; er wußte nicht recht, wo sie hinaus wollte. Sie lächelte nur leicht, in schwer zu deutender Weise. „Warum sagt Ihr mir das alles, verehrte Dame?“ fragte er mit einnehmender Offenheit.

„Um Euch zugleich deswegen zu beglückwünschen,“ entgegnete sie unverweilt; und ihre jetzt belebten grünlichen Augen schillerten in die seinen. „Kann es etwas Ehrenvolleres und zugleich Unterhaltsameres geben, als die Gegenwart unserer Fürstin stundenlang ohne störende Beimischung anderer Elemente zu genießen? Sogar meine armselige Person, die doch so tief unter der eines glänzenden Kavalieres steht, wie der Herr einer ist, weiß davon zu erzählen!“

Wie beredt ihr Mienenspiel war und der kleine, die letzten Worte begleitende Seufzer! Der Herr von Nievern, mit aufleuchtenden Augen, verstand sie. Er hatte plötzlich seinen Stuhl näher gerückt und beugte sich dicht zu ihr. Die Komödie fing an, ihn sehr angenehm zu beschäftigen. „Von dem Verstand der liebenswürdigen Frau von Méninville habe ich längst eine hohe Meinung,“ sagte er. „Deute ich Dero Worte richtig, so beklagen dieselbe uns beide jetzt gewissermaßen als Leidensgefährten von wegen der geringen Kurzweil, so die Gunst, deren wir beide theilhaftig werden, einem etwas lebhafteren Ingenium gewährt. Ich aber versichere Euch, daß ich die Verwendung meiner Zeit nicht schelten werde, die mich alsdann hoffentlich des öfteren auch – wie eben jetzt – des Gespräches mit einer der Verständigsten ihres Geschlechtes genießen läßt.“

Sie hatte das Kompliment über ihre Klugheit mit einem feinen Lächeln eben nicht völlig abgelehnt. „Ihr seid zu gütig, Herr von Nievern,“ sagte sie. „Was Ihr an mir rühmt, ist in Wahrheit nur die Fähigkeit, dem überlegenen Geiste eines Mannes, da wo er mir begegnet“ – mit einem vielsagenden Blicke zu ihm hinüber – „mich zu beugen und, wenn es mir gestattet ist, ihm bewundernd auf seiner Bahn zu folgen.“ Und dann, mit einer plötzlichen Offenheit, welche hier ein vorzüglicher Kunstgriff war: „Ihr seid ein [431] Mann, Herr Oberjägermeister, wie ich an Höfen und sonst noch wenige kennengelernt habe.“

Der Oberjägermeister verbeugte sich, auf diese Weise den Blitz seiner Augen dämpfend. Wahrlich, das war nicht übel! Er bewunderte in der Frau die Kühnheit, mit der sie verfuhr. Jetzt lenkte sie, die Leitung des Gesprächs behaltend, dasselbe auf einen anderen Gegenstand. „Während Ihr anderwärts Euch zerstreutet,“ begann sie von neuem, „haben auch wir einiges erlebt, und wunderliche Dinge noch dazu. Ist Euch schon kund geworden, Herr von Nievern, daß die Pest heimlicher Irrlehre bis in die Nähe unseres Hofes sich herangeschlichen und sogar Jugend und Schönheit nicht verschont hat?“

Wie es sich traf, hatte heute während der Jagd einer der Kavaliere als einen halben Scherz dem Oberjägermeister erzählt, hübsche junge Damen befaßten sich jetzt hier mit Theologie: die kleine Leyen disputiere mit dem Pater Gollermann und sitze deswegen im Kloster der Ursulinerinnen. Der Kummer darüber, daß ihr junger Vetter auf und davongelaufen sei, möge ihr wohl zu Kopfe gestiegen sein. Aber Nievern, in Anspruch genommen durch die verliebte Pfalzgräfin, hatte die seltsame Kunde leicht genommen und nur sich vorgesetzt, ihr bei mehr Muße alsbald auf den Grund zu kommen. So war er nun vorbereitet und ahnte, worauf die fromme Dame ziele. Dennoch hütete er sich, einen Namen hier zuerst zu nennen, welcher anfing, ihm gegen seinen Willen immer wichtiger zu werden. „Von wem redet Ihr, verehrte Frau?“ sagte er, mit einer Miene wenig betheiligter Neugier, welche sie dennoch völlig durchschaute.

