Das Krankenhaus

Textdaten
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Autor: Fr. Dornblüth
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Titel: Das Krankenhaus
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aus: Die Gartenlaube, Heft 15, S. 250–252
Herausgeber: Adolf Kröner
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Erscheinungsdatum: 1893
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Das Krankenhaus.

Von Dr. Fr. Dornblüth.


Die Sorge für die allgemeine Gesundheit verlangt, daß auch der Kranken gedacht werde. Ist es ja doch für das Gemeinwohl von größter Wichtigkeit, daß sie selbst möglichst schnell wieder zu voller Arbeitskraft und Erwerbsfähigkeit gelangen, daß sie andere möglichst wenig darin stören, und daß endlich ansteckende und übertragbare Krankheiten eingeschränkt und an der Weiterverbreitung nach Möglichkeit gehindert werden! Für einen großen Theil der Bevölkerung sind diese Zwecke nur durch Krankenhäuser erreichbar.

Für alle Kranke, welchem Stande und welcher Vermögenslage sie auch angehören mögen, sind die Hauptbedingungen des Genesens – neben ihrer eigenen Widerstandskraft – die gleichen. Wenn auch manche leichte Gesundheitsstörung fast unbeachtet vorübergeht, ohne daß der Betroffene sich besonderer Schonung und Pflege unterwirft, so ist es doch keine Frage, daß oftmals früher oder später schwere Leiden daraus hervorgehen, die durch ein rechtzeitiges Einschreiten zu lindern, abzukürzen oder zu verhindern gewesen wären. Unzähligemal hat sich aus einem einfachen Brustkatarrh die Schwindsucht, aus einer Erkältung eine schwere Lähmung, aus einer Verletzung ein dauernder Schaden entwickelt!

Jene Bedingungen der Genesung nun, die wenigstens bei jeder die Arbeitsfähigkeit störenden Erkrankung beansprucht werden müssen, sind zunächst Ruhe des Körpers und des Geistes, damit weder innere noch äußere Einflüsse die Natur hindern, ihre ganze Kraft zur Ueberwindung der Krankheit einzusetzen. Dann gehört dazu gesunde Luft; den Kranken, die nicht hinausgehen können, um sie aufzusuchen, die an Zimmer und Bett gefesselt sind, ist sie noch nothwendiger als den Gesunden, die sich doch nur vorübergehend in ihren Wohn- und Schlafräumen aufzuhalten pflegen und die jedenfalls dem schädlichen Einfluß schlechter Luft besser widerstehen können. Für Typhuskranke, für Schwerverwundete und solche, die große Operationen überstanden haben, ist reine Luft geradezu eine Lebensbedingung. Die durch die Krankheit geschwächten Kräfte können ferner nur durch genau passende Ernährung gehoben werden, und wie die Wohnung, so ist das Bett für alle Schwerkranken und Langeliegenden noch viel wichtiger als für Gesunde. Daß endlich richtige Pflege und ärztliche Behandlung einerseits die Genesung befördern, andererseits aber auch die Leiden mindern können, bedarf wohl keines Beweises. Nicht wenige Kranke werden zwar auch unter sehr schlimmen Verhältnissen, trotz fehlender Ruhe, trotz schlechter Luft und mangelhafter oder gar falscher Ernährung, trotz ungesunder Wohnung und Lagerung, trotz ungenügender Pflege und Behandlung wieder gesund, aber mit wie viel mehr Leiden und Sorgen, wie oft langsamer und unvollkommener, als wenn sie das gleiche Leiden unter günstigeren Verhältnissen durchzumachen gehabt hätten! Wenn es sich auch nicht zahlenmäßig feststellen läßt, so weiß doch jeder Arzt, daß Feuchtigkeit und Mangel an Luft und Licht in den Wohnungen Unbemittelter, daß fehlerhafte Ernährung, mangelnde Pflege, Sorgen und Kummer ob der hereinbrechenden Noth alle seine Anstrengungen, sein Wissen und sein Können nur zu oft vergeblich machen!

