Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
korrigiert  
Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal Korrektur gelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.
Einflußreicher Berater des Kaisers Zenon Nr. 17, Konsul im J. 478 n. Chr.
Band IX,2 (1916) Sp. 25322541
Illus in der Wikipedia
Illus in Wikidata
Register IX,2 Alle Register
Linkvorlage für WP   
* {{RE|IX,2|2532|2541|Illos|[[REAutor]]|RE:Illos}}        
S. 1070, 1 ist einzuschieben:

Illos. a) Literatur. De Vit-Forcellini III s. v. Sievers Stud. z. Gesch. d. röm. Kaiser 1870, 498ff. Hodgkin Italy and her Invaders, Oxford 1885, III 56ff. IV 46ff. Hartmann Gesch. Italiens im Mittelalter 1897 I 58. 70ff. 137f. [2533] Means in Smith Dict. of Greek a. Roman Biography (gegenwärtig [1915] nicht zugänglich), Mommsen Johannes von Antiochia und Malalas. Hermes VI 326f. = Gesammelte Schriften IV 563ff.

b) Name und Herkunft. Der Name I. erfährt bei den Quellen verschiedene Behandlung: Ἰλλοῦς in der Hauptquelle Johannes Antiochenus, ferner bei Theodorus lector, Malalas, Prokop, Malchus; Ἴλλους bei Candidus Isaurus, Ἴλλος bei Suidas (s. Ἴλλος ὁ καὶ Ἰλλούς), Theophanes chron. Sehr häufig ist die Hinzufügung des Titels μάγιστρος; πατρικιος etwa vom J. 482 an bei Malalas 387. Theoph. chron. ed. De Boor 128.

In den lateinischen Quellen: Illus, Marcellinus comes (einmal Illys), Victor Ton., Cod. Iust., in den Briefen des Papstes Simplicius; Hillus: Anastas. chron. tripertita p. 114; Ellus oder Hellus Cassiod. chron. und chron. Cuspiniani, Ellus Liberatus Breviar., CIL IX 2073.

I.s Herkunft aus Isaurien bezeugen Marc. com. zum J. 484 (natione Isaurus), Joh. Ant. frg. 211, 2 (κατὰ τὴν ἐνεγκαμένην [sc. Ἰσαυρίαν] γενόμενος), Malal. 385 Bonn., Iordanes Rom. 45. I.s vielfache Beziehungen zu Tarsos: die Verbannung seiner politischen Feinde in diese kilikische, aber damals zur Provinz Isauria gehörige Stadt oder in das nahe gelegene Kastell Papyrion zwischen Tarsos und Seleukeia (im nordwestlichen Isaurien, Ramsay Historical Geography of Asia M. 382, 64), sowie die von ihm angeordnete Zurückführung seiner Angehörigen nach Tarsos und Bestattung seiner Tochter daselbst (in einem Familienbegräbnis? Mommsen a. a. O. 330), gestatten die Annahme, daß diese Gegend seine engere Heimat war.

c) Leben. I. kam wohl nach Konstantinopel als einer von jenen tapferen, aber von der Bevölkerung der Hauptstadt gefürchteten und verabscheuten isaurischen Abenteurer, derer sich Kaiser Leo in seinen letzten Begierungsjahren als Stütze gegen die Partei des zu übermächtigem Einfluß gelangten Goten Aspar bediente. Im J. 474 taucht er auf als Bevollmächtigter des eben zur Kaiserwürde gelangten Zeno, mit dem ihn schon vorher besondere Freundschaft verbunden haben soll (cum Zenone imp. in privata vita amicissimus Iord. a. a. O.; seine Berufung auf diese alte Freundschaft Joh. Ant. frg. 214, 9), anläßlich der Verhandlungen mit Theoderich Strabo in Thrakien nach der Ermordung des Magister militum Heraklios durch die Goten. Theoderich verlangte von I. die eidliche Versicherung für die unversehrte Rückgabe ihrer von den Byzantinern als Geiseln behaltenen Gesippten (Malchus frg. 16). Obwohl Malchus, vielleicht infolge einer Verwechselung mit der später verunglückten Expedition des J. 478 gegen Strabo, die erwähnte Tatsache im J. 479 berichtet, muß sie in die Zeit vor die Usurpation des damals als Mag. mil. Thraciae erscheinenden Basiliskos fallen: Cand. Is. frg. 1. Joh. Ant. frg. 210. Letzterer fügt hinzu ὁ Ἴ. σταλεὶς … πολλὴν ὠφελείαν ἐπεδείξατο (Agathias 270, 14).