„Ihr werdet es nicht errathen,“ entgegnete sie, nach ihrer Art, auf alle Fälle lieber zu verhehlen. „Von einem Fräulein, an dem auch Ihr gewiß Antheil nehmen werdet, wie wir alle thun . . .“ Sie machte absichtlich eine Pause, aber er schwieg, so daß sie fortfahren mußte: „Das Fräulein von Leyen, irregeleitet durch die eigene Klugheit, von der sie kein ganz geringes Maß besitzen soll, ist schmählich in eine Falle des Bösen gegangen. Eine Verworfene, von der heiligen Kirche Verstoßene hat sich des schönen Mitleids ihrer Seele bemächtigt und sie mit sich auf die unheilige Bahn gezogen. So sagt uns Pater Gollermann. Er besucht das Fräulein im Kloster der Ursulinerinnen, wo sie sich aufhält, und bringt betrübende Nachricht über ihre geringe Neigung, sich von ihm belehren zu lassen.“

Die Méninville hatte das alles eintönig gesprochen, als sei sie lediglich das Mundstück für einen Bericht von Thatsachen. Seltsam, wie wenig Herr von Nievern auf das achtete, was sie vorbrachte. Sie sprach von Polyxenen, das war genug! Hätte sie ahnen können, was der Name in ihrem Zuhörer wirkte! Nievern wurde es von neuem inne, daß sein ganzes Inneres nur noch Zündstoff war für diese Flamme. Selbst das verwegene Lustgefühl bei dem kecken Vorstoß der Méninville vorhin war nur ein Funke, welcher derselben Flamme entstammte. Um so sorgfältiger hütete er jetzt Blick und Miene. „Wunderliche Neuigkeiten allerdings,“ sagte er kühl. „Es muß unsereinen billig wundern und ist nicht sehr schmeichelhaft für die Kavaliere in Birkenfeld, wenn junge Damen von Rang nichts Besseres zu thun wissen, als sich mit Theologie zu befassen.“ Und ein wenig spöttisch fuhr er fort: „Und hält der hochwürdige Pater Gollermann wirklich die Meinung dieses, wie mich dünkt, noch sehr jugendlichen Fräuleins für wichtig genug, um seine tiefe Gelehrsamkeit ihr zu Nutz und Frommen zu lüften? Er disputiert mit ihr, sagtet Ihr nicht so?“

Wie gründlich er die Lage Polyxenens verkannte! Seine Gesellschafterin hatte ihre boshafte Freude daran. „Der hochwürdige Herr, eifrig wie er ist, nimmt sich allerdings die Verirrungen des Fräuleins sehr zu Herzen und hofft, wenigstens die Errettung ihrer Seele durchzusetzen,“ sagte sie zweideutig.

Es lag etwas in der Vorstellung von dem mit eifrigen Ermahnungen bei Polyxenen beschäftigten Jesuiten, was dem Oberjägermeister nicht sonderlich gefiel. Auf die bedeutungsvollen Worte, welche Frau von Méninville gewählt, hatte er, ahnungslos, wie er noch immer war nicht genug geachtet. „Da das Fräulein dem Herrn Pater bis ins Kloster entgegengekommen ist,“ meinte er leichthin, um seine eifersüchtige Anwandlung zu verbergen, „so werden seine Bemühungen um ihren Glauben kaum vergeblich sein. Wie lange denkt sie in dieser frommen Zurückgezogenheit noch zu verweilen?“

Was war das? Was hatte ihn aus den kalten blond umränderten Augen ihm gegenüber da eben sekundenlang angeschaut? Die innerste Natur des Weibes, das vor ihm saß und jetzt mit sanfter Stimme sprach: „Ihr haltet den Aufenthalt des Fräuleins von Leyen bei den Nonnen von St. Ursula für einen freiwilligen? Ihr irrt, Herr von Nievern ... Schwerlich werden sich die Pforten des Klosters wieder für sie öffnen, was wir alle im Namen der Schönheit und Jugend beklagen müssen, nicht wahr?“

Schon jetzt hätte Herr von Nievern die fromme Witwe, die ihm vorhin noch fast begehrenswert erschienen war, erdrosseln können. Er glaubte ihr übrigens nicht; sie schien ihm sehr wohl fähig, ein Lügengewebe vor ihm auszubreiten, und dieser Umstand hielt seinem inneren Entsetzen einstweilen noch die Wage. „Ihr meint, man werde das Fräulein noch so weit bethören, daß sie den Schleier nähme? Das wäre allerdings zu bedauern,“ sagte er kalt. „Man vergißt aber wohl, daß noch etliche Jahre an ihrer Mündigkeit fehlen . ihr Vormund wird solche Thorheit schwerlich zulassen.“