Die Chirurgie hat durch viele Tausende von Erfahrungen als unerschütterlichen Grundsatz festgestellt, daß bei der Behandlung von Wunden strengste Reinlichkeit – in kunstgemäßer Ausführung Asepsis (Fäulnißlosigkeit) genannt – unumgängliche Bedingung für den günstigen Ausgang ist, und daß unter der Herrschaft der Asepsis Operationen, an welche vor wenig Jahrzehnten der kühnste und geschickteste Arzt kaum zu denken wagte, mit beinahe sicherem Erfolge gemacht werden. Aber auch die innere Medizin, bei der freilich die Erfolge weniger augenscheinlich und sozusagen [251] handgreiflich zu Tage liegen, hat gelernt und gezeigt, daß bei Reinlichkeit, sorgsamer Pflege und zweckmäßiger Ernährung auch die schwersten Krankheiten oft ohne weiteres Zuthun günstig verlaufen, jedenfalls viel günstigere Bedingungen der Genesung bieten, ja daß jene Genesungsbedingungen oft mächtiger sind als alle sonstige Kunst des Arztes.

Bei allen übertragbaren gefährlichen Krankheiten, besonders also bei Diphtherie, bösartigen Masern und Scharlach, bei Typhus und Cholera, kann nur durch vollständige Absonderung der Kranken und ihrer Pfleger von den Wohnungsgenossen die Gefahr der Ansteckung vermieden und die Desinfektion der Kranken sowie ihrer Gebrauchsgegenstände und Wohnräume sicher durchgeführt werden. Die Absonderung und Desinfektion liegt aber nicht bloß im Interesse der übrigen Familienglieder, Wohnungs- und Hausgenossen allein, sondern auch im Interesse der Gemeinde, der es darauf ankommen muß, bösartige Krankheiten so eng wie möglich einschränken und von den anderen Gemeindemitgliedern fern zu halten. Gerade bei der Cholera haben wir jetzt wieder gesehen, wie wichtig es ist, die ersten Opfer sofort streng abschließen und die von ihnen ausgehenden Krankheitskeime zu vernichten. In zahllosen Fällen von Einschleppung ist es dadurch gelungen, die Bildung neuer Krankheitsherde und die Weiterverbreitung der Seuche zu verhindern.

Von allen diesen Gesichtspunkten aus erscheint die Wohnung der Kranken meist wenig geeignet. Selbst die Familienwohnung des Begüterten und die Familienpflege läßt oft sehr viel zu wünschen übrig. Handelt es sich aber um Einzelnstehende und Arme, so kann, namentlich bei ansteckenden Krankheiten, schweren Verletzungen und Geisteskrankheiten, nur ein zweckmäßig zugerichtetes Krankenhaus den Bedürfnissen entsprechen, was denn auch zum Heil der Kranken und der allgemeinen Gesundheit mehr und mehr anerkannt wird. Freilich giebt es noch immer, besonders unter denjenigen, welche bei vernünftiger Ueberlegung gar nicht zweifelhaft sein könnten, viele Leute, die das Krankenhaus scheuen und fürchten und im Nothfall nur mit Zittern und Zagen hineingehen. Es mag dies zum Theil daher rühren, daß diejenigen, welche einmal im Krankenhause gewesen sind, sich meistens weniger seiner Wohlthaten als seiner Unannehmlichkeiten erinnern und durch die Schilderung der letzteren Mitleid und Bewunderung zu erregen trachten. Noch schlimmer wirken die nicht selten in Romanen, Novellen und Zeitungen zu findenden Beschreibungen der Schrecknisse in den Krankenhäusern, besonders auch in den Irrenanstalten. Im Beginn der Hamburger Choleraepidemie hat man ja davon schaurige Proben gelesen. Diese Erzählungen von der schrecklichen kopf- und herzlosen Wirthschaft in den Hamburger Hospitälern, die durch angeblich genaue Einzelheiten den Glauben an ihre Wahrheit erweckten, sind durch die Berichte selbst beobachtender deutscher und englischer Aerzte, welche die Ordnung, die Sorgfalt und theilnehmende Pflege daselbst nicht genug zu rühmen wußten, hinterher freilich als Erfindungen oder als urtheilslose Wiedergabe von Gerüchten gebrandmarkt worden. Aber ihre Wirkung hat sich darin gezeigt, daß Kranke und deren Angehörige oftmals erklärten: lieber im eigenen Hause den Tod erwarten, als sich dem Krankenhause anvertrauen! Ein Schritt weiter führt dann zu den mittelalterlichen Greuelscenen, die in Rußland ihre Auferstehung gefeiert haben, wo die Aerzte totgeschlagen und die Spitäler zerstört wurden.