Gleich darauf befindet sich I. im Rate des Basiliskos, der mit Hilfe der Witwe Leos Verina Zeno vom Thron verdrängte (κοινωνὸν τῆς κατὰ τοῦ βασιλέως (= Zenos) ποιεῖται βουλῆς Joh. Ant. 210. Agath. a. a. O. 29; εὐνοίᾳ τέως τοῦ Βασιλίσκου [2534] Theoph. 120). Am 9. Jänner 475 mußte Zeno nach Isaurien fliehen und wurde dort zuerst in der Festung Orba (Ourba, Olba), dann in dem Bergnest Sbida (die Identifizierung beider Örtlichkeiten bei Ramsay a. a. O. 364, 7. 368, 23 u. p. 21) von I. und dessen Bruder Trokundos 11/2 Jahre lang eingeschlossen gehalten. Endlich im Juli 476 schlug I. sich auf seine Seite. Für diesen Umschwung mag maßgebend gewesen sein, daß der Senat sich bei I. über die Gewaltherrschaft des Basiliskos beklagte; außerdem hatte Basiliskos seine Versprechungen I. gegenüber nicht verwirklicht, während jetzt Zeno seinerseits Versprechungen machte (Joh. Ant. 210. Theoph. 124. Hodgkin a. a. O. IV 47). I. führte Zeno nach Nikäa, wo dieser im Heerlager blieb, während jener vielleicht nach einem nicht günstig verlaufenen Gefechte (Theoph. 125) durch klug eingeleitete Verhandlungen den Harmatios, den Magister militum des Basiliskos, zum Übergange zu Zeno bewog und damit diesem die Wege zur Wiedergewinnung des Thrones bahnte. Entgegen der Angabe des Chron. Pasch., wonach diese Ergebnisse sich 478 zugetragen hätten, stimmen die übrigen Quellen ziemlich genau für das J. 476 (etwa September) überein, dazu vgl. Sievers a. a. O. 499ff. Hartmann o. Bd. III S. 101f.

Im nächsten Jahre (477) ist I. der Magister officiorum des wiedereingesetzten Kaisers Zeno (Joh. Ant. 211. Theoph. 127), aber schon damals war das Verhältnis der zwei Männer zu einander offenbar kein gutes, es kam beinahe zum Bruche (nach Joh. Ant. a. a. O.). Es kam sogar zu einem Anschlag auf I.s Leben: ein Sklave des kaiserlichen Hauses namens Paulos lauerte dem Magister mit gezücktem Schwerte auf. Joh. Ant. bezeichnet den Kaiser geradezu als Auftraggeber. Wie alle Umstände dieses bewegten Lebens dartun, behielt I. eben immer, auch im Dienstverhältnis eines Hofbeamten, das dem Kaiser unheimliche Verhalten eines Kondottiere, der nur durch Abkommen, nicht durch das Band der Treue an den Herrn geknüpft ist. Anscheinend neigte er auch trotz seiner isaurischen Nationalität zur Verbindung mit den der isaurischen Herrschaft feindlichen Elementen in Konstantinopel, namentlich der Senatspartei. Dahin weist schon sein anfängliches Einvernehmen mit Basiliskos, dem Verwandten des theodosianischen Hauses, von dem er nach der Andeutung des Theophanes erst auf den Wink des Senats abfiel, und seine abermalige Hinneigung zu dem spätern Usurpationsversuch des Markianos, des Sohnes des früheren Kaisers Anthemios. Andrerseits finden sich Spuren, daß der Senat es mit I. hielt, auch nach der Wiedereinsetzung Zenos, so die feierliche Einholung I.s σὺν πᾶσι τοῖς τέλεσι im J. 478 (s. unten) und die Teilnahme vieler συγκλητικοί, als sich I. 482 offen gegen Zeno empörte.