Kein Zweifel, der Antheil, welchen Nievern an dem hochfahrenden Geschöpfe, dieser Polyxene, nahm, war wärmer, als er merken lassen wollte. Und so schickte sich denn Frau von Méninville an, die weiteren Trümpfe, die sie in der Hand hielt, mit grausamem Genusse auszuspielen. Sie sah den Oberjägermeister an und sagte: „Ich will offen sein, Herr von Nievern, wie es sich gegen einen Mann wie Euch ziemt. Das Fräulein hat sich in einen bösen Handel gebracht und keineswegs nur von seiten der Religion, obwohl sie auch da unglaublich unvorsichtig und störrisch sich gezeigt hat. Habt Ihr gehört, daß der Vetter des Fräuleins, der Junker Ludwig, der Majoratsherr, seit einigen Wochen verschwunden ist?“

„Erst heute erfuhr ich die seltsame Nachricht. Es hieß, er sei davongelaufen,“ entgegnete Herr von Nievern.

„Hieß es so?“ Mit einem Zuge unsäglichen Hohnes kamen die Worte von den schmalen Lippen. „Andere fürchten, der hübsche Junker sei so weit fort, daß er schwerlich jemals wiederkommen werde.“

„Was meint Ihr? Erklärt Euch deutlicher!“ Daß Herr von Nievern von der umständlichen Höflichkeit von vorhin jetzt einiges vermissen ließ, mochte durch die ernste Wendung entschuldigt werden, welche das Gespräch genommen hatte.

Frau von Méninville schien nun doch ein gewisses Zögern überwinden zu müssen. „Die schöne Polyxene,“ fuhr sie endlich fort, „hat es sich entschlüpfen lassen, daß sie an dieses Märchen vom Davonlaufen des Knaben selber nicht glaube. Sie läßt vermuthen, er sei verunglückt. Und daß der arme Schelm in den Mühlgraben gestürzt und dort zu Tode gekommen sei, das ist allerdings für alle, die das Nähere erfahren haben, glaublich genug.“

„Entsetzlich ... der arme Junge,“ sagte Nievern leise, mit schwerem Nachdruck. Sein kräftiges schmales Antlitz war erblaßt.

Er fühlte also wicklich, dieser schöne, leichtlebige Kavalier! In der Theorie hätte die Méninville ihn dafür verachten müssen. Da er ihr aber überhaupt gefiel, gefiel ihr auch diese Seite seines lebensvollen Wesens. „In der That entsetzlich,“ sagte sie, und es war, wie wenn der volle tiefe Glockenklang durch ein hohles Blech nachgeahmt würde. „Ein so jäher schrecklicher Tod in so blühenden jungen Jahren! Warum war aber auch der frische Junker mit Gütern gesegnet und sein schönes Bäschen so arm!“ – Das Weib hatte begonnen, seinem Hasse die Zügel schießen zu lassen, aber zu früh. Jetzt warnte sie der Ausdruck – ein wahrhaft furchtbarer Ausdruck – seines fest auf sie gerichteten Antlitzes; sie fuhr daher fort, anders, als sie gewollt hatte: „Es ist schlimm für das Fräulein, daß sie allein durch den Tod des Vetters gewinnt und daß deshalb der Argwohn entstehen mußte, sie habe bei seinem Verschwinden die Hand im Spiele gehabt.“

In diesem Augenblick zeigte Herr von Nievern, daß er der Méninville gewachsen war. Er bändigte die gewaltsamste Empfindung, die er je im Leben gehabt hatte, und blieb von außen undurchdringlich. So täuschte er sie sogar, und als er jetzt mit einer Ruhe, die ihr allerdings hätte auffallen sollen, nur sagte: „Ein abenteuerlicher Verdacht – er ist wohl kaum ernstlicher Erwägung werth,“ da ging sie in seine Falle. Sie ließ ein wenig von ihrem Behagen merken bei ihrer Antwort: „Hohen und höchsten Orts denkt man anders. Und so ist denn die Klausur bei den Ursulinerinnen nur eine Form der Haft für das in jedem Falle beklagenswerthe Fräulein und wahrscheinlich nur das Vorspiel zu einer weit strengern.“

[432] „Ihr beklagt sie also doch?“ sagte er, die fromme Dame fest ansehend.