Heute besitzt so ziemlich jede größere oder mittlere Stadt, ganz abgesehen von den Universitätsstädten, ein oder mehrere Krankenhäuser, die allen Ansprüchen der Wissenschaft und Praxis gerecht werden. Aber auch kleinere Städte und Verwaltungsbezirke haben in neuerer Zeit vielfach Krankenhäuser erhalten, die nicht nur der wirklichen Noth begegnen, sondern den Zwecken der Pflege und Heilung von Kranken aufs beste dienen. Während die Gesetze über Haftpflicht, Unfall- und Krankenversicherung darauf hingeführt haben, daß das Krankenhaus die weitaus beste und billigste Einrichtung zur Behandlung der Versicherten bildet, ist es das große Verdienst eines Privatarztes, des Sanitätsraths Dr. Mencke in Wilster, Holstein, durch seine bereits in dritter Auflage erschienene Schrift „Welche Aufgaben erfüllt das Krankenhaus kleiner Städte und wie ist es einzurichten?“ (Berlin, Verlag von Th. Chr. Fr. Enslin, 1891) gezeigt zu haben, wie ein solches Anwesen beschaffen sein muß. „Das Büchlein enthält,“ wie das Gutachten des Kgl. bayerischen Obermedizinalausschnsses – Berichterstatter Geheimrath Dr. von Ziemssen – sagt, „alles zur Anlage und Einrichtung eines kleinen Krankenhauses Wissenswerthe, in einer höchst klaren und ansprechenden Weise dargestellt, und zwar enthält es nicht bloß die Dinge, welche bautechnisch, hygieinisch und administrativ von Wichtigkeit für eine solche Anstalt sind, sondern auch vielerlei, was für das Zustandekommen einer solchen Wohlthätigkeitsanstalt von Wichtigkeit ist.“ Daneben verdienen besonders der Bericht des Geheimrath Dr. von Kerschensteiner an die XVI. Versammlung des Deutschen Vereins für öffentliche Gesundheitspflege (Brauuschweig 1890) über „Krankenhäuser für kleine Städte und ländliche Kreise“ und die sich daran knüpfenden Verhandlungen der Versammlung eingehende Beachtung, indem sie gleichfalls die Zweckmäßigkeit, die Anlage, Einrichtung und Verwaltung derselben klar machen.[1]

Es handelt sich dabei nicht um große und kostspielige Bauten, sondern das kleine Krankenhaus tritt, wie Kerschensteiner sagt, bescheiden auf: ein mäßig großes Hauptgebäude mit den nächsten unentbehrlichen Nebengebäuden, einem Garten und allenfalls noch einem Stück Wiese, Acker oder Wald dazu, das ist das ganze Besitzthum, dessen eine solche Anstalt bedarf. Sie soll Gemeinde- oder Bezirkseigenthum sein, kann aber der Wohlthätigkeit nicht ganz entbehren, sei es der Schenkungen und milden Stiftungen Einzelner oder der ständigen Beihilfe von Vereinen. Erstes Erforderniß ist ein guter Baugrund. Wird eine nicht geeignete Baustelle zum Geschenk angeboten, so soll man lieber darauf verzichten; denn ein Fehler in der Wahl des Platzes ist nie wieder gut zu machen. Der Grnnd muß trocken und frei von Zersetzungskeimen, ein gewachsener oder „Mutterboden“ sein und darf auch durch den Betrieb nicht feucht oder verunreinigt werden.