Im J. 478 bekleidete Ι. den Consulat und zwar als der einzige Consul dieses Jahres: bei den Chronisten Marc. com. Cassiod. Chron. Pasch. (Illo v(iro) c(larissimo), Fasti Aug. (Hiillo v. c.), Mar. (Illi solius), Her. (Ἰόλου μόνου) u. a. m.; nach ihm datieren Cod. Iust. (Illo v. c. cons.) V 9, 7 und VIII 53, 31 am 1. März; IX 35, 11: V non. Nov.?); die Briefe des Papstes Simplicius: IX am 13. März, XII am 23. Oktober, XIII am 17. oder [2535] 27. Oktober (Thiel Epist. Rom. pontificnm I); CIL IX 2073 am 7. Oktober (Ellu v. c. cons.). Nach diesen zahlreichen Zeugnissen ist die einschränkende Bemerkung bei De Wit-Forcellini: fortasse vir clarissimus nicht berechtigt. Die Datierung geschah auch in Rom nach I. seit der zwischen 1. und 23. März dort geschehenen Promulgation; vorher: iterum post cons. Armati (cons. 475) wegen der Verdammung des Basiliskos (cons. 476), nachher noch 23. Mai 479: post. cons. Illi, weil Zenos Consulat (479) damals in Rom noch nicht promulgiert war (De Rossi Inscr. christ. I p. 385. Vaglieri bei Ruggiero Diz. epigr. II 1176). Bei De Wit-Forcellini wird die Identität des Consuls mit dem mag. officiorum Illos nicht als feststehend angenommen (fortasse idem), es ist jedoch für die Auseinanderhaltung der beiden kein Grund vorhanden, zumal unsere Hauptquelle sich deutlich ausspricht (Joh. Ant. frg. 211, 1), wo eben das Attentat des Paulos auf den μάγιστρος berichtet wurde und über denselben weiter erzählt wird: τῷ ἐπιόντι ἔτει ὕπατος ὢν ἀποδεδειγμένος …

Während des Consulatsjahres geschah ein zweiter Mordversuch; diesmal dang der Praefectus praetorio Orientis Epinikos auf Anstiften der Verina einen Alanen, um I. aus der Welt zu schaffen. Der Mord mißlang und Zeno mußte den Zorn des Beleidigten durch Auslieferung des Epinikos beschwichtigen, den I. nach Isaurien verbannte (vgl. Mommsen 329f.). I. selbst scheint wohl infolge des offensichtlichen Übelwollens der kaiserlichen Familie seine Entfernung vom Hofe für zweckmäßig empfunden zu haben. Er erwirkte von Zeno die Erlaubnis sich nach Isaurien zu begeben (unter dem Vorwand des Todes seines Bruders Aspalios, Joh. Ant. 211, 2). Die Betrauung von I.s militärisch unfähigem Schwager Martinianus (vielleicht identisch mit dem bei Joh. Ant. erwähnten Schwager Ματρωνιανός, s. u.) mit der Führung der unter starker Truppenansammlung vorbereiteten Expedition gegen Theoderich Strabo (Malch. frg. 14 u. 15), deren Leitung man ursprünglich von I. erwartete (ὡς αὐτοῦ μέλλοντος Ἰλλοῦ ἐξιέναι), scheint in die Zeit dieser freiwilligen Verbannung zu fallen (Hodgkin III 91). Nach kurzer Frist, im Herbste desselben Jahres rief Zeno jedoch I. zurück, anscheinend weil er seine Hilfe gegen den aufständischen Pöbel der Hauptstadt brauchte (Joh. Ant. a. a. O. Theoph. 128, vgl. Tillemont Hist. d. emp. rom. 491. 509), und erwies ihm die Aufmerksamkeit, ihm mit großem Gefolge nach Chalkedon entgegenzukommen. Die Bedeutung der Persönlichkeit des I. für den Kaiser läßt sich daraus erkennen sowie aus dem Umstande, daß I. ihn zur Auslieferung der ihm feindlich gesinnten Verina verhielt, über deren Intrigenspiel ihn Epinikos in Isaurien aufgeklärt hatte, welchen Dienst ihm I. durch Wiedereinsetzung in seine Güter und wohl auch Ämter lohnte (Candid. frg. 1). Verina ließ I. durch seinen Schwager Matronianus nach Tarsos bringen, wo sie gezwungen wurde, den Schleier zu nehmen, und dann nach Dalisandos in der isaurischen Dekapolis verbannen (Ramsay a. a. O). Als gegen Ende des J. 479 abermals ein Versuch unternommen wurde, Zeno zu stürzen, diesmal von Markianos, dem Sohn [2536] des Kaisers Anthemios, neigte I. auch wieder zum Anschluß an diesen, doch soll ihn sein Freund und Berater Pamprepios bewogen haben, Zeno treu zu bleiben, dem er Unterstützung schuldete, weil ja I.s hartes Vorgehen gegen Verina diesen Usurpationsversuch vonseiten ihres Verwandten herbeigeführt hatte (Joh. Ant. 211, 3. Malchus frg. 20. Suid. s. Παμπρέπιος). Bei den Angriffen der Aufständischen, die sich nach Besetzung des Hafens gleichzeitig gegen den Kaiserpalast und das vielleicht ehemals in Verinas Besitz gestandene Haus des I. (κατὰ Ἰλλοῦ (sc. οἴκους) ἐν τοῖς λεγομένοις Οὐαράνου Joh. Ant. 211. Sievers a. a. O.; the gardens (?) of Varanes Hodgkin III 55) richteten, rettete das rasche Eingreifen I.s dem Kaiser den Thron; er setzte auf Marktschiffen eine Schar Isaurier von Chalkedon über, die in blutigem Kampfe die Aufrührer überwältigten, wobei I.s Haus in Flammen aufging, und bestimmte durch Geschenke viele Parteigänger Markians, wieder zu Zeno überzugehen (Theoph. 127). Ein Nachspiel zu diesen Ereignissen ist der Zug des Goten Theoderich Strabo, Sohn des Triarius, auf Konstantinopel im J. 481. I. wehrte ihn nach Joh. Ant. 211, 5 durch Besetzung der Stadttore ab.