Nun wurde es für Frau von Méninville zum Unglück, daß sie nicht anders wie ihre fürstliche Herrin, für diesen anziehenden Mann wirklich eine Art Verliebtheit empfand. Es war über sie gekommen, sie wußte selbst nicht wie, und riß sie fort wider besseres Wissen. Durch eine Art Dämon getrieben, sich ihm hier einmal zu zeigen, wie sie war – vielleicht auch in der Empfindung, daß die cynische Seite ihres Wesens verwandte Saiten in diesem vornehmen Spötter erklingen lassen würde – erwiderte sie rasch: „Ich beklage vor allem, daß sie nicht klüger gehandelt hat! Dem hübschen Jungen mit einem kleinen Stoße etwas früher ins Paradies zu verhelfen, nach dem wir ja alle streben, und so aus einem Fräulein von Habenichts eine reiche Erbin zu werden – das zeugt wenigstens nicht eben von Einfalt. Sie hat gewußt, was sie wollte – ich mache ihr mein Kompliment. Vielleicht thue ich ihr aber auch zu viel Ehre an – vielleicht ist die Erleuchtung, wie ganz anders und besser es für sie sein würde, wenn jene Augen den Tag nicht mehr sähen, plötzlich über sie gekommen, bei einem kleinen Streite etwa. Sie hat dafür gethan ... Ort und Gelegenheit sind so günstig gewesen, wie sie nur sein konnten. Nachher aber hat die schöne Polyxene leider den Kopf verloren. Wer hätte an den Mühlgraben gedacht, wenn sie nicht das Gerücht verbreitet hätte, der Knabe müsse dort verunglückt sein? Hätte sie das Verschwinden des Burschen auf sich beruhen lassen und nicht in einer übeln Stunde den Versuch gemacht, dasselbe zu erklären – es wäre besser für sie gewesen. Ein eigenes Verhängniß, welches die Urheber heimlicher Thaten so oft dazu anzutreiben scheint, die Gerechtigkeit selber auf ihre Spur zu lenken! Ich habe mir von erfahrenen Männern sagen lassen, daß dergleichen häufig vorkommt,“ schloß Frau von Méninville mit etwas wie philosophischer Beschaulichkeit.

„Ihr scheint dem Thema, wie man Verbrechen verhehlt, reiflicher nachgedacht zu haben als dies unglückliche Fräulein,“ sagte hierauf der Oberjägermeister mit einem Tone, der aus trockener Kehle zu kommen schien. Er hatte die Bemerkung wahrscheinlich nur gemacht, weil ihm eben keine andere eingefallen war, um dies fürchterliche Gespräch noch zu fristen, ohne seine innere Verfassung zu verrathen. Da ließ sich zum Glück das Herannahen der Pfalzgräfin merken. Thüren gingen auf und man hörte schon das Rauschen und Knistern der fürstlichen Gewänder. Nieverns Augen richteten sich wie erlöst auf den Eingang, durch den Frau Sabine Eleonore kommen mußte, und er sah daher nicht, daß seine letzten Worte die Méninville in seltsamer Weise berührt hatten. Die treffliche Frau hatte sich leicht verfärbt; ihre Lippen waren weiß und sie schluckte, als habe ihr etwas den Athem versetzt. Aber der Schrecken, den sie gehabt haben mußte, blieb völlig unbemerkt und sie hatte hinlänglich Zeit, sich zu fassen, während jetzt die kleine Hoheit hereinrauschte und mit tiefen Verbeugungen von ihr und dem Kavalier begrüßt wurde.