Reichliches Wasser ist nöthig, ebenso gute Lüftung der Räume, die aber bei richtiger Anlage keiner künstlichen Mittel bedarf, sondern durch Fenster und Thüren, sowie durch die Ofenheizung genügend geregelt werden kann. Außer zwei Sälen, je einem für männliche und weibliche Kranke, einem Badekabinett und den erforderlichen Räumen für die Haushaltung, das Pflegepersonal und den Arzt, dessen Zimmer zugleich als Untersuchungs- und Operationszimmer dient, ist ein Gelaß zur vorübergehenden Aufnahme von Geisteskranken, die selbstverständlich möglichst bald einer Irrenanstalt zu übergeben sind, nothwendig. Endlich ist erforderlich ein Nebengebäude mit zwei Zimmern für ansteckende Kranke, eine Leichenkammer, eine Waschküche mit Trockenboden, ein Desinfektionsraum und eine Requisitenkammer.

Ein Desinfektionsraum, in welchem durch strömenden Wasserdampf Wäsche, Betten und Kleider der nach ansteckenden Krankheiten zu Entlassenden desinfiziert werden, ist unbedingt nothwendig, denn nur dadurch kann die Weiterverbreitung der Ansteckungskeime verhütet werden; und wenn man den Bewohnern der Stadt und der umliegenden Ortschaften Gelegenheit bietet, nach Fällen von Scharlach, Masern, Blattern, Diphtherie, Typhus, Rothlauf oder dgl. die Wäsche und Geräthschaften der Genesenen oder Verstorbenen hier desinfizieren zu lassen, so kann dadurch nicht bloß die Wirksamkeit des Krankenhauses weit über seine Mauern hinaus erweitert, sondern sogar ein Beitrag zu seiner Unterhaltung aufgebracht werden.

Die Nützlichkeit eines Gartens für den Haushalt und als Aufenthaltsort für die Genesenden, die sich oft auch gern in ihm beschäftigen werden, bedarf keiner besonderen Hervorhebung. Zweckmäßig ist es, in der Nähe des Hauptgebäudes einen Platz freizuhalten zur gelegentlichen Errichtung einer Baracke von einfachster Bauart, die sich beim Auftreten einer Epidemie oder für den Kriegsfall als nothwendig erweisen kann. Die jüngste Choleraepidemie mit ihren zahlreichen Verschleppungen spricht beredter als alle Worte für die Nützlichkeit solcher Absonderungsanstalten; denn nur mit ihrer Hilfe ist es möglich gewesen, zu verhindern, daß nicht an jeden verschleppten Cholerafall neue Erkrankungen und Ortsepidemien sich angeschlossen haben.

Und nun zum Schlusse noch einmal ein Wort von der Desinfektion! Für die pilzartigen Krankheitskeime ist Hitze, besonders in der Form des strömenden Wasserdampfes, der sichere Tod, und dieses Verfahren ist darum bei allen Gegenständen, wo es ohne Schädigung angewendet werden kann, am zuverlässigsten. Die chemischen Mittel, welche demselben Zwecke dienen sollen, müssen [252] sehr innig einwirken und deshalb eingerieben oder eingebürstet werden (z. B. an Möbeln, Wänden, Thüren und Fußböden), oder sie müssen vollkommen mit den zu desinfizierenden Dingen, z. B. mit den verschiedenen Absonderungen und Ausscheidungen der Kranken, gemischt werden und längere Zeit auf dieselben einwirken. Die sogenannte prophylaktische oder vorbauende Desinfektion hat keinen vernünftigen Zweck; denn wo keine Krankheitskeime zu vernichten sind, da ist sie überflüssig, und wo deren etwa vorhanden sind, da erreicht sie dieselben nicht, da die innige Mischung unterbleib. Ja, sie kann sogar schaden, wenn man mit ihr sich geschützt zu haben glaubt und nun andere Vorsichtsmaßregeln, besonders die immer nützliche und nothwendige Reinlichkeit vernachlässigt. Man kann nur in den Seufzer einstimmen, den Robert Koch schon vor Jahren ausgestoßen hat: „Möge endlich die sinnlose Vergeudung sogenannter Desinfektionsmittel am unrechten Orte unterbleiben!“




  1. Abgedruckt in der „Vierteljahrsschrift für öffentliche Gesundheitspflege“. XXIII, 1.