Bald darauf ging das nie gefestigte Verhältnis I.s zu Zeno in offene Feindschaft über. Die Quellen erwähnen vielfach, daß die ἔχθρα (Eustath.), die ἐπιβουλαί (Candidus) des Kaisers gegen I. um diese Zeit verstärkt zutage traten. Obwohl keine Gründe dafür angedeutet werden, lassen sie sich vielleicht teilweise auch in den dogmatischen Verwicklungen finden, die damals zu heftigem Konflikt zwischen dem Papst Simplicius und Zeno führten. Dieser war früher auf Seite der Orthodoxie gestanden, sobald er aber seine Herrschaft gesicherter fühlte, förderte er die Ansprüche der orientalischen Kirche, besonders des Patriarchen Akakios von Konstantinopel, auf größere Freiheit gegenüber dem römischen Primat, was sich namentlich bei der Besetzung des erledigten Bischofstuhles von Alexandria zeigte. Der Kandidat der orthodoxen Partei daselbst war Johannes Talaia (qui ex oeconomo amicus factus est Ello magistro … qui multa et preciosa xenia direxit Ello mag., wie der wenig spätere Liberatus (Breviar. c. 17) berichtet). Johannes Talaia zeigte seine Wahl nicht dem Patriarchen Akakios an (habens enim amicum Illum, eine auf den Gegensatz zwischen diesem und der dem Kaiser und Akakios gemeinsamen Kirchenpolitik hinzielende Bemerkung), sondern er teilte dem Kaiser mit: quatenus per Ellum mag. omnis eius causa disponeretur und sandte zugleich an I. einen Boten, der dessen Weisungen entgegennehmen sollte. Liberatus a. a. O. Hartmann I 137f. Der Bote traf I. wahrscheinlich nicht mehr in Konstantinopel. Inzwischen war nämlich gegen I. ein drittes Attentat verübt worden (Hodgkin a. a. O. 62). Nach der Zeitangabe bei Malal. und Theoph. muß es etwa um die Mitte des J. 482 fallen (vgl. Sievers 505; die Folge der künftigen Ereignisse ist nicht genau festzustellen). Diesmal war Zenos Gemahlin Ariadne die Urheberin, wahrscheinlich aus Rache für die Verbannung ihrer Mutter Verina. Dieser von Malal. 387 und Theoph. 127 angegebene Grund scheint vor dem [2537] bei Iord. Rom. 45, 25 erzählten Zusammenhang den Vorzug zu verdienen (Marc. z. J. 484. Eustath. frg. 4). I. wurde, als er eben eine Funktion seines Amtes als Magister off. ausübte, vom Attentäter Urbikios am rechten Ohre verletzt (weshalb er von da an stets eine Kappe trug, Theoph. 128). Zeno ließ den Mörder, einen seiner Leihwächter, hinrichten, um seine Mitwissenschaft zu bemänteln (Eustath. ebd.), ja er ernannte I. zum Magister militum Orientis mit der Vollmacht duces zu ernennen (Theoph.), verlangte aber von ihm die Freilassung seines Bruders Longinus, den I. seit langer Zeit aus unbekannten Ursachen, vielleicht aus persönlicher Rache (Hodgkin 63), im Kastell Papyrion in Isaurien gefangen hielt (Joh. Ant. 214. Malch. frg. 20. Theoph. 129. Marc. com. z. J. 485). I. sammelte seine Parteigänger und verlangte von Zeno Urlaub, um sich nach Isaurien zu begeben (διὰ τὸ ἄερος ἀλλάξαι, ὅτι ἠσθένει ἐκ τῆς πληγῆς Theoph. 128, was Müller FHG IV 618 Anm. wohl mit Unrecht auf das frühere zweite Attentat bezieht). Noch in demselben Jahr 482 verfügte er sich nach dem syrischen Antiochia, begleitet von vielen Senatoren und einer ansehnlichen Truppenzahl (Malal. 388, 14, vgl. Mommsen a. a. O. 371); hier fand er infolge seiner Freundschaft mit dem Patriarchen Kalendion einen Rückhalt. Dies ergibt sich daraus, daß nach Liberatus c. 18 dieser abgesetzt wurde: accusatus in aperto tanquam indevotus principi, mittens populum in rebellionem cum Ello. Es war dies wohl nur ein Vorwand, der wahre Grund der Absetzung war das Festhalten am Konzil von Chalkedon. Hier kam auch Johannes Talaia zu I. und appellierte auf dessen Rat an den Papst. Mit der Einflußnahme I.s in den kirchenpolitischen Angelegenheiten im Sinne des römischen Stuhles, den im J. 483 der mit Odoakers Unterstützung gewählte Felix bestieg, hängt wohl zusammen, daß Zeno eine Verbindung I.s mit Odoaker befürchtete (obwohl dieser I.s Bitte um Beistand damals ablehnend beantwortete, Joh. Ant. 214, 5) und im J. 486 oder 487 die Rugier gegen Odoaker aufhetzte (Joh. Ant. 214, 7 ὡς ἔγνω τοῦτον πρὸς τὴν Ἰλλοῦ συμμαχίαν πρασκευαζόμενον).