Sabine Eleonore gab alsbald, soweit sie dies bei ihrer eingefleischten Steifheit vermochte, zu verstehen, daß man heute einmal ganz à son aise sein wolle, und forderte sogar mit einem Anflug von Scherzhaftigkeit Frau von Méninville auf, jetzt auch einmal die Wirthin ihrer Fürstin zu spielen. „Zeigt, daß Ihr einen Trank zu bereiten versteht, den man Euch lange gedenkt,“ waren die Worte, die sie brauchte. Herr von Nievern, innerlich aus dem Gleichgewicht gebracht und froh, daß er noch schweigen durfte, sah in finsterer Gedankenlosigkeit den Vorbereitungen der Méninville zu, welche am Kamin mit einem kleinen Kohlenbecken hantierte, über dem der silberne Kessel brodelte. Dabei streifte er auch einmal wieder ihr Gesicht mit den Augen und nun staunte er darüber, daß ihm dies scharfe Gesicht mit den blutlosen Lippen vorhin fast rosig vorgekommen war. Und auch die Pfalzgräfin mochte eine ähnliche Bemerkung an ihrer Vertrauten gemacht haben. „Seid Ihr unpaß, liebe Méninville?“ fragte sie scharf, denn ein Unwohlsein der Vertrauten hätte ihr gerade jetzt sehr wenig am Platze geschienen. „Mich dünkt, Ihr seht ganz alteriert aus.“

Niemand konnte jemals diese treffliche Frau, die Méninville, so verachten, wie sie sich in diesem Augenblick innerlich selber verachtete, ob dieser Schwäche, den Schrecken, den sie eben zweimal kurz hintereinander über zufällig gefallene Worte empfunden hatte, im Antlitz sichtbar werden zu lassen. Sie versicherte natürlich ihrer Gebieterin, daß sie sich so wohl wie je befinde, höchstens könne der Dunst der Kohlen einen leichten vorübergehenden Kopfschmerz verursachen.

Sie hatte es nicht glücklich getroffen mit ihrem heutigen Unternehmen, die arme Pfalzgräfin. Sie mußte gewahr werden, daß auch der dritte Theilnehmer, der Herr von Nievern, sein sonstiges angenehmes Selbst vermissen ließ, Er schien ein anderer, als sie ihn kannte, wortkarg, ja zerstreut und dergestalt wenig empfänglich für die Huld, welche man ihm durch die Einladung zu dieser vertraulichen Stunde hatte angedeihen lassen. Und da die Unterhaltsamkeit der Frau von Méninville sich nothwendig in gewissen durch den Respekt gezogenen Grenzen halten mußte, so konnte alles Geschick dieser Dame und alle Selbstbeherrschung eine leicht frostige Stimmung des Ganzen nicht bannen. Die Pfalzgräfin verbarg zuletzt ihre üble Laune nicht mehr. „Mich dünkt, die Jagd heute hat Euch schläfrig gemacht, Herr von Nievern,“ redete sie ihn an, da er einmal wieder in düsteres Schweigen versunken war. „Ich kann es aber nicht loben, daß selbst die Gegenwart Eurer wohlgewogenen Fürstin Euch nicht zu ermuntern vermag, von unserer armen Bewirthung hier gar nicht zu reden. Geht lieber heim und legt Euch aufs Ohr; viel redseliger als einer, der gar schläft, seid Ihr eben auch nicht!“

In diesem Falle zeigte sich einmal wieder dasjenige an dem Herrn von Nievern, was ihm die meisten Frauen gewann, der Reiz einer kecken Rücksichtslosigkeit. Jeder andere Kavalier hätte sich hier wohl aufs eifrigste vertheidigt – der Oberjägermeister that nichts dergleichen sondern stand sofort auf, griff nach seinem naheliegenden Federhut und zeigte unzweideutig an, daß er die Entlassung wörtlich nehme und sofort zu benutzen gedenke.

Das hatte die kleine Dame nicht erwartet; sie wurde roth vor Aerger. „Nun, man muß sagem, Herr, der höflichste seid Ihr nicht!“ rief sie, und verwöhnt, wie sie war, hielt sie kaum noch Thränen eines kindischen Zornes zurück.

Herr von Nievern sah es, und da er nicht ungroßmüthig war, dauerte sie ihn. In der That vergalt er ihr schlecht, daß sie sich freundlich hatte bezeigen wollen. „Verzeiht, allergnädigste Frau,“ sagte er denn auch, den hübschen Kopf ritterlich vor ihr neigend, „wenn ich mich für Dero höchste Huld heute nicht dankbar genug zu erweisen vermag. Ich selber klage mich an, dagegen scheinbar unerkenntlich und ein schlechter Gesellschafter zu sein. Warum ich es bin, will ich Euerer Hoheit nicht vorenthalten. Mir liegt nicht die Jagd in den Gliedern, sondern ein anderes – das jammervolle Schicksal einer Person, für welche das milde weibliche Herz meiner gnädigsten Frau doch sicherlich auch Mitleid empfinden muß . . .“

Da er hier stockte, sah die Pfalzgräfin, immer noch empfindlich, aber zugleich nicht unangenehm bewegt, halb fragend von ihrem Kavalier zu ihrer getreuen Méninville und von dieser wieder zu jenem. „Was meint Ihr?“ fragte sie dann, schon nicht mehr ganz ungnädig. Worauf er: „Soeben, ehe Hoheit eintrat, erfahre ich durch Frau von Méninville das erste Wort über eine schier unglaubliche Angelegenheit. Ein Fräulein, dem Hofe nahestehend, aus altadeligem Geschlecht, sitzt in einer Klosterhaft wegen der abgeschmacktesten Anklage ...“

„Ah, Ihr meint die Polyxene von Leyen,“ unterbrach ihn die Pfalzgräfin. Und unwirsch fuhr sie die Méninville an: „Ihr hättet auch ’was Gescheiteres thun können, als dem Herrn gerade heute mit dem unglücklichen Handel die Laune zu verderben!“

„Die Laune des Herrn Oberjägermeisters kann unmöglich verfehlen, sich rasch wieder herzustellen, wenn er so gering von dem Gewicht der Verdachtsgründe gegen das Fräulein von Leyen denkt,“ sagte darauf Frau von Méninville mit kaltem Hohne. Wollte dieser Mann etwa als ihr Feind auftreten? Dann wehe ihm! Dann würde, was sie bisher für ihn empfunden hatte, sich umwandeln in den Gärstoff eines um so kräftigeren Hasses!

Indessen hatte sich die Pfalzgräfin besonnen, und nun kam etwas in ihr zu Tage, was sie von ihrer besten Seite zeigte. „Die Leyen dauert mich auch,“ sagte sie, und man sah ihr an, daß es ihr ernst war mit den Worten. „Mir wird ganz übel, wenn ich an die Affaire denke, Und eine solche Schmach für unseren Adel! Ich glaube, ich gäbe ein halbes Dorf dafür, zu erfahren, wohin der Junker verschwunden ist und daß die Polyxene nichts damit zu thun gehabt hat!“

„Meine gnädigste Frau spricht als echte Fürstin!“ rief Nievern und sah die kleine Dame mit so aufrichtigem Beifall an, daß es ihr fast warm ums Herz wurde, Doch dämpfte er seinen Eifer; wurde er doch schon zur Vorsicht gemahnt durch die Gegenwart [434] der Méninville, über deren wahre Person ihm in der letzten Viertelstunde ein merkwürdiger Aufschluß geworden war. Als ein kluger Mann fuhr er daher fort: „Und ganz richtig sagt Ihr: die Schmach, die dem Adel mit diesem seltsamen Handel geschieht, die ist es, die uns alle wurmen muß, auch den, dem das unglückliche Fräulein selber nicht viel mehr als eine Fremde ist.“

„Ihr habt wohl gesprochen, Herr von Nievern,“ meinte die Fürstin gnädig, da die letzten Worte des Oberjägermeisters ihr eine angenehme Empfindung gegeben hatten. „Hoffen wir, daßn es gelingen wird, die Unschuld des Fräuleins bald ans Licht zu bringen! Noch, das müßt Ihr nicht vergessen, ist ihr wenig geschehen. Sie sitzt nicht in schmählicher Haft, wie sonst Inkulpaten thun – ihre Klausur im Kloster schädigt ihre Ehre nicht; wenn auch“ – fügte die Dame, von ihrer Ehrlichkeit getrieben, hinzu – „die Einsperrung selber gerade der Polyxene hart genug fallen mag.“

„Noch – ich weiß nicht, ob ich sagen darf: zu ihrem Glücke – ist die eigentliche Ursache dieses Aufenthaltes im Kloster wenig bekannt,“ sagte darauf Herr von Nievern langsam. „Mein guter Kumpan, der von Münchhausen, wußte offenbar davon nichts, als er mir heute auf der Jagd erzählte, unter den Fräulein Euerer Hoheit sei man an die Theologia gerathen und eines derselben verhalte sich gar im Kloster, um mit dem hochwürdigen Pater Gollermann über Glaubenssachen zu disputieren. In dieser Fassung machte die Sache ein weit anderes Gesicht, als das ist, welches ich hier gewahr werde. Wolltet Ihr mir in der Angelegenheit noch eine Frage vergönnen, allergnädigste Frau, so wäre es die: wie und wo hat der abenteuerliche und abscheuliche Verdacht gegen das Fräulein zuerst aufkommen können? Woher stammt er?“