Zeno bot gegen den Aufstand des I. eine Reihe von Streitkräften auf, nachdem er in Konstantinopel öffentlich sein Vorgehen gegen ihn in einer Anklagerede gerechtfertigt, I.s Anhänger ausgewiesen und deren Vermögenschaften unter die isaurischen Städte aufgeteilt hatte. Der gotische Föderatenführer Johannes der Skythe wurde zum Magister militum ernannt (Joh. Ant. 214, 1), der Amaler Theoderich aus Thrakien herbeigerufen (μετὰ Ἰοάννου τοῦ Σκ. κατὰ τὸν Ἰλλουν ἐξέπεμψεν, Theoph. 130; vgl. Euagr. III 27. Eustath. bei Epiph. frg. 4). Ferner warb Zeno noch eine Schar Rugier, die unter der Führung von Aspars Sohn Ermanarich in den Verband der Ostgoten traten. In Isaurien gewann Zeno den streitbaren Bischof Konon von Apamea und machte I.s Halbbruder Linges (Lilingis) zum Truppenführer. Auch eine Flotte unter den Nauarchen Paulus und Johannes wurde in die kleinasiatischen Gewässer entsandt (Joh. Ant. 214, 2).

I. verweilte wohl bis zum J. 484 in Antiochia, wie aus dem vollständigeren Malalastexte (Mommsen a. a. O. 371) hervorgeht: ἔμεινε … δύο [2538] ἐνιαυτοὺς κτίσας πλεῖστα καὶ φιλοτιμησάμενος τοῖς Ἀντιοχεῦσιν. Dieselben Bestrebungen, sich beliebt zu machen, traten in Isaurien zutage, indem er den Bewohnern annonae aussetzte, nach der wahrscheinlichen Annahme Mommsens (839 aus Joh. Ant. 215); auf diese Verleihung dürfte Iord. Rom. 45: addito super solito Isauris dona zu beziehen sein. I.s Absicht, eine τυραννίς zu errichten, ward nun immer deutlicher: σαφῶς ἔδειξε τὴν τυραννίδα (Theoph. 128). Außer Odoaker suchte er auch die Könige von Persien und von Armenien, diese mit einigem Erfolg, für sich zu gewinnen (Joh. Ant. 214). Die Hilfe beschränkte sich allerdings auf den Anschluß einiger Satrapen an I.s Truppen; Prokop. aed. III 1, 24 berichtet, wie Zeno später ihre Teilnahme an der Empörung des Isauriers rächte. Wahrscheinlich neigte auch Theoderich Strabos Sohn Rekitach, der damals einen Zug nach Kleinasien unternahm, zur Verbindung mit I., er ward damals vom Amaler Theoderich ermordet (Martin Theod. d. Gr. bis zur Erob. Italiens, Diss. Freiburg i. B. 1888, 53).

Nach einem aus Joh. Ant. 214, 2 (τότε Μαρκιανὸν ἀναζώννυσι; vgl. Sievers 505) zu vermutenden, von Hodgkin jedoch vielleicht nicht mit Unrecht bezweifelten, mißlungenen Versuch, den in der Feste Papyrion (Theod. lect. II 37) oder in Tarsos festgehaltenen Markianos (Eustathius bei Epiphan. frg. 4) zum Kaiser zu erheben, trat I. mit seiner alten Widersacherin, der gefangenen Kaiserinwitwe Verina in Verbindung. Er brachte sie nach Tarsos und veranlagte sie (ὡς κυρίαν οὖσαν τῆς βασιλείας) den Patricius Leontius, seinen Genossen, zum Kaiser zu krönen sowie auf die Statthalter für dessen Anerkennung einzuwirken, worauf er ihn, nach Theoph. 128 am 27. Juni 484, in Antiochia feierlich einführte (Joh. Ant. 214, 2: βασιλικῶς ἔπραττον. Theod. lect. II 3. Malalas 388 bei Mommsen 371. Victor Ton. zum J. 483. Marc. com. zum J. 484. Diese Zeitbestimmung hat die meiste Wahrscheinlichkeit für sich; vgl. Sievers 505). Der Grund dafür, daß I. nicht selbst nach dem Diadem griff, mag zum Teil auf kirchenpolitischem Gebiete liegen, ein Moment, das im byzantinischen Reiche eine wesentliche Rolle spielte und sich z. B. konkret in der Art der Mitwirkung des Patriarchen von Konstantinopel bei den Kaiserinstallierungen ausdrückt (W. Sickel Das byzant. Krönungsrecht in der Byz. Ztschr. VII 523, ebda 514 über Verinas Berechtigung zur Krönung des Leontius). I. war kein auf Popularität gestützter Kandidat für den Thron von Byzanz (so auch Hodgkin III 61; vgl. Malch. frg. 20), einerseits wegen seiner intensiven politischen Verbindung mit den an der Einheit mit dem römischen Stuhl festhaltenden orientalischen Bischöfen (vgl. Theod. lect. ΙΙ 1 über Zenos durch I.s Ansehen bei den Bischöfen beeinflußtes Verhalten gegen diese) und der gleichzeitigen Feindschaft mit dem allmächtigen Patriarchen Akakios von Konstantinopel, andererseits wegen seiner in der Freundschaft zu dem ,Heiden‘ und Neuplatoniker Pamprepios, dem der katholische Candidus sehr üblen Einfluß auf I. zuschreibt (frg. 1), und dem von Damascius (vita Isidori bei Photius bibl. 352 Bekker) wie I. selbst als Christenfeind bezeichneten Consular. [2539] Marsos zum Ausdruck gelangenden reaktionären Geistesrichtung.