Die Pfalzgräfin wandte sich zu Frau von Méninville, welche, da sie an dem Gespräch nicht mehr betheiligt worden war, sich in schicklicher Bescheidenheit in den Hintergrund des Zimmers zurückgezogen hatte. „Wenn mir recht ist, Frau von Méninville, brachtet Ihr uns zuerst darauf,“ sagte sie harmlos. „Es sei verdächtig, wolltet Ihr wissen, daß die Polyxene durch den Tod des Vetters reich werde. War es nicht so?“

„Hoheit unterläßt zu berichten, daß ich – mit dem lebhaftesten Schmerze – nur mittheilte, was mir zu Ohren gekommen war,“ log Frau von Méninville ohne das geringste Zögern. „Wie Hoheit sich erinnert, war der Pater Gollermann zugegen. Die Gefahr, in der sich das Fräulein befand, konnte uns nicht verborgen bleiben, und so wurde, mit der Billigung Pfalzgräflicher Hoheit, durch den hochwürdigen Herrn die Klausur der Leyen bei den Ursulinerinnen um so eher beschlossen, als diese kirchlich nothwendige Maßregel ihr nunmehr auch zur Sicherheit dienen konnte. Immerhin blieb, so lange die Kirche gleichsam noch mit ihr abrechnete, die Hand weltlicher Justiz von dem beklagenswerthen Fräulein fern.“

„Ist Frau von Méninville so gewiß, daß eine weltliche Justiz hinlänglichen Anlaß gefunden haben würde, das Fräulein von Leyen zu behelligen? Sie ist uns immer noch Antwort auf die Frage schuldig, was denn eigentlich die Verdachtsgründe gegen selbige gewesen seien.“ Es war der Oberjägermeister, der eigensinnig die letzten Worte der frommen Witwe aufgegriffen hatte.

An diesem Punkte aber war Frau Sabine Eleonore der Erörterung der Angelegenheit müde. „Ich dächte,“ fuhr sie ohne weiteres dazwischen, „jetzt wären genug Worte über den leidigen Handel gemacht. Laßt ihn nun einmal ruhen, Herr von Nievern! Ihr könnt der Polyxene doch nicht helfen; was brauchte sie sich denn auch durch ihre thörichten Besuche bei der Exkommunizierten die Suppe zuerst einzubrocken! Erzählt uns lieber von Euerem Leben in Malmedy, wie Ihr mir heute, da wir ritten, verheißen habt! Allzu geistlich geht es bei Euerem Vetter Kanonikus wohl nicht zu, wie? Und des Grafen Arlon Gast seid Ihr gewesen? Dort, hab’ ich mir sagen lassen, lebt man wie im Himmel.“

„Besonders da an Heiligen, den Stiftsdamen von St. Truyden, kein Mangel ist,“ warf Frau von Méninville mit gesetzter Miene dazwischen.

Die Pfalzgräfin lachte lauf. Aber ihre gute Laune rief keine ähnliche Stimmung bei ihrem Kavalier hervor, wie es sich doch wahrlich geziemt hätte. Ja, er hatte sogar den Muth, seine ernste Miene beizubehalten, nicht einmal zu lächeln. Irgend etwas reden mußte er nun freilich, aber alles, was er sagte, kam trocken und gezwungen heraus, und schon längst, ehe die kleine Hoheit sich erhob und damit das Zeichen zum Aufbruch gab, war das Schicksal dieser Veranstaltung, unter die verfehlten Unternehmungen zu gehören, besiegelt gewesen.

Und als habe jemand eben diese Thatsache ausgesprochen, so fuhr Frau Sabine Eleonore, sobald der Oberjägermeister sich entfernt hatte, aus ihre getreue Méninville mit den Worten los: „Daran seid nur Ihr schuld, und ich will nicht Pfalzgräfin heißen, wenn ich Euch das so bald vergesse!“

„Was, Pfalzgräfliche Hoheit?“ fragte die Méninville, als verstehe sie nicht, wohin ihre Herrin zielte.

„War er nicht wie verhagelt, anstatt den liebenswürdigen und unterhaltenden Kavalier vorzustellen, als welchen wir ihn kennen. Was fiel Euch ein, ihm, ehe ich kam, von dem verwünschten Handel der Polyxene zu reden! Was hattet Ihr überhaupt mit ihm zu schwatzen?“

„Wenn nun aber der Herr von Nievern nichts Eiligeres zu thun hatte, als nach diesem Fräulein zu fragen – wie hätte ich ihm das alles verhalten sollen?“ log die Méninville in sanftem Tone. „Habe ich einen Fehler begangen, so möge meine huldvolle gnädigste Frau meiner Einfalt verzeihen. Des wunderbarlich warmen Antheils, den dieser Kavalier an dem Fräulein nahm, versah ich mich nicht.“

Aber diesmal sollte der Frau von Méninville alles nichts helfen. „Papperlapapp, redet mir nicht immer von Euerer Einfalt – mit der ist es so weit nicht her!“ rief Frau Sabine Eleonore, noch immer erbost. „Ihr seit der Polyxene nicht grün, das weiß ich. Sähe man recht zu, so käme am Ende heraus, daß Ihr der Jungfer Naseweis, die sie meinethalben ist, die ganze Sache eingerührt habt.“

Damit war die Pfalzgräfin hinaus, und Frau von Méninville blieb in nachdenklichster Stimmung zurück. Die üble Laune ihrer Gebieterin nahm sie nicht allzu schwer, da sie wußte, daß sie der Pfalzgräfin doch zur Unterhaltung unentbehrlich sei. Ein anderes aber gab ihr hinlänglich zu denken: des Herrn von Nievern unerwartete – in diesem Maße wenigstens von ihr nicht erwartete – Parteinahme für Polyxene von Leyen. Mit einer Art Befremden sann sie darüber nach, ob und wo denn sie, sie, die Vorsichtige, einen falschen Schritt gethan habe in dieser Angelegenheit: Wie kam es, daß sie sich in Nievern verrechnet hatte? Weil sie ihn – daneben daß er ein so anziehender Mann war, wie ihr noch wenige vorgekommen – für klug und überlegen genug gehalten hatte, nun seinerseits auch sie, das hieß zunächst einmal ihren Geist, zu bewundern und darüber den Reiz alberner achtzehn Jahre zu vergessen? Ja, das war es gewesen, aber das nicht allein! Ihn reizte, was er für dieser Polyxene Martyrium hielt. Je weniger er also davon erfuhr, desto besser, das wußte sie jetzt. Und sie tadelte sich dafür, dies nicht früher bedacht zu haben. Zunächst beschloß sie eine Unterredung mit dem Pater Gollermann; vielleicht wenn man dem Herrn von Nievern über kurz ober lang mittheilen konnte, daß das Fräulein von Leyen freiwillig den Schleier nehme, würde dies ihm den Geschmack an dieser Polyxene verderben, auch wenn zugleich zugegeben werden mußte, von einer Untersuchung gegen sie wegen Mordes sei infolge allzu kärglicher Beweise abgestanden worden. Und wenn er auch dann noch die Gunst einer Frau von Méninville mißachtete – die fromme Witwe fühlte, daß es ihr unter Umständen etwas wie eine Lust sein könnte, auch diesen allzu freidenkenden Herrn der Aufmerksamkeit der Geistlichkeit zu empfehlen und die Folgen zu erleben ...

Beiläufig sei erzählt, daß die Méninville in einer Ecke des Gemaches auf ihrem Betschemel vor dem Kruzifix kniete, während sie so mit sich zu Rathe ging. Es konnte jemand eintreten, dem diese Stellung und anscheinende fromme Versunkenheit der Dame zur Erbauung gereichen würde. Und nachdenken und überlegen ließ sich in dieser Stellung so gut wie in einer anderen. So im Knieen krampfte sie jetzt mit einem Male die gefalteten Hände enger zusammen und die Lippen schlossen sich fester. Sie gedachte an den Schrecken, den sie heute zweimal wegen eines Zufallswortes erlitten hatte. Als Zufallsworte, als nichts anderes, ließ eine kühle Betrachtung jene Ausdrücke, die sie so im Innern aufgeschreckt hatten, erscheinen. Und so wurde sie auch jetzt damit fertig. Seltsam nur, daß jener Schrecken, der jahrelang geruht hatte, heute wieder so plötzlich geweckt worden war! Gleichwohl ein tückisches Spiel bedeutungsloser Umstände, weiter nichts!

(Fortsetzung folgt.)