Während Leontius seine Herrschaft in Antiochien zu vorübergehendem Glαnze brachte, begab sich I. nach Kilikien (Malal. 388). Hier stieß er zuerst auf die Streitkräfte Zenos. Er erlitt eine empfindliche Niederlage (Theod. lect. II 4), noch im Sommer 484, da I. daraufhin in Erkenntnis der kritischen Lage Leontius und Verina in den Schutz des isaurischen Berglands berief, wo er in der Gegend zwischen Seleukeia und Tarsos einen festen Stützpunkt hatte. Damit fand die kurze Herrlichkeit des Leontius in Syrien, die nach Joh. Ant. 214, 5 (vgl. Sievers 506) nur 2 Monate dauerte, ihr Ende. Hier brachte er die beiden sowie seine übrigen Freunde, seine Gemahlin Asteria und seine Töchter Anthusa und Thekla in ein für eine Belagerung zuvor ausgerüstetes Kastell, das der für diese letzte Phase leider dunkle Johannes Ant. allein Χερρέως φρούριον nennt, während die übrigen Quellen das von früher her als Kern der militärischen Kraft des I. in Isaurien bekannte Παπύριον als dessen Zufluchtsort bezeichnen (so Theoph. Marc. com. Iord.). Wahrscheinlich ist Χερρέως ein älterer Name des damals nach dem mächtigen isaurischen Räuberanführer Papyrios, der um die Mitte des 5. Jhdts. dort hauste, benannten Kastells (so Müller FHG V² 28 und Hodgkin III 65, gestützt auf Joh. Ant. 206 und 217, während Mommsen 328 zwei verschiedene Festungen annimmt; vgl. Sievers 507. Ramsay a. a. O. 382, 64, dessen Ortsbestimmungen auf Kenntnis der Örtlichkeiten beruhen, nennt nur Papyrion). I.s Truppen gingen zum großen Teile zu Zeno über, die treu gebliebenen 2000 Mann wurden als Besatzung in die Feste und in die Höhlen der umliegenden Berge verteilt. I. überließ dem Indakos, dem Sohn jenes Papyrios, die militärischen Operationen und ergab sich dem Bücherstudium: ἐσχόλαζεν ἐν ἀναγνώσει βιβλίων (Joh. Ant. 214, 6).

Die Belagerung hatte Johannes der Skythe übernommen. Auch Theoderich stand noch vor der Feste, wie aus Ioh. Ant. 214, 9: μετὰ δὲ τὴν Θεοδορίχου τῆς πολιορκίας ἀπαλλαγήν, und Theoph. 130 (vgl. Euagr. III 27) hervorgeht und auch Martin a. a. O. 54 Anm. zugibt. Jedenfalls waren seine Mannen unter den einschließenden Truppen (Liberal c. 18 a Valamericis et qui cum eis erant iuncti [die Rugier]), wenn auch Theoderichs persönliche Rückberufung durch den mißtrauischen Kaiser schon vorher erfolgt sein sollte, wie früher angenommen wurde (auch von Hartmann a. a. O). Die von Liberatus und namentlich von Joh. Ant. erwähnten Rugier waren es hauptsächlich, die im J. 486 die Eroberung des ἀντιφρούριον durchführten. Sein Verlust muß für I. von großer Bedeutung gewesen sein, denn er lähmte die Zuversicht seiner Leute. I. verhandelte nun mit Johannes dem Skythen und unternahm, jedoch ohne Erfolg, einen Versöhnungsversuch mit Zeno (γραμμάτιον διεπέμαψατο, ὑπομιμνήσκων αὐτὸν τῆς προτέρας εὐνοίας). 485 erfolgte der Tod Verinas (dahin verlegt Theoph. 128 vielleicht mit Recht auch die Freilassung des Longinus, vgl. Sievers 507), wohl 486 der von Marsos und Pamprepios. Nach Malal. 388 und Damascius a. a. O. Suid. [2540] s. Ἴλλος (An. Vales. zu Euagr. III 16) ist dieser getötet worden, als seine Siegesprophezeiungen sich als trügerisch erwiesen, was Hodgkin III 68 für schlecht bezeugt und für unvereinbar mit I.s sonst edlen Charaktereigenschaften hält. Das allerdings I.s persönliche Urheberschaft nicht erwähnende Zeugnis des Malalas (woraus der Hodgkin allein bekannte Theoph. 128 schöpft) ist jedoch schwer zu umgehen. Nach dem Tode der Tochter Anthusa im J. 487 berichtet Joh. Ant (214, 9), der einzige, der die vierjährige Belagerung in allen Einzelheiten schildert: Ἰλλοῦς κατωλιγορεῖ τῆς γυλακῆς τῶν ἔνδον. 488 endlich fiel die Festung durch Verrat; Joh. Ant. schreibt ihn dem Indakos, bisher dem treuesten Anhänger I.s, zu; Theod. lect. II 4 und Theoph. 132 nennen den Schwager von I.s Bruder Trokundos als Urheber desselben: ,daß dieser eben Indakos war, ist kein Grund zu bezweifeln‚‘ (Mommsen 329).

Die in das Asyl der Kirche des Märtyrers Konon geflohenen I. und Leontius, den I. vom Selbstmord abhielt, machten die Byzantiner, von zwei früheren Sklaven I.s, Paulus und Illus (der Name ist wohl falsch, vgl. Müller z. Stelle) geführt, zu Gefangenen. Sie wurden enthauptet παρὰ τῷ ἀρχόντι Σελευκείας τῆς Ἰσαυρίας ἀπὸ διαλαλίας ὑποδημίου (Malal. bei Mommsen 373). I.s letzte Wünsche wurden erfüllt, seine Frau und Tochter, sein Schwiegersohn Konon (,verstümmelter Text‘ Mommsen) wurden verschont und mit der Leiche der Anthusa nach Tarsos geführt εἰς τὸ εὐκτήριον τῶν γ’ παίδων. Joh. Ant. 214, 11.

Ob der nach der blutigen Schlacht an der Donau (Herbst 487) vor Odoaker zu Theoderich nach Kleinasien geflohene Rugier Friedrich mit seinen Leuten am Kampf gegen I. teilnahm, hängt wesentlich davon ab, ob er Theoderich noch vor Papyrion antraf (Hartmanns Anm. zu p. 60 ,Friedrich und I.‘ weist auf keine diesbezügliche Stelle im Text).

In Konstantinopel wurden die Köpfe der Überwundenen ausgestellt, die Anhänger I.s mit Tod oder Vermögensverlust bestraft. Über I.s Ende berichten, im wesentlichen übereinstimmend, noch Marc. com. zum J. 488, danach Iord. Rom. 45 (vgl. Mommsen Vorrede zur Ausgabe). Vict. Ton. z. J. 490, die Autoren Candid. frg. 2. Eustath. bei Euagr. III 27. Theod. lect. II 3, danach Theoph. 132; ferner Codinus de aed. 84. Zonar. XIV 2.

d) Persönlichkeit. Die Erscheinung I.s entbehrt unter den gegen ihre Kaiser rebellierenden magistri militum des sinkenden Römerreiches nicht einer gewissen Eigenart. Seine militärische, mehr noch seine diplomatische Tätigkeit zeigt vielfach kluge Auffassung und Schlagfertigkeit in Ausnützung der Situation. I.s Zeitgenosse und Landsmann Candidus, der auch im 2. Buche seines Geschichtswerkes eine leider nur in kleinstem Auszuge erhaltene Darstellung seiner ἀπόστασις gab, fällt über ihn das Urteil: ὁ Ἴ. πολλὰ τῇ Ῥωμαίων συνήνεγκε πολιτείᾳ ταῖς τε κατὰ πόλεμον ἀνδραγαθίαις καὶ ταῖς κατὰ πόλιν φιλοτιμίαις τε καὶ δικαιοπραγίαις. Die günstige Beurteilung erhebt durch ihre Objektivität Anspruch auf Wert, weil Candidus I.s Wirken nicht immer sympathisch hervorhebt, namentlich soweit es von Pamprepios beeinflußt war; der als ,Zauberer‘ gefürchtete Mann wirkte auf I. mächtig ein (Candidus [2541] frg. 1. Malch. frg. 21. Joh. Ant. 211, 2). Die Freundschaft zu diesem σύμβουλος καὶ σύνοικος (Malchus), den er durch Geschenke und die Verleihung der Quaestur ehrte, und zu dem gleich gearteten Marcus läßt bei I. eine starke Hinneigung zum Heidentume in seiner letzten philosophischen Gestaltung, dem Neuplatonismus, erkennen. Er galt deshalb für einen Christenfeind, den darob die Strafe ereilte (Damascius a. a. O.), wobei es nichts verschlug, daß er in den Streitigkeiten zwischen Rom und Byzanz eine ausgesprochene Stellung einnahm.

Sein Andenken haftete noch in späterer Zeit an einigen Bauten, die er in Konstantinopel aufführen ließ: außer der Erneuerung der βασιλικὴ στοά während seines Consulates (Joh. Ant. 211. Theoph. 176) erbaute er eine Kirche ἡ ἁγία Εἰρήνη (Chron. Pasch. 622) und eine Zisterne (ebd. 619. Theoph. a. a. O.).

[Nagl.]